Lade Inhalt...

Milton Sharp #11: Der Fluch des Narbigen

2017 120 Seiten

Leseprobe

Der Fluch des Narbigen


(ein Milton-Sharp-Roman)


Nr. 11






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2017

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappentext:

Eigentlich wollte Milton Sharp nach England zurückkehren, nachdem er Glyn aus den Klauen von Xurus dem Düsteren gerettet hatte. Doch am Flughafen von New York begegnet er Marge Holly, einer alten Freundin, die ihn bittet, ihr bei der Suche nach ihrem Freund zu helfen, der auf einer Erlebnisreise spurlos verschwunden ist. Milton merkt bald schon am eigenen Leib, dass es bei der Suche nicht mit rechten Dingen zugeht: Grausige Geister und Untote wollen Miltons Suche um jeden Preis verhindern. Besteht eine Verbindung zwischen Miltons Suche und der Reise, deren Teilnehmer einer nach dem anderen auf schreckliche Weise getötet werden, nachdem einer der Männer deren Tod vorausgesagt hat. Milton bekommt es mit rachsüchtigen Kräften aus der Vergangenheit zu tun, die mit einem gebrochenen Versprechen und einem brutalen Blutbad zu tun haben …




Charaktere:

Milton Sharp

Der Schattenjäger hätte allen Grund zur Freude, denn sein Bruder Glyn und dessen Verlobte Jennifer können endlich heiraten. Wenn er nur nicht selbst Jenny lieben würde. Da kommt es ihm gerade recht, dass er sich mit einem rachsüchtigen und grausamen Untoten aus der Pionierzeit der Vereinigten Staaten auseinandersetzen muss.


Marge Holly

Miltons alte Freundin bittet den Schattenjäger, ihr bei der Suche nach ihrem Freund zu helfen. Sehr schnell entpuppt sich diese Suche als lebensgefährlicher Höllentrip und Kampf gegen die Schatten der Vergangenheit.


Magnus Astin

Der älteste Teilnehmer der verfluchten Reise wird von schrecklichen Visionen geplagt, die ihm zeigen, welche Teilnehmer als nächste sterben werden.


Allan Parker

Der ebenso rücksichtslose wie geldgierige Organisator von Erlebnisreisen weiß wesentlich mehr über die Hintergründe der grausamen Mordserie, als er zuzugeben bereit ist.





Roman:

Der Fausthieb riss Burt Hedley von den Füßen. Er sah bunte Sterne vor den Augen tanzen. Verdammt! Er hatte dem Kerl doch nichts getan.

Der Andere sah unheimlich aus und sprach kein Wort. Er schlug nur immer wieder zu.

Sein Widersacher besaß unglaublich lange Arme.

Burt Hedley war sich im klaren, dass er sich vor diesen Armen in Acht nehmen musste. Der großen Reichweite war er unterlegen. Er fintierte kurz und ließ seine Rechte vorschnellen. Doch der Halunke, der ihn mit gläsern schillernden Augen anstarrte, hielt ihn auf Distanz. Blitzschnell waren seine Arme wieder oben.

Hedley riss die Augen weit auf. Träumte er? Er war doch nicht betrunken. Das waren keine Arme mit Fäusten. Schlangen wuchsen dem Typen aus den Schultern. Sie wanden sich und züngelten auf ihn zu. Ihre Augen hatten den gleichen toten Blick wie der Unheimliche selbst, der den Mund nicht aufbekam.

Der Mann wich zurück. Sein Atem ging keuchend. Er hatte Angst, und die beherrschte ihn völlig. Es war besser, wenn er verschwand.

Burt Hedley wandte sich zur Flucht.

Etwas umschlang seine Taille und hielt ihn zurück.

Voller Grauen stellte er fest, dass es eine dieser Riesenschlangen war, die ihn in den Würgegriff nahm. Eine Anakonda oder irgend so ein Biest. Er kannte sich da nicht aus. Eine zweite Schlange ringelte sich um seinen Hals. Burt Hedley versuchte zu schreien, aber der Laut erstickte zu mühsamem Gurgeln.

Plötzlich wusste er, dass er sterben würde, und doch konnte er es nicht fassen.

Er stürzte auf den Rücken und sah die grässliche Kreatur über sich, halb Mensch, halb

Schlangenmonster.

Sie presste ihm das Leben aus dem Körper. In ihren Augen erkannte Burt Hedley sterbend ein dämonisches Feuer.


*


Milton Sharp dachte an die Frau, die er liebte und die ihm nie gehören würde. Er biss die Zähne aufeinander und versuchte, die trüben Gedanken abzuschütteln.

Sie waren sinnlos. Er selbst hatte Jenny freigegeben.

Er selbst war es gewesen, der seinem Bruder und dessen Verlobter alles Glück dieser Erde gewünscht hatte, nachdem er Glyn aus den Fängen des Dämons Xurus befreit hatte.

Dass er Jenny selbst liebte, würde er Glyn niemals sagen.

Während er auf die riesige Anzeigentafel starrte, auf der sein Flug nach London gerade angekündigt wurde, schüttelte er so heftig den Kopf, dass die beiden Teenager, die neben ihm saßen, miteinander tuschelten und zu kichern anfingen.

