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Uns umgibt dieselbe Finsternis

2017 120 Seiten

Leseprobe

Klappentext:


Der Tod kommt meist auf leisen Sohlen, denn die Wege des Geistes sind nicht immer nachvollziehbar, erst recht nicht, wenn man aus Liebe handelt, sei es die wahre, vernachlässigte, unterdrückte oder falsch verstandene Liebe. Er, der Tod, erwischt uns in den ungünstigsten Augenblicken, oder geht haarscharf vorbei. Menschen, die ungewollt in der Gesellschaft, im Familien- und Freundeskreis kaum Beachtung finden, werden häufig von einer alles umfassenden Finsternis umhüllt, die sich ein Ventil sucht – und manchmal auch findet.

Rolf, vierzehn Jahre, wurde von seinen Eltern verhätschelt, verwöhnt und doch nur oberflächlich ins Familienleben mit einbezogen, geradezu seelisch vernachlässigt – bis er einen Weg findet die Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf sich zu ziehen.

Nachdem die unvergessene Katharina Ledermacher den Polizeidienst als Oberkommisssarin quittiert hat, ist sie nun als Privatdetektivin tätig und hat es, in „Kelsterbachs Lieblinge“, gleich mit einer reichlich anstrengenden Klientin zu tun. Ihr Auftrag sieht auf den ersten Blick einfach und ungefährlich aus, aber auf den zweiten …

Sollte der Mensch Gott spielen? Fast alle sind sich einig, er sollte es lassen und doch versucht er es immer wieder! Meist mit fatalen Folgen.

Lösungen gibt es nicht nur für die spannenden und hintergründigen Geschichten dieses Bandes – ob sie nun, scheinbar, Kriminalgeschichten sind oder, scheinbar, keine.






INHALT:


WEIHNACHTEN

KELSTERBACHS LIEBLINGE

GOTT






Weihnachten


1.


Im großen Wohnraum brannte nur die Stehlampe am Bücherregal. Die schweren Fenstervorhänge waren zugezogen. Selten kamen von der Straße Geräusche: ein Auto, das im Schneematsch vorbeifuhr, ein Eisentor, das vor der Nachbarvilla geschlossen wurde.

Der Junge ging langsam vom klobigen, fast leeren Schreibtisch des Vaters durch den ganzen Raum, mit dem linken Fuß immer auf dem Teppich, mit dem rechten auf dem Parkett, an Rauchtisch, Fernseher, Sofa und Sesseln vorbei und durch eine geöffnete Schiebetür auf die überdachte, verglaste Terrasse.

Zwischen den Topfpflanzen seiner Mutter presste er das Gesicht an die kühle Scheibe, blickte hinaus in die Nacht, auf den Garten, der weiß schimmerte unter den Schatten der Äste des Kirschbaums.

Dann drehte sich der Junge um, ging langsam zurück zum Schreibtisch, wobei er darauf achtete, dass diesmal der rechte Fuß immer auf dem Teppich blieb, der linke auf dem Parkett. Am Schreibtisch drehte er sich um und ging wieder zur Terrasse, die von seinen Eltern Wintergarten genannt wurde.

Im Vorübergehen schaltete er den Fernseher an. Als er vom Wintergarten zurückkam, sagte ein Ansager gerade: … brachten wir in unserer Musik zum Vorweihnachtsabend das Brandenburgische … und er schaltete den Apparat wieder aus.

Wie lange er schon zwischen Schreibtisch und Wintergarten hin- und hergegangen war, wusste er nicht, als er plötzlich stehenblieb, weil draußen ein Auto durch den Schnee klatschend näher kam und vor dem Haus hielt.

Regungslos hörte er, wie die Autotüren zugeschlagen wurden. Er wartete. Wenig später hörte er Schritte auf der steinernen Vortreppe, dann das Geräusch des in der Haustür herumgedrehten Schlüssels. Dann das Öffnen der Tür, die Stimme einer Frau: „Wart, ich tu’s grad in die Küche.“

Der Junge nahm das Gewehr von der Schulter, entsicherte es mit geübtem Griff. Er hörte, wie ein Küchenstuhl rutschte. Gleich darauf die männliche Stimme, näherkommend:

Zerscht ein Whisky, dann fahr ich den Wagen in die Garasch.“

Der Junge sah, wie die Wohnzimmertür nach innen geöffnet wurde. Er hob das Gewehr und schoss genau in dem Moment, als der Mann in der Tür erschien, vom hellen Dielenlicht beleuchtet.

