Lade Inhalt...

Die unheimliche Ranch

2017 180 Seiten

Leseprobe

Die unheimliche Ranch


LARRY LASH



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von H.W.Hansen, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:


Joe Erin reitet zur Drei-Gürtel-Ranch, um dort im Auftrag Dan Littles nach dem Rechten zu sehen, denn irgendetwas scheint dort vorzugehen.

Als er den Auftrag seines Onkels annimmt, ahnt er nicht, auf was er sich einlässt. Schon bei seiner Ankunft in dem fremden Land beginnt der Ärger. Ein paar Burschen holen Joe mit einem Lasso aus dem Sattel, fesseln und verprügeln ihn, sperren ihn in eine Hütte. Sein Vorhaben scheint schon, noch bevor es richtig begonnen hat, zum Scheitern verurteilt zu sein.

Was wollen diese Kerle mit ihrem Angriff auf ihn bezwecken? Joe kommen die haarsträubendsten und unheimlichsten Gerüchte zu Ohren, die sich alle um die Drei-Gürtel-Ranch und deren Bewohner drehen.

Wird es Joe gelingen, sich aus dieser schier ausweglosen Situation zu befreien und das Geheimnis der unheimlichen Ranch zu ergründen?




1.


Joe Erin ließ sein Pferd langsamer gehen. Ein ungutes Gefühl bedrängte ihn.

War es der Anblick der Ranch, der Joe zögern ließ? Nun, die Ranch war anders als alle Ranches, die er bisher gesehen hatte. Sie lag auf einer Anhöhe direkt an einem Abgrund, der sie im Halbkreis umschloss. Von Weitem ähnelte sie so einer trutzigen, mittelalterlichen Burg und bot einen düsteren Anblick.

Die Freude in Joe Erin war wie fortgewischt. Die große, unheimlich wirkende Ranch sollte der Ort sein, an dem er ein neues Leben beginnen wollte. Nicht nur der äußere Anblick war es, der ihn abstieß. Tief in seinem Inneren sträubte sich etwas, zu dieser Ranch zu reiten. Unwillkürlich richtete er sich höher auf. Mit der Rechten versuchte er den Stetson wieder zurechtzurücken, den der Wind ihm in den Nacken gedrückt hatte. Die Kordel hielt den Hut, und der Wind spielte mit Joes hellblondem Haar.

Joe war hochgewachsen, mit breiten Schultern und schmalen Hüften. Nicht eine Unze Fett war zu viel an seinem Körper. In seinem braungebrannten, ovalen Gesicht mit der kurzen Nase, dem schmalen Mund und dem kräftigen Kinn lagen die klaren, grauen Augen tief in den Höhlen. Man sah Joe Erin an, dass er es gewohnt war, auf sich allein gestellt zu sein und für sich selbst zu sorgen.

Die Kleidung Joes bestand aus einem grauen Stetson, grauen Tuchhosen, einer geblümten Weste und einer langen, etwas speckigen Hirschlederhose. Er trug einen alten Armeerevolver.

Hinter dem Sattel des Apfelschimmels war die Gepäckrolle aufgeschnallt. Der aus der Rolle herausragende Pfannenstiel verriet, dass Joe schon lange unterwegs war. Eine Staubschicht lag auf dem Fell des Pferdes, bedeckte die Kleidung des Reiters und hatte sich in die Poren seiner Haut eingefressen. Es war der rote Staub der Tiefebene, der gefürchteten Durststrecke, die schon so manchem Lebewesen zum Verhängnis geworden war. Joe Erin hatte dieses Gebiet durchritten, um den Weg abzukürzen.

Joe Erin hielt sein Pferd an, als Häuser in sein Blickfeld kamen, die einige Meilen von der Ranch entfernt eine kleine Siedlung bildeten. Die Gebäude standen dicht zusammen, und man hatte den Eindruck, dass sie nicht unbeabsichtigt so dicht aneinandergebaut worden waren. Noch lagen sie allerdings zu weit entfernt, als dass man Einzelheiten hätte erkennen können.

Aus der Ferne hörte Joe das Heulen eines Hundes.

Joe trieb sein Pferd an und ritt auf die Siedlung zu. Er hatte nicht die Absicht, schon heute zur Drei-Gürtel-Ranch zu stoßen. Jetzt, da es langsam Nacht wurde, war ihm das Risiko zu groß. Was würde auf der Ranch auf ihn zukommen? Sicherlich war es etwas, das bei Tageslicht leichter zu bewältigen war. Wenn die Sonne schien, war alles besser zu erkennen. Er musste viel herausfinden, wenn er seinen Auftrag erfüllen wollte.

Morgen früh werde ich meinen Dienst beginnen, nicht eher“, murmelte der einsame Reiter.

Die Hütten wirkten aus der Nähe ziemlich erbärmlich. Sie waren morsch, und es war ein Wunder, dass sie noch nicht zusammengefallen waren. Sie sahen aus, als wären sie durch einen kräftigen Windstoß oder einen derben Fußtritt zum Einsturz zu bringen. Der Anblick dieser Siedlung ließ Joe an die Geisterstädte denken, die von Diggern schnell errichtet und ebenso schnell wieder verlassen wurden und dann dem Verfall preisgegeben waren. Kein Mensch wohnte mehr in solchen Städten. Der Wind pfiff hindurch und ließ die Türen und Fensterläden gespenstisch klappern.

Joe erreichte die Siedlung und ritt an leeren Corrals vorbei. Er verlangsamte das Tempo, aber die Hoffnung, auf einen Menschen zu treffen, schien sich nicht zu erfüllen.

Das Heulen des Hundes war verstummt. Kein erhelltes Fenster, kein Lichtschimmer zeigte sich in der Dunkelheit. Nichts deutete auf die Anwesenheit von Menschen hin. Kein Rauchgeruch ließ erkennen, dass irgendwo ein Feuer brannte. Verlassen lagen die Hütten und Stallungen, kein Laut störte die Stille. Joe hörte nur den Hufschlag des eigenen Pferdes und das Knarren des Sattelleders.

Joe Erin ritt weiter. Er stutzte, als sein Pferd den Kopf aufwarf und leise schnaubte. Er hielt nicht an, da er glaubte, dass das Pferd ein in der Nacht streifendes Tier gewittert habe. In dem Augenblick aber, als er an einer Stallwand entlangritt, zeigte es sich, dass er sich geirrt hatte. Etwas schwirrte ihm entgegen und legte sich im nächsten Augenblick um ihn. Mit einem jähen Ruck wurde er aus dem Sattel gerissen. Schrill wiehernd sprang der Apfelschimmel zur Seite.

Unsanft landete Joe auf dem Boden. Er rollte sich um seine Längsachse und versuchte sich zu befreien.

Bleib still liegen!“, forderte eine raue Männerstimme ihn auf. „Beweg dich lieber nicht, wenn dir dein Leben etwas gilt! Mit Kerlen deiner Sorte machen wir keine besonderen Umstände.“

Joe konnte sich davon überzeugen, dass man keinen Spaß mit ihm trieb. Drei Gestalten wuchsen aus der Dunkelheit, als habe der Erdboden sie ausgespuckt. Drei Waffenmündungen waren auf ihn gerichtet. Er gab daher den Versuch, sich von dem Lasso zu befreien, sofort auf. Niemand hinderte ihn daran, als er sich langsam aufhockte.

Drei Personen näherten sich ihm. Der Anführer war zierlich und ziemlich klein.

Das hast du dir wohl nicht träumen lassen, wie?“, hörte Joe ihn sprechen. „Aber tröste dich, es ist nur der Anfang. Wir holen einen nach dem anderen, keiner kommt davon!“

Joe Erin glaubte zu träumen. Die Stimme klang sanft. Sie war zwar heiser vor Erregung, doch eine Männerstimme war es nicht. Joe hatte es also mit einer Frau zu tun. Der letzte Zweifel verschwand, als die kleine Gestalt vor ihm stand und sich zu ihm niederbeugte. Trotz der Dunkelheit konnte Joe ein oval geschnittenes Gesicht mit großen, dunklen Augen erkennen, die jetzt erstaunt aufgerissen wurden.

Ben, Amb – das ist er nicht, es ist ein Fremder!“, hörte Joe die Frau sagen. – „Wer sind Sie?“, fragte sie.

Das ist keine Aufforderung, sich zu bewegen!“, sagte einer der beiden Begleiter. Er wandte sich an die Anführerin. „Karlin, dieser Fremde kann zu der Meute gehören. Es ist möglich, dass man ihn …“ Er verstummte und wechselte schnelle Blicke mit der Frau und dem anderen Mann.

