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Sammelband für den Strandurlaub: Drei Alfred Bekker Thriller

2017 500 Seiten

Leseprobe

Drei Alfred Bekker Thriller für den Strandurlaub

Alfred Bekker

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Drei Alfred Bekker Thriller für den Strandurlaub

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 457 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Der infrarote Tod

Der rollende Tod

Die Gen-Bombe

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Der infrarote Tod

von Alfred Bekker

1

Der Helikopter trug das Emblem von NY-Radio, dem Sender mit den ausführlichsten Stauberichten im Big Apple. Zwei Männer befanden sich in der Kabine.

"Wir sind jetzt genau 400 Meter vom Bundesgebäude an der Federal Plaza entfernt", meinte der Pilot. "Näher möchte ich nicht herangehen."

"Das reicht auch", erwiderte der zweite Mann. Er verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. Die oberen beiden Schneidezähne fehlten ihm. Er blickte auf einen Kontrollschirm. Seine Finger glitten über die dazugehörige Tastatur.

Das Bild des Bundesgebäudes wurde herangezoomt und mit den Plänen verglichen, die im Rechner gespeichert waren.

Eine Markierung blinkte auf.

"Hast du ihn?", fragte der Pilot ungeduldig.

"Ich habe seine Zelle, Zeb. Jetzt sehe ich mir an, ob jemand drin ist!" Er schaltete den Infrarot-Modus ein, der ein Abbild verschiedener Wärmegrade lieferte. Auf diese Weise konnte man einen Menschen auch durch Wände hindurch 'sehen'.

"Feuer", murmelte der Kerl mit der Zahnlücke dann und drückte auf einen bestimmten Knopf. Aus einem verdeckten Abschussrohr schoss eine Granate heraus. Sie war weitaus schneller als der Schall. Man würde die Detonation im Bundesgebäude erst hören, wenn das Geschoss bereits durch die Wand gedrungen war.

2

Eine Viertelstunde zuvor...

Milo Tucker und ich saßen zusammen mit District Attorney James McFarlane und Jonathan D. McKee, dem Chef des FBI-Field Office New York in einem der Verhörräume unseres Hauptquartiers an der Federal Plaza 26.

Durch eine Spiegelscheibe konnten wir beobachten, wie unsere Vernehmungsspezialisten Dirk Baker und Irwin Hunter gerade in die letzte Phase eines Lügendetektortests gingen. Der Mann, um den es ging war kein gewöhnlicher Gefangener. Er hieß Brent J. Atkinson, gehörte eigenen Aussagen nach einer Terror-Organisation von Globalisierungsgegnern an, die sich AUTONOMY nannte und ganz in der Tradition des berüchtigten Una-Bombers stand.

Die Globalisierung sei nichts anderes als eine Ausdehnung des Einflusses der USA, so das Credo dieser Gruppe. Aber nach der Auffassung von AUTONOMY würde das letztlich zu einer Art weltweitem Superstaat führen, den man schon in der Entstehungsphase bekämpfen müsste, wollte man ihn noch verhindern.

Wir wussten leider nicht viel über AUTONOMY.

Die Organisation wurde mit einigen spektakulären Anschlägen in Verbindung gebracht. Vor zwei Wochen war vor dem New York Stock Exchange eine Autobombe gezündet worden, während gleichzeitig ein Hacker-Angriff auf die Systeme der Börsen von New York, Tokio, London und Frankfurt stattgefunden hatten. Der internationale Kapitalfluss war für AUTONOMY so etwas wie das Symbol dessen, was die Anhänger dieser Organisation ablehnten.

Ein hoher Manager eines Software-Konzern war mitsamt seiner Familie und seinem Haus in die Luft gesprengt worden. Bei mehreren Sendern waren Bekenneranrufe von AUTONOMY-Mitgliedern eingegangen.

Seit dem Anschlag auf das World Trade Center war es für Terroristen vom Schlage der AUTONOMY-Leute richtig schwer geworden, die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit auf sich zu lenken. Aber es lag auf der Hand, dass AUTONOMY den Kampf nicht aufgeben würde.

Allenfalls konnte es sein, dass bestehende Pläne verschoben wurden - in eine Zeit etwa, in der die Sicherheit nicht mehr ganz so groß geschrieben wurde und beispielsweise Politiker sich wieder öfter und ungeschützter in die Öffentlichkeit wagten.

Brent J. Atkinson war ein hochgewachsener Mann mit dunklen Haaren. Er war 35 Jahre alt.

Atkinson war Sprengstoffspezialist bei der Army gewesen, bevor er zur Überzeugung gelangte, dass der Staat an sich (und der amerikanische im besonderen) abgeschafft gehörte.

Bei AUTONOMY hatte er vor allem bei der Vorbereitung von Sprengstoffattentaten mitgewirkt, wie er uns mitgeteilt hatte.

Das besondere war, dass er sich freiwillig in unsere Hände begeben hatte.

Andernfalls hätte es wohl auch noch Jahre dauern können bis wir ihm auf die Spur gekommen wären.

"Ganz gleich, was dieser Test auch auch aussagen mag - ich glaube, dass Atkinson lügt", meinte Milo in die Stille hinein.

Er trank dabei seinen Kaffeebecher leer.

"Sie sollten versuchen, etwas unvoreingenommener zu sein, Agent Tucker", meldete sich District Attorney James McFarlane zu Wort.

Milo zuckte mit den Schultern.

Was wusste ein Mann wie McFarlane schon von dem Instinkt, den man sich im Außendienst erwarb. Den Instinkt für die Gefahr und dafür, ob jemand die Wahrheit sagte oder einen nur an der Nase herumführen wollte!

McFarlane hob die Augenbrauen. "In Atkinsons Aussagen werden detaillierte Angaben über bevorstehende Anschläge von AUTONOMY gemacht! Es ist der erste Aussteiger aus dieser Gruppe. Für seine Sicherheit will er uns sein gesamtes Wissen überlassen. Ich finde, dagegen ist nichts einzuwenden!"

"Vorausgesetzt, der Test fällt positiv aus", meinte Mister McKee nüchtern. Er wirkte abwesend. Die Hände waren in den Taschen vergraben.

Ich hatte die Protokolle von Atkinsons ersten Vernehmungen gelesen.

Danach plante AUTONOMY angeblich Anschläge mit Plutonium und Tollwuterregern. Im Fadenkreuz der Terroristen stand dabei die Stadt New York, weil sie nach Lesart dieser Leute das Zentrum einer globalistischen Verschwörung darstellte, die es abzuwehren galt.

Ich verstand gut, in welcher Zwickmühle sich der District Attorney befand. Er hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wenn er Atkinson glaubte und auf seine Bedingungen einging, riskierte er womöglich einem Verbrecher zu helfen.

Denn zumindest wegen Beihilfe zum Mord wäre Atkinson unter normalen Umständen dran gewesen. Aber wenn eines der angekündigten Attentate dann tatsächlich durchgeführt wurde und sich herausstellte, dass man es mit Atkinsons Hilfe hätte verhindern können, hätte nicht nur District Attorney McFarlane seinen Hut nehmen müssen.

Ich betrachtete Atkinsons Gesicht durch die Spiegelscheibe. Der AUTONOMY-Überläufer wirkte sehr ruhig und gefasst. Kein bisschen Nervosität war ihm anzusehen. Er schien genau zu wissen, was er tat.

"Sieht so ein Mann aus, der die größte Angst vor seinen eigenen Leuten hat?", raunte Milo mir zu.

Ich zuckte die Schultern.

"Welches Motiv sollte er sonst haben, zu uns überzulaufen?"

"Gezielte Desinformation vielleicht."

Es dauerte noch ein paar Minuten, dann war der Test abgeschlossen. Mell Horster machte uns ein entsprechendes Zeichen. Nachdem Atkinson durch die Tür trat, nahmen Milo und ich ihn in Empfang. Atkinson trug keine Handschellen.

Er blieb vor dem District Attorney stehen und sah McFarlane direkt in die Augen. Atkinson war einen halben Kopf größer als der Staatsanwalt. "Sie werden feststellen, dass ich nichts als die Wahrheit gesagt habe", murmelte er düster.

"Das hoffe ich. Für Sie."

"Für Ihre Entscheidungen sollten Sie sich nicht allzu lange Zeit lassen. AUTONOMY schläft nicht."

"Möglicherweise blasen Ihre Genossen sämtliche Aktionen ab", meinte McFarlane.

Atkinsons Zähne blitzten. "Das Gegenteil wird der Fall sein! Jetzt, da ich in Ihre Hände gefallen bin, werden sie versuchen, so viel wie möglich unserer Pläne noch durchzuführen!"

"Sie sagen immer noch 'unsere Pläne'", stellte Mister McKee fest. Sein Tonfall war sachlich und nüchtern.

Atkinson wandte sich zum Chef unseres Field Office herum.

"Alte Gewohnheiten legt man nicht von heute auf morgen ab."

Mister McKee zuckte die Achseln.

"Mag sein."

"Noch weiß AUTONOMY nicht, dass ich ein Überläufer bin. Jedenfalls hoffe ich das und Sie sollten auch auf diese Karte setzen. Sie könnten also einen gewissen Vorsprung gewinnen. Eine Zeitspanne, in der die AUTONOMY-Leute noch glauben, dass ich vielleicht die Aussage verweigere und mir von Ihren Verhörspezialisten jedes Detail aus der Nase gezogen werden muss..."

Mister McKee wandte sich an Milo und mich.

"Bringen Sie ihn in seine Gewahrsamszelle."

"Ja, Sir."

"Wir sehen uns nachher zur Besprechung."

Wir nahmen Atkinson in die Mitte und führten ihn ab. In unserem FBI Field Office verfügen wir über einige sogenannte Gewahrsamszellen, in denen Verdächtige und kurzfristig Verhaftete eingesperrt werden können.

Hier war auch Atkinson untergebracht.

Vor seiner Zelle blieben wir einen Augenblick stehen.

Er sah mich an.

"Sie haben keine Ahnung, wozu AUTONOMY fähig ist, G-man!"

"Aber Sie!"

"Ich gehörte zu Ihnen."

"Bislang sind mir die Motive für Ihren Sinneswandel nicht so recht klar."

"Ich habe erkannt, dass der Weg von AUTONOMY ein Irrweg war. Die politischen Ziele dieser Organisation teile ich nach wie vor. Aber ich lehne es ab, Unschuldige dafür büßen zu lassen."

"Späte Erkenntnis!"

"Besser spät als nie. Und außerdem verdanken Sie dieser späten Erkenntnis vielleicht die einzigartige Möglichkeit, Verbrechen zu verhindern, von deren Ausmaß hier in diesem ehrenwerten Federal Building wohl niemand eine rechte Vorstellung zu haben scheint. Was glauben Sie, was es allein schon bedeuten würde, wenn die Wasserversorgung eines Komplexes wie diesem hier mit Plutonium oder Tollwut-Erregern versetzt werden würde!"

"Sagen Sie es mir!"

"Das Chaos würde ausbrechen. Eine angeblich so mächtige Organisation wie das FBI wäre innerhalb kürzester Zeit enthauptet - zumindest hier im Big Apple. Aber etwas Vergleichbares ließe sich ja auch landesweit organisieren. Die ostdeutsche Stasi verwendete Tollwut-Erreger als Mordwaffe."

"Ich habe davon gehört."

"Das Tückische ist, dass die meisten Ärzte gar nicht darauf kommen, dass der Betreffende unter Tollwut leiden könnte. Die Symptome sind zunächst sehr unspezifisch bis es dann zu spät ist. Und über die Wirkung von Plutonium muss ich ihnen ja wohl nichts sagen."

"Warten wir die Testergebnisse ab", mischte sich Milo ein.

Atkinson drehte sich kurz zu ihm um, nickte dann langsam.

Anschließend trat er in seine Zelle.

Die Gittertür schloss sich hinter ihm.

Wir drehten uns um.

Ich hörte noch, wie Atkinson sich auf seine Pritsche warf.

Nur ein paar Schritte hatten wir uns entfernt, da verwandelte sich Atkinsons Zelle in eine Flammenhölle.

Wir warfen uns zu Boden. Eine Welle aus Druck und Hitze fegte über uns hinweg. Ich schützte das Gesicht mit dem Arm, lag bäuchlings auf dem Fußboden.

Die Wucht der Detonation war derart gewaltig, dass die Zellentür aus ihren Halterungen herausgesprengt worden war.

Wir rappelten uns auf. Ein einziger Blick zeigte schon, dass wir für Atkinson nichts mehr tun konnten.

Die Explosion hatte ihn regelrecht zerrissen.

3

Der Helikopter flog einen Bogen über die Stadt, streifte den Central Park und schnellte dann Richtung Nordosten.

Der Mann mit der Zahnlücke deaktivierte das Infrarot-Zielgerät.

"Hey, Mann, wir haben's geschafft!"

"Hat geklappt wie geschmiert", nickte der Pilot. Der Helm ließ nur einen Teil der Kinnpartie von seinem Gesicht frei.

Die gute Laune war ihm trotzdem deutlich anzusehen.

Er steuerte den Heli über den Long Island Sound auf die Connecticut-Küste zu.

Dunst hing über dem Wasser.

Der Landeplatz lag irgendwo an der Küste auf einer Lichtung im Wald. Dort hatten sie einen Geländewagen abgestellt, mit dem sie zurück in den Big Apple gelangen konnten.

"Schade, dass wir die Maschine vernichten müssen", meinte der Pilot. "War schließlich verdammt schwer, das Ding zu organisieren!"

"Gehört leider mit zum Auftrag", erwiderte der Mann mit der Zahnlücke.

"Ja, ich weiß. Unsere Auftraggeber wollen nicht, dass man irgendwelche Spuren findet."

"Ist doch verständlich, oder? Und wir kriegen schließlich Geld genug für die Sache!"

"Geld genug, um den Verstand einfach auszuknipsen meinst du?" Der Pilot lachte heiser. "Hör zu, wir nehmen das Geld und lassen den Heli wie er ist. Den können wir später noch zu Geld machen!"

"Ich weiß nicht..."

"Hey, Mann, mach dir nicht in die Hosen! DIE wissen doch nichts von unserem Landeplatz!"

"Wenn DIE herauskriegen, dass wir uns nicht an die Anweisungen gehalten haben, werden DIE ziemlich sauer!"

"Feigling!"

4

"Der Tod von Atkinson wirft uns in der Bekämpfung dieser Organisation namens AUTONOMY wieder erheblich zurück", stellte Mister McKee auf einer eilig einberufenen Sitzung in seinem Besprechungszimmer fest. Außer Milo und mir waren noch eine Reihe weiterer G-men anwesend, darunter die Agenten Clive Caravaggio und Orry Medina. Auch unser Innendienstler Max Carter sowie die beiden Verhörspezialisten Baker und Hunter hatten sich eingefunden. Sie hatten Atkinson ausführlich vernommen und außerdem auch den Lügendetektortest ausgewertet. Ihrer Analyse nach war Atkinson ein absolut glaubwürdiger Zeuge.

Über mehrere Tage hinweg waren mit ihm Vergleichsmessungen durchgeführt worden, so dass das Ergebnis auf relativ sicheren Füßen stand.

Um so bedauerlicher, dass Atkinson seine Aussagen vor keinem Gericht der Welt mehr würde wiederholen können.

Und das Schlimmste war, dass es für uns jetzt keine Möglichkeit mehr gab, etwas über die zukünftigen Pläne von AUTONOMY zu erfahren. Jegliche Versuche, an diese Gruppe nahe genug heranzukommen, um V-Leute einschleusen zu können, war bislang kläglich gescheitert.

Max Carter gab uns eine Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse.

"Es wurde von einem Helikopter aus auf die Zelle geschossen, in der Atkinson untergebracht war. Aufnahme unserer Video-Überwachungsanlagen belegen das, aber auch zahlreiche Zeugenaussagen aus anderen Stockwerken des Bundesgebäudes", berichtete Max. "Der Heli trug die Kennung des Senders NY-Radio. Aber dessen Helis befanden sich zu diesem Zeitpunkt nachweislich ganz woanders."

"Ein Fake also", stellte Milo fest. "Ich hätte gedacht, dass unsere Luftüberwachung seit dem Anschlag auf das WTC etwas mehr auf Zack wäre!"

"Sie hatten eine perfekte Tarnung", erklärte Max Carter.

"Und außerdem mussten sie gar nicht besonders nahe an das Federal Building heran. Nicht weiter als einige hundert Meter."

"Wie konnten sie wissen, in welcher Zelle sich Atkinson befand?", fragte ich. "Sie konnten doch schließlich nicht durch Wände sehen!"

Max verzog das Gesicht.

"Vielleicht konnten sie das doch, Jesse."

"Was?"

"Letzte Gewissheit haben wir, wenn die SRD-Kollegen ihre Laboruntersuchungen abgeschlossen haben. Aber bislang vermuten wir, dass ein ganz bestimmter Projektiltyp verschossen wurde, der von Spezialeinheiten der Army verwendet wird, die sich auf den Häuserkampf spezialisiert haben. Die Geschosse werden von Hubschraubern abgeschossen und normalerweise in Verbindung mit Infrarot-Scannern eingesetzt, mit deren Hilfe Temperaturunterschiede in einer Tiefe von mehreren Metern sichtbar gemacht werden. Da ein Mensch wärmer ist als eine Wand, hebt er sich als Umriss deutlich ab. Für die Annahme, dass ein solches Gerät verwendet wurde, spricht übrigens auch die Tatsache, dass Atkinson genau getroffen wurde. Die Explosion hätte er andernfalls überleben können, denn die war nicht so stark, wie man auf den ersten Blick annimmt."

Max zeigte uns die Projektion einer schematischen Darstellung der Zelle.

Er deutete auf einen Punkt an der Zellentür.

"Hier befand sich Atkinson, als er starb."

"Ja, wir hatten ihn gerade eingesperrt", nickte ich.

Max Carter deutete dann auf einen Punkt an der Außenwand. "Hier trat das Projektil ein. Die Explosionswirkung entstand durch die Hitzeentwicklung beim Durchschlagen der Wand. Diese Geschosse haben eine Ummantelung aus Wolfram und verfügen über eine enorme Durchschlagskraft, die mühelos durch Beton oder auch Panzerplatten hindurchdringt. Die Wand besteht aus Beton, ein Material das relativ weich ist. Die entstehende Hitze und die beim Durchschlag ausgelöste Explosion halten sich in Grenzen. Anders bei einem Panzer, der aus einem härteren Material besteht. Dann ist die Reibung höher. Jedenfalls durchschlug das Geschoss Atkinsons Körper, nachdem es durch die Wand gedrungen war. Ohne Infrarot-Peilung wäre das wohl kaum möglich gewesen."

"Es bleibt trotzdem die Frage, wie die Attentäter wissen konnten, in welcher Zelle sich Atkinson befand", stellte Mister McKee klar, "schließlich sind Menschen auf Infrarotbildern so gut wie gar nicht zu unterscheiden..."

Max nickte.

Er machte ein ernstes Gesicht.

"Wir checken unsere Computersysteme."

Mister McKee hob die Augenbrauen. "Sie denken, dass sich da jemand hineingehackt hat?"

"Ja. Schließlich hinterlässt auch die Zellenbelegung elektronische Spuren."

"Verstehe..."

"Wir fahnden jetzt natürlich nach gestohlenen ARC-Infrarot-Zielpeilungsgeräten. Außerdem nach dem Helikopter und denjenigen, die ihn umgebaut und geflogen haben."

"Dieser Atkinson muss den Leuten von AUTONOMY ziemlich viel wert gewesen sein", meinte ich. "Wer für einen Mord derart viel Aufwand betreibt, muss gute Gründe dafür haben."

Mister McKee atmete tief durch.

"Sie fürchteten Atkinsons Aussagen."

"Warum sollen wir sie sich nicht noch etwas länger fürchten lassen?", meinte ich.

Alle Blicke waren in diesem Moment auf mich gerichtet. Auf Mister McKees Stirn erschienen ein paar Falten, während er den Kaffeebecher zum Mund führte und vorsichtig daran nippte.

"Wie soll ich das verstehen, Jesse?"

Ich fragte zurück: "Wer weiß bis jetzt von Atkinsons Tod?"

"Niemand außer den an der Untersuchung beteiligten Beamten. Offiziell ist noch nichts raus." Mister McKee schaute auf die Uhr an seinem Handgelenk. "In einer Stunde ist eine Pressekonferenz angesetzt. Da werde ich Stellung beziehen müssen."

