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Sheng #10: Flucht aus Yuma

2017 120 Seiten

Leseprobe

Flucht aus Yuma


Ein Western von Uwe Erichsen



Früherer Originaltitel: Shingo und der Kettensträfling



I MPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappentext:

Sheng ist auf dem Weg zu William Arnolds Ranch. Da dieser sich einige Jahre in China aufhielt, erhofft sich Sheng, von Arnold Hinweise über seinen Vater zu erhalten. Doch zu diesem Treffen kommt es gar nicht. Denn zwei Banditen namens Tuss Kirby und Serrat Royo hindern ihn daran. Ihre Kumpane halten die Familie des Ranchers gefangen und werden sie erst wieder freilassen, wenn Sheng einen riskanten Auftrag erledigt. Im berüchtigten Gefängnis von Yuma sitzt ein Mann namens Gene Haffner – und den soll Sheng befreien. Erst dann kommen die Arnolds wieder frei. Sheng bleibt nichts anderes übrig, als einzuwilligen. Auch wenn er weiß, dass es fast unmöglich ist, einen Gefangenen aus dem schwer bewachten Gefängnis herauszuholen ...



Roman:

Sie trieben ihre schweißnassen Pferde in die seichte Furt. Sheng hörte ihre heiseren Schreie und sah das Wasser aufspritzen. Zwei Männer, die vom südlichen Ufer kamen, wahrscheinlich aus Mexiko. Die Hufe ihrer Pferde versanken im rotbraunen Uferschlamm. Sie ließen sich aus den Sätteln gleiten und zerrten die Pferde hinter sich her.

Sheng kniff die Lider zusammen. Einen der beiden Männer hatte er schon einmal gesehen. Vor zwei Monaten in einer regnerischen Nacht in dem Eisenbahnlager bei Coldwater in Kansas. Der Mann hatte einen Marshal erschossen, der gekommen war, ihn zu verhaften.

Der Mörder hieß Kirby. Tuss Kirby. Jetzt war er nach Arizona geflohen, wo ihm kein US-Marshal etwas anhaben konnte.

Kirby hob den Blick und starrte genau auf den Busch, hinter dem Sheng sein Lager aufgeschlagen hatte. Ein rauchloses Feuer brannte unter dem verbeulten Wassertopf. Der Mann neben Kirby war ein gedrungener Mexikaner mit stechendem Schlangenblick. Kirby stieß den Mexikaner an. Seine ausgestreckte Hand wies auf Sheng. Dann stieß er seinem Gaul die Sporen in die Weichen und jagte die Böschung hinauf...

Sheng wartete ruhig. Er hielt den Kopf gesenkt und hob ihn erst wieder, als der Schatten des Mörders dunkel über ihn fiel, und das scharfe Klicken eines einrastenden Revolverhammers ertönte.

Kirby schob sein Hammerkinn vor. Er hatte ein flaches Gesicht mit eng zusammenstehenden Augen, die jetzt seltsam starr blickten. Er stieß einen Pfiff aus, und der Mexikaner kletterte den Hang hinauf.

Ist er das?“, rief er keuchend.

Er ist es. Komm schon!“, schrie Kirby ungehalten.

Der Mexikaner brach durch das Manzanita-Gestrüpp, dann blickte er auf den hageren Mann nieder, der ruhig vor dem Feuer saß.

Die halbe Portion?“, schrie der Mex. „Den pustet doch ein Windhauch um!“

Kirby deutete auf einen knorrigen, gebleichten Ast, den Sheng neben das Feuer gelegt hatte. „Schlag ihm den Knüppel über den Schädel! Los, mach schon!“

Der Bandit trat drei Schritte zurück, wobei er sorgfältig darauf achtete, Sheng in seinem Schussfeld zu behalten.

Der Mexikaner lachte auf, als er sich bückte und den Ast mit beiden Händen packte. Er schwang ihn hoch über seinen Kopf und ließ ihn dann herabsausen.

Sheng sah den schwachen Schatten, und er hörte das Pfeifen, das scharfe Zischen, mit dem der Ast die Luft durchschnitt. Er streckte den linken Arm zur Seite aus und hob ihn ein wenig an. Gleichzeitig drehte er seinen Oberkörper so, dass der Knüppel ihm nicht den Schädel zertrümmern konnte.

Shengs Hand zuckte. Seine Handkante prallte unter den Ast, der mit einem trockenen Laut zerbrach. Das Ende, das der Mexikaner noch in der Faust hielt, schwang zurück und schlug gegen seine Stirn. Der spitze Hut mit dem breiten Rand segelte davon.

Der Mann stieß einen Wutschrei aus. Kirby grinste mit dünnen, vom Staub der Wüste bedeckten Lippen, als der Mexikaner sich von oben auf Sheng stürzte.

Sheng sprang auf die Füße. Er sah dem Mann in die schwarzen glänzenden Augen, er las die Mordlust darin, und er konnte sich nicht erklären, was dieser plötzliche, völlig unmotivierte Angriff zu bedeuten hatte. Kirby hielt sich abseits, mit gezogenem Revolver, dessen Hahn gespannt war.

Der Mexikaner sprang. Schwere Fäuste schwangen vor dem verzerrten Gesicht des Mannes, und hell klingelten seine Sporen.

Sheng neigte seinen Oberkörper, als der Mexikaner heranwalzte. Die Brust des Angreifers prallte gegen Shengs Schulter, der sich noch tiefer duckte, wodurch der Mexikaner den größten Teil seines Gleichgewichts einbüßte. Sheng brauchte sich nur aufzurichten, um den Mexikaner mit seinem eigenen Schwung über die Schulter zu schleudern. Der Mann landete mitten im harten ausgedörrten Gestrüpp auf dem Rücken, wo er benommen liegen blieb.

Kirby lachte. Es war ein, seltsames Lachen, das weder Schadenfreude noch Zorn über die Niederlage des Gefährten ausdrückte.

Der Mexikaner stemmte sich in die Höhe. Er hatte glattes schwarzes Haar, das ihm bis zu den Augenbrauen in die Stirn fiel. Er bewegte die Finger der rechten Hand, und dann schob er die Hand unter die ärmellose Lederweste.

Sheng stand ruhig da. Er hatte gesehen, dass der Mann eine lederne Scheide unter der Weste trug, in der ein Messer steckte.

Der Mexikaner riss das Messer heraus. Er konnte mit dieser Waffe umgehen. Locker lagen die Finger an der langen Klinge, dann, mit einem schnellen, kaum sichtbaren Ruck des Handgelenks schickte er das schwere Wurfmesser auf die Reise.

Die Klinge blitzte hell in der Sonne, als sie auf Sheng zuflog. Der große Mann hob eine Hand, seine Finger fuhren durch die Luft und schlossen sich dann, als ob er eine Mücke gefangen hätte.

Niemand wäre in der Lage gewesen, die Schnelligkeit der Armbewegung mit den Augen zu verfolgen. Eine Drehung des Handgelenks, eine geschmeidige fließende Bewegung des ganzen Armes. Der Mexikaner stand wie erstarrt. Er konnte es nicht glauben. Er hatte auf die Brust dieses seltsamen großen Mannes gezielt. Sein Messer hatte noch nie das Ziel verfehlt.

Etwas blitzte auf, und dann hörte er einen dumpfen Aufprall. Er blickte zu Boden, wo zu seinen Füßen das Ende des Astes liegengeblieben war, mit dem er den hageren Mann kurz zuvor hatte schlagen wollen.

Das Messer steckte tief in dem harten Holz, der lederbezogene Griff schwang vibrierend hin und her.

Kirby lachte auf. „Siehst du?“, rief er triumphierend. „Was habe ich gesagt?“

Die schwarzen Knopfaugen des Mexikaners starrten in das schmale Gesicht des Mannes, der ruhig vor ihm stand und bisher noch kein Wort gesagt hatte.

Er ist ein Teufel!“, knurrte der Mexikaner.

