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Die letzte Kugel

2017 200 Seiten

Leseprobe

Die letzte Kugel


Larry Lash



Wildwest-Roman




IMPRESSUM


E in CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

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Klappentext:


Zwischen den Familien der Baterforts und Laddens besteht seit eh und je eine Fehde. Es ist eine Feindschaft zwischen zwei der einflussreichsten Familien weit und breit, von denen so ziemlich alle Menschen der Umgebung auf die eine oder andere Weise abhängig sind.

Dieser Konflikt schwelt so dicht unter der Oberfläche, dass bereits ein winziger Funkens ausreichen würde, um diesen alten Hass neu aufflammen zu lassen.

Eines Tages kommt es zu einer kleinen jedoch ausschlaggebenden Meinungsverschiedenheit zwischen der jungen, temperamentvollen June Baterfort und Larry, dem wilden Sohn der Ladden-Ranch. Auf dem Fest der Holzfäller eskaliert die Situation und die Fehde bricht offen aus. Dadurch kommt es zum Kampf …

Der durchtriebene Gauner McGood, nach einigen Zwischenfällen von beiden Ranchers verachtet und gemieden, schürt nicht nur den Hass zwischen den beiden Großranchers, sondern zeigt auch sein wahres Gesicht, als sich die Dinge dramatisch weiter zuspitzen.

Ein alter Revolver mit nur einer einzigen Kugel, eine altersschwache Stute und eine Rehkeule werde dem alten Fallensteller Old Jim gestohlen. Wer war dieser Dieb, der Dinge stielt, die keinen Sinn ergeben? Melvin Ladden, der älteste Ladden-Sohn, heftet sich an die Spur des Unbekannten und gerät dabei in einen Hinterhalt …

Findet man rechtzeitig heraus, wer dieser unbekannte Dieb ist, der einen Revolver mit nur einer letzten Kugel gestohlen hat, um die drohende Katastrophe in letzter Sekunde zu verhindern?



1.


Soweit man auch schaute, erblickte man nur Fichten, Zedern und Wacholdersträucher. Sie bildeten eine wogende, im Wind leicht bewegte Mauer, und sie gehörten sicherlich zu Urbeständen des Waldes, die der Westen Amerikas über Hügelkuppen trug. Sie rankten sich an gewaltigen vulkanischen Bergflanken empor, als wollten sie selbst jene kühnen, himmelstrebenden Pfeiler aus Vulkangestein überwuchern, die fast 13000 Fuß Höhe erreichten.

Unermesslich weit spannten sich die Wälder in diesem Land der schnellen Flüsse und rauschenden Wasser, die über Felsstufen, an Klippen vorbei, durch Engpässe zu Tal schossen. Sie waren voll ungebändigter, atemberaubender Kraft, ungestümen Rossen gleich dahinbrausend, dass Wassernebel durch die Wälder drang und über die Gipfel der Bäume schwebte.

Dort, wo aus den Höhen die milchigen Schleier der Wasserfälle zu Tal donnerten, riss Tag und Nacht der Lärm nicht ab. Doch je weiter man sich von den Fällen entfernte, um so einsamer und ruhiger wurde es, bis dann unter dem grünen Dom Gottes die tiefe Stille der Einsamkeit nur ab und zu von einem Rauschen im Baumwerk, von dem Rascheln eines flüchtigen Tieres oder dem Stöhnen des Windes unterbrochen wurde.

Ein gewaltiges Land war es, ein Land, das jedes Männerauge trunken machen, jedes Männerherz höher schlagen lassen konnte. Es war Männerland, in dem es hart und rau zuging, das stolze Menschen besaß, unduldsam und heißblütig.

Von ihnen allen gab es zwei besonders stolze Geschlechter, die Baterforts und die Laddens. Es waren zwei Familien, deren Vorfahren das Land erobert und sich zu eigen gemacht hatten. Es war die Familie der Baterforts, die, einem alten irischen Adel entstammend, ein schlossartiges Ranchgebäude mit einem künstlerisch angelegten Park, viele Diener und Helfer, Knechte und Mägde und ein Rudel Cowboys besaß, sowie eine Holzfällermannschaft, denn nicht nur die Rinder machten den Reichtum des Landes aus, sondern das Holz war vorrangig.

Yeah, das Holz war also der Reichtum, Rinderherden kamen somit erst an zweiter Stelle. Sie gediehen zwar prächtig auf den Bergwiesen und in den grünen Tälern, denn das Gras der fetten Weiden war hervorragend für die Zucht der Hereford-Rinder.

Daniel-Thomas Baterfort, ein Lord irischen Adels, hatte sie eingeführt, der Vorfahre des jetzigen Besitzers, ein Mann, von dem man sagte, dass er einem Geschlecht von Seepiraten und Raubrittern entstammte, das man mit Wolfsblut, wie die Sage erzählte, aufgezogen hatte.

Sir Daniel-Thomas Baterforts verblichenes Gemälde hatte einen Ehrenplatz in der Wohndiele auf der Ranch der Baterforts. Er glich Sir Morgan Baterfort, dem jetzigen Besitzer, in keiner Weise. Morgan war ein stiller und ruhiger Mann, mit feinen Manieren und einem klaren Verstand. Er war ein Mensch, der ein wenig zu gefühlsbetont war und jedem anderen Menschen das Recht zum Leben einräumte, ohne auf seine Sonderprivilegien und Vollmachten zu pochen. In ihm war nichts mehr von dem draufgängerischen, heißen Blut seines Großvaters, nichts von der ungestümen Kraft dieses Mannes, dem es nicht rau und wild genug zugehen konnte, der scharfe Getränke und wilde Feste geliebt und das heiße Leben bis zur Neige ausgekostet hatte.

Nein, Sir Morgan Baterfort war ein zivilisierter Mann, dessen Gesicht schmal und dessen Schläfen weiß waren. Er schien ein wenig müde und resigniert, ein wenig stur und zurückhaltend, jedoch ein Mann, der das gute Leben genoss. In dieser Hinsicht glich er seinem Vorfahr. Auch er liebte es, Menschen um sich zu haben, denn er blieb gastfreundlich über Wochen hinweg.

Yeah, meist waren es Freunde, die bei der Jagd und bei den Festlichkeiten den richtigen Rahmen gaben. Sie entstammten den vornehmsten Familien Arizonas und wussten die Gastfreundschaft der Baterforts zu schätzen. Zu ihnen zählten Gentlemen, Offiziere der Armee, Ladys und deren Töchter.

Man sagte, dass Morgan Baterforts Verbindungen bis nach Washington reichten, er hatte aber niemals davon Gebrauch gemacht, da gesellschaftliche Verpflichtungen ihn ständig in Atem hielten. Er kümmerte sich wenig um sein Besitztum und um die Nachbarn und ließ sich selten auf den öffentlichen Festlichkeiten sehen, die in der Stadt nach volkstümlichen Bräuchen begangen wurden. Man sagte ihm nach, dass er alles tat, um seiner schönen Tochter jeden Wunsch von den Augen abzulesen und ihr zuliebe, weite Reisen unternahm. Yeah, sie führten bis nach Europa.

Überall, wo June Baterforts dunkle Schönheit auftauchte, schuf sie Verwirrung und Unruhe. Ihretwegen hatte es bereits viele Duelle gegeben. June Baterfort, so sagte man, glich ihrem Urahnen so, als wäre er wahrhaftig noch einmal Fleisch und Blut geworden, als hätte er in June Baterfort eine neue Auferstehung gefunden. Sie war von der gleichen Unruhe und dem heißen Drängen besessen wie Sir Daniel-Thomas. Die Natur selbst hatte sie mit einem unzähmbaren Temperament ausgestattet.

Sie wirkte magisch anziehend und elektrisierend zugleich. Sie entflammte die Männerherzen und schien trotzdem kühl. Yeah, es gab niemanden, der mit Stolz sagen konnte, ihr Herz erobert zu haben. Sie hielt nichts von flüchtigen Stunden, die in Zärtlichkeiten verlorengingen. Sie war immer auf der Suche nach dem Mann, der stark genug war, um ihre Wunschträume in Erfüllung gehen zu lassen.

Vielleicht war sie darum immer wieder mit ihrem Vater zurückgekehrt aus dem Trubel der großen Städte, wo Salonlöwen und Scheinhelden sich um sie bewarben. Vielleicht zog es sie zurück in die Heimat der grünen Wälder, weil es dort einen Mann gab, der sie faszinierte, dessen Wildheit und Stärke schon zur Legende geworden war, wie alles zur Legende wurde, was mit den Laddens zusammenhing.

Yeah, die Laddens waren die zweitmächtigste Familie des Landes. Aber in den Adern dieser Menschen floss kein Tropfen blauen Blutes. Niemand wusste so recht, woher sie kamen und wo die Wurzeln der Vergangenheit zu finden waren. Aber das machte weder den Laddens noch den Menschen etwas aus, die ihnen dienten.

Sicherlich war es ein Urgeschlecht, seit undenklichen Zeiten im Land. Bei Gott, es waren keine riesigen Gestalten, keine armseligen, heruntergekommenen Kleinsiedler und Bettler, die durch die Wälder zogen. Es waren kernige Männer, die sicherlieh etwas Tierhaftes an sich hatten, was sie jedoch wie mit einem Mantel umgab.

Eine Ausnahme allerdings machte Melvin. Er fiel kaum auf, denn er war selten auf der Ranch. Er trieb sich in den Wäldern herum, gleich einem Einsiedler, und kam oft bei Nacht, um sich nur das Notwendigste zu holen, um noch vor Morgengrauen wieder in den Schatten der Wälder unterzutauchen.

Anders dagegen war Larry, der jüngere Bruder. Es gab keinen besseren Zureiter, keinen Mann, der die Bullpeitsche so geschickt zu handhaben wusste, niemanden, der schneller und wilder ritt, und keinen Mann, der auf einem Einspänner so geschickt manövrieren konnte, auf steilen und abfallenden Gebirgswegen, wie er. Er war trotz seiner Jugend schon berühmter als sein Vater Jubal Ladden, dessen narbiges Gesicht von einem harten, erbarmungslosen Leben und kämpferischen Tagen berichtete. Larrys schnelle Hände waren bekannt, dazu seine Schlägereien und dass er Frauen nachstellte.

Mit einem Lächeln, das seine weißen Zähne enthüllte, setzte er sich über alles hinweg. In ihm kochte das Leben, als wollte es überfließen, jedoch war er nie außerhalb der großen schweigenden Wälder gewesen. Er saß gern mit Goldsuchern, Fallenstellern, Falschspielern, Cowboys und harten Männern an einem Tisch. Er liebte das Spiel und den höchsten Einsatz genauso, wie er die Frauen liebte. Wo er auch auftauchte, schuf er Verwirrung, aber auch Betrieb und manchmal haarsträubende Situationen.

