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Der Parapsychologe

von Alfred Bekker (Autor) A. F. Morland (Autor) Franc Helgath (Autor)

2017 666 Seiten

Leseprobe

Der Parapsychologe

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2017.

Der Parapsychologe

Dr. Mystery Band 1 bis 6 - Der Meister des Unerklärlichen

Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers

präsentiert von Steve Salomo

Der Umfang dieses Buchs entspricht 666 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Band 1: Stirb in einer anderen Welt von Alfred Bekker

Band 2: Im Bann der Friedhofs-Puppe von A. F. Morland

Band 3: Der Leichenfresser von A. F. Morland

Band 4: Im Würgegriff der Mumie von A. F. Morland

Band 5: Des Teufels Braut von Franc Helgath

Band 6: Die Spieluhr des Todes von A. F. Morland

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Bearbeitung: Peter Thannisch

Titelbild: ml_ atelier sommerland/123rf

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Stirb in einer anderen Welt

Dr. Mystery Band 1 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

von Alfred Bekker

Ein rätselhafter Mord weckt die Aufmerksamkeit des Parapsychologen und Dämonenjägers Luc Morell. Als "Doktor Mystery" und seine Assistentin Monique der Sache nachgehen, werden sie von übersinnlichen Kreaturen angegriffen. Die Spur führt sie schließlich in den dampfenden Dschungel von Kambodscha, wo sie auf einen uralten Götzen treffen, der den Weg zurück in die Welt der Sterblichen gefunden hat...

Prolog

Fahles Mondlicht fiel auf das graue Gemäuer des uralten und halb verwitterten Herrenhauses. Ein leichter Wind strich über das hohe Gras und die verwilderten Sträucher im Garten. Für Augenblicke hoben sich dunkle Schwingen pechschwarz gegen das Mondlicht ab.

Schwingen, die an die lederigen Flügel einer Fledermaus erinnerten.

Aber das Wesen, das im nächsten Moment im hohen Gras landete, war sehr viel größer.

Ein geflügelter Affe kauerte zwischen Sträuchern und bleckte die raubtierhaften Zähne.

In pechschwarzen Augen spiegelten sich der Mond, die Sterne...

...und der Tod.

1

Pierre de Bressac wurde bleich. Er starrte auf den Bildschirm seines Computers und musste unwillkürlich schlucken. Kolonnen von fremdartig wirkenden Schriftzeichen waren dort zu sehen. Ich bin verloren!, durchzuckte es de Bressac. Es gibt nichts, was mich jetzt noch schützen könnte...

Es war zu spät.

De Bressac wusste es.

Mein Tod ist nur noch eine Frage der Zeit!, ging es ihm schaudernd durch den Kopf, während ein heftiger Windstoß dafür sorgte, dass sich das bis dahin nur angelehnte Fenster zur Gänze öffnete. Der Wind fegte die Stapel von Papieren und Computerausdrucken durcheinander, die überall in de Bressacs Arbeitszimmer herumlagen. Ein Stapel Bücher, die über und über mit Lesezeichen gespickt waren, stürzte geräuschvoll um.

Ein stöhnender Laut war daraufhin zu hören, und ein pechschwarzer Kater sprang davon.

„Schon gut, Cesar“, sagte de Bressac laut. „Das war der Wind, mein Kätzchen... nur der Wind...“

Wie gerne hätte er selbst das glauben wollen!

Aber de Bressac wusste nur zu gut um die schreckliche Wahrheit. Die Mächte, mit denen er sich eingelassen hatte, waren zu stark, zu furchtbar, zu grausam....

Aber jetzt konnte er nicht mehr zurück.

Für mich gibt es nur noch den Weg der Verdammnis, ging es ihm durch den Kopf.

Pierre de Bressac ging zum Fenster, um es zu schließen. Der Wind, der mit erneut zunehmender Heftigkeit von draußen hereinblies, war von einer so durchdringenden Kälte, dass de Bressac unwillkürlich fröstelte.

Aber nicht diese Kälte war es, die ihn im nächsten Augenblick bis ins Mark erschauern ließ, sondern eine Bewegung im hohen Gras.

Da war etwas...

Für einen kurzen Moment sah er glühend rot leuchtende Punkte in der Dunkelheit.

De Bressac brauchte eine volle Sekunde, um zu begreifen, dass es Augen waren.

Dämonisch wirkende Augen, so hell wie glühende Kohlen. Ein tierischer, fauchender Laut mischte sich in das Aufheulen des Windes.

Sie sind da!, durchzuckte es de Bressac. Die Lemuren der verlorenen Stadt Sarangkôr... Sie sind gekommen, um mich zu vernichten.

Als de Bressac das Fenster schloss, verfinsterte sich auf einmal der fahle Mond. Zuerst Dutzende, dann Hunderte von geflügelten Wesen hoben sich als dunkle Schatten gegen das leuchtende Oval ab. Ungezählte weitere geflügelte Schatten ließen sich nur in den Schattenzonen daneben erahnen.

„Nein“, flüsterte de Bressac und wich unwillkürlich ein Stück zurück.

Der schwarze Kater verzog sich jaulend unter einen über und über mit staubigen Büchern bedeckten Plüschsessel. Das Tier schien die Gefahr instinktiv zu spüren, die von den nun massenhaft das alte Herrenhaus belagernden geflügelten Affen ausging.

Tierhafte Schreie drangen von draußen herein. Krächzende und fauchende Laute, die jedem Zuhörer das Blut in den Adern gefrieren lassen konnten.

Etwas flog auf das Fenster zu. Der Schlag lederiger Schwingen war kurz zu hören, dann prallte der Körper eines Lemuren gegen das Fenster.

Das Wesen war etwa so groß wie ein Schäferhund. Mit seinen siebenfingrigen, mit Krallen bewehrten Händen hielt es sich am Fensterrahmen fest. Die Krallen schnitten in den Kitt der Scheiben und in das weiche Holz des Rahmens.

Das mit grauenerregenden Raubtierzähnen ausgestattete Maul wurde aufgerissen und stieß einen furchtbaren Schrei aus.

Mit dem sehr kräftigen Schwanz schlug der geflügelte Affe gegen das Glas.

So heftig, dass es splitterte.

Wind toste herein. Mit ein paar weiteren Schwanzschlägen war die Scheibe so weit zerschlagen, dass das albtraumhafte Wesen ins Innere zu gelangen vermochte.

Es machte einen Satz und landete mit einer geradezu katzenhaften Geschmeidigkeit auf dem Boden.

Pierre de Bressac erwachte aus der Erstarrung, die ihn bis dahin befallen hatte. Er lief zu seinem Schreibtisch, riss eine Schublade auf und holte einen Revolver hervor. Es handelte sich um eine kurzläufige Waffe der Firma Smith & Wesson vom Kaliber .38. Pierre de Bressac besaß sie seit Jahren zur Selbstverteidigung, hatte allerdings keine besonders große Übung in der Handhabung.

Immerhin wusste er, dass sie geladen war.

Er nahm die Waffe mit beiden Händen und richtete sie auf den geflügelten Affen.

De Bressac schoss!

Aber die Kugel ging daneben.

Das Projektil kratzte in den Parkettboden und ließ Holzstücke heraussplittern.

Dort, wo gerade noch das dämonische Wesen gelauert hatte, war nichts mehr. Der geflügelte Affe hatte blitzschnell einen Sprung vollführt. Jetzt kroch er unter dem Sessel hervor, unter den sich kurz zuvor der Kater geflüchtet hatte.

Doch Cesars Schicksal war nun besiegelt.

Rot tropfte es aus dem Maul des lemurenhaften Wesens.

Blutdurchtränkte Stücke des Katzenfells hatten sich in den Krallen der prankenartigen Hände verfangen.

Das Wesen fauchte de Bressac angriffslustig entgegen. Das dämonische Leuchten seiner Augen wurde noch intensiver.

Ein zweiter geflügelter Affe landete am Fenster, krallte sich am Rahmen fest und sprang ins Innere des Hauses.

De Bressac feuerte.

Die Kugel traf den Neuankömmling mitten in den Körper. Dabei war die Wucht des Geschosses so groß, dass das Wesen einmal um die eigene Achse geschleudert wurde. Es jaulte auf wie ein verwundeter Wolf.

Das Wesen landete auf dem Rücken, rollte sich herum und stand im nächsten Moment wieder auf seinen vier jeweils mit siebenfingrigen Krallenhänden ausgestatteten Extremitäten.

Die Wunde am Bauch war für einen kurzen Moment zu sehen. Blut tropfte aus ihr heraus und auf den Boden. Der Teppich sog es förmlich auf.

Es ist grünes Blut!, erkannte Pierre de Bressac schaudernd.

Aber war das nicht auch zu erwarten gewesen? Pierre de Bressac hatte nahezu alles zusammengetragen, was es an verfügbarem Wissen über die so genannten Lemuren der verlorenen Stadt Sarangkôr zu wissen gab.

Das Wesen näherte sich ihm, hob dabei den Schwanz, an dessen Ende sich eine Verdickung befand, aus der jetzt ein gutes Dutzend Stacheln wuchsen. Das Ganze ähnelte einem mittelalterlichen Morgenstern.

Der Kopf war geduckt.

Das dämonische Leuchten in den Augen wurde abwechselnd stärker und schwächer.

Es pulsierte.

Der andere Lemure näherte sich ebenfalls auf diese Weise.

Am Fenster erschienen kurz nacheinander ein drittes und ein viertes geflügeltes Wesen dieser Art. Sie sprangen ins Innere des Arbeitszimmers.

Schweiß perlte auf Pierre de Bressacs Stirn.

Er feuerte immer und immer wieder auf die angreifenden Wesen, obwohl er wusste, dass deren Wunden sich nach wenigen Augenblicken wieder schließen würden. Es war einfach ein Akt purer Verzweiflung.

Der letzte Schuss krachte aus dem 38er Smith & Wesson.

Dann machte es klick.

Die Revolvertrommel war leergeschossen, während sich mehrere der geflügelten Affen sich jaulend am Boden wanden.

Doch nun gab es nichts mehr, was diese Monstren auch nur einen einzigen weiteren Augenblick aufzuhalten vermochte.

Mit gefletschten Zähnen sprang die erste dieser Dämonenkreaturen auf de Bressac zu. Dieser hob schützend die Hände. Die Wucht, mit der ihn der geflügelte Affe angesprungen hatte, riss de Bressac zu Boden. Er schrie und schlug um sich. Die Reißzähne des Lemuren schlugen in seinen Hals. Das Blut spritzte auf. Wie eine Meute hungriger Wölfe stürzten sich auch die anderen Lemuren auf den bereits schrecklich entstellten Körper Pierre de Bressacs.

2

Doktor Luc Morell war einer der berühmtesten Parapsychologen überhaupt. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeiten, so fundiert sie auch waren, wurde er von anderen Wissenschaftlern und von den Medien auch spöttisch „Doktor Mystery“ genannt, doch daran hatte sich Luc Morell längst gewöhnt. Es ärgerte ihn nicht mehr, im Gegenteil, er sah es inzwischen sogar als Auszeichnung.

Denn die Kollegen aus anderen Fachbereichen und die Presse konnten nicht ahnen, wie sehr das Mystische und Unfassbare mittlerweile das Leben von „Doktor Mystery“ beherrschte. Schon seit Jahren beschäftigte er sich nicht nur theoretisch und in der Forschung mit dem Übernatürlichen, sondern war immer wieder mit der Dämonenwelt aneinandergeraten, hatte gegen Geister und schwarzmagische Kreaturen gekämpft und sich dabei sogar mit der Hölle angelegt.

Seine stärkste Waffe dabei war der „Silberstern“, ein magisches Amulett, das von dem Zauberer Merlin geschaffen worden war. Luc hatte es einst in den Verliesen von Chateâu Lamatime gefunden, jene Mischung aus Schloss und Trutzburg in Südfrankreich, die er von einem Vorfahren geerbt hatte, der sich einst der Schwarzen Magie verschreiben hatte.

Doktor Mystery saß in seinem im Nordturm eben jenes Chateâus gelegenen Arbeitszimmer und starrte angestrengt auf den Schirm seines Computers. Dort waren Ablichtungen von uralten Inschriften aus der Hoch-Zeit des versunkenen Khmer-Reiches zu sehen, das vor gut einem Jahrtausend Südostasien beherrscht hatte. Ausgehend von der Hauptstadt Angkor hatte sich eine der erstaunlichsten und rätselhaftesten Hochkulturen entfaltet, die die Welt je gesehen hatte.

Ihre halb vom Dschungel überwucherten Steinmonumente hatten die Zeitalter überdauert und lockten seit ihrer Wiederentdeckung im neunzehnten Jahrhundert Legionen von Forschern und Touristen in den Dschungel Kambodschas.

Luc Morells momentanes Interesse an den Inschriften und Legenden der alten Khmer hatte einen handfesten Grund und entsprang keineswegs nur einem allgemeinen Interesse an alten Kulturen. Schon seit einiger Zeit waren ihm Meldungen über ausgesprochen grausige Todesfälle aufgefallen. Die Opfer waren regelrecht zerfleischt worden, sodass die Polizei den Verdacht aufgeworfen hatte, dass nicht Menschen als die eigentlichen Täter in Frage kamen, sondern Tiere.

Abgerichtete Kampfhunde, so hatte der erste Verdacht geheißen. Aber das hatte sich mit der sonstigen Spurenlage wohl nicht so recht in Einklang bringen lassen.

Doktor Luc Morell hatte von Anfang an den Verdacht gehabt, es mit dem Einfluss dämonischer Kräfte zu tun zu haben, ohne dafür letztlich einen handfesten Beweis zu bekommen.

Auffällig war von Anfang an gewesen, dass sämtliche Opfer dieser grausigen Mordserie ehemalige Teilnehmer an einer archäologischen Expedition in den Dschungel Kambodschas gewesen waren, die der verlorenen Stadt Sarangkôr gegolten hatte. Düstere Legenden rankten sich um diesen Ort, dessen Ruinen angeblich noch irgendwo in den unwegsamen Wäldern Kambodschas zu finden waren. Ein Mythos, der von den meisten Archäologen nicht sonderlich ernst genommen wurde.

Jetzt war Professor Dr. Dr. Pierre de Bressac, der Leiter der letzten Expedition, die sich auf die Suche nach Sarangkôr gemacht hatte, in seinem Herrenhaus in der Camargue eines ebenso grausamen Todes gestorben wie zuvor schon einige jener Männer und Frauen, die ihn anderthalb Jahre zuvor in die Tiefe des kambodschanischen Dschungels begleitet hatten.

Seinem untrüglichen Instinkt folgend hatte sich Luc Morell daran gemacht, sämtliches über das Internet verfügbare Material zu den Forschungen Pierre de Bressacs zu sichten, denn er war überzeugt davon, dass der Tod des Wissenschaftlers in irgendeiner Form damit in Zusammenhang stehen musste.

Dabei war er auf einige interessante Zusammenhänge gestoßen. So hatte de Bressac eine Monografie von Inschriften veröffentlicht. Sie stammten von Reliefs bisher unbekannter Ruinen, die nördlich der berühmten Ruinenstädte von Angkor Wat und Angkor Thom gefunden worden waren.

Der Sinn dieser Inschriften war nach wie vor nicht zur Gänze erschlossen, auch wenn de Bressac ein erstklassiger Kenner der Khmer-Sprache sowohl in ihrer modernen als auch in ihrer klassischen Form war.

Es ging um die Legende von der verlorenen Stadt Sarangkôr, die unter die Herrschaft von Heng Son geriet, dem dunklen Bruder des Affengottes Hanuman.

Für Luc Morell war dabei ein Umstand von besonderem Interesse.

Einige der Schriftzeichen, die offenbar schon de Bressac einiges an Kopfzerbrechen bereitet hatten und bei denen es dem Wissenschaftler letztlich nicht gelungen war, sie hinreichend zu interpretieren, entsprachen jenen Hieroglyphen, die auf Luc Morells handtellergroßem Amulett zu finden waren. Einst hatte es der Magier Merlin es aus der Energie eines Sterns geschaffen. Jetzt benutzte es Doktor Luc Morell in seinem Kampf gegen die Mächte des Bösen.

Dass der „Silberstern“ hin und wieder etwas eigenwillig reagierte und sich Doktor Morell insbesondere in letzter Zeit wiederholt nicht auf dieses magische Werkzeug hatte verlassen können, stand auf einem anderen Blatt. Dennoch blieb der Silberstern Luc Morells wichtigste Waffe, das bedeutendste Artefakt, das er gegen schwarzmagische Bedrohungen aus der Welt des Übersinnlichen einsetzen konnte.

Die volle Funktionsweise war ihm trotz intensiver Studien nach wie vor nicht wirklich klar. Er kannte nur einen Bruchteil der Funktionen, die durch ein Verschieben der Hieroglyphen ausgelöst werden konnten. Und manchmal wurde das Amulett aus unerfindlichen und nicht immer nachvollziehbaren Gründen auch ganz von selbst aktiv...

Und nun das...

Hieroglyphen vom Silberstern in einer Inschrift, die ein unter mysteriösen Umständen verstorbener Wissenschaftler in einer bisher unbekannten Ruine im kambodschanischen Dschungel abfotografiert hatte.

„Seit drei Tagen scheint dich nichts anderes mehr zu interessieren als der Tod dieses Pierre de Bressac“, erklang eine helle weibliche Stimme. Sie gehörte Luc Morells Lebensgefährtin und Assistentin Monique Dumas. Luc Morell war dermaßen in seine Arbeit vertieft gewesen, dass er gar nicht mitbekommen hatte, wie die junge Französin den Raum betreten hatte.

Luc Morell deutete auf den Schirm. „Schau dir das an“, verlangte er. „Ich habe eine Formanalyse mithilfe des Computers durchgeführt. Bei drei der Zeichen liegt die Übereinstimmung zu den Hieroglyphen meines Amuletts bei hundert Prozent, bei zwei weiteren Zeichen besteht eine Kongruenz von zumindest siebzig bis achtzig Prozent, was auch kein Zufall sein kann.“

Monique atmete tief durch und lehnte sich gegen Luc Morells Schulter. „Was ist das für eine Sprache, in der dieser Text verfasst ist, in den die Hieroglyphen eingestreut wurden?“, fragte sie.

„Das ist Khmer“, antwortete Luc Morell.

„Du kannst Khmer lesen?“, wunderte sich Monique.

„Wie du weißt, beherrsche ich so gut wie alle relevanten Sprachen.“

Monique hob die Augenbrauen. „Kein Mensch würde behaupten, dass Khmer eine relevante Sprache wäre... Die meisten Menschen wüssten noch nicht einmal, in welchem Land sie gesprochen wird, wenn man sie danach fragen würde.“

Luc Morell lächelte nachsichtig. „Mag ja sein, dass Khmer keine relevante Sprache mehr ist ‒ aber sie war es in der Vergangenheit sehr wohl. Auch wenn diese Zeit außerhalb Kambodschas und einer kleinen Schar von Gelehrten, die sich mit dem alten Khmer-Reich befassen, nahezu vollkommen in Vergessenheit geraten ist...“ Luc Morell atmete tief durch. Er lehnte sich zurück und blickte Monique ernst an. „Chèrie, wir werden uns wohl schon sehr bald auf den Weg machen müssen.“

Sie runzelte verständnislos die Stirn. „Auf den Weg? Wohin denn?“, fragte die junge Französin verständnislos.

„Diese alten Texte sind bruchstückhaft, und es scheint so, dass die Zeichen, die denen meines Amulettes entsprechen, wichtige Begriffe des Originals quasi verdecken. Daher kann ich bislang nur bruchstückhaft den Sinn erfassen. Aber so viel ist klar: Es geht um eine große Gefahr, die durch Heng Son, den Bruder Hanumans ausgeht.“

„Ich verstehe überhaupt nichts“, bekannte Monique.

„Vielleicht macht es dir das hier etwas deutlicher“, entgegnete Luc Morell, während seine Finger über die Tastatur seines Rechners rasten.

Wenig später erschien auf dem Bildschirm ein Zeitungsbericht vom vorletzten Tag. Monique überflog rasch die wenigen Zeilen dieser Meldung. Ein Pferdehändler in der Camargue, dessen Hof sich in der Nähe der Ortschaft Aiges-Mortes befinden sollte, hatte behauptet, des Nachts Wesen gesehen zu haben, die geflügelten Affen geglichen hatten. Diese Wesen seien auf das ganz in der Nähe befindliche Herrenhaus von Pierre de Bressac zugeflogen und hätten sich dort gesammelt ‒ und zwar genau in jener Nacht, in der de Bressac eines äußerst mysteriösen Todes gestorben war. Der Pferdehändler hatte dies als sachdienlichen Hinweis zur Aufklärung eines Verbrechens gemeldet, der von offizieller Seite jedoch nicht sonderlich ernst genommen worden war. Jetzt wurde der Mann auf seinen Geisteszustand hin untersucht.

„Verstehst du nun, was ich meine?“, fragte Luc Morell.

„Vielleicht beginne ich gerade zu verstehen, worauf du hinaus willst“, gab sie zurück.

Luc Morell meinte: „Dann zieh dich jetzt an, wir fahren in die Camargue.“

„Jetzt ‒ sofort?“

„Natürlich ‒ oder sollen wir erst warten, bis uns die Polizei mit ihrem Erkennungsdienst sämtliche Spuren ruiniert hat?“

3

Etwa eine halbe Stunde später verließen Luc Morell und Monique Chateâu Lamatime. Sie benutzten dazu Luc Morells BMW. Nur das Nötigste hatte der Butler für den Trip in den Süden Frankreichs zusammengepackt.

Luc Morells Ankündigung nach handelte es sich ohnehin nur um einen Kurztrip ‒ auch wenn sich „Doktor Mystery“ in dieser Hinsicht schon des Öfteren vertan hatte. Als sie das Chateâu hinter sich gelassen hatten, eröffnete Luc seiner Freundin, was er inzwischen herausbekommen hatte.

„Hanuman, der allseits geachtete Gott der Affen, hatte einer Legende nach einen dunklen Bruder namens Heng Son. Heng Son neidete seinem Bruder die Beliebtheit bei den Sterblichen, so berichtet die Überlieferung, auf die de Bressac gestoßen ist. Aus diesem Grund beschwor Heng Son lemurenhafte Affendämonen mit lederigen Schwingen und hungrigen Raubtiermäulern.“

„Dann muss er sich zuvor eingehend mit schwarzer Magie befasst haben“, schloss Monique messerscharf.

„Durchaus möglich“, gestand Luc Morell zu.

„Was geschah dann?“

„Der Legende nach verbündeten sich die anderen Götter gegen Heng Son und verbannten ihn in den Tempel von Sarangkôr, den er sich selbst von den Sterblichen hatte erbauen lassen. Bei den alten Khmer war Stein ein Baumaterial, das den Göttern vorbehalten war, und so gibt es heute nur noch die Ruinen von Tempeln und den Palästen der Gottkönige, während von den Behausungen der einfachen Leute nichts geblieben ist. Wir wissen also nicht, wie groß diese alten Khmer-Städte wirklich waren, da wir nur noch den Kern haben. Aber der Legende nach stellte Sarangkôr die Hauptstadt Angkor weit in den Schatten. In nur einem Jahr hatte Heng Son sie unter Zuhilfenahme magischer Mittel mitten in den Dschungel hineingebaut und einen künstlichen See dazu angelegt, der den quadratischen, ebenfalls künstlich angelegten See von Angkor Thom wie einen kleinen Tümpel aussehen ließ.“ Luc Morell atmete tief durch und lenkte seinen BMW um eine enge Kurve, in der ihm ein Lieferwagen entgegenkam. Nur Millimeter trennten beide Fahrzeuge im Augenblick ihrer größten Annäherung.

Aber Luc Morell blieb vollkommen ruhig.

Er kommentierte die riskante Fahrweise des anderen Fahrers nicht einmal durch eine bissige Bemerkung, sondern fuhr mit seiner Erzählung fort.

„Die anderen Götter verbannten Heng Son in seiner eigenen Stadt und sorgten mit einem gewaltigen Zauber dafür, dass Sarangkôr – mitsamt seinem Herrn, in eine andere Welt versetzt wurde. So wurde aus Sarangkôr die verlorene Stadt, aus seiner Umgebung das verlorene Land... Die Legende, die Pierre de Bressac offenbar in einer bislang unbekannten Ruine im Inneren des kambodschanischen Dschungels entdeckte, enthält noch eine Prophezeiung.“

„Wie lautet sie?“

„Dass die Welt unter die Herrschaft Heng Sons fallen wird, wenn sich je wieder geflügelte Affen auf der Erde zeigen sollten. Ein Zeitalter des Bösen würde dann die Folge sein, der Herr des Schreckens würde über die Erde ziehen und seinen unheimlichen Hunger nach Blut und Seelen befriedigen...“

„Klingt fast so, als könnte man da nicht mehr viel machen, sobald diese lemurenartigen Wesen aufgetaucht sind“, stellte Monique fest.

„Es gibt immer eine Möglichkeit“, widersprach Luc Morell. „Wenn ich in meinem bisherigen Kampf gegen die Mächte der Finsternis eines gelernt habe, dann ist es dies: Man darf niemals aufgeben.“

Monique strich sich eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht und schwieg einige Augenblicke.

„Hast du eigentlich schon Kontakt mit der Polizei aufgenommen?“, fragte sie schließlich. „Ich meine, mit der Mordkommission, die doch sicher eingerichtet worden sein wird, um den Tod de Bressacs zu untersuchen.“

Luc Morell schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, habe ich nicht.“

„Aber...“

„Ich bin mir auch nicht sicher, ob das in diesem Fall überhaupt notwendig sein wird... Im Zweifelsfall verlasse ich mich ohnehin lieber auf meine eigenen Ermittlungsmethoden.“

4

Es war später Nachmittag, als Luc Morell und Monique das Herrenhaus von Pierre de Bressac in der Nähe von Aiges-Mortes erreichten.

Das Anwesen erhob sich auf einem Hügel und wurde von einer völlig verwilderten Parklandschaft umgeben.

Es war nur noch in Ansätzen die ursprüngliche Anlage dieses Gartens erkennbar. Offensichtlich war dieses Anwesen und das dazugehörige Land seit Jahren sträflich vernachlässigt worden.

Flatterband grenzte das eigentliche Herrenhaus mit einem Abstand von gut fünfzig Metern ab.

Einen Polizist, der offenbar abkommandiert worden war, um den Tatort im Auge zu behalten, versetzte Luc Morell mittels seiner Hypnosefähigkeiten kurzerhand in Tiefschlaf. Der Uniformierte sank in das hohe Gras und verschwand beinahe darin.

Die Tür am Portal war versiegelt und verschlossen. Zuerst dachte Luc Morell daran, keine Rücksicht auf eventuelle Empfindlichkeiten der Polizei und der Justiz zu nehmen und die Tür trotz Siegel einfach aufzubrechen. Aber Monique fand einen Hintereingang, der überhaupt nicht verschlossen war – geschweige denn versiegelt.

Bevor sie eintraten, zögerte Luc Morell. Sein Blick blieb an einer bestimmten Stelle im hohen Gras hängen.

„Was ist los, Chèri?“, fragte Monique.

„Ich kann die Magie spüren“, erwiderte Doktor Mystery. Ja, es konnte für ihn keinen Zweifel geben. Hier, an diesem Ort, war zweifellos Magie verwendet worden. Schwarze Magie.

Hatte er zuvor vielleicht noch Zweifel gehegt, ob er im Haus von Pierre de Bressac an der richtigen Adresse war, um mit seinen Nachforschungen zu beginnen, so war diese Frage spätestens jetzt entschieden.

Sie betraten das uralte Herrenhaus.

Luc Morell hatte sich zuvor etwas über das Leben de Bressacs informiert.

Er hatte sich stets nichts anderem als seinen Studien widmen können. Auf einen Lehrstuhl oder eine Anstellung bei einem wissenschaftlichen Institut war er dabei nicht angewiesen gewesen.

De Bressac war der einzige Erbe einer reichen Familie gewesen, die über eine Reihe von Landgütern verfügte, die über ganz Südfrankreich verteilt waren. Pierre de Bressac hatte einen Großteil dieses Vermögens in seine kostspieligen Expeditionen hineingesteckt.

Kaum ein Fachkollege hatte zum Schluss seine Thesen noch ernst genommen, die die Grenzbereiche zum Okkultismus nicht nur streiften, sondern bisweilen ziemlich eindeutig überschritten.

Und jetzt war er tot. Wahrscheinlich zerrissen von dämonenhaften Kreaturen, für deren Erscheinung vermutlich niemand anderes als er selbst die Verantwortung trug.

Luc Morell und Monique Dumas gingen die langen, hohen Korridore des Herrenhauses entlang. Die teils bereits rissig gewordenen Wände wurden einerseits von großformatigen Gemälden beherrscht, die entweder mehr oder minder berühmte Vorfahren de Bressacs abbildeten, während ein anderer Schwerpunkt auf Kultgegenständen aus dem alten Kambodscha lag. Großformatige Abbildungen von Steinreliefs aus den Tempelruinen von Angkor Wat und Angkor Thom hatte de Bressac auf das Format DIN A 1 vergrößern lassen. Tierhafte Göttergesichter wechselten in diesen Reliefs mit den Darstellungen graziler Tempeltänzerinnen ab.

Hin und wieder hingen auch kleinere Kultgegenstände aus Ton oder Holz an der Wand.

Einige dieser Artefakte waren zu Boden gerissen worden. Luc Morell blieb stehen und deutete auf Kratzspuren an den Wänden.

Namenlose Wut schien die dämonischen Wesen getrieben zu haben, als sie durch die Korridore des Herrenhauses gestürmt waren.

Luc und Monique erreichten die Eingangshalle. Sie war weitaus schwerer verwüstet als die Korridore, durch die Doktor Morell und seine Lebensgefährtin bis jetzt gekommen waren.

Hier waren sämtliche Bilder und sonstiger Wandbehang, darunter auch ein kostbarer persischer Gobelin, zu Boden gerissen und teilweise zerfetzt worden. Die Wände waren bis auf eine Höhe von fast drei Metern mit Kratzspuren übersät.

„Es müssen Hunderte dieser geflügelten Affen gewesen sein, die sich hier ausgetobt haben“, sagte Monique laut. Der helle Klang ihrer Stimme hallte in dem hohen Gemäuer wieder.

Morell deutete mit der Hand auf einige dieser Spuren. „Siehst du die unterschiedliche Größe dieser Spuren? Die Wesen, die dieses Haus heimsuchten, sind offenbar ebenfalls von sehr unterschiedlicher Größe.“

Sie gingen die Wendeltreppe hinauf, die in das obere Stockwerk führte.

Nachdem sie mehrere weitere, völlig verwüstete Räume kurz durchstöbert hatten, gelangten sie in de Bressacs Arbeitszimmer.

Auch hier herrschte das pure Chaos.

Markierungen zeigten an, wo die sterblichen Überreste des Wissenschaftlers gefunden worden waren. Die Stellen waren nummeriert und über die gesamte Fläche des Arbeitszimmers verstreut.

Allein der Gedanke an das Grauen, das sich hier zugetragen haben musste, konnte einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.

„Ich sehe nirgends einen Computer oder dergleichen“, stellte Monique etwas verwundert fest.

Luc Morell deutete auf einen Abdruck in der Staubschicht, die sich dem Schreibtisch im Laufe der Zeit gebildet hatte. Er entsprach genau den Ausmaßen eines handelsüblichen Rechners. „De Bressacs Computer scheint entfernt worden sein. Fragt sich nur, ob die Polizei das zu verantworten hat...“

„Oder wer sonst?“, unterbrach ihn Monique. „Du denkst doch nicht etwa an diese Lemuren...“

„Spricht irgendetwas dagegen?“, fragte Luc Morell zurück. „Wir wissen weder, mit welchem genauen Auftrag sie hierher kamen, noch ob es sich um unzivilisierte Bestien oder hoch intelligente Killer handelt.“

Vielleicht auch eine Mischung aus beidem, überlegte Luc Morell.

Der Bildschirm fand sich wenig später. Er war zusammen mit der Tastatur achtlos in eine Ecke geworfen worden.

Ähnlich wie in den anderen Räumen des Obergeschosses waren die Wände mit Kratzspuren nur so übersät. Zahllose, teils sicher sehr wertvolle Bücher waren aus ihren Regalen gerissen und so mancher Einband regelrecht zerfetzt worden. Luc Morell fiel ein Teppich auf, der ein paar dunkelgrüne Flecken aufwies.

Grün ‒ das war der Überlieferung nach das Blut jener Kreaturen der Nacht, die der dunkle Bruder des Affengottes um sich gescharrt hatte.

Luc berührte unwillkürlich das handtellergroße Amulett, das er um den Hals trug.

Der Silberstern schlug an.

Er erwärmte sich leicht.

Die magische Kraft dieser Lemuren ist noch anwesend, erkannte Luc Morell. Das war kein Wunder. Schließlich hatten sie etwas sehr Wesentliches zurückgelassen.

Ihr Blut...

„Sehen wir uns noch ein bisschen um“, schlug Monique vor. „Irgendetwas Brauchbares, das uns vielleicht sich noch etwas weiter bringt, müssten wir doch endlich in diesem Gemäuer noch auftreiben können...“

„Leider sind wir wohl ‒ nach den Lemuren Heng Sons und der Polizei ‒ die Letzten in der Reihe, die hier herumstöbern“, erwiderte Luc Morell ziemlich resigniert.

Ein Geräusch ließ ihn und Monique jäh zusammenzucken. Draußen, auf dem Korridor, hatte es geknarrt. Natürlich kam es in einem derart alten Haus immer wieder vor, dass sich Fußbodenbretter verzogen und dadurch unerklärliche, beinahe geisterhafte Laute entstanden, die manchmal einem menschlichen Aufstöhnen oder Seufzen ähnelten.

Aber daran glaubte Luc Morell in diesem Augenblick nicht.

Er zog den Blaster unter seiner Jacke hervor, wo er diese ausgesprochen wirkungsvolle und auch gegen Dämonen und dämonenähnliche Wesen einsetzbare Waffe verborgen trug. Sie haftete dort an einer Magnetplatte, die am Gürtel seiner Hose befestigt war.

Die Wirkung des Blasters ließ sich regulieren. Normalerweise hatten die mit dieser Pistole abgefeuerten Strahlen eine verheerende und in der Regel auch für jedes gewöhnliche Lebewesen tödliche Wirkung. Aber der Blaster ließ sich auch auf Betäubung umschalten.

Luc Morell legte den Finger auf seinen Mund, während draußen vom Korridor her eindeutig Schritte zu hören waren.

Luc und Monique postierten sich links und rechts der ins Schloss gefallenen Tür.

Knarrend öffnete sie sich.

Eine junge Frau trat ein. Das brünette Haar fiel ihr lang und offen über die Schultern.

In der Rechten hielt sie einen kurzläufigen, sehr zierlich wirkenden Revolver. Luc Morell schätzte, dass es sich um eine Waffe vom Kaliber .22 handelte.

Die junge Frau wirbelte herum.

Mit einer entschlossenen Bewegung schlug Monique ihr auf das Handgelenk, sodass sie die Waffe fallen ließ.

„Ganz ruhig“, sagte Luc Morell. „Sie haben nichts zu befürchten.“

Die junge Frau blickte von Monique zu Luc, der seinen Blaster wieder wegsteckte ‒ eine Waffe, die für die junge Frau wie aus einer anderen Welt wirken musste.

„Wer sind Sie?“, fragte Luc.

Die junge Frau verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Dasselbe könnte ich Sie mit sehr viel mehr Recht fragen!“, erwiderte sie.

„Ich bin Doktor Luc Morell, und das ist meine Partnerin Monique Dumas. Wir versuchen Licht in das Dunkel um Monsieur de Bressacs Tod zu bringen.“

Die junge Frau hob die Augenbrauen.

„Dann sind Sie von der Polizei?“ Sie machte einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände. „Nein, das kann nicht sein!“ Sie schüttelte entschieden den Kopf. „Der Beamte, der zur Bewachung des Anwesens abgestellt wurde, hätte mich dann für kein Geld der Welt hierher gelassen.“

„Sie haben ihn bestochen?“, fragte Luc Morell.

„Ja ‒ aber was Sie mit ihm gemacht haben, um ihn auszuschalten, wage ich mir gar nicht vorzustellen!“

Luc Morell lächelte mild. „Ich glaube, Sie schätzen uns wirklich vollkommen falsch ein. Pierre de Bressac beschäftigte sich mit höchst eigenartigen Studien. Was er betrieb, dürfte nicht nur einfach mit der Archäologie des alten Khmer-Reichs zu tun gehabt haben.“

„Sondern?“

„Sein wahres Interesse galt der Erforschung gewisser übernatürlicher Mächte, die ihm wohl letztlich auch zum Verhängnis wurden.“

„Was reden Sie da nur für einen Unfug zusammen!“, erwiderte die junge Frau und strich sich dabei eine Strähne aus ihrem Gesicht.

„Jedenfalls wird die Polizei kaum in der Lage sein, die Hintergründe von Pierre de Bressacs Tod aufzuklären“, mischte sich Monique Dumaas in das Gespräch ein.

Die junge Frau atmete tief durch. „Was wissen Sie darüber?“

„Bevor wir dazu auch nur eine Silbe sagen, möchten wir schon ganz gerne wissen, mit wem wir es zu tun haben“, erwiderte Monique kühl.

