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Nacht der Gewalt

2017 250 Seiten

Zusammenfassung

Thomas Bergmann hatte sich sein Leben so schön eingerichtet. Er war mit der schönen Renate verheiratet und hatte einen tollen Job als Chauffeur beim Fürsten. Vergessen war die Zeit davor. Und dann tauchte plötzlich dieser Andraschko auf und richtete ihm schöne Grüße von Boris aus. Boris, der Mann aus seiner Vergangenheit. Boris und sein Freund Andraschko verlangten von ihm, dass er Ihnen half, den Fürsten seine Gemäldesammlung zu stehlen, die mehrere Millionen wert war. Damit Thomas auch spurte, entführten sie seine Frau. Das hätten sie besser nicht getan, denn das war der Auftakt zur „Nacht der Gewalt“.

Leseprobe

Nacht der Gewalt


Kriminalroman

von


Walter G. Pfaus




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappe

Thomas Bergmann hatte sich sein Leben so schön eingerichtet. Er war mit der schönen Renate verheiratet und hatte einen tollen Job als Chauffeur beim Fürsten. Vergessen war die Zeit davor. Und dann tauchte plötzlich dieser Andraschko auf und richtete ihm schöne Grüße von Boris aus. Boris, der Mann aus seiner Vergangenheit. Boris und sein Freund Andraschko verlangten von ihm, dass er Ihnen half, den Fürsten seine Gemäldesammlung zu stehlen, die mehrere Millionen wert war. Damit Thomas auch spurte, entführten sie seine Frau. Das hätten sie besser nicht getan, denn das war der Auftakt zur „Nacht der Gewalt“.








1


Der Wagen folgte uns schon eine ganze Weile

Zum ersten Mal hatte ich ihn in Ravensburg bemerkt, als ich vor einer Ampel halten musste. Unmittelbar hinter mir befand sich ein alter, dunkelblauer VW. Dahinter entdeckte ich den silbergrauen BMW.

Kurz vor Friedrichshafen sah ich ihn wieder. Hinter einem Traktor hatte sich eine Schlange gebildet. Wegen des starken Gegenverkehrs konnte niemand überholen. Als ich in den Rückspiegel blickte, war er hinter mir. Es war der gleiche silbergraue BMW, wie in Ravensburg. Ich erkannte ihn an dem eingedrückten Kotflügel über dem rechten Scheinwerfer. Die eingedrückte Stelle wies einige Rostflecke auf.

Der Mann hinter dem Steuer hatte ein breitflächiges Gesicht, buschige, dunkle Augenbrauen und eisgraues Haar, das ihm in kleinen, dichten Löckchen am Kopf klebte. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein und trug einen dunklen Rollkragenpullover. Sein Blick war geradeaus gerichtet, und seine Hände klopften im Takt auf das Lenkrad.

Ich dachte mir da noch nichts dabei. Aber wie es seit Jahren meine Gewohnheit war, merkte ich mir die Autonummer. Ich hatte dafür zwei Gründe. Zum einen hatte ich meine Vergangenheit immer noch nicht bewältigt. Ich hatte noch immer Angst vor einer Entdeckung. In den letzten Wochen hatte sich diese Angst sogar noch verstärkt.

Zum anderen war es einfach die Sorge um meinen Chef. Ich war seit vier Jahren Chauffeur bei Fürst Alois von Blankenburg aus Isny, und ich wusste, dass er manchmal sehr viel Bargeld mit sich führte. Ich hatte keine Ahnung, weshalb er manchmal so viel Bargeld bei sich hatte. Ich hatte ihn nie danach gefragt. Es ging mich ja auch nichts an. Aber ich war einfach immer etwas in Sorge. Niemand wusste besser als ich, wie viel Gauner es auf dieser Welt gab.

Wenn mir also ein Wagen über einen längeren Zeitraum folgte, merkte ich mir die Autonummer. Und ich behielt ihn im Auge, ohne dass es der Fürst merkte.

Bisher war immer alles gut gegangen. Irgendwann war der vermeintliche Verfolger abgebogen, und ich hatte ihn nie wieder gesehen.

Diesmal sollte es anders werden.

In einer kleinen Ortschaft bog der Traktor ab, und die lange Autoschlange löste sich langsam auf. Der silbergraue Ford Mustang ließ sich etwas zurückfallen, und sofort schoben sich zwei andere Wagen dazwischen.

Wenige Minuten später fuhr ich auf das Betriebsgelände der Zahnradfabrik. Ich parkte vor dem Bürogebäude, stieg aus und öffnete dem Fürsten die Tür. Fürst Blankenburg stieg aus, nahm seinen Aktenkoffer vom Rücksitz und murmelte wie üblich: „Es dauert nur ein paar Minuten.“

Aber aus Erfahrung wusste ich, dass es mindestens eine Stunde dauern würde.

Ich wartete, bis der Fürst im Bürogebäude verschwunden war. Dann schloss ich den Wagen ab und ging in die Kantine. Ich trank zwei Tassen Kaffee und rauchte zwei Zigaretten dazu. Nebenbei las ich die Zeitung.

Ich blieb eine knappe Stunde sitzen. Dann ging ich wieder zum Wagen zurück. Der Fürst war noch nicht da. Ich setzte mich hinter das Steuer des Mercedes 600 und wartete.

Zehn Minuten später kam der Fürst. Zwei Männer begleiteten ihn zum Wagen. Ich stieg aus, öffnete ihm die Tür zum Fond, und der Fürst verabschiedete sich von den zwei Männern und setzte sich auf den Rücksitz.

Ich warf die Tür zu und klemmte mich hinter das Steuer.

„Jetzt nach Lindau“, sagte der Fürst.

„Jawohl.“

Ich fuhr auf die Straße hinaus und lenkte den Wagen Richtung Lindau.

In Kreßbronn entdeckte ich den silbergrauen Ford Mustang wieder im Rückspiegel, und ich zuckte leicht zusammen. Diesmal glaubte ich nicht mehr an einen Zufall, und ich drückte das Gaspedal durch. Ich wollte ganz sicher gehen.

Ich überholte drei Autos, scherte nach rechts ein, um den Gegenverkehr vorbeizulassen, und setzte dann wieder zum Überholen an.

Wie ein Pfeil schoss der Wagen auf die linke Fahrbahnseite, und ich sah im Rückspiegel, wie auch der silbergraue Ford Mustang zum Überholen ausscherte.

„Haben wir es eilig?“ fragte der Fürst plötzlich.

„Ich weiß es nicht, Durchlaucht“, sagte ich ausweichend. „Ich nehme es an.“

„Wir haben es nicht eilig“, erklärte der Fürst. „Es genügt, wenn wir bis zwölf Uhr am Hotel sind.“

„Natürlich, Durchlaucht.“

Ich bremste ab und lenkte den Wagen wieder auf die rechte Fahrbahnseite. Es war kurz nach halb elf, und in eineinhalb Stunden konnten wir die Strecke nach Lindau dreimal schaffen. Der Fürst liebte es nicht, wenn ich schnell fuhr.

Während der Fahrt versuchte ich immer wieder, den Ford im Rückspiegel auszumachen. Aber ich konnte ihn nicht entdecken. Hinter uns befand sich eine Autoschlange soweit ich sehen konnte.

Als ich kurz vor der langen Brücke, über die man zur Insel gelangte, halten musste, sah ich ihn wieder. Er befand sich drei Wagen hinter uns, und ich konnte das Gesicht des Mannes mit dem eisgrauen Haar verschwommen sehen.

