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Gekröntes Haupt inkognito

Königshaus Norland #10

©2017 120 Seiten
Reihe: Königshaus Norland, Band 10

Zusammenfassung

Der junge Kronprinz von Skanderhagen, Lars Magnus, ist mit seinem Freund Graf Jesko von Jaswingen auf einer Kreuzfahrt – aber völlig inkognito. Es soll ein Junggesellenabschied werden, denn Lars ist mit Engelcke von Groenen verlobt und wird sie bald heiraten. Diese Kreuzfahrt ist somit die letzte Chance, einfach ein paar Wochen zu entspannen und die ganzen offiziellen Hochzeitsvorbereitungen wenigstens für kurze Zeit zu vergessen. Deshalb nennt er sich während dieser Kreuzfahrt auch Leif Magnusson, damit er inkognito bleiben kann.
Ausgerechnet jetzt begegnet Lars der schönen Desiré, die als Animateurin in einem Club arbeitet. Die beiden verlieben sich ineinander, und diese Liaison wird noch verhängnisvolle Folgen haben. Denn Desiré weiß noch nicht, wer der Mann ist, für den ihr Herz schlägt. Ein Kronprinz und eine Bürgerliche – ob das wirklich ein Happy-End findet?

Leseprobe

Gekröntes Haupt inkognito


Ein Roman um Liebe, Adel und Intrigen von EARL WARREN



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Konrad Bak/ 123RF, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Der junge Kronprinz von Skanderhagen, Lars Magnus, ist mit seinem Freund Graf Jesko von Jaswingen auf einer Kreuzfahrt – aber völlig inkognito. Es soll ein Junggesellenabschied werden, denn Lars ist mit Engelcke von Groenen verlobt und wird sie bald heiraten. Diese Kreuzfahrt ist somit die letzte Chance, einfach ein paar Wochen zu entspannen und die ganzen offiziellen Hochzeitsvorbereitungen wenigstens für kurze Zeit zu vergessen. Deshalb nennt er sich während dieser Kreuzfahrt auch Leif Magnusson, damit er inkognito bleiben kann.

Ausgerechnet jetzt begegnet Lars der schönen Desiré, die als Animateurin in einem Club arbeitet. Die beiden verlieben sich ineinander, und diese Liaison wird noch verhängnisvolle Folgen haben. Denn Desiré weiß noch nicht, wer der Mann ist, für den ihr Herz schlägt. Ein Kronprinz und eine Bürgerliche – ob das wirklich ein Happy-End findet?





Roman:

»Marseille liegt hinter uns, Skanderhagen ist weit weg«, sagte der Kronprinz Lars Magnus, »und ich fühle mich wie ein anderer Mensch. Aber ich kenne meine Pflicht. Wenn diese Kreuzfahrt zu Ende ist, dazu noch der Urlaub im Club auf Barbados, werde ich Engelcke von Groenen pflichtschuldigst meinen Heiratsantrag und sie zu meiner Prinzessin machen.«

Graf Jesko von Jaswingen, sein bester Freund, schlug ihm auf die Schulter.

»Zieh nicht so ein betrübtes Gesicht, Lars. Es gibt Schlimmeres, als eine Schönheit wie Engelcke zu heiraten und König von Skanderhagen zu werden.«

Die beiden Männer standen auf dem Sonnendeck des Kreuzfahrtschiffs »Reine de mer«. Der lärmerfüllte, von Leben brodelnde Hafen von Marseille blieben hinter dem schneeweißen Luxusliner zurück. Es war Frühling, Möwen flogen über dem 45.000 Bruttoregistertonnen fassenden Schiff mit den zwölf Decks, Messe, Fitnesscenter, Sporteinrichtungen, Swimmingpools, Theater, Casino, Theater, Oper, Kino, Disco und Ballsaal an Bord. Es war eine Stadt oder ein Ferienort für sich.

Sechs Fahrstühle regulierten den Betrieb zwischen den einzelnen Decks. Den 1.600 Passagieren standen jeglicher Luxus und alle möglichen Freizeiteinrichtungen zur Verfügung. Entertainer und Animateure und Animateurinnen sorgten für die Unterhaltung. Niemand sollte sich langweilen, die Fahrt durchs Mittelmeer und über den Atlantik nach Barbados, wo der Aufenthalt in einem Club vorgesehen war, sollte ein Highlight sein.

Lars Magnus, der 25jährige Kronprinz von Skanderhagen, einem kleinen Königreich mit konstitutioneller Monarchie, hatte die Urlaubsreise als Abschluss seines Junggesellendaseins geplant. Sein gleichaltriger Freund stand mit ihn an der Reling.

»Warum hast du Engelcke nicht zu der Schiffsreise mitgenommen?«, fragte er. »Wollte sie nicht daran teilnehmen?«

»Sie hätte schon gewollt.« Lars Miene war unglücklich. »Aber ich nicht. Es fiel mir schwer, eine Ausrede zu finden, die sie nicht kränkte.«

Jesko wurde hellhörig.

»Ich dachte, ihr liebt euch. Engelcke ist eine Traumfrau. Blond, blauäugig, bildschön. Sie hat eine hinreißende Figur und ist eine strahlende Erscheinung. Sie spricht fünf Sprachen…«

»Nicht alle perfekt. Spanisch kann sie mehr schlecht als recht, gibt jedoch an, sie würde darin perfekt sein.«

»Woher weißt du das? Du kannst doch selbst kein Spanisch?«

»Ich spreche Skanderhagisch, Englisch und Französisch. Dazu Schwedisch, Norwegisch und Dänisch. Spanisch nicht, ich habe jedoch eine Natural Speakerin gefragt.«

»Nun ja, dann ist ihr Spanisch nicht perfekt, doch was stört dich daran? Du willst dich doch nicht in der Sprache mit ihr unterhalten?«

»Nein. Engelcke, deren Vorzüge du erwähntest, ist die perfekte zukünftige Königin für Skanderhagen. Gesund, sportlich, charmant, gebildet. Sie studiert Kunst und Architektur. Strahlend.«

»Du sagst das mit saurer Miene.«

»Sie ist mir einfach zu perfekt und zu ehrgeizig. Ich weiß nicht, ob sie mich überhaupt als Mann und als Mensch liebt. Sie will einfach Königin von Skanderhagen werden.«

Jesko lehnte sich mit dem Rücken an die Reling und schaute seinen Freund an. Lars nahm inkognito an der Kreuzfahrt teil, nämlich unter dem Namen Leif Magnusson. Jesko reiste unter seinem richtigen Namen. Lars von Skanderhagen war Einsneunzig groß, dunkelblond und athletisch, ein Bild von einem Mann. Braungebrannt, sportlich und muskulös. In seinem gut aussehenden, markanten Gesicht, das von Charakter zeugte, fielen die hellblauen Augen auf.

