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Circle C-Ranch #18: Die Falle im Tal der Galgenbäume

2017 120 Seiten

Leseprobe

Die Falle im Tal der Galgenbäume


Ein Western von Bill Garrett



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von F.T. Johnson mit Steve Mayer, 2017

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:

Eine Herde mit 80 Pferden, eine Ladung Gewehre und 30.000 Dollar – all dies sollen Buster Tom Copper und ein Teil seiner Mannschaft nach Kalifornien zu einem Mann namens Fred Rayerson bringen. Tom Copper kennt Rayerson von früher her und ist natürlich sofort bereit, diesen Job für Rayerson zu erledigen.

Die hübsche Nella Grandclaude schließt sich der Circle C-Mannschaft an, denn sie ist Rayersons Nichte. Jimmy Copper verliebt sich unterwegs in Nella, aber er ahnt nicht, dass er nur Mittel zum Zweck ist. Denn Nella hat ganz andere Pläne – und wenn ihr Onkel davon wüsste, wäre er mehr als entsetzt darüber. Zumal Nella einige sehr zwielichtige Freunde hat, die es auf das Geld abgesehen haben - und eine Bande von gefährlichen Comancheros auf die Waffen ...






Roman:

Jimmy Copper, der jüngste Sohn des Circle C Ranchers, hatte nichts gegen blondes Haar. Blond war er ja selbst. Aber er hatte etwas gegen großmäulige Burschen, mochten sie nun blondhaarig oder pechschwarz sein.

Aus dem Schatten des Vordaches heraus sah er dem jungen Burschen zu, der genau vor dem Marshal Office über dem Tränktrog geneigt stand und aus der Pumpe trank. Der Hut hing ihm am Windriemen im Nacken, so dass Jimmy nicht ganz genau sehen konnte, ob es sich wirklich um den blonden Burschen handelte, der erst vor Tagen von Morrison eingestellt worden war, sich aber in Tucson bereits so aufführte, als sei er der Boss der Wagenradranch höchstpersönlich.

Jimmy schätzte sein Risiko, sich zu irren, nicht sehr hoch ein und nahm langsam und genussvoll Maß, um das vermeintliche blondhaarige Großmaul aus Morrisons Ranchmannschaft mit einem entschlossenen Tritt in den Hintern in den Tränktrog zu befördern. Doch er bekam den Fuß nur halbhoch, da wurde er plötzlich von hinten gepackt und rückwärts in das Office gerissen.

Jimmy wehrte sich trampelnd, kam im Office frei, fuhr wie ein Kastenteufel herum, riss die Fäuste hoch - und hielt inne.

Der Mann, der ihn so vehement ins Office gezerrt hatte, war Cliff, sein älterer Bruder, der Marshal von Tucson.

Was ist denn mit dir los?“, schnappte Jimmy wütend und zog sich Hemd und Weste zurecht.

Das will ich gerade dich fragen!“, brummte Cliff verdrossen und wies auf die Straße hinaus.

Jimmy blickte zur Tür. Der junge Bursche am Tränktrog hatte sich auf das Gepolter hin umgewandt, und Jimmy stellte entsetzt fest, dass es sich keineswegs um den blonden Aufschneider aus Morrisons Mannschaft handelte, sondern um ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren, das er zuvor noch nie in Tucson gesehen hatte.

Sie war auch nicht blond, sondern kastanienbraun. Dazu war sie noch recht hübsch, und um das Maß vollzumachen, besaß sie eine Figur, deren Anblick Jimmy erst einmal die Luft nahm.

Als sie die Männer im Office erblickte, zog sie sich den Hut auf den Kopf und betrat den Gehsteig.

Du Idiot!“ raunte Cliff. „Da hättest du vielleicht etwas angestellt. Ich glaube, du kannst alt werden wie ein Ochse und lernst nichts dazu. Komm, damit ich dich zweibeinigen Hammel vorstellen kann!“

Er zupfte Jimmy am Ärmel, trat auf die Straße hinaus und lüftete den Hut.

Also, ich hätte geschworen ...!“, stieß Jimmy krächzend hervor und folgte seinem Bruder.

Hallo, Ma’am!“, sagte Cliff freundlich und trat Jimmy dabei so fest auf die Zehen, dass sich dessen Hut von selbst zu lüften schien. „Darf ich Ihnen meinen Bruder Jimmy vorstellen? Hinterwäldler!“, zischte er verstohlen, als Jimmy vortrat und sich verneigte, den Hut in der Hand.

Das ist Miss Nella Grandclaude“, stellte Cliff das Mädchen vor.

Nella Grandclaude lächelte und hielt Jimmy die Hand hin. „Nett, Sie kennenzulernen“, sagte sie. „Aber wo sind Ihr Vater und die Männer, die mich begleiten sollen?“

Mein Bruder wird den Wagen übernehmen und Sie rasch zu meinem Vater bringen“, erklärte Cliff. „Er ist mit den Pferden schon im Morgengrauen aufgebrochen. Sie und Jimmy werden die Herde in ein paar Stunden einholen.“

Jimmy ließ die Kinnlade sinken, schloss dann aber den Mund sehr rasch und grinste. „Ma’am!“, platzte er hinaus. „Höre ich richtig? Sie wollen das Treiben nach Kalifornien mitmachen?“ Er sah Cliff an. „Wieso hat mir noch kein Mensch gesagt, dass wir so nette Gesellschaft haben werden? Also da bin ich doch platt! Da bin ich doch gepfeffert und gebürstet in einem, herrje noch einmal! Wo steht der verdammte Wagen, Cliff? Wir haben es eilig, Nella und ich!" Er schlug Cliff auf den Rücken und zog sich den Hut verwegen in die Stirn.

Cliff schnitt ein saures Gesicht. „Miss Grandclaude ist fremd im Westen“, sagte er betont bissig, um Jimmy zu manierlicherem Benehmen zu zwingen. Dabei zerquetschte er die Worte „Miss Grandclaude“ förmlich zwischen den Zähnen.

