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Dr. Mystery #6: Die Spieluhr des Todes

2017 130 Seiten

Leseprobe

Die Spieluhr des Teufels

von A. F. Morland

Dr. Mystery Band 6 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers

präsentiert von Steve Salomo


Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.


Eine unheimliche Spieluhr, die den Tod verkündet. Ein Werwolf, der seine Opfer in Stücke reißt. Ein Spiritistenzirkel, angeführt von einem eiskalten Verbrecher. Und ein Haus, in dem satanische Folterorgien stattfinden… Der Parapsychologe Luc Morell alias Doktor Mystery ist in London einer dämonischen Verschwörung auf der Spur…


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Bearbeitung: Peter Thannisch

Titelbild: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Es war mitten in der Nacht, als der Töpfer Fred Candrix die unbekannte Melodie der Spieluhr hörte.

Beunruhigt verließ er seine Werkstatt und ging die paar Schritte bis zu seinem Haus. Jetzt waren die Klänge der Spieluhr ganz laut und deutlich zu vernehmen.

Sie füllten das ganze Gebäude vom Dach bis zum Keller hinunter.

Nervös schritt Candrix auf die Wohnzimmertür zu.

Er griff nach der Klinke, zögerte einen kleinen Moment, drückte sie dann aber entschlossen nach unten und stieß die Tür jäh auf. Im Raum war es finster.

Das melodische Spiel der seltsamen Uhr, die er nicht kannte, klang ihm entgegen.

Er trat ein und machte Licht. Sein Blick fiel auf eine prachtvolle Spieluhr, die mitten im Zimmer auf dem Tisch stand. Ihr Klimpern ließ Candrix unwillkürlich erschauern. Mit geweiteten Augen, staunend und misstrauisch, ging er auf die Spieluhr zu. Sie war ihm fremd, und er fragte sich, woher sie kam und wer sie hier auf den Tisch gestellt hatte. Fein ziseliert war die Oberfläche. Eine kunstvolle Holzeinlegearbeit lief um die Uhr herum. Obenauf stand ein kleines weiß gekleidetes Mädchen, die Arme erhoben, den Kopf weit zurückgeneigt, mit einem feenhaften Gesichtchen. Es drehte sich nach den seltsamen Klängen unentwegt im Kreis.

Plötzlich hatte Fred Candrix das Gefühl, nicht allein in diesem Raum zu sein.

Er vernahm ein tierhaftes Schnaufen und kreiselte entsetzt herum.

Da sah er ihn.

Mit gefletschten Zähnen stand der Werwolf da. In seinen mordgierigen Augen glomm ein tödliches Feuer. Die langen Fangzähne schimmerten weiß und wirkten ungeheuer gefährlich. Dichtes, struppiges Haar lag um den Kopf des Untiers. An den Händen hatte das Monster grauenerregende Krallen, die einen Menschen schrecklich zerfleischen konnten.

Der Werwolf sprang den Töpfer an.

Fred Candrix stieß einen gellenden Schrei aus. Er wirbelte herum und hetzte aus dem Wohnzimmer. Mit fauchenden Lauten jagte der unheimliche Mörder hinter ihm her.

Candrix warf sich buchstäblich durch die Ausgangstür in den finsteren Hof. Der Werwolf hetzte geifernd hinter ihm her.

Candrix rannte so schnell er konnte über den Hof auf die Werkstatt zu. Er erreichte die große Tür, stürmte in die Werkstatt, schleuderte die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel blitzschnell herum.

Dann schnappte er sich eine schwere Eisenstange. Wütend rüttelte das Monster an der Tür.

»Geh weg!«, brüllte Fred Candrix in schriller Verzweiflung. »Geh weg!«

Aufdringlich laut hörte er die Melodie der Spieluhr. Sie machte ihn halb wahnsinnig. Schweißüberströmt wich er von der Tür zurück, durch deren Glasscheiben ihn der blutrünstige Werwolf mit flammenden Augen anstarrte.

Candrix versteckte sich hinter dem Ofen, in dem das heiße Feuer brauste.

Benommen hielt er sich die Ohren zu. Er konnte die Melodie der Spieluhr nicht mehr ertragen. Sie raubte ihm fast den Verstand.

Verdammt, sie sollte aufhören zu spielen.

Glas klirrte.

Fred Candrix zuckte zusammen.

Er verkroch sich in den letzten Winkel. Sein Herz raste wie verrückt.

In seinem ganzen Leben hatte er noch niemals solch schreckliche Angst gehabt wie in diesem Augenblick.

Der zischende Atem des Monsters war jetzt deutlich zu hören.

Mit seiner behaarten Pranke schlug er die nächste Scheibe ein, und dann noch eine. Klirrend fiel das Glas zu Boden.

Der Werwolf warf sich gegen die Tür. Das Holz war seinem gewaltigen Ansturm schon beim erstenmal nicht gewachsen.

Knirschend brach die Tür auf. Sie flog zur Seite, donnerte gegen die Wand und knallte laut zurück. Doch lauter noch als alle Geräusche, die das Monster hier drinnen verursachte, spielte diese verfluchte Spieluhr, deren Klänge Fred Candrix nicht mehr ertragen konnte.

Mit verzerrtem Gesicht hockte er hinter dem hohen Ofen. Er zitterte am ganzen Leib, denn er wusste, dass er verloren war.

Mit schnellen Schritten jagte der Werwolf auf den Ofen zu. Das Feuer machte ihm keine Angst und vermochte ihn nicht abzuhalten.

Er lief um den Ofen herum.

Als Candrix seinen haarigen, ekelerregenden Schädel auftauchen sah, stieß er einen grellen Schrei aus. Die Krallen des Monsters hackten sofort nach ihm.