Er ist ein harmloser Spinner! He, Sheng, was bist du?“ Kirby lachte. „Ein Spinner. Macht einen auf Frieden und so und hat immer einen Spruch auf Lager! He, Sheng, sag mal was! Royo will eine Kostprobe ...“

Sheng blickte über das Land, das unter einer erbarmungslosen Sonne brannte. Auf einem Stein saß eine winzige Smaragdeidechse. Der lehmgelbe Fluss teilte die Ebene. In der Ferne lagen die Sandsteinfelsen der südlichen Sonora-Wüste unter einer Kuppel aus flimmernder Luft.

Er war allein mit zwei Verbrechern, die etwas von ihm wollten. Kirbys zufriedener Gesichtsausdruck irritierte ihn, wie es damals Li Kwans leises frohes Lachen getan hatte.

Gut, Kirby“, sagte der Mexikaner endlich. Er bückte sich und zog das Messer aus dem Holz. Er musste sich sehr anstrengen dabei. Als er sich wieder aufrichtete, hatte sich sein Gesicht gerötet. „Ich bin einverstanden, Kirby.“

Gut, Royo. Aber von jetzt an rate ich dir, ihm nicht mehr zu nahe zu kommen und ihn nicht an dein Messer zu lassen. Und du, Sheng, kommst mir nie näher als drei Schritte, verstanden?“

Sheng nickte.

Sprich, wenn du gefragt wirst!"

Ja, Sir“, antwortete Sheng. Es war nichts Gutes, was die Männer veranlasst hatte, ihn zu suchen. Die beiden waren von Süden gekommen. Von der Hazienda, die dem Amerikaner gehörte. William Arnold. Sheng wollte Arnold besuchen, weil der ihm vielleicht etwas von seinem Vater erzählen konnte, denn Arnold sollte viele Jahre in China gelebt haben.

Sie kamen von Arnolds Hazienda!

Du wirst uns nämlich einen kleinen Gefallen tun, Schlitzauge“, fuhr Kirby fort, und er lachte laut und heiser. Dieses Lachen passte zu dem Banditen. Es klang kalt und böse wie das Rasseln der Klapperschlange. Breitbeinig stand er vor Sheng, den Stetson hatte er in den Nacken geschoben, das schweißfeuchte Gesicht glänzte in der Sonne.

Wenn ich kann, gern“, antwortete Sheng.

Das Lachen fiel aus Kirbys Gesicht wie trockener Sand. „Du willst mich wohl veralbern, du verdammter Gelber! Ja, Sir, gern, Sir ...“

Nein, Sir“, sagte Sheng, dem Ironie fremd war.

Er hatte noch etwas begriffen. Diese Begegnung war kein Zufall, und der Angriff des Mexikaners sollte einen Test darstellen, eine Prüfung, um den Mexikaner zu überzeugen.

Wovon?

Kirby war einmal dabei gewesen, als er, Sheng, im Camp der Eisenbahn hatte kämpfen müssen, um mehreren chinesischen Arbeitern das Leben zu retten. Der Kung Fu-Mann war allein gegen vier brutale Aufseher angetreten und hatte sie besiegt. Kirby war Zeuge des Kampfs gewesen. Kirby wusste, dass Sheng über besondere Fähigkeiten verfügte, über eine außergewöhnliche Körperbeherrschung, über Füße wie Blitze, die sich unsichtbar machen konnten, und Hände mit Kanten wie Eisenstangen.

Du wirst einen lieben Freund zu uns bringen, Sheng“, sagte Kirby. „Er heißt Gene Haffner und hält sich zur Zeit in Yuma auf.“ Kirby lachte heiser. „Auf der Arizona-Seite ...“

Bis Yuma war es nicht mehr als eine Tagesreise. Sheng blickte den Mann vor sich an. Tuss Kirbys Gesicht zeigte jetzt einen angespannten Ausdruck. Das, was er von Sheng erwartete, schien ihm sehr wichtig zu sein.

Ich gehe aber nicht nach Yuma“ sagte Sheng. „Tut mir leid ...“

Wenn du nicht nach Yuma gehst, Schlitzauge, wird dein Freund Arnold sterben. Und alle, die bei ihm sind!“

Das war es also. Sheng atmete tief durch.

Mein Freund Royo“ - Kirby zeigte auf den Mexikaner, - „ist der Häuptling einer auserlesenen Bande von Strolchen. Sie genießen im Augenblick die Gastfreundschaft deines Freundes Arnold. Er hat eine mexikanische Frau, vier Kinderchen mit ihr und drei größere, die er aus China mitgebracht hat. Sie alle werden sterben, wenn du uns einen kleinen Freundschaftsdienst abschlägst.“

Sheng spürte den lauernden Blick des Banditen wie die Berührung einer feuchten kalten Hand. Er neigte ein wenig den Kopf. „Was soll ich also tun?“

Du sollst Gene zu Arnolds Hazienda bringen. Mehr nicht.“

Sheng schwieg. Die beiden Galgenvögel beobachteten ihn lauernd.

Gene Haffner“, sagte Kirby jetzt, „sitzt im Jail von Yuma ...“

Sheng war noch nie in Yuma gewesen, dieser Stadt am Zusammenfluss des Gila Rivers mit dem Colorado an der Grenze von Arizona nach Kalifornien, achtzehn Meilen von der mexikanischen Grenze entfernt. Er kannte die Stadt nicht. Aber er hatte von dem Zuchthaus gehört. Es lag auf einem Felsen am Ostufer des Colorado, gegenüber dem Fort Yuma auf der kalifornischen Seite.

Man erzählte sich viel über das Yuma-Jail an den Lagerfeuern. Die Männer fürchteten es wie die Hölle, und selbst solche, die niemals fürchten mussten, dort eingesperrt zu werden, senkten die Stimme, wenn sie den Namen aussprachen.

Sheng erinnerte sich an die Geschichte eines Mannes, der sich in den Kugelhagel einer Sheriffs-Posse gestürzt hatte, um nicht ins Yuma-Jail zu müssen.

Und noch eine Geschichte hatte er gehört. Nach acht Jahren war ein Mann aus Yuma entlassen worden. Ein gebrochener Mann, wie alle dachten, weil jeder, der lebend die Mauern überwand, ein gebrochener Mann war.

Dieser Mann jedoch hatte einen Rest von Selbstgefühl behalten. Er hatte einen der Wärter in einem Saloon aufgespürt und ihn dort beleidigt, bis der zur Waffe gegriffen und den ehemaligen Gefangenen erschossen hatte. Jetzt saß der Wärter selbst im Yuma-Jail, hinter den Gittern, und er wünschte, er wäre tot.

Yuma musste die Hölle sein. Und er sollte hinein. Sheng begriff die schreckliche Wahrheit.

Kirby grinste mit staubgrauen Lippen. „Ich sehe, du verstehst. Wir müssen dringend mit Gene sprechen. Du holst ihn aus dem Jail und bringst ihn zu Arnolds Hazienda.“

Sheng nickte. Er musste es tun. Er wusste es. Kirby war ein Teufel, und der Mexikaner sein Partner.

Wir amüsieren uns so lange mit deinen Freunden, Sheng!“ Kirby lachte laut auf, und auf dem gelbbraunen Gesicht des Mexikaners erschien ein schmieriges Lächeln. „Lass dir ruhig Zeit, Schlitzauge, überstürze nichts. Sagen wir sieben Tage. Von heute an gerechnet.“

Sheng blickte zum Himmel hinauf. Die feurige Sonne stand im Südwesten. Der Himmel zeigte die Farbe geschmolzenen Metalls.

Zehn Tage“, sagte Sheng.

Kirbys Mund verzerrte sich, als er zu einer heftigen Entgegnung ansetzte, und seine rauchgrauen Augen verdunkelten sich.

Sheng hob schnell eine Hand. Er glaubte, die sanfte Stimme seines alten Lehrers zu hören. Treibe einen Mann nie so in die Enge, dass er nicht mehr er selbst ist. Auch nicht mit Worten. Lass ihm die Möglichkeit, seine Meinung zu ändern, ohne ihn seinen Stolz vergessen zu lassen.