Ich ließ mir nichts anmerken. Ich wollte den Fürsten nicht beunruhigen. Schließlich wusste ich nicht, auf wen der Mann es abgesehen hatte. Wenn es mir galt, durfte der Fürst auf keinen Fall etwas erfahren.

Ich wartete, bis es wieder weiterging. Dann fuhr ich über die Brücke auf die Insel. Über eine schmale, enge Gasse gelangte ich in den Hof eines großen, alten Hotels. Einer der drei Parkplätze war wie immer freigehalten worden.

Während ich den Mercedes in die Parklücke fuhr, blickte ich mit einem Auge in den Rückspiegel. Als ich den Motor abstellte, sah ich den silbergrauen Ford draußen vorbeifahren.


2


Ich stieg aus und riss die hintere Tür auf. Der Fürst kroch aus dem Wagen und schnappte sich seine Aktentaschen.

Es war immer dasselbe. Jeden Montag und jeden Freitag fuhr ich den Fürst hierher. Das Hotel, eines der besten in ganz Lindau, befand sich schon seit über hundert Jahren im Besitz derer von Blankenburg, und zweimal in der Woche machte Fürst Alois von Blankenburg seine Visite.

Auch was jetzt folgte, war immer dasselbe. Der Fürst sagte: „Sehen Sie zu, dass Sie in der Küche etwas zu essen bekommen. Um halb drei geht es weiter.“

Und ich sagte: „Danke, Durchlaucht. Ich komme schon nicht zu kurz. Das Küchenpersonal sorgt sehr gut für mich.“

Dann gingen wir um das große, alte Haus herum und betraten das Hotel durch den Haupteingang. Wir gingen die Treppe hinauf, und der Fürst ging zu den Büros. Ich begab mich in die Küche. Dort ging es ziemlich hektisch zu, und ich sah, dass Hans Beier, der Chefkoch, keine Zeit für mich hatte. Ich begrüßte ihn nur kurz, bat ihn, für mich einen Rehbraten zu reservieren, und ging dann zur Rezeption.

„Ich muss mal telefonieren“, sagte ich zu Gundula Raiber, einer hübschen, dunkelhaarigen Mittdreißigerin.

„Privat?“ fragte Gundula lächelnd.

„Nein. Für den Chef.“

Sie deutete zu den Telefonkabinen. „Gehen Sie in Kabine eins.“

Ich gab ihr die Nummer und ging in die Kabine. Als es klingelte, hob ich ab.

„Ja, hallo!“

„Landratsamt Wangen, Stiefenhofer.“

„Bergmann“, sagte ich. „Hallo, Bernd.“

„Thomas! Nett, dass du auch mal wieder vor dir hören lässt. Ich dachte schon, dich gibt es gar nicht mehr.“

„Ich bin einfach zuviel auf Achse“, sagte ich. „Ich komme kaum noch dazu, meine Freunde zu besuchen.“

„Immer noch in den Diensten des Fürsten?“

„Immer noch.“ Ich klopfte mir eine Zigarette aus der Packung. „Bernd, du musst mir wieder mal einen Gefallen tun.“

„Hast du wieder einen Verfolger am Hals?“ lachte Bernd.

„Ich glaube, diesmal ist es ernst.“

„Das war es doch immer.“

„Diesmal ist es wirklich ernst“, sagte ich. „Da ist einer hinter uns her, und ich habe das Gefühl, der Alte hat wieder mal ‚ne Menge Kies bei sich.“

Bernd Stiefenhofer seufzte.

„Na gut. Ich will sehen, was sich machen lässt. Wie ist die Nummer?“

Ich sagte sie ihm.

„Gut, ich hab’ sie notiert. Ruf mich um zwei Uhr wieder an. Okay?“

„Okay. Und vielen Dank schon im Voraus. Ich werde es wieder gut machen.“

„Besuch uns doch mal wieder.“

„Bestimmt.“

Ich legte auf und ging hinaus. Langsam spazierte ich zum Hafen hinüber und ging die Promenade auf und ab. Das tat ich fast immer; zumindest bei schönem Wetter. Und an diesem Tag hatten wir herrlichen Sonnenschein. Es war Mitte Juni, und es war warm. Die Sonne hatte eine Menge Menschen zum Hafen gelockt.

Zwischendurch blieb ich stehen und sah mich unauffällig um. Aber der Mann mit dem eisgrauen Haar blieb unsichtbar.

In der Nähe des befestigten Ufers entdeckte ich den alten Säufer, der immer dort war. Es war ein hagerer, unrasierter, zerlumpter Typ. Er trug immer dieselbe schwarze, vor Schmutz starrende Hose, ein Hemd, das irgendwann einmal weiß gewesen sein musste, und eine dreckige, zerrissene schwarzweiß karierte Jacke.

Und er trank immer aus einer halbvollen Flasche Rotwein, die er in einem zerschlissenen, sackähnlichen Behälter mit sich trug. Seltsam. Ich hatte ihn immer nur mit einer halbvollen Flasche gesehen. Es war nie eine volle oder leere Flasche gewesen. Immer war die Flasche halbvoll gewesen.

Manchmal hatte ich ihn auch schon in den Hinterhöfen der Hotels beobachtet. Er wühlte dort die Mülltonnen nach weggeworfenen Küchenabfällen durch.

Aber meistens hatte ich ihn hier am Hafen gesehen, wie er immer wieder einen Schluck aus seiner halbvollen Rotweinflasche nahm und die Touristen anbettelte.

Als ich an ihm vorbeikam, streckte er mir die Hand entgegen.

„Hast du mir ein bisschen Kleingeld?“ fragte er mit heißerer, versoffener Stimme.

Er hatte mich noch nie angebettelt. Es war das erste Mal.

Ich blieb stehen und starrte ihn eine Weile an. Er roch nach Alkohol und Schmutz.

Dann gab ich mir einen Ruck und drückte ihm fünf Mark in die Hand. Ich weiß nicht, warum ich das tat. Ich hatte ihm bisher noch nie Geld gegeben.

Die Augen des Mannes glänzten. „Du bist ein guter Mensch“, sagte er und steckte das Geld in seine Jackentasche.

Als ich weitergehen wollte, hielt er mich am Arm fest.

„He, Kumpel! Da verfolgt dich einer.“

Unwillkürlich wandte ich mich um und blickte nach hinten. Aber ich konnte niemanden sehen. Das heißt, es waren eine Menge Menschen hinter mir und um mich herum. Aber den Grauhaarigen sah ich nicht.

„Was hast du gesehen?“ fragte ich den Säufer.

„Du bist jetzt schon zum sechsten Mal bei mir vorbeigekommen“, grinste der zerlumpte Alte. „Und sechsmal kam auch der andere vorbei.“

„Welcher andere?“

„Ein breiter Mann, mit breitem Gesicht und grauem, lockigem Haar.“

„Siehst du ihn jetzt?“ fragte ich.

„Nein, im Moment nicht. Will der Mann etwas von dir?“

„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Wenn er etwas von mir will, wird er sich schon melden. Ansonsten soll ihn der Teufel holen. Aber vielleicht hast du auch nur zu tief in die Flasche geguckt.“

„He... Hab’ ich nicht, Kumpel... Was ich gesehen habe, habe ich gesehen.“

„Schon gut“, sagte ich.

Ich wandte mich um und blickte die Promenade hinauf und hinunter. Aber der Grauhaarige war nirgends zu sehen.

Langsam ging ich zum Hotel zurück.


3


Das Essen schmeckte wie immer vorzüglich. Beier war ein ausgezeichneter Koch. Ich trank ein Mineralwasser dazu und rauchte hinterher zwei Zigaretten.