Candrix wollte sich stöhnend in Sicherheit bringen und zuckte zurück. Ein wahnsinniger Schmerz durchraste sein Bein. Blut schoss aus der tiefen Wunde, die ihm der Werwolf gerissen hatte. Der Stoff seiner blauen Arbeitshose hing in Fetzen herab, und das Blut sog sich in das Gewebe und färbte es dunkel.

Mit zusammengepressten Zähnen und schmerzverzerrtem Gesicht schnellte sich Candrix nach hinten, von dem grauenvollen Monster weg. Er schrie ununterbrochen. Doch niemand aus der Nachbarschaft schien den Mut aufzubringen, ihm zu Hilfe zu eilen.

Dass man seine Schreie nicht hörte, war ausgeschlossen. Man musste sie hören.

Sie waren laut, gellend und erfüllt von einer panischen Todesangst.

Das Untier zwängte sich hinter den Ofen.

Noch einmal gelang es Candrix zu fliehen.

Doch dann stellte ihn der grausame Mörder inmitten von Vasen, Töpfen und Plastiken. Geifernd kam das Scheusal auf den Töpfer zu. Sein Fell sträubte sich. Er bleckte die blitzenden Zähne. Mit einem gierigen Knurren riss der Werwolf sein Maul auf.

In seiner wahnsinnigen Angst schlug Fred Candrix mit der schweren Eisenstange nach dem Maul des Monsters.

Der Töpfer traute seinen Augen nicht, als der Werwolf die dicke Eisenstange wie weiches Holz zerbiss.

Wie gelähmt starrte der Töpfer das Monster an. Mit schlaff herabhängenden Armen erwartete er den Tod.

Es war ein grauenvoller Tod.

Die Bestie sprang ihn mit einem markerschütternden Knurren an und zerfleischte ihn bei lebendigem Leib…


2

Seit zehn Jahren reparierte Larry Gordon seine Schuhe selbst. Er war ein mieser Geizkragen, der nur höchst ungern andere Leute etwas verdienen ließ.

Gordon war ein kleiner Mann und sehr schwach auf der Brust. Er wanderte hart am Rande einer Lungentuberkulose, hatte hohle, fahle Wangen und die dünnen Arme einer Marionette. Mit gekrümmtem Rücken saß er über dem Leisten und klopfte lustlos die kleinen Holznägel in die Schuhsohle.

Seit geraumer Zeit schon hörte er das Klimpern einer Spieluhr ganz in der Nähe. Die Melodie gefiel ihm sehr gut, und er fühlte sich von ihrem Zauber auf eine seltsame Weise eingefangen.

Nachdem er den letzten Nagel eingeschlagen hatte, legte er den Hammer weg. Er ging zum Fenster, öffnete es, beugte sich ein wenig hinaus, um das Lied besser hören zu können.

Es war ein Lied, das man nicht nachsingen konnte, wenn man nicht besonders musikalisch war. Trotzdem ging einem die Melodie sofort ins Ohr.

Mit geschlossenen Augen lauschte Gordon den Klängen.

Da gellten plötzlich die furchtbaren Schreie eines Menschen an sein Ohr. Solche Schreie werden nur von einer fürchterlichen Todesangst geboren.

Gordon standen die Haare zu Berge.

Er zuckte vom Fenster weg, und die schauderhaften Schreie jagten ihm eiskalte Schauer über den Rücken. Sie kamen aus der Töpferei. Es hatte den Anschein, als wollte dort jemand den Töpfer umbringen.

Als Larry Gordon das Entsetzliche halbwegs verdaut hatte, jagte er aus dem Raum und zum Telefon, das sich in der Diele befand.

Schnell wählte er den Polizeinotruf. Eine hellwache, kräftige Stimme meldete sich am anderen Ende der Leitung.

»Hilfe!«, schrie Larry Gordon außer sich vor Erregung. »Kommen Sie schnell! Schicken Sie jemanden her! Da drüben wird jemand ermordet!«

»Darf ich um Ihren Namen bitten, Sir«, sagte der Polizeibeamte schnell.

»Larry Gordon.«

»Adresse?«

Gordon nannte sie und sprudelte auch gleich hervor, dass nicht er die polizeiliche Hilfe brauchte, sondern sein Nachbar Fred Candrix, der Töpfer, dessen wahnsinnige Schreie immer noch zu hören waren.

Der Beamte versprach, schnellstens jemanden zu schicken.

Gordon legte zitternd auf.

Mehr konnte er für Candrix nicht tun. Er hoffte, dass es reichte.



3

Es war dem Reporter Phil Logada zur Gewohnheit geworden, ständig den Polizeifunk abzuhören. Ob das nun zu Hause beim Frühstück war oder wenn er für zwanzig Minuten im tiefen Schaum der Badewanne versank oder abends irgendwo mit einem hübschen Mädchen zusammen war und prüfte, ob die Liegesitze seines Aston Martin noch in Ordnung waren.

Wie heute Nacht.

Das Mädchen war eine Sünde wert. Vielleicht sogar zwei. Sie hatte Phil nicht viel Schwierigkeiten gemacht, und sie waren sehr bald zur Sache gekommen.

Auch dabei lief der Polizeifunk.

Doch Phil war nur mit einem Ohr bei der Sache.

Als er aber hörte, was in der Töpferei passiert war, verlor er die Lust an dem Mädchen mit derselben Schnelligkeit, wie sein berufliches Interesse erwachte.

»He, Phil!«, beschwerte sich die zuckersüße Blondine mit geschürzten Lippen und heißem Gesicht. »Was ist denn auf einmal mit dir los?«

»Ich glaube, ich habe soeben einen Knacks bekommen«, behauptete Logada.

