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Muhland - Sawatzkis Rache

2017 120 Seiten

Leseprobe

MUHLAND

- Sawatzkis Rache

Heimat-Krimi





IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Fred1966/Pixabay mit steve Mayer, 2017

Idee: A.F.Morland, Melina und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappentext:

Oskar Sawatzki machte es genau so, wie er es sich ausgedacht hatte. Er ging in den Wald, spielte den Ahnungslosen, obwohl es für ihn inzwischen zur Gewissheit geworden war, dass er einen „Schatten“ hatte, der ihm überallhin folgte. In der Nähe des Klarsees legte er sich auf die Lauer. Versteckt zwischen hohen, saftig grünen Farnen, gleich nach einem scharfen Knick des Waldweges, wartete er auf seinen Verfolger. Schritte knirschten auf dem wurzeligen Waldweg. Sawatzki spannte sich wie eine Feder. Gleich würde er hochschnellen und den Kerl mächtig überraschen...


Spannthal, das blumengeschmückte „Märchendorf“ war kürzlich aus seinem süßen Dornröschenschlaf nicht sanft geweckt, sondern brutal herausgerissen worden.

Mord und Totschlag hatten Einzug gehalten und dem zuckersüßen Disney-Traum erheblichen Schaden zugefügt. Das Böse war ins Dorf gekommen und hatte die Seelen der Menschen, die seit vielen Generationen in Frieden miteinander gelebt hatten, vergiftet. Die ländliche Idylle mit Bienengesumm und Kuhglockengebimmel hatte sehr darunter gelitten.

Neid und Missgunst lauerten hinter jeder Ecke, zwischen und in den Häusern, auf dem Dorfplatz – einfach überall.


A.F.Morlands Finale – ein Dreiteiler der die Landhausidylle einerseits karrikiert, anderseits auch die Sehnsucht wiederspiegelt in einer immer komplizierter werdenden Welt einen Platz in Frieden zu haben.






Roman:

Spannthal, das blumengeschmückte Märchendorf in den österreichischen Alpen, war kürzlich aus seinem süßen Dornröschenschlaf nicht sanft geweckt, sondern brutal herausgerissen worden.

Mord und Totschlag hatten Einzug gehalten und dem zuckersüßen Disney-Traum erheblichen Schaden zugefügt. Das Böse war ins Dorf gekommen und hatte die Seelen der Menschen, die seit vielen Generationen in Frieden miteinander gelebt hatten, vergiftet. Die ländliche Idylle mit Bienengesumm und Kuhglockengebimmel hatte sehr darunter gelitten.

Nichts war mehr, wie es mal gewesen war. Vieles war zerbrochen und konnte nicht mehr gekittet werden. Neid und Missgunst lauerten hinter jeder Ecke, zwischen und in den Häusern, auf dem Dorfplatz – einfach überall.

Und jetzt auch noch das“, seufzte Amelia Steffel, eine der beiden giftigen Schwestern, die gerne überall ein Haar in der Suppe fanden, über jeden schlecht redeten und zu Spannthal gehörten wie die Flöhe zum Hirtenhund.

Ricarda Bonnangel rümpfte die Nase. „Die haben uns gerade noch gefehlt.“

Unserem Dorf bleibt doch wirklich nichts erspart“, klagte Amelia Steffel.

Man sollte fortziehen“, meinte ihre Schwester.

Amelia Steffel nickte. „Aber wohin? Wir sind nicht mehr die Jüngsten, und man sagt doch: Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“

Die beiden Witwen saßen auf dem Dorfplatz auf einer Bank, die der Tourismusverband der Region hier aufgestellt hatte, und ließen sich die Sonne ins faltige Gesicht scheinen. Hinter ihnen plätscherte der Brunnen leise vor sich hin. Ein Täuberich bemühte sich gurrend um die Gunst einer Taubendame. Da sie aber nichts von ihm wissen wollte, verfolgte er eine andere, und bei der hatte er mehr Glück.

Sie rasieren ihre Köpfe, gefallen sich in abscheulicher Promiskuität, hüllen sich in grobe Säcke“, sagte Ricarda Bonnangel angewidert. „Man weiß nicht, ist das kahle Wesen ein Mann oder eine Frau.“

In meinen Augen sind das perverse Kreaturen, die sich zusammengerottet haben, um ihrer primitiven Sexsucht und ihren animalischen Trieben freien Lauf zu lassen“, sagte Amelia Steffel abschätzig.

Arm im Geist.“

So jemand hat in Spannthal nichts zu suchen.“

Ricarda Bonnangel nickte beipflichtend. „Bin ganz deiner Meinung, Schwester.“

Ich frage mich, wie die an den Fichtinger-Hof gekommen sind.“

Na ja, gekauft werden sie ihn haben“, nahm Ricarda Bonnangel an.

Mit welchem Geld denn?“, wollte Amelia Steffel wissen. „So armselig, wie die aussehen, haben die doch keinen löchrigen Cent in der Tasche. Wenn ihre schlichten Büßerhemden überhaupt Taschen haben. Wovon leben die eigentlich?“

Ricarda Bonnangel schürzte die Lippen. „Machen primitiven Schmuck. Malen Bilder. Flechten Körbe. Töpfern. Verkaufen Selbstgestricktes, Selbstgehäkeltes und handgenähte Mokassins für Frauen und Männer... Musizieren in Fußgängerzonen...“

Amelia Steffel rümpfte die Nase, als würde ein penetranter Gestank über den Dorfplatz wehen. „Der alte Fichtinger hätte ihnen seinen Hof nie verkaufen dürfen.“

Nach dem Tod seiner Frau hat der Fichtinger-Anton doch nur noch getrunken.“

Du meinst, er hat sein Hirn weich gesoffen.“

Muss er wohl“, sagte Ricarda Bonnangel. „Sonst wäre dieser Verkauf mit Sicherheit nie zustande gekommen.“

Jetzt sitzt er im Seniorenheim und hat viel Zeit, seinen Fehler zu bereuen.“

Aber er kann ihn nicht rückgängig machen“, sagte Ricarda Bonnangel verdrossen. „Und wir haben diese kahl geschorene Sippe am Hals.“

Amelia Steffel sagte: „Ich gebe nicht so sehr dem Fichtinger-Anton die Schuld, denn der ist ja, wie wir..., wie jedermann weiß, alt und blöd...“

Sondern wem?“, wollte Ricarda Bonnangel wissen.

