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Für den Strandurlaub: Nochmal drei Alfred Bekker Thriller - Sammelband

2017 500 Seiten

Leseprobe

Nochmal drei Alfred Bekker Thriller für den Strandurlaub

Alfred Bekker

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Nochmal drei Alfred Bekker Thriller für den Strandurlaub

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 449 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Die Waffe des Skorpions

Böser Bruder

Wir fanden Knochen

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die Waffe des Skorpions

von Alfred Bekker

William Grotzky, ein ehemaliger FBI-Agent, der jahrelang gegen das organisierte Verbrechen ermittelte und dabei vor allem im Undercover Einsatz wertvolle Hilfe bei der Festnahme von Andrea Giacometti leistete, wird ermordet. Wollte sich da jemand das auf Grotzky ausgesetzte Kopfgeld verdienen? Doch was hat dieser Tote mit all den anderen Ermordeten zu tun, die mit derselben Waffe erschossen wurden? 

1

Es war nicht besonders kalt, nur regnerisch. Aber der Mann trug dennoch Handschuhe. Er war hoch gewachsen und ziemlich kräftig gebaut. Der blonde Kurzhaarschnitt unterstrich die kantigen Gesichtszüge. Seinen blauen Chevy hatte er am Straßenrand abgestellt. Jetzt ging der Blonde die Zeile der Reihenhäuser entlang. Mit der Rechten umklammerte er den Griff der Automatik, die in seiner tiefen Manteltasche verborgen war.

Er musste vorsichtig sein, denn der Mann, mit dem er es zu tun haben würde, war nicht irgendwer, sondern einer, der selbst mit einer Waffe umgehen konnte und alle Tricks kannte.

Mordauftrag war eben nicht gleich Mordauftrag...

2

Der Blonde hielt an, ließ den Blick die Häuserzeile entlang gleiten und hatte dann die richtige Nummer gefunden.

Es war eine günstige Zeit. Zehn Uhr Morgens. In der Straße parkte kaum ein Wagen, da die meisten Anwohner zur Arbeit gefahren waren. Der Blonde würde seinen Job erledigen können, ohne viel Aufsehen zu erregen. Genau das entsprach seinem Stil. Er arbeitete schnell, präzise und ohne Spuren zu hinterlassen.

Eine ältere Frau ging die Straße entlang. Der Blonde wartete, bis sie um die nächste Ecke gegangen war und überquerte dann die Fahrbahn.

Einen Augenblick später stand er an der Haustür und klingelte. Normalerweise war William Grotzky - sein Opfer - um diese Zeit gerade erst aufgestanden und saß jetzt beim Frühstück. Genau die richtige Zeit für solch einen Besuch also...

Der Blonde klingelte ein zweites Mal und fasste die in der Manteltasche steckende Pistole mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer fester.

Endlich kam jemand und machte auf.

Aber es war nicht Grotzky, sondern eine Frau, die den Killer ziemlich erstaunt ansah.

Aber das Erstaunen war beiderseitig.

Sie war hübsch, fand der Blonde. Langes, rostbraunes Haar, dunkle Augen. Ihr Gesicht drückte Enttäuschung aus. Sie hatte offenbar jemand anderen erwartet.

Schade um sie, dachte der Killer. Aber es war ziemlich ausgeschlossen, dass er sie am Leben lassen konnte.

„Ist Mister William Grotzky nicht da?“, fragte er kühl.

„Nein, tut mir leid“, erwiderte die Frau, während sie den Killer einer eingehenden Musterung unterzog. Auf ihrer Stirn erschienen ein paar Falten, die eine deutliche Portion Misstrauen signalisierten.

Die Frau hatte er nicht erwartet. Er fluchte innerlich. Wenn er etwas hasste, dann waren es Überraschungen dieser Art.

„Was wollen Sie von William?“, fragte die Frau.

„Ich muss ihn dringend sprechen.“

„Sind Sie ein Bekannter?“

Der Killer zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde mit der Antwort.

„Ja“, sagte er.

„William kommt gleich zurück“, berichtete die Frau. „Er ist nur kurz für ein paar Besorgungen weg.“

Sie wusste nicht, wer Grotzky wirklich war. Sie konnte nichts von seiner Vergangenheit wissen oder von dem, was er jetzt tat. Das war dem Blonden sofort klar, dann hätte sie Bescheid gewusst, wäre ihr Misstrauen größer gewesen.

Der Blonde hob die Augenbrauen.

„Kann ich bei Ihnen auf ihn warten?“

„Lieber nicht. Ich bin allein und kenne Sie gar nicht. Außerdem ist das nicht meine Wohnung und ich weiß nicht, ob es William recht wäre, wenn...“

Aha!, dachte der Blonde. Grotzky kannte die Kleine noch nicht lange. Vielleicht sogar erst seit dem gestrigen Abend. Anders konnte es auch gar nicht sein, sonst hätte der Blonde von ihr gewusst. Schließlich hatte er Grotzkys Lebensumstände genauestens ausgeforscht. 

„Es wäre ihm recht!“, behauptete er.

„Nein, das möchte ich nicht!“, sagte sie mit großer Bestimmtheit.

„Will und ich kennen uns eine halbe Ewigkeit.“

„Aber ich Sie nicht. Tut mir leid.“

Sie versuchte die Tür zu schließen, aber der Blonde stellte seinen Fuß dazwischen. Ein schneller Griff und er hatte die Automatik aus der Manteltasche herausgerissen. Der lange Schalldämpfer zeigte direkt auf den Oberkörper der jungen Frau und ließ sie schreckensbleich zurückweichen.

Der Blonde trat ein und gab der Tür einen Stoß mit der Hacke, so dass sie geräuschvoll ins Schloss fiel.

Die Frau schüttelte stumm den Kopf. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe sie wieder soweit beieinander war, dass sie etwas sagen konnte.

„Was wollen Sie?“, fragte sie schluckend, während sie noch einen Schritt rückwärts machte und dabei gegen die Kommode stieß, die in dem engen Flur stand.

„Ist noch jemand in der Wohnung?“, fragte der Blonde kalt.

Sie schüttelte stumm den Kopf.

Dann hob der Blonde die Schalldämpferpistole ein wenig an und drückte ab.

Es gab ein Geräusch, das Ähnlichkeit mit einem kräftigen Niesen hatte und auf der Stirn der jungen Frau erschien ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Sie taumelte rückwärts und schlug der Länge nach hin.

Der Blonde atmete tief durch. Die Sache mit der Frau war nicht eingeplant gewesen, aber sie hatte nun einmal sein Gesicht gesehen. Und das war ihr Todesurteil gewesen.

Der Blonde stieg über ihren leblosen Körper hinweg und sah sich im Rest der Wohnung um. Ein Zimmer nach dem anderen nahm er sich vor. Die Frau hatte die Wahrheit gesagt.

Sie war tatsächlich allein gewesen.

Der Killer steckte die Waffe ein, fasste die junge Frau unter den Armen und schleifte sie ins Wohnzimmer. Dann ließ er sich in einen der klobigen Ledersessel fallen und wartete.

Nicht lange, höchsten zehn Minuten. Dann waren an der Haustür Geräusche zu hören. Ein Schlüssel wurde herumgedreht und jemand trat ein.

Das musste Grotzky sein.

„Vanessa?“

Sekunden später stand Grotzky in der Wohnzimmertür. Er hielt eine Papiertüte mit dem Aufdruck des nahen Supermarkts im Arm. 

Grotzky ließ die Tüte fallen, griff unter seinen Lederblouson und riss eine P 226 hervor, während er sich seitwärts fallen ließ.

Der Blonde brauchte nicht einmal die Waffe hochzureißen.

Er saß seelenruhig da und drückte einfach ab. Der erste Schuss traf William Grotzky im Bauchbereich und der zweite ging durch den Hals.

Hart schlug Grotzky auf den Boden. Eine Blutlache bildete sich. Die Hand hielt noch krampfhaft den Griff der P 226 fest. Ein Zittern durchlief seinen Körper. Die Augen waren glasig, der Atem nicht mehr als ein Röcheln. Blut rann ihm aus dem rechten Mundwinkel.

Der Blonde stand auf, trat an den Sterbenden heran und achtete darauf, nicht in die Blutlache zu treten. Dann zielte er auf den Kopf und drückte ein letztes Mal ab, bevor er die Waffe zurück in die weite Tasche seines Kaschmirmantels steckte, die er sich für den langen Schalldämpfer eigens hatte umschneidern lassen.

Ein kaltes Lächeln spielte jetzt um seinen dünnlippigen Mund, der zuvor wie ein gerader Strich gewirkt hatte.

Auftrag erledigt!, dachte er.

3

Im Büro von Mister McKee, dem Leiter des FBI Field Office New York, hatte bereits eine ganze Reihe von G-men Platz genommen. Außer Milo Tucker und mir nahmen noch die Agenten Clive Caravaggio und Orry Medina sowie unser Innendienstler Max Carter an der Besprechung teil. Ich nippte gerade an meinem Kaffeebecher, als noch die Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell hereinplatzten.

Von Mister McKee ernteten sie einen missbilligenden Blick für ihre Verspätung.

„Tut mir Leid, Sir. Aber es gab auf der Amsterdam Avenue einen schweren Unfall. Da war kaum ein Durchkommen.“

„Schon gut“, erwiderte Mister McKee. „Setzen Sie sich.“

Jay und Leslie nahmen Platz und Mister McKee erklärte: „Gestern  wurde William Grotzky in seinem Haus in der Jefferson Lane in Yonkers zusammen mit einer jungen Frau erschossen aufgefunden. Bei der Frau handelte es sich um Vanessa McKenzie, die Grotzky offenbar am Abend zuvor in eine Diskothek kennen gelernt hatte. Sie teilte sich eine Wohnung mit einer gewissen Jennifer Allister, deren Vermisstenanzeige es zu verdanken ist, dass die Toten schließlich von Beamten des Yonkers Police Department entdeckt wurden – schätzungsweise eine Woche nachdem sich der Mord ereignete.“ Mister McKee wandte sich an Agent Carter. „Max, wenn Sie bitte fortfahren würden.“

„Gerne, Sir.“ Max Carter schaltete einen Beamer an, mit dessen Hilfe Fotos der beiden Verstorbenen sowie Tatortfotos an die Wand projiziert wurden. „Dieser Fall fällt aus zwei Gründen in unsere Zuständigkeit. Erstens war der Mann, der zuletzt unter dem Namen William Grotzky in Yonkers lebte, ein ehemaliger FBI-Agent. Er ermittelte jahrelang gegen das organisierte Verbrechen und leistete dabei vor allem im Undercover Einsatz wertvolle Hilfe bei der Festnahme einiger Unterweltgrößen. Am bekanntesten dürfte der Fall Giacometti sein.“

„Der sitzt doch jetzt lebenslänglich in Rikers, wenn ich mich nicht irre“, warf mein Kollege Milo Tucker ein.

Max Carter bestätigte dies. „Seine Verhaftung verdanken wir dem Einsatz von William Grotzky beziehungsweise Jack Aarons – das war nämlich sein richtiger Name. Im Rahmen eines der üblichen Schutzprogramme bekam er natürlich nach Beendigung seiner Tätigkeit als verdeckter Ermittler eine neue Identität.“ Max zeigte das nächste Bild. „Hier sieht man Grotzkys Reihenhaus in Yonkers. An der Tür wurden keinerlei Einbruchsspuren gefunden, die Homicide Squad des Yonkers Police Department vermutet daher, dass dem Täter geöffnet wurde. Tatwaffe ist eine Automatik, Kaliber 45.“

„Ist die Waffe schon einmal benutzt worden?“, fragte ich.

Max schüttelte den Kopf. „Nein, die Waffe ist sauber. Da niemand in der Nachbarschaft ein Schussgeräusch gehört hat, nimmt die Homicide Squad an, dass der Täter einen Schalldämpfer benutzte. Vanessa McKenzie ging am Abend des zwölften dieses Monats mit ihrer Mitbewohnerin und zwei anderen Freundinnen in die Diskothek ‚La Guapa’ in Yonkers. Im Verlauf des Abends lernte sie Grotzky kennen, mit dem sie nach Hause fuhr. Vanessa McKenzies Mitbewohnerin Jennifer Allister wurde misstrauisch, als Vanessa sich im Verlauf des folgenden Tages nicht meldete – geschweige denn zurückkehrte. Daher ging sie zur Polizei. Die Vermisstenabteilung des Yonkers Police Department unter Captain George Rigosian nahm schließlich die Fahndung auf und fand nach Hinweisen von Anwohnern die Leichen in dem Reihenhaus an der Jefferson Lane.“

„Vanessa McKenzie war vermutlich nur zufällig in der Wohnung, als der Killer seinen Job erledigen wollte“, erklärte Mister McKee. „Angesichts der Umstände spricht alles dafür, dass der Anschlag Grotzky galt.“

„Die Zahl derer, die ein Motiv hätten, Grotzky umbringen zu lassen, dürfte riesig sein!“, meinte ich.

„Andy Giacometti ist damals vor Gericht ausgerastet, als Grotzky  - damals noch Jack Aarons – seine Zeugenaussage machte“, berichtete Mister McKee. „Giacometti musste aus dem Saal geführt werden. Er sitzt zwar auf Rikers, aber es zweifelt niemand daran, dass er noch immer die maßgebliche Instanz in der Giacometti-Familie ist, seine Geschäfte weiterführt und die großen Entscheidungen trifft. Allerdings kommt der Giacometti-Clan nicht als einziger Auftraggeber in Betracht. Grotzky/Aarons hatte wirklich eine beeindruckende Erfolgsquote.“

„Ich habe im Benny Ricardo-Fall mit ihm zusammengearbeitet“, berichtete Clive Caravaggio. „Er hatte es durch seine verbindliche Art geschafft, dass Vertrauen des seinerzeit wichtigsten puertoricanischen Kokain-Importeurs in New York zu erringen, sodass wir Benny Ricardo hochnehmen konnten, als er den Deal seines Lebens machen wollte, bei dem Grotzky als angeblicher Geschäftspartner auftrat.“

Unser indianischer Kollege Orry Medina konnte dem nur zustimmen. „Ich bin überzeugt davon, wer sich die alten Videoaufnahmen noch mal ansieht, die damals zur Beweissicherung gemacht wurden, der kann kaum glauben, dass Grotzky jemals etwas anderes gemacht hätte, als Drogen zu verkaufen. Und dabei war er unser Mann...“

Der Fall war mir vage in Erinnerung. Milo und ich hatten zu jener Zeit an einer anderen Sache gearbeitet und waren daher nicht weiter in dem Benny Ricardo-Fall involviert gewesen.

„Sie können sich gerne im Umfeld des Ricardo-Falls mal umhören, Clive“, schlug Mister McKee vor.

„Benny Ricardo starb auf Rikers an einer Überdosis Heroin, obwohl er nie süchtig war“, erinnerte sich Clive. Der flachsblonde Italoamerikaner schlug die Beine übereinander und kratzte sich am Kinn. „Es ist damals vermutet worden, dass er umgebracht wurde, um zu verhindern, dass er noch weitere Geschäftspartner mit hineinreißen kann.“

„Wie auch immer“, fuhr Mister McKee fort. „Grotzky - oder Aarons, ganz wie man will - ist vor fünf Jahren aus dem FBI-Dienst ausgeschieden. Er hat gekündigt und sich zur Ruhe gesetzt, was man auch verstehen kann, wenn man seine Akte gelesen hat. Wer jahrelang im Untergrund gelebt hat, muss wissen, wann es Zeit ist aufzuhören. Allerdings fragt sich so mancher, weshalb er den gut dotierten Job als Dozent an der Akademie von Quantico abgelehnt hat, der es ihm ermöglicht hätte, seine Erfahrungen an angehende Kollegen weiterzugeben.“

„Seltsam ist auch, dass Jack Aarons sein neues Leben als William Grotzky in unmittelbarer Nähe seines früheren Einsatzgebietes begonnen hat, anstatt für eine räumliche Distanz zu sorgen“, gab Clive zu bedenken.

„Ich bin überzeugt davon, dass man ihm beim Ausscheiden etwas anderes geraten hat“, erklärte Mister McKee.

„Was hat er in den letzten fünf Jahren gemacht?“, fragte ich.

„Das ist eine der Fragen, die alle beschäftigen wird, die hier im Raum sitzen, Jesse“, kündigte Mister McKee an. „Man hat bei ihm nämlich insgesamt fünf verschiedene Pässe gefunden. Zwei US-amerikanische, einen schwedischen, einen französischen und einen marokkanischen...“

Das war allerdings bemerkenswert.

„Glauben Sie, dass Grotzky die Seite gewechselt hatte?“, fragte ich.

Mister McKee zuckte die Schultern. „Zu wem auch immer - aber die Vermutung liegt nahe, dass er selbst in dubiose Machenschaften verwickelt war.“

„Vielleicht brauchte er die verschiedenen Pässe einfach nur zu seiner persönlichen Sicherheit“, schlug Milo vor. „Er wäre nicht der Erste, der paranoid wird, weil er weiß, dass irgendein Mafia-Clan hinter ihm her ist...“

„Sicher“, nickte Mister McKee. „Wenn er in den letzten fünf Jahren unter irgendeinem seiner Namen einen Job oder eine Sozialversicherungsnummer gehabt hätte, würde ich zustimmen. Aber das einzige, was er hatte, war ein Bankkonto, auf das ausschließlich in bar eingezahlt wurde. Allerdings immer nur kleine Beträge, die niemandem auffallen und die gerade dazu ausreichten, seine Daueraufträge zu bedienen... Auf der anderen Seite ist er regelmäßig nach Zürich geflogen. Wir vermuten, dass er dort ein Nummernkonto besaß. Nat kümmert sich darum...“

Agent Nat Norton war unser Fachmann für Betriebswirtschaft und ein Spezialist im Aufspüren verborgener Geldströme. Bei so manchem Fall im Bereich des organisierten Verbrechens hatten erst seine Erkenntnisse über wirtschaftliche Verflechtungen die Ermittlungen zum Erfolg geführt.

„Offenbar hat er es vorgezogen sein Geld im Ausland anzulegen“, zog Milo einen nahe liegenden Schluss.

Jedenfalls schien Grotzky ein Mann gewesen zu sein, der sich um keinen Preis in die Karten sehen lassen wollte. Und dafür musste es Gründe geben. Genauso wie für die Kugel in seinem Kopf.

Mister McKee ergriff erneut das Wort. „Max hat für jeden von Ihnen ein Dossier über Grotzky und die wichtigsten Fälle zusammengestellt, dass Sie bitte sorgfältig durcharbeiten. In diesem Fall gibt es so viele mögliche Ermittlungsansätze, dass wir sie unmöglich alle verfolgen können und uns von vorn herein auf die wichtigsten Spuren beschränken müssen.“

4

Das erste, was für Milo und mich jetzt auf dem Programm stand, war eine intensive Lektüre des Dossiers. Zusammen mit Jay und Leslie saßen wir dazu in dem Dienstzimmer, das ich mir mit Milo teilte.

