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Saltillo #4: Kanonen am Alamo Creek

2017 130 Seiten

Leseprobe

Kanonen am Alamo Creek


Ein Western von John F. Beck





IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de








Klappentext:

Saltillos Todfeind Ben Mortimer hat seine Rachegedanken immer noch nicht aufgegeben. In den ersten Wirren der immer weiter eskalierenden Auseinandersetzungen mit Mexiko bricht er mit einer Armee unter Führung des Generals Diego Carreras nach Texas auf. Sein Ziel: Saltillos Tod – dann soll ihm endlich die Hazienda gehören. Und jeder, der ihn an diesem Vorhaben hindern will, muss ebenfalls sterben.

Aber das Eindringen der mexikanischen Armee ist nicht unbemerkt geblieben. Eine Kompanie amerikanischer Soldaten ist ebenfalls auf den Weg zum Alamo Creek. Unweit von Saltillos Hazienda wird sich entscheiden, wer aus diesem Kampf als Sieger hervorgehen wird – Saltillo oder Mortimer! Texas oder Mexiko!


Ein weiterer spannender Roman um Saltillo, den Sohn der Alamo-Generation. Meisterhaft in Szene gesetzt von John F. Beck!






Roman:

Die Gitarrenklänge am Lagerfeuer der Vaqueros verstummten jäh. Ein Schrei zitterte über die dunkle Ebene am Rand der Turkey Hills. Es war die Stimme des Herdenwächters. Sie verriet Todesnot. Antonio, der junge Gitarrenspieier, und seine beiden Gefährten fuhren hoch. Genaro Ortiz erreichte noch die am Rand des Lichtkreises stehenden Pferde. Da tauchten lautlos Gestalten ringsum aus der Nacht. Das Knacken von Gewehrhähnen ließ die drei Vaqueros der Hazienda del Saltillo erstarren.

Geschmeidig näherten sich die Fremden. Messingknöpfe blitzten an den grünen Uniformjacken. Mexikanische Soldaten. Ein Dutzend Gewehre bedrohten die Überrumpelten. Die braunen Gesichter über den Stahlläufen wirkten verkniffen. Die Pferde mit den hochbordigen Vaquerosätteln schnaubten und stampften nervös. Krampfhaft hielt Antonio die Gitarre umklammert. Auf der anderen Seite des Feuers verharrte der drahtige Juan Garcia. Seine Hand lag am Paterson Colt. Jeder von Saltillos Reitern war mit dieser Waffe ausgerüstet, seit immer wieder Fremde In das weite, paradiesische Tal am Rio Bravo eingedrungen waren.

Doch nun hatte Garcia keine Chance mehr, die Waffe aus dem Leder zu bringen. Es sei denn, er war bereit, mit seinem Leben dafür zu bezahlen. Eins der aufgeregt prustenden Pferde schob sich halb vor Genaro Ortiz. Vorsichtig legte der untersetzte, wettergegerbte Mexikaner die rechte Hand auf das Sattelhorn.

»Versuch es ruhig, Hombre«, warnte ihn einer der Uniformierten. Sie standen nun im Lichtkreis des Feuers.

Noch immer hallte der Schrei in Antonios Ohren nach.

»Was wollt ihr?«, keuchte er. »Was habt ihr mit Enrique gemacht?«

Sie schwiegen. Jeder hielt den Finger am Abzug. Hufe stampften zwischen den Bäumen, unter denen die Vaqueros lagerten. Ein Reiter kam wie ein Schatten heran. Seine Stimme klirrte:

»Es ist Krieg, Chico. Wir sind hier, das Land für Mexiko zurückzuholen. Und jeder, der sich uns dabei in den Weg stellt, wird sterben wie euer Partner Enrique.«

Einer der Soldaten bückte sich und warf ein paar trockene Zweige ins Feuer. Die höher lodernden Flammen erfassten eine hagere Gestalt auf einem rassigen Rapphengst. Die Rangabzeichen eines Generals schmückten den scharlachroten Uniformrock. Dazu funkelten vergoldete Litzen und Epauletten. In einem weißen Lederbandelier steckte ein Säbel, und aus der kanariengelben Schärpe ragte ein Pistolenknauf. Ein Schweif aus weißem Pferdehaar wehte vom Tschako. Der Schirm dieser hohen Uniformmütze schimmerte gleichfalls golden. Außerdem trug der Reiter weiße Handschuhe und ein mit Gold umrahmtes Monokel an einem dünnen Goldkettchen.

Der Mann schien für einen Zirkusauftritt herausgeputzt, aber in dem Raubvogelgesicht glühten die Augen des Fanatikers. Später erfuhr Antonio, dass dieser Reiter General Diego Carreras war. Vor zehn Jahren hatte er sich als Capitan eines Infanterieregiments beim Sturm auf den Alamo einen gefürchteten Ruf erworben. Jetzt sah der junge Vaquero in ihm nur den Mann, der an diesem Abend des Frühsommers 1846 den Tod auf Saltillos Land, diese Insel in der Wildnis des menschenleeren West-Texas, getragen hatte.

»Zurückholen?«, stieß der Junge hervor. »Als dieses Land noch zu Mexiko gehörte, haben hier Büffel gegrast statt Rinder. Wo nun die Felder und das Dorf liegen, war Buschland und Sumpf. Zurück an Mexiko, Senor? Wozu? Wir sind doch Mexikaner, und wir leben hier gut, solange...«

»Sei still«, mahnte Garcia kehlig. Ein unheilvolles Feuer glomm in den Augen des Generals. Ehe er etwas erwidern konnte, schrillte ein Pfiff von der Ebene. Reiter preschten aus der Dunkelheit heran. Es waren drei. Zwei Mexikaner mit wehenden Ponchos, spitzkronigen Strohsombreros, jeder mit einem langläufigen Vorderlader quer vor sich auf dem Sattel. Der dritte Reiter besaß eine hohe, breitschultrige Gestalt und trug einen wallenden schwarzen Umhang. Er jagte um das Feuer und zügelte sein Pferd neben dem General. Lässig hielt er den fünfschüssigen Colt.