Er sah aus wie ein Wikinger. Für die Kreuzfahrt, um unerkannt zu bleiben, hatte er seinen kurzen Bart abgenommen, den er sonst trug, und seine lange Mähne auf eine erträgliche Länge gestutzt. Sein Freund Jesko von Jaswingen hatte braunes Haar, war glattrasiert, schlank und zehn Zentimeter kleiner als der Kronprinz.

»Ich weiß wirklich nicht, was du an Engelcke auszusetzen hast«, warf er Lars vor. »Sie ist immer charmant und freundlich. Königliche Ehen wurden seit jeher mit Standesrücksichten geschlossen. Der zukünftige König von Skanderhagen kann keine X-Beliebige heiraten wie irgendein kleiner Angestellter oder auch Autohändler. Engelcke ist die einzige Tochter der Herzogsfamilie Groenen, die schon immer eine bedeutende Rolle in Skanderhagen spielte. Ihr Vater Herzog Gisbert gehört zum Kabinett des Königs. Gegen Engelckes Mutter kannst du ebenfalls keine Einwände haben. Sie sind dem Königshaus treu ergeben.«

»Mein Vater wird hoffentlich noch lange regieren«, sagte der Kronprinz. »Er ist 52, meine Mutter drei Jahre jünger. Sie können noch jahrzehntelang König und Königin sein. Ich dränge mich nicht um die Nachfolge.«

»Du bist dafür erzogen worden, König von Skanderhagen zu werden. Die Dynastie, die den Namen des Landes trägt, ist ein wichtiger Garant für die Ordnung und Stabilität dort. Solange der König regiert, oder die Königin, was Skanderhagen auch schon hatte, werden dort Gerechtigkeit und Wohlstand herrschen.«

Lars seufzte. Eine schwere Verantwortung lastete auf seinen Schultern. Von klein auf hatte er auf seinen Rang und Namen Rücksicht nehmen müssen. Ein Kronprinz von Skanderhagen tut das nicht, hatte es öfter geheißen. Und: Denke daran, wer du bist.

Jetzt erwartete man eine standesgemäße Heirat von ihm. Die Braut war ihm ausgesucht worden, aus bester Familie stammend. Fehlt nur noch, daß ich protokollgemäß einen Thronfolger zeuge, dachte der Kronprinz, dann noch ein zweites Kind, damit die Thronfolge auf jeden Fall gesichert ist, sollte einem etwas zustoßen.

»Wie hast du Engelcke davon abgebracht, dir an Bord zu folgen?«, fragte Jesko. »Sie liebt dich, verehrt dich glühend, wie man jeden Tag in der skanderhagenschen Presse lesen und in den Medien verfolgen kann.«

»Ich sagte ihr einfach, ich bräuchte ein paar Wochen für mich, ehe die offizielle Verlobung bekannt gegeben wird, von der es dann kein Zurück mehr für mich gibt. Das wäre ein schwerer Verstoß gegen die Tradition und ein Affront gegen die Herzogsfamilie Groenen, es sei denn, ganz schwerwiegende und gravierende Tatsachen würden die Ehe vereiteln. Als da sind Verbrechen oder erbliche Geisteskrankheiten, die in unseren Häusern nicht vorkommen. Ich bat Engelcke, mich zu verstehen, denn danach würden wir uns nicht mehr trennen. Es als eine Zeit der Enklave für mich zu sehen, als Abschied von meinem Junggesellendasein. Es war nicht ganz einfach, Engelcke zu überzeugen.«

»Das kann ich mir vorstellen. Eine luxuriöse Kreuzfahrt und ein mehrwöchiger Aufenthalt in einem Urlaubsclub sind nicht gerade der richtige Ort für eine Enklave.«

Lars lächelte.

»Ich kann mich schlecht in ein Kloster zurückziehen. Oder sollte ich eine Andenexpedition starten? Auf Großwildjagd gehen? Ich mag keine Tiere erschießen. Engelcke gönnte mir nach anfänglicher Skepsis meine Auszeit.«

Jesko zögerte, die nächste Frage zu stellen.

»Seid ihr jemals zusammen gewesen? So wie Mann und Frau, meine ich?«

»Ob wir jemals zusammen geschlafen haben? Noch nicht, das lag an mir, nicht an Engelcke. Sie wusste meine Zurückhaltung, sagen wir, nicht zu schätzen.«

»Das kann ich mir bei einer reizvollen, heißblütigen jungen Frau vorstellen. Was war denn dein Grund dafür? Du bist doch sonst kein Kostverächter.«

»Ich habe meine Liebschaften immer dezent gehandhabt. Auch Engelcke ist kein total unbeschriebenes Blatt. Ich weiß nicht, was mich zurückhielt.«

Lars wusste es sehr wohl, mochte es Jesko jedoch nicht sagen. Es waren die unverhüllte Gier und der Machtanspruch in Engelckes Augen gewesen, die er wahrgenommen hatte. Ich bin deine Braut, hatten die strahlenden blauen Augen Engelckes ihm signalisiert, ihre Haltung und ihre ganze Art.

Lars war bereit, sich der Etikette zu beugen und sich an die Vorgaben seiner Eltern zu halten, die Engelcke nach dynastischen Erwägungen ausgesucht hatten. Sein Herz hatte dabei nicht gesprochen, es war nicht gefragt worden. Jedoch fünf Wochen hatte er für sich herausgeschunden, fünf Wochen, die er für sich allein haben wollte.