Um halb zwei bestellte ich mir noch eine Tasse Kaffee, und kurz vor zwei rief ich bei Stiefenhofer an.

„Der Wagen wurde in München auf den Namen Peter Andraschko zugelassen“, berichtete Bernd.

Ich hatte den Namen noch nie zuvor gehört.

„Wohnt der Mann in München?“

„Das weiß ich nicht. Danach habe ich nicht gefragt.“

„Ist auch nicht so wichtig“, sagte ich.

„Verfolgt er dich wirklich?“

„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Ich habe ihn nicht mehr gesehen.“

„Na, siehst du. Bestimmt wieder blinder Alarm.“

„Ja, vielleicht.“

„Wenn er noch einmal auftauchen sollte, dann rufst du die Polizei. Unternimm nichts auf eigene Faust. Hast du mich verstanden?“

„Klar, Bernd.“

„Und halte mich auf dem laufenden.“

„Mach ich. Und nochmals vielen Dank.“

Ich legte auf und setzte mich eine Weile zu Gundula. Sie war eine hübsche Frau, und ich unterhielt mich gerne mit ihr.

Fünf Minuten vor halb drei kam der Fürst, und wir gingen zum Wagen hinunter.

Kurz vor der Spielbank entdeckte ich den silbergrauen Ford am Straßenrand. Ich beobachtete im Rückspiegel, wie er aus der Parklücke schoss und sich an mich hängte.

Wir fuhren über die Queralpenstraße nach Sonthofen. Während der Fahrt sah ich ihn ein paar Mal im Rückspiegel. Er hielt immer einen Abstand von gut dreihundert Meter ein. Nur sehr selten kam er näher heran.

In Sonthofen hatte der Fürst nur eine halbe Stunde zu tun, und um sechs Uhr waren wir zu Hause. Ich versorgte den Wagen und machte mich dann zu Fuß auf den Heimweg. Ich ging immer zu Fuß zum Schloss, um ein wenig Bewegung zu haben.

Auf dem Weg zum Wassertor, sah ich den Mann mit dem eisgrauen Haar auf dem Kirchplatz an einen Baumstamm gelehnt stehen. Er sah nicht zu mir herüber. Er stand nur da und tat sehr gelangweilt.

Ich ging ein paar Schritte näher und sah ihn mir genau an. Er war etwa einen Meter siebzig groß und breit gebaut. Seine wulstigen Lippen gaben seinem breiten Gesicht einen verschlagenen, hinterhältigen Ausdruck, und ich fühlte, wie die Angst in mir hochstieg. Ich kannte den Mann nicht. Ich hatte ihn nie zuvor gesehen. Trotzdem fühlte ich, dass mir von diesem Mann Gefahr drohte, und ich begann zu ahnen, wer ihn geschickt hatte.

Ich stand mit hängenden Armen und geballten Fäusten da und starrte ihn an, als könnte ich ihn mit den Augen eliminieren. Aber der Mann verschwand nicht. Er lehnte mit dem Rücken an dem Baum und stocherte gelangweilt mit einem Streichholz unter seinen Fingernägeln herum.

Ich drehte mich um und ging auf das Wassertor zu. Dunkle, schwarze Wolken hatten den Himmel bedeckt, und die ersten Blitze brachen durch die Wolkenwand.

Ich ging etwas schneller. Einen Augenblick spielte ich mit dem Gedanken, Renate, meine Frau anzurufen. Aber ich verwarf den Gedanken sofort wieder. Erst musste ich wissen, wer der Mann war und was er von mir wollte.

Hinter dem Wassertor drehte ich mich um. Der Grauhaarige folgte mir dicht auf.

Mit weitausholenden Schritten ging ich die Bahnhofstraße hinunter und bog dann in den Achener Weg zum Bahnhof ein. Als ich die kleine Bahnhofskneipe erreicht hatte, goss es vom Himmel wie aus Kübeln.

Ich ging hinein.

Vier ältere Männer saßen an einem runden Tisch und spielten Schafskopf. Am Nebentisch saß eine Frau mit rotem Gesicht und wirren Haaren, und der Wirt lag halb auf der Theke und sah den Männern beim Kartenspielen zu.

Als ich eintrat, wandte der Wirt den Kopf, und ein strahlendes Lächeln ging über sein Gesicht, als er mich erkannte.

„Sieh mal einer an“, sagte er. „Der Thomas. Lässt du dich auch mal wieder sehen?“

„Hallo, Erwin.“ Ich reichte ihm die Hand. „Wie geht’s dir?“

„Guten Menschen geht es immer schlecht“, grinste Erwin. „Und wie geht’s dir?“

„Auch so“, sagte ich. „Schenk mir ein Bier ein.“

Ich setzte mich an den von der Theke am weitesten entfernten Tisch. Ich saß noch nicht richtig, als sie Tür aufging und der Fremde über die Schwelle trat.

Der Regen hatte ihn noch erwischt. Gleich einem riesigen Raubvogel blieb er unter der geöffneten Tür stehen und sah sich um. Die breiten Schultern hatte er eingezogen, und der unbedeckte Kopf mit dem klatschnassen Haar, war etwas nach vorne gebeugt. Von seiner breiten, kurzen Nase, tropfte das Regenwasser auf den Boden.

Der Mann schüttelte sich, zog die Tür hinter sich zu und kam dann langsam an meinen Tisch.

„Ist es gestattet?“ fragte er und ein spöttisches Lächeln umspielte seine wulstigen Lippen.

Ich sagte nichts. Ich starrte ihn nur an, und ich hasste ihn, bevor er sich gesetzt hatte.

Der Mann ließ sich auf einen Stuhl mir gegenüber nieder, streckte die Beine aus und lehnte sich zurück. Das spöttische Lächeln auf seinen Lippen wirkte fast wie eingefroren.

Erwin brachte mir mein Bier. Er stellte es lächelnd auf einen Bierdeckel und wandte sich dann an den Fremden.

„Was kann ich Ihnen bringen?“

„Ein Bier und einen Klaren“, sagte der Mann, ohne Erwin anzusehen. Seine kalten, grauen Augen waren auf mich gerichtet. Beim Sprechen waren eine Reihe gelber, schadhafter Zähne sichtbar geworden.

Als Erwin zur Theke gegangen war, sagte ich leise: „Was wollen Sie von mir?“

Meine Stimme zitterte, und das ärgerte mich. Es hörte sich an, als hätte ich Angst. Aber ich hatte keine Angst. Ich war nur furchtbar wütend.

Der Mann sagte nichts. Er saß nur da, lächelte spöttisch und musterte mich ungeniert.

„Sie verfolgen mich schon seit heute morgen“, sagte ich. „Was zum Teufel wollen Sie eigentlich von mir?“

Er sagte immer noch nichts.

Erwin brachte ihm das Bestellte. Er blieb ein paar Sekunden unschlüssig am Tisch stehen und sah mich an. Er schien zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war. Als ich jedoch nichts sagte, ging er wieder zur Theke zurück.

Der Mann kippte den Schnaps hinunter, wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen und sagte: „Schöne Grüße von Boris.“


4


Ich saß einen Augenblick wie gelähmt. Obwohl ich es die ganze Zeit geahnt hatte, traf es mich wie ein Schlag.

Boris Urbanec hatte mich also gefunden. Ich hatte geglaubt, alles getan zu haben, um meine Spuren zu verwischen. Aber Boris Urbanec entkommt man nicht.