Antonios Augen weiteten sich entsetzt. Jetzt verstand er alles.

»Mortimer«, würgte er.

Ein triumphierendes Lächeln glitt über das kantige Gesicht des Schwarzgekleideten.

»Ich hab euch doch versprochen, dass ich eines Tages zurückkehre und reinen Tisch mache. Und diesmal werde ich mir alles holen: das Land, die Hazienda und den Skalp von deinem Boss, diesem verfluchten Bastard Saltillo. Es ist der Preis dafür, dass ich General Carreras auf Schleichpfaden über die Tierra Vieja Mountains unbemerkt hierher führte und damit Mexiko helfe, den Krieg für sich zu entscheiden.«

Seine eishellen Augen glitzerten. Dunkle Linien zeichneten sein Gesicht. Der unversöhnliche Hass glühte wie ein verzehrendes Fieber in Ben Mortimer, seit seine Versuche, Saltillos Land zu erobern, in blutigen Niederlagen gescheitert waren. Immerhin: diesmal hatte er einen mächtigen Verbündeten gefunden, Carreras, den Wolf von Chihuahua.

Schweiß glänzte auf Antonios jungem Gesicht. Mortimers mitleidlose Augen bannten ihn wie der Blick einer Klapperschlange. Er las sein Todesurteil darin. Mortimer hatte nichts vergessen.

»Flieh, Genaro!«, schrillte der Junge abrupt. »Du musst Saltillo warnen.«

»Lass es, Genaro, du kannst es nicht schaffen.«

Juan Garcia hielt plötzlich ebenfalls einen Colt in der Hand. Niemand hatte ihn gehindert, die Waffe zu ziehen. »Komm her, Genaro, gib auf. Zwing mich nicht, abzudrücken.«

Ortiz stand wie versteinert. Ungläubig starrten er und Antonio den Gefährten Garcia an, der vor einem halben Jahr abgemagert, halbtot, ohne Pferd und Waffen aus der Wildnis gestolpert war, später mit ihnen Rinder getrieben, die Grenzen der Hazienda bewacht und Seite an Seite mit ihnen gegen die Comanchen gekämpft hatte. Antonios Lippen bewegten sich.

»Juan...«

»Teniente Juan Garcia, Offizier der mexikanischen Kavallerie!« Die Stimme des Generals traf die Vaqueros wie ein Peitschenhieb. »Sein Auftrag war, dieses Unternehmen vorzubereiten, nachdem nach der Annexion von Texas feststand, dass der Krieg unvermeidlich würde. Die Hazienda wird unser westlichstes Bollwerk gegen die verfluchten Yankeetruppen bilden. Von hier aus werden wir sie über den Nueces zurücktreiben. Und das wird erst der Anfang sein. Das ganze Land bis hinüber zum Sabine wird wieder Mexiko angegliedert. Wir werden alles zertreten, was sich uns dabei in den Weg stellt. Auch Ratten, die sich Mexikaner nennen, obwohl sie ihre Seelen einem verdammten Tejano verkauft haben.«

Antonio verharrte wie betäubt. Seine Gedanken wirbelten, konnten aber immer wieder nur das eine fassen: Mortimer war zurückgekommen und das bedeutete Saltillos Tod. Carreras Stimme drang wie von weit her in sein Bewusstsein.

»Mit Teniente Garcias Hilfe wird es keine Schwierigkeiten bei der Einnahme der Hazienda geben...«

Antonios Gitarre gab ein Wimmern von sich, als er das Instrument fallen ließ. Mit einem verzweifelten Satz schnellte er über das Feuer und stürzte sich auf Garcia.

»Flieh, Genaro!«, schrie er.

Blitzschnell machte Mortimers Colt die Bewegung mit. Doch der verkappte Lieutenant der mexikanischen Kavallerie war noch schneller. Sein hochzuckender Revolverlauf schleuderte den jungen Vaquero neben das Feuer. Vielleicht rettete er damit Antonios Leben.

Gleichzeitig sprang jedoch Genaro Ortiz in den Sattel. Die Soldaten waren sekundenlang abgelenkt. Außerdem mussten sie aufpassen, dass sie sich mit ihren Gewehren nicht gegenseitig gefährdeten.

Ortiz schrie gellend. Die beiden anderen Pferde bäumten sich wiehernd auf. Das verschaffte Ortiz wichtige Sekunden. Er riss den Braunen herum, zog ihm die großen Radsporen über die Flanken und duckte sich noch zwei Yard, dann würde ihn kein Flammenschein mehr erreichen.

Da fuhr ein Pulverblitz aus General Carreras Reiterpistole. Ein dumpfer Knall vermischte sich mit Ortiz’ erneutem Schrei. Er stürzte rücklings aus dem Sattel. Das Pferd stob mit schlingernden Bügeln in die Dunkelheit.

»Genaro!«

Keuchend wälzte sich Antonio herum, kam taumelnd hoch und wollte zu dem Gefährten. Da waren sie schon zu viert über ihm. Sie entrissen ihm Colt und Messer und hielten den wild um sich Schlagenden fest.

Gleichmütig reichte Carreras einem Soldaten die Pistole zum Nachladen. Er nahm das Monokel ab, das er zum Schießen blitzschnell ins rechte Auge geklemmt hatte.

»Fesselt ihn!«, schnarrte er.

Antonio drehte den Kopf, bis er Garcia im Blickfeld hatte. Das schwarze Haar hing ihm über die Augen.

»Verräter, verfluchter Spion! Genaro hat dich für seinen Freund gehalten. Ich werde nicht ruhen, bis du daliegst wie er.«

Es war ein halbes Schluchzen. Doch das Gesicht des schlanken Mexikaners zeigte keine Regung. Seine Stimme klang hart.