Clive und Orry waren unterdessen bereits nach Yonkers unterwegs, um sich mit Captain George Rigosian vom Yonkers Police Department zu treffen und den Tatort in Augenschein zu nehmen. Unsere FBI-eigenen Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster sollten sie dabei unterstützen.

Die Reihe der Fälle, an denen Grotzky mitgearbeitet hatte oder in denen das FBI auf Grund von Informationen tätig wurde, die letztlich auf seiner Arbeit beruhten, war Ehrfurcht gebietend.

Besonders spektakulär war natürlich der Giacometti-Fall gewesen. Der letzte, in den Grotzky als aktiver Agent involviert war.

Die Ermittlungen hatten eine wasserdichte Beweislage geschaffen, die es dem Staatsanwalt ermöglicht hatte, den Gerichtssaal auf ganzer Linie als Sieger zu verlassen.

Andy Giacomettis Heer aus renommierten Strafverteidigern hatte ihn nicht vor dem harten Urteil bewahren können: Lebenslänglich – unter anderem wegen mehrfacher Verabredung zum Mord. Der große Boss der Giacometti-Familie war für seine besonders rücksichtslose Vorgehensweise bekannt gewesen. Die anderen Delikte, die man ihm vorwarf – Drogenhandel, Geldwäsche, Erpressung so genannter Schutzgelder – nahmen sich dagegen eher harmlos aus.

„Ich finde Giacometti ist der erste Ansatzpunkt!“, meinte Milo. „Er oder jemand aus seinem Clan hätte das Geld und die Kontakte, um Grotzky zu enttarnen und anschließend einen Profi zu engagieren, der ihn umbringt.“

Ich nickte. Milo hatte vollkommen Recht. Man wunderte sich immer wieder, was trotz der strengen Vorschriften alles aus Hochsicherheitstrakten hinein und wieder hinaus wanderte.

Rauschgift zum Beispiel.

Ein Mordauftrag stellte da sicherlich kein Problem dar, das sich nicht irgendwie lösen ließ.

„Wir brauchen eine Liste der Besucher, die Giacometti hatte“, schlug Jay vor. 

„Wir werden uns mal mit ihm unterhalten müssen“, meinte Leslie. „Aber Tatsache ist, dass wir bis jetzt keinen Hinweis haben, der in Giacomettis Richtung zeigt.“

„Und Giacomettis Clan? Ich denke, auch den müssen wir ernst nehmen...“, meinte Milo.

„Sicher“, stimmte ich zu. „Aber bevor wir für allzu großen Wirbel sorgen, sollten wir vielleicht noch etwas mehr über Grotzkys Umfeld in Erfahrung bringen.“

Milo hob die Schultern.

„Was für ein Umfeld, Jesse? Nach den Ermittlungsergebnissen der Kollegen aus Yonkers hatte er in der Gegend keine Bekannten.“

An lebenden Verwandten besaß Grotzky auch nur noch eine Schwester. Den Angaben im Dossier nach waren seine Eltern schon vor etlichen Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Zu seiner Schwester bestand kein Kontakt.

„Setzen wir bei der Mitbewohnerin des zweiten Opfers, dieser Jennifer Allister an“, war mein Vorschlag.

Die anderen sahen mich etwas erstaunt an, während ich das Dossier zuklappte. Ich zuckte die Schultern. „In diesem Fall ist das immerhin so viel versprechend wie jeder andere Ansatz, finde ich. Grotzky hat mit Jennifer Allister und ihren Freundinnen den Abend in einer Diskothek verbracht. Vanessa McKenzie schien ihm am besten zu gefallen, schließlich hat er sie mit nach Hause genommen. Aber das heißt ja nicht, dass Grotzky mit den anderen kein Wort gesprochen hätte. Vielleicht ist denen auch etwas aufgefallen oder sie können uns sagen, ob er öfter in dieser Diskothek anzutreffen war!“

Milo seufzte. „Klingt nicht nach einem schnellen Durchbruch, Jesse.“

„Aber es ist besser als nichts“, erwiderte ich.

5

Leslie und Jay fuhren nach Rikers Island, nachdem Mister McKee dort für sie einen Vernehmungstermin vereinbart hatte. Andy Giacometti wollte auch jetzt nichts ohne seinen Anwalt von sich geben, was das Treffen etwas verzögerte. Die Gefängnisverwaltung sorgte inzwischen dafür, dass alle Unterlagen über die Besuche, die Giacometti in seiner bisherigen Haftzeit erhalten hatte, beim Eintreffen unserer Kollegen vorlagen.

Milo und ich fuhren hingegen nach Yonkers, Jennifer Allister zu befragen.

Zusammen mit Vanessa McKenzie hatte sie sich eine Wohnung im fünften Stock eines Mietshauses mit der Hausnummer 791, Rogers Street geteilt.

Wir parkten den Sportwagen in einer Seitenstraße. Ein paar Minuten später öffnete uns eine junge Frau mit dunklen, langen Haaren die Wohnungstür.

„Jennifer Allister?“, fragte ich.

„Ja.“

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Wir möchten Ihnen paar Fragen stellen, die den Mord an Ihrer Mitbewohnerin betreffen.“

Jennifer Allister schluckte und warf einen kurzen Blick auf die ID-Card, die ich ihr entgegenhielt.

„Kommen Sie herein!“

Sie führte uns ins Wohnzimmer. „Wir haben uns die Wohnung geteilt. Jede von uns hatte ein Zimmer. Wohnzimmer, Küche und Bad haben wir gemeinsam genutzt.“

„Ich würde mir gerne Vanessa McKenzies Zimmer ansehen“, kündigte Milo an.

Jennifer deutete in Richtung einer Tür auf der anderen Seite des Wohnzimmers. „Bitte, Agent Tucker. Die Polizisten, die die Vermisstenanzeige aufnahmen, haben sich dort ebenfalls bereits umgesehen, um nach Hinweisen zu suchen. Aber da war leider nichts...“

Die junge Frau kämpfte spürbar mit den Tränen. Das, was ihrer Mitbewohnerin passiert war, musste einen geradezu traumatischen Eindruck auf sie gemacht haben.

Milo nickte mir kurz zu und verschwand im Nachbarraum. Die Tür ließ er offen stehen, sodass er jedes Wort mitbekommen konnte, das ich mit Jennifer Allister wechselte.

„Setzten Sie sich!“, bot sie mir an und deutete auf die Sitzgruppe. Ich ließ mich auf einer niedrigen Couch nieder. Jennifer verschränkte die Arme vor der Brust. Sie ging zur Fensterfront, blickte gedankenverloren auf die Straße hinunter und wischte sich kurz die Augen. Dann hatte sie ich wieder vollkommen gefasst. Sie drehte sich herum und setzte sich in einen der Sessel.

„Alles in Ordnung, Miss Allister?“

„Es geht schon. Aber es ist nicht so einfach. Vanessa und ich waren eng befreundet.“

„Ich verstehe, was Sie durchmachen. Aber jetzt geht es darum, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die für den Tod Ihrer Freundin verantwortlich sind.“

„Wenn ich Ihnen dabei helfen kann...“

„Das werden wir sehen. Wir gehen davon aus, dass das eigentliche Ziel des Mordanschlags Mister William Grotzky war...“

„Der Mann, mit dem Vanessa am Abend mitgegangen ist.“

„Ja.“

„Dann war sie einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort?“

„So sieht es aus. Und darum ist es wichtig, dass Sie mir jede Einzelheit jenes Abends schildern, an dem Vanessa William Grotzky kennen gelernt hat.“

„Wir wollten uns mit ein paar Freundinnen an diesem Abend amüsieren und sind dazu ins ‚La Guapa’ gegangen. Da wird Latino-Musik gespielt. Wir wollten so richtig abtanzen, was vielleicht ein bisschen seltsam klingen mag...“

„Wieso?“

„Na, weil Vanessa und ich schon beruflich mit dem Tanzen zu tun haben. Ich habe eine Nebenrolle in einem Broadway Musical. Und Vanessa verdiente ihr Geld im ‚Plaisir’, eine Table Dance Bar in Alphabet City – Avenue B, glaube ich. Genau weiß ich das aber nicht mehr, denn ich bin nur einmal dort gewesen. Vanessa hatte mich mitgenommen, damit ich sehe, wie das da so abläuft. Sie meinte, das wäre doch vielleicht auch etwas für mich, so nebenbei an meinen spielfreien Abenden. Aber ich habe schnell gemerkt, dass das einfach nicht meine Welt ist, obwohl ich das Geld sehr gut hätte gebrauchen können.“ Sie seufzte. „Was glauben Sie, warum ich hier oben in Yonkers wohne und täglich in den Big Apple fahre? Aber diese halbe Wohnung hier ist alles, was ich mir leisten kann. Jetzt, nachdem Vanessa nicht mehr da ist, werde ich entweder eine neue Mitbewohnerin finden oder mir was anderes suchen müssen.“

„Kommen wir zurück zu dem Abend, als Sie Vanessa zum letzten Mal sahen“, versuchte ich das Gespräch wieder auf die Dinge zu lenken, die mir wichtig erschienen. Immerhin redete sie sich langsam warm und schien Vertrauen fassen zu können.

„Dieser Grotzky hatte Vanessa schon früher fasziniert. Wir kannten ihn nur flüchtig und unter seinem Vornamen – William.“

„Das heißt, Grotzky ging öfter in das ‚La Guapa’?“, vergewisserte ich mich.

„Ja, er war häufig dort. Vanessa und ich sind seit einem halben Jahr etwa alle ein bis zwei Wochen für einem Abend dort gewesen und ich würde sagen, jedes zweite oder dritte Mal haben wir auch William dort getroffen. Vanessa glaubte, dass er reich sein müsste.“

„Weshalb?“

„Maßanzug, Rolex, großzügige Trinkgelder für die Angestellten des ‚La Guapa’... Außerdem fuhr er einen Wagen, der sehr teuer aussah. Ich kenne mich damit nicht aus, aber es war irgend so ein sportliches Ding mit lautem Motor, bei dem die Türen nach oben aufgehen.“

„An diesem Abend sind Vanessa McKenzie und William Grotzky sich also näher gekommen“, fasste ich zusammen.

„So kann man es ausdrücken. Geflirtet hatten sie vorher schon hin und wieder mal miteinander, aber an diesem Abend muss der Blitz eingeschlagen haben. Die beiden waren richtig unzertrennlich und schließlich hat Vanessa mir gesagt, dass sie die Nacht bei William verbringen wollte. Sie hat versprochen, dass sie mich am nächsten Morgen anruft. Das hat sie auch getan.“ Sie schluckte, kämpfte erneut mit den Tränen und strich sich mit einer fahrigen Geste eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. „Sie meldete sich und sagte,  William sei kurz weg, um ein paar Zutaten zum Frühstück vom Supermarkt um die Ecke zu besorgen. Das fand sie besonders süß, weil er ihr zuvor erzählt hätte, er sei ein Morgenmuffel und würde normalerweise vor dem Mittag nicht aus den Federn kommen. Dann meinte Vanessa plötzlich, sie müsse jetzt Schluss es machen, jemand sei an der Tür. Sie hat dann aufgelegt und versprochen, sich später noch mal zu melden. Leider hatte sie nicht gesagt, wo sie sich befand. Keine Adresse – gar nichts.“ Jennifer sah mich offen an. „Darum hat es fast eine Woche gedauert, bis man sie gefunden hat. Und wenn man zur Polizei geht und sagt, dass die beste Freundin sich bis über beide Ohren verliebt hat und mit ihrem Traumprinzen untergetaucht ist, anstatt sich zu melden, spornt das die Cops auch nicht gerade an, sich richtig ins Zeug zu legen. Die halten einen doch gleich für hysterisch.“

„Überlegen Sie mal, ob Ihnen sonst noch irgendetwas im Zusammenhang mit William Grotzky einfällt. Kennt ihn dort im ‚La Guapa’ irgendjemand etwas besser?“

Sie zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Einer der Barmixer – Ron – kennt seine Lieblingsdrinks auswendig, aber das will nichts heißen. Ich habe gesehen, dass Ron das auch bei anderen Gästen weiß, die etwas öfter kommen. Der muss ein phänomenales Gedächtnis haben.“

„Sie sagen, dass Sie ihn des Öfteren im ‚La Guapa’ gesehen haben.“

„Ja.“

„Ist Ihnen irgendwer aufgefallen, mit dem er sich sonst noch etwas näher beschäftigt hat?“

„Ja. Da war ein Typ mit einem ziemlich langen Schnauzbart, der so dicht und lang war, dass man die Lippen nicht sehen konnte. Vollkommen schwarz war dieser Schnauzbart, aber auf dem Kopf hatte er nur noch einen schmalen Haarkranz. Wenn ich so darüber nachdenke...“

Eine Pause entstand.

„Sagen Sie ruhig, was Ihnen gerade in den Sinn kommt. Ob das wichtig ist, kann man ohnehin immer erst später sagen. Aber da wir so gut wie nichts darüber wissen, was William Grotzky in den letzten fünf Jahren gemacht hat, ist für uns jeder noch so vage Hinweis wichtig!“

„Grotzky hat sich mehrfach mit diesem Schwarzbart getroffen. Wir haben uns ein bisschen über den Kerl lustig gemacht und herumgealbert. Vanessa meinte, der könnte mit den langen Haaren unter seiner Nase doch wohl nie im Leben einen Drink nehmen, ohne sich einzusauen.“

„Wissen Sie, wie der Mann hieß? Er könnte für uns ein wichtiger Zeuge sein.“

Sie schüttelte entschieden den Kopf. „Jedenfalls war er nie besonders lange dort. Einmal habe ich gesehen, wie er William einen Umschlag gab. Aber jetzt fragen Sie mich bitte nicht, was drin wer! Ich bin schließlich keiner Hellseherin.“

„Wann war das?“, hakte ich sofort nach.

„Ist schon ein bisschen her. Vier oder sechs Wochen vielleicht. Ach ja, Vanessa meinte, dass sie den Typ mit dem Schnauzbart schon einmal im ‚Plaisir’ angetroffen hätte. Offenbar ist er von Geschäftsfreunden dort hin geschleppt worden. Vanessa meinte, der Typ sei völlig verschüchtert gewesen und hätte gar nicht gewagt richtig hinzuschauen, als sie vor ihm auf dem Tisch getanzt hätte! So etwas hätte sie noch nie erlebt!“

Milo kam inzwischen aus Vanessa McKenzies Zimmer heraus.

„Was gefunden, Milo?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Nichts, was uns irgendwie einen Schritt voran brächte!“

Ich wandte mich wieder an Jennifer Allister und sagte: „Wir brauchen noch Namen und Adressen Ihrer beiden anderen Freundinnen, die an dem besagten Abend sich mit Ihnen zusammen im ‚La Guapa’ amüsierten.“

„Ja, natürlich. Rita Jackson wohnt in der Nummer 133, Cumberland Road hier in Yonkers und Kimberley Smith wohnt in New Rochelle, 124 Washington Drive.“

Ich schrieb mir die Adressen der beiden Frauen auf. „Wir möchten Ihnen einen Zeichner hier her schicken. Er heißt Agent Prewitt und soll mit Ihnen zusammen ein Phantombild des Mannes mit dem Schnauzbart anfertigen.“

„Ich nehme an, Ihr Kollege Prewitt wird nicht wirklich noch den Bleistift zu Hand nehmen?“, meinte Jennifer Allister.

„Nein, Agent Prewitt arbeitet in der Regel mit dem Laptop“, erwiderte ich  freundlich.

Milo telefonierte mit dem Field Office, damit unser Phantombildzeichner her beordert wurde.

Ich gab Jennifer Allister meine Karte.

„Vielleicht fällt Ihnen ja noch irgendetwas ein, was uns weiter bringen könnte!“

Sie nickte. „Ich hoffe, Sie finden den oder die Täter!“

„Das werden wir!“, versprach ich.

Milo warf mir einen skeptischen Blick zu.

6

Ein Wachmann führte unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell über einen breiten Korridor.

Jay Kronburg überflog dabei kurz die Liste der Besuchskontakte, die Andy – eigentlich Andrea – Giacometti in den bisherigen Jahren seiner Haft gehabt hatte.

„Na, neue Erkenntnisse?“

„Ich dachte immer, Andrea wäre ein Mädchenname.“

„Nicht im Italienischen, Jay.“

„Klingt aber eigenartig!“

„Frag Clive, der wird dir das bestätigen!“

Der Wachmann öffnete die Tür zum Besprechungszimmer.

Andy Giacometti war bereits hereingeführt worden. Ein großer, übergewichtiger Mann, dessen Kopf abgesehen von einem Haarkranz vollkommen kahl war.

Sein Anwalt war dagegen klein und drahtig. Er stellte sich als Nelson Brusco vor und gab Jay einen Händedruck, mit dem er gleich zu verstehen geben wollte, wer es zu sagen hatte.

Jay wandte sich direkt an Giacometti.

„Mein Name ist Special Agent Jay Kronburg. Dies ist mein Kollege Leslie Morell.“

Giacometti verzog das Gesicht zu einer zynischen Maske.

„Ist ‚Leslie’ nicht eigentlich ein Frauenname?“, wandte er sich an den G-man.

„Sowohl als auch – und für Sie bin ich ohnehin nur Agent Morell“, lautete die frostige Antwort. In Gedanken fügte Leslie hinzu: Das musst du gerade fragen, Andrea.

„Mister Giacometti wird von seinem Recht Gebrauch machen, keine Aussage zu machen“„, erklärte Brusco. „Im Übrigen habe ich Beschwerde dagegen eingereicht, dass er überhaupt in dieser Sache vernommen wird.“

Jay und Leslie wechselten einen erstaunten Blick.

„Mit welcher Begründung?“, fragte Jay.

„Mitarbeiter Ihrer Behörde beabsichtigen offenbar, meinen Mandanten zu schikanieren und missbrauchen dabei ihre Befugnisse.“

Jay lächelte dünn. „Das ist doch chancenlos, Mister Brusco!“

„Im Übrigen wird Ihr Mandant zunächst noch nicht als Beschuldigter vernommen“, erklärte Leslie. „Wir haben lediglich vor, ihm ein paar Fragen zum Tod von Ex-Special Agent Jack Aarons zu stellen.“

„Der sich später Grotzky nannte?“, mischte sich jetzt Andy Giacometti mit einem breiten Grinsen ein.  „Wie war noch der Vorname? Warren oder Wayne? Nein, William – richtig?“

„Mister Giacometti, es ist besser, wenn Sie nichts sagen“, fand Brusco.

