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Der Tyrann von Nebraska

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Unerbittlich strebt der Großrancher Ben Kellogg danach, sein Rinderimperium zu vergrößern. Nur die Hepburn-Ranch leistet dem Weidehai noch Widerstand. Als Kelloggs Männer einen Cowboy dieser Ranch hängen wollen, erscheint plötzlich der Satteltramp Dean Carradine und verhindert im letzten Moment den Lynchmord.
Zum Dank für seine Rettung erhält Dean Unterkunft auf der Hepburn-Ranch. Zu seinem großen Erstaunen stellt er fest, dass der Boss dieser Ranch eine Frau ist. Die attraktive Mary Hepburn benötigt dringend einen neuen Cowboy, und so steigt Dean für sie in den Sattel - ein brandgefährlicher Job, denn der Weidekrieg gegen Ben Kellogg steuert auf seinen blutigen Höhepunkt zu…

Leseprobe

DER TYRANN VON NEBRASKA


von Timothy Kid



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Unerbittlich strebt der Großrancher Ben Kellogg danach, sein Rinderimperium zu vergrößern. Nur die Hepburn-Ranch leistet dem Weidehai noch Widerstand. Als Kelloggs Männer einen Cowboy dieser Ranch hängen wollen, erscheint plötzlich der Satteltramp Dean Carradine und verhindert im letzten Moment den Lynchmord.

Zum Dank für seine Rettung erhält Dean Unterkunft auf der Hepburn-Ranch. Zu seinem großen Erstaunen stellt er fest, dass der Boss dieser Ranch eine Frau ist. Die attraktive Mary Hepburn benötigt dringend einen neuen Cowboy, und so steigt Dean für sie in den Sattel - ein brandgefährlicher Job, denn der Weidekrieg gegen Ben Kellogg steuert auf seinen blutigen Höhepunkt zu…





Roman:

Larry Clayton starrte mit schreckgeweiteten Augen auf die Galgenschlinge, die vor ihm aus dem ihm Geäst der alten Hickory-Eiche baumelte. Schweiß sickerte aus Larrys blondem Haar und zog feuchte Bahnen über sein jungenhaftes Gesicht, aber er konnte sich den Schweiß nicht aus der Stirn wischen. Seine Hände waren auf den Rücken gefesselt, während er steif wie eine Statue im Sattel saß und auf den schrecklichen Moment wartete, da man ihm die Schlinge über den Kopf streifen würde.

Larrys selbst ernannte Richter und Henker – der Vormann sowie zwei Cowboys der mächtigen Kellogg-Ranch – hatten das Todesurteil über ihn gesprochen, und sie würden dieses Urteil hier und jetzt vollstrecken. Larry wusste, dass er die Wiesen und Gebirgswälder Nebraskas, die sich vor ihm bis zum Horizont erstreckten, heute zum letzten Mal sah.

Die Wiesen und Gebirgswälder Nebraskas – sie waren Larrys Heimat, so lange er zurückdenken konnte. Fünfundzwanzig Jahre zählte er jetzt, und seit sieben Jahren verdiente er sich seine Dollars unter dem freien Himmel des mittleren Westens.

Larry war Cowboy – eine anstrengende und nicht immer ungefährliche Arbeit, aber sie konnte einen Mann ernähren. Außerdem gab sie ihm das gute Gefühl, mit eigenen Händen einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Landes zu leisten.

Das Bränden der Kälber im Frühjahr, die Wacht auf der Weide im Sommer, die herbstlichen Round-ups, bei denen die Herden zusammengetrieben wurden, um die zum Verkauf geeigneten Tiere auszumustern – all das gehörte zu Larrys Leben. Abwechslung boten nur die Besuche in diversen Vergnügungsetablissements, wo er nach Meilen auf dem staubigen Rindertrail sein mühsam verdientes Geld innerhalb weniger Stunden für Whisky, Bier und Frauen wieder ausgab. Das Jahr verging mit den stillen Wintermonaten, in denen hauptsächlich Reparaturarbeiten ausgeführt wurden, und das nächste begann ebenso.

Während all das rasend schnell vor seinem geistigen Auge vorüberzog, begriff Larry, dass er diesen Kreislauf nie mehr erleben würden. Noch diesen Sommer würden sich Bussarde und Kojoten über seinen Leichnam hermachen, und wenn sich im Herbst die Blätter der Eiche verfärbten, würde nur noch ein verdorrter, entstellter Körper in einer Galgenschlinge an ihn erinnern. Wenn schließlich eisige Winterstürme über das Land fegten, würden seine bleichen Knochen schaurig im Wind klappern, nur noch spärlich bedeckt von den vermoderten Überresten seiner Kleidung.

Vom sicheren Tod trennten Larry nur wenige Handgriffe: das Zeichen des Vormannes, der einige Schritte vor Larry verhielt; der Griff nach der Schlinge, um sie Larry um den Hals zu legen, ausgeführt von dem bärtigen Kerl, der links von ihm im Sattel saß - und schließlich das Niedersausen der Hand auf die Kruppe seines Falben, vollzogen von dem hageren, hohlwangigen Cowboy zu seiner Rechten, wo auch die übrigen Pferde der Männer standen. Im nächsten Moment würde sein Falbe loslaufen, würde Larrys Körper plötzlich nach unten sacken, bis die Galgenschlinge seinen Fall jäh stoppte. Ein kurzer Schmerz, ein letztes Zucken der Gliedmaßen – dann würde alles vorbei sein...

Larry war beileibe kein Feigling. Er hatte an mehr als einer Saloonschlägerei teilgenommen, dabei manches einstecken müssen, aber auch kräftig ausgeteilt. Bei einigen Stampeden war er nur um Haaresbreite den Hufen und Hörnern einer wild dahinrasenden und brüllenden Rinderherde entgangen, und im Kampf gegen Viehdiebe hatte er schon des Öfteren zum Colt gegriffen. Selbst Wölfe und Pumas hatte er schon von der Weide vertrieben, wenn diese ein Rind reißen wollten.

Bei all diesen Situationen jedoch – so gefährlich sie auch gewesen sein mochten – hatte er es mit Gegnern zu tun gehabt, gegen die er sich wehren konnte. Der Ausgang der Konfrontation war stets offen gewesen. Was ihm jetzt bevorstand, war hingegen etwas völlig anderes. Larry war vollkommen hilflos und besaß nicht den Hauch einer Chance. Ihm blieb nur das qualvolle Warten auf jene Sekunden, in denen die Männer ihren Entschluss, sein Leben zu beenden, in die Tat umsetzen würden.