Also los, Ranger, sagen Sie uns, wer Sie sind!“, forderte die Frau Joe hart und rau auf. „Sagen Sie uns, was Sie in dieser Siedlung zu suchen haben!“

Madam, ich bin ein Langreiter“, antwortete Joe. „Ich suchte nur ein Nachtquartier.“ „In dieser Siedlung?“, schnappte sie. „In dieser Geisterstadt wollten Sie übernachten?“

Geister fürchte ich nicht“, erwiderte Joe Erin. „Menschen sind weitaus gefährlicher.“ Langsam erhob sich Joe. Er löste das Lasso und ließ die Schlinge von sich abgleiten.

Geister bereiten einem Mann nicht so einen rauen Empfang, Madam“, fuhr er fort.

Joe Erin tat, als spüre er den harten Ruck der Waffe nicht, die ihm einer der Männer in den Rücken bohrte. Er schien auch den grimmigen Blick des zweiten Mannes zu übersehen.

Wir werden schon herausfinden, wer Sie wirklich sind und was Sie hier suchen“, murmelte die Frau. Danach wandte sie sich an ihre Begleiter: „Bindet ihm die Hände auf dem Rücken zusammen! Wir nehmen ihn mit.“ „Das ist das Beste, Karlin“, sagte einer der Kerle. „Wir müssen herausfinden, wer er ist. Sollte er zu den Schuften von der Drei-Gürtel-Ranch gehören, dann gnade ihm Gott!“

Joe glaubte nicht recht zu hören. Es gab keinen Zweifel: Die Frau und die beiden Männer gehörten zu den Gegnern der Drei-Gürtel-Ranch, und gerade diese Ranch wollte Joe Erin aufsuchen, um sie zu übernehmen. Es sah nicht danach aus, als würde man ihn jetzt laufen lassen. Er musste sich in das Unvermeidliche fügen. Als seine Hände auf dem Rücken gefesselt waren, brachte einer der Männer sein Pferd heran. „Los, sitz auf!“, befahl er.

Trotz der gefesselten Hände schaffte Joe es, auf den Rücken seines Apfelschimmels zu kommen. Tatenlos musste er es geschehen lassen, dass man ihm den Revolver abnahm und seine Sattelrolle durchsuchte.

Bei dieser Gelegenheit konnte er seine drei Gegner gut in Augenschein nehmen. Dabei stellte er fest, dass das Mädchen oder die Frau sehr energisch und zielbewusst war. Sie war noch sehr jung und so gewachsen, dass ein Mann sie unwillkürlich ansehen musste.

Das Mädchen forderte ihre beiden Begleiter auf, ihr das Lasso in die Hand zu geben, mit dem man Joe gefesselt hatte. Sie schlang das Lassoende um das Sattelhorn ihres Pferdes und sagte beim Aufsitzen zu Joe:

Glauben Sie nur nicht, dass Sie entwischen können! Bevor das geschieht, lasse ich Sie am Lasso hinter meinem Gaul herschleifen.“

Sie gab das Zeichen zum Abritt.

Joe hatte herausgefunden, dass alle drei sehr erregt waren und in der verlassenen Siedlung auf das Erscheinen eines bestimmten Mannes gewartet hatten.

Tut mir leid, dass Sie nur mich erwischten, Madam“, sagte Joe aus seinen Gedanken heraus. „Vielleicht hätten Sie mit Ihren beiden Begleitern auf die Ankunft des richtigen Mannes warten sollen.“

Vielleicht sind Sie sogar der richtige Mann!“, erwiderte sie schlagfertig. „Was wissen Sie wirklich?“

Jedenfalls mehr als noch vor einigen Augenblicken“, antwortete Joe, ohne zu zögern. „Ich konnte feststellen, dass Sie noch ziemlich jung sind und dass es sich bei Ihren Begleitern nicht um Cowboys handelt.“

Woraus schließen Sie das?“, fragte sie erstaunt.

Für einen Mann, der sehr weit geritten ist, ist das leicht herauszufinden. Ich …“

Karlin, lass dich nicht von ihm einwickeln!“, unterbrach einer der beiden Begleiter Joe wütend. „Seine Harmlosigkeit will mir nicht gefallen. Er tut so, als wüsste er nicht, wo er sich befindet.“

Ich tue nicht so, ich weiß es tatsächlich nicht“, konterte Joe. „Ich habe nie etwas von dieser Siedlung gehört. Ich bin fremd hier. Ihr hättet euch den Überfall auf mich ersparen können.“

Halt den Mund!“, herrschte der andere Reiter ihn an. „Vielleicht bist gerade du der Mann, den wir haben wollten. Wenn das der Fall ist, wird dir alle Lust vergehen, uns Ratschläge zu geben. Fang lieber an zu beten, vielleicht hast du nicht mehr viel Zeit dazu.“ „Da bin ich anderer Meinung“, erwiderte Joe ruhig. „Es tut mir leid, dass ich euch enttäuschen muss. Ich weiß nämlich eines mit Bestimmtheit: Ihr habt den Falschen gefangen!“ „Das ist noch nicht heraus“, sagte das Mädchen. „Sollte sich herausstellen, dass Sie etwas mit der Drei-Gürtel-Ranch zu tun haben, dann ist der Rat, den Ihnen Amb gab, tatsächlich angebracht. Fangen Sie dann lieber gleich an zu beten.“

Es war Joe Erin, als lege sich eine eiskalte Hand in sein Genick. Was hatten die drei Menschen gegen die Drei-Gürtel-Ranch? Abgrundtiefer Hass schien sie zu beherrschen. Unwillkürlich musste er daran denken, dass ihm schon gesagt worden war, es sei nicht leicht, die Ranch zu übernehmen. Er hatte mit Schwierigkeiten gerechnet, aber dass sie solcher Art sein würden, daran hatte er nicht gedacht.

Seit Monaten warf die Drei-Gürtel-Ranch nichts mehr ab, seit Monaten waren keine Zahlungen mehr an den Ranchbesitzer erfolgt. Ohne Einkünfte aber konnte Joes Onkel, Dan Little, sein bisheriges Leben in der Stadt nicht mehre lange aufrechterhalten. Nicht, dass der alte Mann von heute auf morgen seine Lebensgewohnheiten würde ändern müssen. Nein, so viel Geld hatte er gespart, dass ihn so schnell nichts aus dem Sattel werfen konnte. Er brauchte sein Nichtstuerdasein nicht aufzugeben. In den Monaten aber, da die Einkünfte von der Ranch nicht mehr eingetroffen waren, hatte Dan Little sich doch einschränken müssen. Da der Onkel selbst zu alt und durch das Leben in der kalifornischen Großstadt verweichlicht war, hatte er Joe geschrieben und ihn gebeten, auf der Drei-Gürtel-Ranch nach dem Rechten zu sehen. Der Onkel erwartete, dass alles wieder in Fluss kam und so wurde, wie es vorher gewesen war.

Im Augenblick sah es nicht so aus, als ließe sich alles rasch einrenken. Dan Little würde vielleicht Tage oder auch Wochen auf Geld warten müssen. Seine Leute auf der Drei-Gürtel-Ranch schienen sich von ihm gelöst zu haben. Nach Joes Erfahrungen hatte sich die Drei-Gürtel-Mannschaft keine Freunde hier im Land geschaffen. Es war also höchste Zeit, dass etwas getan wurde.

Wo sollte Joe Erin den Hebel ansetzen? Im Augenblick konnte er gar nichts tun. Seine drei Bewacher ließen ihn nicht aus den Augen. Sie trieben ihre Pferde schneller an. Der Ritt durch die Nacht mit auf den Rücken gefesselten Händen war alles andere als angenehm.

Das Land änderte sich. Joe hatte bald heraus, dass man auf heimlichen Pfaden ritt. Man mied die Wege und hielt sich von den Häusern und den Rinderherden fern, die sich durch Wachfeuer ankündigten.

Gegen Mitternacht erreichte man das Wüstenrandgebiet im Süden. Die Gegend hatte wenig Eindrucksvolles oder Verlockendes an sich. Sie glich einer Kraterlandschaft. Joes Begleiter schienen sich hier allerdings ziemlich wohlzufühlen. Sie ließen sich Zeit und ritten nicht mehr so schnell. Die Pferde konnten das Tempo selbst bestimmen.

Vor einem Canyonmaul wurde angehalten. Man band Joe die Augen zu. Er ließ es geschehen, ohne sich zu wehren. Wozu auch? Joe war davon überzeugt, dass man bald den Irrtum einsehen und ihn laufenlassen würde. Er musste nur darauf achten, dass er sich selbst nicht verriet und etwas von der Drei-Gürtel-Ranch erwähnte. Allein schon der Name der Ranch schien auf seine drei Begleiter wie das rote Tuch auf einen Stier zu wirken.

Man führte Joe Erins Pferd im Kreis herum und beabsichtigte wohl damit, ihn über die Reitrichtung zu täuschen und ihn die Orientierung verlieren zu lassen. Das raue Lachen eines der beiden Männer ertönte neben Joe. Gesprochen wurde jetzt nicht mehr, und Joe konnte sich mehr auf das konzentrieren, was um ihn herum vorging.