Jimmy ging jedoch mit einer Handbewegung darüber hinweg, grinste noch breiter und wollte sich bei Nella Grandclaude einhaken. Cliff verhinderte das, indem er Jimmy rasch festhielt.

Zügle deinen Eifer noch etwas“, sagte Cliff. „Der Wagen steht im Hof der Wells Fargo Station. Aber ihr könnt so nicht abfahren. Einer der Splinte ist angebrochen. Der Schmied fertigt einen neuen an. Lauf zur Schmiede und hol ihn! Miss Grandclaude und ich gehen schon zum Wagen.“

Cliff ergriff Nella Grandclaude am Arm und nickte Jimmy zu, der kurz Luft holte, dann aber kehrtmachte und davonlief.

Cliff wollte mit Nella zur Wells Fargo Station gehen. Sie blieb jedoch stehen und sah Jimmy reichlich unzufrieden nach.

Sie gewöhnen sich an ihn!“, sagte Cliff. „Er ist ein bisschen raubeinig veranlagt, wie die meisten in dieser Gegend. Die Wüste bringt das so mit sich. Sie zwingt zu eigenen Umgangsformen. Aber mein Bruder ist ein Mann, auf den Sie sich blind verlassen können. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“

Sie sah ihn an. „Ja, aber trotz seiner Vorzüge ist er nur ein einzelner Mann, Marshal! Ihr Vater ist doch informiert, dass die Siedler in Kalifornien nicht nur die Pferde benötigen, sondern auch die Gewehre und das Geld. Sie haben eben selbst gesagt, dass wir Stunden benötigen, um zu Ihrem Vater zu kommen. Und in diesen Stunden wird Ihr Bruder allein auf die Gewehre und die dreißigtausend Dollar aufpassen müssen.“

Nur keine Sorge, Ma’am“, erwiderte Cliff. „Vor Roul Blackburn brauchen Sie sich nicht zu fürchten. Hier hat ihn noch keiner gesehen. Bis zu meinem Vater kommen Sie allemal. Da ist Jimmy genau der richtige Mann. Sobald Sie die Herde erreicht haben, ist die Sache gelaufen. Jedenfalls für Sie und Ihre Freunde drüben in Kalifornien.“

Sie lächelte. „All right, Marshal! Ich bin auf die Hoffnung angewiesen. Da habe ich gar keine andere Wahl, als zu vertrauen. Entschuldigen Sie! Aber ich fühle mich für die Siedlung in Kalifornien verantwortlich.“

Es ist schon gut“, sagte Cliff Copper. „Kommen Sie!“

Er stieß die Officetür mit einem Tritt zu und führte Nella Grandclaude zur Wells Fargo Station hinüber. Als sie den Hof betraten, kam der neue Inspektor aus dem Haus und rief Cliff zu sich.

Nur einen Moment, Marshal!“, rief er. „Sie entschuldigen, Madam. Aber es ist wichtig wegen dieser Lieferliste. Schließlich muss alles seine Ordnung haben. Auch bei einem Transport in die Wildnis.“

Wäre es nicht besser, Miss Grandclaude unterschriebe?“, meinte Cliff.

Nein!“, wehrte der Inspektor ab. „Ein Copper muss unterschreiben. Darauf kommt es mir an."

Sie entschuldigen, Ma’am“, sagte Cliff und folgte dem Inspektor ins Haus.

Nella Grandclaude trat hinter den Wagen und schaute sich um. Doch der Mann, den Sie suchte, stand plötzlich hinter ihr, so unvermittelt, dass sie beinahe aufgeschrien hätte.

Jacob!“, zischte sie wütend. „Warum erschrickst du mich so?“

Jacob war ein großer schlanker Mann, bis über beide Ohren in sie verliebt und ihr blind ergeben. Er nahm sie im Schutz des Wagens auch sofort in die Arme und zog sie an sich.

Nella wehrte sich. Aber gegen seine Kräfte kam sie nicht an, so dass sie ihm kurzerhand ins Gesicht schlug. „Jacob, zum Teufel!“, zischte sie wütend. „Dazu ist das hier nicht der Ort.“

Dazu ist der Ort überall“, erwiderte er, lächelte und fuhr sich über das Gesicht.

Reite los!“, raunte sie, während sie sich umschaute und das Haar unter den Hut schob, der ihr aufs linke Ohr gerutscht war. „Matt soll sich anschließen. Die Coppers nehmen den Weg, der für Pferde gangbar ist. Sie werden also durch das Tal der Galgenbäume ziehen.“ „Ich sehe, dass hier überhaupt kein Mensch ist“, sagte Jacob. „Wäre Matt jetzt hier, könnten wir das Geschäft ziemlich leicht erledigen. Aber auf mich hört ja keiner.“

Verschwinde!“, zischte Nella. „Hier braucht dich keiner zu sehen. Außerdem hast du einen weiten Weg vor dir. Pass auf dich auf!“

Nett, dass du das sagst“, versetzte er. „Und Blackburn? Soll ich Matt nicht vor Blackburn warnen?“

Das werden die Coppers für uns erledigen!“, sagte Nella Grandclaude. „Sie sind ein Dutzend Leute. Da hat Blackburn gar keine Chance.“

Aber wenn er schon hier ist?“, fragte Jacob und wies auf den Wagen.

Ich habe mit dem Marshal gesprochen“, sagte Nella. „Ich habe den Gesetzeshüter auf diese Bande richtig scharf gemacht. Sobald Blackburn in dieser Gegend auftaucht, wird man ihm das Leben ziemlich schwer machen. Nun reite! Rasch! Der Marshal!“

Stimmen drangen aus dem Haus. Da ging auch schon die Tür. Cliff Copper kam mit dem Inspektor in den Hof.

Jacob grinste, glitt zurück, warf Nella am Zaun eine Kusshand zu und verschwand.