Immer mehr Legenden woben sich um ihn, immer stolzer wurde Jubal auf diesen Sohn, der ihm so ähnlich war. Melvin dagegen versank immer tiefer in den Schatten des Vergessens, und man schenkte ihm kaum Beachtung. An sein nächtliches Kommen war man gewöhnt und an sein Verschwinden ebenso. Da er sein eigenes Leben lebte, missfiel es niemandem. Ab und zu hinterließ er eine Nachricht, die meistens eine Aufstellung war, in der Proviant, Munition und anderes angefordert wurde, was ihm dann in eine von ihm bezeichnete Hütte gebracht wurde. Jene, die es brachten, konnten sich nicht rühmen, ihn jemals angetroffen zu haben.

Melvin geriet also immer mehr in Vergessenheit, und gerade das schien ihm recht zu sein und gerade dem zu entsprechen, was er wollte. Auf diese Art war er zwei volle Jahre für seine Familie nur ein Schatten gewesen, bis, yeah, bis zum Mai 1870, also zu der Zeit, als im alten Europa der deutsch-französische Krieg tobte und nach Amerika drei Millionen Einwanderer kamen. Fünf Jahre nach der Kapitulation von Appomattox. Fünf Jahre nach der Ermordung Lincolns, fünf Jahre nach Sheridans Aufmarsch an der mexikanischen Grenze.

Die für Laddens Riesenreich arbeitenden Holzfäller sahen ihn am Morgen des 2. Mai am Apachenpass auftauchen. Er machte äußerlich einen festen Eindruck. Wie gewöhnlich trug er Mokassins an den Füßen, hatte eine Winchester umgehängt, ein Bowiemesser und einen 45er Colt im Gurt.

Nun, das war nicht auffallend, auffallend war nur, dass man ihn am hellen Tage sah und dazu auf einem Rappen, dessen Flanken nicht das Brand-Zeichen der Laddens hatten, noch sonst jemals von einem Brandeisen berührt worden waren, in diesem Land der drei Brandzeichen machte diese Tatsache doch sehr stutzig, jedoch erschrocken war man erst richtig, als man das Pferd näher betrachtete.

Männer“, sagte jemand aus den Reihen der Holzarbeiter, die aufgehört hatten, ihrer Tagesbeschäftigung nachzugehen, „wenn das nicht Black King ist, dann …

Black King?“, unterbrach ihn ein anderer. „Alle guten Geister, es ist Black King, der König der Wildpferde! Unser Apache hat ihn eingefangen und zugeritten!“

Ungläubig wischte sich der Sprecher über die Augen. Alle Arbeiter schwiegen, denn jeder wusste, dass das ganze Jahr über immer wieder Mustangjäger losgeritten waren, um Black King zu fangen. Sie wussten, dass Larry im Winter volle drei Monate damit zugebracht hatte, um Black King in eine Falle zu locken, und dass auch Morgan Baterfort mit seinen vornehmen Gästen aus der Stadt und einigen Offizieren sein Glück versucht hatte.

Yeah, jeder dieser Holzfäller wusste, wie jedermann im Lande, dass Black King, der König der Wildpferde, schon bei manchem Mann ungestillte Sehnsüchte erweckt, manchem Mann den Schlaf geraubt und ihn in den Sattel getrieben hatte, und dass mancher Mann in der endlosen Weite der Wälder für immer verschollen geblieben war.

Nun kam der Apache, wie man Melvin Ladden auch nannte, einfach daher geritten, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, Black King zu reiten. Dabei lenkte er den Rappen nur mit einem indianischen Zaumzeug, einem Halfter, das weder in den Lefzen schnitt noch Verletzungen schuf. Yeah, er lächelte etwas unsicher zu der Holzfällergruppe hin, als müsste er sich dafür entschuldigen, dass sie seinetwillen die Arbeit ruhen ließen und als wäre es ihm nicht recht, dass er sich ihnen aufdrängte. Er lächelte, tippte an die Stetsonkrempe und verschwand so lautlos mit dem Rappen in Richtung der Ranch, wie er aufgetaucht war. Die rauschenden Wasser machten den Hufschlag des Rappen unhörbar.

Ein riesiger Holzfäller stieß schnaufend den Atem aus, hieb seine Axt in den Stamm einer Fichte und reckte sich hoch auf. „Der Apache kommt mit Black King angeritten. Yeah, mit meinen eigenen Augen habe ich es gesehen. Ihr doch auch, nicht wahr?“

Zum Teufel, yeah!“

Das wollte ich nur wissen, sonst hätte ich an einen Spuk geglaubt, und dabei habe ich heute noch keinen Whisky getrunken. Ich bin stocknüchtern, so nüchtern war ich noch nie. Es geschehen noch Wunder.“ Mit der Faust schlug der Riese durch die Luft, als müsste er etwas aus dem Weg räumen. „Dabei haben wir doch alle angenommen, dass der Apache kein richtiger Ladden sei. Wir haben es doch geglaubt, nicht wahr?“

Nun gut, er kam auf Black King daher geritten. Deshalb ist er noch lange kein echter Ladden“, sagte jemand böse. „Er wird nie an den Boss heranreichen.“

Der Boss wird ein wenig erstaunt sein, aber mehr auch nicht. Seine Sympathien hat nur Larry. Er sieht den anderen nicht, den Erstgeborenen. Seit dem Tode seiner Frau hat er Melvin nicht gesehen.

Der Junge vereinsamte, als die Mutter ihm starb und wurde ein wenig sonderlich. Die Ladden-Ranch wurde für ihn zur Festung. Er hielt es dort nicht mehr aus. Die Verbindung zur Ranch hielt er nur, weil sie ihm alles geben konnte, was er in der Einsamkeit brauchte. Man sagt, dass er sich weder für Jubal Laddens Geschäfte noch für seine Freunde interessiere und lieber einem Puma oder Grizzly nachstellt, eine Wolfsfährte über viele Meilen hinweg verfolgt oder mit seinen beiden grauen Hunden in einer Höhle übernachtet.

Im letzten Winter verbrachte er lange Zeit in einer eingeschneiten Hütte. Selbst zu Weihnachten kam er nicht aus seinem Bau heraus, und doch wollte jemand beobachtet haben, dass am ersten Weihnachtsabend am Pferdekopffels hoch auf dem Fels ein Feuer gebrannt haben soll.

Wie dem auch sei, er hat Pech. Er wird weder seinen Vater noch seinen Bruder auf der Ranch antreffen. Das ist nicht unsere Sache. Er ist selbst daran schuld. Er hätte sich enger an Ranch und Familie halten sollen, dann wüsste er auch wie der Hase läuft. Er wird selbst zusehen müssen, wie er zurechtkommt.“

Er hat uns nie um Rat gefragt und nie herumkommandiert“, ergänzte ein anderer.

Sicherlich nicht!“, wurde dem Mann geantwortet, der etwas zu Melvins Gunsten hinzufügen wollte. „Er wird aber auch nie der Boss sein. Wenn jemand das Reich der Laddens übernehmen wird, dann nur Larry …“

Ich glaube auch nicht, dass Melvin die Absicht hat, es zu tun“, klang es rau.

An die Arbeit, Männer!“, sprach der riesige Vorarbeiter. „Jubal zahlt nichts fürs Herumstehen. Ich ziehe euch sonst die Pause vom Lohn ab. Zeit ist Geld, wenn ihr verdienen wollt, rührt die Hände!“

Bray, auch ohne unser Zutun wird Jubal Ladden reicher und reicher. Drei Siedler haben in letzter Zeit wieder an ihn verkaufen müssen, mehr und mehr frisst er die Wälder, Länder und Weiden. Er verleiht doch auch Geld und …

Das ist seine Sache!“, wurde der Sprecher unterbrochen. „Uns geht das nichts an. Jubal Ladden zahlt, und wer fleißig ist, der kann bestehen. Er ist hart, aber gerecht. Schau dir die Siedler näher an, die ihm verkauften. Hannemann war über und über verschuldet, ein notorischer Trinker. Bill Adre und Gud Frederik Buket vernachlässigten ihre Heimstätten zu sehr und waren froh, einen anständigen Käufer zu finden, und froh, in eine von Laddens Mannschaften eintreten zu können. Niemand verschenkt etwas. Ladden ist ein großartiger Boss!“

Das mag sein, aber mehr und mehr schiebt er sich an die Grenze der Baterforts heran. Durch den Aufkauf einiger Kleinranches ist er im Süden wie ein Keil mitten in Baterforts Land hineingestoßen. Er hasst Baterfort.“

Zwei große Geschlechter, die Laddens und die Baterforts. Beide haben sich mächtig breitgemacht. Die Laddens in den letzten Jahren mehr; denn die Baterforts hielten die alten Grenzen ein. Sie bekamen keinen neuen Besitz dazu. Vielleicht versuchst du es ebenfalls.“

Die letzte ironische Bemerkung wurde mit einem bösen Brummen beantwortet. Niemand sagte etwas, denn die Spannung, die zwischen den beiden Familien war, war nicht von heute auf morgen entstanden. Sie bestand schon, als der erste Lord Sir Daniel-Thomas Baterfort auf Jack Ladden, den Pelztierjäger, traf.

Die ewigen Wälder bewahrten das Geheimnis, das über Jack Laddens Tod lag. Die rauschenden Flüsse verrieten nichts von dem Drama, das an ihren Ufern stattgefunden hatte.

Lord Baterfort aber war es selbst, der in seiner Sterbestunde den Namen Jack Ladden erwähnt hatte.

Yeah, seit der Zeit waren sich die Laddens und die Baterforts aus dem Weg gegangen.

Es hatten keine Kämpfe stattgefunden. Es gab keine Rache durch zwei Generationen hindurch, aber zwischen den Geschlechtern blieb etwas bestehen, was finster und drohend war, was man nicht aus der Welt schaffen konnte.

Es schien einer stillen Vereinbarung zu gleichen, dass man sich aus dem Wege ging, wo immer man sich auch sah.

Diese Vereinbarung, so merkwürdig sie auch klingen mag, wurde im Frühjahr 1870 gebrochen, und zwar in Deming, jener Stadt, in der die Baterfort- und auch die Ladden-Anhänger ihre Einkäufe in den Stores tätigten. Sie kamen hierher, um nicht nur einzukaufen, sondern um sich auch in den Saloons und Spielrooms zu amüsieren.

Deming war eine kleine Stadt, recht malerisch gelegen, umringt von Almen, Weiden und Tannenwäldern. Deming besaß ein großes Holzsägewerk, das den Laddens gehörte, dazu holzverarbeitende Betriebe, deren Erzeugnisse den Deming-River hinunter, tief ins Land, transportiert wurden. Deming lebte somit von den Laddens. Nur wenige in der Stadt durften es offen zeigen, dass ihre Sympathie mehr den Baterforts gehörte. Deming war eine eng gebaute, am Hang stehende Stadt, mit sehr schmalen Gassen. By Gosh, vielleicht waren es die schmalen Gassen, die schuld daran waren, dass sich die feindlichen Sippen plötzlich gegenübersahen.