Der Mann im offenen Mantel sah ihn verwundert an. Er hatte ein Loch in der Stirn, zwischen den Augen. Seine Lippen zuckten. Nach einer Sekunde brach er zusammen. Sein Kopf schlug erst gegen den Türrahmen, dann aufs Parkett. Wo der Mann gestanden hatte, erschien jetzt keuchend die Frau, hob die Hände aus den weiten Ärmeln ihrer Pelzjacke und schrie: „Rolfi! Mein Gott!“

Der Junge zielte sorgfältig und schoss zum zweiten Mal.

Die Frau seufzte, verdrehte die Augen, fiel um. Der Junge blieb noch einen Moment in Schussstellung, aber weder der Mann noch die Frau regten sich. Er schluchzte, warf das Gewehr auf den Teppich, rannte aus dem Wohnzimmer in die Diele und sofort wieder zurück ins Wohnzimmer, wälzte den Mann herum, suchte in Mantel und Anzugtaschen, fand den Autoschlüssel, rannte türenschlagend aus dem Haus, zum Auto, stieg ein, startete ungeschickt und fuhr, zunächst stockend, dann mit hoher Tourenzahl, davon.



2.


So“, sagte der Kriminalrat, als er am nächsten Vormittag das Dienstzimmer der Abteilung für Kapitalverbrechen betrat, „dieser Fall wäre erledigt.“ Er versuchte vor seiner Assistentin zu verbergen, dass sein Herz zu schnell schlug und das Ein- und Ausatmen ihm Mühe machte. „Die Kollegen haben den Jungen an der Schweizer Grenze geschnappt, wie zu erwarten.“

Er war zweiundsechzig, untersetzt, etwas füllig, und das Dienstzimmer lag im dritten Stock des Polizeigebäudes. Einen Fahrstuhl gab es nicht. Den würde es erst im neuen Polizeigebäude geben. Aber das sollte nicht vor dem übernächsten Jahr bezugsfertig sein. Er würde es sich dann vermutlich als Rentner von einer Bank im Stadtpark aus ansehen können.

In dieser Stadt, hatte er kürzlich auf einer trostlosen Premierenfeier dem Leiter des Theaters erklärt, haben Schauspieler und Polizisten eins gemeinsam: ihre Ensembles bestehen nur aus jungen, hoffnungsvollen Leuten, die von hier ihre Karriere starten wollen, und aus alten, resignierten Kollegen, die hier hängengeblieben sind. Dazwischen gibt es nichts. Fähige Leute in den besten Jahren arbeiten hier nicht auf der Bühne oder im Polizeigebäude, sondern für die ortsansässige holz- und leichtmetallverarbeitende Kleinindustrie. Und er hatte hinzugefügt: Sie scheinen was los zu haben. Hoffentlich kündigt Ihnen die Stadtverwaltung bald. Dann wird gewiss was aus Ihnen.

Der Kriminalrat ließ sich auf den hölzernen Schreibtischsessel fallen und betrachtete das blasse, angestrengt wirkende Gesicht der jungen Frau, die ihm gegenübersaß.

Ihr Schreibtisch war Kopf an Kopf gegen seinen gestellt und im Moment mit Tonbändern und Notizen überhäuft. Neben ihr auf einem wackligen Stuhl lief ein transportables Tonbandgerät, von dem die frühen Rolling Stones zu hören waren mit „My dear Lady Ann, I do what I can …“. Sie stellte es ab. Aus einer fast leeren Thermoskanne goss sie den letzten Kaffee in zwei Tassen, schob eine durch die Tonbänder hindurch dem Kriminalrat hin.

Er liebte es, wenn sie ihm gegenübersaß und Kaffee einschenkte. Wenn sie stand, war sie einen halben Kopf größer als er. Außerdem fand er ihre blonden Haare zu kurz geschnitten, ihre Nase zu dünn, die Lippen zu voll, die Augen zu kühl. Und wenn sie neben ihm ging, hatte sie einen schnelleren Schritt als er.