Milton stand auf und schritt durch die Halle. Es gab mehr als eine Frau, die ihm seufzend nachschaute, denn er sah gut aus. Ein muskulöser sportlicher Typ war er schon, doch er dachte eben nur an die eine, die in wenigen Tagen heiraten würde. Leider nicht ihn.

Er trat an den Kiosk und kaufte wahllos eine englische Zeitung. Er wollte wissen, was sich in der Heimat ereignet hatte, während er in den Staaten den entscheidenden Kampf gegen Xurus geführt hatte. Flüchtig blätterte er die Seiten durch. Unwillkürlich zuckte er zusammen. Von dem Papier grinste ihm eine Fratze entgegen. Das Gesicht war aufgedunsen. Kaum sichtbare Augen steckten darin. Dafür war der Mund umso größer, ein gefräßiges Maul mit einem Gebiss wie eine Tropfsteinhöhle.

Die Haare bildeten einen Urwald aus Borsten, Stacheln und Würmern.

Milton wischte sich über die Augen. Das kam davon, weil er sich intensiv mit Dämonen und ähnlichen Höllenwesen befasste. Nun sah er auch dort welche, wo überhaupt keine existierten. Er schmunzelte. Da, wo er eben noch die Fratze gesehen zu haben glaubte, befand sich nichts weiter als ein harmloses Inserat. Eine Reisegesellschaft warb reißerisch für einen Abenteuertrip durch die Staaten. Als Lockmittel diente ein leichtgeschürztes Girl, das mit übereinandergeschlagenen Beinen auf der Motorhaube eines Jeeps saß und verführerisch lächelte. Ein Monster war das wirklich nicht!

Der Schattenjäger, der sein Leben dem Kampf gegen alle Wesen der Schattenreiche gewidmet hatte, faltete die Zeitung zusammen und begab sich zur Passkontrolle. Seine Maschine startete in zwanzig Minuten.

Die Abfertigung ging zügig vonstatten. Nur ein Ehepaar befand sich noch vor ihm.

Da riss plötzlich etwas an seinem Arm, dass das Schultergelenk knackte. Im nächsten Moment fuhr ihm Haariges ins Gesicht und nahm ihm die Luft zum Atmen.

Milton wehrte das Etwas instinktiv ab; er packte fest zu und hielt es sich vom Leib.

»Aua!«

Das hörte sich nach einer Frau an.

»Du tust mir ja weh.«

Milton sah die Blondine verblüfft an.

»Marge? Marge Holly?«

»Na, wenigstens scheint dein Gedächtnis noch zu funktionieren. Um deine Reflexe mache ich mir dagegen Sorgen. Du hast mich behandelt, als wollte ich dir ans Leben.«

Milton lachte mühsam. Der Schreck saß ihm noch in den Knochen. Erst die abscheuliche Fratze in der Zeitung und dann der unerwartete Überfall. Er hatte tatsächlich an eine ernste Gefahr geglaubt. Vielleicht sollte er mal ausspannen.

Die letzten Monate hatten seine Kräfte verbraucht.

»Was treibst du hier in Amerika?«, wunderte er sich. »Ich glaube, wir haben uns schon vier oder fünf Jahre nicht mehr gesehen.«

»Dasselbe könnte ich dich fragen. Ich lebe und arbeite hier seit ungefähr zwei Jahren. Und du?«

Milton zögerte. Er war früher mit Marge befreundet gewesen. Aber seitdem hatte sich viel verändert. Er konnte ihr unmöglich sagen, dass er nicht mehr als Journalist tätig war, weil ihm die Jagd auf Vampire und andere Scheusale keine Zeit mehr ließ.

»Ich war nur ein paar Tage hier«, sagte er wahrheitsgemäß. »Hatte beruflich in New York zu tun.«

»Und jetzt musst du unbedingt wieder zurück nach England?«

Die Frage klang lauernd. Marge hatte noch etwas auf dem Herzen.

»Willst du alte Erinnerungen aufwärmen?«

Marge Holly wurde plötzlich ernst.

»Nur, wenn du darauf bestehst, Milton. Ich habe ein ernstes Problem, und ich wäre froh, wenn ich auf deine Hilfe zählen könnte.«

Milton warf einen Blick auf die große Uhr in der Halle. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, wollte er seine Maschine nicht verpassen.

»Schieß los!«, schlug er vor. »Ein Reporter muss gut zuhören können.«

Die Frau mit den blonden Locken und der ansehnlichen Figur zog ihn zur Seite.

»Ich mache mir Sorgen um einen Mann, der spurlos verschwunden ist.«

»Was heißt verschwunden?«

»Wir arbeiten für dieselbe Firma. Er musste eine Fahrt unternehmen und ist überfällig. Schon seit Tagen.«

»Das kann viele harmlose Gründe haben«, meinte Milton.

»Bei Burt nicht. Er ist die Zuverlässigkeit in Person. Er hätte sich wenigstens gemeldet. Bei der Agentur, oder bei mir.«

»Aha! Es steckt also nicht nur das berufliche Interesse der Kollegin dahinter.«

Marge wurde verlegen.