*


Der Oldtimer Jubal, der neben seinem Sohn Larry auf dem Bock des Einspänners saß, wurde dunkelrot, beim Anblick June Baterforts, die, von zwei Offizieren begleitet, in einem leichtgebauten Einspänner saß.

Einer der Offiziere hielt die Zügel und rief herausfordernd: „Platz gemacht, heh, beiseite!“

Es war nur wenig Platz. Die Häuser standen zu eng beieinander, so als wollten sie sich gegenseitig stützen. Jubal Ladden, der Oldtimer, sah nur eins, die unheimliche Ähnlichkeit des Mädels in der gegenüberstehenden Kutsche mit Sir Daniel Thomas Baterfort. Er sah nicht ihre bezaubernde Schönheit, die entflammen und begeistern konnte. Nein, er sah nur die Ähnlichkeit mit jenem Mann, der wie ein Alb auf seiner Seele lag. Er bemerkte nicht einmal, dass sein Sohn Larry scharf den Atem einsog, als hätte er plötzlich etwas überraschend Neues gesehen.

Kein Wunder! Drei lange Jahre war June Baterfort nicht im Lande gewesen. Dass sie aus Paris die letzten, modischen Kleider mitgenommen hatte, zeigte ihre elegante Aufmachung. Sie trug ein blaues Hütchen mit einem hauchdünnen Schleier und ein Kleid der gleichen Farbe, das so herrlich die vollendeten Formen ihres Körpers betonte, dass ein Hauch von Frühling und Ferne herüberwehte.

Himmel, Larry sah nicht die Uniformen, in denen ihre Begleiter steckten, er sah nur sie und ihre Augen, die meergrün leuchteten, Augen, die ihn betörend ansahen und einen Funken herübersprühten, der so lebendig war, dass ihm die Kehle eng wurde und der Atem stockte.

Heh, Sie da!“, schrie der Fahrer des gegenüberliegenden, zum Stehen gekommenen Wagens und stieß mit der Peitsche über sein Gespannpferd hinweg, dass die Schnur ausschlug und vor Larry Laddens Nasenspitze scharf knallte. „Zurück mit Ihrem Wagen! Platz gemacht für die Lady!“

Das steht Ihnen zu, Platz zu machen!“, entgegnete Jubal Ladden böse. Es war, als ob aus der Kehle eines Bären Urlaute hervorquollen. „Wer Ladden heißt, weicht nicht aus, und schon gar nicht vor einem Greenhorn!“

Hölle, das war stark. Wenn die beiden Begleiter nicht gewusst hätten, mit wem sie es zu tun hatten, nun, dann wäre ihre Arroganz verzeihlich gewesen, aber sie hatten es ganz genau gewusst, wer vor ihnen war. June selbst hatte es ihnen, als ihr Gefährt um die Ecke bog und den Weg versperrte, sofort zugeflüstert.

Beide Offiziere waren Gäste auf Baterfort. Als sie die Namen der beiden Männer hörten, erwachte ein törichter Geltungsdrang in ihnen. Sicher, sie hatten allerlei von den Laddens gehört. Auch auf Baterfort kreisten die Legenden und Geschichten. In diesem Lande blieb eben nichts verborgen.

Sie sahen zwei Männer vor sich. Die Augen des einen waren eisblau, sie funkelten und blitzten und standen in einem von bleichen Narben verunstalteten, braunen Gesicht. Und sie sahen Larry, den Mann, von dem die tollsten Dinge umgingen. Dass Larry trotz des Peitschenknalls vor seiner Nase nicht einmal mit der Wimper zuckte, legten sie falsch aus. Sie glaubten, dass der Schreck ihn gelähmt hatte, denn er hatte keine sichtbare Waffe bei sich, genauso wie sein Vater. Seine Peitsche steckte im Halter. Jeder Griff danach konnte also verhindert werden.

Larry war allerdings nicht vor Schreck gelähmt, wie es schien, sondern von so viel Schönheit wie umgarnt. Weit fort fühlte er sich getragen, dass er wie aus weiter Ferne die scharfen Reden hörte, die das Aufflackern einer Feindlichkeit bedeuteten.

Die Gesichter der beiden in Uniform steckenden Männer waren für ihn hohl und leer. Sie bedeuteten ihm nichts. Weder der eine noch der andere hatte etwas an sich, was ihn zu einer schärferen Prüfung veranlasst hätte. Sehr ruhig sagte er zu seinem Vater, ohne den Blick von June Baterfort zu nehmen:

Diese Männer wissen nicht, dass sie sich auf dem Gelände der Laddens befinden. – Sie sind schlecht erzogen, Madam“, wandte er sich an June, die darauf den Kopf hochriss, als hätte seine Anrede sie tödlich beleidigt. „Sagen Sie Ihren Begleitern, dass sie die Bremsen lösen und zurückfahren sollen, möglichst nahe an die Holzwand des linken Hauses heran, dann wird es gehen.“

Wir weichen nicht aus. Nicht vor den Laddens!“, sagte sie sicher.

Das war ein unvernünftiger, törichter Standpunkt. Aber kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, tat es ihr leid, so unüberlegt eine Erwiderung gegeben zu haben. Sie begriff selbst sehr gut, dass es dem bergabkommenden Gefährt kaum möglich war, zurückzusetzen. Die Bremse war angezogen und das Gespannpferd übermüdet, es würde nicht zurücksetzen können.

Es war zu spät, um es wieder in Ordnung zu bringen. McLany, der Offizier, der die Zügel und die Peitsche hielt, stieß ein höhnisches Gelächter aus und schlug zu. By Gosh, yeah, die Worte „schlecht erzogen“ hatten ihn entflammt. Die Peitschenschnur raste auf Larry Ladden zu.

Jedem anderen hätte sie das Leder quer über das Gesicht gezogen. Nicht so bei Larry. Zurückweichen und zupacken, anziehen und anreißen war eine einzige Bewegung. Im nächsten Augenblick flog auch schon McLany vom Bock herunter, als hätte ihn jemand von hinten in den Rücken gestoßen. Er hätte nur das Peitschenende loslassen müssen, sich nicht darauf versteifen sollen, den zweiten Schlag genauer anzusetzen. Er stürzte über das aufsteigende, wild auskeilende Geschirrpferd hinweg, musste sich nach einem schmerzhaften Sturz zur Seite rollen, um nicht von den Hufen erwischt zu werden, die an seinem Kopfe vorbeikeilten.

Er hörte das Stampfen der Hufe und rollte sich so schnell er konnte zur Seite und richtete sich dann mit verdreckter Uniform, die allen strahlenden Glanz eingebüßt hatte, benommen auf.

Er brauchte nicht mehr einzugreifen. Die Zügel hatte June an sich gerissen. Sie stand gleich einer Rachegöttin mit blitzenden Augen in die Zügel gestemmt. Ihre Augen flackerten wild. Wie Hohngelächter mochte ihr Jubal Laddens schadenfrohes Gelächter erscheinen. Yeah, Jubal lachte schallend und ungehemmt, dass ihm die Tränen in die Augen traten. Er lachte noch, als June den zweiten Offizier mit einer raschen Handbewegung daran hinderte, den Säbel zu ziehen, und er grinste noch, als June laut und vernehmlich sagte:

Ladden, das nächste Mal lachen wir! Curry, steigen Sie ab, helfen Sie Ihrem Kameraden. McLany scheint sich verletzt zu haben. Ich selbst setzte das Gefährt zurück.“

Mit diesem Vorhaben schien es nicht abgetan zu sein. Curry schwang sich zwar vom Bock über die Radnabe hinweg, aber er sah seinen Kameraden nicht einmal an, sondern wandte sich direkt an die beiden Laddens.

Seine Augen hatten einen stählernen Glanz, als er heiser sagte:

Ich fordere Sie, Larry Ladden. Ich brauche Ihnen wohl keine Einladung zu schicken und brauche keinen Adjutanten. Sie haben die Wahl, Pistolen, Säbel, was Sie wünschen, und dazu können Sie den Tag bestimmen.“

Er verbeugte sich und wartete auf Antwort. Der Oldtimer, Jubal Ladden, hatte aufgehört zu lachen. Mit dem Ellenbogen stieß er seinen Sohn, der wieder im Anblick des schönen Mädchens versunken war, an. „Heh, Larry, er fordert dich, wie findest du das?“

Ausgezeichnet!“, klang es aufreizend. „Schon lange habe ich keine richtige Aufregung mehr erlebt. Das ist in der Tat ein Angebot, das ich nicht ausschlagen möchte. Wollen Sie es allein oder zu zweien versuchen?“

Das klang wie bitterer Hohn, als hätte der Jüngste der Laddens statt Blut Eiswasser in den Adern. Er blickte dabei aufreizend lässig zu McLany hin, der angespannt dastand und sich vom Schmutz zu befreien versuchte, indem er mit der flachen Hand seine Uniform abklopfte. McLany war einer jener Offiziere, denen es immer darauf ankam, so schneidig wie möglich aufzutreten. Langsam bückte er sich und nahm die ihm entfallene Peitsche wieder hoch.

Nur keine Sorge, Ladden, ich wäre schon rechtzeitig mit meiner Forderung an Sie herangetreten.

Aber ich bestimme die Waffen! Ich bin nicht so großzügig wie mein Kamerad. Die Waffen sollen entscheiden, die ich meistern kann. Pistolen, Revolver und Colts sind ausgeschlossen. Ich bestehe auf Säbel! Falls Sie davon nichts verstehen, können Sie eine Keule oder Axt dagegen setzen.“

Nicht übel“, erwiderte Larry grinsend. „Das verspricht eine Sensation und ein lustiger Zweikampf zu werden, und da ich bisher keine Forderung stellte, bin ich nun am Zuge. Die Herren Offiziere können Keulen, Säbel, Revolver, Pistolen oder alte Geschütze holen, mir ist alles recht. Wenn es ihnen Spaß macht, können wir uns auch mit Steinen bewerfen oder mit Lanzen bekämpfen. Jedoch, und das nehmen Sie mir sicherlich nicht übel, erst nach dem Fest.“

Wie soll ich das verstehen?“, fragte Curry arrogant und gereizt, „von welchem Fest reden Sie eigentlich?“

Von dem Fest, das Ihnen, meine Herren, die Möglichkeit geben soll, zu erleben, wie man in dieser schönen Stadt die Feste feiert, und zwar das Holzfällerfest. Es wäre schade, meine Herren Offiziere, wenn Sie es nicht mitmachen könnten, verschieben wir unser Duell! Ich möchte Sie nicht um das Vergnügen bringen, denn diese Welt hat nicht allzu viel davon.“ Er brach ab, wandte sich direkt an Madam Baterfort.