Die junge Frau zögerte noch einen Moment. Ihre Züge machten einen nachdenklichen Eindruck.

Sie schien noch abzuwägen, in wieweit sie Luc Morell und seiner Begleiterin vertrauen könnte. Schließlich überwand sie aber ihre Zweifel und begann zu sprechen.

„Mein Name ist Valerie Cordonnier ‒ und obgleich ich nicht denselben Namen trage, war ich doch die Tochter von Pierre de Bressac. Seine einzige lebende Verwandte und damit Erbin seines gesamten Nachlasses, wenn Sie verstehen, was ich meine...“

„Sicher verstehe ich das“, gab Luc Morell zurück.

„Um es auf den Punkt zu bringen, ich bin Monsieur de Bressacs Alleinerbin. Ich befinde mich also gewissermaßen auf meinem Besitz ‒ auch wenn diese Bürokraten von der Justiz mir den Zugang zu meinem rechtmäßig Eigentum bislang einfach nicht gewähren wollten.“

Luc Morell hörte Valerie schon gar nicht mehr zu. Seine Aufmerksamkeit galt etwas anderem. Das Gefühl der Anwesenheit einer schwarzmagischen Kraft war innerhalb der letzten Minuten beständig stärker geworden, und jetzt begriff Luc Morell auch, was die Quelle dieser Kraft war.

Das dunkelgrüne, getrocknete Lemurenblut auf dem Teppich!

Die Flecken gewannen plötzlich auf unheimliche Weise an Substanz. Sie wuchsen innerhalb von Sekunden zu grünlich schimmernden, unförmigen Klumpen heran, in deren Mitte sich Paare von wie rot glühend leuchtenden Augen bildeten. Arme, Beine, siebenfingrige Hände und lederhäutige Schwingen formten sich. Aus den knöchernen Verdickungen an den Schwanzenden wuchsen dolchartige Stacheln.

Drohende Knurrlaute gingen von diesen Wesen aus.

In de Bressacs Arbeitszimmer gab es Dutzende von kleinen Flecken mit grünem Lemurenblut. Offenbar hatte sich der Wissenschaftler nach Kräften gewehrt, bevor ihn diese Kreaturen der Finsternis schließlich zerrissen hatten.

Aus jedem dieser Flecken wuchs nun ein geflügelter Affe hervor. Manche von ihnen waren winzig. Kaum größer als eine Hand oder ein Finger. Ihre Größe schien von der jeweils zur Verfügung stehenden Menge an Lemurenblut abhängig zu sein.

Ein gutes Dutzend dieser Nachtkreaturen setzten im selben Moment zum Angriff an und sprangen mit weit geöffneten Mäulern und ausgestreckten Krallenhänden auf Luc Morell, Monique und Valerie zu.

Luc verschob eine der Hieroglyphen auf dem Silberstern.

Das handtellergroße Amulett erhitzte sich. Blitze zuckten daraus hervor und vernichteten eine Schattenkreatur nach der anderen.

Ein sehr kleiner Lemure, kaum größer ein Daumennagel, sprang Valerie an, krabbelte über ihren Arm höher und höher, bis er schließlich ihren Hals erreichte.

Die junge Frau schrie. Sie schlug mit den Händen um sich und schüttelte den winzigen geflügelten Affen von sich. Im hohen Bogen flog er durch die Luft. Einer der aus dem Amulett herausschießenden magischen Blitze erfasste ihn und verdampfte ihn zu Staub.

Luc Morell stellte sich vor Monique und Valerie. Das grünlich schimmernde Schutzfeld, das durch das Amulett jetzt aktiviert wurde, hüllte sie alle drei ein.

Nur wenige Augenblicke dauerte Luc Morells Kampf gegen diese aus Dämonenblut geborenen Kreaturen.

Dann waren sie sämtlich vernichtet. Zwei oder drei von ihnen entkamen durch das nur notdürftig mit Folie verklebte Fenster und gelangten ins Freie.

Die anderen wurden unter dem Beschuss der Blitze, die aus Luc Morells Amulett schossen, zu Staub.

Ein eigenartiger Geruch verbreitete sich in Pierre de Bressacs ehemaligem Arbeitszimmer. Es war eine Mischung aus verbranntem Fleisch und Fäulnis. Der aasige Atem der Hölle selbst, so kam es Luc für einen Moment vor.

„Gehen wir besser“, schlug Monique vor.

Valerie hingegen war unfähig, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Sie würgte und rang nach Luft. Ihr Gesicht war so bleich wie die Wand geworden.

Niemand außer ihr bemerkte die kleine Wunde an der Handinnenfläche ihrer linken Hand, die bei dem Angriff des winzigen Lemuren entstanden war.

„Ich hoffe, mit Ihnen ist alles in Ordnung“, meinte Luc Morell.

„Mit mir ist alles okay“, antwortete Valerie. „Zumindest ist nichts passiert, was der Rede wert gewesen wäre.“

Aber das war ein Irrtum.

5

Ein schwerer Geruch von Fäulnis und Moder hing in dem hohen, von flackernden Fackeln erhellten Saal.

Düstere, in Kutten gehüllte Gestalten hatten sich in einem Halbkreis um einen Thron versammelt. Die Kapuzen diese Kuttenträger waren tief ins Gesicht gezogen, sodass von ihren Gesichtern nichts zu sehen war. Auch der Schein der Flammen konnte die Finsternis darunter nicht erhellen.

Der Thron, um den sich die etwa fünfzig Kuttenträger gruppiert hatten, war aus versteinerten Schädeln errichtet worden. Schädel von Menschen waren ebenso darunter wie tierisch wirkende, durch lange Reißzähne gekennzeichnete Totenköpfe anderer Arten.

Unter anderem zählten dazu die geflügelten, rotäugigen Affen, die sich zu Hunderten und in nahezu jeglicher Größe im Saal befanden. Viele von ihnen kauerten dicht gedrängt in Gruppen beieinander. Den Blick ihrer funkelnden Dämonenaugen hielten sie dabei gesenkt. So als wollten sie es vermeiden, mit jener Kreatur direkten Blickkontakt aufzunehmen, die sich auf dem Knochenthron niedergelassen hatte...

Das Leuchten ihrer wie glühend wirkenden Augen pulsierte sehr viel schneller, als man es beobachten konnte, wenn man sie andernorts antraf.

Manche der kleineren Lemuren, von denen viele nur die Größe menschlicher Hände oder Finger aufwiesen, manche sogar an Insekten erinnerten, flogen und kletterten an der gewölbten Decke dieses unheimlichen Thronsaals herum, von der Primatenschädel jeglicher Art an hauchdünnen, aber sehr haltbaren Fäden herabhingen. Bei dem geringsten Aufkommen von Zugluft geriet dieses groteske Mobile des Grauens in Bewegung. Hin und wieder klammerten sich kleinere Exemplare unter den Lemuren an diese Fäden oder an die daran befestigten Schädel und schwangen damit hin und her. Besonders winzige unter den geflügelten Affen machten sich offenbar einen Spaß daraus, durch die leeren Augen- und Mundhöhlen der Schädel hindurchzufliegen.

Aber auch sie schienen allergrößten Respekt vor jenem Wesen zu haben, das den Thron besetzte und von dem sie wussten, dass es ihr Herr war.

Ein Herr, der absolute Unterwerfung forderte und jeden Hauch von Ungehorsam grausam bestrafte.

Es reichte schon ein leises Knurren, um die in dem eigenartigen Schädel-Mobilé herumturnenden Kleinlemuren augenblicklich zur Räson zu bringen und in eine andächtige Erstarrung zu versetzen, in der sie dann aufmerksam den Anweisungen ihres Herrn und Meisters lauschten.

Eines Herrn und Meisters, den keiner von ihnen je gesehen hatte, obwohl er doch vor ihnen auf dem Schädelthron saß und niemand seine Anwesenheit ernsthaft bestreiten konnte.

Ein Schattenfeld umgab Heng Son, den dunklen Bruder des geliebten Affengottes Hanuman, von dessen Existenz die meisten Sterblichen nichts ahnten. Und diejenigen, die von seiner Existenz wussten, versuchten ihn so schell wie möglich zu vergessen, damit er sie nicht bis in ihre Albträume hinein verfolgte. Denn auch das war Heng Son – der Herr der Albträume.

Der Umriss des Schattenfeldes hatte keine eindeutigen Konturen. Es ging kaum merklich in das Halbdunkel über, das in dem Thronsaal herrschte. Kein Lichtstrahl vermochte es, in dieses Dunkelfeld einzudringen und es zu erhellen.

Viele Geschichten rankten sich um Heng Son. Sowohl unter den Sterblichen als auch unter den Lemuren erzählte man sich, dass sich der dunkle Bruder des Affengottes in den Zeitaltern seiner Herrschaft über das vergessene Land und die vergessene Stadt Sarangkôr sehr stark verändert hätte.

Aber wer hätte dies schon bezeugen können, da ihn seit Jahrhunderten niemand mehr gesehen hatte?

Und Herrschaft war Heng Sons Ansicht nach auch das völlig falsche Wort, um seine gegenwärtige Existenz zu charakterisieren. Ein Herrscher war er nur für seine Untertanen und willigen Knechte, die er mithilfe seiner schwarzmagischen Fähigkeiten und Kräfte in seinen Bann zu ziehen vermochte.

Er selbst sah sich anders.

Ich bin ein Verbannter!, dachte er. Einer, dem man die Wiederkehr auf ewig versagen wollte – aber diese Zeit nähert sich dem Ende. Die Macht der alten Götter ist im Schwinden begriffen, und meine nimmt zu. Ich werde sehr bald schon mächtiger auf die Erde zurückkehren, als ich sie seinerzeit unter Zwang verlassen musste...

Niemand konnte sehen, wie sich unter dem Schattenfeld knöcherne, siebenfingrige Hände zu grimmigen Fäusten ballten. Da war so viel Zorn, so viel Hass, so viel Lust an namenloser Grausamkeit, die sich in all den Jahrhunderten aufgestaut hatte. Wie oft hatte er davon geträumt, seine Herrschaft des Schreckens und der Finsternis zu etablieren. Niemanden, der ihm auch nur im Entferntesten hätte gefährlich werden können, würde er verschonen. Diesmal nicht!, schwor er sich. Diesmal soll es anders kommen als damals.

Ich hatte die Gelegenheit meinen Bruder und seine Helfershelfer zu vernichten, erinnerte er sich, aber ich habe diese einmalige Gelegenheit verstreichen lassen...

Wen willst du denn nun dafür verantwortlich machen, außer dich selbst?, meckerte in der hintersten Ecke seiner finsteren Seele eine kritische Stimme, die Heng Son am liebsten zum Schweigen gebracht hätte, was sich allerdings bisweilen als viel schwieriger erwies als der Umgang mit seinen Gegnern, mit denen er kurzen Prozess zu machen pflegte. Es war dein eigenes Versagen, deine eigene Feigheit, die dich in deine jetzige Situation gebracht hat. Verbannt in einem Reich, das nicht umsonst das vergessene Land genannt wird. Du kannst von Glück reden, dass man dich in all diesen Jahren nicht auch vergessen hat...

Das Schlimme und Qualvolle für Heng Son war die Erkenntnis, dass diese unangenehme Stimme aus den Tiefen seiner Seele recht hatte. Es war tatsächlich sein Versagen, das zu dem Desaster geführt hatte.

Heng Son, der Meister der schwarzen Magie, hätte ein Ritual von ungeahnter Macht ausführen können, um seine damaligen Gegner auf alle Zeiten zu vernichten. Nie wieder hätte jemand ihm dann seine Herrschaft streitig machen können.

Aber Heng Son hatte gezögert.

Die Folgen, die die Beschwörung derart unkalkulierbarer Mächte nach sich ziehen konnte, hatten ihn zurückschrecken lassen. Dabei hatte er weniger an die Folgen für andere als an die gedacht, die ihn selbst treffen konnten.

Ich hätte es riskieren müssen, eventuell die Kontrolle über diese schwarzen Mächte zu verlieren und selbst vernichtet zu werden, überlegte er. Eine Erkenntnis, die um viele Jahrhunderte zu spät kam, das wusste er wohl. Und doch führte Heng Son sie sich immer und immer wieder vor Augen. Was wäre geschehen, wenn er sich damals, in seinem Kampf gegen die anderen Götter anders entschieden und alles auf eine Karte gesetzt hätte?

Nichts hätte schlimmer sein können als die Situation, in der er sich so lange befunden hatte.

Seine Gegner von damals – allen voran der Affengott Hanuman selbst – hatten jenen Mut gehabt, der ihm gefehlt hatte. Sie hatten die eigene Vernichtung riskiert, als sie gegen Heng Son zu Felde gezogen waren und ihn schließlich in das Vergessene Land verbannt hatten. Mitsamt seiner Stadt Sarangkôr.

Aus Fehlern wird man klug, dachte der Herr des Schädelthrons. Und ich werde denselben Fehler sicherlich nicht ein zweites Mal begehen...

Eher beiläufig registrierte Heng Son, dass sich die Kuttenträger vor ihm niederknieten. Sie stimmten einen murmelnden Gesang an, der hin und wieder durch ein schrilles Kreischen eines Lemuren unterbrochen wurde.

Heng Son erhob sich.

Für einen Betrachter war nur zu sehen, wie sich die Position und Ausdehnung der Schattenzone etwas veränderte.

„Erhebt euch, meine Diener!“, grollte eine tiefe, heisere Stimme aus dem Dunkel dieses Schattens heraus.

Die Kuttenträger gehorchten.

Sie standen in einem Halbkreis da und warteten ab, was nun geschehen würde.

Ein Arm aus purer Dunkelheit wuchs aus der Schattenzone heraus, griff scheinbar wahllos nach einer der Gestalten, umschlang sie und zog sie zu sich heran, sodass sie innerhalb des Schattens mit einem unterdrückten Schrei verschwand.

Schmatzende Laute waren im nächsten Augenblick zu hören, dazu ein knackendes Geräusch.

Das Bersten von Knochen!

Anschließend stöhnte Heng Son wohlig auf.

Etwas wurde aus der Schattenzone hinausgeworfen und landete inmitten des Halbkreises.

Eine blutdurchtränkte Kutte.

Der Herr von Sarangkôr ließ sich wieder auf seinem Schädelthron nieder.

Blut rann die Stufen hinab, die hinauf zu dem quaderförmigen Podest führten, auf dem der Thron stand.

„Und jetzt erneuert eure Gefolgschaft zu mir!“, forderte Heng Son unmissverständlich.

Die Kuttenträger ließen ihre grob gewebten Gewänder einer nach dem anderen zu Boden gleiten. Die nackten Körper von starr dreinblickenden Männern und Frauen kamen zum Vorschein. Ihre Augen wirkten leer und seelenlos, die Mimik wie eingefroren.

Das flackernde Licht der Fackeln schimmerte auf ihrer nackten Haut und zeigte Kratzspuren siebenfingriger Krallenhände in den unterschiedlichsten Größen. Manche dieser Wundmale waren bereits vernarbt, andere frisch verkrustet.

Die geflügelten Affen wurden unruhig. Selbst jene, die bis dahin friedlich und eher angstvoll in den Ecken gekauert hatten, begannen jetzt, aktiver zu werden. Sie erhoben sich von ihren Plätzen und starrten mit ihren leuchtenden Augen interessiert auf die Körper jener Sterblichen, die Heng Son zu seinen Dienern auserkoren hatte. Knurrende und schmatzende Laute waren zu hören. Die Lemuren-Winzlinge an der Decke stellten ihre Flugmanöver durch die Öffnungen der Totenschädel ein. Sie verharrten ruhig in der Luft, bewegten dabei ihre Flügel mit der atemberaubenden Geschwindigkeit von Kolibris und warteten anscheinend auf ein Signal ihres Herrn und Meisters.

Dieses kam in Form einer Folge von konsonantenreichen Silben, die aus einer längst vergessenen Sprache zu stammen schienen.

Kreischend stürzten sich die geflügelten Affen auf die ungeschützten Körper der Sterblichen.

6

„Vielleicht begreifen Sie jetzt, mit welchen Mächten Ihr Vater sich eingelassen hat“, sagte Luc Morell ernst. Valerie Cordonnier wirkte abwesend. Sie schien Doktor Mystery nicht richtig zuzuhören. Suchend ließ sie den Blick im Arbeitszimmer umherkreisen.

„Vermissen Sie irgendetwas?“, fragte Monique.

Valerie schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte sie beinahe tonlos.

Sie seufzte hörbar.

Dann musterte sie einen Augenblick lang Monique auf eine Weise, die Luc nicht richtig zu interpretieren wusste, und sagte schließlich: „Vielleicht war Ihr Vorschlag, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen ganz gut... äh... Mademoiselle oder Madame Dumas?“

„Nennen Sie mich Monique“, erwiderte Luc Morells Lebensgefährtin.

Valerie zuckte die Achseln.

„Wie Sie wünschen.“ Sie wandte sich zur Tür.

Luc Morell und Monique folgten ihr hinaus in den Korridor.

Wie ahnungslos war diese junge Frau wirklich?

„Wir hatten sehr gehofft, dass Sie uns weiterhelfen könnten, Valerie“, sagte Luc Morell. „Heng Son, der dunkle Bruder des Affengottes, hat es offenbar geschafft, nach sehr langer Zeit seine treuen Diener wieder auf die Erde zu bringen, nachdem man ihn und sein Gezücht für gut tausend Jahre verbannt hatte!“, erläuterte Doktor Mystery so sachlich, wie ihm dies in dieser Situation möglich war. Den beschwörenden Tonfall, der ihm eigentlich auf der Zunge gelegen hätte, versuchte er so gut es ging zu unterdrücken. Schließlich wusste er, dass dies Valerie eher misstrauisch machen würde.

Luc Morell nahm sie bei den Schultern und drehte sie zu sich herum. Sie ließ es geschehen, wich aber dem durchdringenden Blick seiner Augen aus.

„Ich habe keine Ahnung, wie ich Ihnen helfen könnte“, sagte Valerie schließlich, nachdem sie sich gefasst hatte. „Ansonsten bin ich Ihnen sehr dankbar dafür, dass Sie mich eben vor diesen...“, sie suchte nach dem passenden Wort, „...Kreaturen geschützt haben. Ich hätte nicht gewusst, wie ich mich gegen sie hätte verteidigen sollen.“

„Sie hätten nicht den Hauch einer Überlebenschance gehabt.“

„Ich weiß nicht, ob Sie gefunden haben, was Sie suchen, Doktor Morell. Aber ich für mein Teil werde mich jetzt davonmachen. Nicht eine Sekunde will ich länger als unbedingt nötig in diesem Gemäuer bleiben.“

„So schnell wieder auf und davon?“, wunderte sich Monique. „Im Grunde genommen haben Sie uns noch nicht einmal gesagt, was Sie letztlich hier wollten.“

„Dafür muss ich mich auch wohl kaum rechtfertigen. Schließlich...“

„...sind Sie Pierre de Bressacs Erbin, ich weiß“, vollendete Monique den Satz an Valeries Stelle.

Die junge Frau verdrehte genervt die Augen.

Luc Morell fragte sich, was es letztlich sein mochte, was ihr so auf den Wecker ging.

Jemand, der aufgrund seines ersten übernatürlichen Erlebnisses unter Schock stand, reagierte zweifellos anders. Luc Morell hatte ungezählte Beispiele dafür erlebt. Es war nicht selbstverständlich zu akzeptieren, dass es Mächte im Universum gab, die weit über das hinausgingen, was menschliche Wissenschaft und menschliche Erkenntnis zu erklären vermochten. Für manchen brach zunächst einmal ein komplettes Weltbild zusammen, wenn er zum ersten Mal Nachtkreaturen wie einen geflügelten Lemuren oder anderen Albtraumgeschöpfen begegnete.

„Ich kann Ihnen nicht viel über meinen Vater und seine Studien sagen“, behauptete Valerie.

„Immerhin scheint Sie das Auftauchen dieser lemurenhaften Ungeheuer nicht im mindesten in Ihrem Realitätsempfinden beeinträchtigt zu haben“, stellte Luc Morell kühl fest.

Sie schluckte. „Wie Sie ja bereits wissen, trage ich einen anderen Namen als mein Vater. Meine Mutter trennte sich früh von ihm, als sie erkannte, dass er sich mit Mächten einließ, die...“ Sie musste schlucken, ehe sie schließlich fast tonlos weiter sprach. „...Mächten, die böse sind – wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Das tue ich sehr wohl.“

„Bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr hatte ich überhaupt keinen Kontakt zu meinem Vater. Meine Mutter fürchtete immer, dass ich auch in den Bann dieser dunklen Mächte geraten könnte, sobald er die Gelegenheit hätte, mich zu beeinflussen. Aber irgendwann interessierte es mich einfach, wer mein Vater war und mit welch einem obskuren Forschungsgegenstand er sich beschäftigte.“

„Durchaus verständlich“, kommentierte Monique. „Sie nahmen also von sich aus Kontakt mit ihm auf?“

„Ja, genau so war es. Es war ja nicht schwer, ihn zu finden. Er machte im Laufe der Zeit immer wieder Schlagzeilen. Immer wieder waren seine Thesen Auslöser von Debatten – später galt er dann wohl nur noch als exzentrischer Spinner und Außenseiter, dessen Forschungen niemand mehr unter die Rubrik Wissenschaft subsumiert hätte.“

„Ja, Forschungen im Bereich des Übersinnlichen bekommen leider noch lange nicht die Anerkennung, die sie eigentlich verdienten“, konnte Morell aus eigener leidvoller Erfahrung nur bestätigen.

„Sie können sich vorstellen, dass ich als Heranwachsende fasziniert von dem Gedanken war, einen Vater zu haben, der sich mit schwarzer Magie beschäftigt. Übrigens starb meine Mutter, kurz nachdem ich wieder Kontakt zu meinem Vater aufgenommen hatte. Sie beging unter sehr mysteriösen Umständen Selbstmord, obwohl sie nie derartige Neigungen hatte.“ Valerie machte eine Pause und fuhr schließlich in gedämpftem Tonfall fort: „Ich wurde den Verdacht nicht los, dass mein Vater damit etwas zu tun hatte. Aber er hat das immer abgestritten. Jedenfalls ging ich auf Distanz zu ihm, studierte in London und Madrid.... Dann erhielt ich die Nachricht von seinem Tod, und deshalb bin ich hier.“

„Wir sollten kooperieren“, schlug Luc Morell vor. Er hatte das untrügliche Gefühl, dass sie ihm noch etwas Wichtiges verschwieg. Doktor Mystery war sich nahezu sicher, dass Valerie noch sehr viel mehr über die Forschungen ihres Vaters wusste, als sie bislang preiszugeben bereit gewesen war.

7

Luc Morell und Monique folgten Valerie ins Freie. Sie nahmen dabei denselben Weg, auf dem sie auch gekommen waren, und verließen das graue Gemäuer durch die Hintertür.

„Auf Wiedersehen“, sagte Valerie und deutete auf die verwilderte Parklandschaft, die das Anwesen umgab. Jahrzehntelang hatte hier niemand etwas an den Gartenanlagen getan. Das Gras stand überall kniehoch. Dazwischen wucherten wilde Dornbüsche und reckten die unterschiedlichsten Blumen ihre Blütenkelche in die Höhe.

In den völlig verwilderten Hecken nisteten Vögel, und so mancher der Obstbäume war längst morsch geworden und verströmte den modrigen Geruch feuchten Holzes.

„Sollen wir Sie irgendwohin mitnehmen?“, fragte Luc Morell.

Valerie schüttelte den Kopf.

„Nein, danke. Mein Wagen befindet sich auf der anderen Seite des Parks ‒ wenn der Ausdruck für diesen Dschungel überhaupt passend sein sollte.“

„Wo können wir Sie erreichen, Valerie?“, wollte Monique geistesgegenwärtig wissen.

„Leben Sie wohl“, war ihre nichts sagende Antwort. „Ich werde Sie beide übrigens nicht wegen des von Ihnen begangenen Hausfriedensbruchs anzeigen, weil ich dann erklären müsste, was ich hier zu suchen hatte ‒ an einem abgesperrten Tatort.“

Sie ging davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Luc blickte ihr nachdenklich hinterher.

Nach ein paar Augenblicken war sie hinter einer der verwilderten Hecken verschwunden.

„Die wollte uns so schnell wie möglich loswerden“, stellte Monique fest und verschränkte dabei die Arme unter der Brust.

Luc zuckte die Achseln. „Was hätte ich tun sollen. Sie hypnotisieren?“

„Warum nicht, Chèri?“

„Ich nehme nicht an, dass uns das irgendwie weitergebracht hätte.“

Monique lehnte sich gegen Morells Schulter. „Und wo setzen wir jetzt an?“

„Bei den noch lebenden Mitarbeitern, die Pierre de Bressac auf seine letzen Expeditionen begleiteten“, schlug Luc vor.

„Was ist der Grund dafür, dass Heng Sons Lemuren anscheinend dabei sind, einen von ihnen nach dem anderen umzubringen?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung, Monique“, gestand Luc. „Aber rein instinktmäßig würde ich vermuten, dass de Bressac irgendetwas damit zu tun hat, wie Heng Son in unsere Welt zurückkehrte...“

„Ein willfähriger Helfer, der ihm lästig wurde?“

„Wäre doch eine Erklärung, oder?“

„Ich glaube ehrlich gesagt, dass da noch mehr dahintersteckt, Chèri!“

Sie gingen zurück in Richtung des BMW. Der wachhabende Polizist würde noch eine ganze Weile im hohen Gras vor sich hinschnarchen und sich hinterher an nichts erinnern.

Plötzlich blieb Luc stehen.

„Da ist etwas faul!“, stellte er fest.

„Wovon sprichst du jetzt?“, wunderte sich Monique.

„Ich meine Valerie! Hast du einen Motor starten hören?“

„Nein.“

Schnellen Schrittes lief Luc Morell zu jener Stelle zurück, an der sie sich von Valerie getrennt hatten.

Sein Instinkt sagt ihm einfach, dass er etwas sehr Wichtiges übersehen hatte.

Monique folgte ihm.

Luc umrundete die Hecke, hinter der die junge Frau verschwunden war.

Es dauerte nicht lange, und sie hatten einen Punkt erreicht, von dem aus man die gesamte Westseite jener Anhöhe überblicken konnte, auf der sich das Anwesen der Familie de Bressac befand.

Eine schmale Straße führte von dort aus in Richtung von Aiges-Mortes.

Aber es war weit und breit kein Wagen zu sehen.

Doch Valerie Cordonnier konnte unmöglich weggefahren sein, ohne dass Luc und Monique erstens die Geräusche mitbekommen und zweitens den Wagen auf dem weiteren Verlauf der Straße gesehen hätten.

„Scheint, als hätte unsere gute Valerie die Gabe, sich in Luft aufzulösen oder irgendwelche anderen magischen Tricks auf Lager“, kommentierte Monique die neue Lage. „Kein Wunder, dass sie so relativ cool auf die Lemuren reagierte.“

„Ich hatte gleich den Eindruck, dass dies nicht ihre erste Begegnung mit Magie war“, bekannte Luc.

„Ganz meiner Meinung“, stimmte seine Freundin zu. „Ihr Vater scheint sie weitaus tiefer in die Geheimnisse seines Wissens eingeführt zu haben, als sie das uns gegenüber zugeben wollte.“

Luc Morell sah sich etwas um und wurde schließlich hinter einer weiteren Hecke in einem verwilderten Blumenbeet fündig.

„Vielleicht ist das hier ja des Rätsels Lösung!“, glaubte er und deutete auf eine Kolonie von Schwarzen Blumen, deren mannshohle Kelche von dem Gestrüpp fast überwuchert wurden, sodass sie einem auf den ersten Blick gar nicht auffielen.

Sie waren komplett schwarz, nicht nur die Blüten, wie es etwa bei der Schwarzen Stockrose oder der Persischen Glockenblume der Fall war, auch Stängel und Blätter waren nachtschwarz, und dieses Schwarz schien sogar das Licht zu verschlucken.

Und sie hatten eine außerordentliche Fähigkeit: Wenn man eine intensive Vorstellung eines Ortes hatte, konnte man sich mithilfe dieser Blumen dorthin versetzen, vorausgesetzt, dass sich am Zielpunkt ebenfalls diese magischen Blumen befanden.

Doktor Luc Morell hegte und pflegte einige dieser seltenen Pflanzen auf Chateâu Lamatime. Ein mysteriöses außerirdisches Volk hatte diese Blumen anscheinend überall im Universum verteilt. Einige Standorte auf der Erde waren Luc bekannt – aber es waren gewiss nicht die einzigen.

Jedenfalls war es für Luc Morell und Monique im Augenblick unmöglich herauszufinden, wohin Valerie mittels der Schwarzen Blumen verschwunden war.

„Falls du jetzt noch irgendetwas im Schloss vergessen hättest, könntest du schnell dorthin zurück!“, stellte Monique mit beißender Ironie fest.

Luc Morell deutete zu dem Herrenhaus.

„Wir werden uns wohl noch mal etwas gründlicher dort drinnen umsehen müssen“, meinte er.

„Wenn du meinst, dass uns das etwas bringt!“

„Ich wüsste nicht, wo wir sonst einen Anhaltspunkt herbekommen sollen, wohin Valerie verschwunden ist.“

Da mit den Schwarzen Blumen sogar Zeitreisen sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft möglich waren, eröffneten sich einfach zu viele Möglichkeiten.

8

Valerie materialisierte inmitten einer Kolonie mannshoher Schwarzer Blumen.

Sie hatte im ersten Moment ein Gefühl, als ob ihr jemand mit der Faust vor den Kopf geschlagen hätte. Sie fühlte sich benommen, ihr war einige Augenblicke schwindelig. Der Temperaturunterschied zwischen Südfrankreich und ihrem jetzigen Aufenthaltsort betrug schätzungsweise fünfzehn Grad. Aber die Hitze war nicht das, was Valerie im ersten Moment so sehr zu schaffen machte, sondern die hohe Luftfeuchtigkeit, die nahe hundert Prozent liegen musste.

Es dauerte einige Augenblicke, bis sich die junge Frau einigermaßen erholt hatte und wieder klar denken konnte.

Sie blickte auf die kleine Kratzwunde an ihrem linken Handballen. Sieben Striemen von den sieben Krallenfingern jenes winzigen Lemuren, der es geschafft hatte, zu ihr vorzudringen, ehe Doktor Morell für die die Vernichtung der ganzen Brut gesorgt hatte.

Die vorläufige Vernichtung!, korrigierte sich Valerie. Dieser Luc Morell ist ein seltsamer Narr... Gut möglich, dass er seine Neugier einst noch mit dem Leben bezahlen wird – oder mit einem noch viel höheren Preis!

Die Striemen an ihrer Hand wurden jetzt von rotbrauner Kruste überzogen.

Ein tiefes Unbehagen machte sich auf einmal in ihr breit. Sie konnte diese Empfindung nicht erklären und wusste nur, dass sie sich von ihrem Magen ausgehend in ihrem gesamten Körper verbreitete.

Valerie spürte auf einmal sehr deutlich, dass eine Veränderung stattgefunden hatte.

Eine Veränderung, von der sie einstweilen noch nicht sagen konnte, worin sie wirklich bestand oder wodurch sie verursacht worden war. Noch brachte sie diese nicht mit der läppischen Wunde an ihrer Hand in Verbindung.

Und doch – da war so etwas wie ein Zwang in ihr, immer wieder auf ihren linken Handballen zu starren.

Ganz tief in ihrem Inneren glaubte sie etwas zu spüren.

Da war etwas Kaltes, Fremdes. Etwas, das nicht Bestandteil ihrer selbst war, sich aber dennoch in ihr tiefstes Inneres hineingeschlichen hatte.

Es wächst.

Es breitet sich aus.

Sie schluckte, riss ihren Blick fast gewaltsam vom Anblick der sieben Striemen fort.

Du bildest dir etwas ein. Mach dich nicht komplett zur Närrin, sondern konzentriere dich auf die Aufgabe, die du dir selbst gestellt hast.

Valerie bahnte sich ihren Weg durch die Blumenkolonie, die inmitten dicht nebeneinander wachsender Sträucher emporragten. Schließlich erreichte sie einen Weg, der am Ufer eines Sees entlangführte.

Geräusche drangen zu ihr herüber. Hupende Autos, Menschenstimmen, Motorengeräusche.... Aber das alles klang wie aus weiter Ferne.

Valerie lächelte verhalten.

Sie befand sich am Ufer des im Norden der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh gelegenen Boeng-Kar-Sees. An dessen Westufer befanden der Amusement Park Boeng Kak und das ehemalige, im Kolonialstil gehaltene Franzosenviertel mit der eindrucksvollen früheren Botschaft der Grand Nation.

Im Süden des Sees war der Verkehrsstrom auf dem Boulevard Confederation de la Russie zu sehen, der parallel zu einer Bahnlinie die Stadt in west-östlicher Richtung durchzog. Während der Boulevard Confederation de la Russie und die Hauptlinie der Bahn weiter nach Westen in Richtung des Pochentong Airports führten, zweigte ein Gleis der Bahnstrecke nach Norden ab und führte am Seeufer entlang. Die Kolonie der Schwarzen Blumen fand sich in einem verwilderten Stück Natur zwischen Bahnlinie und Seeufer. „Es muss sie schon immer gegeben haben, diese Blumen“, hatte sie die Worte ihres Vaters noch im Ohr, als er ihr gezeigt hatte, wie man mit ihrer Hilfe reisen konnte. Nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. Für einen Forscher wie Pierre de Bressac hatte das natürlich faszinierende Möglichkeiten eröffnet. Möglichkeiten, von denen alle seine Kollegen und Konkurrenz nur zu träumen wagten.

Den Ursprung dieser Pflanzen schien niemand zu kennen, selbst ein Gelehrter wie de Bressac nicht. Vielleicht hatte sie irgendjemand vor langer Zeit ausgesät, aber de Bressac hatte es auch für möglich gehalten, dass sie auf natürlichem Weg entstanden waren und sich verbreitet hatten. Der Gedanke, dass es möglicherweise eine Rasse unvorstellbar mächtiger Wesen gab oder einst gegeben hatte, die in der Lage waren, Pflanzen mit derartig fantastischen Eigenschaften heranzuzüchten, hatte Valeries Vater nie wirklich gefallen. Eher war er bereit gewesen, die Schwarzen Blumen als eine ‒wenn auch bizarre ‒ Laune der Natur zu akzeptieren.

Valerie folgte zunächst dem Seeufer des Boeng Kar, überquerte dann die Bahnlinie und erreichte den Boulevard Confederation de la Russie, auf dem sich ein dichter Strom unterschiedlichster Fahrzeuge ins Innere der Stadt quälte, Fahrradrikschas, Motorradkarren, Lastwagen, ausgediente Militärfahrzeuge aus den Beständen der DDR-Volksarmee und Wagen, die aus unzähligen Ersatzteilen zusammengeflickt zu sein schienen. Daneben aber auch fabrikneue Fahrzeuge der Marken Mercedes und Toyota, die trotz allen Hupens die von Sebu-Rindern oder mageren, kaum über eins sechzig großen Männern gezogenen Karren nicht zu überholen vermochten. Der Geruch von Benzol mischte sich mit Schweiß, Rinderkot und einem Dutzend anderer Ingredienzien, die Valerie gar nicht genauer wissen wollte.

Sie war nicht zum ersten Mal auf diesem sehr zeitsparenden Weg nach Phnom Penh gelangt. Insgesamt dreimal hatte sie ihren Vater hierher begleitet, und so kannte sie sich einigermaßen aus.

Sie verzichtete darauf, irgendeines der im Verkehr steckenden Taxis anzuhalten und zuzusteigen, was in Phnom Penh durchaus üblich war.

Stattdessen überquerte sie nach einiger Mühe und nachdem sie beinahe von einer Motor verstärkten Fahrradrikscha ohne ausreichende Bremsen über den Haufen gefahren worden war, den Boulevard Confederation de la Russie und bog von dort in den Boulevard Tchecoslovaquie ein, auf dem weitaus weniger Betrieb herrschte.

Wie Valerie aus Erfahrung wusste, waren die Verkehrsverhältnisse für Phnom Penh im Moment eigentlich ganz annehmbar. Wirklich schwierig konnte es in der Regenzeit werden, wenn die Flüsse und Seen des Landes über die Ufer traten und vielerorts Straßen knietief unter Wasser standen. Die Hauptstadt bildete da keine Ausnahme.

Valerie wusste, dass sie noch einen ziemlich langen Weg vor sich hatte.

Ihr Ziel lag auf der anderen – südlichen – Seite der Stadt.

Und sie fühlte sich so schwach...

Anfangs hatte sie diese Schwäche auf das Klima geschoben, aber inzwischen war sie sich nicht mehr sicher.

Sie begann trotz der Hitze von weit über dreißig Grad im Schatten plötzlich vor Kälte zu zittern. Eine Gänsehaut überzog ihren gesamten Körper. Es fühlte sich beinahe wie Schüttelfrost an, und sie befürchtete schon, sich irgendeine Krankheit eingefangen zu haben.

Da ist es wieder... dieses absolut Kalte im Innern deiner Seele. Es wächst. Und es hat nichts mit Malaria oder Schüttelfrost oder all den anderen Dingen zu tun, die man sich vielleicht auch in so heißen, sumpfigen Gegenden holen kann...