Bitte, Sir!“, sagte Sheng. „Ich brauche einen Tag, um nach Yuma zu kommen ...“

Kirby sah sich um. „Wo ist dein Gaul? Ach, das habe ich vergessen!“, höhnte er. „Du reist ja ohne!“ Kirby lachte rau.

Ich muss das Gefängnis studieren, ich muss wissen, was mich erwartet. Vielleicht muss ich hinein, vielleicht muss ich einen Wärter finden, der sich bestechen lässt ... Sieben Tage werden nicht reichen. Oder wir riskieren, zu früh entdeckt zu werden!“

Der Mex schob sich vor. „Du hast gehört, was er gesagt hat, und jetzt halte dein Maul!“

Kirby drängte seinen Komplizen zur Seite. Schweigend betrachtete er Shengs Gesicht. Niemand bewegte sich. Sheng sah den Schatten eines Geiers, der scheinbar reglos unter dem lodernden Himmel hing.

Ich habe es gesagt. Du hast Zeit. Wir warten bei den Arnolds. Also gut, von morgen an eine Woche. Danach stirbt jeden Tag einer der Arnolds. Die Schlitzaugen zuerst.“

Sheng reckte sein Gesicht in den Himmel. Er schloss die Augen. Was mochte dieser Gene Haffner verbrochen haben? Durfte er ihn einfach aus dem Zuchthaus holen? Oder sollte er versuchen, gleich zur Arnold-Ranch zu gehen? Er hatte jetzt einen Tag gewonnen. Acht Tage. In acht Tagen würde er es vielleicht schaffen, die Banditen zu überlisten, die Arnolds Hazienda besetzt hatten.

Kirby schien Shengs Gedanken lesen zu können. Er lachte höhnisch.

Du kannst vielleicht zwei von uns erwischen, vielleicht auch drei. Aber nicht alle. Seine Leute machen alles nieder, wenn sie nervös werden, und sie verlieren schnell die Nerven! Du weißt nicht, mit wem du es zu tun hast, Chinamann! Er heißt Royo! Serrat Royo!“

Sheng kannte den Namen. Royo führte eine wilde Räuberbande an, die im nördlichen Sonora ihr Unwesen trieb und nicht davor zurückschreckte, auch die Grenze nach Arizona oder nach Kalifornien zu überschreiten. Es gab ein Dorf, das ihm gehörte. Mit allen Menschen, die darin lebten. Seine Untertanen verehrten ihn wie einen Volkshelden, weil er für sie sorgte - mit geraubtem Geld und Gut. Royo musste ein reicher Mann sein, wenn die Gerüchte stimmten, die Sheng gehört hatte.

Sheng betrachtete den Mann. Royo warf sich in die Brust. Die Rahmen der beiden tiefgeschnallten Revolver glänzten silbern. Er trug sie in einem breiten, mit silbernen Nägeln beschlagenen Gürtel.

Kirby schaltete sich wieder ein. „Denk daran - morgen in einer Woche!“

Kirby gab dem Mexikaner einen Wink, und zusammen glitten sie den Hang zum Ufer hinab, wo sie ihre Pferde angebunden hatten.

Sie schwangen sich in die Sättel, dann trieben sie die Tiere laut schreiend in den Fluss, und drüben gaben sie ihnen die Sporen.

Sheng sah der dünnen rotbraunen Staubfahne nach. Sein Herz war schwer. Man hatte ihm plötzlich die Verantwortung über das Leben von neun Menschen übertragen, von denen er keinen einzigen kannte. Gene Haffner hatte er dabei noch gar nicht mitgezählt.

Bedächtig trat Sheng das Feuer aus, dann rollte er sein Bündel zusammen. Er blickte zum Himmel hinauf, wie um Kraft für den langen Weg zu sammeln. Doch er brauchte keine äußere Kraft. Es war eine Frage, die ihn beschäftigte.

Wer war Gene Haffner?

Ein Verbrecher wie Kirby? Ein Mörder?

Diese Fragen nach dem Mann, den er befreien sollte, musste er verdrängen. Die Antworten durften ihn nicht interessieren.

Sheng lief nach Südwesten. Er lief durch das sonnendurchglühte Land, durch die Ebene, in der sich die Hitze sammelte wie unter einem Brennglas.

Jede Stunde war kostbar. Jede einzelne Minute sogar.


*


Sie kamen aus dem Steinbruch zurück, als die Sonne den westlichen Horizont berührte. Dreitausendzweihundert erschöpfte, bis aufs Blut gepeinigte Männer. Eine staubbedeckte Masse, die nur aus gebeugten Rücken und eingefallenen Gesichtern zu bestehen schien, nicht jedoch aus einzelnen Menschen. Der einzelne existierte hier nicht mehr.

Sie mussten sich aufstellen in dem großen Hof zwischen den Zellenblöcken und der wuchtigen hohen Außenmauer. Zwanzig Männer in jeder Reihe, zwanzig Männer hintereinander. Niemand interessierte sich dafür, wer in welchem Block stand. Die Hauptsache war, die Zahl stimmte. Es gab keine Namen, keine Gesichter.

Jedenfalls selten.

Heute war ein besonderer Tag. Heute wurde ein Name aufgerufen. Die Männer hoben die Köpfe. Wer war gemeint? Sie sahen die Wärter im Schatten der Mauer stehen, die Bluthunde an kurzen Leinen. Einer von ihnen schrie den Namen hinaus.

Haffner! Vortreten!“

Der Mann, der auf diesen Namen gehört hatte - in einer anderen Welt in einer anderen Zeit - bewegte den Kopf. Da war etwas in sein Gehirn gedrungen ... Eine Erinnerung ... Ja, Haffner, das war doch er selbst!

Hier!“, schrie er.

Raustreten!“

Haffner schob sich zwischen starr stehenden, nicht weichenden Schultern hindurch. Dann durchbrach er die vordere Reihe und blieb stehen. Er blickte sich unsicher um. Graue Schatten der Dämmerung, ein tintenblauer Himmel über den Dächern der Zellenblocks, und weit draußen, jenseits der Mauern, ein scharfgezackter Bergrücken, über den die letzten Strahlen der tiefstehenden Sonne zuckten.

Pfiffe. Mehr als dreitausend Füße stampften den Boden, schlurften auf die Eingänge zu den Zellenblocks zu. Gene Haffner blieb reglos stehen. Was hatten sie mit ihm vor? Er hatte so manchen gesehen in den Monaten, die er inzwischen hier verbrachte, der vortreten musste und dann zurückgeblieben war. Was geschah mit diesen Männern?

Das Schlurfen der Schritte verhallte. Haffner hörte ein anderes Geräusch. Das Klirren von Ketten. Er wandte den Kopf. Eine Mauer versperrte den Blick auf den Nachbarhof. Dort, im Block drei, wurden die Elendesten der Elenden gehalten. Aneinandergekettet, geschlagen und getreten, wurden sie in die tiefsten Abgründe des Steinbruchs getrieben.

Ihn schauderte.

Er sah den Wärter, der über den Hof auf ihn zukam. Er kannte das Gesicht des Mannes, und er fürchtete diesen vierschrötigen Gesellen mit dem starren Blick einer Kröte. Dieser Wärter hatte ebenfalls einen Hund bei sich. Sein Gewehr hatte er neben seinem Kollegen an die Mauer des Zellenblocks gelehnt. Die anderen Wärter kümmerten sich nicht weiter um den Vierschrötigen und den Gefangenen.

Zwei Schritte vor Gene Haffner blieb der Wärter stehen. Der Hund, eine gedrungene Bestie mit kurzen stämmigen Beinen, setzte sich neben das linke Bein seines Herrn. Mit geöffnetem Fang hechelnd starrte das Tier Gene an. Aus den gleichen tückischen Augen wie die Wächter, deren Aufgabe es war, die Gefangenen zu bewachen.

Du bist also Haffner?“, begann der Mann.

Ja, Sir“, antwortete Gene. Er senkte den Kopf. Er wusste, dass man eine unterwürfige Haltung annehmen musste, wenn ein Wärter mit einem Gefangenen sprach.