Na, Toni Rudofski.“

Ricarda Bonnangel sah ihre Schwester groß an. „Dem Bürgermeister?“

Amelia Steffel nickte. „Er hätte nicht zulassen dürfen, dass der Fichtinger-Anton seinen Hof an diese triebhaften Wilden verkauft. Vielleicht sind das gefährliche Sektierer, die den Teufel anbeten. Wundern würde es mich nicht. Möglicherweise veranstalten sie sogar heimlich Satansmessen und bringen dem Höllenfürsten Blutopfer dar.“

Ricarda Bonnangel schluckte. „Also...“

Ihre Schwester zuckte mit den Achseln. „Weiß man's? Die lassen einen ja nicht auf ihren Hof.“

Die müssen weg.“

Und wie willst du das erreichen?“

Wir sind nicht die Einzigen, die diese Leute hier nicht haben wollen“, erklärte Ricarda Bonnangel. „Wenn wir eine Aktion starten und genügend Unterschriften zusammenbekommen, muss der Bürgermeister etwas gegen diese unerwünschten Personen unternehmen. Man kann denen nicht trauen. Ich bin davon überzeugt, dass sie alles stehlen, was nicht niet- und nagelfest ist, und ihr Diebesgut umgehend zu Geld machen. Fahrräder, Rasenmäher, Kinderwagen, Langlaufskier, Sonnenschirme, Wanderstöcke...“

Hinzu kommt, dass junge Menschen, die leicht zu blenden sind, ihretwegen einen falschen Weg einschlagen könnten“, ergänzte Amelia Steffel. „Dieses sonderbare Volk übt keinen guten Einfluss auf seine Umwelt aus. Das lässt sich jederzeit beweisen.“

Ab sofort hatten die giftigen Schwestern ein neues Feindbild, das es mit aller Kraft zu bekämpfen galt. Sie brauchten so etwas, sonst wären sie nicht glücklich gewesen.

*

Die Suche nach den Drogen, die der professionelle Mörder Adriano Ravelli aus Italien mitgebracht hatte, verflachte mehr und mehr. Der Stoff war eine halbe Million Euro wert. Doch niemand wusste, wo der Mafia-Killer ihn versteckt hatte. Wo sollte man noch danach suchen, wenn man schon überall gewesen war? Oft sogar mehrmals. Allmählich verdichtete sich die Annahme, dass Ravelli, der auf dem Gamsgrat zu Tode gekommen war, überhaupt kein Rauschgift ins Dorf gebracht hatte.

Zehntausend Euro Finderlohn hatten Jo Hambusch und Harry Reuter demjenigen versprochen, der ihnen die Drogen brachte oder ihnen zeigte, wo sie versteckt waren.

Die Berliner Gangster, die in Spannthal als Interpol-Agenten auftraten und sich Otto Hebenstreit und Alfred Seiler nannten, standen ziemlich unter Druck, weil Don Folco Barratone, der Adria-Pate, auf einen Erfolg drängte, der sich partout nicht einstellen wollte.

Hambusch, dem sein verstorbener Boss Rocco Panzer den Spitznamen Godzilla gegeben, und Reuter, den Panzer Rambo genannt hatte, standen kurz davor, aufzugeben.

'Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren', sagen die Österreicher“, brummte Godzilla.

Wo die Ösis recht haben, haben sie recht“, bemerkte Rambo, der einer ländlichen Idylle grundsätzlich nichts abgewinnen konnte und schon gern wieder Berliner Luft geatmet hätte. Er war durch und durch Städter. Fliegen, Bremsen, Kuhgestank waren nicht sein Ding. Er gehörte nicht hierher, in dieses seiner Ansicht nach total abgeschmackte Muhland, hatte in diesem kitschigen Alpendorf nichts verloren. „Wir sollten uns langsam damit abfinden, dass der Weg, den wir eingeschlagen haben, zu keinem Erfolg führt.“

Ich hätte damit ja kein Problem, aber Don Folco...“

Scheiß auf den Spagetti-Fresser“, brauste Harry Reuter auf.

Er ist unser zukünftiger Geschäftspartner“, gab Jo Hambusch ruhig zu bedenken.

Er ist ein bornierter Hornochse“, grummelte Rambo. „Stur wie ein Sherman-Panzer.“

Weil ihm – genau wie er uns – der in Neapel lebende Capo di tutti capi, der oberste Mafia-Boss, im Nacken sitzt. Sie wollen die halbe Million nicht als Verlust abschreiben. Ich kann das verstehen.“

Dann sollen die Arschlöcher doch herkommen und selbst nach dem verdammten Stoff suchen. Mir reicht es allmählich. Ich möchte endlich wieder nach Hause.“

Das habe ich inzwischen schon mindestens hundertmal von dir gehört.“

Und wann hauen wir endlich ab?“

Jo Hambusch schüttelte ernst den Kopf. „Das können wir nicht ohne Don Folcos Sanktus.“

Harry Reuter seufzte. „Wir drehen uns im Kreis, merkst du das nicht? Ich will abhauen. Du willst bleiben, um Don Folco nicht zu vergrämen. Aber der Stoff ist nicht hier. Wenn er's wäre, hätten wir oder die Dörfler ihn längst gefunden. Folco Barratone und du... Und auch der oberste Mafia-Vollkoffer... Ihr solltet euch endlich damit abfinden. Es wäre meines Erachtens sehr viel wichtiger, Berlins Drogenszene und die Adria-Connection neu zu beleben und mit einem straff organisierten Dealer-Netz endlich ordentlich Kohle zu machen.“

Godzilla wusste, dass sein Kumpel mit dieser Ansicht nicht falsch lag, und er hoffte, schon bald von Don Folco die Erlaubnis zu bekommen, Spannthal – und das Land der Schluchtenscheißer - verlassen zu dürfen. Eher würde er aber nicht nach Berlin zurückkehren.

*

Leo Fellinger hatte Schlimmes getan. Zwar im Vollrausch, und weil er so voller Wut und Hass auf die reiche Weißgärber-Familie gewesen war, aber es hätte dennoch niemals dazu kommen dürfen. Es war nicht richtig gewesen, die Sommerrodelbahn der Weißgärbers zu sabotieren.

Immerhin hätte Orthold Lura, der beliebte Pfarrer von Spannthal, deswegen beinahe sein Leben verloren. Hinterher hatten den jungen Mann so schwere Gewissensbisse geplagt, dass er den Priester im Bezirkskrankenhaus aufgesucht und ihm alles gebeichtet hatte. Der gütige Gottesmann hatte ihm zwar verziehen, aber ihm gleichzeitig nahe gelegt, sich selbst anzuzeigen und für seine üble Tat geradezustehen, und das wollte er tun.

Weil Schuld Buße verlangt.

Während Fellinger nach Spannthal zurückfuhr, eilten seine Gedanken voraus, und er überlegte sich, was er Wendelin Prendergast, dem Polizeihauptwachtmeister, erzählen würde. Die Wahrheit. Das war klar. Aber wie würde er beginnen? Damit, dass er mit dem Pfarrer ins Reine gekommen war? Das der Priester ihm vergeben hatte?