Aber wenn sie Kaffee einschenkte und Zucker umrührte, war ihr Gesicht etwa in der Höhe seines Gesichts. Dann erschien ihm ihre Nase zart, der Mund ausdrucksvoll, die Haare schienen ihm nicht mehr zu kurz, und die weichen, von ihm „fraulich“ genannten Bewegungen ihrer Arme beglückten ihn.

Solche Beglückung hatte er, abgesehen vom Kaffee, nötig. Die letzten sieben Stunden waren unangenehm gewesen. Beamte der Verkehrspolizei hatten heute früh gegen vier Uhr erst seine Assistentin, weil sie näher wohnte, dann fünf Kilometer weiter ihn aus dem Schlaf geklingelt. Anlass: Eine halbe Stunde nach Mitternacht war ein großer BMW auf der Hauptstraße ins Schaufenster einer Drogerie gerast, und die Beamten hatten keinen Fahrer vorgefunden.

Weshalb sie über drei Stunden brauchten, um die Adresse des Fahrzeughalters ausfindig zu machen, war nicht festzustellen gewesen.

Der Kriminalrat, verärgert, hatte bisher keine Zeit gehabt, die Beamten nachdrücklich zu befragen. Da er ihre Gewohnheiten kannte, vermutete er, dass sie nicht nüchtern gewesen waren, als sie den Unfall aufnahmen, und einfach Zeit gebraucht hatten, um in der Lage zu sein, einen der Fahrerflucht Verdächtigen aus seiner Wohnung zu holen, ohne sich dabei zu blamieren.

Nachdem sie die beiden Leichen gefunden hatten, waren sie immerhin in Trab gekommen. Trotzdem, wertvolle Zeit war verschwendet worden, und da infolge noch nicht geglückter Rationalisierungsmaßnahmen und unübersichtlicher Ressortumschichtungen der Kriminalrat im Moment nicht nur als Leiter der örtlichen Kriminalpolizei fungierte, sondern gleichzeitig, wegen unbesetzter Planstellen, auch als einziger Zuständiger für Kapitalverbrechen, war ihm sofort klar gewesen, dass er innerhalb von wenigen Stunden zu einem Ergebnis kommen musste, wenn er nicht während der Feiertage mit zwei Leichen und einem flüchtigen Jugendlichen beschäftigt sein wollte.

Also hatte er noch vor fünf Uhr früh mit der persönlichen Befragung der Personen begonnen, die für die Aufklärung wichtig sein konnten. Das bedeutete, an einem nassen, düsteren Wintermorgen in einem kalten Auto mehrere Male quer durch die Stadt zu fahren. Es bedeutete, jäh geweckten, verärgerten, entsetzten Menschen präzise Fragen zu stellen, ihnen keine Zeit zum Nachdenken zu lassen und trotzdem auf klaren Antworten zu bestehen.

Nachdem er auf diese Weise in verschiedenen Stadtteilen einige zur Weihnachtsfreude nicht mehr recht fähige Bürger zurückgelassen hatte, war er müde ins Polizeigebäude zurückgekehrt.

Die letzten anderthalb Stunden hatte er sich dann im Labor und im Zimmer des Leiters der Kriminalpolizei im ersten Stock aufgehalten, zwischen Telefonaten und minutenweise auf einer nach Chemie stinkenden Kunstlederliege ruhend.

Während dieser ganzen Zeit war die Assistentin im Büro mit dem Abhören von siebzehn Tonbändern beschäftigt gewesen, die im Zimmer des Jungen gefunden worden waren, neben einem auf Aufnahme geschalteten Tonbandgerät.

Die hektische Untersuchung hatte den Kriminalrat fröhlich gestimmt. Außerdem hatte er sich noch, bevor er schließlich ebenfalls ins Büro hinaufstieg, vor einem Spiegel im Labor rasiert.

