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Flucht nach Westen

2017 120 Seiten

Leseprobe

Flucht nach Westen


LARRY LASH



Western




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von C.M.Russell, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappentext:

Die kleine Triangel-Crew treibt eine riesige Rinderherde über den Chisholm-Trail quer durchs Land. Mit ihnen reiten auch die beiden Nichten des Crew-Bosses Sem Baldwin. Die Ranch seines Bruders wurde kürzlich von einer heimtückischen Bande überfallen. Alle, bis auf die beiden jungen Frauen, wurden getötet und die Ranch niedergebrannt. Das harte Leben dieses Trails lässt die bunt zusammengewürfelte Mannschaft schon bald zu einer mutigen und entschlossenen Einheit zusammenwachsen.

Doch Bill Skriver mit seiner Banditenbande treibt auf diesem Trail sein Unwesen. Sie morden, plündern und stehlen das getriebene Vieh, gnadenlos, wo immer sich ihnen eine Möglichkeit bietet. Auch auf die Herde Longhorns der Triangel-Crew hat die Bande es abgesehen, aber nicht nur sie … Weitere Gefahren lauern auf dem langen Weg …

Kann Sem Baldwin mit seiner Crew, ohne größere Verluste, die Rinderherde ans Ziel bringen? Sieht man sich die Anzahl seiner Leute, das Land, durch das die Herde getrieben werden muss und seine Gegner an, stehen die Chancen nicht besonders gut …




1.


Die Junisonne lag über der Stadt. Staub vermischte sich mit Rauch, dennoch verdunkelte sich der hellblaue Himmel nicht. In den Straßen herrschte fieberhafte Tätigkeit. Es ging wie in einem Bienenkorb zu. Wohin man auch blickte, überall konnte man Menschen, abgestellte Wagen und Pferde sehen.

Ein Geruch von Staub, Rindern und Schweiß kam von der großen Rinderherde, die rings um die Stadt zusammengetrieben wurde. Immer mehr Herden stießen dazu. Gewaltige Longhornherden, von denen einige aus dem südlichsten Zipfel von Texas kamen, vereinigten sich vor der Stadt.

Woher so viele gehörnte Viecher kommen, möchte ich wissen, Joe“, sagte ein bärtiger, O‑beiniger Cowboy und spie einen Strahl braunen Tabaksaftes vor seine Stiefelspitzen. „Der Teufel ist los, seit Jesse Chisholm vor einigen Jahren den Weg nach Norden erschloss. Die Texasrinder sind im Kurs gestiegen. Jedes Tier hat jetzt wieder einen anständigen Preis. Wenn man bedenkt, dass sie vor einigen Jahren nicht mal die Haut wert waren, ist diese Entwicklung kaum zu begreifen. Jetzt bringen die Longhorns viele Dollars ins Land. Morgen geht’s endlich los, morgen wird die große Herde getrieben. Leider ist unsere Mannschaft noch nicht komplett. Der Boss ist unterwegs, um aus dieser miesen Stadt einige Boys herauszufischen, die er einstellen kann. Früher war das einfacher, da gab es stellungslose Cowboys wie Sand am Meer.“

Das hat sich inzwischen zu unserem Glück geändert“, erwiderte Joe Englund, ein mittelgroßer, starkknochiger junger Mann. Er ging neben seinem alten Begleiter durch die Mainstreet. Ihre Stiefel versanken bis zu den Knöcheln im Staub der Fahrbahn.

Selten hatten die beiden Männer eine so überfüllte Rinderstadt gesehen. Pferde und Wagen standen so dicht, dass in der Mainstreet kaum noch ein Reitweg blieb. Wohin man auch blickte, überall sah man Rinderleute.

Es mochten etwa zehn große Rinderherden sein, die rings um die Stadt lagerten. Eine nach der anderen würde bald nach Norden ziehen. Die Stadt würde dann wieder in einen Dornröschenschlaf versinken, bis erneut Longhorns aus der Weite des texanischen Landes angetrieben wurden.

Cowboys waren knapp, gute Cowboys musste man sogar mit der Lupe suchen. Aus dem Osten wurde allerhand Gesindel hier nach San Antonio gespült. Abenteurer, Verbrecher und Glücksritter waren es, die sich eine Chance ausrechneten und etwas vom Dollarsegen mitbekommen wollten. Mit der Eröffnung des Chisholm-Trails floss der Dollarstrom ins Land.

Es muss tatsächlich schwer für den Boss sein, die Triangel-Mannschaft zu vergrößern. Seit drei Tagen versucht er es ohne Erfolg. Wenn er die fehlenden Leute heute nicht zusammenbringt, können wir morgen nicht auf den Trail gehen.“

Es wird kaum möglich sein, sechs Reiter anzuwerben“, erwiderte Joe Englund trocken.

Drei würden notfalls auch genügen“, erwiderte Ted Porter. „Gute Reiter lassen sich nur schwer finden. Nun, wir haben einen Auftrag. Versuchen wir also, Cowboys anzuwerben. Viel Hoffnung habe ich nicht.“

Es ist hier leichter, eine Banditenbande zusammenzukriegen und in die Sättel zu bringen“, äußerte Joe trocken. „Schau dir nur die Kerle an: Salonlöwen, Kartenhaie, Stehkragen-Johnnys und Schlepper! Sie unterscheiden sich deutlich von den Rinderleuten. Betrachte nur den bleichhäutigen Burschen dort vor dem Saloon!“

Er sieht aus, als hätte er sein bisheriges Leben in einer dunklen Kammer zugebracht und könnte das grelle Sonnenlicht nicht vertragen. Vielleicht ist er krank gewesen.“ „Oder er wurde erst vor einigen Tagen aus dem Gefängnis entlassen.“ Joe grinste seinen alten Begleiter an. „Lass dich nicht täuschen, Oldman, so krank sieht der Kerl nun auch wieder nicht aus.“

Ted Porter hob die Schultern, um sie gleich wieder sinken zu lassen. Er sah dem blassen jungen Mann nach, der durch die Schwingtür in einem Saloon verschwand.

Longhorn-Saloon“, murmelte er und bemühte sich, die verwitterte Schrift über der Schwingtür zu entziffern. Man hatte versucht, die Schriftzüge mit Kugeln nachzuziehen. Die Farbe war zum Teil abgeblättert, sodass man den Namen des Besitzers nicht mehr feststellen konnte. Deutlich lesbar war dagegen das neue Schild: Hier gibt es den besten Mondscheinwhisky und für schwache Männer warme Kuhmilch! Umsonst ist abgestandenes Wasser zu haben.