Sie versuchte den Gedanken hinwegzuscheuchen.

Ein einziger Wirrwarr an Empfindungen und flüchtigen Geistesblitzen herrschte in ihr.

Es fiel ihr schwer, überhaupt noch einen klaren Gedanken zu fassen.

Sie lehnte sich an eine Hauswand.

Eine Fahrradrikscha hielt. Der Fahrer bot ihr seine Dienste als Taxi an und sprach dabei ein einigermaßen verständliches Französisch.

Valerie konnte nicht antworten. Ein dicker Kloß saß ihr im Hals. Sie nickte nur stumm und stieg zu dem Kambodschaner auf die Rikscha. Dort sank sie förmlich in sich zusammen.

Auf dem Dach eines dreistöckigen Hauses erblickte Valerie im nächsten Moment einen langschwänzigen Affen, der auf irgendetwas herumkaute.

Namenloses Entsetzen durchzuckte sie und riss sie für einen Moment aus der Agonie, die sie befallen hatte.

Eine Sekunde noch redete sie sich verzweifelt ein, dass es sich vielleicht um einen ganz gewöhnlichen Affen handelte, die einen heiligen Status genossen und deswegen nicht gejagt werden durften. Mancherorts waren sie in Südasien deswegen zur Plage geworden.

Aber in diesem Augenblick entfaltete das Wesen auf dem Dach seine Flügel. Jeder Zweifel war ausgeschlossen.

Dies war ein Lemure.

Ein Diener Heng Sons.

Nein!, schrie es in ihr. Wenn sie hier schon auf dich warten, ist es vielleicht schon zu spät... oh, Vater, was hast du nur getan!

„Mademoiselle? Wohin soll ich Sie bringen?“

Die Stimme des Rikschafahrers drang wie aus sehr weiter Ferne in ihr Bewusstsein.

Wie in Trance murmelten ihre Lippen eine Adresse.

„Bringen Sie mich zu Monsieur François Lon, 321 Boulevard Mao Tse Toung.“

„Kein Problem. Nummer 321 müsste in der Nähe vom Toul Tom Pon Market sein“, gab der Rikschafahrer zurück.

Aber davon bekam Valerie schon nichts mehr mit.

Alles drehte sich vor ihren Augen.

Dunkelheit senkte sich wie ein Leichentuch über ihren Geist, und sie verlor das Bewusstsein...

9

Luc Morell und Monique Dumaas waren in das Herrenhaus Pierre de Bressacs zurückgekehrt und stöberten dort nach etwas, was ihnen einen Hinweis darauf geben konnte, wohin Valerie verschwunden war.

„Ich wette, ihr Zielpunkt liegt irgendwo in Kambodscha. Möglicherweise mitten in den Ruinen von Angkor, wer weiß...“

„Leider ist uns kein Ort in Kambodscha bekannt, an dem es Schwarze Blumen gibt“, gab Luc Morell zu bedenken, während sie sie sich erneut das Arbeitszimmer vornahmen – allerdings schon nach kurzer Zeit feststellten, dass dort wohl nichts mehr zu holen war. Zu gründlich hatten hier die Lemuren ihr Zerstörungswerk ausgeführt. Und was sie nicht vernichtet hatten, das war von den Spurensicherern der Kriminalpolizei davongeschleppt worden.

Also wandten sie sich einem der anderen Räume zu. Dutzende von Zimmern waren in diesem Herrenhaus mit Büchern und Studienmaterialien angefüllt. Wertvolle Kultgegenstände aus Südasien waren darunter, aber auch zahllose in Leder eingebundene Folianten und Hunderte von sorgfältig zusammengehefteten Ausgaben wissenschaftlicher Zeitschriften.

Die Lemuren schienen überall herumgetobt zu haben, sodass es überall erhebliche Beschädigungen gab. Was bei ihnen letztlich diesen furchtbaren Zerstörungstrieb ausgelöst hatte, war Luc Morell nach wie vor ein Rätsel. Wenn es ihr Ziel gewesen war, Pierre de Bressac ebenso zu ermorden wie die meisten ehemaligen Mitglieder seiner Expeditionen, so machten die Verwüstungen keinen Sinn.

Aber wenn man davon ausging, dass die Lemuren möglicherweise von ihrem Herrn und Meister dazu ausgesandt worden waren, um außer ihrem Mordauftrag auch noch nach etwas Bestimmtem zu suchen, lag die Sache schon anders.

In einem der verwüsteten Bibliotheksräume fiel Monique ein Foto auf. Es hatte in einem Rahmen an der Wand gehangen und war offenbar heruntergerissen worden.

Es zeigte Pierre de Bressac zusammen mit einem sehr viel kleineren Kambodschaner. Der Kambodschaner war höchstens Mitte zwanzig.

Darunter stand handschriftlich:

François und Pierre, Dezember 1975, Phnom Penh.

„Sieh dir das an“, sagte Monique. „Wenn dieses Foto tatsächlich aus dem Jahr 1975 ist, dann war Pierre de Bressac damals schon so alt wie bei seinem Tod – also Ende fünfzig!“

„Dann hat de Bressac die Zeitreisefunktion der der Schwarzen Blumen genutzt“, stellte Luc Morell fest und nahm Monique dabei das Bild aus der Hand. „1975 stürzten die Guerillas der Roten Khmer das Lon Nol-Regime und marschierten in der Hauptstadt ein. Sie trieben die Bewohner auf das Land, um sie umzuerziehen. Schätzungsweise ein Drittel der eigenen Bevölkerung fiel dieser 'Umerziehung' zum Opfer. Erst 1979, nachdem die Roten Khmer durch die vietnamesische Invasion gestürzt worden waren, kehrten die Städter aallmählich nach Phnom Penh zurück.“

„Das heißt, zum Zeitpunkt der Aufnahme war die Stadt menschenleer“, schloss Monique.

Luc Morell nickte. „Ja – und man brauchte damals wohl wirklich Schwarze Blumen, um dorthin oder von dort wieder wegzukommen“, antwortete Luc Morell. „Ich frage mich, was de Bressac dort wollte.“

„Wir müssten wissen, wer der Mann neben ihm ist.“

„Ja.“

Luc Morell betrachtete nachdenklich das Foto. Die beiden Männer hatten sich an einem Seeufer fotografieren lassen. Am anderen Ufer waren Ruinen zu sehen.

„Jeder Kambodschaner, der sich Ende 1975 in Phnom Penh aufhielt, war in tödlicher Gefahr, es sei denn, er war ein Roter Khmer.“

„Kriegen wir einfach heraus, wer ‚François’ ist!“, schlug Monique vor.

Luc Morell grinste.

„Nichts leichter als das! Aber vielleicht haben wir Glück, und die Blumen befinden sich in einem Umkreis von 500 Metern um den Ort der Aufnahme... Versuch dir diesen See so intensiv wie möglich vorzustellen, Monique! Ich werde dasselbe tun.“

„Du meinst, dieses Bild reicht aus, um eine Vorstellung zu erzeugen, die stark genug ist, um einen Transfer mit den Schwarzen Blumen zu ermöglichen?“

„Es käme auf einen Versuch an.“

„Worauf warten wir dann noch?“

10

Luc Morell und Monique gingen zunächst zum BMW 740i zurück. Von dort aus gab es eine Verbindung zu Luc Morells Computeranlage im Chateâu Lamatime.

Doktor Mystery hatte den Verdacht, dass es sich bei dem mysteriösen ‚François’ um jemanden handelte, der Pierre de Bressac früher auf Forschungsreisen begleitet hatte.

Luc Morell hatte von diesem Personenkreis eine Liste angelegt und das jeweilige Schicksal so weit möglich recherchiert.

Es gab insgesamt vier Personen mit dem Namen François auf dieser Liste. Zwei davon waren unter mysteriösen Umständen verstorben, ein dritter hatte derzeit einen Lehrauftrag an der University of California in Berkeley.

Nummer vier war zur einen Hälfte Franzose, zur anderen Kambodschaner. Er war schon als Student in de Bressacs Team gewesen. Neben Archäologie hatte er Botanik studiert und darin auch eine akademischen Grad erworben. Nachdem sich die politische Lage in seinem Heimatland vor ein paar Jahren einigermaßen beruhigt hatte, hattte er seinen Lehrstuhl an der Sorbonne aufgegeben und war nach Phnom Penh zurückgekehrt.

„Das muss er sein!“, stellte Luc Morell fest.

„Er ist Botaniker....“

„Du denkst, da gibt es eine Verbindung zu den Schwarzen Blumen, Monique?“

„Für einen Zufall halte ich das jedenfalls nicht.“

„Dann lass uns mal sehen, ob unsere Gedanken in die richtige Richtung gehen und es tatsächlich eine Verbindung über die Schwarzen Blumen nach Phnom Penh gibt, die uns bisher unbekannt war.“

Wenige Minuten später hatten Luc Morell und Monique die Schwarzen Blumen erreicht. Das Foto hatten sie mitgenommen. Die Vorstellung in ihren Köpfen musste so intensiv wie möglich sein, andernfalls würde ein Transfer unmöglich bleiben.

Aber wenn sie über die magischen Schwarzen Blumen direkt an den Zielort von Valeries Reise gelangten, hatten sie einen entscheidenden Zeitvorteil. Andernfalls hätten sie auf konventionelle Weise nach Kambodscha reisen müssen, und insbesondere die Mitnahme eines Blasters wäre dabei aufgrund der seit dem 11. September 2001 schärfer gewordenen Flugzeugkontrollen zu einem Problem geworden.

„Deine Jacke kannst du gleich hier lassen – in Kambodscha ist es so heiß, dass dir der Schweiß in Strömen herunter laufen wird“, meinte Monique.

„Irgendetwas brauche ich ja, um den Blaster zu verdecken“, konterte Luc Morell.

Monique zuckte die Achseln. „Hauptsache, du hast deine Kreditkarten dabei, damit wir nicht im Freien übernachten müssen.“

„Falls der Transfer wirklich klappt, können wir jederzeit von Phnom Penh aus zum Chateâu Lamatime zurückkehren und einen Bikini für dich holen, falls unser Aufenthalt so lange dauert, dass dies nötig ist.“

„Du weißt ja, dass ich notfalls auch ohne auskomme, Chèri!“

Sie betrachteten noch einmal intensiv das Foto.

„Konzentrier dich auf den See, Monique!“, riet Luc seiner Freundin. „Was auch immer sich am Stadtbild Phnom Penhs in den letzten dreißig Jahren geändert haben mag, ich schätze, dass dieser See noch immer so aussieht wie damals...“

Augenblicke später waren sie entmaterialisiert.

Der Transfer hatte geklappt.

Wenig später erwachte ganz in der Nähe von de Bressacs Herrenhaus ein Polizist, der die letzten Stunden im hohen Gras gelegen und vor sich hingeschnarcht hatte. Der Beamte wunderte sich über den BMW, den jemand ganz in der Nähe abgestellt hatte...

11

Als Valerie erwachte, fand sie sich in einem Bett wieder.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen und wie lange sie nicht bei Bewusstsein gewesen war.

Sie setzte sich auf.

Ihre Kleider klebten ihr am Leib, so sehr schwitzte sie. Ein Ventilator surrte wie eine flügellahme Hummel.

Von draußen drang Stimmengewirr und der Lärm der Straße herein.

Ihr erster Blick galt unwillkürlich der Kratzwunde an ihrem Handballen. Die Striemen schienen sich entzündet zu haben. Die Wunde brannte und tat höllisch weh. Ich hätte sie wenigstens desinfizieren sollen, überlegte sie. Aber das musste warten. Es gab Wichtigeres.

Ihr Blick fiel auf ein Foto, das zwei Männer vor dem Boeng Kar See zeigte.

Pierre und François, Dezember 1975, Phnom Penh.

So stand es mit schwarzem Filzstift darunter.

„Ruh dich ruhig aus“, sagte plötzlich eine Stimme, die Valerie herumfahren ließ.

Sie blickte in Richtung der Tür.

„François!“, stieß sie hervor.

Der unscheinbare, schmächtige Mann war François Lon, Sohn einer kambodschanischen Mutter und eines französischen Vaters. Er war auf französische Schulen gegangen, weswegen man seiner Sprache allenfalls den Pariser Dialekt anhörte – keinesfalls aber seine südostasiatische Herkunft.

„Ein Rikschafahrer hat dich hier abgeliefert. Du warst in keinem guten Zustand.“

„Ein Kreislaufzusammenbruch oder so etwas. Ich weiß nicht, früher hat mir das Klima hier in Phnom Penh nicht so viel zu schaffen gemacht.“

„Das hat mit dem Klima wenig zu tun, Valerie – und es würde dir wohl auch wenig nützen, wenn du jetzt zu einem Arzt oder in ein Hospital gehen würdest.“

Sie sah ihn erstaunt an. Was redet er da?, fragte sie sich. Und im selben Moment machte sich wieder jenes eiskalte Etwas in ihr bemerkbar, das sich immer weiter in ihrer Seele ausbreitete. Sie zitterte leicht.

François Lon trat auf sie zu.

Er nahm mit einer energischen Bewegung ihre Hand und drehte die Innenfläche nach außen, sodass die Striemen des Lemuren-Angriffs deutlich sichtbar wurden.

Das ist dein Problem“, stellte er in einem Tonfall fest, der keinen Widerspruch duldete.

„François, das ist nicht der Rede wert!“

„Du magst manches über deinen Vater und die Mächte, mit denen er sich einließ, wissen – aber längst nicht alles.“

„Was meinst du damit, François?“

Er musterte sie mit seinen dunklen, sehr ruhigen Augen. „Du bist von einem Lemuren angegriffen und verletzt worden.“

„Diese Bestien haben Vater getötet!“

„Ja, ich weiß. Inzwischen gibt es auch hier französische Zeitungen, wenn auch immer mit ein paar Tagen Verspätung. Der Fall hat Schlagzeilen gemacht. Und wie es scheint, haben die Handlanger Heng Sons auch andere heimgesucht, die deinen Vater auf seinen Expeditionen begleiteten.“

„Ich verstehe nicht, weshalb du so ruhig bleiben kannst, François.“

Er lächelte mild. „Ich weiß, dass es keinen Sinn hat, seinem Schicksal davonlaufen zu wollen.“

Das muss gerade er sagen!, dachte Valerie verärgert. Laut sagte sie: „François, ich bin hier, um dich um Hilfe zu bitten. Du warst es, der meinem Vater einst die Schwarzen Blumen und den Umgang mit ihnen zeigte.“

„Ja, das ist richtig.“

„Er erwähnte mal, dass man mit ihnen auch in die Vergangenheit reisen könnte und dass dies ein Segen für archäologische Forschungen sei.“

„Er hat oft davon Gebrauch gemacht“, stimmte François Lon zu. „Vielleicht zu oft. Andernfalls wäre er vielleicht niemals mit jenen Mächten in Kontakt gekommen, die ihn schließlich dahingemetzelt haben... Er kam mit dem alten magischen Wissen der Khmer zurück in die Gegenwart. Und das war verhängnisvoll, wie du weißt.“

„Ich möchte, dass du in die Vergangenheit reist – an einen Zeitpunkt vor dem Lemurenangriff auf meinen Vater. Du kennst sein Haus, du weißt sogar, wo die Schwarzen Blumen in dem verwilderten Garten stehen...“

„Das schon, aber...“

„Also wäre es möglich, ihn zu warnen, sodass er sich vorbereiten oder flüchten kann, bevor die von Heng Son gesandten Bestien über ihn herfallen.“

Valerie schluckte. Bilder stiegen in ihr auf. Bilder von grässlichen Polizeifotos, die man ihr im Kommissariat für Tötungsdelikte in Marseille gezeigt hatte. Eine Identifikation war anhand der sterblichen Überreste Pierre de Bressacs gar nicht mehr möglich gewesen. Seine Uhr war mit zerkratztem Zifferblatt gefunden worden. Ansonsten war es nur anhand eines genetischen Vergleichs mit einer Speichelprobe von Valerie möglich gewesen, den Toten eindeutig zu identifizieren. Die junge Frau konnte nur mit eisigem Schauder daran zurückdenken.

„Ich würde dir gerne helfen, Valerie“, sagte François Lon gedehnt. Er suchte offenbar nach einer möglichst schonenden Formulierung, um ihr nicht helfen zu müssen.

„Und du wirst es auch!“, zischte Valerie. Wut keimte in ihr auf. Sie deutete auf das Foto an der Wand. „Wie war das 1975 hier in Phnom Pen? Die Menschen waren von den Roten Khmer aus der Stadt hinausgetrieben worden. Auf die killing fields, wo die neuen Machthaber Menschen, die sie für verdächtig hielten, im Akkord erschlagen haben. Erschlagen, wohlgemerkt, nicht erschossen, denn die Revolutionsregierung wollte keine Munition vergeuden und damit wertvolles Volksvermögen verschwenden. Sie haben auch dich geholt, François. Du hattest studiert – noch dazu im Ausland! Damit warst du noch viel verdächtiger als all die Ärzte und Lehrer, die per se als Volksfeinde angesehen wurden.“

„Hör auf, Valerie!“, fuhr Lon dazwischen.

„Und soll ich dir was sagen? Sie haben dich gekriegt, nachdem du dich hier eine Weile in den Ruinen versteckt hattest. Du wurdest erschlagen, wie so viele andere auch. Ein Schädel, zertrümmert von einem Gewehrkolben...“

„Lass das, das führt doch zu nichts!“

„Du willst die Wahrheit nicht hören. Das kann ich verstehen. Aber wenn mein Vater nicht später in die Vergangenheit gereist wäre, um dich zu warnen und mithilfe der Schwarzen Blumen außer Landes zu bringen, dann wärst du nicht mehr am Leben. Die Jahre, die du an der Sorbonne gelehrt hast, bis du schließlich zurückkehren konntest – sie würden nicht existieren. Und jetzt bitte ich dich, dasselbe für meinen Vater zu tun. Das ist nicht mehr als recht und billig, wie ich finde!“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

François Lon ging ein paar Schritte auf und ab. Schließlich blieb er vor dem geöffneten Fenster stehen. Durch die Schlitze der heruntergezogenen Lamellen konnte man das bunte Treiben auf dem Toul Tom Pon Market sehen. Händler boten lauthals ihre Ware feil, der Duft von Garküchen drang herüber, und ein Klangteppich aus menschlichen Stimmen erfüllte die Luft.

„Hat er dir das so erzählt?“, fragte Lon schließlich.

„Ja“, bestätige Valerie. „Das war kurz nachdem ich wieder Kontakt mit ihm bekam. Ich sah dieses Bild in seinem Haus und fragte ihn, was es damit auf sich habe...“

„Es war anders“, erklärte Lon. „Die politischen Umwälzungen machten es für deinen Vater unmöglich, seine Forschungen in Kambodscha fortzuführen. Er war jung und sehr ehrgeizig. Das traf ihn natürlich sehr. Er hoffte auch nach dem Machtantritt der Roten Khmer bald weiterarbeiten zu können. Aber dafür waren die Schwarzen Blumen unerlässlich, denn die Reisen in die Vergangenheit bescherten ihm wichtige Erkenntnisse. Ich hatte das Land zusammen mit deinem Vater rechtzeitig verlassen, als die Roten Khmer in die Hauptstadt einzogen. Aber dein Vater machte sich Sorgen um den Erhalt der Schwarzen Blumen. Es gibt welche hier in Phnom Penh, aber auch eine Kolonie in der Nähe von Angkor. Deshalb kehrte ich hierher zurück. Schließlich hegten die Roten Khmer den Plan, die ganze Stadt dem Erdboden gleichzumachen.“

„Du warst in seinem Auftrag hier?“

„Ja. Das ging allerdings schief. Ich wurde entdeckt und getötet. Es ging allerdings nicht ganz so schnell, wie du es eben geschildert hast. Deinem Vater fiel erst Jahre später ein, in die Vergangenheit zu reisen und mich rechtzeitig vor meiner Festnahme zu warnen. Er hatte damals wohl Probleme in der Handhabung der Blumen und brauchte mich.“

„Wie auch immer: Er hat dir das Leben gerettet – und jetzt bist du dran.“

„Ich träume jede Nacht von den Ereignissen, die zu meinem Tod führten. Einem Tod, der ja nun gar nicht mehr stattgefunden hat. Aber nicht für mein Bewusstsein...“

„Selbstmitleid steht dir nicht François.“

„Du bist Pierres Tochter – da fällt es dir sicher schwer, ihn so zu sehen, wie er wirklich war: vollkommen skrupellos. Aber ich kann dir wirklich beim besten Willen nicht helfen. Selbst, wenn ich es wollte.“

„Warum nicht?“

„Die Lemuren haben Pierres Seele ins sich aufgenommen, indem sie ihn zerfetzten. Sie haben diese Seele längst ihrem Herrn und Meister gebracht, wie ich die Lage einschätze. Sie gehört für alle Zeiten dem dunklen Bruder des Affengottes, so steht es geschrieben. Das Gift, das in seiner Seele wirkt, gilt auch für die Vergangenheit. Wenn wir ihn retteten, stünde ein Diener Heng Sons vor uns...“

„Das ist nicht wahr!“, flüsterte Valerie, während ihr Tränen über das Gesicht rannen.

„...und sehr bald schon wird seine Tochter ihm in diese Knechtschaft folgen!“

„Nein!“

„Eine winzige Verletzung durch einen Lemuren genügt. Glaub mir...“

Valerie starre ins Leere. Hatte sie es nicht die ganze Zeit über geahnt? Die Kälte in ihr wuchs. Ein leichtes Zittern durchlief ihren gesamten Körper.

„Gibt es kein Mittel dagegen?“, fragte sie tonlos. Und noch eine andere Frage stellte sich. Eine Frage, die Valerie in diesem Augenblick kaum auszusprechen wagte. Wer würde – außer ihrem Vater – dazu in der Lage sein, jene Mächte zurück in ihre Schranken zu verweisen, die Pierre de Bressac so leichtsinnig entfesselt hatte?

12

Als Luc Morell und Monique Dumas zwischen den Schwarzen Blumen am Ufer des Boeng Kar Sees hervortraten, rann ihnen schon nach wenigen Metern der Schweiß von der Stirn.

„Dies muss tatsächlich Phnom Penh sein“, stellte Luc Morell erleichtert fest.

„Die Adresse von diesem François Lon haben wir ja. Also können wir ihm einen Besuch abstatten“, schlug Monique vor, während sie dem Seeufer folgten und auf den chaotischen Boulevard Confederation de la Russie zugingen. Die letzte Adresse von François Lon herauszufinden war über das Internet nicht schwer gewesen. Er bewohnte ein Haus in der Nähe des Toul Tom Pon Markets und betrieb dort unter anderem einen Handel für Heilpflanzen, die er über eine Website vertrieb und in alle Welt exportierte. Von seinen Forschungen schien er sich vollkommen zurückgezogen zu haben.

Zumindest hatte er darüber seit Jahren nichts mehr veröffentlicht.

Aber jemand, der wahrscheinlich über die Funktionsweise von Schwarzen Blumen Bescheid wusste, hatte wohl auch keinerlei Interesse daran, davon etwas in der Öffentlichkeit verlauten zu lassen. Das hätte nur Konkurrenten und Neider herbeigelockt.

Es gab Dinge, die wichtiger waren, als wissenschaftlicher Ruhm.

Luc Morell konnte diesen Gedanken sehr gut nachvollziehen.

Lons Adresse am Boulevard Mao Tse Toung hatte er in den Routenplaner seines Handys eingegeben.

Es würde keine Schwierigkeit bedeuten, dort anzukommen.

Allerdings war der Weg ziemlich weit, wie Luc Morell nach einem Blick auf das gestochen scharfe Farbdisplay seines Geräts feststellte.

Phnom Penh war eine sehr weitläufige Stadt.

„Wenn du das Ding da schon in der Hand hältst, könntest du uns eigentlich ein Taxi rufen!“, meinte Monique, nachdem sie den Boulevard Confederation de la Russie erreicht hatten.

Luc Morell lachte heiser und deutete auf die beiden entgegengesetzten, dicht gedrängten und vollkommen chaotischen Verkehrsströme, die sich den Boulevard teilen mussten. Einer, der in die Stadt hineinführte, und einer in die andere Richtung. „Was glaubst du, wie lange dieses Taxi wohl brauchen würde, um hier anzukommen und uns aufzulesen. Selbst die beste klimatisierte überlange Daimler-Limousine braucht einen halben Tag, um sich durch dieses Chaos zu quälen!“

„Auf eine klimatisierte Limousine würde ich aber mit Vergnügen warten...“

Sie überquerten den Boulevard und mussten dabei ziemlich aufpassen, um nicht von Sebu-Karren oder altersschwachen Lastwagen mit kyrillischen Buchstaben auf der Kühlerhaube über den Haufen gefahren zu werden. Plötzlich stutzte Luc Morell.

Er blieb mitten auf der Straße stehen.

Monique riss ihn mit sich.

Luc Morells Blick glitt suchend über die Fahrzeuge in seiner näheren Umgebung. Käfige mit Hühnern baumelten an den überladenen Fahrradrikschas. Daneben hing geräucherter Fisch. Einer von zahlreichen Marktfahrern war es wohl, der da in die Pedale trat, um endlich den Ort zu erreichen, an dem er eine Ware feilbieten konnte. Zu Tausenden verstopften sie den Boulevard, der mit einer breiten, großzügigen Schlendermeile nicht das Geringste gemein hatte.

Auf einem dieser Karren sah Luc Morell eine Katze herumklettern. Auf einem anderen einen Affen, der an einer Kette befestigt war. Er hatte etwas auf dem Rücken.

Zusammengefaltete Flügel?

Luc Morell war sich nicht sicher, und im nächsten Moment war das Tier auch schon aus seinem Gesichtskreis entschwunden.

Sinnlos, es wiederfinden zu wollen.

Dutzende von Hupen ertönten in Luc Morells unmittelbarer Umgebung. Im Straßenverkehr schien die asiatische Gelassenheit auch in diesem Land längst westlicher Hektik und Ellbogenmentalität gewichen zu sein.

Luc Morells rechte Hand berührte das Amulett.

Der Silberstern schlug an.

Die Wärme, die von ihm ausging, überstieg das durch die Sonneneinstrahlung verursachte Maß bei weitem.

Sie erreichten die andere Straßenseite. Monique zog ihn in eine Türnische. Hier herrschte wenigstens Schatten, und außerdem bestand auch nicht die Gefahr, irgendeinem Rikscha-Rowdy zum Opfer zu fallen.

Als Luc Morell erneut das Amulett berührte, wusste Monique sofort Bescheid, was los war. Er brauchte ihr nichts zu erklären. Dazu kämpften sie schon zu lange gemeinsam Seite an Seite gegen die Mächte der Finsternis.

„Die Wärme lässt schon wieder stark nach“, stellte Doktor Mystery fest. „Aber gerade befanden wir uns in der Nähe einer Quelle von schwarzmagischer Energie. Daran kann es keinen Zweifel geben.“

„Dann sind wir also auf der richtigen Spur“, stellte Monique fest.

Luc Morell nickte düster. „Ja. Und ich schätze, dass wir uns sehr beeilen müssen, wollen wir von Valerie Cordonnier oder François Lon noch irgendetwas erfahren...“

13

Heng Sons Schattengestalt durchschritt den Thronssaal, stieg die Stufen zum quaderförmigen Sockel des Knochenthrones empor und nahm dann Platz.

Die geflügelten Affen verharrten kurz in angstvoller Stille. Sie kauerten in ihren Ecken oder hängten sich kopfüber an die von der Decke herabbaumelnden Schädel.

Einer seiner menschlichen Diener stand in seine dunkle Kutte gehüllt zur Linken dieses grotesken Thrones, der wie eine steingewordene Verhöhnung jeglichen Lebens wirkte. Die Knochensubstanz der Schädel war im Laufe der Zeit versteinert, und so hatte sich ein Relief von bizarrer Grausamkeit herausgebildet. Ein Kunstwerk des Todes und Vergänglichkeit.

„Sag mir deinen Namen!“, forderte der Bruder des Affengottes.

„Ich bin das Gefäß,“, sagte eine dunkle Männerstimme auf Französisch mit schweizerischem Akzent. Für den Herrn der Verlorenen Stadt war es vollkommen gleichgültig, in welcher Sprache sich sein demütiger Knecht äußerte. Heng Son war in der Lage, die Gedanken seines Gegenübers zu lesen. Sie waren wie ein offenes Buch für ihn. Dasselbe galt für Emotionen jeglicher Art, die er mitunter regelrecht zu genießen pflegte. Insbesondere dann, wenn es sich um Emotionen handelte, die in irgendeiner Form mit Furcht und Entsetzen zu tun hatten. Der Herr des Schattenthrons konnte daraus regelrecht Kraft beziehen.

In den ersten Jahren seiner Verbannung hatte er die Sterblichen von Sarangkôr erheblich dezimiert. Die waren aus einer Laune des Schicksal heraus ebenfalls verbannt worden, weil sie sich gerade in den Mauern dieser Stadt aufgehalten hatten, als die vereinte Kraft der anderen Götter ihn heimgesucht, in die Schranken gewiesen und mitsamt seiner Stadt und dem sie umgebenen Landstrich in eine andere Welt versetzt hatten. Er hatte diese Menschen für überflüssig gehalten, aber später seinen Irrtum erkannt. Gerade noch rechtzeitig, um ein Aussterben der Bevölkerung Sarangkôrs in dieser fremden Welt, in die die Stadt versetzt worden war, zu verhindern. Mittlerweise sah er diese Sterblichen als Werkzeuge an.

Meistens.

Bisweilen aber auch als Objekte seiner finsteren Lust an ihrer Angst und ihrem Grauen, das ihm selbst immer wieder aufs Neue ein Gefühl der Kraft gab.

Und jetzt, da es wieder einen Zugang von seinem Reich zur Erde gab, konnte er die Sterblichen nach Bedarf zu seinen Knechten machen und gegebenenfalls hinüberschicken, um seine Aufträge auszuführen – auch wenn er da doch die geflügelten Affen bevorzugte. Ihnen fühlte er sich näher. Sie waren ihm schon rein körperlich sehr viel ähnlicher, und Heng Son hatte außerdem das Gefühl, sich einfach besser auf sie verlassen zu können.

„Ich meine nicht den Namen, den ich dir heute gab, sondern jenen Namen, mit dem du auf der Erde geboren wurdest“, sagte der Herrscher von Sarangkôr.

„Louis Schneider“, antwortete der Kuttenträger.

„Schlag deine Kapuze zurück.“

Louis Schneider gehorchte.

Das Gesicht eines vollkommen starr dreinblickenden Mannes kam zum Vorschein. Am Hals waren vernarbte Striemen zu sehen, die augenscheinlich von den siebenfingrigen Krallen eines geflügelten Affen stammten.

„Ich brauche deine Seele nicht mehr, Louis!“, eröffnete der Herr des Schattenthrons.

Louis Schneider zeigte keinerlei Regung. Das Gesicht blieb so maskenhaft wie bei einer Leiche. Nur in seinen Augen begann es aufzuglühen, und dieses Leuchten erfüllte wenig später die gesamte Augenhöhle und wurde so grell, dass sich die Lemuren im Thronsaal entweder kreischend abwandten oder ihre Augen mit ihren siebenfingrigen Händen schützten.

Zuerst war es rot, wurde immer heller und verwandelte sich schließlich in ein helles Gelb, bevor es sich wieder verdunkelte und schwarz wurde.

Schwärzer als die finsterste Nacht.

Diese Schwärze wurde aus den Augen von einer unsichtbaren Kraft herausgesogen und verschwand im Schattenfeld Heng Sons.

Ein Zittern durchlief Louis Schneiders Körper.

Er drohte, kraftlos in sich zusammenzusinken.

Zwei der geflügelten Affen flatterten auf einen Befehl ihres Herrn und Meisters herbei und packten den Körper von Louis Schneider an den Armen. Schlaff hing er in ihrem Griff. Der Kopf war nach vorn gesackt. Schlaff und ohne leben. Die Augen leer und starr. Eine Leiche.

Heng Son erhob sich von seinem Platz.

Die Schattenzone bildete zwei gewaltige Arme, die sich den von der Decke des Thronsaals herabhängenden Schädeln entgegenstreckten.

„Satamuet ketares!“, rief er.

Worte, die einer Sprache entstammten, die viel älter war als das klassische Khmer der Angkor-Periode und auch wohl kaum südostasiatischen Ursprungs war.

In der Decke des Saales schob sich daraufhin eine Platte zur Seite.

Eine Öffnung entstand in der Form eines Quadrats mit einer Seitenlänge von mindestens fünf Metern. Sie gab den Blick auf den Sternenhimmel frei. Das auffälligste Objekt war dort ein grünlich schimmernder Mond, dessen Färbung an einen gewaltigen Jadestein erinnerte.

Lange Jahrhunderte hatte Heng Son den Anblick des Jademondes am Himmel dieser fremden Welt, die für ihn nichts weiter als ein verhasstes Gefängnis war, ertragen müssen.

Aber diese Zeiten neigten sich nun dem Ende zu.

Sarangkôr würde an seinen angestammten Platz zurückkehren und das Vergessene Land dem Vergessen entrissen werden.

Den Bruder des Affengottes erfüllte dies mit Genugtuung.

Er konnte es kaum noch erwarten, anstelle des Jademonds und der fremden Sternenbilder dieses Planeten endlich den Erdmond und die vertrauten Strukturen am Nachthimmel sehen zu können.

All die Jahrhunderte hindurch hatte Heng Son diese Muster nicht vergessen.

Wieder erhob er die Stimme und sprach noch einmal ein paar Worte in jenem Idiom, das magische Handlungen und Befehle unterstützte.

Der raschelnde Flügelschlag von mindestens zweihundert Lemuren der unterschiedlichsten Größe war im nächsten Moment zu hören. Das Geräusch schwoll an, bis es für menschliche Begriffe nahezu ohrenbetäubend war. Der Jademond und die Sternbilder dieser fernen Welt, die für Heng Son niemals so etwas wie ein Ersatz für die Erde oder gar eine Heimat hatte werden können, verdunkelten sich.

Der Lemuren-Schwarm tauchte in den Thronsaal hinein. Einer nach dem anderen kam im Sturzflug die Öffnung in der Decke herabgeschossen.

„Ihr habt die Fragmente jener Seele in euch, die einst einem Sterblichen gehörten, der unter bedauerlicher Selbstüberschätzung litt“, murmelte die Stimme Heng Sons. Er benutzte dabei die alte Sprache der Khmer. „Gebt diese Fragmente ab! Gebt die Teile, die zusammen mehr sind als ihre Summe in dieses Gefäß!“ Dabei deutete ein von pechschwarzem Schatten umgebener Arm in Richtung des toten Louis Schneider, der noch immer von Lemuren gehalten wurde. Deren Flügelschlag hatte die Geschwindigkeit von Kolibris, damit sie sich die ganze Zeit über in der Luft halten konnten.

Nacheinander schossen die geflügelten Affen dicht am Gesicht des Toten vorbei. Sie öffneten dabei ihre zahnbewehrten Mäuler. Etwas Schwarzes kam daraus hervor. Es wirkte wie ein Gas. Von einer unsichtbaren Kraft gelenkt schwebten diese Gasschwaden in den halb geöffneten Mund und in die Nase des Toten.

Diejenigen unter den Lemuren, die ihre Seelenfragmente abgeliefert hatten, kauerten sich auf den Boden oder schwebten zu einem der hängenden Schädel empor, um sich daran zu hängen.

Der ganze Vorgang vollzog sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit.

Als er schließlich beendet war, schloss sich die Öffnung in der Decke des Thronsaals wieder.

Grauer Stein verdeckte das Licht des Jademonds.

Ein Ruck ging durch den Körper jenes Mannes, der einmal den Namen Louis Schneider getragen hatte.

Auf einmal war wieder Leben in seinen Augen.

Die Gesichtszüge veränderten sich und glichen jetzt der Karikatur eines Lächelns.

„Wer bist du?“, fragte Heng Son.

„Ich war das Gefäß. Aber nun bin ich Pierre de Bressac“, kam es stockend und etwas automatenhaft zwischen den schmalen Lippen hervor.

„Ich habe einen Auftrag für dich, Pierre. Einen Auftrag, der dich zurück auf die Erde führen wird!“

„Ja, Herr.“

„Meine geflügelten Diener berichteten mir von einem Gegner, dem ich bislang nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt habe. Sein Name ist Luc Morell. Man nennt ihn Doktor Mystery.“

„Ja, Herr.“

„Er ist auf der Suche nach dir – und er soll dich finden!“

Ein heiseres Gelächter folgte, das schließlich in einen krächzenden Laut überging, der nichts Menschliches mehr an sich hatte, sondern eher an die Laute eines Tieres erinnerte.

14

Ein zischender Laut ließ Valerie zusammenfahren. Das Geräusch war aus der Richtung des Fensters gekommen. Die Lamellen vibrierten leicht. Ein unangenehm warmer Wind blies von draußen herein.

Zu beiden Seiten des Fensters befanden sich aus dem hölzernen Rahmen heraus geschnitzte, reliefartig hervortretende Darstellungen mehrköpfiger Kobras.

Mehrfach hatte sie zusammen mit ihrem Vater die Ruinen von Angkor besucht, und daher wusste sie, dass es sich bei diesen Kobras in den dortigen Steinreliefs um so genannte Nagas handelte. Schutzgeister, die in der Lage waren, Dämonen abzuwehren.