Er hatte so große Angst vor diesem Geständnis gehabt, dass er beinahe umgekehrt wäre. Jetzt aber war er froh und befreit, sein Gewissen im BKH bei Orthold Lura erleichtert zu haben. Es stimmte, was er dem Priester gesagt hatte.

Wenn der Gottesmann den Unfall nicht überlebt hätte, hätte er sich aufgehängt. Denn mit einer so schweren Sünde hätte er nicht weiterleben können.

Ich hätte es getan“, murmelte er mit Tränen in den Augen. „Bei Gott, ich hätte mir das Leben genommen.“

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa... Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld..., hallte es in Fellingers Kopf. So heißt es in der Kirche. Ich bekenne mich voll, ehrlich und von ganzem Herzen zu dem, was ich angestellt habe und bereue aus tiefster Seele.

Bis vor kurzem hatte es noch danach ausgesehen, als würde er in die Weißgärber-Familie einheiraten. Verlobt war er mit der Weißgärber-Rebekka ja schon gewesen. Aber dann war es zum Bruch mit der kapriziösen, streitsüchtigen, zickigen Tochter der Weißgärbers gekommen, und nun hatte er ihren gesamten Clan gegen sich.

Doch er hasste diese reichen Leute nicht mehr. Er sagte sich, dass er mit Rebekka ohnedies niemals glücklich geworden wäre, und das tröstete ihn sehr...

Vier Kilometer noch bis Spannthal. Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa... Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld... Er hörte nicht auf, das zu denken.

Tränen trübten seinen Blick. Die gewellte Straße lag vor ihm wie ein schlecht ausgelegter Teppich. Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa... Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld... Die Straße krümmte sich leicht nach rechts. Leo Fellinger wischte sich mit der rechten Hand die Tränen aus den Augen. Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa... Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld...

Fellinger lenkte seinen Wagen mit einer Hand und ging vor der Krümmung ein wenig vom Gas. Doch das reichte nicht. Aus der „Versenkung“ tauchte urplötzlich ein riesiger Mehrtonner auf.

Mea...

Leo Fellinger erschrak so sehr, dass er sein Fahrzeug panisch verriss. Ihm fuhr ein Eissplitter ins Herz. Er kam von der Straße ab und überschlug sich mehrmals krachend in einem großen Rapsfeld. Er vermeinte, die Katastrophe in Zeitlupe mitzuerleben. Obwohl alles unendlich langsam passierte, war es doch nicht aufzuhalten. Blech knirschte, kreischte und klapperte.

Der Wagen verformte sich.

Die Windschutzscheibe flog aus dem Rahmen und segelte davon. Der Sicherheitsgurt straffte sich schmerzhaft und hielt den jungen Mann fest. Der Airbag platzte mit einem dumpfen Knall auf und sauste Leo Fellinger explosionsartig wie ein überdimensionaler Hefekloß entgegen, doch das weiße Kissen konnte nicht verhindern, dass Fellingers Kopf mit ungeheurer Wucht gegen die Türkante prallte.

Und dabei brach sein Genick!

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa... Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld...

Der Lastwagenfahrer sprang entsetzt aus seinem PS-starken Vehikel und wollte dem Verunglückten zu Hilfe eilen, doch er konnte nichts mehr für ihn tun. Der Mann, der kürzlich die Sommerrodelbahn sabotiert hatte und auf dem Weg zum Polizeihauptwachtmeister gewesen war, um sich selbst anzuzeigen, lebte nicht mehr.

*

Ein anderer junger Mann hatte mehr Glück: Der Holzknecht Justus Rader. Er hatte oben auf dem Gamsgrat mit Robert Seiblinger einen erbitterten, von glühendem Hass geprägten Kampf ausgetragen. An Seiblingers Hals hatte ein Feldstecher an einem Lederriemen gehangen, und damit hatte er den einstigen Freund in seiner unbändigen Wut strangulieren wollen, doch das war ihm nicht gelungen, weil Seiblinger ihm das klobige Fernglas mehrmals mit aller Kraft gegen den Kopf geschlagen hatte.

Blut...

Schock...

Reue...

Entsetzt hatte Robert Seiblinger – ebenfalls ein junger, kräftiger Holzarbeiter - begriffen, wie töricht sie doch gewesen waren.

Und er hatte sich auf einmal nicht mehr erklären können, wie man jemanden so sehr hassen konnte. Wieso hatte ihre Rivalität noch immer bestanden, obwohl die Leitinger-Vroni, das Mädchen, in das sie sich unglücklicherweise beide verliebt hatten, schon längst nicht mehr in Spannthal lebte und jetzt mit einem andern zusammen war?

Das war doch dumm.

Aber kam diese Einsicht nicht zu spät? Sie hatten sich voller Hass und Vernichtungswillen geprügelt. Vielleicht hatte jeder den unseligen Gedanken im Hinterkopf gehabt, den andern für immer fertigzumachen.

Für immer...

Hieß das, ihn zu töten?

Als dieser furchtbare Gedanke in Robert Seiblinger aufblitzte, erschauerte er. Vor allem deshalb, weil er meinte, nun nichts mehr rückgängig machen zu können, weil er Justus Rader erschlagen hatte.

Dennoch hatte er Justus zum Gemeindearzt bringen wollen, hätte das aber nicht geschafft, wenn ihm der Bürgermeister nicht zufällig zu Hilfe gekommen wäre.

In Dr. Plauensteiners Haus hatte er dann stundenlang den Himmel verzweifelt um ein Wunder angefleht...

Und wurde erhört.

Justus Rader hatte den gnadenlosen Kampf auf dem Gamsgrat glücklicherweise überlebt. Er war nach einer ersten Notversorgung durch den Gemeindearzt von Spannthal ins Bekirkskrankenhaus gebracht worden, wo man ihn im laufe der folgenden Tage wieder auf die Beine stellte.

Robert Seiblinger besuchte ihn fast täglich, und sie waren endlich wieder Freunde.

*

In Berlin näherte sich Oskar Sawatzkis neunmonatige Haftstrafe langsam dem Ende. Er bekam nach wie vor Besuch von seiner Familie und freute sich schon sehr auf seine Entlassung. Aurea, seine Frau, hatte inzwischen seine Boutique – unter Berücksichtigung der von ihm gestellten Bedingungen und mit seinem ausdrücklichen Einverständnis - Helene Muhs, der tüchtigen Geschäftsführerin, übergeben, und nach langem Suchen im Nahbereich Berlins ein Haus gefunden, das sie gerne gekauft hätte. Aber nur dann, wenn es ihrem Mann ebenfalls gefiel. Mercedes, die zwölfjährige Tochter, hatte Aurea bereits auf ihrer Seite. Wenn Oskar ebenfalls Ja sagte, würde sie den Kauf perfekt machen. Im Moment gab es nur einen Vorvertrag.