"Ich schlage vor, Atkinsons Tod geheim zu halten und stattdessen zu behaupten, dass ein G-man ums Leben gekommen sei."

Mister McKee musterte mich aufmerksam.

Er kannte mich gut genug, um meine Gedanken erraten zu können.

"Ich könnte die Rolle von Atkinson einnehmen", bot ich an. "Schließlich ist er mir von Statur, Alter und Aussehen verhältnismäßig ähnlich. Für einen halbwegs talentierten Maskenbildner dürfte es keinerlei Problem darstellen, mich so herzurichten, dass die AUTONOMY-Terroristen sehr nervös werden, wenn sie mich mal ein paar Sekunden über den Fernsehschirm huschen sehen..."

Mister McKee trank seinen Kaffee aus, stellte den Becher dann auf den Tisch.

"Mir gefällt der Gedanke nicht, aus Ihnen eine Zielscheibe zu machen, Jesse!"

"Wir kommen an diese Leute sonst nicht heran, Mister McKee!"

"Trotzdem..."

"Wollen Sie etwa verantworten, dass tatsächlich Tollwut-Erreger in die Trinkwasserversorgung geschleust werden oder irgendjemand dieser Leute mit Plutonium herumspielt?"

"Sie riskieren viel, Jesse!"

"Nicht, wenn wir es geschickt anstellen!"

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen im Besprechungszimmer. Schließlich nickte unser Chef vorsichtig.

5

Der hagere Mann mit den dunklen Haaren nippte an seinem Milchkaffee. Er trug eine Baskenmütze und eine Lederjacke, die über die Hüften reichte. Die rechte Hand blieb ständig in der Seitentasche vergraben.

Er war so gut wie allein in dem kleinen Bistro in Greenwich Village.

Er blickte zur Uhr.

In diesem Moment trat jemand durch die Tür.

Ein hochgewachsener, breitschultriger Kerl. Er verzog das das Gesicht, als er den Mann mit der Baskenmütze sah.

Eine Zahnlücke wurde sichtbar.

Die oberen beiden Schneidezähne fehlten.

Er trat an den Tisch des Mannes mit der Baskenmütze heran.

"Bringen wir's hinter uns, Jean!"

"Nicht so ungeduldig. Wollen Sie nicht noch einen Milchkaffee mit mir trinken?"

"Nein!"

"Warum so gereizt?"

"Ich will mein Geld!"

Der Mann mit der Zahnlücke verschränkte die Arme. Er ließ kurz den Blick durch den Raum schweifen, so als suchte er etwas, oder jemanden. Der Bistro-Inhaber sah verstohlen zu ihnen hinüber. Er stand zu weit entfernt, als dass er genau hätte mithören können. Aber das Ärger in der Luft lag, bekam er zweifellos mit.

"Ich habe das Geld nicht hier, Torrence!", sagte Jean in gedämpftem Tonfall.

"Sie wollen mich auf den Arm nehmen!"

"Keineswegs!"

"Ich warne Sie!"

"Sie quatschen zuviel, Torrence", erwiderte der Mann, der Jean genannt worden war. "Und zu laut!"

Torrence atmete tief durch. Sein Kopf war puterrot. Er stützte sich mit den Armen auf dem Tisch ab und zischte leise: "Mein Partner und ich haben den Job ausgeführt! Eine Granate mitten ins Federal Building! So etwas hat es noch nie gegeben! Und jetzt wollen Sie uns am langen Arm verhungern lassen!"

"Sie übertreiben!"

Torrence Gesicht wurde sehr finster. Er drehte einen Stuhl herum und setzte sich rittlings darauf.

"Ich bringe Sie um, wenn Sie uns um unser Geld betrügen!"

Jean lächelte dünn.

"Man hat mich vor Ihrem Hang zum Jähzorn gewarnt, Torrence!" Jean erhob sich. "Aber wenn ich vorhätte, Sie zu linken, dann wäre ich jetzt gar nicht hier!" Der Mann mit der Baskenmütze erhob sich. "Kommen Sie mit mir, Torrence!"

"Was haben Sie jetzt vor?"

"Sie bekommen jetzt, was Sie verdienen!"

"Wie soll ich das verstehen?"

"Na, so wie ich's gesagt habe. Oder glauben Sie vielleicht, ich lasse mich hier in aller Öffentlichkeit mit einem Geldkoffer sehen?"

Jean legte ein paar Dollarnoten auf den Tisch, dann ging er ins Freie. Torrence folgte ihm. Sie gingen ein Stück die Straße entlang, dann bogen sie in eine schmale Einfahrt ein. Zu beiden Seiten ragten Brownstone-Fassaden empor. Jean führte Torrence in eine schmale Nebenstraße. Natürlich galt One Way-Verkehr, so wie fast überall auf den Straßen des Big Apple. Beide Seiten waren so gut wie vollgeparkt.

"Da hinten steht mein Wagen. Der blaue Ford."

"Wenn ich vorher gewusst hätte, mit was für einer Rostlaube Sie fahren, dann hätte ich es mir nochmal überlegt, ob ich mit Ihnen Geschäfte machen soll, Jean!"

"L'argent est dans la voiture!", murmelte Jean. "Pardon... Das Geld ist im Wagen."

"Woher kommen Sie? Aus Kanada? Oder wirklich aus Frankreich?"

"Ich glaubte, ich sagte schon einmal, dass Sie zuviel quatschen, Torrence."

Sie erreichten den blauen Ford.

Jean öffnete den Kofferraum.

Die Hydraulik ließ die Klappe sanft hinaufgleiten.

Torrence blickte hinein.

"Scheiße, da ist nichts drin!"

"Das ändert sich gleich!"

Torrence blieb nicht einmal mehr Zeit, sich herumzudrehen.

Blitzschnell zog Jean eine Pistole mit aufgeschraubtem Schalldämpfer unter der Lederjacke hervor und drückte ab.

Ein Geräusch wie ein kräftiges Niesen. Nicht lauter.

Torrence Augen wurden groß. Er erstarrte. Verwunderung stand in seinem Gesicht. Den zweiten Schuss setzte Jean direkt in der Herzgegend auf. Torrence' Körper zuckte. Jean gab ihm einen Stoß, so dass der Oberkörper direkt in den Kofferraum hineinsackte.

Der Killer mit der Baskenmütze steckte die Waffe ein, umfasste Torrence Beine und bog sie in den Kofferraum hinein. Gut, dass ein Toter nicht mehr merkt, wenn ihm die Beine gebrochen werden!, dachte er zynisch und grinste. Er klappte den Kofferraum zu und überlegte: Da geht es dir am Ende nicht schlechter als all jenen langen Typen, deren Angehörige sich einen Sarg in Übergröße nicht leisten können, Torrence!

Jean drehte sich kurz um.

Dann stieg er in den Ford, startete und fuhr los.

Der Wagen war gestohlen. Niemand konnte über das Fahrzeug eine Verbindung zu Jean ziehen. Dafür hatte der Killer gesorgt.

Schließlich war das nicht sein erster Job dieser Art.

Er ließ den blauen Ford davonbrausen, stoppte an der nächsten Kreuzung und fädelte sich dort ziemlich grob in den Verkehr der Hauptstraße ein.

Das Problem wäre gelöst!, ging es ihm durch den Kopf.

Jetzt gab es da nur noch Torrence' Partner, den er aufspüren musste.

Während der Fahrt fingerte er eine filterlose Zigarette aus der Schachtel in seiner Hemdtasche hervor und schaffte es sogar, sie sich anzuzünden.

Allerdings hatte er nicht lange etwas von seiner Gauloises.

Ein Lieferwagen fuhr ohne Vorwarnung aus einer Seiteneinfahrt heraus. Jean trat in die Eisen. Der blaue Ford kam mit quietschenden Reifen zum Stillstand. Die Gaulouise rutschte ihm aus dem Mund, fiel ihm auf die Hose und brannte ihm ein Loch in den Stoff, bevor sie zu Boden fiel.

"Merde!", schimpfte Jean.

Der Fahrer des Lieferwagens gestikulierte.

Jean trat die Zigarette wütend aus.

Nerven behalten!, dachte Jean. Er fuhr hinter dem Lieferwagen her.

Sein Ziel war eine einsame Stelle am Long Island Sound, wo er den Ford versenken würde.

Er drehte das Autoradio auf.

"...nach Auskunft von District Attorney McFarlane und Jonathan D. McKee, dem Chef des DBI Field Offivce New York, galt der Anschlag auf das Bundesgebäude an der Federal Plaza 26 einem Mann namens Brent J. Atkinson, der sich selbst als Mitglied der Terrororganisation AUTONOMY bezeichnete. Atkinson befand sich in einer der Gewahrsamszellen des FBI. Bei dem Anschlag blieb er jedoch unverletzt. Special Agent in Charge Jonathan D. McKee erklärte auf der mit einiger Verspätung einberufenen Pressekonferenz, dass Atkinson den Anschlag unverletzt überlebt habe. Allerdings sei ein FBI-Agent tödlich getroffen worden. Wir schalten jetzt um zu unserem Mitarbeiter Tom Burke, der sich live aus der City Hall meldet. Tom, die Pressekonferenz ist gerade zu Ende gegangen..."

"So ist es."

"Was kannst du den Hörern von NY-Radio an Neuigkeiten präsentieren?"

Jean schlug ärgerlich mit dem Handballen auf das Lenkrad.

Verdammt!, durchzuckte es ihn. Die Jungs im Helikopter haben offensichtlich Mist gebaut!

6

Einen Tag später...

Jean ließ sich mit dem Aufzug in den 32. Stock des John Davis Towers tragen. Viele Diplomaten der Vereinten Nationen lebten hier in exquisiten Apartments. Außerdem Börsenprofis aus Wall Street. Die Nähe zu den Vereinten Nationen und Wall Street machten diese Wohnlage zu einer der teuersten in ganz New York.

Jean trug eine Sporttasche über der Schulter.

Im gesamten John Davis Tower wurden die Flure durch Video-Kameras überwacht. Und auch das Innere der Aufzugskabinen wurde auf diese Weise kontrolliert. Und im Gegensatz zu vielen anderen Skyscrapers im Big Apple, verfügte der John Davis Tower auch über genügend Security Personal, das die Bildschirme überwachte und nötigenfalls innerhalb weniger Augenblicke einen Einsatz einleitete.

Jean trat aus der Liftkabine.

Ein Mann in dunklem Anzug und Aktenkoffer kam ihm entgegen, Jean wich ihm aus. Der Mann murmelte ein hastiges: "Sorry!"

Jean ging den langen Korridor entlang.

Seine Schritte wurden durch den Teppichboden gedämpft.

Schließlich erreichte Jean Apartment Nr. 2234 C.

Er holte eine Chipkarte aus der Jackentasche heraus, steckte sie in den dafür vorgesehenen Schlitz. Das elektronische Schloss reagierte sofort. Auf einem kleinen Display erschien die Aufforderung, die Fingerkuppe des rechten Zeigefingers auf ein bestimmtes Sensorfeld zu legen.

Kein Problem.

Jean trug hauteng anliegende Handschuhe aus Latex, in deren Fingerkuppen die Printlinien des wahren Apartmentbesitzers eingraviert waren. Die Strukturen waren fein genug, um vom internen Rechner des Erkennungssystems als die Printlinien eines gewissen Sam S. McGraw erkannt zu werden. McGraw war bei der UNO als Übersetzer tätig. Da alle Bewerber für den öffentlichen Dienst in den USA Fingerprints abgeben mussten, und diese nicht aus den zentralen Dateien gelöscht wurden, war es ein Kinderspiel, an die entsprechenden Linienmuster heranzukommen. Vorausgesetzt man kannte sich mit Computern aus und schaffte es, sich in die entsprechenden Systeme hineinzuhacken. Aber da etwa die Datenbanken des AUTOMATED IDENTIFACTION SYSTEM (AIDS)zur Fingerprinterkennung nicht nur vom FBI, sondern auch von unzähligen lokalen Polizeibehörden benutzt wurden, deren Sicherheitsstandards höchst unterschiedlich waren, war das kein Kunststück.

Es reichte völlig, wenn irgendeiner der County Sherrifs in der weiten Provinz den Zugang zu seinem Rechner mit einem Code sicherte, der aus seinem eigenen Vornamen bestand.

Oder gleich darauf verzichtete und alles auf Werkseinstellung beließ, weil sich ja ohnehin niemand für die die Daten der an einer Hand abzuzählenden Kriminellen von beispielsweise Madison Bow, Wyoming, interessierte.

Aber so ein Rechner war das Eingangstor zu ganz anderen Bereichen.

Jean hatte das oft genug ausgenutzt.

ZUGRIFF BESTÄTIGT!, leuchtete es im Display auf.

Die Schiebetür glitt zur Seite.

Jean trat ein.

Augenblicklich schloss sich die Tür wieder.

Jean setzte die Sporttasche auf den Boden, riss eine Automatik mit Schalldämpfer unter der Jacke hervor. Dann durchschritt er den kleinen Gardorbenraum, trat die Tür zum Wohnzimmer auf.

Unglücklicherweise schien McGraw seinen freien Tag zu haben.

Oder Jean war einfach zu früh.

Aber eigentlich hatte er gedacht, dass jemand wie McGraw um diese Zeit längst aus der Wohnung verschwunden war.

McGraw saß im Morgenmantel auf der klobigen Ledercouch.

Er hielt eine Kaffeetasse in der Rechten, die Linke schlug eine Illustriertenseite um.

McGraw blickte auf, fixierte Jean mit einem völlig überraschten Blick.

Offenbar hatte er den Killer nicht kommen hören.

Kein Wunder. McGraw trug einen drahtlosen Kopfhörer, der ihm die Dolby Suround-Klänge seiner Stereoanlage in die Ohren dröhnte.

Jean hob die Pistole, drückte ab.

Der Schuss traf McGraw in der Brust, nagelte ihn förmlich in die Ledercouch hinein. Die Kaffeetasse schepperte zu Boden. Braune Kaffeebrühe kleckerte herunter, dann ein Schwall von Blut. Jean schickte noch ein Projektil hinterher, als er merkte, dass der Treffer nicht so exakt war, wie er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Ein Zucken ging durch den Körper des Übersetzers, als ihn der zweite Treffer erwischte.

Jean atmete tief durch.

McGraw war gestorben, ohne noch einen Laut von sich geben zu können.

Gut so.

Jean ging zur Fensterfront, blickte hinaus.

Freie Sicht!, dachte er. Zumindest mit einem geeigneteren Zielerfassungsgerät, das in der Lage war, das Opfer nahe genug heranzuzoomen. Kein Dunst, kein Nebel, nichts, was sein Blickfeld auf den Eingang zu den Büros der Staatsanwaltschaft verdecken konnte.

"Très bien", murmelte der Mann mit der Baskenmütze.

Ein zufriedenes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Ein Lächeln, das sofort wieder verschwand, als er das Geräusch aus dem Bad hörte.

Jemand hatte eine Dusche angestellt.

Offenbar war McGraw nicht allein gewesen.

Jean ging zur Badtür, öffnete sie vorsichtig.

Die Silhouette einer Frau wurde durch den Duschvorhang hindurch sichtbar. Sie summte vor sich hin, verstummte dann.

Jean wartete nicht, bis sie zu schreien begann.

Er feuerte sofort.

Blut spritzte von innen gegen den Vorhang. Schwer fiel die Leiche zu Boden. Die Dusche lief weiter.

Jean zog den Vorhang ein Stück zur Seite, stellte das Wasser ab. Einen kurzen Blick nur gönnte er der Toten.

Hübsch sieht sie aus, wenn man von dem Loch zwischen ihren Brüsten mal absieht!, ging es ihm zynisch durch den Kopf.

Der Killer hoffte nur, dass die Tote von niemandem vermisst wurde.

Jean drehte sich um, verließ das Bad. Er holte die Sporttasche, die er im Vorraum zurückgelassen hatte, kehrte in das Wohnzimmer zurück und stellte sie auf den niedrigen Wohnzimmertisch.

Dann öffnete er die Tasche, holte die Einzelteile des Stativs hervor. Mit geübten Handgriffen hatte er es zusammengesetzt.

Als nächstes steckte er ein Spezialgewehr zusammen, mit Zielerfassung oben drauf.

Die Fenster im 32. Stock des John Davis Towers ließen sich nicht öffnen. Für frische Luft sorgte die Klimaanlage.

Aber Jean hatte vorgesorgt.

Mit einem Glasschneider begann er ein, ein Loch in die Dreifachverglasung zu schneiden. Ein ziemlich mühsames Geschäft. Aber schließlich hatte er es geschafft. Das Spezialgewehr wurde mit einer besonderen Verschraubung am Stativ befestigt und der Lauf durch das in das Glas geschnittene Loch gesteckt. Der Eingang zum Büro des District Attorney befand sich wenige Augenblicke später in seinem Fadenkreuz.

Sehr gut!, dachte er. So kriege ich dich doch noch, Atkinson! Er kicherte in sich hinein. Hättest du eigentlich wissen müssen, bevor du dich zum Verrat entschlossen hast, Brent Atkinson: Vor AUTONOMY gibt es kein Entkommen!

Nirgends!

Jetzt hieß es nur noch warten.

Warten auf den Kronzeugen.

7

Unser Maskenbildner hatte sich große Mühe gegeben, mein Gesicht dem des Überläufers Atkinson anzugleichen. Was die Figur und Haarfarbe anging, war ich dem Ex-AUTONOMY-Mann ohnehin sehr ähnlich.

Ich trug eine Lederjacke und einen Rollkragenpullover, der eine Nummer größer war, als normalerweise.

Darunter trug ich Kevlar. Mister McKee hatte auf diese Sicherheitsmaßnahme bestanden.

Milo fuhr den grauen Chevy, mit dem wir vor dem Büro des District Attorneys eintrafen. Neben mir saß Agent Fred LaRocca auf der Rückbank. Er trug eine der Heckler & Koch-MPis, die bei uns in Gebrauch waren.

"Wird schon schief gehen, Jesse!", meinte er mit einem schwachen Grinsen.

Ein Pulk von Journalisten und Schaulustigen erwartete uns. Doch dieser Hexenkessel war Teil unseres Plans. Wir hatten ihn selbst angeheizt, indem wir entsprechende Hinweise an die Medien lanciert hatten. Schließlich wollten wir, dass die AUTONOMY-Terroristen davon überzeugt waren, dass Brent Atkinson noch am Leben war.

"Das wird diese Brüder ganz schön nervös machen, wenn sie sehen, dass ihr Plan fehlgeschlagen ist!", meinte Fred.

"Hoffen wir's", murmelte ich.

Der Wagen vor uns hielt. Die Türen sprangen auf. Vier unserer Agenten begannen zusammen mit den hier her beorderten Kollegen der City Police, dafür zu sorgen, dass sich zwischen der Meute eine Gasse bildete. Auch in dem Wagen, der uns gefolgt war, saßen unsere Leute.

Milo trug einen Ohrhörer.

Auf diese Weise hatte er Funkkontakt zu den Kollegen. Ein kleines Mikro trug er am Hemdkragen.

Normalerweise hatte ich natürlich dasselbe Equipment.

Aber im Moment war das unmöglich. Unsere Gegner von der Terror-Organisation AUTONOMY würden sich die Bilder aus den Lokalnachrichten ganz genau ansehen. Vermutlich hatten sie sogar ihre eigenen Leute im Publikum. Und ein Knopf in meinem Ohr würde sie zweifellos stutzig machen.

Milo stieg aus, umrundete den Wagen, öffnete die Tür.

Fred LaRocca gab mir eine Aktentasche. "Halte die vors Gesicht!", meinte er. Die Tasche enthielt eine Bleiplatte, um Schüsse abzuwehren.

Allerdings rechnete keiner von uns damit, dass AUTONOMY es wagte, hier und jetzt bereits zuzuschlagen.

Die zweite Funktion der Tasche war es, den Terroristen über die Medien nur jeweils kleine Ausschnitte meines Gesichts zu präsentieren.

Zwar hatten die Maskenbildner des FBI ihren Job hervorragend gemacht, aber wir wollten unseren Gegnern die Sache nicht zu leicht machen.

Das weckte nur ihr Misstrauen.

Ich nahm die Tasche, stieg aus.

Milo ging vor mir her, die IDF-Card an der Jacke.

Fred stieg ebenfalls aus dem Wagen, umrundetet ihn und holte mich ein. Einer der anderen Agenten deckte mich ab.