Der Ritt ging bergab, das spürte Joe Erin deutlich. Zuerst wurde eine scharfe Linkswendung gemacht, der zwei Rechtswendungen folgten. Danach hörte man das Rauschen von Wasser. Wenig später sprühte Wasser über ihn und das Pferd hinweg. Jemand erfasste die Zügel und führte den Apfelschimmel, der stehengeblieben war, weiter. Minuten später polterten die Pferdehufe über felsigen Boden, und jemand rief:

Kommt, Leute, sie bringen Lynn, sie haben ihn erwischt! Der große Lynn ist geschnappt worden. Wir werden ihm das geben, was er braucht. Versammelt euch alle unter dem Josuah-Baum.“

Es ist nicht Lynn“, war die Stimme des Mädchens zu hören.

Nicht Lynn?“, fragte eine enttäuschte Stimme. „Wieder einmal ist Lynn entwischt, und dabei wollte er doch allein in die Siedlung kommen. Unsere Informationen aus dem feindlichen Lager stimmen. Wen habt ihr da?“ „Er hat uns noch nicht gesagt, wer er ist“, erwiderte das Mädchen.

Das wird sich gleich ändern!“, war die raue Antwort. „Drescht es aus ihm heraus, sobald Karlin im Haus ist!“

Was soll das? Sie werden doch nicht zulassen, Madam, dass etwas geschieht, was später nicht nur Sie zu bereuen hätten?“, wandte Joe sich an das Mädchen.

Er bekam keine Antwort. Niemand nahm ihm die Binde von den Augen. Joe fühlte sich verraten und verkauft.

Ich hätte alle Tricks anwenden müssen, um aus der Klemme zu kommen, dachte er. Jetzt ist es zu spät.

Hören Sie, Fremder: Jeder, der allein durch das Land reitet, ist verdächtig. Ich habe meine Eltern und meine beiden Brüder verloren, dazu alles Land und meine Heimat.

Man hat uns bekämpft und uns alles genommen. Eines konnte man uns nicht nehmen, und das war unseren Willen. Wir haben uns nach der Niederlage aufgerichtet und kämpfen jetzt. Ja, man hat uns schlagen können, doch wir sind nicht geflohen, wie man es sich wünschte. Wir sind noch im Land und haben uns versteckt. Wir wissen, dass Lynn auch nicht davor zurückschreckt, Fremde einzustellen, um nach unserem Versteck zu suchen. Bekennen Sie nur die Wahrheit.“

Das Mädchen verstummte, ihr Pferd bewegte sich weiter. Joe Erin wollte sie zurückrufen und sie bitten zu bleiben und ihn in Ruhe anzuhören, doch kein Wort kam über seine Lippen. Er begriff jetzt den Hass der Menschen hier und unterließ es, für sich zu bitten.

Niemand sprach. Trotzdem spürte Joe, dass ihn viele Menschen hasserfüllt anblickten. Was hatte man den Menschen der Siedlung angetan, dass in ihnen ein solcher Hass entstehen konnte? Nach dem Bericht des Mädchens mussten die Kerle von der Drei-Gürtel-Ranch Banditen und Mörder sein.

In was für eine Sache hatte Joe sich da nur eingelassen, als er seinem Onkel versprach, auf der Drei-Gürtel-Ranch nach dem Rechten zu sehen?

Unruhig rutschte er im Sattel hin und her. Alles in ihm sträubte sich gegen das, was auf ihn zukam.

Tut es nicht!“, schrie er, als ein Klammergriff seinen rechten Fuß aus dem Steigbügel riss. „Gebt mir eine Chance!“

Nein!“, war die harte Antwort. „Unseren Leuten hat man auch keine Chance gegeben. Zeigt ihm, Leute, wie es gemacht wird!“

Vergebens versuchte Joe, sich gegen seine Feinde zu wehren. Die Übermacht war zu groß. Er wurde aus dem Sattel gerissen, und dann fielen sie über ihn her. Er hatte nur noch einen Gedanken: Das ist das Ende, lebend kommst du hier nicht davon. Sie schlagen dich tot. Nur das wollen sie, dich totschlagen. Nicht einer stellte eine Frage, nicht einer. Nach wenigen Minuten schon stürzte er in einen dunklen Abgrund.

Als er wieder zu sich kam, hörte er wie aus weiter Ferne eine Stimme.

Er versuchte, die Augen aufzuschlagen. Es gelang ihm nur mühsam. Die Lider hoben sich einen Spalt. Eine kleine Bewegung, die er zu machen versuchte, jagte Schmerzwellen durch seinen Körper. Ein Stöhnen kam über seine Lippen.

Sie haben dich ausgequetscht, sie haben die Antworten aus dir herausgedroschen“, hörte er. „Wie könnte ich sonst wissen, dass du bei den Texas-Rangern geritten bist?“

Joe versuchte den Sprecher zu entdecken. Als er den Kopf bewegen wollte, stöhnte er erneut auf.

Bleib nur still liegen!“, wurde er aufgefordert. „Was man mit dir machte, war eine Schande. Karlin McGreen ließ es geschehen. Sie ließ so etwas zu und wurde damit genauso schuldig wie die ganze Bande von Siedlern. Eine Untat zieht die nächste nach sich.“

Wer bist du?“, keuchte Joe und gab es auf, den Sprecher sehen zu wollen.

Ich“, kam sofort die Antwort, „ich bin ein Gefangener wie du – ein Halbblut, einer, der den Kerlen nicht gefällt und von dem sie immer noch nicht wissen, ob er etwas mit der berüchtigten Drei-Gürtel-Crew zu tun hat. Das schützte mich bisher. Wie lange das allerdings noch dauert, ist fraglich. Man wird mich zum Josuah-Baum führen, sobald man mir etwas nachweisen kann.“

Hat man mir etwas nachweisen können?“, wollte Joe wissen.

Es ist erstaunlich, wie viel du vertragen kannst“, antwortete der andere nach kurzer Pause. „Nie zuvor habe ich gesehen, dass man einen Menschen derart verprügelte und dass er trotzdem noch standhaft blieb. Du hast nur gesagt, dass du Texas-Ranger warst und aus Kalifornien hierhergekommen bist. Du hast ihnen gesagt, dass du ein Langreiter bist, der nach Norden will. Hast du tatsächlich nichts mit Lynn zu tun?“

Jetzt begriff Joe, vielmehr glaubte er zu begreifen.

Es hat keinen Sinn, es so mit mir zu versuchen“, sagte er. „Ich kenne Lynn nicht. Deine Leute hätten sich dieses Manöver ersparen können.“

Heilige Mavericks, jetzt begreife ich! Du glaubst, dass ich hier bin, um dich auszuhorchen. Weit gefehlt, Freund! Ich bin in der Klemme wie du. Lynn ist der gefürchtetste Mann weit und breit. Auch ich fürchte mich vor ihm. Alle haben Angst vor ihm, am meisten aber diese verrückten Siedler, die zum Widerstand entschlossen sind und glauben, dass sie ihr Land und ihre Häuser wiederbekommen können, um noch einmal zu beginnen. Lynn wird es nicht dulden. Die Siedler sind ihm im Wege. Sie wissen das genau, und trotzdem wollen sie das fruchtbare Land wiederhaben.“

Wer kann es ihnen verdenken?“

Das sagst du, ausgerechnet du?“, keuchte der andere. „Vielleicht hat man dich so zerschlagen, dass du Zeit deines Lebens nicht wieder gehen kannst. Weißt du überhaupt, was man dir antat? Versuche doch, dich richtig zu bewegen. Wenn du es nicht kannst, haben sie dich zum Krüppel geschlagen. Und du willst Verständnis für die Siedler haben? Ich hasse diese Burschen, und das beruht auf Gegenseitigkeit. Ab und zu nahm ich mir im Winter etwas von ihrem Heuvorrat, ohne sie um Erlaubnis zu fragen. Ich brauchte das Heu für mein Pferd. Als Gegenleistung hielt ich ihnen Coyoten und Wölfe von den Koppeln fern. Ich sorgte dafür, dass anderes Wild die Äcker nicht verwüstete. Nun, diese Leute bringen nicht viel Verständnis auf, für einen Mann, der Raubwild jagt und keinen festen Wohnsitz hat. Wenn sie mich im Winter in ihren Stallungen und Scheunen aufstöberten, jagten sie mich fort. Niemand hatte eine offene Hand. In den Augen dieser Furchentreter war ich nichts anderes als ein Tramp, den sie sich vom Leibe halten mussten. – He, was ist, kannst du dich noch bewegen?“

Joe Erin probierte es. Die Glieder konnte er zwar bewegen, aber die Schmerzen wurden dabei so stark, dass er in die Ohnmacht zurücksank. Er kam erst wieder zu sich, als das Tageslicht durch Spalten und Ritzen eindrang. Seine Haut brannte, und ein scharfer Geruch biss ihm in die Nase.