Wie gefällt es dir hier?“

Haffner zögerte einen Moment. „Gut, Sir“, sagte er dann. Gene Haffner war ein mittelgroßer drahtiger Mann mit gewelltem braunen Haar, das ihm feucht in die Stirn fiel.

Der Vierschrötige lachte. „Du bist ein schlechter Lügner, Haffner. Mal sehen, ob du jetzt die Wahrheit sagst - wer ist Sherry Jackson?“

Gene Haffners Herz gefror zu Eis. Sherry ... wie kam der Name dieses Mädchens über die wülstigen Lippen eines solchen Unmenschen? Gene sah den kurzen Stiel der Büffelpeitsche, die im Gürtel des Wächters steckte.

Miss Jackson ist eine Bekannte ... Ich war einmal mit ihr befreundet ...“ Sherry, dachte Gene, und hilflos ballte er die Fäuste. Sherry ... woher kannte diese Bestie ihren Namen?

Sag mir, wo sie wohnt!“

Gene neigte den Kopf tiefer. „In Kalifornien“, antwortete er dumpf. „Sie ist an die Küste gezogen ... ich kenne ihre neue Adresse nicht...“

Der Vierschrötige hob die rechte Hand. Der Hund verfolgte jede Bewegung. Seine Kiefer schlossen sich einen Augenblick, wobei sie ein schnappendes Geräusch erzeugten. Der Wächter öffnete den obersten Knopf seiner blauen Uniformjacke.

Ich habe hier einen Brief für dich“, sagte er. „Kam vor ein paar Tagen an.“

Gene Haffner hob schnell den Kopf. Ihm entging nicht das lauernde Grinsen, mit dem der Mann ihn bedachte. Die plumpen Finger zogen einen hellblauen, geöffneten, bereits leicht verschmutzten Briefumschlag aus der Tasche.

Sherry, dachte Haffner verzweifelt, ich habe dich doch gebeten, nicht zu schreiben! Ich habe dich angefleht! Ihr Brief war durch Dutzende von Händen gegangen. Man hatte über ihre Worte Witze gemacht, sie hatten gelacht...

Du hast wieder gelogen, Haffner“, stellte der Vierschrötige fest. „Dein Mädchen ist in Yuma! Das wusstest du doch!“

Nein!“, sagte Haffner tonlos. Das Blut wich aus seinem Gesicht. Nein, das hatte er nicht gewusst. Seine Augen hingen an dem Brief in der Hand des Wächters. Er wusste, was jetzt kam, was kommen musste.

Du kannst den Brief haben, und du darfst sogar selbst einen schreiben! Ich werde ihn deiner Freundin bringen! Er geht nicht durch die Verwaltung, er wird nicht geöffnet werden! Na, was sagst du dazu?“

Warum war sie in Yuma?, fragte sich Haffner verzweifelt. Warum? Versuchte sie immer noch, eine Wiederaufnahme zu erreichen?

Nun, wie ist es?“

Dieser Mann wollte zu Sherry. Zu seiner kleinen Sherry. Haffner sah ihre dunklen Augen vor sich. Sie waren groß und blau und tief wie ein See oben in den Bergen. Seine Sherry...

Nein, sie war nicht mehr seine Sherry. Sie durfte nicht auf ihn warten! Und jetzt hatte sie ihm sogar einen Brief geschrieben! Die Wärter warteten doch nur auf eine solche Gelegenheit. Sie versprachen den Häftlingen Erleichterungen, wenn sie dafür zu deren Frauen durften.

Ich will ihr nicht schreiben“, sagte Gene. „Ich habe Schluss gemacht.“ Er starrte auf den Brief in der roten feisten Hand.

Der Vierschrötige lachte. „Umso besser! Sie will nämlich etwas von dir. Gut, dann werde ich sie besuchen und ihr sagen, dass du nichts von ihr wissen willst.“

Gene Haffner atmete schwer. Dieser Teufel!

Soll ich sie von dir grüßen?“

Er schüttelte stumm den Kopf. Er wollte die Hand nach dem Brief ausstrecken, doch der Wächter kam ihm zuvor. Es war mittlerweile dunkel geworden. An den Ecken der Gebäude wurden die Öllampen angezündet. Gene konnte das Gesicht seines Gegenübers kaum noch erkennen.

Der Vierschrötige zerfetzte den Brief in kleine Schnipsel.

Gene Haffner stieß einen heiseien Schrei aus. Er stürzte sich auf den Mann in der hellblauen Uniform. Seine Schulter prallte gegen die Brust des Mannes. Der Hund sprang auf und wollte nach Genes Bein schnappen, geriet aber zwischen die Füße seines Herrn.

Der Uniformierte stolperte. Haffner stieß ihm seinen Kopf in den Magen. Der Wächter stieß einen gurgelnden Schrei aus. Der Hund jaulte und kämpfte sich frei, dann schlug er seine Zähne in Haffners linkes Bein. Der Gefangene versuchte, die Bestie abzuschütteln. Ein wahnsinniger Schmerz zuckte bis in den Unterleib hinauf, und er stürzte.

Der Wächter richtete sich auf. Er versetzte dem Häftling einige wuchtige Fußtritte, dann hob er die Pfeife an seinen Mund.

Drei Männer stürzten herbei. Sie stellten sich um Haffner auf. Der Vierschrötige deutete auf den Mann, der am Boden lag. Der Bluthund stand mit geöffnetem Fang über ihm wie über einem geschlagenen Wild.

Legt ihn in Ketten“, befahl der Wärter, der Ernie Tiffany hieß. In seinen starren Krötenaugen erschien ein triumphierendes Leuchten.


*


Das Feuer der wie Diamanten funkelnden Sterne begann nach einer kalten Nacht zu verblassen, als Sheng das Ostufer des Colorado erreichte. Der Fluss wälzte sich breit in seinem ausufernden Bett auf die Stadt zu, die sich auf einem schmalen Streifen flachen Landes unterhalb eines steil aufragenden Felskragens ausbreitete.

Sheng lief, ohne das Tempo zu ändern. So war er die ganze Nacht gelaufen. Ohne Rast, ohne einen Schluck zu trinken oder etwas zu essen.

Während er sich jetzt den dunklen Umrissen der ersten Häuser näherte, nahm er die erkennbaren Einzelheiten in sich auf. Die unförmige Masse eines großen Gebäudekomplexes oberhalb der Stadt. In eckigen Maueröffnungen glommen Lichter wie Augen. Auf den Kronen der Mauern schritten Männer einher, die Fackeln in den erhobenen Händen trugen.

Das Yuma-Jail!

Shengs Blick wanderte nach Westen, über die breite dunkle Fläche des Flusses hinweg, zum anderen Ufer hinüber, wo Kalifornien lag. Auch im Fort brannten Lichter. Schattenhaft waren die Umrisse der Wachtürme zu erkennen, die Giebel der Gebäude, die die hohen Palisadenzäune überragten, die einstmals zum Schutz vor dem Ansturm der Indianer und dann als Abwehr gegen die spanischen und mexikanischen Truppen errichtet worden waren, die immer wieder versucht hatten, gegen diesen Staat der Union anzurennen.

Jetzt endlich verhielt Sheng den Schritt. Sein Atem ging gleichmäßig. Er sprang zum Ufer hinunter, wo er die Kleider ablegte und dann ins Wasser sprang.

Die Strömung war nicht sehr stark, der Fluss nicht tief. Eine Meile weiter im Süden gab es die große Furt, die das Entstehen Yumas begünstigt hatte. Sheng wusch sich im kalten Wasser, dann lief er am Ufer auf und ab, bis seine Haut trocken war. Langsam zog er sich an. Als er sein Bündel über die Schulter warf, zeigte sich ein heller grauer Streifen über den Felsen im Osten.

Erfrischt von dem Bad setzte Sheng seinen Weg fort. Drüben im Fort wurde zum Wecken geblasen. Das Signal hallte über den Fluss und prallte gegen die Felsen.

Sheng fand die in den nackten Sandstein geschlagene schmale Straße, die sich in mehreren engen Schleifen zu dem Plateau hinaufwand, wo sich hoch über dem Steilufer des Colorado die Mauern des Zuchthauses erhoben.