Sein Gesicht entsprach schon in ausgeruhtem, urlaubsgebräuntem Zustand nicht seinem männlichen Schönheitsideal. Von den heute sehr bleichen und besonders faltigen Wangen mit der klobigen, großporigen Nase und den entzündeten Augenlidern darüber, hatte er sich nur abwenden können.

Das Beste an ihm, fand er immer, waren seine vollen Paul-Hörbiger-Haare, mit dem interessanten Silberweiß an den Schläfen.

Er strich sich mit der linken Hand über die Haare, nahm mit der rechten den Kaffee, trank einen Schluck und meinte zufrieden: „Ja, Helga, Weihnachten ist gerettet.“

So?“, fragte Helga, trank in einem Zug ihre Tasse leer und sah nach, ob noch Kaffee in der Thermoskanne war. Die Kanne war leer.

Der Kriminalrat trank einen weiteren Schluck; er fühlte sich jetzt in der Lage, mehrere Sätze hintereinander zu reden, ohne in Atemnot zu geraten.

Natürlich konnte der Junge mit Papas Auto nicht umgeh’n“, erklärte er. „Schon gar nicht bei den augenblicklichen Straßenverhältnissen. Übrigens hat ihn ein Nachtwächter weglaufen sehen. Und im Auto sind Blutflecken gefunden worden. Entweder hat er sich beim Aufprall verletzt, oder es ist Blut von seinen Eltern. Werden wir gleich wissen.

Nachdem er also das Auto ins Schaufenster gefahren hatte, nahm er sich eine Taxe nach Stuttgart, zum Flughafen. Der verkrampft wirkende Junge mit dem getrockneten Blut an den Händen ist immerhin einigen Leuten aufgefallen. Auf die Idee, die Kollegen von der Flughafenpolizei zu verständigen, kam natürlich niemand.

Man wundert sich doch bei der heutigen Jugend über nichts mehr, erklärte mir ein Flugleiter am Telefon. Wörtlich. Als der Junge hörte, dass kein Flugzeug mehr startet – egal wohin , hatte er gesagt, da fragte er: „Wann werden hier eigentlich die Mülleimer geleert?“

Wann die Mülleimer geleert werden?“, wiederholte Helga.

Der Kriminalrat nickte, trank wieder einen Schluck Kaffee.

Als er hörte: morgens um fünf, da antwortete er nicht, nahm sich eine andere Taxe und fuhr nach Konstanz. Ja. Hatte eine Menge Geld bei sich, rund zweitausend.

Blöder Hammel. Seine Eltern umzulegen wegen der paar Mark. Und ausgerechnet Weihnachten.“

Ich habe inzwischen elf Bänder abgehört“, sagte Helga.

Und?“

Helga zuckte die Schultern.

Musik, Gesang, Freunde, Freundinnen. Kinderkram. Aber mir ist einiges nicht klar.“

Ach was. Mir genügt, wir haben ihn, er war’s und wir wissen, warum er’s gemacht hat. Sie brauchen die restlichen Bänder nicht mehr abzuhören. Und alles andere kann nach Weihnachten geklärt werden. Bloß, die in Konstanz waren leider übereifrig. Die fahren uns den Jungen mit drei Kollegen her.“

Jetzt noch?“

Der Kriminalrat seufzte.

Sind schon unterwegs. Wenn sie sich beeilen, sind sie spätestens um achtzehn Uhr zurück in Konstanz. Gerade rechtzeitig zur Weihnachtsgans. Es ist klar, die wollen den Jungen vor den Feiertagen wieder loswerden. Dabei habe ich ausdrücklich erklärt, zu Weihnachten ist bei mir nichts drin. Absolut nichts.“

Weil Sie ihn auch los sein wollten“, sagte Helga. „Weil Sie froh waren, dass die Konstanzer ihn hatten.“

Der Kriminalrat lächelte.

So ist es, Helga.“ Er stand auf. „Ich muss seh’n, dass ich dies verdammte Parfüm noch kriege, das meine Frau immer haben will und das ich letztes Mal vergessen habe. Da war sie deprimiert bis Mitte Januar. Diesmal hätte ich’s beinah schon wieder vergessen. Also, räumen Sie die Bänder beiseite, erledigen Sie den restlichen Routinekram und Feierabend. Ich schau mittags noch mal rein.“

Helga rührte sich nicht.

