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Nur eine Frage der Zeit

2017 120 Seiten

Leseprobe

NUR EINE FRAGE DER ZEIT


RICHARD HEY


2 Kriminal-Erzählungen



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:


Hier ermitteln wieder die leidenschaftlich engagierte Renate Reschke sowie Alfons Maria Breuer, der es hasst, wenn er einen Fall nicht wie ein Kreuzworträtsel lösen kann. Aber Kreuzworträtsellösungen gibt es nicht für die spannenden und hintergründigen Geschichten dieses Bandes – ob sie nun, scheinbar, Kriminalgeschichten sind oder, scheinbar, keine.

Es ist alles nur eine Frage der Zeit – ob Verbrechen oder Tragödien, noch in letzter Sekunde verhindert, oder bereits erfolgte Verbrechen aufgeklärt werden können.

Schaffen es Reschke und Breuer eine Frau vom Sprung aus dem neunten Stock einen Bürogebäudes abzubringen? Was kann einen Menschen zu solch einer Verzweiflungstat treiben?

Menschen kommen, leider, immer wieder, zu Tode, ob es sich dabei um einen Unfall oder Mord handelt, weiß man oft im Vorfeld nicht. Reschke und Breuer müssen sich gleich um zwei solcher Fälle kümmern. Wer waren diese Opfer, die so plötzlich aus dem Leben gerissen wurden? Wie haben sie gelebt? Wie gestalteten sich die letzten Augenblicke ihres Lebens? War es gar Mord? Wenn ja, warum? Wer ist der Täter? Fragen über Fragen, deren Antwort oft nur eine Frage der Zeit ist …







INHALT:


Jonny Hilversums Frauen

Ein kriminelles Verwirrspiel








Jonny Hilversums Frauen


1.


Die Frau, die sich das schwarz schimmernde Hochhaus ausgesucht hatte, um vor ihm auf der Straße zu zerplatzen, hockte auf einem Fensterbrett des neunten Stockwerks. Unten waren Polizeibeamte mit rudernden Armen und quergestellten Streifenwagen damit beschäftigt, Bürgersteig und Fahrbahn unmittelbar vor dem Hochhaus für den Verkehr zu sperren. Autos, Lieferwagen, Busse mussten sich mühsam auf der anderen Straßenseite aneinander vorbeischieben. Neugierige standen auf dem zertrampelten Rasen, auf der niedrigen, zerfallenen Mauer um den alten kleinen Friedhof, wo schon lange keiner mehr beerdigt wurde, zwischen verwitterten Grabsteinen mit unleserlich gewordenen Inschriften und auf den Treppenstufen des Portals der plumpen, wilhelminischen Backsteinkirche, gegenüber dem Hochhaus, die angesichts des finster ragenden Monstrums intim wirkte, als architektonische Kostbarkeit.

Aus verschiedenen Richtungen näherten sich Feuerwehrsirenen, von einem der Streifenwagen kam eine unverständliche Lautsprecherdurchsage, immer mehr Leute blieben stehen, blickten nach oben. Ein Polizeibeamter versuchte die Fahrbahn freizuhalten. Was er rief, ging im Hupen ungeduldiger Autofahrer unter. Ein Kirchenangestellter wollte mit beschwörenden Worten und Gesten die Leute vom Friedhof zurück zur Straße drängen. Niemand achtete auf ihn. Man starrte hinüber zum Hochhaus, voller Erwartung, Penner, Bürger, Punks, Hausfrauen. Skinheads, Türken, Rentnerinnen, Kinder. Die Frau im Fenster machte alle gleich. Die meisten starrten schweigend. Nur einige ältere Männer redeten laut aufeinander ein.