Die Vergangenheit hatte mich wieder eingeholt. Sie war urplötzlich wieder so lebendig, als hätte es die letzten sechs Jahre gar nicht gegeben.

Ich war damals gerade zwanzig Jahre alt gewesen, als ich Boris Urbanec kennen lernte. Ich wusste nicht, dass Boris ein Verbrecher war, und als ich es später erfuhr, schockte es mich nicht. Ich fand es ganz normal. Alles was Boris tat, fand ich gut und richtig.

Ich weiß nicht, was damals mit mir los war. Ich musste völlig den Verstand verloren haben. Schon wenige Tage, nachdem wir uns kennen gelernt hatten, waren wir unzertrennlich. Boris war alles für mich. Er war mein Freund, mein Vater und mein Lehrmeister. Er brachte mir eine Menge Tricks bei, und ich war ein gelehriger Schüler.

Es fing alles ziemlich harmlos an. Boris brachte mir ein paar Kartentricks bei, und wir betrogen beim Kartenspielen, dass sich die Balken bogen. Wenn jemand hinter unsere Schwindeleien kam und Streit anfing, fand er in Boris immer seinen Meister. Brutal schlug Boris jeden zusammen, der es wagte, uns Falschspieler zu nennen.

Nach und nach wurden die Delikte schwerer. Wir knackten Automaten, brachen in leerstehende Häuser ein und räumten auch mal einen kleinen Laden aus, wenn das Risiko nicht zu groß war. Boris verstand es großartig, mich immer wieder zu einer neuen Straftat zu überreden. Er bediente sich dabei der väterlichen Tour. Er hatte sehr schnell bemerkt, dass ich darauf ansprang.

Ich hatte Boris schon von Anfang an meine Lebensgeschichte erzählt. Meinen Vater hatte ich nie kennen gelernt, und meine Mutter hatte sich nie um mich gekümmert. So wuchs ich ohne Eltern in Heimen auf. Aber ich hatte Glück. Ich durfte eine Autoschlosserlehre machen und fand auch danach einen gutbezahlten Arbeitsplatz.

Autos waren schon immer meine Leidenschaft. In der Schule war ich nie eine große Leuchte gewesen. In den beiden Hauptfächern war ich nie über eine vier hinausgekommen. Aber bei Autos machte mir niemand etwas vor. Ich kannte mich im Innern eines Autos besser aus, als in meiner Hosentasche.

Meine Leidenschaft zu Autos machte sich Boris schon sehr bald zu Nutzen. Er überredete mich, Autos zu klauen. Ich sollte sie klauen, und Boris würde jemanden auftreiben, der uns die Autos abnahm.

Zum ersten Mal weigerte ich mich mitzumachen. Ich wollte keine Autos stehlen.

Und dann lernte ich Boris erst richtig kennen. Nachdem ich zum dritten Mal nein gesagt hatte, schlug er mich nach allen Regeln der Kunst zusammen, und er machte mir unmissverständlich klar, dass ich schon zu weit gegangen war, um noch aussteigen zu können.

Von diesem Augenblick an gab Boris, der achtzehn Jahre älter war als ich, die väterliche Tour auf und es setzte nur noch Prügel, wenn ich ihm nicht gehorchen wollte.

Ich begann Boris zu hassen. Ich hatte zwar in der Zwischenzeit gelernt, mich zu wehren, aber gegen Boris kam ich nicht an. Er verstand nicht nur zu boxen, sondern er hatte auch jede Menge schmutzige Tricks auf Lager.

Eines Abends erzählte er mir von einem tollen Coup. Er berichtete mir ganz begeistert, dass in einer Villa am Stadtrand eine Münzsammlung im Wert von einer halben Million auf uns warten würde. Das einzige Hindernis wäre eine Alarmanlage, und ich sollte sie abstellen.

Ich erklärte ihm, dass ich Autoschlosser sei und von Alarmanlagen keine Ahnung hätte. Aber Boris ließ das nicht gelten. Er war davon überzeugt, dass ich das schaffen würde. Er besorgte mir Pläne von verschiedenen Alarmanlagen, und ich musste sie studieren. Ich tat es und sagte ihm, dass ich es nicht begreifen würde. Er schlug mir die Faust in den Magen, und ich wälzte mich eine Weile schmerzgekrümmt auf dem Boden. Als ich wieder etwas Luft bekam, befahl er mir, weiterzumachen, bis ich es begriffen hätte.

Ich beschäftigte mich ein ganzes Wochenende nur mit den Plänen und ich bekam eine leichte Ahnung. Ich sagte es Boris, und er klopfte mir auf die Schulter und meinte, er hätte ja gewusst, dass ich es schaffen würde.

Am Wochenende darauf brachen wir in die Villa ein. Als ich die Alarmanlage sah, wusste ich, dass ich es nicht schaffen würde. Ich sagte es Boris. Aber der wurde nur wütend. Er glaubte mir kein Wort. Er drückte mir seine Pistole, die er immer bei sich trug, in den Bauch, und befahl mir, die Alarmanlage außer Betrieb zu setzen, sonst würde er auf der Stelle abdrücken. Ich kannte Boris inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er imstande war, das zu tun. Also machte ich mich an der Alarmanlage zu schaffen. Ich löste vorsichtig ein paar Drähte aus dem Gehäuse, betete, dass der Alarm nicht ausgelöst werden würde und zwickte zwei Kabel ab.

Als alles still blieb, sagte ich zu Boris, die Anlage wäre jetzt außer Betrieb. Aber ich war fest davon überzeugt, dass sie es nicht war.

Während Boris zu der Glasvitrine ging, in der sich die Münzalben befanden, ging ich zu dem Fenster, durch das wir eingestiegen waren. Noch bevor Boris das Glas berührt hatte, setzte der Alarm ein, und ich war mit einem Satz aus dem Fenster. Im ohrenbetäubenden Lärm der Alarmanlage rannte ich durch den Garten, schwang mich über den Zaun und lief quer über Wiesen und Felder in den nahen Wald. Das Auto, mit dem wir gekommen waren, ließ ich stehen. Zu Fuß machte ich mich auf den Weg nach Hause.

Ich wartete den ganzen Sonntag auf Boris. Aber Boris tauchte nicht auf. Am Montag las ich dann in der Zeitung, was passiert war.

Boris hatte trotz Alarm das Glas der Vitrine zerschlagen und die Münzalben in seinen mitgebrachten Sack gesteckt. Aber die schweren Münzalben mussten ihn sehr behindert haben. Oder er war gestürzt. Auf jeden Fall befand er sich noch im Garten, als die Polizei kam. Und dann hatte er sich auch noch auf eine Schießerei mit der Polizei eingelassen. Er hatte einen Polizisten verletzt und war selbst schwer verletzt worden.

Wochenlang lebte ich danach in der Angst, Boris könnte mich verpfeifen. Aber nichts geschah. Ich wechselte meinen Arbeitsplatz und bekam eine Stelle in einer Autowerkstatt am anderen Ende von München. Doch die Angst blieb.

Als Boris wieder genesen war, wurde er in der Gerichtsverhandlung zu sechs Jahren verurteilt. Während der ganzen Verhandlung war nie die Rede von einem zweiten Mann gewesen, und Boris hatte mich auch nicht erwähnt. Aber ich wusste, dass er es nicht deshalb getan hatte, um mich zu schützen, sondern nur, weil er sonst in der Unterwelt erledigt gewesen wäre.

So kam ich ungeschoren davon, und ich schwor mir, mich nie wieder auf krumme Sachen einzulassen, weder mit Boris noch sonst jemanden. Ich wollte das normale Leben eines gesetzestreuen Bürgers führen.