»Es ist Krieg, und ich erfülle nur meine Pflicht. General, wenn Sie wollen, bringe ich Sie noch heute Abend zur Hazienda. Wir werden nicht auf Widerstand stoßen. Niemand hier rechnet mit mexikanischen Verbänden so weit westlich von Matamoros und Fort Brown. Ehe die Sonne aufgeht, General, ist dieses Land in Ihrer Hand.«

»Muy bien, Teniente. Sobald wir die Blauröcke geschlagen haben, ist Ihnen die Beförderung gewiss.«

Mortimer trieb sein Pferd zum Feuer. Er achtete nicht auf Antonio, der seinen Gegnern noch immer verzweifelt, aber vergeblich Widerstand leistete. Waren es die Flammen, die das Glitzern in Mortimers Augen verstärkten - oder der Hass?

»Wo hält Saltillo sich auf?«

Garcia zögerte einen Moment.

»Im Dorf«, erwiderte er dann achselzuckend. »Sie feiern irgendeine Fiesta. Sein Freund, der Kentuckier, den alle Tortilla-Buck nennen, ist bei ihm.«


*


Laternen erhellten die malerische Plaza von Nuevo Saltillo. An den Asten der mächtigen Dorfeiche schimmerten bunte Lampions. Zwei Geigen wimmerten, eine Trompete schmetterte dazu. Den Musikanten auf dem aus Kisten und Brettern gezimmerten Podest lief der Schweiß in Strömen über die braunen Gesichter.

Doch Buck Mercer, genannt Tortilla-Buck, war in seinem Element. Der bullige Draufgänger mit dem blonden Zottelhaar hatte sich links und rechts bei jungen, glutäugigen Dorfschönen eingehakt.

Saltillo, der die Tanzenden beobachtete, mochte nicht entscheiden, wer nun eigentlich wen herumschwenkte - Buck die Muchachas oder diese ihn. Die Röcke der Mädchen bauschten sich. Ihre schwarzen Haare flogen. Buck lachte mit blitzenden Zähnen. Seine Stiefel stampften einen immer schnelleren Rhythmus. Ringsum hatten die Dorfbewohner einen Kreis gebildet. Männer und Frauen klatschten den Takt mit.

»Aiii! Aiii!«

Layla Sheen, die üppige Kreolin, die die Bodega in Nuevo führte, drängte die Schenkel gegen den großen, ledergekleideten Mann.

»Ich glaube kaum, dass wir vermisst werden, wenn ich dir zwischendurch einen Drink herrichte, Sean.«

Sie lächelte. Ein violetter Schimmer war in ihren Augen. Saltillo legte seinen Arm fester um ihre ausladenden Hüften.

Im selben Augenblick entdeckte er den Schatten an einer Ecke jenseits des Dorfplatzes. Metall reflektierte für den Bruchteil einer Sekunde das Latemenlicht

Saltillos Hand zuckte von Laylas Leib zum Paterson Colt.

»Ruhig«, raunte er, als sich ihre Haltung sofort anspannte. Er wusste längst, dass Layla einen ausgeprägten Instinkt für jegliche Gefahr besaß. »Ich bin mir meiner Sache nicht sicher«, murmelte er. „Ich weiß nur, dass wir ungebetenen Besuch haben.«

Sie verharrten im Schatten vor der Bodega. Saltillos Blick schweifte die von Laternen und Lampions angeleuchteten Adobelehmgebäude entlang. Bei Ramirez’ Hütte bewegte sich ebenfalls etwas. Diesmal erkannte Saltillo ganz deutlich den Gewehrlauf, der für einen Moment das Licht einfing. Sein scharfliniges Gesicht, das deutlich das Comanchenblut in seinen Adern verriet, spannte sich.

»Es. sind mehrere«, flüsterte er. »Buck und ich werden sie ablenken. Schaff die Pferde her, Querida - auch eins für dich.«

Ihre Blicke trafen sich. Es war keine Zeit für lange Erklärungen. Rasch legte sie einen Arm um seinen Nacken und küsste ihn. Dann huschte sie davon.

Saltillo wusste, was er wagte, als er mit einem Ruf seinen Standort verriet.

»Mach mal Pause, Buck. Die Muchachas kriegen ja kaum mehr Luft. Wie wär’s, Amigo, wenn du dich mal beim Lichterputzen versuchst?«

Das Gefidel setzte aus. Die abgekämpften Musikanten waren Saltillo dankbar für die Unterbrechung. Schwer atmend schaute sich der bullige Kentuckier nach seinem Freund um. Besorgt stellte dieser fest, dass Buck keineswegs mehr ganz sicher auf den Beinen war. Das hinderte ihn jedoch nicht, sich mit der Grazie eines Grizzlys vor seinen kichernden Tänzerinnen zu verbeugen.

»Ihr wart großartig, meine Süßen! Doch wenn dieser grauäugige Indianer da drüben glaubt, er kann mich reinlegen und ich schaff heut keinen sicheren Schuss mehr, hat er sich hübsch verrechnet. He, Amigos, aufgepasst, ich werd euch zeigen, wie bei uns daheim in Kentucky die Kerzen gelöscht werden. Stellt eine drüben beim Glockenturm auf. Und dann löscht die Lampen, Muchachos! Nur zu, eure Queridas mögen die Dunkelheit.«

Lärm brandete ringsum. Die Stimmung war ausgelassen. Buck schnappte sich seine »Betsy«, die langläufige Harpers Ferry-Rifle. Sie gehörte zu ihm wie sein immenser Appetit, der ihm zu seinem Kriegsnamen verholfen hatte.

Inzwischen waren die Mexikaner bereits in emsiger Bewegung. Sie kannten die Vorstellung, und alle waren gespannt, ob sie Buck auch diesmal wieder gelingen würde. »Lichterputzen« nannten die Grenzer am Ohio dieses Schießkunststück, bei dem es darum ging, den Docht einer brennenden Kerze nicht etwa zu köpfen, dass die Flamme erlosch. Vielmehr sollte er eben nur gestreift, geputzt werden, damit das Licht dann heller aufstrahlte. Das hatte dem Kentuckier bis jetzt noch keiner nachgemacht, auch Saltillo nicht.