»Doch nicht etwa meinetwegen, Phil? Was habe ich denn falsch gemacht?«

»Nichts, Baby. Du warst klasse. Wirklich. Komm. Bring dein Kleidchen wieder in Ordnung, wir müssen fahren.«

»Fahren?«, fragte die Blondine entrüstet. »Wohin denn?«

»Du nach Hause. Ich in die Dale Road.«

»Aber…«

»Kein Aber, Baby. Wir holen morgen alles nach, was wir heute versäumen, okay?« Phil ließ den Liegesitz hochschnellen. Während das Mädchen ihr Kleid zuknöpfte, fuhr er bereits los. Er lieferte sie schnellstens zu Hause ab, sagte, sie solle ihren Freund von ihm grüßen, und brauste weiter.

Kein Wunder, dass das Vertrauen dieses Mädchens in sich selbst und in die Männer schwer erschüttert war. Doch darauf konnte Phil Logada keine Rücksicht nehmen.

Sein Typ wurde in der Dale Road verlangt…



4

Detective Inspector Horace McNee war schon da, als Phil Logada eintraf. Der Reporter rümpfte sogleich die Nase, als er den Yard-Inspektor seine Befehle bellen hörte. Der Mann war ihm in höchstem Maße unsympathisch, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Jedes Mal wenn McNee den Reporter erblickte, kam ihm jeweils das hoch, was er in den letzten drei bis vier Stunden zu sich genommen hatte.

Als sich ein Bobby dem Reporter in den Weg stellte, zückte dieser seinen Presseausweis. Manchmal wirkte das. Heute war so ein Tag.

Phil passierte den Posten, trat in den Hof und ging auf die Werkstatt des Töpfers zu, in der eine Menge Leute herumstanden.

Phil hatte das Gesicht eines Jungen, der niemals alt werden konnte. Er hatte blondes Haar, war kräftig gebaut und dabei trotzdem geschmeidig wie eine Katze.

Als er in die Werkstatt des Töpfers trat, wandten sich ihm viele Polizistengesichter zu. Ihre Blicke waren abweisend. Sie kannten ihn und wussten, dass er schon manchen harten Artikel verfasst hatte, der ihnen Magenbeschwerden bereitet hatte. Da sie allesamt nachtragend waren, stand er auf ihrer schwarzen Liste.

Horace McNee starrte ihn ärgerlich an. »Was wollen Sie denn hier?«

»Ich tue meinen Job«, sagte Phil Logada gelassen.

»Wer hat Sie informiert?«

»Ich kam rein zufällig hier vorbei, sah die vielen Polizeiautos vor der Töpferei stehen und dachte: Guck doch mal rein, da ist sicher was los.«

Der süßliche Geruch von Blut stieg Phil in die Nase.

»Wenn ich Sie schon sehe…«, begann Inspektor McNee gereizt.

Logada winkte grinsend ab. »Lassen Sie nur, Inspektor. Mir geht es genauso.«

Einen Moment sah es so aus, als ob McNee den Reporter packen und aus den Kleidern schütteln wollte. Es war dem Inspektor anzusehen, wie sehr er sich beherrschen musste.

Phil beachtete ihn nicht weiter. Er ging an zwei Beamten vorbei.

Dann sah er Fred Candrix – oder das, was von Candrix übrig war.

Der Reporter wusste sofort, was es geschlagen hatte, als er die schrecklichen Verletzungen sah, die die Leiche aufwies. Er wandte sich um und suchte Horace McNees Augen. Als McNee den Blick sofort senkte, wusste er, dass auch der Inspektor Bescheid wusste.

Selbstverständlich war der Inspektor nicht bereit, darüber zu reden.

»Was soll ich schreiben?«, fragte Phil Logada.

»Denken Sie, dass sich Ihre Leser für einen toten Töpfer interessieren?«, fragte Horace McNee verächtlich.

»Wir beide kennen diese typische Art von Verletzungen, Inspektor.«

»So? Tun wir das?«

»Wir beide haben solche Verletzungen schon mal gesehen, Inspektor McNee.«

»Tatsächlich?«

»Können Sie sich denn nicht mehr daran erinnern? Es ist doch erst eine Woche her.«

»Ach, wissen Sie, ich habe so viel um die Ohren…«

»Dann will ich Ihnen gern auf die geistigen Sprünge helfen«, sagte Logada. »Melvin Prewitt, Inspektor. Sie haben diesen Namen sicherlich noch nicht vergessen. Prewitt hat genauso ausgesehen wie dieser Mann da.«

Sie traten ein wenig zur Seite, um den anderen Polizeibeamten nicht im Wege zu stehen.

Phil fuhr fort: »Ich habe Ihnen vorige Woche gesagt, dass Melvin Prewitt von einem Werwolf gerissen wurde. Um ein Haar hätten Sie mich in eine Irrenanstalt einweisen lassen. Heute sage ich Ihnen dasselbe noch mal. Fred Candrix ist bereits das zweite Opfer des Werwolfs. Ich weiß, dass Sie sich dessen bewusst sind, auch wenn Sie das niemandem gegenüber zugeben. Ich kenne Sie leider schon lange genug, um in Ihren Augen lesen zu können wie in einem offenen Buch. Sie wissen genauso gut wie ich, dass Prewitt ‒ so wie jetzt auch Candrix ‒ von einem Werwolf zerfleischt wurden, obwohl Sie in alle Welt hinausposaunen, irgendein Verrückter hätte diese Wahnsinnstat begangen. Sie weigern sich, die volle Wahrheit ins Protokoll aufzunehmen, aber die Fakten bleiben, ob Ihnen das nun passt oder nicht. Und ich bleibe auch.«

»Ich hoffe, ich finde mal einen Grund, um Sie für zehn Jahre ins Loch zu bringen!«, knurrte McNee wütend. Er hatte einen breiten Brustkorb, dünnes rötliches Haar, einen kantigen Schädel und unregelmäßige Zähne, die er nur allzu oft zeigte.