Wo sitzt se denn?“

Neben dem Fenster mit der Gondel von den Fensterputzern.“

Ick seh nüscht.“

Mann, ick würd mir mal’n anderet Glasooge verschreim lassen.“

Sie sehn doch die Gondel.“

Ja, jetzt seh ick se. Da sitzt wer drin. Isse dat?“

Mann, daneben.“

Rechts neben der Gondel, auf dem Fensterbrett. Da hockt sie.“

Und was machen die beiden Frauen da oben?“

Die eene will hüppen und die andere will ihr zurückhalten.“

Warum lässt se ihr nich hüppen?“

Dusslige Frage. Denk bloß an die ganze Schweinerei hier unten aufe Kreuzung.“

Aber die Feuerwehr hat doch schon dit Sprungtuch ausenanderjewickelt.“

Dit sieht dochn Blinda mitm Krückstock, dat die vom neunten Stock da durchknockt wie ne Stukabombe. Dat wernse jleich wieda einwickeln, dat Taschentuch. Unter Adolf hätts dat nich jejebin.“

Das ist wahr. Der hat lieber unsere Häuser bis zum Parterre abrasieren lassen, damit ja keiner von oben runterspringt.“

Wie meinsen dat? Jehnse doch jleich nach drühm, wenn’s Ihnen hier nich passt, klar?“

Warum springt die nicht endlich?“, rief plötzlich ein Mann in grüner Latzhose. Und brüllte, eine Bierflasche schwenkend, zum Hochhaus hinüber: „Los, hüpp doch!“



2.


Kommissar Alfons Maria Breuer, von den Kollegen am Kommissar-Stammtisch gelegentlich Mary genannt (was er gelassen hinnahm), saß in seinem empfindlichsten Flanellanzug zwischen Fernschreibern, Telefonen, Mikrofonen, Lautsprechern, Funksprechanlagen in einem unbequemen Sessel und telefonierte mit seinem Vorgesetzten. Trotzdem sah er zufrieden aus.

Jeder seiner Kollegen wusste, wie sehr er es hasste, in zugigen Straßen und kalten Hausfluren Täter oder Zeugen aufzuspüren. Er löste fast alle seine Fälle sitzend, mit Papier, Kugelschreiber und Telefon. Das Geratter und Geklingel um ihn herum, die blechernen Stimmen aus den Lautsprechern und die Stimmen der Kollegen in den Nachbarräumen, deren Türen offen standen, all das schien ihn nicht zu behelligen. Geduldig und ausgeruht berichtete er. „Sie wollte mit der Frau reden, Chef. Wegen einer Vergewaltigungssache.“

Die Stimme des Chefs, an seinem Ohr klang gereizt:

Und deshalb rennt die Frau – wie heißt sie?“

Schröder. Karin Schröder.“

Rennt die im neunten Stock gleich ans Fenster und will sich auf die Straße stürzen?“

Man könnte das annehmen“, sagte Breuer milde. „Aber erstens …“

Die Reschke wirkt ja nun wirklich nicht furchterregend.“

Eben. Deshalb muss zweitens ein anderer Grund …“

Dröhnend, übersteuert, kam eine Bassstimme über den linken Lautsprecher: „Teilabsperrung der Kreuzung und der anliegenden Straßen eingeleitet.“

Danke“, sagte Breuer und drehte die Stimme leise. „Verstanden.“

Wieso leiten eigentlich Sie die Maßnahmen in diesem Fall?“, wollte der Chef plötzlich wissen.

Breuer seufzte: „Ja, das frage ich mich auch. Es muss am Gregorianischen Kalender liegen.“

Wie?“

Der für die heutige Umdrehung der Erde um die eigene Achse einen Samstag vorsieht.“

Breuer“

Und am Plan natürlich. Der vom heutigen Samstagmorgen bis zum morgigen Sonntagabend die Obermeister Detlefsen und Eckes und die Kommissare Reschke und Breuer zum Kripobereitschaftsdienst eingeteilt hat.“

Wo ist Mohrmann?“

Hauptkommissar Mohrmann hat Urlaub.“

Ach, richtig. Und Gerfried?“

Oberkommissar Gerfried ist seit gestern auf Lehrgang in Hiltrup.“

Aus dem rechten Lautsprecher meldete sich ein zu leiser Tenor: „Hier Gletscher zwo. Bitte kommen.“

Ja, ich höre“, sagte Breuer und stellte ihn lauter.

Die sollen endlich für Telefonverbindung sorgen“, erklärte der Chef, „dass wir direkt mit Reschke und nicht ewig über Gletscher zwo – oder welcher Streifenwagen steht da noch?“

Vorarlberg“, sagte Breuer, während der Tenor schon anfing:

Wir haben jetzt Walkie-Talkie-Verbindung zwischen uns. War gar nicht …“

Ich höre Walkie-Talkie“, sagte der Chef. „Telefon sollen Sie …“

Ein resignierter Bariton redete im mittleren Lautsprecher dazwischen: „Hier Detlefsen. Hier kommen laufend Anfragen von der Presse.“

Weiterleiten an Pressestelle“, sagte Breuer.