Fred ließ den kurzen Lauf der Heckler & Koch-MPi umherwandern.

Fred LaRocca trug die Kevlarweste für jedermann sichtbar.

Milo ebenfalls.

Einige Kollegen drängten sich um mich. Insgesamt etwa ein Dutzend. Sie bahnten mir einen Weg durch das Publikum.

Ich hob die Bleitasche hoch. Sie war verdammt schwer.

Ein Blitzlichtgewitter brach los. Kameras wurden auf mich gerichtet. Ich war mir der Tatsache bewusst, dass diese Bilder dutzendfach in den Nachricht gezeigt werden würden.

Bis zum Eingang waren es nur wenige Meter.

Orry und Clive kamen uns entgegen.

Wie in einer Traube standen die Kollegen um mich herum und begleiteten mich in Richtung des Gebäudes, in dem District Attorney McFarlane auf mich wartete.

"Alles in Ordnung!", raunte mir Agent Fred LaRocca zu. "Wir haben die Sache im Griff!"

"Na, davon gehe ich aus!"

Drei Stufen führten zu dem Nebeneingang des Court-Gebäudes empor. Ich hatte die erste gerade erreicht und meinen Fuß darauf gesetzt, da geschah es. Ich spürte den Schlag zwischen die Schulterblätter. Es fühlte sich an, wie der Treffer mit einem Gummiknüppel.

Das Geschoss durchdrang die Kleidung, riss sie auf und blieb dann im Kevlar hängen. Aber wenn dem Geschoss auch durch diesen Stoff die Durchschlagskraft genommen wurde, so war seine Wucht immer noch immens. Ich stolperte nach vorn. Wenige Zentimeter nur hatten gefehlt, und ich wäre im Genick erwischt worden.

Dort, wo mich keine kugelsichere Weste schützte.

Die Kollegen waren bei mir.

Ich wurde an den Armen gepackt und mitgezogen.

Unter den versammelten Reportern und Schaulustigen entstand ein Tumult.

Die einen versuchten, ihr Bild des Jahres zu machen, andere stoben in heller Panik davon.

Verzweifelt versuchten die Kollegen der City Police der Situation Herr zu werden.

"Alles okay, Jesse?", fragte Milo, nachdem wir das Gebäude erreicht hatten.

Ich rang nach Luft.

Der Treffer hatte mir für einige Augenblicke den Atem geraubt.

"Wie man's nimmt!", brachte ich schließlich heraus.

"Verdammt, ich versteh das nicht!", hörte ich Clive Caravaggio schimpfen. "Wir haben die umliegenden Gebäude doch alle abgecheckt!"

"Ist ja nichts passiert!", meinte ich, obwohl das ziemlich untertrieben war.

Ich wurde ins Büro des District Attorney gebracht.

McFarlane war ziemlich nervös. Er stand am Fenster, beobachtete die tumultartige Szene, die sich draußen abspielte.

Ich ließ mich in einen der Sessel fallen.

McFarlane sah mich ernst an.

"Ich hätte nicht gedacht, dass diese Kerle so weit gehen würden!"

Ich zuckte die Achseln. "Sie haben offensichtlich eine Heidenangst vor dem, was Atkinson hier, in diesen Räumen von sich geben könnte!"

"Ja, sieht so aus."

"Eins steht jedenfalls fest", meldete sich Orry zu Wort.

"Diese AUTONOMY-Leute sind ziemlich aufgeschreckt worden!"

"Ich halte das Risiko für zu groß, Jesse!", meinte Milo. "Das hast du jetzt gerade gesehen!"

"Es ist so wie Orry gesagt hat", meinte ich. "Sie sind jetzt alarmiert und mussten in aller Eile irgendeine Aktion aus dem Boden stampfen. Das lässt mich darauf hoffen, dass sie aus ihrer Reserve kommen, dass sie Fehler machen... Vielleicht haben sie sogar schon einen gemacht, wer weiß!"

Milo zog die Augenbrauen hoch. "Optimist!"

8

Zeb Robbins betrat das BUENA SUERTE, ein Oben-ohne-Lokal in der 111. Straße, East Harlem. Es gehörte Sonny Martinez, einem Exilkubaner. Martinez hatte seine Finger in allen möglichen illegalen Geschäften. Das BUENA SUERTE war dafür nur eine geeignete Tarnung. Hauptzweck des Ladens war die Geldwäsche, die er für eine Reihe von Drogenhändlern besorgte. Allerdings achtete Martinez darauf, nur mit Clans von der Insel Geschäfte zu machen. Er traute nur denen, die unter der Sonne Kubas geboren waren. Schon die nachfolgende, in den USA geborene Generation seiner eigenen Familie war ihm suspekt.

Zeb blickte sich vorsichtig um, während er durch das BUENA SUERTE schritt. Es war später Nachmittag. Feierabend-Zeit.

Für ein Lokal wie das BUENA SURTE eine günstige Zeit.

Eine Mulatta mit ausladenden Hüften wiegte sich im Takt der Musik. Die Bühnenbeleuchtung strahlte ihren nackten Körper grell an. Das einzige Kleidungsstück, dass sie noch trug war eine Goldkette um ihren Bauch.

Aber Zeb Robbins hatte im Moment keinen Sinn für so etwas.

Auch die ebenfalls ziemlich leichtgeschürzten Bedienungen registrierte er kaum.

Er ging zur Bar.

"Ich muss mit Sonny sprechen", wandte er sich an den Keeper.

Dieser tat erst so, als würde er Zeb überhaupt nicht bemerken.

Zeb wiederholte seine Worte noch einmal, diesmal lauter.

Der Keeper stellte ihm ärgerlich einen doppelten Bourbon hin und meinte dann: "Caramba! Schrei nicht so, Zeb!"

"Was soll ich machen!"

"Du weißt, dass der Boss beim letzten Mal nicht gut auf dich zu sprechen war. Ich schlage vor, du trinkst das und verschwindest dann wieder, bevor er auftaucht!"

"Sag ihm, dass ich ihm einen Helikopter anzubieten habe, Greg!"

"Daran ist er nicht interessiert!"

"Führt du jetzt die Verhandlungen für den großen Sonny Martinez!"

"Nein. Die führt er immer noch selbst!"

"Na also!"

"Aber mit einem wie dir verhandelt er nicht mehr! Du schuldest ihm 25 Riesen und kannst eigentlich froh sein, dass er dir nicht schon längst ein paar Typen auf den Hals gehetzt hat, die dir beide Beine brechen!"

Ein Mann trat durch einen der Nebeneingänge. Er war leicht übergewichtig. Eine stattliche Erscheinung von mindestens ein Meter fünfundachtzig. Er war Mitte fünfzig.

Abgesehen von einem Haarkranz in Höhe der Ohren verfügte er kaum noch über Haupthaar. Dafür war der Schnauzbart um so üppiger. Er war so lang, dass er ihm in den Mund hineinwuchs.

Das war Martinez.

In seiner Begleitung befanden sich zwei dunkel gekleidete Männer. Sie hatten Ähnlichkeit mit Priestern, zumindest was das Äußere anging. Schwarze Jacketts kombiniert mit schwarzen Hemden. Aber die von ihren Pistolen verursachten Wölbungen unter den Achseln zeugten davon, dass ihr Job keineswegs die Nächstenliebe war.

Das Trio durchquerte den Raum.

Einige der Gäste schauten sich kurz um, aber die nackte Mulatta auf der Bühne sorgte dafür, dass ihre Aufmerksamkeit bei anderen Dingen gefesselt blieb.

Martinez und seine Gorillas erreichten Zeb.

"Sieh an, Zeb Robbins." Martinez verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln. "Wer hätte gedacht, dass du es nochmal wagst, hier aufzutauchen!"

"Hören Sie, Mister Martinez..."

"Ich mag Leute nicht, die ihre Schulden nicht bezahlen. Ich verliere in so einem Fall jeden Respekt vor einem Mann!"

Einer der Gorillas fingerte einen Schlagring unter der Jacke hervor. Er streifte ihn über die Finger, ballte die Hand zur Faust.

Ehe Zeb sich versah, knallte ihm der Gorilla die Faust mit dem Schlagring in die Magengrube. Wie ein Hammerschlag fühlte sich das an.

Zeb sank ächzend gegen den Schanktisch.

Der Gorilla holte erneut aus.

Aber Martinez schüttelte den Kopf.

"Nicht vor den Gästen", meinte er grinsend. Ein Goldzahn blitzte durch die langen Haare seines Schnauzbarts hindurch.

"Ich kann bezahlen!", knurrte Zeb. Er war ganz bleich geworden, hielt sich den Bauch.

"Das wirst du auch!", erwiderte Martinez schneidend.

"Sie werde noch viel mehr bekommen, als ich Ihnen schulde... Wenn Sie mir helfen, Martinez!"

Zebs Stimme war kaum mehr als ein leises Wispern, das von der dezenten Musik im BUENA SUERTE fast verschluckt wurde.

"Große Worte, Zeb!"

"Nein!"

"Du bist ein Maulheld!"

"Mister Martinez..."

"Du hättest bei mir weiter als Rausschmeißer arbeiten sollen." Martinez deutete auf seine Gorillas. "Manuél und Gary, habt ihr nicht ein schönes Leben? Bezahle ich euch nicht gut? Das alles hätte diese Schmeißfliege auch haben können, aber Zeb Robbins musste ja unbedingt anfangen Geschäfte auf eigene Rechnung zu machen!" Martinez verzog das Gesicht. "Leider alles in die Hose gegangen. Und ich war auch noch so dumm und habe dir Geld geliehen...

"No es cubano!", gab einer der Gorillas zu bedenken.

"Sí, es verdad", murmelte Martinez grimmig zwischen den Zähnen hindurch. "Ich hätte niemandem trauen dürfen, der nicht von der Insel kommt, das war ein Fehler." Theatralisch griff er sich an die Brust. "Mein gutes Herz - mi corazón hat mich verleitet, dem Gejammer dieser Schmeißfliege nachzugeben und ihm 25 Riesen zu leihen."

Der Typ mit dem Schlagring spielte mit dem Eisen provozierend herum und grinste dreckig.

Zeb Robbins hob die Hände.

"Ich habe eine Anzahlung, die ich für die Erledigung eines Jobs bekommen habe. Und noch etwas anderes... Einen mit Waffen ausgestatteten Helikopter, der über eine Infrarot-Zielerfassung verfügt. Das Modernste vom Modernen!"

Martinez atmete tief durch.

"Was du nicht sagst..."

"Ich brauche Ihre Hilfe, Martinez!"

"Ach, ja?"

"Ich muss verschwinden und brauche eine neue Identität. Und da dachte ich..."

"...dass du mit diesem Problem am besten zu mir kommst!"

"Ja."

Martinez kratzte sich am Kinn, wirkte nachdenklich.

"Sag mir einen Grund, weshalb ich einer Kanalratte wie dir nochmal trauen sollte, Zeb!"

Zeb schluckte.

Er griff in die Innentasche seiner Jacke. Augenblicklich packten ihn die Gorillas, hielten ihn wie im Schraubstock. Erst auf ein Zeichen von Martinez hin ließen sie ihn los.

"Na, lass schon sehen, du Bastard!"

Zeb holte sein Kuvert hervor. Er reichte es Martinez.

"Da sind zehntausend Dollar drin."

"Du schuldest mir mehr!"

"Ich weiß. Aber der Heli ist ein paar Millionen wert! Wenn Sie mir helfen, dann bekommen Sie ihn!"

Martinez Augen wurden schmal.

"Bei dem Heli dürfte es sich um verdammt heiße Ware handeln", vermutete er. "Sagtest du nicht etwas von einer infrarotbasierten Zielerfassung?"

"Ja."

Eine Veränderung spielte sich in Martinez' Gesicht ab.

Er dachte nach.

"Da wurde doch vor kurzem ein Attentat auf das Bundesgebäude an der Federal Plaza verübt..." Martinez machte eine Pause, ehe er schließlich fortfuhr: "Ich schlage vor, wir besprechen alles weitere in meinem Büro!"

9

Ich wurde zu einer Wohnung in Queens gebracht, wo ich fürs erste unterkommen sollte. Sie lag im 28.Stock eines Wohnturms in der Bondy Road. Das FBI unterhielt diese Wohnung, um gefährdete Zeugen für ein paar Tage unterbringen zu können.

Ich blickte aus dem Fenster in die Tiefe. Dunkelheit hatte sich über den Big Apple gelegt. Ein Lichtermeer breitete sich vor meinem Blickfeld aus.

Unten floss der Verkehr.

"Die Fenster sind aus Panzerglas", erläuterte Milo.

"Außerdem sind rund um die Uhr mehr als ein Dutzend unserer Leute in der Nähe."

"Die Leute, die es auf mich abgesehen haben, sind nicht auf den Kopf gefallen", stellte ich fest. "Früher oder später tauchen die hier auf... Aber das ist ja letztlich auch der Sinn der Sache!"

"Du kannst die ganze Sache auch wieder abbrechen, wenn sie dir zu heiß ist", meinte Milo. "Niemand würde dir das krumm nehmen! Nicht nachdem, was heute vor dem Büro des District Attorneys geschehen ist!"

Mein Kollege Agent Fred LaRocca stieß ins selbe Horn.

"Überleg dir das, Jesse!"

"Das habe ich längst", erwiderte ich. "Ich zieh das Ding durch!"

"Du bist unverbesserlich!"

"Jedenfalls mache ich ungern halbe Sachen, Fred! Außerdem will ich, dass diese Leute endlich dorthin kommen, wo sie hingehören. Hinter Gitter!" Ich sah auf die Uhr an meinem Handgelenk. Langsam wurde ich ungeduldig. Noch immer wusste ich nichts über irgendwelche Erkenntnisse, die sich durch die Tätigkeit der Spurensicherer und Ballistiker ergeben hatten. Die ganze Gegend um den Tatort herum war abgesucht worden. Hunderte von Befragungen hatten stattgefunden. Aber bislang gab es nicht den kleinsten Hinweis auf jene Leute, die sich hinter dem Namen AUTONOMY verbargen.

"Was mich beunruhigt ist die Tatsache, dass wir noch immer nicht genau wissen, ob und wie diese Leute in die FBI-Rechner eingedrungen sind", meinte Milo.

"Unsere Kollegen werden das schon rauskriegen", war ich optimistisch. "Früher oder später jedenfalls."

Ich ließ den Blick über die Dächer der umliegenden Hochhäuser gleiten. In unmittelbarer Umgebung befanden sich wenige Gebäude, die höher oder von vergleichbarer Höhe waren. Und die wurden von unseren Kollegen genauestens unter die Lupe genommen. So etwas wie vor dem Büro des District Attorneys sollte nicht noch einmal passieren.

Nur wenige Zentimeter hatten gefehlt und ich hätte einen Treffer ins Genick oder den Kopf bekommen. Dorthin, wo kein Kevlar mich schützen konnte. Ich berührte die Scheiben aus Panzerglas.

"Die Dinger sind absolut sicher", meinte Fred.

Ich lächelte dünn. "Fragt sich nur, bis zu welchem Kaliber!"

"Naja, gegen einen Granatentreffer wie im Federal Building hilft natürlich nichts!"

Mein Handy schrillte. Ich nahm das Gerät ans Ohr. Auf der anderen Seite der Leitung hörte ich die vertraute Stimme von Mister McKee.

"Hallo Jesse, ich hoffe Sie haben sich von dem Schrecken einigermaßen erholt...."

"Im Moment wurmt es mich eigentlich am meisten, dass ich untätig in dieser Wohnung herumsitzen muss!"

"Im Ernst, Jesse. Wenn Sie nach diesem Attentat aussteigen wollen..."

"...danke der Nachfrage, Sir. Aber den Punkt habe ich bereits mit Fred und Milo ausdiskutiert. Kommt nicht in Frage."

"Wir bereiten ein Quartier in Connecticut für Sie vor. Dort werden wir versuchen, den AUTONOMY-Leuten eine Falle zu stellen."

"Und ich bin der Köder!"

"Wie gesagt, Jesse, Sie können aussteigen!"

"Kein Gedanke, Sir."

"Es wird Sie interessieren, dass die Ballistiker inzwischen verschiedene Video-Aufzeichnungen des Anschlags auf Sie ausgewertet und zumindest ungefähr die Richtung bestimmen konnten, aus der die Kugel abgefeuert wurde. Die in Frage kommenden Gebäude werden derzeit unter die Lupe genommen."

"Ich hoffe, die Kollegen finden etwas."

"Das Projektil gehört zu einer DX-3 der Firma Rogers & Davis in Vancouver, Kanada. Die DX-3 ist ein Spezialgewehr für Distanzschüsse von Scharfschützen. Allerdings lässt es sich zusammenklappen und hat nur den Bruchteil des Gewichts, den die bei den entsprechenden Sondereinheiten von Militär und Polizei verwendeten Gewehrtypen aufweisen."

"Also die ideale Waffe eines Killers", stellte ich fest.

"So ist es."

"Wurde die Waffe schonmal verwendet?"

"Ja. Insgesamt achtzehn mal in den letzten sechs Jahren."

"Wir haben es offenbar mit einem fleißigen Mörder zu tun!"

"Im Moment werden diese Fälle nochmal durchleuchtet. Aber es könnte sein, dass uns das in die Irre führt und nicht weiterbringt. Jedenfalls dann, wenn AUTONOMY einen gewöhnlichen Lohnkiller engagiert hat, der vielleicht gar nicht wusste, für wen er tötet. Einige der Opfer haben nämlich Mafia-Hintergrund und da liegt dieser Schluss nahe."

"Verstehe."

"Legen Sie sich ein bisschen aufs Ohr. Sobald es nach Connecticut losgeht, oder sich etwas Neues ergibt, hören Sie von mir!"

10

Die Messungen der Ballistiker hatten den John Davis Tower als eines der verdächtigen Gebäude ausfindig gemacht, aus dem heraus vermutlich geschossen worden war. Auch das Stockwerk ließ sich eingrenzen. Es musste mindestens aus dem zwanzigsten Stockwerk heraus geschossen worden sein.

Unter Leitung von Agent Clive Caravaggio waren Dutzende von FBI-Agenten und Detectives der City Police damit beschäftigt, die Wohnungsbesitzer und -mieter auf der Südfront des John Davis Towers vom zwanzigsten Stock an aufwärts ausfindig zu machen. Das konnte bis in die späten Abendstunden dauern, je nach dem, wann die Betroffenen von ihren Jobs nach Hause kamen.

Etwa gegen Mitternacht blieben nur noch ein gutes Dutzend Wohnungen übrig, deren Bewohner derzeit offenbar nicht zuhause übernachteten. Vom hauseigenen Security Service wurden die elektronischen Schlösser dieser Apartments geöffnet und die Innenräume nach Spuren eines Einbruchs abgesucht. Insbesondere galten die Untersuchungen den Fenstern.

Es war unmöglich, sie zu öffnen.

Um einen Gewehrlauf in Richtung des Tatorts in Anschlag zu bringen, gab es nur die Möglichkeit, ein Loch in die Dreifachverglasungen hineinzuschneiden. Und das war schon schwierig genug.

In der Wohnung eines gewissen Sam S. McGraw wurden Clive und Orry fündig.

Der Wohnungsinhaber saß tot in einer Couch. Das Loch im Fenster war sehr akkurat ausgeschnitten. Wenig später fand Orry im Bad noch die Leiche einer Frau.

Clive griff zum Funkgerät.

"An alle, wir haben den Punkt, von dem aus geschossen wurde! Bitte ein Erkennungsdienst-Team nach Apartment 2234 C."

Orry lockerte seine Krawatte.

"Wenn es sich bei dem Kerl um einen Profi handelt, werden wir hier nichts finden!"

"Auch Profis machen Fehler!", gab Clive zur Antwort, ließ dabei den Blick schweifen. "Scheint so, als hätte er geglaubt, dass die Wohnung leer wäre!"

"War wohl ein Irrtum!"

"Ja, und dieser McGraw und seine Freundin mussten dafür mit dem Leben bezahlen."

Einer der Security Guards war zusammen mit Clive und Orry in den Raum getreten. An seinem Uniformhemd stand der Name Ray Henderson. Er wirkte ziemlich blass, nachdem er McGraws Leiche gesehen hatte, die immer noch ziemlich aufrecht auf der Couch saß. Das aus der Wunde geströmte Blut hatte sich in den Teppichboden hineingesaugt.

Clive wandte sich an Henderson, riss den Security Guard aus seinen Gedanken heraus.