»Und ich hoffe, dass man Sie in den nächsten Wochen wegen Unfähigkeit Ihres Amtes enthebt. Ich habe da nämlich so ein Gefühl, das mir sagt, dass es nicht bei diesen beiden Opfern bleiben wird. Der Werwolf wird weitermachen. Sie täten gut daran, sich auf ihn einzustellen, statt den Kopf zwischen die Pflastersteine zu stecken.«

»Hören Sie, Logada ‒ ich will keine Zeile in Ihrem Schmierblatt finden, in der von einem Werwolf die Rede ist!«

Phil grinste spöttisch. »Ich weiß, dass Sie mir meinen Bericht liebend gern diktieren würden, Inspektor.«

»Ich mache Ihnen verdammte Schwierigkeiten, wenn Sie Ihre Leser hysterisch machen, darauf können Sie sich verlassen!«

»Okay.« Logada lachte amüsiert. »Sie haben mich überredet. Keine Zeile über den Werwolf. Ich habe einen anderen Plan…«

»Was für einen?«, fragte Horace McNee gereizt.

»Lassen Sie sich überraschen, Inspektor«, sagte der Reporter mit einem schelmischen Augenzwinkern, und als er ging, war er sicher, dass er einen Mann zurückließ, der vor Neugierde und Wut beinahe platzte.



5

»Achtung, bitte! Achtung, bitte! Der Passagier Doktor Luc Morell wird am Auskunftsschalter erwartet! Doktor Luc Morell wird am Auskunftsschalter erwartet!«, hallte es aus den zahlreichen Lautsprechern des Londoner Flughafens Heathrow.

Luc Morell trug seinen mittelgroßen, mittelschweren senffarbenen Schweinslederkoffer, der von zwei breiten Ledergurten in derselben Farbe umspannt wurde, die in blitzenden Chromschnallen endeten. Das Prachtstück stammte aus Paris. Und da es ihm hier in Heathrow schon mal abhandengekommen war, umklammerte er den Traggriff besonders fest.

Der Doktor für Parapsychologie war ein großer schlanker Mann mit dunkelblondem Haar und einem Gesicht mit markanten Zügen.

Er hatte den Aufruf gehört und sagte zu Monique Dumas, seiner hübschen Sekretärin: »Was sagt man? Großer Bahnhof für Luc Morell.«

Am Auskunftsschalter erwartete sie Phil Logada. Er trug eine dunkelbraune Raulederjacke.

»Willkommen in London, Doktor!«, sagte der Reporter erfreut.

Sein Blick wanderte angetan zu Monique weiter. Der Parapsychologe stellte ihm seine Sekretärin vor, und Logada sagte: »Sehr angenehm, Miss Dumas.«

»Ich hätte Sie beinahe nicht wiedererkannt, Mr. Logada«, sagte Luc ehrlich. »Wie lange ist das nun schon her, seit wir dieses lange, lange Interview gemacht haben?«

»Zwei Jahre, Doktor Mystery. Sie müssen zugeben, dass mir das Interview damals hervorragend gelungen ist.«

Doktor Mystery ‒ so nannten einige misstrauische Kollegen aus anderen wissenschaftlichen Fachbereichen und zuweilen auch die Presse den inzwischen bekannten Parapsychologen. Anfangs hatte Luc diese leicht spöttische Bezeichnung gestört, inzwischen nahm er sie einfach hin.

»Ich hatte nichts auszusetzen, das habe ich Ihnen auch in einem Brief mitgeteilt«, sagte er nun. »Für diese Arbeit hätten Sie den Pulitzerpreis verdient.«

Logada lachte. »Der Meinung bin ich auch. Aber ich glaube, bei dieser Preisverleihung wird gemogelt.«

»Vielleicht klappt es beim nächsten Mal«, tröstete ihn der Parapsychologe.

»Mein Wagen steht draußen, Doktor. Wenn Sie wollen, können wir gehen.«

Sie verließen das Flughafengebäude, in dem es zuging wie in einem Ameisenhaufen.

Logada hatte für Luc und dessen Sekretärin zwei Zimmer reservieren lassen. Er fuhr sie zum Hotel und wartete in der Bar auf »Doktor Mystery«.

Luc kam allein in die Bar. Monique ließ sich entschuldigen. Sie wollte sich nach dem Auspacken ein wenig frischmachen.

»Es war mir leider nicht möglich, alles in meinem Brief unterzubringen, was mir auf dem Herzen liegt, Doktor«, sagte Phil Logada. »Ich habe Ihnen nur so viel geschrieben, um Sie für die Sache zu interessieren. Man hört, dass Sie in letzter Zeit einige beachtliche Erfolge im Kampf gegen Geister und Dämonen zu verzeichnen hatten. Ein solcher Mann ist hier bei uns dringend nötig, und ich möchte Ihnen herzlich danken, dass Sie meiner Bitte so schnell gefolgt sind.«

Luc Morell lächelte. »Das Loiretal ist herrlich, Mr. Logada. Das Leben auf Château Lamatime ist erholsam und beschaulich. Aber manchmal ist es mir da ein wenig zu still. Ihr Brief erreichte mich genau im richtigen Augenblick. Ich war drauf und dran, irgendetwas Verrücktes zu tun, um mit der Langeweile fertigzuwerden. Deshalb habe ich schnellstens meinen Koffer und meine Sekretärin gepackt und bin nach London gekommen. Es geht um einen Werwolf, nicht wahr?«