»Burt ist ein prima Kerl«, gestand sie. »Ich mag ihn einfach.«

»Und was kann ich dabei tun?«

»Ich möchte, dass du mir hilfst, ihn zu suchen.«

»Na, hör mal!«

»Lehne noch nicht ab, Milton. Die Sache kann für dich sehr lohnend sein. Ich weiß doch, dass du immer auf der Jagd nach guten Storys bist. Vielleicht kann ich dir eine bieten.«

»Dazu müsste ich mehr wissen.«

»Okay! Burt hätte vor drei Tagen in Denver ankommen sollen. Eine Woche davor war er in Pueblo. Auf der Strecke dazwischen ist er verschollen. Ich habe mich auch bei den nächsten Stationen erkundigt, die auf seinem Terminplan standen. Rock Springs, Ogden, Reno. Überall Fehlanzeige.«

»Er kann erkrankt sein.«

»Einen widerstandsfähigeren Burschen als ihn kannst du dir nicht vorstellen. Den haut es nicht einmal um, wenn du ihn mit Krankheitskeimen fütterst.«

»Und als Frau?«

»Er würde für keine aus seinem Job aussteigen. Dafür ist er von der Idee viel zu begeistert.«

»Hast du schon an einen Unfall gedacht?«

»Habe ich. Wir hätten Bescheid bekommen. Burt trägt genügend Papiere der Firma bei sich.«

»Was ist das eigentlich für ein Betrieb? Kommt Spionage in Betracht?«

Marge musste gegen ihren Willen lachen.

»Kaum. Die ATC veranstaltet Erlebnisreisen für Leute, die etwas gegen Pauschaltourismus haben. Alles wird improvisiert. Die Urlauber fahren in Landrovers, manchmal auch in halsbrecherischen Booten oder müssen eine Etappe reiten. Übernachtet wird in der Regel unter freiem Himmel, in Höhlen oder stillgelegten Bergwerken. Keine Tour ist wie die andere. Burt hatte die Aufgabe, die neue Route festzulegen und ein paar Überraschungen auszuknobeln. Du verstehst, wir wollen unseren Kunden auch ein bisschen Spannung und Nervenkitzel bieten. Eine Gruppe ist gerade wieder unterwegs. Was hast du denn? Hörst du mir überhaupt noch zu?«

Milton schlug die Zeitung auf. Er starrte auf die Annonce, auf der ihn vorhin die Fratze erschreckt hatte. Tatsächlich! Sie stammte von der ATC, der Adventure Travel Company. Ein merkwürdiger Zufall!

Marge Holly tippte mit dem Finger auf das Werbefoto.

»Stimmt! Das sind wir. Du glaubst gar nicht, wie begeistert die Kunden sämtliche Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen. Sie fühlen sich in die Pionierzeit zurückversetzt. Dafür lassen sie sich vom Regen durchnässen, von Stechfliegen quälen und auf holprigen Pfaden durchrütteln.«

Der Schattenjäger sagte nichts dazu. Er hatte sich eingebildet, dass die amerikanischen Pioniere von heute zwischen Mond, Venus und Mars herumspazierten. Das unerforschte Weltall sah er für die moderne Wildnis an.

Er überlegte, ob er sich die Fratze doch nicht nur eingebildet hatte. Aber wo steckte der Sinn?

»Was hast du also vor?«, erkundigte er sich.

»Ich bin hier, um nach Pueblo zu fahren. Ich wäre froh, wenn du mitkämst. Wir mieten dort einen Wagen. Morgen Vormittag könnten wir Burt bereits gefunden haben. Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen! Was sagst du, Milton? Lässt du mich im Stich?«

Milton schüttelte heftig den Kopf. Eine plötzliche Unruhe hatte ihn erfasst. Die Dämonenfratze stieg wieder vor ihm auf. Er wollte Marge nichts von seinen Befürchtungen sagen. Damit hätte er sie nur noch mehr beunruhigt.

»Im Grunde ist es egal, in welches Flugzeug ich steige«, behauptete er leichthin. »Ich buche also um und gönne mir einen Urlaub mit dir.«

Insgeheim ahnte er, dass es alles andere werden würde, nur keine Erholung.


*


Es war eine bunte Gesellschaft, die sich aus den Fahrzeugen quälte. Keineswegs nur raue Burschen, die nach der Bestätigung suchten, dass sie noch richtige Kerle waren.

Es befanden sich auch seriöse Geschäftsleute darunter. Frauen, die wohl hofften, eine Welt zu finden, in der man dem weiblichen Geschlecht noch den gleichen uneingeschränkten Respekt entgegenbrachte wie vor hundertfünfzig Jahren. Aber auch Leute, die über ihre Eindrücke schreiben wollten oder die lediglich der große Spaß lockte.

Es gab sogenannte Aussteiger, die noch früh genug begreifen würden, dass auch hier alles bis ins Kleinste durchorganisiert war und der dramatische Zufall keinen Platz fand.