*


Doktor Mills packte sein Stethoskop in die Tasche und stand auf. „Sie sind krank“, sagte er zu dem Mann auf dem Bett. „Richtig krank. Ich gebe Ihnen hier etwas, das Ihnen hilft, aber Sie nicht gesund machen kann. Sie sollten — Sie müssen diese Gegend verlassen. Heißes Klima ist Gift für Sie. Hier dieses Pulver! Dreimal am Tag eine Messerspitze. Aber bilden Sie sich nicht ein, dass Sie davon gesund werden. Haben Sie Geld?“

Sie kann ich immer bezahlen“, brummte der Mann auf dem Bett verdrossen.

Darum geht es nicht, Mister Blackburn“, erwiderte Doktor Mills. „Ich fragte nach dem Geld für eine Fahrkarte in den Osten. Wenn Sie irgendwo Ersparnisse haben, sollten Sie die flüssig machen und nach Osten reisen, bis sie das Meer sehen. Dann würde ich sagen, Sie können fünfzig und sechzig werden. Aber nicht hier."

Wie lange hätte ich hier noch zu leben?“, fragte Blackburn uninteressiert.

Doktor Mills stand auf und sah die beiden Revolvermänner an, die in den Sesseln saßen und ihn nicht aus den Augen gelassen hatten.

Hier hat Mister Blackburn nur noch ein halbes Jahr zu leben“, wandte er sich an sie. „Vielleicht nicht einmal das. Reden Sie ihm also zu.“

Jube, dieser Quacksalber hat jetzt genug geredet“, rief Blackburn. „Gib ihm sein Geld und wirf ihn hinaus. Aber halt! Er soll alles von diesem verdammten Pulver dalassen. Bezahl es ihm!“

Einer der Revolvermänner erhob sich und zog den Colt. „Sie haben es gehört, Doc!“, sagte er gelassen. „Drehen Sie Ihre Tasche um, spucken Sie das Pulver aus und nennen Sie dann Ihren Preis. Aber nicht unverschämt werden, wenn ich bitten darf!“

Hören Sie einmal gut zu, Freund“, sagte Doktor Mills trocken. „Sie können mit Ihrem Colt allerhöchstens mitkommen, um meinen Pferden im Stall den Mist unter den Hufen wegzublasen. Was Mister Blackburn von diesem Pulver vertragen kann, habe ich ihm da auf den Tisch gelegt.“

Der Revolvermann trat an Doktor Mills heran und hielt ihm den Colt vor den Bauch. „Pferdemist? Ihnen kann ich etwas ganz anderes wegblasen. Woher nehmen Sie überhaupt den Mut, so mit mir zu reden? Ich bin nämlich kein sehr verträglicher Mann. Also los! Drehen Sie die Tasche um und tun Sie, was Blackburn sagt. Das war ein Befehl! Raus mit dem Pulver!"

Doktor Mills schaute auf den Colt. Dann sah er dem Burschen in die Augen. „Ihre Leber!“

Der Revolvermann verzog das Gesicht. „Meine was?“

Ihre Leber ist angeschwollen“, sagte Doktor Mills. „Haben Sie keine Schmerzen? Hier!“ Er stieß mit dem Zeigefinger zu, dass der Revolvermann erschrocken in die Knie ging und den Revolver sinken ließ.

Mein lieber Mann!“, sagte Doktor Mills und sah ihn ernst an.

Wieso? Was habe ich denn?“, fragte der Revolvermann betroffen, dabei halfterte er die Waffe und hielt sich die Stelle, in die Doktor Mills den Zeigefinger gestoßen hatte.

Leberschwellung!“, sagte Doktor Mills. „Sie müssten öfter liegen. Vor allem, wenn Ihnen schwarz vor Augen wird. Nehmen Sie das bloß nicht auf die leichte Schulter. Spucken Sie schon weiß? Ich meine, ganz weiß?“

Der Revolvermann wurde bleich und hielt sich den Leib nun mit beiden Händen.

Da ging die Tür, und ein junger Bursche kam hereingestolpert. „Blackburn! Es ist soweit!“, rief er aufgeregt. „Sie fahren los!“

Blackburn fuhr auf. „Halt dein Maul! Du siehst doch, dass wir hier nicht allein sind. Jube, der Doc soll gehen, verdammt! Was hältst du ihn überhaupt auf?“

Doktor Mills nutzte die Gelegenheit und empfahl sich. Jube aber blickte auf seinen Leib und sah dann Blackburn an. „Warum schickst du den Doc weg? Ich bin krank! Vielleicht kränker als du!“

Blackburn stand umständlich auf. „Krank!“, schnaufte er verächtlich. „Nur alte Weiber sind krank. Los, Pitt! Jetzt kannst du reden. Also tue es, verdammt!“

Sie sind weggefahren, Blackburn“, sagte der junge Bursche. „Eben!“

Blackburn musterte ihn aus schmalen Augen. „Wären wir im Krieg, Pitt, würde ich dich wegen dieser Meldung glatt erschießen lassen“, sagte er dann langsam. So sprach er immer, wenn er vor Zorn kochte. „Aber vielleicht sollte man einen Kindskopf wie dich auch bloß nach Hause schicken. Sie sind weggefahren! Wer, zum Teufel? Wieviel Mann? Wohin? Das will ich wissen.“

Pitt sah ihn erschrocken an und schluckte. „Na, der Wagon, Blackburn!“, krächzte er. „Ich habe nur Nella gesehen und einen Strohkopf, der den Wagen fährt. Sie haben die Stadt nach Westen verlassen. Eben! Vor drei Minuten sind sie aus dem Hof der Wells Fargo Station gerollt.“

Blackburn griff nach seinem Revolvergurt. „Jube, sattele die Pferde! Hank, du gehst hinunter und bezahlst die Zimmerrechnung. Beeilt euch! Wir verlassen dieses Nest.“

Hank sprang aus dem Sessel, griff nach seinem Hut und lief rasch hinaus. Jube jedoch blieb stehen und hielt sich den Bauch.