Ist erst ab 13:00 Uhr besetzt“, sagte der Bariton.

War nicht einfach“, fuhr der Tenor fort. „Die Frau im Fenster wollte nicht, dass irgendjemand sich der Gondel mit der Kommissarin nähert. Aber die Kommissarin hat auf sie eingeredet und sie abgelenkt.“

Gut, danke“, sagte Breuer. „Warum habt ihr nicht ein Funk-Telefon …“

Das Gerät war defekt. Wir haben ein anderes angefordert.“

Ich höre wohl nicht richtig“, rief der Chef so laut, dass Breuer den Telefonhörer unwillkürlich von seinem Ohr entfernte. „Defekt? Da wird die Presse sich freuen.“

In Ordnung“, sagte Breuer. „Gebt Bescheid, wenn was ist.“

Klar. Ende“, sagte der Tenor.

Wie ist diese Frau überhaupt aus dem Fenster rausgekommen?“, fragte der Chef.

Im neunten Stock hat die Firma Elias und Kollrich Immobilien , ihre Büros. Frau Schröder ist da Sekretärin. Wir wissen das vom Hausmeister. Den haben sich die Kollegen Gletscher zwo gleich gekrallt. Es scheint, sie hat vom Hausmeister vor Monaten schon einen Fensterschlüssel erhalten.“

Verstoß gegen die Sicherheitsvorschriften.“

Aber menschenfreundlich. Die Klimaanlage im Hochhaus taugt offenbar nichts.“

Ich habe in dreißig Dienstjahren keine Klimaanlage erlebt, die richtig funktioniert“, sagte der Chef. „Wenn da jede Sekretärin …“

Nicht jede, Frau Schröder hat, laut Aussage des Hausmeisters, eine Vertrauensstellung. Sie durfte, im Einvernehmen mit der Firmenleitung, bei großer Hitze im Sommer die Fenster einen Spalt öffnen.“

Was wollte sie am Samstagmorgen im Büro?“

Vorarbeiten. Der Hausmeister sagt, das macht sie öfter, wenn sie in der Woche einen Tag freinehmen will. Die haben bei Elias und Kollrich gleitende Arbeitszeit. Der Hausmeister sagte auch, Frau Schröder hat Pflaster im Gesicht, und er hätte sie die ganze Woche nicht gesehen.“

Der Tenor meldete sich wieder:

Hier Gletscher zwo. Wir hatten eben eine Schlägerei. Zwei alte Knallköppe, die sich gegenseitig mit „Nazifaschist“ und „Rote Sau“ angebrüllt und dabei die Fresse blutig poliert haben. Wir können die nicht einsammeln, wir sind zu wenig.“

Heißt einer Jonny Müller?“, fragte Breuer.

Nee.“

Personalien festhalten und weiterhauen lassen.“

Breuer“, mahnte der Chef.

Der Tenor grinste hörbar. „Verstanden.“

Neues von der Reschke?“, fragte Breuer.

Nüscht. Wir sehn durchn Feldstecher rauf. Die Reschke redet auf die andere ein wie aufn kranken Gaul, dat se nich runterhüppt. Aber zurück ins Büro kriegt se ihr auch nich. Die sitzt mit zune Augen und baumelt mit de Beene in achtundzwanzig Meter Höhe.“

Danke. Ende.“

Verstanden. Ende.“

Wer ist Jonny Müller?“, fragte der Chef.

Der frühere Mann von Karin Schröder. Sie ist seit einem Jahr geschieden. Vorige Woche hat sie Anzeige gegen Müller erstattet, wegen Vergewaltigung und Körperverletzung. Irgendwie ist sie bei uns gelandet, obwohl wir – ich weiß, wir sind nicht zuständig. Die Frau sah furchtbar aus, als hätte ihr der Kerl mit dem Absatz ins Gesicht getreten. Reschke hat ihr das Übliche geraten, zuerst Arzt. Verletzungen bescheinigen lassen, dann Rechtsanwalt, Zeugen beibringen, all das, hat ihr auch Adressen genannt. Dann hat sie versucht, diesen Müller zu erreichen. Der war aber, im Auftrag seiner Firma, einer Werbeagentur, verreist. Gestern nun …“

Breuer, so detailliert müssen Sie mir jetzt nicht …“

Wieder dröhnte eine Bassstimme aus dem Lautsprecher.