»Ja. Die Bestie hat bisher zwei Menschen getötet. Das ist noch kein Grund, in Hysterie zu verfallen, aber ich habe das unangenehme Gefühl, dass es bei diesen beiden Toten nicht bleiben wird. Die Polizei – und wenn ich Polizei sage, dann meine ich in erster Linie Detective Inspector Horace McNee – versucht die Sache zu verharmlosen, so gut wie möglich sogar zu vertuschen. McNee befürchtet, dass die Leute durchdrehen, wenn sie erfahren, dass sich ein Werwolf in ihrer Stadt befindet, vor dem sie die Polizei nicht beschützen kann. Aus diesem Grund habe ich das Thema sausenlassen. Es hat wirklich keinen Zweck, den Leuten Angst zu machen. Viel wichtiger ist es, die Stadt von diesem Monster zu befreien. Deshalb mein Brief an Sie. Wenn einer mit dieser grausamen Bestie fertig wird, dann sind meiner Meinung nach Sie das, Doktor.«

Luc lächelte. »Sie sollten mit den Lorbeeren ein bisschen sparsamer umgehen, sonst haben Sie hinterher nichts mehr zu verteilen.«

Logada erzählte dem Parapsychologe alles, was er über die beiden grauenvollen Morde wusste. Seit Fred Candrix’ Tod war er nicht untätig gewesen. Er hatte Recherchen angestellt und unter anderem Folgendes herausgefunden: »Zum Zeitpunkt, als Melvin Prewitt und Fred Candrix ermordet wurden, haben verschiedene Personen, unabhängig voneinander, eine Spieluhr spielen gehört, Doktor!«

»Finden Sie, dass so etwas unbedingt erwähnenswert ist, Mr. Logada?«, fragte Luc.

»Diese Spieluhr soll eine ganz eigenartige Melodie gespielt haben.«

»Ich finde daran absolut nichts Verdächtiges.«

»Hören Sie weiter, Doktor: Die Polizei hat die Wohnungen der beiden Opfer buchstäblich auf den Kopf gestellt. Aber eine Spieluhr war nirgendwo zu finden. Ist das nicht eigenartig? Überall hat man sie spielen gehört. Laut. Lauter als andere Spieluhren. Und als man sich die Uhr dann ansehen wollte, war sie spurlos verschwunden.«

»Vielleicht wurde sie gestohlen«, meinte Luc.

Logada nickte. »Ja. Beim ersten Mal habe ich das auch gedacht. Ich dachte, vielleicht hat die Uhr einen Liebhaber gefunden. Wenn sie ein schönes, wertvolles Stück war, war das ohne Weiteres zu verstehen. Als sich die Geschichte aber bei Fred Candrix wiederholte, wurde ich stutzig. Jetzt kann ich beim besten Willen nicht mehr an einen Diebstahl glauben. Mit dieser Spieluhr hat es eine andere Bewandtnis, und Sie täten gut daran, meinen Tip bei Ihren Ermittlungen nicht außer Acht zu lassen.«



6

Am nächsten Morgen duschte Luc Morell ausgiebig. Ein wenig Gymnastik brachte seinen Kreislauf auf Touren. Danach kleidete er sich an, ging nach nebenan und holte Monique ab, um mit ihr das Frühstück im Speisesaal einzunehmen.

»Gut geschlafen?«, fragte er, während er Butter auf das Brötchen strich.

»Wie ein Stein«, sagte Monique. Sie wirkte an diesem Morgen frisch wie ein Fisch. »Und Sie, Chef?«

»Ich habe lange über das nachgedacht, was Logada mir erzählt hat.«

Monique wusste Bescheid. Der Parapsychologe hatte ihr ausführlich über die Unterredung berichtet. »Wollen Sie meine Meinung dazu hören, Chef?«

»Gern.«

»Ich denke, dass hier ein Wahnsinniger am Werk ist, der seine Opfer im Blutrausch so schrecklich zurichtet.«

Luc nagte an seinem Brötchen herum und trank Tee dazu. Er musterte seine attraktive Sekretärin nachdenklich.

»Ich weiß, dass Sie diese Sachen mit anderen Augen sehen«, sagte er und setzte die Teeschale ab.

Monique Dumas war eigentlich ein bisschen mehr für Luc Morell als bloß seine Sekretärin. Sie stellte irgendwie eine Ergänzung zu ihm dar. Ihr Lächeln ließ das dickste Eis schmelzen. Ihre Heiterkeit wirkte ansteckend. Sie war klug, betörend schön – und manchmal fühlte Luc, dass ihm diese Schönheit als Mann sogar gefährlich werden konnte.

Nach dem Frühstück fragte Monique: »Was steht heute auf dem Programm, Chef?«

»Für mich ein Besuch bei Melina Prewitt, der Witwe von Melvin Prewitt, dem ersten Opfer des Mörders. Für Sie steht ein ausgedehnter Einkaufsbummel auf dem Programm. Einverstanden?«

»Und wie!«, rief Luc Morells Sekretärin erfreut aus.

Sie verließen den Speisesaal.

Eine halbe Stunde später war Doktor Luc Morell auf dem Weg zu jenem Haus, in dem das Ehepaar Prewitt wohnte.



7

Das Haus war klein und stand in einem gepflegten Garten. Zwei Trauerweiden standen links und rechts vom Eingang und spendeten düstere Schatten. Als Luc Morell aus dem Taxi stieg, überzog sich der Himmel mit grauen Wolken, und gleich darauf fielen die ersten Tropfen.

Schnell lief Doktor Mystery über die Straße. Mit zwischen die Schultern geklemmtem Kopf erreichte er den überdachten Eingang.