Holger Strecker, Sawatzkis Mithäftling, der bislang ziemlich uneinsichtig, unbelehrbar und unbekehrbar gewesen war, befand sich – was er selbst nicht für möglich gehalten hatte – auf dem Wege der Läuterung.

Nachdem er sieben Mal wegen schwerer Körperverletzung in alkoholisiertem Zustand eingesessen hatte, fand er, dass das reichte.

Und er war sicher, dass er nie wieder straffällig werden würde, wenn er die Finger in Zukunft vom Schnaps ließ, weil nur der ihn so extrem rabiat machte.

Als Oskar Sawatzki mal wieder Besuch von seinen Lieben gehabt hatte und anschließend in die Zelle zurückgebracht wurde, die er sich mit Holger Strecker teilte, machte dieser ein betrübtes Gesicht.

Plagen dich verschlagene Winde?“, erkundigte sich Sawatzki.

Bald werden sich für dich die Gefängnistore öffnen.“

Du hast ja auch nicht mehr lange.“

Drei Monate“, sagte Strecker.

Die sitzt du auf einer Backe ab.“

Aber ja. Kein Problem.“

Weshalb dann die Sorgenfalten?“, wollte Sawatzki wissen.

Bisweilen hört man im Knast mehr als draußen.“

Weil es hier nicht so viele störende Einflüsse gibt.“

Strecker nickte.

Was ist dir zu Ohren gekommen?“, fragte Sawatzki.

Strecker rümpfte die Nase. „Wenig Erfreuliches.“

Sawatzki setzte sich. „Möchtest du darüber reden?“

Ich mache mir Sorgen.“

Um wen?“

Um dich.“

Oskar Sawatzki staunte. „Um mich?“

Es geht um Rocco Panzers Erben. Jo Hambusch und Harry Reuter haben den Drogenhandel neu belebt. Lorenz Hassman unterstützt die nach besten Kräften. Die Adria-Connection ist wieder intakt. Das Geschäft läuft besser als zu Panzers Lebzeiten. Seine ehemaligen Gorillas streichen satte Gewinne ein.“

Sawatzki zuckte desinteressiert mit den Achseln. „Das geht mich alles nichts mehr an. Ich bin raus aus dem Geschäft.“

Meinst du?“

Ich werde mit Sicherheit nie wieder für irgendjemanden Drogen von Italien nach Deutschland schmuggeln. Das ist vorbei. Das habe ich in einem anderen Leben gemacht. Und dafür sitze ich zurzeit in diesem Gefängnis.“

Hambusch und Reuter haben sich lange in diesem Muhdorf aufgehalten.“

Oskar Sawatzki nickte. „Das ist mir bekannt.“

Sie haben in Spannthal, zusammen mit den Dörflern, das Unterste zuoberst gekehrt.“

Aber nicht gefunden, wonach sie suchten.“

Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis ihnen der Adria-Pate erlaubte, nach Berlin zurückzukehren“, sagte Holger Strecker.

Du erzählst mir nichts Neues. Ich weiß noch immer nicht, worauf du hinaus willst. Weshalb machst du dir um mich Sorgen? Hambusch und Reuter können tun, was sie wollen. Das kratzt mich alles nicht mehr.“

Fakt ist, dass Adriano Ravelli Stoff nach Deutschland schmuggeln wollte. Daraus wurde aber nichts, weil du ihn in die Schlucht geschubst hast.“

Habe ich nicht.“

Holger Strecker machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wie auch immer. Ravelli hat 'nen Abflug gemacht – und wo sind die Drogen?“

Keine Ahnung.“

Siehst du, und genau das ist das Problem.“

Ich verstehe nicht.“

Strecker sah seinen Zellengenossen ernst an. „Jo Hambusch und Harry Reuter sind der Meinung, dass nur einer weiß, wo der Schatz versteckt ist. Und das bist du.“

*

Als der Pfarrer, der auf der Sommerrodelbahn schwer verunglückt war, nach Spannthal zurückkam, ging er zwar noch auf dem Stock, aber es stand bereits fest, dass er diesen schon bald nicht mehr benötigen würde.

Beim ersten Gottesdienst nach Orthold Luras Heimkehr, platzte die Spannthaler Kirche buchstäblich aus allen Nähten, denn dieses eine Mal ließen es sich selbst die saumseligsten Schäfchen nicht nehmen, im Haus des Herrn zu erscheinen und damit ihre Freude zum Ausdruck zu bringen, dass der beliebte Geistliche wieder in ihrer Mitte weilte.

Nach der heiligen Messe beglückwünschten den Priester alle an der Kirchentür zur Genesung. Sogar jene, die ihm normalerweise nicht so wohl gesonnen waren. Die giftigen Schwestern nahmen die Gelegenheit wahr, mit Hochwürden ein ernstes Wort über die unerwünschten Leute zu reden, die sich im Fichtinger-Hof eingenistet hatten. „Die passen nicht zu uns“, behauptete Amelia Steffel.

Die gehören nicht nach Spannthal, Herr Pfarrer“, sagte Ricarda Bonnangel.

Das sind Fremdkörper“, erklärte ihre Schwester. „Stachel in unser aller Fleisch.“

Wir wollen sie hier nicht haben“, ergänzte Ricarda Bonnangel. „Diese kahl rasierten Typen vergiften unser Klima.“

Unheimlich sehen sie aus.“

Furchterregend“, fügte Ricarda Bonnangel hinzu.

Man fühlt sich in ihrer Nähe nicht wohl. Mir waren sie, ehrlich gesagt, von Anfang an nicht geheuer. Seit sie da sind, ist Spannthal nicht mehr unser Dorf. Das geht doch nicht. Das darf doch nicht sein.“

Diese triebhaften Gottlosen treiben es wild durcheinander. Jeder mit jedem. Selbst ihre Ziegen sollen vor ihnen nicht sicher sein.“

Na, na, na“, bremste der Pfarrer die beiden Witwen. Er machte eine dämpfende Geste.

Ricarda Bonnangel hob die Hände. „So sagt man“, behauptete sie unschuldig. „Das ist nicht von mir, Herr Pfarrer. Ich gebe nur wieder, was ich gehört habe.“

Orthold Lura hatte zwar schon von diesen seltsamen Fremden auf dem Fichtinger-Hof gehört, weil ihn ja seine Haushälterin und der junge Kaplan im Krankenhaus sehr oft besucht und dabei stets auf dem Laufenden gehalten hatten, aber er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, sich ein eigenes Bild von den Leuten zu machen.