Sechs Monate nach dieser für Boris so verhängnisvollen Nacht, und vier Wochen nach seiner Verurteilung, lernte ich Renate kennen. Sie kam mit ihrem Wagen in unsere Werkstatt, und ich nahm ihn mir vor. Sie blieb die ganze Zeit neben ihrem Wagen, und ich musste ihr jedes einzelne Teil erklären. Das hielt mich in der Arbeit sehr auf, und ich fragte sie, ob ich ihr das nicht nach Feierabend erklären könne, da die Reparatur sonst sehr teuer werden würde.

Sie war sofort einverstanden, strahlte mich an und erklärte, sie würde jetzt einen Kaffee trinken gehen und mich und den Wagen gegen siebzehn Uhr abholen.

Ich konnte mich den ganzen Nachmittag kaum auf meine Arbeit konzentrieren, weil ich immer an das Mädchen denken musste. Ich hatte mich bis zu diesem Tag nicht sehr viel um Frauen gekümmert. Wenn ich eine Frau wollte, schickte mir Boris eine Hure aufs Zimmer. Er kannte genau meinen Typ. Ich bevorzugte Frauen mit dunklen, langen Haaren und großen Brüsten. Boris schickte mir immer Frauen, die diesem Typ entsprachen, und ich musste nie dafür bezahlen.

Renate gefiel mir in jeder Beziehung. Sie hatte schwarzes, schulterlanges Haar, ein hübsches, kleines rundes Gesicht, mit hochstehenden Backenknochen, wunderschönen braunen Augen, und wenn sie lächelte, zeigten sich zwei hübsche Grübchen auf ihren Wangen. Und sie lächelte sehr viel, und sie hatte eine weiche, wohlklingende Stimme und ein sehr sympathisches Wesen. Selbst die Figur entsprach dem Bild meiner Traumfrau. Sie war einen Meter fünfundsechzig groß und schlank, jedoch überall dort wohlproportioniert, wo es eine Frau sein sollte.

Zwei Monate später heiratete ich Renate, und auf meinen Wunsch verließen wir München. Ich wollte nicht, dass Renate jemals etwas von meinem Vorleben erfuhr. Renate, die in München keinerlei Verpflichtungen hatte, war einverstanden, und wir einigten uns auf das Allgäu.

So landeten wir in Isny. Renate bekam eine gut bezahlte Stelle im Büro einer Wohnwagenfabrik, und ich kam in einer Autowerkstätte unter.

Wir waren gerade ein halbes Jahr in Isny, als Renate mit der überraschenden Nachricht heimkam, der Fürst sucht einen Chauffeur. Da sie schon immer einen Spleen für Fürsten und Königshäuser hatte, bekniete sie mich, mich zu bewerben.

Ich tat ihr den Gefallen und bewarb mich. Zwei Wochen später hatte ich den Job. Renate jubelte, und ich war glücklich, weil Renate glücklich war und weil es ein angenehmer Job zu werden schien.

Und das wurde es dann auch. Der Fürst war ein sehr sympathischer und liebenswürdiger Mann. Es machte Spaß, ihn zu fahren. Vor allem, nachdem ich festgestellt hatte, dass der Fürst ein Mensch war, wie jeder andere auch, und keine Gottheit, wie Renate ihn gern sah.

Nach einem Jahr hatte ich mich bei dem Fürsten fast unentbehrlich gemacht. Ich hielt nicht nur die vier Autos der Fürstenfamilie in Schuss, sondern auch half auch dem Gärtner, wenn ich Zeit hatte, und ich nahm gelegentlich auch Reparaturen am Haus vor. Ich war mir für keine Arbeit zu gut, und ich merkte, wie sehr sich der Fürst über meinen Arbeitseifer freute.

Ich konnte mich bald in dem riesigen, alten Schloss frei bewegen, und ich ging im Wohntrakt aus und ein, als gehörte ich zur Familie. Ich kam nicht nur mit dem übrigen Personal gut aus, sondern ich verstand mich auch ausgezeichnet mit der gnädigen Frau und den fünf Kindern, von denen allerdings nur zwei ständig zu Hause waren.

Vor drei Jahren hatte mir der Fürst ein älteres, kleines Einfamilienhaus am Stadtrand angeboten. Es kostete hundertzwanzigtausend Mark. Wir kauften es sofort und richteten es in unserer Freizeit zu einem schönen Heim her.

Die Erinnerung an die miesen Zeiten mit Boris verblassten langsam. Es ging uns sehr gut, und wir waren sehr glücklich.

Und jetzt saß dieser Mann vor mir und bestellte mir schöne Grüße von Boris.


5


Ich trank langsam mein Glas Bier zur Hälfte leer und sagte: „Gut, Sie haben mir seine Grüße bestellt, obwohl ich nicht sehr scharf darauf war. Aber jetzt wäre es mir recht, wenn Sie wieder verschwinden würden.“

„Das hatte ich eigentlich nicht vor.“ Der Mann grinste. „Boris wäre mir sehr böse, wenn ich das tun würde. Er hat mir befohlen, bei dir zu bleiben, bis er nachkommt, und das werde ich auch tun.“

Es war ein spöttisches, niederträchtiges Grinsen in dem Gesicht des Mannes, und ich hätte ihm am liebsten die Faust ins Gesicht geschlagen. Aber ich riss mich zusammen und zwang mich zur Ruhe.

„Wo ist Boris?“ erkundigte ich mich.

„Er hat noch in München zu tun.“

„Wie lange ist er schon draußen?“

„Seit zwei Wochen. Er kann es kaum erwarten, dich an seine Brust zu drücken.“

„Ich habe keine Sehnsucht nach ihm.“

„Das wird er aber nicht gern hören“, sagte der Mann. „Findest du nicht, dass du ihm einiges schuldest?“

„Ich schulde ihm nichts“, sagte ich und unterdrückte mühsam meine Wut. „Gar nichts. Er soll mich in Ruhe lassen. Und Sie sollten ganz schnell verschwinden.“

„Boris sieht das anders“, erklärte der Mann. „Er ist der Meinung, du schuldest ihm eine ganze Menge...“

„Nichts schulde ich ihm“, unterbrach ich ihn. Ich hatte nicht vor, mich noch länger mit dem Grauhaarigen zu unterhalten. „Gehen Sie zu Boris und sagen Sie ihm, dass ich ihn nicht sehen will. Er soll es nicht wagen, hierher zu kommen. Und Sie verschwinden jetzt auch. Haben Sie mich verstanden?“

„Ich habe dich verstanden.“ Er lehnte sich bequem im Stuhl zurück. „Sicher, ich habe dich verstanden. Nur... Boris wird es nicht verstehen.“

„Das ist mir scheißegal.“

Ich trank mein Bier aus und hob den Arm. Erwin kam an den Tisch, und ich zahlte.

Der Grauhaarige zahlte auch.

Ich erhob mich, und der Mann erhob sich auch.

„Hauen Sie ab!“ zischte ich leise.

Der Mann grinste nur.

Ich ging zur Tür, und der Mann folgte mir. Ich trat hinaus und warf die Tür hinter mir zu.

Es regnete noch immer, und ich begann sofort zu rennen. Einmal sah ich mich um. Der Grauhaarige stand auf dem Bürgersteig und blickte mir nach. Er machte keine Anstalten, mir zu folgen.