Der Keeper muss ein Ire sein“, wandte sich Joe Englund an Ted Porter. „Nur die echten Iren kommen auf solche Ideen. Wo Iren sind, gibt es etwas zu sehen, und wo es etwas zu sehen gibt, trifft man Cowboys. Gehen wir hinein?“

All right, Joe, aber ich sage dir offen, dass ich mit Iren bisher keine guten Erfahrungen gemacht habe. Sie sind jähzornig und hitzköpfig.“

Du musst es wissen, Ted, wo du doch selbst aus Irland stammst!“

Erinnere mich nicht daran!“, knurrte der Alte seinen Begleiter an und spuckte wieder einen Strahl Tabaksaft aus. In seine Augen kam für einen Augenblick ein fast sehnsüchtiger Ausdruck. Die Worte Joes schienen ihn an etwas erinnert zu haben, was er vor anderen sorgsam verbarg. Nun, es ging niemanden etwas an, dass tief verborgen in ihm die Sehnsucht nach der grünen Insel, seiner Heimat, lebendig geblieben war. Das alles ging nur ihn selbst etwas an, und so verhärtete sich sein Gesicht sofort wieder. Er und sein junger Begleiter verließen die Mainstreet und steuerten auf die Schwingtür des Longhorn-Saloons zu.

Einige Männer drängten sich vor Joe und Ted in den Saloon, und als beide die Schwingtür fast erreicht hatten, kam jemand im großen Bogen nach draußen geflogen. Der so unsanft Behandelte landete unter den Hufen eines Pferdes, das mit einem Satz zur Seite sprang.

Das Bleichgesicht!“, murmelte Joe Englund überrascht, als er den Mann betrachtete, der sich aus dem Staub der Fahrbahn aufrappelte. Der junge Mann war stocknüchtern. Normalerweise wurden nur Betrunkene aus einem Saloon gefeuert. Aus der Nähe betrachtet war der Fremde noch bleicher. Seine großen, dunklen Augen flammten auf. Er sagte etwas in gälischer Sprache.

Ted Porter hörte es. Ein Ire! durchzuckte es ihn. Die Laute seiner Muttersprache ließen ihn stehenbleiben. Sein Blick blieb auf dem Mann haften, der sich hinkend vor einem Reiter in Sicherheit brachte. Als der Fremde bemerkte, wie Ted ihn beobachtete, sagte er zornig in englischer Sprache:

Was gibt es da zu starren, Mister?“

Von dem Hinauswurf hatte niemand sonst Notiz genommen. Das schien hier etwas Alltägliches zu sein. Auch Joe Englund war weitergegangen und drehte sich erst jetzt um. „Tanzt nur beide an!“, kam die prompte Herausforderung des Fremden, der blitzschnell erfasst hatte, dass Ted und Joe zusammengehörten. „Kommt nur, damit ich euch was auf die Köpfe gebe – oder verschwindet und lasst mich in Ruhe!“

Joe Englund kniff die Lider zusammen. In seinem von Sonne und Wind gebräunten Gesicht bewegte sich kein Muskel.

Halt, Joe, keinen Streit!“, sagte Ted Porter, der seinen Begleiter nur zu gut kannte.

Ted Porter wollte verhindern, dass der Fremde Bekanntschaft mit Joes Fäusten machte. Der Mann schien in einer verzweifelten Lage zu sein, aus der er keinen Ausweg mehr wusste.

Geht zum Teufel, ihr beiden!“, kam es über seine Lippen. Zu seinen Worten machte er eine verächtliche Handbewegung, die arrogant, herausfordernd und beleidigend wirkte. Einige Passanten verhielten den Schritt und lachten. Offensichtlich hielten sie Ted und Joe für Feiglinge.

Sohn“, sagte Ted Porter in seiner gälischen Muttersprache, „du scheinst das Leben satt zu haben und Streit zu suchen, damit dir jemand eine Kugel serviert. Bildest du dir ein, dass mein Partner und ich die richtigen Männer dafür sind? Treib es nicht auf die Spitze, sonst müsste ich dir eine Tracht Prügel verabreichen. Vielleicht fehlte dir das und ließe dich erkennen, dass das Leben zum Wegwerfen zu schade ist. Wie wäre es, wenn du versuchtest, dich vernünftig mit uns beiden zu unterhalten? Schließlich haben nicht wir dich aus dem Saloon geworfen, und es gibt keinen triftigen Grund, deine Wut an uns auszulassen.“

Je länger Ted Porter sprach, desto größer wurden die Augen des Fremden. Er unterbrach den alten Mann nicht, aber zeigte auch nicht die geringste Freundlichkeit.

Ich habe mit euch beiden nichts zu tun!“, knurrte er rau. „Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten!“

Das klingt schon besser“, entgegnete Ted Porter. „Weil wir uns um unsere Angelegenheiten kümmern, müssen wir uns fremde Männer ansehen. Wir sind dabei, noch einige Boys für die Triangel-Mannschaft anzuwerben. – Bist du jemals als Cowboy für irgendeine Ranch geritten?“

Nein“, sagte der Mann und klopfte den Staub der Mainstreet aus seiner Kleidung. „Sehe ich aus, als hätte ich jemals so etwas getan? Ich habe nicht eine Lassonarbe an den Händen. Was soll also das Gerede, Oldman? Jemand kann auf zehn Schritte Abstand sehen, dass ich nie was mit Rindern zu tun hatte. Ich werde auch kein Cowboy. Hier in Antonio wird es für mich schon einen passenden Job geben.“

Das klang immer noch trotzig, doch schon weitaus ruhiger als vorher. Auf dem Gesicht des Mannes zeigten sich jetzt rote Flecken.

Ich bin erst vierundzwanzig Stunden hier“, fuhr er nach einer Pause fort. „Was kann man schon in vierundzwanzig Stunden verlangen?“

In dieser Zeit kann eine Menge geschehen“, erwiderte Ted Porter. „Komm mit, ich lade dich zum Essen und zu einem Drink ein. Schlag mein Angebot nicht aus!“, sagte er, als er das harte Auflachen des jungen Mannes hörte. „Wir sind Landsleute, und ich freue mich immer besonders, wenn ich einem Iren begegne. Ich feiere ein solches Zusammentreffen auf meine Art. Bei gutem Essen und einem Drink lässt es sich besser reden.“ „Ted“, mischte sich Joe Englund in das Gespräch, „halt dich nicht länger mit ihm auf! Er scheint einfach nicht begreifen zu wollen, dass es auch Menschen gibt, die keine Dankbarkeit verlangen. Wahrscheinlich sind wir ihm nicht gut genug. Komm also, Ted!“ „Cowboy, das reicht!“, schrie der Fremde zornig und warf sich gegen Joe. Der wich geschickt aus und riss seinen Gegner mit einem einzigen Griff herum. Gleichzeitig erkannte er, dass der Mann sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Joe Englunds geballte Rechte sank herunter. Er konnte nicht gegen einen solchen Mann, kämpfen. Kopfschüttelnd ließ er den Fremden los und sagte:

Wenn du ein richtiges Essen brauchst, draußen vor der Stadt, im Norden, steht der Küchenwagen der Triangel-Mannschaft. Wir haben einen ausgezeichneten Koch. Solange wir noch hierbleiben, wird er dir etwas zu essen geben. Wenn du danach fit bist, können wir meinetwegen den Kampf austragen.“

Joe Englund wartete keine Antwort ab. Er wandte sich um und ging auf die Schwingtür zu.