"Was ist mit dem Schloss?"

Henderson machte eine ruckartige Bewegung, sah Clive dann mit glasigen Augen an und schluckte. Das, was er hier mitbekam, kannte Henderson nur aus Filmen. Leute wie er waren schließlich auch dazu da, Verbrechen gar nicht erst geschehen zu lassen, nicht um sie aufzuklären. Und das Sicherheitssystem des John Davis Towers galt als eines der modernsten im gesamten Big Apple.

Henderson hob die Augenbrauen.

"Was soll mit dem Schloss sein?"

"Sie kennen sich besser damit aus. Hatten Sie den Eindruck, dass da irgendwie herummanipuliert wurde?"

Er schüttelte den Kopf.

"Nein. Ist mir ein Rätsel, wie der oder die Täter es geschafft haben, hier hereinzukommen, ohne mit der Brechstange zu agieren. Wir vom Security Service haben zwar die Möglichkeit, in die Wohnungen hineinzukommen, aber in jedem Fall ist der Scan eines Fingerabdrucks erforderlich, wie Sie ja vorhin gesehen haben. Normalerweise der Abdruck des Besitzers, in diesem Fall der Fingerprint eines autorisierten Security Guards."

"Verstehe. Gibt es irgendeine Möglichkeit, dieses System auszutricksen?"

"Wenn Sie nicht die richtigen Linien am Finger haben, dann nicht."

"Wäre es möglich, den Scanner mit einer künstlichen, nachmodellierten Fingerkuppe zu täuschen?"

"Erstens müssten Sie dann an die Original-Prints herankommen."

"Jemand könnte in die entsprechenden Datenbanken hereingekommen sein!"

"Aber zweitens würde der Sensor keine Fingerkuppe akzeptieren, die die Temperatur von 35 Grad Celsius unterschreitet."

"Ich dachte, die normale Körpertemperatur liegt höher."

"Könnte ja mal sein, dass Sie an einem frostigen Tag Ihre Handschuh vergessen haben."

"Was ist mit entsprechend manipulierten Handschuhen aus einem sehr feinen Gewebe - Latex zum Beispiel?", mischte sich Orry ein.

Henderson zuckte die Achseln. "Es bleibt das Problem, an die Daten heranzukommen. Übrigens lässt sich über den Zentralrechner feststellen, wann die Tür zuletzt geöffnet wurde, ob von einem Angehörigen des Sicherheitspersonals, dem Wohnungsbesitzer oder einer anderen autorisierten Person."

In diesem Moment betraten die Erkennungsdienstler den Raum. Sie trugen weiße, hauchdünne Schutzoveralls, die verhindern sollten, dass sie ihrerseits irgendwelche Spuren hinterließen, die das Ergebnis verfälschen konnten.

"Wir beginnen dann mit unserer Arbeit, Agent Caravaggio!", meinte einer von ihnen.

Clive nickte und sagte dann: "Fangen Sie bitte mit dem elektronischen Schloss an." Dann wandte sich der flachsblonde Italo-Amerikaner wieder an Henderson. "Die Flure werden doch videoüberwacht, oder?"

"Ich bringe Sie in unsere Security-Zentrale. Ich denke, da werden Sie alles vorfinden, was Sie brauchen!"

11

Die Security-Zentrale des John Davis Towers war vom feinsten. Modernste Sicherheitstechnologie fand sich hier.

Sobald jemand versuchen, irgendeines der elektronischen Wohnungsschlösser zu manipulieren oder aufzubrechen, gab es einen Alarm.

"Sie sehen, wir arbeiten hier auf dem neuesten Stand!", meinte Craig S. Lucas, der Sicherheitschef des Towers.

Henderson stand etwas abseits und überließ seinem Chef das Wort.

"Leider hat nicht einmal dieser hohe Sicherheitsstandard die Morde in Apartment 2234 C verhindern können", erwiderte Clive.

Craig S. Lucas hob die Augenbrauen. "Absolute Sicherheit ist leider eine Illusion."

Wenig später standen sie vor einem Bildschirm.

Nach den gespeicherten Daten war die Tür von 2234 C zum letzten Mal am Morgen um 8.45 Uhr geöffnet worden. Vom Besitzer, wie das Protokoll auswies.

"Es ist mir schleierhaft, wie der Täter ins Apartment gekommen ist, ohne dass das auffiel..."., murmelte Lucas.

Die exakten Zeitangaben erleichterten das Auffinden der Videoaufzeichnung vom Flur.

Um genau 8.44 Uhr traf ein Mann in Lederjacke und Baskenmütze vor der Apartmenttür ein. Unglücklicherweise hatte er den Kragen seiner Jacke hochgestellt, so dass von seinem Gesicht nur die Partie zwischen Nasenspitze und halber Stirn zu sehen war. Über der Schulter trug der Mann eine Sporttasche mit der Aufschrift SUPER ACTIVE. Vermutlich steckte darin die DX-3, mit der er auf den vermeintlichen Brent J. Atkinson gezielt hatte.

Der Eindringling steckte einfach eine Chipkarte in den Schlitz des elektronischen Schlosses, die Schiebetür flog zur Seite und er trat ein.

Craig S. Lucas fiel der Kinnladen herunter.

Er musste unwillkürlich schlucken.

"Könnte es sein, dass es sich um eine Person handelt, die von Mister McGraw autorisiert wurde, die Wohnung zu betreten?", fragte Orry in die entstandene Stille hinein.

Craig S. Lucas schüttelte den Kopf.

"Nein, dann wäre das in unseren Datensätzen verzeichnet!"

"Wir brauchen eine Kopie des Bildmaterials", forderte Clive Caravaggio.

Craig S. Lucas nickte. "Selbstverständlich."

"Haben Sie die Möglichkeit, Bildausschnitte zu vergrößern?"

"Allerdings. Was interessiert Sie?"

"Die Hand mit der Chipkarte. Vielleicht lässt sich dabei irgendetwas erkennen, was uns weiterbringt."

"In Ordnung, ist kein Problem."

"Was ist mit anderen Kameraperspektiven?"

"Sind auch vorhanden."

"Ich möchte nämlich gerne etwas mehr von seinem Gesicht sehen."

Aber was diesen Punkt anging, erlebte Clive eine Enttäuschung. Der Killer hatte offenbar genau gewusst, was er tat. Der sehr hohe Kragen seiner Lederjacke wurde durch einen Reißverschluss zusammengehalten. Wie ein Schlauch umfasste er den Kopf des Killers über die Ohren.

"Ein paar biometrische Merkmale könnten wir aus dem vorhandenen Material vielleicht trotzdem gewinnen", war Orry relativ zuversichtlich. "Zum Beispiel den Abstand der Augen untereinander, zur Nase und zu den Ohren. Und wenn wir die vorhandenen Daten mit den Bilddateien unserer Archive vergleichen..."

"...müssten wir schon großes Glück haben!", seufzte Clive.

"Im Moment greifen wir doch nach jedem Strohhalm!"

"Du sagst es! Und es bleibt uns wohl auch nichts anders übrig!"

12

Jean betrat einen Raum, der von hunderten von Kerzen erleuchtet wurde. Ein Springbrunnen plätscherte und stellte die einzige Geräuschkulisse dar. Das Kerzenlicht flackerte leicht.

Jean befand sich in einem der Meditationsräume des PRANAVINDRAMAN CENTER OF SPIRITUAL REVELATION in der 66. Straße. Er verzog das Gesicht. Es gefiel ihm schon nicht, dass man am Eingang die Schuhe ausziehen musste.

Dies war kein Treffpunkt nach seinem Geschmack.

Jean blickte sich um.

Es war verdammt warm hier. Er schwitzte unter seiner Baskenmütze.

Dann entdeckte er einen im Yogasitz verharrenden Mann mit langen Haaren und einem Bart, der ihm bis zum Brustbein hinab reichte.

Sieht aus wie ein Jesus-Look-alike!, ging es Jean durch den Kopf.

Der Bärtige war offenbar in einer Art tranceähnlichen Versenkung begriffen. Er hatte die Augen geschlossen. Seine Gesichtszüge wirkten gelassen und entspannt. Dass dem nicht immer so war, ließ sich an teils recht markanten Falten ablesen, die das Gesicht des Bärtigen zeichneten. Grau mischte sich bereits in die teilweise verfilzten Haare hinein. Wie ein Silberstreif. Jean schätzte ihn auf Mitte vierzig.

Bevor der Kille auf ihn zuging, vergewisserte er sich erst, dass sie allein im Raum waren.

Dann trat er auf den Meditierenden zu, blieb einen halben Meter vor ihm stehen.

Der Bärtige öffnete nicht die Augen.

"Setzen Sie sich, Jean", sagte er, ohne dass sich an seiner absolut entspannten Haltung auch nur das geringste änderte.

"Soll ich Sie immer noch 'Birdie' nennen?", fragte Jean mit sarkastischem Unterton, während er sich eins der zahlreichen Sitzkissen zurechtlegte. 'Birdie', das 'Vögelchen', so hatte Jean den Bärtigen bei ihrer ersten Begegnung nennen sollen. Weil seine Seele in der Lage wäre, zu fliegen wie ein Vogel.

"Auch Sie haben eine Seele, die man dazu bringen könnte, wie ein Vogel zu fliegen", erklärte Birdie.

"Merci beaucoup, aber da fliege ich doch trotz aller Risiken immer noch lieber mit der Concorde!"

"Ihr Hohn trifft mich nicht, Jean!"

"Was wollen Sie von mir?"

"Scheint, als wäre Ihr Versuch, Atkinson zu töten fehlgeschlagen."

Jean zögerte mit der Antwort. Er ließ misstrauisch den Blick über das Meer der Kerzenlichter gleiten. "Bevor ich dazu irgendetwas sage, wüsste ich gerne..."

"...ob hier die Gefahr besteht, dass wir abgehört werden?"

Jetzt endlich öffnete Birdie die Augen. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Ein überlegenes Lächeln, das Jean nicht gefiel.

"Sie haben es erfasst, Birdie!"

"Selbst mit Richtmikrofonen wäre es sehr schwer, uns in diesem Raum abzuhören. Liegt an dem Plätschern. Und im übrigen vertraue ich den Betreibern dieses Meditationszentrums. Sie sind über jeden Zweifel erhaben. Ich komme regelmäßig hier her, um neue Kraft zu schöpfen."

Jean atmete tief durch. "Dieser Hund scheint tatsächlich überlebt zu haben, das ist richtig."

"Kriegen Sie das noch in den Griff?"

"Er wird verdammt gut bewacht und trägt offenbar Unterwäsche aus Kevlar."

"Es wird nach jedem fehlgeschlagenen Versuch schwerer werden."

"Das fürchte ich auch."

"Sobald wir wissen, wo sich Atkinson befindet, gebe ich Ihnen Bescheid, Jean. Und ich hoffe, dass Sie dann Ihren Fehler wiedergutmachen. Andernfalls..."

Jean bleckte die Zähne wie ein Raubtier.

"Sie sollten mir nicht drohen, Birdie. Das haben schon ganz andere versucht und sich dabei mehr als eine blutige Nase geholt."

"Was Sie nicht sagen, Jean..." Die Stimme des Bärtigen klang jetzt eisig. "Aber vielleicht haben Sie recht und ich sollte jemand anderen damit betrauen..."

"So war das nicht zu verstehen."

"Freut mich zu hören! Übrigens gibt es eine Spur von Zeb Robbins."

Jean hob die Augenbrauen.

"Ach, ja?"

"Nachdem Sie seinen Partner umgebracht und im Long Island Sound versenkt haben, wurde er wohl nervös und versucht jetzt unterzutauchen. Er hat sich an einen Mann namens Sonny Martinez gewandt, dem er Geld schuldet. Der soll ihm aus der Patsche helfen, dafür bietet Zeb Robbins ihm den umgebauten Heli zum Sonderpreis."

"Einen Heli, der ihm nicht gehört."

"Exakt."

"Sie sind gut informiert, Birdie!"

"Das Geheimnis jeden Erfolges!"

"Vermutlich haben Sie recht!"

Birdie holte eine Visitenkarte aus der Brusttasche seines schneeweißen Hemdes und reichte sie Jean. "Wenden Sie sich an Martinez. Ich habe ihm gesagt, dass ich jemanden schicken würde, der das Problem aus der Welt schafft!"

13

Es war vier Uhr nachts, als Agent Scott Cosgrove mich weckte. Er war einer der Agenten, die die Aufgabe hatten, mein Leben zu schützen - beziehungsweise das von Brent Atkinson, dessen Rolle ich ja übernommen hatte.

"Es geht los", sagte Scott.

"Nach Connecticut?"

"Ja."

Ich stand auf und machte mich fertig. Das Anlegen einer Kevlar-Weste unter der Kleidung war dabei natürlich obligatorisch.

Milo und Fred hatten sich ebenfalls ein paar Stunden aufs Ohr gehauen. Miles Albert, ein anderer Kollege, brachte ein paar Donuts zum Frühstück mit. "Leider gab's nichts anderes hier in der Gegend!"

"Kein Problem", meinte ich.

Das Telefon schrillte, Milo nahm ab und schaltete auf laut, so dass wir alle mithören konnten.

Es war unser Kollege Jay Kronburg. Er meldete sich aus einem Blockhaus in den Wäldern bei Terranova einem kleinen Nest in Connecticut, dass vermutlich aus nicht viel mehr als einem Drugstore und einer Tankstelle bestand.

"Wir haben hier alles vorbereitet, Milo! Bislang tut sich hier nichts!"

"Das wäre ja auch noch schöner, Jay!"

"Die gesamte Umgebung ist mit unseren Leuten gespickt. Wenn hier jemand auftaucht, um Brent Atkinson umzubringen, wird er sein blaues Wunder erleben."

"Dann braucht ihr mich ja wohl gar nicht mehr", grinste ich.

Die anderen schmunzelten.

Natürlich wusste jeder von uns, dass dem nicht so war.

Schließlich hatten wir keine Ahnung, wie dicht uns die AUTONOMY-Leute auf den Fersen waren. Und da bedurfte es schon mehr als nur einer lancierten Pressemeldung, um die Killer in eine bestimmte Richtung zu lenken.

"Wir erwarten euch!", sagte Jay.

"In Ordnung", erwiderte Milo und legte auf.

Wir tranken dünnen Kaffee aus Pappbechern. Die Thermoskanne, aus der das Gebräu stammte, hatte es nur lauwarm halten können.

Dann ging es los.

Agent Harry Miller meldete sich über Funk. Er wartete mit dem Wagen vor der Tür. Offenbar war alles in Ordnung.

"Ich hoffe, die AUTONOMY-Leute finden mich auch."

"Du solltest sie nicht unterschätzen!", kommentierte Fred LaRocca.

Und Milo ergänzte: "Wenn wir es ihnen zu leicht machen, werden die Brüder nur misstrauisch."

Wir traten auf den Flur.

Der Lift brachte uns wenig später hinab.

Meine Kollegen hatten ihre Hand an den Waffen.

Milo trug sogar eine MPi, die anderen ihre SIGs.

Ich selbst trug ebenfalls meine SIG Sauer P 226 bei mir, allerdings verdeckt. Nur im äußersten Notfall würde ich sie benutzen. Ansonsten musste ich den Waffengebrauch den Kollegen überlassen. Andernfalls wäre meine Legende sofort aufgeflogen. Ein offiziell sogar in Haft befindlicher Überläufer, der zur Waffe griff war für einen Beobachter alles andere als überzeugend.

Agent Harry Miller meldete sich noch einmal.

Über Funk. Meine Kollegen trugen Ohrhörer und Mikros am Kragen. Ich hörte Harrys Stimme nur wie eine Art Zirpen, weil Milo seine Lautstärke etwas zu hoch eingestellt hatte.

"Alles okay da draußen!", meinte er.

Wir traten wenig später ins Freie.

Ein Landrover der Fahrbereitschaft wartete mit laufendem Motor. Am Steuer saß Harry Miller. Vor und hinter dem Landrover standen zwei weitere Zivilfahrzeuge des FBI.

Milo und ich stiegen auf die Rückbank des Landrovers.

Fred LaRocca setzte sich auf den Beifahrersitz.

Die anderen Kollegen verteilten sich auf die beiden zusätzlichen Fahrzeuge.

Vor uns fuhr ein grauer, unscheinbarer Ford. Der Wagen hinter uns war ein Lieferwagen.

Agent Miller fädelte uns in den Verkehr ein.

Es ging alles glatt.

Nach einigen Minuten gelangten wir auf den Grand Central Parkway, auf dem es Richtung Norden ging. Eine Brücke führte über den East River, dann passierten wir Randalls Island, bevor wir schließlich die South Bronx erreichten. Hier änderte der Highway seinen Namen, nannte sich jetzt Bruckner Expressway. Wie eine Dschungelschneise schnitt sich der Expressway durch die nicht gerade für ihre architektonische Raffinesse berühmte Stadtlandschaft der Bronx.

Es befanden sich nicht viele Fahrzeuge auf dem Expressway.

Die Beleuchtung machte die Nacht hier fast zum Tag.

Aber im Lichtermeer der angrenzenden Viertel gab es dunkle Flecken. In manchen Straßenzüge der South Bronx herrschte reine Anarchie. Unsere Kollegen der City Police trauten sich nur schwerbewaffnet und in größerer Anzahl dorthin. Und wehe einem Gangmitglied, das es wagte, im falschen Gebiet anzuhalten.

"Verdammt, ich möchte wissen, woher diese AUTONOMY-Leute so gut informiert sind!", meinte Fred LaRocca irgendwann.

"Zumindest sind sie nicht so gut informiert, dass sie wissen, wer ich in Wirklichkeit bin!"

"Ja, das erstaunt mich fast."

"Auf jeden Fall ist uns niemand gefolgt", meinte Milo.

"Ich habe genau darauf geachtet."

Jetzt meldete sich plötzlich Agent Miller, der Fahrer zu Wort.

"Hey, was ist das denn da?"

Er bremste ab.

Die beiden Begleitfahrzeuge des Landrovers ebenfalls.

In einer Entfernung von wenigen hundert Metern war ein Trupp von Straßenarbeitern gerade damit beschäftigt, alle in nördliche Richtung führenden Spuren des Expressways abzusperren.

Einsatzwagen der Highway Patrol standen ebenfalls in der Nähe.

Das ließ mich innerlich etwas aufatmen und die Alarmglocken, die in meinem Inneren schon wie wild geschrillt hatten, fürs erste verstummen.

Wir hielten an. Alle drei Fahrzeuge.

Ein Beamter der Highway Patrol ging auf den ersten Wagen zu, in dem unter anderem unser Kollege Miles Albert saß. Genau wie Scott Cosgrove, der im hinter uns fahrenden Wagen mitfuhr, war Miles ein jung Kerl, der frisch aus Quantico kam und noch nicht allzuviel Erfahrung hatten.

Aber bislang hatten sich beide mehr als hervorragend bewährt. Von den dienstlichen Beurteilungen, die man ihnen bis dahin gegeben hatte, konnte man als G-man nur träumen.

Ein Fenster wurde hinuntergelassen.

Einen Augenblick später meldete sich Miles Albert über Funk.

"Die Straße musste kurzfristig gesperrt werden. Wir kommen hier nicht durch", hörten wir die Stimme unseres Kollegen durch den Lautsprecher der Funkanlage.

Milo ballte wütend die Hände zu Fäusten.

"Verdammt, wieso wissen wir nichts davon?"

"Weil es - wie gesagt - ein sehr kurzfristig angeordneter Einsatz ist", berichtete Agent Miles Albert.

"Ein Lastwagen hat sich quergelegt und verliert irgendeine giftige Substanz. Sergeant Bender von der Highway Patrol kommt zu euch rüber!"

Milo und Fred griffen zu ihren SIGs.

Fred ließ das Fenster herunter.

Der Highway Patrol Sergeant grüßte freundlich.

"Wir müssen hier durch", sagte Fred, zeigte dabei wie beiläufig seine ID-Card.

"Tut mir aufrichtig leid, Sir, aber das ist unmöglich!", erwiderte der Sergeant unmissverständlich.

In diesem Moment peitschten Schüsse auf.

MPi-Salven knatterten aus dem Schatten jenseits der Highwayböschung. Mündungsfeuer blitzte. Der Körper des Highway Patrol-Mannes zuckte, tanzte für einen Moment wie eine Puppe. Mindestens ein Dutzend Kugeln drangen in seinen Körper, ehe er zu Boden ging. Seinen Kollegen erging es ähnlich.