Während ringsum eine Laterne nach der anderen erlosch - und nur darum war es Saltillo gegangen - stärkte Buck sich mit einem ausgiebigen Schluck.

»Ihr könnt schon mal die Wetten abschließen, Amigos. Und damit ihr einen zusätzlichen Spaß habt, stell ich eine Bedingung: Ich schieße nur, wenn Saltillo es auch versucht.«

Beifallslärm erscholl. Niemand wartete erst lange auf Saltillos Zustimmung. Schon fixierte Buck die Talgkerze, die nun auf einem schnell herbei geschafften Hackklotz neben dem Campanario, dem Glockenturm, flackerte.

Bevor Saltillo seinen Freund warnen konnte, legte Buck schon die Rifle an. Der Lauf der Waffe wackelte zuerst bedenklich, dann verharrte Buck wie eine Statue. Die Waffe wirkte wie ein Teil von ihm.

Saltillo stand schräg hinter ihm, die Zähne zusammengebissen, nicht auf die Kerze, sondern auf die Umgebung konzentriert.

Wer immer dort herumschlich, hatte es bestimmt nicht auf die Dorfbewohner abgesehen. Jetzt blieb ihm keine Wahl, als Buck weitermachen zu lassen, bis Layla mit den Pferden kam.

Der Gedanke versetzte ihm einen Stich. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, sie allein zum Korral zu schicken. Er dachte an die Kopfgeldjäger, die hinter ihr hergewesen waren. Ein reicher Händler in Santa Fé, der die Kreolin für die Mörderin seines Sohnes hielt, hatte fünftausend Dollar auf ihren Kopf ausgesetzt. Sein Name war William B. Scranton.

Ringsum war nun jede Bewegung erstarrt. Alle Blicke hingen an Tortilla-Buck. Stille herrschte, und deshalb vernahmen Saltillo und Buck das leise metallische Geräusch. Ein Gewehrhahn wurde gespannt. Der Kentuckier zuckte leicht zusammen. Die Rifle wackelte erneut. Aber die Zuschauer schrieben es dem vielen Wein zu, den Buck an diesem Abend in sich hineingeschüttet hatte.

»Mach weiter«, raunte Saltillo. »Layla wird gleich mit den Pferden kommen.«

Nur die Kerze brannte. Die Sterne verbreiteten kaum mehr als eine Ahnung von Helligkeit. Vielleicht warteten die Fremden, die irgendwo zwischen den Hütten lauerten, bis die Laternen wieder angezündet wurden.

Kaltblütig visierte Buck den Lichtpunkt neben dem Campanario an. Dann krachte die Harpers Ferry wie eine mittelschwere Haubitze. Fast im selben Augenblick strahlte die Kerze so hell auf, als hätte jemand Öl auf den Docht geträufelt.

Ein bewunderndes »Aah!« wehte über die Plaza.

Grinsend wandte sich Buck dem Partner zu.

»Wenn du’s nachmachst, Amigo, spendier ich dir ’ne Flasche Tequila.« Leise fügte er hinzu: »Vorausgesetzt, dass wir unsere Skalpe behalten. Wo, zum Teufel, stecken die Burschen eigentlich?«

»Pass auf«, murmelte Saltillo. Er stellte sich neben ihn und richtete seinen Paterson auf die nun wieder gleichmäßig brennende Kerze. Er ließ sich Zeit.

Wo blieb Layla mit den Pferden? Kein Wiehern, kein Hufgestampfe erklang beim Korral. Schweiß trat Saltillo auf die Stirn. Eilig lud Buck neben ihm die Rifle nach.

»Warte nicht zu lang, sonst riechen die den Braten«, flüsterte er.

Saltillos Colt donnerte. Doch die Kerzenflamme zeigte keine Veränderung. Da erst sahen sie, dass Saltillos Waffe auf die Schallöffnung des Glockenturms wies. Ein halb erstickter Aufschrei kam von dort. Das Gewehr, das auf den Haziendero gerichtet war, klapperte herab. Ein spitzkroniger Strohsombrero segelte hinterher. Alle starrten gebannt auf den Mann, dessen Oberkörper nun aus der Mauerluke hing.

»Deckung, Amigos!«, schrie Saltillo. Während die Dörfler erschrocken zurückfuhren, federte er mit schussbereitem Colt in die Knie.

Buck schwang entschlossen seine »Betsy« hoch. Das Aufblitzen der nächsten Schüsse würde ihr Ziel sein. Statt dessen peitschte eine wilde Stimme aus der Schwärze zwischen den Hütten.

»Keine Bewegung, Ihr seid umstellt! Ich spreche im Namen der mexikanischen Armee! Saltillo, Mercer, werft die Schießeisen weg, sonst pumpen wir euch voll Blei!«

Diese Stimme hätten sie überall sofort wiedererkannt. Es war die Stimme des Mannes, der ihnen Tod und Vernichtung geschworen hatte.

»Mortimer«, krächzte Buck, den sonst nicht so leicht etwas erschüttern konnte. Jetzt wich alle Farbe aus seinem Gesicht.

Gewehrläufe schoben sich hinter den Mauerecken hervor. Der matte Glanz der Sterne fiel auf Uniformknöpfe, Koppelschnallen, Schulterklappen.

Da prasselte Hufschlag vom Korral herüber. Schreiend stob die Menge auseinander.

»Saltillo!«, gellte Laylas Ruf.

Ein Schuss krachte, und wie als Echo darauf gab es hinter den Hütten, dort, wo das große Dornbusch und Kakteendickicht begann, einen ohrenbetäubenden Donnerschlag. Eine Kaskade aus roten, gelben und grünen Blitzen schoss steil gen Himmel. Ihr gespenstisches Licht verwandelte das Durcheinander auf der Plaza in einen unwirklichen Albtraum. Wieder krachte und schmetterte es. Qualm schleierte über die Ziegeldächer.