Du bist wach?“, hörte er wieder die Stimme des Halbblutes. „Du hast verdammt lange geschlafen, und dabei hätte dich doch der Whiskyduft aufwecken müssen. Dieser Geruch kitzelte meine Nase so, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Der Kerl aber, der deine Haut mit dem Whisky einrieb, gab mir keinen davon zu trinken. – Wie fühlst du dich jetzt?“

Wie im Höllenfeuer!“, erwiderte Joe rau.

Der andere ließ ein Lachen hören. Joe versuchte, sich nach ihm umzudrehen, und diesmal gelang es ihm. Nur einige Schritte entfernt sah er einen an Händen und Füßen gefesselten Mann von wildem Aussehen auf einer Strohschütte liegen. Seine Hände waren an einem Holzpflock angebunden, den man in die Erde gerammt hatte. Der Gefangene konnte sich nicht weit bewegen.

Wenn du in einen Spiegel schauen könntest, du würdest dich nicht erkennen“, sagte der braunhäutige Mann mit den dunklen, ein wenig schrägen Augen. „Man hat dich nicht wieder gefesselt. Roll dich zu mir und versuche, meine Fesseln zu lösen. Man glaubt, dass du erledigt bist und keine Kraft mehr hast, nur darum ließ man dich ungefesselt. Komm her und befreie mich!“

Das verlangst du von mir?“, schnappte Joe. „Du weißt, dass man mir dann den Rest geben würde.“

Ich nehme dich mit.“

Mich mitnehmen? In diesem Zustand? Vielleicht kann ich mich bis zur Tür schleppen, aber das ist noch ungewiss.“

Ich bitte dich, binde mich los! Ich weiß jetzt, dass man meine Verbindung zu Lynn herausfand und beschlossen hat, mich unter den Josuah-Baum zu führen. Was das bedeutet, brauche ich dir wohl nicht näher zu erklären! Der Kerl, der dich im Auftrag der Lady mit Whisky einrieb, hat es mir gesagt.

Er tat es sicherlich nicht, um mir nur Angst einzujagen. Es geht um mein Leben.“

Ist die Tür verschlossen? Stehen keine Wachen davor? Kannst du die Flucht überhaupt durchstehen?“, fragte Joe heiser.

Wenn ich ohne Fesseln bin, wird niemand mich aufhalten können. Ich möchte den Mann sehen, der den „Schwarzen Puma“ dann noch erwischt. Ich nehme dich mit!“, versicherte das Halbblut. „Ich gehe nicht ohne dich, selbst wenn ich dich auf meinem Rücken schleppen müsste, denn …“

Dann kommst du nicht weit“, unterbrach ihn Joe. „Nein, du wirst allein fliehen, vielleicht kannst du später etwas für mich tun.“ Nach diesen Worten versuchte Joe, sich an das Halbblut heranzurollen. Der Versuch gelang. Er spürte den scharfen Atem des anderen, als er sich daran machte, die Fesseln zu lösen.



2.


Der Schweiß brach Joe Erin aus allen Poren. Das Hemd klebte ihm auf der Haut. Er biss die Zähne zusammen und arbeitete mit kurzen Unterbrechungen an der Befreiung des Halbblutes. Die beiden Männer hielten plötzlich den Atem an. Leichte Schritte näherten sich und verhielten vor der Tür.

Das ist die Lady“, flüsterte Schwarzer Puma Joe zu.

Du hasst Madam McGreen?“

Ich bin nur ein Halbblut“, erwiderte der Mann mit leiser, kehliger Stimme. „Was das bedeutet, erfährt nur der, der in zwei Welten leben muss, von denen keine ihn haben will. – Das Mädchen bleibt stehen. Roll dich weg!“ „Dann kann ich den letzten Knoten deiner Fesseln nicht mehr lösen“, flüsterte Joe.

Wenn sie hereinkommt, wird sie Alarm schlagen.“

Nicht, wenn ich frei bin“, erwiderte der andere düster. „Mach weiter!“

Joe tat es nicht. Er wusste, dass er sonst das Mädchen in Gefahr brachte. Wenn der andere Gefangene sah, dass seine Flucht nicht gelang, würde er auch auf das Mädchen keine Rücksicht nehmen.

Joe keuchte erschöpft. Das Halbblut starrte ihn mit seinen dunklen, unergründlichen Augen unverwandt an. Sekundenlang war es unheimlich still. Das Warten zerrte an den Nerven. Kam das Mädchen herein oder nicht?

Ein düsteres Feuer loderte in den Augen des Halbblutes, und Joe konnte erkennen, was für Gedanken den Mann beschäftigten. Er nahm es Joe übel, dass dieser sich Sorgen um das Mädchen machte und nicht ihm half. Joe hatte sich eindeutig für Karlin McGreen entschieden.

Die Weißen und die Roten sind sich darin gleich, wenn es gilt, sich zu entscheiden. Die Rasse bestimmt“, murmelte Schwarzer Puma voller Zorn.

Draußen regte sich etwas. Die leichten Schritte entfernten sich wieder.

Das Halbblut schnaufte wütend.

Jetzt bist du gegen mich, nicht wahr?“, keuchte er, als Joe sich nicht mehr regte. „Habe ich dich gegen mich aufgebracht?“ „Nein, du kannst wohl nicht anders. Du misstraust jedem Menschen. Du hast nie einen Freund gehabt und warst immer allein.“

Joe Erin machte sich wieder an die Arbeit. Er löste den letzten Knoten und rollte sofort zu seinem Lager zurück, wo ihn eine erneute Ohnmacht in einen bodenlosen Abgrund zerren wollte. Wie aus weiter Ferne hörte er das Halbblut sagen:

Ich hatte wirklich nie Freunde, sondern immer nur Feinde. Ich weiß nicht, warum du mir die Fesseln noch gelöst hast. Du hattest dich doch schon für die Lady entschieden. Glaubtest du, dass ich sie töten würde?“ „Vielleicht.“

Du hast recht. Ich will frei sein, und wer mich aufhalten will …“ Er sprach nicht aus, was er dachte. Langsam erhob er sich. Einen Moment stand er geduckt da, dann sprang er zur Tür und öffnete sie einen Spalt. Seine Hände spreizten und schlossen sich. Es waren nervige, unheimliche Hände. Sie konnten auch unbewaffnet einem Menschen zur Gefahr werden. Schwarzer Puma glich jetzt einer großen, gefährlichen Raubkatze.

Joe bewegte sich nicht. Er kämpfte gegen seine Schwäche an.

Ich vergesse dich nicht!“, sagte Schwarzer Puma . „Du warst der Erste, der etwas für mich tat, ohne die offene Hand hinzuhalten. Ich denke daran. Du wirst von mir hören.“

Nach diesen Worten öffnete er die Tür und glitt wie ein Schatten in die Helligkeit des Morgens hinaus. Im nächsten Augenblick war er verschwunden.

Kein Laut war zu hören. Joes Hände krallten sich in die neben ihm liegende Decke und lösten sich erst nach einiger Zeit wieder langsam. Was er erwartet hatte, trat nicht ein. Es krachte kein Schuss, kein Alarmschrei machte die Umgebung zu einem Hexenkessel.

Eine Stunde verstrich und eine weitere. Helles Sonnenlicht drang durch die Ritzen, als endlich wieder Schritte hörbar wurden. Joe Erin schloss die Augen. Er wollte nicht sehen, wie die anderen bei der Entdeckung der Flucht reagierten.

Ein zweifacher Wutschrei war zu hören, dann folgte ein fürchterlicher Fluch. Im nächsten Moment waren sie heran und stießen Joe mit den Stiefelspitzen in die Rippen. Joe ließ es geschehen. Er tat, als spüre er es nicht und versuchte den Anschein zu erwecken, als liege er noch in tiefer Ohnmacht. Er musste allen Willen zusammennehmen, um nicht vor Schmerz laut aufzubrüllen.