Ich rannte, bis ich vor unserem kleinen Haus stand. Rosig warm brannten im Wohnzimmer die Lichter. Ich wusste, dass Renate jetzt im Wohnzimmer saß und auf mich wartete. Es war ein schönes Leben, das wir hier hatten, und ich hatte nicht die Absicht, es aufzugeben. Dieses Haus und die Frau, die darin wohnte, hatten mir all das zurückgegeben, was ich verloren gehabt habe. Ein gutes Gewissen und das Recht, nachts ruhig und ungestört zu schlafen. Dafür würde ich mit allen Mitteln kämpfen, und wenn sich mir ein Dutzend Männer wie Boris in den Weg stellen würden.

Ich betrat das Haus, und Renate kam mir entgegen.

Ich lächelte und sagte: „Eben ist mir eingefallen, dass so etwas zu Hause auf mich wartet.“

Ich küsste sie, und sie schob mich ein Stück zurück.

„Mein Gott, du bist ja völlig durchnässt.“ Sie rümpfte die Nase und lächelte. „Weißt du, wie du riechst? Du riechst wie ein nasser Hund.“

Ich zog meine Jacke aus und warf sie auf einen Stuhl. „Es gießt in Strömen, und ich bin bis hierher gelaufen.“

„Warum hast du mich nicht angerufen? Ich hätte dich mit dem Wagen abgeholt?“

„Wozu?“ Ich lachte. „Das bisschen Regen bringt mich schon nicht um.“

Renate nahm meine nasse Jacke und hängte sie hinaus an die Garderobe.

„Zieh dir was Trockenes an“, sagte sie. „In fünf Minuten können wir essen.“

Ich ging ins Schlafzimmer und ließ die Tür offen. Renate hantierte in der kleinen Küche.

„Da hat vor fünf Minuten jemand für dich angerufen!“ rief Renate durch die offene Tür.

Meine Hände krallten sich in die nasse Hose, die ich gerade ausgezogen hatte.

„Wer?“ fragte ich so unbeteiligt wie möglich.

„Ich weiß nicht. Ich habe den Namen nicht richtig verstanden. Ich glaube er hieß Andraschko oder so ähnlich.“

„Was hat er gesagt?“

Ich wechselte die Unterwäsche und schlüpfte in eine blaue Cordhose.

„Er sagte, er wäre ein alter Freund von dir“, klang die Stimme von Renate zu mir herüber. „Und ich soll dir auch noch schöne Grüße von Boris ausrichten.“

Dieses verdammte Schwein!

Ich zog Hemd und Pullover an und ging in die Küche hinüber. Renate probierte gerade die Soße. Es gab Hackbraten mit Spätzle und Bohnen.

Ich deckte den Tisch. „Hat der Anrufer etwas hinterlassen?“ fragte ich beiläufig.

„Er wollte um halb acht noch mal anrufen. Ich sagte ihm, dass du meistens bis spätestens um halb acht hier bist.“

Es war fünf Minuten vor halb acht.

Renate stellte das Essen auf den Tisch, und wir setzten uns. Ich aß nur sehr wenig. Ich hatte keinen Appetit.

„Was ist?“ erkundigte sich Renate erstaunt. „Schmeckt es dir nicht?“

„Es schmeckt so gut wie immer, Liebling“, antwortete ich. „Ich habe nur keinen Hunger.“

„Hast du schon gegessen?“

„Nein. Ich war bei Erwin und habe ein Bier getrunken. Aber ich habe nichts gegessen.“

Ich stopfte mir gerade ein Stück Hackbraten in den Mund, als das Schrillen des Telefons wie eine Kreissäge die Stille des Hauses zerriss.

„Das wird der Mann sein“, sagte Renate.

Ich erhob mich, ging ins Wohnzimmer hinüber und warf die Tür hinter mir zu. Dann nahm ich den Hörer ab.

„Bergmann.“

„Hallo, Kumpel“, drang die widerliche Stimme des Grauhaarigen an mein Ohr. „Wir waren noch nicht ganz mit unserer Unterhaltung am Ende. Du bist zu früh aufgebrochen.“

„Wir haben uns nichts zu sagen“, sagte ich knapp.

„Du kannst es nicht wissen“, lachte der Mann. „Aber wir haben uns eine ganze Menge zu sagen. Also sieh zu, dass du so schnell wie möglich ins Cafe Martin kommst.“

„Ich werde nicht kommen“, sagte ich.

„Gut“, meinte er noch lauter lachend. „Dann komme ich eben zu dir. Mir macht das nichts aus.“

Aber mir machte es etwas aus. Ich wollte den Mann auf alle Fälle von meinem Heim fernhalten. Vor allem von Renate. Ich kannte Boris zu gut. Er war zu allem fähig, und sechs Jahre Gefängnis hatte ihn sicher nicht gebessert.

„Wenn Sie auch nur in die Nähe meines Hauses kommen, bringe ich Sie um!“

Die Kälte in meiner Stimme trieb mir einen Schauer über den Rücken.

„Dann komm sofort hierher!“ fuhr mich der Grauhaarige an. „Ich warte genau eine Viertelstunde. Wenn du dann nicht hier bist, komme ich zu dir.“

Es knackte in der Leitung. Der Grauhaarige hatte aufgelegt.

Ich stand sekundenlang unbeweglich neben dem Telefon. Ich hatte eine Mordswut im Bauch. Warum konnten sie mich nicht in Ruhe lassen?

Langsam ging ich in die Küche hinüber. Renate räumte gerade den Tisch ab.

„War das dieser Andraschko?“ fragte Renate.

„Ja, das war er.“ Ich bemühte mich, mir meine Erregung nicht anmerken zu lassen. „Er ist ein alter Bekannter aus München. Er will mich im Cafe Martin sprechen.“

„Warum kommt er nicht hierher?“ fragte Renate. Ich war froh, dass sie mich dabei nicht ansah.

„Ich weiß nicht.“ Ich ging in den Korridor hinaus und zog mir ein paar Schuhe an. „Vielleicht hat er Angst vor dir.“

„Warum sollte er vor mir Angst haben?“

„Ich weiß es nicht“, sagte ich. „Er will jedenfalls nicht herkommen.“

„Hast du ihn eingeladen?“

„Natürlich“, log ich. „Aber er wollte lieber im Cafe bleiben.“

Ich zog meine Windjacke an und ging in die Küche.

Renate sagte: „Sehe ich aus wie eine Frau, vor der man Angst haben muss?“

„Nein“, sagte ich. „Du siehst bezaubernd aus. Du bist schöner als je zuvor, und ich liebe dich sehr.“

Ich küsste sie auf den Mund und wandte mich zur Tür.

„Wann kommst du wieder zurück?“ fragte Renate.

„Ich bin spätestens in einer Stunde zurück.“

Ich war fest entschlossen, mich daran zu halten.


6


Draußen war Westwind aufgekommen, und es hatte aufgehört zu regnen. Der Wind trocknete die nassen Bäume, und ich überlegte, ob ich zu Fuß gehen sollte. Aber dann entschloss ich mich doch, den Wagen zu nehmen.

Ich parkte den Opel Kadett auf dem Marktplatz und ging die paar Meter zu Fuß zum Cafe. Der Grauhaarige saß ganz hinten alleine an einem Tisch. Er grinste, als ich mich seinem Tisch näherte, und ich setzte mich ihm gegenüber. Auf dem Weg hierher hatte ich mir überlegt, was ich ihm sagen würde. Aber dieses blöde Grinsen brachte mich so in Wut, dass ich kein Wort herausbrachte.