Einige Reiseteilnehmer wollten nur nette, gleichgesinnte Leute kennenlernen. Der eine oder andere sah ein lohnendes Betätigungsfeld für krumme Touren.

Ihre Erwartungen und Motive waren so unterschiedlich wie sie selbst. Die Adventure Travel Company machte sie wieder alle gleich. Sie hatten einwilligen müssen, auf persönliche Wünsche und Forderungen zu verzichten. Die Tour stand unter einem imaginären Motto. Sie wollten gemeinsam den Kontinent erobern, als wären sie die ersten, die diesen Schritt wagten. Das setzte voraus, dass sich alle unterordneten.

York Sampson reckte seine steifgewordenen Glieder und trat ans Ufer des Missouri. Schläfrig blinzelte er in die trüben Fluten.

Neben ihm stand Ron Stevens, ein drahtiger Bursche.

»Elende Dreckbrühe!«, schimpfte er. »Hier wird man auf Schritt und Tritt daran erinnert, dass wir mitten in der sogenannten Zivilisation leben. Umweltverschmutzung!«

Er schnitt eine Grimasse.

York Sampson spuckte ein paar Tabakkrümel ins Wasser.

»Ich habe mir sagen lassen, dass der Missouri auch früher schon mehr Schlamm und Unrat enthielt als Wasser. Die Steamer hatten mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen, um überhaupt durchzukommen.«

»Das lag an den seichten Stellen«, nörgelte der Jüngere.

Ihm gefiel es nicht, so untätig herumzustehen. Er freute sich schon auf Kansas City. Da konnte er endlich richtig zupacken. Die Floßfahrt, die sie vor sich hatten, ödete ihn schon im Voraus an. Er sah auch keinen Grund zu übergroßer Aufregung. Deshalb schaute er York Sampson verwundert an, als dieser aufschrie und wild gestikulierend in das lehmige Wasser zeigte.

»Was ist los, York?«, erkundigte er sich. »Ist dir diene Zigarre aus dem Mund gefallen?«

»Das auch, Ron. Aber frag mich nicht, warum.«

»Wahrscheinlich hast du vor Langeweile gegähnt.«

York Sampson war ganz aus dem Häuschen.

»Ja, siehst du das denn nicht?«

Rons Blick folgte dem ausgestreckten Arm, an dessen Ende ein Zeigefinger zitterte.

Tatsächlich! York Sampson bebte am ganzen Körper. Seine verlorengegangene Zigarre konnte kaum der Grund dafür sein.

Nun sah es Ron Stevens auch. In der trüben Brühe, knapp unter der Oberfläche, schwamm eine Leiche.


*


»Der ist tot«, stammelte Sampson.

Stevens nickte. Er kniff die Augen zusammen.

»Das ist keiner von uns«, stellte er fest.

»Natürlich nicht. Der muss schon sehr lange im Wasser liegen. Er sieht grässlich aus.«

Das war nicht übertrieben. Der Tote schwamm auf dem Rücken. Sein Gesicht drückte Entsetzen aus, obwohl es ziemlich entstellt war. Die Haare waren überlang. Fast wie bei einem Schrumpfkopf. Die Zähne bleckten die beiden Männer höhnisch an. Die wächsernen Finger waren wie die dünnen Saugarme eines Polypen. Doch das Schrecklichste waren die weit aufgerissenen Augen, in denen noch Leben zu sein schien.

»Furchtbar!«, fand Ron Stevens. »Anscheinend ertrunken.«

York Sampson war anderer Meinung.

»Das sieht mir eher nach einem Mord aus.«

»Mord?«, fragte Stevens ungläubig. »Wie kommst du denn darauf?«

Eine Antwort erübrigte sich. Auf der Brust des Toten bildete sich eine Blutlache, die rasch größer wurde, sich mit dem Wasser aber nicht vermischte.

Sampson schüttelte sich vor Grauen.

»Irgendetwas stimmt hier nicht.«

Ron Stevens ließ ein unsicheres Lachen hören.

»Was soll bei einem Mord schon stimmen?«

»Wieso blutet er noch? Er muss schon seit Wochen tot sein, wenn nicht länger.«

»Du hast recht. Sollen wir es den anderen sagen?«

»Davon rate ich ab. Das ist kein Anblick für Frauen, und helfen können wir dem Ärmsten ohnehin nicht mehr.«

»Aber denk doch mal an seinen Mörder! Der läuft vielleicht noch frei herum, weil man die Leiche seines Opfers noch nicht gefunden hat.«

»Möchtest du etwa Detektiv spielen? Ron Pinkerton hört sich nicht schlecht an. Leider wäre deine Reise damit zu Ende, bevor sie richtig begonnen hat.«

»Wir sollen also so tun, als wenn nichts gewesen wäre?«

»Das halte ich für das Vernünftigste. Du kennst doch die Polizei. Die fragt nicht danach, wie viel du für die Tour bezahlen musstest. Du bist ein wichtiger Zeuge und hast ihr zur Verfügung zu stehen.«

»Ich weiß nicht, York. Ich glaube, dass ich diesen Anblick nicht so leicht vergessen werde. Es ist wie ein böses Omen.«