Weg von dem Mann!“, drang von der Tür her Karlin McGreens Stimme in den Raum. „Was soll das? Ihr wollt Männer sein und lasst euch so hinreißen? Ihr vergesst alle Gesetze von Fairness und Anstand. Lasst eure Wut nicht an ihm aus! Er kann Emanuel Skip nicht befreit haben. Seine Ohnmacht ist nicht gespielt. Schaut ihn euch an! Das ist euer Werk. Das habe ich nicht gewollt. Ihr seid in eurem Hass entschieden zu weit gegangen!“

Jetzt trat nur noch einer der Männer nach Joe und sagte rau:

Misch dich nicht in Männersachen! Halt dich heraus und befolg meinen Rat: Verlasse das Land! Das hier ist nichts für Mädchen. Wir …“

Ich bleibe, Dan Fletcher!“, unterbrach sie ihn hart. „Ich kenne dich genau. Du bist es, der die anderen zu überreden versucht, alle Frauen und Kinder von diesem Zufluchtsort fortzuschaffen.“

Das stimmt, und nach der Flucht dieses verteufelten Halbbluts ist das noch notwendiger als zuvor!“, fauchte Fletcher wütend. „Wenn dieser schlappe Kerl das Halbblut nicht befreit hat, wer denn sonst? Was zögern wir noch, geben wir Alarm!“

Jemand rannte hinaus, eine Glocke erklang. Im Raum stritten sich einige Männer, und dann hörte Joe Dan Fletcher sagen:

Das verdammte Halbblut kennt jetzt unser Versteck. Wenn er nun Lynn darüber berichtet?“

Das nützt diesem Teufel in Menschengestalt auch nichts“, mischte Karlin McGreen sich wieder ein. „Lynn und seine Männer können uns hier nicht angreifen.“

Das nicht, aber er kann uns aushungern, und das ist genauso schlimm, Karlin“, sagte einer der Männer.

Die Menschen entfernten sich. Joe Erin war wieder allein. Draußen herrschte lebhaftes Treiben. Nach einer Weile war es wieder still. Eine alte Frau kam in die Hütte und brachte Joe zu essen. Sie hockte sich neben ihm nieder und sah ihn aufmerksam an.

Dich hat man ja schön zugerichtet“, murmelte sie. „Du erinnerst mich an meinen Mann, den sie mir ins Haus brachten, als er unter eine Rinderstampede gekommen war. Um es genau zu sagen, er sah nur halb so schlimm aus und starb trotzdem.“

Die Frau schien nicht gerade zimperlich zu sein. Sie war kräftig gebaut und hatte starke Knochen. Man sah ihr an, dass sie fest zupacken und hart arbeiten konnte. Sie hatte in ihrem Leben wohl vieles durchmachen müssen.

Ich lebe und will weiterleben“, erwiderte Joe.

Recht so! Wir Frauen haben es leider zu spät erfahren, wir hätten es nicht zugelassen, dass man so über dich herfiel. Du musst aber verstehen, dass unsere Männer bis aufs Blut gereizt sind. Die geringste Kleinigkeit genügt, um sie aus der Haut fahren zu lassen. Die Flucht des Halbbluts hat sie zur Besinnung gebracht. Jetzt wollen sie Frauen und Kinder wegschaffen. Wenn sie es tun, werden sie bald am Ende sein, und es wird nicht erst zu einem Kampf um unser Recht kommen. Lynn hat dann sowieso gewonnen.“

Alle reden hier von Lynn. Wer ist dieser Mann?“

Das weißt du nicht? Lynn führt die Drei-Gürtel-Ranch. Vor einigen Monaten setzte er den Verwalter ab, der bis dahin Dan Littles Ranch geführt hatte. Seine Leute jagten den Verwalter und den Rest der Mannschaft aus dem Land und begannen dann den Krieg gegen uns Siedler. Lynn und seine Kumpane griffen so hart durch, dass viele Menschen sterben mussten. Er beherrscht praktisch das Land und hat auch die Stadt Corkville so unter Druck gesetzt, dass die Menschen dort in Angst erstarren, wenn nur sein Name genannt wird. – Und du kamst wirklich nicht Lynns wegen ins Land?“

Wie kommen Sie darauf?“, fragte Joe.

Die alte Frau wiegte sich hin und her, dann lächelte sie und erwiderte:

Alle sprechen bereits darüber, dass du Texas-Ranger gewesen bist. Du hast es selbst zugegeben, wie man berichtete. Vielleicht bist du hinter Lynn her. Man sagt, dass in New Mexico, Arizona, Nevada und Texas sein Steckbrief besser bekannt ist als das Bild des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Es soll eine Prämie ausgesetzt sein, wenn man Lynn tot oder lebendig bringt.“

Wenn das so ist, warum holen die Männer sich die Prämie nicht?“

Großer Gott, dir geht es offensichtlich wieder gut, sonst würdest du nicht so scherzen. Unsere Männer haben einen harten Kampf gegen ihn und seine Bande verloren. Sie hoffen, dass die Städter sich gegen Lynn erheben. Solange das nicht geschieht, wagen sie nichts, denn nur zusammen mit den Städtern kann Lynn geschlagen werden. Das muss schon bald geschehen, denn unsere Mittel sind beschränkt. Lange halten wir es hier nicht mehr aus, und ohne Kampf bekommen wir unsere Heimstätten nicht zurück. Ohne Lynns Niederlage gehen wir alle einer hoffnungslosen Zukunft entgegen, und alle Opfer waren umsonst.“

Die Stimme der Frau erstickte. Joe Erin sah sie lange an.

Mein Sohn lebt in der Stadt“, fuhr sie nach einer Weile ruhig fort. „Er kämpfte nicht, als mein anderer Sohn bei der Verteidigung unserer Heimstätte sein Leben ließ. Ich kann nicht verstehen, dass er sich nicht regte. Sie waren doch Zwillinge.“

Was wollen Sie, Madam? Soll auch Ihr zweiter Sohn sein Leben lassen?“, fragte Joe.

Sicherlich hat er eine Familie, und er muss auf seine Frau und seine Kinder Rücksicht nehmen. Vielleicht hat er etwas zu verlieren.“

Ja, einen Store und seine Kunden. Beides könnte Lynn ihm nehmen, zuerst die Kunden, dann das Geschäft. Doch was bedeutet das für George? Er ist ein Patrik und hat an seinen ermordeten Bruder zu denken. Aber er regt und rührt sich nicht und legt – wie die anderen Städter – die Hände in den Schoß. Er sah zu, wie die Siedler vertrieben wurden und wie Lynn sich freien Zugang zu den Wasserstellen verschaffte. Warum, so frage ich dich, hat Lynn das getan?“

Ich kenne das Land nicht gut genug, um das beurteilen zu können.“

Nun, Lynn hat ständig eine oder zwei Reitergruppen unterwegs. Manchmal treiben sie besonders ausgewählte Zuchtrinder über die Durststrecke. Niemand gelang es bisher, so nahe heranzukommen, um festzustellen, welche Brandzeichen die Tiere trugen. Allerdings kann man es sich auch so denken. Lynn ist dabei, sich eine riesige Rinderranch zu schaffen.“

Und das geschieht alles im Auftrag eines Mannes, der sich Dan Little nennt?“

Nein, du kennst Dan Little nicht. Als er noch jung war und die Ranch selbst leitete, war alles in Ordnung. Rinderleute und Siedler konnten gut Zusammenleben. Es gab kaum Streitigkeiten, und der Friede war nie gefährdet. Das ist längst vorbei. Es ist wohl so, dass der ehrliche Name eines Mannes einem Schuft dazu dient, seine schmutzigen Geschäfte zu tarnen. Ausgesuchte Zuchtrinder werden von wer weiß woher geholt. Niemand ahnt, dass hier eine so große Weide ist. Man meint weiter außerhalb, das Land sei hier so karg, dass kaum Schafe etwas zu fressen haben. Begreifst du nun, warum wir nicht hier weg wollen? Wir sind mit unserer Scholle verwurzelt.“

Dann ist es tatsächlich Zeit, dass Lynn geschlagen wird.“

Sie nickte bestätigend.

Das wollen wir auch.“

Viel Glück, Madam!“

Ich verstehe deinen Spott“, entgegnete sie ernst. „Wir haben ihn verdient. Man hat dich schlecht behandelt, und wir können nicht verlangen, dass du uns Sympathien entgegenbringst.“

Wie könnte ich das, Madam?“

Die Frau hob die Schultern.

Du hast recht“, sagte sie leise. „Manche Fehler sind nicht mehr zu korrigieren. Dabei könnten wir einen Mann wie dich auf unserer Seite so gut gegen Lynn gebrauchen.“

Wie wollen Sie das beurteilen können, Madam? Sie irren sich bestimmt in mir!“, wehrte Joe ab.

Sie sah ihn lange mit großen, wissenden Augen an und schüttelte dann den Kopf.

Ich irre mich nicht!“, erklärte sie. „Ich habe meine Erfahrungen gesammelt und kann einen Menschen einschätzen. Ich werde unseren Männern hier einiges sagen, was ihnen bestimmt nicht gefallen wird.“

Machen Sie sich meinetwegen nicht unbeliebt, Madam Patrik.“

Sie lächelte ihm zu. In ihre Augen kamen helle Lichter.

Ich war nie beliebt“, äußerte sie dann leichthin. „Viele Menschen vertragen die Wahrheit nicht. Ohne dass du es weißt, hast du dir hier im Lager ein paar Freunde geschaffen. Aber es ist wohl zu spät. Freunde aus diesem Lager, das ist sicherlich etwas, worauf du gern verzichtest.“

Joes Gesicht war so zerschlagen, dass er nicht einmal ohne Schmerzen lächeln konnte.