Auch Sie sollten das Fest besuchen, Madam“, sagte er von einer schier unverschämten Heiterkeit erfüllt. „Ich werde nach Ihnen Ausschau halten.“

Sie schaute ihn empört an. Zornesröte bedeckte ihr liebliches Gesicht. Ihre Augen funkelten voller Verachtung und wildem Trotz, aber er schien sich darüber nur lustig zu machen. Mit der Hand schob er seinen Stetson weit in den Nacken zurück, dass sein hellblondes, wie goldener Weizen schimmerndes Haar vom Wind aufgeplustert wurde. Er hatte hellblaue Augen, die an einen Bergkristallsee erinnerten. Augen, die voller Feuer waren. Er war seinem Vater überraschend ähnlich.

Seine rechte Hand, die, die Peitschenschnur aufgefangen hatte, blutete. Es schien ihn jedoch nicht zu kümmern und auch nicht, dass das herabrinnende Blut seiner Hand beim Zurückschieben des Stetsons eine Spur in seinem Gesicht hinterlassen hatte. Weder er noch sein Vater nahmen Notiz davon.

Einen Augenblick noch, Ladden“, sagte McLany, der erst jetzt so richtig begriffen hatte, mit welch eiskaltem Hohn er und Curry bedacht wurden. „Wir werden doch Ihre Nachricht erhalten?“

Ganz gewiss!“, lächelte Larry. „Ich kenne doch die Regeln.“

Sie, als Hinterwäldler?“, platzte Curry heraus. Er trat dabei neben McLany und wollte besonders stolz wirken.

Jubal Ladden, der sich ruhig verhalten hatte, beugte sich ein wenig vor. In seinem narbengezeichneten Gesicht zuckte es voller Heiterkeit.

Meine Herren Offiziere“, sagte er mit grollender Stimme, „nur keine Sorge! Sie haben Ihre Aufforderung keinem Unwürdigen zukommen lassen. Mein Sohn Larry hat das Offizierspatent. Er diente bei der Nordarmee im Krieg und kam als Captain zurück, genügt Ihnen das?“

Curry und McLany schauten verdutzt drein. „Wollen sehen!“, stieß Curry verwirrt hervor. „Davon hat man uns nie etwas gesagt.“

Deshalb kein Grund zur Aufregung“, sagte Jubal, und wieder dröhnte sein eigenartiges, bärenhaftes Lachen auf. „Meine Söhne sind eben bescheiden. Sie wurden beide aus dem Mannschaftsstand zu Offizieren befördert, auch ohne die Kriegsschule besucht zu haben. – Oh, danke, Madam!“, sagte er zu June Baterfort, die das Gefährt hatte zurückrollen lassen und es nahe an die Hauswand gebracht hatte. „Das genügt, wir kommen vorbei. Los denn, Larry!“

Der Oldtimer brachte das Gefährt in Bewegung. Als ihr Wagen an dem der Baterforts vorbeirollte, hatte June das Gefühl, als wollten Larrys Augen sie für immer bannen. Sie atmete schwer. Ihr Gesicht wurde zornrot. Es war ein unvernünftiger Zorn, geboren aus Standesdünkel, wildem Trotz, geschürt durch das Verhalten ihrer Begleiter, die ziemlich verwirrt hinter den Laddens dreinblickten, als hätten sie eine Spukerscheinung gehabt. Zum ersten Mal nach vielen Jahren war sie einem Ladden begegnet, einem weißblonden Löwen, der kaltschnäuzig auf sein Recht bestanden hatte.

Seine blutende Hand würde sie nie vergessen, seine kalte Ruhe, seine explosive Art, seine gerade Haltung. Alle diese Eigenschaften waren verwirrend. Nach ihnen hatte sie die Männer beurteilt. Aber diese Gaben waren sparsam verteilt. Explosiv war auch McLany, aber er hatte keine kalte Ruhe. Indes hatte Curry eine eiskalte Art, aber ihm mangelte es an dem bestimmten Etwas, das man nur fühlen und nicht beschreiben konnte.

Ein Captain, ein Emporkömmling, pah!“, sagte McLany bitter vor sich hin. „Der Krieg ging vor fünf Jahren zu Ende.“

Ich werde versuchen, herauszubekommen, was dieser Captain Besonderes geleistet hat“, murmelte Curry böse, „habe nämlich nie von ihm gehört. Dabei ist er kaum älter als wir es sind.“

Vielleicht blufft der Alte?“, erwiderte McLany wütend. „Wir haben uns ins Bockshorn jagen lassen, wir hätten darauf bestehen müssen, dass er noch heute die Aufforderung annahm.“

Jubal Ladden blufft nicht“, hörten sie Madam Baterfort sagen: „Ihr habt ihn beide übersehen. Niemand sollte ihn übersehen. Er ist der treibende Motor der Laddens. Fahren wir zurück nach Baterfort. Der Aufenthalt in der Stadt ist mir verleidet. Dieser Teil der Stadt ist wirklich Gelände der Laddens. Kein Neugieriger wagte sich heraus. Die Menschen blieben in ihren Häusern. Ein besseres Zeichen, dass Jubal Ladden die Wahrheit sprach, gibt es nicht. Wenn er Unrecht gehabt hätte, wären die Menschen in die Gasse gelaufen, um sich das Schauspiel nicht entgehen zu lassen. – Curry, übernehmen Sie die Zügel! McLany hätte die Peitsche nicht gebrauchen und seinen Zorn im Zaume halten sollen.“

Madam, ich bin Offizier, und ich weiß, wie man einer Lady gegenübertreten muss und wie man einen Flegel behandelt. Dieser Larry Ladden ist mehr als ein Flegel.“

Sehr richtig“, bestätigte Curry heiser, „er wird seine Lektion bekommen.“

Meine Herren, es fragt sich nur, ob es meinem Vater recht ist, dass seine Gäste Unruhe in dieses Land bringen. Niemand hier will eine Fehde. Die Baterforts und Laddens gingen sich immer höflich, aber entschieden aus dem Wege. Der Vorfall heute ist bedauerlich.“

Oh, Madam, sagen Sie das nicht. Es musste wohl so sein. Eine Madam Baterfort hat es nicht nötig, vor Hinterwäldlern auszuweichen, mögen sie auch scheinbar im Recht und auf eigenem Grund und Boden gewesen sein. Niemand darf sich so flegelhaft verhalten.“

Von den Laddens sind wir Baterforts keine Schmeicheleien gewöhnt, und weder sie noch wir ducken uns voreinander. Wir leben nebeneinander, das ist alles. Die Forderung hätte unterbleiben sollen.“

Madam, nein! Sie vergessen, dass wir Offiziere sind!“

Das Gesetz verbietet Duelle“, entgegnete sie herb und ungeduldig und sah zu, wie die beiden Uniformierten neben ihr Platz nahmen.

Curry, der diesmal die Zügel ergriff, sagte hart:

Das Gesetz ist irgendwo, nur nicht hier. Der Sheriff wohnt über siebzig Meilen von hier.“

Das wissen Sie auch schon?“

Verzeihung, Madam, aber man interessiert sich für die Verhältnisse hier, die sehr ungewöhnlich sind. Selbstverständlich werden wir Ihren Vater in diese Angelegenheit nicht mit hineinziehen. Das ist Ehrensache!“

Ehrensache?“, schluckte sie. „In diesem Land gibt es keine Geheimnisse.“

Selbstverständlich verlassen wir das Haus Ihres Vaters, Madam!“

Damit ändert sich nichts!“ Spröde stieß sie es heraus und versank in Schweigen.

Sie dachte an einen großgewachsenen, breitschultrigen Mann, dessen hellblonde Mähne der Wind aufplusterte und in dessen braungebranntes Gesicht sich eine rote Blutspur hineingezogen hatte. Sie fröstelte, schlug den Schal fester um sich, und doch, es war nicht kalt, es war ein warmer, wunderbarer Tag, ein Tag, an dem die Sonne bunte Matten und grüne Wälder erstrahlen ließ, goldene Lichter wob und blaue Schatten schuf.

Sie fror noch, als sie die Stadt längst hinter sich gelassen hatten und an den Bergflanken mit den grünen Wäldern vorbeirollten. Sie sah jedoch nicht die grünen Mauern der Wälder, das nackte Felsgestein, das hoch oben gleißend-helle Gletscher trug, deren funkelnder Glanz weit in die Ferne strahlte, als sei Berg und Fels ein geschliffener Diamant.

Sie spürte die Verstimmung und Drohung, die nun mit dem Gefährt nach Baterfort getragen wurde, die Drohung, die wie eine unsichtbare Wolke den Einspänner begleitete, die Ranch erreichen und sich dann dort festsetzen und weiter ausbreiten würde.

Ihre Begleiter waren in ein finsteres Schweigen versunken, aus dem Curry beim Anblick der Baterfortschen Besitzungen emporgerissen wurde. Er versuchte zu lächeln.

Schade, dass die schöne Zeit hier zu Ende geht, Madam. Es gab kein besseres Jagdgebiet. Aber Sie werden bald neue Gäste bekommen, werden mit Ihrem Vater über den Vorfall reden …

Nein!“ war ihre feste Erwiderung. „Ich denke nicht daran! Ich würde auch Ihnen raten, nichts verlauten zu lassen. Denken Sie daran, dass Sie nicht die einzigen Gäste sind.“

Wir werden bis zum Tag, an dem das Duell stattfinden wird, bleiben. Wir werden uns alle Mühe geben, um Sie nicht zu enttäuschen.“

Sie nickte nur, ohne dazu Stellung zu nehmen. Seltsam, wie sehr alles mit einem Schlag anders geworden war. Vorbei war die heitere Ausgelassenheit, die zu Beginn der Fahrt geherrscht hatte. Der Schatten eines einzigen Mannes war zwischen sie getreten und nicht gewichen, der Schatten eines hellblonden Mannes, dessen Augen sie verlangend angesehen, in einem atemberaubenden Feuer in ihren gebrannt hatten. Ihr Herz schlug schneller. Zorn und Scham, seltsame Gefühle wühlten ihr Inneres auf.

Zum ersten Mal wurde sie sich bewusst, wie wenig ihr die beiden Begleiter bedeutet hatten. Weder Curry noch McLany hatten es vermocht, ihr Herz zu erwärmen, trotz ihres guten Aussehens. Die Uniformen kleideten sie gut. Beide waren aus gutem Hause und stammten aus begüterten Familien, deren Namen in Arizona einen guten Klang hatten.