Ihr Vater hatte ihr einst ein Naga-Amulett aus Silber geschenkt und sie streng angewiesen, es ständig zu tragen, was sie aus pubertärem Oppositionsgeist heraus nicht getan hatte. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, mit welcher Eindringlichkeit er sie geradezu beschworen hatte, ihren Naga bei sich zu tragen. Die Gefahren, von denen er damals gesprochen hatte, hatte sie damals nicht einmal erahnen können.

Das hatte sich radikal geändert, und nun trug sie ihren Naga immer bei sich, wenn auch nicht an einer Kette um den Hals, sondern in der rechten Tasche ihrer Jeans.

Ihre Hand glitt unwillkürlich dorthin.

Dabei starrte sie unverwandt einen der Nagas am Fensterrahmen an.

Sie glaubte gesehen zu haben, wie er zwei seiner insgesamt vier Kobraköpfe bewegt hatte.

Auch François schien plötzlich alarmiert zu sein. Das Lächeln, das in seinen Zügen erschien, wirkte künstlich und maskenhaft. Sein Gesicht verlor einen Großteil seiner Farbe.

François Lon war bleich wie die Wand, als er sich in gespielter Leichtigkeit an Valerie wandte.

„Hast du wirklich noch nie einen Naga in Aktion gesehen?“

„Nein.“

„Glaub mir, wir sind hier sicher. Dafür habe ich gesorgt.“

„Warum hatte mein Vater keine Nagas zu seinem Schutz bei sich, als die Lemurenbestien ihn zerfetzten?“, fragte Valerie.

François Lon bedachte die junge Frau mit einem sehr ernsten Blick. Was stimmt denn jetzt auf einmal nicht?, durchfuhr es sie siedend heiß. Habe ich irgendetwas Falsches gesagt?

„Nagas sind keine sklavenhaften Dienstgeister“, erklärte François Lon. „Sie lassen sich zwar beschwören, und man kann sie um ihren Schutz bitten. Aber sie entscheiden selbst, was sie tun oder lassen, wem sie gehorchen und wem nicht.“

Valerie schluckte.

François Lons Worte waren für sie wie ein Keulenschlag vor den Kopf.

„Heißt das, die Nagas haben sich geweigert, meinen Vater zu schützen, als das Verhängnis in Form dieser geflügelten Bestien über ihn hereinbrach?“

„Pierre wusste, dass kein Naga ihn schützen würde“, erklärte François Lon. „Sie schützen grundsätzlich niemanden, der sich mit jenen unaussprechlichen Mächten eingelassen hat, von denen dein Vater glaubte, er könnte sie beherrschen.“

„Du hast das auch geglaubt“, stellte Valerie fest.

François Lon nickte. „Ja, aber ich habe rechtzeitig erkannt, dass dies ein Irrweg war.“

„Im Gegensatz zu meinem Vater“, flüsterte Valerie beinahe tonlos.

François widersprach nicht.

Spürst du nicht den Widerwillen, der sich in dir gegen die Nagas regt?, wisperte eine Stimme in ihr, die ganz aus der Tiefe ihrer verwirrten Seele kam. Vielleicht ist das schon ein Zeichen dafür, dass das Böse langsam die Herrschaft über dich gewinnt, fuhr diese Stimme fort.

Sie griff in ihre Jeanstasche und fühlte in sich plötzlich den Wunsch aufkeimen, ihr Naga-Amulett hervorzureißen und von sich zu schleudern.

Aber hatten dann die Mächte des Bösen nicht erreicht, was sie wollten? War sie dann der Finsternis nicht erst recht schutzlos ausgeliefert?

Valerie schluckte und presste die Lippen fest aufeinander. Ihre Hand umschloss in der Jeanstasche das Naga-Amulett und holte es hervor.

Nein, gib dieser Regung nicht nach!, versuchte sie sich selbst einzureden, während sie gleichzeitig spürte, wie ihr Widerstand immer schwächer wurde. Ihre eigenen Argumente erschienen ihr auf einmal nicht mehr plausibel, und eine seltsame Gleichgültigkeit überkam sie.

Es war ihr klar, dass sie dagegen ankämpfen musste. Das kalte Etwas in der Tiefe ihrer Seele breitete sich aus, nahm immer mehr Raum in ihrem Inneren ein und drohte jedes Gefühl, jede Empfindung, alles, was ihre Persönlichkeit ausmachte, langsam erstarren zu lassen.

Die Faust, mit der sie das Amulett hielt, zitterte. Trotz der Hitze überzog eine Gänsehaut ihre Unterarme, und sie fühlte eine Kälte, die ihren gesamten Körper erfasste.

Sie öffnete die Hand.

Rang noch mit sich.

François Lon trat zu ihr, schloss ihre Hand wieder. „Behalte das, solange es dir irgendwie möglich ist und du es ertragen kannst, Valerie!“

Seine eindringlich gesprochenen Worte sorgten dafür, dass sie wieder klar denken konnte.

„Willst du nicht die Fenster schließen?“, fragte sie.

François ging zum Fenster und zog die Lamellen hoch. Die schon tief stehende Sonne blendete. Jetzt erst bemerkte Valerie die gusseisernen Stäbe, die von außen angebracht waren. „Die Mächte des Bösen lassen sich durch so etwas nicht aufhalten, aber es gibt mir ein gewisses Gefühl der Sicherheit. Lass uns jetzt nach unten gehen. Ich werde nach einem Weg suchen, um deine Seele vielleicht doch noch zu retten.“

„Und...“ Sie stockte.

„...falls das nicht gelingen sollte?“, vollendete er ihre Frage.

Valerie nickte.

„Keine Sorge, ich werde dich töten, bevor es zu spät ist und die Dämonenkräfte in dir die Oberhand gewinnen...“

15

Etwas klatschte gegen die Gitterstäbe, krallte sich daran fest. Die rot glühenden Augen eines Lemuren stierten Valerie und François an.

Alle vier Krallenhände klammerten sich an die Stäbe. Aus der Verdickung am Schwanz fuhren die Stacheln aus.

Die Kreatur der Nacht riss ihr Maul auf und bleckte die Reißzähne. Ein markerschütterndes Kreischen stieß das Wesen aus. Zwei weitere geflügelte Affen flogen herbei und krallten sich an den Gitterstäben fest. Einer von ihnen war klein genug, um ins Innere des Hauses zu gelangen.

Blitzschnell schnellten die Kobraköpfe der Naga aus dem Holz und bissen zu.

Der Lemure stieß einen Schrei aus.

Seine Körpersubstanz zerfiel zu faulig riechendem Staub, der auf den Boden rieselte.

Weitere Lemuren flogen heran. Diesmal sehr viel kleinere Exemplare. Von der Menschenmenge auf dem Boulevard Mao Tse Toung und dem angrenzenden Toul Tom Pon Market schien niemand auf diese kleinen, teilweise gerade handgroßen Flieger zu achten, die ziemlich hoch über sie hinwegjagten.

Einige der kleineren Lemuren flogen einfach zwischen den Gitterstäben hindurch. Die größeren hatten erstaunlich biegsame Körper. Sie quetschten sich durch das Gitter. Dabei waren sie jedoch so langsam, dass sie leichte Beute der Naga wurden. Die Schlangenköpfe zuckten hervor, schnappten die Lemuren zielsicher aus der Luft. Manche dieser Schutzgeister verschossen platinfarbene Strahlen, die die Eindringlinge verschmoren ließen. Ein verbrannter Geruch mischte sich mit dem aasigen Hauch der Fäulnis.

Valerie konnte kaum atmen.

Sie wäre wie erstarrt stehen geblieben, wenn François Lon sie nicht zurückgerissen hätte.

„Vorsicht!“, rief er.

Die Schlangenköpfe der Naga vernichteten einen Lemuren nach dem anderen.

Aber letztlich waren es zu viele, um sie alle aufzuhalten. Von draußen war ein unheilvolles Rauschen zu hören, und Valerie brauchte einige Augenblicke, um zu begreifen, dass es durch das Schlagen von Lemuren-Flügeln verursacht wurde.

Die ersten Schreie des Entsetzens drangen nun auch vom Boulevard herauf. Offenbar waren Passanten auf den Schwarm der Schattenkreaturen, der über ihnen schwebte, aufmerksam geworden.

Da gelang es dem ersten Lemuren, die Abwehrfront der Naga zu durchbrechen.

Es war ein Lemure, der kaum größer als eine Faust war.

Er schnellte durch die Luft. Seine Flügel bewegten sich so schnell, dass man sie kaum sehen konnte. Mit aufgerissenem Maul und ausgestreckten Krallenhänden stürzte er sich auf François Lon.

Und im nächsten Moment wurde Valerie klar: Sie haben es gar nicht auf mich abgesehen – denn meine Seele besitzen sie schon! Sie sind wegen François hier!

16

Luc Morell und Monique Dumas hatten sich schon ziemlich die Füße plattgelaufen, als sie am Sivutha-Boulevard in der Nähe des Olympia-Sportzentrums endlich ein Taxi fanden. Sie hatten sogar die freie Auswahl, denn mindestens zwanzig Wagen der unterschiedlichsten Typen warteten dort. Sie hatten Besucher zum Wat Moha Montei gebracht, einem bedeutenden Kloster. Dem Schicksal anderer Sakralbauten, deren Steine während der Herrschaft der Roten Khmer als Baumaterial verwendet worden waren, war das Kloster dadurch entgangen, dass es als Kornspeicher Verwendung gefunden hatte.

Etwa eine halbe Stunde später erreichten Luc Morell und Monique Dumaas den Boulevard Mao Tse Toung. Sie stiegen aus und bezahlten den Fahrer, der sich mit seinem Wagen – einem roten Toyota – durch das Getümmel am Toul Tom Pon Market quälen musste. Luc und Monique kamen hier zu Fuß schneller voran.

Die Hausnummern standen häufig nicht an den Häusern, was die Suche aber nur geringfügig erschwerte. Auf die Routenplanerfunktion des GPS-tauglichen Handys war jedenfalls mehr Verlass als auf die amtlich lizenzierten Schildermaler von Phnom Penh.

„Das muss es sein!“ Luc Morell deutete auf ein dreistöckiges Gebäude.

„Na, Gott sei Dank!“, stieß Monique vor. „Meine Schuhe bringen mich um!“

„Du hättest dir etwas Bequemeres anziehen können!“

Luc Morell griff mit der Rechten an sein Amulett.

Monique sah bereits an seinem angespannten Gesichtsausdruck, was los war.

„Kommen wir noch rechtzeitig?“, fragte sie.

„Das weiß ich nicht...“

Eher aus dem Augenwinkel heraus hatte er flüchtig etwas daherfliegen sehen, dass vielleicht ein Lemure war...

Suchend ließ er den Blick schweifen.

Im nächsten Moment verdunkelte sich der Himmel.

Wie aus dem Nichts flogen plötzlich mindestens zweihundert Lemuren unterschiedlichster Größen über die Köpfe der Marktbeschicker hinweg. Das Rascheln, das dabei entstand, wirkte gespenstisch. Es mischte sich mit den panischen Schreien der Marktbesucher.

Kreischend flogen die geflügelten Affen auf das Haus von François Lon zu.

Manche von ihnen klatschten einfach gegen die Fassade und krallten sich in den Mauerfugen fest oder hingen an Fenster und Türen. Einige von ihnen stießen nichtmenschliche Schreie aus.

Der größte Teil dieser grausigen Brut konzentrierte sich auf ein Fenster im dritten Stock. Diejenigen Lemuren, die keinen geeigneten Landeplatz fanden, flogen einen Bogen und drehten anschließend eine Runde über dem Markt, um es dann noch einmal zu versuchen.

Luc Morell handelte blitzschnell. Er verschob eine bestimmte Hieroglyphe auf seinem Amulett. Strahlen schossen aus dem inzwischen fast unerträglich heiß gewordenen Silberstern und sorgten dafür, dass innerhalb von Sekunden bereits mehrere Dutzend der Angreifer ausgeschaltet waren. Ihre verschmorten Leiber fielen zu Boden und wurden zu Staub, noch ehe sie dort auftrafen. Grauer, ekelhaft nach Fäulnis riechender und unglaublich feiner Staub rieselte mit einiger Verzögerung in großen Wolken zu Boden.

Der Geruch nach Fäulnis und Verwesung wurde so durchdringend, dass er alles andere überdeckte.

Einige der dämonischen Angreifer wurden auf Luc Morell aufmerksam.

Das Amulett handelte, noch ehe Luc selbst es tun musste. Es umhüllte sowohl Doktor Mystery selbst als auch seine Freundin mit seinem Schutzfeld.

Die im Sturzflug herabschießenden Lemuren hatten keine Chance. Das Schutzfeld stieß sie zurück. Die Blitze aus dem Amulett versengten sie und machten Staubwolken aus ihnen.

Unter der Menschenmenge auf dem Toul Tom Pon Market brach Panik aus. Schreie gellten über den Platz. Die Leute stoben völlig orientierungslos in verschiedene Richtungen davon. Marktstände und Karren wurden umgestürzt.

Immer wieder stürzten sich die Lemuren auf Luc Morell und Monique Dumas. Es schien sie nicht zu kümmern, dass dies ihr sicheres Ende war. Jedenfalls hielt sie das Schicksal ihrer Vorgänger nicht davon ab, es immer wieder versuchen.

17

Mit einen wütenden Fauchen stürzte sich der Lemure auf François Lon. Der Halbkambodschaner taumelte zurück und hob schützend die Arme vors Gesicht. Ihm war bewusst, dass jede Verletzung durch diese kleine Bestie ‒ und mochte sie auch noch so geringfügig sein ‒ dazu führen konnte, dass er zu einem willenlosen Sklaven Heng Sons wurde.

Mehr als einmal hatte François dies bei anderen mit ansehen müssen. Hatte miterleben müssen, wie sie zu willenlosen Marionetten jener fremden Macht wurden, die Pierre de Bressac aus dem Exil geholt hatte, in das sie seit tausend Jahren verbannt war.

François Lon wich dem Lemuren aus.

Er trug ein Naga-Amulett um den Hals. Es ähnelte dem, das Valerie ihr Eigen nannte.

Der Naga erwachte zum Leben. Das Silber schimmerte eigenartig. Die Kobraköpfe fauchten.

Der Naga sprang dem Lemuren an den Hals. Die Kette riss dabei. Beide – Naga und Lemure – stürzten zu Boden, ineinander verbissen. Blitze zuckten aus den Augen des Naga und über ihre Körper. Grünes Lemurenblut spritzte auf den Boden und versickerte zwischen den Fußbodenbrettern.

Ein zweiter Lemure hatte es ins Innere geschafft. Ein dritter folgte.

Valerie schleuderte ihnen ihr eigenes Naga-Amulett entgegen. Die mehrköpfige Kobra begann auf dem Boden zu erwachen. Blitze und platinfarbene Strahlen schossen aus den Augen ihrer Köpfe und erfassten beide Lemuren.

Ein weiterer Lemure – kaum größer als ein Daumennagel ‒ folgte ihnen und entging diesem Gewitter magischer Energien.

Er stürzte auf François zu. Dieser bemerkte ihn zu spät, schlug um sich, verfehlte ihn aber.

Die Schattenkreatur schoss dicht an seinem linken Ohr vorbei und hieb ihm dabei den Schwanz mit der morgensternartigen Verdickung ins Gesicht. Die ausgefahrenen Stacheln zogen einen blutigen Striemen. Ein tierischer, krächzender Laut, der an ein höhnisches Tiergelächter erinnerte, folgte und erstarb urplötzlich.

Ein greller Blitz erfasste die Nachtkreatur im Flug und verschmorte sie innerhalb eines Sekundenbruchteils zu einer Aschewolke.

Valerie schrie auf und wirbelte herum, um zu sehen, woher die Blitze gekommen waren.

„Luc Morell!“, stieß sie überrascht hervor.

18

Doktor Luc Morell und Monique Dumas waren in François Lons Haus eingedrungen, hatten das Erdgeschoss und die mittlere Etage links liegen lassen und im dritten Stock schließlich gefunden, wonach sie suchten.

Valerie Cordonnier und François Lon – beide in einem verzweifelten Abwehrkampf gegen eine Schar von Lemuren. Schon von der Straße aus war sichtbar gewesen, dass diese Monstren ein bestimmtes Fenster ganz besonders belagerten.

Blitze schossen aus Doktor Mysterys Silberstern und verbrannten einen Lemuren nach dem anderen zu Asche. Luc Morell und seine Lebensgefährtin waren nach wie vor von dem Schutzfeld umhüllt, das von dem Amulett projiziert wurde.

Immer heftiger zuckten die Blitze. Ein wahres Gewitter an magischen Energien drängte die Lemuren zurück. Es wurde unmöglich für sie, durch das Fenster zu gelangen. Dutzende vergingen bei dem Versuch. Schließlich flatterten die letzten davon. Kreischend zogen sie ihre Kreise über dem Toul Tom Pon Market, auf dem immer noch schiere Panik herrschte. Ein angstvolles Raunen ging durch die Menge, als sich die überlebenden geflügelten Affen erneut zu einer Art Schwarm sammelten und davonflogen. Sie verschwanden hinter den nächsten Häuserzeilen.

Der Spuk war vorbei.

Fürs Erste zumindest.

Luc Morell trat näher.

Das Schutzfeld des Amuletts wurde deaktiviert. Luc spürte, wie die Hitze aus dem Silberstern wich. Die Temperatur sank mit jedem Meter, den die Kreaturen der Nacht in Richtung ihres unbekannten Ziels zurücklegten.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte Monique an Valerie und François gewandt.

Keiner von beiden war im Augenblick in der Lage, darauf eine Antwort zu geben.

Luc Morell trat zum Fenster und sah den letzten Lemuren nach, die zwischen den Dächern Phnom Penhs verschwanden.

Sie zogen in nordwestliche Richtung.

Dorthin, wo Angkor liegt, kam es Doktor Mystery unwillkürlich in den Sinn.

„Ich glaube, wir sind Ihnen beiden zu großem Dank verpflichtet“, stellte Lon fest, während er die Wunde in seinem Gesicht betastete. „Aber vielleicht ist jetzt auch alles schon zu spät – zumindest für mich und Valerie.“

„Mein Name ist Doktor Luc Morell“, stellte sich der Meister des Unerklärlichen vor. „Und dies ist meine Gefährtin Monique Dumas. Wir bekämpfen die Mächte der Finsternis, wo immer wir sie antreffen. Im Augenblick interessieren uns die Hintergründe des grauenvollen Todes von Pierre de Bressac, mit dem Sie 1975 ein höchst eigenartiges Rendezvous hier in Phnom Penh hatten – einer Stadt, die zu diesem Zeitpunkt abgesehen von ein paar zu Kornspeichern umfunktionierten und streng bewachten Sakralbauten vollkommen menschenleer war.“

„Sie sind gut informiert“, erwiderte Lon. „Aber anscheinend nicht gut genug.“

„Sie verdanken Bressac Ihr Leben, weil er mithilfe der Schwarzen Blumen in die Vergangenheit reiste und dafür sorgte, dass Sie Phnom Penh rechtzeitig verließen...“

„So, auch das wissen Sie...“

Luc Morell wandte sich an Valerie. „Es wäre schön, wenn sie uns jetzt mal reinen Wein einschenken würden...“

„Wer auch immer Sie sein mögen, Doktor Morell! Helfen Sie uns!“, bat Lon. „Ich weiß nicht, ob es für Valerie und mich noch eine Rettung gibt. Aber vielleicht kann noch verhindert werden, dass Heng Son, der verstoßene Bruder des Affengottes und jetzige Herr des Knochenthrons, auf die Erde zurückkehrt – zusammen mit seiner verlorenen Stadt Sarangkôr...“

„Erzählen Sie, Monsieur... Lon, wie ich annehme!“, forderte Luc Morell.

„Zuerst müssen wir fort von hier!“, erklärte Lon. „Und zwar so schnell wie möglich.“ Er deutete auf die seltsam verformten Nagas, die wieder erstarrt waren. Das galt sowohl für Valeries Amulett als auch für die hölzernen Nagas, die aus dem Fensterrahmen herausgewachsen waren.

Es war ein bizarrer Anblick.

Wie der Skulptur gewordene Wahn eines umnachteten Künstlers.

„Die Schutzgeister, die dieses Haus bewachten, haben ihre Lebensenergie in ihrem verzweifelten Abwehrkampf gegen die Übermacht der Lemuren verbraucht. Wir sind hier nicht sicherer als irgendwo sonst.“

„Wohin gehen wir?“, fragte Luc Morell.

„Zu den Schwarzen Blumen am Boeng-Kar-See.“

„Es gibt einen weiteren Ort hier in Kambodscha, wo eine Kolonie von ihnen existiert, nicht wahr?“

„Ja. Nördlich von Angkor. Dort, wo Pierre de Bressac nach der vergessenen Stadt suchte – und sie gegen alle Erwartung auch fand.“

„Beeilen wir uns“, forderte Monique. „Tausende von Menschen auf dem Toul Tom Pon Market haben gesehen, was sich hier abgespielt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es unter dieser Menge niemanden gibt, der sich an Polizei und Behörden wendet.“

„Du hast Recht, Monique“, stimmte Luc Morell zu. „Ich habe auch keine Lust, jetzt irgendwelchen Bürokraten dämliche Fragen zu beantworten.“

19

Sie verließen das Haus am Boulevard Mao Tse Toung, folgten dem ortskundigen François Lon in eine Seitenstraße, bogen erneut ab und fanden schließlich sogar ein Taxi, das sie zum Boeng-Kar-See brachte.

Unterwegs sprudelte es nur so aus Lon heraus. Er berichtete davon, wie de Bressac geradezu süchtig danach geworden war, mit den Schwarzen Blumen in die Vergangenheit des alten Khmer-Reiches zu reisen. Dort kam er mit der Magie dieser Zeit in Berührung, vertiefte sich immer stärker in die damals üblichen magischen Praktiken und erkannte schließlich, welch gewaltiges Potential in deren Anwendung steckte.

Außerdem wurde er Zeuge des Kampfes, den die anderen Götter gegen Heng Son führten, wie sie ihn auf die Welt des Jademonds verbannten. Die anderen Götter – sie waren letztlich nichts anderes als Wesenheiten, die von den Priestern und Magiern aus Angkor beschworen worden waren, um dem Machtdurst Heng Sons einzudämmen. Die Erkenntnis, dass nicht die Götter die Menschen beherrscht hatten, sondern dass es in Wahrheit genau umgekehrt gewesen war, hatte de Bressac fasziniert, und er hatte alles daran gesetzt, sich selbst zum Beschwörer und Herrn dieser Wesen zu machen. Seine magischen Mittel reichten dazu allerdings wohl nicht aus. Keiner der anderen Götter ließ sich in der Gegenwart noch durch irgendeine Art von Magie beeinflussen. Sie schienen verschwunden zu sein. Verblasst im Dunkel der Zeiten. Vielleicht hatten sie sich auch einfach nur von der Erde im Allgemeinen und den Khmer im Besonderen abgewandt.

Schließlich aber glaubte de Bressac, eine Möglichkeit gefunden zu haben, Heng Son selbst für sich dienstbar zu machen, ihn auf die Erde zurückzuholen und mithilfe seiner albtraumhaften Macht eine unangefochtene Herrscherposition zu erringen.

Das war es, was de Bressac getrieben hatte.

„Ich habe ihn gewarnt, sich mit Heng Son einzulassen“, berichtete François Lon. „Schließlich ist die Magie, die von ihm ausgeht, nicht mit jener viel schwächeren Variante zu vergleichen, die die anderen Götter anwandten – oder die Nagas, die uns schützten.“

„Es war schwarze Magie, die Heng Son benutzte“, stellte Luc Morell fest, der den Unterschied natürlich wie kaum ein Zweiter auf der Welt zu definieren wusste.

„Ja“, flüsterte François Lon fast tonlos. „Pierre merkte zu spät, dass sich Heng Son nicht von ihm benutzen ließ. Es war genau umgekehrt: Der dunkle Bruder des Affengottes benutzte de Bressac und dessen Rituale, um sein Gefängnis endlich zu verlassen. Er hatte durch de Bressacs magische Experimente eine Brücke zur Erde erhalten, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Nicht ganz, um ehrlich zu sein“, gestand Luc Morell.

„Die verlorene Stadt Sarangkôr materialisiert zeitweilig in unserer Welt – mitten im Dschungel nördlich von Angkor. Genau an jener Stelle, an der Sarangkôr vor über tausend Jahren gestanden hat. Pierre de Bressac erkannte seinen Irrtum, und wir beide haben vergeblich versucht, diesen Prozess mit magischen Mitteln rückgängig zu machen. Irgendwann, so war es uns beiden wohl insgeheim klar, würde es zum Dammbruch kommen. Unsere Mittel würden versagen. Das war der Fall, als die ersten Lemuren während der Materialisationsphasen von Sarangkôr auf die Erde gelangten. Geflügelte Killer, die damit begannen, de Bressac und die Mitglieder seines Teams der Reihe nach zu jagen und niederzustrecken.“ François Lons Stimme wurde heiser. Er sprach im gedämpftem Tonfall weiter. „Nicht einmal die Schutzgeister der Naga wollten de Bressac noch verteidigen. Für sie war auch er bereits ein Geschöpf der Finsternis, weil er sich auf die Praktiken der schwarzen Magie viel zu sehr eingelassen hatte. Sie haftete ihm an wie ein übler Geruch. Die Naga spüren das...“

„Dann wundert es mich, dass sie mich verteidigt haben!“, warf Valerie ein und zeigte dabei die Wunde an ihrem Handballen vor. Sie hatte sich entzündet. Im Taxi war die junge Frau etwas zur Ruhe gekommen. Der beißende Schmerz, den sie angesichts der Gefahr durch die Lemuren mehr oder minder verdrängt hatte, kehrte mit vermehrter Heftigkeit zurück.

„Glaub mir, es hätte nicht mehr lange gedauert, und sie hätten auch dich nicht mehr verteidigt“, erwiderte Lon. „Vielleicht würden sie dich jetzt sogar bereits angreifen...“ Lon atmete tief durch und fuhr an Luc Morell gewandt fort: „Passen Sie auf uns beide auf, Doktor Morell. Wenn wir unser Verhalten sehr stark verändern, müssen Sie uns möglicherweise töten, ehe wir Sie umbringen... Und hüten Sie sich davor, von einem Lemuren verletzt zu werden. Sie degenerieren mehr oder minder schnell zu einer Kreatur der Finsternis. Es wird so kalt in einem... Doktor Morell, Sie haben keine Vorstellung davon!“

20

Mittels der Schwarzen Blumen am Boeng-Kar-See gelangten Luc Morell und seine Begleiter zu jener Kolonie, von der François Lon gesprochen hatte.

Sie befanden sich irgendwo mitten im Dschungel.

Ohne entsprechende Ausrüstung war das alles andere als ein Vergnügen.

Ein Chor tierischer Stimmen erfüllte die schwere Luft. Die Sonne sank hinter die Wipfel der gewaltigen Urwaldriesen. Der Wald dampfte förmlich von der in ihm gebundenen Feuchtigkeit.

Nicht mehr lange, und die Nacht würde hereinbrechen.

Die weltberühmten Ruinen von Angkor waren auf ein Gebiet von gut hundert Quadratkilometern verteilt. Zum größten Teil waren die Überreste der alten Hauptstadt des Khmer-Reichs von Dschungel überwuchert. Nur ein paar Hauptwege waren von Minen geräumt worden, die seit dem Krieg der Roten Khmer hier vergraben waren und ständig neue Krüppel produzierten, die dann bettelnd an eben jenen Hauptwegen lagerten, auf denen die Touristen das Angkor Wat oder das Angkor Thom besuchten.

Luc Morell und seiner Gruppe befanden sich am Nordrand dieses gewaltigen urbanen Zentrums einer untergegangenen Kultur, deren Leistung gar nicht hoch genug einzuschätzen war. Schließlich waren London und Paris zur Blütezeit des Reiches von Angkor kaum mehr als Kleinstädte gewesen.

Sie kamen an halb vom Dschungel überwucherten Gebäuderesten vorbei. Die Mauern zierten halb verwitterte Reliefs, die vor allem ein Motiv zeigten: Nagas!

„Hier sind auf der Grenze zum Verlorenen Land“, erklärte François Lon. „Seinerzeit baute man eine Mauer mit Naga-Reliefs um das Gebiet von Sarangkôr herum, um Heng Son abzuwehren, falls ihm eine Rückkehr gelingen sollte. Aber diese Nagas sind bereits tot. Sie haben sich im Kampf gegen die Lemuren längst erschöpft – wie jene Schutzgeister, die ich mein Haus bewachen ließ.“

„Wann materialisiert Sarangkôr?“, erkundigte sich Luc Morell.

„Wir müssen abwarten.“

Schon zum wiederholten Mal fiel Luc Morell auf, dass der Halbkambodschaner auf sein Amulett starrte. Schon während der Taxifahrt hatte Doktro Mystery immer wieder das Gefühl gehabt, dass François Lon irgendetwas am Silberstern ungemein faszinierte.

„Sie erkennen einige der Hieroglyphen wieder?“, schloss Luc Morell.

„Manche ähneln magischen Zeichen aus dem alten Khmer-Reich“, bestätigte Lon. „Dieses hier“, er streckte die Hand aus und deutete auf eines der Symbole, die sich verschieben ließen und damit die unterschiedlichen Funktionen des Amuletts auslösten, „entspricht einem Zeichen der hellen Macht, das der Khmer-Magier Srei Kô verwendete. Was ist das für ein Amulett, dass Sie da tragen?“

„Es heißt Silberstern und wurde von einem keltischen Magier geschaffen.“ Konnte es sein, dass die Erkenntnisse Merlins bis ins alte Khmer-Reich gelangt waren? Oder war es umgekehrt, und die Quellen von Merlins Geheimwissen lagen ursprünglich in Südostasien? Fragen, deren Beantwortung wohl noch auf sich warten lassen musste.

Lon zuckte zurück, bevor er das Amulett berühren konnte. Es wirkte so, als wäre er von einem elektrischen Schlag getroffen worden. Die schwarzmagischen Kräfte in ihm werden stärker!, erkannte Luc Morell. Das Amulett war warm geworden, wie der Dämonenjäger wenig später feststellte. Er war nicht überrascht darüber, dass es so war – wohl aber über das Ausmaß.

Nicht mehr lange, und die beiden werden unsere Gegner werden!

21

Sie gelangten an eine Lichtung mitten im Dschungel. Das Gras war hoch. Der Mond stand inzwischen am Himmel und tauchte alles in ein fahles Licht.

„Hier ist es“, sagte François Lon. „Oder hier war es zumindest... Das Verlorene Land!“

„Gibt es denn keine Möglichkeit, Sie beide vor dem Schicksal zu bewahren, ein Werkzeug Heng Sons zu werden?“, wandte sich Monique an Valerie.

Die junge Frau wirkte apathisch. Sie schien zunächst gar nicht verstanden zu haben, was Monique gesagt hatte.

„Pierre de Bressac hätte uns vielleicht weiterhelfen können“, antwortete Lon für Valerie. „Seine magischen Kenntnisse waren sehr viel profunder. Wie ich schon mehrfach betont habe, scheute er sich auch nicht, die Kräfte des Bösen zu benutzen, wenn er sie in seinen Dienst stellen konnte...“

Valerie wandte den Blick zur Seite, sodass niemand das rötliche Aufblitzen in ihren Augen bemerkte.

Luc Morell spürte mittels seines Amuletts die Anwesenheit von schwarzer Magie. Aber er hielt dies für ein Zeichen, dass die Materialisation Sarangkôrs bevorstand.

22

Sie warteten bis nach Mitternacht. Lon hatte sie beschworen, diesen Ort nicht zu verlassen, wollten sie tatsächlich in die Welt des Jademonds gelangen.

„Ich weiß nicht, was Ihr Amulett alles kann“, meinte er. „Vielleicht sind Sie mit seiner Hilfe ja mächtig genug, Heng Son die Stirn zu bieten. Wenn nicht, dann sterben Sie in dieser anderen Welt.“

Da war plötzlich Moniques helle Stimme zu hören.

Sie hatte sich auf einem umgestürzten Baumstamm niedergekauert, der ein ganzes Stück in die Lichtung hineinragte.

Der vertraute Erdmond war verschwunden.

Statt seiner prangte ein jadegrünes Opal am Himmel, das wie ein riesiger Edelstein funkelte.

Nebelschwaden waberten aus dem hohen Gras der Lichtung empor und standen bald wie eine graue Wand vor Luc Morell und seinen Begleitern.

„Das ist das Verlorene Land“, stellte François Lon fest.

„Worauf warten wir dann noch?“, fragte Luc Morell.

23

Heng Son empfing jeden Gedankenimpuls seines Kundschafters, der soeben zurückkehrte. Der winzige Lemure war nur wenige Millimeter groß. Er landete auf den Stufen vor dem Knochenthron.

Dein Feind ist hier, wisperte die Gedankenstimme. Der Feind, mit dem nicht zu rechnen war – Luc Morell! Derjenige, der uns Lemuren zu Dutzenden tötet und in Staub verwandelt...

„Er ist bereits im Verlorenen Land?“

Ja.

„Und die beiden, deren Seelen bereits mir gehören?“

Ebenfalls. Außerdem noch eine Frau, über die nichts bekannt ist.

„Was ist mit den Zeichen? Waren sie an Luc Morells Amulett zu sehen?“

Der schwache Geist des Kundschafters schickte dem Inhaber des Knochenthrons von Sarangkôr eine bildliche Vorstellung des Amuletts, dass Luc Morell bei sich trug und mit dem er die Mächte der Finsternis zu bekämpfen pflegte.

Heng Son schwieg einige Augenblicke.

Dann sagte er mit dröhnender Stimme: „Schickt ihnen das Gefäß mit Pierre de Bressacs Seele entgegen.“

Ja, Herr.

„Ich hatte nicht gedacht, dass dieser Luc Morell so schnell hier sein würde und die Konfrontation dadurch im Vergessenen Land stattfinden wird...“

Sein ursprünglicher Plan war es gewesen, Luc Morell das Gefäß auf den Hals zu hetzen, sobald Sarangkôr auf der Erde für einige Stunden materialisierte und es die Möglichkeit des Transfers gab.

Doch dazu war es nun zu spät.

Luc Morell hatte ihn überrascht.

Kein gutes Zeichen, dachte der Herr von Sarangkôr.

24

Luc Morell und seine Begleiter durchwanderten die wabernden Nebelschwaden. Dahinter tauchten Konturen von hohen, erhabenen Gebäuden auf, die in ihrer Pracht und Kunstfertigkeit jene von Angkor noch weit in den Schatten stellten.

Da waren auch Männer und Frauen, die aussahen wie Khmer – nur, dass ihre Kleidung einem anderen, viel früheren Zeitalter entsprachen. Sie lebten in Holzhäusern. Stein war ja das Baumaterial der Götter oder der Gottkönige. Zumindest nach dem alten Glaube der Khmer.

Es waren tatsächlich Khmer!

Luc Morell verstand Bruchstücke dessen, was sie sagen.

Sie wirken scheu. Manche kamen aus den Häusern, um diese Fremden, die buchstäblich aus einer anderen Welt kamen, zu betrachten.

Der leere Blick fiel Luc Morell bei vielen von ihnen auf. Manche hatten Kratzspuren siebenfingriger Krallenhände auf jenen Hautpartien, die die Kleider freiließen.

Hin und wieder sah man geflügelte Affen auf den Dächern sitzen. Sie wirkten wie Kundschafter, die ihren düsteren Herrn über alles Bericht erstatteten, was ihre scharfen Augen zu sehen bekamen.

Ein paar Kuttenträger fielen Luc Morell auf. Ihre Gesichter waren nicht zu sehen, sondern in der Finsternis ihrer Kapuzen verborgen. Aber dort leuchtete etwas glutrot. Ihre Augen.

Luc, Monique, Valerie und François Lon erreichten das Ufer eines künstlich angelegten, exakt quadratischen Sees. In dessen Mitte befand sich eine sechseckige Insel, auf der die Zinnen eines geradezu fantastisch anmutenden Schlosses aufragten. Das Bauwerk übertraf das Angkor Wat bei weitem.

Ein Damm führte zu dem Schloss.

Eine Gruppe von Kuttenträgern versperrte den Weg, der darüberführte.

Eine weitere Gruppe von Kuttenträgern tauchte zwischen den Häusern auf. Sie bildeten einen Halbkreis.

Luc Morell bemerkte das rote Glühen ihrer Augen.

„Das sind Diener Heng Sons“, stellte François Lon fest.

Genau wie wir, dachte Valerie. Wir gehören zu ihnen – nicht zu diesem Doktor und seiner Freundin, die es sich in den Kopf gesetzt haben, das Unvermeidliche doch noch zu verhindern...

Ein Glühen, das ganz kurz in Valeries und François’ Augen zu sehen war, erregte Luc Morells Aufmerksamkeit.

Die Kuttenträger näherten sich.

Grellrote Strahlen schossen aus ihren Augen, gleichzeitig aus mindestens zwei Dutzend Paaren. Sie trafen sich genau dort, wo Luc Morell stand. Kurz zuvor hatte Doktor Mystery durch die Erwärmung des Amuletts die Anwesenheit erheblicher Mengen an schwarzmagischer Energie gespürt.