Das Schlimmste daran war, dass Larry völlig unschuldig war. Er hatte kein Verbrechen begangen, das mit dem Tod bestraft werden musste, und kein Richter hatte ein Urteil über ihn gefällt. Aber das Gesetz zählte in dieser Gegend Nebraskas sowieso nichts. Auf Ben Kelloggs Weide galt nur ein Gesetz: der Wille des mächtigen Großranchers, durchgesetzt von seiner Mannschaft, die mit Lasso und Brandeisen ebenso gut umzugehen verstand wie mit Revolver und Gewehr.

Die Galgenschlinge wurde für Larry zur übermächtigen Wahrnehmung. Ihr bloßer Anblick genügte, um ihm jetzt schon die Kehle zuzuschnüren, während ihm der Schweiß aus allen Poren drang. Er glaubte zu spüren, wie eine eiskalte Faust nach seinem Herzen griff, und Todesangst kroch wie ein schleichendes Gift durch seinen Körper. Wäre er jetzt nicht auf seinem Pferd gesessen, hätten ihm die Beine längst den Dienst versagt, so schwach fühlte er sich in den letzten Minuten seines jungen Lebens. Wie es wohl da drüben aussah, in jener anderen Welt? Waren dort die Weiden wirklich immer grün, wie es in den alten Cowboyliedern hieß, die Larry selbst schon an nächtlichen Lagerfeuern gesungen hatte? Bald würde er es erfahren.

„Hast du noch etwas zu sagen?“ Die schneidende Stimme von Greg Denton, dem Vormann der Kellogg-Ranch, riss Larry jäh aus seinen Gedanken.

Denton war ein drahtiger, dunkelhaariger Mann mit den stechenden Augen einer Schlange. In seinem hartlinigen, glatt rasierten Gesicht zeigte sich nicht die Spur einer Gefühlsregung, während er breitbeinig dastand, die Hände in die Hüften gestemmt, und zu Larry hochsah.

„Ja, das habe ich!“, stieß Larry keuchend über die Lippen. „Ich bin unschuldig, und das wisst ihr ganz genau. Ihr könnt mir nichts beweisen – und selbst wenn es so wäre, hättet ihr kein Recht, mich zu hängen. Was ihr vorhabt, ist nichts anderes als Lynchjustiz!“

„Wir sind hier in Nebraska, und hier gilt das Gesetz der Weide“, erwiderte Denton ungerührt. „Nach diesem Gesetz werden Viehdiebe an Ort und Stelle aufgeknüpft. Das war schon immer so, und daran wird sich auch nichts ändern – schon gar nicht auf dem Grund und Boden von Mister Kellogg! Warum hast du dich denn hier herumgetrieben, wenn du kein Vieh von den Weiden stehlen wolltest, kannst du mir das verraten? Die Geschichte mit dem entlaufenen Kalb, das du zurückholen wolltest, kaufe ich dir nicht ab. Nun jedenfalls wirst du für alle Zeiten hier bleiben. Deine Leiche wird eine Warnung an alle sein, es sich dreimal zu überlegen, bevor sie sich an Ben Kelloggs Eigentum vergreifen!“


„Der ehrenwerte Mister Kellogg!“ Larry sprach diese Worte voller Verachtung aus. „Er ist in Wahrheit der größte Verbrecher in diesem County! Keiner vergreift sich so schamlos an fremdem Eigentum wie er! Alle seine Nachbarn hat er schon vertrieben, um sich ihre Weidegründe unter den Nagel zu reißen, nur nachweisen konnte man ihm nichts! Jetzt wollt ihr euch die letzte Ranch vornehmen, die Kellogg noch Widerstand leistet, und nur deshalb muss ich sterben! Aber eines Tages wird auch Ben Kellogg an einen Stärkeren geraten, und dann wird ihm alles heimgezahlt werden, was er den Menschen in diesem Land schon angetan hat. Auch er wird der Gerechtigkeit nicht entgehen – und du, Denton, du wirst mit ihm für all eure Verbrechen büßen!“

„Nur schade, dass du das nicht mehr erleben wirst“, schnarrte der Vormann. „Los, Joe, leg ihm den Strick um den Hals!“

Denton unterstrich seine Aufforderung durch eine rasche Bewegung seines Kinns, im nächsten Moment griff der bärtige Kerl links von Larry nach der Schlinge. Er streifte sie ihm über den Kopf, zog den Knoten eng zusammen und lenkte sein Pferd dann etwas zur Seite.

Larrys Falbe stieß ein leises Schnauben aus und begann nervös umherzutänzeln. Sofort spannte sich der Strick, verstärkte sich der Druck auf Larrys Kehle, in der auf einmal alles Feuer der Hölle zu brennen schien. Das Seil scheuerte schmerzhaft auf der Haut seines Halses und des Nackens, während Larry die Beine fest an die Flanken des Pferdes presste, um es auf der Stelle zu halten. Es war ein verzweifeltes Aufbäumen gegen den Tod, ein letzter Versuch, das Unvermeidliche so lange wie möglich zu hinauszuzögern.

„Jetzt bist du an der Reihe, Frank!“, wies Denton den zum Henkersknecht gewordenen Cowboy an, der rechts von Larry stand, wo auch die restlichen Pferde verhielten.

„Mit Vergnügen, Boss“, kommentierte der Hagere die Aufforderung seines Vormannes. Dann hob er die Linke, um mit der flachen Hand auf die Kruppe des Falben zu schlagen. Larry konnte die Bewegung nur aus dem Augenwinkel heraus wahrnehmen, da ihn die Galgenschlinge daran hinderte, den Kopf zur Seite zu drehen.

Aus und vorbei!, fuhr es durch sein Gehirn. In wenigen Sekunden bin ich tot, und nichts kann mich noch retten!

Plötzlich erfüllte ein eigenartiges Surren die Luft. Das schneidende Geräusch drang noch an Larrys Ohren, als er abermals eine Schlinge sah – aber diesmal war es keine Galgenschlinge. Es war die Schlinge eines Lassos, die sich knapp zwanzig Schritte vor ihm aus der Buschgruppe am höchsten Punkt des flachen Hanges löste, der die Senke mit Eiche von allen Seiten umgab.