Nun, Sohn, das war ein Angebot“, sagte Ted Porter. „Wie kann man nur in einer solchen Verfassung kämpfen wollen?“

Ich hole es nach!“, fauchte der andere und machte kehrt. Er bahnte sich eine Gasse durch die Zuschauer und ließ Ted Porter stehen.

Ich habe noch nie einen so ausgehungerten Kerl gesehen , dachte Ted Porter, als er durch die Schwingtür in den Longhorn-Saloon trat. Er ist ein echter Ire. Der Himmel mag wissen, woher er kommt und warum er so lange hungerte. Warum wurde er aus dem Saloon gefeuert? Nun, wenigstens das kann man herausfinden.

Ted steuerte auf die breite Mahagonitheke zu, an der sich Joe bereits aufgestellt hatte.

Dort fand auch er einen Platz zwischen den Männern.

Du lernst es nie, Oldman“, sagte Joe trocken. „Die echten Iren sind irgendwo aus der Hölle gekommen. Sie sind selbst dann noch böse, wenn sie vor Hunger umfallen.“ Ungefragt sagte der Keeper, der ihnen einen doppelstöckigen Whisky servierte: „Wenn ihr den Bleichen meint – der versuchte, mir einen Apfelkuchen aus der Küche zu stehlen. Ich selbst erwischte ihn und warf ihn hinaus. Weiß der Himmel, was für Kerle aus dem Osten kommen. Der Bursche fiel mir sofort auf, als er sich an der Theke vorbei zur Küche verdrückte. Ich habe mir das Kerlchen gepackt und an die Luft gesetzt. Wir Iren machen kein langes Theater.“

Du hast einen Iren auf die Straße gesetzt“, knurrte Ted Porter auf Gälisch.

Der Keeper riss überrascht seinen Mund auf. Dann hieb er mit der Faust auf die Theke.

Wenn ich das geahnt hätte!“, keuchte er. „Er hätte den Apfelkuchen essen und obendrein noch eine Stelle als Tellerwäscher bekommen können. Warum hat er nur den Mund nicht auf gemacht? Warum hat er sich nicht einmal gewehrt, als ich ihn hinauswarf?“

Weil er ein Ire ist!“, erwiderte Ted Porter grinsend, setzte das Whiskyglas an die Lippen und ließ das Getränk in sich hineinlaufen.

Joe Englund musterte die Männer an der Theke und an den Tischen. Sogar ein paar echte Cowboys waren hier. Es gab aber auch einige Männer, die ihm recht zweifelhaft erschienen. An einem Tisch saßen einige Viehkäufer und pokerten. Die Aussicht, in diesem Saloon einen Mann für die Triangel-Crew anzuwerben, war gering. Es gab keinen, den Joe Englund sich für die Mannschaft gewünscht hätte.

Es wird schwer sein, noch jemanden zu finden“, brummte er, „und ich glaube kaum, dass der Boss mehr Glück hat als wir. Dabei müssen wir unbedingt weg. Mit der Herde in Stadtnähe zu bleiben, kostet zu viel. Sem Baldwin, unser Boss, ist auch nicht gerade reich.“

Egal was kommt, wir treiben noch einige Männer auf!“, sagte Ted Porter grimmig. „Ich scheue mich nicht, sie stockbetrunken aufzulesen. Ohne Erfolg kehren wir nicht zur Herde zurück.“

Der Keeper horchte interessiert auf.

Wenn es weiter nichts ist“, sagte er. „Im Nebenraum schläft Marlon Bailey seinen Rausch aus. Er ist augenblicklich stellungslos und sucht einen Job. Er hat nur den Nachteil, dass er besonders jähzornig ist, und wenn er ans Trinken kommt, hört er erst auf, wenn er Pferd, Zaumzeug und Sattel versoffen hat. Jeder Mensch hat seine schwachen Seiten, aber Bailey hat eine Menge davon. Sonst soll er jedoch ein verlässlicher Treiber sein und von der Arbeit an den Rindern eine Menge verstehen.“

Das ist unser Mann, wecken wir ihn!“, bestimmte Ted Porter.

Der Keeper wehrte heftig ab.

Nur nicht wecken, er ist noch zu betrunken! In diesem Zustand ist Marlon Bailey verdammt ungnädig. Hinterher geht er nur ungern zum Stiefelhügel, um ein Gebet für den Mann zu sprechen, der es wagte, ihn zu. wecken.“

Ein Teufelskerl!“

Ja, Oldman“, gab der Keeper zu. „Wenn er anders wäre, würde er in festen Händen sein, und kein Ranchboss entließe ihn, wo man Treiber wie Stecknadeln in einem Heuhaufen sucht. Ich hätte euch lieber nicht auf den Burschen aufmerksam machen sollen.“ „Trägt er zwei Revolver?“

Nur einen, den aber so tief geschnallt, dass man ihn sofort als Revolvermann einstuft. – Darf ich noch einmal eingießen?“

Kaum waren die Gläser gefüllt, als aus dem Nebenraum eine Bassstimme brüllte: „Zum Teufel, wo bleibt mein Whisky?“

Es klirrte, schepperte und polterte, als würde der ganze Bau eingerissen. Die Männer an der Theke und an den Tischen drehten die Köpfe zum Nebenzimmer.

Die Tür wurde aufgerissen, und im Rahmen erschien eine mächtige, gorillahafte Gestalt. Die Männer im Saloon bekamen keinen schlechten Schrecken. Die kleinen, unter buschigen Brauen liegenden Augen Marlon Baileys waren blutunterlaufen. Mit wiegenden Schritten kam er näher. Einige Männer wichen sofort zur Seite. Nur zwei blieben auf ihrem Platz: Joe Englund, der Vormann der Triangel-Mannschaft, und Old Ted Porter. Die beiden schienen den Warnlauten des Keepers keine Beachtung zu schenken. Sie taten so, als sei Marlon Bailey nicht vorhanden.

Wenn das Bailey ist, Joe, müssen wir ihn unter allen Umständen einstellen. Wir haben mit ihm nicht nur einen Mann, sondern gleich ein halbes Dutzend“, flüsterte Ted Porter.

Er ist aber auch so gefährlich wie ein halbes Dutzend Banditen“, erwiderte Joe ebenso leise. Er schaute nicht zur Seite, als sich schwere Schritte näherten. Jäh wurde er von einer Riesenpranke an der rechten Schulter gefasst.