Ich weiß nicht, warum er’s gemacht hat“, sagte sie.

Der Kriminalrat sah sie an.

Hören Sie, Helga.“

Oder warum ihn Mülleimer auf einem Flugplatz interessieren“, setzte sie hinzu.

Nach Weihnachten“, sagte er. „Bitte, Helga.“

Ich höre die restlichen Bänder jedenfalls noch durch“, sagte Helga.

Der Kriminalrat seufzte, stand auf und ging zur Tür.

Ich habe unten einen vorläufigen Bericht gesprochen, als Gedächtnisstütze. Wenn Sie unbedingt weitermachen wollen, hören Sie sich erst mal das an.“

Er zog aus der ausgebeulten Tasche seines Jacketts einen Kassettenrecorder, schob ihn Helga hin.

Und geben Sie’s dann Frau Mehl zum Abschreiben. Bis gleich.“

Damit hatte er, jovial winkend, das Büro schon verlassen.

Helga zündete sich eine Zigarette an, stand auf und ging ein paarmal hin und her, um ihren schmerzenden Rücken zu entspannen. Dann drückte sie die Taste des Recorders und setzte sich auf die Fensterbank. Sie hatte die asthmatische Stimme des Kriminalrats mitten im Satz beginnen lassen. Aber sie ließ das Band der Kassette nicht bis zum Anfang seines Berichtes zurücklaufen. Sie blieb auf der Fensterbank sitzen und hörte ruhig rauchend zu.

„… sowie Lage der Leichen und Wohnungsplan auf beigefügter Skizze. Mutmaßlicher Täter: Rolf Schoberer, vierzehn Jahre, elf Monate. Vater: Franz Schoberer, fünfundvierzig Jahre, Firmeninhaber. Mutter: Claramaria in einem Wort, Clara mit C, geborene Wilke. Fünfunddreißig Jahre. Der Vater wird als ernst und verantwortungsbewusst geschildert, aber durchaus aufgeschlossen gegenüber den Problemen des modernen Lebens. Er ist im Vorstand der Lukas-Gemeinde. Das Verhältnis zu seinem einzigen Sohn Rolf war, nach übereinstimmenden Aussagen von Pfarrer, Lehrern und Nachbarn, gut.

Als Rolf anfing, Gitarre zu spielen, schenkte ihm der Vater ein Bandgerät, damit Rolf seine Fortschritte kontrollieren könne. Siehe Aussage von Frau Bender. Dem Vater lag jedoch daran, dass sein Sohn nicht dem modischen Trend zur Verweichlichung erliege – in diesem Sinn soll er sich einmal geäußert haben. Siehe Aussage von Pfarrer Hubert. Also nahm er Rolf schon früh mit auf die Jagd, er hatte auf der Rauen Alp bei Münsingen zusammen mit dem Rechtsanwalt Wöhrmann ein Revier gepachtet.

Nachmittags, im Sommer, wenn das Wetter es erlaubte, schossen er und Rolf im Garten seines Hauses mit Kleinkalibergewehren auf Scheiben, nicht immer zum Vergnügen der Nachbarn.

Beide waren Mitglieder im Tennisclub Blauweiß.

Die Mutter wird als ruhige, freundliche Frau geschildert.

Es scheint, die Eltern haben sich gut ergänzt, die Ehe wurde allgemein als vorbildlich angesehen. Mutmaßlicher Tathergang: Schoberer und seine Frau hatten am Nachmittag des 23. Dezember gegen achtzehn Uhr letzte Weihnachtseinkäufe getätigt und dabei Freunde getroffen, mit denen sie im Restaurant Ebermayer anschließend zu Abend aßen. Zeugen: Dr. Clemens Wöhrmann und Frau.

Rolf hatte die Zeit von etwa achtzehn bis kurz vor einundzwanzig Uhr im Zimmer seines Freundes Anton Bender verbracht. Zeugenaussagen von Anton Bender und seiner Mutter liegen vor.

Frau Bender brachte in der fraglichen Zeit die beiden kleinen Schwestern von Anton zu Bett und schmückte anschließend den Weihnachtsbaum.