Amelia Steffel erwähnte die Unterschriftenaktion, die sie so bald wie möglich starten wollten. „Wir werden auch zu Ihnen kommen, Hochwürden“, kündigte sie an. „Wenn Ihr Name ganz oben auf unserer Liste steht, werden alle Dörfler blind mit unterschreiben.“

Der Gottesmann sagte lächelnd: „Mit meiner Unterschrift könnt ihr nicht rechnen.“

Amelia Steffel riss verdutzt die Augen auf. Damit hatte sie nicht gerechnet. „Aber Herr Pfarrer...“

Diese Sektierer müssen weg“, sagte Ricarda Bonnangel feindselig.

Was werft ihr ihnen vor?“, wollte Orthold Lura wissen.

Eine ganze Menge“, erwiderte Ricarda Bonnangel schwammig.

Ich gehe davon aus, dass sie den Fichtinger-Hof rechtmäßig erworben haben“, sagte der Priester.

Amelia Steffel nickte. „Ja, aber...“

Soviel ich gehört habe, tun sie keinem was“, bemerkte der Pfarrer. „Sie leben sehr zurückgezogen. Man bekommt sie kaum zu Gesicht.“

Diese heruntergekommenen Existenzen beten den Teufel an!“, platzte es aggressiv aus Ricarda Bonnangel heraus.

Wer sagt das?“, wollte Orthold Lura wissen.

Die Leute“, antwortete Amelia Steffel.

Wart ihr schon mal dabei?“, fragte der Priester.

Wir nehmen doch an keiner schwarzen Messe teil“, entrüstete sich Ricarda Bonnangel.

Der Pfarrer musterte die giftigen Schwestern streng. „Könnt ihr beweisen, was ihr behauptet?“

Man weiß doch, wie solche Leute ticken, Hochwürden“, erklärte Amelia Steffel überzeugt. „Sie treten Sitte, Anstand und Moral voller Verachtung mit Füßen, setzen sich über alle Konventionen unserer Gesellschaft hinweg, grenzen sich bewusst von der Dorfgemeinde ab und verherrlichen alles, was bösen Ursprungs ist.“

Seht ihr – und genau das glaube ich nicht“, sagte Orthold Lura. Er wusste, dass die giftigen Schwestern immer mit Vorsicht zu „genießen“ waren. Die waren manchmal schlimmer als so manches Revolverblatt.

Wollen Sie warten, bis es zu spät ist?“, fragte Amelia Steffel aufgebracht.

Zu spät wofür?“

Diese Kommune ist im Begriff, eine Seuche zu verbreiten, vor der man sich nicht schützen kann“, tönte Amelia Steffel mit bösem Blick. „Wenn alle Dörfler erst einmal angesteckt sind, ist Spannthal dem Untergang geweiht.“

Tut mir leid“, sagte der Priester, „das ist unsinnig und falsch. Ihr solltet nicht so schlecht über eure Nächsten denken – und schon gar nicht auf diese abwertende Weise über sie reden. Das sind zunächst und vor allem Menschen wie wir...“

Das muss ich entschieden zurückweisen, Hochwürden“, begehrte Amelia Steffel sofort auf. „Ich verunstalte mich nicht auf diese unsittliche Weise, kleide mich ordentlich, gehe regelmäßig zur Beichte, besuche jeden Sonntag den Gottesdienst und lasse das Kollekte-Körbchen nie an mir vorbei reichen, ohne Geld hineingeworfen zu haben. Sie können mich doch nicht mit diesen sonderbaren Individuen, diesen tiebhaften Barbaren, diesen hormongetriebenen Wilden in einen Topf werfen. Also wirklich... Ich muss schon sagen... Alles, was recht ist, Herr Pfarrer, aber jetzt sind Sie doch etwas zu weit gegangen.“

Wenn sie auf eine Entschuldigung hoffte, konnte sie lange warten. Pfarrer Lura sah nicht die geringste Veranlassung dafür.

*

Diese elenden Giftspritzen“, echauffierte sich Theodard Gmeiner, als Orthold Lura im Pfarrhaus bei Kaffee und Kuchen über Amelia Steffel und Ricarda Bonnangel sprach. „Man sollte ihnen ihr loses Mundwerk mit einem reißfesten Band zukleben. Oder mit Sekundenkleber. Srrrt.“ Er machte eine entsprechende Handbewegung. „Und sie kriegen die Lästerlippen nicht mehr auseinander.“

Aber, aber“, tadelte der Priester den jungen Kaplan. „So unchristliche Worte sollten wir in diesem Haus vermeiden.“

Ich finde nicht, dass ich etwas Falsches gesagt habe, Hochwürden“, verteidigte sich der Kaplan. „Diese gemeinen, hinterhältigen, doppelzüngigen Frauen stiften immerzu Unfrieden in Spannthal. Nichts passt ihnen. Sie finden in jeder Suppe ein Haar. Niemand ist vor ihren bösen Zungen und gemeinen Sticheleien gefeit. Nicht einmal Sie.“

Orthold Lura schwieg.

Jetzt haben sie die Leute vom Fichtinger-Hof aufs Korn genommen, werden Stimmung gegen sie machen und alles daransetzen, um sie zu vertreiben“, fuhr Theodard Gmeiner leidenschaftlich fort. „Obwohl sie sie nicht einmal kennen. Die geben ihnen nicht die geringste Chance, zu beweisen, dass sie harmlos sind und niemandem Böses wollen. Das sind in ihren Augen unbequeme, eigenbrötlerische, unangepasste Fremde, also müssen sie weg.“

Die Pfarrhaushälterin äußerte sich nicht dazu. Da Orthold Lura aber auch ihre Meinung hören wollte, sprach er sie direkt darauf an.

Melitta Sägebrecht zog die Schultern hoch. Jetzt musste sie ihre Reserviertheit aufgeben und sagen, wie sie dazu stand. „Na ja, richtig zu uns passen diese Kommunarden ja wirklich nicht“, erklärte sie. „Ich finde zwar nicht, dass sie für unser Dorf eine Gefahr darstellen, aber wenn ich einem von ihnen begegne, habe ich - irgendwie - ein komisches Gefühl. Warum, kann ich nicht sagen. Vielleicht deshalb, weil sie so anders sind – mit ihren kahl rasierten Köpfen und den primitiven, kuttenähnlichen Gewändern, die wie Büßerhemden aussehen. Aber es würde mir nie in den Sinn kommen, gegen sie eine Unterschriftenaktion zu starten, und ich werde den Wisch der giftigen Schwestern auch ganz bestimmt nicht unterschreiben.“

Wie viele Personen leben auf dem Fichtinger-Hof?“, erkundigte sich Orthold Lura.

Sieben Familien, habe ich gehört“, gab Melitta Sägebrecht zur Antwort. „Oder... Oder – Paare... Eine Ehe, wie wir sie kennen, gibt es für diese Leute nicht. Sie wechseln auch jederzeit nach Belieben den Partner. Vermutlich sind dreißig, fünfunddreißig Männer, Frauen und Kinder auf dem Hof. Vielleicht auch mehr. Oberhaupt der Kommune ist ein gewisser Carl Rottenbach. Sie nennen ihn den Guru. Er bestimmt, was zu geschehen hat, und alle haben ihm zu gehorchen.“

Was sie angeblich auch tun“, fügte Kaplan Gmeiner hinzu.