Joe Englund hatte einen Augenblick das Gefühl, als würde seine Schulter in einen Schraubstock gepresst. Er war versucht herumzufahren und dem Gorilla die Faust ins Gesicht zu schlagen, doch er beherrschte sich und blieb wie ein Baum stehen.

Freund, du bist der Erste, der nicht gleich in die Knie geht“, tönte die Bassstimme an sein Ohr. „Das gefällt mir! Ich werde deshalb dein Glas auf dein Wohl leertrinken.“

Mit der Linken fischte er Joes Glas von der Theke, dann wurde das leere Glas zurückgestellt und Ted Porters Glas geangelt.

Eine Flasche für den Gent!“, sagte Joe zu dem Keeper und hoffte, dass sich die Pranke von seiner Schulter lösen würde.

Für mich?“, fragte Marlon Bailey.

Für dich!“

Wozu diese Großzügigkeit?“, klang es lauernd zurück. „Brauchst du Hilfe? Soll ich dir jemanden aus dem Wege räumen? Ist etwa Bill Skriver mit seiner Mannschaft hinter dir her?“

Wer ist Bill Skriver?“, fragte Joe.

Nicht nur Bailey lachte, sondern auch alle anderen.

Er kennt Bill Skriver, den Schrecken des Chisholm-Trails, nicht!“, staunte Marlon Bailey. „Aus welcher Ecke von Texas kommst du eigentlich? In dieser Stadt singt man von Bill Skriver. Wenn sein Name ertönt, verstecken sich die Feiglinge, und die Mütter rufen ihre Kinder in die Häuser. Du willst nicht einmal den Namen kennen? Dieser Bursche hat selbst mir übel mitgespielt. Schau dir diese Narbe an! Er zog mir seine Reitpeitsche durchs Gesicht. Es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre mein linkes Auge futsch gewesen. Aber ich werde den Kerl noch erwischen!“

Das kannst du, Bailey, wenn du dich von uns als Treiber anwerben lässt. Die Flasche gehört dir und gilt als Handgeld.“

Mich anwerben?“, staunte der Gorilla und versuchte, Joe zu sich herumzuziehen. Er schaffte es nicht und staunte jetzt noch mehr.

Wer mich anwerben will, muss mich erst einmal im Faustkampf besiegt haben“, knurrte er nach einer Atempause. In seiner Stimme war ein Ton zu hören, bei dem jedem der Männer im Saloon ein kalter Schauer über den Rücken rann. „Ja, genauso ist es!“, bekräftigte er. „Sonst müsste man mich gleich als Vormann einstellen.“

Der Posten ist besetzt.“

So?“

Ich selbst bin der Vormann.“

Dann los! Ich gehorche nur einem Vormann, der einen größeren Schatten wirft als ich. Willst du es versuchen?“

Joe, verzichte lieber!“, riet Ted Porter besorgt. „Es ist keine Schande, einem solchen Kampf auszuweichen. Schade ist es trotzdem, denn ein Mann wie Bailey hätte unserer Mannschaft die letzte Würze gegeben. – He“, wandte sich Ted an Bailey, „Joe Englund ist kein Preisboxer, er ist Vormann. Er hat noch eine große Aufgabe vor sich. Zusammengeschlagen wird er sie kaum erfüllen können.“ „Oldman“, erwiderte Bailey, „dein Wort in Gottes Ohr, aber ich bin nun einmal, wie ich bin. Nüchtern bin ich sehr fügsam, das weiß ich, angetrunken aber bin ich kaum zu bremsen. Ich möchte den Job schon, aber nur dann, wenn dein Vormann genug Mumm in den Knochen hat. Ich muss wissen, ob er auch dann den Nacken nicht beugt, wenn Bill Skriver mit seiner bösen Meute auftaucht. Bei der letzten Treibherden-Mannschaft hatte ich Pech. Bill und seine Kerle konnten die Herde kassieren, und sie erschossen gute Boys dabei. Ich kam als Einziger davon. Alle könnten noch leben, wenn sie härter gekämpft hätten. Ich möchte nicht noch einmal in einer Crew sein, in der die Angst des Vormannes alle anderen Männer kopflos werden lässt. Deshalb muss ich wissen, was ich von einem Vormann zu halten habe. Genügt diese Erklärung, Oldman?“

Marlon Bailey sprach offen und ruhig, löste jetzt den Klammergriff und sah Joe Englund keineswegs feindlich an.

Wortlos griff Joe Englund nach seiner Gürtelschnalle.

Tu es nicht!“, flüsterte Ted Porter heiser vor Erregung, doch Joe hörte nicht auf ihn. Er warf Ted den Gurt mit dem Colt zu.

Viele Stimmen redeten durcheinander. Die Männer im Saloon konnten ihre Erregung nicht mehr bändigen.

In den kleinen Wieselaugen Baileys blitzte es auf.

Schon der Entschluss, es zu versuchen, zeigt, dass du was Besonderes bist. Doch sorge schon jetzt für eine Tragbahre, auf der du nachher gut liegen kannst. Schick auch nach dem Doc, damit er dich wieder zusammenflickt“, sagte Bailey väterlich.

Joe Englund schüttelte den Kopf, und jemand schrie laut:

Jede Wette, dass Bailey den Vormann in weniger als zwei Minuten auf die Bretter legt!“

Ein Gejohle erscholl. Wetten wurden abgeschlossen. Keiner verließ den Saloon, keiner wollte sich die Sensation des Tages entgehen lassen. Faustkämpfe lockten die Zuschauer an, und das war kein Wunder. Nicht oft gab es solche Abwechslungen. Jeder der Anwesenden wusste, wie ungern Revolvermänner Faustkämpfe austrugen. Marlon Bailey schien das nichts auszumachen. Auch er legte seine tiefgeschnallte Gürtelkanone ab und trat dann drei Schritte zurück, als wollte er seinen Gegner aus dieser Entfernung abtaxieren.

Joe betrachtete den Hünen, und der Gedanke durchzuckte ihn, dass es Wahnwitz sei, den Versuch zu unternehmen, diesen Mann zu schlagen. Vor ihm stand ein Muskelberg; eine geballte animalische Kraft würde sich auf ihn stürzen. Es war kaum zu hoffen, dass er ungeschlagen davonkam.

Joe, jetzt kannst du noch absagen!“, warnte Ted.

Tut mir leid, ich möchte ihn in der Mannschaft haben, Ted. Ich habe mich entschlossen“, erwiderte Joe, und seine Stimme war sehr sanft dabei.