Saltillo und Buck hatten sich geistesgegenwärtig niedergeworfen. Die Feuerwerkskörper für den Abschluss der Fiesta, durchzuckte es den Haziendero. Das musste Laylas Werk sein. Deshalb hatte sie so lange gebraucht.

Wieder rasten Bündel farbiger Blitze hoch über die Dächer.

Mortimer schrie Befehle, doch in dem Lärm verstand niemand ein Wort. Die Kerle, die er dabei hatte, waren erschrocken in Deckung gegangen. Ihre Gewehre krachten zwar, aber kein Geschoss richtete Schaden an.

Schon waren Saltillo und Buck wieder auf den Füßen.

Die Pferde!

Im Vorbeijagen warf Layla ihnen die Zügel zu. Sie schnappten jeder nach dem Sattelhorn. Der Schwung der galoppierenden Tiere riss sie in die Höhe. Saltillo stieß einen durchdringenden Schrei aus. Es war der Kriegsruf der Penateka-Comanchen, unter denen er viele Jahre gelebt hatte. Dieser wilde Ruf ließ alle hassgesättigten Erinnerungen in Ben Mortimer aufbrechen.

»Zu den Pferden, ihr Schwachköpfe!«, tobte er, halb verzweifelt, weil so dicht vor dem Ziel erneut alles scheitern sollte. »Lasst sie nicht entkommen!«

Die letzten kastenförmigen Häuser huschten bereits an den Flüchtenden vorbei. Saltillo übernahm die Spitze.

Mexikanische Soldaten waren auf seinem Land, Mortimer ihr Verbündeter. Dafür gab’s nur eine Erklärung: Krieg!


*


Die Männer waren wie wilde Tiere im Keller der Hazienda eingesperrt, Vaqueros und Peones, zusammengepfercht in dem fensterlosen stockfinsteren Gewölbe.

Carreras Soldaten hatten sie leicht überrumpelt. Ahnungslos hatten die Wächter auf Juan Garcias Ruf das Tor in der zehn Fuß hohen Mauer geöffnet und waren von den Hereinstürmenden in Sekundenschnelle überwältigt worden.

Den Männern im Mannschaftshaus und Ruidosa, dem grauhaarigen, lederhäutigen Mayordomo, war es nicht besser ergangen.

Nur Pedro, der Hüne, den alle »El Toro« nannten, hatte sich den Gegnern wütend entgegengestürzt. Doch der Hieb mit dem Lauf eines Baker-Gewehrs hatte auch ihn geschafft.

Zum dritten Mal in dieser Nacht schreckte das Knirschen des Riegels die Männer aus ihrem dumpfen Brüten. Die eisenbeschlagene Bohlentür schwang auf. Mehrere Laternen warfen ihr Licht herein. Stiefel polterten auf der Steintreppe.

»Rein mit euch!«, schimpfte eine raue Stimme. »Teniente, ich denke, nun haben wir alle beisammen.«

Vier Gefesselte wurden mit Kolbenstoßen und Fußtritten in das Verlies befördert. Es waren Vaqueros, die in den Hügeln Saltillos Rinder bewacht hatten. Carreras Reiter hatten sie mit Garcias Hilfe aufgespürt. Er hatte die Vaqueros, die ihm vertrauten, abgelenkt.

Garcia stand nun hinter den schwer bewaffneten Soldados auf der Kellertreppe. Er trug die maßgeschneiderte Uniform eines mexikanischen Leutnants, mit blank geputzten Stiefeln, einem Säbel an der Seite und einem mit Kordeln und einem gestutzten Pferdeschweif geschmückten Tschako.

Drohendes Geraune klang auf. Die Gesichter der Gefangenen spannten sich. In ihren Augen glomm Wut. Für sie gab es kein schlimmeres Vergehen als Verrat. Das Glühen blieb auch in ihren Augen, als sich ein halbes Dutzend Gewehrläufe auf sie richtete.

Antonio, der Junge mit der Gitarre, schob sich wie in Trance an den anderen vorbei nach vorn. Sein Blick war starr. Schweiß glänzte auf seinem verkniffenen Gesicht.

Ruidosa folgte ihm hastig und hielt ihn fest. Denn nun kam General Carreras die Stufen herab. Neben Garcia blieb er stehen. Das Monokel pendelte an der dünnen Goldkette vor seiner Brust. Eine Weile musterte er die Gefangenen mit stechendem Blick wie ein Raubvogel die Beute. Dann spuckte er angewidert aus.

Mexikaner, wie? Nein, zum Teufel, kein gelb gestreifter Kojote, der sich unter der Peitsche eines verfluchten Tejanos duckt, hat das Recht, sich so zu nennen. Der armseligste Stiefelputzer in Chihuahua würde vor einem Kerl ausspucken, der sich für ein paar lumpige Gringo-Dollars einem Feind unseres Landes verkauft. Doch ich will euch eine letzte Gelegenheit geben, zu beweisen, dass ihr Männer seid Mexikaner! Ihr wisst, dass dieses Land bis hinüber zum Rio Sabine noch vor zehn Jahren zu Mexiko gehört hat. Es ist unser Land! Und es wird uns wieder gehören, wenn wir auch den letzten verdammten Gringo verjagt haben. Es ist die heilige Pflicht jedes einzelnen von euch, dafür zu kämpfen. Ich schenke jedem das Leben und die Freiheit, der sich bereit findet, in meiner Truppe gegen die Blauröcke zu reiten. Meine Kundschafter haben mir eine Abteilung gemeldet, die bereits auf dem Weg hierher ist. Ihr könnt mithelfen, sie hier in die Falle zu locken und zu zermalmen.«

Seine Augen funkelten, als er auf Zustimmung wartete. Doch nur Schweigen antwortete. Ruidosas Faust umschloss noch immer Antonios Arm. Der Junge atmete gepresst. Sein Blick war an Garcia festgebrannt. Er sah nur ihn, schien Carreras überhaupt nicht gehört zu haben. Die hagere Gestalt des Generals reckte sich drohend.