"Runter!", rief Milo.

Wir duckten uns.

Die Seitenscheibe auf Fred LaRoccas Seite glitt hoch. Die Kugeln drangen in das Glas, blieben aber darin hängen. Der Landrover, den wir benutzten, war kugelsicher.

"Losfahren!", rief ich an Harry Miller gewandt.

Der junge G-man war für eine Sekunde wie konsterniert.

Aber dann trat er das Gaspedal durch.

Den Motor hatte er die ganze Zeit über nicht abgestellt.

Die beiden Begleitfahrzeuge waren nicht kugelsicher. Die Scheiben zersprangen im Bleihagel. Unsere Kollegen duckten sich, feuerten hier und da zurück.

"Was wird mit Miles und den anderen?", rief Fred LaRocca.

"Diese Hunde wissen genau, wo sie hinzielen müssen!", knurrte ich. "Nämlich auf DIESEN Wagen..."

Über Funk gaben wir Alarm an unser Field Office.

Aber selbst bei günstigsten Bedingungen würde es etwas dauern, bis Verstärkung eintraf. Wir hatten einfach nicht damit gerechnet, dass AUTONOMY hier und jetzt zuschlagen würde, während wir in der Nähe von Terranova, Connecticut, eine raffinierte Falle für sie aufgebaut hatten. Offenbar hatten wir erneut den Fehler begangen, unsere Feinde zu unterschätzen. Sie waren uns offenbar auch diesmal den entscheidenden Schritt voraus gewesen.

Agent Miller trat das Gaspedal voll durch, fuhr einen Bogen und brach dann durch die Absperrung durch. Die Straßenarbeiter lagen flach auf dem Boden. Manche von ihnen verletzt oder tot. Die Wagen unserer Kollegen glichen inzwischen durchschossenen Sardinenbüchsen. Die Reifen waren zerfetzt, so dass sie gar nicht mehr manövrierfähig waren. Die einzige Chance, sie aus dem Schusshagel zu bewegen bestand in dieser Flucht nach vorn, die wir versuchten.

Etwas flog durch die Luft.

Im Schein der Straßenbeleuchtung war es deutlich zu sehen.

Ein eiförmiger Gegenstand.

"Eine Handgranate!", rief Milo.

Sie prallte vom Dach des Landrovers ab, fiel auf die Straße, rollte in Richtung des Fords, an dem wir gerade vorbeizogen.

In der nächsten Sekunde geschahen zwei Dinge gleichzeitig.

Mit dem Aufprallschutz des Kühlers räumte der Landrover eine Absperrung zur Seite.

Im selben Moment gab es hinter uns eine Explosion. Ganz in der Nähe des Fords riss die Granate ein Loch in den Asphalt. Der Ford bekam natürlich auch etwas ab.

Einen Augenaufschlag später explodierte auch noch der Tank des Fords. Menschliche Körper wurden wie Puppen durch die Nacht geworfen.

Die MPi-Salven, die uns hinterher geschickt wurden, zerfetzten jetzt die Reifen des Landrovers. Harry konnte den Wagen nicht mehr halten. Er brach seitwärts aus, rutschte über den Asphalt. Funken sprühten, als die blanken Felgen über den Straßenbelag kratzten. Ein weiterer Reifen wurde regelrecht zerfetzt. Der Wagen drehte sich, rutschte dann über die seitliche Begrenzungslinie, überschlug sich, als er die Böschung hinunterschlidderte. Wir kegelten durcheinander.

Der Wagen blieb auf dem Dach liegen.

Ich stieß die Tür auf.

"Raus!", rief ich. Ich war der erste, der aus dem Wagen herauskam, blickte mich um. Das Firmengelände einer Spedition schloss sich an den Expressway an. Zwischen den Trucks waren schattenhaft Gestalten in Kampfanzügen zu sehen.

Mindestens drei.

MPi-Feuer brandete auf.

Ich warf mich zu Boden.

Milo krabbelte aus dem Wrack heraus. Er hatte die MPi im Anschlag, ballerte drauf los.

Die Killer gingen in Deckung.

"Harry ist eingeklemmt, verdammt!", rief Milo. "Und Fred hat's auch übel erwischt."

Ich hatte inzwischen meine SIG gezogen.

In dieser Situation riskierte ich sogar, dass das ganze Theater, dass wir den AUTONOMY-Killern bislang erfolgreich vorgespielt hatten, aufflog.

Milo verfeuerte noch ein paar Salven, mit denen er dafür sorgte, dass die Killer in ihrer Deckung blieben.

Solange wir unter Beschuss waren, konnten wir Harry Miller und Fred LaRocca nicht helfen.

Ich drehte mich um. Die von Einschüssen gezeichnete Panzerglasscheibe auf Freds Seite war von innen mit Blut beschmiert.

"Verdammt!", knurrte ich. Ich wusste, dass jetzt sehr schnell etwas geschehen musste, wenn es für die beiden anderen Insassen des Landrovers nicht zu spät sein sollte.

Also machte ich einen verzweifelten Vorschlag.

"Sorg mit deiner Bleispritze dafür, dass diese Killer für eine Minute in ihren Löchern bleiben! Ich werde dann loslaufen..."

"Bist du verrückt, Jesse?"

"Wenn ich wirklich Atkinson wäre, würde ich diese Gelegenheit zur Flucht nutzen und keinem G-man mehr trauen, der mir irgendetwas von Sicherheit erzählt! Du nicht auch?"

"Jesse!"

Ein Mündungsfeuer blitzte auf. Wir duckten uns. Milo ballerte zurück.

Das Mündungsfeuer auf der anderen Seite verlosch.

"Die werden dich kriegen, Jesse!"

"Nein, das werden sie nicht!"

Ich wartete nicht länger, rappelte mich auf und rannte in geduckter Haltung los.

Milo ließ die MPi erneut losknattern, so dass die Killer bei den Trucks es nicht wagten, ihre Köpfe hervorzustrecken. Das Gegenfeuer war spärlich. Ich erreichte das Gelände der Spedition.

Als Milo die MPi leergeschossen hatte, brach das Feuer von der anderen Seite wieder los.

Die Killer hatten natürlich mitgekriegt wo ich war.

Ich warf mich zu Boden, rollte mich herum, so dass ich unter einen abgestellten Lastwagen kam. Ich lag vollkommen im Schatten und verhielt mich ruhig.

Bei meinen Gegnern hörte ich heisere Stimmen, konnte aber nicht verstehen, was sie genau sagten.

Ich rollte mich auf der anderen Seite unter dem Wagen hervor.

Ein Mann in Sturmhaube und Kampfanzug stand in einer Entfernung von etwa dreißig Metern. Er trug eine Kevlar-Weste wie unsere Spezialkommandos. Aber dieser Mann war kein Cop. Er stand auf der anderen Seite.

Er hatte eine zierliche MPi vom israelischen Typ Uzi in den Händen. Bevor er abdrücken konnte, feuerte ich. Ich hatte keine andere Wahl, denn ich wusste, dass mein Gegenüber nicht zögern würde, mich umzubringen. Nicht eine Sekunde. Schließlich war genau das der Auftrag dieser Leute.

Mein Schuss traf exakt den Kopf.

Auch was das anging, hatte ich keine andere Wahl, denn wenn ich ihm nur ein paar Bleikugeln in sein grüngraues Kevlar hineinhämmerte, dann konnte er mich dennoch in aller Ruhe erschießen.

Der Mann sank zu Boden, kam schwer auf dem Asphalt auf und blieb regungslos liegen. Ich bückte mich, nahm die Uzi an mich und tastete den Kerl flüchtig ab. Ich fand ein Handy, nahm es an mich und rannte dann weiter.

Zur Straße hin wurde das Gelände der Spedition durch eine etwa ein Meter fünfzig hohe Mauer abgegrenzt.

Ich schwang mich hinüber.

Schüsse peitschten hinter mir her.

Ich konnte nicht lokalisieren wo sie genau herkamen. So duckte ich mich, kauerte mich hinter die Mauer, lud inzwischen die Uzi durch.

Die AUTONOMY-Killer waren hinter mir her.

Sie hielten mich offenbar immer noch für Brent J. Atkinson.

Gut so, dachte ich.

Wieder peitschten Schüsse.

Ich tauchte aus der Deckung hervor, feuerte.

Dann rannte ich weiter. Ich überquerte eine schlecht beleuchtete Straße, verbarg mich dann in der Türnische eines ziemlich heruntergekommenen Brownstone-Hauses. Ich presste mich gegen die Mauer, wartete einen Moment lang ab. Dann hörte ich die Stimmen.

Sie folgten mir.

Oben auf dem nahen Highway wurde jetzt nicht mehr geschossen.

Stattdessen waren jetzt aus der Ferne die Sirenen von Einsatzwagen zu hören. Unsere Kollegen waren im Anmarsch.

Ein Rettungshubschrauber kreiste in der Luft, senkte sich tiefer.

Ich mochte mir gar nicht vorstellen, welche unserer Kollegen es erwischt hatte. Für Miles Albert und die anderen Insassen des Fords standen die Überlebensaussichten auf jeden Fall sehr schlecht. Ich nahm an, dass sie tot waren.

Von den Highway Police Männern und den Insassen des zweiten Begleitwagens hatte es vermutlich auch einige erwischt.

Dasselbe galt für die Straßenarbeiter. Die Killer, die es auf Brent J. Atkinson abgesehen hatten, kannten keine Skrupel. Es war ihnen offensichtlich völlig gleichgültig, wenn sie bei der Ausführung ihrer Mordpläne auch Unbeteiligte mit in den Tod rissen.

Ich hörte die Schritte der Killer auf dem Asphalt.

Fünf Mann, so schätzte ich. So viele waren es zumindest in meiner unmittelbaren Umgebung. Ich fragte mich, ob diese Männer wirklich Mitglieder von AUTONOMY waren. Leute, die von einer politischen Idee so sehr besessen waren, dass sie bereit waren, dafür zu morden. Die andere Möglichkeit war, dass die Anführer von AUTONOMY schlicht und ergreifend eine Meute von Söldnern angeworben hatten, die für jeden mordeten, der genug Dollars dafür auf den Tisch legte.

Ich tippte auf die zweite Möglichkeit Jedenfalls war bislang nichts davon bekannt, dass AUTONOMY jemals Geldprobleme gehabt hatte.

Mir war klar, dass ich nicht zurück auf die Straße konnte.

Meine Verfolger hatten sie mehr oder weniger in ihrem Schussfeld.

Sobald ich auftauchte, war ich ein Sieb. Da nützte mir dann auch die Kevlar-Weste nichts mehr.

Ich stieß die Tür an, stellte fest, dass sie offen war.

Das Schloss hatte jemand herausgebrochen. Die Tür ließ sich überhaupt nicht mehr schließen. Ich trat ein, ging einen dunklen Flur entlang. In der Jackentasche hatte ich einen Micro-Lenser, eine zigarettengroße Taschenlampe, die eigentlich dafür gemacht war, dass man in der Dunkelheit den Schlüssel in die richtige Öffnung steckte. Das reichte aus, um sich einigermaßen zu orientieren. Licht machen konnte ich schließlich nicht. Durch die Milchglasscheiben in der Tür würde man das draußen sofort merken. Schon der Micro-Lenser war ein Risiko.

Außerdem bezweifelte ich, dass die Elektrik in diesem Haus überhaupt funktionierte.

Ich stieg über eine zusammengekrümmt auf dem Boden sitzende Gestalt. Es handelte sich um einen Mann, soweit ich sehen konnte. Der Kerl wirkte völlig apathisch.

Er grunzte mich an, murmelte irgendetwas Unverständliches. Ich nahm an, dass er auf Crack war.

Ich ging weiter durch den Korridor, erreichte schließlich die Rückfront des Hauses. Auch diese war nicht verschlossen. Die Milchglasscheiben hatte jemand eingeschlagen. Ein düsterer, weil gar nicht beleuchteter Hinterhof schloss sich an. Das Mondlicht fiel so, dass ich eine Katze sehen konnte, die von einem überfüllten Müllcontainer hinuntersprang.

Völlig lautlos.

Ich öffnete die Tür, trat hinaus.

Ich durchquerte den Hinterhof.

Auf der gegenüberliegenden Seite war ein Durchgang. Die Einfahrt führte auf eine Nebenstraße. Auch dort war es ziemlich dunkel. Dafür konnte man den Sternenhimmel sehen, was ansonsten nur an ganz wenigen Punkten im Big Apple möglich ist.

In der Nebenstraße standen weitere überquellende Mülltonnen. Fahrzeuge parkten zu beiden Seiten. Soweit ich sehe konnte waren viele davon wohl Dauerparker. Schon deswegen, weil den Wagen die Reifen und andere wesentliche Teile fehlten. Eine Art wilder Schrottplatz war hier entstanden. Die Gebäude zu beiden Straßenseiten wirkenden unbewohnt. Das nächste Licht war erst einige hundert Meter entfernt.

Ich schaltete den Micro-Lenser nur ein, wenn es unbedingt nötig war. Im Großen und ganzen hatten sich meine Augen ganz gut an die Dunkelheit gewöhnt. Die meiste Zeit über hielt ich mich in der Nähe der Brownstone-Mauern.

Bröckelnde Fassaden, über die sich gnädige Dunkelheit gesenkt hatte.

Ich hörte Schritte.

Stimmen.

Das Rauschen von Funkgeräten.

Man hätte an einen unserer Einsätze denken können.

Aber ich wusste es besser. Mein Instinkt für Gefahr, den ich in all den Jahren beim FBI erworben hatte, sagte mir, dass ich auf der Hut bleiben musste. Die Gefahr war längst nicht vorbei. Die Killer, die AUTONOMY mir auf die Fersen geschickt hatte, hatten noch längst nicht aufgegeben.

Schattenhaft sah ich ihre Gestalten.

Ich drückte mich in eine Türnische hinein, fasste die SIG mit beiden Händen.

Einen Augenblick lang dachte ich daran, mir einen dieser Kerle zu schnappen und festzunehmen, um auf diese Weise an weitergehende Informationen zu kommen. Ob das erfolgreich gewesen wäre, stand natürlich auf einem anderen Blatt.

Ich entschied mich schließlich dagegen.

Es war ein kühler sachlicher Gedanke, der mich dazu bewegte, einfach nur ruhig auszuharren und darauf zu hoffen, dass die Meute mich in dieser Dunkelheit nicht finden würde.

Wenn diese Leute mit den eigentlichen AUTONOMY-Aktivisten, die aus dem Hintergrund heraus die Fäden zogen, gar nichts zu tun hatten und tatsächlich nichts weiter als bezahlte Killer waren, dann brachte mich keiner von denen weiter.

Mal davon abgesehen, dass meine Chancen, einen von ihnen tatsächlich festzunehmen auch extrem schlecht standen.

Ich sah zwei von ihnen die Straße entlang patrouillieren.

Einer murmelte etwas in sein Funkgerät. Sie schwenkten ihre Lampen, wodurch ich sie die ganze Zeit über gut lokalisieren konnte. Der Strahl einer dieser Lampen fuhr auch an der Türnische vorbei, in der ich mich gegen die Wand presste.

Ich hatte Glück.

Oder sie schauten einfach nicht genau genug hin.

Jedenfalls zogen sie weiter.

Ich atmete tief durch, rührte mich nicht.

Vollkommen still lauschte ich in die Nacht hinein.

So lange, bis ich schließlich sicher war, dass keine Gefahr mehr drohte. In meinem Hirn arbeitete es bereits fieberhaft. Die Flucht von Brent J. Atkinson würden die Kollegen schon plausibel an die Medien verkaufen können. Und ich konnte davon ausgehen, dass die Lockvogel-Idee dadurch noch lange nicht gestorben war. AUTONOMY musste sicher gehen, dass Atkinson nicht doch noch eine Gelegenheit suchte, um auszupacken und die Hintermänner von AUTONOMY ans Messer zu liefern. Um jeden Preis.

Ich verließ die Nische, ging weiter die Straße entlang.

Nur wenige Stunden noch, dann würden die ersten Sonnenstrahlen zwischen diesen Ruinen für Licht sorgen.

Plötzlich nahm ich eine huschende Bewegung von der Seite wahr. Ich wirbelte herum.

Zu spät.

Ich spürte noch den Schlag gegen meinen Schädel. Alles drehte sich vor meinen Augen. Ich taumelte, fühlte einen Augenblick später den feuchten Asphalt unter meinen Händen.

Dann war da nichts weiter als Schwärze meinen Augen.

Nichts weiter.

14

Es wimmelte nur so von Einsatzwagen auf dem Bruckner Expressway. Einsatzkräfte von City Police und Highway Patrol fanden sich dort ein. Dazu mehrere Wagen des Emergency Service. Der Wagen des Coronors kam etwas später.

Helikopter kreisten über dem Gebiet, suchten mit Scheinwerfern die Umgebung ab.

Fred LaRocca hatte einiges abbekommen, als der Geländewagen die Böschung hinuntergestürzt war und sich dabei überschlagen hatte. Es bestand der Verdacht des mehrfachen Rippenbruchs. Außerdem hatte er Prellungen am Kopf.

Harry Miller hatte es schlimmer erwischt. Ein Rettungsteam musste ihn aus dem Wagen herausschneiden. Er war nicht bei Bewusstsein, als ihn ein Rettungshubschrauber abholte und auf dem schnellsten Weg ins nächste Hospital brachte.

Agent Miles Albert und die anderen Kollegen, die in dem Ford gesessen hatten, der dem Geländewagen vorausgefahren war, hatte die Detonation der Handgranate förmlich zerrissen.

Milo stand mit finsterer Miene mitten auf der abgesperrten Fahrbahn. Scott Cosgrove trat auf ihn zu. Der junge G-man hatte kaum noch Farbe im Gesicht. Ihm war offensichtlich klar, dass es ihn genauso leicht hätte erwischen können. Nur ein Zufall hatte das verhindert.

Der Zufall, dass Cosgrove in einem anderen Wagen mitgefahren war.

"Gibt es schon irgendetwas Neues?", fragte Scott Cosgrove.

Milo schüttelte den Kopf.

"Nein."

Er stand über Funk mit den Helikoptern in Kontakt, die das Gebiet absuchten.

Aber weder von Jesse noch von den AUTONOMY-Killern gab es eine Spur.

Wenn sie klug waren, dann hatten sich letztere auch längst aus der Gegend zurückgezogen, bevor die Cops mit einem Großaufgebot ausrückten.

Milo hoffte nur, dass sie nicht dazu gekommen waren, ihren Auftrag zu erfüllen und den Mann abzuknallen, den sie für Brent Atkinson hielten.

15

Birdie saß im Lotussitz auf dem Futon im Zentrum eines sparsam eingerichteten Raums. Das Licht der Morgensonne fiel durch die offenen Fenster. Es war ziemlich kühl. Die Tür zum Flur stand halb offen. Es entstand Durchzug.

Birdie öffnete die Augen, als jemand eintrat.

"Hier steckst du!"

Birdie drehte sich herum. Der Mann in der Tür war aufgedunsen, Mitte zwanzig und hielt eine Dose Budwiser in der Linken. Seine ganze Erscheinung wirkte ungepflegt. Das strähnige Haar klebte ihm am Kopf.

"Was gibt es, Ray?"

"Brent Atkinson ist abgehauen!", berichtete er.

In Birdies bis dahin sehr gelassen wirkende Züge mischte sich jetzt eine andere Komponente. Ein Anflug von Zorn.

Er ballte die Hände zu Fäusten.

"Soll das heißen..."

"Die Aktion ist fehlgeschlagen. Brent Atkinson ist auf und davon. Ich habe die Nachricht gerade erhalten, Birdie!"

Birdie atmete durch, erhob sich dann und trat zum Fenster. Er sog die kühle Luft in sich hinein. Dann stieß er einen Schrei aus, wirbelte herum. Sein Fuß schnellte hoch. Noch über Kopfhöhe. Der Fuß traf einen Sandsack, der an einer Kette von der Decke hing. Der Sandsack wirbelte durch den Raum.

Der Mann namens Ray wich einen Schritt zurück. Der Sandsack schwang zu ihm hinüber.

"Du hast ein schlechtes Auge, Ray", sagte Birdie dann.

"Der Sack hätte dich nie erreichen können..."

"Verdammt, das ist mir ziemlich egal! Unsere Leute haben versagt und wir sollten uns mal Gedanken darüber machen, ob wir eigentlich die Richtigen engagiert haben, Birdie!"