Blackburn sah ihn mit einem trüben und krankhaften Ausdruck in den Augen an. „Was ist denn mit dir?“

Jube verzog das Gesicht. „Ich weiß nicht. Der Doc! Er hat gesagt, ich soll mich hinlegen. Meine Leber!“

Blackburn wusste einen Moment lang nicht, was er sagen sollte. Pitt bewegte sich vorsichtig rückwärts, um aus Blackburns Nähe zu kommen. Doch Blackburn lächelte plötzlich und legte Jube die Hand auf die Schulter. „Der Doc, Jube, ist eine Pfeife. Du bist gesund. So gesund wie wir alle. Los nun!“

Ich fühle mich wirklich schlecht!“, sagte Jube. Er stand da, als horchte er in sich hinein.

Blackburn nahm die Hand zurück. Sein Gesicht verhärtete sich. „Ich glaube, meine Crew besteht zur Zeit nur aus Dummköpfen und Jammerlappen!“, schnaufte er gereizt und schwang sich den Revolvergurt um den Leib. „Bildest du dir vielleicht ein, Nella Grandclaude wartet mit ihren Gewehren und dem Geld, bis du dich wieder besser fühlst? Von mir aus leg dich hin! Aber dann bist du aus dem Geschäft. Ohne dich sind wir immer noch acht Mann. Pitt, schwing dich in den Sattel und rufe Cleve zur Straße. Sag ihm, dass wir den Wagen haben. Ich glaube, Cleve ist der einzige von euch allen, auf den ich mich wirklich verlassen kann.“

Pitt rannte hinaus und polterte draußen die Stufen hinunter. Blackburn warf Jube noch einen verächtlichen Blick zu. Dann verließ er das Zimmer und stieg rasch die Treppe hinunter. Jube folgte ihm. Als sie in den Hof des Hotels kamen, jagte Pitt gerade zum Tor hinaus. Sie gingen in den Stall, sattelten die Pferde und warteten dann auf Hank.

Reiten wir erst einmal zu Cleve hinaus?“, fragte Hank schnaufend, als er dann endlich auftauchte.

Blackburn maß ihn mit einem zornigen Blick. „Da könnten wir längst sein, wenn du dich mehr beeilt hättest. Wir reiten nach Westen aus der Stadt und warten an der Straße. Cleve wird in spätestens fünf Minuten dort sein. So gut kenne ich ihn schließlich.“

Sie führten die Pferde ins Freie, saßen auf und ritten auf die Straße hinaus. Dort schwenkten sie ein und ritten an Joel Madsons Saloon vorbei nach Westen aus Tucson hinaus. Als sie am Friedhof vorüber ritten, konnten sie Cleve mit den anderen Männern schon kommen sehen.

Blackburn drehte sich kurz im Sattel und warf Hank einen bissigen Blick zu. „Cleve ist noch einer, den so schnell nichts träge und satt macht“, sagte er vorwurfsvoll. „Dabei ist er älter als jeder von euch.“

Sie beschleunigten das Tempo und trafen kurz darauf mit den anderen zusammen.

Cleve war ein Mann in Blackburns Jahren. Er war klein und hager. Aus diesem Grund hatten ihn schon viele unterschätzt. Man musste ihm genau in die Augen sehen, um einen Hauch jener Gefährlichkeit zu spüren, die in ihm steckte. Er war ein alter, gerissener und erfahrener Raubwolf, und Blackburn wusste genau, was er an ihm hatte.

Hat die Grandclaude in Tucson nun einen Wagen beladen oder nicht?“, fragte er sofort. „Und ist ihr Vorsprung groß oder nicht?"

Hat dir Pitt nicht Bescheid gesagt?“, fragte Blackburn erstaunt und warf dem jungen Burschen einen schrägen Blick zu.

Cleve lachte abfällig. „Ich habe nur verstanden, dass wir zur Straße kommen sollen. Aus seinem Gerede wird ja kein Mensch schlau.“

Sie hatte genau drei Tage Vorsprung“, sagte Blackburn, während er Pitt abermals einen grimmigen Blick zuwarf. „Doch diesen Vorsprung hat sie in Tucson abgesessen. So lange hat es nämlich gedauert, bis sie einen Wagen gefunden hat und die Gewehre eingetroffen sind. Nun ist sie auf dem Weg nach Kalifornien. Ein junger Bursche begleitet sie. Sie haben keine halbe Stunde Vorsprung. Wenn wir uns sputen, können wir den Wagen bestimmt bald einholen.“

Cleve ordnete die Zügel und drehte sein Pferd. „Das will ich meinen, Blackburn, dass wir uns sputen! Ich verspüre nicht die geringste Lust, dem Frauenzimmer bis Kalifornien nachzureiten. Lange genug sind wir wegen den Dreißigtausend bereits unterwegs. Jedenfalls für meinen Geschmack.“

Dann haben wir jetzt genug geredet“, schnarrte Blackburn und gab seinem Braunen die Sporen. Die acht Gefährten schlossen hinter ihm auf und trieben die Pferde ebenfalls zum Galopp an. Dicht an dicht und Bügel an Bügel stob die Bande auf der alten Poststraße dahin, bis die Straße um einen mächtigen Felsen herum nach Norden in Richtung Phoenix einschwenkte. Dort bogen sie ab und ritten westwärts weiter. Es dauerte nicht lange, da entdeckten sie voraus eine Staubwolke über den Hügeln.

Blackburn hielt sofort an. „Ich denke, das ist der Wagen“, sagte er und schaute zu Cleve, der drei Schritte von ihm entfernt angehalten hatte und aus schmalen Augenschlitzen den Weg der Staubwolke verfolgte, die blassbraun über den rötlichen Höhenrücken vor dem stahlblauen Sommerhimmel hing.