»Bist du abergläubisch?«

»Warum nicht?«, entgegnete der Jüngere trotzig. »Unsere Vorfahren waren das auch. An den Lagerfeuern und in den Camps wurden jede Menge Spukgeschichten erzählt. Die Cowboys und Mountain Men waren harte Burschen, aber vor dem Unerklärlichen hatten sie einen Mordsrespekt.«

»Alles lässt sich erklären.«

»Auch, warum eine Leiche, die schon seit Wochen im Wasser schwimmt, plötzlich zu bluten anfängt?«

York Sampson schwieg. Er war Geschäftsmann und kein Mediziner oder Naturwissenschaftler. Natürlich gab es eine ganz normale Ursache, auch wenn er sie nicht wusste. Er kannte sich eben besser mit Aktien und Renditen aus.

Stevens wandte den Blick nicht von dem Leichnam, der langsam ab trieb.

Sampson entzündete eine neue Zigarre. Er bekam Hunger. Hoffentlich zauberte der Küchendienst saftige Steaks. Er schob den Hut zurück und kratzte sich am Ohr. Fragend sah er Ron Stevens an, der auf einmal fast so bleich wurde wie die rätselhafte Wasserleiche.

»Schau nur!«, flüsterte der Jüngere.

Sampson sah, wie der Tote beide Arme hob und die Hände mit den ekelhaft langen Fingern aus dem Wasser streckte.

»Sieht es nicht aus, als wollte er uns zu sich rufen?«, fragte Stevens mit Grauen in der Stimme.

Der Ältere räusperte sich.

»Quatsch!«, sagte er grob. »Der ist an einem schwimmenden Ast hängengeblieben. Das ist ganz normal.«

Er wandte sich ab und versuchte, an etwas anderes zu denken. Der Appetit war allerdings auch ihm vergangen.


*


Sie mieteten sich am Flugplatz von Pueblo einen Landrover, in den sie ihr weniges Gepäck verstauten und nach Nordwesten aufbrachen.

Zuerst kamen sie durch saftiges Weideland, doch schon bald näherten sie sich den Ausläufern der Rocky Mountains. Das Gelände wurde hügeliger und vor allem karger. Vereinzelt stachen schmale Felsen senkrecht in die Höhe. Kahl und wie Mahnmale einer vergangenen Zeit.

Marge Holly konnte sich an den Naturschönheiten nicht sattsehen. Wenn Milton sie nicht immer wieder an den eigentlichen Zweck ihrer Reise erinnert hätte, wäre sie jede halbe Meile stehengeblieben, um die Aussicht zu genießen.

»Altes Indianerland«, wusste er. »Als die Weißen nach Westen vorstießen, spielten sich hier zweifellos Tragödien ab.«

»Du willst damit sagen, dass wir über blutige Erde fahren?«, meinte die Frau schaudernd.

»So könnte man es ausdrücken. Wir stolzen Nachkommen der damaligen Wegbereiter können froh sein, dass die Geschichtsschreibung viele Lücken aufweist. Bist du sicher, dass Burt die gleiche Strecke gefahren ist?«

Marge hielt aufmerksam nach Burt Hedleys Jeep Ausschau, doch sie konnte das Fahrzeug nirgends entdecken.

»Sicher bin ich schon längst nicht mehr. Ich finde einiges reichlich seltsam. Ich hoffe nur, dass uns Burt eine plausible Erklärung dafür geben kann. Wir fahren bis zu dem zerfallenen Blockhaus dort hinten. Das muss früher eine Handelsstation gewesen sein. Dort hat Burt bestimmt auch angehalten.«

Sie wies auf die Hütte, die sich schwarz und drohend gegen den Himmel abhob. Das Knarren der schiefen Tür wehte der Wind zu ihnen herüber. Es klang wie das Stöhnen eines Menschen. Unwillkürlich drängte sich Marge dichter an Milton heran.

Nach wenigen Minuten erreichten sie die Hütte. Sie war nicht mehr als ein baufälliger Schuppen, aber ein blind gewordenes Messingschild dichtete ihr die Funktion einer ehemaligen Postkutschenstation an.

»So ein Blödsinn!«, regte sich Marge auf. »Die Bude wäre viel zu klein, um Pferde unterzubringen.«

»Ist doch egal. Eure Kunden freuen sich diebisch und zahlen kräftig dafür. Gehen wir hinein?«

»Natürlich! Wozu wären wir sonst hergefahren?«

In der Hütte war es hell, denn das Dach bestand nur noch aus ein paar schäbigen Resten. Auch durch die Wände fiel genügend Licht, doch es beleuchtete nur einen Haufen Schmutz und hereingewehten Sand. Ein paar morsche Bretter lagen in einer Ecke. Gegenüber hing ein verbeulter Blechtopf vor dem offenen Fenster.

»Das »Hilton« ist es nicht«, stellte der Schattenjäger fest.

»Trotzdem hatte es einen Gast.«

»Burt?«

Die Frau schüttelte zweifelnd den Lockenkopf.

»Ich weiß nicht. Burt läuft üblicherweise nicht barfuß.«

Sie zeigte auf ein paar Abdrücke in der Sandschicht des Fußbodens.

