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Chaco #21: Nimm den Stern, Chaco

2017 130 Seiten

Leseprobe

NIMM DEN STERN, CHACO!


Ein Western von Frank Callahan




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2017

Die Westernsaga von Dietmar Kuegler

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappe:

Eigentlich ist Chaco auf dem Weg nach Fort Apache am White Mountain River. Aber unterwegs findet er einen Toten – und in unmittelbarer Nähe einen verängstigten Jungen namens Johnny Pearson. Der tote Vater des Jungen ist das jüngste Opfer einer Reihe von bisher ungeklärten Mordfällen. Chaco will den Jungen zurück zu seiner Mutter bringen, aber er stößt in Silver Creek auf eine Mauer des Schweigens und des Misstrauens. Dies ist aber erst der Beginn von Chacos Pechsträhne, denn wenig später steckt er schon wieder ganz tief in Schwierigkeiten. Weil er zu ahnen beginnt, wer hinter den Morden steckt und warum diese Menschen sterben mussten. Und wenn Chaco nicht aufpasst, dann ist die nächste Kugel für ihn bestimmt ...







Roman:

Chacos Morgan-Hengst scheute so plötzlich, dass das Halbblut große Mühe hatte, nicht aus dem Sattel zu fallen. Es griff fester in die Zügel und brachte das nervös auf den Hufen tänzelnde Pferd wieder unter Kontrolle.

Chaco starrte auf die beiden Stiefel, die zwischen breitblättrigen Farnen hervorschauten. Und er ahnte bereits in diesen Sekunden, dass die Stiefel zu einem Menschen gehörten, der von den Zweigen eines Wacholderbusches verdeckt wurde.

Er kletterte aus dem Sattel und sah sich nach allen Seiten um. Der schmale Reitweg wurde von Büschen und Bäumen umsäumt. Hin und wieder ragten Felsschroffen aus dem Pflanzenwuchs hervor.

Weit und breit war niemand zu sehen. Damit hatte Chaco auch nicht gerechnet. Seit Stunden ritt er durch die White Mountains, ohne einer Menschenseele begegnet zu sein.

Sein Ziel war Fort Apache am White Mountain River. Bis er aber sein Ziel erreichen würde, musste er noch mehr als fünfzig Meilen zurücklegen.

Chaco zwängte sich zwischen die Büsche und starrte auf einen regungslosen Körper, der zusammengekrümmt am Boden lag. Er sah das Green River-Messer im Rücken des Mannes.

Das Hemd war rot vom eingetrockneten Blut. Die Hände des Mannes hatten sich in den moosbewachsenen Boden gekrallt. Ein staubiger Stetson lag dicht neben dem Mann. Fliegen umsummten hartnäckig den Kopf, der von einigen Zweigen des Wacholderbusches fast verdeckt wurde.

Das Halbblut kniete sich nieder und wälzte den Toten auf die Seite. Seelenlose Augen starrten an ihm vorbei. Chaco zuckte mit den Schultern. Der Fremde hatte längst den

langen Trail ohne Rückkehr ange treten. Hier konnte niemand mehr helfen.

Nach Chacos Schätzung musste der Mann schon einige Stunden tot sein. Er schloss ihm die Augenlider und erhob sich. Wieder sah sich das Halb blut um.

Irgendwie hatte er plötzlich das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Seine Hand tastete zum Revolvergriff.

In seinem breitflächigen Gesicht mit den hohen Wangenknochen zuckte kein Muskel. Er lauschte zu einer Felsgruppe hinüber, wo er das Knacken eines dürren Zweiges vernommen hatte.

Chaco warf, sich zwischen die Büsche, denn er rechnete damit, aus dem Hinterhalt beschossen zu werden. Er hatte sich aber getäuscht, denn kein Schuss zerriss die morgendliche Stille.

Mit gezogenem Revolver schlich Chaco auf die Felsen zu, die nun von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne getroffen wurden und wie geschmolzenes Blei aussahen.

Zwei Pferdelängen von seinem Ziel entfernt kauerte sich das Halbblut hinter einer Murray-Kiefer nieder. Er lauschte in die Stille. Von irgendwoher erklang das Zwitschern eines Vogels.

Sonst blieb alles ruhig im weiten Rund. Der Wind rauschte in den Zweigen der Büsche und Bäume. Obwohl alles einen ruhigen und friedlichen Eindruck bot, wurde Chaco trotzdem das Gefühl nicht los, dass er von jemandem beobachtet wurde.

Vorsichtig schlich er weiter und nützte dabei jede sich nur bietende Deckungsmöglichkeit aus. Er umrundete die Felsgruppe. Enttäuschung spiegelte sich auf Chacos Gesicht, als er dort niemanden entdecken konnte. Schon wollte er zu dem Toten zurückschleichen, als er ein Niesen hörte.

Das Geräusch klang hinter einem Baumstamm hervor, der dicht neben den Felsen stand. Chaco richtete die Mündung seines Revolvers auf diese Stelle. Dann sagte er mit klirrender Stimme: „Los, Hombre. Raus mit dir aus deinem Mauseloch, sonst werde ich verdammt ungemütlich!“

Zuerst rührte sich nichts, dann schob sich ein blasses Gesicht hinter dem Baumstamm hervor. Ein schmächtiger Körper folgte. Staunend blickte Chaco auf einen kleinen Jungen von höchstens acht Jahren, der am ganzen Körper zitterte und ihn aus schreckgeweiteten Augen anstarrte.

Chaco halfterte seinen Colt. Der angespannte Ausdruck auf seinem Gesicht erlosch. Ein sanftes Lächeln, das man diesem harten Mann überhaupt nicht zugetraut hätte, umspielte seine Lippen.