Fahles Dämmerlicht herrschte im Schutz der Felswände. Sheng lief wieder. Diesmal bergauf. Denn noch herrschte Ruhe auf dieser Straße, über die jedoch bald die Fuhrwerke aus dem Steinbruch rumpeln würden. Sheng suchte einen Platz, von dem aus er das Gefängnis ungestört beobachten konnte.

Hinter der letzten Kehre tauchte das hohe, schwarze, abweisend wirkende Tor vor ihm auf. In den beiden Wachtürmen über dem Tor erkannte Sheng gegen den jetzt helleren Himmel die Gestalten der Wächter, die ihm allerdings den Rücken zuwandten. Dünn drang das Läuten einer Glocke an sein Ohr, und dann die unbestimmten Geräusche, wie sie von vielen Menschen erzeugt werden, die auf engem Raum zusammenleben. Auf eine seltsame Weise erinnerten ihn die Mauern, das Läuten der Glocke und die Geräusche, die die erwachenden Männer erzeugten, an seine Zeit im Kloster vom Weißen Lotus. Mauern allein bedeuteten nichts Schreckliches für Sheng, denn er hatte sich in den Jahren innerhalb der Klostermauern in Einklang mit allen Mächten und Kräften der Natur befunden - mit sich und seinem Geist, mit seiner inneren Kraft, dem Chi, und mit seinen Lehrern.

Sheng verließ die Straße. Er kletterte den Hang hinauf, der die Straße nach Osten hin begrenzte. Er krallte seine Finger in die schmalen, vom Regen ausgewaschenen Felsrinnen, und langsam zog er sich empor.

Er fand den Platz, den er suchte, in Form einer flachen Felsschüssel, deren Rand über einem Abgrund endete. Zwergbäume und ein paar Wacholderbüsche schlugen ihre Wurzeln in den kümmerlichen Boden. Sheng schob sich unter die dürren, vom Staub bedeckten Zweige. Grauer Staub rieselte über seine schwarzen Haare und über sein scharfgeschnittenes Gesicht und überzogen es wie mit einer Tarnkappe.

Sheng schob seinen Kopf über den Rand der Schüssel.

Unter ihm lag das Zuchthaus ausgebreitet wie das Modell eines Baumeisters. Zögernd tasteten die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont, ehe sie das Land mit ihren sengenden Strahlen übergossen.

Sheng schloss einen Moment die Augen, und als er sie wieder öffnete, schien es, als habe er geschlafen und die Welt sei soeben erwacht.

Langsam ließ er seinen Blick über das Gelände gleiten. Es war ein fremdes Land, doch erschien es ihm irgendwie vertraut. Sand, Felsen, karges Gestein, ein Fluss, ein paar grüne Felder, von mutigen und hartnäckigen Männern und Frauen der Natur abgerungen. Ein Stück abseits näherte sich ein Ochsengespann in Richtung des Zuchthauses. Drei Treiber schlugen auf die Zugtiere ein. Der Wagen mit den zwei Ochsen im Joch war leer. Weiter im Westen erschienen jetzt mehrere Gespanne, alle leer und Sheng wusste, dass ihr Ziel der Steinbruch hinter dem Zuchthaus von Yuma war, wo sie Baumaterial für die Eisenbahn und die Stadt holten, die dort entstand.

Shengs Blick glitt über den Fluss zurück ans Ostufer. Da lag die Stadt Yuma. Um eine Kirche im maurisch-spanischen Stil scharten sich mehrere massive Gebäude um einen quadratischen Platz. Südlich des Platzes, an der breiten ausgefahrenen Straße nach Mexiko, erstreckte sich die Siedlung der Mexikaner - Zelte, windschiefe Hütten aus Brettern und löchriger Leinwand.

Ziegen und Schafe strichen hungrig zwischen Abfallhaufen einher. Am Brunnen hatten sich ein paar Frauen versammelt, irgendwo qualmte ein Feuer.

Nach Norden führten zwei Straßen aus der Stadt - eine folgte dem Ufer des Colorado, die andere stellte die einzige Verbindung des Zuchthauses mit der übrigen Welt dar.

Die Mauern! Wuchtige hohe Mauern aus grauem Sandstein. Unterhalb fiel der Felsen steil ab. Es gab nur einen schmalen, höchstens zwei Fuß breiten Sims entlang der Mauer, uneben und mit Steinen übersät. Am Fuß dieser Felswand lag die Stadt.

Wie es hinter der Südmauer aussah, konnte Sheng nicht erkennen. Er bemerkte nur mehrere eiserne Tore und die unter der Sonne aufleuchtenden schroffen Felsen, die den Steinbruch markierten.

Die Mauern, die den gewaltigen Komplex umgaben, bildeten ein langgestrecktes Rechteck - wuchtig aufgetürmte Massen aus schweren behauenen Quadern, die insgesamt drei Höfe und drei Zellenblocks umschlossen. Sheng bemerkte noch weitere Gebäude, und er bemühte sich, Klarheit über ihre Funktionen zu gewinnen. Er würde niemanden fragen können, ohne Verdacht zu erwecken. Er musste ahnen, wie das Leben dort unten ablief, welchem Zweck die verschiedenen Gebäude, Höfe und Tore dienten.

Die Fenster, selbst die im Verwaltungstrakt, unmittelbar hinter dem großen Haupttor, waren vergittert. Die einzige Ausnahme stellte ein flaches weiß gestrichenes Ziegelgebäude dar, das von einem schmalen Garten voller blühender Blumen umgeben war. Dort wohnte der Direktor.

Ein anderes flaches Steinhaus stellte wahrscheinlich das Lazarett dar - vor der Tür standen mehrere Bahren. Daneben befanden sich die Aufenthaltsräume der Wärter und Aufseher, wahrscheinlich auch die Waffenkammern und die Küchen und Kantinen. Dieser langgestreckte Bau klebte unmittelbar an einem überhängenden Felsen.

Auf dem größeren Hof versammelten sich jetzt die Gefangenen. Sie trugen hellbraune Einheitskleidung und runde Kappen, an denen Lappen angenäht waren, mit denen die Männer ihre Nacken vor der brennenden Sonne schützen konnten. Die Gefangenen bewegten sich langsam, mit marionettenhaften Schritten, als sie sich jetzt in Blocks von je zwanzig mal zwanzig Reihen aufstellten.

Acht Blocks bildeten sie auf diese Weise. Jeder bestand aus vierhundert Männern. Männern, die wie Tiere gehalten wurden, weil sie gegen Gesetze und Vorschriften verstoßen hatten, die von anderen Menschen aufgestellt worden waren.

Sheng konnte die Gesichter nicht unterscheiden. Sie sahen alle gleich aus von seinem erhöhten Beobachtungsposten. Helle Flecke, scheinbar reglos, auf mageren Körpern.

Die Wärter, erkennbar an ihren hellblauen Uniformen und den Gewehren, die sie über der Schulter trugen, hoben die Hände über die Köpfe. Von einem Wachturm aus, der wie ein Schwalbennest an der Mauer über dem Verwaltungsgebäude klebte, wurde ein Signal gegeben, und die Wärter streckten die Arme aus.

Die Reihen der abmarschbereiten Gefangenen schlossen sich enger, dann marschierten sie auf zwei Türen in der Südmauer zu, die inzwischen geöffnet worden waren.

Es war ein gespenstisches Bild. Mehr als dreitausend Männer schoben sich durch die Öffnungen und verschwanden dann wie Kolonnen von Ameisen in dem Steinbruch, der sich hinter dem Zuchthaus erstreckte wie ein zweites Gefängnis, aus dem es ebenso wenig ein Entkommen gab wie aus dem Jail selbst.

Die Füße der Männer wirbelten Staub auf. Bald schritten sie durch einen Nebel aus grauem Staub.

Sheng zählte die Minuten. Es dauerte insgesamt eine Viertelstunde, bis der letzte Gefangene das Tor durchschritten hatte. Es wurde geschlossen und mit schweren Riegeln gesichert.