»Ich glaube, Muchachos, ihr habt mich nicht richtig verstanden.« Der Ton war schneidend. »Ich stehe hier nicht als Bittsteller. Ich lasse jeden erschießen, der sich weigert, seine Pflicht zu tun!«

Ruidosa trat vor. Furchtlos stellte er sich vor die Gewehrmündungen.

»Es gibt nur einen Mann, dem wir verpflichtet sind. Er heißt Saltillo. Er ist nicht unser Unterdrücker, sondern unser Freund. Dieses Land, General, ist unsere Heimat. Keiner von uns fragt danach, ob hier Texas oder Mexiko regiert. Hier zählt nur, dass es Saltillo gehört. Niemand hat das Recht, es ihm wegzunehmen. Und wir alle wollen mit diesem Krieg, wer immer ihn begonnen hat, nichts zu tun haben. Weder auf der einen, noch auf der anderen Seite ...«

Carreras gezischter Befehl genügte. Einer der Soldaten sprang vor und schlug den Mayordomo mit dem Gewehrkolben nieder. Ein heiserer, mehrstimmiger Aufschrei füllte das Kellergewölbe. Sofort richteten sich noch mehr Gewehre auf Saltillos Männer. Sie duckten sich, ballten die Fäuste.

Hasch kniete Antonio bei dem Bewusstlosen nieder. Blut sickerte aus der Platzwunde an Ruidosas Schläfe. Langsam hob der Junge den Kopf. Alle waren überrascht, wie hart und entschlossen seine Stimme klang.

»Ruidosa hat ausgesprochen, was wir alle denken, General. Sie werden hier keinen Verräter finden - außer Garcia.« Er drehte den Kopf zur Seite und spuckte, genau wie Carreras zuvor, angewidert aus.

Der General klemmte sein Monokel ins rechte Auge. Alle, die ihn kannten, wussten, dass er entweder gleich zur Waffe greifen oder den Befehl zum Schießen geben würde. Es war eine Reaktion, die Diego Carreras selbst schon gar nicht mehr bewusst wurde. Unheilvolles Schweigen füllte den Raum, während der junge Vaquero sich erhob. Carreras knochige Rechte umschloss den Knauf der Pistole, die in seiner gelben Schärpe steckte.

»Überlassen Sie ihn mir, General. Er ist jung. Hitzköpfe wie er werden die besten Soldaten.« Garcia lachte spöttisch. Doch erst als ein mexikanischer Grenadier die Treppe herab hastete, nahm Carreras zögernd die Hand von der Waffe.

»Was gibt’s, Caporal?«

Der Mann salutierte.

»Capitan Morenos Späher melden Reiter, General. Zwei Männer und eine Frau. Sie kommen aus der Richtung vom Fluss, wo das Dorf liegt. Der Capitan meint, die Falle des Gringos ist nicht zugeschnappt.«

»Saltillo«, flüsterte jemand im Verlies. Zwei Vaqueros zogen Antonio rasch zurück Doch Carreras hatte den Jungen bereits vergessen.

Er straffte sich.

»Umso besser. Dann werden auch diese Dummköpfe endlich begreifen, dass sie einem Burschen die Treue halten, der schon so gut wie tot ist.« Er lachte hart. »Ich weiß, wie sie ihn nennen - den Tiger vom Rio Bravo. Doch der Wolf von Chihuahua wird ihm die Kehle durchbeißen.«


*


Saltillo presste noch immer das Ohr gegen die Erde. Buck begann ungeduldig im Sattel hin und her zu rutschen. Das Gras war taunass. Nebelschwaden lagerten zwischen den Hügeln. Die zweihundertfünfzig Yard entfernten Mauern der Hazienda ragten als helle Schemen auf. Ein blasser Streifen über den langgestreckten Kämmen der Cuesta del Burro Range kündete vom nahenden Tag. Kein Laut durchbrach die Stille. Kein Tier war mehr auf der Jagd. Es war jene Spanne zwischen Nacht und Morgen, in der alles Leben erloschen schien.

Tortilla-Buck grinste schief, als Saltillo sich plötzlich erhob und mit einem Satz im Sattel landete.

»Ich hab schon gedacht, dich hat ein Hexenschuss erwischt, Amigo, weil du nicht mehr hochkommst. Ist doch klar, dass wir sie abgehängt haben.«

»Das ist es ja, was mir nicht gefällt«, murmelte Saltillo mit einem Seitenblick auf Layla. »Mortimer kennt die Lage der Hazienda. Er hat sich keine Sekunde auf unserer Spur aufhalten müssen, trotzdem...«

Er schüttelte den Kopf. Sein Blick glitt zu den Gebäuden hinüber, die im Nebel und der schwindenden Nacht mehr zu ahnen als zu erkennen waren. »Besser, ich reite voraus. Gib mir Feuerschutz, wenn irgendwas nicht stimmt, Buck. Layla, bleib bei ihm.«

»Misstrauisch wie ein Comanche«, grinste Buck, zog aber die Harpers Ferry-Rifle, deren Kolben mit Messingplättchen beschlagen war, aus dem Scabbard.

»Vergiss nicht, dass ich ein halber Comanche bin«, grinste Saltillo zurück und trieb sein Pferd an ihnen vorbei. Gleich darauf war er im offenen Gelände, das sich bis hinüber zur Buschmauer am Alamo Creek erstreckte. Als er zurück schaute, sah er Buck und die Frau nur mehr als Schatten. Wenig später hatte der Nebel sie verschluckt.

Langsam ritt Saltillo auf das breite Tor zu. Der Grasboden dämpfte den Hufschlag.

Schon hörte er die Tritte des Wachtpostens auf dem Plankensteg, ein vertrautes Geräusch. Seltsam war nur, dass es ihn diesmal nicht beruhigte. Seine Hand lag am Walnussholzgriff des Paterson. Er näherte sich der Hazienda wie einer feindlichen Festung. Er hatte etwa zwei Drittel der Strecke zurückgelegt, als das Pochen der Stiefel hinter der Mauer aussetzte.