Komm her zu mir, Kleiner“, rief Chaco. „Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich tue dir nichts.“

Der kleine Junge zögerte. Noch immer schien eine schreckliche Angst durch seinen schmächtigen Körper zu pulsieren. Er trug eine blaue Jeanshose und ein bunt kariertes Hemd. Beide Kleidungsstücke waren schmutzig und an einigen Stellen zerrissen.

Dunkles und strähniges Haar hing ihm wirr in die Stirn. Sommersprossen bedeckten Stirn und Wangen. Er hatte beide Hände ineinandergefaltet.

Chaco nickte ihm zu.

Was ist, mein Junge? Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Gehörst du zu diesem Mann, der dort vorne liegt?“

Der Junge trat zögernd einen Schritt näher. Von einer Sekunde zur anderen rannen ihm Tränen aus den Augenwinkeln. Schluchzend und mit gesenktem Kopf lief er langsam auf Chaco zu.

Ist es dein Vater?“, fragte das Halbblut.

Der Junge nickte. Endlich hob er den Kopf und starrte zu Chaco empor, der dem kleinen Burschen mit einer väterlichen Handbewegung durch das Haar fuhr.

Ich heiße Chaco“, sagte er dann. „Und wie ist dein Name?“

Johnny. Johnny Pearson“, drang es tonlos zwischen den beiden Lippen hervor.

Chaco kniete sich nieder. Nun befand sich sein Gesicht in gleicher Höhe mit dem des Jungen. Er las in seinen Augen Trauer, Angst und tiefes Entsetzen.

Was ist geschehen, Johnny?“

Der Junge schluckte mehrmals. Wieder verzerrte eine panische Angst sein junges Gesicht.

Du kannst es mir auch später erzählen, mein Junge. Wo ist euer Pferd?“

Davongelaufen, Mister Chaco.“

Das Halbblut lächelte freundlich. „Wir werden es schon finden. Wie ist es geschehen?“

Es sind drei Männer gewesen, Mister. Sie tauchten plötzlich auf, und einer warf sein Messer. Mein Vater fiel aus dem Sattel. Ich glaube, dass er diese drei Mörder überhaupt nicht gesehen hat.“

Johnny Pearson schwieg. Er bebte plötzlich wieder am ganzen Körper. Eine entsetzliche Angst schien ihm die Kehle zuzuschnüren.

Dir haben die Männer nichts getan?“

Sie haben mich nicht entdeckt, Mister Chaco. Ich musste mal und war zwischen die Büsche gelaufen. Gerade, als ich zu meinem Vater zurücklaufen wollte, fielen sie über ihn her. Ich versteckte mich und wurde von ihnen nicht entdeckt.“

Was geschah dann?“

Sie jagten unser Pferd davon und verschwanden dann wieder, nachdem sich einer über meinen Vater gebeugt hatte.“

Chaco nickte.

Und was hast du getan?“

Ich blieb in meinem Versteck, bis ich glaubte, dass diese drei Mörder nicht mehr auftauchen würden. Dann ging ich zu meinem Vater. Er war tot.“

Die Tränen des Jungen rannen stärker und zogen tiefe Furchen in das schmutzige Gesicht.

Wie lange ist das her, mein Junge?“

Eine Stunde, Chaco. Ich habe unser Pferd gesucht, es aber nicht gefunden. Dann bin ich wieder hierher gelaufen. Dann vernahm ich plötzlich Hufschläge, und dann bist du aufgetaucht. Ich habe mich versteckt, da ich ja nicht wusste, wer du bist.“

Chaco nickte mehrmals.

Wo bist du zu Hause, Johnny?“

Einige Meilen von hier. Es ist nur ein kleines Dorf mit wenigen Einwohnern.“

Ich werde dich zu deinem Dorf bringen, Johnny. Du bleibst hier zurück. Ich will mich mal nach eurem Pferd umsehen. Weit kann es nicht gelaufen sein, außer, diese drei Mörder hätten es gefunden und mitgenommen.“

Johnny Pearson sah Chaco voll kindlichem Vertrauen an. Das Halbblut fuhr dem Jungen über den Kopf, ehe er zu seinem Pferd ging und sich in den Sattel zog.

Gleich darauf ritt Chaco davon.


*


Eine halbe Stunde später erreichte Chaco den Ort des Mordes. Er hatte das Pferd eine Meile entfernt gefunden, wo es friedlich auf einer Lichtung weidete.

Johnny saß noch immer auf dem Felsbrocken und hatte sich anscheinend nicht von der Stelle gerührt. Seine Augen leuchteten auf, als er den mausgrauen Wallach sah, der seinem Vater gehört hatte.

Wir reiten gleich weiter, mein Junge“, sagte Chaco. Er nahm eine Decke aus der Sattelrolle des Wallachs und trat zwischen die Büsche. Nachdem er den Toten in die Decke eingewickelt hatte, wuchtete er den Leichnam quer über den Sattel des Grauen.

Du reitest mit mir, Johnny.“

Der Junge eilte heran. Chaco zog ihn vor sich in den Sattel. Dann ritt er los. Er führte den grauen Wallach an den Zügeln hinter sich her.

Hin und wieder sah er den scheuen Blick des Jungen, der dem in eine Decke eingehüllten toten Vater galt.

Schweigend legten sie Meile um Meile zurück. Chaco betrachtete lauernd immer wieder seine Umgebung. Er wollte sich vor unliebsamen Überraschungen schützen.

Es konnte leicht möglich sein, dass sich die drei Mörder noch herumtrieben. Alles blieb ruhig. Eine Stunde später verbreiterte sich der schmale Reitweg. Ein Tal öffnete sich vor Chaco. Schon bald erkannte er eine Ansammlung von Häusern, die beiderseits eines kleinen Baches gebaut worden waren, der sich wie eine silberne Schlange durch das Valley zog.