„Du bist pünktlich“, sagte der Grauhaarige. „Ich liebe Pünktlichkeit.“

Ich brauchte eine Weile, bis ich mich wieder in der Gewalt hatte. Dann sagte ich ruhig: „Warum lassen Sie mich nicht in Ruhe?“

„Du hast sechs Jahre deine Ruhe gehabt“, sagte der Grauhaarige. „Jetzt ist es vorbei damit.“

„Was wollt ihr von mir?“

„Das wird dir Boris sagen.“

„Ich will ihn nicht mehr sehen.“

„Das wird sich nicht umgehen lassen“, grinste der Mann. „Boris erwartet deine Hilfe.“

„Meine Hilfe?“ Eigentlich war ich nicht im Geringsten überrascht. So etwas Ähnliches hatte ich erwartet. „Ich werde nichts tun, was gegen das Gesetz ist. Die Zeiten von München sind vorbei. Ich werde mich zu nichts überreden lassen. Das können Sie Boris ausrichten.“

„Ich werde es ihm bestellen“, sagte der Grauhaarige und sein Grinsen wurde noch breiter.

Die Bedienung kam vorbei, und ich bestellte mir ein Viertel Rotwein.

Als sie gegangen war, fragte ich: „Wie haben Sie mich gefunden?“

„Das war nicht ganz leicht“, gab der Mann zu. „Aber ich hatte schon immer eine Schwäche fürs Detektivspielen, und ich habe dich gefunden.“

„Und wie haben Sie das gemacht?“ erkundigte ich mich. „Ich habe keinem Menschen gesagt, wohin ich gehe.“

„Das war auch nicht nötig“, erklärte der Grauhaarige grinsend. „Du hast eine deutliche Spur hinterlassen.“

„Was für eine Spur?“

Der Mann grinste nur und zündete sich eine Zigarette an.

„Sie wollen es mir also nicht sagen?“ fragte ich.

„Wozu? Es hilft dir jetzt doch nichts mehr. Wir haben dich gefunden, und du wirst Boris einen Gefallen erweisen. Das bist du ihm schuldig. Danach werden wir dich in Ruhe lassen. Du wirst nichts mehr von uns hören.“

Damit war klar, was Boris von mir wollte. Wenn er mich um einen Gefallen bat, hatte er irgendeine Teufelei ausgeheckt, und ich würde für ihn die Kastanien aus dem Feuer holen müssen.

Aber diesmal nicht. Ich hatte mich von Boris endgültig gelöst, und ich hatte nicht die Absicht, mich noch einmal in seine Abhängigkeit zu begeben.

Die Bedienung brachte meinen Wein. Ich nahm einen kleinen Schluck. Dann fragte ich leise: „Wer sind Sie eigentlich, und was haben Sie mit Boris zu schaffen?“

„Ich heiße Peter Andraschko, und ich habe Boris im Gefängnis kennen gelernt“, gab der Mann bereitwillig Auskunft. „Ich habe wegen Betrug und Körperverletzung mit Todesfolge fünf Jahre abgesessen.“

„Und jetzt haben Sie sich mit Boris zusammengetan?“

„So ist es.“

„Sie begeben sich da in ein Abhängigkeitsverhältnis, das böse für Sie enden wird“, warnte ich.

Andraschko lachte.

„Ich heiße nicht Thomas Bergmann“, sagte er. „Ich bin kein Weichling wie du. Boris und ich sind gleichberechtigte Partner.“

„Das glauben Sie doch selber nicht.“

„Du kannst es mir glauben“, versicherte mir Andraschko. „Boris bleibt keine Wahl.“

„Warum?“

„Ich hatte die Idee?“

„Welche Idee?“

„Den Coup, bei dem du uns helfen wirst.“

„Wobei soll ich euch helfen?“

„Das wirst du noch früh genug erfahren.“

Er wollte nicht mit der Sprache heraus. Aber ich musste es wissen.

Ich erinnerte mich daran, was ich mir auf der Fahrt hierher vorgenommen hatte. Ich riss mich zusammen und ging zum vertraulichen du über.

„Wie lange bist du schon draußen?“ fragte ich.

„Ein gutes Jahr“, sagte er.

„Hat Boris dich beauftragt, mich zu suchen?“

„Ja.“

„Und du hast mich jetzt erst gefunden?“

„Ich weiß schon seit einem halben Jahr, wo du wohnst“, grinste Andraschko.

„Und diese Idee? Hattest du die gleich, als du mich gefunden hast?“

„Du fragst zuviel.“

„Ich will wissen, woran ich bin“, sagte ich. „Wie lange hast du gebraucht, um mich zu finden?“

Andraschko überlegte eine Weile. „Vier Monate“, sagte er dann. „Es war eine Heidenarbeit.“

„Hat Boris dich dafür bezahlt?“

„Er hat mir fünftausend versprochen, wenn ich dich finde“, grinste Andraschko.

„Hast du das Geld bekommen?“

„Ich habe darauf verzichtet“, erklärte Andraschko. „Der Coup bringt mehr ein.“

„Du solltest dir von Boris das Geld geben lassen und verschwinden“, sagte ich leise. „Aus deinem Plan wird nichts. Ich werde auf keinen Fall mitmachen.“

Um Andraschko’s Mund erschien ein teuflisches Grinsen.

„Du wirst mitmachen“, versicherte er. „Ich bin ganz sicher, dass du mitmachen wirst.“

„Ihr könnt mich nicht dazu zwingen.“

„Boris kann es.“

„Er hat nichts gegen mich in der Hand.“

„Genug um dich mürbe zu machen.“

„Was, zum Beispiel?“

„Du arbeitest doch hier bei dem Fürsten als Chauffeur“, begann Andraschko. „Glaubst du, der beschäftigt dich auch dann noch, wenn Boris nur ein paar Andeutungen über dein Vorleben macht?“

„Er wird ihm nicht glauben. Sein Wort wird gegen das meine stehen, und der Fürst kennt mich lange genug. Ich habe mir nie etwas zuschulden kommen lassen. Er wird mir glauben und nicht Boris.“

„Wir haben noch mehr auf Lager“, sagte Andraschko. „Ich denke da zum Beispiel an deine Frau. Ich habe sie schon ein paar Mal gesehen. Sie ist sehr hübsch, und ich könnte mir vorstellen, dass du nicht willst, dass ihr etwas zustößt.“

Ich wurde plötzlich ganz steif vor Zorn.

„Wenn ihr meiner Frau auch nur ein Haar krümmt, bringe ich euch beide um“, hörte ich mich mit völlig fremder Stimme sagen.

Er muss an meinem Gesicht abgelesen haben, wie ernst ich es gemeint habe, denn das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht, und er zuckte leicht zusammen.

Aber er schien sich sofort wieder gefasst zu haben.