Das Amulett hüllte sowohl Luc als auch Monique augenblicklich in sein magisches Schutzfeld. Die Strahlen prallten ab, Blitze zuckten aus dem Silberstern und erfassten innerhalb von Sekunden sämtliche Angreifer. Von den Blitzen getroffen, sanken sie zu Boden und fielen regelrecht in sich zusammen.

Nur die Kutten blieben am Boden liegen.

Luc Morell sah sich um. Es befand sich niemand mehr zwischen den Holzhäusern der Sterblichen. Was sie gesehen hatten, musste sie mit Furcht erfüllt haben, und so hatten sie sich zurückgezogen.

„Ich denke, jetzt wird man uns mit etwas mehr Respekt entgegenkommen“, meinte Monique.

Luc deutete den Damm entlang in Richtung des Schlosses. „Dort ist die Residenz Heng Sons, wie ich annehme, nicht wahr?“

„Ja“, bestätigte François Lon.

Er zitterte.

Eine innere Kälte hatte ihn erfasst. Was geschieht mit mir – uns –, wenn es Luc Morell tatsächlich gelingen sollte, den Herr des Knochenthrones zu vernichten? Ist dann auch unsere Existenz an ihrem Endpunkt, da wir doch Heng Sons Geschöpfe sind?

Plötzlich erschien es ihm, als wäre das ein ausreichender Grund, um sich augenblicklich auf Luc Morell zu stürzen, ihm das Amulett zu entreißen und ihn zu töten.

Nein, dazu hast du im Augenblick noch nicht die Macht!, durchfuhr ihn siedend heiß die Erkenntnis. Noch nicht. Aber das kann sich schon sehr bald ändern. Du spürst doch, wie das kalte dämonische Etwas in dir immer weiter wächst und deine Seele erfüllt... Du hast das Gefühl, dass dieses Etwas dir Kraft entzieht, aber das ist nicht wahr. Es wird nur etwas transformiert. Umgewandelt. Du hast dich lange genug mit Magie beschäftigt, um das nüchtern betrachten zu können. Leben heißt Veränderung. Der Tod auch. Es gibt keine statische Existenz, und in dem Moment, in dem dich ein Lemure verletzte, war dein Schicksal schon besiegelt. Du solltest es akzeptieren.

Luc Morell war schon paar Schritte auf den Damm gegangen. Monique war bei ihm. Der Meister des Unerklärlichen drehte sich herum, als er merkte, dass sowohl François Lon als auch Valerie zögerten, ihnen zu folgen.

„Was ist los?“, fragte Monique.

„Nichts“, murmelte François Lon. „Gar nichts...“

25

Sie gingen über den Damm. Zu beiden Seiten stieg Nebel empor und schwebten wie vielarmige, graue Ungeheuer über dem dunklen Wasser des künstlichen Sees.

Hin und wieder verdeckten einige dieser aufsteigenden Schwaden den grünen Jademond, sodass er geisterhaft durch das Grau hindurchschimmerte.

Eine gespenstische Szenerie.

Am Ende des Damms befand sich das große Tor, das in den Palast führte.

Monique warf zwischendurch kurz einen Blick über das steinerne Geländer, dessen Reliefs jedem zu denken geben mussten, der diesen Weg ging. Kleine Schädel waren aus dem Stein herausgehauen. Schädel der unterschiedlichsten Spezies. Menschenschädel ebenso wie Kopfknochen von Arten, die wie groteske Karikaturen der Schöpfung aussahen.

Im dunklen Wasser des Sees waren ab und zu undefinierbare Bewegungen zu sehen.

Dort unten gab es zweifellos Etwas, das sich bewegte und auf seine Art wohl auch lebte.

Schließlich erreichte die Gruppe das Eingangstor des Palastes.

Ein Zeichen war in die Tür eingraviert.

Luc Morell erschauderte.

Das Zeichen glich der spiegelbildlichen Darstellung einer jener Hieroglyphen seines Amuletts, die offenbar auch magische Symbole des alten Khmer-Reiches waren.

Luc Morell griff zu seinem Blaster.

„Was haben Sie vor?“, fragte François Lon völlig überflüssigerweise.

„Ich möchte mir Zugang verschaffen“, erwiderte Luc Morell.

Aber noch ehe er den Blaster abgefeuert und damit das Tor zerstört hatte, sprang es plötzlich wie von Geisterhand auf.

Dahinter herrschte Halbdunkel.

Eine Gestalt in einer Kutte schälte sich daraus hervor und trat näher.

„Halt! Geht keinen Schritt weiter!“

Valerie glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen.

Sie erkannte diese Stimme sofort.

„Vater!“, rief sie. „Vater, bist du es?“

„Das muss ein schwarzmagisches Täuschungsmanöver sein!“, war Monique überzeugt.

„Nein, ich bin es wirklich ‒ Pierre de Bressac!“, rief der Kuttenträger. Er näherte sich gemessenen Schrittes. Seine Bewegungen wirkten eigenartig, irgendwie automatenhaft.

„Vater!“, rief Valerie noch einmal.

Der Mann, der mit der Stimme Pierre de Bressacs gesprochen hatte, schlug die Kapuze zurück.

Ein Gesicht kam zum Vorschein, das Valerie und François Lon gleichermaßen stocken ließ.

„In mir ist die Seele Pierre de Bressacs, dessen Körper zerfetzt wurde – ebenso wie meine geistige Essenz. Aber Heng Son, der Herr von Sarangkôr, fügte meine Seele wieder zusammen und gab mir diesen Körper! Ihr werdet ihn erkennen...“

François Lon schluckte unwillkürlich.

„Louis Schneider!“, stieß er hervor.

Auch Luc Morell war dieser Name ein Begriff.

Er hatte auf der Liste von Mitarbeitern von Pierre de Bressac gestanden, die der Dämonenjäger angelegt hatte. Schneider war unter mysteriösen Umständen bei einem Kambodscha-Aufenthalt verschwunden. Er galt als vermisst...

Die Augen jenes Mannes, der von Heng Son als das Gefäß bezeichnet worden war, begannen nun rötlich zu leuchten. Das Leuchten wurde platinfarben.

„Valerie! Du bist ein Kind der Finsternis geworden ‒ so wie auch ich. Was hast du mit dem Feind zu schaffen?“

„Ich...“

„Du hast ihn hierhergebracht, damit er unseren Herrn tötet. Aber das war falsch. Bald wirst du dich wundern, wie du so etwas tun konntest!“

Ein Kampf tobte in Valeries Innerem. Sie war hin- und hergerissen. Sie sah es als ihre Pflicht an, dabei zu helfen, dass eine dauerhafte Materialisation der Verlorenen Stadt auf der Erde verhindert wurde. Andererseits aber war da die Verbundenheit zu ihrem Vater. Sie spürte, dass er es tatsächlich war – so fantastisch das auch anmuten mochte.

Aber da war sie sich ganz sicher. Ein wohliger Schauer überlief sie bei diesem Gedanken. Bist du nicht auch hierhergekommen, um ihn zu retten?, überlegte sie. Jetzt rettet er vielleicht dich, indem er dich auf die richtige Seite zieht, ehe du großes Unheil über dich und die Deinen bringst...

Diese Gedanken, die sich da plötzlich in ihrem Kopf breitmachten, verwirrten sie. Sie wirkten so fremd. Valerie hatte fast das Gefühl, als ob es sich um Fremdkörper in ihrem Geist handelte.

Ihr Blick pendelte zwischen Luc Morell und ihrem Vater, der im Körper von Louis Schneider steckte, hin und her. Sie hatte das Gefühl, die Zeit würde jetzt äußerst verlangsamt voranschreiten.

Es war kaum zu glauben. Jede Millisekunde schien sich geradezu ins Unermessliche zu dehnen.

Und dann fasste sie einen Entschluss.

Sie trat zwischen Luc Morell und ihren Vater.

„Halt!“, sagte sie und hielt ihm die flache Hand entgegen.

„Geh zur Seite, Kind!“, forderte de Bressac.

„Vater, greif ihn nicht an. Das mächtige Amulett, das er trägt, wird dich sofort töten!“

In diesem Punkt musste Luc Morell ihr recht geben. Möglicherweise konnte Doktor Mystery die Reaktion des Amuletts noch nicht einmal bestimmen. Es würde einfach tun, was der Notwendigkeit entsprach – und das blitzschnell.

De Bressac hob die Arme. Grünlich schimmernde Blitze schossen aus seinen Fingern. Das Amulett aktivierte seinen Schutz, der sich um Luc Morell und die neben ihm stehende Monique legte. Die Strahlen prallten daran ab.

Luc Morell griff nach dem Blaster. Er hatte ihn auf Paralyse gestellt und schoss die Waffe ab. Durch den Elektroschock, der mit diesem Schuss ausgelöst wurde, verlor de Bressac das Bewusstsein. Er sackte in sich zusammen und blieb reglos am Boden liegen.

„Er ist nur betäubt“, sagte Luc Morell zu Valerie, die zu ihm stürzte und sich über ihn beugte. Ein tierhaftes Fauchen kam über ihre Lippen. Sie kauerte neben dem bewusstlosen Körper wie eine Raubkatze, die zum Sprung bereit ist. Ihre Augen glühten dunkelrot auf. Sie fauchte erneut.

Luc Morell betäubte sie mit einem gezielten Blaster-Schuss, ehe das Amulett reagieren konnte und sie vielleicht tötete.

Dann wandte er sich an François Lon. „Wie steht es mit Ihnen? Sind Sie noch stark genug, um dem, was in Ihrer Seele wächst, zu widerstehen?“

„Ich weiß es nicht, Doktor Morell. Besser, Sie schalten mich auch aus!“

„Lieber wäre mir, Sie würden mir bei der Konfrontation mit Heng Son helfen. Ihr Wissen könnte sehr wertvoll sein.“

François Lon schluckte. „Auf Ihr Risiko!“

Luc Morell nickte entschieden. „Das gehe ich ein.“

Lon deutete auf Valerie und ihren Vater. „Sie sollten beide zu Asche verbrennen. Das ist sicherer. Vergessen Sie nicht, dass die Kraft der schwarzen Magie sie beseelt...“

„Das vergesse ich nicht“, erwiderte Luc Morell. „Aber vielleicht lassen sich ihre Seelen doch noch der Finsternis entreißen, wenn ihr Herr vernichtet wurde.“

„Ich habe in den alten Schriften dazu nur widersprüchliche Angaben gefunden“, erklärte Lon.

26

Luc, Monique und Lon traten ins Innere des Palastes. Dieses Bauwerk war so groß, dass es die gesamte künstliche Insel inmitten des quadratischen Sees bedeckte.

Ein langes kathedralenartiges Gewölbe öffnete sich vor ihnen. Von der Decke hingen an hauchdünnen und kaum sichtbaren Fäden Primatenschädel aller nur erdenklichen Arten und Größen.

Auch menschliche Köpfe waren darunter. Ihre leeren Augenhöhlen schienen auf die Eindringlinge hinabzublicken und sie zu warnen.

Winzige Lemuren flatterten von Schädel zu Schädel und stoben kreischend auseinander, als sie die Eindringlinge bemerkten. Sie schienen zu wissen, dass sie gegen Luc Morell und sein Amulett keine Chance hatten. Möglicherweise hatten die vom Boulevard Mao Tse Toung in Phnom Penh zurückgekehrten Exemplare ihren Artgenossen etwas davon vermittelt, wie mächtig ihr Gegner war.

Jedenfalls machte kein Einziger unter den Lemuren den versuch, Luc Morell anzugreifen.

Sie folgten dem kathedralenartigen Gang bis zu eine Tür.

Diese ließ sich öffnen, nachdem Luc Morell seinen Blaster benutzt hatte, um den Schließmechanismus außer Kraft zu setzen.

Es folgte ein ähnlicher Gang, diesmal allerdings mit hohen Säulen.

Dann endlich, nach dem dritten Tor befanden sie sich offensichtlich in jenem Raum, den Heng Son als seinen Thronsaal bezeichnete.

Hunderte von Lemuren kauerten auf den Stufen zu Füßen des Schädelthrons. Ihre Gesichter wirkten grimmig. Das rote Leuchten ihn ihren Augen pulsierte. Offenbar waren sie im Gegensatz zu den Kuttenträgern nicht in der Lage, Energieblitze zu schleudern, wie dies bei besonderen magischen Begabungen offensichtlich immer wieder vorkam.

Die Schattenzone, hinter der sich Heng Son verbarg, schien sich zu erheben.

„Da bist du also, Luc Morell, mein Feind!“, knurrte eine Stimme aus dem schwarzen Schatten heraus, der sich nun mindestens drei Meter hoch über den gewaltigen Schädelthron erhob. Was für ein Monstrum musste dieser Schatten wohl verbergen, fragte sich Luc.

Ein dunkler Schattenarm bildete sich und vollführte eine Geste, während aus der Dunkelheit ein paar magische Formeln in einer längst vergessenen Sprache gemurmelt wurden.

Daraufhin ging ein Ruck durch François Lon.

Zu spät begriff Luc Morell, was gespielt wurde.

Lon fuhr blitzschnell mit der Hand herum. Seine Züge hatten sich tierhaft verzerrt, und die Augen glommen blutrot.

Er schlug blitzschnell nach Monique.

Er erwischte sie beinahe am Hals, aber Monique wich aus, dann paralysierte Luc Morell den Besessenen mit dem Blaster. Lon sank zu Boden. Geräuschvoll schlug er auf.

Gelächter drang aus der Schattenzone auf dem Thron.

„Hat er dich erwischt, Monique?“, fragte Luc Morell.

„Nein, ich glaube nicht...“

Ein schabendes Geräusch, das sich viele Dutzend Male wiederholte, ließ Luc und Monique herumfahren. Hunderte von kleinen Öffnungen bildeten sich überall in den Wänden. Lemuren krabbelten, stolperten und flogen daraus hervor. Sie kauerten da und warteten anscheinend auf die Befehle ihres Herrn und Meisters, dem sie absolut gehorchen mussten.

Dieser Befehl kam in Form eines geistigen Impulses, den auch Luc und Monique spürten. Schmerzhaft drang dieser Impuls in ihrer beider Bewusstsein. Für einen Augenblick konnte Luc ebenso wenig einen klaren Gedanken fassen wie Monique, geschweige denn, sich gegen diese mentalen Einflüsse verteidigen. Das Amulett trat in Aktion und bildete seinen Schutzschirm um Luc und Monique. Der Dämonenjäger atmete auf, griff zum Blaster und feuerte auf die Schattenzone auf dem Schädelthron.

Gleichzeitig gingen vom Silberstern ganze Salven von Blitzen aus, die Heng Son zweifellos trafen.

Aber seine Reaktion war gleichermaßen gelassen wie überheblich.

Er lachte nur.

Auf seiner Schattenzone bildete sich nun ein Symbol in platinfarbenem Licht.

Es glich einem jener Hieroglyphen, die auch auf dem Silberstern zu sehen waren.

Nur war das Motiv umgekehrt.

Es bildete ein perfektes Spiegelbild.

Luc Morell zögerte nicht. Er riss den Blaster hoch und feuerte. Ebenso zuckten Blitze aus dem Amulett. Aber das Symbol war offenbar dazu geschaffen worden, eine weißmagische Attacke zu ignorieren. Jetzt diente es als Reflektor.

Die Wucht der eigenen magischen Energien brachte Luc und Monique zu Fall. Sie wurden regelrecht niedergeworfen. Luc Morell stellte fest, dass das Amulett ihn nicht mehr schützte, geschweige denn auf einen Befehl reagierte.

Benommen und mit höllischen Kopfschmerzen versuchte sich Luc Morell wieder aufzurappeln.

Er feuerte den Blaster ab, während sich gleichzeitig Tausende von Lemuren in die Tiefe stürzten, um die beiden Eindringlinge zu erwischen.

Ihr Kreischen war ohrenbetäubend.

Monique schlug nach den Angreifern. Schon hatte sie die ersten Striemen am Hals.

„Auch ihr werdet meine Diener!“, gellte Heng Sons Stimme.

Gleichzeitig regte sich François Son wieder. Er musste eine erstaunliche Konstitution haben.

„Das glaube ich kaum!“, erwiderte Luc Morell. Das Amulett reagierte noch immer nicht. Die eigenen reflektierten magischen Energien schienen es außer Gefecht gesetzt zu haben.

Luc Morell feuerte mit dem Blaster.

Der Strahl erfasste Heng Son. Der Herr von Sarangkôr stöhnte laut auf. Das Schattenfeld hellte sich auf und wurde transparent.

Ein mehr als drei Meter hoher geflügelter Affe kam zum Vorschein. Unter dem Beschuss des Blasters brüllte das Wesen markerschütternd auf. Es richtete die siebenfingerigen Krallenhände auf Luc Morell und ließ grellweiße Strahlen aus den Fingerspitzen schießen.

Die Strahlen erfassten Luc Morell.

Aber da griff das Amulett erneut ein. Es bildete ein Schutzfeld um ihn – allerdings von viel geringerer Stärke als sonst.

Und es schloss diesmal auch nicht Monique mit ein.

Lemuren stürzten sich von der Decke auf die junge Französin. Verzweifelt versuchte sie, auszuweichen und sich zu wehren, während sich der zunächst betäubte François Lon erstaunlich schnell von den Folgen der Paralyse erholte. Die Kräfte der schwarzen Magie schienen dafür zu sorgen. Er stieß ein tierhaftes Grunzen aus. Seine Augen waren vollkommen rot. Er versuchte aufzustehen.

Luc Morell bekam zur gleichen Zeit aufgrund der Schwäche des Abwehrfeldes die schwarzmagischen Kräfte seines Gegenübers zu spüren. Kälte begann sich in ihm auszubreiten und das Innerste seiner Seele zu erfassen. Noch hielt er den Blaster auf seinen Gegner gerichtet und feuerte unablässig auf jenes Monstrum, das unter dem Schattenfeld zum Vorschein gekommen war.

Aber schon spürte er, wie Agonie von ihm Besitz ergriff.

Nein, er durfte sich diesem Gefühl nicht hingeben.

Dann war alles verloren.

Alles umsonst.

Sein jahrelanger Kampf gegen die Mächte der Finsternis...

Luc Morell sank auf die Knie.

Monique schrie auf, als ein Lemure ihr den Unterarm ritzte. Blut quoll hervor. Ein weiterer geflügelter Affe erwischte sich am Nacken.

Unbemerkt von allen erreichte Valerie den Thronsaal. Auch sie war überraschend schnell aus der Paralyse erwacht. Ihre Augen waren ebenso wie die Augen von François Lon vollkommen rot. Beide hoben zeitgleich die Hände. Grellrote Strahlen schossen aus ihren Augen und Fingern.

Es war nur ein kurzer Impuls, dann sanken beide erschöpft auf Knie.

Aber dieser Impuls richtete sich nicht gegen Luc Morell, sondern gegen ihren Herrn und Meister.

Die Strahlen trafen ihn – zusätzlich zu der Energieentladung des Blasters.

Mit einem schaurigen Schrei löste sich das Wesen, das als dunkler Bruder des Affengotts bezeichnet worden war, auf. Heng Son wurde zu einer Wolke aus dunklem, sehr feinem Staub, die langsam zu Boden sank.

27

Luc Morell fühlte sich benommen. Für Augenblicke drehte dich alles vor seinen Augen. Er ließ den Blaster sinken. Mit der Linken berührte er das Amulett. Es kühlte sich innerhalb weniger Augenblicke ab. Ein Zeichen dafür, dass der Einfluss der schwarzen Magie an diesem Ort rapide schwand.

Das rote Leuchten war aus den Augen von Valerie Cordonnier und François Lon verschwunden.

Und das galt nicht nur für diese beiden, sondern ebenso für den im Körper von Louis Schneider befindlichen Pierre de Bressac sowie die zahllosen geflügelten Diener Heng Sons. Die zahllosen geflügelten Affen, die den Thronsaal des Herrschers der Verlorenen Stadt bevölkerten, schienen ziemlich orientierungslos. Die Macht, die ihr Leben bestimmt hatte, gab es nicht mehr, und das dämonische Leuchten war aus ihren Augen verschwunden.

Manche von ihnen flatterten wild kreischend durcheinander, andere kauerten verstört in ihren Ecken oder stritten sich heftig um die besten Plätze auf den von der Decke baumelnden Totenschädeln.

„Es muss die Bewusstlosigkeit gewesen sein, die uns für kurze Zeit aus dem Bann befreite und es uns ermöglichte, Heng Son mit seinen eigenen Waffen zu schlagen“, sagte François Lon und versuchte damit eine einigermaßen plausible Erklärung für das Unfassbare zu finden.

„Wir sollten nicht mehr allzu lang hierbleiben“, sagte Luc Morell. „Schließlich ist nicht klar, wie lang die interdimensionale Überlappung anhält, die uns offenbar den Übergang in die Welt des Jademonds erlaubte.“

„Das kann ich Ihnen genau sagen“, meldete sich Pierre de Bressac zu Wort. „Die Überlappung beider Welten gelang bislang immer nur für wenige Stunden, und aufgrund magischer Vorkehrungen der anderen Götter konnte Heng Son den Bereich des Verlorenen Landes auch nicht verlassen, wenn es zu einer Materialisation auf der Erde kam. Die Überlappung hier begann vor mehreren Stunden. Wir müssen Sarangkôr sofort verlassen.“

„Da können wir nur hoffen, dass uns die Bewohner nicht in die Quere kommen“, meinte Monique.

„Da brauchen sie sich wohl kaum Sorgen zu machen“, beruhigte de Bressac sie. „Die Bewohner Sarangkôrs dürften nach dem Ende ihres Herrschers ebenso orientierungslos sein wie diese geflügelte Brut hier!“ Dabei deutete er auf die Affen, die zu einem koordinierten Angriff gar nicht mehr fähig gewesen wären.

„Und was ist damit?“, fragte Monique und hob den Unterarm, auf dem deutlich die blutigen Kratzer zu sehen waren, die ihr von den Lemuren beigebracht worden waren.

„Desinfizieren, damit es sich nicht entzündet, das reicht völlig“, sagte de Bressac. „Heng Son ist vernichtet. Seine schwarze Magie hat keinen Einfluss mehr auf uns.“ De Bressac wandte sich an Luc Morell. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Immerhin habe ich versucht, Sie zu töten, auch wenn mein Auftraggeber Sie offensichtlich unterschätzt hat.“

„Nichts für ungut“, gab Luc Morell zurück. „Sie handelten ja nicht aus freiem Willen.“

Valerie starrte de Bressac nur unverwandt an.

„Es ist nur ein anderer Körper, dessen ursprüngliche Seele für immer vernichtet wurde“, stellte er klar.

„Ich weiß“, flüsterte Valerie tonlos und setzte dann, nach einem Moment des Schweigens, noch hinzu: „Vater!“

28

Luc Morell, Monique Dumas, de Bressac, Lon und Valerie verließen die Residenz Heng Sons so schnell sie konnten. Die Bewohner Sarangkôrs wichen ihnen mit großer Scheu aus. Niemand stellte sich ihnen in den Weg. Als sie den Rand der Lichtung erreichten, versank Sarangkôr bereits hinter ihnen in den Nebelschwaden. Die Vergessene Stadt verblasste. Luc Morell blickte noch einmal zurück.

„Ich hätte gern mehr über diese Welt erfahren“, bekannte er.

„Wer weiß“, entgegnete Monique. „Vielleicht gelangen wir ja irgendwann wieder dorthin.“

„Schließlich soll man niemals nie sagen.“

„So ist es, Chèri.“ Sie zupfte an ihrem völlig verschwitzten T-Shirt und setzte hinzu: „Wenigstens können wir uns auf eine komfortable Rückreise über die Schwarzen Blumen freuen.“

ENDE

Im Bann der Friedhofs-Puppe

Dr. Mystery Band 2 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

von A. F. Morland

In einem kleinen Dorf in England geht das Grauen um sich. Mehrere Menschen fallen dämonischen Mächten zum Opfer. Als der französische Parapsychologe Luc Morell die schaurigen Ereignisse untersuchen will, findet er auf einem nächtlichen Friedhof eine unheimliche kleine Puppe ‒ und die schlägt ihn in ihren teuflischen Bann!

Prolog

Dieser Roman ist in einer Zeit angesiedelt, bevor Luc Morell zum Dämonenjäger »Doktor Mystery« wurde. Auch mit Monique Dumas pflegte er zu dieser Zeit eine nur berufliche Beziehung.

1

Max Rintels hob den Kopf und blickte zum tintigen Himmel empor. Ganz in der Nähe war ein Gewitter niedergegangen. Rintels humpelte weiter. Er schleifte sein rechtes Bein über den rissigen Straßenbelag. Es war steif, genau wie seine rechte Hand. Und sein Rücken wurde durch einen Buckel.

Er hinkte durch die dunkle Dorfstraße. Bald musste der Morgen grauen. Silberne Streifen bedeckten schon den schwarzen Himmel. Wieder grollte der Donner über das Land. Max Rintels zuckte unwillkürlich zusammen. Eine klirrende Kälte kroch in seine Glieder. Er zitterte. Sein Rücken begann ihn auf einmal zu schmerzen, er musste sich noch mehr zusammenkrümmen. Er versuchte mit deinen Blicken die Dunkelheit zu durchdringen.

Da! Ein unheimliches Knirschen. Max Rintels fuhr zusammen, als hätte er einen elektrischen Schlag erhalten. Ein schwerer, eiserner Reif legte sich um seine Brust. Ein furchtbarer Druck quälte ihn und ließ ihn nur noch ganz flach atmen. Er japste aufgeregt nach Luft.

Da war wieder dieses furchtbare Knirschen, das ihm durch Mark und Bein ging. Das schauderhafte Geräusch schwebte ihm aus der Finsternis der gegenüberliegenden Straße entgegen.

Max wollte weiterhumpeln. Eine furchtbare Angst befiel ihn. Er wollte fortlaufen, doch seine Beine schienen Wurzeln in den Boden geschlagen zu haben. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Eine undeutliche Bewegung war in der Dunkelheit zu erkennen. Der Schemen begann ganz langsam Gestalt anzunehmen. Max Rintels prallte mit einem heiseren Schrei zurück. Grauen und Entsetzen verzerrten sein Gesicht zu einer erschreckenden Grimasse.

Er stöhnte benommen und fuhr sich mit der linken Hand an die bebenden speichelnassen Lippen. Aus der schwarzen Dunkelheit der gegenüberliegenden Straße schälte sich mit einem mal eine abscheuliche, grauenerregende Gestalt. Das Gesicht ‒ halb versteinert, knöchern, ein Totenschädel mit stumpf glänzenden Augen. Zum Teil behaart wie ein Affe. Das Wesen hatte keine Lippen, kein Fleisch am ekelerregenden Schädel. Es war ein Monster, halb Affe, halb Mensch.

Rintels wagte seinen Augen nicht zu trauen. So ein schauderhaftes Wesen konnte es nicht geben und hatte auf dieser Welt nichts zu suchen. Es stand zehn Meter von dem zitternden Mann entfernt und hob nun langsam die behaarten Arme, die in krallenartigen Händen endeten.

Rintels glaubte, den Verstand verloren zu haben, als er plötzlich sah, wie sich die Unterarme mit den Händen von den Oberarmen des schaurigen Monsters lösten. Seine Augen traten weit aus ihren Höhlen. Er beobachtete das Unfassbare, während sich glühende Nadeln in sein brennendes Gehirn bohrten und ihn stöhnen und jammern ließen. Die Hände des furchterregenden Monsters schwebten auf ihn zu. Die schaurige Gestalt blieb zehn Meter weit entfernt stehen, während Rintels die beiden krallenartigen Hände entgegenschwebten.

Näher, immer näher kamen die zuckenden Greifer der mordgierigen Bestie. Der Krüppel wollte vor ihnen zurückweichen, doch er konnte sich nicht vom Fleck bewegen. Nun waren die schrecklichen Hände auf einen halben Meter an ihn herangekommen.

Sein Herz klopfte wie verrückt gegen seine Rippen. Die Hände standen einen Augenblick still. Standen einfach vor ihm in der Luft, zuckten, aber kamen nicht näher.

»Nein!«, stöhnte Rintels verzweifelt. »Nein! Heilige Jungfrau, nein!«

Da schossen die Hände des Monsters auf seine heiße, trockene Kehle zu. Ein glühender Schmerz durchraste Rintels, als sich die Finger um seine Gurgel legten wie dicke Stahlklammern. Der furchtbare Druck dieser mörderischen Hände raubte ihm beinahe die Besinnung...

2

Jerry Westbrook saß zu dieser Zeit in der Bibliothek seines Hauses. Vor ihm auf dem Lesetisch lag ein dickes Fachbuch, das sich mit den neuesten Erkenntnissen der Parapsychologie befasste. Obwohl schon bald der Morgen graute, war Westbrook von den Ausführungen des Autors so gefesselt, dass er nicht daran dachte, ins Bett zu gehen. Westbrook war dreiunddreißig. Mit zweiundzwanzig Jahren hatte er sich sehr intensiv mit dieser Wissenschaft befasst. Noch mit achtundzwanzig war er begeisterter Gasthörer an vielen Universitäten in England, Frankreich und Amerika gewesen, wenn Referate über Parapsychologie abgehalten wurden.

Westbrook war stolz darauf, zahlreiche Kapazitäten über diese Wissenschaft sprechen gehört zu haben. Aber so klar und doch so erstaunlich in die Tiefe gehend wie dieses Buch war kaum jemals ein Vortrag gewesen. Mit einer einzigen Ausnahme.

Westbrook erinnerte sich an eine fesselnde Vorlesung eines Doktors namens Luc Morell. Der Vortrag dieses Mannes war ihm wie ein Messer unter die Haut gegangen und hatte in seinem Innern einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Westbrook wäre damals in New York mit Doktor Luc Morell gern persönlich bekannt geworden, doch das war ihm nicht vergönnt gewesen.

Jerry Westbrook, inzwischen Transportunternehmer geworden, überflog die letzten Seiten des fesselnden Werkes mit fiebernder Eile und fasziniert bis zur letzten Zeile des dicken, anstrengenden, aber auch beglückenden Buches.

Nun schloss er das Werk, lehnte sich seufzend zurück und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die übermüdeten Augen. Beeindruckt schaute er sich noch einmal den Schutzumschlag des Buches an. Dann legte er es weg, erhob sich und verließ die Bibliothek mit steifen Schritten.

Er hatte zu lange gesessen. Im Wohnzimmer machte er sich einen Drink. Trinkend und über das Gelesene nachdenkend, wollte er den Sonnenaufgang abwarten.

Neben der Hausbar stand ein breiter Gewehrständer aus Mahagoni. Drei doppelläufige Schrotflinten lehnten darin. Eine Elefantenbüchse und zwei Jagdgewehre. Alle fein säuberlich gereinigt und geölt. Ein Vermächtnis seines Vaters. Genau wie das Haus und das Transportunternehmen.

Plötzlich gellte draußen vor dem Haus ein markerschütternder Schrei auf. Er war so grässlich, dass sich Westbrooks Herz schmerzhaft zusammenkrampfte. Der Schock nahm ihm mit einem unbarmherzigen Ruck den Atem.

Noch ein Schrei. Schrill. Sich in ein Gurgeln und Röcheln verwandelnd. Nacktes Entsetzen sprang Westbrook an.

Sein Herz begann rasend zu hämmern. Der jagende Puls drohte seine Handgelenke zu sprengen.

Beim dritten Schrei löste sich die fürchterliche Lähmung von Westbrook. Keuchend stürzte er zum Gewehrständer. Er riss eine von den drei Schrotflinten heraus. Das Röcheln, Ächzen und Stöhnen zerrte an seinen bis zum Zerreißen angespannten Nerven.

In fiebernder Hast riss Westbrook eine kleine Lade auf, die sich unter dem Gewehrständer befand. Hier drinnen bewahrte er die Munitionsschachteln auf. Mit zitternden Fingern warf er den Deckel von der Schrotpatronenschachtel. Dann knickte er schnaufend die Flinte und stopfte zwei dicke Patronen in die dunklen Öffnungen des Laufs.

Er war verwirrt. Er hatte keine Ahnung, was vor seinem Haus vorging, aber es musste etwas Grauenvolles sein, das spürte er. In seiner Aufregung wollte er noch einige Patronen in seine Taschen stecken. Doch er verstreute sie alle nur zitternd auf dem Boden. Schweißüberströmt und atemlos hetzte er aus dem Haus.

Max Rintels, der Krüppel, wälzte sich keuchend am Boden. Krampfartige Zuckungen schüttelten ihn. Er röchelte. Er versuchte sich verzweifelt mit der linken Hand etwas vom Hals zu reißen, das sich dort verkrallt hatte: Hände! Behaarte, grauenvolle Hände! Affenhände! Schreckliche Hände, die den bedauernswerten Mann zu erwürgen drohten...

3

Burt Cross schreckte im Bett hoch. Alba, seine Frau, saß aufrecht neben ihm. Sie zitterte am ganzen Leib, starrte zum Fenster und klapperte mit den Zähnen, als würde sie schrecklich frieren. Das Röcheln, Ächzen und Stöhnen machte aus ihrem hageren Gesicht eine von Angst und Schrecken verzerrte Grimasse.

»Hörst du das, Alba?«, fragte Burt Cross schaudernd. Er trug einen himmelblauen Pyjama mit dunkelblauen Streifen. Er war groß, breitschultrig und hatte ein stets gerötetes Gesicht. Die Augen waren hellblau, fast wässerig. Seine Lippen wulstig und konnten die großen Zähne nicht ganz bedecken.

»Ja, Burt!«, zischte Alba Cross und nickte ängstlich, während sie die Decke fröstelnd ans Kinn zog und starr zum Fenster glotzte.

»Was ist es, Alba?«

»Keine Ahnung.«

Das Stöhnen und Ächzen verschmolz zu einem lang gezogenen, schaurigen Laut.

Cross warf die Decke zurück. »Verdammt, da draußen wird jemand umgebracht!« Er suchte mit seinen nackten Füßen die Pantoffeln und stand dann mit einem jähen Ruck auf.

»Was hast du vor, Burt?«, fragte Alba Cross schrill. Sie hatte einen dürren Hals, kaum Busen, stark hervorstehende Wangenknochen und die langweiligste Figur, die man sich vorstellen kann.

»Ich seh mal nach!«, sagte Cross. Die Frau schüttelte ihren kleinen Kopf. »Nein, Burt. Das darfst du nicht.«

Das neuerliche Gurgeln, Röcheln und Stöhnen ließ Alba Cross furchtbar zusammenfahren. »Ich habe Angst, Burt!«, presste sie bestürzt hervor, während sie mit flackerndem Blick nach dem Fenster starrte. »Egal, was da draußen vor sich geht, du darfst auf keinen Fall hinausgehen!«

»Aber, Alba...«

»Ich fühle, dass du nicht lebend zurückkommen wirst, wenn du jetzt hinausgehst!«

Burt Cross hörte nicht auf seine Frau. Er warf sich seinen karmesinroten Schlafrock über die Schultern und strich sich das zerzauste Haar aus der Stirn. Das Gurgeln und Stöhnen wurde immer grauenvoller. Cross ging zur Tür. Alba sprang mit einem krächzenden Entsetzensschrei aus dem Bett, lief hinter ihrem Mann her, überholte ihn und warf sich mit ihren knöchernen Schulterblättern gegen die Tür, damit er sie nicht öffnen konnte.

»Ich flehe dich an, Burt! Gehe da nicht hinaus!«

»Hör mal, Alba, ich muss wissen, was da vor sich geht. Wenn jemand vor unserem Haus einen Mord begeht, sind wir moralisch dazu verpflichtet, das zu verhindern.«

Seine Frau schüttelte ängstlich den Kopf. »Das ist nicht wahr, Burt. Himmel... überlege doch mal, Burt! Was für Leute treiben sich schon um diese Zeit auf der Straße herum? Nun? Doch nur lausiges Gesindel! Es lohnt sich nicht, für solche Leute sein wertvolles Leben zu riskieren! Komm, Burt!« Sie fasste nach dem Arm ihres Mannes. »Komm weg von der Tür.« Sie drängte ihn zurück. »Mir zuliebe, Burt! Kümmere dich nicht um das, was da draußen vor sich geht. Es geht uns nichts an. Komm ins Bett. Bitte, Burt! Bitte! Wir müssen nichts gehört haben! Wir haben geschlafen! Tief, fest geschlafen haben wir. Mit Watte im Ohr. Wer will uns das Gegenteil beweisen? Wir haben geschlafen, so wie es sich für anständige Leute gehört.«

Cross schielte zum Fenster. Er ließ sich von seiner Frau nicht ungern zurückdrängen. Sein anfänglicher Mut hatte ihn schon wieder verlassen. Ihre Worte lullten sein Gewissen ein. Er hatte vor sich selbst eine Rechtfertigung: Alba wollte nicht, dass er nach draußen ging.

»Also, gut!«, seufzte er. »Aber sobald es hell ist, müssen wir nachsehen.«

»Ja, Burt. Ja. Sobald es hell ist. Aber nicht jetzt!«

4

Schaudernd rannte Westbrook los. Er wollte den Krüppel von diesem mörderischen Würgegriff befreien. Er beugte sich zu Rintels hinunter. Die Lippen des Mannes waren schrecklich aufgequollen. Speichelflocken klebten darauf. Seine Augen waren seltsam starr, während sich die beharrten Pranken unbarmherzig in seinen Hals krallten.