Johnny Pearson atmete auf.

Das ist Silver Creek“, sagte der Junge. Er wandte sich Chaco zu und lächelte ernst.

Hier wohnst du mit deiner Mutter, nicht wahr?“

Johnny nickte. Dann verdüsterte sich sein Gesicht. Bestimmt dachte er an seinen ermordeten Vater.

Chaco warf einen Blick zum Himmel, der sich in strahlendem Blau über das Tal spannte. Die Sonne meinte es gut und brannte heiß hernieder.

Chaco hielt auf die kleine Ortschaft zu. Er zählte nicht mehr als zwanzig Häuser. Weiter hinten im Tal weideten Rinder. Er konnte auch ein paar Schafe entdecken.

Bald ritt er die Main Street entlang. Die Hufe der Pferde versanken im knöcheltiefen Staub. Chaco starrte auf über ein Dutzend Männer, die aus den Häusern getreten waren.

Alle hielten Gewehre in den Händen. Ausdruckslose Gesichter, in denen nur die funkelnden Augen zu leben schienen, waren auf das Halbblut gerichtet.

Instinktiv fühlte Chaco eine unerklärliche Feindschaft, die ihm von allen Seiten entgegenschlug. Bald war er von den Bewohnern der kleinen Stadt umringt.

Wie zufällig waren einige Gewehrläufe auf ihn gerichtet. In manchen Augen las er flammenden Hass.

Mein Name ist Chaco“, sagte das Halbblut. „Chaco Gates. Ich fand einen Toten und diesen Jungen einige Meilen von hier entfernt. Was blieb mir anderes übrig, als die beiden hierher zu bringen?“

Einer der Männer schob sich einen Schritt nach vorn. Er trug derbe Farmerkleidung. Ein wallender Vollbart umrahmte ein kantiges Gesicht.

Er stützte beide Hände in die Hüften und wippte auf den Stiefelspitzen.

Okay, Chaco Gates. Du hast also den Jungen und einen Toten einige Meilen von hier gefunden.“

Er wandte sich an Johnny.

Komm runter vom Pferd, Johnny. Der Mister möchte weiterreiten. Um alles weitere kümmern wir uns.“

Der Junge sah Chaco plötzlich mit einem hilfesuchenden Blick an. Wieder zitterte er am ganzen Körper.

Der Tote ist der Vater von Johnny“, sagte Chaco. „Außerdem hätte ich gegen eine Rast nichts einzuwenden. Es müsste doch möglich sein, hier in Silver Creek etwas Essen und einen Drink zu erhalten.“

Das Gesicht des bärtigen Mannes wurde noch abweisender. Chaco verstand einfach nicht, dass man das ungeschriebene Gebot der Gastfreundschaft so krass verletzte.

Tut mir leid, Gates“, sagte der Bärtige mit knurrig klingender Stimme. „Hier in Silver Creek gibt es keinen Saloon. Bitte reiten Sie weiter.“

Die letzten Worte klangen wie ein Befehl. Der harte Blick des bärtigen Mannes traf den Jungen, der sofort aus dem Sattel rutschte und neben dem Pferd stehenblieb.

In diesem Moment öffnete sich eine Lücke in der Menschenmauer, die Chaco umgab. Eine Frau trat zögernd näher. Ihr Gesicht wirkte so käsig wie eine frisch gekalkte Wand.

Johnny warf sich in ihre Arme. Sie drückte den Jungen fest an sich.

Die Frau war höchstens Ende Zwanzig. Ihr Haar war unter einem Kopftuch verborgen. Sie trug einen langen Rock, der bis auf den staubigen Boden reichte, und eine Jacke, die wohl ihrem Mann gehörte, denn sie war viel zu groß und zu weit.

Ohne auf Chaco oder auf den eingehüllten Toten zu achten, nahm sie den Jungen an die Hand und eilte mit schnellen Schritten davon. Gleich darauf war sie in einem der kleinen und mehr einer Blockhütte ähnelnden Häuser verschwunden.

Währenddessen hatten zwei Männer den Toten vom Sattel genommen und trugen ihn davon.

Chaco verstand das alles nicht. Nach wie vor saß er lässig im Sattel und hatte beide Hände auf das Sattelhorn gestützt. Er sah einige der Männer an, die aber seinen Blicken auswichen und die Köpfe senkten.

Euch müsste doch wenigstens interessieren, wie der Tote ums Leben gebracht wurde“, sagte das Halbblut. „Und mit eurer Gastfreundschaft scheint es auch nicht weit her zu sein.“

Der Bärtige knurrte etwas, das Chaco nicht verstehen konnte. Es schien sich wohl um einen Fluch zu handeln. Dann sagte der Mann mit dunkler Stimme: „Reiten Sie weiter, Mister. Um alles weitere werden wir uns kümmern. Die nächste Stadt ist nur wenige Meilen von hier entfernt. Dort gibt es auch mehrere Saloons.“

Chaco zuckte mit den Schultern. Er wollte keinen Ärger, denn im Grunde genommen ging ihn das ja alles nichts an. So zog er sein Pferd herum und trieb es an.

Die Männer vor ihm wichen zur Seite. Chaco ritt grußlos davon und warf auch keinen Blick mehr zurück. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass in dieser Stadt einiges nicht stimmte.

Irgendwie konnte er nicht glauben, dass man ihn so abweisend behandelt hatte, nur weil er ein Halbblut war.