"Immer schön ruhig bleiben!", erwiderte Birdie. Er zog die Augenbrauen zusammen. Sein Blick fixierte den dicken Ray auf eine Weise, die diesem unangenehm war.

Ray nahm einen Schluck Bier.

"Jeder sollte sich auf die Dinge konzentrieren, von denen er etwas versteht, darauf ist unsere Organisation aufgebaut!"

Ray verzog das Gesicht.

"Ich verstehe etwas von meinem Teil des Jobs! Schließlich habe ich es geschafft, die Wohnung ausfindig zu machen, in der das FBI Atkinson untergebracht hatte!" Ray schluckte.

Der Computerfreak war wirklich gut und Birdie wusste das auch zu schätzen.

Ray hatte es geschafft, in verschiedene Rechner von Behörden einzudringen und dadurch herausgefunden, welche Wohnungen in New York möglicherweise dem FBI gehörten. Über den Rechner des jeweiligen Stromversorgers konnte er dann ermitteln, in welchen dieser Wohnungen der Energieverbrauch darauf schließen ließ, dass sie bewohnt wurden.

Ray hatte es nicht einmal nötig gehabt, in einen Rechner des FBI einzuhacken.

Darauf war er besonders stolz.

Mit minimalem Einsatz und Risiko maximalen Erfolg.

Das war seine Devise.

Birdie trat auf seinen Komplizen zu. Er fasste ihn bei den Schultern. Sein geradezu hypnotischer Blick bohrte sich in Rays Augen förmlich hinein.

"Du glaubst doch an unsere Sache oder?"

"Würde ich sonst das alles mitmachen?"

"Es ist ein langer Kampf, der uns bevorsteht. Der Krakenstaat, den wir bekämpfen müssen, wird sich nicht so einfach in die Knie zwingen lassen. Die weltweite Vernetzung geht in erschreckendem Maß voran..."

"Eine Tatsache, die wir uns ja mitunter auch zu Nutze machen!"

"Ja, allerdings."

"Worauf willst du hinaus, Birdie?"

"Darauf, dass es menschlich wäre, wenn jemand während dieses langen Kampfes mal schwach wird... in Gedanken vielleicht sogar zum Verräter."

Ein Ruck ging durch Rays Körper.

"Du meinst wie Brent Atkinson!"

"Diesen Namen hast du erwähnt."

"Willst du mir drohen?"

"Nein, keineswegs. Ich hatte nur den Eindruck, dass du dich etwas vergessen hattest..."

Ray wusste, dass er jetzt vorsichtig sein musste. Du hast ihn kritisiert und das kann er auf den Tod nicht ausstehen!, ging es ihm durch den Kopf. Offensichtlich bist du zu weit gegangen. Sei vorsichtiger...

Es war Birdies Aufgabe gewesen, die Leute auszuwählen, die die jeweiligen Jobs durchführen sollten.

Und an dieser Auswahl hatte Ray es gewagt, Kritik zu üben.

"Vergiss es einfach!", meinte Ray. "Aber sieh zu, dass das beim nächsten Mal nicht passiert. Um unserer Sache willen..."

"Um unserer Sache willen", nickte Birdie.

16

Ein Schrei weckte mich auf.

Und ein Tritt in die Seite.

Ich war noch benommen, stöhnte kurz auf und blinzelte dann. Das Licht einer Glühbirne erfüllte den kahlen Raum. Es handelte sich um eine unbenutzte Lagerhalle oder etwas ähnliches.

Etwa drei Schritte von mir entfernt stand ein breitschultriger Kerl. Er trug seine Haare zu einem Zopf zusammengefasst. Auf seiner Lederjacke war ein Totenkopf zu sehen. Er trug den gleichen Totenkopf noch einmal als silbernes Amulett um den Hals.

Ein 4.57er Magnum-Revolver steckte hinter seinem Gürtel.

In seinen mit Nietenhandschuhen bewehrten Händen hielt er meine SIG und spielte damit herum.

Er grinste mich schief an.

"Na, endlich wach, du Ratte?"

Wieder ein erbärmlicher Schrei.

Dazu dumpfe Schläge, so als ob jemand auf einen Boxsack eindrosch.

Ich wandte den Kopf.

Auf der anderen Seite des Raums war ein Mann an den Handgelenken aufgehängt worden. Ein Flaschenzug war an den Stahlverstrebungen der Decke befestigt und das Opfer so weit emporgezogen worden, dass die Füße etwa einen halben Meter über der Erde schwebten.

Ein paar Männer standen darum herum. Einer von ihnen ein wahrer Hüne von gut zwei Metern Größe - trommelte mit seinen prankenartigen Fäusten auf den Mann ein.

Ich richtete mich vorsichtig etwas auf.

"Gleich bist du an der Reihe, Ratte!", knurrte der Kerl mit dem Totenkopfamulett.

Er lud dabei meine SIG durch, überprüfte die Ladung, wog sie in der Hand. Die Waffe schien ihm zu gefallen. Er richtete sie auf mich, zielte kurz und grinste dann.

"Wer seid ihr?", fragte ich.

"Halt die Schnauze. Die Fragen stellen wir!"

Eine heisere Stimme von der anderen Seite des Raumes unterbrach unseren kurzen Dialog.

"Hey, du Arsch! Pass auf, dass du ihn nicht umbringst, X-Large!"

Der Hüne landete einen letzten Schwinger, ließ dann eine Art Grunzlaut hören. X-Large - ein passender Spitzname für ihn, dachte ich.

Der Mann, der ihn zurechtgewiesen hatte, war eher schmal und zierlich. Ich schätzte ihn auf Ende zwanzig. Ein dünner Oberlippenbart zeichnete die einzige markante Linie in seinem Gesicht.

Er schien der Anführer zu sein.

"Glaubst du vielleicht, der Schweinehund macht so das Maul auf, Boss?", fragte X-Large etwas ungehalten.

Der 'Boss' verzog die Mundwinkel und musterte den leicht hin und her baumelnden Mann am Flaschenzug flüchtig.

Das Gesicht des Gequälten war eine einzige blutige Fläche. Der Kopf war ihm vornübergesackt. Frisches Blut war auf den Boden getropft.

Aber die Tatsache, dass es auch dunkle, längst eingetrocknete Flecken gab, zeigte, dass dieser Mann nicht der erste war, der hier gefoltert wurde.

"Der sagt im Moment wohl erstmal gar nichts mehr", meinte der 'Boss'.

Er wandte sich mir zu, musterte mich einige Augenblicke lang. In seinen Augen leuchtete pure Grausamkeit. Wie beiläufig machte er in Richtung seines Komplizen X-Large ein Zeichen, woraufhin dieser den armen Kerl am Flaschenzug bis hinauf zu den Deckenverstrebungen zog. Der Mann stöhnte nicht einmal mehr.

"Scheiße, dass die Batterien meines Elektro-Schockers leer sind!", knurrte der 'Boss'.

Gemessenen Schrittes ging der Mann auf mich zu, blieb dann neben dem Kerl mit dem Totenkopfamulett stehen.

Der Totenkopfmann langte in seine Jackentasche, holte meine FBI-ID-Card und mein Handy heraus und gab beides dem 'Boss'. Dessen Gesicht blieb unbewegt.

Er sah auf die ID-Card.

"Special Agent Jesse Trevellian", murmelte er heiser.

X-Large war dem 'Boss' gefolgt, nachdem er den Gefolterten wie Rinderhälfte hinaufgezogen hatte. Jetzt gab er einen galligen Kommentar ab.

"Da haben wir wohl 'nen Bock geschossen, was?"

"Ja, scheint so!"; zischte der 'Boss'. Er sah mich an.

"Was wollt ihr Cops hier in unserem Gebiet?"

Offenbar gehörten diese Leute zu irgendeiner der zahllosen rivalisierenden Gangs, die in der Bronx ihr Unwesen führten.

Und der Kerl, der jetzt halb totgeschlagen unter der Decke baumelte musste einer der Killer sein, die AUTONOMY auf mich in meiner Rolle als Brent J. Atkinson angesetzt hatten.

"Die Ratte am Haken hat keinen Ausweis", stellte der 'Boss' fest. "Wie erklärst du dir das, G-man?"

"Vielleicht ist das einer der Kerle hinter denen ich her war, bevor ihr mir eins über den Schädel gezogen habt"

Der Totenkopf-Kerl schwang sein Bein, so als wolle er zu einem mörderischen Tritt ausholen. Aber der 'Boss' beschwichtigte ihn, indem er seine Hand auf die Schulter des Komplizen legte.

Dann grinste der 'Boss'.

"Wir mögen es hier nicht, wenn man uns anlügt!", meinte er. "Und meine Freunde hier können dann schonmal ziemlich allergisch reagieren."

"Wäre also besser, wenn du uns nicht so einen Scheiß erzählst", ergänzte X-Large. Er deutete auf den Mann unter der Decke. "Wir hatten eher das Gefühl, dass diese Bastarde hinter dir her waren, G-man!"

"Wie man's nimmt."

"Was sind das für Leute?", fragte jetzt der 'Boss'. Sein Tonfall klang klirrend kalt.

"Das wüsste ich auch gerne", meinte ich.

"Du willst uns auf den Arm nehmen!"

"Hört mal..."

"Nein, du hörst mir zu, G-man!", unterbrach mich der 'Boss'. "Wir kriegen raus, was wir wissen wollen. So oder so. Es liegt nur an dir, wie lange das dauert!"

Ich kam nicht dazu zu antworten, denn in diesem Moment schrillte ein Handy. Der 'Boss' griff in seine Jackentasche, nahm das Gerät ans Ohr.

Sein Gesicht veränderte sich, wurde zu einer düsteren Maske.

"Was ist los?", erkundigte sich X-Large.

Der 'Boss' klappte das Gerät wieder zusammen.

"Das war Slimmy!", berichtete der 'Boss'. "Einsatzkräfte des FBI sind in der Nähe und durchkämmen die Gegend. Ich habe keine Ahnung, wer uns da in die Suppe spucken will, aber ich schlage vor, wir sehen zu, dass wir hier wegkommen!"

"Vorher müssen wir aber noch diese beiden lebenden Leichen hier entsorgen", meinte der Mann mit dem Totenkopf-Amulett. Ein widerliches Grinsen stand auf seinem Gesicht. "Wenn wir sie beide ins Säurefass quetschen, wird 's zwar ein bisschen eng und vielleicht lösen sie sich auch nicht schnell genug auf, aber..."

"Quatsch nicht soviel!", rief der 'Boss'. Er drehte sich herum. Dann riss er dem Kerl mit dem Totenkopfamulett meine SIG aus der Hand. "Hat einer einen Schalldämpfer, der für diese Bleispritze hier passen könnte?"

Einer der anderen Männer, die sich noch in der Nähe des Flaschenzugs aufhielten, meldete sich zu Wort. Er trug das blonde Haar kurzgeschoren, so dass es stachelig nach oben zeigte. "Hier, das könnte passen!" Er griff unter seine Lederjacke, holte eine baugleiche SIG Sauer P226 hervor mit aufgeschraubtem Schalldämpfer. Er schraubte ihn ab, warf ihn dem 'Boss' zu. Dieser fing ihn zielsicher aus der Luft, setzte ihn dann auf meine Waffe auf.

"Wir werden die beiden so drapieren, dass es aussieht, als hätten sie sich gegenseitig erschossen!", meinte er und kicherte dabei.

Er legte an, feuerte.

Dreimal kurz hintereinander.

Die Schüsse trafen den unter der Decke hängenden Killer im Bereich des Oberkörpers. Die Wucht der Geschosse ließ ihn hin und her baumeln. Die Treffer waren so dicht beim Herzen, dass er zweifellos tot war.

"Lass ihn runter, Billy!", befahl der 'Boss'. "Drapier ihn so hin, dass es überzeugend wirkt!" Er reichte dem Hünen meine SIG, schnipste dann mit den Fingern. Seine Männer waren es offenbar gewöhnt, ihrem 'Boss' die Wünsche von den Augen abzulesen. Jedenfalls brachte ihm einer die Uzi, die der aufgehängte Killer bei sich gehabt hatte.

Er lud die Waffe mit einer energischen Bewegung durch, überprüfte die Ladung.

Mir war klar, dass jetzt ich an der Reihe war.

Die erste Garbe sollte mich durchlöchern wie einen Schweizer Käse.

Und wenn die Kollegen den AUTONOMY-Killer und mich dann hier fanden, würde zumindest der erste Anschein dafür sprechen, dass wir uns gegenseitig bei einem Feuergefecht getötet hatten.

"Wird 'n bisschen Krach machen. Aber Slimmy sagt, dass die G-men noch ein paar Blocks entfernt sind. Wir kommen schnell genug weg!"

"Dein Wort in Gottes Ohr, Boss!", knurrte X-Large.

"Den lieben Gott lass besser aus dem Spiel, Riesenqualle!"

"Ich meine ja nur..."

Der 'Boss' verzog das Gesicht zu einer zynischen Grimasse, richtete dabei den kurzen Lauf der Uzi auf mich.

Er trat noch einen Schritt näher. Die Uzi war keine Waffe, um damit genau zu zielen.

Er drückte ab.

Die Uzi knatterte los.

17

Milo Tucker hatte die Leitung des Einsatzes. Er saß auf dem Beifahrersitz eines grauen Chevys aus der Fahrbereitschaft des FBI Field Office New York. Hinter dem Steuer befand sich die irischstämmige Agentin Josy O'Leary. Scott Cosgrove saß auf dem Rücksitz. Die Geschehnisse auf dem Bruckner Expressway hatten ihn ziemlich mitgenommen. Aber er hielt sich gut.

Seit Stunden schon patrouillierten gut dreißig G-men, unterstützt von über hundert Beamten der City Police durch die an den Bruckner Expressway angrenzenden Straßenzüge.

Orry und Clive waren inzwischen auch eingetroffen. Mister McKee hatte alle verfügbaren Agenten aus dem Bett geklingelt.

Eine großangelegte Suchaktion war im Gang.

"Jesse hätte sich längst gemeldet, wenn alles in Ordnung wäre!", meinte Milo und ballte die Linke unwillkürlich zur Faust. In der Rechten hielt er das Funkgerät, das ihn mit den anderen Einsatzkräften verband.

"Wir finden ihn schon", meinte Josy O'Leary.

Aber ihr Optimismus wirkte auf Milo alles andere als überzeugend.

In sehr langsamen Tempo lenkte Josy den Chevy daher.

Sie kamen eine Straße entlang, in der wohl schon seit Jahren niemand mehr lebte. Alte Lagerhäuser auf der einen, verfallene Wohnhäuser auf der anderen Seite.

Dies war GANGLAND.

Immer umkämpft zwischen den verschiedenen Gangs der Gegend, die ihre Finger im Drogenhandel hatten. Sie verdienten sich ihr Geld damit, den Stadtteil mit Crack zu versorgen. Crack - mit Backpulver aufgekochtes Kokain. Die Droge der armen Hunde, die sich nichts anderes leisten konnten. Der erste Konsum konnte abhängig machen. Und danach ließ einen Crack nicht mehr aus der Gewalt. Die Lebenserwartung war kurz, der körperliche Verfall unausweichlich. Zombies, so nannten die Crack-Dealer mitunter ihre Kundschaft zynischerweise. Aber ihnen war es völlig gleichgültig, was aus ihren 'Zombies' wurde. Es gab leider stets genug Nachwuchs. Dummköpfe, die verzweifelt genug waren, um sich auf dieses tödliche Spiel einzulassen.

Die Gangs pressten sie aus wie reife Zitronen.

"Wer hat hier denn gerade das sagen in der Gegend?", fragte Scott Cosgrove.

"Eine Gruppe, die sich SKULLDEVILS nennt", meinte Josy.

"Es gibt 'ne verdammt dicke Akte über diese Leute und ihren Boss, der sinnigerweise einfach 'Boss' genannt wird."

Milo haderte noch mit sich selbst.

"Ich hätte mich auf Jesses verdammten Vorschlag niemals einlassen dürfen!", meinte er. "Es war von Anfang an Wahnsinn..."

"Ich denke, Jesse wusste, was er tat!", meinte Scott Cosgrove.

Milo verzog das Gesicht.

"Ja, klar, du kennst ihn ja auch so verdammt lange, Mann!"

"Nein, nur ein paar Monate. Aber das reicht eigentlich, um sich ein Bild zu machen!", erwiderte der junge G-man.

Josy mischte sich ein. "Das war unnötig, Milo!", meinte sie.

Milo atmete tief durch. Dann nickte er. "Sorry. Aber ich bin im Moment ziemlich angefressen, wie ihr euch denken könnt."

Scott machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Schon okay!"

Dann kam eine Meldung über Funk.

Es war Sergeant MacPherson von der City Police. Er meldete einen Leichenfund, nur wenige Blocks entfernt.

"Wir sind schon da!", versprach Milo und wandte sich dann an Josy O'Leary. "Nun leg schon einen Zahn zu!", forderte er.

18

Die Tür von Mister McKees Büro öffnete sich. Mandy, die Sekretärin des Special Agent in Charge trat ein und servierte ihren berühmten Kaffee. Sie stellte den Pappbecher auf den Konferenztisch.

Mister McKee stand am Fenster, blickte hinaus auf die erwachende Stadt. Seit seine Familie einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, hatte er sein Leben völlig dem Kampf gegen die Kriminalität gewidmet. Es war typisch für ihn, dass er spät in der Nacht das Büro als letzter verließ und morgens als erster wieder auf seinem Posten war. Mitunter verbrachte er auch die ganze Nacht im Federal Building.

Die Mappe mit Computerausdrucken, die auf dem Konferenztisch lag, sprach dafür, das er wieder einmal eine Nacht durchgemacht hatte. Manchmal fragte sich Mandy, wann ihr Chef eigentlich schlief.

"Guten Morgen, Sir", sagte Mandy.

Mister McKee drehte sich um und nickte ihr zu. "Guten Morgen."

Agent Max Carter von der Fahndungsabteilung unseres Innendienstes war nach ihr eingetreten.

"Gut, dass Sie da sind, Max!"

Mister McKee deutete auf eine Mappe, die in der Mitte des Tisches lag. "Das Ergebnis des biometrischen Bildvergleichs ist da", erklärte er. "Sie wissen, es geht um den Killer, der das Attentat vor dem Büro des District Attorneys beging." Mister McKee machte eine kurze Pause. "Nur, um von einer ganz bestimmten Wohnung aus schießen zu können, brachte er zwei Menschen ums Leben. Das ist wirklich eine Ausgeburt an Skrupellosigkeit!"

Max nahm die Mappe, öffnete sie.

"Jean Latal", las er, "geboren und aufgewachsen in Petit Ville, Quebec, Kanada..."

"Das ist unser Mann."

"Hier steht nur, dass er mal wegen Totschlag angezeigt wurde. Zwei Jahre später wird er in Zusammenhang mit dem Mord an einem Bordellbesitzer in Montreal verhört..."

"...und wenig später ist Latal auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Er benutzt heute vermutlich eine falsche Identität und ist als Auftragskiller tätig. Wir müssen sämtliche Fälle nochmal unter die Lupe nehmen, die wir mit Latal in Verbindung bringen können."

Max Carter hob die Augenbrauen.

"Sir, wenn dieser Jean Latal einen Hintergrund als Mafia-Lohnkiller hat, dann..."

"...dann bedeutet das, dass wir es es bei den AUTONOMY-Terroristen mit sehr cleveren Leuten zu tun haben. Leuten, die schlau genug sind, um sich nicht selbst die Hände schmutzig zu machen, sondern die Drecksarbeit von anderen erledigen zu lassen..."

Eines der Telefone auf Mister McKees Schreibtisch schrillte plötzlich.

Mister McKee trat an den Schreibtisch und nahm ab.

"Ja?"

"Hier ist Milo Tucker!"

"Haben Sie Kontakt zu Jesse?"

"Nein, leider nicht. Aber wir haben einen der Killer gefunden, die für das Attentat auf dem Bruckner Expressway verantwortlich sind... Er ist umgebracht worden. Die Leiche war notdürftig hinter ein paar Müllcontainern versteckt."

"Wie sicher sind Sie, dass es sich tatsächlich um einen der AUTONOMY-Killer handelt?"

"Ziemlich sicher, Sir. Die Stichwunde ist noch sehr frisch. Und was die Ausrüstung des Kerls betrifft, passt sie genau zu dem, was ich von unseren Gegnern während des Gefechts erkennen konnte... Es dürfte nicht allzu schwer sein, die Identität herauszubekommen."