Die Lassoschlinge flog rasend schnell heran, stand für die Dauer eines Lidschlags wie erstarrt über dem Cowboy, der soeben die Hand zum alles entscheidenden Schlag hob, und senkte sich dann auf ihn herab. Ehe der Mann begriff, wie ihm geschah, wurden ihm beide Arme an den Körper gepresst. Im nächsten Augenblick ging ein Ruck durch das Seil, der den Cowboy von den Füßen riss und ihn rücklings zu Boden schleuderte, genau vor die beiden ledigen Pferde, die jetzt ein nervöses Wiehern ausstießen.

Der Kehle des Mannes entrang sich ein erschrockener Schrei, die Köpfe von Denton und dem zweiten Cowboy wirbelten zu dem Gestürzten herum. Ungläubiges Erstaunen zeichnete ihre Gesichter, dann flogen ihre Blicke zum oberen Rand des Hanges, wohin nun auch Larry sah.

Als wäre er aus dem Nichts entstanden, verhielt dort plötzlich ein Reiter neben der Buschgruppe. Seine Linke umklammerte das Lasso, aus der Faust seiner Rechten ragte der Lauf eines Revolvers

„Aus eurem Lynchmord wird nichts“, stellte der Fremde fest. In seiner Stimme schwang eiserne Entschlossenheit mit. „Nehmt dem Mann die Schlinge ab und befreit ihn von seinen Fesseln, oder euch fliegen ein paar Kugeln um die Ohren!“


* * * * *


Verborgen hinter dichtem Gesträuch, hatte Dean Carradine die Situation in der Senke mit einem Blick erfasst: Er sah die knorrige, an eine gespreizte Riesenhand erinnernde Eiche, aus der die Galgenschlinge baumelte, und darunter den gefesselten jungen Mann auf seinem Pferd, umgeben von drei weiteren Männern – seinen gnadenlosen Henkern. Der Schatten der Schlinge fiel genau auf das schweißglänzende Gesicht des blonden Burschen – der Schatten des Todes! Was hier unmittelbar bevorstand, war ein feiger Lynchmord! Das Bild, das sich Deans Augen bot, ließ ihm jäh den Atem stocken.

Es war purer Zufall gewesen, dass er ausgerechnet hier und jetzt über das Land geritten war und dabei die undeutlichen Stimmen vernommen hatte, die ihn auf die flache Anhöhe gelockt hatten. Nun hingegen schien es, als wäre es kein Zufall gewesen, sondern Schicksal, das Dean hierher geführt hatte, um das Leben des jungen Cowboys dort unten zu retten.

Dean hatte das Gespräch zwischen dem Burschen und jenem Mann, der von dem anderen „Denton“ genannt wurde, lange genug belauscht, um zu wissen, weshalb der Cowboy sterben sollte. Es war das alte Lied vom mächtigen Weidehai, der seinen Nachbarn den Krieg erklärt hatte, das hier erneut ein Opfer forderte. Aber der Grund für die geplante Hinrichtung spielte für Dean keine Rolle. Er würde den Lynchmord verhindern, denn diese drei Männer besaßen nicht das Recht, sich zu Herren über Leben und Tod aufzuschwingen.

Ursprünglich hatte Dean zur Winchester greifen wollen, um den Galgenstrick mit einer gezielten Kugel zu durchtrennen. Dann aber hatte er sich dafür entschieden, den Henkersknecht durch einen Lassowurf außer Gefecht zu setzen. Ob er den Strick aus der Entfernung wirklich treffen würde, war fraglich, und das Knallen des Fehlschusses hätte nur zu leicht das Pferd erschrecken können, auf dem der gefesselte Cowboy saß. Der sichere Umgang mit dem Lasso war Dean hingegen vertraut, denn als Cowboy hatte er nicht erst ein Rind mit der Wurfschlinge eingefangen.

Dean war Mitte zwanzig, seine schlanke Gestalt steckte in ausgewaschenen Jeans, einem von der Sonne gebleichten Leinenhemd und einer Cordjacke. Einzelne Strähnen seines braunen Haares fielen ihm unter seinem Stetson hervor in die Stirn, was ihm ein verwegenes Aussehen verlieh. In seinem sonnengebräunten Gesicht funkelten die blauen Augen wie Eiskristalle.

Das Funkeln in diesen Augen verstärkte sich noch, als er nun zum Lasso griff, es aufrollte und ein paar Mal über seinem Kopf schwang. Dann schleuderte er die Schlinge nach vorne, dass sie wie der Kopf einer zubeißenden Riesenschlange auf den Mann zuraste, der soeben die Hand zum Schlag hob. Der Hagere war kaum zu Boden gestürzt, als Dean das Wurfseil schon in die Linke wechselte und den Colt zog.

Die Henker in der Senke blickten zu ihm hoch wie auf ein stummes Kommando, ihre Gesichter glichen Masken des Erstaunens. Nur auf den Zügen des jungen Burschen unter dem Galgen machte sich plötzliche Erleichterung breit.


Der Kerl namens Denton überwand seine Überraschung als Erster wieder. Er ballte die Hände kurz zu Fäusten, atmete gepresst aus und fragte dann lauernd:


„Wer, zum Teufel, bist du, dass du es wagst, dich in unsere Angelegenheiten einzumischen?“

„Ein Mann, der nicht tatenlos zusieht, wie ihr hier einen Mord begehen wollt“, gab Dean zurück. „Und jetzt tut, was ich verlangt habe, oder mein rechter Zeigefinger macht sich selbstständig.“

„Du ist wohl übergeschnappt?“, erwiderte Denton, der von Deans Eingreifen nicht im Geringsten beeindruckt schien. „Wir begehen keinen Mord, wir knüpfen einen Viehdieb auf. Weiß du überhaupt, mit wem du es hier zu tun hast? Wir sind Cowboys der Kellogg-Ranch, zu der diese Weide gehört, und ich bin der Vormann von Ben Kellogg, dem Besitzer der Ranch! Wenn du dich mit uns anlegst, legst du dich auch mit ihm an – und das ist noch keinem gut bekommen. Steck deinen Colt wieder ins Holster, nimm die Hand vom Lasso und dann sieh zu, dass du so viele Meilen wie möglich zwischen dich und uns bringst, sonst gibt’s hier gleich zwei Tote!“