»Das waren zweifellos nackte Zehen«, bestätigte der Mann. »Aber sie stammen nicht von einem einzelnen Menschen. Es waren mindestens zwei, wenn nicht noch mehr. Sieh her! Sie sind unterschiedlich groß.«

»Und verkrüppelt«, ergänzte Marge. »Hast du jemals solche Klumpfüße gesehen? Kein Wunder, dass sie in keinen Schuh passen. Das sieht aus, als wäre der Teufel persönlich herumgestelzt.«

Milton wurde schlagartig ernst. Was Marge als Witz gemeint hatte, zog er durchaus sachlich in Erwägung. Wenn er auch nicht an die Anwesenheit des Höllenfürsten glaubte, so hielt er es nicht für ausgeschlossen, dass einige seiner Vasallen in dieser Gegend ihr Unwesen getrieben hatten.

Er musste erneut an die Dämonenfratze in der Zeitung denken. Mehr und mehr war er davon überzeugt, dass sie etwas zu bedeuten hatte. Ein Hinweis vielleicht. Oder auch eine Warnung an ihn.

Hätte er sich aus der Suche nach Burt Hedley heraushalten sollen?

Nein, natürlich nicht! Er war Herr über seine Zeit. Er hatte Xurus einen vernichtenden Schlag beigebracht und seinen Bruder Glyn befreit. Doch sein Schwur galt weiterhin: Kampf gegen alle Dämonen! Vernichtung den Unseligen dieser Welt!

»Was hast du, Milton?«, erkundigte sich Marge beunruhigt. »Du solltest dich im Spiegel sehen. Du siehst aus, als wolltest du mich fressen.«

Milton riss sich von seinen trüben Gedanken los.

»Immerhin wärst du ein appetitlicher Happen«, stellte er schmunzelnd fest.

Marge drohte lächelnd mit dem Zeigefinger.

»Lass das nicht Burt hören! Er ist mächtig eifersüchtig. Was hältst du von den Spuren?«

»Ich frage mich, warum sie mir draußen nicht aufgefallen sind.«

Marge Holly starrte ihn verblüfft an.

»Du hast recht. Mir auch nicht.«

Sie stürzten beide hinaus und suchten die Umgebung der Hütte ab. Außer den Spuren, die sie selbst und ihr Landrover verursacht hatten, fanden sie nichts.

»Merkwürdig! Fußspuren, die aus dem Nichts auftauchen und dort auch wieder verschwinden, hinterlassen nach meiner Kenntnis ausschließlich Vögel.«

»Das sind aber keine Vogelkrallen.«

Marge biss sich auf die Lippen. Sie trat von einem Fuß auf den anderen. Überrascht gestand sie sich ein, dass sie Angst hatte. Jedenfalls gab es Augenblicke in ihrem Leben, in denen sie sich wohler fühlte. Sie war froh, dass Milton bei ihr war.

»Müssten wir nicht auch Spuren von Burt entdecken?«, fragte sie.

Milton schüttelte den Kopf.

»Kaum. Du sagtest, er wäre schon vor ungefähr einer Woche hier gewesen. Seitdem hat der ständige Wind alle Spuren ausgelöscht.«

»Das würde bedeuten, dass die unbekannten Männer erst vor Kurzem hier waren«, vermutete Marge Holly.

»Vor höchstens zwei Tagen«, schätzte der dunkelblonde Mann. »Eine Erklärung, warum man die Spuren nur in der Hütte sieht, könnte sein, dass der Wind sie hier draußen schneller verweht.«

»Das leuchtet ein«, gab die Frau zu, aber sie war keineswegs überzeugt.

Sie kehrten in die Hütte zurück und setzten ihre Suche fort. Doch sie fanden weder einen Fetzen Papier, noch leere Coladosen oder wenigstens einen Zigarettenstummel, der die Anwesenheit Burt Hedleys verraten hätte.

Sie entdeckten aber auch kein Blut, aus dem sie auf eine Verletzung hätten schließen können. Es gab nichts, was darauf hindeutete, dass sich Burt in Not befand.

»Wir müssen weitersuchen«, entschied Milton. »Er kann sich ja nur irgendwo zwischen Pueblo und Denver befinden. Notfalls fahren wir die Strecke eben ein zweites Mal ab. Wir werden wahrscheinlich auch auf Leute stoßen, die ihn unterwegs getroffen haben.«

»Vielleicht können uns die Männer dort schon weiterhelfen«, hoffte Marge.

»Welche Männer?«

Sie deutete durch das offene Fenster, doch die Gestalten, die sie wahrgenommen hatte, waren inzwischen aus dem Blickfeld verschwunden.

»Es waren zwei oder drei«, sagte die Frau. »Sie scheinen unsere Richtung zu nehmen.«

»Zu Fuß?«

»Sicher steht ihr Wagen in der Nähe.«

»Dann wollen wir hin zu ihnen, bevor sie uns davonfahren«, sagte Milton.

Sie verließen das Blockhaus.

Milton sah sich verwundert nach allen Seiten um.