Die beiden Jungen hatten geraucht, jeder eine Flasche Bier getrunken und Schallplatten gehört. Kein Indiz auf Haschisch oder Marihuana-Konsum.

Anton Bender bestreitet glaubhaft eine Verabredung zwischen ihm und Rolf Schoberer, sich Geld zu beschaffen, um gemeinsam von zu Hause zu fliehen. Sie hätten sich nur, wie schon oft, lustig gemacht, über Weihnachten, über den ganzen Verkaufsrummel, aber sie hätten doch mit Unbehagen festgestellt, dass sie jetzt mit ihrer Weigerung, Eltern oder Geschwistern auch nur die geringste Kleinigkeit zu schenken, ziemlich blöde dastünden.

Vor allem, wo sie ihr ganzes Taschengeld sozusagen vorsätzlich für Kino, Schallplatten und Zigaretten ausgegeben hätten, um nicht in letzter Minute noch in Versuchung zu geraten, doch Geschenke zu kaufen.

Möglicherweise ist hier das auslösende Motiv zu suchen.

Jedenfalls hat Rolf nach seiner Rückkehr gegen einundzwanzig Uhr dreißig den Schreibtisch seines Vaters aufgebrochen. Sicher hatte er ursprünglich gehofft, die Spuren dieses Einbruchs beseitigen zu können. Aber er muss sich sehr ungeschickt angestellt haben. In der Nähe des Schlosses der rechten Schreibtischtür sind große Stücke Holz abgesplittert, das Schloss selbst ist stark beschädigt.

Das Geld lag wohl griffbereit, denn im Innern der einzelnen Schreibtischfächer ist keine Unordnung festzustellen. Es ist anzunehmen, dass Rolf ursprünglich nur eine relativ bescheidene Summe stehlen wollte, eben ausreichend für ein paar Geschenke.

Nach den irreparablen Beschädigungen, die ihm beim Einbruch unterliefen, war ihm klar, dass nichts ihn davor bewahren konnte, vor seinen Eltern als Dieb dazustehen. Diese Schande wollte er nicht auf sich nehmen.

Erst in diesem Augenblick wird er sich zur Flucht von zu Hause entschlossen und das ganze Geld, das er im Schreibtisch vorfand, an sich genommen haben. Laut Aussage des Prokuristen Emminger der Firma Schoberer hielt Franz Schoberer immer rund zweitausendfünfhundert Mark in bar, in seiner Wohnung, für besondere Fälle.

Es ist anzunehmen, dass Rolf die Absicht hatte, auf Band seinen Eltern eine letzte Botschaft zu hinterlassen, vielleicht sogar, sie um Verzeihung zu bitten. Aber dann wusste er nicht, was er sagen sollte.

Plötzlich, wahrscheinlich gegen zweiundzwanzig Uhr, hörte er die Eltern kommen, vergaß, das Bandgerät abzustellen, eilte hinunter, griff panisch zum Gewehr des Vaters, erschoss Vater und Mutter und floh. Die Eltern sollten lieber tot sein als den aufgebrochenen Schreibtisch sehen.“ Nach einer Pause und einem Räuspern folgte der Satz:

Bitte abschreiben, aber noch nicht zu den Akten nehmen.“

Helga rutschte vom Fensterbrett und stoppte den Recorder. Sie überlegte, drückte die Zigarette aus, schaltete auf Aufnahme und sagte:

Fragen zum Bericht des Kriminalrats.

Erstens. Auf dem Tonband, das in Rolfs Zimmer lief, haben wir im ersten Drittel nah einige Geräusche, Atmen, Schritte, dann Türöffnen oder ‑schließen, dann lange Zeit nichts, dann, entfernt, aber deutlich, die beiden Schüsse, die unten im Wohnzimmer abgegeben wurden.

Wenn Rolf erst bei Rückkehr der Eltern panisch aus dem Zimmer gestürzt wäre, hätten wir das ebenfalls hören müssen. Ist nicht vielmehr anzunehmen, dass Rolf schon kurz nach Einschalten des Tonbandgeräts, als ihm, unterstellen wir das also mal, nichts einfiel, dass er da schon hinuntergegangen war, sich aus dem Schrank in der Diele das Gewehr geholt und mit dem Gewehr unter dem Arm auf die Rückkehr der Eltern gewartet hatte?