Bald blieb die kleine Ortschaft hinter ihm zurück. Das Tal war größer, als er zuerst angenommen hatte. Irgendwann zügelte er seinen Morgan-Hengst im Schatten einiger Eichen und sprang aus dem Sattel. Er erfrischte sich am klaren Wasser des Baches und ließ auch sein Pferd saufen.

Dann blieb ihm nichts anderes übrig, als sich eine Mahlzeit aus seinen Vorräten zu bereiten. Er ließ es sich schmecken und lehnte sich dann mit dem Rücken gegen den Stamm einer Eiche.

Irgendwann fiel Chacos Kopf auf die Brust. Seine gleichmäßigen Atemzüge verrieten, dass er eingeschlafen war.


*


Chaco war von einer Sekunde zur anderen hellwach, als sein Hengst ein lautes Schnauben ausstieß. Seine Hand fiel auf den Griff seines Revolvers.

Er glitt in die Höhe und starrte auf die beiden Männer, die noch halb von den Zweigen eines Busches verdeckt wurden. Die beiden hageren Männer blieben stehen.

Sie hielten Revolver in den Fäusten, deren Läufe aber zu Boden gerichtet waren. Anscheinend hatten sie mit einer solch blitzschnellen Reaktion nicht gerechnet.

Nun äugten die beiden Burschen scharfäugig herüber. Chaco erkannte eine gnadenlose Kälte in ihren Augen.

Killer, dachte das Halbblut. Das sind gewissenlose Schießer, denen ein Menschenleben nichts bedeutet.

Einer der beiden Fremden räusperte sich. Tiefe Falten furchten sein verwegenes Piratengesicht. Dann teilte ein spöttisches Lächeln seine schmalen Lippen.

Er halfterte seinen Revolver. Sein Partner folgte seinem Beispiel. Dann traten die beiden Schießer zwischen den Zweigen hervor. Zehn Schritte von Chaco entfernt blieben sie lauernd stehen.

Ihre Hände schwebten hinter den Griffen ihrer Revolver, bereit, blitzschnell zu ziehen und Tod und Vernichtung zu bringen.

Das Halbblut grinste lässig, was die beiden Burschen sichtlich irritierte.

Was wollt ihr von mir?“, fragte er dann ruhig. „An und für sich ist es nicht die feine Art, sich an ein einsames Camp wie Wölfe anzuschleichen.“

Dir wird dein dämliches Grinsen gleich vergehen, Halbblut“, stieß einer der Burschen rau hervor. „Du bist es doch gewesen, der den Toten gefunden hat, nicht wahr?“

Chaco nickte.

Sicher. Er befindet sich mittlerweilen in Silver Creek. Ich frage mich nur, was euch das angeht, außer, ihr hättet den Mann auf die lange Reise geschickt.“

Der Bursche ging auf diese Frage nicht ein. Er sagte: „Wir wollen von dir wissen, was dieser Johnny alles ausgeplaudert hat.“

Dann fragt ihn doch selbst“, konterte Chaco. „Und nun solltet ihr die Beine unter die Arme nehmen und schleunigst verduften. Irgendwie stinkt es hier seit einigen Minuten ganz gewaltig. Ich schätze, dass das wohl an euch liegen muss.“

Du verdammter Indianerbastard“, stieß der andere Bursche knurrend hervor. „Dir werden wir es richtig besorgen. Dann wirst du weiße Gentlemen nicht mehr so dämlich anquatschen und beleidigen.“

Chaco ahnte längst, dass die beiden Kerle ihn umbringen wollten. Nur durch sein frühzeitiges Erwachen war er dem Tod in letzter Sekunde von der Schippe gesprungen. Der Wortwechsel hatte nicht das geringste zu bedeuten.

Diese beiden Kerle waren aufgetaucht, um ihn zu erledigen. Jemand musste den beiden Burschen den Auftrag dazu gegeben haben.

Die Hände der Revolverschwinger zuckten wie zustoßende Schlangenköpfe nach den Colts. Dabei brüllten sie heiser auf, um sich gegenseitig anzufeuern.

Die beiden Killer waren schnell, verdammt schnell sogar, doch sie hatten gegen Chaco keine Chance. Er zog schneller und schoss auch bereits, noch ehe sich die Revolvermündungen auf ihn richteten.

Chacos beide Schüsse schienen zu einem einzigen zu verschmelzen. Pulverdampf breitete sich aus. Die Schussexplosionen wurden dumpf von den Talhängen zurückgeworfen.

Chaco stand noch immer mit rauchendem Revolver da. Er wusste, dass jeder weitere Schuss nur Munitionsvergeudung war. Längst hatten seine beiden Gegner ihre Waffen fallen lassen. Sie waren zur Seite getaumelt, als wären sie von einem auskeilenden Pferd getroffen worden.

Ihre rechten Oberarme färbten sich rot vor Blut. Ihre Münder öffneten sich, um die aufflammenden Schmerzen hervorzukreischen.

Fassungslosigkeit stand in ihren Augen, ehe sie dunkel vor Schmerz wurden.

Chaco halfterte seinen Revolver. Wieder spielte ein lässiges Lächeln um seine Mundwinkel.

Das wäre es wohl gewesen, Jungs, nicht wahr? Ihr hättet euch euren Gegner vorher ansehen sollen. Vielleicht hättet ihr doch lieber ein Messer aus dem Hinterhalt schleudern sollen, so wie ihr es bei Mister Pearson getan habt. Ich wette jeden Betrag, dass ihr Johnnys Vater auf dem Gewissen habt.“

Die beiden Schießer antworteten nicht. Ihre Hände krampften sich um die Schusswunde. Dann setzten sie sich beide, wie auf ein geheimes Kommando hin, auf den Boden.