In dieser Zeit hatten sich auf dem kleineren Hof vor dem dritten Zellentrakt weitere Blöcke aus Menschen aufgereiht. Diei Blöcke, jeweils zehn Männer in einer Reihe hintereinander und nebeneinander, dazu eine kleinere Gruppe von elf Männern. Sie waren aus mehreren niedrigen Türen ins Freie getreten. Ein scharfer Pfiff ertönte, und dann setzten sich diese Kolonnen in Bewegung. Auch ihre Wächter trugen Gewehre, und vier von ihnen führten bullige Bluthunde an kurzen Leinen.

Sie bewegten sich hinter dem Lazarettbau an der Felswand entlang auf ein einzelnes Tor zu, durch das sie einen gesonderten Abschnitt des Steinbruchs erreichten. Denn bei diesen dreihundertundelf Gefangenen handelte es sich um solche, die unter verschärften Haftbedingungen standen.

Es waren die Kettensträflinge.

Sheng lauschte dem Klirren der Ketten, die ihre Füße verbanden. Er sah diese endlose lange Kette, die sich wie eine schwarze Schlange von Mann zu Mann wand, von Fuß zu Fuß.

Was hatten diese Männer getan, um so gestraft zu werden? Waren sie besonders schwerer Verbrechen für schuldig befunden worden? Hatten sie versucht, aus dieser Hölle zu fliehen? Oder hatten sie Mitgefangene oder gar Aufseher angegriffen? Sheng konnte sich vorstellen, dass es nicht einmal besonders schwerwiegender Umstände bedurfte, um diesem Haufen Verlorener zugewiesen zu werden.

Die Männer schritten im Gleichschritt. Es war ein seltsam schlurfender Gang. Zuerst das ungefesselte linke Bein vor, dann das rechte und die daran befestigte Kette nachziehend.


*


Das Geräusch zerrte an Gene Haffners Nerven. Die eiserne Manschette, die der Schmied ihm noch am vergangenen Abend um das Fußgelenk gelegt und mit einem glühenden Stift vernietet hatte, scheuerte auf der Haut, und schon nach wenigen Schritten, während derer er die schwere Kette, die ihn mit seinem Hintermann verband, nach sich schleppte, spürte er das Blut, das unter dem Eisen hervor in seinen Stiefel rann.

Da war das Tor, und dahinter lag der steil abfallende Weg in die Tiefe des Steinbruchs. Ganz unten mussten die Kettensträflinge arbeiten. Sie bekamen die schwerste Arbeit, das schlechteste Essen. Während des Tages gar nichts. Nur die Flasche mit dem Wasser. Die Flaschen wurden von den Aufsehern am Tor ausgegeben.

Ohne den Schritt zu verlangsamen, streckten die Männer die Hände aus. Wer die hingehaltene Flasche verfehlte oder sie fallen ließ, ging leer aus. Ein anderer Gefangener nahm sie dann vom Boden auf, aber er gab dem Unglücklichen nichts ab, denn die Wasserrationen waren knapp bemessen.

Gene streckte die Hand aus. Er sah das Gesicht des Vierschrötigen. Ernie Tiffany grinste über sein fleischiges Gesicht. Die Uniformjacke wies bereits dunkle Schweißflecken unter den Armen auf.

Na, wie schmeckt dir die Kette?“, fragte er höhnisch. Haffners Hand schwebte in der Luft. Er setzte Fuß vor Fuß, denn wenn er anhielt oder langsamer ging, wurde er durch einen schmerzhaften Ruck am Bein daran erinnert, dass er mit den anderen verbunden war.

Seine Finger schlossen sich um die Flasche, und sie packten fest zu. Er würde wenigstens Wasser brauchen. Tiffany hielt die Flasche ebenfalls fest. Er wollte, dass Haffner sie losließ, dass sie zu Boden fiel.

Gene Haffner drehte die Hand und riss die Flasche an sich. Ernie Tiffany lachte fett.

Heute Abend habe ich dienstfrei!“, schrie er. „Da gehe ich in die Stadt und suche mir ein Mädchen!“ Er schrie lauter, um das Klirren der Kette zu übertönen. „Sherry Jackson wird sich freuen ...“

Gene senkte den Blick. Er sah Staub und Füße und die Kette, die über den Boden gezogen wurde. Jemand schrie auf.

Schneller!“, brüllte eine heisere Stimme. „Wollt ihr Halunken den ganzen Tag nur spazierengehen?“

Die Schnüre der Peitschen klatschten auf Schultern und Rücken der Sträflinge. Gene spürte den Schmerz nicht.

Er dachte an Sherry, und er weinte.


*


Sheng waren die Peitschen entgangen, weil sie in den Gürteln der Wärter gesteckt hatten. Jetzt sangen die ledernen Schlangen durch die Luft und prasselten auf die Rücken der Männer nieder, die deshalb doch nicht schneller gehen konnten.

Sheng hörte die Schmerzensschreie nicht. Nur dieses schaurige gleichmässige Scharren. Sheng löste den Blick von den gebeugten Rücken der Unglücklichen. Wieder tastete er das Gelände ab, um sich jedes Detail einzuprägen. Er hatte nicht viel Zeit. Nur noch sieben Tage! Dabei kannte er nicht mehr als den Namen des Mannes, den er herausholen und rechtzeitig zu William Arnolds Hazienda bringen sollte.

Wo war dieser Gene Haffner? Wo lag seine Zelle? Im Hauptgebäude? Oder in Block drei, wo die Zellen der Kettensträflinge lagen?

Shengs Blick wanderte über den Wasserturm. Auf dem hölzernen Gerüst drehte sich das Windrad in dem leichten Wind, der aus der Wüste kam. Sheng tastete die quer zu den Zellenblöcken stehenden Gebäude ab - die Kantine, vor der Männer in Gefangenenkleidung große Behälter reinigten. Es waren die Töpfe, in denen das Abendessen für die Sträflinge aus dem Steinbruch gekocht werden sollte. Ein paar fette Hunde schnüffelten zwischen den Abfällen herum. Die Bluthunde hechelten in ihrem Zwinger, der zwischen den Blöcken zwei und drei lag.

Eine weitere hohe Mauer trennte diesen Teil der Anlage von den Höfen, die den Gefangenen zugänglich waren. Sheng prägte sich die Lage der Verbindungswege und die Positionen der Türen ein.

Ein neues Geräusch weckte die Aufmerksamkeit des stillen Beobachters. Sheng schob seinen Kopf über den Rand des Felsens. Tief unterhalb der Kante konnte er die ausgefahrene Spur erkennen, die von den unzähligen Ochsengespannen herrührte, in denen die gebrochenen Steine abtransportiert wurden.

Mehrere Gespanne rollten jetzt in einer langgezogenen Reihe den Weg von der Stadt herauf. Sheng verfolgte den Weg des ersten Fahrzeugs in den Steinbruch hinein und wieder zurück.

Innerhalb zweier Stunden stellte Sheng fest, dass ein Entkommen mit Hilfe eines solchen Fuhrwerks nicht möglich war.

An der Außenbastion, dort, wo die Fahrstraße vor der Gefängnismauer in den Steinbruch abbog, bekam jedes Fahrzug einen bewaffneten Wächter zugeteilt, der von einem stämmigen Bluthund begleitet wurde. Dieser uniformierte Aufseher wich keinen Yard breit von dem Wagen während seines Aufenthaltes im Steinbruch. Er ließ ihn keinen noch so kleinen Moment aus den Augen, und bevor das vollbeladene Gefährt das Gelände wieder verlassen durfte, wurde es von den Wachtposten der Außenbastion noch einmal von allen Seiten gründlich kontrolliert.

Es war unmöglich. Und dennoch musste dieser Weg, der vom Steinbruch aus zur Verbindungsstraße in die Stadt führte, die Fantasie der Gefangenen am meisten beschäftigen. Die der Aufpasser allerdings genauso.