Niemand kann es sich erlauben, Freunde abzuweisen“, erwiderte er. „Ich bin hier fremd und kann es schon gar nicht. Aber sprechen wir von Ihren Sorgen, Madam. Warum kommt es zu keiner Verständigung zwischen den Siedlern und den Städtern?“

Weil Lynn das zu verhindern weiß. Seine Leute in der Stadt passen gut auf. Ein Fremder könnte als Verbindungsmann wertvoll sein. Jeder Siedler muss um sein Leben fürchten. Lynns Raureiter machen kurzen Prozess. Warum fragst du danach?“

Mich interessiert so manches“, antwortete Joe. „Eines ist gewiss: Mich kennt weder Lynn noch einer seiner Leute.“



3.


Emanuel Skip, das Halbblut, wurde nicht wieder eingefangen. Die Erde schien ihn verschlungen zu haben. So sehr man auch suchte, er hatte es verstanden, sich ungesehen abzusetzen. Man dehnte die Suche weit über das Lager hinaus aus und durchforschte jeden Winkel. Dabei tat man alles, um mögliche Fluchtwege abzuschneiden. Einen Erfolg konnte man jedoch nicht erzielen.

Joe Erin hörte davon erst Tage später durch Ann Patrik. Die alte Frau versorgte ihn nicht nur mit Nahrung, sondern auch mit wichtigen Informationen. Von Tag zu Tag erholte Joe sich besser. Es wunderte ihn, dass man ihn weder fesselte noch eine Wache vor die Tür stellte. Als er aufstehen konnte, hinderte ihn niemand daran, die Hütte zu verlassen. Er wankte nach draußen in die Sonne und blieb – von der Helligkeit geblendet – einen Augenblick stehen. Auf einem Stein in der Nähe der Hütte ließ er sich dann nieder. Von hier aus konnte er einen Teil des Lagers auf der Hochebene übersehen. Es war leicht für ihn, herauszufinden, dass diese Zufluchtsstätte der Siedler den Indianern einst ebenfalls als Zufluchtsort gedient hatte.

Du machst Fortschritte“, hörte Joe plötzlich die Stimme von Ann Patrik hinter sich. Ohne ein Geräusch zu verursachen, war die alte Frau herangekommen. „Bald wirst du wieder reiten können.“

Ann Patrik hatte einen Armeerevolver in der Hand. Joe erkannte ihn sofort als seinen eigenen. Mit der Waffe brachte ihm die Frau ein Bündel, das alles enthielt, was man ihm abgenommen hatte. Sie legte die Sachen vor ihm nieder und schaute ihn dann aufmerksam an.

Du bist frei. Deinen Apfelschimmel findest du in einem der Corrals dort. Du kannst jederzeit davonreiten, wenn du Lust dazu verspürst.“

Zur Stadt, Madam?“

Ja, zur Stadt“, sagte sie aufatmend. Die Tränen traten ihr in die Augen. Sie war bewegt und streckte Joe die Hände hin. Mit heiserer Stimme sagte sie: „Gott segne dich, Joe!“

Joe Erin blickte sie fest an. Er fand ihre Worte nicht lächerlich, nein, er war sehr ernst.

Ich werde mit Ihrem Sohn George sprechen. Erhoffen Sie sich aber nicht allzu viel davon.“

Nimm dich vor dem Halbblut in Acht! Der einzige, der dich an Lynn verraten könnte, ist der Schwarze Puma . Er hat dich hier gesehen.“

Sie mögen ihn nicht, Madam?“

Was weiß ich über einen Menschen, der so ist wie er? Ich bekomme in seiner Nähe immer ein Frösteln. Das Halbblut hat bisher nur Unheil gestiftet.“

Emanuel Skip bestimmt nicht allein, Madam.“

Da hast du recht“, erwiderte sie. „Was wissen wir wirklich über einen anderen Menschen? Bisher gelang es mir, meinen Willen und meine Meinung durchzusetzen. Mein Widersacher ist Fletcher. Dieser Mann mag dich nicht, Joe. Er tat alles, um die Leute hier gegen dich aufzubringen. Die wenigsten aber stehen hinter ihm, die meisten schämen sich ihrer voreiligen Tat. Sie machen Fletcher dafür verantwortlich. Der Mann ist jähzornig und unduldsam und zu allem entschlossen. Das macht ihn nicht gerade sympathisch. Wenn er nicht ein so harter Bursche wäre, hätte man ihn längst aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Es ist sonderbar, dass er immer dann abwesend war, wenn Lynns Bande zuschlug.“

Joe sah die alte Frau scharf an.

Es wäre besser, wenn du mir alles sagen würdest, Joe“, murmelte sie leise.

Sie glauben, dass mein Erscheinen hier kein Zufall war?“

Nein, alle anderen mögen es glauben, ich nicht“, kam es herb über ihre Lippen. „Leider kann ich nur vermuten und Fletcher nicht direkt belasten. Ich habe keinerlei Beweise gegen ihn, und solange das der Fall ist, ist er nicht als Verräter zu entlarven. Er hat zu viele Freunde hier. Der mächtigste von ihnen ist Jim Bobson, der auch gegen dich steht, Joe. Wahrscheinlich ist das nur der Fall, weil Karlin McGreen sich für dich eingesetzt hat und dich gut leiden mag. Bobson ist eifersüchtig.“

Sicherlich ohne Grund, Madam. Wie ich hörte, sind Karlin McGreen und Jim Bobson so gut wie verlobt und werden heiraten, sobald sich die Lage ein wenig normalisiert hat.“

Das kann noch lange dauern, und dabei können die beiden alt und grau werden. Ich mache mir nichts vor, Joe, das Mädchen hat sich in dich vergafft. Das hat auch Bobson herausgefunden, und er gibt dir allein die Schuld. Wenn dich außer Fletcher also einer zum Teufel wünscht, dann ist es Jim Bobson.“

Die alte Frau lächelte Joe zu. Bevor er etwas antworten konnte, rief man nach Ann Patrik.

Joe Erin betrachtete das Tafelland, das den Siedlern als Unterschlupf diente. Es schien nur wenige Zugänge zu geben. Joe würde sich das Versteck genau ansehen. Er musste nur noch warten, bis er kräftiger war. Das würde sicherlich noch ein paar Tage dauern.

Seltsam für Joe war, dass er keinen Hass gegen die Siedler hatte – nicht einmal gegen Fletcher.

Joe erhob sich und ging um die Hütte herum, die ihm als Aufenthaltsort diente. Er stellte fest, dass sie am Ende des Tafellandes lag und an einer Felsgruppe lehnte. Der Blick in die Tiefe zeigte glatte, schwindelerregende Hänge. Kein Mensch würde sie ohne besondere Ausrüstung erklettern können.

Langsam bewegte sich Joe weiter. Er ging an Posten vorbei, die ihn scheu von der Seite her anblickten. Wenig später begegnete er Jim Bobson, der mit den drei Brüdern Dick, Ron und Slim Hunnings von einem Streifritt in die Umgebung zurückkam. Die Hunnings’ beachteten ihn nicht. Sie schienen Bobson verpflichtet zu sein und keine eigene Meinung zu haben. Anders verhielten sich die Trance Brüder, die Männer, die Karlin McGreen an jenem Abend begleitet hatten. Als Joe mit ihnen sprechen wollte, entschuldigten sich beide damit, dass sie keine Zeit hätten, und machten, dass sie aus seinem Gesichtsfeld kamen. Diese beiden waren es gewesen, die Joe in der Siedlung auf so unsanfte Weise gefangengenommen hatten.

Von Karlin McGreen selbst war nichts zu sehen, so sehr Joe auch nach ihr Ausschau hielt. Bei den Corrals konnte Joe seinen Apfelschimmel entdecken und ihn mit einem Pfiff heranlocken. Das Tier blies ihm den warmen Atem ins Gesicht und schnaubte freudig.

Als Joe sich später von seinem Pferd trennte und seinen Erkundungsgang fortsetzte, sah er am anderen Ende des Tafellandes, wo sich ein Weg in die Tiefe öffnete, einen Wagen davonfahren. Der Mann auf dem Bock war Dan Fletcher. Über die Wagenladung waren Planen gebreitet, sodass nicht zu erkennen war, was Fletcher transportierte. Gab es etwas, was er vor den Augen seiner Freunde verbergen musste? Diese Frage drängte sich Joe unwillkürlich auf. Sie beschäftigte ihn so sehr, dass er keinen Blick von dem davonfahrenden Gefährt ließ, das jeden Augenblick zu entschwinden drohte.

In diesem Moment kroch etwas unter den Planen hervor. Joe erkannte das bronzefarbene Gesicht eines schwarzhaarigen Mannes.

Der Schwarze Puma !“, keuchte Joe.