Im Himmel wird er über diesen Wunsch nachdenken können“, murmelte Bailey. „Sollte er mich aber besiegen, werde ich noch einen Freund mitbringen. Ist das nicht eine schöne Überraschung? Wenn du mich besiegst, Vormann, hast du auch Slim Peters angeworben. Er ist ein guter Mann, der nicht zum ersten Mal den Chisholm-Trail reitet. An diesem verlässlichen Cowboy wirst du deine Freude haben. Sollte ich verlieren, bringe ich ihn mit.“

In diesem Fall lohnt es sich besonders, dir die Nase breitzuschlagen“, erwiderte Joe trocken.

Wenn Joe geglaubt hatte, dass Bailey über diese Bemerkung verärgert sein würde, hatte er sich getäuscht. Der Gorilla grinste ihn nach wie vor freundlich an. Wahrscheinlich war er ganz andere Ausdrücke gewöhnt. Sicherlich hatten ihn seine früheren Gegner weitaus kräftiger beschimpft, bevor er sie ins Land der Träume schickte.

Bailey warf dem Keeper seine Waffe mitsamt dem Gurt zu. Im Raum war es totenstill geworden, alle hielten den Atem an. Als Bailey sich plötzlich vorwarf, zeigte es sich, wie schnell er war. Ein Schrei der Überraschung gellte auf.

Noch schneller allerdings war Joe Englund. Unwahrscheinlich rasch wich er im letzten Augenblick aus, sodass Bailey von der eigenen Wucht mitgerissen gegen die Mahagonitheke krachte. Der Aufprall war so stark, dass die Theke aus der Verankerung gerissen wurde und die darauf stehenden Gläser herunterfielen und zerbarsten.

Raubtierhaft schnell warf sich Bailey herum. Joe hatte einen Nackenschlag beabsichtigt, den er jetzt nicht ausführen konnte. Zum zweiten Male wich Joe dem anstürmenden Gegner aus. Diesmal rannte Bailey in die Zuschauer hinein. Zwei Männer schrien vor Schmerzen auf und wälzten sich am Boden. Ein Tisch brach zusammen.

Joe ergriff ein Tischbein und schlug zu, als Baileys Linke ihm Jacke und Hemd aufriss. Er wusste, dass das nicht fair war, aber mit den Fäusten konnte niemand dieses Untier bezwingen. Bailey verdrehte die Augen, plumpste zu Boden und stierte Joe mit einem Blick an, der jeden Mann hätte erzittern lassen. Jeder andere Sterbliche wäre nach einem solchen Schlag fertig gewesen. Bailey schüttelte nur den Kopf, um seine Benommenheit loszuwerden.

Joe ließ das Tischbein fallen. Nein, er wollte nicht ein weiteres Mal zuschlagen. Er spürte, dass die Zuschauer ihn lynchen würden, wenn er den Kampf so weiterführte. Jetzt musste er sich stellen, aber nun hatte er mit den Fäusten auch eine kleine Chance. Wenn Baileys Benommenheit weichen würde, hatte Joe den furchtbarsten Gegner, dem er je gegenübergestanden hatte. Der Gedanke an Flucht bewegte ihn und mit ihm das Verlangen, den Zuschauerring zu durchbrechen.

Sicherlich ahnte auch Ted Porter, wie Joe zumute war. Der alte Mann war bleich geworden. Man sah ihm seine Unruhe an.

Langsam erhob sich Bailey. Er wankte nicht einmal. Als Joe erwartete, dass Bailey sich erneut auf ihn werfen und dass jetzt das Ende für ihn kommen würde, streckte ihm Bailey plötzlich die Rechte hin.

Vormann“, sagte er mit seiner Bassstimme, „ich bin angeworben.“

Ted Porter stieß einen Jubelschrei aus. Joe aber zögerte, die Rechte des anderen zu nehmen. Als er es schließlich doch tat, wurde seine Hand fast zerquetscht. Er musste an sich halten, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Als Bailey schließlich seinen Griff löste und sich vom Keeper die Whiskyflasche reichen ließ, atmete Joe auf. Er konnte nicht verstehen, was in seinem Gegner eine solche Wandlung ausgelöst hatte.

Einen Vormann, der die richtigen Mittel wählt, muss man achten“, erklärte Bailey. Mit den Zähnen entkorkte er die Whiskyflasche und hob sie an den Mund. Als er sie absetzte, war sie nur noch halb gefüllt. Er wischte sich über den struppigen Bart, streckte abermals die Hand aus und forderte Handgeld.

Joe war froh, dass er die Pranke nicht noch einmal zu drücken brauchte. Er war noch froher, als sich Bailey nach dem Standort der Herde erkundigte und das Versprechen gab, vor der Abenddämmerung mit seinem Freund Slim Peters im Camp zu sein.

Jemand aus der Zuschauermenge sagte:

Hat dieser Vormann ein Glück, es ist kaum zu fassen!“

Marlon Bailey hörte es und forderte den Sprecher auf, hervorzutreten. Der aber dachte nicht daran. Bailey ging zu den beiden Männern, die er umgerannt hatte.

Tut mir leid, Gents“, sagte er. „Ihr hättet euch raushalten sollen.“

Die beiden schauten ihn ängstlich an.

Keeper, einen Drink für die zwei auf meine Rechnung“, befahl Bailey.

Trink nicht zu viel“, mischte Joe sich ein. „Morgen in der Frühe gibt es eine Menge Arbeit.“

All right, Vormann“, erwiderte Bailey. Als Joe und Ted bezahlt hatten und gehen wollten, wandte er sich an die Männer: „Macht Platz für die Triangel!“



2.


Unbelästigt konnten Ted Porter und Joe Englund den Saloon verlassen. Der Oldman atmete befreit auf.

Joe“, sagte er heiser, „du hast mir heute wieder großen Kummer gemacht. Ich hätte keinen Penny mehr für dich gegeben. Unter solchen Umständen verzichte ich darauf, weitere Männer anzuwerben.“

Los, weiter, Alter!“, knurrte Joe und ging auf den nächsten Saloon zu. Widerstrebend folgte ihm Porter.

Bestell keinen Whisky mehr!“, sagte er. „So eine Mannschaftssuche ist verdammt hart.“

Im dritten Saloon trafen die beiden Männer auf den Boss. Sem Baldwin war ein grauhaariger, breitschultriger Mann mit hellen, klaren Augen. Er berichtete, dass ihm beim Pokern zwei Kartenhaie eine Menge Geld abgenommen hätten, dass er aber nicht in der Lage gewesen sei, den beiden das Falschspiel zu beweisen.

Jetzt werde ich auch noch von einem Kerl verfolgt“, berichtete er. „Ich hatte kein Glück, es gibt kaum einen Cowboy in dieser Stadt – und wenn schon, dann ist er fest angestellt. Gesindel stelle ich nicht ein. Verlassen wir die Stadt, ich habe genug von ihr.“

Das konnte man Sem Baldwin nach seinen Erfahrungen nicht übelnehmen.