Was wäre, wenn jemand aufmucken würde?“, fragte der Mann im schwarzen Habit. „Mit welchen Konsequenzen hätte er zu rechnen? Würde der Guru ihn verstoßen? Müsste er die Kommune verlassen?“

Keine Ahnung“, sagte Melitta Sägebrecht. „So etwas scheint noch nie vorgekommen zu sein.“

Hat Carl Rottenbach Kinder?“, fragte der grauhaarige Pfarrer.

Seine Haushälterin nickte. „Sieben. Mit sieben verschiedenen Frauen.“ So, wie sie das sagte, war deutlich herauszuhören, dass ihr das nicht gefiel.

Der Pfarrer schürzte nachdenklich die Lippen. „Mit sieben verschiedenen Frauen“, wiederholte er.

Diese Kommunarden finden nichts dabei, leben nach ihren eigenen Regeln“, sagte die Haushälterin. „Deshalb meine ich ja, dass sie nicht zu uns passen. Was ihnen die giftigen Schwestern allerdings andichten, ist natürlich aufgelegter Schwachsinn. Die halten mit Sicherheit keine schwarzen Messen ab, weigern sich nur, so zu leben, wie es die meisten anderen Menschen tun. Dazu kann man stehen, wie man will. Eine Gefahr für Spannthal sehe ich in ihnen nicht.“

Ich werde mir dieses seltsame Völkchen demnächst aus der Nähe ansehen“, sinnierte Orthold Lura. „Sobald ich ohne Stock gehen kann.“

Ich werde Sie begleiten“, sagte Theodard Gmeiner spontan.

Wozu?“

Der Kaplan zuckte mit den Achseln. „Nur so.“

Meinen Sie, ich begebe mich in Gefahr, wenn ich den Fichtinger-Hof betrete?“

Gmeiner lächelte. „Sagen wir, ich möchte die Gelegenheit nutzen, meine Neugier zu befriedigen.“

Der Priester winkte ab. „Vielleicht ein andermal. Bei meinem ersten Besuch möchte ich allein sein und mich mit dem Guru – wenn es möglich ist - unter vier Augen unterhalten.“

Wissen Sie schon, was Sie ihm sagen werden, Herr Pfarrer?“, erkundigte sich Melitta Sägebrecht.

Der Gottesmann schüttelte den Kopf. „Nein, das weiß ich nicht. Es wird sich ergeben. Auf jeden Fall werde ich Carl Rottenbach und seine Freunde einladen, an einem unserer nächsten Gottesdienste teilzunehmen und ihm sagen, dass sie uns jederzeit herzlich willkommen sind.“

*

Ihr Name war Marybelle. Sie war siebzehn und wäre blond gewesen, wenn ihr Kopf nicht kahl geschoren gewesen wäre. Trotz ihrer primitiven, unansehnlichen Kleidung hatte sie einen Liebreiz, dem sich Jonathan Herzog, der neunzehnjährige Sohn des Kaufhausbesitzers Rigobert Herzog, vom ersten Augenblick an nicht entziehen konnte. Die Liebe traf ihn wie der bekannte Blitz aus heiterem Himmel – und ihr ging es genauso. Obwohl sie wusste, dass das nicht hätte passieren, dass sie es nicht hätte zulassen dürfen.

Aber einer so gewaltigen Gefühlsmacht war sie wehrlos ausgeliefert, und das machte sie unsicher und – leider auch – unglücklich, denn immerhin war sie Carl Rottenbachs Tochter, und ihr Vater, der Guru, ging mit denen, die aus der Reihe tanzten, sehr streng um.

Jonathans Vater – vor zehn Jahren verwitwet - war nicht blind. Ihm fiel auf, dass sein Sohn immer ganz rote Wangen und heiße Ohren bekam, wenn dieses unbestritten wunderschöne, zarte, süße, anmutige, elfenhafte Mädchen ins Geschäft kam. Und ihm blieb auch nicht verborgen, dass Jonathan der Kleinen jedes Mal heimlich eine Tafel Milchschokolade zusteckte, die sie nicht zu bezahlen brauchte.

Ich hoffe, du weißt, was du tust, Junge“, sagte Rigobert Herzog, nachdem wieder einmal mehrere armselig gekleidete Kommunarden – unter ihnen auch Marybelle -, angeführt von Carl Rottenbach, den Laden verlassen hatten.

Jonathan spielte den Unwissenden. „Ich? Was tue ich denn, Vater?“

Rigobert Herzog zog die buschigen Augenbrauen sauertöpfisch zusammen. „Erstens hältst du mich offenbar für blind und senil, und zweitens machst du der Tochter des Ober-Kommunarden schöne Augen. Und sie dir. Das wird nicht gut gehen.“

Ich habe doch gar nicht...“

Rigobert Herzog schüttelte mürrisch den Kopf. Er wollte keine fadenscheinigen Ausflüchte hören. „Wenn du die Kleine weiterhin so eifrig mit Schokolade fütterst, wird sie bald kugelrund sein.“

Ich habe die Schokoloade jedes Mal bezahlt.“

Der Kaufhausbesitzer seufzte. „Darum geht es doch gar nicht, Jonathan. Die Liebe zu einem solchen Mädchen kann dich nur unglücklich machen. Diese sonderbaren Leute wollen keinen Kontakt mit uns. Sie möchten für sich allein sein, und das sollten wir akzeptieren. Der Vater des Mädchens wird nie erlauben, dass es sich mit dir trifft. Und selbst wenn du einmal mit ihr zusammenkommen könntest, könntet ihr euch nirgendwo blicken lassen. Du kannst mit ihr nicht ins Kino oder tanzen gehen, kannst sie in kein Restaurant führen...“

Muss ich ja nicht.“

Die Leute würden sich nach euch umdrehen, wenn ihr über den Dorfplatz geht.“

Die Leute sind mir egal“, sagte Jonathan trotzig.

Rigobert Herzog straffte seinen Rücken. „Wir sind Spannthaler, Jonathan“, sagte er fast feierlich. „Immer schon gewesen. Mein Vater war ein Spannthaler, mein Großvater, mein Urgroßvater, mein Ur-Urgroßvater - und so weiter und so fort... Unsere Wurzeln reichen ganz tief in den Spannthaler Boden hinab und das betrachte ich als eine ganz große Ehre. Und ich bin auch sehr stolz darauf. Unsere Vorfahren haben dieses Dorf zu dem gemacht, was es heute ist.“

Da haben sie sich aber nicht besonders angestrengt“, sagte Jonathan abschätzig.