Sofort zügelte Saltillo sein Pferd. Jede Faser in ihm war gespannt. Der Nebel über dem Grasland begann nun allmählich zu zerfließen. Der helle Streifen über den Bergen im Osten färbte sich golden.

Das Schnappen eines Gewehrhahns erreichte Saltillos Ohr. Dann folgte der Ruf: »Wer da?«

Ein tiefer Atemzug hob die Brust des Reiters. Seine Hand glitt von der Waffe. Zur Hölle, was war nur los mit ihm? Hatten Mortimers unverhoffte Rückkehr und die geplatzte Fiesta in Nuevo ihn so sehr aus dem Gleichgewicht gebracht, dass er schon Gespenster sah?

»Antwort - oder ich schieße!«

»Ich bin’s, Juan Saltillo. Layla und Buck sind bei mir. Mach das Tor auf, Amigo.« Er hatte Garcias Stimme beim zweiten Mal deutlich erkannt. Während jenseits der Mauer die Leiter knarrte, die zum Hof hinabführte, drehte er sich halb im Sattel.

»Layla, Buck, es ist alles in Ordnung. Kommt!«

Er wartete, bis er sie in dem vom ersten Tagesschimmer durchdrungenen Nebel hinter sich auftauchen sah. Dann trieb er seinen Braunen weiter. Vielleicht war dieses Zögern der Umstand, dem er sein Leben verdankte.

Das Tor war noch geschlossen, das Pferd hatte sich eben in Bewegung gesetzt, da gellte drüben ein verzweifeltes »Zurück!«

Und vom selben Augenblick an war in der Hazienda die Hölle los.

Ein Wutschrei folgte, ein Schuss, dann krachte eine Salve. Es klang, als würde ein Pulverfass in die Luft gejagt. Stiefel trampelten. Eine durchdringende, fremde Stimme schrie Befehle.

Saltillo kam gerade noch dazu, den Colt zu ziehen und den Braunen herumzuwerfen. Inzwischen war es so hell, dass er die drohenden Gewehrläufe erkannte, die sich über die Mauerkrone links und rechts vom Tor schoben.

»Amigo!«, brüllte Tortilla-Buck erregt, während in Saltillos Kopf nichts als eisiges Entsetzen war.

Da blitzte und krachte es schon. Braune Gesichter unter hohen Mützenschirmen wurden von den Mündungsflammen erhellt.

Saltillo duckte sich, stieß dem Pferd die Fersen gegen die Flanken. Krachend bäumte sich der Paterson in seiner Faust. Da brach das Tier schon unter ihm zusammen.

Alles spielte sich so rasend schnell ab, dass Saltillo nur instinktiv reagieren konnte. Er riss die Füße aus den Bügeln, krümmte sich zusammen und zog den Kopf ein - da spürte er bereits den harten Aufprall.

Geschmeidig rollte er sich von den gefährlich zuckenden Hufen weg. Krampfhaft hielt er dabei die Waffe fest. Wie Donnergrollen rollte gleichzeitig die Detonation von gut zwanzig Gewehrschüssen über das Grasland. Durch den Nachhall schnitt wieder die gellende Kommandostimme.

Doch in Saltillos Ohren war noch jener verzweifelte Schrei, der ihn im letzten Augenblick gewarnt hatte. Dann mischte sich das Dröhnen von Bucks »Betsy« in den Lärm.

Der Haziendero schnellte auf die Beine. Ein Schatten jagte aus Nebel und Dämmerung auf ihn zu.

Ein Pferd, eine geduckte Gestalt darauf Layla. Die ehemalige Spielhöllenbesitzerin aus New Orleans ritt wie eine Comanchensquaw. Ihr langes, blauschwarzes Haar flatterte. Die hell leuchtende Bluse zog die Blicke der Schützen hinter der Haziendamauer auf sich. Doch schon waren die trommelnden Hufe neben Saltillo. Layla preschte so knapp vorbei, dass das Pferd ihn fast umriss.

»Komm hoch, Sean!«

Saltillo stieß sich ab. Er landete nach einem waghalsigen Sprung hinter ihr auf dem Pferd. Da stürmte der Falbe bereits auf die rettenden Hügel zu.

Kugeln jaulten ihnen nach. Bucks Rifle antwortete. Als Saltillo sich halb umwandte, war die Entfernung für den Fünfschüsser bereits zu groß.

Im selben Moment vergaß Saltillo jedoch, dass er ebenfalls hatte feuern wollen. Denn hinter den Kämmen der Cuesta del Burro Range flammte es plötzlich auf, als würde eine riesige Lampe angezündet. Ein goldenes Lichtbündel traf die Mauerkrone. Dort, zwanzig Schritte rechts vom Tor, hatte sich eine schmächtige Gestalt hinaufgeschwungen - ein deutliches Ziel für alle Gewehre in der Hazienda.

Es war Paco, der kleine, pfiffige Koch.

Nun wusste Saltillo, wer ihn gewarnt hatte.


*


Paco war die zweifelhafte Ehre zuteil geworden, sich um das Frühstück für den General und die Verpflegung für zwei Schwadronen Kavallerie und eine Infanterie-Kompanie zu kümmern. Keiner von Carreras Soldaten sah in dem kleinen Koch, der wie ein aufgeschreckter, mit einer Schürze bewehrter Mäuserich im Anbau herumwirtschaftete, auch nur die geringste Gefahr.

Ein stämmiger Grenadier bewachte ihn. Der Bursche nervte Paco von Anfang an. Einmal erinnerte er ihn ständig an einen in die Uniform gezwängten Gorilla. Dazu hatte er entweder dauernd seine schmutzigen Finger in der Zuckerdose oder er fuchtelte Paco mit einem Monstrum von Pistole vor der spitzen Nase herum und trieb ihn zur Eile an. Schließlich hatte das Frühstück des Generals pünktlich auf dem Tisch zu stehen.

Paco und der steingemauerte, kuppelförmige Ofen in der Mitte des blitzsauberen Raums glühten mittlerweile um die Wette. Gerade holte der kleine Koch wieder mit dem Schieber ein halbes Dutzend knuspriger Tortillas heraus. Er hatte sie kaum auf dem klobigen Eichentisch abgeladen, als die Pistolenmündung schon wieder vor seinem Gesicht herumwackelte.