Boss, ich möchte mir die Kartenhaie vorknöpfen“, brummte Joe Englund, doch Baldwin wollte nichts davon wissen.

Es hat keinen Zweck, Joe. Zu viele Schufte sind in der Stadt, und irgendwie arbeiten sie alle zusammen. Wir würden nur die Hölle loslassen und hätten wenig Aussicht, lebend davonzukommen. Ich sehne den Tag herbei, an dem wir die Herde weitertrailen können.“

Morgen in der Frühe geht es los, Boss“, sagte Joe.

Soll das ein Witz sein?“

Es ist kein Witz“, bemerkte Ted Porter und gab einen kurzen Bericht.

Sem Baldwin war plötzlich besser gelaunt.

Alles ist bereit“, sagte er „Wenn wir noch länger hierbleiben müssten, hätte ich schon bald ernstliche Schwierigkeiten. Die Dollars für den Aufenthalt einer so großen Herde sind bald kaum noch aufzubringen. Gewisse Leute hier treiben alles auf die Spitze und sind nur daran interessiert, die Herden so lange wie möglich festzuhalten. Ich hasse diese Stadt!“

Sem Baldwin ging nach draußen, schwang sich auf den Bock seines Einspänners und fuhr los. Seine beiden Männer folgten ihm.

Die Häuser lagen bald hinter ihnen. Rings um die Stadt waren die Wiesen kahlgefressen.

Sem Baldwin war froh, dass er zehn Meilen vor der Town eine Weide bekommen hatte. Das Gras dort war gut, aber der Preis dafür grenzte schon an Wucher. So mancher Rindermann wurde hier regelrecht ausgenommen, und seit Baldwin herausbekommen hatte, dass die Weiden in den Händen weniger Burschen waren, wunderte er sich nicht mehr darüber. Je schneller man auf dem Marsch war, desto eher entging man den Ausbeutern.

Meile um Meile entfernten sie sich von der Stadt. Endlich tauchte der Küchen- und Gerätewagen auf. Die Herde graste friedlich. Jetzt erst, als man beim Wagen anhielt, sah man die beiden staubverkrusteten Pferde, die an der Deichsel des Küchenwagens angebunden waren.

Sem Baldwin sprang vom Bock seines Einspänners und rannte auf die Pferde zu.

Das darf doch nicht wahr sein! Die Gäule tragen den Brand der Ranch meines Bruders. Wo steckt er?“

Der Koch tauchte auf und hielt die Finger an die Lippen.

Sie schlafen, Boss.“

Sie? Wer schläft? Mein Bruder ist noch rüstig genug, um …“

Dein Bruder?“

Wer reitet sonst auf seinen Pferden und kommt zu mir? Es kann doch nur mein Bruder sein!“

Seine Töchter Eunice und Caroline sind es. Die beiden Mädchen waren so übermüdet, dass sie fast aus den Sätteln kippten, als sie hier ankamen. Jetzt schlafen sie im Küchenwagen, und das ist gut. Im Schlaf vergessen sie diese elende Welt.“

Roger Smidt, der Koch, verstummte jäh. Die Hände Sem Baldwins krallten sich in seine Schultern.

Caroline und Eunice kamen allein?“, fragte er rau. „Das kann doch nicht wahr sein! Mein Bruder würde sie nie allein reiten lassen. Seine Ranch liegt fünfundsiebzig Meilen von hier entfernt. Mein Bruder kennt diese Gegend und weiß, welches Gesindel sich hier herumtreibt. Fünfundsiebzig Meilen sind zwar keine zu große Entfernung …

Bestimmt nicht für Kerle, die diese Gegend heimsuchen“, unterbrach der Koch seinen Boss und blickte in dessen Augen.

Baldwins Hände lösten sich von Smidts Schultern und fielen schlaff herunter. Seine Augen weiteten sich. Man konnte bemerken, dass es fieberhaft hinter seiner Stirn arbeitete.

Ted Porter und Joe Englund bewegten sich nicht. Jeder spürte, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste. Das Aussehen der staubbedeckten Pferde verriet es ihnen. Die beiden Tiere waren in einer schlimmen Verfassung.

Man spürte, dass Baldwin nicht den Mut aufbrachte, nach dem Geschehenen zu fragen. Sekunden verflossen, dann sagte der Koch leise:

Bill Skriver!“

Bill Skriver? Was hat dieser Bursche mit meinem Bruder zu schaffen?“

Sehr viel, Boss. Bill Skriver und seine Banditen ermordeten deinen Bruder. Sie äscherten die Ranch ein. Eunice und Caroline waren in der Nähe und konnten sich verstecken. Sie haben alles mit angesehen, ohne helfen zu können. Jetzt sind sie hier.“

Großer Gott!“, murmelte Sem Baldwin. Mit einer fahrigen Handbewegung nahm er seinen Stetson ab. Sein Gesicht verzerrte sich. Er musste sich auf die Wagendeichsel setzen, als hätte er nicht mehr die Kraft, aufrecht stehenzubleiben. Er glich jetzt einem geschlagenen Mann.

Niemand wagte zu sprechen. Bedrückt sahen Roger Smidt, Ted Porter und Joe Englund sich an. Alle drei begriffen, dass sie jetzt den Boss allein lassen mussten, und so zogen sie sich zurück.

Pfannenschwenker, wo sind Andy und Jube?“, wollte Joe wissen.

Die Boys bewachen die Herde“, antwortete der Koch und blickte zu Sem Baldwin, der sich nach langem Brüten erhoben hatte und jetzt dabei war, sich mit dem Lasso ein frisches Pferd aus dem Seilcorral zu holen. Wenig später konnten die drei Männer sehen, dass der Rancher in die Prärie hinausritt. Als er ihren Blicken entschwunden war, wischte sich Ted Porter den Schweiß von der Stirn.

Er wird bald zurückkommen, und dann wird er wieder einen klaren Kopf haben. Er hing sehr an seinem Bruder, und man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie ihm zumute ist. Am liebsten würde ich die Crew in die Sättel jagen und losreiten“, erklärte Joe. „Es lässt sich aber leicht ausrechnen, dass wir nichts mehr herausfinden. Dieser Skriver wird nicht einmal eine Fährte hinterlassen haben.“

Es wäre auch ein zu großer Zeitverlust“, erklärte der Koch. „Der Boss kann sich diese Verzögerung nicht erlauben. Wir müssen die Herde auf den Trail bringen. Das Warten kostet viel Geld. Es ist außerdem zu riskant, fortzureiten und die Herde unter spärlicher Bewachung zurückzulassen. Ein Glück in dem großen Unglück ist es, dass die beiden Mädchen in den rauchenden Trümmern der Ranch eine Stahlkassette fanden, die das Barvermögen und die Ranchpapiere enthielt. Die Bande hatte vergeblich danach gesucht.“

Das hättest du dem Boss sagen müssen, Pfannenschwenker.“

Es ist noch nicht zu spät. Er wird es von den Mädchen noch zu hören bekommen. Wie sie mir sagten, wurden sie sogar verfolgt. Es ist ihnen aber irgendwie gelungen, die Verfolger abzuschütteln. Die Angst blieb jedoch in ihnen, bis sie hier zu uns ins Lager kamen.