Engelcke war klug. Sie hatte gemerkt, dass sie ihn nicht gleich zu Anfang zu sehr vereinnahmen oder sich an ihn klammern sollte. Ein langes gemeinsames Leben stand ihnen ja bevor, das sie irgendwann auf den Thron führen sollte.

»Du wirst dich an Bord wohl nicht austoben und noch einmal ausleben wollen?«, fragte Graf Jesko den Kronprinzen.

Er wusste genau, dass Lars ein Frauentyp war.

»Das habe ich nicht vor.« Lars lächelte wehmütig. »Ich werde Sport treiben, an den Veranstaltungen teilnehmen, die es zuhauf gibt, mich amüsieren, tanzen und flirten, aber alleine im Bett liegen. Das habe ich Engelcke nicht versprochen, doch es ist zwischen uns klar.«

»Dann ist ja alles gut.«

Es war Zeit für den Mittagstisch in der Messe. Jesko wunderte sich ein wenig. Andererseits hatte jeder Mensch ein Recht auf seine Eigenheiten. Jesko führte Lars Verhalten auf harmlosen Trotz zurück. Er wollte ein paar Wochen lang unabhängig vom höfischen Protokoll sein, nicht auf Schritt und Tritt beobachtet werden, wenn er das Schloss verließ.

Er zagt, was eigentlich nicht zu ihm passt, dachte Jesko, als sein Freund ihm vorausging. Bewundernde Frauenblicke hingen an Prinz Lars, was Jesko ihm neidlos gönnte. Lars war nicht nur ein sehr stattlicher und gu taussehender junger Mann, er hatte auch eine starke, präsente Ausstrahlung.

Er trug legere, erstklassige Freizeitkleidung, genau wie Jesko.

Ein paar Wochen, dachte der junge Graf, dann wird er bereitwillig nach Skanderhagen und zu Engelcke zurückkehren, die ihn mit offenen Armen erwartet. Dann werden sie Mann und Frau sein.

Jesko irrte sich sehr.


*


Kronprinz Lars und Graf Jesko waren von Billbung, der Hauptstadt von Skanderhagen, nach Marseille geflogen. Die diplomatischen Möglichkeiten und Beziehungen des Königshauses ermöglichten es Lars leicht, unter einem anderen Namen zu reisen und die Kreuzfahrt anzutreten. Über seinen Bekanntheitsgrad gab er sich keinen Illusionen hin.

Sein Bild war des öfteren durch die Medien gegangen. Doch niemand würde erwarten, dass ein bartloser junger Mann namens Leif Magnusson, seinen zweiten Vornamen hatte er abgewandelt als Nachnamen genommen, der sich zudem noch als Norweger ausgab, der Kronprinz von Skanderhagen war. Jedenfalls war das nicht offensichtlich.

An diesem Nachmittag, auf See, sammelten sich die in Gruppen aufgeteilten Kreuzfahrtteilnehmer des Clubs Jeunebien in verschiedenen Decksräumen. Lars und Jesko gehörten zur Prominententruppe, wie sie genannt wurde, die der Kapitän, ein Südfranzose, persönlich zuerst begrüßte.

Den anderen Gruppen würde er danach seine Aufwartung machen. Danach trat der Chefanimateur an. Es gab hors ’d oeuvres und Champagner oder tropische Mixcocktails. Die Stimmung war locker, schließlich sollten Freizeit und Spaß an Bord vorherrschen.

Gleich nach dem Chefanimateur erschien eine junge Dame, die Lars sofort auffiel. Sie war schwarzhaarig und dunkeläugig, bildschön, Tochter eines italienischen Vaters und einer französischen Mutter. Quirlig und sehr vital, mittelgroß und mit einer Figur, die alle Männeraugen verlockte.

Sie trug Hot pants, die sehenswerte Beine zeigten, und ein Top mit dem eingestickten Logo des Clubs an der Brust. Sie begrüßte die Gäste dreisprachig, Französisch, Englisch und Italienisch.

»Ich wünsche euch viel Vergnügen an Bord, Mesdames et Messieurs. Wenn ihr irgendwelche Probleme habt, wendet euch jederzeit an mich oder an die anderen Animateure und Animateurinnen. Wir tun alles, um euch behilflich zu sein.«

»Wirklich alles?«, fragte ein etwas übergewichtiger junger Franzose, dessen Reichtum mit seinem Mangel an Manieren kooperierte.

Er erhielt ein paar Lacher. Lars schaute ihn vorwurfsvoll an und wunderte sich über sich selbst. Schließlich war Desiré, die Animateurin hatte sich wie an Bord üblich, wo sich alles duzte, mit ihrem Vornamen vorgestellt, durchaus in der Lage, Zudringlichkeiten selbst abzuweisen. Oder Anzüglichkeiten mit einer passenden Antwort zu bedenken.

»Fast alles«, erwiderte sie auf dem Podium, das Mikrophon in der Hand. »Jetzt wollen wir das Programm durchsprechen. Fitness und Fun sind beim Club Jeunebien angesagt. Amüsement, Flirt und Spaß. Es geht von morgens bis abends, rund um die Uhr, wer will. Für jeden ist etwas dabei. Fitnessstudio-, Sauna, Pools, Tanz und Sport, Casino…«

Sie zählte weiter auf.

»Es soll ein tolles Erlebnis für alle werden. Wir sind wie eine große Familie. Reich, jung und schön. Genieße den Tag, lautet das Motto von Jeunebien, und die Nacht auch.«

Die Zuhörer klatschten. Es gab Paare und Cliquen an Bord, weitere würden sich bilden. Überall gab es eine Hack- und Rangordnung. Viele kamen als Singles, denn der Club, wie er kurz genannt wurde, war bekannt. Nicht zuletzt deshalb hatte sich Prinz Lars für dieses Angebot entschieden. Außerdem deshalb, weil es sich um ein französisches, allerdings international frequentiertes Unternehmen handelte.

In einem nordischen Club wäre Lars nicht so leicht inkognito durchgekommen. Man verteilte nun Namensschildchen, nur mit dem Vornamen, die jeder sich ansteckte. Da gebräuchliche Vornamen öfter vorkamen, war das kein Universalmittel, erleichterte jedoch den Umgang.