»Wo sind sie denn geblieben?«

Marge Holly schien ratlos.

»Das verstehe ich nicht. Ich habe doch nicht geträumt. Sie können unmöglich in den wenigen Sekunden so weit gekommen sein.«

»Okay! Fahren wir also hinterher. Mal sehen, was wir aus dem Klapperkasten herausholen.«

Sie sprangen in den Landrover, und Milton ließ das Fahrzeug vorwärtsschießen.

Nach drei Meilen seufzte er.

»Deine Augen sind offenbar auch nicht mehr das, was sie mal waren. Wir müssten sie längst eingeholt haben. Es sei denn, sie, haben sich im Sand vergraben.«

Marge antwortete nicht. Sie hatte sich doch nicht getäuscht! Die Männer existierten nicht nur in ihrer Einbildung. So heiß war es nicht, dass ihr Gehirn nicht mehr funktionierte.

Aber hätten sie nicht wenigstens auf Reifenspuren stoßen müssen?

Unwillkürlich hob sie den Kopf und suchte den Himmel ab. Sie schämte sich deshalb, aber die verwehten Fußspuren vor der Hütte und die verschwundenen Männer erinnerten sie an ihre Vogeltheorie.

Sie war Milton dankbar, dass er sie nicht auslachte. Auch jetzt war er wieder ungewöhnlich ernst. So kannte sie ihn von früher gar nicht. Irgendetwas hatte ihn verändert.

Plötzlich flog Marge nach vorn und begann erbärmlich zu fluchen.

»Bist du von allen guten Geistern verlassen, Milton? Warum trittst du dermaßen auf die Bremse? Ich sehe weit und breit keine rote Ampel.«

»Aber einen Geist«, sagte der Mann rau und deutete nach vorn.

Da sah auch Marge die klapprige Gestalt am Horizont, die unbeweglich wie einer der Nadelfelsen dastand und ihr eigenes Monument zu sein schien.


*


»Das ist er«, stieß Marge aufgeregt hervor.

»Das ist wer?«

»Einer der Männer, die ich beim Blockhaus gesehen habe.«

»Bist du sicher?«

»Absolut. Genauso sahen sie aus. Die Umrisse sind ganz typisch.«

»Aber sie können unmöglich so schnell hierher gekommen sein. Der Kerl ist wieder zu Fuß. Und überhaupt! Sieh dir mal das Klappergestell an. Der bricht doch beim nächsten Windstoß auseinander.«

Milton war bemüht, das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. Dabei war ihm nicht zum Lachen zumute. Er war jetzt fast sicher, es mit einer dämonischen Erscheinung zu tun zu haben. Das durfte er Marge natürlich nicht sagen. Sie würde hysterisch werden.

Umso überraschter war er, als die Frau neben ihm hauchte:

»Er sieht tatsächlich wie ein Gespenst aus. Mir ist es egal, was du über mich denkst, Milton. Das alles ist mir unheimlich. Es geht nicht mit rechten Dingen zu.«

»Dann lass uns umkehren«, schlug der Schattenjäger ruhig vor.

Ihm lag daran, die Frau aus der eventuellen Gefahrenzone zu bringen. Vermutlich lauerten die dämonischen Halunken auf ihn. Er hatte sich genügend Feinde in den Schattenbereichen gemacht. Er musste immer mit einem Schlag aus dieser Richtung gegen ihn rechnen.

Marge blitzte ihn an.

»Du spinnst wohl. Burt ist verschwunden. Ich fahre nicht eher zurück, als bis ich ihn gefunden habe. Notfalls allein, wenn du Angst hast.«

Milton lächelte verkrampft.

Angst? Was war ein Mensch ohne Angst?

Auch er hatte sie schon zu spüren bekommen. Im Augenblick war er weit davon entfernt. Er dachte nur an Marges Sicherheit.

Aber sie hatte wohl recht. Er durfte auch Burt Hedley nicht vergessen. Vielleicht befand er sich wirklich in ernster Gefahr. Es bestand die Chance, die seltsame Gestalt da vorn nach dem Verschwundenen zu fragen.

»Wie du meinst, Mädchen«, rief er entschlossen. »Also drauf auf den Jungen! Diesmal führt er uns nicht an der Nase herum.«

Genauso abrupt, wie er gebremst hatte, gab er auch wieder Gas. Marge wurde nach hinten geschleudert.

Der Landrover raste über das Gelände. Trotzdem gelang es ihm nicht, den Mann, der nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien, einzuholen.

Manchmal kam er ihm zwar ein Stück näher, doch kurze Zeit später war der alte Abstand wieder hergestellt.

»Verdammt!«, murmelte Marge.

»Es gibt Luftspiegelungen«, meinte Milton. »Die täuschen über die wahren Entfernungen.«

»Im August vielleicht, wenn die Luft vor Hitze flimmert. Aber jetzt haben wir Mai, und die Luft ist klar. Warum willst du nicht zugeben, Milton, dass du an das gleiche denkst wie ich? Der Mann ist ein Spuk!«

Milton verschluckte sich fast.