Zweitens. Warum fragt er auf dem Flugplatz, wann die Mülleimer geleert werden? Was wollte er so schnell und so sicher wie möglich loswerden? Die zweitausend Mark? Musste er deshalb auf den Flugplatz?

Drittens. Wenn er mit dem Auto seines Vaters nicht umgehen konnte, was hat er …“

Die Tür wurde aufgerissen, der Kriminalrat kam mit verdrießlichem Gesicht zurück. Er atmete, als hätte er es inzwischen immerhin bis zum ersten Stock gebracht. Helga sah ihn an und fuhr fort: „was hat er von zweiundzwanzig bis nach vierundzwanzig Uhr mit dem Auto gemacht? Wo ist er gewesen?“

Ja“, sagte der Kriminalrat. „das sind kluge Fragen.“ Er stand da und atmete.

Wir sollten den Bericht noch nicht zum Abschreiben geben.“ Helga schaltete den Recorder aus und reichte ihn dem Kriminalrat.

Nein“, sagte der Kriminalrat, „das sollten wir besser nicht.“ Ihm missfiel, wenn sie wie eine Krankenschwester mit ihm redete. Aber er hatte es ihr nicht abgewöhnen können. Er steckte den Recorder umständlich wieder in seine Jackentasche. „Ich bin Malsch begegnet. Die zuverlässigste Verbindung zwischen den einzelnen Abteilungen dieses Hauses ist ja wohl nicht das Telefon, sondern die Treppe.“

Er machte eine Pause, atmete, fuhr fort: „Die Konstanzer haben das Ergebnis der Blutuntersuchung durchgegeben. Malsch hat das geprüft. Danach ist das Blut an Rolfs Händen wahrscheinlich identisch mit dem Blut im Auto. Aber mit Sicherheit ist es weder sein Blut noch das Blut seiner Mutter noch das Blut seines Vaters. Es ist auch kein tierisches Blut. Vielleicht war der Junge noch in einer Kneipe, hat Streit gehabt. Neumann ist hinter der Sache her.“

Also?“, fragte sie, und das kurze Wort sprach sie ganz leicht, ganz obenhin aus. Das wirkte sachlich, unemotional. Manchmal amüsierten den Kriminalrat Helgas kurze Einwürfe, manchmal gingen sie ihm auf die Nerven. Er lächelte.

Also werden Sie tun, was Sie ohnehin tun wollten. Weiterhin Bänder abhören. Vielleicht erfahren wir was.“

Und Sie?“

Ich war noch nicht in der Drogerie. Da ist es mit dem Weihnachtsgeschäft zu Ende. Vielleicht lassen mir die Leute, die jetzt in den Trümmern wühlen, das Parfüm ein bisschen billiger. Übrigens“, setzte er hinzu, indem er die Tür öffnete, „ich habe noch was auf der Treppe erfahren. Nämlich, dass der Besitzer der Drogerie gestern Nacht, bei der Unfallaufnahme, ausgesagt hat, er kennt das Auto, das in seinem Laden gelandet ist.“



3.


Herr Edgar Palz …“, sagte der Kriminalrat, als er eine Stunde später zurückgekehrt war, hinter dem Schreibtisch Platz genommen, seine Atmung unter Kontrolle gebracht und aus der inzwischen von Helga wieder aufgefüllten Thermoskanne einen heißen Kaffee erhalten hatte. Herr Edgar Palz, Inhaber der Palzschen Drogerie, erinnert sich deshalb so gut an das Auto, weil es mit einer ungewöhnlichen Anzahl von Scheinwerfern bestückt war. Vier Normalscheinwerfer, zwei Nebelleuchten, ein beweglicher großer Suchscheinwerfer. Mit diesem Auto kam gelegentlich eine junge Frau vorgefahren, nach der Beschreibung Rolfs Mutter. Sie tätigte ein paar Einkäufe und schwatzte bei der Gelegenheit mit einer Angestellten von Herrn Palz, einer gewissen Lieselotte Sebold, vierundzwanzig Jahre, unverheiratet. Herr Palz hatte den Eindruck, dass beide Damen befreundet waren. Denn seit er Fräulein Sebold vor etwa sechs Wochen entlassen hat, hat er auch Frau Schoberer nicht mehr gesehen.“

Und warum hat er sie entlassen?“, fragte Helga und rührte mit den vom Kriminalrat so geschätzten fraulichen Bewegungen im Kaffee.