Nach der Begrüßung im Salon, dessen Panoramawand man in der bereits warmen Mittelmeerbrise geöffnet hatte, folgte unter Gelächter und Scherzen die Schiffsführung. Lars, der seine Militärdienstzeit auf See abgeleistet hatte und im Rang eines Kapitänleutnants stand, schaute sich interessiert auf der Brücke um.

Er blieb noch, als die anderen schon gegangen waren und unterhielt sich mit dem 1. Offizier und dem Steuermann. Desiré holte Lars ab.

»Komm, die anderen warten schon. Du fehlst bei der Besichtigung.«

»Kann ich nicht hierbleiben und eine private Besichtigungstour haben, Desiré?«, fragte Lars, den der Teufel ritt.

Er fühlte sich frei, ganz wie sein alter ego Leif Magnusson, der Name, den er benutzte. Als Kronprinz hätte er außer im vertrautesten Kreis nie so flachsen dürfen.

Desiré schaute den baumlangen, stattlichen, gut aussehenden Mann an.

»Nein, Leif, da kann ich keine Ausnahme dulden.«

»Komm bald wieder, Leif«, sagte der 1. Offizier auf Französisch, das Lars gut, wenn auch nicht ganz akzentfrei sprach. »Du bist ein Seemann, du hast gute Kenntnisse. Wenn du dich für die Schiffsführung und die Navigation interessierst, zeigen wir dir gern, was du wissen willst. Du kannst dich auch mal ans Ruder stellen. Auf welchem Schiff bist du gewesen?«

»Ich war bei der skanderha… - der norwegischen Kriegsmarine. Norske Marin.«

Lars verabschiedete sich.

Als sie die Brücke verließen, die Treppe hinunterstiegen und zu der Gruppe gingen, sagte die Animateurin: »Es wundert mich, dass du dich für die Schiffsführung interessierst, Leif. Die meisten andern Passagiere haben nur ihr Vergnügen im Sinn. Das geht toll zu auf dem Schiff. Die Seeluft ist wie ein Aphrodisiakum. Bei vielen fallen die Hemmungen.«

»Ich bin hier, um mich zu erholen und etwas Spaß zu haben. Ich will keine Orgien feiern. Und du?«

»Für mich ist es ein Job, meine Arbeit, ein Nebenverdienst. Ich studiere in Paris Mediävistik.« Das waren Medienwissenschaften, ein modernes Fach. »In den Semesterferien verdiene ich mir Geld dazu.«

»Sind jetzt Semesterferien?«, fragte Lars, der selbst Wirtschaftswissenschaften und Politik studierte.

»Ich setze ein Semester aus. Aus persönlichen Gründen. Ich bin keine ungeheuer disziplinierte Studentin, die nur büffelt und ihre Scheine im Kopf hat. Aber irgendwann werde ich schon fertig mit meinem Fach.«

»Ich auch.«

»Was studierst du?«

»Politikwissenschaften.«

»Hm. Auch das hat mit Showbiz zu tun, wenn auch nicht ausschließlich. Genau wie bei mir.«

Beide lachten, das Eis war gebrochen. Sie fühlten sich stark zueinander hingezogen. Desiré war jedoch nach einer sehr üblen Erfahrung von Männern enttäuscht und sehr vorsichtig. Sie wollte nicht wieder bis ins Innerste verletzt werden. Lars wiederum dachte daran, dass er mit Engelcke von Groenen so gut wie verlobt war. Er war ein Mann, der stark auf Frauen wirkte, jedoch kein Aufreißer.

»Du beherrschst deinen Job?«, fragte Lars.

»Ja, und ich bin gut darin«, antwortete Desiré ohne falsche Bescheidenheit. »Ich bin Animateurin, also professionelle Kraft zum Unterhalten und Betreuen der Clubgäste von Jeunebien, auf Saisonbasis wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen. Es bereitet mir viel Freude, doch die Arbeitszeiten sind immens lang, ich bin praktisch rund um die Uhr im Dienst und für alles zuständig. Animateure sollen Fröhlichkeit und Lebensfreude ausstrahlen. Wir verbreiten gute Laune und führen Aktionen durch, um die Gäste zu unterhalten, damit keine Langeweile aufkommt. Es soll niemand sich ausgegrenzt fühlen. Andererseits gilt es, nicht aufdringlich zu sein. Also die Gäste aus der Reserve locken, aber sie nicht bedrängen. Wir müssen Ausschreitungen unterbinden und Probleme im Ansatz erkennen und möglichst dezent beseitigen, bevor sie zu Krisen werden. Voraussetzung dafür ist gepflegtes Äußeres, gutes Aussehen, schön muss jemand nicht sein. Diplomatie, Flexibilität, Gesundheit, Belastbarkeit, auch eine gewisse Autorität. Die Gäste müssen mich mögen und gleichzeitig ernst nehmen. Es ist manchmal ein schwieriger Balanceakt. Mehrsprachig muss jemand sein, meist sind die Tourismus-Animateure junge Leute, die örtlich und familiär ungebunden sind. Intelligenz und Sportivität gehören dazu, kontaktfreudig muss jemand sein. Frau muss da viel wissen. Ich kann Erste Hilfe leisten und bin manchmal Psychiater und Beichtmutter in einer Person. Vom über Bord gefallenen Schoßhund bis hin zur Psychose hatte ich schon mit allem zu tun.«

Die beiden waren im Gang von Deck Neun stehengeblieben. Desiré schaute zu dem Prinzen auf, der einen Kopf größer als sie war.

»In dem Job, den ich anstrebe, braucht man ähnliche Qualitäten«, bemerkte Lars. »Auch da ist man für alles verantwortlich und hat viel mit Menschen zu tun. Und es geht ums Prestige.«

Er meinte bei sich das der Erbmonarchie Skanderhagen, bei Desiré das des Clubs Jeunebien.