Chaco trat auf die beiden Kerle zu, von deren Arroganz und Selbstherrlichkeit nichts mehr übriggeblieben war. Angst stand in ihren Augen, als sich das Halbblut vor ihnen niederkniete und dabei seinen Colt zog.

Ich hätte euch vorhin auch umlegen können, Jungs“, sagte er leise und doch voller Eindringlichkeit. „Ich habe euch geschont. Und nun will ich von euch wissen, wer euch den Auftrag gegeben hat, mich zu töten.“

Die Lippen der beiden Verwundeten pressten sich zu einem schmalen Strich zusammen.

Ihr wollt wohl nicht, was?“

Sie gaben keine Antwort.

Chacos revolverbewehrte Hand zuckte nach vorn, und die Revolvermündung war nur noch eine Daumenbreite von der Nasenspitze des Outlaws entfernt. Der Halunke zuckte zurück, als wäre er von einer Klapperschlange gebissen worden.

Los, spuck aus, was ich von dir hören will!“ knurrte Chaco. Es klang fast fauchend, als wäre jemand einem Puma auf den Schwanz getreten. Die Augen des Burschen weiteten sich.

Keuchender Atem drang aus seinem sich öffnenden Mund. Chaco starrte auf ein lückenhaftes Gebiss.

Von uns wirst du nichts erfahren, Halbblut“, sagte der andere Verwundete. „Du kannst uns ruhig umlegen.“

Chaco lächelte eisig. Und dieses Lächeln hatte schon manch einem rauen Burschen das Blut in den Adern gerinnen lassen. Der Bandit wurde noch um einige Nuancen bleicher.

Trotzdem schüttelte er den Kopf. Diese Bewegung hatte etwas Endgültiges an sich.

Ich bringe euch zur nächsten Stadt“, sagte Chaco. „Soll sich doch der zuständige Sheriff um die Angelegenheit kümmern. An solchen Hundesöhnen wie ihr es seid, beschmutze ich mir nicht die Hände.“

Die beiden Revolvermänner atmeten auf. Chaco verband ihre Wunden und holte die Pferde der Burschen, nachdem er die beiden Kerle gefesselt hatte.

Wenige Minuten später setzte er seinen Ritt fort.


*


Die beiden Schüsse peitschten dicht hintereinander auf. Sie wurden von einer kleinen Anhöhe aus abgefeuert, die ungefähr fünfzig Yards entfernt war.

Chaco warf sich wie ein Panther aus dem Sattel, rollte über den Boden und blieb aufatmend hinter einem Felsbrocken liegen. Erneut fauchten Kugeln heran, die aber nur gegen die Deckung klatschten, hinter der das Halbblut lag.

Chaco hielt seinen Revolver in der Faust und spähte hinter dem Felsbrocken hervor. Für einen Augenblick schien ihm das Blut in den Adern zu gerinnen.

Nun wusste er, dass die ersten beiden Schüsse nicht ihm gegolten hatten. Seine beiden Gefangenen lagen nur wenige Schritte von ihm entfernt am Boden.

Sie waren tot. Daran war nicht zu zweifeln. Die Geschosse hatten ihre Köpfe getroffen und zum sofortigen Tod geführt. Blicklose Augen starrten Chaco an.

Eine heiße Wut breitete sich in dem Halbblut aus. Er verfluchte den gnadenlosen Killer, der wohl auf seine eigenen Gefährten geschossen hatte, damit sie keinerlei Aussagen mehr machen konnten.

Die Schüsse des heimtückischen Schützen waren verstummt. Trotzdem blieb Chaco hinter seiner Deckung kauern. Verlangend starrte er auf seine Winchester, die noch im Scabbard seines Pferdes steckte. Für einen sicheren Schuss mit dem Revolver war die Entfernung zu dem kleinen Hügel zu weit.

Chaco vernahm plötzlich Hufschläge, die rasch leiser wurden und schon bald verstummten. Der hinterhältige Mordschütze hatte die Flucht ergriffen.

Trotzdem wartete Chaco noch einige Sekunden, ehe er losschlich. Es konnte sich auch um eine Falle handeln. Vielleicht hatte der Mörder nur sein Pferd davongejagt und lauerte noch immer auf dem Hügel.

Das Halbblut schlich sich näher. Dann konnte er nur noch feststellen, dass der Mörder wirklich die Flucht ergriffen hatte. Weit in der Ferne sah er einen winzigen Punkt, der sich schon bald gänzlich in der Weite der Landschaft verlor.

Nun blieb Chaco nichts anderes übrig, als die beiden Toten quer über die Sättel ihrer Pferde zu legen und dort festzubinden. Dann setzte er seinen Ritt fort.

Eine halbe Stunde später sah er die ersten Häuser einer Ortschaft. Golden Creek City stand auf einem verwitterten Schild. Die Buchstaben waren nur mit großer Mühe zu entziffern.

Die Sonne stand hoch im Zenit und brütete heiß hernieder. Auf den Straßen und Gassen war niemand zu sehen. Ein paar Krähen saßen auf dem Dach eines alten Schuppens und krächzten dem einsamen Reiter einen Willkommensgruss entgegen.

Vor einem zweistöckigen Haus, das die Aufschrift „Sheriffs Office“ trug, glitt das Halbblut aus dem Sattel. Er sah sich um. Noch immer hatte niemand von ihm Notiz genommen.

Nicht einmal eine Gardine bewegte sich hinter den geschlossenen Fenstern. Chaco stieg den Gehsteig hoch und klopfte gegen die Tür des Offices.

Er musste mehrmals pochen, ehe er schlurfende Schritte vernahm. Knarrend wich die Tür zurück. Der Kopf eines Oldtimers wurde sichtbar.

Misstrauische Augen starrten Chaco an.