»Du glaubst an Geister? «

»Ich habe es gelernt. Während dieser kurzen Zeit habe ich begriffen, dass es Dinge gibt, die wir mit unserem begrenzten Menschenverstand nicht fassen können. Der Bursche läuft vor uns her, ohne dass man sieht, dass er sich überhaupt bewegt. Aber wir holen ihn nicht ein, und das schon seit fünf Meilen. Der Kerl kann nicht wirklich sein. Lach mich ruhig aus!«

Milton lachte nicht.

»Darüber reden wir später.«

Marge stöhnte.

»Ich wusste, dass du mir etwas verschweigst. Du hast dich verändert. Du bist jetzt fast so ernst wie dein Bruder.«

»Das hat seine Gründe, Marge. Lassen wir das. Seien wir froh, dass dein Boss nicht hier ist.«

»Was hat Parker damit zu tun?«

»Der bringt es glatt fertig und arrangiert eine Tour durch die Geisterwelt. Fünftausend Dollar pro Mann einschließlich Vollpension.«

»Ich möchte den Dicken erleben, wenn er tatsächlich einer übernatürlichen Erscheinung gegenüberstünde.«

Marge schüttelte sich.

Die Gestalt in der Ferne hob einen Arm. Es sah aus, als wollte sie den beiden in ihrem Fahrzeug winken, ihr zu folgen.

»Der macht sich über uns lustig«, sagte Milton.

Mit der rechten Hand hielt er das Lenkrad, mit der linken tastete er nach seiner Brust. Dort hing unter dem Hemd ein ledernes Futteral, in dem eine unansehnliche, braune Tonscherbe steckte: sein Pyrgus. Mit dieser Waffe hatte er schon etliche Dämonenwesen zur Strecke gebracht.

Marge beobachtete ihn. Sie vermutete, dass Milton eine Art Amulett um den Hals trug. »Anscheinend will er uns den Weg weisen«, meinte sie aufgeregt. »Er deutet nach Westen hinüber.«

Milton überlegte kurz.

»Okay! Dann fahren wir nach Norden. Ich traue dem Burschen nicht. Von dem erfahren wir kein Sterbenswörtchen. Eher lockt er uns in eine Falle. Wir sind schon viel zu weit von unserer Route abgekommen. Ich glaube, der Strolch will verhindern, dass wir Burt finden.«

Marges Protest fiel nur schwach aus. Sie dachte daran, wie lange der Spuk sie schon genarrt hatte. Sie verloren tatsächlich durch ihn viel Zeit.

Milton zwang den Landrover in die neue Richtung. Sie fuhren nach Norden, aber nur ein winziges Stück.

Bei dem scharfen, explosionsartigen Knall zuckten sie beide zusammen. Sie wurden von einer unsichtbaren Faust herumgeschleudert und blieben schließlich stehen.

Marge hatte die Arme vors Gesicht gerissen. Auch Milton duckte sich unwillkürlich.

»Was war das, Milton?«

Die bleiche Frau zitterte.

»Unser Gespenst ist beleidigt, weil wir es nicht mehr beachten, und hat uns zur Strafe in den Reifen gebissen. Wir haben einen ganz profanen Platten.«

Marge wurde verlegen.

»Weiter nichts?«

»Ich finde, das genügt. Wir wollen nur hoffen, dass in dieser Mühle wenigstens ein Wagenheber vorhanden ist.«

Sie fanden das Werkzeug, und auch der Ersatzreifen war in Ordnung.

Milton machte sich an die Arbeit, während sich Marge ein wenig die Füße vertrat. Sie starrte nach Westen und schluckte. Der Horizont färbte sich glutrot, dabei ging die Sonne noch nicht unter. An dieser Stelle ungefähr hatte der Unheimliche gestanden.

Milton machte sich seine eigenen Gedanken darüber. Es waren Gedanken voller Befürchtungen.

Aber schon lenkte Marge seine Aufmerksamkeit auf einen anderen Umstand. Sie wurde grau im Gesicht.

»Fällt dir an dem Wagen nichts auf?«

Sharp musterte das Fahrzeug und verneinte.

»Außer, dass er momentan nur drei Räder besitzt, finde ich nichts Besonderes an ihm. Und selbst diese Eigenart werde ich ihm gleich ausgetrieben haben.«

»Das meine ich nicht. Wir sind eben noch nach Norden gefahren. Entgegen dem Willen der Spukgestalt.«

»Das werden wir auch weiter tun.«

»Jetzt steht der Wagen aber in westlicher Fahrtrichtung. Ist das nicht merkwürdig?«

»Das ist durchaus normal. Als der Reifen platzte, gerieten wir ins Schleudern.«

»Du magst es normal nennen. Ich halte es für einen Schicksalswink, Milton. Der geplatzte Reifen war kein Zufall. Ich bitte dich! Lass uns nach Westen fahren … Nur noch eine Meile.«

Als der Schattenjäger das verzweifelte Gesicht der Frau sah, erkannte er, dass es ihr ein echtes Anliegen war.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909470
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365241
Schlagworte
milton sharp fluch narbigen

Autor

Zurück

Titel: Milton Sharp #11: Der Fluch des Narbigen