In diesem Augenblick schienen, ihre Begleiter Marionetten gleich zu sein. Die Uniform enthob sie jeder persönlichen Note und machte sie irgendwie gleich. Beide erinnerten sie an die vielen Männer, die sie auf gesellschaftlichen Veranstaltungen in großen Städten gesehen hatte, Männer in prunkvollen Uniformen. Sie bewegten sich mit höfischer Etikette und benahmen sich steif und förmlich, wie Puppen. Mehr denn je wurde ihr klar, dass sie weder dem einen noch dem anderen Hoffnungen mehr machen durfte, dass sie das Flirten unterlassen und nur noch kühl und höflich sein durfte. Dies war ein seltsamer Entschluss bei diesem verwöhnten Mädel, das viel von der Welt gesehen, das die Gabe hatte, Männerherzen zu entflammen, und das die Gesellschaft liebte, weil sie der Rahmen war, in dem sich ihre Schönheit richtig entfalten konnte.

Sie wusste, dass Curry und auch McLany darin wetteiferten, ihr zu gefallen, dass der eine wie der andere darauf wartete, aus dem Spiel mit dem Feuer ernst zu machen. Beide würden sich glücklich schätzen, sie heimführen zu können.

Beide Männer sahen nur sie, den strahlenden Glanz ihrer Erscheinung, nicht aber Gloria Owen, die mit ihrem Vater, einem alten Freund Morgan Baterforts, seit Monaten auf der großen Ranch zu Gast waren.

Die Owens waren verarmt und hatten die Einladung zu bleiben gerne angenommen. Yeah, neben Junes schillernder Schönheit musste Gloria Owen, die ihre Freundin war, erblassen. Nicht, dass Gloria irgendetwas an sich gehabt hätte, was einen Mann abstoßen und erschrecken könnte, Sie war ein Jahr jünger als June und war schlank wie eine Tanne, herb und lieblich zugleich, mit grauen Augen.

Ihr schmales, etwas bleich wirkendes Gesicht wurde von tizianroten Haaren eingefasst, Haaren von einer solchen Fülle, dass man den Eindruck hatte, der schmale Kopf könnte die Last nicht tragen.

Ihre Kleidung war altmodisch und abgetragen. Sie war scheu wie ein Reh und sehr empfindlich. Trotzdem hatte sie über ihren Vater eine Macht, die unerklärlich schien.

In ihrer Gegenwart wagte es Golan Owen nicht, scharfe Getränke zu sich zu nehmen, jene Getränke, die er unbeobachtet oder in Männergesellschaft in unglaublichen Mengen in sich hineinschütten konnte. Er trank gebrannten Whisky so gern wie kostbaren Burgunder. Es kam ihm nur darauf an, dass es mächtig in der Kehle brannte und dass der Alkoholschleier seine Vergangenheit in einem besseren Lichte erscheinen ließ.

Bis an sein Lebensende würde er nicht einsehen, dass der Teufel Alkohol ihm die Zukunft verbaut, ihn unfähig zu jeder Arbeit gemacht und die Karriere zerstört hatte, die einem Verstand wie dem seinen und seinem Herkommen entsprochen hätte.

Er war der Erste, der das Rädergerassel vernahm, sich erhob und zur Veranda trat.

Ihm folgten zwei Hausknechte nach, die sich sofort der Pferde annahmen. Curry half June vom Bock herunter. McLany schien sich beim Sturz Prellungen zugezogen zu haben, wie sein leises Stöhnen andeutete, als er vom Bock sprang.

Wie immer hatte Owen getrunken. Seine rotgeränderten Augen verrieten es. Er stützte sich am Haltegeländer auf.

June“, sagte er drängend, „es tut sich etwas im County. Soeben wurde deinem Vater berichtet, dass man Melvin Ladden auf Black King am Apachenpass gesehen hat. Dein Vater ist wie versteinert gewesen und wollte es nicht glauben. Bedenke doch, Black King, der König der Wildpferdc, in der Gewalt eines Ladden! Denk einmal nach, wie viel Mühe sich dein Vater gab, um diesen schwarzen Teufel einzufangen. Morgan hat weder Kosten noch Mühen gescheut. Jedes Jahr aufs Neue hat er viele Dutzend Treiber und Mustangfänger losgeschickt, damit sie Black King einfangen sollten. Yeah, eines Tages brachten sie ihm einen Rappen, aber es war nicht Black King. Melvin Ladden soll ihn wirklich und wahrhaftig geritten haben.“

Golan Owen schien erst jetzt McLanys schmutzige Uniform aufzufallen.

Sieh an, ist etwas passiert?“, richtete er seine Worte an June. „Die Herren Offiziere sind nun einmal heute wie ungezähmte Füllen. Es ist doch nichts Ernstliches geschehen? Sie haben sich doch nicht verletzt, Steward?“

No, Mister Owen!“, entgegnete McLany. Curry verzog grimmig das Gesicht, er verbeugte sich und sagte:

Sie entschuldigen uns.“ Er zog McLany schnell mit sich. Beide unterließen es, durch den Hauseingang einzutreten.

Außer Hörweite sagte McLany: „Dieser Owen fällt mir langsam auf die Nerven.“

Mir auch, und das nicht nur, weil er mich vorgestern unter den Tisch getrunken hat“, stieß Curry böse heraus.

Er nimmt sich Madam June gegenüber Vertrautheiten heraus, die ihm keinesfalls zustehen. Auf dieser Ranch schlägt er sich mit seiner Tochter einfach nur durch. Den ganzen Tag über steckt er mit den Dienern, Knechten und Cowboys zusammen, und wo immer er Alkohol riecht, zieht es ihn hin. Er ist nichts anderes als ein versoffener Satteltramp und eine Schande für die Gesellschaft. Es ist ein Skandal, dass ihn Morgan Baterfort noch duldet.“

Andererseits wäre es zu bedauern, denn dann müsste auch seine scheue Tochter gehen“, grinste McLany. „Für June scheint sie eine Art Talisman zu sein. Jedenfalls findet sie es. Ich selbst mag ihre grauen Augen nicht und schon gar nicht ihr rotes Haar.“

Du kannst nicht ertragen, wenn sie durch dich hindurchsieht, als wärest du aus Glas. Gehen wir auf unsere Zimmer. Unser Gastgeber braucht nicht gleich etwas zu wittern. Hoffentlich hält dieser Owen den Mund!“

Wenn mich nicht alles täuscht, hat er die Witterung des sogenannten Volksfestes der Holzfäller in Deming auch aufgenommen. Es war mir verteufelt peinlich, dass er zu unserer Begrüßung die Namen der Laddens für uns bereit hatte. Zum Teufel mit allen Laddens!“

Wir werden bald Gelegenheit haben, sie zur Hölle zu schicken“, klang es rau. „Wir werden die Baterforts nicht mit hineinziehen. Unseretwegen soll es keine Unannehmlichkeiten geben.“

Ladden soll nicht glauben, dass wir das Fest der Holzfäller meiden werden. Gerade jetzt lockt es mich besonders, dorthin zu gehen.“

In Ordnung! Sorgen wir dafür, dass es ein lustiges Fest wird.“

Es sieht so aus, als würde dieses Fest auch ohne uns sehr fröhlich“, war die bittere Entgegnung, „denn ich hatte nicht das Gefühl, dass Larry Ladden eingeschüchtert war.“

Yeah, nach dem Fest ist das Duell, und wie es auch ausläuft, wir können dann nicht mehr nach Baterfort zurück. Und das, Freund, ist bedauerlich.“

Sicherlich ebenso wie für Morgan Baterfort die Nachricht, dass Black King für ihn unerreichbar geworden ist. Man kann nicht nur immer Glück haben.“

Dann wird es Zeit, dass wir uns darüber klar werden, mit welchen Waffen wir antreten. Dieser Larry soll ein wahrhaftiger Teufel sein!“

Die Menschen hier übertreiben“, klang es geringschätzig zurück.

Während sie beide dem Gesindeeingang zusteuerten, ließ sich June von Owen die Treppen hinaufgeleiten.

Sagen Sie Dad nichts über das Aussehen McLanys, Sir“, bat sie ihn. „Dad neigt dazu, sich über alles Gedanken zu machen. Für Mister McLany wäre es ebenso unerfreulich, wenn sein kleiner Sturz besprochen würde und man über ihn lachen würde.“

Wie empfindlich doch diese Offiziere heutzutage sind, Madam. Zu meiner Zeit gab es da doch ganz andere Typen.“

Sie waren eine davon, Sir?“

Yeah!“, lachte Owen. „Vor zwanzig Jahren machte das Spaß. Kalifornien trat zu meiner Dienstzeit 1850 in die Union ein. Ein Jahr nur später war der Sturz Ramon Catillos in Peru, im alten Europa der Staatsstreich Napoleons und der Krieg zwischen den Vereinten Nationen und Mexiko gerade beendet. Ich erinnere mich des Aufstandes in Texas. Leider habe ich selbst nicht daran teilgenommen, denn wie schon gesagt, ich trat in die Armee ein, als der mexikanische Krieg aus war. Ich diente bis 1861 und wurde genau an dem Tag aus der Armee entlassen, als die Beschießung von Fort Sumter bei Charleston begann. Ich war ein pensionierter Offizier. Nein, man brauchte mich nicht, ich habe in meiner Dienstzeit nicht eine einzige feindliche Kugel pfeifen gehört und nur vom Hörensagen alter Kämpfer, mich an Krieg und Kriegsspiel begeistern müssen. Heute weiß ich, wie viel Glück ich hatte, wie sehr ich alles noch hassen würde, was mit dem Krieg zusammenhing. Meine Besitztümer gingen verloren, Plantagen und ein Silberbergwerk. Arm wurde meine Familie, verteufelt arm und ich ein Säufer. Yeah, Sie brauchen sich nicht die Mühe zu machen, mir es ausreden zu wollen. Ich selbst werde wohl am besten wissen, was ich wirklich bin. Und das, Madam, ist nicht viel! Damals, ja, damals, das waren noch Zeiten, und nun … ich werde meiner Tochter keine Aussteuer mitgeben können, und welcher Narr wird schon eine arme Frau nehmen?“

Sprechen Sie nicht weiter, Sir!“

Ab und zu muss man sich Luft schaffen, Madam“, erwiderte er. „Ich wollte Sie nicht belästigen.“

Er öffnete die Tür vor ihr. Beide traten ein.

In der großen, überaus luxuriös eingerichteten Diele spürte man den Kunstgeschmack der Baterforts, die sich hier in der Wildnis ein Asyl geschaffen hatten mit geradezu phantastischem Aufwand. Nein, Ranch konnte man kaum noch dazu sagen! Dieser Bau, der inmitten des gutgepflegten Parks stand, abseits der Wirtschaftsgebäude, der Stallungen, Gesindehäuser und des Bunkhouse der Cowboys, lag abseits vom Lärm des Alltages.

Kostbare Teppiche bedeckten den Boden, Leinentapeten die Wände. Alte Stiche und Gemälde schmückten die Flächen.