»Nun schlaf bloß nicht ein, du Zwerg! Don Diego lässt dich an die Wand stellen, wenn du nicht rechtzeitig fertig bist. Wo, zum Teufel, bleibt der Kaffee, Mann? Was ist mit den Spiegeleiern und dem gebratenen Speck, he?«

Da hatte Paco Perez die Nase voll. Seine Mausaugen funkelten. Kriegerisch stemmte er die Fäuste in die Seiten. »Dein Don Diego kann mich mal. Und wenn hier einer an die Wand gestellt wird, bist du es, du Hornochse! Du wirst dich nämlich gleich in Don Diegos Kaffee setzen, wenn du nicht besser aufpasst. Was glaubst du, dampft in dem Kessel da? Schweinefutter vielleicht? Hör auf, hier herumzustampfen, du Büffel. Setz dich gefälligst hin und halt die Klappe, wenn du nicht willst, dass Don Diego für sein glorreiches Mexiko den Hungertod erleidet.«

Die Kinnlade des Kerls war herabgeklappt. Eine Weile stand er nur da und glotzte, bis irgendwas in seinem Gehirn endlich einzurasten schien.

»Was?«, schnaubte er und verdrehte die Augen, »Was?«

Damit stampfte er auf den kleinen Koch zu. Der warf schnell einen Blick auf die gewaltige Bratpfanne, die hinter ihm an der Wand hing.

»Was, was?«, äffte er den Mann nach. »Du solltest dir öfter mal die Ohren waschen. Du wirst dich wundem, um wieviel besser du danach hörst.«

Das breitflächige Gesicht des Mannes lief dunkel an. Vorsichtshalber zog Paco sich noch weiter zurück. Da kam hastig ein zweiter Soldat herein. Er war einen Kopf kleiner als der Kumpan, aber ebenfalls ein Schwergewicht.

»Befehl vom Teniente, Miguel! Soll dir helfen, auf diesen Zwerg aufzupassen. Saltillo soll irgendwo da draußen sein. Der Teniente will nicht, dass jemand ... He, was ist los, Miguel? Du machst ja ein Gesicht, als hätte der Pfannenschwenker Hufnägel in die Tortillas gebacken, Amigo.«

Saltillo in Gefahr! Das war erst einmal alles, was Paco in der Eile mitbekam - und es war mehr als genug. Der pfiffige Bursche schaltete sofort.

»Was soll ich machen, Senor?«, jammerte er. »Dieser sture Ochse lässt sich ja nicht davon abbringen. Er vermutete, dass ich dem General Rattengift in den Kaffee streue.«

»Was?«, quietschte der völlig verblüffte Kerl erneut heraus, was auf einen nicht eben bedeutenden Wortschatz schließen ließ. Der andere zuckte erst zusammen, dann lachte er rau.

»So ein Quatsch, Rattengift im Kaffee!« Er beugte sich schnuppernd über den großen Kessel. »Bist du besoffen, Miguel? Das Zeug riecht tadellos. Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen.«

»Probieren Sie nur, Senor. Vielleicht beruhigt er sich dann. Der Dummkopf ist imstande und dreht mir noch den Kragen um.«

»Kein Wort davon ist wahr«, platzte Miguel jetzt heraus. »Nur, dass ich dir wirklich die Nase nach hinten drehe, Giftzwerg, wenn du noch einen Mucks von dir gibst.«

Da hatte der Untersetzte schon die volle Schöpfkelle am Mund. Er schluckte zweimal, dann ließ er sie fallen, begann zu prusten, nach Luft zu schnappen und von einem Fuß auf den anderen zu hüpfen. Dazu rollte er gewaltig die Augen.

Miguel wurde aschfahl.

»Bei allen Heiligen! Also doch Rattengift!«

»Nicht doch«, kicherte Paco. »Hab nur eine Tüte voll Chilipfeffer und ’ne Büchse Salz reingeschüttet. Schade, dass der alte Geier Carreras nun nichts mehr davon erwischt.«

Der Untersetzte ließ sich japsend auf einen Stuhl fallen. Sein Kopf glich einer überreifen riesigen Tomate. Da stürzte sich Miguel mit einem Wutschrei auf den Koch. Doch Paco hatte schon den Stiel der großen Bratpfanne gepackt. Der Gegner bekam den Pfannenboden so wuchtig gegen die Stirn, dass er mit glasigem Blick in die Knie brach.

Paco wischte wie ein Wiesel an ihm vorbei. Der Kaffeetrinker brachte noch halb die Pistole empor, da fegte ihn die Pfanne vom Stuhl. Und Paco, einmal in Schwung, war nicht mehr zu stoppen. Wie ein Springteufel sauste er aus der Tür des Küchenanbaus. Seine Schürze flatterte. In der Rechten schwang er die Pfanne.

Die Hazienda war in fahles, noch vom Nebel getrübtes Frühlicht getaucht. Je zehn Uniformierte duckten sich mit schussbereiten Gewehren links und rechts vom Tor auf dem Plankensteg. Weitere zwanzig Mann warteten Gewehr bei Fuß beim Ziehbrunnen. Und drüben bei den Ställen hielt sich eine Abteilung Kavallerie zum Hinausstürmen bereit.

Garcia machte sich gerade am Tor zu schaffen, als Pacos gellendes »Zurück!« ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Alle fuhren herum.

Ein uriger Wutschrei, der nur aus der Kehle des niedergeschlagenen Mexikaners stammen konnte, drang aus Pacos entweihtem Revier. Es war bezeichnend, dass Carreras als erster die Pistole in der Hand hatte und schoss. Doch ebenso hätte er versuchen können, ein springendes Eichhörnchen zu treffen.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909197
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364591
Schlagworte
saltillo kanonen alamo creek

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Titel: Saltillo #4: Kanonen am Alamo Creek