„Ich kenne deinen Mister Kellogg nicht, und ich verspüre auch keine Lust, seine Bekanntschaft zu machen“, antwortete Dean gelassen. „Im Übrigen könnte er der Präsident der Vereinigten Staaten sein – auch das gäbe ihm nicht das Recht, auf dieser Weide irgendjemanden hängen zu lassen. Ich sag’s deshalb noch einmal, diesmal allerdings zum letzten Mal: Nehmt dem Mann die Schlinge und die Fesseln ab, oder ich serviere euch blaue Bohnen! Eine Kugel ist rasch abgeschossen!“

Dentons Gesicht verzerrte sich unter einem hämischen Grinsen. „Ja, da hast du Recht, eine Kugel ist rasch abgeschossen. Aber hast du auch bedacht, dass du mit dem Schuss das Pferd erschrecken könntest, auf dem der Bursche sitzt, den du unbedingt retten willst? Wenn der Gaul erst losläuft, muss der arme Kerl hängen, obwohl du genau das verhindern möchtest. Du bildest dir nur ein, alle Trümpfe in der Hand zu haben! Überleg dir also genau, was du tust!“

„Das habe ich bereits.“ Wie um seine Aussage zu unterstreichen, zog Dean den Hahn des Colts zurück, und das metallische Klicken schnitt wie ein Messer durch die spannungsgeladene Atmosphäre. „Vielleicht muss der Junge wirklich baumeln, wenn ich schieße – aber einer von euch wird ihn mit Sicherheit begleiten auf dem langen, dunklen Trail. Im Unterschied zu euch halte ich mein Eisen nämlich schon in der Hand. Offen bleibt nur die Frage, wen von euch ich zur Hölle schicke: dich, deinen Kumpel auf dem Pferd – oder vielleicht doch das zusammengeschnürte Bündel am Ende meines Lassos? Die Entscheidung liegt ganz bei euch.“

Der hagere Cowboy, den Dean vorhin mit dem Lasso zu Boden gerissen hatte, begann sich zu winden wie ein Fisch auf dem Trockenen. Unverhohlene Panik stand plötzlich in seinen weit aufgerissenen Augen, aus denen er den Vormann anstarrte.

„Lass es nicht darauf ankommen, Denton!“, keuchte er. „Der Kerl meint es ernst!“

Auch der Weidereiter im Sattel warf dem Vormann nun einen unsicheren Blick zu. Jene Partien seines Gesichtes, die nicht von dem dichten, schwarzen Vollbart bedeckt wurden, waren plötzlich auffällig bleich.

Denton schien für Sekunden mit sich selbst zu ringen. Er presste die Kiefer so fest zusammen, dass die Wangenmuskulatur deutlich hervortrat, und traf dann seine Entscheidung.

„Also gut“, lenkte er ein. „Wir werden tun, was du verlangst. Joe, nimm ihm die Fesseln und die Schlinge ab!“

Dean beobachtete über den Lauf seines Colts hinweg, wie der bärtige Cowboy nickte, nach der Schlinge griff und sie dem Burschen vom Hals nahm. Der Junge schnappte augenblicklich nach Luft, im nächsten Moment fielen auch seine Armfesseln zu Boden, und er rieb sich die schmerzenden Handgelenke.


Wenige Sekunden nur hatte Deans Aufmerksamkeit voll dem Burschen mit der Schlinge um den Hals gegolten – und Greg Denton schien auf diesen Augenblick nur gewartet zu haben.

„Fahr zur Hölle, Fremder!“, stieß er hasserfüllt über die Lippen, während seine Rechte blitzschnell zum Holster zuckte. Denton ging leicht in die Knie und schwang den Colt hoch, einen Atemzug später stach eine fahlrote Feuerlanze aus dem Lauf seines Revolvers.

Das Krachen des Schusses hallte noch durch die Senke, als Dean schon das Lasso losließ, nach den Zügeln griff und sein Pferd zur Seite riss. Gleichzeitig duckte er sich im Sattel, stieß die Rechte nach unten und krümmte den Zeigefinger um den Abzug.

Das Projektil des Vormannes jaulte so knapp an Dean vorbei, dass er den Gluthauch der Kugel auf seiner Wange spürte, seine eigene Kugel verfehlte Denton nur knapp. Sie schlug in den Stamm der Eiche, dass die Rindensplitter nur so durch die Luft wirbelten und bis auf die Schultern des bärtigen Cowboys regneten.

Der zog kurz den Kopf ein, im nächsten Moment hatte er schon den Colt aus dem Holster gerissen. Sein Waffenarm ruckte hoch – und verhielt jäh in der Bewegung, als rechts von ihm ein Schuss peitschte. Der Bärtige brüllte auf und ließ den Revolver fallen, Blut tränkte plötzlich den Ärmel seines Hemdes und färbte es dunkelrot.

Aus der Faust des blonden Burschen, der eben dem Galgen entronnen war, ragte der Lauf eines Colts, Schlieren aus Pulverdampf wehten aus der Mündung der Waffe. Von der ängstlichen Verzagtheit, die vorhin noch sein Gesicht beherrscht hatte, war nun nichts mehr zu merken, seine Züge zeigten einen Ausdruck wilder Entschossenheit. Die Pferde von Denton und dem gestürzten Cowboy begannen nervös umherzutänzeln, der am Boden liegende Gefesselte wälzte sich wild hin und her, um aus dem Gefahrenbereich der stampfenden Hufe und jaulenden Kugeln zu gelangen.

Denton wirbelte herum, um auf den Blonden zu feuern, aber der getroffene Cowboy, der mit schmerzverzerrtem Gesicht sein Pferd am Zügel riss, befand sich genau im Schussfeld des Vormannes. Mit einem wüsten Fluch schwenkte Denton den Colt wieder nach vorne

Dean reagierte in Sekundenschnelle. Er zügelte mit der Linken sein schrill wieherndes Pferd, dass es sich steil auf der Hinterhand aufbäumte, stieß die Rechte nach unten und drückte ab.

Der Vormann hechtete jäh zur Seite. Noch im Sprung fächerte seine linke Handkante über den Hahn des Revolvers, während der Zeigefinger seiner Rechten den Stecher durchzog.