»Ach«, fragte die schwarzhaarige Schönheit mit dem großen Busen, auf den Lars zwar nicht stierte, den er jedoch nicht übersehen konnte. »Bist du ebenfalls in der Touristik?«

»Nicht direkt.«

»Hotelbranche?«

»Auch nicht.«

»Hm. Es muss etwas sein, das mit Politik zu tun hat. Du könntest im diplomatischen Dienst sein. Attaché oder angehender Attaché vielleicht?«

»Woher weißt du das?«

»In meinem Job bekommt man einen Blick für Leute. Ich kann bei den meisten rasch erkennen, welchen Beruf sie haben oder in welcher Branche sie sind. IT-Leute haben ein bestimmtes Vokabular, eine Weltanschauung und ein Auftreten. Analytisch irgendwie, sie meinen, alles lässt sich mit dem Computer lösen. Bei zwischenmenschlichen Beziehungen sind sie manchmal bemerkenswert naiv.«

»Weil der Input und der Output nicht stimmen und Menschen nicht programmiert werden können. Oder nur mangelhaft.«

»Ärzte treten wieder anders auf, Ärztinnen genauso. Auch Handel und Industrie hinterlassen ihre Spuren, Künstler sind oft nicht von dieser Welt. Berufssportler wiederum sind eine Menschenklasse für sich. Wissenschaftler… Oh, wir haben uns verplaudert. Die Gruppe wartet.«

»Darf ich dich heute Abend zu einem Drink an der Bar einladen?«

»Heute nicht, Leif, ich habe eine Besprechung. Vielleicht gehe ich danach in die Disco zum Abtanzen. Wir haben übrigens Unterhaltungskünstler von internationalem Rang an Bord. Der Küchenchef ist ein Maître de cuisine, der jederzeit in einem Fünf-Sterne-Hotel oder Gourmettempel arbeiten könnte. Doch beim Club gefällt es ihm besser. Bei den Clubangestellten ist es wie bei einer großen Familie. Immer läuft was verkehrt, verbockt einer was, gibt es Pannen, die die anderen ausbügeln müssen.«

Es war ein junges, flexibles Team beim internationalen Ferien- und Freizeitclub Jeunebien, der für unbeschwerte und schöne Freizeitwochen der gehobenen Preislage stand. Viele schworen darauf, da der Club nicht jeden als Mitglied akzeptierte, was man werden musste, um die Clubangebote in Anspruch nehmen zu können.

Eine Philosophie stand dahinter, genau wie bei den Skanderhagens, die jedoch bei Letzteren nicht der Freizeit diente.

»Du kommest mir irgendwie bekannt vor?«, fragte die schicke Animateurin, der die Lebensfreude aus den Augen leuchtete, während sie zu der Gruppe eilten, den Prinzen.

»Ach, ich habe ein Allerweltsgesicht. Das trage ich immer an derselben Stelle.«

»Du hast Sinn für Humor.«

Die beiden erreichten die Gruppe, bei der Desirés Kollege Paul sie vertreten hatte. Lars gesellte sich zu seinem Freund Jesko, der entgegen seiner sonstigen Gewohnheit nicht flirtete. Jesko von Jaswingen war in der letzten Zeit überhaupt zurückhaltend. Lars wusste, dass er sich unsterblich verliebt hatte.

Doch Jesko machte ein großes Geheimnis aus dieser Beziehung, die offensichtlich erwidert wurde. Er verbarg seine Angebetete bisher vor seinen Freunden und Bekannten, sogar vor seinem besten Freund Lars, dem Kronprinzen.

Lars nahm daher an, dass die Herzensdame verheiratet oder noch verheiratet sei. Er hoffte, dass Jesko nicht unglücklich wurde, wollte jedoch nicht in ihn dringen. Zu gegebener Zeit würde sich Jesko ihm schon offenbaren.

Während die Führung fortgesetzt wurde, hatte Lars nur Augen für Desiré Antonelli. Sie sprühte vor Leben. Sie war ganz anders als die Damen, die Lars bei Hofe oder offiziell vorgestellt wurden. Auch anders als andere, die es ihm meist sehr leicht machten und förmlich danach schrieen, von ihm erobert zu werden.

Auch wenn es nur für eine Nacht war, was Lars nicht immer abwehrte, er war ein gesunder junger Mann und nicht aus Stein. Er mußte jedoch gewisse Rücksichten nehmen. Zudem war in der heutiger Zeit Sex riskanter als früher. Vor allem aber mochte Lars sich nicht als Trophäe betrachten und zum Sexobjekt machen lassen nach dem Motto: Ich habe mit dem Kronprinz von Skanderhagen geschlafen, was gewisse Damen oder vielmehr Nicht-Damen ihren Freundinnen schon zutelefonierten, noch ehe das Bett kalt war, das sie mit dem Kronprinz geteilt hatten.

Lars hatte wegen seiner Diskretion keinen Ruf als Playboy, er galt als zurückhaltend bei der Presse. Die Medien und die Bürger und Bürgerinnen seines Landes mochten den Kronprinzen. Lars hatte noch zwei jüngere Schwestern, die 19jährige Agnet, die gerade das Abitur bestanden hatte, und das 12jährige Nesthäkchen Kerstin, die Kleine, wie man sie innerhalb der Familie nannte, was sie furchtbar aufregte.

Außerdem gab es von der engeren Verwandtschaft nur noch den alten Großonkel Bertil, einen zweimal verwitweten Hagestolz, dessen ganze Leidenschaft die Jagd war. Sein Schloss im Landesinnern von Skanderhagen war mit Jagdtrophäen vom Keller bis zum Dachboden dekoriert. Wo man ging und stand schauten einen an die Wände geheftete Tierköpfe oder ausgestopfte Jagdtrophäen an.

In der Eingangshalle empfing ein ausgestopfter Elefant mit erhobenem Rüssel den Besucher. Onkel Bertil hatte Lars ungefähr tausend Mal erzählt, wie er ihn mit einem einzigen Schuss seiner Elefantenbüchse erlegt hatte.

Zur Zeit hatte er sich in den Kopf gesetzt, im Himalajagebiet den sagenhaften Schneemenschen, den Yeti, nicht zu erlegen, so er intelligent war, aber zu fangen. Dafür war eine Expedition mit erfahrenen Bergsteigern, Tierfängern und Großwildjägern ausgerüstet worden.