Er ärgerte seinen Vater mit dieser unqualifizierten und ungerechtfertigten Äußerung so sehr, dass dieser Mühe hatte, sich zu beherrschen und in ruhigem, festem Ton zu erwidern: „Ich will nicht, dass du so über unsere Ahnen sprichst, Jonathan. Das ist Nestbeschmutzung. Spannthal ist ein gutes Dorf. Ein schönes Dorf. Ein Dorf mit Zukunft. Es steht finanziell auf gesunden Beinen, und die Nächtigungszahlen steigen von Jahr zu Jahr kontinuierlich an. Wir haben unseren Gästen viel zu bieten und sie wissen das auch sehr zu schätzen. Alle, die von überall her zu uns kommen, fühlen sich bei uns wohl. Sonst würden sie wohl kaum so oft und so gern wiederkommen. Also sprich nicht schlecht über das Dorf, in dem du zu Hause bist.“

Jonathan presste die Lippen zusammen, damit ihm keine weiteren Despektierlichkeiten entschlüpfen konnten. Er schätzte Spannthal nämlich weit weniger hoch ein als sein Vater. Deshalb hätte er sich auch sehr leicht vorstellen können, das Dorf zu verlassen und in Gmunden, Linz oder Zell am See zu leben.

Vielleicht... mit Marybelle? Aber war er mit dieser Hoffnung nicht noch viel zu früh dran? Er hatte ja noch nicht einmal die Möglichkeit gehabt, sich mit ihr allein und ungestört zu unterhalten.

Möglicherweise war sie gar nicht so, wie er sie – verklärt - einschätzte. Sein Vater meinte, es wäre durchaus denkbar, dass diese Kommunarden – und somit auch Marybelle - einen ziemlich lockeren Umgang mit allen möglichen Drogen pflegten. Unter Umständen gab es auf dem Fichtinger-Hof sogar eine geheime Hanfplantage. Die Amelia Steffel und Ricarda Bonnangel vermuteten das.

Die giftigen Schwestern!, dachte Jonathan Herzog wütend. Diese vermaledeiten Hexen. Wieso stopft man denen nicht endlich ihr verflixtes Schandmaul? Man hat zwar etwas gegen die neuen Leute vom Fichtinger-Hof, aber gegen die Steffel und die Bonnangel, die in Spannthal schon seit ewigen Zeiten mit dämonischem Eifer für böses Blut sorgen, hat man nichts. Wie ungerecht die primitiven, engstirnigen, intoleranten Dörfler doch sind. Langsam fange ich an, mich für sie zu schämen. Stolz soll ich darauf sein, ein Ur-Spannthaler zu sein? Wie kann ich das, wenn hier so schlecht über Menschen geredet wird, die bisher nachweislich noch nie jemandem geschadet haben? Obwohl noch kein bornierter Dorfbewohner sie näher kennt, werden sie von ihnen schon gewissenlos vorverurteilt. Darauf soll ich stolz sein, Vater? Tut mir leid, das kann ich nicht.

Bist du fertig?“, fragte Jonathan ernst.

Ich meine es doch nur gut mit dir, mein Junge“, sagte Rigobert Herzog ehrlich. „Ich bin dein Vater. Ich möchte dir eine herbe Enttäuschung ersparen.“

Jonathan nahm das schweigend zur Kenntnis. Er nickte nur.

*

Auch dem Guru entging nicht, dass das Herz seiner anmutigen Tochter für Jonathan Herzog entflammt war. Und auch er hieß das nicht gut.

Deshalb bat er sie zu sich. Sie ahnte, weshalb er sie sprechen wollte, schlich mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf in sein Wohn-Büro und blieb vor dem Schreibtisch stehen, an dem er saß. Er zeigte auf einen Stuhl und forderte sie auf, sich zu setzen. Sie nahm gehorsam Platz, ohne ihren Vater anzusehen.

Bist du glücklich, mein Kind?“, erkundigte sich Carl Rottenbach.

Ja, Vater.“

Fühlst du dich wohl auf diesem Hof?“

Ja, Vater.“

Hältst du es für eine gute Entscheidung, ihn gekauft zu haben?“

Ja, Vater.“

Kannst du auch noch etwas anderes sagen als immer nur 'Ja, Vater'?“

Entschuldige, Vater.“

Kann ich offen reden?“

Ja, Vater... Entschuldige, Vater...“

Du hast an Jonathan Herzog Gefallen gefunden. Habe ich recht?“

Marybelle antwortete nicht. Sie nagte nervös an ihrer Unterlippe. Ja, das habe ich, dachte sie. Doch aussprechen wollte sie es nicht.

Er ist ein netter junger Mann“, sagte der Guru. „Sieht gut aus. Macht einen sehr sympathischen Eindruck. Und selbst ein Blinder kann sehen, dass er dich mag. Aber...“ Er seufzte. „Er ist leider keiner von uns und deshalb muss ich dich bitten, dich in Zukunft tunlichst von ihm fernzuhalten und keine Geschenke mehr von ihm anzunehmen.“

Marybelle schwieg. Ein Kloß wuchs in ihrer Kehle. Sie fühlte ihre wunderbaren Gefühle ernsthaft bedroht.

Was sich zwischen euch anbahnt, hat keine Zukunft“, erklärte Carl Rottenbach mit finsterer Miene. „Jonathan Herzog ist ganz anders erzogen und aufgewachsen als du. Wenn unsere Gemeinschaft ihn akzeptieren sollte, müsste er so werden wie wir, und das würde ihm niemals gelingen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er deinetwegen alles ablegt, was sein Leben bislang geprägt hat. Ich glaube nicht, dass er bereit wäre, sich so zu kleiden wie wir, bis zu einem gewissen Grad in selbst gewählter Armut zu leben und sein Haar abzurasieren, denn er wäre dann nicht mehr er. Eine solche Selbstverleugnung würde seinem Eigenwert mit Sicherheit nicht guttun. Würdest du von ihm verlangen, dass er sich für dich so sehr verbiegt, dass er sich selbst nicht mehr erkennt, wenn er vor einem Spiegel steht? Könntest du so egoistisch sein?“

Marybelle blieb weiter stumm. In ihrem kahlen Kopf fuhren die Gedanken Karussell.

Ihr Vater sagte: „Auf einen einfachen Nenner gebracht, sieht das Ganze so aus: Er kann nicht werden wie du – und du kannst nicht werden wie er. Das ist das Dilemma.“

Marybelle sah das anders, doch sie äußerte sich nicht dazu. Die Liebe ist ein kleines, sensibles, schutzbedürftiges Pflänzchen, dachte sie. Warum sind so viele dagegen, dass es wächst, gedeiht und stark wird? Es geht hier nicht um eine Kommunardin und einen Dörfler, sondern um zwei Menschen, die sich zueinander hingezogen fühlen. Daran ist doch nichts Schlechtes. Mit ein bisschen mehr Toleranz auf beiden Seiten könnten zwei junge Leute vielleicht irgendwann miteinander sehr glücklich sein. Was wäre daran so verwerflich?