Weil sie nach der Geschäftszeit im Fotolabor pornographische Fotos entwickelt hat, wie er behauptet.“

Ach“, sagte Helga.

Ja. Palz sagt, er sei tolerant, und jeder könne privat machen, was er wolle, aber er wünsche nicht, dass seine Drogerie zu so was benutzt würde. Er hat zufällig einen Abzug gefunden, der Fräulein Sebold nackt und in obszöner Haltung zeigte. So drückte er sich aus.“

Hm“, machte Helga.

Und Palz fand auch, dass zu viele junge Männer in die Drogerie kamen, um mit Fräulein Sebold zu schwatzen.“

Aha“, sagte Helga.

Ja. Aber Herr Palz legt Wert auf die Feststellung, dass er sich im Guten von Fräulein Sebold getrennt habe.“

So“, sagte Helga.

Zum Beispiel hat er ihr die Weihnachtsgratifikation ungekürzt ausgezahlt. Und benutzt mit Fräulein Sebolds Einverständnis weiterhin den automatischen Anrufbeantworter, den sie besprochen hat. Weil sie, wie Palz sagt, über eine angenehme, zum Kauf animierende Stimme verfügt. Sehr viele Kunden nämlich rufen bei ihm an und geben Bestellungen auf und vergessen immer wieder, sagt er, dass er wegen Personalmangels Dienstagnachmittag geschlossen hat.“

Personalmangel. Und dann schmeißt er die Sebold mit der Sexy-Stimme raus.“

Ja, Helga. Was machen wir nun mit alldem? Ich hab’s Ihnen so ausführlich erzählt, weil ich hoffte, Ihnen fällt was ein.“

Hm.“ Helga hörte auf, im Kaffee zu rühren, und sog ihn mit einem einzigen Zug aus der Tasse.

Außer hm, ach und aha. Es sieht nämlich so aus, als sei das schöne Auto mit den sieben Scheinwerfern vorsätzlich durch die Schaufensterscheibe gefahren worden.“

Dem Kriminalrat gefiel die Art, wie Helga Kaffee trank, überhaupt nicht. Die war ihm zu männlich. Aus dem gleichen Grund gefiel ihm nicht, wenn sie, wie jetzt wieder, stumm vor ihm saß, ausdruckslos an ihm vorbei aus dem Fenster sah und ohne ästhetische Rücksicht ihre kurzen Haarsträhnen zwischen den Fingern der rechten Hand zwirbelte.

Plötzlich langte er sich das Telefon, kramte in der Hosentasche nach einem Zettel mit einer Nummer, las ab und drehte die Wählscheibe.

Ich hätte Palz fragen sollen“, murmelte er, „ob Frau Schoberer vielleicht nicht auch mal mit ihrem Sohn in die Drogerie gekommen ist. Verdammt!“, sagte der Kriminalrat, während das Rufzeichen so laut aus dem Hörer kam, dass Helga es deutlich hörte, „Verdammt, das hätte ich nicht vergessen dürfen.“

Eine sanfte Mädchenstimme meldete sich: „Hier automatischer Anrufbeantworter der Drogerie Palz. Liebe Kundin, lieber Kunde, leider haben wir heute Nachmittag geschlossen.“

Na ja“, sagte der Kriminalrat, „da muss ich eben Neumann hinschicken. Und sexy finde ich die Lieselotte ja nun gar nicht.“

Er wollte den Hörer auf die Gabel werfen. Aber Helga hielt seinen Arm fest. „Die Stimme kenn ich.“

Vielleicht haben Sie bei Palz mal dienstagnachmittags angerufen“, sagte der Kriminalrat.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909555
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366509
Schlagworte
finsternis

Autor

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