Jetzt begriff er, warum man Emanuel Skip nicht hatte fangen können. Bei Fletcher hatte er sich versteckt gehalten und gewartet, bis alles ruhig wurde. Kein Wunder, dass das Halbblut wie vom Erdboden verschwunden gewesen war. Der Verräter Fletcher hatte ihn bei sich auf genommen und fuhr ihn jetzt aus dem Lager heraus. Er ahnte wohl nicht, dass der Luftmangel seinen Fahrgast zwang, den Kopf für einen Moment aus den Planen herauszustecken.

Eines wusste Joe: Ein Mann, der so etwas tat, musste Nerven wie Drahtseile haben. Fletcher durfte auf keinen Fall unterschätzt werden.

Joe hatte plötzlich das Gefühl, dass ihn jemand von hinten anblickte. Er wandte den Kopf und sah Dick Hunnings, einen der Männer, die auf Fletchers und Bobsons Seite standen. Der Blick des bleichgesichtigen Burschen schien durch Joe hindurchzugehen.

Dick Hunnings drehte sich um und ging schwerfällig weiter. So schnell Joe es vermochte, lief er zurück. Als er seine Hütte erreichte, lag sein alter Armeerevolver, den Ann Patrik ihm wiedergebracht hatte, noch genau dort, wo sie auch seine anderen Habseligkeiten hingelegt hatte.

Joe legte den Gurt um. Er schnallte die Waffe so tief, dass die dunkel drohende Mündung aus dem offenen Halfter herausragte und durch kein Leder verdeckt war. Er war so in Gedanken, dass er aufschreckte, als er Ann Patriks Stimme hörte.

Was soll das, Joe? Du hast noch ein paar Tage Zeit. Übertreibe es nicht! Du kannst nicht schon heute oder morgen fort. Kuriere dich erst ganz aus.“

Wohin fährt Fletcher?“, fragte Joe die Frau.

Wir brauchen wieder einmal Proviant, und den kann nur Fletcher besorgen. Alle anderen bekommen nicht ein Gramm Mehl in Corkville. Du siehst, wie die Storebesitzer die Anordnungen von Jack Lynn respektieren. Sie lassen uns lieber verhungern, ehe sie etwas an uns verkaufen.“

Auch Ihr Sohn George, Madam?“

Das ist es ja gerade, was mich krank und elend macht. Er verkauft jedoch an Fletcher, und damit wagt er also doch etwas. Aber was hast du gegen Fletcher? Für dich gilt nicht, was ich über ihn sagte. Das ist nur meine eigene Meinung.“

Als ich sie hörte, wusste ich noch nicht, dass ich sie bald teilen würde“, erwiderte Joe ruhig. „Wie verhält sich Dick Hunnings?“ „Du stellst heute seltsame Fragen, Joe. Was ist los?“, fragte sie.

Er hat sich also in den letzten Tagen nicht geändert, Madam?“

Nicht dass ich wüsste, Joe. Du weichst mir aus. Warum tust du das?“

Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, aber eines ist sicher: Wenn Fletcher zurückkommt, werde ich entweder nicht mehr hier sein oder ich werde scharf aufpassen müssen, dass mir nicht jemand eine Kugel aufbrennt.“ „Das klingt ganz so, als hättest du herausgefunden, dass ein Mordanschlag auf dich verübt werden sollte – und das sogar hier im Lager. Gehst du da mit diesem Verdacht nicht doch ein wenig zu weit? Der heutige Tag hat dich überfordert, fürs erste war es gleich zu viel. Fletcher mag ein Bösewicht sein, aber so schlimm ist er doch nicht, dass er einen Menschen, der sich kaum auf den Beinen halten kann und dem man großes Unrecht zugefügt hat, töten wird.“

Die alte Frau verstummte, denn Joe zog seine Waffe und untersuchte sie.

Glaubst du im Ernst, dass Dan Fletcher so etwas tun könnte?“, fragte sie nach einer Pause.

Solange ich mich nicht vom Gegenteil überzeugen konnte, lautet meine Antwort: ja!“, stellte Joe fest, ohne in seiner Arbeit innezuhalten. „Hat sich schon einmal jemand von euch die Frage gestellt, warum gerade Fletcher in der Stadt einkaufen kann und alle anderen nicht? Hat schon jemand darüber nachgedacht, dass er euch alle in der Hand hat? Wenn er es will, muss doch das Camp aufgegeben werden, oder? – Ich denke, dass er heute ohne Proviant zurückkommt!“

Ohne Proviant?“, fragte die Frau verstört. „Woher willst du das wissen?“

Joe antwortete nicht, er sagte der Frau nicht, dass Fletcher durch Lynn dazu gezwungen werden konnte, dass dieser Fletcher Lynns Verbindungsmann Emanuel Skip aus dem Lager herausgeschafft hatte. Für Joe stand fest, dass sich in den nächsten Stunden viel ereignen würde.

Wann erwartet man Fletcher zurück?“, wollte er wissen.

Morgen Nacht“, gab sie, ohne zu zögern, Auskunft. „Du wirst sehen, dass er mit Proviant kommt, und du wirst feststellen, dass sich deine Befürchtungen nicht erfüllen. Wir Siedler müssen fest zusammenstehen, nur so kann es uns gelingen, Lynn und seine Bande eines Tages mit Hilfe der Städter zu besiegen.“

Joe hatte lange genug über dieses Problem nachdenken können. Er war zu der Überzeugung gekommen, dass Lynn ständig ausgezeichnete Informationen über seine Gegner bekam. Deshalb war es ihm möglich, stets rechtzeitig etwas zu unternehmen. In den Reihen der Siedler und der Städter waren Leute, die für Lynn arbeiteten. Wer immer dieser Lynn auch war, er begann für Joe von Tag zu Tag interessanter zu werden. Er hatte begriffen, dass derjenige, der gegen Lynn angehen wollte, gegen den Teufel selbst kämpfen und mitten durch die Hölle gehen musste.

By Gosh, Onkel Little würde sich noch einige Zeit gedulden müssen, bis wieder Geldsendungen von der Ranch eintrafen.

Joe Erin biss die Zähne zusammen. Es sah danach aus, dass für ihn die Hölle bereits begonnen hatte, als er in dieses Land ritt. Er hatte die Drei-Gürtel-Ranch bis jetzt nur von Ferne gesehen. Was würde erst geschehen, wenn herauskam, dass er gerade wegen dieser Ranch gekommen war?



4.


Joe Erin setzte am anderen Tag seinen Erkundungsgang im Lager fort. Er konnte sich jetzt schon leichter und freier bewegen. Die Schmerzen waren fast abgeklungen, und die alten Kräfte kehrten zurück. Joe betrachtete sich in einer kleinen Spiegelscherbe und stellte fest, dass die Schwellungen in seinem Gesicht fast verschwunden waren.

Joe trug seinen Revolver so tief geschnallt, dass alle ihn mit fragenden Blicken bedachten. Joe tat, als bemerke er diese Blicke nicht. Vor allem der bleichgesichtige Dick Hunnings schien von der Art, wie Joe seine Waffe trug, beeindruckt zu sein.

Wenn du wirklich so mit deiner Kanone umgehen kannst, wie du uns weismachen willst, dann ist die Art, wie du das Ding umgeschnallt hast, eine glatte Herausforderung. Ist das klar?“, fragte Dick Hunnings, als er Joe Erin im Morgengrauen bei der Hütte begegnete.

Hunnings, ich habe mir die Männer im Camp angesehen. Ich glaube nicht, dass es unter ihnen einen gibt, der das als Herausforderung betrachten und sich mir deshalb in den Weg stellen würde. Alle Leute hier haben eine Menge Sorgen. Sie haben so viel mit sich selbst zu tun, dass ihnen wohl kaum der Sinn danach steht, sich als Revolverhelden aufzuspielen. Hast du vielleicht die Absicht?“

Dick Hunnings wurde noch bleicher, als er es ohnehin schon war. Einen Moment lang sah es so aus, als würde er sich vom Jähzorn hinreißen lassen und eine Dummheit begehen. Die Finger seiner rechten Hand zuckten, krümmten sich und wurden zu einer Klaue, die bereit schien, herabzustoßen und den Coltkolben zu schnappen. Doch die Hand schloss sich nur zur Faust. Leise kam es über Dick Hunnings’ Lippen:

Du hättest nicht hierherkommen dürfen, Joe Erin. Du hast uns noch nicht gesagt, was du hier suchst. Du hast uns keine Auskunft darüber gegeben, ob du noch immer für die Texas-Ranger reitest.“

Mein Privatleben geht niemanden etwas an“, erwiderte Joe, der lässig dastand. „Es wäre besser, wenn du das respektieren würdest, Dick Hunnings. Fragen nach meinem Privatleben beantworte ich gewöhnlich mit dem Schießeisen.“

Soll das eine Warnung sein?“

Fass es ruhig so auf, Hunnings!“, entgegnete Joe kalt. „Damit du dir weiteres Nachdenken ersparst, ich trage meinen Revolver nicht aus Spaß so tief. Wenn du es herausfinden willst, nun gut, wir haben die richtige Distanz, neun Schritte Abstand. Du kannst es auf der Stelle ausprobieren!“

Joe sah, wie der Gegner zusammenzuckte. Seine Lippen bewegten sich, und sein Blick ging an Joe vorbei. Die Nasenflügel vibrierten wie bei einem Tier, das eine besonders gefährliche Witterung aufgenommen hat.