Die fahren verdammt schnell“, meinte Cleve. „Weiß das Frauenzimmer denn, dass wir so dicht hinter ihr sind?“

Blackburn zuckte die Schultern. „Selbst wenn! Bis zum Rio Colorado wird sie trotzdem nicht kommen. Vorwärts! Lassen wir uns auf dieses Wettrennen ein!“

Wieder jagte er sein Pferd aus dem Stand heraus vorwärts. Das Rudel schloss rasch auf. Die Beute vor den Augen, wurden sie alle vom Jagdfieber gepackt. Selbst Jube vergaß, dass er sich eigentlich krank fühlte.


*


Jimmy nahm den Sechserzug auf und ließ die Pferde im Schrittempo gehen. Nella Grandclaude sah sich sofort um und schaute angestrengt und besorgt über die Gewehrkisten hinweg zurück.

Sie sollten nicht so ängstlich sein“, sagte Jimmy und musterte sie verstohlen. Er konnte immer noch nicht begreifen, dass er bis nach Kalifornien, bis ans Ende des Treibens, so nette Gesellschaft haben sollte.

Dieser Blackburn ist mir seit New Mexiko auf den Fersen“, sagte sie mit leisem Ärger in der Stimme, weil Jimmy ihre Angst weder begreifen wollte und erst recht nicht teilte. „Ihr Bruder hat mir erklärt, dass wir in wenigen Stunden auf Ihren Vater treffen. Aber wo ist er? Wir sind jetzt zwei Stunden unterwegs.“

Mein Vater ist ein ziemlich ungeduldiger Mann“, sagte Jimmy. „Er ist mit den Pferden bei Sonnenaufgang losgezogen. Wenn er achtzig Pferde vierhundert Meilen weit zu treiben hat, ist ihm nichts wichtiger als der Aufbruch. Noch zwei, drei Stunden. Dann holen wir ihn und die Männer ein.“

Nella schaute wieder durch den Wagen zurück. Dabei biss sie sich auf die Lippe. „Fahren Sie doch wenigstens schneller, Jimmy!“, verlangte sie. „Die Pferde vertragen das doch.“

Jimmy wies mit der Peitsche nach vorn. „Sie haben nicht sehr gut eingekauft, Nella. Die Stangenpferde sind klatschnass. Denen macht die Hitze zu schaffen. Sobald wir meinen Vater eingeholt haben, wechsle ich die Tiere aus.“

Nella fuhr herum und sah ihn gereizt an. „Wollen Sie mir damit sagen, dass ich keinen Pferdeverstand habe? Die Tiere sind aus der besten Zucht.“

Jimmy sah ihr in die Augen und lächelte. „Eins weiß ich, Nella!“, sagte er. „Ich werde Sie in den nächsten Tagen öfter ein bisschen ärgern. Wenn Sie wütend sind, sind Sie noch schöner. Wissen Sie das eigentlich?“

Das interessiert mich gar nicht“, versetzte sie kurz angebunden und sah geradeaus. „Außerdem verbitte ich mir diese Redensarten. Ich bin verlobt, Mister Copper. Ich möchte nicht, dass Sie in dieser Weise mit mir reden.“

Jimmy knallte mit der Peitsche. „Hü!“, rief er. „Hü! Ihr lahmen Enten!“ Er rief es so, dass die Pferde nicht reagierten und das Tempo beibehielten. „Wissen Sie, Nella, meine Mutter war auch verlobt, als sie meinen Vater kennenlernte. Er war dann eben die bessere Partie. So einfach ist das.“

Er schob sich den Hut aufs linke Ohr und pfiff ein paar Takte vor sich hin. Dann sah er Nella wieder an. weil sie nichts sagte. „Erzählen Sie mir von Ihrem Onkel, der die Siedlung in Kalifornien gegründet hat, zu der wir achtzig Pferde und diesen Wagen bringen.“

Zu seiner Überraschung krallten sich plötzlich Nellas Fäuste in seinen rechten Arm. „Jimmy!“, rief sie entsetzt. „Da sind Reiter! Hinter uns!“

Jimmy sah sie verblüfft an, drehte sich dann, hob die Plane etwas an, um nach hinten besseres Blickfeld zu haben, und spähte über die Ladung hinweg: Da sah er die Reiter. Sie waren schon ziemlich nah. Sie mussten von der Seite her auf die Wagenspuren gestoßen sein.

Nella rüttelte ihn. „So fahren Sie doch! Das ist Blackburn!“

Jimmy hatte schon mit der Peitsche ausgeholt. Er ließ den sechs Pferden das Leder über die Ohren pfeifen und trieb sie mit lautem Geschrei an. Als die Tiere galoppierten, schaute er wieder zurück. Nur ganz kurz. Denn ein kurzer Blick genügte, um ihm klarzumachen, dass dieses Wettrennen nicht zu gewinnen war.

Er versuchte es trotzdem.

Er richtete sich auf und ließ dem Sechserzug wieder und wieder das Leder um die Köpfe pfeifen. Der schwere Frachtwagen jagte wie ein Rennsulky dahin, hüpfte und sprang, rollte bedrohlich auf zwei Rädern und krachte nach der nächsten Bodenwelle wieder auf alle vier, dass es sich anhörte, als würden beide Achsen brechen. Die Staubwolke hinter dem Wagen verdichtete sich und versperrte Jimmy und Nella Grandclaude die Sicht auf die Reiter, die näher und näher herankamen.

Jimmy schrie, riss an den Zügeln und knallte mit der Peitsche, um die Pferde anzufeuern. Aber seine Chancen waren gering. Obwohl der Frachtwagen nicht schwer beladen war, kamen die sechs Zugpferde gegen die Reittiere der Verfolger nicht an.

Doch Jimmy wollte diese Aussichtslosigkeit nicht einsehen, geradezu verbissen jagte er mit dem Wagen über die sandige und baumlose Ebene, die platt wie ein Kuchenteller war und in der es nirgends hinreichend Deckung gab. Er konnte auch nicht hoffen, bald auf seinen Vater und die Männer der Circle C-Ranch zu treffen; denn in dieser Ebene vermochte er über Meilen hinweg zu sehen. Und von den Pferden und den Männern der Circle C-Ranch war nicht einmal die Staubwolke zu erblicken.