Aber der Gefangene machte mit einer seiner gewaltigen Pranken eine wegwerfende Handbewegung. „Warum denn nicht? Das ist doch nur ein informelles Gespräch, wenn ich die G-men richtig verstanden habe.“

„Woher wussten Sie von Jack Aarons neuer Identität?“

„Ich bin ein gut informierter Mensch, Mister...“

„Agent Kronburg.“

„Sie glauben ja gar nicht, was hier drinnen alles so erzählt wird. Sie brauchen nur in der Gefängniskantine sitzen und die Lauscher sperrangelweit geöffnet lassen, dann erfahren Sie Dinge, für die Ihr G-men wahrscheinlich eine monatelange Ermittlungsarbeit in Gang setzen müsstet!“ Er kicherte.

„Sie haben nicht zufällig Ihre Leute auf die Suche geschickt, um Aarons alias Grotzky aufzuspüren?“, fragte Jay.

„Welche Leute? Ich bin ein Gefangener!“

„Sie wissen schon genau, wie ich das meine. Ihr Sohn Michael gilt als Ihr Nachfolger. Und außerdem sagt man, dass er Ihnen treu ergeben ist und Ihnen die Wünsche von den Augen abliest.“

„Michaels Geschäfte sind legal – und wenn es anders wäre, dann hätten Sie ihn längst verhaften lassen. Dass ein Sohn sich um seinen zu Unrecht verurteilten Vater kümmert, dürfte nicht allzu außergewöhnlich sein, oder?“

Jay Kronburg atmete tief durch. Sein Kopf war dunkelrot angelaufen. Dass dieser Mann wahrscheinlich noch immer nur mit dem Finger zu schnipsen brauchte, wenn er glaubte, dass jemand den Tod verdient hatte, ärgerte den ehemaligen Cop.

Leslie ergriff jetzt das Wort.

„Die Sache stellt sich für uns folgendermaßen dar: Sie haben Aarons seinerzeit blutige Rache geschworen. Jetzt ist er tot – wahrscheinlich ermordet von einem gedungenen Profi-Killer. Dass wir da zuerst zu Ihnen kommen, dürfte Sie doch nicht überraschen!“

„Glauben Sie, ich bin der Einzige, der diesen Aarons oder Grotzky oder wie immer er sich noch genannt haben mag, lieber heute als morgen tot gesehen hätte?“

„Haben Sie etwas mit seinem Tod zu tun?“

„Nein!“, fauchte Giacometti. „Auch wenn Sie mir ohnehin nicht glauben werden! Aber überlegen Sie mal, was ich denn noch zu verlieren hätte, wenn man mir noch mal 25 Jahre für eine Anstiftung zum Mord aufbrummt?“

„Wir können Ihnen gegenwärtig nicht das Gegenteil beweisen“, erwiderte Leslie kühl.

„Noch nicht“, ergänzte Jay.

„Sag ich doch!“, blaffte Giacometti. „Und jetzt erwarten Sie von mir nicht noch irgendeine Äußerung der Anteilnahme! Wer immer Jack Aarons alias sonst wer umgenietet hat, verdient in meinen Augen eine Auszeichnung! Sollte ich jemals Hafturlaub bekommen – was noch etwas unwahrscheinlicher als ein Hauptgewinn im Lotto ist – dann würde ich den dazu nutzen, auf sein Grab zu spucken!“

„Ihre Abneigung gegen Grotzky habe ich verstanden“, sagte Leslie eisig. „Aber bei dem Anschlag kam auch eine junge Frau ums Leben, die mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte.“

„Sehen Sie! Wenn ich dahinter stecken würde, hätte ich jemanden engagiert, er die Angelegenheit perfekt über die Bühne gebracht hätte. Wirklich perfekt!“

„Okay, gehen für einen Moment mal davon, dass Ihre Aussage der Wahrheit entspricht und Sie tatsächlich nichts mit dem Mord an Grotzky zu tun haben, dann haben Sie vielleicht etwas davon gehört. Da Sie doch ein so gut informierter Mensch sind, wie Sie vorhin gesagt haben.“

„Vergessen Sie es! Erstens hat der Täter meine Sympathie. Mag er ein Stümper sein, der Unbeteiligte in Mitleidenschaft zieht oder nicht. Das ändert nichts daran, dass ich ihn persönlich beglückwünschen würde, wenn er mir begegnete!“

„Mein Mandant hat kein Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Justiz“, mischte sich nun wieder Nelson Brusco ein. „Es sei denn, Sie könnten ihm eine erhebliche Verbesserung seiner Situation anbieten, aber alle Gespräche in diese Richtung hat die Staatsanwaltschaft seinerzeit abgebrochen!“

„Weil die Beweislage so eindeutig war, dass es keinerlei Zweifel an Mister Giacomettis Verurteilung geben konnte“, wandte Leslie ein. „Warum hätte der Staatsanwalt Ihnen also ein Angebot machen sollen?“

„Und warum sollte mein Mandant Ihnen jetzt helfen?“

Leslie beachtete den Anwalt nicht weiter, sondern richtete seine Worte direkt an Giacometti. „Wenn der begründete Verdacht vorliegt, dass Sie aus Ihrer Zelle heraus Morde in Auftrag geben, müssen Sie damit rechnen, in das Bundesgefängnis eines anderen Staates verlegt zu werden. Ich weiß nicht, wie wichtig Ihnen der Kontakt zu Ihrer Familie in New York ist!“

„Bastard!“, knurrte Giacometti.

An den Anwalt gerichtet, fuhr Leslie fort. „Es liegt also im Interesse Ihres Mandanten, diesen Verdacht auszuräumen und uns alles zu sagen, was er an sachdienlichen Hinweisen eventuell beitragen kann. Ich schlage vor, Sie machen das Mister Giacometti klar. Es mag zwar sein, dass er keine Chance mehr hat, zu seinen Lebzeiten in die Freiheit entlassen zu werden, aber es kann ihm nicht gleichgültig sein, unter welchen Haftbedingungen und wo er den Rest seines Lebens verbringen muss!“

7

„Das Haus ist so seelenlos wie ein Hotelzimmer“, meinte Orry, während er sich zusammen mit Clive Caravaggio im Schlafzimmer umsah. Beide Agenten hatten Latexhandschuhe übergestreift, um die Spurenlage nicht zu verfälschen. Das Wohnzimmer wurde gerade von den FBI-Erkennungsdienstlern Mell Horster und Sam Folder unter die Lupe genommen.

„Du hast recht, Orry“, meinte Clive. „Keine Zeitschrift, kein Computer oder irgendetwas anderes, das eine persönliche Note hätte.“

„Fast könnte man meinen, dass Grotzky mit der Möglichkeit rechnete, jeden Moment untertauchen zu müssen.“

„Und dabei wollte er möglichst keine Spuren hinterlassen!“

„Wir haben noch nicht einmal ein Telefonregister gefunden. So kann doch kein Mensch leben!“

„Grotzky konnte es offenbar. Oder er war nicht oft hier.“

„Warten wir mal auf den Einzelverbindungsnachweis der Telefongesellschaft. Vielleicht bringt uns der ja ein Stück weiter.“

Clive zuckte die Schultern und ließ noch mal den Blick durch das Schlafzimmer schweifen. Die Gegenstände, die man eindeutig persönlich hatte zuordnen können, hatten Vanessa McKenzie gehört. Eine Handtasche, eine Uhr mit der Aufschrift GOOD LUCK FOR EVER und diverse andere Kleinigkeiten wie zum Beispiel einen Lippenstift.

Clive öffnete den Kleiderschrank.

Grotzkys Sachen hingen fein säuberlich aufgehängt da. Ein paar Hosen, Hemden, Jacketts und ein Mantel.

„Es wurden überall die Etiketten entfernt“, stellte Clive fest.

„Ich verstehe ja, dass Grotzky Angst vor der Mafia hatte, aber das erscheint mir dann doch übertrieben!“

„Tatsache ist, dass wir noch immer so gut wie nichts über Jack Aarons’ Leben als William Grotzky wissen, obwohl wir in seinem Haus stehen.“

„Zusammen mit den Pässen verschiedener Nationalität, die Grotzky bei sich trug, ergibt das ein ganz eigenartiges Bild. Fast, als wäre er in den letzten fünf Jahren noch immer im aktiven Undercover-Einsatz.“

„Ich meine, wir haben ihn ja während des Ricardo-Falls etwas kennen gelernt...“, begann Orry.

„Das habe ich auch gedacht. Aber jetzt bezweifle ich, ob irgendetwas, was wir über ihn zu wissen glaubten, überhaupt noch haltbar ist, Orry.“

Die beiden G-men wechselten einen kurzen Blick.

„Mal ehrlich, du hast auch schon darüber nachgedacht, ob Grotzky nicht etwas auf eigene Rechnung am laufen hatte, Clive!“

„Der Sportwagen, den er fuhr, hat ein Vermögen gekostet, dass Nummernkonto in der Schweiz, die konspirativen Umstände, unter denen er hier gelebt hat...“

„Passt doch alles zusammen oder?“

„Unsere Gehälter betragen ein Bruchteil von dem, was ein halbwegs cleverer Drogenhändler verdienen kann“, gab Orry zu bedenken.

„Allein für das Geld macht auch das niemand, Orry! Du musst schon daran glauben, dass es richtig ist, für das Recht einzutreten.“

„Vielleicht war Grotzkys Idealismus irgendwann erschöpft.“

„Kann ich mir schwer vorstellen!“

„Weil du von dir ausgehst. Aber versuch das ganze Mal aus seiner Sicht zu sehen! Grotzky hat jahrelang sein Leben für ein paar Dollars riskiert. Und jetzt wollte er vielleicht einfach mal selbst etwas vom großen Kuchen abbekommen. Er war bei Drogendeals dabei, wo die Scheine Kofferweise den Besitzer gewechselt haben. Da kommt dir doch automatisch der Gedanke, dass du vielleicht auf der falschen Seite stehst und dir deine Rechtschaffenheit am Ende nichts bringt!“

„Also mir kam dieser Gedanke bisher nicht!“

Die beiden Agenten gingen zurück ins Wohnzimmer.

Die Positionen der Leichen waren mit Kreide markiert.

„Na, irgendetwas Bedeutendes gefunden?“, fragte Sam Folder.

Orry schüttelte den Kopf. „Man könnte denken, dass hier niemand gewohnt hat. Das Heim eines Spions oder so etwas.“

„Es gibt immer irgendwelche Spuren“, widersprach der Erkennungsdienstler. Sam deutete auf einen drehbaren Ledersessel. „Dort muss der Täter gesessen haben“, stellte er fest. „Er ist außerdem Rechtshänder. An der rechten Armlehne waren Schmauchspuren, deren Lage Rückschlüsse auf die Länge des Unterarms zulassen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass unser Täter größer als ein Meter neunzig ist und vermutlich ein Mann.“

„Hat er im Sessel gesessen und seelenruhig abgewartet, bis sein Opfer zur Tür hereinkam?“

„Ja“, bestätigte Sam. „Mell hat im Flur einen winzigen Blutspritzer mit Luminol sichtbar machen können, der nahe legt, dass die Frau bereits hier erschossen wurde. Sie hat dem Täter die Tür geöffnet und ist zurückgewichen. Er hat sie  erschossen und anschließend ins Wohnzimmer geschleift. Grotzky wiederum hat ja, wie wir nach dem Bericht des Yonkers Police Department wissen, versucht, noch eine Waffe zu ziehen.“

Im Flur hörte man die Stimmen von Mell Horster und Captain George Rigosian. 

Clive ging hinaus und wandte sich an den Mann des Yonkers Police Department. „Wir werden im großen Stil die Nachbarschaft befragen müssen. Vielleicht könnten Sie uns mit Ihren Leuten unterstützen, damit wir schneller zu einem Ergebnis kommen.“

Rigosian nickte. „Natürlich, dürfte kein Problem sein. Aber ich glaube nicht, dass dabei allzu viel herauskommt. Die meisten Leute, die in dieser Gegend wohnen, arbeiten im Big Apple und müssen schon früh aus dem Haus, um ihre Büros zu erreichen.“

„Vermutlich hat sich Grotzky diese Gegend genau aus diesem Grund ausgesucht!“

„Ein ruhiges Plätzchen hatte er hier jedenfalls“, gab Rigosian zu.

„Hat man eigentlich bei Vanessa McKenzie und William Grotzky Mobiltelefone gefunden?“, fragte Clive.

„Nein“, erklärte Rigosian. „Tut mir leid, aber das ist uns hier gleich aufgefallen, zumal Vanessa McKenzie ganz sicher ein Handy besaß. Es handelte sich um ein ganz normales Gerät, das über den Vertrag mit einem Mobilfunkanbieter betrieben wurde. In der Zeit, als die junge Frau vermisst wurde, haben wir versucht, sie durch Anpeilung ihres Gerätes zu orten, aber es war wohl abgeschaltet.“

„Hatte sie es gar nicht bei sich?“

„Unwahrscheinlich. Ich selbst habe mich in ihrem Zimmer umgesehen. Da war kein Handy, aber ihre Mitbewohnerin Jennifer Allister hat mir erklärt, dass ihre Freundin das Handy an dem Abend, als sie mit Grotzky nach Hause fuhr, auf jeden Fall bei sich hatte.“

„Und was ist mit Grotzky? Es fällt mir schwer anzunehmen, dass ein Mann wie Grotzky überhaupt kein Mobiltelefon besaß.“

„Vielleicht hatte er ein Prepaid-Handy, das der Täter mitgenommen hat, weil er befürchtete, dass sich im Menue irgendwelche Nummern befinden, die auf seinen Auftraggeber hinweisen.“

Clive hob die Augenbrauen. „Deshalb hat der Killer vielleicht sicherheitshalber Vanessa McKenzies Gerät auch gleich mitgenommen.“

„Das wäre eine Erklärung“, bestätigte Captain Rigosian. „Kannten Sie ihn persönlich? Er war immerhin FBI-Agent.“

„Nur flüchtig“, antwortete Clive. „Offiziell war er nur für kurze Zeit unserem Field Office zugeteilt. Und im übrigen lassen mich die Dinge, die wir bisher über ihn herausgefunden haben, bereits an dem wenigen zweifeln, was ich über ihn zu wissen glaubte...“

Rigosian rieb sich das Kinn. „Wenn Sie mich fragen, dann hat er gelebt wie jemand, der das CIA-Handbuch für das Verhalten von Agenten im Auslandseinsatz sehr intensiv gelesen hat.“

8

Milo und ich fuhren die Adressen von Rita Jackson und Kimberley Smith an, den beiden anderen jungen Frauen, die sich am Abend vor dem Doppelmord zusammen mit Vanessa McKenzie und Jennifer Allister im ‚La Guapa’ vergnügt hatten.

Jennifer Allister war sehr kooperativ. Sie gab uns nicht nur die Adressen ihrer Privatwohnungen, sondern auch Name und Adresse der jeweiligen Arbeitgeber.

Zwischendurch erreichte uns ein Anruf von Clive, der uns bat, bei den Aussagen der Freundinnen noch einmal zu überprüfen, ob Vanessa McKenzie ein Handy an dem Abend im  ‚La Guapa’ bei sich gehabt hatte.

Rita Jackson trafen wir zu Hause in ihrer Wohnung an. Sie wirkte vollkommen verstört. Von Vanessas Tod hatte sie durch Jennifer Allister erfahren. Als sie uns die Tür öffnete, waren ihre Augen rot geweint.

Im Wesentlichen bestätigte sie die Aussage von Jennifer Allister. Außerdem erklärte sie, dass Vanessa McKenzie ein Handy bei sich gehabt hatte.

„Ich weiß das ganz sicher. Sie hat nämlich so einen auffälligen Klingelton gehabt und das Ding ging dreimal in der Viertelstunde, weil sie alle paar Minuten eine SMS bekam. Sie erhielt an dem Abend auch einen Anruf. Keine Ahnung, wer das war. Sie meinte nur nach kurzer Zeit, sie müsste Schluss machen, der Akku sei fast leer. Aber ich glaube nicht, dass das wirklich stimmte.“

„Wie war es denn Ihrer Meinung nach?“, hakte Milo nach.

„Na, sie wollte diesen Typen nicht aus den Augen lassen – William! Ich glaube sie hat gedacht, mit ihm wirklich das große Los ziehen zu können. Ich meine, so viele Ferrari-Fahrer, die auch noch Charme haben, gibt es im ‚La Guapa’ ja nun auch nicht, oder?“

Später suchten wir noch die Adresse von Kimberly Smith auf. Sie war allerdings nicht zu Hause und so trafen wir sie in einer Snack Bar an, wo sie am Tresen stand und Hot Dogs verkaufte.

Das Gespräch mit ihr ergab keine neuen Aspekte.

Als wir das ‚La Guapa’ aufsuchten, war dort noch niemand anzutreffen, was mitten am Nachmittag auch kein Wunder war. Allerdings hatten wir gehofft, dass vielleicht schon  Lieferbetrieb herrschte und wir mit dem einen oder anderen Angestellten sprechen konnten.

„Das werden wir ein anderes Mal nachholen müssen, Jesse“, meinte Milo.

„An sich würde ich jetzt sagen, dass wir uns Grotzkys persönliches Umfeld mal vornehmen sollten“, gab ich zurück.

Milo grinste.

„Von welchem Umfeld sprichst du?“

Er hatte natürlich Recht. Aus dem Dossier, das uns Max Carter zusammengestellt hatte, wussten wir, dass er abgesehen von einer Schwester, die an der Westküste lebte, keinerlei Verwandtschaft mehr hatte. Seine Eltern waren schon vor Jahren verstorben und von seiner Frau hatte er sich bereits scheiden lassen, als er noch aktiver FBI-Agent gewesen war. Sie hieß Elizabeth Aarons und war nach der bereits acht Jahre zurückliegenden Scheidung nach Houston Texas gezogen.

„Bleibt uns im Moment als weiterer Ansatzpunkt eigentlich nur das ‚Plaisir’ – Vanessa McKenzies Arbeitsplatz!“

„Die Table Dance Bar in der Avenue B? Der Typ mit dem Schnauzbart, der Grotzky einen Umschlag gegeben hat, soll ja angeblich auch mal dort gewesen sein.“

„Und du meinst, dort erinnert sich jemand an ihn?“

„Wenn er sich so aufgeführt hat, wie Jennifer Allister uns das berichtete, ja.“

Milo seufzte. „Jetzt sind wir schon auf Aussagen angewiesen, die letztlich auf Hörensagen basieren, Jesse! Für mich klingt das noch nicht so, als wären wir schon auf der richtigen Spur!“

9

Wir fuhren zurück nach New York und erreichten am späten Nachmittag die Avenue B im East Village. Den Bereich um die Avenue A, B, C, und D nennt man auch Alphabet City. In den letzten Jahren waren hier Dutzende von Bars, Discotheken und Nachtclubs aus dem Boden geschossen, darunter auch das ‚Plaisir’. Es war ein offenes Geheimnis, dass ein Teil dieser Etablissements unter der Kontrolle der Syndikate standen und zur Geldwäsche und als Umschlagplätze für den Drogenhandel dienten.