Ehe Jerry Westbrook helfen konnte, zappelte Rintels ein letztes Mal. Dann lag er still.

Westbrook musste entsetzt feststellen, dass er Rintels nicht mehr helfen konnte. Er war zu spät gekommen.

Jerry wollte nun angewidert die beharrten Hände vom Hals des Toten nehmen. Da hörte er plötzlich ein drohendes, gefährliches, furchterregendes Knurren. Jerry wirbelte entsetzt herum.

In zehn Meter Entfernung stand ein schauriges Monster, dessen Arme bei den Ellenbogen aufhörten.

Westbrook schloss verdattert die Augen. Er schluckte bestürzt und zweifelte an seinem Verstand. Wie war so etwas möglich? Wie konnte es so ein grauenvolles Wesen geben? Als Westbrook die brennenden Augen öffnete, besaß das furchterregende Monster wieder seine Unterarme und die Hände, die allein gemordet hatten.

Jerry schaute nach Rintels Hals. Die würgenden Pranken waren verschwunden.

Nun stieß das gefährliche Monster einen feindseligen Fauchlaut aus. Es setzte sich schwer und behäbig in Bewegung und kam langsam auf Westbrook zu.

Jerry war wie gelähmt. Die tückischen Augen des Monsters starrten ihn an. Er wusste, dass er sterben würde, wenn er nicht fortlief, wenn er nicht irgendetwas unternahm. Doch obwohl ihm all das bewusst war, war er zu keiner Reaktion fähig.

Immer näher kam das gefährliche, mordgierige Monster.

Da riss Westbrook mit einer verzweifelten Willensanstrengung die Schrotflinte hoch. Der Doppellauf zeigte auf die Brust der fürchterlichen Erscheinung. Er krümmte blitzschnell den Finger.

Ein gewaltiger Donner zerfetzte ihm beinahe die Trommelfelle. Eine grelle Feuerblume leckte aus dem Lauf der Waffe. Die Schrotladung raste dem Untier entgegen und schleuderte es zu Boden.

Westbrooks Augen weiteten sich fassungslos. Das Wesen war auseinandergefallen wie eine schlecht zusammengesetzte Gliederpuppe. Hier lag ein Arm, dort ein Bein, da der Rumpf, daneben der Kopf.

Schweißüberströmt und nervlich total erledigt, zitternd wie Espenlaub, setzte Jerry Westbrook die Flinte ab.

Da erlebte er etwas, das ihn erneut und in verstärktem Maße an seinem gesunden Verstand zweifeln ließ. Ein fürchterlicher Schock zwang ihn geistig in die Knie.

Mit angstgeweiteten Augen und starr vor Grauen blickte er auf die fürchterliche Szene, die ihm der Dämon, den er vernichtet glaubte, bot. Es hatte den schauderhaften Anschein, als hätte jemand die Vernichtung des Monsters gefilmt und ließe die makabren Aufnahmen nun langsam zurücklaufen. Die einzeln auf dem Boden liegenden Gliedmaßen fügten sich vor seinen fassungslosen Augen wieder zusammen. Der grauenvolle Kopf näherte sich dem Rumpf und verband sich wieder mit ihm. Und so wie das fürchterliche Wesen umgefallen war, stand es nun wieder auf.

Diese schreckliche Demonstration der Macht war zu viel für Jerry Westbrook. Die Schrotflinte entfiel seinen kraftlosen, zitternden Händen. Er hörte sich einen krächzenden Schrei ausstoßen. Dann stürzte sein Bewusstsein in einen unauslotbaren schwarzen Schacht hinab.

5

»Woran denken Sie, Chef?«, fragte Monique Dumas.

»An nichts«, sagte Doktor Luc Morell.

»Aber ich sehe Ihnen doch an, dass Sie irgendein schweres Problem wälzen.«

»Nun ja...«

»Möchten Sie nicht darüber sprechen?« Zu dieser Zeit siezte Monique ihren Chef noch. Sie träumte davon, ihm irgendwann näherzukommen, doch noch wagte sie nicht zu hoffen, dass aus ihnen irgendwann ein Liebespaar werden würde.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich doch... Ich muss immerzu an den Inhalt des Briefes denken. Er ist so verworren, so unklar ‒ und doch kann man zwischen den Zeilen von Unheil, Angst und Tod lesen.«

»Ich muss schon sagen, ein Tischgespräch ist das ‒ noch dazu während des Essens!«, beschwerte sich Doktor Steve Pratt mürrisch.

Doktor Luc Morell lächelte. »Entschuldige, Steve. Ich wollte dir deinen Appetit selbstverständlich nicht verderben.«

»Noch ein paar von diesen Bemerkungen, und du hast es geschafft!«, knurrte Steve sauer.

Sie saßen im Bahnhofsrestaurant, waren vor einer halben Stunde in dem kleinen englischen Nest angekommen. Nach dem Flug von Paris nach London hatten sie sich in ein kleines Zugabteil gezwängt und hatten sich hierherbringen lassen.

Fast alle Tische waren leer. Das Essen hatte ihnen ein bleichgesichtiger Kellner gebracht. Während Monique und Steve mit einigem Appetit aßen, stocherte Luc Morell lustlos auf seinem Teller herum. Das war sonst nicht seine Art, denn er liebte normalerweise gutes Essen, und dieses Essen war nicht bloß gut, sondern sogar ausgezeichnet.

Nach dem letzten Bissen legte Monique, Luc Morells Sekretärin, das Besteck weg und tupfte sich die Lippen mit der weißen Stoffserviette ab.

Steve Pratt, Luc Morells Freund, beendete die Mahlzeit mit den Worten: »Ich muss schon sagen, ein besseres Steak habe ich noch nirgendwo bekommen.« Er lächelte zufrieden und meinte schelmisch zwinkernd: »Das ist umso mehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass wir uns hier in der finstersten englischen Provinz befinden, wo die Hunde ab und zu schon mit dem Hintern bellen.«

Luc Morell winkte den bleichgesichtigen Kellner heran und bestellte dreimal starken Bohnenkaffee. Der Kellner servierte ab und brachte den Kaffee. Luc Morell erhob sich. »Entschuldigt mich einen Augenblick.« Monique und Steve nickten ihm kurz zu. Er schob den Stuhl zur Seite und begab sich zum Ausgang des Bahnhofsrestaurants.

Vor dem Glasportal blieb er stehen. Er hob den Kopf und blickte zum Himmel, der allmählich grau zu werden begann. Wieder einmal musste ein Tag sterben, sich der Macht der Dunkelheit beugen und ergeben.

Ein beklemmendes Gefühl beschlich Luc Morell. Er konnte sich nicht dagegen wehren. In irgendeiner Form schien ihm große Gefahr zu drohen. Instinktiv fühlte er, dass man es in diesem Dorf auf sein Leben abgesehen hatte.

Er war in dieses Dorf gekommen, weil ihm Jerry Westbrook einen recht seltsamen Brief geschrieben hatte. Jerry Westbrook, ein Mann, der behauptete, einen seiner zahlreichen Vorträge über Parapsychologie gehört zu haben und von dieser Stunde an von ihm begeistert gewesen zu sein. Doktor Luc Morell vermochte nicht genau zu sagen, weshalb er hergekommen war. Immerhin bekam ein Mann mit seinem Namen und seinem Ansehen eine Unzahl solcher Briefe, in denen von Phänomenen die Rede war, von Wunderleistungen auf dem Gebiet der Psychokinese, der Telekinese, der Hellseherei und dergleichen mehr. Die Briefschreiber baten um Rat, um Hilfe, um Unterstützung. Doch kein Brief war so packend und menschlich ergreifend. Deshalb war Luc Morell in dieses kleine englische Dorf gekommen. Deshalb hatte er Château Lamatime im romantischen Loire-Tal verlassen. Er war seinem Freund Doktor Steve Pratt, dem Historiker, mit dem er sich in seiner Zeit an der Columbia University angefreundet hatte, sehr dankbar, dass er ihn und Monique begleitete. Der hatte ihn in Südfrankreich besucht, als Luc den Brief erhalten hatte.

Angst und Verzweiflung standen in Westbrooks Schreiben. Nicht mit Worten ausgedrückt, aber doch unübersehbar, wenn man die Zeilen aufmerksam las. Dieser Mann flehte um Hilfe. Nicht für sich allein, sondern um Hilfe für dieses Dorf, das sonst verloren war. Doktor Luc Morell war gekommen, um zu helfen, falls er das vermochte.

In diesem stillen, kleinen Dorf sollten geheimnisvolle Dinge geschehen, für die Westbrook einen grausamen Dämon verantwortlich machte. Luc Morell wollte diesen seltsamen Vorgängen auf den Grund gehen.

Einmal noch holte der Doktor tief Luft. Dann wollte er in das Restaurant zu seiner Sekretärin und zu seinem Freund zurückkehren.

Da hörte er das rasch lauter werdende Brummen eines schweren Motors. Er blickte in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und erstarrte in derselben Sekunde zur Salzsäule. Ein mächtiger Lkw raste auf ihn zu.

Seine Kopfhaut zog sich schmerzend zusammen. Er starrte benommen auf das schnell größer werdende Fahrzeug, das wie ein brüllendes Tier auf ihn zupreschte. Luc Morell wurde kalkweiß. War das ein Mordanschlag? Oder war der Fahrer plötzlich verrückt geworden? Der Fahrer! Die spiegelnde Windschutzscheibe gab den Blick noch nicht auf das Gesicht des Fahrers frei. Noch nicht. Erst als der schwere brüllende Laster auf wenige Meter herangedonnert war, konnte Luc Morell das Gesicht des Mannes plötzlich gestochen scharf sehen.

Luc Morells Grauen kannte keine Grenzen. Das war unmöglich! Das gab es nicht, konnte es einfach nicht geben! Der Fahrer, der mit satanischem Grinsen den mächtigen Wagen auf Luc Morell zusteuerte, um ihn zu zermalmen, war fünfunddreißig Jahre alt, mit dem Gesicht eines großen Jungen.

Der Fahrer des herandröhnenden Lastwagens war Charles Dorléac! Luc Morells Vetter!

Und genau das war es, was es nicht geben durfte, was nicht sein konnte, denn...

... Charles Dorléac war tot!

6

Jerry Westbrook saß auf der weißen Bank im Park der Nervenklinik. Gayle Maud, seine Freundin, saß neben ihm. Sie hielt liebevoll seine Hand und schaute ihn mit einem sanften Lächeln an. Sie sieht hinreißend aus in ihrem nilgrünen Kleid, dachte Westbrook.

»Morgen darf ich nach Hause gehen, Gayle«, sagte Westbrook.

»Fühlst du dich wieder wohl, Jerry?«

»Ja. Den Schock habe ich zum Glück überwunden.«

Gayle zögerte kurz. Dann fragte sie: »Denkst du noch daran?«

Er nickte mit zusammengepressten Lippen. »Natürlich. Aber ich habe jetzt nicht mehr diese wahnsinnige Angst.« Er lächelte verlegen. »Ich kann darüber nachdenken, ohne mich gleich schreiend unter dem Bett zu verkriechen. Zwar ist immer noch eine gewisse Furcht da, aber sie hält sich in Grenzen.«

Gayle strich sanft über sein Haar. Ihre Stimme zitterte, als sie sagte: »Du tust mir so leid, Jerry.«

Er legte seinen Arm lächelnd um ihre Schultern und zog sie sanft an sich. »Nicht doch, Gayle. Ich bin jetzt wieder vollkommen klar. Mein Transportunternehmen ist auch ohne mich klaglos weitergelaufen. Ich habe einige gute Männer an der Hand, die den Laden in Schuss gehalten haben. Wenn ich erst mal zu Hause bin, werde ich schon sehr bald wieder ganz der Alte sein, du wirst sehen.« Er gab sich bewusst betont optimistisch, damit Gayle aufhörte, sich um ihn Sorgen zu machen. Um das Thema zu wechseln, fragte er: »Was macht deine Doktorarbeit? Kommst du voran?«

Gayle zuckte die Achseln und scharrte mit den Schuhen auf dem geharkten Kies herum. »So recht und schlecht«, sagte sie ohne Begeisterung. »Ich muss immerzu an dich denken.«

»Ist wirklich nicht nötig«, sagte Jerry lachend.

Sein Gesicht war in der Zeit lang und schmal geworden. Die Wangen waren leicht eingesunken, und der Mund bildete eine gerade Linie. »Wie geht es deinem Stiefvater?«, fragte er nun.

Gayle schreckte aus ihren Gedanken hoch. »Wie?«

»Ich fragte wie es deinem Stiefvater geht.«

»Ach, Melvin...«

»Ja. Melvin Filchock. Wie geht es ihm?«

Gayle senkte den Blick. »Wir hatten wieder einmal einen heftigen Streit. Allmählich habe ich das Gefühl, er will mich aus seinem Haus ekeln.«

Jerry Westbrook lachte. Es sollte unbekümmert klingen, aber eine große Sorge schwang kräftig darin mit.

»Unsinn, Gayle. Das bildest du dir bloß ein. Er ist wahrscheinlich überarbeitet. Du musst das verstehen. Ein Mann wie er hat viel zu tun.«

Gayle schaute Jerry mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Eine steile dunkle Falte kerbte sich über ihrer Nasenwurzel in die Stirn. »Seit er von dieser Expedition zurückgekehrt ist, ist er wie ausgewechselt.«

»Du musst Geduld mit ihm haben, Gayle. Er meint es sicher nicht böse mit dir. Immerhin hat er dich nach dem tragischen Autounfall deiner Eltern sofort in sein Haus aufgenommen, hat dir das Studium der Rechtswissenschaften ermöglicht, hat dich stets mit schönen Kleidern verwöhnt und dir jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Bestimmt war die lange Reise zu viel für ihn. Außerdem hat er nun aufzuarbeiten und auszuwerten, was er von dieser Expedition mit nach Hause gebracht hat.«

Gayles Mund wurde zu einer schmalen Linie. Sie strich eine blonde Strähne aus der Stirn. »Ich werde bis zur Promotion warten«, sagte sie ernst. »Wenn er sich bis dahin immer noch nicht geändert hat, suche ich mir irgendwo ein Zimmer.«

»Du könntest bei mir...«, sagte Jerry verlegen. »Ich meine, ich habe dir dieses Angebot schon mehrmals gemacht, aber du willst ja zuerst deinen Doktorhut haben.«

»Natürlich. Sonst wäre doch das ganze Studium umsonst gewesen«, sagte das Mädchen lachend. Sie blickte kurz auf ihre Armbanduhr. Dann küsste sie Jerry schnell auf den Mund und erhob sich. »Ich muss jetzt leider gehen.«

»Denk an mein Angebot«, sagte er lächelnd und blinzelte schelmisch.

»Mal sehen«, erwiderte Gayle Maud. »Vielleicht komme ich früher darauf zurück, als dir lieb ist.«

7

Charles Dorléac, der tote Vetter, steuerte den brüllenden Lkw direkt auf Luc Morell zu. Fünf Meter fehlten noch bis zur Katastrophe, die unausbleiblich schien. Vier Meter. Drei. Zwei.

Da spannte Luc Morell, aufgepeitscht von seinem angeborenen Selbsterhaltungstrieb, die Muskeln. Im selben Moment schnellte er zur Seite. Er krümmte den Rücken und überschlug sich.

Haarscharf brüllte der mächtige Lastwagen an ihm vorbei. Das Luftpolster, den das Fahrzeug vor sich her und zur Seite drückte, nahm Luc Morell den Atem.

Der gelenkige Doktor rollte mit der ihm eigenen Reaktionsschnelle ab und war sofort wieder auf die Beine. Gleichzeitig schraubte er sich herum.

Wie eine riesige graue Wand fegte der Lkw an ihm vorbei. Instinktiv handelte Luc Morell. Er warf sich nach vorn, streckte die Arme weit aus, seine Finger waren bereit, zuzuschnappen, sobald sie Halt fanden. Die Finger erwischten die hintere Ladeklappe des Lastwagens. Hart fassten sie zu. Wie Metallklammern umschlossen sie die Klappe und ließen sie nicht mehr los. Dadurch wurde Luc Morell von dem mit unverminderter Geschwindigkeit weiterrasenden Lkw mit einem gewaltigen Ruck mitgerissen.

Er wollte mitrennen, doch der Wagen war zu schnell. Seine Füße schleiften über den Straßenbelag, pendelten hin und her. Seine Knöchel wurden aufgerissen. Er versuchte mit zusammengepressten Zähnen einen kraftvollen Klimmzug. Der erste Versuch misslang. Wie einen schweren Sack schleifte ihn der Wagen hinten nach.

Luc Morell nahm alle seine Kräfte zusammen. Er mobilisierte sie im richtigen Augenblick. Und diesmal schaffte er es. Mit einem wilden Schwung zerrte sich Luc Morell über die Kante der Ladeklappe und ließ sich atemlos und schwer keuchend in den Laderaum fallen. Dort verschnaufte er erst mal wenige Sekunden.

Nun kam ihm erst in vollem Umfang zum Bewusstsein, wie knapp er dem Tod entgangen war. Wenn er nicht so ungemein schnell reagiert hätte, hätten ihn die großen, schweren Reifen unweigerlich zermalmt.

Der Lkw raste aus dem Dorf, als wäre der Fahrer auf der Flucht! Der Fahrer! Luc Morell schauderte bei dem Gedanken. Am Steuer dieses rasenden Fahrzeugs saß ein Toter! Charles Dorléac! Wie kam er hierher? Wie war so etwas überhaupt möglich? Eine satanische Sinnestäuschung? Trieb irgendeine übersinnliche Macht ihr makabres Spiel mit ihm?

Luc Morell richtete sich erschöpft auf. Er fragte sich, wohin der Wagen mit ihm raste.

Ein kleines Birkenwäldchen flog am linken Straßenrand vorbei. Die dünnen Stämme der Bäume schimmerten milchig. Mischwald folgte. Dann ein paar Tannen, und schließlich erstreckte sich zu beiden Seiten der Landstraße eine saftige Wiese mit hohen Gräsern.

Plötzlich kreischten die schweren Pneus des Wagens. Der Lkw stand auf kürzeste Distanz.

Luc Morell verlor das Gleichgewicht. Er wurde nach vorn gerissen. Seine Hände suchten Halt. Er wollte sich irgendwo festhalten, die Finger rutschten von der dunkelgrauen Plane jedoch ab. Er krachte schwer auf den Bretterboden und mit dem Kopf gegen den blechernen Aufbau des Fahrergehäuses, Ein heißer Schmerz durchfuhr seinen Kopf. Luc Morell verzerrte das Gesicht und knirschte mit den Zähnen.

Er quälte sich hoch. Wankend begab er sich zur Ladeklappe. Der Boden unter seinen Füßen schien zu schwanken. Er atmete tief durch und schüttelte mehrmals den brummenden Kopf. Der Schleier, der vor seinen Augen hing, lichtete sich sofort. Er sprang über die Klappe auf die Straße. Ich muss nach vorn! Ich muss nach vorne dachte er aufgeregt. Ich muss zu Charles!

Mit steifen Beinen lief er los. Eine Sekunde später hatte er die Tür des Fahrerhauses erreicht. Seine Hand schnellte hoch. Er riss die Tür auf und starrte in das Fahrerhaus. Ungläubig weiteten sich seine Augen.

Der Platz hinter dem Lenkrad war leer!

Unmöglich. Das ging nicht mit rechten Dingen zu! Charles hatte den Lkw unmöglich so schnell verlassen können! Das gab es nicht. Was hatte das zu bedeuten?

Doktor Luc Morell fragte sich allen Ernstes und äußerst besorgt, ob er nun verrückt geworden war.

8

Burt Cross kam nach Hause. »'n Abend, Alba.«

Seine Frau band die Schürze ab, rollte sie zusammen und legte sie auf den Küchensessel. »Guten Abend, Burt. Hattest du einen schönen Tag?« Sie küsste ihn. Sie küsste ihn immer, wenn er nach Hause kam. Und sie stellte immer dieselbe Frage. Manchmal ging er darauf ein. Meistens aber nicht. Heute nahm er zu dieser Frage wieder einmal Stellung.

Er zuckte die Achseln und meinte: »Na ja, wie man's nimmt. Ohne Ärger geht es einfach nicht ab.« Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich. Es war seit vielen Jahren für ihn zur Gewohnheit geworden, dass Alba ihm die Pantoffeln brachte, während er sich eine Zigarette ansteckte.

Auch heute war es nicht anders. »Willst du mir erzählen, was los war?«, fragte Alba Cross, als er die Pantoffeln an den Füßen hatte.

»Hm«, machte er geistesabwesend.

»Wie?«

»Ich weiß nicht recht.«

»Ist es wegen deiner Beförderung, Burt?«

Cross blies den Rauch zur Decke und schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein. Die geht zum Glück in Ordnung. Heute hat mich unser Vorstand zu sich gerufen. Sogar eine von seinen Zigarren hat er mir angeboten. Dann hat er mir gesagt, dass er mit mir sehr zufrieden ist und dass er mein Gesuch mit gutem Gewissen befürworten kann.«

Albas Augen strahlten begeistert. »Das ist doch etwas Schönes, Burt!«

»Na klar«, sagte Cross. »Ich hab mich auch mächtig darüber gefreut. Als ich dann wieder an meinem Postschalter saß, tauchte Melvin Filchock auf. Du weißt schon, dieser verrückte Doktor. Wollte dies, wollte das, war mit diesem und mit jenem nicht zufrieden, wollte sich sogar beim Vorstand über mein rüpelhaftes Benehmen beschweren.«

Alba war entsetzt.

Cross riss wütend die Augen auf. »Beim Vorstand!«, schrie er aufgebracht. »Verdammt, es hat mich viele Worte gekostet, um ihn davon abzubringen.« Er schüttelte den Kopf. »So ein Idiot. Bricht einfach einen Streit vom Zaun. Wegen nichts, verstehst du? Und dann gibt er auch noch mir die Schuld daran. Der spinnt. Der ist seit seiner Expedition nicht mehr ganz richtig im Kopf.«

Alba legte ihre Hand auf die Schulter ihres Mannes. »Lass ihn, Burt. Du darfst dich auf keinen Streit einlassen. Gib ihm immer recht und widersprich ihm nie, dann kann er mit dir nicht streiten.«

Cross lachte zornig und stieß die halb gerauchte Zigarette in den Aschenbecher. »Da kennst du den schlecht, Alba! Der findet auch dann einen Grund.«

»Du musst an deine Beförderung denken, Burt!«, sagte Alba Cross warnend.

Cross seufzte. »Ich tu's ja. Aber es fällt mir nicht leicht, mit solchen Streithähnen auszukommen.« Er schaute seiner Frau in die Augen. »Übrigens...«

»Ja, Burt?«

»Weißt du, was ich gehört habe?«

»Was denn?«

»Der Verrückte von gegenüber soll morgen wieder nach Hause kommen.«

»Jerry Westbrook?«, fragte Alba Cross.

»Ist dort drüben sonst noch jemand verrückt?«, fragte Cross grinsend zurück. »Natürlich, Jerry Westbrook.« Er schnippte mit dem Finger. »Weißt du, dass ich mich manchmal frage, was da draußen damals wirklich passiert ist?«

Alba erschrak zutiefst. Sie fuhr sich an die hohen Wangenknochen, während ein erschrockener Seufzer über ihre bebenden Lippen kam. »Denk nicht daran, Burt. Du musst so tun, als wäre nie etwas passiert, ja? Es ist besser so. Wir wissen von nichts.«

Cross lachte. »Klar. Wir haben geschlafen. Das haben wir auch der Polizei erzählt.«

9

Luc Morell schaute sich verdutzt um.

Der Lkw stand vor dem kleinen Dorffriedhof. Eine nicht sehr hohe graue Mauer umgab den Gottesacker, auf dem sich eine kleine Kapelle befand.

Das Totenglöckchen dieser Kapelle begann auf einmal wimmernd zu bimmeln. Ein kaum wahrnehmbarer Lufthauch blies die kleinen Klagelaute zu Luc Morell herüber.

Wieso war Charles Dorléac mit ihm gerade hierhergefahren? Wieso hatte Charles den Laster gerade vor dem Friedhof gehalten? Sollte das eine bildhafte Warnung sein? Charles! Luc Morell schüttelte unwillig den Kopf. Der konnte es nicht gewesen sein. Wer aber sonst? Jemand, der Charles stark ähnlich sah? Wo war dieser Kerl nun hingekommen?

Ein diesiges Licht breitete sich über den Friedhof. Seltsamerweise nur über den Friedhof! Der wimmernde Klang des Totenglöckchens rief in Luc Morell ein gewisses Unbehagen hervor.

Der Doktor schaute nach dem offenstehenden schmiedeeisernen Friedhofstor. Mit mechanischen Schritten ging er darauf zu. Eigentlich wollte er nicht hingehen. Doch irgendetwas drängte ihn dazu. Ein seltsames Brausen füllte seine Ohren. Es fiel ihm schwer, klar zu denken. Irgendetwas störte seine Gedanken immer wieder. Er fühlte sich beobachtet, obwohl er in weitem Umkreis kein Lebewesen sehen konnte.

Als er das Friedhofstor erreichte, spürte er ein unerklärliches Locken.

Er machte die ersten Schritte.

Es war ein Friedhof wie viele andere. Man fand hier alles, was man auch auf anderen Friedhöfen vorfinden konnte. Es gab eigentlich nichts, was diesen Gottesacker aus der Masse von einander gleichsehenden Friedhöfen herausgehoben hätte. Es gab dicke hohe Grabsteine. Eingesunkene Grabhügel. Dazwischen Kieswege. Ab und zu ein halb verwelkter, braun gewordener Kranz. Helle Marmorengel. Schwarze Marmorengel, den Kopf demütig geneigt, in ein immerwährendes stummes Gebet versunken.

Plötzlich glaubte Luc Morell, ein leises Knirschen zu vernehmen. Er lief um die nächste schiefergraue Gruft herum.

Huschte dort nicht eben eine schemenhafte Gestalt hinter einem Grabstein?

Wer? Warum? Diese Fragen trieben Luc Morell zu großer Eile an. Er wollte Bescheid wissen. Jetzt. Sofort.

Keuchend lief Luc zwischen den gepflegten Grabreihen hindurch. Er wollte die Person stellen, die sich vor ihm zu verstecken suchte.

Er erreichte atemlos einen schneeweißen Grabstein. In diesem Augenblick drang ein unheimliches Keuchen an sein Ohr. Zu sehen war niemand. Trotzdem wusste Luc, dass er sich nicht allein auf diesem kleinen Dorffriedhof befand.

Grabstein um Grabstein suchten seine aufmerksamen Augen ab.

Nichts.

Das Keuchen verstummte. Auch das Totenglöckchen bimmelte nicht mehr. Luc Morells Ohren lauschten angestrengt. Er hörte sich selbst leise atmen, hörte seine eigenen Schritte, als er vorwärtsschlich, doch nichts, nicht das geringste Geräusch, deutete noch darauf hin, dass sich außer Luc noch jemand auf dem Friedhof befand.

Luc Morell leistete sich einen tiefen Atemzug. Sein Blick fiel auf einen mausgrauen geschliffenen Marmorgrabdeckel. Doch nicht der kalte Deckel zog seine Aufmerksamkeit auf sich, sondern die kleine, etwa zehn Zentimeter große Puppe, die darauf lag, als hätte sie ein Kind hier vergessen. Seltsamerweise hatte Luc Morell das Gefühl, dass das Keuchen, das er vorhin gehört hatte, von dieser Puppe ausgegangen war. Das ist natürlich blanker Unsinn, dachte Luc. Trotzdem konnte er nicht leugnen, dass ihn diese Puppe auf eine unerklärliche Weise anzog.

Plötzlich verspürte er den Wunsch, sie an sich zu nehmen. Er griff danach und hob sie auf. Sie war leicht, war aus Plastik.

Auf einmal riss Luc Morell die Augen verdattert auf. Die Puppe sah genauso aus wie er. Sie hatte genau die gleichen Züge wie er. Sie war eine naturgetreue Nachbildung von ihm. Wenn diese Puppe lebensgroß gewesen wäre, hätten Luc Morell und sie wie Zwillinge ausgesehen.

Luc Morell drehte die Puppe in der Hand, starrte plötzlich wie gebannt auf den Schädel.

Er war gespalten!

Und ein wahnsinniger Schmerz durchraste in diesem Augenblick Luc Morells Kopf, als wäre auch sein Schädel gespalten.

Er steckte die Puppe schnell ein, presste die Hände auf sein heißes Gesicht und an die hämmernden Schläfen. Der Schmerz wurde immer heftiger. Obwohl Luc Morell wusste, dass dieser Schmerz von der Puppe ausging, vermochte er sich nicht von ihr zu trennen. Der Schmerz war beinahe nicht mehr auszuhalten.

Luc begann zu laufen. Es trieb ihn in panischer Eile vom Friedhof. Atemlos erreichte er das Friedhofstor, rannte hindurch. Sobald seine Füße den Boden auf der anderen Seite der Friedhofsmauer berührten, ebbte der wahnsinnige Schmerz ab. Je weiter sich Luc Morell vom Friedhof entfernte, umso besser fühlte er sich. Bald war er nur noch benommen.

Verwirrt schaute er zum Friedhofstor zurück. Was ging hier vor? Wer trieb dieses grauenvolle Spiel mit ihm? Und warum?

Ächzend setzte sich Luc Morell hinter das Steuer des Lasters. Er legte eine Erholungsminute ein, während er die Augen schloss. Dann schlug er die Tür zu, startete den Motor des schweren Lasters, wendete ihn und fuhr zum Dorf zurück. Er dachte an Monique und an Steve. Die beiden machten sich bestimmt schon große Sorgen.

10

»Da bin ich wieder«, sagte Luc Morell, nachdem er sich zu seiner Sekretärin und zu seinem Freund an den Tisch im Bahnhofsrestaurant gesetzt hatte.

Monique hob den Kopf und schaute ihn einigermaßen erstaunt an. Luc Morell verstand diesen Ausdruck in ihren Augen nicht. Deshalb fragte er: »Was ist?« Sie antwortete nicht sofort. »Ist etwas?«, fragte er noch einmal.

»Das wollte ich gerade Sie fragen, Chef.«

»Mich?«

»Sagten Sie nicht eben: Da bin ich wieder?«

»Allerdings, das habe ich gesagt.«

»Wollten Sie damit etwa ausdrücken, dass Sie fort waren, Chef?«

»War ich doch!«, sagte Luc Morell.

Monique Dumas schaute ihn an, als wäre sie um seinen Geisteszustand besorgt. »Hören Sie mal, Chef«, sagte sie so sanft wie möglich. »Sie haben doch die ganze Zeit hier gesessen.«

Luc Morell erschrak. »Ich habe was?«

»Hier gesessen. Jawohl. Sie haben die ganze Zeit hier gesessen. An diesem Tisch. Neben mir. Keine Sekunde waren Sie weg, Chef.«

Luc Morells Stirn fürchte sich. »Mädchen, ist mit Ihnen alles in Ordnung?«

»Aber ja doch. Warum sollte denn mit mir etwas nicht stimmen? Ich hin völlig klar im Kopf, Chef. Ich schon.«

Luc Morell brauste auf: »Soll das heißen, dass ich...?«

Monique schüttelte schnell ihren hübschen Kopf. »Heißen soll das gar nichts. Entschuldigen Sie. Ich habe nur laut gedacht.«

Luc Morell presste die Lippen aufeinander. »Jetzt hören Sie mir mal genau zu, Monique!«, sagte er dann eindringlich. »Ich habe mich vorhin entschuldigt, bin aufgestanden und habe das Restaurant verlassen.«

Die Sekretärin des Doktors schüttelte hartnäckige den Kopf. »Tut mir leid, Ihnen widersprechen zu müssen, Chef. Tut mir wirklich leid. Sie haben sich nicht entschuldigt und sind auch nicht aus diesen Restaurant gegangen. Steve wird es Ihnen bestätigen. Nicht wahr, Steve?«

Steve Pratt, der Historiker, schaute daraufhin seinen Freund Luc Morell lächelnd an. »Es stimmt, was Monique sagt. Du bist nicht fort gewesen.«

Luc Morell stieß schnaubend die Luft aus. »Wollt ihr vielleicht behaupten, ich weiß nicht mehr, was ich tue?«

Steve hob die Schultern. »Vielleicht warst du so tief in Gedanken versunken, dass du dir das bloß eingebildet hast.«

Doktor Morell wandte sich händeringend an Steve Pratt. »Hör mal, Steve, wir sind doch nun schon eine ganze Weile befreundet, nicht wahr?«

Steve nickte. »Natürlich.«

»Dann beantworte mir doch bitte mal Folgendes: Wie ist es möglich, dass ich gleichzeitig hier sitze, während ich aus dem Restaurant gehe und von einem Lkw beinahe überrollt werde?«

»Du bist was beinahe geworden?«, fragte Steve erschrocken.

»Überfahren! Jawohl! Dort draußen! Vor dem Restauranteingang. Von einem Lastwagen. Und am Steuer saß Charles Dorléac, mein toter Vetter!«

»Dein was?«, fragte Steve Pratt verdattert.

»Ich weiß, dass es verdammt verrückt klingt, Steve. Aber ich habe ihn ganz deutlich gesehen. Er saß am Steuer dieses Lasters und wollte mich über den Haufen fahren. Ich konnte auf den Wagen aufspringen, fuhr bis zum Friedhof mit, der sich auf halben Weg befindet und...« Luc Morell stockte.

Pratt schüttelte besorgt den Kopf. »Monique und ich können nur noch einmal betonen, dass du die ganze Zeit über hier bei uns gesessen hast.«

Luc Morell schaute seine Sekretärin an. Das Mädchen nickte ernst.

»Der Kellner!«, sagte Luc hastig. Die beiden mussten sich irren. War es möglich, dass sie ihn nicht fortgehen sehen hatten? »Ruf den Kellner her, Steve!«

»Hör mal, du machst dich damit nur lächerlich«, sagte Pratt beruhigend.

Luc Morell schnauzte ihn gereizt an: »Das ist wohl meine Sache, oder?«

Steve winkte den Kellner seufzend herbei.

Der bleichgesichtige plattfüßige Mann setzte sich in Bewegung. Er kam mit seinem unnachahmlichen watschelnden Gang an den Tisch, schaute Steve mit seinen schwarzen Knopfaugen an und sagte: »Bitte, Sir?«

Luc Morell richtete das Wort an ihn. »Sagen Sie, haben Sie gesehen, wie ich vor etwa einer halben Stunde das Restaurant verließ und vor wenigen Minuten hierher zurückkam?«

Der Kellner richtete sich steif auf. Sein Gesicht zeigte Ärger und Entrüstung. »Soll das ein Scherz sein, Sir?«, sagte er zornig. »Ich lasse mich doch von Ihnen nicht auf den Arm nehmen!«

»Aber...«

Der Kellner wandte sich mit einem Ruck um.

Kopfschüttelnd maulte er: »So etwas! Sitzt die ganze Zeit hier vor meiner Nase und stellt eine solche Frage!«

Luc Morell schaute dem davonwatschelnden Kellner fassungslos nach. Was war denn bloß los? Spielt die ganze Welt auf einmal verrückt?

»Bist du jetzt überzeugt?«, fragte Steve Pratt.

Luc Morell war nicht überzeugt. Er hatte dieses mörderische Abenteuer wirklich erlebt. Wirklich!

»Kommen Sie Chef. Sie haben wahrscheinlich mit offenen Augen geträumt.«

Natürlich. Erklärungen dieser Art waren typisch für Monique Dumas. Für sie gab es keine übersinnlichen Dinge. Sie fand für alles eine Erklärung, selbst wenn sie noch so fadenscheinig war, sie fand eine und klammerte sich daran. Das sollte sich im Laufe der Jahre noch ändern. Einst würde sie an der Seite von Luc Morell, den die Welt »Doktor Mystery« nennen sollte, gegen die Mächte der Hölle kämpfen und eine wahre Expertin in Sachen Dämonologie werden.

Doch bis dahin würde noch einige Zeit vergehen...

»So etwas kann schon mal vorkommen«, sagte Monique, als wollte sie ihn entschuldigen.

Verdammt, er brauchte keine Entschuldigung. Es war wirklich passiert, was er erlebt hatte. Warum sahen die beiden das denn nicht ein?

»Wenn Sie jetzt Ihren Kaffee austrinken, können wir gehen, Chef.«

Der Kaffee. Er erinnerte sich noch genau daran, drei Tassen Kaffee bestellt zu haben, bevor er weggegangen war. Da stand seine. Das war der Beweis, dass er nicht geträumt hatte. Schnell griff er nach der Tasse. Im selben Moment zuckte er entsetzt zurück. Die Tasse war heiß. Vom Kaffee kringelten sich kleine Dampfwölkchen hoch, ihm entgegen, als wollten sie ihn verhöhnen.

Der Kaffee hätte unmöglich noch so heiß sein können, wenn Luc Morell wirklich eine halbe Stunde weg gewesen war.

Verwirrt und fassungslos trank er mit kleinen Schlucken den dampfenden Kaffee. Steve Pratt beglich die Verzehrrechnung. Luc Morell fuhr sich benommen über die Augen. Monique schielte ihn von der Seite besorgt an.