Er presste den Daumen auf den goldenen Klingelknopf. Drinnen schlug eine helle Glocke an.

Träge Schritte näherten sich der Tür. Das Guckloch wurde geöffnet.

Ein Auge mit getuschten Wimpern erschien in der Öffnung.

»Sie wünschen?«, kam eine gedämpfte Frauenstimme durch die Tür.

»Ich möchte mit Mrs. Prewitt sprechen. Mein Name ist Doktor Luc Morell.«

Das Guckloch schloss sich.

Eine Vorhängekette rasselte. Ein Schlüssel wurde herumgedreht.

Dann öffnete sich die Tür. Sie knarrte leise und hätte geölt werden müssen.

Eine schwarz gekleidete Frau trat dem Parapsychologe entgegen. Ihr hübsches Gesicht war zu einer Maske der Melancholie erstarrt.

»Ich bin Mrs. Prewitt«, sagte sie mit heiserer Stimme. »Was wollen Sie?«

Luc erklärte ihr in knappen Worten den Sachverhalt.

Sie bat ihn ins Haus.

Vor dem offenen Kamin stand ein eleganter Mann. Die Bügelfalten seiner Hosen waren so scharf wie der Rücken seiner langen Nase. Er hatte große, eng am Kopf anliegende Ohren und feingliedrige Hände.

Er konnte Pianist sein, Geiger oder Rechtsanwalt.

Er war Letzteres.

Melina Prewitt stellte ihn vor. »Das ist Mr. Albert Caron, unser – mein Anwalt.«

Man gab sich die Hand. Luc nahm in einem Sessel aus Büffelleder Platz. Die Witwe setzte sich ihm gegenüber, während der Anwalt beim Kamin stehen blieb.

»Kann ich Ihnen etwas anbieten, Doktor?«, fragte die Frau.

»Danke, nein.«

»Sie möchten von mir hören, was in jener Nacht geschehen ist?«

»Ja, Mrs. Prewitt.«

Die Frau nickte. Ihr Gesicht war weiß, die Haut fast durchscheinend.

Melvin Prewitt war nun schon seit zwei Wochen tot. Sie schien aber immer noch mehrmals am Tag um ihn zu weinen.

Ernst schaute sie den Anwalt an, als wollte sie von ihm einen Rat haben. Reglos stand Caron da.

»Es war spät geworden in jener Nacht«, erzählte die Frau mit tonloser Stimme. »Melvin und ich waren auf einer Party bei Freunden gewesen. Wir hatten beide getrunken und waren ausgelassen wie Kinder. Gegen zwei Uhr gingen wir zu Bett. Melvin schlief sofort ein. Er schlief immer sofort ein, wenn er getrunken hatte. Da ich sehr müde war, blieb auch ich nicht lange wach. Irgendwann schreckte ich plötzlich hoch. Melvin saß lauschend neben mir im Bett. Ich begriff nicht sofort, doch dann hörte ich es auch.

Irgendwo in unserem Haus spielte eine Spieluhr. Melvin fragte mich, ob ich ohne sein Wissen eine solche Uhr gekauft hätte.

Ich sagte: ›Nein.‹

Er meinte: ›Aber da spielt doch eine Uhr, Melina. In unserem Haus.‹

Ich hatte keine Erklärung dafür. Mir war nur klar, dass wir uns das nicht beide einbilden konnten.

Er schlug die Decke zurück.

Ich fragte: ›Was hast du vor, Melvin?‹

›Ich seh mal nach‹, sagte er und verließ das Bett.

Obwohl das Spiel der Uhr wunderschön war, machte es mir auf eine unerklärliche Weise Angst, Doktor. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das schildern soll. Die Angst war tief in mir. Aber ich konnte nicht begreifen, warum ich mich vor den Klängen einer Spieldose fürchtete.

Melvin verließ das Schlafzimmer. Die Tür ließ er offen. Nun hörte ich die Melodie noch deutlicher. Aufgeregt saß ich im Bett und wartete auf Melvins Rückkehr.

Ich hörte ihn die Treppe hinuntergehen. Die Musik schlug mich in ihren Bann. Ich dachte, die Spieluhr stünde bei einem unserer Nachbarn. Da es nachts in dieser Gegend sehr still ist, hört man alles besonders laut. Aber die Uhr war nicht woanders, sondern in unserem Haus. Ich wusste das, ohne sie gesehen zu haben.

Melvin musste inzwischen unten angelangt sein. Ich hielt unwillkürlich den Atem an und lauschte. Da hörte ich plötzlich ein grauenvolles Knurren, das mich zu Tode erschreckte. Gleichzeitig schrie mein Mann in panischer Angst.«

Die Witwe schlug die Hände vor ihr blasses Gesicht. Sie kämpfte gegen eine Flut von Tränen, die aus ihren Augen quellen wollte.

»O Gott! Ich werde diese furchtbaren Schreie niemals vergessen! Niemals! Ich höre sie immer noch. Nachts, wenn ich oben im Schlafzimmer liege, höre ich Melvins schreckliche Todesschreie.

Ich sprang aus dem Bett, stürzte die Treppe hinunter, wollte meinem Mann zu Hilfe eilen, doch Melvin war nicht mehr zu helfen. Er war grauenvoll zugerichtet. Ich erkannte ihn kaum wieder. Alles – alles war voll Blut. Sein Hals war aufgerissen. Sein Gesicht war zerfleischt.

Es war zu viel für mich. Ich erlitt einen Nervenzusammenbruch und verlor die Besinnung. Als ich zu mir kam, war Polizei im Haus. Der Polizeiarzt brachte mich mit einer Spritze wieder halbwegs auf die Beine.