Was gibt es, Mister?“, fragte der Alte. Chaco bewunderte fasziniert den einzigen Zahn im Mund seines Gegenübers.

Ich möchte den Sheriff sprechen, Alter“, sagte Chaco.

Der ist fortgeritten“, knarrte die Stimme des alten Mannes. Dann wollte er die Tür schließen. Chaco stellte seinen Fuß dazwischen und funkelte den Oldman aus harten Augen an.

Dann kümmere du dich um die beiden Toten, die ich mitgebracht habe. Aber ein bisschen dalli. Denen bekommt diese Hitze nicht. Hast du mich verstanden?“

Der Oldtimer war so überrascht, dass er vollends die Tür öffnete. Er hielt mit einer Hand seine Hose fest, denn er musste seine Hosenträger vergessen haben.

Was ...?“, staunte er dann. „Zwei Tote? Hast du die Burschen umgelegt?“

Das Halbblut schüttelte den Kopf.

Natürlich nicht. Ich bin da drüben im Saloon zu finden, falls der Sheriff doch noch auftauchen sollte.“

Nach diesen Worten setzte sich Chaco in Bewegung, trat zu seinem Pferd und führte es zur anderen Straßenseite hinüber, wo er es an einem Holm anleinte, der sich im Schatten befand.

Dann betrat er den Saloon.

Es roch nach Alkohol, Schweiß und Nikotin, obwohl einige Fenster offenstanden. Ein paar Fliegen stürzten sich auf Chaco. als wäre er eine willkommene Beute.

Er trat zum Tresen. Niemand war zu sehen. Ein Bierhahn tropfte im monotonen Rhythmus.

Chaco wuchtete seine Faust auf die schmutzige Theke. Ein paar ungespülte Gläser schnellten in die Höhe und klirrten heftig.

Endlich näherten sich Schritte. Sie erinnerten an das Tapsen eines Grizzlybären. Und so sah auch der Mann aus, der sich hinter einem Perlenvorhang hervorschob.

Aus tief in den Höhlen liegenden Augen sah er Chaco unfreundlich an. Er stützte seine gewaltigen Hände, die an Schmiedehämmer erinnerten, auf den Tresen.

Dann stieß er ein Brummen aus, das Chaco erneut an einen Bären denken ließ.

Ehe er etwas sagen konnte, ließ das Halbblut sich vernehmen.

Ich hätte gerne ein kühles Bier und, wenn es möglich ist, einen Happen zu essen.“

Der Salooner blickte ihn noch missmutiger an. Anscheinend sah er Arbeit auf sich zukommen. Dann rieb er seinen Zeigefinger gegen den Daumen.

Die Geste war Chaco gewöhnt. Immer wieder wurde er daran erinnert, dass er nur ein Halbblut war.

So griff er in seine Jackentasche und knallte eine Geldmünze auf den Tresen. Ohne noch etwas zu sagen, setzte er sich dann auf einen wackligen Stuhl.

Der Wirt verschwand schnaufend hinter dem Perlenvorhang. Gleich darauf hantierte er in der Küche mit Pfannen und Töpfen.

Chaco sah auf, als sich eine hagere Gestalt zum Salooneingang hereinschob, für einen Moment stehenblieb und dann geradewegs auf ihn zustiefelte.

Auf der Hemdbrust des schon älteren Mannes war ein Sheriffstern zu sehen. Zwei Schritte vor dem Halbblut blieb der Gesetzeshüter stehen und nickte mehrmals.

Hast du die beiden Toten da draußen angeschleppt?“, fragte er mit hell klingender Stimme.

Erraten, Sheriff.“

Hast du diese beiden Burschen umgelegt?“ '

Chaco schüttelte den Kopf.

Nein, Sheriff, nur die Armverletzungen sind von mir. Willst du dich nicht setzen? Es ist eine längere Geschichte.“

Der Sternträger sah sich unbehaglich um, warf dann einen Blick zur Tür mit dem Perlenvorhang und legte mit Verschwörermiene einen Finger auf seine Lippen.

Okay, Sheriff, wenn ich etwas gegessen habe, schaue ich dann drüben in deinem Office vorbei.“

Okay“, sagte der breitschultrige Mann, drehte sich auf den Absätzen und stiefelte wieder davon. Chaco blickte ihm nachdenklich hinterher.

Einige Minuten später saß er vor einem saftigen Steak mit Bratkartoffeln und ließ es sich schmecken. Der schwergewichtige Salooner verschwand wieder, nachdem er die Geldmünze vom Tresen genommen hatte.

Nachdem Chaco gegessen hatte, verließ er den Saloon, überquerte die noch immer menschenleere Main Street und betrat das Sheriff’s Office. Den Oldtimer konnte er nirgends entdecken. Dafür saß der Sheriff hinter seinem Schreibtisch und musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen.

Los, Mister, ich will alles hören. Hast du das kapiert? Das sind zwei gottverdammte Killer gewesen, die du da angeschleppt hast. Dort hängen ihre Steckbriefe.“

Er deutete auf die schmutzige graue Wand hinter Chaco, an der ein paar vergilbte Steckbriefe hingen.

Chaco berichtete ausführlich. Er begann damit, dass er von dem Auffinden des toten Pearson erzählte, bis zu dem Feuerüberfall auf ihn.

Charlie Hickman, der Sheriff von Golden Creek, hörte aufmerksam zu. Hin und wieder nickte er, als wolle er die Worte des Halbbluts unterstreichen.

Nachdem Chaco seinen Bericht beendet hatte, herrschte einige Minuten eine fast erdrückende Stille.