Er schüttelte schweigend den Kopf. Er konnte sich das alles nicht bloß eingebildet haben. Dazu war dieses Abenteuer zu wirklich abgelaufen. Seine Ängste, seine Erregung waren echt gewesen. Das konnte er nicht einfach nur geträumt haben.

Monique Dumas erhob sich, nachdem Steve Pratt aufgestanden war. Als Letzter stand Luc Morell auf. Sie verließen das Restaurant.

Als sie vor dem Glasportal standen, sagte Luc Morell: »Der Lkw! Ich werde euch den Lkw zeigen!« Er wandte sich in die Richtung, wo er den Laster abgestellt hatte. Schlagartig wurde er bleich. »Das... das ist doch... Das kann doch nicht... Unmöglich... Ich habe ihn doch dort abgestellt!«

Monique griff mitleidvoll nach Luc Morells Arm. »Chef, Sie sollten sich nicht so tief in die Sache hineinsteigern. Das ist nicht gut.«

»Monique hat recht«, meinte auch Steve Pratt.

Luc Morell starrte zuerst Monique und dann Steve mit einem wütenden Blick an. »Für euch beide ist es also eine besiegelte Sache, dass ich verrückt geworden bin, was?«

»Verrückt...«, sagte Steve gedehnt.

»Ja, verrückt!«

»Verrückt ist ein hässliches Wort«, meinte Steve Pratt abschwächend.

»Wie würdest du dazu sagen?«, fragte Luc Morell gereizt.

»Vielleicht sind bloß deine Nerven um eine Umdrehung zu straff gespannt.«

»Verflucht noch mal, mir geht es gut!«, fauchte Luc Morell zornig. »Hör doch auf, mich wie einen Geisteskranken zu behandeln, Steve!«

Pratt legte den Kopf schief und grinste. »Okay. Aber dann musst du aufhören, wie einer zu toben.«

Luc Morell leckte sich über die trockenen Lippen. Zum Teufel, was war nur mit ihm los? Warum gebärdete er sich wie irre? Was war bloß in ihn gefahren? Er seufzte verzweifelt. »Entschuldige, Steve.«

»Schon gut.«

»Es will einfach nicht in meinen Kopf, was hier vor sich geht.« Luc Morell hielt inne. Ihm war noch eine Idee gekommen. Seine Augen leuchteten aufgeregt. »Hört zu!«, sagte er zu Monique und Steve. »Ich war doch noch nie in diesem gottverlassenen englischen Dorf, nicht wahr?«

»Noch nie«, sagte Steve.

»Wir sind alle drei zum ersten Mal hier, Chef«, sagte Monique.

Luc Morell nickte. Er holte tief Luft und sagte dann mit fester Stimme: »Dann werde ich euch jetzt mal den Dorffriedhof in allen Einzelheiten schildern, okay?«

»Wozu soll das gut sein, Chef?«, fragte Monique.

»Fang an«, forderte Steve Pratt gespannt.

Doktor Luc Morell schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Und dann begann er den kleinen Dorffriedhof haargenau zu beschreiben. Er beschrieb das schmiedeeiserne Gittertor, die kleine Kapelle, die Lage des Gottesackers, alle Gräber, die er sich eingeprägt hatte, Gruften, Grabmale...

Als er mit seiner präzisen Schilderung fertig war, öffnete er die Augen und blickte Steve und die Sekretärin durchdringend an. »So«, sagte er. »Und nun fahren wir gemeinsam hin und sehen uns den Friedhof an.«

Steve Pratt hob seufzend die Schultern. »Meinetwegen, fahren wir hin. Du würdest jetzt ohnedies keine Ruhe mehr geben.«

Monique schaute den Doktor schaudernd an. »Was versprechen Sie sich davon, Chef?«

Luc Morell warf ihr einen Blick zu, der sich tief in ihre dunklen Augen versenkte. »Die Bestätigung meiner Worte!«, sagte er todernst.

Sie gingen um den Gebäudekomplex herum. Vor dem Hauptportal des Bahnhofs stand zum Glück ein Taxi. Ein alter Morris, der die nächste behördliche Fahrzeugüberprüfung ganz sicher nicht mehr passieren konnte. Die Gläser beider Scheinwerfer waren defekt. Die Scheibenwischer klebten traurig auf der zerkratzten Windschutzscheibe, und zwar in einer Stellung, als hätten sie mitten in ihrer Arbeit den Geist aufgegeben. Natürlich war der ganze Wagen total vom Rost angenagt.

Als Doktor Luc Morell den Wagenschlag aufklappte, war ein schauriges Ächzen zu hören, das aber ebenso gut der Fahrer ausgestoßen haben konnte.

Der Mann hattte einen schwarzen Vollbart, der mit silbernen Fäden durchwirkt war. Eine scharfe Hakennase sprang aus dem Gestrüpp hervor und bog sich dahin, wo der Mund sein musste.

Monique Dumas kletterte in den Fond des altersgeschwächten Wagens. Die Federung ächzte unter dieser kaum nennenswerten Belastung. Als Steve sich neben sie verfrachtete, ächzte die Federung noch mehr. Und als Luc Morell neben dem Fahrer Platz nahm, drohte sie ihren Geist aufzugeben.

Der Doktor klappte die Tür behutsam zu, damit der Wagen nicht auseinanderbrach.

Der bärtige Fahrer schaute ihn fragend an. Er roch nach Zwiebel, Whisky und Tabak. Der ganze Innenraum des Fahrzeugs stank danach.

»Zum Friedhof!«, sagte Luc Morell.

Die Augen des Fahrers nahmen einen verwunderten Ausdruck an. »Zum Friedhof?«

»Ja.«

Der Fahrer startete den Motor. Der Anlasser drehte sich langsamer herum als ein Toter im Grab. Dann lief die Maschine aber doch mit einigen knallenden Fehlzündungen.

Er fuhr mit einem Ruck los, fuhr um die Ecke und kam am Glasportal des Bahnhofsrestaurants vorbei. Und von da an fuhr er die gleiche Strecke, die Luc Morell schon zweimal zurückgelegt hatte. Einmal hin und einmal her.

Nach sieben Minuten erreichten sie den Dorffriedhof. Still lag er vor ihnen. Das schmiedeeiserne Tor war geschlossen. Sie stiegen nicht sofort aus.

Luc Morell ließ zuerst das Bild auf sich einwirken. Es war alles genauso, wie er es geschildert hatte. Seine Erinnerung war also richtig. Das war die Bestätigung. Eine Bestätigung, die er selbst dringend nötig hatte, denn er hatte schon an seinem Verstand zu zweifeln begonnen.

Luc stieß den Wagenschlag auf. Ein jämmerliches Ächzen begleitete den Schwung der Tür. Auch Steve Pratt öffnete die Tür.

Sie schälten sich aus dem Fahrzeug. Luc Morell drehte sich um, beugte den Rücken und sagte zu dem bärtigen Fahrer: »Warten Sie hier.«

Der Mann nickte und hob den Finger. »Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass der Zähler läuft, Sir.«

»Das geht schon in Ordnung.«

»Dann ist es gut.«

Monique ging zwischen Luc Morell und Steve. Sie näherten sich zu dritt dem geschlossenen Gittertor, um einen prüfenden Blick auf den Friedhof zu werfen. Monique mochte keine Friedhöfe, denn der Anblick von Gräbern stimmte sie traurig. Zeigten die Gräber doch deutlich auf, wie vergänglich alles Leben ist, wie kurz es nur währt und wie lange man eigentlich tot ist.

Sie erreichten das Gittertor.

Steve Pratt hatte noch genau die Beschreibung Luc Morells im Ohr. Er war verblüfft, feststellen zu müssen, dass Luc Morell wirklich alles genau beschrieben hatte. Auch Monique musste zugeben, dass es sich um genau den Friedhof handelte, den Doktor Luc Morell detailliert skizziert hatte.

Luc Morell wandte sich mit vor Erleichterung strahlenden Augen an die beiden. »Was sagt ihr nun?«

»Nichts«, sagte Steve. Monique zuckte schweigend die Achseln.

»Wie kann ich wissen, wie dieser Friedhof aussieht, wenn ich nicht hier war?«, fragte Luc Morell.

Steve schaute zu der kleinen Kapelle. »Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll.«

Monique holte tief Luft und meinte dann: »Ich glaube, ich habe eine Erklärung dafür, Chef.«

»Da bin ich aber gespannt«, sagte Luc Morell.

»Sie sind nicht zum ersten Mal hier, Chef.«

»Eben. Ich war heute schon mal...«

Die Sekretärin schüttelte den Kopf. »Nicht heute, Chef. Irgendwann mal. Möglicherweise können Sie sich daran nicht mehr erinnern. Ich meine, Sie wissen zwar noch, wie der Friedhof aussieht, aber nicht mehr, wann Sie hier waren.«

Luc Morell schüttelte aufgeregt den Kopf. »Das ist doch blanker Unsinn, Monique.«

Das Mädchen lächelte. »Es ist die einzige Erklärung, die ich dafür habe, Chef.«

»Weil Sie nicht an übersinnliche Kräfte glauben, Monique!«, ereiferte sich Luc Morell. »Solche Kräfte sind hier im Spiel. Wie oft muss ich Ihnen noch versichern, dass es sie gibt!«

Monique legte den Kopf schief. »Geben Sie sich keine Mühe, Chef. Für mich ist alles erklärbar.«

Luc Morell schnaubte aufgeregt. »Und was man nicht erklären kann, das gibt es für Sie einfach nicht! Sie machen es sich ein bisschen zu einfach, Monique!«

»Mag sein, dass ich es mir zu einfach mache, Chef. Dafür machen Sie es sich aber zu schwer.«

Luc Morell fuhr sich mit einer wilden Geste an die Stirn.

»Die Puppe!«, stieß er beinahe erschrocken hervor. Seine Augen glänzten erregt. »Wie konnte ich sie nur vergessen?«

»Welche Puppe?«, fragte Steve Pratt neugierig.

»Ich habe sie auf diesem Friedhof gefunden.«

Der Doktor kramte in seiner Tasche herum. Seine Finger spürten den kalten Plastikkörper, umschlossen ihn und holten die Puppe aus der Tasche. »Hier!«, sagte er mit vor Aufregung geröteten Wangen und hielt dem Mädchen die Puppe hin. »Sehen Sie sich diese Puppe genau an, und sagen Sie mir dann, was Sie davon halten.«

Monique nahm ihm die kleine Puppe aus der Hand. Sie warf nur einen kurzen Blick darauf. Dann ließ sie einen erstaunten Ausruf hören. »Chef, wo haben Sie sie her?«

»Ich sagte Ihnen doch eben, dass ich sie auf diesem Friedhof gefunden habe«, erwiderte Luc Morell widerwillig. »Was sagen Sie zu dieser frappierenden Ähnlichkeit?«

Monique nickte beeindruckt. »Tatsächlich ‒ frappierend. Ich ‒ ich habe noch keine Puppe gesehen, die mir so stark ähnlich sah.«

Luc Morells Haare stellten sich unwillkürlich auf. Seine Kopfhaut wurde ihm plötzlich zu eng. Entsetzt stieß er hervor: »Wem sieht die Puppe ähnlich?«

»Mir, Chef.«

Luc Morell riss dem Mädchen bestürzt die Puppe aus der Hand. Mit schreckgeweiteten Augen starrte er auf das kleine Gesichtchen.

»Tatsächlich!«, presste er völlig verstört hervor.

Die Puppe hatte Moniques Gesichtszüge. Haargenau. Sie sah in jedem Detail aus wie Monique. Doch Luc Morell konnte jeden heiligen Eid darauf schwören, dass die Puppe vor nicht ganz einer Stunde ebenso haargenau wie er ausgesehen hatte.

Er griff sich mit zitternder Hand an die Stirn.

»O Gott!«, stöhnte er. »Was kommt da auf uns zu?«

Ein schwerer Kühltransporter donnerte die Landstraße entlang. Die Aluminiumaufbauten schimmerten silbrig. Das Fahrzeug fuhr ziemlich schnell, und der Motor verkündete seine Stärke mit dröhnendem Lärm.

Monique hielt die Puppe in ihrer zarten Hand und schaltete mit einem Mal geistig vollkommen ab. Ihr Gesicht wurde wächsern. Das Blut wich aus ihren Lippen. Ihr Atem kam stoßweise. Sie war nervös und auf eine unerklärliche Weise furchtbar traurig.

Dunkelgraue Schleier legten sich über ihre Augen. Sie nahm nichts mehr um sich herum wahr, wandte sich ohne ein Wort zu sagen um und begann langsam zu gehen.

Luc Morell und Pratt beachteten diese seltsame Reaktion nicht sofort. Die beiden hatten sich dem Friedhofstor zugewandt, um dieses Bild noch einmal auf sich einwirken zu lassen.

Monique ging mit staksenden Schritten von ihnen weg. Sie bewegte sich kaum, während sie ging. Ihre Haltung war kerzengerade. Sie hatte den Kopf gehoben, hielt die Puppe fest in ihren Händen und ging geradewegs auf die Landstraße zu.

Der Taxifahrer hatte seine Zeitung über das Lenkrad gebreitet und las die Schlagzeilen auf der Sportseite. Das donnernde Herannahen des schweren Kühltransporters lenkte ihn von den Schlagzeilen ab, er blickte nach vorn und riss im selben Moment bestürzt die Augen auf. Er war noch niemals mehr erschrocken als in diesem Moment. Sein Herz krampfte sich unwillkürlich zusammen.

Der Kühltransporter kam die Landstraße herangesaust. Von rechts kam dieses Mädchen. Ihr Gesicht war kreideweiß. Sie hielt etwas in den Händen, schien mit offenen Augen zu träumen, stakte auf die Straße zu und hörte den Transporter nicht. Wenn sie so weiterging, musste sie unweigerlich unter die Räder des Transporters kommen. Es gab keine andere Möglichkeit.

Der Fahrer des Kühlwagens konnte seinen silbrig glänzenden Riesen ganz bestimmt nicht mehr rechtzeitig zum Stillstand bringen. Dazu war der Wagen zu groß und zu schwer. Das ganze Gewicht würde ihn selbst bei blockierten Rädern nach vorn drücken. Das Mädchen war verloren, wenn es nicht stehen blieb.

Sie ging weiter. Unaufhaltsam.

»Mein Gott! Die will sich das Leben nehmen!«, stöhnte der Taxifahrer entsetzt.

Er stieß einen krächzenden Warnschrei aus. Monique hörte ihn nicht. Oder wollte sie ihn nicht hören? Verdammt, dieses junge hübsche Ding war lebensmüde.

Der Kühltransporter kam immer näher. Das Mädchen hatte schon fast die Straße erreicht.

Die Haare des Taxifahrers sträubten sich. Er schleuderte die Zeitung weg und hupte wie besessen. Das Mädchen reagierte nicht.

Aber Luc Morell wandte sich irritiert um. Er begriff die Gefährlichkeit dieser Situation schlagartig. Seine Sekretärin hatte schon fast die Straße erreicht. Der Kühltransporter fegte wie ein Silberblitz auf sie zu.

»Monique!«, brüllte der Doktor bestürzt. »Bleiben Sie stehen!«

Er hetzte los.

Monique hörte ihn nicht, vernahm nicht das heisere Husten der Taxihupe, hörte das gefährlich anschwellende Brüllen des Kühltransporters nicht.

Während Luc Morell mit angstverzerrtem Gesicht und weiten Sätzen hinter dem Mädchen herlief, brüllte er noch einmal ihren Namen.

Sie kümmerte sich nicht um ihn. Ging weiter. Immer weiter. Einfach weiter, als wäre sie allein auf der weiten Welt.

Luc Morell rannte. Monique setzte bereits ihren Fuß auf die Fahrbahn. Luc Morell stockte der Atem. Er wuchtete nach vorn, streckte die Arme nach den Schultern des Mädchens aus.

Seine Hände erwischten Monique, die Finger krallten sich in ihre Schultern. Er riss sie blitzschnell zurück.

Der Fahrer im Kühltransporter schien zu dösen. Er bremste nicht, hupte nicht, tat gar nichts. Donnernd fegte das mächtige Fahrzeug an Monique und Luc Morell vorbei.

Sie lagen beide im Straßenstaub und spürten, wie der Boden unter der schweren Belastung des mächtigen Wagens vibrierte.

Nun kam Steve Pratt gerannt. Auch der Taxifahrer sprang mit zitternden Knien aus seinem Vehikel, als der Transporter davongesaust war.

»Sie wollte sich das Leben nehmen!«, krächzte der Mann bestürzt.

Niemand hörte ihn an. Luc Morell kniete neben seiner Sekretärin. Er hob ihren Kopf sanft an und tätschelte leicht ihre Wangen. »Monique! Monique! Um Himmels willen, was haben Sie getan?«

Monique schaute ihn an, als wäre sie bis zum Hals mit Rauschgift vollgepumpt. Ihre Lippen bebten. Ihre Finger waren um die Puppe verkrampft. Die Knöcheln der Finger zeichneten sich weiß unter der Haut ab.

»Monique!«, sagte Luc Morell besorgt. Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Auch Steve schwitzte, als er sich nun zu dem Mädchen hinunterbeugte.

Ihre Augen verloren allmählich den starren Ausdruck. Sie schien von weit her in die Wirklichkeit zurückzukehren.

Nun schaute sie Luc Morell und Steve mit einem verblüfften Blinzeln an. »Chef!«, hauchte sie und setzte sich auf. »Warum sind Sie denn so aufgeregt?«

Doktor Luc Morell half ihr auf die Beine. »Mädchen!«, presste er verstört hervor. »Sie wären beinahe von einem Kühltransporter überrollt worden.«

»Ich?«, fragte Monique Dumas ungläubig.

»Sie ‒ Sie wollten sich das Leben nehmen«, sagte Luc Morell mit heiserer Stimme.

Monique lachte. Verdammt, er konnte das nicht begreifen, aber sie lachte wirklich. Lachte unbekümmert, als wäre überhaupt nichts passiert. Für sie war ja auch nichts passiert. Sie hatte diese schrecklichen Sekunden nicht mitbekommen.

»Nun machen Sie aber einen Punkt, Chef!«, sagte sie. »Welchen Grund sollte ich haben, eine solche Verzweiflungstat zu begehen?«

»Sie glauben mir schon wieder nicht!«, seufzte Luc Morell grimmig.

»Natürlich nicht. Wie könnte ich denn...?«

»Steve!«, knurrte Luc Morell.

»Ja?«

»Hat sie es getan oder nicht?«

Pratt nickte besorgt. »Leider ja, Monique.«

Das Mädchen winkte unbekümmert ab. »Ach, ich glaube euch allen beiden nicht.«

»Der Taxifahrer hat es auch gesehen«, sagte Steve Pratt.

Monique schüttelte entschieden den Kopf. Für sie war und blieb diese haarsträubende Geschichte trotzdem ganz einfach eine Unwahrheit. Schließlich hätte sie doch etwas davon merken müssen. Sie hatte keinen Transporter gesehen. Das war alles wieder einmal bloß Einbildung. Sie gingen zum Taxi.

Luc Morell knurrte ganz hinten in der Kehle: »Ich glaube, es ist hoch an der Zeit, dass in diesem Dorf des Schreckens mal gründlich aufgeräumt wird.«

11

Gayle Maud war allein in dem großen Haus, in dem sie wohnte, seit sie Doktor Filchock, den sie Melvin nannte, adoptiert hatte. Es war Abend. Sie saß in der Bibliothek. Das schwarze Fell eines Baribalbären lag auf dem Boden. Ein Buch, in dem Zahlen, Daten und Fakten aus aller Herren Länder gesammelt waren, lag vor ihr auf dem Lesetisch. Nun hob sie den Blick. Eine seltsame Unruhe befiel sie. Obwohl sie wusste, dass niemand im Haus war, war die Atmosphäre von der unerklärlichen Präsens eines seltsamen Wesens erfüllt.

Es überstieg ihre Vorstellungskraft, was es sein konnte. Sie wusste nur, dass sie nicht allein im Haus war, obwohl ihr Stiefvater das Haus vor etwa zwei Stunden verlassen hatte und noch nicht wieder zurückgekommen war.

Je stärker ihre Unruhe wurde, desto schlechter konnte sie sich konzentrieren. Schließlich hatte es keinen Sinn mehr, weiterzulesen. Sie behielt ja doch nichts mehr. Seufzend erhob sie sich, ging an dem Regal vorbei, in dem die Folianten untergebracht waren, und schob das Sachbuch an seinen angestammten Platz.

Ein Gefühl begann sie zu quälen. Sie konnte es nicht genau definieren. Es war nur schrecklich unangenehm. Sie glaubte sich ständig beobachtet, und es schien ihr, als könnte sie jeden Moment jemand buchstäblich aus dem Nichts heraus angreifen.

Ein Griff aus dem Nichts.

Sie schüttelte verwirrt den Kopf. So etwas gab es doch nicht.

Doch wie es so geht, wenn man einmal von einer unerklärlichen Angst befallen ist, steigerte sich Gayle immer mehr in diese Angst hinein. Auf einmal war ihr das Bibliothekszimmer mit seinen hohen Regalen und den vielen Büchern zu klein. Die Wände drohten sie zu erdrücken. Sie musste raus, konnte kaum noch atmen. Beinahe hastig verließ sie den Raum. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, glaubte sie sich wohler zu fühlen.

Doch dieses Gefühl währte nur wenige Augenblicke. Dann verschwand die verspürte Erleichterung wieder, und Gayle hatte den Wunsch, nach oben zu laufen und sich in ihr Zimmer einzuschließen.

Mit schnellen Schritten durchquerte sie die geräumige Halle. Als sie die Mitte der Halle erreicht hatte, ließ sie ein leises, unheimliches Raunen aufhorchen. Sie blieb unvermittelt stehen und wandte sich gehetzt um.

Was war das? Bildete sie sich das bloß ein, oder hatte sie dieses gespenstische Raunen wirklich gehört? Woher kam es? Es war nicht genau zu lokalisieren. Sie fröstelte. Und aufgeregt stellte sie fest, dass sich um ihren ganzen Körper eine rauhe Gänsehaut spannte.

Sie wollte weitergehen und machte auch einen zögernden Schritt. Da hörte sie abermals dieses gespenstische Raunen. Galt es ihr? Wodurch wurde es hervorgerufen? Woher kam es? Sie schaute sich ängstlich um, drehte sich in der Hallenmitte im Kreis.

Die Bilder ‒ zumeist Landschaftsgemälde ‒ flogen an ihren Augen vorbei. Aber woher kam das Raunen? Vermutlich aus dem Keller. Gayle Maud fand es eigentümlich, dass sie sich ausgerechnet jetzt an jenen Tag erinnerte, an dem Melvin von seiner weiten Reise zurückgekehrt war.

Sie hatte ihn herzlich begrüßt. Schließlich war er drei Monate fort gewesen. Seine Begrüßung war eher kühl ausgefallen, und Gayle gewann schon nach den ersten Minuten den Eindruck, dass sich Melvin irgendwie verändert hatte. Drei Monate sind keine so lange Zeit, dass man sich derart verändern kann. Er schien sich über das Wiedersehen gar nicht richtig gefreut zu haben. Fremde Männer, die er beim Bahnhof engagiert hatte, hatten mehrere schwere Kisten ins Haus geschleppt und gleich in den Keller hinuntergetragen.

Natürlich hatte Gayle wissen wollen, was sich in diesen Kisten befand, doch Melvin hatte ihr nur ausweichende Antworten gegeben.

Seither beschlich sie fast täglich dieses eigenartige Gefühl, nicht allein im Haus zu sein, wenn Melvin nicht da wer. So schlimm wie an diesem Tag war es bisher aber noch nicht gewesen. Nachts wurde sie von bösen, wüsten Albträumen gequält. Diese Träume führten sie zumeist in den Keller hinunter, zu jenen geheimnisvollen Kisten, deren Inhalt sie nicht kannte. Und jedes Mal entstiegen diesen Kisten schreckliche Gestalten, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Stiegen heraus, umtanzten sie und versuchten sie zu töten.

Das Raunen, das sie zuvor erschreckt hatte, wurde mit einem Mal stärker. Melvin hatte ihr verboten, in den Keller zu gehen. Warum? Sie fragte sich das mehrmals am Tag. Und heute war ihre Neugierde plötzlich so groß, dass sie unbedingt eine Antwort auf diese Frage haben wollte. Was versteckte Melvin dort unten?

Statt des Raunens vernahm sie plötzlich ein unglückliches Seufzen. Es kam eindeutig aus dem Keller. Nun begann sie ein ungeheurer Zwang zum Kellerabgang zu drängen. Sie ging sofort darauf ein. Ihre Angst wuchs. Doch in gleichem Maße ‒ sogar noch mehr ‒ wuchs auch ihre Neugierde.

Sie öffnete die Kellertür. Geräuschlos schwang sie auf. Vor ihr lag die steile Kellertreppe. Die Stufen schienen zu fluoreszieren. Sie zogen sie mit magischer Gewalt an. Sie konnte einfach nicht widerstehen, hinunterzugehen.

Alle diese unheimlichen Laute nahm sie nicht so sehr mit den Ohren als mit dem Geist wahr.

Sie machte den ersten Schritt. Ihr heller Verstand verbot ihr die nächsten Schritte. Er warnte sie vor einer schrecklichen Gefahr, die dort unten auf sie lauerte.

Plötzlich wog Gayles Angst genauso stark wie ihre Neugierde. Sie wollte umkehren, doch ihre Beine gehorchten ihr nun nicht mehr. Sie führten ein gespenstisches Eigenleben, waren nicht mehr aufzuhalten, stiegen Stufe für Stufe tiefer in den Keller hinunter.

Das Gefühl, dass sie sich einer tödlichen Gefahr näherte, wurde immer stärker. Sie wollte nicht mehr weitergehen. Die Neugierde war bereits von der Angst überflügelt worden. Sie wollte keinen Schritt mehr tun, doch ihre Beine machten, was sie wollten.

Wie ein starker Magnet zog sie die Gefahr an. Die letzte Stufe! Zur linken Hand befand sich die Tür, die in Melvins Laboratorium führte. Da es hier unten ziemlich dunkel war, tastete Gayle mit zitternden Fingern nach dem Lichtschalter.

Als die Glühbirne an der nackten Kellerdecke aufflammte, atmete Gayle auf. Ihre Beine trugen sie zu jener Tür. Ihre rechte Hand streckte sich wie von selbst nach dem Griff aus, ohne ihn jedoch zu berühren.

Sie hörte ein Atmen. Da sie selbst die Luft anhielt, mussten diese Atemzüge von jemand anderem stammen.

Kalte Schauer ergossen sich über ihren Rücken. Angstschweiß glänzte auf ihrer Stirn. Eine unnatürliche, widerliche Kälte beschlich sie und klammerte sich mit ekelhaft spitzen Krallen in ihren schlanken Nacken.

Obwohl sie am liebsten davongelaufen wäre, berührte sie nun den Türgriff.

Ein elektrischer Schlag ließ sie jäh zurückzucken.

Das Raunen war inzwischen schon so stark geworden, dass es sich in ihren Ohren mit einem lästigen Brausen verband und sie schwindelig machte. Sie war nicht mehr imstande, klar zu denken. Sie musste das tun, was ihr ein anderer, wesentlich stärkerer Wille, aufzwang.

Gayle handelte mit marionettenhaften Bewegungen. Irgendeine schreckliche Macht zog an unsichtbaren Fäden. Und sie gehorchte. Noch einmal tastete sie nach dem Türgriff. Da hörte sie dicht hinter sich ein Geräusch.

Das war fast zu viel für ihre bis zum Bersten angespannten Nerven. Sie wirbelte mit einem krächzenden Aufschrei herum.

Panische Furcht trieb ihre Augen weit aus den Höhlen...

12

»Genug für heute«, sagte Mitchell Pick, der blinde Klavierspieler, zu dem Wirt, in dessen Gasthaus er allabendlich spielte. Er klappte den schwarzen Deckel auf die Tasten.

Der Wirt hatte ein seltsames Aussehen. Sein spärliches Haar leuchtete tatsächlich rosarot. Er war klein von Wuchs, hatte schmale, abfallende Schultern, ein hageres Gesicht und dünne Arme.

»Hat sich heute wohl nicht sehr gelohnt, wie?«, fragte er den Blinden. Pick durfte zwar bei ihm spielen, bekam von ihm jedoch keinen Penny. Dem Blinden gehörte lediglich das Geld, das ihm die Gäste in die Porzellanschale legten.

Nach dieser Schale tappte der Blinde nun. Er steckte die wenigen Münzen, die darauf glänzten, mit einem bescheidenen Lächeln ein. Er verabschiedete sich und verließ das Gasthaus.

Ein kühler Wind blies ihm ins Gesicht. Er wandte sich nach rechts und begann, mit seinem weißen Stock auf den Boden klopfend, zu gehen. Langsam ging er die dunkle Straße entlang. Er wich Mauervorsprüngen aus, überquerte beinahe mühelos einige Querstraßen und blieb plötzlich verwirrt stehen.

Er hob den Kopf. Irgendetwas hatte ihn veranlasst, nicht weiterzugehen. Mit erhobenem Kopf lauschte er.

»Ist hier jemand?«, fragte er unsicher. Sein sensitiver Spürsinn registrierte, dass sich jemand in der Nähe befand. Jemand, der nicht antwortete. Nicht antworten wollte. »Ist hier jemand?«, fragte der Blinde noch einmal. Diesmal schwang in seiner Stimme deutlich Angst mit.

Es war jemand da. Mitchell Pick war zu seinem Leidwesen nicht in der Lage, die Gestalt zu sehen, die auf der gegenüberliegenden Straße stand. Sie war unheimlich anzusehen. Ein Monster. Das Gesicht war halb versteinert und zu einem satanischen Grinsen verzogen. Es war knöchern und sah aus wie ein Totenschädel, an dem zottelige Haare klebten.

Grausame Augen starrten den Blinden an. Kein Fleisch, keine Haut war an dem schrecklichen Schädel zu sehen. Die hässlichen gelben Zähne steckten in einem versteinerten Kiefer.

Ganz langsam hob dieses abscheuliche Monster die behaarten Arme, die sich im gleichen Augenblick auf eine unerklärliche Weise an den Ellenbogen abtrennten und nun langsam auf Pick zuschwebten.

Der Blinde wollte noch etwas sagen, doch plötzlich umkrallten zwei Hände seinen dünnen Hals.

Zu Tode erschrocken schlug der Blinde um sich. Der weiße Stock fiel auf den Boden. Ebenso die dunkle Brille.

Sekunden später brach der Blinde mit einem letzten markerschütternden Röcheln zusammen...

13

»Melvin!«, stöhnte Gayle Maud, als sie ihren Stiefvater erkannte. »Ich habe dich nicht nach Hause kommen gehört.«

Melvin Filchock war ein schmächtiger Mann. Er trug einen eleganten dunklen Straßenanzug, hatte dichtes braunes Haar, ein weiches Kinn und verbarg seine grünen Augen hinter einer dicken Hornbrille.

»Ich habe dir verboten, diesen Keller zu betreten, Gayle!«, schnauzte er das Mädchen wütend an.

»Ja, das hast du, Melvin. Und ich wollte eigentlich nicht herunterkommen, aber...«

»Aber?«, fragte Filchock und schaute seine Stieftochter mit böse funkelnden Augen an.

»Mir war, als hätte ich hier unten ein seltsames Raunen vernommen.«

»Ein Raunen?«

»Ja, Melvin.«

»Lächerlich.«

»Wieso...?«

»In diesem Keller befindet sich absolut nichts, was raunen könnte!«

»Warum möchtest du nicht, dass ich diesen Keller betrete, Melvin?«

Filchock zog die Augenbrauen zusammen, schüttelte den Kopf und bellte: »Ich habe meine Gründe! Und ich wäre dir sehr dankbar, wenn du meine Anordnungen in Zukunft befolgen würdest!«, fauchte Doktor Filchock gereizt.

»Natürlich, Melvin«, sagte Gayle niedergeschlagen.

»Geh jetzt nach oben, Gayle.«

»Ja, Melvin.«

»Ich habe zu arbeiten...«

»Ich... würde dir gern dabei zusehen, Melvin«, sagte das Mädchen verlegen. »Bitte!«

Filchock lief rot an. Er schüttelte wütend den Kopf. »Kommt nicht in Frage! Würdest du nun bitte tun, was ich von dir verlangt habe?«

Gayle nickte mit niedergeschlagenem Blick. Sie ging an Filchock vorbei und stieg die Kellertreppe hinauf. Sie hörte, wie der Doktor unten die Tür öffnete und sie dann hinter sich wieder schloss.

Was ist nur in diesem schrecklichen Keller?, fragte sich das Mädchen. Was?

14

Doktor Luc Morell, Steve Pratt und Monique Dumas hatten die Nacht im einzigen Hotel des Dorfes verbracht. Nach dem Frühstück gingen die drei zu Jerry Westbrook.

Westbrook war erst an diesem Morgen aus der Nervenklinik entlassen worden. Seine Freude über Luc Morells Erscheinen kannte keine Grenzen. Er bestand darauf, dass Luc Morell und seine Freunde das Hotel verlassen sollten, um in seinem Haus zu wohnen.

Doktor Morell ließ sich gern von Westbrook breitschlagen. Westbrook stellte ihm sofort für die Dauer seines Aufenthaltes seinen Wagen, einen schneeweißen Corsair, zur Verfügung. Damit holte Luc Morell das Gepäck vom Hotel.

»Fühlen Sie sich in meinem Heim wie zu Hause!«, bat Jerry Westbrook, als sie alle im Salon beisammensaßen. Er verlieh immer wieder der Freude darüber Ausdruck, dass der Doktor den weiten Weg vom Loiretal bis hier nicht gescheut hatte. Dann begann er seine Geschichte zu erzählen. Er berichtete minuziös, was er erlebt hatte. Er sprach von dem Mord an Max Rintels und beschrieb das Monster so genau, wie er es in Erinnerung hatte. Er erzählte von der verblüffenden Wirkung des Schusses mit der Schrotflinte und was danach passiert war. »Das ‒ das war zu viel für mich, wie Sie sich vorstellen können«, sagte Westbrook mit heiserer Stimme.

Luc Morell nickte beeindruckt.

»Ich fiel in Ohnmacht«, sagte Westbrook. Dann lachte er bitter. »Eigentlich dürfte ich nun nicht mehr leben.«

»Wieso nicht?«, fragte Luc Morell interessiert.

»Nun, das schaurige Monster hat Max Rintels erwürgt und hätte auch mich spielend leicht erwürgen können. Ich lag doch wehrlos auf dem Boden.«

»Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb Sie dieses Wesen verschont hat, Jerry? Ich darf Sie doch so nennen?«

»Natürlich«, sagte Westbrook und nickte nachdenklich. »Ich habe nur eine einzige Erklärung dafür, Doktor Morell. Dieses teuflische Untier ist ein Wesen der Nacht. Zu dem Zeitpunkt, als ich ohnmächtig wurde, wich die Nacht bereits dem Tag. Möglich, dass dieser Umstand mir das Leben gerettet hatte.«

Westbrook war froh, endlich mit jemanden über dieses grauenvolle Erlebnis sprechen zu können. Mit jemandem, der ihn verstand. In der Klinik hatte er zwar anfangs auch mit den Ärzten darüber geredet, doch sie hielten seine Erzählungen für Hirngespinste.

»Wie ging es damals weiter, Jerry?«, fragte Luc sehr interessiert.

»Als ich erwachte, befand ich mich hier in meinem Haus. Ein paar Leute hatten mich draußen neben dem Toten gefunden und hereingetragen. Danach haben sie die Polizei verständigt. Man stellte mir eine Menge Fragen, und ich antwortete wahrheitsgetreu.«  Westbrook ließ ein gallenbitteres, kurzes Lachen hören.

»Ich kann es dem Inspektor nicht einmal verdenken, dass er dachte, ich wäre verrückt. Es klingt ja alles sehr verworren. Allein die Schilderung dieses Wesens ist so unglaubwürdig, dass die Leute an meinem Verstand zweifeln mussten. Dazu kommt noch die makabre Tatsache, dass sich die Hände dieses Monsters selbständig machen können, dass man es zwar in Stücke schießen, aber nicht vernichten kann, weil sich die Stücke hinterher gleich wieder zusammenfügen. Es ist einfach zu viel für einen nüchternen, sachlichen Polizisten, der gewöhnt ist, mit greifbaren Fakten zu arbeiten. Ich verstehe den Inspektor sehr gut. Dazu kam meine schreckliche geistige Gesamtverfassung. Ich weiß, dass ich auf die Leute einen völlig verrückten Eindruck gemacht habe. Deshalb haben sie mich in eine Nervenklinik eingeliefert.«

Für Monique waren es zumindest Fantastereien, die Jerry Westbrook hier von sich gab. Steve Pratt wechselte die übereinandergeschlagenen Beine, verschränkte die Arme vor der Brust und lauschte gespannt, was Westbrook weiter zu erzählen hatte.

»In der Klinik«, sagte Jerry, »da habe ich dann den Brief an Sie verfasst, Doktor. Gayle Maud, ein Mädchen, mit dem ich sehr befreundet bin, hat den Brief für mich aufgegeben. Ehrlich gesagt, ich habe eigentlich nicht geglaubt, dass Sie wirklich kommen würden. Umso mehr freut es mich, dass Sie doch gekommen sind, Doktor Morell. Wenn jemand dieses grausame Geheimnis, das sich über unser Dorf gebreitet hat, lüften kann, dann sind Sie das.«

Luc Morell dachte schaudernd an sein Erlebnis von gestern.