Sheng fragte sich, wie viele der verzweifelten Männer da unten schon einen Versuch gewagt haben mochten. Ein trotziges Dennoch, das sie mit dem Leben hatten bezahlen müssen - oder mit den schweren Eisenketten an den Füßen.

Sheng zog sich behutsam tiefer in das schützende Gestrüpp zurück. Eine plötzliche Bewegung hätte die Wächter aufmerksam machen können. Die Sonne wanderte höher und dörrte das Land aus. Hier unter den staubbedeckten Blättern des Wacholderstrauches war der Kung Fu-Mann besser vor den sengenden Strahlen der Sonne geschützt, und das Zuchthaus konnte er immer noch vollständig überblicken. Er sah, wie eine Kolonne Gefangener in den Garten am Haus des Direktors geführt wurde. Er sah den Leiter der Anstalt, einen hochgewachsenen Mann mit silbernen Haaren, der den Männer Anweisungen gab. Jeder Schritt des Direktors wurde von zwei bewaffneten Leibwächtern abgesichert.

Sheng lag da und während er auf die kleinste Bewegung unter sich achtete, jagten sich seine Gedanken. In seinem Gehirn formten sich Pläne, die immer wieder verworfen wurden. Das eine war ihm von Anfang an klar gewesen: Von außen war Gene Haffner auf keinen Fall zu befreien.

Es gab nur eine einzige Konsequenz - er musste hinein in diesen gewaltigen Bau aus wuchtigen Sandsteinen und den Mann herausholen.

Doch wie?

Aus schmalen Augen starrte Sheng hinunter. Immer wieder tastete er die Mauern, die Türme, die Tore und Dächer mit den Augen ab. Den Wasserturm, die Verbindungswege zwischen den einzelnen Teilen der Anlage, die vergitterten Fenster, den schmalen Sims am Fuß der Mauer oberhalb des Steilufers.

Er starrte in die Tiefe, in sich versunken und doch alles wahrnehmend, auf der verzweifelten Suche nach einem Weg, der ihn über die Mauer führen konnte - einmal hinein, und einmal heraus.

Er lag da und wartete, bis die Sonne sich dem westlichen Horizont entgegen neigte und die Luft schwer und stickig wurde von der Hitze und dem Staub, der sich aus dem Steinbruch heraufwälzte wie eine Nebelwand.

Die Gefangenen kehrten zurück. Zuerst die dreitausendzweihundert Männer, die auch zuerst abgerückt waren am Morgen - vor einer Ewigkeit. Beinahe lautlos traten sie durch die Tore. Ineinander gesunkene Gestalten, fast leblos, Männer, deren Gesichter und Kleider sich mit einer dicken Schicht Staub überzogen hatten. Mehrere von ihnen schleppten die zusammengebrochenen Kameraden zwischen sich, die sie in der Nähe des Ganges zwischen den Zellenblöcken ablegten. Männer, die schlapp gemacht hatten.

Die Starken, die Übriggebliebenen, stellten sich auf. Befehle wurden gebrüllt, dann krochen die Männer auf die Eingänge der Zellenblöcke zu.

Sheng wandte den Kopf. Die Kettensträflinge kehrten zurück. Das Geräusch jedoch, das ihre klirrenden Eisen auf dem festgetretenen Boden verursachten, hatte sich verändert. Es drang schleppend wie der langgezogene Klagegesang der Kulis an sein Ohr, die bei glühender Sonne und gebückt unter der Knute der Antreiber auf den Feldern gearbeitet hatten. Ohne Hoffnung auf einen neuen Tag, der nur die Fortsetzung alter Qual bedeutete.

Die Männer schleppten sich in den Hof. Die Peitschen der Aufseher zuckten auf ihre gekrümmten Rücken nieder. Es waren weniger als am Morgen. Die Zusammengebrochenen waren aus den langen Reihen gelöst worden. Männer aus dem Lazarettblock rannten mit Tragen hinaus in den Steinbruch.

Die Zurückgekehrten verschwanden in den Löchern, hinter denen ihre Zellen lagen, getrieben von den Rufen und Peitschenhieben der Aufseher und dem heiseren Gekläff der Bluthunde, das an Shengs Ohr drang.

Lichter wurden angezündet. Ihre Schatten tanzten über die düsteren Mauern, die jetzt nicht mehr an das Kloster zum Weißen Lotos erinnerten. Nur noch an Leid und Tod.

Sheng zog sich zurück. Er musste in die Stadt. Es gab noch so viel zu bedenken, so viel vorzubereiten. Und ein Tag war bereits verstrichen. Einer von acht Tagen.


*


Sheng bewegte sich langsam durch die Stadt, er ging über die Plaza und blieb vor der weit geöffneten Tür einer Cantina stehen. Leise, wehmütige Gitarrenklänge drangen an sein Ohr. Sheng konnte den Spieler sehen - einen mageren Burschen mit ausgemergeltem Gesicht, dessen armselige Hütte wahrscheinlich südlich der Stadt inmitten des Mexikanerviertels lag.

Gedankenverloren lauschte er den zarten Klängen, weil sie ihn für Momente von seinem brennendsten Problem ablenkten.

Er hatte kein Geld mehr. Nur noch ein paar Dollar, für die er kaum eine Ausrüstung kaufen konnte, mit deren Hilfe er die Mauern des Zuchthauses überwinden konnte. Er brauchte Geld. Vielleicht konnte er einen korrupten Wärter finden, der ihm bei der Befreiung Gene Haffners behilflich war.

Zögernd ging Sheng weiter. Was sollte er tun? Er suchte in den Tiefen seines Gedächtnisses nach Worten des Lehrers, doch er fand keine Hilfe, es gab kein Echo.

Nur das eine - er musste die Leben der unschuldigen Menschen bewahren, die sich in der Gewalt der Verbrecher Tuss Kirby und Serrat Royo befanden.

An der Plaza lagen das Gerichtsgebäude mit der Außenstelle der Territorialverwaltung und dem Office des Sheriffs. An der Haltestange vor dem Sheriff’s Office waren drei Pferde angebunden.

Die Geschäfte an der Plaza waren noch geöffnet. Menschen bewegten sich über den Platz und unter den Säulengängen her, sie betraten die Läden oder eine Cantina, sie blieben stehen zu einem Gespräch. Vor dem größten Geschäft, dem Generalstore, wurde ein Farmwagen mit Säcken beladen.

Sheng suchte den Kontakt zu Männern, die Geld hatten. Zu Amerikanern. Er brauchte Geld. Es gab nur einen Ort, wo solche Männer zu finden waren - den Saloon.

Die Lokale an der Plaza schienen mehr von den Mexikanern besucht zu werden. Sheng suchte deshalb die Seitenstraßen ab, und er fand den größten Saloon in der Straße, die von der Plaza zur Furt hinunterführte. Die Straße war breit, sie musste schließlich den Ochsengespannen ausreichenden Platz bieten, und hier hatten sich Vergnügungsbetriebe aller Art breitgemacht - Bordelle, Spielhöllen, Saloons.

Der Alhambra Saloon war in einem zweistöckigen Bau untergebracht. Er verfügte über zwei Eingänge zur Straße hin. An der Haltestange waren gut zwei Dutzend Pferde angebunden, und die Pendeltüren befanden sich in dauernder Bewegung. An mehreren der gepflegten Pferde entdeckte Sheng das Brandzeichen der US-Kavallerie.

Sheng sprang auf den Plankenweg und spähte über die Kante der Pendeltür in den großen Schankraum hinein. Wie ein riesiges U schwang sich die Theke weit in den Raum hinein. In dem U arbeiteten drei Barkeeper. Am Piano saß ein fetter Mann, der ein schmuddeliges Unterhemd und eine schwarze Melone trug. Die Theke war dicht umlagert. Sheng bemerkte die Uniformen der Soldaten, die vom Fort herübergekommen waren, und er sah zwei oder drei Männer, die in der hellblauen Uniform der Wächter des Zuchthauses steckten. Sie hielten sich etwas abseits und schienen keinen Kontakt mit den anderen Gästen zu suchen.

Hinter der Theke, von den Gästen teilweise verdeckt, befand sich ein offener Durchgang. Sheng kniff die Lider zusammen. Was dort geschah, fesselte sein Interesse.