Was ist in Silver Creek los?“, fragte Chaco plötzlich. „Einen so unfreundlichen Empfang habe ich selten erlebt, obwohl ich als Halbblut einiges gewohnt bin. Die haben mich wie einen Aussätzigen behandelt und konnten kaum erwarten, dass ich wieder verschwand.“

Der Gesetzeshüter hob den Blick, strich sich über sein rundliches Kinn und blickte Chaco forschend an.

Du hast wirklich keine Ahnung?“

Ich bin fremd hier, Sheriff. Mein Trail soll mich nach Fort Apache führen. Ich fand den Toten rein zufällig. Natürlich habe ich nun das Gefühl, bis über beide Ohren in einer Sache zu stecken, von der ich nicht die geringste Ahnung habe.“

Also gut“, sagte Charlie Hickman. „Es begann vor fünf Jahren, als ein gewisser Derek Mason hier auftauchte. Wir wurden alle aus dem Burschen nicht klug. Viele hielten ihn für übergeschnappt, denn er gab sich als ein gottesfürchtiger Mann. Er verlangte schon bald, dass sämtliche Saloons geschlossen werden sollten. Außerdem wollte er, dass unsere Frauen nur noch mit bedecktem Haupt herumliefen. Niemand durfte mehr fluchen oder ausspucken. Dann bewarb er sich um den Posten als Bürgermeister, denn er hatte schon eine Anzahl von Gleichgesinnten um sich geschart. Natürlich fiel er mit Pauken und Trompeten durch, wenn ich es einmal so ausdrücken will.“

Hickman grinste und zeigte dabei seine nikotingelben Zähne. Seine Augen funkelten.

Daraufhin zog er mit seinen Anhängern weiter und gründete Silver Creek einige Meilen von hier. Die Bewohner kapselten sich vollkommen ab. Sie stellen alles für ihren Lebensbedarf selbst her. Gäste und Fremde sind dort nicht willkommen. Wir haben bald das Interesse an Derek Mason und seinen Leuten verloren. Sie ließen uns in Ruhe und wir sie. So sieht es aus, Chaco. Nun wirst du auch verstehen, warum man dich dort nicht haben wollte.“

Chaco fuhr sich übers Kinn. Nun sah er klarer.

Sind Masons Anhänger alle freiwillig dort geblieben?“, fragte das Halbblut dann.

Der Sternträger zuckte mit den Schultern.

Bisher ist niemand von ihnen wieder hier aufgetaucht. Ich habe mich auch kaum um diese Burschen gekümmert, obwohl dieses Silver Creek natürlich in meinem Amtsbereich liegt. Ich wurde auch niemals zur Amtshilfe aufgefordert. Anscheinend gibt es dort in dieser Gemeinschaft keinerlei Verbrechen.“

Pearson wurde ermordet“, antwortete das Halbblut. „Sein Sohn Johnny erzählte mir, dass es drei Männer gewesen sind. Einige Stunden später wollten mich zwei steckbrieflich gesuchte Halunken umbringen, die dann selbst aus dem Hinterhalt wie tollwütige Hunde abgeknallt wurden. Gibt das dir nicht zu denken?“

Natürlich, Chaco. Dieser hinterhältige Schütze wollte verhindern, dass diese beiden Strolche auspackten. Du glaubst also auch, dass dort in Silver Creek einiges läuft, was außerhalb der Legalität steht. So ist es doch?“

Das Halbblut nickte.

Es sieht wenigstens so aus, Sheriff. Was haben zwei Banditen in der Nähe von Silver Creek zu suchen? Und warum wurde Pearson ermordet?“

Warum wollte man dich umbringen, Chaco?“, fügte der Gesetzeshüter hinzu. „Ja, das sind Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Ich werde es aber herauskriegen. Darauf kannst du dich verlassen. Ich nehme meinen Job sehr genau. Und dieser Mason ist mir schon lange ein Dorn im Auge. Irgendwie habe ich schon immer das Gefühl gehabt, dass da nicht alles stimmt.“

Wieder blickte er das Halbblut nachdenklich an.

Willst du weiterreiten, Chaco?“

Gewiss, Sheriff. Ich habe dir alles erzählt, was ich weiß. Nun bist du dran. Ich bin kein Gesetzeshüter und habe auch kein Interesse, mich in dieses Spiel einzukaufen.“

Das verstehe ich, Chaco. Wann reitest du weiter?“

Vielleicht morgen. Zuerst will ich mir und meinem Pferd eine Ruhepause gönnen. Außerdem wird es wieder einmal gut tun, in einem richtigen Bett zu schlafen.“

Chaco erhob sich.

Vielleicht schaue ich nochmals vorbei, um zu erfahren, was du herausgefunden hast. Noch eine Frage, Sheriff: Kannst du mir diesen Derek Mason beschreiben?“

Zwei Minuten später wusste Chaco, dass es sich bei Mason um den bärtigen Burschen handelte, der mit ihm in Silver Creek so unfreundlich umgesprungen war.

Dann verließ er das Office. Er führte seinen Morgan-Hengst in den Mietstall und suchte sich ein Zimmer. Draußen brütete die Mittagshitze.

Es dauerte nicht lange, dann war Chaco eingeschlafen.


*


Als Chaco erwachte, webte die Abenddämmerung bereits ihre dunklen Schleier. Die Sonne verglühte in einem Feuermeer hinter den Gipfeln der White Mountains.

Das Halbblut trat ans Fenster. Nun herrschte mehr Betrieb auf der Main Street. Alle Geschäfte schienen geöffnet zu haben. In einem der Saloons ging es bereits hoch her.

Stimmengewirr erschallte aus den geöffneten Fenstern. Über ein Dutzend Sattelpferde waren an einem Querpfosten angebunden.