Dem Boss wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als seine Nichten mit auf den Trail zu nehmen.“

Das sollte er sich gut überlegen“, erwiderte Ted Porter nachdenklich. „Vielleicht gelingt es ihm, die Mädchen in der Stadt gut unterzubringen. Der Herdentrail ist nichts für Ladies. Jeder, der den Chisholm-Trail kennt, kann das bestätigen. Die Gefahren sind zu groß, und noch größer sind die Strapazen. Ein Mann kann sie kaum ertragen.“

Joe nickte. Ein bedrückendes Schweigen legte sich über die drei Männer.

Machen Sie sich keine Sorgen, Gents“, tönte eine klare Stimme vom Küchenwagen her. „Wir sind nicht so zimperlich, dass wir mit Handschuhen angefasst werden müssten. Weder Caroline noch ich werden auf dem Trail eine Belastung für die Mannschaft sein. Wir denken nicht daran, in der Stadt zu bleiben. Skriver würde uns dort bald gefunden haben.“

Noch während das Mädchen sprach, kletterte es aus dem Küchenwagen und sprang von der Deichsel zu Boden. Die Bewegungen Eunices waren katzenhaft gewandt und harmonisch. Ihr Körper war von jener Anmut, die ein Männerherz höher schlagen lassen konnte. Sie mochte etwa neunzehn Jahre alt sein, ein Jahr jünger als ihre Schwester, wie sich später herausstellte. Eunice unterschied sich nicht nur in der Haar- und Augenfarbe von Caroline. Im Temperament lag ein noch größerer Unterschied. Sie war lebhaft und wissbegierig. Ihre violetten Augen blitzten die Männer an. Ihre Art, gerade dazustehen und den Kopf mit einer besonderen Bewegung zurückzuwerfen, hatte etwas Herausforderndes an sich.

Meine Schwester und ich denken nicht daran, zu bleiben“, erklärte sie, als sie keine Antwort von den Männern bekam. „Mein Onkel wird das einsehen, er kennt uns. Er weiß, dass wir wie Cowboys reiten und an der Herde Dienst tun können. Wir können mit Waffen, aber auch mit einem Lasso umgehen und sind gewiss keine Belastung für die Crew.“

Als die Männer sie nur staunend betrachteten und keiner etwas zu sagen wusste, fuhr sie fort:

Unser Vater hat uns beizeiten das Reiten beigebracht und uns gelehrt, wie man Rinder behandeln muss. Meine Schwester und ich können das jederzeit unter Beweis stellen. Wenn es anders wäre, hätten uns Skrivers Banditen sicherlich einholen und stellen können. Wir entkamen ihnen aber und bleiben hier. Wenn jemand etwas dagegen hat, dann soll er es offen sagen!“

Ja, das soll er, Eunice“, meldete sich jetzt eine helle Stimme vom Küchenwagen her, und gleich darauf zeigte sich Caroline. Sie schlug die Plane zurück. Ihr blondes Haar leuchtete, und ihre dunkelblauen Augen richteten sich auf die Männer. Sie war nicht ganz so schlank wie ihre um ein Jahr jüngere Schwester, aber wie diese eine Schönheit.

Joes Herz schlug schneller. Gleich zwei so schöne Mädchen in einem Camp, das hatte es noch nicht gegeben. Gewiss, er zweifelte nicht daran, dass sie reiten und schießen konnten und etwas von Rindern verstanden. Sogar der wildeste Ochse musste bei ihrem Anblick fromm und geduldig werden. Ein Trail zu den großen Viehmärkten war aber kein Spazierritt, auf dem man schäkern und flirten konnte. Auf einem so harten Trail würden Mädchen die Männer ablenken, und gerade das war das Gefährliche dabei. Joe Englund hatte schon einmal erlebt, wie sich eine Mannschaft in die Chefin verliebt hatte, sodass die Crew zum Schluss einem Narrenhaufen glich. Wenn so etwas auf der Weide geschah, wo keine tödlichen Gefahren zu erwarten waren, konnte man es noch hinnehmen. Was aber stand ihnen auf dem Chisholm-Trail bevor?

Joes Gesicht wurde hart und abweisend, und die beiden Mädchen bemerkten das.

Mögen Sie uns nicht, Mister?“, wandte sich die lebhafte Eunice an Joe. „Sie wollen uns nicht für voll nehmen? Sie zweifeln daran, dass wir wie Cowboys arbeiten können?“

Madam …“

Bemühen Sie sich nicht, ich kann Ihre Gedanken lesen“, unterbrach ihn Eunice sofort.

Frauen sind Ihnen unbequem, geben Sie’s doch zu!“

Und wenn, Madam?“

Ich dachte es mir schon. Sie gehören zu den Männern, die man erst überzeugen muss, zu jenen Burschen, die einen großen Schatten werfen und glauben, dass nur Männer tüchtig sein können. Aber da irren Sie sich. Es hat schon eine Menge berühmter Frauen gegeben, die den Männern noch etwas vormachen konnten. Vielleicht gehören meine Schwester und ich auch zu dieser Sorte.“ „Madam, ich …“

Ich denke nicht daran, Sie ausreden und uns beleidigen zu lassen“, fiel sie ihm wieder ins Wort. „Wenn Ihnen unsere Gesichter nicht passen, nun, dann lassen Sie Ihren Namen von der Lohnliste streichen. Und wenn Sie der Ansicht sind, dass unser Anblick Sie zu sehr fasziniert, ist es auch besser, Sie gehen.“ Das saß, das war mehr als nur ein Hieb. Joe Englund biss sich auf die Unterlippe. Solchen Mädchen war er noch nie begegnet. Sie warfen all seine Vorstellungen vom schwachen Geschlecht über den Haufen. Bisher hatte er die Vertreterinnen des anderen Geschlechts nur in rauchigen Tanzhallen und dann und wann auf Ranches kennengelernt. Die einen waren aufgemacht und zudringlich, die anderen einfach und zurückhaltend. Diese beiden Mädchen aber verkörperten nach Joes Meinung einen neuen Typ. Kein Wunder, dass er nicht nur verwirrt, sondern geradezu entsetzt war. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Das brachte ihn in Verlegenheit und veranlasste ihn, sich abzuwenden und hinter dem Küchenwagen in Deckung zu gehen. Ted Porters leises Lachen klang ihm wie Hohn in den Ohren.