Wir hatten unterwegs genug Zeit, um uns telefonisch mit unserem Innendienstler Max Carter kurzzuschließen. Außerdem hatten wir über das in den Sportwagen integrierte Laptop mit TFT-Bildschirm die Möglichkeit, Zugang zum Datenverbundsystem NYSIS zu bekommen.

Das Ergebnis ließ uns aufhorchen.

„Das ‚Plaisir’ gehört einem Mann namens Vic Ellings. Er gilt als Strohmann von Michael Giacometti, dem Junior-Chef des Giacometti-Clans“, sagte uns Max Carter per Telefon.

Wir hatten im Sportwagen die Freisprechanlage eingeschaltet, so dass Milo und ich beide mithören konnten.

„Also stellt dieser Schnauzbart-Träger eine Verbindung zwischen Grotzky und dem Giacometti-Clan dar!“, schloss ich.  „Das klingt interessant.“

„Aber auch ein bisschen widersprüchlich“, meinte Milo. „Wenn ich an Grotzkys Stelle gewesen wäre, hätte ich zu allem, was mit den Giacomettis zu tun hat, einen weiten Bogen gemacht“

„Warten wir mal“, erwiderte ich. „Allerdings ist das schon etwas eigenartig: Eine Stripperin, die in einem Club tanzt, der unter der Kontrolle der Giacomettis steht, setzt alles daran, bei William Grotzky zu landen...“

„Du meinst, sie wurde auf ihn angesetzt?“

„Kannst du es ausschließen, Milo?“

„Der Giacometti-Clan steht sowieso ganz oben auf der Verdächtigen-Liste in diesem Mordfall!“

„Du sagst es.“

„Sie könnte den Killer herbeigerufen haben.“

„Darum hat er auch ihr Handy verschwinden lassen“

Ich nickte. „Genau.“

„Aber wenn Vanessa eine Komplizin war – weshalb hat der Killer sie dann erschossen?“

„Aus Gründen der eigenen Sicherheit. Er wollte keine Zeugen.“

„Die Sache hat nur einen Haken, Jesse!“

„So?“

„Bislang haben wir nicht den kleinsten Hinweis darauf, dass auch Vanessa McKenzie ein kriminelles Doppelleben führte. Dass sie in einem Lokal tanzt, dessen wahrer Besitzer ein Mafiosi war, reicht bei weitem nicht für so eine Annahme!“

„Jedenfalls können wir sicher sein, dass alles, was wir Vic Ellings gegenüber äußern, brühwarm bei Michael Giacometti landen wird...“

„...und etwas später auch bei seinem Vater auf Rikers Island!“, stimmte Milo mir zu.

„Ich bin gerade dabei, sämtliche Morde zu analysieren, die bisher in irgendeinen Zusammenhang mit der Giacometti-Familie gebracht wurden“, meldete sich Max Carter. „Wenn dieser Clan tatsächlich dahinter steckt, ist es sehr wahrscheinlich, dass für die Durchführung jemand engagiert wurde, der schon einmal für die Familie gearbeitet hat.“

10

Ich stellte den Sportwagen irgendwo zwischen  die Lieferantenfahrzeuge, die vor dem ‚Plaisir’ alles blockierten. Wir stiegen aus und gingen in Richtung Haupteingang.

Ein breitschultriger Kerl stand davor herum und schien Wache zu halten. Er hatte eine muskulöse Bodybuilder-Figur, jedoch einen recht stumpf wirkenden Blick. Aber als er uns sah, wurde er wacher und war gleich auf seinem Posten.

„Wir haben noch nicht geöffnet!“, knurrte er uns entgegen und stellte sich breitbeinig in den Weg.

„Das macht nichts“, meinte ich. „Wir kommen auch nicht zum Vergnügen her.“

„So? Da wären Sie aber die Ersten!“

Er grinste und musterte uns eingehend.

Sein Jackett saß ziemlich eng und drohte vor lauter Muskeln beinahe zu bersten. Außerdem war er offenbar ziemlich angriffslustig. Er kam etwas näher und zeigte seine zwei Reihen makelloser Zähne. „Ich habe den Eindruck, Sie beide verschwinden besser!“, zischte er.

Sein Grinsen erstarb aber schon in der nächsten Sekunde, als Milo ihm Gelegenheit gab, einen Blick auf seinen Dienstausweis zu werfen.

Der Koloss kniff die Augen zusammen. „FBI?“

„Genau.“

„Wir sind hier ein sauberer Laden!“

„Bis jetzt hat das niemand bestritten!“, sagte ich.

„Vielleicht sagen Sie Mister Ellings, dass wir ihn gerne gesprochen hätten“, forderte Milo. „Glauben Sie mir, es ist besser für ihn.“

Er schien sich einen Moment lang unsicher zu sein. Dann nickte er.

„Kommen Sie mit!“, knurrte er.

Er führte uns durch die Bar. Ein paar puertoricanische Raumpflegerinnen waren gerade damit beschäftigt, den Boden  zu wienern und schwatzten dabei ziemlich lautstark auf Spanisch durcheinander.

Hinter dem Tresen stand einer der Barkeeper. Er schien gerade erst angekommen zu sein, denn er trug noch eine Lederjacke. Vielleicht konnten wir ihn nachher noch befragen. Es jetzt zu tun, wäre reine Zeitverschwendung gewesen. Er würde nichts sagen, ohne dass sein Boss ihm vorher die Erlaubnis gegeben hätte, den Mund aufzumachen.

Milo und ich wurden durch einen schmalen Korridor in einen Büro-Raum geführt.

Und dort residierte Vic Ellings, der Besitzer des ‚Plaisir’.

Offiziell jedenfalls.

„Trevellian, FBI!“, stellte ich mich vor, hielt ihm meine Marke unter die Nase und deutete auf Milo. „Das ist mein Kollege Milo Tucker.“

Ellings war mittelgroß mit Bauchansatz. Er wirkte untersetzt und sein Haar hatte sich in den letzten Jahren gelichtet. Oder die Fotos, die ich von ihm auf dem TFT-Bildschirm im Sportwagen gesehen hatte, waren schon etwas älter.

Jedenfalls kniff er die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und es war ihm förmlich anzusehen, wie er seinen Ärger über unser Auftauchen nur mühsam herunterschlucken musste.

„Was wollen Sie?“, fragte er mürrisch.

„Ein Gespräch unter sechs Augen“, sagte ich. Hinter mir stand der Koloss. Er stand so nahe, dass sein Atem mir in den Nacken blies. „Das bedeutet, hier sind noch zwei Augen zuviel.“

Ellings nickte seinem Rausschmeißer zu.

„Lass uns allein, Josh.“

Der Kerl grunzte etwas Unverständliches und verschwand. Zweifellos wartete er draußen, bis wir fertig waren, und sobald Ellings sich bedroht fühlte, würden wir es mit dieser lebenden Kampfmaschine zu tun bekommen.

„Haben Sie irgendeinen Durchsuchungs- oder Haftbefehl vorzuweisen?“, fragte Ellings.

„Nein“, sagte ich.

Er lachte heiser. „Dann frage ich mich, was Sie hier suchen! Agent Trevellian, Sie sind nicht der erste Cop, der versucht, mir irgendetwas anzuhängen.“

„Rauschgifthandel ist nicht irgendetwas!“, warf Milo ein.

Ellings hob die Augenbrauen und wandte sich zu meinem Kollegen herum.

„Wenn Sie etwas Handfestes hätten, dann würden meine Hände sicherlich schon in Handschellen stecken und wir würden uns in einem Verhörraum unterhalten.“

„Im Moment wir nur ein paar Fragen“, sagte ich. „Wenn Sie anderweitigen Ärger mit der Justiz haben, kann ich Ihnen versichern, dass wir damit nichts zu tun haben.“

„Worum geht es?“

„Um eine Ihrer Tänzerinnen.“ Ich zog das Foto von Vanessa McKenzie aus der Tasche und legte es ihm auf den Schreibtisch. „Diese Frau hat bei Ihnen gearbeitet, nicht wahr?“

Er beugte sich nieder und nickte.

„Ja. Sie hat ihren Auftritt geschmissen und ist einfach nicht mehr gekommen. Telefonisch war sie nicht erreichbar. Das Personal wird immer unzuverlässiger und das gilt für Stripperinnen genauso wie für Rausschmeißer oder Barkeeper. Ehe man sich versieht, zahlt die Konkurrenz ein paar Dollar mehr und dann sind die wirklich guten Kräfte weg. Und die, die man sowie zu nichts gebrauchen kann, betteln einen dauernd an, ob man nicht irgendeinen Job für sie hätte.“ Er seufzte und lehnte sich zurück „So ist das nun mal in der Welt der freien Wirtschaft – aber diese Probleme dürften Ihnen als Staatsdiener mit Pensionsanspruch und Dienstwagen natürlich unbekannt sein!“

„Vanessa McKenzie ist tot. Sie wurde zusammen mit einem Mann namens William Grotzky in Yonkers ermordet.“

„Oh“, sagte  er. Dann zuckte er mit den Schultern. „Schade eigentlich. Sie sah scharf aus, viele Kunden mochten sie. Außerdem brauchte man ihr nicht beizubringen, wie man sich bewegen muss.“

„Seit wann arbeitete sie hier?“

„Sie hat vor drei oder vier Monaten angefangen und sich ganz gut gemacht.“ Er grinste hässlich. „Wie gesagt, bei den Gästen war sie ziemlich beliebt.“

Ich zeigte ihm ein Foto von Grotzky. „Dies ist das das andere Opfer. Kennen Sie den Mann?“

Er schaute nur eine Sekunde hin und schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Sie haben kaum hingesehen. Zuletzt war sein Name William Grotzky, aber hieß ursprünglich Jack Aarons. Es könnte sein, dass Ihr guter Freund Mister Giacometti Junior diesen Namen mal erwähnte.“

Ellings verzog süffisant das Gesicht. „Hier laufen so viele Leute herum“, zischte er. „Und wenn Sie einem der Giacomettis eine Frage stellen wollen, sind Sie an der falschen Adresse.“

Er zuckte die Schultern. Ellings wollte sich offenbar aus allem heraushalten. In seinem Fall konnte ich das gut verstehen. Schließlich war er vollkommen von den Giacomettis abhängig. Und da war es das Beste, einem G-man freiwillig nicht mehr als unbedingt nötig zu sagen.

„Wir suchen einen Zeugen, der hier im ‚Plaisir’ gewesen ist“, sagte ich. „Auffälliger Schnauzbart, dunkler Haarkranz am Hinterkopf.“

„Ich merke mir meine Gäste nicht“, wich Ellings aus.

„Sie haben sicher nichts dagegen, wenn wir Ihre Angestellten befragen.“

„Ich nehme an, dass ich das nicht verhindern kann“, erwiderte Ellings. „Aber es wäre nett, wenn Sie hier nicht den ganzen Betrieb zum Erliegen bringen. In einer Stunde öffnen wir und bis dahin muss alles laufen...“

„Das trifft sich gut“, warf Milo ein. „Ich nehme an, dass dann jetzt auch so nach und nach Ihre Tänzerinnen eintreffen und wir ihnen unsere Fragen stellen können!“

Ellings rief nach dem Rausschmeißer. Der Kerl öffnete die Tür.

„Führe die beiden G-men überall herum. Zeig ihnen alles, was sie sehen und jeden mit dem sie reden wollen. Hauptsache, sie verschwinden schnell wieder.“ Und an Milo und mich gewandt fuhr er fort: „Ich will hier Geschäfte machen und keinen Ärger bekommen. Mit einem Mord habe ich nichts zu tun! Auch wenn ich Spitzel grundsätzlich nicht ausstehen kann!“

11

Ich befragte den Bar-Keeper, während sich Milo einigen jungen Frauen zusandte, die wohl in Kürze ihren Auftritt im ‚Plaisir’ hatten.

Der Barkeeper hieß Donald Sorenson, war zweiunddreißig Jahre alt und zunächst recht zugeknöpft.

„Das ist alles mit dem Boss abgesprochen“, sagte der Koloss. „Wenn du was gesehen hast, sag es den G-men ruhig!“

„Ich würde trotzdem gerne mit Mister Sorenson allein sprechen“, erklärte ich.

Der Koloss hob die gewaltigen Pranken und grinste breit. „Kein Problem! Ich ziehe mich zurück, und falls Sie noch mal meine Hilfe brauchen, dann sagen Sie einfach Bescheid!“

Er ging in Richtung Ausgang um seinen angestammten Posten wieder einzunehmen.

„Ich erinnere mich an einen Mann, auf den Ihre Beschreibung passt. Er ist mir deswegen aufgefallen, weil er keinerlei Alkohol trank – und das ist hier ausgesprochen selten.  Außerdem wirkte er sehr – wie soll ich sagen? – schüchtern, was die Girls angeht.“

„Erzählen Sie mir alles, was Ihnen an diesem Mann aufgefallen ist.“

„Er war in Begleitung eines anderen Mannes hier. Der kommt regelmäßig her, oft auch mit Geschäftspartnern.“

„Kennen Sie seinen Namen?“

„Er wird von allen einfach nur Brad genannt. Mehr weiß ich nicht.“

„Er hat nicht zufällig mit Kreditkarte gezahlt?“

„Nein, hier immer nur bar.“

„Wie sah dieser Brad aus?“ 

„Das Auffälligste war die dicke Brille. Fünf Dioptrien, würde ich bei dem Mann mal vorsichtig schätzen. Die Girls haben schon Witze über ihn gemacht, so nach dem Motto: Wieso kommt der überhaupt hier her? Der sieht doch sowieso nichts.“

Ich gab dem Barkeeper meine Karte. „Rufen Sie mich an, falls einer der beiden hier noch einmal auftauchen sollte!“

Ich ging zu Milo, um den sich gerade eine Traube von fünf jungen Frauen gebildet hatte, die im ‚Plaisir’ als Tänzerinnen engagiert waren. An den Mann mit dem Schnauzbart konnte sich nur eine von ihnen erinnern. Seine Geschäftsfreunde hätten sich ziemlich über ihn lustig gemacht.

„Ich glaube, sie nannten ihn Al“, erinnerte sie sich. „Al, den Casanova – weil er so verklemmt war.“ Als Milo ihr seine Karte gab, lachte sie. „Also ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass der noch einmal freiwillig eine Table Dance Bar aufsucht! Der wirkte eher eingeschüchtert als beeindruckt. Aber ich muss sagen, er hatte Manieren. Ein richtiger Gentleman! Und gepflegt wirkte er auch. Der Anzug sah aus wie maßgeschneidert und seine Uhr hat bestimmt mehr gekostet, als ich hier in zwei Monaten verdiene.“

12

Wir fuhren zurück zum Bundesgebäude an der Federal Plaza, wo sich auch der Sitz des FBI Field Office New York befindet.

Mister McKee erstatteten wir kurz Bericht und erfuhren bei dieser Gelegenheit, dass inzwischen die Phantombilder vorlagen, die Agent Prewitt mit Hilfe von Jennifer Allister von ‚Al’, dem Mann mit dem Schnauzbart, angefertigt hatte.

„Wir haben den Mann in die Fahndung gegeben. Max müsste noch in seinem Büro sein.“

„Dann werden wir dort noch kurz vorbei schauen“, kündigte ich an.

„Inzwischen haben wir den Einzelverbindungsnachweis der Telefongesellschaft für William Grotzkys Festnetzanschluss in Yonkers“, erklärte unser Chef.

„Und?“, fragte ich.

Mister McKee ging zum Schreibtisch und nahm den Ausdruck an sich. Kopfschüttelnd zeigte er mir die Übersicht. „Von Grotzkys Apparat aus wurde im Abrechnungszeitraum nur ein einziger Telefonanruf registriert. Es muss sich dabei um das Gespräch handeln, dass Vanessa McKenzie mit ihrer Freundin Jennifer Allister führte.“

Ich sah kurz auf die Zeitangabe.

„So genau könnte uns noch nicht einmal die Gerichtsmedizin den Todeszeitpunkt nennen“, erwiderte ich.

Mister McKee nickte mit ernstem Gesicht und nahm den Ausdruck wieder an sich. „Noch etwas! Francine Aarons – William Grotzkys Schwester – hat sich bei uns gemeldet. Sie trifft übermorgen mit dem Flugzeug am La Guardia Airport ein und möchte gerne mit einem der an dem Fall arbeitenden Agenten sprechen. Planen Sie bitte etwas Zeit dafür ein, Jesse.“

„In Ordnung.“

„Vielleicht erfahren wir durch die Schwester ja noch einiges über das bis jetzt fast völlig verborgene Privatleben von William Grotzky.“

„Ich fürchte, wir sind dazu gezwungen, nach jedem Strohhalm zu greifen.“

„Die Flughafenabfrage über die verschiedenen Identitäten, die Grotzky benutzte, liegt übrigens auch vor. Er flog allein in den letzten sechs Monaten unter fünf verschiedenen Namen unter anderem nach Zürich, Beirut, Kairo, Bangkok und Buenos Aires und war jeweils nach wenigen Tagen wieder hier.“

„Ein richtiger Globetrotter“, meinte Milo. „Aber wozu die verschiedenen Namen?“

„Morgen sehen wir weiter. Vielleicht liegen dann auch schon Laborergebnisse vor“, schloss Mister McKee.

Wir suchten noch Max Carter in seinem Büro auf.

Er war gerade dabei, mit Hilfe bestimmter, ausgesuchter Merkmale des Phantombildes jemanden aus den uns zugänglichen Archivdaten zu finden, der mit Grotzky in irgendeinen Zusammenhang gebracht werden konnte.

„Innerhalb des Giacometti-Clans gibt es mehrere Mitglieder, die eine Vorliebe für Schnauzbärte haben“, berichtete Max. „Aber wenn man sich die Fotos betrachtet, die uns über NYSIS zur Verfügung stehen, dann ist die Übereinstimmung mit dem Phantombild bei allen in Frage kommenden Personen eher gering.“

„Er wurde ‚Al’ genannt“, gab ich zu bedenken. „Gibt es denn bei den Giacomettis niemanden, der ‚Alberto’ oder so ähnlich heißt?“

„Doch! Al Comazza, ein Schwager und zeitweilig auch Konkurrent von Michael Giacometti. Aber sieh selbst!“

Max holte ein Foto auf den Schirm, das Al Comazza zeigte. Er trug zwar einen imposanten Schnauzbart, aber im Gegensatz zu dem Mann, den wir suchten, war er mindestens fünfzehn Jahre jünger und hatte dichtes, lockiges Haar. Den Angaben nach war das Bild erst ein Jahr alt. „So viel Haarausfall in so kurzer Zeit wäre ungewöhnlich“, meinte Max.

„Dieser Al hat einen Bekannten, den wir auch händeringend suchen“, eröffnete ich. „Er heißt mit Vornamen Brad, ist ziemlich klein und hat Brillengläser, die so dick wie Flaschenglas sind.“

Max seufzte. „Ich kümmere mich darum“, versprach er.