"Vorausgesetzt, die bringt uns überhaupt weiter...", murmelte Mister McKee. Ein Geräusch im Hintergrund irritierte den Chef des New Yorker Field Office. "Was war das, Milo?"

"Klang wie... eine MPi!"

19

Funken sprühten, als die MPi-Kugel an den Stahlverstrebungen unter der Decke kratzten.

Ich schnellte vor, legte meine Kraft in einen Karatetritt, stieß dabei einen Kampfschrei aus.

Mein Fuß traf die Uzi meines Gegenübers. Allerdings nicht ganz so, wie ich gehofft hatte. Die Waffe segelte nicht im hohen Bogen durch die Luft. Sie wurde nur hochgerissen. Der Lauf zeigte nach oben. Die Kegeln brannten sich in die Decke und verursachten ein wildes Funkenfeuerwerk, wenn sie auf den Stahl auftrafen, aus dem die Verstrebungen bestanden.

X-large, der Hüne stieß einen tierhaft klingenden Grunzlaut aus, der wohl so etwas wie Verwunderung signalisierte. Er wirbelte in meine Richtung, stierte mich eine Schrecksekunde lang an.

Und diese Schrecksekunde nutzte ich gnadenlos.

Ich konnte nicht warten, bis er seinen gewaltigen Colt Magnum vom Kaliber 4.57 aus dem Gürtel gerissen und mir eine dieser gewaltigen Projektile in den Kopf gejagt hatte. Ich wirbelte herum, versetzte dem Riesen einen Handkantenschlag, der ihn augenblicklich zusammenklappen ließ.

Noch mit dem Schwung dieser Bewegung setzte ich zum zweiten Tritt gegen den 'Boss' an.

Wie ein Dampfhammer landete mein Fuß auf seinem Solar Plexus.

Der 'Boss' japste nach Atem, taumelte zurück, während ich ihm mit der Faust schlug. Eine rechte Gerade streckte ihn nieder. Die Uzi riss ich ihm aus der Hand.

Lenny, der Kerl mit dem Totenkopfamulett richtete unterdessen meine eigene Waffe auf mich.

Ein Geräusch wie das Schlagen mit einer Zeitung war dann zu hören. Feuerrot leckte es aus der Mündung des Schalldämpfers heraus.

Ich duckte mich zur Seite, feuerte gleichzeitig die Uzi ab.

Lennys Körper machte unter der Wucht der Geschosse ein paar ruckartige Bewegungen, die entfernt an einen Break-Dancer erinnerten. Dann fiel er schwer zu Boden und blieb regungslos liegen. Er hatte mir keine andere Wahl gelassen.

Die anderen Gang-Mitglieder waren inzwischen auf der Flucht. Sie rannten zum Ausgang der Lagerhalle. "Stehen bleiben!", rief ich, feuerte ein paar Warnschüsse über ihre Köpfe hinweg.

Sie feuerten aus allen Rohren zurück, ich duckte mich, legte mich flach auf den Boden.

Die Schiebetür nach außen öffnete sich mit einem gewaltigen Knarren. Es musste eine Ewigkeit her sein, dass man sie zuletzt geölt hatte. Das Wellblech schepperte und grollte.

"FBI, keine Bewegung, stehen bleiben!", rief eine heisere Stimme, die ich sofort erkannte. Es war Milo, mein Freund und Kollege.

Er hatte seine SIG im beidhändigen Combat-Anschlag.

Zusammen mit einem guten Dutzend weiterer G-men sowie einigen Kollegen der City Police stürmte er herein.

Die flüchtigen Gang-Mitglieder zögerten kaum den Bruchteil einer Sekunde, dann ließen sie die Waffe sinken.

Sie wussten genau, dass sie ausgespielt hatten.

Jetzt gab es nur noch eins: so viel wie möglich der Schuld auf ihren Boss zu häufen, damit es vor Gericht so glimpflich wie möglich für sie abging.

Aber angesichts dessen, was sie getan hatten, bestand da wohl kaum irgendeine Aussicht.

Ich atmete tief durch, wischte mir den Schweiß von der Stirn.

Dann holte ich mir meine SIG und meine ID-Card wieder.

Milo und Josy kamen auf mich zu. Cosgrove folgte mit etwas Abstand.

"War verdammt knapp, Milo", meinte ich.

"Ich bin auch froh, dich gesund und munter zu sehen, Jesse!"

"Leider noch kein Grund, sich in Ruhe zurückzulehnen. Die Jagd ist noch nicht vorbei!"

"Jesse..."

"Ich weiß, was du sagen willst, Milo! Aber es wurmt mich einfach, dass diese AUTONOMY-Terroristen irgendwo gemütlich im Hintergrund sitzen, abwarten was geschieht und dann nach belieben in Angst versetzen, wen sie gerade wollen!"

"Und jetzt willst du den Weg zu Ende gehen!"

"Hast du je daran gezweifelt, Milo?"

Milo sah mich an, dann schüttelte er nach kurzem Zögern den Kopf.

"Nicht wirklich."

"Freut mich zu hören!" Und dann deutete ich auf den AUTONOMY-Mann, der noch an seinen Seilen von der Decke hinabhing. "Leider wird der dort uns nichts mehr über seine Hintermänner verraten können!"

"Wir haben draußen noch einen von der Sorte gefunden", berichtete Milo. "Mit ihm ist auch kurzer Prozess gemacht worden." Er fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das Haar, steckte dann die SIG beiseite. Im Hintergrund war das Klicken von Handschellen zu hören.

Wir wandten uns dem Boss zu.

"Sie werden uns 'ne Menge Fragen zu beantworten haben", meinte Milo. Etwas später raunte ich ihm zu: "So lange ich verdeckt ermittle und als Atkinson auftrete, wäre es gut, wenn keiner dieser Leute wieder frei herumläuft."

Milo zuckte die Achseln.

"Auf die Höhe von Kautionen oder sonstige juristische Dinge haben wir beide leider keinen Einfluss."

"Das ist wahr!"

"Bedaure das nicht, Jesse. Es ist schon gut, dass das in verschiedenen Händen ist, auch wenn man sich manchmal über die Schlipsträger mit den Paragraphengesichtern ein bisschen ärgert."

"Denen geht es umgekehrt genauso!"

"Wo du Recht hast, hast du Recht, Jesse!"

Milo machte eine Pause. Dann meinte er: "Wie geht's jetzt weiter?"

"Ich werde 'untertauchen' und mich dann melden."

"Gefällt mir nicht, Jesse."

"AUTONOMY setzt alles Mögliche in Bewegung, um Atkinson aus dem Weg zu räumen. Es muss einen Grund dafür geben, dass sie so eine Heidenangst davor haben, dass er auspackt. Und wenn wir auf die richtige Stelle drücken, treffen wir vielleicht den neuralgischen Punkt, Milo."

"So weit haben wir sie doch schon, Jesse."

"Nein nicht wirklich. Sie schicken Killer. Irgendwelche seelenlosen Söldner, die für einen guten Preis bereit sind, selbst ihre eigene Großmutter abzuknallen, wenn's nötig ist."

"Und du willst erreichen, dass die Drahtzieher aus der Reserve gelockt werden?"

"Ja! Früher oder später werden sie Fehler machen, Milo."

Milo seufzte. "Hoffen wir, dass das früher geschieht..."

20

"Weißt du, was das ist?", fragte Birdie, während er einen Plastikbehälter auf den Tisch stellte.

Ray saß vor seinem Computerequipment, wollte gerade einen Schluck aus der Bierdose nehmen, die er in der Hand hielt, musste feststellen, dass sie leer war. Er knurrte etwas Unverständliches vor sich hin, zielte mit der Bierdose auf den überfüllten Mülleimer. Er traf daneben.

"Shit", murmelte er.

Dann drehte er sich zu Birdie herum, starrte den Behälter an.

"Keine Ahnung, Mann!"

Birdie lächelte.

"Ein Kurier hat es gerade gebracht."

"Was ist drin?"

"Tollwut-Erreger. Sie sind in diesem Spezialbehälter relativ lange haltbar. Stell dir vor, die darin enthaltene Lösung infiziert die Angestellten der Stadtverwaltung, verschiedener Behörden, die Beamten der City Police, des FBI und so weiter. Die öffentliche Ordnung in New York würde zusammenbrechen!"

Ray grinste.

"Das, was wir immer wollten!"

"Es dauert natürlich eine ganze Weile, bis sich die Epidemie ausbreitet. Aber genau das ist der Vorteil, den wir auf unserer Seite haben! Wenn man das Ausmaß des Schadens bemerkt, wird es zu spät sein. Das Herz des in der Entstehung begriffenen globalen Superstaates wird damit getroffen..."

"New York!"

"...und sich nicht wieder erholen. Anders als beim Anschlag auf das World Trade Center wird der Effekt sehr nachhaltig sein!"

Birdies Augen leuchteten. Er ballte die Hände zu Fäusten. Die Adern an seinen Schläfen schwollen an. Der Gedanke an die Zerstörungskraft, die in seinem Plan steckte, schien ihn geradezu zu elektrisieren. Seine Nasenflügel bebten.

Ray musterte seinen Komplizen stirnrunzelnd.

Er deutete auf den Behälter.

"Woher kommt das Zeug? Direkt von Mister X?"

"Vergiss die Frage, Ray."

"Wieso?"

"Unser Erfolg basiert darauf, dass die einzelnen Operationseinheiten von AUTONOMY nichts von den anderen wissen. Wir sind ebenso auf uns allein gestellt, wie alle anderen, die mit uns kämpfen."

Ray atmete tief durch, erhob sich von dem durchgesessenen Bürostuhl, auf dem er bislang platzgenommen hatte. "Muss gute Kontakte haben, unser Mister X. Es dürfte nämlich gar nicht so leicht sein, an so ein Zeug heranzukommen."

Ray versuchte sich vorzustellen, wie vielleicht tausende, ja hunderttausende von Funktionsträgern in der Stadt qualvoll verendeten. Tollwut war für Menschen absolut tödlich, sobald die Krankheit ausgebrochen war. Eine Impfung hatte nur Sinn, solange noch keine Symptome festzustellen waren. Und das Tückischste war in diesem Fall, dass in einer reinen Stadtlandschaft wie dem Big Apple die Ärzte diese Symptome kaum richtig zu deuten wissen würden. Jedenfalls nicht, ehe die Katastrophe bereits in vollem Umfang ausgebrochen war. Schließlich gab es in den Straßenschluchten von Manhattan eher selten Kontakte zwischen Menschen und Wildtieren. Selbst streunende Hunde hatten hier kaum die Möglichkeit, auf infizierte Tiere zu stoßen und sich anzustecken.

Birdie machte eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf.

Er strich sich dann eine Haarsträhne aus den Augen.

"Was die Verbreitung der Erreger angeht, so..."

"Ich habe die Baupläne verschiedener öffentlicher Gebäude aus dem Zentralrechner der Stadtverwaltung herausgezogen", unterbrach Ray ihn. "Außerdem detaillierte Angaben zu den verwendeten Klimaanlagen..."

"Es gibt eine Änderung im Plan. Sorry, dass ich dir das nicht vorher sagen konnte."

Ray runzelte die Stirn.

"Was soll das heißen?"

"Die Verbreitung der Krankheitserreger ist nach der Meinung von Mister X nicht effektiv genug. Außerdem wissen wir nicht, was Atkinson darüber schon ausgeplaudert hat!"

"Und? Wie soll es nun geschehen?"

"Über das Kantinenessen."

Ray lachte heiser. "Und das soll wirkungsvoller sein?"

"Hör zu, es gibt so gut wie kein Kantinengericht, das ohne Geschmacksverstärker hergestellt wird. Anders wäre es gar nicht möglich. Wir brauchen nur die Geschmacksverstärker zu präparieren. Den Rest besorgen die Köche der mit der Versorgung der städtischen Bediensteten beauftragten Unternehmen. Dieses Verfahren hätte übrigens auch den Vorteil, dass wir die eine oder andere Außenstelle erreichen, die uns sonst durch die Lappen ginge."

"Habe ich also umsonst gearbeitet", knurrte Ray. "Was macht übrigens das Problem namens Zeb Robbins?"

"Jean Latal kümmert sich darum."

"Hoffentlich versagt er nicht wieder."

"Er wird nach Erfolg bezahlt, das wird ihn anspornen."

"Das will ich hoffen!"

"Atkinson ist das größere Problem."

"Der wird jetzt niemanden mehr trauen. Solange er noch unter den Fittichen des FBI stand, wussten wir wenigstens immer halbwegs genau, wo er war."

Birdie nickte. Sein Gesicht bekam einen düsteren Zug.

"Ja, es wird jetzt schwieriger. Du musst in die Kriminaldateien der verschiedenen Polizeibehörden hinein..."

"NYSIS ist leicht zu knacken, Partner! Wäre ja auch nicht das erste Mal! Was willst du denn wissen?"

Birdie grinste.

"Was glaubst du, wird Atkinson als nächstes tun?"

"Er braucht eine neue Identität."

"Richtig. Und auf den FBI wird er sich jetzt nicht mehr verlassen."

"Also wendet er sich an diejenigen, die auf diesem Gebiet 'privatwirtschaftlich' tätig sind..."

"Ich brauche alle den Cops bekannten Passfälscher oder Leute, die im Zusammenhang mit derartigen Delikten angeklagt oder verdächtigt wurden. Sicherheitshalber auch ein Abgleich mit dem Rechner des JFK-Airports."

"Atkinson wird nicht so dumm sein, die Stadt zu verlassen. Er weiß doch, wie wir arbeiten!"

Birdie schluckte. "Ja, allerdings! Aber sicher ist sicher."

Eine Pause entstand.

"Wie wirst du es machen?", fragte Ray.

"Genau wie beim Helikopter: Alle in Frage kommenden Personen bekommen ein Angebot, dass sie nicht ablehnen können!"

Ray kratzte sich am Hinterkopf. "Nur gut, dass unsere Kriegskasse gut gefüllt ist."

"Darum kümmert sich Mister X."

"Ich weiß..."

21

Wir saßen in unserem Dienstzimmer, das Milo und ich uns im Field Office teilten. Agent Scott Cosgrove hatte ein paar Hot Dogs besorgt. Der Kaffee von Mandy trug auch einiges dazu bei, unsere Laune zu heben.

Clive und Orry betraten etwas später den Raum.

"Gute Nachrichten was Fred betrifft", erklärte Clive. "Er muss noch ein paar Tage im St.Joseph's Hospital bleiben. Die Rippen werden ihm noch eine Weile zu schaffen machen. So etwas wächst nicht von heute auf Morgen wieder zusammen."

"Hauptsache, er behält keine bleibenden Schäden", meinte ich.

"Danach sieht es nicht aus, auch was die Kopfverletzungen betrifft", ergänzte Clive.

Dann warf er einen Computerausdruck auf den Schreibtisch.

"Noch mehr gute Nachrichten?", fragte Milo.

"Ich war gerade bei Max Carter und Sid Maddox. Unsere Innendienstler arbeiten auf Hochtouren. Wir wissen nicht, woher der Granatwerfer und die Infrarot-Zielerfassung stammen, die bei dem Anschlag auf Atkinson verwendet wurden", berichtete Clive. "Bei den Army-Depots ist angeblich nichts verschwunden."

"Bleibt wohl nur der illegale Markt", kommentierte Milo.

"Ja, aber auch die müssen ihr Material ja irgendwoher bekommen", gab Clive zu bedenken. "Die Kollegen der Militärpolizei ermitteln, ob vielleicht irgendeine Manipulation vorliegt. Außerdem überprüfen wir den Hersteller. Auch dort könnte so ein System abgezweigt worden sein. Aber das ist im Moment auch nicht so wichtig. Wir haben nämlich die Firma, die den Helikopter umgebaut hat. Dazu sind nur eine Handvoll Unternehmen in der Lage."

"Und?", hakte ich nach.

"Clarkson Ltd., Chicago. Gegen die Firma wird jetzt wegen Verstoßes gegen verschiedene Waffengesetze ermittelt."

Unsere Kollegen vom zuständigen Field Office haben im übrigen herausgekriegt, wer den Auftrag gab. Es waren zwei Männer. George L. Torrence und Zeb Robbins. Beides ehemalige Elitesoldaten, die in einer Hubschrauberstaffel dienten, bevor sie wegen verschiedener Vergehen unehrenhaft entlassen wurden. Die beiden haben für einen Barbesitzer in Chicago als Rausschmeißer und Schuldeneintreiber gearbeitet, bis ein gewisser Sonny Martinez sie in den Big Apple holte."

"Sonny Martinez?", echote ich. "Der Name kommt mir bekannt vor..."

"Das ist der Besitzer eines Oben-ohne-Schuppens namens BUENA SUERTE", klärte Clive uns auf. "Gehört zum Syndikat der Exilkubaner."

"Jetzt wissen wir also, wo du dich in deiner Freizeit herumtreibst, Jesse!", stichelte Milo.

Ich hob die Augenbrauen. "Du meinst doch mit Freizeit nicht etwa die zwanzig Minuten, in denen ich mich morgens rasiere und frühstücke!"

"Wenn man dich so hört, könnte man ja denken, du hättest einen tollen Job als Galeerensklave - und nicht beim FBI", kommentierte Clive. Dann fuhr er fort: "Ich muss das noch mit Mister McKee absprechen, aber ich denke, wir werden uns Sonny Martinez mal vorknöpfen und ihm einige Fragen stellen."

Ich atmete tief durch.

"Da werde ich ja leider außen vor bleiben müssen, wenn ich meine Rolle als Brent Atkinson nochmal spielen möchte!"

Clive nickte.

"Was würde Atkinson jetzt tun, Jesse? Allein auf sich gestellt, ohne das geringste Vertrauen zum FBI, zur Staatsanwaltschaft oder zu sonstwen..."

"Er würde versuchen, sich selbst eine neue Identität zu besorgen", meinte ich.

"Wie wäre es, wenn du das jetzt auch tust? AUTONOMY hat Verbindung zur Unterwelt und wenn 'Atkinson' sich einen neuen Pass besorgen will, wird sich das herumsprechen! Blitzschnell! Einen so heißen Kunden dürften die Fälscher von New York lange nicht gehabt haben!"

"Ein guter Vorschlag!", meinte ich. "Wenn wir Glück haben, hat AUTONOMY eine Art Kopfgeld auf Atkinson ausgesetzt."

"Dann würde sein Auftauchen unsere Freunde vielleicht so aufschrecken, wir wir das gerne hätten!", vermutete Milo.

"Ich brauche genügend Kleingeld, das ich für eine Anzahlung auf den Tisch legen kann", sagte ich. "Schließlich sind Passfälscher keine Sozialarbeiter. Die machen keinen Handschlag umsonst."

"Gehen wir zu Mister McKee", forderte Clive. "Ich wollte vorher eigentlich nur wissen, ob du noch im Spiel bist!"

"Bin ich", antwortete ich. "An die Rolle des Köders habe ich mich schon richtig gewöhnt!"

22

Mister McKee entschied, dass die Strip-Bar von Sonny Martinez zunächst nur beobachtet wurde, in der Hoffnung, dass Zeb Robbins oder sein Partner dort auftauchten.

Außerdem wurden Martinez' Telefonanschlüsse abgehört. Seit der Einführung der neuen Anti-Terror-Gesetze, galt eine entsprechende richterliche Genehmigung jeweils für sämtliche Telefon-, Email- und Fax-Verbindungen einer bestimmten Person. Das erleichterte unseren Job in diesem Fall erheblich.

Wir waren überzeugt davon, dass Robbins und Torrence in dem Helikopter gesessen hatten, von dem aus der Anschlag auf Atkinson verübt worden war.

Und wenn wir Glück hatten, hatten sie ihren alten Arbeitgeber noch nicht ganz vergessen.

Ich machte mich inzwischen auf den Weg zu Jack Anselmo in Yonkers, von dem wir durch Informanten wussten, dass er unter anderem Geschäfte mit falschen Pässen vermittelte.

Leider war ihm das bislang zu beweisen gewesen.

Anselmo betrieb eine Reihe von Coffee Shops, in die er das Geld, dass er mit seinen illegalen Geschäften verdient hatte, investierte.

Seine Zentrale befand sich in der Richmond Street in Yonkers.

Ich parkte den unscheinbaren metallicgrauen Ford unserer Fahrbereitschaft vor dem Laden, stieg aus und betrat ein paar Augenblicke später das Innere des Coffee Shops.