Nella Grandclaude kniete sich auf den Sitz, griff nach Jimmys Gewehr und schob die Waffe auf den Stapel Gewehrkisten, presste den Kolben fest gegen die Schulter und zielte sorgfältig über Kimme und Korn. Doch zu spät. Sämtliche Reiter waren so nah herangaloppiert, dass sie sich links und rechts des Wagens befanden.

Jimmy hörte den Hufschlag. Dann tauchten die Reiter bereits zu beiden Seiten in seinem Blickfeld auf. Jimmy wollte mit der Peitsche zuschlagen, die Zügel fallen lassen und zum Revolver greifen. Doch alles wäre sinnlos und nackter Selbstmord gewesen. Als zwei der Reiter scharf vorwärts galoppierten, ihre Pferde an das Gespann drängten, um ins Geschirr zu greifen, nahm er den Sechserzug auf und hielt den Wagen an.

Während sich die Reiter formierten, der Wagen mit einem letzten Ruck stehenblieb, trieb der Staub vorüber, den Wagen und Pferde aufgewirbelt hatten.

Jimmy sah auf Nella. Sie hockte bleich und verängstigt auf dem Sitzbrett, das Gewehr noch in den Händen. Jimmy nahm es ihr ab, warf es in den Wagen hinein und sprang auf die Erde.

Soll das ein Spaß gewesen sein?“, fragte er, während er von einem zum anderen schaute. „Und mit wem habe ich überhaupt die Ehre?"

Einer der Reiter sprang ab, stapfte auf Jimmy zu und zog ihm den Colt aus der Halfter.

Genau bis dahin ging Jimmy Copper auf dieses Theater ein. Ein wuchtiger Fausthieb von ihm warf den Mann zurück und in den Sand. Doch Sekunden später bereute er schon, wie ein Hammel reagiert zu haben, den man in den Hintern getreten hatte. Die Reiter flogen förmlich aus den Sätteln, stürzten sich auf ihn und schlugen auf ihn ein, bis er bewusstlos liegenblieb.


*


Tom Copper, der Boss der Circle C-Ranch, der von seinen Freunden Buster Tom genannt wurde, erhob sich, trat aus dem Schatten des Felsens, blickte über die Herde der achtzig Pferde hinweg und sah dann zu Hep Waller hinauf, dem untersetzten irischen Rotschopf, der auf einem kleinen Plateau hockte und Wache hielt.

Hep!“, rief er mit Stentorstimme. „Ist von diesem verdammten Wagen immer noch nichts zu sehen? Wir müssen weiter, verdammt noch einmal! Von den .vierhundert Meilen liegen noch dreihundertfünfundneunzig vor uns.“

Hep sah herunter und schüttelte den Kopf. „Nichts, Boss!“, brüllte er. „Da ist überhaupt nichts zu sehen.“

Jimmy wird es nicht so eilig haben bei dieser Hitze“, ließ sich Matt Jackson vernehmen.

Buster Tom drehte den Kopf und schaute seinen ledergesichtigen Vormann an, blickte danach über die Reihe der acht Cowboys hinweg, von denen vier extra für dieses Treiben angeworben worden waren, und befahl den Aufbruch.

Los, Jungs!“, sagte er mit sonorer Stimme. „Wir haben lange genug im Schatten gesessen. Sattelt und bringt die Herde auf die Beine. Gerade aus dieser Gegend möchte ich rasch kommen. Es ist schließlich das Gebiet der Comancheros und jener Apachen, auf die mein alter Feind und Freund Cochise keinen Einfluss hat. Sehen wir also zu, dass wir wegkommen.“

Während sich die acht Cowboys erhoben, die Sättel nahmen und zu den Pferden liefen, trat Buster Tom an den Felsen, nahm den Hut ab und wischte das Schweißband trocken. Dabei blickte er zu Hep Waller hinauf.

Hep, zum Henker! Ist da immer noch nichts zu sehen?“

Hep grinste von oben herunter. „Sie sind kein sehr geduldiger Mann, Boss.“

Dann komm von da oben herunter!“, bellte Buster Tom und setzte den Hut auf. „Wir ziehen weiter! Jimmy wird schon wissen, wie und wo er uns finden kann.“

Er wandte sich ab und ging zu seinem Pferd, das Sten, der Koch, für ihn sattelte. Buster Tom schob Sten zur Seite und zog den Bauchgurt selbst stramm. Sten sah ihm dabei schwitzend zu.

Ich glaube, ich sollte uns allen schon am ersten Tag etwas Kräftiges kochen, Boss“, sagte Sten. „Ich habe an Antilope mit Reis gedacht. Den Reis habe ich. Das Salz auch. Fehlt mir nur die Antilope und die Zeit zum Kochen. Sie werden doch heute nicht gleich bis an den Rio Colorado treiben wollen?“

Dann sieh zu. dass du eine Antilope erwischst. Sten!", brummte Buster Tom. „Du bist dazu abkommandiert.“ Er schwang sich in den Sattel und ließ sein Pferd um die Hand gehen. „An die Herde!", rief er den Männern zu.

Da kommt ein Reiter!“, rief in diesem Augenblick Hep Waller von dem Plateau herunter. Er wollte es gerade verlassen. Nun trat er weit nach vorn, beschirmte die Augen mit der Hand und rief abermals: „Da kommt ein Reiter. Im vollen Galopp! Er folgt genau unserer Fährte.“

Die Cowboys verhielten. Buster Tom brachte sein Pferd zum Stehen und schwang sich aus dem Sattel. „Das ist Jimmy! Endlich! Aber wo, zum Teufel, ist der verdammte Wagen? Hat er ihn in der Stadt gelassen?“

Während er durch den Sand stapfte, blickte er zu Hep Waller hinauf.

Hep Waller ging dort oben auf die Knie und beugte sich herab. „Es ist nicht Jimmy, Buster Tom!“ rief er. „Es ist Cliff, der Marshal von Tucson!“

Buster Tom ließ die Kinnlade sinken, stemmte die Fäuste ein und schaute angestrengt zurück.