Die beiden Schüsse fielen fast gleichzeitig – und keines der hastig abgefeuerten Projektile traf sein Ziel. Dentons Kugel pfiff über Deans Stetson hinweg, das heiße Blei aus Deans Colt schlug dort eine Erdfontäne aus dem Boden, wo der Vormann eben noch gestanden war. Der rollte sich jetzt gewandt wie eine Katze über die Schulter ab und glich dabei einem entwurzelten Dornenbusch, der vom Sturmwind über das Land gewirbelt wird.

Nur aus den Augenwinkeln heraus registrierte Dean, dass der blonde Bursche seinem Falben die Stiefel in die Flanken stieß, dass er mit einem Satz nach vorne sprang und dabei das Pferd des getroffenen Cowboys rammte. Das grelle Wiehern der Tiere trieb durch die Senke, der Bärtige verlor Sitz und Bügel und stürzte mit einem Aufschrei rücklings aus dem Sattel. Er breitete noch die Arme aus, als wollte er sich irgendwo festhalten, dann landete er im knöchelhohen Gras. Sein Pferd, nun frei von jeglicher Zügelhand, stürmte mit den beiden anderen Tieren die Anhöhe hinauf.

Denton riss den Revolver hoch, kaum dass er auf dem Rücken zum Liegen gekommen war. Das Handgelenk des Waffenarms mit der Linken umklammernd, zielte er auf Dean, der erneut den Hahn seines Colts spannte. Dean wollte schon die Kugel aus dem Lauf jagen, als plötzlich der blonde Bursche in sein Blickfeld preschte. Der Junge zügelte den Falben dicht vor Denton und richtete den Lauf seines Revolvers auf den am Boden liegenden Vormann.

„Wenn du jetzt abdrückst, Denton, bist du der Nächste, der eine Kugel kassiert!“, warnte er den Vormann mit schneidender Stimme. „Mach nur eine falsche Bewegung – und ich schicke dich dorthin, wo ich jetzt wäre, wenn es nach dir und deinen Handlangern gegangen wäre!“

Denton verhielt so abrupt in der Bewegung, als wäre er plötzlich zu Stein erstarrt. In seinem Gesicht regte sich kein Muskel, nur die Augen schienen von Leben erfüllt. In ihnen flackerte Angst – Todesangst.

Zwei, drei Sekunden verstrichen mit quälender Langsamkeit, nur das schmerzhafte Stöhnen des verwundeten Cowboys durchbrach die Stille des hitzeflirrenden Hochsommertages. Pulverdampfschwaden trieben an den Hängen der Senke hoch, ehe sie vor dem Tiefblau des Himmels zerfaserten. Schließlich beendete die gepresste Stimme des Vormannes das um die Eiche lastende Schweigen:

„Einverstanden. Ihr habt gewonnen. Wir geben auf.“


* * * * *


Denton ließ langsam den Colt sinken, legte ihn ins Gras und zog seine Hand wieder zurück.

„Gut so.“ Dean nickte, dann trieb er den Braunen im Schritt den Hang hinab, den Revolver dabei weiterhin auf die drei Henker gerichtet, die er nicht aus den Augen ließ. Das Pochen der Hufe wirkte überlaut. Es brach jäh ab, als Dean unmittelbar vor Greg Denton den Braunen zügelte und seinen Blick in die Augen des Vormannes bohrte.

„Hast du mir vorhin nicht empfohlen, so viele Meilen wie möglich zwischen mich und euch zu bringen?“, höhnte er. „Wie du siehst, habe ich deinen Ratschlag nicht befolgt, ich habe mich dir sogar noch genähert – und bin immer noch äußerst lebendig.“

„Was willst du dann noch von uns?“, erwiderte Denton gereizt. Nun, da er dem Sensenmann noch einmal von der Schippe gesprungen war, kehrte seine gewohnte Kaltblütigkeit wieder zurück. „Nimm dir diesen Viehdieb und reite mit ihm doch, wohin du willst!“

„Keine Sorge, das kommt schon noch“, gab Dean zurück. „Aber zuerst werde ich euch eine kleine Lektion erteilen.“

„Eine Lektion?“ Denton legte misstrauisch die Stirn in Falten. „Was, zum Teufel, hast du mit uns vor?“

„Heb zunächst einmal deinen Hintern, schnall den Revolvergurt ab und wirf ihn zu deinem Colt“, verlangte Dean.

Denton kam der Aufforderung nach, wobei Deans Revolver jeder Bewegung des Vormannes folgte. Ein Mann wie Denton würde nicht so leicht aufgeben und auch die kleinste Chance nutzen, das Ruder doch noch herumzureißen, das hatte er vorhin bewiesen. Diesmal jedoch schien selbst er einzusehen, dass weiterer Widerstand zwecklos war. Als der Revolvergurt des Vormannes im Gras lag, wandte sich Dean an den blonden Burschen, der bisher mit seinem Colt die beiden anderen Cowboys in Schach gehalten hatte.

„Bring mir die Revolvergurte der drei – mit den Colts in den Holstern“, forderte Dean den Jungen auf. „Ich gebe inzwischen acht, dass Denton nicht auf dumme Gedanken kommt.“

Der Blonde nickte, schob sein Eisen ins Leder und schwang sich aus dem Sattel. Er nahm zunächst dem Verwundeten und dem mit dem Lasso verschnürten Cowboy die Revolvergurte ab und widmete sich dann der Bewaffnung des Vormannes. Widerstand leistete keiner der drei. Der getroffene Weidereiter saß ächzend im Gras saß, die Linke auf die blutende Wunde gepresst, und sein gefesselter Kumpel, dessen Visage jetzt unter einer grauen, von den Pferdehufen aufgewirbelten Staubschicht verschwand, war sowieso wehrlos. Denton beobachtete den Vorgang mit skeptischer Miene. Es war ihm förmlich anzusehen, wie hinter seiner Stirn die Gedanken jagten.

„Was soll das eigentlich werden?“, fragte er argwöhnisch. „Willst du uns mit unseren eigenen Waffen erschießen?“

„Nein, ich will nur verhindern, dass euch eure Waffen zu einer Dummheit verleiten“, erklärte Dean gelassen. Er nahm die Revolvergurte an sich, die ihm der Junge reichte, und trug ihm auf: „Halt du jetzt die Kerle in Schach!“


Der Blonde zog wieder seinen Colt, Dean schob seinen eigenen Revolver ins Holster. Dann lenkte er seinen Braunen zu der Eiche, hob sich in den Steigbügeln und schlang die Gurte nebeneinander um einen knorrigen Ast, der knapp eine Armlänge oberhalb jenes Astes entsprang, von dem die Galgenschlinge baumelte. Die zwei Cowboys und ihr Vormann rissen vor Erstaunen die Augen weit auf.