Zum Teufel mit dem alten Narren! dachte Joe. Die beiden Hexen haben den Alten bereits im Netz . Als er dann auch Roger Smidts leises Lachen hörte, gab es für ihn keinen Zweifel; auch der biedere Pfannenschwenker hatte sich einfangen lassen.

Ich bin dagegen!“, murmelte er böse in sich hinein. „Mich könnt ihr mit euren schönen Augen nicht mürbe machen, ich lasse mich nicht breitschlagen. Ich werde dem Boss schon klarmachen, dass junge Mädchen auf dem Trail nichts zu suchen haben.“

Joe Englunds Zorn wuchs. Er kontrollierte die im Seilcorral stehenden Pferde und schwang sich schließlich auf sein Tier, um die Herdenreiter zu inspizieren. Der Reitwind blies ihm ins Gesicht. Er atmete auf, als das Lager hinter ihm zurückblieb. Irgendwie war ihm das Camp jetzt unheimlich geworden, aber gleichzeitig auch verlockend.

Ich kann mich nun mal nicht selbst belügen“, gestand er sich – leise vor sich hinmurmelnd – ein. „Ich werde den Boss frei entscheiden lassen. Schließlich haben die beiden. Mädchen eine Menge durchmachen müssen, und es wäre unfair von mir, wenn ich mich einmischen und meine Meinung durchsetzen wollte. Was geht es mich an, wie der Boss entscheidet? Er hat das letzte Wort zu sprechen, nicht ich.“

Joe schaute auf die Rinder, die wie eine wogende Masse vor ihm auftauchten. An den Flanken trugen sie den Triangel-Brand. Der Vormann kniff die Augenlider eng und schaute über die stattliche Herde hinweg. Alle Tiere waren gut genährt, ihre Felle glänzten seidig. Die weißschimmernden Hornspitzen der Kühe und Bullen bildeten einen seltsamen Wald, der hin- und herschwankte.

Morgen würden die Tiere auf dem weiten Marsch sein. Ab morgen gab es so viel Arbeit, dass man von morgens bis abends im Sattel war. Man musste viel Staub schlucken, und bei Einbruch der Dunkelheit fiel man müde und abgearbeitet aus dem Sattel. Während des Treibens würde man wenig Zeit haben, sich Gedanken um die beiden Mädchen zu machen und sich nach ihnen umzuschauen.

Vor Joe Englund tauchte ein Herdenreiter auf. Es war Andy. Der junge Cowboy winkte seinem Vormann zu und kam rasch näher.

Die Herde ist ruhig“, meldete er. „Noch reicht das Gras, doch in zwei Tagen dürfte die Weide kahlgefressen sein. Wir müssten dann die Tiere ins angrenzende Gebiet treiben, aber der Besitzer stellt zu große Forderungen. Das Geld, das der Boss zu zahlen hat, wird ihn bankrott machen. Hölle, sind die Leute hier unverschämt! Der Teufel selbst könnte von ihnen lernen, wie man Geschäfte macht.“

Jeder arbeitet kräftig für seine eigene Tasche, Andy“, sagte Joe. „Weißt du von dem Besuch in unserem Camp?“

Die Augen des jungen Mannes begannen zu leuchten.

Selbstverständlich!“, erwiderte er. „Ich war es, der die Mädchen als Erster begrüßte. Die armen Dinger, sie konnten sich kaum noch in den Sätteln halten. Eins aber muss man sagen, reiten können sie wie jeder von uns.“ „Ich habe dich nicht nach deiner Meinung über die Mädchen gefragt, Andy.“

Ist dir der Besuch unangenehm, Joe?“ „Angenehm ist er mir nicht.“

Das tut mir leid; denn auch Jube ist von den Mädchen begeistert. Er sagte, dass es in ganz Texas keine reizenderen Girls gebe. Ihre Anwesenheit entschädige ihn dafür, dass er die Dummheit begangen habe, Cowboy zu werden. Wörtlich sagte er zu. mir: „Wer eine von den beiden zur Frau bekommt, braucht sich in seinem weiteren Leben nicht mehr über Langeweile zu beklagen. Beide haben das Zeug dazu, aus einem Mann den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu machen. Dir aber scheint ihre Anwesenheit keineswegs zu behagen.“

Der Teufel soll dich und Jube holen!“, knurrte Joe verdrossen. „Kaum sind die zwei hier, und schon hat sich die Crew bis über beide Ohren in sie verliebt. Das kann ja heiter werden! Ich sehe schwarz; die Triangel-Herde wird unter diesen Umständen kaum ans Ziel kommen.“

Nicht mit der kleinen Mannschaft, Joe, da hast du recht“, konterte Andy.

Das wird sich ändern. Wir haben zwei Neue. Die Boys kommen gegen Abend.“

Nur zwei, Vormann?“, brummte Andy. „Du wirst sie sehen und uns zu ihrer Einstellung gratulieren. Einer der Reiter heißt Marlon Bailey.“

Marlon Bailey? Hölle, von dem habe ich schon gehört!“ Andy grinste erleichtert. „Das kann ja noch Spaß geben! Ich rate dir nur, zähme ihn rechtzeitig, bevor er dir das Fell über die Ohren zieht!“

Alles in Ordnung, Andy.“

Wie heißt der zweite Neue?“

Slim Peters.“

Auch von ihm habe ich gehört. Er ist ein achtbarer Mann, der lange Zeit bei Jesse Chisholm war. Man sagt von ihm, dass er ein ausgezeichneter Schütze ist und außerdem gut über die Indsmen Bescheid weiß. Man erzählt sich, dass er ein Squawman und lange Zeit Jagdgefährte der Apachen war. Genaueres über sein Vorleben weiß man allerdings nicht. Nun, das ist nicht unsere Sache.“

Joe Englund hatte nichts darauf zu erwidern. Was Andy gesagt hatte, stimmte. Die Vergangenheit eines Mannes interessierte hier tatsächlich nicht. Ein Mann konnte sich in der Gegenwart bewähren und sich eine Zukunft aufbauen. Natürlich kamen viele im Osten gestrandete Existenzen ins Land, doch viele sackten nicht tiefer ab, sondern wurden geachtete Leute.

Der zweite Mann bei der Herde, Jube, hockte zusammengesunken im Sattel. Joe verhielt neben ihm sein Pferd und sagte:

He, Jube!“

Jube blinzelte den Vormann an, grinste ein wenig und schlug ein Bein über das Sattelhorn, sodass er auf dem Pferderücken wie in einem Schaukelstuhl saß. Er war – wie Andy – etwa Mitte Zwanzig, schlank, schmalhüftig und breitschultrig. Seine grauen Augen musterten Joe eindringlich.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909654
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366832
Schlagworte
flucht westen

Autor

Zurück

Titel: Flucht nach Westen