Eine Fülle von Reichtum und Glanz, der selbst in der Balustrade, die rings um die Diele lief, und dem Aufgang, ebenso durch das leuchtende Mahagoniholz zum Ausdruck kam. Man spürte wie sehr die Bewohner dieses Hauses auf eine kultivierte Wohnung Wert legten. Sie hatten keine Indianerteppiche, keine Felle an den Wänden, keine Gewehre, Jagdtrophäen, nichts dergleichen. Die Baterforts konnten mit diesem schlossähnlichen Haus mit jedem anderen in der Stadt konkurrieren. Es war groß angelegt, mit einer Vielzahl von Zimmern, die über die Balustrade zu erreichen waren. Die große Wohndiele glich einem Saal, in der der offene Kamin der Blickfang war. Holzscheite prasselten darin, der würzige Duft von Kiefernholz schien dem Raum eine besondere Atmosphäre zu geben.

Morgan Baterfort erhob sich beim Anblick seiner Tochter, um ihr entgegenzugehen.

Bleib nur, Dad! Lass dich nicht stören! Ich gehe auf mein Zimmer und kleide mich nur um. Ich bin gleich wieder da. Wo ist Gloria?“

Sie ist auf ihrem Zimmer. Meine Gesellschaft war wohl für sie recht langweilig. Ich bin kein guter Unterhalter, umso besser wirst du dich unterhalten haben. Wo sind die Herren?“

Sie werden sich wohl Pferde für den Nachmittagsritt aussuchen, Dad. Sie wollen auf die Jagd gehen. Du hast es ihnen doch selbst angeraten.“

Natürlich, wie vergesslich ich doch werde! Yeah, auch ich werde heute ausreiten.“

Du?“

Yeah, zu den Laddens!“

Zu den Laddens?“

Keine Sorge, nicht so nahe heran, dass sie mich sehen, ich will nur nach Black King Ausschau halten. Mister Owen wird dir sicherlich schon gesagt haben, was passiert ist?“

Yeah, dass du um eine Hoffnung ärmer geworden bist, Dad.“

Er nickte schwermütig. „Ich habe Black King bewundert. Ich habe Tage und Nächte lang von diesem herrlichen Rappen geträumt. Jeder Mann mit etwas Pferdeverstand wird zum Narren, wenn er einmal Black King sieht.“

Du kannst es schlecht ertragen, dass Black King nicht mehr in Freiheit ist.“

Kaum“, gab er ehrlich und bewegt zu verstehen. „Ich habe immer damit gerechnet, dass er einmal mir gehören würde. Nun gut, es kam anders! Ich bin ein schlechter Verlierer, denn ich kann den Wunsch in mir nicht unterdrücken, ihn mir aus der Nähe anzusehen. Yeah, ich will wissen, ob es wirklich Black King ist.“

Um dann endlich deine Hoffnung zu begraben, Dad?“

Endgültig! Das verspreche ich dir, Darling. Es ist ein Trost für mich, dass Black in gute Hände kam.“

In gute Hände, Dad? Das sagst du, ein Baterfort von einem Ladden?“

Manchmal schadet es nichts, wenn man der Wahrheit in die Augen schaut und ehrlich zu sich selbst ist, Darling. Wer Black King fing, zähmen und reiten kann, muss mehr verstehen, als ein gewöhnlicher Sterblicher. Er muss nicht nur einen klaren Verstand haben, sondern auch eine gute Hand, Mut und Verwegenheit besitzen. Kurzum viele Eigenschaften haben, die ihn Black King überlegen machen. Ich habe Black King nur zweimal gesehen und war wie verzaubert. Ich gebe zu, dass ich Melvin Ladden beneide, wie ich noch nie zuvor einen Mann beneidet habe. Die Laddens sind wohl ein besonderer Schlag, was immer sie auch anpacken, es gelingt ihnen.“

Das sagst du, Dad?“, fragte sie noch mal. Ihre Brust hob und senkte sich vor einer stürmischen, unbegriffenen Erregung. Für einen Moment vergaß sie, dass sie in ihr Zimmer wollte und sah ihren Vater verwundert an.

Noch nie hatte sie ihn so sprechen gehört. Er musste in der Tat durch Black Kings Fang so sehr beeindruckt und aus der Fassung gebracht worden sein, dass er seine sonstige eiserne Zurückhaltung den Laddens gegenüber ganz aufgab.

Darling, verstehe mich recht, wir müssen nun einmal mit den Laddens rechnen. Sie sind unsere Nachbarn und sind dabei, sich noch weiter auszuweiten. Wir können sie einfach nicht mehr von oben herab ansehen oder sie übersehen.“

Soll das heißen, dass es eine neue Richtung gibt?“

Genau das, Mädel!“

Golan, lass mich einen Augenblick mit meiner Tochter allein.“

Gerne!“, sagte Golan Owen und zog sich zurück. Als er am Tisch vorbeiging, nahm er die Whiskyflasche mit. Solange er sie im Besitz hatte, würde er sich mit ihr beschäftigen.

Kaum war er verschwunden, da trat Morgan Baterfort auf seine Tochter zu und legte ihr beide Hände auf die Schulter.

Ich habe nur dich, Darling“, sagte er leise. „Dein Bruder starb mit zwei Jahren, im zarten Kindesalter. Auch meine Brüder leben nicht mehr. Du bist die Letzte der Baterforts, und gerade du bist Sir Daniel Thomas sehr ähnlich, erschreckend ähnlich sogar, und das weißt auch du, Darling. Ich habe dich oft beobachtet, wenn du das Bild deines Ahnen betrachtet hast. Von Jahr zu Jahr bist du ihm ähnlicher geworden, und mir will scheinen, nicht nur äußerlich, sondern auch geistig. Und das letztere, Mädel, gefällt mir gar nicht.“

Ihre Schultern zuckten, sanft hielt er sie in seinen Händen.

Versteh mich recht, Darling, Sir Daniel mag ein großer Mann gewesen sein, aber trotz seiner Größe hinterließ er eine Schuld. Er war es, der einen Ladden tötete. Zu niemandem habe ich bisher davon gesprochen. Was nur Geraune im Lande ist, ist in Wirklichkeit wahr. Sir Daniel Thomas hat es auf seinem Sterbelager bekannt und die Lippen derjenigen versiegelt, die sein Geständnis zu hören bekamen. Nur jeweils der Erbe wurde dann eingeweiht. Du bist mein Erbe, Darling, und heute sollst du es hören. Sir Daniel hat ein fürchterliches Verbrechen begangen, indem er einen Ladden überfiel. Ich will nicht ausführlich werden und dich nicht weiter belasten mit den Schatten der Vergangenheit. Ich will dir nur eines sagen, die Familie der Ladden hat einen Anspruch auf Wasserrechte, und ihnen würde ein Großteil unserer Weiden und Waldungen gehören.“

Willst du damit sagen, dass ich mich vor ihnen beugen soll?“, antwortete sie.

Ihr Gesicht wurde bleich, ihr Mund zuckte. Schatten verdunkelten ihre Augen. „Ich frage mich, wessen Blut du hast, Vater. Die Sippe der Baterforts bestand aus starken Männern und Frauen. Sie haben sich nicht durchschütteln lassen, von der Vergangenheit. Wer weiß, was Wahres daran ist, was damals wirklich geschah? Wir leben im Augenblick, und wir müssen das tun, was die Gegenwart erfordert. Nein, bewundere nicht die Laddens. Zeige ihnen die Stirn, zeige ihnen, dass auch du ein Mann bist und dass du vor keiner Unbequemlichkeit zurückscheust. Oh, wenn ich ein Mann wäre …!“

Du bist es aber nicht“, lächelte er leise, wobei er ihr fest in die Augen sah. „Du hast keinen Grund, mich zu tadeln, Mädel. Meine Art ist es nicht, mich mit anderen messen zu wollen, im Guten oder im Bösen. Ich liebe die Schönheit, die der Herrgott der Welt verliehen hat, den Wald, wie er sich formt im Wandel der Jahreszeiten, das Heulen des Windes, den Schneesturm, die Wildnis mit ihren prächtigen Geschöpfen, und ich liebe dich, Darling“, lachte er voller Freude. „Du hast mich immer beschäftigt und mir wenig Zeit gelassen, ich selbst zu sein. Seitdem du erwachsen bist, bin ich nichts anderes als dein treuer Paladin, der jeden deiner Wünsche zu erfüllen trachtete. Ich habe nie etwas von dir verlangt, aber heute tue ich es. Ich will Frieden mit den Laddens, und du, du kannst mir dabei helfen. Es soll nicht mehr heißen, dass wir sie von oben herab anblicken. Niemand soll in Zukunft von uns sagen können, dass wir arrogant, hochmütig und stolz sind. Die Laddens und wir haben genug Platz, um nebeneinander auszukommen. Das Land ist groß genug für ihre und unsere Anhänger. Du kannst mir meine Bitte nicht abschlagen.“

Ja, Vater!“, erwiderte sie fest. „Mit deinem Ansinnen hättest du einige Stunden früher kommen müssen. Der Anschluss ist verpasst!“

Verpasst?“, schreckte er auf. „Erkläre dich näher!“

In schneller Hast erzählte sie die Begegnung mit den Laddens. Jetzt wagte sie es nicht mehr, das Erlebnis für sich zu behalten. Es musste gesagt werden.

Sie sah, wie ihr Vater bleich wurde und seine Stirne sich krauste. Sie hörte ihn erregt sagen: „Dieses Duell ist ein Wahnwitz! Es muss rückgängig gemacht werden! Keiner meiner Gäste hat ein Recht dazu!“

Curry und McLany ziehen ihre Konsequenzen, Vater. Sie werden sich für die ihnen erwiesene Gastfreundschaft bedanken, aber du wirst ihnen nicht einreden können, auf das Duell zu verzichten. Sie fühlen sich dazu verpflichtet, sich mit Larry zu duellieren. Ihre Offiziersehre steht auf dem Spiel. Wenn sie es nicht tun, dann …“

Narren sind sie beide!“, fauchte Morgan Baterfort ergrimmt, wobei er die Schulter seiner Tochter plötzlich losließ. „Ich werde mit ihnen sprechen und ihnen meinen Standpunkt deutlich machen.“

Sie werden dich anhören und gehen, aber sie werden sich in der Stadt ein Zimmer mieten oder im Hotel wohnen und es dennoch tun, Vater. Keine Macht der Welt kann das mehr ändern.“

Doch! Ich!“, stieß er heiser hervor, wandte sich ab und ging.

Sie sah, wie er sich auf die Türen der Gästezimmer zubewegte und lief davon, hastete die Stiegen zu der Balustrade hinauf.

Ihr Herz schlug schnell. Sie fühlte, dass ihr die Wangen brannten. Sie war in diesem Moment voller sich widerstreitender Gefühle.