„Da staunt ihr, was?“, spottete Dean, während er sein Pferd wieder zu dem Falben des Blonden trieb und es dort wendete. „Ihr wart doch so scharf aufs Hängen – jetzt hängen eure Schießeisen von diesem Baum! Bis ihr die wieder herunterbekommt, müsst ihr ordentlich klettern. Vom Sattel eines Pferdes aus wäre es natürlich ein Kinderspiel, an die Colts zu gelangen, aber eure Pferde haben leider das Weite gesucht. Wenn ihr sie wiederhaben wollt, müsst ihr schon ein Stück laufen. Aber wie ihr euch entscheidet, ist letztlich eure Angelegenheit. Für uns ist nur wichtig, dass ihr eine Zeit lang beschäftigt seid und uns keine Kugel in den Rücken schießen könnt! Dafür lasse ich euch aber mein Lasso als Andenken zurück. “

Denton presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie einen blutleeren Strich bildeten, sein Brustkorb hob sich unter einem heftigen Atemzug. Der Vormann gefiel sich in der Rolle des unerschrockenen Draufgängers, der seine Befehle erteilte und bedingungslosen Respekt erwartete. Jetzt musste er nicht nur eine Niederlage einstecken, sondern der Mann, der sie ihm zugefügt hatte, verhöhnte ihn dafür auch noch vor seinen Cowboys – und das traf Denton schwerer als jede Kugel aus einem 45er Colt.

„Freu dich nur nicht zu früh, du dahergelaufener Satteltramp.“ Denton sprach mit mühsam erzwungener Ruhe, aber der gefährliche Unterton in seiner Stimme war unüberhörbar. „Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Irgendwann begegnen wir einander wieder, und dann wirst du dich selbst dafür verfluchen, dich jemals mit mir und der Kellogg-Ranch angelegt zu haben. Wohin du auch reitest, dein Leben ist keinen rostigen Cent mehr wert!“

„Dein nutzloser Galgen auch nicht!“, rief Dean und riss plötzlich den Revolver aus dem Holster. Das Krachen des Schusses rollte durch die Senke, die Kugel durchschlug den Henkersstrick dicht oberhalb der Schlinge, die augenblicklich zu Boden fiel. Noch während Denton instinktiv zusammenzuckte, stießen Dean und der blonde Bursche ihre Eisen ins Leder und warfen die Pferde herum, die in voller Karriere die Anhöhe hinaufgaloppierten. Wenige Sekunden später lag die Senke hinter den beiden, und ihre Pferde trugen sie hinaus auf die sonnenlichtüberflutete Prärie.


* * * * *


Wie verschmolzen mit den Körpern ihrer Tiere, preschten Dean und der junge Cowboy über das weite Grasland. Der Reitwind bog die Krempen ihrer Stetsons und trocknete den Schweiß auf ihren Rücken, die Distanz zu der Senke wuchs unter den wirbelnden Hufen. Als Dean einen raschen Blick nach rechts warf, sah er die drei ledigen Pferde, die sich mittlerweile wieder beruhigt hatten und knapp hundert Schritte von dem Galgenbaum entfernt verhielten, wo sie sich an dem saftigen Gras gütlich taten .

Ihr Ritt führte die beiden Männer über die sanft hügelige Prärie, die sich in weiten Schleifen zwischen fichtenbestandenen Höhenzügen und schroffen Felskämmen dahinwand. Am Horizont erhoben sich die schneebedeckten Gipfel des Hochgebirges vor dem Azurblau des Himmels, wo die gelb glühende Scheibe der Sonne stand.

„Dorthin!“, rief der junge Cowboy und wies auf die schmale Kerbe einer bewaldeten Hügelkette schräg zu ihrer Rechten, annähernd zweihundert Yards von ihnen entfernt.

Dean nickte, und sie jagten auf die Anhöhe zu, die größer und größer zu werden schien. Der Boden stieg leicht an, schon waren die Bäume deutlich zu erkennen. Dann nahmen die kühlen Schatten zwischen den Hügeln die beiden Reiter auf, die jäh ihre Pferde zügelten. Beiderseits des schmalen Durchlasses wuchsen mannshohe, moosbedeckte Felswände empor.

„Ab jetzt sind wir in Sicherheit“, erklärte der Blonde. „Hier beginnt das Gebiet der Hepburn-Ranch, für die ich im Sattel sitze.“

„Daran zweifle ich nicht. Weniger zuversichtlich bin ich, ob Greg Denton die Grenze auch respektiert. Die Kerle werden zwar noch damit beschäftigt sein, an ihre Pferde und Waffen zu gelangen, aber wenn sie die erst mal haben, werden sie uns rasch einholen. Sollten wir nicht besser weiterreiten?“

„Keine Sorge, Denton setzt keinen Fuß auf dieses Land“, winkte der Cowboy ab. „Das wäre dann nämlich ein eindeutiger Rechtsbruch, der ihm mächtige Schwierigkeiten mit seinem Boss einbringen würde. Und Ben Kellogg legt bei allem, was er tut, äußersten Wert darauf, nicht offen gegen das Gesetz zu verstoßen. Er verlässt sich lieber auf andere, raffiniertere Methoden – auf Methoden, bei denen zumindest ihm nichts nachzuweisen ist.“

„Ben Kellogg scheint ja in diesem Landstrich ’ne ganz große Nummer zu sein“, stellte Dean geringschätzig fest, während er sich aus dem Sattel schwang. Der Junge glitt ebenfalls vom Pferd und fuhr fort:

„Das ist er in der Tat, und außer ihm und seinen Männern empfindet darüber auch niemand Freude. Aber bevor wir uns über ihn unterhalten, sollten wir einander erst einmal vorstellen. Ich heiße Larry, Larry Clayton. Und danke, dass du mich vor dem Strick bewahrt hast. Das war Rettung in letzter Sekunde. Die Sache mit dem Lassotrick war übrigens großartig.“

„Gelernt ist gelernt“, meinte Dean. „Du musst wissen, ich bin nämlich ebenfalls Cowboy – zur Zeit allerdings ohne Job. Mein Name ist Dean Carradine, und das hier“, er deutete kurz auf den Braunen, „ist Dandy.“

Dean nahm Dandy die Feldflasche ab, schraubte sie auf und ließ sich das Wasser die trockene Kehle hinunterrinnen. Auch Larry griff nach seiner Feldflasche und trank mit gierigen Schlucken, um seinen strapazierten Rachen wieder etwas zu besänftigen. Als die Behältnisse wieder an den Sätteln befestigt waren, holte Larry einen ledernen Tabaksbeutel aus seiner Satteltasche, drehte mit flinken Fingern zwei Zigaretten und reichte eine davon Dean, der dankend annahm. Er ließ sich von Larry Feuer geben, das dieser mit einem an der Stiefelsohle angerissenen Streichholz entzündet hatte, und sog den würzigen Rauch tief in seine Lungen.