An mehreren Tischen wurde gespielt. Roulette und Poker.

Sheng wich zur Seite aus, als ihn jemand an der Schulter anstieß. Er murmelte eine Entschuldigung, doch der Mann, ein vierschrötiger Geselle mit starrem Krötenblick und plumpen Händen, würdigte ihn keines Blickes. Der Mann trug die Uniform der Wächter des Yuma-Jail. Der Mann war Ernie Tiffany. Er wurde von den bereits anwesenden Kollegen mit lautem Hallo begrüßt.

Sheng zog sich zurück. Ein Stück die Straße hinunter hatte er ein Hotel bemerkt. Ein dreistöckiges Steinhaus, dessen Fenster im Erdgeschoss hell erleuchtet waren.

Sheng näherte sich dem Eingang des Hotels. Auf der breiten Tafel, die an dem Gitter des umlaufenden Balkons angebracht war, stand der Name - Last Frontier.

Sheng warf einen Blick durch das Fenster in den Speisesaal. An weiß gedeckten Tischen saßen gutgekleidete Männer und Frauen. Kerzen brannten in gläsernen oder silbernen Haltern, und in den geschliffenen Glastropfen der Deckenlüster brach sich tausendfach das Licht aus Hunderten von Kerzen.

Sheng packte sein Bündel fester. Er brauchte eine Stelle, wo er seine Deckenrolle verstecken oder sicher aufbewahren konnte. Stellte dieses Hotel einen solchen Platz dar?

Sheng betrat die Halle. Auch hier brannten Kerzen in gläsernen Leuchtern. Die Stufen der Treppe und der Boden vor dem Pult waren mit knöcheltiefen dunkelroten Teppichen belegt. Behutsam bewegte Sheng sich auf das Pult zu. Er schritt wie durch Sand.

Der Mann hinter dem Pult blickte auf und musterte den hageren Fremden mit den markanten Gesichtszügen und den schmalen schwarzen Augen, und er wollte schon auffahren und abweisend den Kopf schütteln, als er innehielt.

Das Gesicht, die zerrissene Jacke und der flache braune Hut waren von einer dicken Staubschicht überzogen. Und doch war da etwas an diesem hochgewachsenen Mann mit dem schmalen Gesicht und den leicht geschlitzten Augen, das ihn abwarten ließ.

Am Pult blieb Sheng stehen. „Haben Sie ein Zimmer frei?“, fragte er bescheiden, und als der Clerk langsam nickte, fragte Sheng nach dem Preis für eine Nacht.

Einen halben Dollar“, antwortete der Clerk freundlich. Er war klein und hatte ein rundes glattes Gesicht. „Ein halber Dollar ist viel Geld, Mister. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber es gibt den Sleeping Palace unten am Fluss. Da kostet die Nacht auf dem Strohlager sieben Cents!“

Ich möchte das Zimmer“, sagte Sheng. Er versenkte seine Hand in der Hosentasche und holte mehrere Münzen heraus, von denen er ein wenig umständlich genau fünfzig Cents abzählte. Der Clerk nahm einen Schlüssel vom Brett. Sheng bedankte sich und wandte sich der Treppe zu.

Er blickte nach oben. Auf dem Treppenabsatz brannte eine Petroleumlampe. Ihr milder grünlicher Schein fiel über die zarte Gestalt eines Mädchens oder einer jungen Frau. Sheng wartete unten.

Das Mädchen war klein. Es hatte große blaue Augen, die abwesend ins Leere starrten. Ihr kurzgeschnittenes rotblondes Haar schien im Licht der Lüster zu sprühen wie eine Wunderkerze. Sheng lächelte, doch das Mädchen bemerkte es nicht.

Der Clerk verneigte sich leicht. „Tut mir leid, Miss Jackson, ich habe noch keine Nachricht ... Tut mir wirklich leid .. .“

Sheng blickte dem Mädchen ins Gesicht. Er sah den geschwungenen Mund und die feinen Brauen, die die Augen überspannten wie zarte Tuschestriche. Die Lippen lächelten.

Danke, Mr. Meeks, ich werde warten müssen.“

Das Lächeln berührte Sheng auf eine traurige Weise. Dieses Mädchen hatte Kummer, den es tapfer unterdrückte. Er sah ihr nach, bis sie im Speiseraum an einem einzelnen Tisch Platz nahm.

Mr. Meeks, der Clerk, hatte Shengs Interesse bemerkt. Sheng wollte sich umdrehen und die Treppe hinauflaufen. Er kam sich vor wie jemand, der einen anderen Menschen heimlich beobachtet und etwas für diesen Menschen Peinliches erblickt hatte.

Meeks lächelte jedoch. „Ein nettes Mädchen, nicht wahr?“, sagte er begeistert.

Ja“, antwortete Sheng. Dann stieg er die Stufen hinauf.


*


Eine Stunde später stieß er die Schwingtüren des Alhambra Saloons auf. Zögernd blieb er im Eingang stehen. Tabakwolken wehten ihm entgegen, und der Geruch nach Bier und Whisky verstärkte sein Unbehagen. Der Saloon war jetzt überfüllt, und niemand wurde auf ihn, den Fremden in der abgerissenen Kleidung, aufmerksam.

Langsam schob er sich durch die Menschen hindurch auf den Spielsaal vor. Es war kurz nach zehn, und der Betrieb lief auf Hochtouren. Die Aufseher aus dem Jail standen am Ende der Theke. Ihre Gesichter waren gerötet, ihre Stimmen hatten sich erhoben. Der Vierschrötige schien den Wortführer zu spielen. Sheng konnte seine raue Stimme durch den Lärm hindurch hören.

Im Spielsaal war es etwas leiser. Sheng sah den Pokerspielern einen Augenblick zu, dann wanderte er zu einem der Roulettetische. Die Stühle waren besetzt, und hinter jedem Stuhl standen zwei, manchmal sogar drei andere Spieler, die sich über die Schultern der Sitzenden beugten, wenn der Croupier die weiße Elfenbeinkugel in den Kessel warf und die Spieler aufforderte, zu setzen.

Es herrschte eine gespannte und gleichzeitig hektische Atmosphäre. Sheng beobachtete zuerst die Gesichter der Spieler. Es handelte sich bei ihnen offenbar um wohlhabende Rancher von der anderen Seite des Flusses, denen hier in Arizona die Dollars aus den Taschen gezogen werden sollte. Zwei Offiziere waren dabei, ein dicker Mann mit schweißüberströmtem Gesicht, der von dem Croupier besonders aufmerksam behandelt wurde.

Hundert Dollar auf die Siebzehn!“, schrie der Dicke. Er warf das Geld auf das grüne Tuch.

Der Croupier nickte bestätigend. Mit seinem Rechen beförderte er das Geld auf das entsprechende Feld.

Die Kugel sauste durch den Kessel, klickte über die Drehscheibe, fiel in ein Zahlenfeld. Die Scheibe verlangsamte ihre Fahrt, und der Croupier sagte die Zahl und die anderen Gewinnkombinationen an.

Fünfzehn - rot - impair - manque ... Tut mir leid, Mr. Mayor ...“

Der Dicke war also der Bürgermeister. Sheng verfolgte den Lauf der Kugel. Er merkte sich jede Zahl, in die die Kugel gefallen war, und schließlich glaubte er, eine winzige Unregelmäßigkeit entdeckt zu haben. Die kleine weiße Kugel bevorzugte einen Sektor im Kessel, der die Zahlen 22, 18, 29, 7 und 28 enthielt.

Sheng begann zu setzen. Er hatte zwölf Dollar zu verspielen. Keinen Cent mehr. Zwölf Dollar. Er legte fünf Dollar auf Passe, das waren die Zahlen von 19 bis 36. Damit deckte er das Übergewicht ab, das die hohen Zahlen durch die Unregelmäßigkeit des Kessels erhielten.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909319
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364630
Schlagworte
sheng flucht yuma

Autor

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Titel: Sheng #10: Flucht aus Yuma