13

Der Mann mit dem Schnauzbart blickte auf die Rolex an seinem Handgelenk. Er saß an einem Tisch im ‚Chez Francois’, einem französischen Restaurant in Greenwich Village.

Der Kellner führte zwei Männer in dunklen Anzügen an den Tisch. Der Größere der beiden trug einen Diplomatenkoffer bei sich.

„Ihre Gäste, Monsieur“, sagte der Kellner.

„Merci.“

Der Mann mit dem Schnauzbart stand auf und begrüßte die beiden Männer.

„Nennen Sie mich Al – das tun alle meine amerikanischen Freunde. Bitte setzen Sie sich.“

Die beiden Männer wechselten einen kurzen, verwunderten Blick und nahmen anschließend Platz. Der Kellner nahm die Getränkebestellung entgegen und verschwand.

„Ich hatte eigentlich erwartet, William hier anzutreffen“, erklärte der Kleinere der beiden.

„Tut mir leid, William ist verhindert. Ich habe allerdings volle Verhandlungsvollmacht und werde ihn bei dieser Zusammenkunft vertreten.“ Ein Lächeln huschte über Als ansonsten wie aus Stein gemeißelt wirkendes, hart konturiertes Gesicht. Er wandte sich an den Größeren der beiden. „Sie müssen Darren sein – richtig?“

„Ja.“

Al hob die Augenbrauen und blickte in Richtung des zweiten Mannes. „Dann können Sie nur Miles sein! William hat mich über alle geschäftlichen Details in Kenntnis gesetzt. Sie werden in Zukunft ausschließlich mit mir verhandeln. Ansonsten bleibt alles beim Alten.“

„Bei früheren Verhandlungen war des Öfteren so eine Brillenschlange dabei... Ich glaube, Brad hieß der Mann!“, erinnerte sich Miles.

„Wir restrukturieren gerade unsere Organisation“, erklärte Al. „Brad wird in Zukunft andere Aufgaben übernehmen.“

„Ich verstehe...“, murmelte Miles.

Aber die Falten auf seiner Stirn sagten genau das Gegenteil aus.

„Sie wissen, was für uns alle von diesem Deal abhängt“, sagte Darren. „Wer auf Ihrer Seite die Verhandlungen führt, ist uns im Prinzip gleichgültig. Und da Sie für uns durchaus kein unbeschriebenes Blatt sind, geht das in Ordnung. Aber falls irgendetwas nicht so ablaufen sollte, wie es der Planung entspricht, kann ich Ihnen reichlich Ärger versprechen!“

„Wir werden uns dann alle wünschen, nicht geboren worden zu sein!“, ergänzte der zweite Mann.

„Keine Sorge. Das wird nicht geschehen!“, versprach Al. „Bevor wir uns den Einzelheiten unserer zukünftigen Geschäfte zuwenden, würde sich sagen, dass wir uns zunächst einmal der französischen Küche widmen. Ich habe sie in meiner Zeit in Paris kennen gelernt und bin ihr seitdem mit Leib und Seele verfallen.“

„Hauptsache, es gibt genug Fleisch“, erwiderte Miles. „Und nicht so viel Grünzeug, das sitzt einem immer so zwischen den Zähnen!“

Al schien diese Bemerkung überhaupt nicht witzig zu finden. Er räusperte sich nur verlegen.

14

Am nächsten Morgen trafen wir uns zur Besprechung im Büro von Mister McKee. Sam Folder referierte über die Erkenntnisse, die er und Mell Horster am Tatort in Yonkers gewonnen hatten.

„Der Killer ist mindestens ein Meter neunzig groß. Wie wir aus dem Obduktionsbericht wissen, wurde der Schuss auf Grotzkys Kopf aus nächster Nähe abgeben.“ Sam projizierte mit dem Beamer ein Bild vom Tatort an die Wand. „Der Täter muss dabei in unmittelbarer Nähe des Kopfs gestanden haben, als das Opfer schon getroffen und kampfunfähig am Boden lag. Wir wissen das durch Verteilung kleinster, für das Auge nicht mehr erkennbarer Blutspritzer, die wir mit Luminol sichtbar gemacht haben.“ Das nächste Bild zeigte die Verteilung der sichtbar gemachten Blutspritzer. „Es ergibt sich ein, für die von mir geschilderte Situation, typisches Bild“, erklärte Sam.

„Der Kerl hat dem sterbenden Grotzky eiskalt den Rest gegeben!“, entfuhr es Orry voller Abscheu.

„Genau so muss es gewesen sein“, stimmte Sam zu und deutete dann mit Hilfe eines Laserpointers auf zwei Korridore in der ansonsten den Kopf recht gleichmäßig umgebenden Korona aus Spritzern. „Man beachte diese beiden Areale auf dem Teppichboden in Grotzkys Wohnung. Das waren die Beine des Täters. Er stand ziemlich breitbeinig, um nichts ans Hosenbein zu bekommen, falls sein Schuss eine stark blutende Ader trifft – aber Tropfen von der Größe, wie ich sie am Tatort sichtbar gemacht habe, kann er nicht sehen. Wir können davon ausgehen, dass sie an seiner Hose zu finden sind.“

„Aber nach der nächsten Wäsche ist alles weg, oder?“, hakte Milo nach.

Sam hob die Augenbrauen. „Vielleicht haben wir Glück und er trug eine Hose aus Flanell oder Schurwolle oder einem anderen Stoff, den man nicht einfach in die Waschmaschine tut wie eine Jeans. An dem Sessel, auf dem der Mörder auf sein Opfer wartete, haben wir Fasern gefunden, die darauf hoffen lassen. Allerdings müssen diese Fasern im Labor erst mit Grotzkys Kleidung verglichen werden um auszuschließen, dass sie von ihm stammen.“ Sam drückte auf die Fernbedienung des Beamers, sodass nun ein weiteres Bild erschien. Es zeigte eine Hose. „Wir haben auch Grotzkys Kleidung gründlich untersucht“, fuhr Sam fort. „Sie fiel sofort dadurch auf, dass der Träger sämtliche Etiketten entfernt hatte. Offenbar um eine Identifizierbarkeit zu erschweren. An der Hose aus Cool Wool, die hier zu sehen ist, konnten wir ebenfalls winzige Blutspritzer sichtbar machen, die mit bloßem Auge nicht zu sehen sind. Daher hatte William Grotzky auch keine Veranlassung, die Hose zu reinigen. Wenn man die Verteilung beachtet, dann müssen wir davon ausgehen, dass sich links neben ihm jemand in einer Entfernung von einem Meter bis einem Meter fünfzig jemand befunden hat, der möglicherweise von einem Schuss getroffen wurde. Entweder dieser Treffer ging ins Bein oder der Getroffene lag am Boden, sonst wären weiter oben noch Spritzer an der Hose gefunden worden.“

„Fast könnte man meinen, William Grotzky hat den aktiven FBI-Dienst niemals verlassen“, kommentierte Milo die Ausführungen unseres Erkennungsdienstlers.

Dieser fuhr fort: „Zu den von mir gerade dargelegten Annahmen passen die Schmauchspuren an einem seiner Jacketts und seinem Mantel. Letztere können nicht von dem Kampf mit dem Killer stammen, weil Grotzky gar nicht mehr zum Schuss gekommen ist.“

„Heißt das, der ehemalige FBI-Agent William Grotzky hat möglicherweise einen Mord auf dem Gewissen?“, erkundigte sich jetzt Mister McKee.

Aber Sam schüttelte den Kopf. „Nein, es ist unwahrscheinlich, dass Grotzky die Person, von der die Blutspritzer stammen, erschossen hat. Er ist Rechtshänder, diese Person befand sich links von ihm. Er hätte sich selbst im Weg gestanden. Wahrscheinlicher ist, dass die unbekannte Person, von der das Blut stammt und Grotzky beschossen wurden und Grotzky sich mit seiner Waffe zur Wehr setzte.“

„Reicht das Material am Hosenbein für einen DNA-Test?“, fragte Mister McKee.

„Das Luminol reagiert nur auf das Hämoglobin im Blut. Ob wir einen DNA-Test machen können, untersuchen gerade die Kollegen im Labor.“

„Wenn Blut im Spiel war, muss es auf jeden Fall einen Toten oder Verletzten gegeben haben“, schloss Mister McKee. „Es würde mich wundern, wenn der nicht Eingang in irgendwelche Berichte der City Police oder des Emergency Service gefunden hätte.“ Er wandte sich an Max Carter. „Kümmern Sie sich darum, Max?“

„Ja, Sir.“

„Ich denke, spätestens morgen wissen wir etwas mehr, was die Tauglichkeit des Materials für einen DNA-Test angeht“, versprach Sam.

Mister McKee wandte sich an den ebenfalls anwesenden Nat Norton und erteilte ihm das Wort. Unser Betriebswirtschaftler erläuterte in trockenen Worten, was er inzwischen über die wirtschaftlichen Verhältnisse von William Grotzky herausgefunden hatte. „Grotzky benutzte ja mehrere Pässe unterschiedlicher Nationalitäten. Inzwischen weiß ich, dass er mit Hilfe dieser Tarnidentitäten ein erhebliches Vermögen angesammelt und unter dubiosen Rahmenbedingungen weitergeleitet hat. Ein zentraler Baustein in diesem System ist dabei eine Briefkastenfirma in Liechtenstein, bei der ich allerdings noch nicht herausgefunden habe, wer eigentlich dahinter steckt. Klar ist nur eins: Grotzky war an millionenschweren Geschäften beteiligt, die auf jeden Fall ein gefundenes Fressen für die Steuerfahndung gewesen wären. Und manche Details lassen auf Geldwäsche in großem Stil schließen.“

„Haben Sie irgendeine Ahnung, aus was für Geschäften diese Gelder letztlich stammen?“

Nat schüttelte den Kopf. „Bedauerlicherweise nicht. In erster Linie würde einem natürlich der Drogenhandel einfallen, aber Grotzky war ein schlauer Kopf. Ich kann mir schwer vorstellen, dass er versucht hat, ausgerechnet auf dem Gebiet das Geschäft seines Lebens zu machen, in dem er als Undercover Agent jahrelang auf der anderen Seite stand und er ständig damit rechnen musste, dass ihm alte Bekannte über den Weg laufen wie die Giacomettis und ihre Leute.“

„Andererseits zeichnete sich Grotzky immer durch besondere Risikobereitschaft aus, wie seine zahlreichen, zum Teil extrem gefährlichen Einsätze beweisen“, gab Mister McKee zu bedenken. „Ausschließen würde ich das also nicht von vorn herein.“

Schließlich erhielt noch Max Carter das Wort. „Ich habe bisher erfolglos versucht, herauszufinden, wer der Mann ist, der angeblich Al heißt. Selbst unter ehemaligen Kollegen, die mit Grotzky zusammengearbeitet haben, gibt es kaum Übereinstimmungen zu dem Gesicht, das auf dem Phantombild zu sehen ist. Dafür kann ich etwas über den Mann mit der Brille sagen. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Brad Sussman, dessen letzte Adresse hier in New York in der Bianco Street, Bronx, liegt, wo er auch einen Laden mit Secondhand Kleidung betreibt. Sussman war einer von Grotzkys wichtigsten Informanten. Sussman kommt ursprünglich aus Philadelphia und wurde dort mehrfach wegen Hehlerei angezeigt. Insgesamt saß er zwei Jahre für verschiedene kleinere Delikte.“

15

Milo und ich fuhren in die Bronx, zu Sussmans Secondhand-Laden in der Bianco Street. Das Geschäft lag im Souterrain und diente wohl vorwiegend als Tarnung für andere Geschäfte.

„Den Akten nach ist Sussman die letzten Jahre über sauber geblieben“, meinte Milo. „Wenn er mit diesem Al ins ‚Plaisir’ geht, wird er ihn ja zumindest kennen!“

„Darüber werden wir vielleicht ja gleich etwas von ihm hören“, gab ich zurück und erstarrte dann plötzlich mitten in der Bewegung.

Ich hatte erst zwei Stufen der Treppe hinter mich gebracht, die hinab zu Sussmans Ladeneingang führt. Das etwas amateurhaft wirkende Schild mit der Aufschrift ‚Sussman - An- und Verkauf’ sagte uns, dass wir hier richtig waren.

Aber die Tür stand halb offen und in Höhe des Schlosses war das Glas zerschlagen.

Eine Sekunde später hatten Milo und ich unsere Dienstwaffen in den Händen.

Aus dem Laden waren Geräusche zu hören. Dem ersten Anschein nach hatten wir es mit einem Einbruch zu tun.

Wir schlichen uns voran.

Ich postierte mich neben der Tür und drückte mich so eng wie möglich an die Wand. Drinnen war es plötzlich ruhig geworden.

Mit dem rechten Fuß trat ich die halb offene Tür vollends zur Seite und schnellte dann mit de Waffe im Anschlag in den Laden, während Milo mir von hinten Deckung gab.

„Keine Bewegung! FBI!“, rief ich der schemenhaften Gestalt hinter dem Tresen zu.

Drinnen herrschte Halbdunkel.

Ein Schatten bewegte sich. Mündungsfeuer blitzte grell auf. Ein Schuss krachte über mich hinweg und fetzte ein Stück aus dem Türrahmen heraus, während ich mich instinktiv zur Seite fallen ließ.

Noch bevor ich auf dem Boden aufkam, hatte ich einen Schuss zurückgefeuert und auch Milo hatte abgedrückt.

Aber der Kerl, der uns mit ziemlich schlecht gezielten Schüssen unter Feuer genommen hatte, war schon längst nicht mehr da. Er hatte sich hinter den Tresen geduckt und war von da aus durch den Hinterausgang entwischt. Ich hörte seine eiligen Schritte im Korridor widerhallen.

Nur einen Augenblick später war ich schon wieder auf den Beinen, um die Verfolgung aufzunehmen. Als ich den Tresen umrundet hatte, sah ich einen kleinen, untersetzten Mann mit dicker Brille lang hingestreckt auf dem Boden liegen. Die dicke Brille hatte einen Sprung und hing nur noch an einem Bügel. Mitten auf der Stirn ein Einschussloch.

Es handelte sich um Sussman, kein Zweifel.

Und seine starren Augen blickten noch immer erstaunt ins Nichts, so als hätte der Tote nicht einmal mehr Zeit gehabt, zu begreifen, was hier vor sich gegangen war.

Aus den Augenwinkeln sah ich die geöffnete Registrierkasse.

Leer.

Ich tastete mich nahezu lautlos zur Hintertür des Ladenlokals vor. Als ich meine Nase in den Korridor steckte, der von da aus weiterführte, musste ich augenblicklich zurückschnellen. Zwei, drei Schüsse, kurz hintereinander abgefeuert krachten in meine Richtung. Milo rief in der Zwischenzeit bereits Verstärkung.

Ich wandte mich an meinen Kollegen. „Wahrscheinlich gibt es einen Hintereingang und er wird versuchen, auf der anderen Seite herauszukommen...“

„Ich werde ihn abfangen!“, kündigte Milo an.

Milo Tucker machte sich auf den Weg.

Ich versuchte noch einmal aus der Deckung hervorzutauchen, wurde von mehreren Geschossen auf Distanz gehalten. Ich zuckte zurück.

„FBI! Die Waffe weg!“, rief ich.

Keine Reaktion.

Ich wartete ab.

Vier Schüsse ballerte mein Gegenüber dann plötzlich durch den  Korridor. Sie schlugen irgendwo im Laden ein. Einer zertrümmerte die Anzeige der Registrierkasse.

Als der Geschosshagel abgeebbt war, versuchte ich es dann noch mal. Es war nichts mehr von dem Kerl zu sehen.

Vorsichtig arbeitete ich mich also voran, die Dienstwaffe immer schussbereit im Anschlag.

In dem Korridor gab es nicht die geringste Deckung. Dann hörte ich erneut Schüsse. Aber diesmal galten sie nicht mir. Die Geräusche kam aus einiger Entfernung und ich schätzte, dass der Kerl gerade dabei war, ein Türschloss zu zerstören. Er feuerte noch einmal. Als ich am Ort des Geschehens ankam, sah ich ihn gerade noch hinaus ins Freie schnellen.

Er lief in einen Hinterhof hinein, in dem einige halb ausgeschlachtete Wagen abgestellt waren.

Aber von dem Kerl, den ich jagte, war nirgends eine Spur zu sehen. Von Milo übrigens auch nicht.

Ich trat hinaus, blieb aber vorsichtig und hielt die Dienstwaffe im Anschlag. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hinterhofs befand sich ein Durchgang, der zu einer Nebenstraße führte. Aber der Kerl konnte unmöglich schon so weit sein, selbst dann nicht, wenn er ein ausgesprochen schneller Läufer gewesen wäre.

Ich ließ den Blick schweifen.

Nirgends gab es eine Spur von ihm.

Ich arbeitete mich in geduckter Haltung bis zu einem ziemlich verrosteten Lieferwagen vor, dem alle vier Reifen und die Hintertür fehlten.

Ein Geräusch ließ mich herumwirbeln und ich sah in den blanken Lauf einer Automatik.

Vor mir stand ein mittelgroßer, dunkelhaariger Mann. Ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Sein Teint war ziemlich dunkel. In dem Sekundenbruchteil, in dem sich unsere Blicke begegneten, sah ich die Angst in seinen Augen.

Aber die machte ihn nur umso gefährlicher.

Er drückte ab, ohne zu zielen. Nur die Tatsache, dass er kein besonders guter Schütze war, rettete mir das Leben. Der Schuss krachte dicht an meinem Kopf vorbei.

Ich feuerte zurück.

Der Dunkelhaarige stöhnte getroffen auf. Ich hatte ihn am Arm erwischt. Der Pistolenlauf ging nach unten und ich hoffte, dass der Kerl die Waffe fallen lassen würde.

Einen kurzen Moment noch zögerte er, während sich sein Gesicht zu einer Grimasse verzog.

In diesem Augenblick tauchte Milo von der anderen Seite her auf. Er hatte das Gebäude umrundet und hatte sich durch die Ausfahrt des Hinterhofs herangepirscht.

Der Dunkelhaarige wandte sich halb herum.

„Waffe fallen lassen!“, rief Milo.

Endlich plumpste die Automatik auf den Boden.

„Nicht schießen!“, rief der Dunkelhaarige.

„Keine Sorge!“, rief ich.

Während Milo ihm seine Rechte vorbetete, nahm ich mit dem Taschentuch die Waffe auf, die er fallen gelassen hatte.

Es war dasselbe Kaliber, mit dem William Grotzky und Vanessa McKenzie erschossen worden waren.

16

Eine Viertelstunde später trafen der Emergency Service und ein paar Kollegen der City Police ein. Etwas später folgten noch die Kollegen der Scientific Research Division, des in der Bronx angesiedelten zentralen Erkennungsdienstes, dessen Hilfe von allen New Yorker Polizeieinheiten in Anspruch genommen wurde, sowie Gerichtsmediziner Dr. Brent Claus.