„Ben Kellogg ist der mächtigste Rancher im Umkreis von hundert Meilen“ begann Larry seine Ausführungen, nachdem er einen Zug von seiner Zigarette genommen hatte. „Niemand besitzt so viel Land wie er, niemand hat so viele Rinder auf den Weiden stehen wie er und niemand beschäftigt so viele Cowboys wie er. Kellogg regiert ein kleines Königreich, ein wahres Rinderimperium, weshalb man ihn auch Big Ben Kellogg nennt. Als einer der Ersten, der sich vor etlichen Jahren in dieser Gegend niederließ, hat er seinen Grund sofort amtlich eintragen lassen. Damals gab es hier noch nicht einmal eine richtige Stadt, nur winzige Ansiedlungen und unberührtes Land, so weit das Auge reicht. Seither hat er seinen Besitz stetig vergrößert, und man muss ihm zugutehalten, dass er hart für seinen Erfolg gearbeitet hat. Ihm wurde nichts geschenkt, er hat das Rindergeschäft von der Pike auf gelernt. Allerdings war es unvermeidbar, dass mit der fortschreitenden Landnahme Nebraskas weitere Siedler in das Land zogen und sich hier ebenfalls ordnungsgemäß niederließen. Kellogg empfand dies von Anfang an als eine Art persönliche Beleidigung, weil nach seinem Verständnis alle anderen die Früchte ernten wollten, die er mühsam gesät hatte. Er hatte den Grundstein für die Entwicklung dieses Countys gelegt, als müsste er auch für alle Ewigkeiten hier alleine herrschen können, das ist seine Sichtweise. Dennoch ließ er die übrigen Kleinrancher anfangs zähneknirschend gewähren. Mit der Zeit jedoch tummelten sich immer mehr Rinder auf seinen Weidegründen, die sich stetig ausdehnten, bis sie an die Grenzen der ungeliebten Nachbarn stießen. Da begann Kellogg einen privaten Kleinkrieg gegen seine Konkurrenten, der bis heute unvermindert anhält.“

„Wie du schon erwähnt hast, führt er diesen Kleinkrieg nicht offiziell“, sagte Dean, während er Asche von seiner Zigarette schnippte. „Aber so etwas habe ich mir schon gedacht. Wer es schafft, eine Großranch aus dem Boden zu stampfen, kann nicht so dumm sein, offen das Gesetz zu brechen und somit alles aufs Spiel zu setzten, was er mühsam erreicht hat.“

„Völlig richtig, dazu ist Kellogg zu schlau“, bestätigte Larry. „Er weiß genau, dass auch seine Macht nicht so weit reicht, sich einfach über bestehendes Recht hinwegzusetzen. Teils helfen ihm die Umstände, teils hilft er den Umständen ein wenig nach, um seine Ziele zu erreichen. Einer seiner Nachbarn verlor während eines strengen Winters nahezu seine gesamte Rinderherde und war gezwungen, Geld von der Bank zu leihen, um sich neue Tiere zu kaufen. Kellogg brachte den Schuldschein an sich, der Rancher konnte zum fälligen Zeitpunkt nicht zahlen und wurde von Kellogg vom Hof gejagt. Ein anderer Rancher sah sich mit der Tatsache konfrontiert, dass der über seine Weide fließende Bach mitten im Sommer plötzlich versiegte, weil Kellogg den Bach zuvor umgeleitet hatte – angeblich, um den Frühjahrshochwässern vorzubeugen. Der Mann musste seine Herde und seine Weide an Kellogg verkaufen. Ein weiterer Nachbar Kelloggs blieb auf seinen Rindern sitzen, weil Kellogg seine eigenen Tiere plötzlich zum halben Preis anbot. Die Ranch ging bankrott, und rate mal, wer sie zu einem Spottpreis erwarb? Richtig, Kellogg. Ich könnte diese Aufzählung noch um einige Beispiele erweitern, aber ich denke, das bisher Erzählte reicht aus, um sich von den Methoden dieses Mannes ein Bild machen zu können. Jedenfalls hat er mittlerweile alle seine Nachbarn vertrieben – nur die Hepburn-Ranch leistet ihm noch Widerstand.“

„Und da Kellogg kein Gesetzesbruch nachzuweisen ist, sind dem für das County zuständigen Sheriff in der nächsten Stadt vermutlich auch die Hände gebunden“, schlussfolgerte Dean.

„So ist es.“ Larry nickte. „Der Sheriff in Westwood ist natürlich kein Dummkopf und kann eins und eins zusammenzählen, aber was soll er machen? Außerdem hat der Mann ein Interesse daran, wiedergewählt zu werden, und die Mehrzahl seiner Wähler ist auf die eine oder andere Art von Kellogg abhängig. Kellogg selbst besitzt ein dickes Konto auf der Bank, und seine Cowboys besuchen regelmäßig den Saloon, den General Store oder den Barber. Selbst wenn einer aus seiner Mannschaft stirbt, profitiert die Stadt noch davon, denn dann erteilt Kellogg dem Tischler den Auftrag, einen Sarg zu zimmern. Würde der Sheriff plötzlich lästig werden, hätte das nur zur Folge, dass Kellogg bei der nächsten Wahl einen Gegenkandidaten aus dem Hut zaubert – der dann von allen gewählt wird, die mit der Kellogg-Ranch weiterhin Geschäfte machen wollen. Ein Sheriff von Kelloggs Gnaden aber wäre noch hundert Mal schlimmer als der jetzige Zustand.“

„Und dieser Denton ist sozusagen Kelloggs rechte Hand, sein Mann fürs Grobe“, stellte Dean fest.