„Es liegt ganz bei dir“, sagte Andraschko. „Wenn du vernünftig bist, wird deiner Frau nichts geschehen.“

„Ich werde nicht das sein, was ihr vernünftig nennt“, erklärte ich hart. „Und ihr werdet es nicht wagen, meiner Frau auch nur ein Haar zu krümmen.“

„Boris wagt immer sehr viel“, sagte Andraschko, und das Grinsen erschien wieder auf seinen Lippen. „Du kennst doch Boris. Und mich wirst du noch kennen lernen. Für fünf Millionen bin ich zu einigen Gemeinheiten bereit. Und ich kann verdammt gemein sein, das sage ich dir. Es würde mir zum Beispiel großen Spaß machen, deine Frau zu vergewaltigen oder zu entführen oder beides. Und wenn ich sie erst einmal in meiner Gewalt habe, dann fallen mir noch eine Menge anderer Dinge ein. Also lass es lieber erst gar nicht so weit kommen...“

„Du dreckiger Bastard...“

„Halt die Luft an, Junge“, unterbrach mich Andraschko abrupt. „Du wirst sie noch brauchen, wenn du jetzt nach Hause kommst. Denn wenn mich nicht alles täuscht, hast du Besuch bekommen...“

Ich stand so ruckartig auf, dass mein Stuhl krachend umfiel. Ein paar Gäste wurden aufmerksam und sahen zu uns her. Mühsam gelang es mir, Ruhe zu bewahren. Ich hob den Stuhl wieder auf und sagte: „Wir sprechen uns noch, Bastard!“

Dann wandte ich mich um, ging zur Theke und drückte der Bedienung fünf Mark in die Hand. Ohne auf das Wechselgeld zu warten, ging ich hinaus und rannte zum Marktplatz.

Als ich in die Straße einbog, in der wir wohnten, kam mir der silbergraue Ford entgegen.

Hinter dem Steuer saß Boris.

7

Ich machte mir nicht die Mühe, den Wagen in die Garage zu fahren. Ich ließ ihn auf der Straße stehen und rannte ins Haus.

Renate saß im Wohnzimmer. Sie hatte den Fernseher eingeschaltet.

Als ich eintrat, wandte sie den Kopf und lächelte. Ich atmete auf. Er hatte ihr nichts getan.

„Da war Besuch für dich da“, sagte Renate. „Wenn du fünf Minuten früher gekommen wärst, hättest du ihn noch angetroffen.“

„Besuch für mich?“ tat ich überrascht. „Wer war es denn?“

„Dein Freund Boris Urbanec aus München“, antwortete Renate.

Ich ging zur Bar und schenkte mir einen Whisky ein. Meine Hände zitterten noch.

„Boris?“ sagte ich „Boris war hier?“

„Ja. Er kam kurz nachdem du weggefahren warst. Er hat bis jetzt auf dich gewartet. Aber dann musste er dringend weg, und er sagte, er würde dich morgen noch einmal aufsuchen.“

Bei dem Gedanken, dass Renate eine halbe Stunde mit Boris alleine in der Wohnung war, drehte sich mir fast der Magen um. Diese Dreckskerle hatten mich reingelegt.

Ich trank den Whisky und schenkte mir sofort noch einmal nach. Dann ging ich mit dem Glas in der Hand zu Renate und setzte mich auf die Couch. Ich stellte das Glas auf den Tisch und zündete mir eine Zigarette an.

„Was wollte er?“ fragte ich.

„Er wollte dich besuchen. Er sagte, er wäre vor zwei Tagen erst aus Australien zurückgekommen, und sein erster Gedanke wäre gewesen, dass er seinen Freund Thomas besuchen müsse. Er sagte, ihr wäret damals, bevor er auswanderte, die besten Freunde gewesen, die man sich denken konnte. Warum hast du mir eigentlich nie von ihm erzählt?“

„Wir waren keine so guten Freunde“, sagte ich.

„Nicht?“ Renate sah mich verwundert an. „Aber er hat behauptet...“

„Das hat er immer behauptet“, unterbrach ich sie. „Er hat immer und zu jedem gesagt, wir wären die besten Freunde. Aber ich habe ihn nie gemocht.“

Es gelang mir, völlig ruhig, fast teilnahmslos zu sprechen. Ich lehnte mich auf der Couch zurück und zog hastig an meiner Zigarette.

„Aber er ist ein sehr netter Mann“, sagte Renate. „Er ist höflich und charmant, und er ist ein wirklich blendender Erzähler.“

Ja, das war er immer, dachte ich bitter. Er war schon immer ein guter Märchen und Geschichtenerzähler, und er hatte es immer großartig verstanden, mich mit seinen verlogenen Geschichten herumzukriegen. Und wenn dann seine Geschichten nichts genützt hatten, hatte es Prügel gegeben.

„Boris ist nicht nett“, sagte ich etwas lauter, als beabsichtigt. „Hinter seiner höflichen und charmanten Maske verbirgt sich ein sehr schlechter Charakter. Er ist ein mieses, verkommenes Subjekt.“

„Jetzt übertreibst du aber“, widersprach Renate. „Diesen Eindruck hatte ich ganz und gar nicht. Er benahm sich sehr anständig. Wie ein richtiger Gentleman. Und er machte auf mich nicht den Eindruck eines verkommenen Subjekts, sondern eher eines Mannes, der deine Hilfe braucht.“

Ich schnellte plötzlich hoch. „Was hat er dir gesagt?“

Renate sah mich erstaunt an. „Nichts. Wir haben uns unterhalten. Er hat mir von Australien erzählt, und ich habe ihm zugehört.“

„Aber er muss doch irgend etwas gesagt haben“, beharrte ich. „Wie solltest du sonst zu der Annahme kommen, dass er meine Hilfe braucht?“

„Ich habe das einfach aus der Tatsache geschlossen, dass er ziemlich blass und krank aussah. Er sah nicht wie ein Mann aus, der soeben aus Australien kommt. Und er ließ so ganz nebenbei die Bemerkung fallen, dass du ihm vielleicht einen Gefallen tun könntest.“

Er hatte es sich also immer noch nicht abgewöhnt. Er hatte immer nur davon gesprochen, dass ich ihm einen kleinen Gefallen erweisen sollte, und ich hatte am Anfang auch noch Spaß daran. Ich fand es einfach lustig, mit Boris zusammen beim Kartenspielen zu betrügen und nebenbei auch noch mein Taschengeld aufzubessern. Als wir den ersten Automaten knackten, war ich betrunken, und wir hatten hinterher viel gelacht. Auch als wir zum ersten Mal in ein Haus einstiegen und einen Fernseher, ein Briefmarkenalbum, zwei Silberpokale und eine Perlenkette mitnahmen, war ich nicht mehr ganz nüchtern und nahm das alles nicht so ernst.

Als ich es dann endlich ernst nahm und merkte, in was ich da hineingeschlittert war, war es zu spät. Da hatte Boris mich längst in der Hand, und wenn ich ihm den kleinen Gefallen nicht tun wollte, verprügelte er mich, und ich tat aus Angst, was er von mir wollte.

Aber diese Zeiten waren vorbei. Boris würde mich nie wieder zu etwas zwingen können. Das hatte ich mir geschworen, nachdem Renate und ich geheiratet hatten. Und ich hatte mir geschworen, Renate nichts von Boris und mir und meinem Vorleben zu erzählen. Jetzt hatte sie es von Boris erfahren, und hatte nichts dagegen tun können. Aber ich würde mit allen Mitteln zu verhindern versuchen, dass Renate von meinem Vorleben erfuhr, was Boris von mir wollte. Ich wusste es zwar selbst noch nicht, aber die Andeutung von Andraschko, dass es dabei um fünf Millionen ging, reichte mir vollauf.

Egal, wie immer ich Boris anpacken würde, Renate durfte nichts davon erfahren. Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, wie sie reagieren würde. Renate würde ohne zu überlegen zur Polizei gehen. Sie würde so sehr davon überzeugt sein, dass sie im Recht war, dass sie die Folgen völlig übersehen würde. Jeder Appell an sie, nicht zur Polizei zu gehen, würde zwecklos sein. Bisher hatte weder Boris noch Andraschko etwas getan, was ein Eingreifen der Polizei rechtfertigen würde.

Details

Seiten
250
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738909234
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
nacht gewalt

Autor

Zurück

Titel: Nacht der Gewalt