June, was ist dir?“, hörte sie Glorias Stimme hinter sich. „Oh, June, gab es Streit?“

Hast du gelauscht?“

Wie kannst du das nur von mir denken!“, empörte sich Gloria Owen. „Ich habe dich kommen gehört, und da ich deinen Schritt kenne, wollte ich dir entgegengehen.“

Schon gut, Gloria, schon gut! Es gab tatsächlich Ärger, und es wird noch mehr hinzukommen. Dieser schöne Tag ist reichlich grau geworden. Man könnte meinen, dass die Sonne nicht mehr scheint. Hast du eine Ahnung, wer die Nachricht brachte, dass Melvin Black King einfing?“

Ich war es, June.“

Du?“, June war überrascht. Sie schluckte schwer und drängte Gloria in ihr Zimmer hinein. Dieses Zimmer war auf eine besondere Art eingerichtet und war dem einer Königin ähnlich.

Du also, wer sagte dir das?“

Niemand, June! Die Zeit, als du fort warst mit dem Einspänner, benutzte ich zu einem Geländeritt. Ich ritt sehr weit aus. Plötzlich hörte ich Axtschläge und Männerstimmen. Ich wurde neugierig, stieg vom Pferd und führte es hinter mir her, so ging ich bis zu jenem Holzeinschlag, auf dem eine von Laddens Mannschaften arbeitet. Man hat mich nicht gesehen und auch nicht gehört, denn die Aufmerksamkeit der Männer wurde in diesem Augenblick auf einen Mann gerichtet, der vom Apachenpass auf einem Rappen dahergeritten kam, als wäre er ein echter Apache, stolz und doch demütig zugleich.“

Melvin Ladden?“

So nannten ihn die Arbeiter, die ihn nicht sonderlich schätzten und ihn für einen Sonderling hielten. Er hatte schwarzes Haar wie Rabengefieder und so dunkle Augen wie du, June. Er war braun wie ein richtiger Indianer. Wenn er mit einem Krähenfederschmuck oder einer Häuptlingshaube aus Adlerfedern dahergeritten wäre, so hätte man ihn für den Geist eines indianischen Kriegsgottes gehalten. Oh, er sah unheimlich düster und doch bescheiden aus.“

Gloria, komm zu dir!“ Unterbrach June in steigender Unruhe. „Es scheint heute wahrhaftig auf der ganzen Linie ein schwarzer Tag gewiesen zu sein. Ich kenne dich kaum mehr wieder. Du findest Worte, die du sonst nicht gebrauchtest. Gloria, der Anblick eines Ladden hat dich verwirrt!“

Gloria schaute June nicht an. Ihr Blick war weit, weit fort, auf irgendeinen Punkt in der Ferne gerichtet. Ihr feines, bleiches Gesicht hatte einen rosigen Schimmer, und ihre grauen Augen zeigten einen hellen Glanz, den June nie zuvor in diesen Augen gesehen hatte.

Er hat mich nicht verwirrt, June. Ich habe ihn nur wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt kommen und vorbeireiten sehen und dabei die Gespräche jener Leute gehört, die von seinem Vater bezahlt werden. Ich sah einen Einsamen, einen Mann, den Reichtum und Glanz kalt lassen, einen Mann, der seinen eigenen Wünschen und Neigungen lebt und besondere Grundsätze zu haben scheint.“

Du nimmst zu viel als gegeben an, Gloria. Wach endlich aus einem Traum auf! Du hast einen Ladden gesehen. Auf Frauen scheinen die Ladden-Männer wohl besonders stark zu wirken.“

Die Ladden-Männer, wie meinst du das?“

Sie standen sich gegenüber. Jede schien erregt zu sein. Jede abwartend und lauernd.

June lachte gequält auf. „Auch wir hatten das Vergnügen, zwei aus der Sippe zu begegnen, unsere Freude daran war sehr getrübt, aber das alles wirst du schon noch erfahren.“

Ich habe nur einen gesehen, Melvin Ladden.“

Ich den anderen, Larry Ladden“, entgegnete June, „und Larry war nicht dunkelhaarig, sondern blond wie sein Vater. Ein wilder, unberechenbarer Bursche, der sofort für Kummer sorgte.“

Für was für einen Kummer, June?“

Es gab Streit“, wich sie der direkten Frage aus. „Vielleicht habe auch ich einen Teil dazu beigetragen, dass es dazu kam.“

Wozu, June?“

Zu einer Duellforderung, Gloria.“

Sie schwieg. Sie war zu erregt, um weitersprechen zu können. Glorias Augen klammerten sich an ihr fest. Diese Augen schienen die Erregung aus June hinwegzufegen, denn es war, als ob sie ihr bis auf den Grund des Herzens blicken konnten.

Und du, June, hast das nicht verhindert?“, hörte sie Gloria sagen. „Warum, June, warum hast du das getan?“

Ich bin eine Baterfort“, erwiderte June trotzig. „Vergiss das nicht!“

Ich fühle es nur zu deutlich, June, aber wenn du es wünschst, reise ich mit meinem Vater noch heute ab.“

Verzeih, ich wollte dich nicht kränken, Gloria. Ich bin nur zu sehr erregt, um klar denken zu können. Die Duellforderung liegt mir zu sehr im Sinn. Aber ich habe sie wirklich nicht verhindern können. Dieser Larry Ladden war zu selbstsicher und hochmütig, zu sehr von sich und seiner Unfehlbarkeit überzeugt.“

June, auch du hast Worte in deinen Sprachschätz aufgenommen, die ich vorher nicht hörte. Imponierte dir Larry Ladden?“

Nein!“, antwortete June. „Ein Ladden kann nie einer Baterfort imponieren. Ich verachte und hasse ihn!“

Eine solche Verachtung kann sich sehr schnell ins Gegenteil verwandeln, June. Ich würde dir raten, gib auf dein Herz Acht. Ich beginne zu begreifen. Du hast nicht den Mut, dich zu deinen Gefühlen zu bekennen. Du bist zu stolz, um dir die Wahrheit einzugestehen. Du fürchtest dich vor einer unbekannten Kraft, die dich anzieht und erschreckt. Versuche ruhig den ersten Schritt. Vielleicht lassen sich Curry und McLany überreden, vom Duell Abstand zu nehmen. Versuche den Dingen Einhalt zu gebieten, die sonst einer Katastrophe zutreiben. Stelle dich dem Strom entgegen. Es ist dein eigenes Schicksal! Denke daran, dein Schicksal, June! Nicht das irgendeines anderen Menschen.“

Junes Augen weiteten sich. „Rede nicht weiter, Gloria, wir wollen doch Freunde bleiben!“

Ich habe es mir immer gewünscht, aber gerade Freundschaft sollte zur Wahrheit verpflichten.“

Ich bitte dich, sprich nie wieder von den Laddens!“

Wenn du es wünschst, gern!“

Ich könnte es nicht mehr ertragen“, flüsterte June. „Lass mich jetzt bitte allein. Ich möchte einige Minuten nachdenken und mit mir selbst zurechtkommen.“

So sehr hat es dich beeindruckt, June?“

Ich verstehe dich nicht, Gloria. Ich habe Migräne, nichts weiter. Ich kann wohl die herbe Luft nicht so gut vertragen, und werde mich erst wieder langsam daran gewöhnen müssen. Außerdem möchte ich mich auch umziehen. Aber warte einmal! Da fällt mir gerade etwas ein. Ich möchte, dass du dich einmal richtig schick machst. Ich habe für dich ein hübsches Kleid.“

June!“

Nur keine Sorge! Meine Kleider werden auch dir passen, Ich möchte, dass man zu dir aufschaut.“

June, so kenne ich dich ja nicht! Bisher warst du anderer Meinung“, erwiderte Gloria Owen voller Unruhe. „Ich bleibe so wie ich bin.“

Nein, Gloria! Du bist doch alt genug, um Schmuck, schöne Kleider und all das zu schätzen, wonach eine Frau begehrt. Du hast dich zu lange selbst in den Schatten gestellt.“

June, ich möchte das alles nicht!“

Begreife doch, eine Frau hat doch solche Wünsche. Halte deine Augen nur nicht verschlossen. Curry und auch McLany sind doch ansprechende Männer, dazu wohlhabend genug, einer Frau die Sterne vom Himmel zu holen.“

Warum sagst du nicht gleich, was du denkst, June“, erwiderte Gloria mit abgewandtem Gesicht, als spräche sie zu sich selbst.

Curry und auch McLany sind dir jetzt im Wege, und du möchtest ihre Aufmerksamkeit auf mich lenken, damit du besser mit deinem eigenen Problem fertig wirst. Yeah, und dieses Problem heißt Larry Ladden! Es wäre gut, wenn du es dir eingestehen würdest.“

Und wenn es so wäre?“, klang es leise zurück.

In diesem Falle will ich dir gerne helfen“, erwiderte Gloria und huschte aus dem Zimmer. Sanft fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.



2.


An diesem Tage war wirklich alles aus dem Gleichgewicht auf Baterfort. Golan Owen, der sich gerade im Blauen Salon mit der entführten Whiskyflasche beschäftigte, sah seinen Gönner und Freund aufgeregt von der großen Wohndiele hereinkommen und vorbeihasten. Aufgeschreckt aus seinen Betrachtungen erhob sich Golan. Auch jetzt vergaß er nicht, die Flasche mitzunehmen.

Yeah, Golans Neugierde war stärker als die vornehme Zurückhaltung, die ein Gast immer wahren sollte. Golans vornehme Art war mit jedem Tropfen Whisky, der durch seine Kehle rann, mehr und mehr verschwunden. Ein gewöhnlicher Sterblicher wäre nach dem, was er sich in wenigen Minuten einverleibt hatte, besinnungslos unter den Tisch gefallen. Nicht aber Golan, der jetzt in einer ausgezeichneten Stimmung war. Er erhob sich also und beschloss zu ergründen, was die Gewitterstimmung in diesem Hause zu bedeuten hatte.

Also folgte er Morgan Baterfort so leise, wie er es vermochte, und war erstaunt, als er Morgans Stimme hinter den Zimmertüren der Offiziere hörte.

Doch leise sprachen die Männer, so leise, dass man trotz angestrengten Lauschens nichts hören konnte. Zwei volle Minuten gab er sich Mühe, dann zog er sich resigniert zurück. Er hielt es für zweckmäßiger, den Rest aus der Whiskyflasche im Park auf einer Bank in aller Ruhe zu genießen.

Die kühlen Schatten der Bäume waren für ihn wohltuend. Vogelstimmen waren im Gesträuch zu hören, Blumenduft schwängerte die Luft. Golan lachte leise vor sich hin.

Baterfort gefiel ihm, nicht nur, weil die Gastfreundlichkeit des Besitzers ihn aus seinen ewigen Geldnöten und Verlegenheiten heraushalf, sondern weil dieses Baterfort ihn an frühere bessere Zeiten erinnerte. Hier in Baterfort konnte ein Mann wie er beliebig träumen und trinken.