„Genau. Allerdings sollte man Denton mit Kellogg nicht auf eine Stufe stellen. Kellogg handelt zwar hartherzig und egoistisch, ist aber überzeugt davon, im Recht zu sein – weil er sich selbst für das Recht hält. Seinem Vormann hingegen ist das Gesetz völlig egal, wenn er ein bestimmtes Ziel erreichen will. Kellogg mag ein Tyrann sein, aber er ist eben auch Rancher mit Leib und Seele. Denton könnte genauso gut ein bezahlter Revolverschwinger sein, der für seinen Auftraggeber jeden aus den Stiefeln schießt, solange die Bezahlung stimmt.“


„Wenn dir dieses Risiko bewusst war – warum bist du dann auf Kelloggs Weide vorgedrungen?“, fragte Dean. „Der Wert eines Kalbes kann doch nicht dein Leben aufwiegen!“

„Was soll das heißen – der Wert eines Kalbes?“, empörte sich Larry. „Aus jedem Kalb wird einmal ein ausgewachsenes Tier, das dir beim Verkauf bis zu vierzig Dollar einbringen kann, und damit wiederum kannst du den Monatslohn zweier Cowboys bezahlen! Bei einem verschwundenem Kalb mag sich der Verlust vielleicht noch in Grenzen halten, aber wenn ich jedes Rind einfach laufen ließe, wäre die Hepburn-Ranch bald pleite!“

„Schon gut, ich bin selbst Cowboy und weiß, wie ein Rancher kalkulieren muss“, beruhigte Dean den Weidereiter. „Eines würde mich aber noch interessieren: Wieso konnte sich von allen betroffenen Ranches ausgerechnet die Hepburn-Ranch so lange halten?“

„Das liegt vor allem an Mary Hepburn, der Besitzerin der Ranch“, erklärte Larry fast ehrfurchtsvoll. „Diese Frau hat einen unglaublichen Willen, sich durch nichts und niemanden unterkriegen zu lassen. Sie glaubt an sich, und Misserfolge machen sie nur stärker.“

„Die Hepburn-Ranch wird von einer Frau geleitet?“ Beinahe hätte sich Dean am Rauch seiner Zigarette verschluckt. „Eine Frau als Boss einer Ranch, so etwas habe ich noch nie gehört.“

„Da staunst du, was?“ Larry grinste schelmisch. „Ja, mein Boss ist eine Frau, und das trägt sicher auch dazu bei, dass die Ranch Ben Kellogg noch immer die Stirn bietet. Dieses Land schenkt keinem etwas, und Frauen haben es hier besonders schwer. Mary Hepburn aber will sich und allen anderen beweisen, dass auch eine Frau es im Rindergeschäft zu etwas bringen kann. Vielleicht hätte sie längst aufgegeben, wenn sie ein Mann wäre – was aber glücklicherweise nicht der Fall ist.“

Dean warf Larry einen neugierigen Blick zu.

„Mary Hepburn ist nicht nur ein kluges, sondern auch ein ausgesprochen hübsches Köpfchen“, bestätigte Larry Deans Vermutung. „Du solltest sie einmal sehen, dann wirst du mir sicher recht geben. Aber was treibt dich eigentlich in diese Gegend?“

„Ebenfalls eine Frau“, antwortete Dean zerknirscht. „Genauer gesagt, die Tochter des Ranchers, für den ich bis vor wenigen Wochen gearbeitet habe. Lilly war ein verdammt hübsches Mädchen und hat mir so richtig den Kopf verdreht. So kam es, wie es kommen musste, wir begannen eine heimliche Liebesbeziehung und trafen uns regelmäßig in einer alten Weidehütte. Eines Abends ritt ich in Erwartung einer wilden Liebesnacht erneut zu besagter Weidehütte – aber dort gab es statt heißer Küsse nur eine Tracht Prügel. Lillys Vater hatte von unserer Beziehung Wind bekommen, wahrscheinlich hat mich ein anderer Cowboy, der ebenfalls auf Lilly scharf war, bei ihm verpfiffen. Jedenfalls erwartete er mich in der Hütte, verpasste mir eine ordentliche Abreibung und strich mich auf der Stelle von seiner Lohnliste. Ein einfacher Cowboy als Liebhaber seiner Tochter, so etwas käme für ihn nicht in Frage, außerdem hätte ich sein Vertrauen missbraucht. Der Alte brüllte und tobte, dass ich schon glaubte, die Hütte müsste zusammenbrechen, und ließ sich nicht einmal von seiner Tochter umstimmen, die ihn weinend anflehte, mich nicht fortzujagen. Seither streife ich auf der Suche nach einem neuen Job über das Land und bin schon froh, wenn ich mal für eine Nacht ein Dach über dem Kopf habe.“

„Heute Nacht musst du jedenfalls nicht unter freiem Himmel nächtigen. Reite mit mir zur Hepburn-Ranch, dort gibt es auch für dich ein weiches Bett und einen gedeckten Tisch“, schlug Larry vor. „Nach allem, was du für mich getan hast, ist es nur gerecht, dass ich mich bei dir revanchiere.“

„Dieses Angebot nehme ich dankend an“, sagte Dean erfreut. Er schmiss seine Kippe zu Boden, trat sie mit der Stiefelspitze aus und warf noch einen raschen Blick auf das Land, über das er mit Larry geflohen war.

Rein äußerlich hatte sich nichts verändert, und dennoch war die Szenerie nicht mehr die gleiche wie vorhin. Von den düsteren Bergkämmen schien auf einmal eine unsichtbare Drohung auszugehen, und selbst die im goldenen Sonnenschein liegende Prärie wirkte plötzlich wie eine trügerische Kulisse, hinter der das Unheil schon lauerte. Gleichzeitig erwachte in Dean die Neugierde, jene Frau kennenzulernen, die dieser Bedrohung bisher Einhalt geboten hatte.

Er begriff, dass er zwischen zwei Fronten geraten war, die ihn zermalmen konnten, aber er sah sich außerstande, diesen Fronten auszuweichen...


* * * * *


Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738909357
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
tyrann nebraska

Autor

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Titel: Der Tyrann von Nebraska