Man suchte nach der Spieluhr, die meinen Mann in den Tod gelockt hatte. Sie war nirgendwo zu finden. Ich selbst habe tags darauf noch einmal überall gründlich nachgesehen. Die Spieluhr war verschwunden, obwohl ich schwören könnte, dass sie sich in unserem Haus befunden hat.«

Albert Caron trat zu Melina Prewitt und legte ihr seine Hand auf die zuckende Schulter.

»Sie dürfen nichts mehr sagen, Melina. Sie haben genug gesprochen. Der Doktor wird das verstehen. Sie dürfen sich nicht so sehr aufregen, das schadet Ihrer Gesundheit.«

Melina Prewitt weinte nun.

Sie hatte sich lange beherrscht. Jetzt war der Damm gebrochen. Sie konnte dem Druck des Tränenschwalls nicht mehr widerstehen. Sie weinte in ein schwarzes Taschentuch.

Albert Caron schaute Luc Morell vorwurfsvoll an, als mache er den Doktor für diese Tränen verantwortlich.

»Welchen Beruf hatte Mr. Prewitt?«, fragte Luc Morell den Anwalt.

»Er war Möbelfabrikant.«

»Wird Mrs. Prewitt die Fabrik weiterführen?«

»Natürlich. Und ich werde sie dabei unterstützen, so gut ich kann. Sie braucht jetzt jemanden, der zu ihr hält.«

»Das ist auch meine Meinung«, sagte Luc und nickte. »Hatte Melvin Prewitt Feinde?«

»Melvin war ein friedfertiger, allseits geachteter Mann«, sagte Albert Caron ernst. »Er war im Geschäftsleben tolerant und niemandem gegenüber rücksichtslos. Es gab keinen Grund – nicht den geringsten –, ihn zu ermorden.«

»Sie als Anwalt werden wissen, dass es zu fast jedem Mord ein Motiv gibt, Mr. Caron.«

»In diesem Fall ist es anders, Doktor Morell. Melvin muss einem Wahnsinnigen zum Opfer gefallen sein. Das würde auch die schrecklichen Verletzungen erklären, die sein Leichnam…«

Er sprach nicht weiter, weil Melina Prewitt laut aufschluchzte.

»Ich glaube, es ist besser, Sie gehen jetzt, Doktor«, sagte der Anwalt. »Mrs. Prewitt braucht jetzt Ruhe.«

Luc verabschiedete sich. Er bat Mrs. Prewitt um Verzeihung, weil er an eine noch offene Wunde gerührt hatte. Dann verließ er das Haus.

Der Anwalt gefiel ihm nicht. Caron machte auf ihn den Eindruck eines rücksichtslosen Karrieremenschen. Dieser Mann witterte offenbar eine Chance, die Möbelfabrik an sich zu reißen. Bestimmt würde Melina Prewitt das tun, was er wollte. Auch so kann man unter Umständen mühelos zu einer Fabrik kommen.

Und vielleicht auch zu einer attraktiven Frau, denn das war Melina Prewitt trotz des blassen Teints ohne Zweifel.



8

Es regnete wie aus Eimern. Luc Morell lief vier Straßen weit und hatte dann das Glück, ein freies Taxi zu kriegen.

Sobald er fröstelnd und in feuchten Kleidern im Wagen saß, hörte es auf zu regnen, und kurz darauf schien wieder die Sonne.

»Sauwetter!«, sagte Luc.

Der Taxifahrer, ein kleiner Mann mit Brille und schlechten Zähnen, lachte amüsiert. »Ja, ja. Sie sind nicht der erste Ausländer, der sich über unser verrücktes englisches Wetter ärgert. Wo soll die Reise denn hingehen, Sir?«

Luc nannte die Adresse von Fred Candrix’ Töpferei.

Zwanzig Minuten später war er da. Wie eine Heizlampe hing die Sonne an einem Himmel, der so blau war, als hätte er niemals eine andere Farbe gehabt. Luc kam sich gefoppt vor.

Er wartete, bis das Taxi weitergefahren war. Dann orientierte er sich kurz. Phil Logadas Worte fielen ihm wieder ein, und er stellte fest, dass der Reporter selbst die kleinste Kleinigkeit erwähnt hatte.

Logada war ein guter Beobachter.

Zwischen dem Haus und der Werkstatt lag ein Hof, in dem eine Birke stand. Das Ganze war gegen die Straße hin von einer hohen grauen Mauer abgeschirmt, in der sich ein Tor befand.

Luc ging auf dieses Tor zu.

Es war unversperrt, und Doktor Mystery nahm die Gelegenheit wahr, erst einmal den Hof zu betreten. Natürlich interessierte ihn vor allem die Werkstatt, denn dort hatte das grauenvolle Ereignis schließlich stattgefunden.

Nichts war verändert worden.

Die Tür ließ sich mit Leichtigkeit aufdrücken, denn das Schloss war aus dem Holz gebrochen.

Luc trat ein.

Der typische Töpfereigeruch empfing ihn. Überall lagen Glasscherben herum. Sie knirschten unter Luc Morells Schuhen. Es war düster. Die Fenster waren klein und seit Jahren nicht mehr gereinigt worden. Deshalb ließen Sie kaum etwas vom gleißenden Sonnenlicht durch.

Luc sah den Ofen.

Er kannte ihn aus Logadas Erzählung. Genauso hatte ihn der Reporter beschrieben.

Doktor Mystery wandte sich nach links, wo die Leiche des Töpfers gefunden worden war.

Dunkelbraune Flecken bedeckten den grauen staubigen Boden. Es handelte sich um Candrix’ eingetrocknetes Blut.