Der Dämon, der diesem Dorf im Nacken saß, hatte ihn in Angst und Schrecken zu versetzen versucht, hatte damit erreichen wollen, dass er sofort wieder abreist. Doch Luc Morell war unglaublich starrsinnig. Deshalb war er bei Jerry Westbrook. Er hatte die Aufforderung zum Kampf bereits gestern angenommen.

»Ich schwöre einen heiligen Eid darauf, dass ich die volle Wahrheit gesagt habe, Doktor Morell!«, sagte Jerry Westbrook mit fester Stimme. »Ich bin kein Fantast. Ich bin ein hartnäckiger Realist. Und ich bin nicht halb so verrückt wie die Ärzte in der Klinik. Ich weiß ganz genau, was ich in jener verfluchten Nacht erlebt habe! Und noch etwas weiß ich...«

Luc Morell horchte auf.

»Ich weiß, dass ich dieses grenzenlose Grauen nicht noch einmal erleben möchte, sonst werde ich womöglich wirklich verrückt...«

»Ist noch etwas vorgefallen?«, fragte Luc Morell.

»Heute Nacht wurde Mitchell Pick ermordet«, sagte Westbrook, während er sich müde zurücklehnte. »Ein blinder Klavierspieler.« Er schaute den Doktor mit vor Aufregung glänzenden Augen an. »Die Leute im Dorf meiden mich. Wer einmal in der Klapsmühle war, der wird mit schiefen Augen angesehen, das ist auf der ganzen Welt ein ungeschriebenes Gesetz. Einige haben aber doch mit mir gesprochen. Von denen weiß ich, dass Mitchell Pick auf ebenso grauenvolle Weise umgekommen ist wie Max Rintels.«

»Ich habe Ihrem Brief Andeutungen entnommen, wonach hier seit etwa zwei Monaten die seltsamsten Dinge geschehen.«

»Ja«, sagte Westbrook und nickte. »Seit zwei Monaten.«

»Was sind das für Dinge?«, fragte Luc Morell.

»Zum Beispiel haben sich zwei Menschen das Leben genommen.«

»Das finden Sie seltsam?«, fragte Steve Pratt.

»Ohne jeden Grund!«, sagte Westbrook eifrig. »Beide Männer hatten Familie und waren glücklich verheiratet. Glücklich! Sie können jedermann im Dorf fragen. Es gab keinen Grund, sich umzubringen. Trotzdem haben sie es getan. Tags darauf sind mehrere Hunde an einer unerklärlichen, unbekannten Krankheit eingegangen, und vier oder fünf Katzen starben plötzlich unter unsäglichen Qualen, obwohl sie eine Minute zuvor noch miteinander gespielt hatten. Zwei Leute wollen nachts irgendwelche schreckliche Gestalten um ihr Haus schleichen gesehen haben. Und seltsamerweise hat all das angefangen, kurz nachdem Doktor Melvin Filchock von seiner Expedition zurückkehrte.«

Westbrook erhob sich und ging zum Fenster. Er war nervös und musste sich ein bisschen die Beine vertreten. Nachdem er zwei Minuten schweigend zum Fenster hinausgesehen hatte, wandte er sich abrupt um, kehrte zum Tisch zurück und ließ sich schnaubend auf seinen Sessel fallen.

»Ich fresse einen Besen, wenn da kein Zusammenhang besteht!«, sagte er hart.

»Wer ist dieser Doktor Filchock?«, erkundigte sich Luc Morell.

»Er ist der Stiefvater meiner Freundin.«

»Wo hat die Expedition den Doktor hingeführt?«, wollte Luc Morell wissen.

»Nach Hangtschau.«

»Und was wollte er da?«

Westbrook zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Er spricht mit niemandem darüber. Nicht einmal mit seines Stieftochter. Als er zurückkam, ließ er einige schwere Kisten in sein Haus schaffen. Mehr weiß keiner in diesem Dorf. Was sich in diesen Kisten befindet, kann Ihnen außer Filchock niemand sagen...«

»Und die unerklärlichen Vorfälle haben nach Doktor Filchocks Rückkehr eingesetzt?«, fragte Luc Morell.

Jerry Westbrook nickte mit flammenden Augen. »Das lässt sich jederzeit belegen, Doktor Morell.«

»Dann ist es wohl von größter Wichtigkeit, mit Filchock zu reden«, meinte Luc Morell.

Jerry lächelte matt. »Wenn Sie Glück haben, wird er Sie höflich, aber bestimmt bitten, sein Haus sofort zu verlassen. Wenn Sie kein Glück haben, lässt er Sie nicht einmal ein.«

Nun erzählte Luc Morell mit wenigen Worten, was ihm gestern widerfahren war.

»Sehen Sie!«, rief Jerry Westbrook aufgeregt. »Sehen Sie, das sind diese seltsamen Dinge, von denen ich sprach!«

Luc Morell erzählte von der Puppe, die zuerst seine Züge, dann aber die von Monique gehabt hatte. Wie so etwas möglich war, war ihm immer noch ein Rätsel. Luc Morell vergaß auch nicht zu berichten, dass sich Monique gleich nach dem verblüffenden Anblick ihres Ebenbildes das Leben nehmen wollte.

Jerry Westbrook nickte eifrig. Das alles passte genau zu dem Bild, das er sich von der erschreckenden Situation gemacht hatte. Alles, was Luc Morell vorbrachte, bestätigte, was er zuvor gesagt hatte.

»Darf ich diese geheimnisvolle Puppe mal sehen, Doktor?«, verlangte er, als Luc Morell schließlich mit seiner Rede fertig war.

»Natürlich«, sagte Luc. »Ich trage sie bei mir in der Tasche.« Nun holte er sie heraus, legte sie auf den Tisch.

Monique stieß einen Laut aus, der zwischen einem entsetzten Krächzen und einem unendlich verzweifelten Seufzen lag. Alle Anwesenden starrten entgeistert auf die Puppe.

Sie sah aus wie Jerry Westbrook!

Jerrys Gesicht war schlagartig käsig geworden. Seine Augen flackerten. Seine Mundwinkel zuckten. Mit vor Angst bebenden Lippen raunte er: »Der Dämon treibt sein teuflisches Spiel mit uns. Niemand kann sich dagegen auflehnen.«

Eine beängstigende Wandlung ging mit Westbrook vor sich. Sein starrer Blick erreichte Steve Pratts Gesicht. Er verharrte da kurz, wanderte dann weiter zu Luc Morell und glitt schließlich zu Monique Dumas, die Westbrook voller Angst anschaute. Sie sah seine Augen, sah das teuflische Lodern in ihnen und wusste mit einem Mal, dass ihr von Westbrook Gefahr drohte. Tödliche Gefahr.

Mit zuckenden Händen schnellte er hoch und stürzte sich auf Monique. Ehe ihn jemand daran hindern konnte, fuhr er Luc Morells Sekretärin an den Hals. Er drückte gnadenlos zu.

Monique warf sich zurück. Ihr Stuhl kippte nach hinten. Sie krachte zu Boden. Westbrook warf sich auf die Knie und umspannte ihre Kehle erneut mit seinen zuckenden Händen. Dabei stieß er schreckliche, tierhafte Laute aus. Er schien nicht mehr er selbst zu sein.

Monique schlug entsetzt um sich. Sie drosch Westbrook ins Gesicht, schlug nach seinen Schläfen, wand sich verzweifelt unter dem furchtbaren Würgegriff des schlagartig Verrücktgewordenen.

Luc Morell und Steve Pratt sprangen von ihren Stühlen. Sie stürzten sich auf Westbrook, packten ihn an den Schultern und wollten ihn von Monique wegreißen.

»Um Himmels willen, Jerry!«, schrie Luc Morell aufgeregt. »Was tun Sie?«

Westbrook hörte ihn nicht. Er hörte gar nichts. Er knurrte, ließ sich von seinem Opfer nicht fortreißen, drückte die Kehle des Mädchens immer fester zu.

»Jerry!«, schrie Morell entsetzt. »Lassen Sie das Mädchen los!«

Westbrooks Gesicht zuckte. Triebhafte Mordlust verzerrte seine Züge. Monique röchelte erbärmlich. Steve zerrte wie wahnsinnig an Wesbrooks Arm. Doch irgendeine Macht verlieh Westbrook in diesen schrecklichen Minuten so ungeheure Kräfte, sodass weder Pratt noch Luc Morell wirkungsvoll dagegen ankämpfen konnten.

Weiße Schaumflocken traten auf Westbrooks Lippen. Immer wieder entrang sich seiner heißen Kehle ein furchterregendes, grauenvolles Knurren.

Nun schlug Luc Morell mit seinen Fäusten und auch mit den Handkanten auf den Tobsüchtigen ein.

Moniques Abwehrbewegungen wurden unkontrolliert. Ihr Gesicht war knallrot angelaufen. Die Lippen schimmerten erschreckend blau. Ihre weit aufgerissenen Augen drehten sich langsam nach oben. Das Ende war nahe.

Da fiel Luc Morells Blick auf eine schwere Bronzefigur. Sie stand auf der Kommode, stellte einen Ritter in stolzer Kampfhaltung dar. Luc Morell packte die Figur und schmetterte sie dem Tobenden mit aller Kraft ins Genick.

Jerry Westbrook brach ächzend zusammen.

Steve Pratt kümmerte sich sofort um die ohnmächtige Monique. Er hob sie hoch und trug sie zum Sofa. Dort legte er sie sanft ab und hastete aus dem Raum. Als er wiederkam, trug er zwei klatschnasse Handtücher. Eines für Westbrook, eines für Monique.

Luc Morell stellte die Bronzefigur keuchend an ihren Platz zurück. Dann fühlte er Westbrooks Puls. Mit diesem Hieb hätte man einen Ochsen erschlagen können. Doch Jerry Westbrook lebte.

Luc Morell war froh, ihn nicht erschlagen zu haben. Westbrook hatte unter Zwang gehandelt. Die Puppe musste ihn zu dieser Wahnsinnstat gezwungen haben. Diese verfluchte Puppe. Luc Morell legte das nasse Handtuch auf Westbrooks Gesicht. Allmählich kehrte Farbe in Jerrys Wangen zurück. Der Doktor hörte Monique husten. Steve gab ihr zu trinken. Sie setzte sich auf dem Sofa auf, obwohl Pratt sie daran hindern wollte.

»Ich weiß nicht, Chef!«, sagte sie kopfschüttelnd, während sie den schmerzenden Hals massierte. »Der Junge dürfte nicht zu Unrecht in der Klapsmühle gewesen sein.«

Luc Morell verteidigte den Ohnmächtigen. »Der Junge kann nichts dafür, Monique. Er war nicht bei Sinnen.«

»Das stimmt allerdings«, ächzte Monique.

»Ich meine das anders.«

»Er ist verrückt!«

»Das ist er eben nicht!«, erwiderte Luc Morell. »Diese gottverfluchte Puppe hat ihn auf irgendeine Weise beeinflusst. Er musste sich auf Sie stürzen. Diese Puppe hat ihn gezwungen, es zu tun. So wie Sie von dieser Puppe gezwungen wurden, sich vor den Kühltransporter zu werfen!«

»Ich habe mich nicht...«, wollte Monique aufbegehren.

Luc Morell winkte mit einer knappen Geste ab.

»Eine Puppe!«, sagte Monique ärgerlich. »Eine gewöhnliche, leblose Puppe. Was soll die schon tun können? Wie soll die einen Menschen zu etwas zwingen können?« Sie brauchte eine Weile, bis sie sich von dem erlittenen Schock erholte.

Luc Morell zerrte Jerry Westbrook hoch, setzte ihn auf einen Stuhl und schlug ihm mit der flachen Hand abwechselnd links und rechts ins Gesicht.

Westbrook öffnete benommen die Augen. Luc Morell stand gebeugt vor ihm.

»Was ist?«, fragte Westbrook verwirrt. »Warum sehen Sie mich so seltsam an, Doktor? Ich bin ohnmächtig gewesen, nicht wahr?«

»Ja.«

»Und? Stimmt mit mir irgendetwas nicht, Doktor Morell? Ich flehe Sie an, Sie müssen es mir sagen.«

Luc Morell kniff die Augen zusammen. »Sie haben versucht, meine Sekretärin zu erwürgen.«

Westbrook starrte auf seine Hände. Panisches Entsetzen grub sich tief in sein Gesicht.

»Nein!«, stöhnte er. »Nein! Das ist nicht wahr, Doktor! Das darf nicht wahr sein! Sagen Sie, dass es nicht wahr ist! Bitte, Doktor!«

Monique erhob sich. Unsicher begann sie zu laufen. Sie hatte Schluckbeschwerden und pochende Kopfschmerzen.

Luc Morell winkte sie zu sich. Er bat sie, dem Ungläubigen die Würgespuren zu zeigen. Sie neigte den Kopf, sodass Westbrook die Abdrücke seiner Daumen an ihrem Kehlkopf deutlich sehen konnte.

Jerry schlug die Hände entsetzt vors Gesicht. »O Gott. Mein Gott!«, ächzte er. »Verzeihen Sie, Miss Dumas. Ich ich...«

Plötzlich hatte Monique mit Jerry Mitleid. Sie legte ihm die Hand auf die zuckende Schulter. »Schon gut«, sagte sie mit rauer Stimme. »Zum Glück ist nichts passiert.«

»Aber dieser Vorfall zeigt ganz deutlich auf, wie ohnmächtig und hilflos wir dem Einfluss des Bösen gegenüberstehen!«, meinte Luc Morell todernst.

Westbrook nahm die Hände vom Gesicht und sah sie verständnislos an. Er konnte es noch immer nicht fassen, dass er mit seinen Händen beinahe einen Mord begangen hatte. »Du lieber Himmel, Doktor!«, presste er erschüttert hervor. »Stellen Sie sich vor, es wäre mir gelungen...«

»Versuchen Sie sich zu erinnern, Jerry!«, verlangte Luc mit eindringlicher Stimme.

»Woran?«, fragte Westbrook unsicher.

»An die Puppe.«

»Nein!«, schrie Westbrook auf.

»Sie müssen sich daran erinnern, Jerry!«, sagte Luc Morell. »Sie sieht so aus wie Sie. Sie sehen sie an. Erinnern Sie sich noch an Ihre Worte, die Sie beim Anblick dieser Puppe gesprochen haben?«

»Nein!«

»Denken Sie nach.«

»Ich kann nicht. Da ist... ein Riegel. Ich kann mich nicht erinnern, Doktor.«

»Dann will ich Ihnen helfen. Sie sagten: ›Der Dämon treibt sein teuflisches Spiel mit uns. Niemand kann sich dagegen auflehnen.‹ Das waren Ihre Worte. Sie wurden bleich. Was war dann?«

Westbrook schaute den Doktor ratlos an. »Dann?«

»Ja, Jerry.«

Westbrook schüttelte mit einer verzweifelten Miene den Kopf. »Dann war nichts mehr. Ich glaube...«

»Ja, Jerry! Weiter! Weiter!«

»Ich glaube, ich hatte furchtbare Angst.«

»Angst? Wovor?«

»Ich weiß es nicht. Man kann ein Angstgefühl nicht immer definieren.« Westbrook fuhr sich über die Augen, als müsse er einen Schleier wegwischen. »Und ich hatte eine wahnsinnige Wut«, sagte er.

»Auf wen?«, fragte Luc Morell schnell.

Westbrook zuckte die Schultern. »Das weiß ich nicht. Ich glaube, jemanden hassen zu müssen. So sehr hassen, dass ich einen Mord... begehen könnte!« Seine Augen weiteten sich erschrocken. »Mein Gott!«, stieß er aufgeregt hervor. »Die Puppe. Das hat mir diese entsetzliche Puppe eingegeben.«

Luc Morell griff nach der Puppe und schaute sie an. Sie sah weiterhin so aus wie Jerry Westbrook. Dieses verdammte leblose Ding aus Plastik. Der Teufel hatte es Luc Morell zugespielt, dass es ihm und seinen Freunden Angst machte. Es war unfassbar.

Die Puppe hatte die Augen geschlossen. Ein friedliches Lächeln lag um ihre Lippen, die die Lippen von Jerry Westbrook waren. Sie schien zu schlummern. Und sie war sichtlich begeistert, was sie angestellt hatte.

»Nun wollen wir dieser verdammten Sache mal auf den Grund gehen!«, sagte Luc Morell gereizt.

Alle gruppierten sich um den Tisch. Monique betrachtete die seltsame Puppe mit nüchternem Blick. Sie suchte nach einer vernünftigen, greifbaren Erklärung für all die geheimnisvollen Ereignisse, doch sie fand keine. Diesmal schien es wirklich nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Obwohl sich ihre Vernunft gegen diese Tatsache auflehnte, kam sie nicht umhin, ein klein wenig Terrain an das Mystische abzutreten. Sie tat es widerwillig. Und sie hoffte, in absehbarer Zukunft doch noch eine wirklichkeitsnahere Erklärung für die geheimnisvollen Vorgänge zu entdecken.

Doktor Luc Morell legte die teuflische Puppe auf den Tisch. Ein kleiner, lebloser, zehn Zentimeter langer Plastikkörper lag auf dem glatten Holz des Tisches. Es war unglaublich, unvorstellbar, dass so viel Böses in diesem Körper wohnen konnte.

Steve Pratt betrachtete die Puppe von allen Seiten. Er war der Einzige der Anwesenden, der von dieser satanischen Puppe noch verschont geblieben war. Eine innerliche Spannung baute sich auf. Pratt befürchtete, dass diese schreckliche Puppe schon sehr bald seine Züge haben würde. Und dann? Was würde er dann unter dem bösen Einfluss dieses Dämons anstellen? Schaudernd schaute er seinen Freund Luc Morell an.

Der Parapsychologe stand nachdenklich vor dem Tisch. Seine Wangenmuskeln waren angespannt. Seine Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt. Er starrte die Puppe hasserfüllt an, als hätte er keinen größeren Feind als sich. Dann wandte er sich schnell um und lief davon. Er begab sich in sein Zimmer, riss einen Koffer vom Schrank und klappte den Deckel hoch.

Das Amulett!

Er brauchte nun unbedingt das Amulett, denn nur damit war ein Dämon zu vernichten!

Es war noch nicht lange in seinem Besitz. Er hatte es sozusagen mit Château Lamatime geerbt.

Dieses Amulett holte Luc Morell nun aus seinem Koffer. Eine magische Kraft steckte in diesem Amulett. Luc Morells Finger umschlossen es. Er hielt es hoch und blickte es an. Er hatte Vertrauen zu diesem Amulett. Die Berührung allein schon machte ihn stark und mutig.

In der Mitte des aus ziseliertem Silber bestehenden Amuletts war ein Drudenfuß zu sehen. Darum herum schlossen sich zwei Ringe. Der erste Ring stellte die zwölf Tierkreiszeichen dar. Der zweite, äußere Ring, bestand aus geheimnisvollen Hieroglyphen. Das Ganze hing an einer silbernen Kette, mit deren Hilfe man den Talisman um den Hals tragen konnte.

Gebannt betrachtete Luc Morell das Amulett. Plötzlich ließ ihn ein schriller Aufschrei zusammenfahren.

Monique hatte geschrien.

»Doktor!«, rief Westbrook auf einmal laut und grell. »Doktor Morell! Schnell!«

Luc Morell hastete aufgeregt aus seinem Zimmer. Was war geschehen? Nahm der Schrecken denn überhaupt kein Ende mehr?

»Doktor!«, keuchte Westbrook bestürzt, während er zitternd auf den Tisch wies.

»Was ist denn, um Himmels willen?«

»Die Puppe! Sehen Sie! Die Puppe! Sie ‒ sie lebt!«

»Tatsächlich, sie lebt!«, stieß Luc Morell verblüfft hervor. Der schlafende Ausdruck war vom Gesicht der Puppe, die immer noch wie Jerry Westbrook aussah, verschwunden. Sie hatte die Augen geöffnet, strampelte mit ihren kurzen Beinen und war aus Fleisch und Blut!

Sie bewegte Arme und Beine, verzog das Gesicht, bewegte den Mund.

»Das ‒ das können wir uns doch nicht bloß einbilden!«, stöhnte Jerry Westbrook erschüttert. Er schwitzte und starrte gebannt auf sein Miniaturebenbild.

Luc Morell beugte sich über die Puppe. Monique sagte zu alledem nichts. Sie überlegte, ob Massensuggestion im Spiel sein konnte.

Sie vermutete, dass sie nun etwas zu sehen bekam, was es gar nicht gab. Weil es ihr suggeriert wurde. Weil ihr Geist bereit war, das anzunehmen.

Die Puppe blickte Luc Morell wütend an. Der Doktor beugte sich nach weiter vor. Die Puppe verzog den Mund und stieß einen erschreckenden, fauchenden Laut aus. Sie starrte Luc Morell mit hassglühenden Augen an. Und dann lachte sie so grauenvoll, dass den Umstehenden angst und bange wurde.

Steve Pratt hielt unwillkürlich den Atem an, während Jerry Westbrook schnell und stoßweise zu keuchen begann.

Die Puppe fletschte die kleinen Zähne. »Ich hasse euch!«, schrie sie mit ihrer schrillen, dünnen Stimme.

Luc Morell glaubte, seine Fantasie wäre mit ihm durchgegangen, doch das war nicht der Fall. Nicht nur er erlebte dieses schrecklich makabre Schauspiel. Monique Dumas, Steve Pratt und Jerry Westbrook waren ebenfalls Zeugen, dass dieses geisterhafte Erlebnis Wirklichkeit war.

»Ich hasse euch!«, kreischte die Puppe wieder. Sie stieß mit den Beinen nach Luc Morell, schlug mit den kleinen Armen auf den Tisch und fluchte und schimpfte, dass es den Umstehenden kalt den Rücken hinunterlief. Zwischendurch stieß sie immer wieder hervor: »Ich hasse euch, ihr werdet sterben! Alle werdet ihr sterben! Der Tod ist euch gewiss!«

Nun richtete sich die Puppe auf. Jerry Westbrook zuckte erschrocken zurück. Steve Pratt presste die Lippen fest aufeinander, ohne es zu merken. Monique Dumas verfolgte das gespenstische Geschehen mit gemischten Gefühlen.

Die Puppe sprang auf die Beine. Ganze zehn Zentimeter war sie groß. Eine lächerliche Größe. Und doch hatte sie einen mörderischen Einfluss auf Luc Morell, Monique Dumas und Jerry Westbrook gehabt.

Der Parapsychologe hielt der tobenden, fluchenden, schimpfenden Puppe das silberne Amulett entgegen. Das kleine wütende Ding stieß einen gellenden Schrei aus und schnellte mit entsetzten Zügen vor dem silbernen Talisman zurück.

Luc Morell folgte der Puppe mit seinem Amulett.

Westbrooks Ebenbild begann zu laufen. Es hetzte mit seinen Beinen über den großen Tisch. Es keuchte. Panisches Entsetzen grub Furchen in das Gesicht der Puppe. Sie stolperte in der Eile, verlor das Gleichgewicht und knallte auf den Tisch. Sie warf sich herum und starrte mit furchtgeweiteten Augen auf das sich nähernde Amulett.

Das Gesicht der Puppe wurde wächsern. Sie stieß jämmerliche Laute aus, warf den Kopf verstört hin und her, riss den Mund weit auf und brüllte, so laut sie konnte.

Immer näher kam das silberne Amulett. Die Puppe tobte vor Angst, raste, war halb verrückt. Sie streckte die Arme in verzweifelter Abwehr gegen den silbernen Feind aus, der stärker war als sie. Sie schrie, keuchte und stöhnte.

Luc Morell kannte keine Gnade mit dem kleinen Ungeheuer. Er berührte das Teufelswesen mit seinem Amulett, drückte es kurz auf den lebenden Puppenkörper und nahm es gleich wieder fort.

Die Puppe stieß einen quälenden Schrei aus und wand sich unter unsäglichen Qualen. Plötzlich begann sie zu brennen. Flammen tanzten auf ihrem strampelnden Körper. Sie schlug verzweifelt um sich, schrie, dass es den Umstehenden in den Ohren weh tat, kreischte, röchelte und wand sich wie ein getretener Wurm.

Die Flammen bedeckten nun schon den gesamten Körper. Die Puppe warf sich entsetzt hin und her. Sie kämpfte verzweifelt gegen den Tod an, doch sie musste diesen Kampf verlieren. Die Flammen fraßen sie richtiggehend auf.

Ihre Haut wurde grau. Sie krümmte sich gurgelnd und röchelnd zusammen, stieß immer noch fürchterliche Schreie aus, die jedoch schwach und schwächer wurden. Bald war sie nur noch ein zuckendes Klümpchen. Eine zitternde graue Masse, die nichts Menschenähnliches mehr an sich hatte.

Sie erstarrte. Die Flammen erstarben. Kein Schrei quälte sich mehr aus dem Satanswesen. Dunkelgraue Rauchschwaden stiegen hoch. Die Oberfläche des grauen Klumpens wurde brüchig, bekam Risse und fiel auseinander. Und dann wurde die ganze kleine Schreckgestalt vor den erstaunten Augen der Umstehenden zu Staub.

Die Gefahr war gebannt! Die erste Runde in diesem schrecklichen Kampf gegen einen noch unbekannten Dämon ging an Luc Morell und sein Amulett.

Trotz dieses Triumphes wagte jedoch niemand, erleichtert aufzuatmen. Man war davon überzeugt, dass der Schrecken weitergehen würde. Die Puppe war nur ein kleiner Teil vom großen Grauen gewesen, das über diesem Dorf der Verlorenen lastete.

15

Nach Jerry Westbrooks Worten wollte Gerald Rintels seinen behinderten Bruder nach dessen Tod mehrmals gesehen haben. Luc Morell fand es wichtig, dieser Sache nachzugehen. Er schlug deshalb vor, Max Rintels' Bruder sogleich aufzusuchen. Westbrook solle sie zu ihm führen.

Jerry erklärte sich dazu selbstverständlich bereit, obwohl er sich jetzt lieber für eine Weile in sein Zimmer eingeschlossen hätte, um mit dem erlebten Schock fertig zu werden. Er sah jedoch ein, dass jede Stunde im Kampf gegen das Böse wichtig war. Deshalb setzte er sich ans Steuer seines Corsair und fuhr den Doktor, Monique Dumas und Steve Pratt zu Gerald Rintels' Haus.

Es war ein für die Gegend typisches Gebäude mit weißen Mauern und einer kleinen Eingangstür am anderen Ende des Dorfes. Jerry Westbrook übernahm es, die Fremden vorzustellen und kurz zu erwähnen, weshalb Doktor Luc Morell da war. Gerald Rintels ließ die Besucher mit einer matten einladenden Handbewegung eintreten.

In der Diele stand ein buntes Karussellpferd und im Wohnzimmer eine menschengroße Panoptikumpuppe. Daneben stand ein Korb mit Wachsblumen.

Das Haus war nicht geräumig, besaß nur wenige Zimmer und einen kleinen Keller. Zwischen den beiden Fenstern im Wohnzimmer stand ein riesiger Vogel Strauß aus Holz, weiß bemalt und mit rotem Schnabel.

Gerald Rintels bat die Besucher, Platz zu nehmen.

Er setzte sich mit leidgeprüfter Miene zu ihnen, verschränkte die Finger vor dem Knie und schaute auf den Teppich, während er über seinen Bruder Max sprach. »Jedermann ‒ mit wenigen Ausnahmen, zu denen auch Westbrook gehört ‒ hat ihn verspottet. Sie haben ihn ausgelacht, weil er ein Krüppel war, weil er nicht aufrecht gehen konnte, weil er nicht so anzusehen war wie sie.«

»Westbrook hat uns erzählt, dass Sie Ihren Bruder nach seinem Tode mehrmals gesehen haben, Mr. Rintels«, sagte Luc Morell. »Stimmt das?«

Gerald Rintels nickte eifrig. Er schaute Luc Morell aufgeregt an. »Es glaubt mir ja niemand, Doktor.«

»Ich glaube Ihnen...!«

»Ich habe mehreren Leuten erzählt, was ich sah. Sie sagten, ich sei mit den Nerven völlig runter, sei übergeschnappt und gehöre in eine Klinik. Aber ich bin nicht verrückt, Doktor Morell! Ich habe meinen Bruder tatsächlich mehrmals gesehen!«

»Wo?«, fragte Steve Pratt interessiert. »Hier im Haus?«

Gerald Rintels schüttelte den Kopf. »Nein. Nicht im Haus.«

»Wo haben Sie ihn denn gesehen?«, wollte Steve wissen.

Rintels wies zum Fenster. »Draußen«, sagte er bestimmt. »Er stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite!«

»Kann es sein, dass Sie sich geirrt haben, Mr. Rintels?«, fragte Monique Dumas.

Gerald Rintels schaute sie mit flammenden Augen an. »Hören Sie, Miss Dumas, ich werde doch meinen Bruder kennen! Er stand drüben. Ich weiß, dass es unglaublich klingt, aber es war tatsächlich so. Er stand drüben auf der anderen Straßenseite. Ich habe ihn genau gesehen. Ganz genau. Und ich habe ihn gerufen, habe ihn gebeten, herüberzukommen, ins Haus zu kommen. Aber er hat nicht reagiert. Er ist drüben stehen geblieben. Und... er... hat... mich... mit einem Blick angesehen, als... wollte er mich... töten!«

Rintels hatte stockend gesprochen. Jetzt brach er seine Rede ganz ab. Ihm war heiß geworden. Er lockerte sich die Krawatte und öffnete den obersten Knopf des Hemdes. Dann fuhr er mit dem Zeigefinger einmal die Innenseite des Kragens entlang.

»Sein Anblick machte mir Angst!«, fuhr Gerald Rintels nun mit belegter Stimme fort. »Es war ihm jedes Mal anzusehen, dass er etwas Böses vorhatte. Können Sie das verstehen? Mein Bruder! Mein Bruder Max! Er war immer ein guter Mensch gewesen. Wie ist es möglich, dass er nach seinem grauenvollen Tod plötzlich etwas Böses im Schilde führt? Noch dazu gegen mich!«

Luc Morell versuchte den leidgeprüften Mann zu trösten. Er fand einige passende Worte, die Rintels Mut machten, und er bat den Mann eindringlich, sofort bei Jerry Westbrook anzurufen, falls Max wiederauftauchen sollte. Egal, um welche Zeit das war. Gerald Rintels versprach das.

»Und nun?«, fragte Jerry Westbrook, als sie wieder in dem Wagen saßen.

»Wir fahren zu Doktor Filchock«, sagte Luc Morell entschlossen. »Ich brenne darauf, die Bekanntschaft dieses Mannes zu machen!«

16

»Guten Tag, Gayle.«

»Ist dein Stiefvater da?«

»Ja, Jerry«, sagte Gayle Maud und schaute Monique Dumas und die beiden Männer fragend an.

Jerry klärte seine Freundin kurz auf. Gayle bat die Fremden daraufhin ins Haus. Sie führte sie in den Salon, bot ihnen Plätze an und ging dann, um Doktor Filchock zu holen.

Melvin Filchock kam mit grimmiger Miene. Der schmächtige Mann trug einen weißen Arbeitskittel, der ihm ein wenig zu groß war, deshalb hatte er die Ärmelenden zweimal umgeschlagen. Sein dichtes braunes Haar war leicht in Unordnung geraten. Die grünen, hinter der dicken Hornbrille liegenden Augen wirkten übermüdet.

»Eigentlich habe ich nicht die Zeit, um Besuche zu empfangen, Doktor Morell«, sagte er ablehnend, als Jerry Westbrook die Anwesenden der Reihe nach vorgestellt hatte. »Aber da Sie extra aus Frankreich zu mir gekommen sind, will ich eine Ausnahme machen. Was führt Sie zu mir? Was haben Sie auf dem Herzen?« Er setzte sich zu den unerwünschten Gästen.

Ehe Luc Morell etwas sagen konnte, warf Filchock Jerry Westbrook einen ärgerlichen Blick zu, denn er hatte ihm diesen Besuch eingebrockt. Dann fragte er knurrend: »Wie fühlen Sie sich, Jerry?«

Westbrook sah sofort rot. »Wenn Sie mit dieser Frage auf meinen Geisteszustand anspielen, muss ich Sie leider enttäuschen, Doktor Filchock! Ich war normal und bin es immer noch.«

Filchock winkte mit einem hämischen Lächeln ab. »Das wollen wir lieber dahingestellt sein lassen.« Plötzlich wurde er bissig. »Sagen Sie mir lieber, warum Sie mir Doktor Morell ins Haus bringen?«

»Er interessiert sich für Ihre Expedition.«

»So?«, sagte Filchock lauernd.

»In der Tat, Doktor«, erwiderte Luc Morell schnell. »Ich würde gern einiges über Sinn und Zweck Ihrer Expedition erfahren.«

Filchock kniff die Augen zusammen und funkelte Jerry wütend an.

»Mr. Westbrook sagte, Sie machen ein großes Geheimnis daraus!«, sagte Luc ruhig.

»So?«, knurrte Filchock gereizt. »Sagt er das?«

Er hätte Jerry in diesem Augenblick mit seinen Blicken am liebsten erdolcht. Luc Morell nickte gleichmütig.

»Nun«, brummte Filchock und wandte sich direkt an Luc Morell, »es mag für den Laien möglicherweise so aussehen. Ich kann jedenfalls nur betonen, dass ich nicht die Absicht habe, mit irgendjemandem darüber zu sprechen, bevor sämtliche Auswertungen der mitgebrachten Materialien abgeschlossen sind.«

Filchocks Nasenflügel bebten. Er kämpfte sichtlich um seine Fassung. Irgendetwas stimmte mit diesem Mann nicht. Welches Geheimnis verbarg er?

Er fuhr fort: »Sobald die im Augenblick laufende Versuchsreihe abgeschlossen ist, werde ich selbstverständlich mit einem lückenlosen Bericht vor die Öffentlichkeit treten.« Seine Augen leuchteten fanatisch. Er atmete schnell und unregelmäßig. »Die Sache wird in Fachkreisen ein gewaltiges Echo finden, Doktor Morell. Mehr kann und will ich im Moment noch nicht darüber sagen! Ich hoffe, Sie verstehen und respektieren meinen Standpunkt.« Er erhob sich hastig. »Natürlich können Sie gern noch in meinem Haus bleiben, Doktor. Gayle wird so nett sein, sich um Sie zu kümmern. Mich müssen Sie leider entschuldigen. Ich habe zu arbeiten.« Er wandte sich mit einer angedeuteten Verbeugung Luc Morells Sekretärin zu. »Miss Dumas, Doktor Pratt, Doktor Morell. Es hat mich außerordentlich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Auf Wiedersehen. Vielleicht kommen Sie mal vorbei, wenn ich weniger beschäftigt bin.« Er hatte jedem die Hand gegeben. Seine Handfläche fühlte sich feucht an.

Die Nerven, dachte Luc Morell. Filchock war furchtbar aufgeregt.

Der schmächtige Mann wandte sich um und verließ das Zimmer. Danach herrschte Schweigen.

Gayle lächelte verbittert. »Ich kann nur sagen, er war heute ungemein geschwätzig. Sonst redet er gar nicht.«

Das Mädchen fragte Luc Morell nach seinen weiteren Plänen. Monique schaute den Doktor gespannt an, denn diese Frage brannte auch auf der Zunge, schon eine ganze Weile.

Luc Morell drückte sich klipp und klar aus. Seit seiner Ankunft waren so viele seltsame, unerklärliche Dinge passiert, dass er einfach bleiben musste, um Licht in das Dunkel der mysteriösen Geschehnisse zu bringen.

Gayle erzählte daraufhin, dass sich das Dorf gerade für eine Fünfhundertjahrfeier rüstete. Die Feier wurde zu Ehren des heiligen Paul abgehalten. Er war der Schutzpatron des Dorfes. Es gab eine Legende, die davon berichtete, dass der Heilige das Dorf vor nunmehr fünfhundert Jahren von einigen Dämonen befreit hatte, die auf einem nahe gelegenen Schloss gehaust hatten. Heute war dieses Schloss nur noch eine unansehnliche Ruine, um die sich die abenteuerlichsten Gespenstergeschichten rankten.

Diese Ruine wurde Jahr für Jahr in die Feier des Dorfes mit einbezogen. Ein junger Mann aus dem Dorf kleidete sich am Tag der Feier so, wie der heilige Paul vor fünfhundert Jahren angezogen gewesen war. Und er begab sich um Mitternacht zu der Ruine, wie der Heilige es damals getan hatte. Der junge Mann musste die Ruine aufsuchen und genau das tun, was St. Paul getan hatte, um das Dorf von den Dämonen zu befreien. Da keiner der Dorfbewohner jedoch den Mut aufgebracht hätte, allein ‒ wie der heilige Paul ‒ zur Ruine zu gehen, wurde er jedes Jahr von einer langen Prozession betender Menschen begleitet.

Den Historiker Pratt interessierte diese Geschichte sehr. Er hörte mit wachsendem Interesse zu und nahm sich sogleich vor, allein und gleich nach Verlassen dieses Hauses zur Ruine zu gehen, um sich da mal umzusehen.

Details

Seiten
666
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909272
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364602
Schlagworte
parapsychologe

Autoren

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Titel: Der Parapsychologe