Plötzlich wandte Dick Hunnings sich ab und eilte schnell davon.

Joe ging noch eine Weile durch das Camp, ehe er sich auf den Rückweg machte. Als er seine Hütte betrat, um zu frühstücken, sah er, dass er bereits erwartet wurde.

Sie, Madam?“, fragte er erstaunt. Die Besucherin war Karlin McGreen.

Mit mir haben Sie wohl nicht gerechnet?“ „Offen gestanden, nicht, Madam“, gab er zu. „Vertreten Sie heute Madam Patrik? Sie haben mir das Frühstück gebracht.“

Ich kam, um mich im Namen aller dafür zu bedanken, dass Sie trotz des Bösen, das ihnen durch uns widerfahren ist, zu uns stehen wollen. Ich konnte es erst gar nicht glauben, dass Sie unser Verbindungsmann zur Stadt werden wollen. Bleibt es dabei?“

Ich pflege mein Wort nicht zu brechen“, antwortete Joe ruhig. „Es bleibt dabei. Ob mir aber alle dankbar dafür sein werden, steht auf einem anderen Blatt. Dankbarkeit soll man nie erwarten, das ist nämlich etwas, was nur die wenigsten Menschen kennen. Ich erwarte sie nicht.“

Sie sprechen sehr bitter, Joe Erin“, erwiderte sie und sah ihn mit ihren dunklen Augen fest an. „Ich kann Ihnen versichern, dass die Siedler den Mann schätzen, der sich für ihre Sache einsetzt.“

Vor allem, wenn es ein ehemaliger Ranger ist!“, sagte er mit bitterer Ironie. „Es ist wohl inzwischen weit über Texas hinaus bekannt geworden, welche Erfolge die Ranger hatten. Aber man soll von mir nicht zu viel erwarten, Madam. Ein Mann kann nicht allein gegen eine Welt von Feinden antreten.“

Das verlangt niemand von Ihnen“, murmelte sie betroffen. „Es war Ihr eigener Entschluss, uns zu helfen. Ich frage mich, ob Sie tatsächlich aus Nächstenliebe handeln oder ob Sie nicht doch irgendwie in dieses Spiel verwickelt sind. Wer sind Sie wirklich, Joe Erin? Was wollen Sie in diesem Land?“

Das Mädchen stellte die gleiche Frage, die auch Dick Hunnings gestellt hatte. Diese Frage interessierte wohl alle Siedler brennend, aber Joe musste sie unbeantwortet lassen.

Joe schwieg. Es hatte keinen Sinn zu verraten, wer er war und was er hier im Lande wollte. Nach allem, was er gesehen hatte, nachdem er wusste, dass es im Lager Verräter gab, konnte er sich nicht offenbaren. Er musste seinen Auftrag noch für sich behalten.

Jim Bobson hatte recht, als er mir sagte, dass Sie undurchschaubar sind“, fuhr sie mit erregter Stimme fort. „Sie haben eine Fürsprecherin, das ist Ann Patrik. Ich begreife immer weniger, was sie so sympathisch an Ihnen findet.“

Joes leises Lachen ließ sie verstummen. Sie sprang auf, und ihre Augen flammten ihn an. Aus einem inneren Impuls heraus lief sie vorwärts und trommelte mit ihren Fäusten gegen seine Brust, als wollte sie sein Lachen zerschlagen.

Joe Erin regte und rührte sich nicht. Er glich einem Betonklotz. Unvermittelt nahm er beide Arme hoch, schlang sie um Karlin McGreen und presste sie so an sich, dass sie hilflos in seinen Armen lag. Ein Schluchzen stieg in ihr auf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie versuchte nicht, sich loszureißen, als sein Kopf sich herunterbeugte und seine Lippen ihre Wange berührten.

Einen Augenblick später ließ Joe das Mädchen los. In diesem Moment sagte eine erregte Stimme:

Karlin, was hat er dir angetan?“

Bobsons Worte ließen die beiden mitten im Raum stehenden Menschen zur Tür herumfahren. Sie hatten ihn nicht kommen gehört.

Jim Bobson stand dich neben der Tür. Sein rotblondes, dichtes Haar quoll unter der Stetsonkrempe hervor. Das Gesicht des Mannes war gerötet. Jim Bobson schien kurz vor der Explosion zu stehen. Seine Waffe war auf Joe gerichtet.

Schäm dich, Jim!“, sagte Karlin vorwurfsvoll. Sie löste sich von Joe und trat zwischen die beiden Männer. „Wie kannst du es wagen, mich derart zu überwachen?“ Sie trat zu Jim Bobson und schob die Waffe zur Seite. „Das sind keine Manieren, die du da an den Tag legst, Jim! Ich hasse dieses Spionieren, und das weißt du. Ich kann nur Achtung vor jemandem haben, der mein Vertrauen nicht enttäuscht.“

Jim Bobson atmete schwer. Die Vorwürfe, die ihm das Mädchen in Gegenwart eines anderen Mannes machte, trafen ihn schwer. Wortlos wandte er sich ab und verließ den Raum. Karlin hielt ihn weder mit einem Wort noch durch eine Geste zurück.

Das verzeiht er Ihnen nie, Madam!“, sagte Joe ruhig. „Er ist wie ein großes Kind und erwartet, dass Sie hinter ihm herlaufen und ihn bitten, nicht weiter zu grollen.“

Woher nehmen Sie das Recht, so etwas zu sagen?“, fragte sie wütend.

Woher, Madam? Man braucht Jim Bobson nur anzusehen. Er ist ein großer Junge, obwohl er wie ein Mann aussieht. Er sieht gut aus, und wohin er kommt, da schauen die Mädchen ihm bewundernd nach. Das braucht er. Ohne diese Bewunderung kann er nicht auskommen. Sie selbst wissen das auch, Madam, aber es störte Sie nicht. Nachsichtig übergingen Sie bisher seine Fehler. Sie sollten das lieber nicht tun, denn wenn er eines Tages Ihr Mann ist, werden Sie nicht mehr so darüber hinwegsehen, sondern Sie werden ihn verachten. Das wird schlimm für Jim Bobson sein, noch schlimmer aber für Sie selbst.“

Karlin McGreen unterbrach Joe nicht. Sie sah ihn nur an. Sie konnte nichts tun, nicht einmal erneut mit hämmernden Fäusten gegen ihn anstürmen. Als seine Lippen ihre Wangen berührt hatten, war es ihr, als zöge diese Berührung einen Vorhang in ihr fort und zeigte ihr eine völlig neue, nie gekannte Welt.

Je länger Joe zu ihr gesprochen hatte, desto deutlicher war es ihr geworden, dass er die Wahrheit sagte und dass Jim tatsächlich so war, wie er ihn beschrieb. Jim war äußerlich ein prächtiger Bursche, in Wirklichkeit aber war er ein großer Junge, der nie erwachsen sein würde. Er würde nie der Beschützer sein, nach dem jede Frau sich sehnte. Sie war so betroffen, dass sie keine Partei für den Mann nehmen konnte, dessen Frau sie werden wollte.

Vielleicht geschieht es mir recht, wenn es eines Tages so kommt“, murmelte sie. Dann wandte sie sich um und verließ den Raum. Ihre Schritte verhallten.

Joe folgte ihr nicht, doch die dunklen Schatten in seinen Augen verrieten, wie es um ihn stand. Er war so aufgewühlt, dass er an nichts anderes als an Karlin McGreen denken konnte.

Sie liebt dich, Joe“, murmelte er. „Das Unrecht, das sie dir antat, bedrängt sie mehr als die Tatsache, dass Jim Bobson sah, wie wir uns umarmten.“

In Gedanken versunken hockte Joe lange in der Hütte. Erst am späten Nachmittag ließ er sich wieder draußen sehen. Im Camp schien alles unverändert zu sein. Ein Reitertrupp kam von der Jagd zurück und brachte Wild mit. Wieder machte Joe seine Runden. Er schaute sich die Wege an, die in die Tiefe führten. Von seinem Platz aus konnte er den Bach und den Wasserfall deutlich erkennen, also die Stelle, an der man ihn ins Lager gebracht hatte.

Details

Seiten
180
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909371
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364674
Schlagworte
ranch

Autor

Zurück

Titel: Die unheimliche Ranch