Der Schwarzhaarige hieß laut seinem Führerschein Ray Martinez. Sein Arm war jetzt bandagiert und er machte einen ziemlich elenden Eindruck, als ich mit ihm sprach.

Er konnte sich an zwei Fingern ausrechnen, dass er ziemlich dick im Dreck steckte. In seinen Taschen hatten wir gut achthundert Dollar gefunden worden. Vermutlich der Inhalt der Registrierkasse.

Und dann war da noch die Sache mit Sussman. Das war Mord. Vielleicht nur ein ganz gewöhnlicher Raubmord, dann würden wir die Untersuchung an die zuständige Homicide Squad abgegeben. Aber es war genauso gut möglich, dass einen Zusammenhang mit der Grotzky-Sache gab.

„Ich habe Sussman nicht erschossen“, behauptete Martinez zum dritten Mal. „Er war schon tot und...“

„Und da haben Sie sich gedacht, dass das eine einmalige Gelegenheit sein könnte, ein paar Dollars zu machen...“, vollendete ich.

Er nickte heftig.

„Ja!“

„Was wollten Sie von Sussman?“

„Das ist doch meine Sache, oder?“

„Ich dachte, Sie wollen, dass ich Ihnen glaube, Mister Martinez? Dann wäre es nicht schlecht, wenn Sie mir eine plausible und vor allem vollständige Geschichte erzählen würden!“

„Okay, okay, ich kann Ihnen alles erklären...“

„Dann beginnen Sie am besten jetzt damit, wenn Sie Ihre Schwierigkeiten nicht vergrößern wollen!“, forderte ich.

Milo hatte inzwischen die Personaldaten des Dunkelhaarigen über unsere Online-Verbindung im Sportwagen überprüft.

„Mister Martinez ist wegen einer Drogensache angeklagt und auf Kaution draußen“, berichtet Milo, nachdem er vom Wagen zurückgekehrt war. „Er erschien allerdings nicht zu seinem Gerichtstermin und gilt deswegen als Kautionsflüchtling.“ Milo wandte sich direkt an Martinez. „Im Fall einer Verurteilung haben Sie zwischen sechs und zwölf Jahren zu erwarten – aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was Sie für einen Raubmord bekommen!“

„Ist gut... Ich sag’ Ihnen alles. Es hat ja sowieso keinen Sinn...“

„Ich höre!“, sagte ich.

„Brad handelt mit allerlei zweifelhafter Ware. Aber in der Hauptsache macht er sein Geld damit, einem neue Papiere zu besorgen, wenn man Schwierigkeiten hat! Die Papiere hätten heute fertig sein sollen und müssen irgendwo im Laden liegen! Deshalb habe ich doch auch alles auf den Kopf gestellt. Ich kam rein, fand die Tür aufgebrochen vor und Brad Sussman hinter dem Tresen.“

„Mit einer Waffe gleichen Kalibers wurde vor kurzem ein Doppelmord begangen“, sagte ich. „Ich hoffe in Ihrem Interesse, dass die ballistische Untersuchung nicht ergibt, dass es sich um die Tatwaffe handelt. Also, wenn Sie etwas zu beichten haben, sollten Sie das gleich tun, denn es kommt ohnehin heraus!“

„Das ist nicht meine Waffe!“, behauptete er.

„Ach, nein?“

„Sie stammt aus der Schublade in der Kommode links hinter dem Tresen. Ich fand sie bei der Suche nach den Papieren und dachte mir, das Ding könnte ich jetzt gut gebrauchen.“

Es war mir von Anfang an schwer gefallen, zu glauben, dass dieser Martinez jener professionelle Mörder war, den wir suchten. Er war ein stümperhafter Schütze, während Grotzkys und Sussmans Mörder hervorragend mit seiner Waffe umzugehen wusste.

„Der will sich doch nur herausreden!“, meinte Milo. „An der Waffe dürften nur seine Fingerabdrücke sein, die Seriennummer wurde abgefeilt – die kann er sich sonst woher besorgt haben! Und das mit der Schublade ist dich nur eine Schutzbehauptung!“

„Dann sagen Sie mir doch bitte mal, weshalb ich die Tür hätte aufbrechen sollen? Ich bin nämlich nur ein paar Minuten vor Ihnen in den Laden gekommen – zu Brads ganz normalen Geschäftszeiten, wie Sie an der Tür nachlesen können! Der Mörder muss früher da gewesen sein!“

„Aber die achthundert Doller stammen aus der Kasse!“, stellte ich fest.

„Ja, das gebe ich zu. Aber nicht den Mord!“

„Angenommen, ich glaube Ihnen!“, sagte ich. „Angenommen, ich glaube Ihnen, dass Sie erst gekommen sind, als Sussman schon tot war... Haben Sie jemanden in der Nähe gesehen, der Ihnen irgendwie aufgefallen wäre?“

„Ich kam um die Ecke“, brummte er und atmete dann erst einmal tief durch. „Und dann sah ich jemanden die Treppe vor Sussmans Laden heraufkommen, der dann ziemlich eilig in seinen Wagen gestiegen und davongefahren ist.“

„Wie sah der Mann aus?“

„Ich habe ihn nur von hinten gesehen.“

„Na, an irgendetwas werden Sie sich doch erinnern. Was hatte er an? Welche Haarfarbe? War er groß oder klein?“

„Er war blond. Ziemlich kurzes Haar. Und groß war er auch mindestens 1,90 m.“  Er zuckte die Schultern. „Ich habe kaum auf ihn geachtet. Warum sollte ich einen Blick an ihn verschwenden? Ich wusste ja nicht, dass er kurz zuvor jemanden umgebracht hatte!“

17

Der Blonde hielt seinen Wagen – einen unscheinbaren Ford – und stellte den Motor ab. Er befand sich auf einer Industriebrache in West New York. Das Hudson-Ufer lag in unmittelbarer Nähe. Da klare Sicht herrschte konnte man die Silhouette des Big Apple gut erkennen.

Der Blonde tickte ungeduldig mit den Fingern auf dem Lenkrad. Sein Gesicht war dunkelrot angelaufen. Die Lippen aufeinander gepresst. Wenn er etwas hasste, dann war es Unprofessionalität und schlecht vorbereitete Jobs.

Genau so einen hatte er jetzt gerade hinter sich.

Der Fehler lag dann zwar beim Auftraggeber, aber der Blonde wusste genau, dass er am Ende das Hauptrisiko trug.

Er war sogar gezwungen gewesen, dieselbe Waffe ein zweites Mal zu benutzen, was er ansonsten tunlichst vermied.

Eine schwarze, überlange Limousine fuhr jetzt auf das asphaltierte Gelände.

Die Limousine fuhr so neben den Ford, dass das hintere Seitenfenster dem Fenster an der Fahrerseite des Ford gegenüberlag.

Der Blonde ließ die Scheine herunter.

Auf der anderen Seite senkte sich getöntes Panzerglas.

„Guten Morgen, Skorpion!“, sagte eine dunkle Stimme aus dem Inneren der Limousine. Der Kopf war nicht zu sehen, dafür aber die Hände. Sie waren feingliederig und für einen Mann fast schon zierlich.

Pianistenhände!, dachte der Mann, der Skorpion genannt worden war.

Diese Hände waren gefaltet. Am linken Ringfinger war ein Ring mit einem in Gold gefassten schwarzen Stein zu sehen.

„Ich habe Ihr zweites Problem auch gelöst“, sagte Skorpion kühl.

„Das freut mich zu hören. Eine entsprechende Zahlung ist für Ihr Schweizer Nummernkonto bereits angewiesen.“

„Und der Baranteil?“

„Einen Moment.“

Eine der zierlichen Hände reichte einen Umschlag ans Fenster.

Skorpion nahm ihn an sich, riss ihn auf und blickte hinein.

Dann legte er ihn auf den Beifahrersitz.

„Zählen Sie ruhig nach, Skorpion. Sie sind doch als Pedant bekannt!“ Ein leises Kichern folgte. „Ich gehe davon aus, dass Sie Computer, Handy, Telefonregister und was Sie dergleichen mehr in Brad Sussmans Laden vorfanden, vernichtet haben.“

„Tut mir leid, das war nicht möglich.“

„Wie bitte?“

„Es hat mich niemand darüber informiert, dass sich diese Dinge in einem Raum befinden, der mit einer Stahltür verschlossen wurde. Hätten Sie es mir gesagt, wäre das eine Kleinigkeit gewesen, mir Zugang zu verschaffen. Aber da ich nicht das richtige Werkzeug dabei hatte, musste ich an meine eigene Sicherheit denken und verschwinden.“

Es folgte eine Pause. Die zierlichen Hände krampften sich zu Fäusten zusammen.

„Dann will ich mal hoffen, dass Mister Sussman genauso vorsichtig gewesen ist, wie Grotzky und keinerlei Spuren hinterließ, die auf sein Business hindeuten.“

Skorpion verzog das Gesicht. „Wenn Brad Sussmans Leben so chaotisch wie sein Laden war, sehe ich da nur die Hoffnung, dass die andere Seite in dem ganzen Durcheinander die wirklich wichtigen Dinge übersieht...“ Er zuckte die Schultern. „Tut mir leid, aber ich habe Ihnen ja gesagt, dass eine gute Vorbereitung alles ist.“

„Aber manchmal gibt es Entscheidungen, die sehr schnell getroffen werden müssen!“, erwiderte der Mann mit den zierlichen Händen. Er lockerte den Ring und ließ ihn den Finger hinauf und hinunter gleiten. Die Nervosität war ihm deutlich anzumerken. „Wie auch immer. Ihr Problem soll das nicht sein. Unsere Zusammenarbeit ist beendet. Ich danke Ihnen für die Präzision, mit der Sie gearbeitet haben und wünsche Ihnen alles Gute, Skorpion. Falls wir Ihre Dienste wieder benötigen, werde ich mich auf dem üblichen Weg an Sie wenden.“ 

Die dunkle Scheibe glitt bereits wieder empor.

„Warten Sie!“, forderte der Blonde.

Di Scheibe stoppte und verdeckte das untere Drittel der Fensterfläche.

„Ja, bitte?“

„Ich habe mir das etwas anders vorgestellt.“

„Ach, ja?“

„Bevor ich William Grotzky liquidiert habe, hatte ich Zeit genug, mich umfassend vorzubereiten, ihn zu beobachten und jedes Detail seiner Lebensgewohnheiten auszukundschaften, um dann im richtigen Moment zuzuschlagen.“

„Worauf wollen Sie hinaus, Skorpion?“

„Ich weiß, womit William Grotzky alias Jack Aarons seinen Ferrari bezahlen konnte, welche Geschäfte ihn reich gemacht haben und wer sonst noch daran beteiligt ist. Einen dieser Komplizen musste ich ja leider aus dem Weg räumen. Die anderen Beteiligten werden sich fragen, ob sie langfristig gesehen auch befürchten müssen, dass sie jemand von den Fleischtöpfen dieses schmutzigen Business wegdrängt!“

„Schmutzig?“, echote der Mann mit den zierlichen Händen. Ein heiseres Lachen folgte. „Das muss ein Mann wie Sie gerade sagen.“

Skorpion verzog das Gesicht zu einer zynischen Maske. „Ich bin doch nur die Waffe, die von Leuten wie Ihnen abgedrückt wird.“

„Was wollen Sie?“

„Ah, ganz der Geschäftsmann! Sie schalten gleich um auf das Wesentliche. Das gefällt mir!“

„Bringen Sie es auf den Punkt, Skorpion. Vielleicht können wir uns einigen. Ist es angemessen, wenn ich Ihnen noch einmal fünfzig Prozent dessen überweise, was Sie bereits bekommen haben?“

„Nein, ich denke da in anderen Dimensionen“, erwiderte der Blonde. „Ich will denselben Anteil bekommen, wie Grotzky ihn verbuchen konnte.“

Ein Gelächter drang aus der Limousine.

„Sie sind vollkommen verrückt, Skorpion. Wenn Sie Grotzky wirklich so genau ausgeforscht haben, wie Sie behaupteten, dann wissen Sie auch, dass der Kerl für sein Geld auch eine Leistung erbrachte!“

„Er hat seine Kontakte eingebracht. Aber mittlerweile gehen ja auch Sie davon aus, darauf verzichten zu können und das Business in eigener Regie weiterführen zu können. Andernfalls hätten Sie mir ja wohl nicht den Auftrag gegeben, ihn auszuknipsen, oder?“

„Sie haben keine Ahnung, Skorpion.“

„Unterschätzen Sie mich nicht!“

„Meine Antwort heißt nein. Es scheint ein Fehler gewesen zu sein, Sie zu engagieren, Skorpion und ich werde dafür sorgen, dass sich das herumspricht!“

„Ich hatte etwas in der Art befürchtet“, erklärte der Blonde. „Deswegen möchte ich daran erinnern, dass ich Sie in einem kleinen, aber doch wesentlichen Detail falsch informiert habe.“

„So?“

„Ich habe das Handy von William Grotzky keineswegs entsorgt. Es befindet sich nach wie vor in meinem Besitz. Die Verbindungsdaten dürften sehr aufschlussreich sein und die Fingerabdrücke von Grotzky habe ich natürlich sorgfältig erhalten. Angenommen, dass FBI bekäme dieses Gerät anonym zugesandt, wäre das vielleicht das Ende Ihres erlauchten Kreises.“

In der Limousine herrschte zunächst Schweigen.

Dann war ein schweres Atmen zu hören.

„Gut, ich sehe ein, dass wir zu einer Einigung kommen müssen.“

„Wie die aussehen kann, habe ich Ihnen gesagt. Meine Schweizer Bankverbindung kennen Sie ja.“

„Ja“, murmelte der Mann mit den zierlichen Händen tonlos.

„Auf eine auch in der Zukunft gute Zusammenarbeit!“, lächelte Skorpion. „Und falls Sie in nächster Zeit mal wieder ein ‚Problem’ wie William Grotzky oder Brad Sussman haben sollten, dann wenden Sie sich vertrauensvoll an mich. Ich denke, so ein Job wäre dann im Preis mit inbegriffen.“

18

„Du glaubst dem Kerl doch nicht etwa auch nur ein Wort!“, entfuhr es Milo, nachdem Martinez abtransportiert worden war.

„Nach dem, was unsere Erkennungsdienstler am Tatort an Erkenntnissen gesammelt haben, ist Martinez definitiv zu klein, um unser Mann zu sein. Der war doch höchstens 1,70 m – und das auch nur mit Schuhen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Warten wir ab, was wir da drinnen alles so finden, aber ich bin überzeugt davon, dass sich Martinez’ Geschichte bestätigt. Zumindest im Groben. Von ein paar Schönheitsreparaturen, die ihn in einem etwas besseren Licht dastehen lassen mal abgesehen.“ 

„Auf jeden Fall ist interessant, dass dieser Sussman ein Passfälscher war“, warf Milo ein. „Schließlich hatte William Grotzky doch einen erschreckend großen Verbrauch an Reisepapieren.“

Dr. Brent Claus untersuchte den Toten kurz. Ob Sussman jedoch kurz vor oder kurz nach Öffnung des Geschäfts erschossen worden war, vermochte er nicht zu sagen.

Nachdem die Leiche abtransportiert worden war, begannen die Kollegen der Scientific Research Division mit ihren Untersuchungen am Tatort. Sobald das Gröbste erledigt war, konnten wir nach den Papieren suchen, deren Existenz Juan Martinez entlastet hätte.

Wir fanden sie schließlich in einem Nebenraum, der als Büro diente. Dieser Raum war verschlossen. Die Tür bestand aus hitzebeständigem Metall, wie man es für die Zugänge von Heizungsanlagen benutzte. Jemand hatte vergeblich versucht, die umfangreichen Sicherungsmaßnahmen zu überwinden. Es waren zahlreiche Kratzer zu sehen, außerdem eine Verformung des Metalls, die auf einen Einschuss hindeutete.

Der Täter hatte schräg vor dem Schloss gestanden und gefeuert. Das Projektil war dann im gleichen Winkel abgeprallt und steckte nun in der Wand gegenüber.

Offenbar hatte er danach eingesehen, dass er für dieses Schloss nicht das richtige Werkzeug mitführte und hatte aufgegeben.

„Schon der Schuss auf die Tür war mit erheblichem Risiko verbunden“, gab Milo zu bedenken.

Ich nickte. „Passt eigentlich nicht zu dem Killer, der Grotzky auf dem Gewissen hat.“

„Eher schon zu diesem Martinez!“

„Das werden die Laborergebnisse erweisen. Aber vielleicht hat der Killer in diesem Fall in großer Eile handeln müssen.“

„Warum? Wenn Martinez’ Geschichte stimmt, hatte er keinen Grund dazu, denn er konnte doch nicht wissen, dass dieser Latino gleich in den Laden kommt, um sich bei Brad Sussman seine Papiere abzuholen.“

„Nein, aber er konnte sich ausrechnen, dass irgendjemand kommen würde, sobald die Öffnungszeiten des Ladens begonnen hatten.“

Oscar Brown, einer der Spezialisten der Scientific Research Division, schaffte es schließlich, die Tür zu öffnen.

In dem dahinter liegenden Büroraum gab es auch einen Computer. Ich fuhr ihn hoch und scheiterte dann allerdings am Passwort.

„Das wird wohl ein Fall für die Spezialisten im Labor!“, glaubte Milo, der sich gerade den Satz Papiere ansah, den Brad Sussman besorgt hatte. „Juan Martinez – John Martinson! Also etwas mehr Fantasie hätte ich an seiner Stelle für die Auswahl des neuen Namens schon aufgewandt!“, meinte er. „Aber die Papiere sind erstklassige Qualität.“

„Sussman vermittelt sie ja nur“, gab ich zu bedenken.

„Ja, aber er hatte eben die richtigen Kontakte!“

„Ein Grund, weshalb William Grotzky ihn in seiner aktiven Undercover-Zeit immer als zuverlässigen Informanten schätzte.“

„Irgendeiner dieser Kontakte ist ihm jetzt wohl zum Verhängnis geworden.“

Ich nickte. Die Gedanken rasten nur so in meinem Hirn. Ich hatte das Gefühl, dass die Wahrheit zum Greifen nahe vor uns lag, wir sie aber vielleicht vor lauter Betriebsblindheit einfach nicht zur Kenntnis nahmen.

Das Telefonregister enthielt zahlreiche Nummern. Darunter auch eine mit dem Vermerk ‚Al’.

Ich verzichtete darauf, sie gleich einzutippen und auszuprobieren. Wenn dieser geheimnisvolle Al zu Tarnzwecken ein Prepaid Handy benutzte und eine ihm unbekannte Nummer auf dem Display angezeigt wurde, war das für ihn nur das Zeichen, einen Gerätewechsel zu vollziehen.