Gern hätte Großonkel Bertil Lars mitgenommen, dieser zog jedoch die Kreuzfahrt und den Club Jeunebien vor.

Er schaute Desiré an, ihre Blicke schweiften immer wieder zu ihm. Ein Funke war zwischen ihnen übergesprungen. Es gab Schwingungen zwischen ihnen, ihr Puls schlug schneller, wenn sie sich anschauten. Aber noch sträubten sie sich gegen dieses Gefühl und das, was es bedeutete.


*


An diesem Abend ließ sich Graf Jesko nicht blicken. Auch sein Handy war abgeschaltet, und obwohl Lars um Rückruf bat, meldete sich der Freund nicht. Das wunderte den Kronprinzen, Jesko war sonst sehr zuverlässig. Was hinderte ihn, mit seinem besten Freund zusammen das Kreuzfahrtschiff und seine vielfältigen Vergnügungsmöglichkeiten zu erkunden?

In seiner Kabine war er nicht. Diese befand sich neben der Kabinensuite des Kronprinzen. Die Skanderhagens waren sehr reich. Lars hatte hart gearbeitet und sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Er leistete sich also guten Gewissens den Luxus. Mit seinem Reichtum protzte er nicht.

Offiziell galt er an Bord als Mitglied einer nordischen Mutlimillionärssippe, was annähernd stimmte, wenn man den Grundbesitz und die Schlösser der Skanderhagens in Betracht zog. Das Königreich war nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden. Es hatte sich von Schweden und Dänemark abgespalten, sehr groß war es nicht, verfügte jedoch über Bodenschätze und hatte zwei große Häfen und eine stattliche Fischereiflotte und eine Armee und Marine. Beides waren keine zahlenmäßig bedeutenden Waffengattungen, sie waren jedoch modern ausgestattet.

Skanderhagen gehörte zur EU.

Lars überlegte, was er allein tun sollte. Jesko war offensichtlich verhindert, sicher durch eine Frau, es sei denn, er wäre über Bord gefallen. Das glaubte Lars jedoch nicht. Er überlegte also am Abend nach dem Dinner, was er tun sollte und schwankte zwischen Fitnessstudio, Theater, der Oper oder dem Ballsaal.

Später wollte er eine Borddisco aufsuchen, es gab drei, eine Freiluft- und zwei andere. Dort hoffte er Desiré zu treffen, die ihm nicht aus dem Kopf ging. Ihr Lächeln, ihre Vitalität, ihre Ausstrahlung. Der Duft ihres Parfüms.

Es war leicht, es passte zu ihr. An dieser Frau stimmte einfach alles. Lars verglich sie mit Engelcke, die, blond und blauäugig, genau der entgegengesetzte Typ der mediterranen Desiré war. Engelcke konnte schöner sein, doch ihre Schönheit war kalt, und in ihren Blauaugen lauerte die Berechnung.

Sie war strahlend und schön wie ein Diamant, der einer luxuriösen Fassung bedurfte, um gebührend zur Geltung zu kommen. Desiré, spürte Lars, war ganz anders. Ihre Schönheit hatte etwas Fleischliches, Wärme. Der Kronprinz ahnte zudem eine Leidenschaft bei ihr, die, einmal entfesselt, lebenslang als ein zuerst verzehrendes und dann wärmendes Feuer brennen würde.

Was mache ich mir Gedanken wegen einer Animateurin, die ich erst ein paar Stunden kenne, fragte sich Lars? Ich gehöre zu Engelcke von Groenen, die Staatsräson erfordert es, unser beider Familien wollen es. Doch wo blieb sein Herz? Es hatte bei Engelcke nicht gesprochen.

Lars überlegte sich, welche Frau Jesko von Jaswingen wohl derart fesseln konnte, dass er ihn, Lars, vergaß. Hatte er etwa seine Geliebte an Bord geschmuggelt, die verheiratete Frau, wie Lars vermutete? Das wäre allerdings ein dreistes Stück gewesen und zudem ein Vertrauensbruch gegenüber Lars.

Denn angeblich war der Herzogsspross Jesko nur wegen ihm mitgereist. In dem Fall, dass er seine Geliebte an Bord brachte, hätte er ihm das sagen müssen, fand Lars.

Er entschied, dass anstrengendes Gerätetraining im Fitnessstudio an dem Abend nicht mehr sein musste. Da die dienstliche Besprechung, an der Desiré teilnahm, sich hinziehen würde, wie Lars in Erfahrung gebracht hatte, zog er seinen weißen Smoking an und begab sich zuerst an Deck, wo er bummelte, und dann ins Casino.

Er spielte mit mäßigem Interesse. Die weiblichen Casinogäste musterten ihn auf eine Art, die deutlich zeigte, dass sie es ihm leicht machen würden, sie zu erobern. Es waren hauptsächlich junge Leute an Bord. Vielleicht gab es ein paar Blender und Schnorrer dabei, auch Glücksritterinnen, die eine gute Partie machen wollten, und wenn es nur für die Zeit der Kreuzfahrt oder im Club auf Barbados war, wohin die »Reine de mer« unterwegs war.

In Gibraltar war ein kurzer Landgang vorgesehen. Dann würde es stracks über den Atlantik gehen. In zehn Tagen wollte man Barbados erreichen, die östlichste Antilleninsel, ein Touristikparadies mit Palmen und weißen Stränden, wie das Herz es begehrte.

Eine dunkelhaarige Frau um die Dreißig bat Lars am Roulettetisch um Feuer. Er kannte sie von der Leinwand, es war eine bekannte Schauspielerin. Im Film spielte sie meist die Femme fatale, und sie übertrug das auf ihr Privatleben.

Ihr Männerverschleiß war legendär. Sie trug ein Kopftuch und hatte ein schulterfreies Kleid an. Ihr Dekolleté war mehr als freizügig, es verbarg kaum etwas von ihren Brüsten.

»Gib mir bitte Feuer«, bat sie Lars.

»Bedaure, hier herrscht Rauchverbot.«

»Das gilt nicht für mich. Der Croupier und die Saalordner werden darüber hinwegsehen. Ich bin ein internationaler Star.«

»Und ich bin jemand, der empfindliche Lungen hat und ungern passiv raucht«, erwiderte Lars auf Französisch.