Da sie zu den Worten ihres Vaters noch immer nichts gesagt hatte, bemerkte er mit gebotener Strenge: „Ich denke, ich lasse dich besser zu Hause, wenn wir wieder zum Einkaufen ins Dorf fahren.“

Muss ich das als Strafe ansehen, Vater?“, fragte Marybelle, den Tränen nahe.

Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme“, erklärte der Guru. „Zu deinem und zu Jonathan Herzogs Schutz.“

Wir brauchen diesen Schutz nicht!, schrie es laut und renitent in Marybelle. Sie hatte sich noch nie gegen einen Beschluss ihres Vaters aufgelehnt. Diesmal tat sie es. Bisher war sie mit allem einverstanden gewesen, was er gesagt hatte. Sie hatte ihn für einen klugen Mann gehalten, der besser als alle andern wusste, was für die Kommune gut war. Doch heute traf er zum ersten Mal eine falsche Entscheidung, und das machte sie so wütend, dass sie ihm am liebsten ins Gesicht gebrüllt hätte, er solle sich in Zukunft um seinen eigenen Kram scheren und sie in Ruhe lassen. Aber ihre strenge Erziehung ließ das nicht zu.

Sie fragte nur heiser und mit Tränen in den Augen: „Darf ich gehen, Vater?“

Er nickte. Sie stand auf, verließ sein Wohn-Büro und hielt ihre Tränen nicht länger zurück, sobald sie draußen war. Das Leben war ja so grausam und ungerecht.

*

In der Woche, als Oskar Sawatzkis Entlassung bevorstand, hatte er ein ziemlich unerfreuliches und beinahe auch sehr schmerzhaftes Erlebnis auf dem Gefängnishof.

Er saß mit Holger Strecker auf einer primitiven Holzbank in der Sonne. Plötzlich fielen große, dunkle Schatten auf ihn und seinen Zellengenossen. Sie hoben gleichzeitig den Kopf und erblickten drei schwere Jungs, die sich bedrohlich vor ihnen aufgebaut hatten.

Ihre Spitznamen waren „X-Large“, „Eisenfresser“ und „Knochenbrecher“. Sawatzki wusste, dass mit ihnen nicht gut Kirschen essen war.

Sogar die Gefängnisaufseher ließen sie weitgehend in Ruhe, um sich mit ihnen keinen Ärger einzuhandeln. Sie konnten im Großen und Ganzen schalten und walten, wie sie wollten, waren die Kings im Knast.

Na, Freunde“, sprach Holger Strecker sie an. „Was geht ab?“

Verzieh dich!“, nuschelte X-Large in seinen Drei-Tage-Bart.

He, was habt ihr für ein Problem?“, wollte Strecker wissen.

Verschwinde!“, schnauzte ihn Eisenfresser an. Er hatte einige junge, rote Narben im Gesicht. „Wir haben mit Sawatzki zu reden!“

Etwas, das dich nichts angeht!“, knurrte Knochenbrecher mit gefletschtem schlechtem Zahnmaterial.

Also – Abmarsch!“, sagte X-Large.

Holger Strecker zögerte.

Oskar Sawatzki nickte ihm zu. „Geh!“, forderte er den Mithäftling auf. „Ich komm schon klar.“

Strecker stand auf und schlenderte davon. Sawatzki sah die drei Fleischberge an. „Was gibt’s?“

Ein fetter Aufseher stand in der Nähe. Mit dem breiten Rücken zu ihnen, weil er nichts mitbekommen wollte.

Du kommst in Kürze raus“, sagte X-Large. Sein Hals war so dick wie Sawatzkis Oberschenkel.

Sawatzki grinste breit. „Ich kann leider keinen von euch mitnehmen.“

Wer sagt, dass wir das wollen?“, grummelte Eisenfresser.

Uns gefällt es im Knast recht gut“, behauptete Knochenbrecher. „Wir haben hier drinnen alle Rechte, können weitgehend tun und lassen, was wir möchten, haben eine intakte Verbindung nach draußen, werden von Vater Staat gut behandelt, elegant eingekleidet und bestens verköstigt. Es mangelt uns an nichts. Während es draußen ziemlich stressig zugeht, gibt es hier drinnen keinerlei Hektik. Unser Tagesablauf ist so exzellent geregelt, dass wir uns in diesem Knast außerordentlich gut aufgehoben fühlen.“

Wie in Abrahams Schoß“, fügte X-Large hinzu.

Wenn ich rauskomme, drehe ich noch am selben Tag ein Ding, damit sie mich gleich wieder einbuchten“, feixte Eisenfresser.

Für dich sieht es natürlich anders aus“, sagte X-Large. „Du hast Familie. Wir haben keinen Anhang, der uns vermisst und sehnsüchtig auf unsere Heimkehr wartet.“

Oskar Sawatzki griente. „Ihr beneidet mich doch nicht etwa.“

X-Large zog die Mundwinkel nach unten. „War nur eine Feststellung. Nichts weiter.“

Wenn ihr abgesondert habt, was euch am Herzen liegt, dürft ihr gerne wieder gehen“, sagte Oskar Sawatzki. Das Trio sollte sehen, dass er sich nicht vor Angst in die Hosen machte.

Eisenfresser schnaufte aggressiv. „Bist du scharf drauf, dass wir dir ein paar Schneidezähne rausklopfen, Arschloch?“

Oskar Sawatzki blieb betont gelassen. „Ich will nur meine Ruhe haben.“

Knochenbrecher kniff die Augen feindselig zusammen. „Passt dir unsere Gesellschaft nicht?“

Sagen wir, ich bin davon nicht gerade entzückt“, erwiderte Sawatzki furchtlos.

Eisenfressers Hand schoss auf ihn zu. Er packte ihn und riss ihn hoch. Dem dicken Aufseher war egal, was hinter seinem Rücken geschah.

Er bekam es ja nicht mit. Eisenfresser wollte Sawatzki Respekt einbläuen, doch X-Large hinderte ihn daran. Was Knochenbrecher nicht verstehen konnte. Er hätte sich mit Vergnügen mit seinen kantigen Granitfäusten an der Prügelei beteiligt.

Lass ihn!“, verlangte X-Large von Eisenfresser.

Verdammt, er hat nicht in diesem Ton mit uns zu reden“, blaffte Eisenfresser aufgebracht.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909203
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364592
Schlagworte
muhland sawatzkis rache

Autor

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Titel: Muhland - Sawatzkis Rache