Eine andere Nummer trug den Vermerk „J.A.“

„Könnte doch Jack Aarons bedeuten“, meinte Milo. „Ich meine, Brad Sussman kannte doch Grotzky noch aus der Zeit, als er Jack Aarons hieß.“

Ich nickte.

„Handys lassen sich anpeilen, wenn man ihre Nummer kennt und sie eingeschaltet sind“, fuhr Milo fort. „Es dürfte in beiden Fällen ganz interessant sein, zu erfahren, wo sich die beiden zu diesen Nummern gehörenden Geräte befinden...“

„Meinst du nicht, zumindest Grotzkys Handy ist längst abgeschaltet worden? Wenn der Täter es bei sich hat, läuft er doch Gefahr, selbst angepeilt zu werden.“

„Das kommt drauf an Jesse. Wenn es sich um ein Prepaid-Gerät handelt, hat der Täter keinerlei Veranlassung, anzunehmen, dass wir die Nummer kennen. Und wenn er an die auf dem Gerät gespeicherten Daten heran will, darf er es nicht abschalten, weil er es sonst nur dann wieder einschalten kann, wenn er auch den Pin Code kennt.“

„Was könnte man mit den Handydaten anfangen?“

„Seinen Auftraggeber erpressen zum Beispiel.“

„Bei einem Stand by von 250 Stunden hätte er jedenfalls Zeit genug, sich das gesamte Menue eingehend anzusehen.“

„Ich halte es für wahrscheinlicher, dass er das Gerät einfach in den Hudson geworfen oder seinem Auftraggeber ausgehändigt hat. Aber für den Apparat von diesem Al bekommen wir vielleicht eine Abhörgenehmigung!“

19

„Es tut mir leid, aber es wird keine Abhöraktion im Hinblick auf das Telefon von diesem ‚Al’ geben“, kündigte Mister McKee an. „Ich habe vorhin noch mit Staatsanwalt Robert Thornton gesprochen. Es besteht keine Chance, da wir Al lediglich als Zeugen suchen, dessen Aussage uns nähere Informationen über die Lebensumstände des Opfers geben sollen. Wäre William Grotzky ein mutmaßlicher Terrorist oder eine Größe in der organisierten Kriminalität, dann sähen die Voraussetzungen anders aus und wir könnten auch die Telefone von Kontaktpersonen abhören. Aber weder gegen Grotzky noch gegen diesen ominösen Al gibt es irgendeinen hinreichenden Tatverdacht.“

„Das ist bedauerlich“, meinte Milo. „Ich nehme nämlich an, dass wir auf diese Weise herausfinden könnten, an welcher Art von illegalen Geschäften Grotzky beteiligt war.“

„Es gibt Regeln in unserem Rechtssystem, die wir einfach respektieren müssen“, hielt Mister McKee dem entgegen. „Und dabei darf es keine Rolle spielen, ob es uns gerade in Kram passt oder nicht. Schließlich sind diese Regeln dazu geschaffen worden, den Bürger vor zu weitgehender Überwachung zu schützen.“

„Aber wir haben die Nummer von ‚Al’s’ Handy doch aus dem Telefonregister von Brad Sussman – könnte man da nicht etwas draus drehen?“

„Sussman ist Hehler und eventuell auch jemand, der gefälschte Papiere vermittelt. Ein kleiner Fisch also.“

„Wissen wir das?“

„Die Staatsanwaltschaft sieht es so – und jedes Gericht wird das auch so bewerten, zumindest nach dem gegenwärtigen Stand der Ermittlungen. Jesse, Sie können die Sache drehen und wenden wie Sie wollen, aber bevor wir nicht etwas mehr an Beweisen haben, bekommen wir keine Abhörgenehmigung. Da können wir uns auf den Kopf stellen.“ Mister McKee atmete tief durch und ließ seine Hände in den weiten Taschen seiner Flanellhose verschwinden. „Gegenwärtig versuchen unsere Innendienstler so viele der anderen Nummern zu identifizieren wie möglich. Aber es scheint, als wäre kaum ein Festnetzanschluss oder reguläres Vertragshandy dabei.“

„Was ist mit der Lokalisierung der beiden Handys?“, fragte ich.

„Die ist bereits in die Wege geleitet“, erklärte Mister McKee. „Sollte eines der beiden Geräte angeschaltet sein, werden wir sehr bald seinen ungefähren Standort erfahren.“

20

Zur gleichen Zeit befanden sich Clive Caravaggio und Orry Medina auf dem Gelände des Battery Park an der Südspitze Manhattans. Die Sonne schien und man hatte eine gute Fernsicht zur Statue of Liberty. Ganz in der Nähe war die Anlegestelle der Fähre, die dorthin verkehrte und sich gerade auf halbem Weg befand.

Orry blickte auf seine Uhr.

„Harry DiAngelo lässt sich aber Zeit“, stellte er fest.

„Nur Geduld, Orry! Auf ihn war immer Verlass!“, erwiderte Clive. „Und wenn es ein paar Minuten länger dauert, dann gibt es auch einen Grund dafür.“

Ein Mann im karierten Jackett saß auf einer Bank und legte seine Zeitung zur Seite. Es war der ‚Corriere della Sera’.

Sein Haar war grau und der Ansatz wies deutliche Geheimratsecken auf.

Er stand auf ging auf die beiden FBI-Agenten zu. Dabei ließ er immer wieder nervös den Blick schweifen.

„Hallo, Mister Caravaggio“, sagte er mit heiserer Stimme und bedachte Medina mit einem misstrauischen Blick. „Als wir uns das letzte Mal trafen, waren Sie allein!“

„Das ist Agent Medina“, erklärte Clive. „Sie können ihm genauso gut vertrauen wie mir. Auch wenn er kein Italiener ist.“ Clive wandte sich an Orry. „Das ist Mister DiAngelo.“

Harry DiAngelo war ein Buchmacher aus Little Italy. Seit er vor Jahren seine Frau bei einer Mafia-Schießerei verloren hatte, versorgte er das FBI regelmäßig mit Informationen. Wiederholt hatte sich herausgestellt, dass DiAngelo förmlich das Gras wachsen hörte und als einer der bestinformierten Personen in Little Italy galt.

Er faltete seine Zeitung etwas kleiner. „Ich kann nicht behaupten, dass Italienisch meine Muttersprache ist“, meinte er. „Ich musste es lernen wie eine Fremdsprache und jetzt sehe ich zu, dass ich mich etwas fit halte und es nicht wieder vergesse!“ DiAngelo steckte die Zeitung in die Seitentasche seines Jacketts und fuhr dann fort: „Meine Frau konnte diese Sprache noch perfekt, weil ihre Mutter direkt aus Italien ausgewandert ist, während meine Familie schon um die Jahrhundertwende nach Amerika kam.“

„Sie sagten am Telefon, dass Sie etwas Wichtiges für mich hätten“, versuchte Clive das Gespräch auf den Kern der Sache zu bringen.

„Arbeiten Sie an dem Fall Grotzky?“

„Ja.“

„Es hat in Little Italy die Runde gemacht, dass Grotzky in Wahrheit Jack Aarons war, der Mann der Andrea Giacometti in den Knast brachte.“

„Giacometti hat damals bittere Rache geschworen“, gab Clive zurück.

DiAngelo nickte. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass sein Sohn Michael Giacometti damals ein Kopfgeld auf Jack Aarons ausgesetzt hat.“

„Sie haben mich damals gewarnt und diese Warnung ist auch an Jack Aarons weitergegeben worden. Das ist alles nichts Neues für uns, Mister DiAngelo.“

„Aber neu dürfte für Sie sein, dass jemand sich dieses Kopfgeld abgeholt hat!“, erklärte der Informant. „Ich weiß es aus sicherer Quelle.“

Clive hob die Augenbrauen und wechselte einen kurzen Blick mit Orry. „Wissen Sie auch zufällig, wer das gewesen ist?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, darüber kursieren die wildesten Gerüchte. Aber ich könnte der Sache mal nachgehen.“

„Sie sollten kein persönliches Risiko eingehen.“

„Wenn Michael Giacometti dafür seinem Vater in den Knast folgen sollte, wäre es mir das Risiko wert“, erklärte er. Er sah Clive mit großen, hoffnungsvollen Augen an. „Ist doch so, wenn sich nachweisen ließe, dass Michael Giacometti dieses Kopfgeld ausgesetzt und dem Mörder übergeben hat, könnte die Justiz ihn doch festnageln?“

„Wenn, Mister DiAngelo! Aber das ist schwer nachzuweisen.“

„Ich werde tun, was ich kann“, versprach er. „Und jetzt muss ich wieder los. Ich stehe schon viel zu lange mit Ihnen herum!“

„Wann werden Sie sich denn ein Handy anschaffen, Mister DiAngelo?“, fragte Clive noch. „Das würde manches leichter machen. Vielleicht können wir es sogar auf die Spesenrechnung des FBI setzen.“

DiAngelo schüttelte den Kopf und hielt seine rechte Hand hoch, wobei er alle Finger abspreizte.

„Können Sie sich vorstellen, dass man mit diesen Wurstfingern diese winzigen Knöpfe bedienen kann? Nein, das lasse ich lieber. An diese Dinger werde ich mich nicht mehr gewöhnen, dazu bin ich zu alt.“

„Man ist nie zu alt, Mister DiAngelo!“

„Werden Sie erstmal 73, dann reden Sie auch nicht mehr so daher! Wie auch immer – ich melde mich bei Ihnen. Darauf können Sie sich verlassen!“

Harry DiAngelo entfernte sich mit schnellen Schritten.

Clive sah ihm einen Augenblick lang nach.

„Und du glaubst wirklich, dass das mehr als Hörensagen ist, was dieser Mann uns bietet?“, fragte Orry.

„Alles, was er uns früher geliefert hat, hatte Hand und Fuß, Orry. Der Mann weiß einfach Bescheid. In Little Italy stirbt kein Meerschweinchen, ohne dass DiAngelo das mitbekäme!“

21

„Wir haben Grotzkys Handy angepeilt!“, platzte Max Carter in das Dienstzimmer hinein, das ich mir mit Milo teilte.

„Und wo?“, fragte ich, während Milo bereits seine Jacke anzog und den Sitz seiner Waffe überprüfte.

„Das angepeilte Gerät befindet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im Lancaster Hotel in der Lower East Side.“

„Dann würde ich sagen: Nichts wie hin!“, meinte Milo.

„Was ist mit diesem ‚Al’?“, fragte ich an Max gerichtet.

Unser Innendienstler zuckte die Schultern. „Al scheint sein Mobiltelefon abgeschaltet zu haben. Jedenfalls lässt es sich nicht anpeilen.“

„Vielleicht benutzte er es nur, um mit Brad Sussman in Kontakt zu treten und das ist ja nun nicht mehr möglich“, vermutete Milo.

Innerhalb weniger Minuten war ein gutes Dutzend G-men in die Lower East Side unterwegs. Außer Milo und mir nahmen auch die Agenten Jay Kronburg, Leslie Morell und Fred LaRocca an dieser Aktion teil.

Clive und Orry befanden sich im Battery Park und hatten gerade ihr Treffen mit Harry DiAngelo hinter sich, als sie von unserer Zentrale angefunkt wurden, um sich ebenfalls zum Lancaster Hotel zu begeben. Schließlich war das für sie nur ein Katzensprung.

Das Lancaster Hotel lag am East Broadway, schräg gegenüber des Seward Park.

Ein Hotel von mittlerem Standard, das seine besten Jahre in den Dreißigern gehabt hatte.

Wir stellten unsere Wagen in der Umgebung ab und legten Headsets an, um untereinander permanenten Funkkontakt zu halten. Außerdem trugen wir unter unsere Kleidung Kevlar-Westen.

Orry und Clive waren die ersten am East Broadway gewesen.

Sämtliche Ausgänge des Lancaster Hotels mussten besetzt werden.

Zusammen mit Orry, Clive und Fred betraten wir das Foyer und wandten uns an den Portier.

„FBI! Wir suchen ein Mann, der mindestens eins neunzig ist, kurz geschorenes blondes Haar trägt, schätzungsweise dreißig bis 35 Jahre alt ist.“

„Das ist nicht gerade eine sehr präzise Beschreibung“, meinte der Portier.

„Sie haben cirka zwanzig Zimmer, von denen höchstens zwei Drittel belegt sind“, wandte Clive ein. „Da werden nicht so viele Gäste dabei sein, die dem von mir gezeichneten Bild entsprechen!“

Der Portier atmete tief durch. „Mister Daniel Garth von Zimmer 12 entspricht in etwa Ihrer Beschreibung.“

„Ist er da?“

„Er ist vor einer Viertelstunde auf sein Zimmer gegangen.“

„Dann werden wir ihm einen Besuch abstatten“, sagte ich.

Unser Kollege Fred LaRocca blieb im Foyer. Wir gingen die Treppe ins Obergeschoss hinauf. Als wir Zimmer zwölf erreichten, postierte wir uns rechts und links der Tür.

Auf Clives Signal hin ging es los. Milo trat die Tür ein und ließ sie zur Seite fliegen. Orry stürmte mit der Waffe in der Hand vorwärts.

„FBI! Keine Bewegung!“, rief er.

Ein Mann, auf den die Beschreibung passte, wirbelte herum und riss eine Waffe aus dem Hosenbund. Er feuerte annähernd im gleichen Moment wie Orry.

Aber der Schuss unseres Kollegen ging haarscharf daneben und ließ das Glas der Balkontür in tausend Scherben auf den Boden regnen.

Der Schuss des Killers traf Orry in den Brustbereich und wurde von der Kevlar-Weste aufgefangen. Die Wucht des Geschosses riss Orry zu Boden.

Der Killer feuerte blind in unsere Richtung, sodass wir erst einmal in Deckung gehen mussten.

Er schnellte durch die zerschossene Balkontür, schwang sich über die Brüstung und landete mit einem Sprung auf dem nächsten Absatz der Feuertreppe.

„FBI! Stehen bleiben!“ hörte ich die Stimmen unserer Kollegen.

Mehrere Schüsse fielen. Ich lief zum Balkon. Milo und Clive waren mir dicht auf den Fersen.

Zwei unserer Kollegen – Agent Ray Gozan und Agent Sandra McIntyre - lagen getroffen auf dem Asphalt des kleinen Hinterhofs, der an die Rückfront des Lancaster Hotels anschloss.

Als ich über die Brüstung in die Tiefe blickte, feuerte der Blonde sofort in meine Richtung. Ich zuckte zurück. Die Kugel verfehlte mich um Haaresbreite.

Scheppernd waren die schnellen Schritte des Blonden auf der Feuerleiter zu hören. Ich folgte ihm, schwang mich ebenfalls über die Brüstung und landete auf dem Absatz.

Der Killer befand sich einige Meter unter mir, aber uns beiden war klar, dass es viel zu riskant war, die Metallroste der Feuerleiter hindurch schießen zu wollen. Die Gefahr von Querschlägern war nicht berechenbar.

Dann hatte der Blonde den Boden erreicht.

Von dort aus spurtete er los und ging hinter einem Müllcontainer in Deckung.

Ich stolperte die letzten Stufen der Feuertreppe hinunter.

Milo folgte mir bereits von oben. Der Blonde feuerte in unsere Richtung. Ich musste mich hinter einem der zahlreichen Fahrzeuge hechten, die in dem Hinterhof geparkt waren. Es handelte sich um einen Chevy. Die Schüsse des Killers zertrümmerten die Seitenscheiben.

Clive rief inzwischen Verstärkung und den Emergency Service. Außerdem beorderte er über Funk die Kollegen, die auf der Vorderseite und im Foyer des Hotel Lancaster Wache hielten, zum Hinterhof.

Augenblicke lang geschah nichts. Ich pirschte mich näher an die Position heran, die der Blonde im Moment vermutlich einnahm.

Die Hintertür des Hotels öffnete sich.

Agent Fred LaRocca ging dort mit der Waffe in der Hand in Stellung.

Dann brauste plötzlich ein Ford aus seiner Lücke ganz in der Nähe des Müllcontainers. Der Blonde hatte sich offensichtlich bis dorthin geschlichen.

Der Wagen schoss vor, die Reifen quietschten.

Ich schnellte aus meiner Deckung, feuerte auf die Reifen und traf hinten rechts. Der Wagen drohte auszubrechen. Der Geruch von verbranntem Gummi verbreitete sich und die Metallfelgen sprühten Funken, während sie über den Asphalt schrammten.

Dem Blonden gelang es, das Fahrzeug unter Kontrolle zu halten.

Unser Kollege Jay Kronburg musste im letzten Augenblick zur Seite springen, als der Wagen mit wahnsinniger Geschwindigkeit durch die Ausfahrt raste und sich auf brutale Weise in den Verkehr einfädelte.

Ein Lieferwagen bremste. Eine Limousine knallte mit der Stoßstange gegen das Heck des Lieferwagens. Ein Hupkonzert begleitete den Blonden, während er scharf nach links bog und beschleunigte. Ich spurtete los.

Milo und Clive folgten mir. Ebenso Fred LaRocca, der inzwischen seine Deckung aufgegeben hatte.

Während sich Milo und Fred sich um die getroffen am Boden liegenden Kollegen kümmerten, rannten Clive und ich weiter Richtung Ausfahrt, wo sich inzwischen auch Jay Kronburg wieder aufgerappelt hatte.

„Alles in Ordnung, Jay?“, fragte ich.

„Das ist doch ein Verrückter!“, entfuhr es dem ehemaligen Cop, dessen Gesicht zu einer grimmigen Maske verzogen war.

Ich hatte noch nicht aufgegeben. Weit konnte der Blonde mit seinem Wagen nicht kommen. Allerdings war es angesichts der Gefährdung von Unbeteiligten ausgeschlossen, jetzt Schusswaffen zu gebrauchen, um seine Fahrt zu beenden.

Etwa vierhundert Meter weit fuhr der Ford. Dann stoppte er mitten auf der Straße.

Der Blonde sprang hinaus und lief über die Straße. Autos wichen ihm aus, hupten und Fahrer zeigten ihm einen Vogel. Der Blonde fuchtelte mit seiner Waffe herum und sprintete los. Er hielt auf dir nächste Subway Station zu.

Wir hetzten hinterher. Aber als wir den Eingang zur Subway Station erreichten, war der Killer längst in einer völlig unübersichtlichen Masse von Fahrgästen untergetaucht. Es war unmöglich, ihn weiter zu verfolgen.

„Von hier aus kommt der überallhin, ohne dass wir es noch verhindern können“, meinte Jay, während Clive bereits damit beschäftigt war, die Subway Police zu verständigen, so dass an den nächsten Stationen Kontrollen durchgeführt werden konnten.

Aber wahrscheinlich war es zu spät dafür. Es dauerte nur Minuten, bis der Blonde an der nächsten Haltestelle einfach aussteigen konnte, noch bevor die Kollegen genügend Kräfte vor Ort hatten, um eine effektive Kontrolle durchführen zu können.