Chaco wusch sich und spürte dann ein schlimmes Hungergefühl, das seinen Magen knurren ließ. Er verließ sein Zimmer und betrat den Saloon. Auch hier herrschte schon viel Betrieb. Die meisten Tische waren besetzt.

Einige Männer sahen das Halbblut misstrauisch an, andere tuschelten und steckten die Köpfe zusammen.

Chaco kümmerte sich nicht darum. Er wollte keinen Ärger. Und es war ihm egal, was die Leute über ihn redeten oder von ihm dachten.

Der bullige Salooner, der so sehr einem Grizzlybären ähnelte, nickte ihm diesmal freundlicher zu. Chaco bestellte ein Bier und ein Abendessen.

Er ließ es sich schmecken und ging dann zum Mietstall hinüber, um nach seinem Pferd zu sehen. Der Oldtimer, der den Livery Stable versorgte, war nirgends zu sehen.

Chaco überzeugte sich, dass sein Pferd die notwendige Pflege und genügend Futter erhalten hatte, und wollte den Mietstall verlassen, als er hinter sich ein Geräusch vernahm.

Er duckte sich instinktiv, wirbelte herum und zog dabei seinen Colt mit einer gleitenden Bewegung. Seine Augen hatten sich längst an das samtene Halbdunkel des Mietstalles gewöhnt.

In einer leeren Box bewegte sich etwas. Stroh raschelte. Chaco duckte sich hinter die Zwischenwand einer anderen Box. Ehe er etwas sagen konnte, vernahm er ein dünnes Stimmchen, das voller Angst sagte: „Nicht schießen, Chaco. Ich bin es, Johnny.“

Chacos sprungbereiter Körper entspannte sich. Trotzdem behielt er seinen Revolver in der Faust.

Dann raus mit dir aus deinem Versteck, Kleiner.“

Johnny tauchte auf. Chaco erschrak, als er die heiße Angst in den Augen des achtjährigen Jungen erkannte. Sein so verletzlich wirkendes Gesicht schimmerte wie ein heller Fleck im Dämmerlicht.

Chaco setzte sich auf einen Strohballen und ergriff die Hände des Jungen.

Er sah Johnny Pearson an.

Was ist, mein Junge?“, fragte er leise. „Du bist doch nicht von zu Hause ausgerissen?“

Johnny schluckte. Langsam nahm sein Gesicht wieder eine normalere Farbe an. Ein wenig von der heißen Angst verlor sich aus seinen dunklen Augen.

Chaco drückte die Hände des Jungen.

Willst du mir nicht antworten?“

Johnny nickte. Er wirkte hilflos, und irgendwie rührte dies das Herz des Halbbluts.

Mutter schickt mich, Chaco. Du musst ihr und mir helfen. Sie wurde von zwei Männern fortgeschleppt. Ich konnte gerade noch verschwinden. Ich habe ihr von dir erzählt. Ehe man sie fortbrachte, sagte sie, dass ich zu dir fliehen sollte.“

Chaco erhob sich. Mit allem, nur nicht mit diesen Worten hatte er gerechnet.

Das ist doch die Wahrheit, Johnny?“

Der kleine Junge nickte heftig.

Was sind das für Männer gewesen, die deine Mutter fortgeschleppt haben? Gehören sie zu den Einwohnern von Silver Creek?“

Ich habe diese beiden Männer noch nie gesehen, Chaco. Außerdem waren ihre Gesichter hinter Masken verdeckt. Mutter weinte, als ...“

Johnnys Stimme verstummte. Ein dicker Kloß schien in seiner Kehle zu stecken. Tränen rannen ihm über die Wangen. Chaco fuhr ihm über das schmutzige Haar.

Du bist die ganze Entfernung von Silver Creek nach hier zu Fuß gelaufen?“

Johnny nickte und zog schniefend die Nase hoch.

Ich musste mich immer wieder verstecken, denn viele Männer suchten nach mir. Zuerst wollte ich das Pferd meines Vaters nehmen, doch ich konnte es nicht finden. Da ich kein Pferd stehlen wollte,, blieb mir nichts anderes übrig, als zu laufen.“

Schon gut, mein Kleiner“, antwortete Chaco, der den Jungen längst in sein Herz geschlossen hatte. „Die Männer haben dich also nicht gefunden. Sie wissen aber, dass du abgehauen bist. So ist es doch?“

Johnny Pearson nickte erneut und fuhr sich mit dem Handrücken über seine tränennassen Wangen.

Weißt du, wohin die beiden maskierten Banditen deine Mutter gebracht haben?“

Johnny zuckte verzweifelt mit den Schultern.

Ich weiß es wirklich nicht, Chaco“, sagte er kläglich. „Mutter wollte, dass ich dich aufsuche. Ich habe solche Angst um sie.“

Der kleine Kerl schmiegte sich gegen das Halbblut und umklammerte seine Hüften mit beiden Händen.

Es wird alles gut werden, Johnny“, sagte Chaco tröstend. „Ich reite nach Silver Creek und befreie deine Mam. Du kannst dich auf mich verlassen.“

Johnnys Augen begannen zu strahlen. Und Chaco nahm sich vor, das so grenzenlose Vertrauen des kleinen Kerls nicht zu enttäuschen.

Ich werde dich zum Sheriff bringen. Er wird sich in meiner Abwesenheit um dich kümmern. Einverstanden, Johnny?“

Einverstanden, Chaco. Natürlich würde ich viel lieber mit dir reiten, aber du wirst es mir bestimmt nicht erlauben.“

Das werde ich wirklich nicht, mein Junge. Auf dem Weg zum Office könntest du mir noch einige Fragen beantworten.“

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909395
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364682
Schlagworte
chaco nimm stern

Autor

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Titel: Chaco #21: Nimm den Stern, Chaco