Luc ging auf die Stelle zu. Mit Kreidestrichen war von der Mordkommission die Lage der Leiche auf dem Boden markiert worden.

Luc Morell machte drei Schritte auf die Markierung zu. Da klimperte plötzlich etwas rechts von ihm.

In der für ihn typischen Reaktionsschnelle kreiselte der Parapsychologe herum.

Ein Schatten flog auf ihn zu.

Er sah zwei hochgehobene Arme, sah Hände, die ein dickes Holzstück umklammerten, sah dieses Holzstück auf sich niedersausen.

Augenblicklich duckte Luc ab, federte gleichzeitig zur Seite.

Haarscharf sauste der Prügel an ihm vorbei.

Sein Gegner zog das Holz gleich wieder hoch, wollte nun einen waagerecht geführten Schlag anbringen.

Mit viel Glück konnte Luc auch diesem gewaltigen Hieb entgehen.

Der dritte Schlag saß dann aber und schleuderte Doktor Mystery weit durch die Werkstatt. Er rannte Vasen nieder, rammte Büsten von Sockeln und krachte zwischen zwei stilisierten Keramikhunden zu Boden.

Ehe er sich aufrappeln konnte, war der Angreifer wieder da.

Wild riss er den Knüppel hoch und drosch auf den Doktor ein.

Luc warf sich keuchend zur Seite. Der Hieb zertrümmerte einen der beiden Hunde.

Der Parapsychologe spannte jäh die Muskeln an und warf sich gegen die Beine des Mannes, der es offensichtlich darauf anlegte, ihn zu erschlagen.

Luc Morell schaffte es, den Burschen zu Fall zu bringen.

Er entriss ihm das Holz, schleuderte es weit fort und setzte dem Mann die Faust hart ans Kinn.

Der Bursche stieß einen wütenden Schrei aus, zog die Beine an, stieß Luc von sich, federte hoch und drosch mit seinen Fäusten keuchend auf Luc Morell ein.

Die meisten Hiebe blieben in Luc Morells geschickter Deckung hängen.

Nur wenige kamen durch, diese aber waren äußerst schmerzhaft und verdammt gefährlich.

Es zeigte sich schnell, dass Luc Morell die bessere Kondition hatte. Die pausenlosen Angriffe kosteten den Kerl viel von seiner Substanz. Bald kamen seine Schläge schwächer, unkontrollierter, matter.

Um die Auseinandersetzung auf jeden Fall für sich zu entscheiden, spannte Luc die harten Handkanten. Blitzschnell schlug er zu. Dreimal.

Der Mann fiel wie ein gefällter Baum um. Aus seiner Kehle stieg ein raues Röcheln. Dann verlor er das Bewusstsein.

Atemlos betrachtete der Parapsychologe den Ohnmächtigen. Dessen Gesicht war gerötet und klatschnass. Er hatte die lichten Augenbrauen der Rothaarigen, einen hellen Oberlippenbart, ein Gesicht, das an ein zu groß geratenes Baby erinnerte, die Schultern eines Fleischers und Hände, mit denen er verdammt hart zulangen konnte, wie er bewiesen hatte. Luc schätzte, dass dieser Bursche an die zweihundert Pfund auf die Waage brachte.

Keuchend kniete Doktor Mystery neben dem Bewusstlosen nieder.

Er räumte ihm die Taschen aus.

Ein Springmesser fiel ihm in die Hände. Er steckte es vorläufig ein.

Dreißig Pfund, vier Shilling und einige Penny fanden sich in der zweiten Jacketttasche. Schlüssel in der Hosentasche. Papiertaschentücher, eine Kinokarte, die drei Wochen alt war. Einen Ausweis hatte der angriffslustige Junge nicht bei sich.

Langsam regte er sich wieder.

Zuerst verzog er nur das Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse.

Dann zuckten seine Beine reflexartig. Danach griff er sich an den schmerzenden Hals.

Schließlich schlug er die Augen auf.

Luc ließ das Springmesser aufschnellen.

Dieses Geräusch rief bei dem Kerl, der nicht älter als zwanzig sein konnte, größtes Entsetzen hervor. Er setzte sich mit furchtgeweiteten Augen auf und rutschte bis zur Wand.

»Nicht!«, schrie er krächzend. »Tun Sie es nicht!«

»Wie du siehst, ist es leichter, auszuteilen, als einzustecken«, knurrte Luc Morell. »Im vorliegenden Fall heißt das: Es ist leichter, jemanden zu erschlagen, als erstochen zu werden.«

Der Junge wurde blass. »Sie wollen doch nicht…«

»Warum wolltest du mich erschlagen?«, fragte Luc bissig.

»Sie sind hierher zurückgekommen. Ich habe auf Sie gewartet. Jeden Tag habe ich hier auf Sie gewartet. Weil ich wusste, dass es den Mörder früher oder später an den Tatort zurücktreiben würde. Sie sind zurückgekommen. Deshalb wollte ich Sie erschlagen. Weil Sie Fred ermordet haben!«

»Ich bin zum ersten Mal hier, Junge!«, sagte Luc Morell fest.

»Ich glaube Ihnen nicht!«

»Wer bist du? Wie heißt du?«

»Ich bin Hal Candrix. Freds Bruder. Sie haben Fred umgebracht. Warum haben Sie das getan?«

»Verdammt noch mal, ich habe niemanden umgebracht!«, schrie Luc wütend.

»Sie sind an den Tatort zurückgekehrt, und nun werden Sie mich töten. Tun Sie es. Tun Sie es schnell! Ich weiß, dass ich verloren bin! Quälen Sie mich nicht länger.«

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909265
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (April)
Schlagworte
mystery spieluhr todes

Autor

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Titel: Dr. Mystery #6: Die Spieluhr des Todes