Der Reiter war inzwischen deutlich zu erkennen. Er kam in voller Karriere die letzte Anhöhe heruntergeritten und hielt genau auf den Felsen zu, der als einziger Gegenstand weit und breit in dieser mörderischen Mittagshitze Schatten spendete. Allein an der Haltung, wie der Reiter im Sattel saß, erkannte Buster Tom, dass es sich nicht um seinen jüngsten Sohn Jimmy, sondern um den vier Jahre älteren Cliff handelte.

Was will denn Cliff hier?“, wandte er sich an Matt Jackson, der ebenfalls wieder abgesessen war und hinter ihm stand. „Kannst du dir das erklären?“

Matt Jackson, einundfünfzig Jahre alt, Vormann auf der Circle C-Ranch, mit Buster Tom per du, als einziger von allen Männern der Ranch, zuckte die Schultern und sah Buster Tom, mit dem er einst in dieses unwirtliche und karge Land gekommen war, ratlos zu.

Vielleicht ist dem verdammten Wagen ein Rad gebrochen“, meinte er. „Jimmy wird es reparieren, und Cliff kommt nur, um uns Bescheid zu sagen.“

Über deinen Optimismus, Matt, habe ich schon manchmal gelacht!“, versetzte Buster Tom bissig und wandte sich ab. „Da glaube ich schon eher an eine Nachricht, an der wir mächtig zu kauen haben. Cliff hat sich noch nie über Langeweile beklagt, seit er Marshal von Tucson ist. Und wenn ein Mann sein Pferd bei dieser Hitze so hart treibt, da ist immer etwas im Gange. Jedenfalls in dieser verdammten Gegend. Woanders mögen sich die Leute ja einen Spaß daraus machen.“

Während sich die Cowboys um den Boss der Circle C versammelten und Hep Waller von dem Plateau herunterkletterte, legte Cliff Copper das letzte Stück in unvermindertem Tempo zurück. In einem kurzen scharfen Bogen ritt er dann aus und schwang sich aus dem Sattel, dabei schaute er zu den Pferden hinüber und zu dem Fleck, an dem die Sättel und Packen der Männer gelegen hatten.

Buster Tom stemmte die Fäuste ein und sah seinen Sohn erwartungsvoll an. „Nun?“, fragte er.

Cliff nahm den Hut ab, wischte sich das Gesicht trocken und kam heran. „Wo ist der Wagen?“, fragte er.

Buster Tom sah sich kurz um und blickte von einem zum anderen. Dann sah er Cliff wieder an. Sein Blick verriet, dass er ziemlich verärgert war. „Ich dachte, du würdest uns jetzt sagen, wo der Wagen geblieben ist! Ich habe doch Jimmy in aller Herrgottsfrühe in die Stadt geschickt. Ist er denn nicht angekommen?“

Doch! Er war da, und er hat auch mit Nella Grandclaude und dem Wagen die Stadt verlassen.“

Was? Nella Grandclaude will mit uns ziehen?“, fragte Buster Tom überrascht. „Wie stellt sie sich das denn vor? Traut sie uns nicht? Meint sie vielleicht, wir würden mit den dreißigtausend Dollar...“

Hör doch erst mal zu, Boss!“, unterbrach ihn Cliff. „Ich bin nämlich nicht herausgekommen, nur um dir mitzuteilen, dass sich Nella Grandclaude plötzlich entschlossen hat, doch mit euch zu reisen.“

Reisen!“, entrüstete sich Buster Tom und schüttelte den Kopf. „Hast du ihr vielleicht gesagt, wir reisen? Das ist doch verrückt! Ein Wunder, dass sie sich uns da anschließen will.“

Ich habe noch mehr zu sagen!“, brummte Cliff gereizt.

Nur zu!“, sagte Buster Tom missgelaunt. „Aber erzähle mir jetzt bloß nicht, dass noch mehr junge Damen auf die verrückte Idee..."

Der Wagen ist weg, Boss!“, fiel Cliff seinem Vater schroff ins Wort. „Und ich habe allen Grund anzunehmen, dass Jimmy hier irgendwo überfallen worden ist.“

Buster Tom ließ die Schultern sinken und öffnete den Mund.

Habt ihr nichts gehört?“, fragte Cliff. „Schüsse, meine ich!"

Die Männer schüttelten die Köpfe. „Ich habe die ganze Zeit dort oben gesessen“, sagte Hep Waller und wies zu dem Plateau hinauf. „Aber ich habe weder etwas gesehen noch etwas gehört.“

Wann ist Jimmy weggefahren?“, fragte Buster Tom. „Wann hat er die Stadt verlassen?“

Um neun!“

Buster Tom schaute prüfend zur Sonne. „Well, dann hätte er längst hier sein müssen. — Ich schätze, wir haben es mit diesem Blackburn zu tun, vor dem sie die ganze Zeit Angst gehabt hat, wie?“

Cliff nickte. „Well, er war in der Stadt und muss dem Wagen sofort gefolgt sein.“

Buster Tom machte schmale Augen. „Hast du denn das nicht bemerkt?“

Zum Teufel, nein!“, knirschte Cliff. „Doktor Mills hat mir eben eine lange Geschichte von komischen Leuten erzählt, die er heute Morgen in Julies Hotel behandelt hat. So ganz beiläufig hat mir dieser verdammte Medizinmann gesagt, dass einer dieser Typen Blackburn geheißen habe. Aber da war es natürlich zu spät.“

Bist du denn dem Wagen nicht gefolgt?“, fragte Buster Tom. „Jimmy wird noch Spuren hinterlassen haben.“

Mir war klar, dass ich zu spät kommen würde. Deshalb bin ich euch gefolgt.“

Buster Tom drehte sich um. „Ol, nimm dir Sten und zwei von den neuen Männern. Bringt die Herde auf die Beine und treibt langsam weiter.“