Teilräumung und Teilabsperrung abgeschlossen. Fließender, also eigentlich eher stockender Verkehr nur noch auf der dem Hochhaus gegenüberliegenden Straßenseite.“

Breuer ließ den Bass dröhnen, murmelte:

Danke“, und wendete sich wieder dem Chef zu: „Gestern ruft Frau Schröder an und erklärt, dass sie die Anzeige zurücknimmt. Als Renate Reschke ihr auseinandersetzt, dass sie höchstens den Strafantrag zurückziehen kann, die Anzeige aber nicht, und als sie ihr noch ein paar Fragen stellt, warum sie denn nun plötzlich zurückziehen will – da hängt Frau Schröder ein. Renate Reschke will wissen, was passiert ist …“

Und klemmt sich dahinter, verstehe.“ Der Chef wurde ungeduldig.

Ruft heute Morgen die Schröder privat an“, sagte Breuer, „hört von der Mutter, dass die Tochter zum Büro gefahren ist, wo sie …“

Breuer, ich muss nach Tegel. Wenn noch was sein sollte, Sie können mich ab vierzehn Uhr in Hamburg aus der Konferenz rufen lassen. Ist die Staatsanwaltschaft benachrichtigt?“

Ist.“

Geben Sie der Pressestelle ab dreizehn Uhr ein paar Informationen.“

Gebe ich.“

Zur vorsichtigen Verwendung. Eine Kommissarin, die sich für eine verzweifelte Frau einsetzt und sie vor dem Sturz in die Tiefe bewahrt, so was könnten wir im Moment schon brauchen, nach all den Meldungen in Presse und Medien über Polizei Übergriffe. Nicht unerwähnt möchte ich allerdings lassen, dass Bereitschaftsdienst ja kaum heißen kann, irgendwo draußen einen nicht eben dringlichen Vergewaltigungsfall zu recherchieren. Sondern für dringliche Fälle hier zur Verfügung zu stehen. Ich werde mit Reschke darüber reden müssen. Aber tun Sie jetzt erst mal alles, um ihr zu helfen, dass sie die Frau vom Fenster kriegt.“

Tu ich.“

Je länger die Frau nicht springt, umso weniger wird sie springen. Machen Sie’s gut, Breuer.“

Während Breuer mit unbewegtem Gesicht auflegte, meldete sich der Tenor aus dem Lautsprecher.

Gletscher zwo, Gemmrich. Jetzt haben wir die Fensterputzer hier. Die sind sauer, weil sie nicht weitermachen können. Sie hätten bloß mal kurz Frühstückspause gemacht. Die verlieren nämlich ihre Wochenendzuschläge, wenn sie nicht …“

Die müssen leider warten. Wie wir …“, sagte Breuer.



3.


Die Frau hielt die Augen geschlossen. Sie saß schräg auf dem Fensterbrett, den Kopf gegen die Betonmauer gelehnt. Beide Hände umklammerten neben ihren Jeansbeinen den Rand des Fensterbretts, und sie hatte ihre Arme ganz steif gemacht, als fürchte sie, dass sie plötzlich hinuntergeweht werden könnte. Im leichten Wind bewegten sich zarte blonde Haare um ein Gesicht, das verquollen war, verunstaltet durch blaue Flecken und Pflaster. Die Frau rührte sich nicht. Nur manchmal durchlief ein Beben ihren Körper, und die Augenlider zuckten.

Knapp zwei Meter neben ihr hockte die Kommissarin in der unmerklich schwankenden Gondel. Renate Reschke hatte sich heiser geredet. Vorsichtig strich sie sich die schweißnassen, verklebten dunklen Haare von der Stirn. Aus großer Entfernung kamen von unten die Geräusche der Straßen, Autos und Menschen sahen unwirklich aus.