»Dann geh mit mir an Deck.«

»Ich möchte lieber Roulette spielen.«

»Dann setze für mich.«

»Danke, ich würde dir sicher kein Glück bringen.«

»Da bin ich anderer Meinung.«

Lars war das unverhüllte sexuelle Interesse des Filmstars Monique Mernier peinlich. Fehlt nur noch, dass sie mich aus dem Saal zerrt, dachte er. Soll sie sich einen Steward nehmen, wenn sie mannstoll ist, oder sonst jemand.

Er entfernte sich von dem Roulettetisch und suchte die Bar auf, wo er sich nicht lange aufhielt, dann den Ballsaal. Dort ging es ihm wieder zu förmlich zu. Lars war unruhig, er suchte etwas, oder vielmehr jemand. Um 23 Uhr hatte er Jesko von Jaswingen noch immer nicht erreicht und von ihm keinen Rückruf erhalten, was ihn, was übertrieben sein konnte, störte.

Er hatte ein paar Mal im Ballsaal getanzt, in den die frische Meeresbrise wehte. Von einem Swimmingpool auf dem Sonnendeck schallte fröhliches Gelächter herüber. Lars schlenderte hin, und sah Desiré im Tanga, die gerade auf den Fünf-Meter-Turm stieg.

Er hatte sie in der Disco suchen wollen, doch sie hatte es sich wohl anders überlegt oder wollte später dorthin. Denn die sternklare Nacht überm Mittelmeer war noch jung. Ein Animateur oder eine Animateurin mussten wie Skilehrer mit wenig Schlaf auskommen können. Der Beruf forderte viel.

Obwohl sexuelle Beziehungen des Teams zu Clubgästen unterbleiben sollten, scherte sich niemand darum, solange es keine Eifersuchtsszenen und Komplikationen gab. Lars wusste nicht, dass Desiré auf dem Gebiet sehr zurückhaltend war und, da sie schon zum wiederholten Mal in der Saison für den Club arbeitete, bei ihren Kollegen als Eiserne Jungfrau galt, wie spitze Zungen sie nannten.

Desiré wusste es, es störte sie nicht.

»Besser Jungfrau als Betthase«, wies sie allzu Freche zurecht.

»Für wen hebst du dich eigentlich auf?«, hatte sie ein Kollege gefragt, der sich für ein Geschenk für die Frauenwelt und für unwiderstehlich hielt.

»Für dich jedenfalls nicht, du Hansdampf in allen Betten«, hatte er nur zur Antwort erhalten.

Lars Herz setzte einen Schlag aus, als er Desiré sah. Sie erschien ihm wie eine fleischgewordene Venus, die ein moderner Botticelli hätte malen müssen. Sie ging nach vorn, stellte sich im Positur.

»Achtung da unten!«, rief sie zu den Schwimmern im von unten angestrahlten hellblauen Wasser hinab.

Dann hob sie die Arme, sprang und vollführte einen perfekten Schraubensalto.

Sie tauchte elegant ins Wasser, das kaum aufspritzte, wie eine Nixe. Lars klatschte Beifall, er konnte nicht anders. Er stand nahe am Beckenrand. Desiré sah ihn, als sie auftauchte, und schwamm zu ihm hin. Sie hielt sich am Beckenrand fest.

Mit nassen Haaren unter der Badekappe und mit von ihrem Gesicht und den Schultern perlendem Wasser erschien sie Lars als die reizvollste Frau, die er je gesehen hatte. Engelckes Gesicht verblasste vor seinem geistigen Auge.

Er sah nur noch Desiré und küsste ihr galant die Hand.

»Du bist wunderbar. Ein perfekter Sprung.«

»Turmspringen ist mein Hobby. Ich habe zweimal die Landesmeisterschaft gewonnen.«

»Echt? Das ist toll. Ich bin ebenfalls begeisterter Wassersportler. Rennboot, Segeln, Katamaran, Surfen, Tauchen und Schwimmen, ich kann alles.«

»Kannst du auch an Land irgendwas?«

Der Schalk lachte Desiré aus den Augen. Lars war in die Hocke gegangen, um mit ihr mehr auf gleicher Höhe zu sein.

»Ein paar Dinge schon. Ich hole meine Badehose, dann können wir ein paar Runden schwimmen, dann ab in den Whirlpool und danach vom Liegestuhl aus die Sterne ansehen. Ich kann dir die Sternbilder zeigen. Der Sternenhimmel prangt heute in voller Pracht.«

»Das wäre nicht schlecht.«

Die Disco lief ihnen nicht weg. Lars Vorhaben, ins Wasser zu gehen, wurde beschleunigt. Ein angeheiterter vierschrötiger Deutscher schlich sich von hinten an ihn heran und beförderte ihn mit einem kräftigen Schubs in den Pool. Er hatte mit seiner Clique eine Poolparty gefeiert und wollte sich ausschütten vor Lachen.

»Da schwimmt der Geck im Wasser!«, rief er in Englisch. »So ergeht es einem, wenn man im Smoking am Pool aufkreuzt. Recht geschieht es dem Angeber.«

Lars tauchte auf, schwamm an den Beckenrand, schwang sich hoch und schüttelte sich.

»Wie ist Ihr Name?«, fragte er den Deutschen, den er am Akzent erkannte, förmlich.

»Hans Gruber.«

»Sie haben schlechte Manieren, Herr Gruber. Neureich, was?«

»Hauptsache reich. Wenn du meinst, dass ich ein Flegel sei, musst du erst mal die reichen Russen kennenlernen, die wir an Bord haben.«

»Darauf lege ich keinen Wert.«

Lars streckte seinem Gegenüber die Hand entgegen. Gruber lächelte überheblich und sonnte sich in der Bewunderung seiner Clique. Der Blonde hat Angst vor mir, dachte er, denn er hielt sich für stark.

Lars fasste seine Hand, als er sie ihm reichte, duckte und drehte sich und hebelte Gruber mit einem Judogriff, den er bei der Marine in der Nahkampfausbildung gelernt hatte, über die Schulter. Gruber segelte in das Becken und schlug klatschend auf. Diesmal hatte Lars die Lacher auf seiner Seite.