Ich steckte meine Waffe ins Holster.

„Dass er diesen Weg gewählt hat, hat auch sein Gutes!“, meinte ich und deutete auf eine der Überwachungskameras. Der gesamte Subway-Bereich war mit einer flächendeckenden Videoüberwachung ausgestattet.

„Wir haben immerhin ein Bild von ihm, auch wenn es etwas Mühe machen wird, das aus dem Wust der Aufzeichnungen herauszufiltern“, ergänzte Jay Kronburg. Er zuckte die breiten Schultern. „Immerhin besser als ein unspezifisches Phantombild!“

22

Wir kehrten zum Hotel Lancaster zurück.

Die Sirenen der City Police und des Emergency Service waren zu hören. Aber für die beiden getroffenen Kollegen kam jede Hilfe zu spät.

Der Killer hatte sie gezielt am Kopf getroffen, nachdem er bei Orry gesehen hatte, dass wir unter der Kleidung Kevlar-Westen trugen.

Orry ging es den Umständen entsprechend gut.

Die kinetische Energie, mit der das Projektil aufgetroffen war, war durch die Weste auf eine größere Fläche verteilt worden. Trotzdem blieb es eine immense Kraft, die auf den Getroffenen einwirkte. Die Kugel konnte zwar nicht in den Körper eindringen, aber trotzdem konnten erhebliche Verletzungen die Folge sein.

In Orrys Fall waren das zwei gebrochene Rippen, wie sich nach einer ersten Untersuchung herausstellte. Der Emergency Service nahm ihn gleich in seine Obhut.

Im Zimmer des Blonden konnten wir neben dem angepeilten Handy, das sehr wahrscheinlich William Grotzky gehört hatte, auch ein paar andere Gegenstände sicherstellen, die uns möglicherweise eine Identifizierung des Täters erleichterten. Im Bad fanden sich sein Rasierzeug und seine Zahnbürste. Mit etwas Glück ließen sich dort DNA-Spuren isolieren. Die Projektile, die der Blonde verballert hatte, mussten natürlich sorgfältig aufgelesen und mit jenen verglichen werden, die im Zusammenhang mit den Morden an William Grotzky und Brad Sussman sichergestellt worden waren.

Unsere Erkennungsdienstler Sam Steinburg und Mell Horster trafen ziemlich bald ein, um weitere Untersuchungen vornehmen zu können.

Der Blonde reiste mit geringem Gepäck. Ein paar Kleidungsstücke sowie Reisepässe, Kreditkarten und Führerscheine, die auf drei verschiedene Namen ausgestellt waren.

Daniel Garth, James Seldur und Edgar McCall waren die Namen, die er in letzter Zeit benutzt hatte. Auf den dazugehörigen Fotos hatte er sein Aussehen jeweils stark verändert. So passte das Äußere von Daniel Garth zu jener Erscheinung, die wir von ihm zu Gesicht bekommen hatten, während James Seldur ein grauhaariger Mann mit dicker Brille war, der mindestens fünfzehn Jahre älter wirkte. Edgar McCall hatte hingegen einen dunklen Schnauzbart und abgesehen von einem Haarkranz eine Glatze.

„Könnte das dieser Al sein?“, fragte Milo.

„Wir werden das Foto mal herumzeigen“, meinte ich. „Die Beschreibung könnte zutreffen...“

„Abgesehen von der Größe“, sagte Milo. „So sehr der Kerl sich auch zu verkleiden versucht, daran kann er nichts ändern.“

23

Der Blonde betrat die Schließfachanlage an der Tenth Avenue. Sein Hemd hatte er über die Hose gezogen, damit die Waffe nicht sichtbar war. Die Flucht aus dem Lancaster Hotel war so überstürzt von statten gegangen, dass er nicht einmal eine Jacke hatte mitnehmen können – geschweige denn Papiere oder dergleichen.

Den Schlüssel für das Schließfach hatte er jedoch immer dabei. Er befand sich in einem kleinen Lederbeutel, den er um den Hals trug.

Der Blonde wartete, bis er ungestört war. Er nahm den Schlüssel hervor und öffnete das Fach. Ein neuer Satz Papiere und ein Bündel mit Bargeld hatte er dort deponiert.

Für Notfälle.

Und so ein Notfall war jetzt eingetreten. Er steckte das Geld ein und sah auf das Passfoto. Noch passte es sich nicht zu seinem jetzigen Äußeren. Aber das würde sich bald ändern.

Der Skorpion lässt sich die Butter nicht im letzten Moment vom Brot nehmen!, ging es ihm durch den Kopf, wobei seine Züge grimmige Entschlossenheit zeigten.

Er war stolz darauf, niemals einen Job abgebrochen zu haben.

Auch, wenn es plötzlich zu unvorhergesehenen Komplikationen gekommen war.

Diesmal würde er sich auch nicht von seinem Weg abbringen lassen. Wenn alles gut ging, dann war das die letzte große Sache, die er durchziehen musste, bevor er sich irgendwo im sonnigen Süden zur Ruhe setzen konnte. Es war schon alles dafür vorbereitet.

24

Der Verlust von zwei Kollegen war für das gesamte Field Office ein Schock. Jeder von uns weiß, dass dies unter Umständen zu den Risiken gehört, die jeder eingeht, der im Dienst des FBI oder einer anderen Polizeieinheit steht. Zwischenzeitlich mag man das erfolgreich verdrängen, aber das Risiko bleibt doch immer wie ein Schatten im Hintergrund.

Als wir am Abend in unsere Büros an der Federal Plaza zurückkehrten, waren wir alle ziemlich schweigsam.

Für uns konnte die kaltblütige Ermordung unserer Kollegen eigentlich nur ein zusätzlicher Ansporn sein, den Täter zu finden und die Hintergründe jener Verbrechensserie aufzuklären, die nach unseren bisherigen Erkenntnissen mit der Ermordung des ehemaligen FBI-Agenten William Grotzky begonnen hatte.

Der Zwischenstand unserer Ermittlungen war eher deprimierend. Zwar stand inzwischen fest, dass Grotzky und Sussman mit derselben Waffe getötet worden waren, aber das hatten wir ohnehin vermutet.

Die Namen, die in den Pässen des Killers gestanden hatten, waren in keinem der über NYSIS zugänglichen Datenarchive gespeichert.

Allerdings brachten die Fingerabdrücke uns vielleicht noch weiter. Einer der Abdrücke war identisch mit einer Spur, die vor zehn Jahren nach einer Schießerei in einem Nachtlokal namens ‚Bella’ genommen worden war.

„Der Laden lag in der Avenue B“, berichtete Max Carter, nachdem er in unser gemeinsames Dienstzimmer hineingeschneit war und uns über die neuesten Ergebnisse seiner Abteilung in Kenntnis gesetzt hatte.

„Waren wir da nicht kürzlich erst?“, fragte Milo.

Max schnipste mit den Fingern. „Du denkst in der richtigen Bahn, Milo! Das ‚Bella’ war ein Club, der unter der Regie von Andy Giacometti stand. Als er dann zunehmend Schwierigkeiten mit der Justiz bekam und man vermutete, dass das völlig unprofitable Etablissement nur der Geldwäsche diente, wechselte es mehrere Male den Besitzer. Zuletzt überschrieb es Andy Giacometti seinem Sohn Michael. Dann wurde es geschlossen und unter dem Namen ‚Plaisir’ neu eröffnet. Die Besitzverhältnisse waren zunächst etwas dubios. Mehrere Namen wechselten da in rascher Folge ab. Der letzte in dieser Reihe ist Vic Ellings – aber es pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass Ellings nur ein Strohmann von Michael Giacometti ist!“

„Also noch eine Verbindung zum Giacometti-Clan!“, stellte ich fest.

„Vielleicht haben wir die Bande durch unseren Auftritt im Plaisir etwas aufscheuchen können“, hoffte Milo.

„In dieser Hinsicht bin ich weniger optimistisch“, meinte ich. „Wenn es wahr ist, was Clive uns von seinem Informanten berichtet hat und sich der Killer tatsächlich das Kopfgeld bei Michael Giacometti abgeholt hat, zeugt das eigentlich dafür, dass die Familie sich sehr sicher fühlt.“

Max nickte. „Durchaus möglich, dass sie das Gerücht darüber, dass jemand das Kopfgeld bekommen hat, absichtlich gestreut wurde, so nach dem Motto: Einem Giacometti spuckt man nicht in die Suppe und wenn man es doch versucht, muss man unter Umständen auch Jahre später dafür einen bitteren Preis zahlen.“

„Was ist mit dem Abgleich der Bilder, die wir von dem blonden Killer haben?“, hakte ich an Max gewandt nach. „Gibt es da wirklich keine Übereinstimmungen mit den Daten, die uns über NYSIS zugänglich sind?“

„Wir sind dabei, die Fotos telemetrisch auszuwerten und dann einen Abgleich unter ganz bestimmten Merkmalen  durchzuführen. Dazu werden wir auch das Videomaterial der Subway Station heranziehen. Wie gesagt, wir arbeiten jetzt noch ein paar Stunden daran. Vielleicht liegt morgen früh schon etwas vor. Ach – habe ich euch schon gesagt, was der DNA-Test von Blutspritzern an Grotzkys Hose ergeben hat?“

Milo und ich schüttelten den Kopf.

„Nein, keine Ahnung!“, sagte ich.

„Der Bericht liegt schon bei Mister McKee. Die Spur reichte nicht aus, um wirklich einen Individualabgleich durchzuführen. Aber es steht jetzt definitiv fest, dass die Blutspritzer nicht von einem Menschen stammen.“

„Sondern?“

Max grinste. „Ihr kommt nicht drauf! Es war ein Hund. Wir sind daraufhin alle Fälle durchgegangen, in denen Hunde in einer Schießerei eine Rolle spielten.“

„Und?“

„In der Nähe des alten Navy Yards in Brooklyn wurde vor sechs Wochen die Leiche von Eric Sundstrom gefunden. Sundstrom galt als eine graue Eminenz des illegalen Waffenhandels. Er war sehbehindert und hatte deswegen immer einen Hund an seiner Seite.“

„Grotzky hat neben Sundstrom gestanden, als er erschossen wurde!“, schloss ich.

„Ja. Wir haben einen Abgleich zwischen den am Tatort in der Nähe des Navy Yard aufgefundenen Projektile und Grotzkys Waffe durchgeführt.“

„Mit welchem Ergebnis?“

„Negativ, Jesse. Wir hatten angenommen, dass er irgendeiner Form an der Schießerei beteiligt war, denn er muss genauso in der Schusslinie gestanden haben.“

„Aber jemand wie Grotzky kannte doch alle Tricks“, meinte Milo. „Ich stelle mir vor, was da abgelaufen ist. Grotzky trifft sich mit einem Geschäftspartner an einem geheimen Treffpunkt.“

„Er begleitete ihn wahrscheinlich dort hin!“, korrigierte Max.“

„Danach wurde geschossen. Entweder, es kam bei einer Verhandlung zum Streit, oder jemand wollte die beiden aus dem Weg räumen. Auf jeden Fall hätte jemand wie Grotzky sich sofort eine andere Waffe besorgt, nachdem er an der Schießerei beteiligt war.“

„Milo hat recht“, fand ich. „Also spricht der negative Ballistik-Test nicht dagegen. Und dass Grotzky sich bei dem Gefecht nicht gewehrt hat, halte ich für ausgeschlossen.“

„Er wäre dann auch wohl kaum ich am Leben“, stellte Max fest.

Ich lehnte mich in meinem Bürostuhl zurück. „Immerhin haben wir jetzt einen ersten Hinweis, in welcher Branche Grotzky sein Geld verdiente.“

„Mit Waffen!“, ergänzte Milo.

25

Al hatte in der Nähe des Heckscher Playground Platz genommen. Er las eine Ausgabe des ‚New Yorker’. Zwischendurch schielte er über den Rand der Zeitschrift und nahm Blickkontakt mit einem Mann in dunkler Lederjacke auf, der ein paar Meter entfernt postiert war. Insgesamt fünf Mann hatte Al in der Umgebung Stellung beziehen lassen. Er war ziemlich nervös geworden.

Das Geschäft hatte eine Eigendynamik bekommen, die er nicht erwartet hatte.

Zwei Männer in grauen Anzügen näherten sich.

Al suchte noch einmal den Blickkontakt zu seinem Leibwächter und ging anschließend auf die beiden zu.

„Darren! Miles! Was verschafft mir die Ehre dieses Treffens?“, fragte Al.

„Halten wir uns nicht mit Gesülze auf, Al!“, sagte Darren. „Ich bin für Klartext!“

„Offenheit ist immer das beste Mittel gegen Irritationen“, erwiderte Al auf seine höfliche Art.

„Okay, dann mal in aller Offenheit. Wir sind ziemlich irritiert über einige seltsame Geschichten, die seit neuestem die Runde machen! Und wir fragen uns tatsächlich, ob wir uns auf Sie und Ihre Leute noch verlassen können!“

„Natürlich können Sie das!“

„Dieser Deal ist außerordentlich wichtig“, ergänzte Miles. „Es gibt inzwischen schon vereinzelte Stimmen, die alles abblasen wollen!“

„Sind Sie verrückt?“, ereiferte sich Al. „Jetzt, so kurz bevor wir den größten Gewinn unseres Lebens einstreichen und uns vielleicht alle zur Ruhe setzen können!“

Darren verzog das Gesicht.

Seine Züge drückten nichts anderes als Verachtung aus.

„Für Sie ist das vielleicht der Mega-Deal, Al. Aber es liegt immer auch daran, womit man sich zufrieden gibt!“

Al kratzte sich am Hinterkopf. Er konnte seine Nervosität kaum verbergen. „Glauben Sie mir, es ist alles unter Kontrolle.“

„Das will ich hoffen“, sagte Darren. „Andernfalls würden Sie es bereuen. Glauben Sie es mir!“

26

Am nächsten Morgen fanden wir uns wie üblich im Büro unseres Chefs ein. Was die Identität des Killers anging, gab es tatsächlich etwas Neues.

Mister McKee gab das Wort an Max Carter.

„Die uns vorliegenden Bilder des Mörders von William Grotzky und Brad Sussman wurden digitalisiert und mit Hilfe eines speziellen Programms telemetrisch vermessen. Dabei werden die Abstände zwischen bestimmten Gesichtspartien in ein exaktes Verhältnis gesetzt, beispielsweise der Abstand zwischen den Augen oder der Abstand zwischen Oberlippe und Nase. Diese Abstände sind unveränderlich. Ab sechs Übereinstimmungen kann man davon ausgehen, dass die betreffenden Personen entweder identisch sind oder es sich um eineiige Zwillinge handelt. Der derzeitige Standard unseres Programms liegt bei zwölf Identifikationspunkten und ist daher sehr sicher.“

Max projizierte das Gesicht eines Mannes mit Hilfe seines Beamers an die Wand. Er war Anfang zwanzig, das blonde Haar etwas länger und leicht gewellt.

„Das ist George Riley Mattucci. Die Aufnahme entstand bei einer Verhaftung vor sechzehn Jahren. Er wurde der Beteiligung an einer Schießerei beschuldigt, die vor sechzehn Jahren in Little Italy stattfand und mit der Giacometti-Familie in Zusammenhang gebracht wurde. Es bestand der Verdacht, dass die Familie einen vermeintlichen Verräter umbringen ließ, von dem sie annahm, er sei ein Polizeispitzel. Aber weder den Giacomettis noch George R. Mattucci konnte eine Tatbeteiligung nachgewiesen werden. Der Fall kam nicht einmal über die Anhörung vor der Grand Jury hinaus. Die Beweise waren einfach zu dünn.“

„Wie eng waren die Verbindungen von Mattucci zu den Giacomettis?“, fragte Mister McKee.

„Eine Verwandtschaft besteht nicht. Aber Mattucci fing in verschiedenen Clubs als Türsteher an, bei denen wir davon ausgehen, dass sie unter der Kontrolle der Giacometti-Familie standen. Übrigens gilt das auch für Vic Ellings, der später damit belohnt wurde, dass er das ‚Plaisir’ als Strohmann führen durfte.“

„Dann kennen sich Mattucci und Ellings?“, hakte ich nach.

„Durchaus möglich, da sie in derselben Zeit angefangen haben“, nickte Max. „Jedenfalls hat Mattucci eine ganz andere Laufbahn eingeschlagen. Er tauchte unter und wir gehen davon aus, dass er  identisch ist mit einem Profikiller, der unter dem Namen ‚Skorpion’ arbeitet. Etwa zwanzig Morde gehen wahrscheinlich auf sein Konto, aber genau wissen wir das nicht. Und längst nicht alle haben eine Verbindung zur Giacometti-Familie.“

„Angesichts seines bisherigen Verhaltens müssen wir damit rechnen, dass er rasch die Identität wechselt und untertaucht“, glaubte Mister McKee. „Die Fahndung läuft jedenfalls auf Hochtouren.“

27

„Halten Sie da vorne! Bei den Münztelefonen!“

Das Taxi fuhr an den Straßenrand. Harry DiAngelo bezahlte den Fahrer und stieg aus.

Das Taxi fädelte sich wieder in den Verkehr ein.

DiAngelo ließ den Blick über den Times Square schweifen.

Dann ging er auf die Münztelefone zu, von denen es auch in New York immer weniger gab. Erneut drehte er sich um, so als fühlte er sich beobachtet.

Endlich wählte er eines der Telefone aus, steckte ein paar Münzen in den Schlitz und wählte die Nummer des FBI.

„Hallo? Hier ist Harry DiAngelo. Ich habe etwas für Sie...“

Ein Van mit getönten Scheiben hielt am Straßenrand.

Auf der Beifahrerseite senkte sich die Scheibe. Etwas Dunkles, das aussah wie ein fingerdickes Metallrohr, schob sich ein paar Zentimeter hinaus.

Ein Schalldämpfer.

Das Mündungsfeuer zuckte blutrot hervor.

Der erste Schuss traf DiAngelo an der Schulter. Er drehte sich halb herum. Erneut zuckte sein Körper, als ein zweites und ein drittes Projektil trafen.

Er sackte zu Boden. Der Hörer baumelte wie ein Pendel hin und her, während der Van mit aufheulendem Motor davonbrauste.

28

Eine halbe Stunde später trafen Clive Caravaggio und Fred LaRocca am Tatort ein. Die City Police hatte dort bereits alles abgesperrt.

Lieutenant Saul Benson leitete den Einsatz.

Clive hielt ihm seine ID-Card hin.

„Clive Caravaggio, FBI. Dies ist mein Kollege Fred LaRocca. Wir haben einen Anruf zurückverfolgt, der ziemlich abrupt abgebrochen wurde.“

Details

Seiten
500
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909333
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364644
Schlagworte
sammelband strandurlaub nochmal alfred bekker thriller

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Titel: Für den Strandurlaub: Nochmal drei Alfred Bekker Thriller - Sammelband