Willst du die Pferde nicht lieber zur Ranch zurückbringen lassen?“, fragte Cliff. „Blackburn soll über ein Dutzend Männer verfügen.“

Buster Tom kaute auf der Lippe und trat an sein Pferd. „Also gut! Wir lassen die Pferde hier stehen. Ol, Sten und Jack, ihr bleibt als Wachen zurück.“

Ist das nicht ein Risiko?“ Cliff raufte sich das Haar und setzte dann den Hut wieder auf. „Hast du die Comancheros und Apachen vergessen?“

Buster Tom stieg in den Sattel. „Hier kann man sich entscheiden, wie man will. Immer hängt einem gleich eine Faust im Nacken. Hast du das noch nicht gelernt?“

Cliff saß auf. Die Männer warteten schon. Sten und Jack ritten zur Herde. Ol stieg die Felswand hinauf, um Hep Wallers Platz einzunehmen.

Wir reiten breitgefächert zurück und halten uns dabei ein bisschen nach Norden“, erklärte Buster Tom den Männern. „Bleibt mir auf Rufweite zusammen.“

Er ritt an, und die Männer folgten ihm und schwärmten dabei aus.

Nach einer Stunde stieß Hep Waller auf jene Stelle, an der Jimmy von den Banditen gestoppt worden war. Er jagte einen Schuss in die Luft, um die anderen heranzurufen, und stieg aus dem Sattel.

Da, seht euch das an!“, sagte er, als Buster Tom und die ersten Männer bei ihm eintrafen. Bald waren sie alle dort versammelt und liefen die Spuren des Wagens und der Reiter ab.

Neun Mann!“, sagte Cliff verärgert. „Aber ich kann beschwören, dass höchstens drei von ihnen in der Stadt gewesen sind. Sonst wäre mir das aufgefallen.“

Sie sind nach Norden hinauf“, meinte einer von den neuen Männern. Er hieß Freddy Bloom, und von den Neuen war er eigentlich der einzige Mann, der nicht so richtig nach Buster Toms Geschmack war.

Buster Tom nickte. „Well, nach Norden!“

Sie werden versuchen, nach Prescott hinauf zu entkommen“, sagte Freddy Bloom.

Buster Tom schüttelte den Kopf. „Die wollen niemandem entkommen, Freddy. Die nicht! Zu unserem Glück befindet sich nicht nur Geld auf dem Wagen, sondern auch zweihundert nagelneue Gewehre samt Munition. Die werden sie mitnehmen wollen. Also geben sie auch den Wagen nicht auf. Das ist unsere Chance. Bleibt nur die Frage, was die Halunken mit dem Mädchen und mit Jimmy anstellen werden.“

Er ging zu seinem Pferd zurück und stieg in den Sattel. Die Männer folgten seinem Beispiel. Eine halbe Minute später waren sie auf dem Ritt nach Norden. Sie ritten genau auf der Fährte entlang, die Blackburn hinterlassen hatte.

Buster Tom drängte mächtig zur Eile und trieb sein Pferd pausenlos vorwärts, da er sich um das Mädchen und seinen Jungen sorgte.


*


He, du blondes Nashorn! Halt an!“, rief einer der Banditen zu Jimmy herauf.

Was ist denn los?“, brüllte Blackburn auf der anderen Seite des Wagens. „Was hast du denn, Cleve?“

Schau dich mal um, Blackburn!“, rief der alte Mann. „Wir werden verfolgt. Zumindest haben sich irgendwelche Komiker für den gleichen Weg entschieden.“

Während Jimmy den Wagen anhielt und Nella verstohlen zunickte, drehten die Banditen die Pferde und schauten zurück. Jimmy sah sich um, hob die Plane etwas an und spähte angestrengt über die Ladung hinweg hinten hinaus. Meilen hinter ihnen, noch weit hinter den Hügeln, die sie gegen Mittag passiert hatten, hing eine matte Staubwolke in der Luft. Wie ein dünner grauer Schleier, der sich kaum aus dem fernen Dunst abhob, schwebte die Wolke über den rotbraunen Höhenrücken.

Er hat Augen wie ein Luchs, der Alte!“, brummte Jimmy.

Hilfe?“, fragte Nella leise. „Ob wir Hilfe bekommen?“

Unter dieser Staubwolke reitet mein Vater. Ganz vorn, meine ich. Darauf können Sie sich verlassen“, raunte Jimmy.

Wie soll er erfahren haben, was uns zugestoßen ist?“

Er ist schon früher immer hinter alles gekommen“, sagte Jimmy. „Ich meine, als ich noch ein kleiner Junge war.“

He, quatsch nicht ’rum da oben!“, rief Cleve. „Fahr den Wagen zur Seite. Dort drüben ist Schatten. Da halte an!“

Jimmy befolgte diesen Befehl und fuhr den Wagen dicht an einen der großen Quader, die weit und breit überall aus dem Sand ragten. Dann stieg er ab. Die Banditen hatten sich hinter dem Wagen versammelt und berieten, ob sie den Leuten, die da angeritten kamen, entgegenreiten oder sie hier erwarten sollten.

Ich weiß nicht, um wen es sich handelt“, sagte Cleve. „Aber diesen verdammten Wagen sollte keiner sehen.“

Und die Wagenspuren?“, fragte Blackburn. „Du meinst wohl, die haben Pferdemist auf den Augen? Schließlich könnten es Burschen sein, die ebenfalls auf das Geld aus sind. Oder die Gewehre!“

Dann reiten wir ihnen doch entgegen!“, sagte Cleve. „Ich kann es nicht ertragen, Leute im Rücken zu haben. In dieser Situation sollte uns das alle stören.“

Jube! Pitt!“, rief Blackburn und drehte sein Pferd. „Ihr wartet hier am Wagen.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909562
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Mai)
Schlagworte
circle c-ranch falle galgenbäume

Autor

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Titel: Circle C-Ranch #18: Die Falle im Tal der Galgenbäume