Der große Vogel, der ruhig, mit ausgebreiteten Schwingen und kühl die beiden Frauen betrachtend, ziemlich nah vorbeischwebte, war realer als das Gewimmel da unten. Ihr schwindelte. Sie blickte nach oben. Die beiden Männer, die auf dem Dach des Hochhauses ihre Gondel zu sichern hatten, standen über die Brüstung gebeugt, blickten auf sie herab. Sie konnte die Gesichter nicht erkennen, die ebenso unwirklich weit entfernt von ihr waren wie unten die Straße. „Karin …“, fing sie wieder an. „Hören Sie …“

Ich kann nicht runtersehn“, murmelte die Frau. Sie war kaum zu verstehen. „Dann fall ich. Kann nicht ins Büro sehn, dann seh ich das Telefon auf meinem Schreibtisch, und wenn ich das Telefon seh, möcht ich schon lieber unten liegen.“

Das Fenster ist ja nur angelehnt. Sie brauchen es mit dem rechten Arm nur aufzudrücken. Dann seitwärts ins Büro kippen. Sie brauchen die Augen nicht aufzumachen.“

Jaja“, sagte die Frau.

Der Hausmeister oder die beiden Feuerwehrmänner, die im Flur warten …“

Wenn einer das Büro betritt, das hör ich, dann spring ich sofort.“

Mensch, Sie sind noch jung, schmeißen Sie sich nicht weg.“

Immer dasselbe, immer dasselbe“, murmelte die Frau.

Weils wahr ist. Was ist mit dem Telefon?“ Die Frau antwortete nicht. „So wichtig kann der Scheißkerl doch nicht sein, der Sie so zugerichtet hat.“

Ich hätt doch längst springen können“, sagte die Frau. „Ich hätt doch nicht warten müssen, bis Sie in diese blöde Gondel da reingestolpert sind und mir die Hucke vollquasseln. Aber mir ist schlecht, kapieren Sie’s doch endlich. Mir ist schwindlig, ich kann da nicht runtersehen. Und ich will nicht sterben, wenn mir sauübel ist. Das wär einfach, sich fallen lassen, bloß weil einem zum Kotzen ist …Und ich hab noch meine Anzeige zurückgezogen!“

Den Strafantrag. Aber das brauchen wir schriftlich.“

Denkste, Mädchen. Ich lebe keine Stunde länger als Ines.“

Wer ist Ines?“

Vielleicht schon tot. Ich bring mich doch nicht wegen dem Scheißjonny um. Wegen dem doch nicht. Witwenverbrennung, ja, würde ihm gefallen.“

Witwenverbrennung?“

Die Frau lachte lautlos, ohne die Augen zu öffnen.

Was ist mit Ines?“, fragte Renate.

Wenn man bei einem Sportflitzer zwei Schrauben locker dreht“, sagte die Frau, „zwei Schrauben an Steuerrad oder Steuersäule, so locker, dass sie gerade noch ein paar Kilometer halten …“

Bei Jonnys Sportflitzer?“

Nachts, ja. Er war ja nicht da, auf Geschäftsreise oder was. Du denkst, die springt nicht, weil sie Angst hat . Deshalb lässt du mich reden. Du denkst, je mehr sie redet, umso mehr will sie auch leben .“

Ungefähr, ja.“

Aber ich …das ist ganz anders. Ich sag alles, was du willst, Mädchen. Wie viel kriege ich für’s Losdrehen der Schrauben? Drei, vier Jahre, was? Die habt ihr schon gespart. Ich komm euch billig. Je mehr ich rede, umso ruhiger werde ich doch. Und die Angst wird weniger, bis ich die Augen wieder aufmachen und springen kann. Soll ich die Augen aufmachen?“

Nein“, sagte Renate schnell, und die Frau lachte wieder ihr lautloses Lachen.

Was ist mit Ines?“, fragte Renate noch mal.

Sitzt in der Karre“, sagte die Frau.

In Jonnys Karre?“

Ruft mich an, hier, noch nicht mal eine halbe Stunde her, ruft mich an, sagt, ich hau jetzt ab mit Jonnys Flitzer, und bevor ich schreien kann, NEIN, schmeißt sie den Hörer auf. Sense.“

Nicht Sense. Da ist was …“

Jaja. Jaja“, murmelte die Frau, und wieder lief ein Beben durch ihren Körper.

Ruhig, Karin, ganz ruhig. Wir könnten …“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909524
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
frage zeit

Autor

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Titel: Nur eine Frage der Zeit