Von den weitergelegenen Wirtschaftsgebäuden her drang Pferdegewieher und das Muhen von Milchkühen. Dumpf klang der Lärm der Arbeit durch den Park zu ihm her. Er dachte an Morgan Baterfort und daran, dass sie sich in ähnlicher Situation befanden. Yeah, sie hatten beide eine heiratsfähige Tochter und, es war nicht von ungefähr, dass die Offiziere hier zu Gast waren, Männer, die aus den besten und reichsten Familien des Landes stammten. By Gosh, aber beide schienen weder das eine noch das andere Mädchen entflammen zu können.

Zu meiner Zeit war das anders“, sagte er leise im Selbstgespräch. „Meine Generation war schneidiger, draufgängerischer, hatte mehr Charme und mehr Mut. Die jungen Leute von heute sind alle ohne Blut.“

Er brach ab, denn von seinem Platz aus konnte er durch die Bäume das Herrenhaus der Baterforts beobachten. Zuerst tauchten McLany und Curry auf. Die jungen Leute entschwanden, wie es schien, sehr erregt in Richtung der Wirtschaftsgebäude. Ihnen folgten zwei Diener auf dem Fuß.

Eine Viertelstunde verstrich, und schon kam ein Einspänner vor das Herrenhaus vorgefahren. Deutlich sah Golan Owen, dass man die Koffer von Curry und McLany aus dem Haus trug und in den Einspänner lud. Für einen Moment tauchte Morgan Baterfort auf. Trotz der Entfernung sah Golan Owen deutlich die finstere Verstimmung auf seinem Gesicht.

Das war nicht vorgesehen“, murmelte Golan Owen erstaunt und beobachtete weiter. Bald wurde es ihm zur Gewissheit, dass seine Augen nicht trogen. Curry und McLany verließen Baterfort eher, als man es vermutet hatte. Als er das Ächzen der schnell fahrenden Räder des Einspänners vernahm, hielt er es nicht mehr aus. Die leere Whiskyflasche ließ er auf der Parkbank zurück und setzte sich etwas ächzend und schwankend in Bewegung. Aber seine Absicht, Morgan Baterfort zu sprechen, gab er auf, als er in dessen zuckendes Gesicht sah. Golan zog es vor, sich erst gar nicht bemerkbar zu machen und schlüpfte ins Haus. Vor dem Zimmer seiner Tochter verhielt er und klopfte an.

Du, Dad?“, fragte sie, als er sich nach dem Klopfen, ohne ihr Herein abzuwarten, ins Zimmer schob.

Er lächelte, machte die Tür hinter sich zu und sagte: „Mich siehst du wohl nicht gerne?“

Nicht in diesem Zustand!“, gab sie ihm sehr deutlich zu verstehen.

Ich weiß, deine Mutter war genauso und deine Großmutter war noch strenger. Ich störe wohl?“

Du weißt, dass du mich nie stören könntest, Dad.“

Redensarten, Darling! Ich weiß sehr wohl, dass ich dir hin und wieder auf die Nerven gehe und du mich überall, nur nicht neben dir haben möchtest. Ich weiß, dass ich dir ein Klotz am Bein bin und verteufelt wenig für dich tat. Aber wo nichts ist, kann nichts hergenommen werden. Wir Owen sind und bleiben arm.“

Um mir das alte Lied zu singen, kamst du nicht, Dad.“

Wie klug, Darling! Ganz recht!“, gab er sogleich zu. „Ich brauche dir nichts vorzusingen. Du kennst mich durch und durch. Darum lasse ich mich von dir gerne an die Kandare nehmen und lasse dich dein eigenes Leben leben. Ich kam nur, um zu erfahren, was Morgan verärgerte?“

Woraus schließt du das, Dad?“

Man braucht ihn nur anzusehen. Also was geht hier vor?“

Was sollte es schon sein, Dad?“

Mach mich nicht zum Narren, Darling. Curry und McLany verließen Baterfort.“

Und …?“

Was heißt und? Ihre Abreise stand noch nicht bevor. Was ist also los?“

Dass Curry und McLany herausgefunden haben, Baterfort zu verlassen, ist ihre Idee, Dad. Sie wollen Morgan Baterfort nicht in Schwierigkeiten bringen. Sie kündigen die Gastfreundschaft lieber, als dass sie einem Duell ausweichen wollen. Das ist es! Es ist doch leicht zu begreifen, oder …?“

Ein Duell?“, schnappte Golan.

Genau das!“

Oh, diese verteufelten Narren! Sicherlich ist es so, dass Morgan es verhindern wollte.“

Er schaffte es nicht, Dad.“

Nicht?“

Nein, sie wollen es austragen, und da sie Morgan Baterfort nicht mit hineinziehen wollen, verließen sie Baterfort. Das ist alles, Dad.“

Vater und Tochter sahen sich lange schweigend an. Es war, als ob eine jähe Nüchternheit Golan die Whiskynebel aus dem Schädel trieb. Er ließ sich schwerfällig auf einen Sessel nieder und streckte die Beine weit von sich.

Auf den Schreck müsste man einen trinken“, stieß er hervor. „Ich kann aufregende Nachrichten nicht gut ertragen. Es schlägt mir zu sehr auf den Magen. Offiziersehre hin, Offiziersehre her! Warum schaut man nicht in den Himmel und sieht das helle Licht und fühlt, dass es Mai geworden ist? Warum sieht man nicht die Natur und das Leben überall? Warum kann es nicht immer Frieden sein?

Für jeden Menschen ist genug Platz da auf dieser Welt! Warum tritt man sich gegenseitig auf die Zehenspitzen? Für jeden scheint die Sonne, und …“

Du hast Angst, dass sich alles verändern könnte, Dad. Du fürchtest deine eigene Bequemlichkeit aufgeben zu müssen.“

Yeah, Mädel“, antwortete er abgerissen. „Zu was tauge ich denn sonst noch? Ich bin auf die Güte der Menschen angewiesen. Immer weniger Menschen gibt es, die ein großes Haus führen, immer weniger, die eine offene Hand haben. Immer mehr Menschen neigen zu Gier und Geiz. Immer mehr greift die Geldhungerseuche um sich. Sie kriecht in die einsamsten Hütten. Yeah, ich habe Angst, dass Morgan Baterfort Schwierigkeiten bekommen könnte, dass Menschen sich gegenseitig beschießen, dass es zu Gewalttaten und Grausamkeiten kommen könnte. Willst du mir nicht endlich sagen, was der Anlass zu diesem Duell ist und wann es ausgetragen werden soll?“

Doch, Dad, du sollst es wissen“, entgegnete sie. „Es ist immer gut, wenn man hier ganz klar in die Zukunft sieht und sich keine Illusionen macht, denn die Baterforts sind in diese Sache, ob sie wollen oder nicht, schon mitten drin verwickelt.“

Gegen wen?“, schnappte Golan Owen.

Gegen die Laddens, Dad.“

Großer Gott! Ausgerechnet die Laddens! Höre, Darling, was ich bisher über diese Familie hörte, schien mir ungeheuerlich. Sie besteht aus drei Männern, die sich vor der Hölle und dem Teufel nicht fürchten.“

Er war aufgesprungen. Jetzt schritt er unruhig um den Tisch. „Nun begreife ich Morgan Baterforts Erregung. Der Gute liebt es nicht, sich gegen Schwierigkeiten durchzusetzen. Er hat einen friedfertigen Sinn und hasst jede Gewalt. Gerade er hat den Laddens immer freie Bahn gelassen, und die Laddens haben ihn geachtet und sich ihm nicht quer gestellt. Es war wie ein ungeschriebenes Gesetz. Wie nur konnte es zu einer Duellforderung kommen?“

Das frage am besten June, Dad.“

Wie käme ich dazu!“, schnappte er. „June mag mich nicht sonderlich. Sie wendet mir ihr Gesicht ab, wenn sie mit mir spricht.“

Weil sie deinen Whiskyatem nicht ertragen kann, Dad, weil sie Männer hasst, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als sich Alkohol zu beschaffen und nur Whisky trinken wollen.“

Ich werde mich bemühen, aus ihrer Nähe zu bleiben, Darling. Aber jetzt möchte ich wissen, wohin Curry und McLany gefahren sind?“

Nach Deming, Dad. Dort werden sie bleiben!“

Wegen des Duells? Das wird ein schlimmer Auftakt werden!“

Das Duell wird nach dem Fest ausgetragen, Vater. So hat es Larry Ladden entschieden. Er gab seinen Gegnern freie Waffenwahl.“

Auch das noch, Mädel! Mir wird kein Feuerwasser mehr schmecken. Die Kehle schnürt sich mir zu. Sie wird mir noch austrocknen.“

Es wäre an der Zeit, Dad!“, erwidert sie. „Yeah, es wäre einem Wunder gleich!“

Du willst mich verlieren!“, gab er enttäuscht zu verstehen, „denn sonst würdest du nicht so daherreden. Du würdest einer nach Wasser dürstenden Pflanze auch das Wasser nicht verwehren.“

Wenn es dich nach Wasser dürstet, Vater, wirst du allezeit genug davon bekommen.“

Ich bin eine ganz seltsame Pflanze, Darling, die nur mit Whisky begossen wachsen kann, aber jetzt werde ich dürsten.“

Ich erinnere dich daran, beim Fest, Dad. Es wäre für uns alle besser so.“

Das heißt, dass June, du, Morgan, dass ihr alle zum Fest nach Deming wollt?“

June legt Wert darauf, Dad. Wir dürfen sie nicht enttäuschen.“

Was mag in ihr vor sich gehen? Mit welchen Gedanken mag sie zum Fest kommen? Schließlich weiß sie, was hinterher folgen wird! Mädel, June ist so ganz anders, als du es bist. Sie ist undurchschaubar und stolz.“

Dir würde etwas von ihrem Stolz gut anstehen, Dad. Du hast etwas zu wenig davon, viel zu wenig. Dir ist es gleichgültig, was man über dich denkt. Dir genügt es, wenn deine Späße erheitern und deine Witze Stimmung schaffen. Eine Flasche Whisky möbelt dich auf, und Trockenheit macht dich unruhig wie einen Wüstenwanderer, der kein Wasser mehr hat.“

Spiele nicht immer auf Wasser an, Darling“, erwiderte er stehenbleibend und sah sie aufmerksam an. Erst jetzt fiel es ihm auf, dass sie nicht in einem ihrer altmodischen Kleider steckte, sondern sehr, sehr verändert war. Ihre Aufmachung war es, die ihn verblüfft den Mund aufreißen ließ.

Details

Seiten
200
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909418
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364718
Schlagworte
kugel

Autor

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Titel: Die letzte Kugel