Milo war mir mit ein paar Kollegen auf den Fersen.

Allerdings in gebührendem Abstand. Schließlich sollte niemand bemerken, dass mir jemand gefolgt war. Sie warteten darauf, dass ich ihnen über das Mikro an meinem Hemdkragen das Signal zum Eingreifen gab.

Eine Sicherheitsmaßnahme, auf der Mister McKee bestanden hatte.

Der Coffee Shop war gut besucht.

Stimmengewirr erfüllte den Raum.

Ich ging zum Tresen und sprach den Mann dahinter an, der eine Art Uniform mit Namensschild trug. George Bruno stand darauf. Ein Mitvierziger mit dunklem Teint und graudurchwirktem Vollbart.

"Was wollen Sie? Am besten Sie setzen sich, ich komme schon zu Ihnen, Sir!"

"Ich will Mister Anselmo sprechen", sagte ich.

"Mister Anselmo ist nicht hier. Bedaure."

Ich packte George Bruno am Kragen, zog ihn über den Tresen zu mir heran. Einige der Gäste waren bereits verstummt und blickten zu uns herüber. Mir war das nur recht. Schließlich wollte ich keineswegs unbemerkt bleiben.

"Sie rufen jetzt sofort Mister Anselmo!", forderte ich.

Bruno schluckte.

"Und was soll ich ihm bitte sagen?"

"Sagen Sie ihm, dass ein gewisser Brent Atkinson in Schwierigkeiten ist und seine Hilfe braucht!"

Bruno nickte. "Okay, das werde ich ihm sagen", murmelte er.

Ich ließ ihn los. Er ging zum Telefon, nahm ab und betätigte eine Kurzwahltaste. Wahrscheinlich eine hausinterne Verbindung.

Zweimal kurz hintereinander sagte er "In Ordnung!", dann legte er auf und wandte sich wieder mir zu.

"Mister Anselmo ist in seinem Büro."

"Wo finde ich das?"

"Sie werden abgeholt!"

Bruno grinste dreckig.

Er deutete auf einen Nebenausgang, aus dem jetzt ein breitschultriger Kerl trat, der mich mindestens um anderthalb Köpfe überragte.

Der kobaltblaue Anzug, den er trug musste eine Sonderanfertigung sein. Das dunkle Haar war so kurzgeschoren, dass man die Kopfhaut sehen konnte. Links trug er einen Ohrring, der zu seinem ansonsten sehr konservativen Outfit nicht recht passte.

Der Koloss trat neben mich, wandte sich an Bruno.

"Ist er das?"

"Ja."

Er sah mich an. "Folgen Sie mir!"

Wir verließen durch den Nebeneingang den Raum, durchschritten dann einen schmalen Korridor.

Nach kaum einem Dutzend Schritten wirbelte der Kerl plötzlich herum, packte mich und drückte mich brutal gegen die Wand. Er hatte enorme Kräfte und einen Griff, der mich an einen Schraubstock erinnerte.

Er tastete mich nach Waffen ab.

Aber damit hatte ich gerechnet.

Meine SIG steckte ausnahmsweise mal nicht am Gürtel, sondern in einem Spezialholster, das ich an der Wade trug.

Und so gründlich war die Durchsuchung des Riesen dann auch wieder nicht, dass er das herausgefunden hätte.

"Du scheinst sauber zu sein", meinte er.

"Wo ist Mister Anselmo?"

"Kommen Sie!"

Er führte mich zu einer Tür.

"Öffnen Sie!"

Ich gehorchte, spürte dann im nächsten Moment den Pistolenlauf in meinem Rücken.

"Immer cool bleiben", sagte ich.

"Keine Sorge, damit habe ich keine Probleme", erwiderte der Koloss.

Ich betrat das Büro.

Hinter dem Schreibtisch saß Jack Anselmo. Ich erkannte ihn von den Fotos, die wir in unseren Dateien von ihm gespeichert hatten. Jack Anselmo war ein dicklicher Mitfünfziger. In seinem rechten Mundwinkel steckte eine Zigarre.

"Mach die Tür zu!", wies Anselmo seinen Leibwächter an.

Der Koloss mit dem Ohrring kickte sie mit dem Absatz ins Schloss.

"Kein besonders freundlicher Empfang", meinte ich. "Behandeln Sie Ihre Kundschaft immer so, Anselmo? Dann wird man Sie wohl kaum weiter empfehlen..."

Auf Anselmos etwas aufgedunsenem Gesicht erschien ein mattes Lächeln.

Er erhob sich jetzt hinter seinem Schreibtisch.

Jetzt erst wurde sichtbar, dass er eine Pistole mit aufgeschraubtem Schalldämpfer in der Rechten trug.

Mit der Linken nahm er die Zigarre aus dem Mund und legte sie in den Aschenbecher.

"Wenn Sie mich fragen, er sieht wirklich aus wie Atkinson", meldete sich der Kerl mit dem Ohrring zu Wort.

Jack Anselmo nickte leicht.

"Ja, scheint mir auch so. Außerdem, wenn wir den falschen umbringen, ist auch das auch halb so wild. Schließlich ist der Long Island Sound tief genug..." Er kicherte.

Dann verengten sich Anselmos Augen. "Ich weiß alles über Sie, Mister Atkinson. Sie sind hier, um eine neue Identität zu bekommen. Jemand, der ein sehr starkes Interesse an Ihnen zu haben scheint, hat mich vorgewarnt. Und - was soll ich Ihnen sagen ? - er bietet einfach mehr, als Sie mir zahlen könnten!"

"Wer ist das?"

"Wissen Sie das nicht besser als ich, Atkinson?"

Ich versuchte Zeit zu gewinnen.

Zeit, in der Milo und meine Kollegen den Ort des Geschehens erreichen konnten. Die Kontakte der AUTONOMY-Terroristen schienen noch reibungsloser zu funktionieren, als wir uns das bisher in unseren düstersten Albträumen ausgemalt hatten. Sie benutzten gewöhnliche Gangster offenbar wie Marionetten, um selbst im Hintergrund bleiben zu können.

"Sie haben von dem Attentat auf das Federal Building gehört..."

"Sicher", meinte er.

"Finden Sie nicht, dass das alles eine Nummer zu groß für Sie ist?"

"Ich konnte es mir nicht aussuchen. In dem Moment, in dem Sie hier auftauchten, war ich mit im Spiel. Und ich denke nicht daran, diesen sicheren Gewinn auszuschlagen."

"Wer sagt Ihnen, dass man Sie überhaupt bezahlt?"

Er lachte.

"Das hat man bereits! Jedenfalls zum Teil!"

"Was?"

"Als mein Angestellter mir einen gewissen Atkinson meldete, habe ich Kontakt aufgenommen. Innerhalb von Sekunden erfolgte eine Online-Buchung über einen sechsstelligen Betrag!" Er hob die Waffe, zielte auf mich.

"Geh zur Seite, Eddie, damit du nichts abkriegst!" befahl er.

"Okay, Boss!"

Der Koloss trat zur Seite.

Jack Anselmo drückte ab.

Ein Geräusch wie der Schlag mit einer Zeitung.

Ich blickte in das Mündungsfeuer, das wie die rote Feuerzunge eines Drachens aus dem Schalldämpfer herausleckte.

23

Sonny Martinez steckte etwa zur selben Zeit im wahrsten Sinne des Wortes in der Klemme.

Clarissa, eines der vollbusigen Oben-ohne-Girls, die im BUENA SUERTE bedienten, hatte die endlos langen Beine um ihren Chef geschlungen, während er heftig atmend in sie hineinstieß.

Sie lag auf dem Schreibtisch, trug dabei nichts weiter als eine Haarspange. Ihre 'Dienstkleidung, die aus einem schwarzen Lederslip und einem Paar McKee Heels bestand, lag auf dem Boden verstreut herum.

Martinez hingegen hatte nur die Hose geöffnet. Aber er lief jetzt puterrot an und verwünschte sich dafür, die Krawatte nicht gelockert zu haben, als er noch die Hände frei hatte.

Einige Ordner mit Kontobelegen waren durch Martinez' heftige Stoßbewegungen bereits zu Boden gesegelt.

Aber das interessierte Martinez im Moment nicht im mindesten.

Das Girl versuchte irgendwo auf dem Tisch Halt zu finden und räumte dabei mehr oder weniger den Rest der Unterlagen zu Boden.

Dann klopfte es an der Tür.

Ein Ruck ging durch beide.

"Quien está aquí?", keuchte Martinez.

"Manuél!"

Martinez musste erst einmal zu Atem kommen.

Ihm lag eine unflätige Erwiderung auf der Zunge, aber im Augenblick hatte er einfach nicht genügend Luft, um sie herauszubringen.

"Zeb Robbins ist da!"

"Was?"

"Ich dachte, das würden Sie gerne wissen!"

"Der Bastard ist viel zu früh!"

"Er scheint misstrauisch zu sein."

"Ich komme gleich!"

"Na, dann los!", hauchte das Girl und zog Martinez mit ihren Beinen zu sich heran.

Ein paar Minuten später tauchte Martinez in der Bar auf.

Es waren noch nicht viele Gäste da. Die knapp kostümierten Girls saßen gelangweilt an der Bar. Im Hintergrund lief Musik.

Manuél empfing seinen Chef und raunte ihm zu: "Ich habe die Jungs strategisch günstig postiert..."

"Okay."

Martinez ging an den Tisch, an dem Robbins platzgenommen hatte.

"Ich hatte noch nicht mir dir gerechnet, Zeb!"

"Was ist mit meinen Papieren?!"

"Alles der Reihe nach, Zeb. Aber immerhin habe ich einen Interessenten für den Helikopter."

"Was spricht dagegen, dass Sie mir das Geld bar auszahlen - jetzt und hier, so wie wir es abgemacht haben!"

"Dagegen spricht die Tatsache, dass ich so viel Geld nicht im Haus habe. Es ist jemand unterwegs, der es herbringt."

"Aber ich will weißes Geld! Nichts aus irgendeiner schwarzen Kasse oder Falschgeld!"

"Keine Sorge. Und Ihre Flucht ins Ausland habe ich auch schon arrangiert. Allerdings ist da noch eine Kleinigkeit."

"Und die wäre?"

"Die Position des Helikopters. Ich werde einen meiner Leute hinschicken, damit er die Ware überprüfen kann. Vorher bekommen Sie kein Geld!"

"Soll ich bis morgen früh hier warten?"

"Wenn es sein muss - warum nicht? Die Girls hier werden Ihnen schon die Zeit vertreiben."

"Sie wollen mich reinlegen!"

"Nein, Zeb, ich traue dir nur nicht, seit das mit den 25 Riesen passiert ist."

"Aber jetzt machst du einen Riesen-Deal mit mir! So ein Schnitt dürfte selten sein!"

"Halt's Maul, Zeb. Und jetzt raus mit der Sprache: Wo ist der Heli?"

Zeb griff in die Innentasche seiner Jacke.

Manuél zuckte. Seine Hand glitt blitzschnell unter das Jackett, umfasste den Griff der Automatik, die er dort strecken hatte. Und auch einige der anderen Bodyguards wurden plötzlich nervös.

Zeb Robbins war inzwischen mitten in der Bewegung erstarrt.

"Bleiben Sie easy, Mister Martinez! Ich will Ihnen nur einen Kartenausschnitt geben, auf dem die genaue Position eingezeichnet ist."

"Gut."

Zeb holte den Kartenausschnitt aus der Tasche. Es handelte sich um die Fotokopie einer Landkarte, die das südwestliche Connecticut zeigte. Die Position des Helis war genau markiert. Der Maßstab war so groß, dass es keine Schwierigkeit war, den Heli zu finden. "Man muss nur dem eingezeichneten Weg folgen. Besser Sie nehmen ein Fahrzeug mit Vorderradantrieb. Wenn's geregnet hat, kann es da schonmal ein bisschen schlammig werden."

"Danke für den Hinweis!"

Martinez gab den Kartenausschnitt an Manuél weiter.

"Kümmere dich darum!"

"Sí, Senor!"

"Und wer garantiert mir, dass Ihr Mann nicht einfach mit dem Ding wegfliegt?", fragte Zeb.

Martinez verzog das Gesicht.

"Bei einer Ware, die so heiß ist, wie dieser Heli, wäre das wohl geradezu selbstmörderisch!", lachte der Exilkubaner. "Darauf wartet das FBI doch nur!"

24

In diesem Moment stürmte ein gutes Dutzend G-men unter Führung von Clive und Orry in den Raum.

Ein Ruck ging durch Martinez und Manuél.

Der Leibwächter griff zur Waffe.

"Hände hoch, FBI!", rief jemand.

Augenblicklich verstummten die Gespräche der wenigen Gäste.

Die Girls kreischten kurz auf. Die Musik wurde abgestellt.

Clive nahm einem der Gorillas, der sich in Türnähe postiert hatte, die Waffe ab.

"Mach den Mund wieder zu, hinter dir sind wir ja nicht her!", meinte der stellvertretende Special Agent in Charge, der in diesem Rang nach Mister McKee der zweite Mann im Field Office New York war.

Auch Manuél ließ die Waffe sinken.

"Verdammt, du hast mich reingelegt!", knurrte Zeb Robbins. "Das ist doch ein abgekartertes Spiel..."

"Ich hatte keine Ahnung", hauchte Martinez und die fast weiße Farbe, die sein ansonsten gut gebräuntes Gesicht jetzt annahm, schien den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu bestätigen.

Orry richtete seine Waffe auf Manuél.

"Zum letzten Mal, Waffe weg Mister! Jeder bleibt an seinem Platz!"

Manuél zögerte, wechselte einen Blick mit seinem Boss.

Dieser schätzte die Lage realistisch ein und nickte Manuél zu. "Kein Mätzchen, das hat keinen Sinn", raunte er.

Manuél legte die Waffe langsam auf den Tisch und hob die Hände - ebenso wie sein Boss.

Zeb Robbins schnellte vor, griff nach der Automatik, feuerte ansatzlos in die Richtung der G-men.

Clive und Orry duckten sich.

Zebs Schuss war schlecht gezielt.

Er zertrümmerte eine der Leuchtstoffröhren in der Nähe des Haupteingangs.

Beinahe gleichzeitig rissen Clive und Orry ihre Waffen hoch. Und auch die anderen G-men, die sich inzwischen im Raum verteilt hatten, waren schussbereit.

Aber keiner von ihnen feuerte.

Zeb hatte nämlich inzwischen eines der Girls am Handgelenk gepackt, vom Barhocker heruntergerissen und als lebenden Schutzschild vor sich gestellt.

"Ganz ruhig!", rief Clive. "Sie haben keine Chance, Zeb Robbins!"

Die Tatsache, dass Clive ihn mit seinem Namen angesprochen hatte, ließ Zeb schlucken. Einen Sekundenbruchteil lang war er irritiert, dann blickte er in Martinez' Richtung.

"Dafür werden Sie zahlen, Sonny Martinez!"

Er feuerte seine Waffe ab.

Martinez hob abwehrend die Hand.

Die Kugel erwischte ihn an der Schulter. Der Treffer ließ ihn aufschreien.

"Sind Sie verrückt, Robbins!"

"Verdammter Bastard!"

Robbins zog das barbusige Girl mit sich, achtete stets darauf, dass die junge Frau so positioniert war, dass sein eigener Körper geschützt wurde.

Er bewegte sich auf einen Seiteneingang zu.

Agentin Josy O'Leary war dort postiert, sie trug die SIG mit beiden Händen umklammert.

"Weg da!", schrie Robbins und richtete die Waffe auf Josy.

Er feuerte sofort, brannte ihr eine Kugel mitten in den Bauch.

Josy wurde nach hinten geschleudert, machte einen Satz rückwärts.

Die Kevlar-Weste, die sie vorschriftsmäßig bei diesem Einsatz trug, verhinderte, dass das Projektil ihren Bauch zerfetzte.

Sie rang nach Luft.

Robbins grinste.

"Nur, dass ihr begreift, dass ich's ernst meine!", knurrte er.

Er bleckte die Zähne wie ein in die Enge getriebenes Raubtier.

"Alles in Ordnung, Josy?", fragte Clive.

"Es geht!", keuchte sie.

Robbins hatte den Ausgang erreicht, trat die Tür zur Seite. Dann rannte er den sich anschließenden Korridor entlang. Das Girl zog er mit sich.

Sobald Robbins verschwunden war, setzte Orry nach. Clive wies einige der anderen G-men an, Sonny Martinez und seine Leibwächter vorläufig in Gewahrsam zu nehmen. Dann folgte er Orry.

Zeb Robbins erreichte inzwischen das Ende des Korridors. Eine Fensterfront befand sich dort. Er stieß das Girl von sich und öffnete eines der Fenster. Im Erdgeschoss war das möglich. Glück gehabt, dachte er. Dann schwang er sich hinaus. Den Sprung von ein Meter fünfzig in die Tiefe federte er behände ab.

Er blickte sich kurz um, feuerte, als er die Bewegung eines Schattens bemerkte.

Eine der Scheiben ging zu Bruch.

Orry, der ihm auf den Fersen war, musste in Deckung gehen.

Zeb Robbins rannte die schmale Nebenstraße entlang, die etwa zwanzig Meter weiter in die 111th Street mündete, zu der auch der Haupteingang des BUENA SUERTE ausgerichtet war.

Als Zeb dort anlangte, hielt er inne, atmete tief durch.

Sein Blick schweifte über die endlose Reihe der parkenden Fahrzeuge auf der anderen Straßenseite.

Zeb fragte sich, wie viele FBI-Kräfte wohl rings um das BUENA SUERTE postiert waren.

"Stehen bleiben Robbins!", hörte er eine Stimme hinter sich.

Das war Orry, der Robbins gefolgt war.

Zeb Robbins wirbelte herum.

Orry glaubte schon, dass sein Gegenüber feuern wollte.

Und vielleicht lag Orry mit dieser Vermutung sogar richtig.

Aber Zeb Robbins kam nicht mehr dazu, seine Pistole abzudrücken.

Ein Ruck ging durch Zeb Robbins' Körper.

Dann ein zweiter.

Er zuckte wie unter Strom.

Orry war sofort klar, dass Robbins von Schüssen getroffen worden war, auch wen man kein Schussgeräusch hatte hören können.

Robbins sank zu Boden, kam schwer auf dem Asphalt auf, während ein Wagen aus der Reihe der parkenden Fahrzeuge ausbrach.

Orry setzte nach, spurtete los.

Hinter sich wusste er Clive Caravaggio, der inzwischen auch den Ort des Geschehens erreicht hatte.

Der Wagen, der aus der Reihe ausgeschert war, brauste los.

Es handelte sich um einen schwarzen Mitsubishi. Orry legte an, feuerte kurz entschlossen. Der Reifen hinten links wurde getroffen, platzte mit einem Knall auseinander. Das Heck brach aus. Der Mitsubishi schrammte in ein parkendes Fahrzeug hinein, dellte dessen Beifahrertür ein und blieb stehen.

Orry sprintete hinter her.

Die Tür öffnete sich.

Das Mündungsfeuer einer Automatik blitzte auf.

Orry ging in die Hocke, feuerte zurück.

Ein Mann mit Baskenmütze sprang aus dem Wagen, feuerte wild um sich und rannte los.

"Waffe weg! FBI!", rief indessen Clive Caravaggio, der ebenfalls eingetroffen war. Hinter einer Hausecke suchte der stellvertretende SAC Deckung.

Aber der Killer mit der Baskenmütze dachte gar nicht daran, der Aufforderung Folge zu leisen.

Seine Schüsse zischten dicht an Orry vorbei.

Orry zielte.

Sein Schuss traf den Killer am Bein.

Er schrie auf, humpelte weiter.

Clive brannte ihm einen Warnschuss direkt neben die Füße.

Er sah offenbar ein, dass er chancenlos war, blieb stehen.

Sein Hosenbein verfärbte sich dunkelrot. Er ließ die Waffe sinken, umfasste den Oberschenkel.

"Wir brauchen dringend einen Notarzt", murmelte Clive Caravaggio in das Mikro des Headsets hinein, über das er mit den anderen G-men verbunden war.

Augenblicke später hatten die beiden Agenten den Killer erreicht, der offenbar in seinem Wagen auf Zeb Robbins gewartet hatte.

Details

Seiten
500
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909289
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364605
Schlagworte
sammelband strandurlaub drei alfred bekker thriller

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Titel: Sammelband für den Strandurlaub: Drei Alfred Bekker Thriller