Gruber zeigte jedoch, dass er Spaß verstand. Vielleicht hatte er auch gemerkt, dass der blonde nordische Hüne vor ihm kein Scherzobjekt war. Er stieg in der Badehose aus dem Becken und lud Lars zu einem Drink an der Poolbar ein.

»Später«, wehrte Lars höflich ab. Er wendete sich an Desiré. »Nass bin ich jetzt schon. Dennoch würde ich gern meine Badesachen holen. Im Smoking und mit Lackschuhen schwimmt es sich unbequem.«

»Ich warte, Lars. Du bist stark und gewandt. Alle Achtung.«

»Ich sagte doch, dass ich auch an Land ein paar Dinge kann.«

Lars kehrte bald zurück, ein Modellathlet von der Figur her, wie Desiré feststellte, die seitlich vom Pool auf einer der terrassenförmig ansteigenden Stufen saß. Sie hatte sich abgetrocknet. Im hellen Licht sah sie noch schöner aus. Der Pool war mit Palmen und Gewächsen dekoriert.

Lars legte seine Badesachen ab. Der Sprungturm des Pools auf dem Oberdeck war zehn Meter hoch, mit verschiedenen Höhenstufen. Hinter dem Pool, vom Bug aus gesehen, befand sich ein Restaurant, das mäßig besetzt war. Eine Drei-Mann-Combo spielte dort.

Lars stieg auf den Zehn-Meter-Turm hinauf. Er war braungebrannt, trug eine knappe Badehose. Den Bewegungen nach war er austrainiert. Auf den rechten Bizeps hatte er ein Staatswappen tätowiert. Es war nicht allzu groß.

Was für ein Angeber, dachte Desiré. Nur um mir zu imponieren, springt er vom Zehn-Meter-Turm. Lars stand oben, sein Herz pochte. Das Becken mit dem blauen Wasser unter ihm sah fern und klein aus. Von oben wirkte die Höhe wesentlich größer, zumal zu den zehn Metern noch Lars Körpergröße von fast zwei Meter hinzukam.

Er war jedoch schon öfter vom Zehner gesprungen. Lars fürchtete körperlich wenig bis nichts. Diesmal wagte er einen Kopfsprung.

Gestreckt stieß er hinunter und tauchte fast perfekt ein. Nur sein linker Arm klatschte auf, was jedoch nicht sehr schmerzte.

Klatschen ertönte, als Lars stolz zum Beckenrand schwamm.

Er schwang sich hinauf, ohne umständlich die Trittleiter für den Ausstieg zu benutzen, trocknete sich ab und ging zu Desiré.

Er lachte sie an.

»Nicht schlecht«, sagte sie. »Wenn du es wissen willst, ja, du hast mir imponiert.«

»Ich gehe nie anders ins Becken«, prahlte Lars scherzhaft. »Jetzt lass uns schwimmen und dann an Deck sitzen.«

So geschah es. Nach ein paar Runden im Pool saßen Lars und Desiré einträchtig nebeneinander im Liegestuhl, jeder von einer Decke geschützt, denn so mild war die Nacht nicht. Die Klänge der Musikkapelle tönten zu ihnen. Es war sehr romantisch.

»Die Combo spielt wie auf der Titanic, als sie versank«, sagte Lars. »Pflichtgetreu bis zuletzt.«

»Ich habe den Film mehrmals gesehen. Und zum Schluss, als Leonardo di Caprio romantisch ertrank, habe ich sehr geweint.«

»Ich auch, dass er nicht schon früher ertrunken ist. Ich mag diesen Schauspieler nicht.«

Er hat einen seltsamen Sinn für Humor, dachte Desiré. Der gut aussehende, große Mann war ihr fremd. Wie immer, wenn man jemanden kennenlernte, ließ man sich auf ein Wagnis ein. Nicht jeder Charakterzug gefiel absolut. Dass ein Liebespaar völlig hingerissen war voneinander, geschah meist erst nach der ersten Liebesnacht.

Lars ergriff wie absichtslos Desirés Hand. Sie ließ sie ihm. Zärtlich streichelte er ihren Handrücken, was ihn entzückte und ihr einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Es waren die ersten, unschuldigen Zärtlichkeiten, ein Werben und sich Nähern.

Der athletische, doch nicht zu muskulöse blonde Mann und die rassige, bildschöne schwarzhaarige Frau mit den dunklen Augen rückten näher zueinander. Von einem Gang am oberen Deck beobachtete sie der Chefanimateur, Franzose, aristokratisch aussehend und mit silbergrau gefärbten Haaren, kurze Zeit.

Er war kein Voyeur, er schaute sich nur um und nahm Lars und Desiré zur Kenntnis. Voila, dachte er, diesmal wird jemand unsere Eiserne Jungfrau knacken. Sie sind ein bildschönes Paar.

Raymond, der Chefanimateur, wendete sich lächelnd ab und einer blutjungen Passagierin zu. Ein junges Talent nannte er solche Mädchen, und er war ganz der Mann, solche Talente zu fördern. Noch war er ihnen gewachsen, ohne zurückstecken zu müssen.

Lars erklärte Desiré inzwischen die Sterne. Er kannte sich astronomisch durchaus am Himmel aus.

»Der helle Stern dort ist die Venus, unser Nachbarplanet, der Stern der Verliebten. Sie ist mit Ausnahme von Mond und Sonne das hellste Objekt am Himmel und wird auch der Abend- oder Morgenstern genannt. Genau genommen ist sie kein Stern, keine ferne Sonne, sondern ein Planet, wie ich schon erwähnte.«

»Wo ist Merkur?«

Lars erklärte es. Auch dass die Venus im Abglanz der Sonne strahlte, was Desiré jedoch schon wusste. Sie rückte näher an ihn, als er ihr die Sterne zeigte.

Dann beugte er sich zu ihr und schaute sie an.

»Jetzt werde ich dir zwei schönsten und strahlendsten Sterne zeigen, Desiré.«

»Welche sind das?«

»Diese.«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738909548
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
gekröntes haupt
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Titel: Gekröntes Haupt inkognito