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Roy Matlock #7: Die Jagd auf Slim Brady

2017 120 Seiten

Leseprobe

Die Jagd auf Slim Brady


Ein Western von Glenn Stirling







IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/Schottland, 2017

Früherer Originaltitel: Pik Dame ist Trumpf

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Slim Brady soll als Lokomotivführer einen verhängnisvollen Unfall verursacht haben. Deshalb hat ihn die Union Pacific Railroad fristlos entlassen. Seitdem ist Brady auf dem absteigenden Ast – und er hat nur noch Rachegedanken im Kopf. Er entwirft einen geschickten Plan, der zum Ziel hat, ein Sprengstoffattentat zu verüben. Dies teilt er in einem Drohbrief der Eisenbahngesellschaft mit und nennt darin sogar noch das genaue Datum, wann die Sprengstoffladung hochgehen wird.

Brady glaubt, dass er alles bis ins Detail geplant hat und dass niemand das Attentat verhindern kann. Aber er hat nicht mit Roy Matlock, dem Eisenbahn-Marshal gerechnet. Denn wenn Matlock sich auf die Fährte eines Verbrechers setzt, dann dauert es nicht mehr lange, bis er ihn erwischt hat ...





Roman:


Ich habe den 23. Juni für die gesamte Union Pacific zum Gedenktag erklärt. Kein Zug wird von Omaha nach San Francisco oder umgekehrt durchfahren können. Die Strecke wird unterbrochen sein außerdem wird eine Lok in die Luft fliegen, falls die Union Pacific Züge auf die Strecke schickt – Gezeichnet Brady – an den Sie sich noch lange erinnern werden ...


Was sagen Sie dazu, Roy?“, fragte Jenkins, der schwer und wuchtig hinter seinem Schreibtisch thronte und den Brief jetzt aus den Händen gleiten ließ. Der grauhaarige Mann blickte auf Roy Matlock, der am Türrahmen lehnte, eine Zigarette im Mundwinkel, beide Hände in den Taschen. Ein dunkelhaariger, nicht sehr hübscher Mann mit einer Nase, der man viele Boxkämpfe ansah, und kräftigen Lippen, stahlgrauen Augen und buschigen Brauen. Roy Matlock machte einen lässigen Eindruck. Auf den ersten Blick sah er aus wie ein Rindermann, obgleich er keine Chapajeros trug. Aber der Stern an seiner Weste wies ihn als Bahnmarshal aus.

Was soll ich dazu sagen? Sie wissen ja, wer Brady war.“

Wissen Sie es denn?“, fragte Jenkins zurück.

Natürlich. Er ist genau an dem Tag, den er hier zum Gedenktag erklärt hat, vor einem Jahr bei der Bahn rausgeflogen. Unehrenhaft, wie das so schön militärisch bei uns heißt.“

Genauso ist es“, bestätigte Jenkins. „Wir haben ihn gefeuert, weil er einen Zug zum Entgleisen gebracht hat, weil er wie ein Schwachsinniger dahingerast ist; sonst wäre das nicht passiert.“

Ich kann mich ziemlich genau an die Verhandlung erinnern. Ich habe das damals im Protokoll gelesen“, entgegnete Matlock. „Er hat das immer bestritten.“

Der Heizer ist tot!“, erklärte Jenkins. „Er ist kein Zeuge, nicht mehr. Und unsere Ingenieure haben bewiesen...“

Matlock winkte ab. „Ich hab’ mich einmal mit Hank Bronson darüber unterhalten, und das ist ja nun anerkannt der beste Lokführer, den wir bisher hatten. Wissen Sie, Mister Jenkins, was Hank dazu gesagt hat?“

Ach, das ist falsche Kameraderie. Ich kann es mir schon denken. Hank lässt auf keinen Kollegen etwas kommen. Ist ja ein guter Zug von ihm. Aber so kommen wir nicht weiter.“

Halten Sie davon, was Sie wollen“, erklärte Matlock eine Spur schärfer. Jetzt richtete er sich auf, nahm die Hände aus den Taschen und stemmte die Arme in die Hüften. „Wenn Hank mir sagt, dass Brady ein ganz fantastischer Lokführer war, und dass er weder Alkohol angerührt noch sonst etwas auf der Lok getan hat, was man nicht tun sollte, sondern die Strecke kannte wie kaum ein anderer, wenn dieser Mann die ganze Zeit sagt, dass irgend jemand auf die Lok geschossen hat und es ihm nicht mehr möglich war, das Dampfventil zu bedienen, dann, so sagt Hank, glaubt er ihm mehr als all den Ingenieuren, die vom grünen Tisch aus Omaha kommen.“

Ach, hören Sie auf! Das ist Schnee von gestern“, widersprach Jenkins. Er schlug mit der flachen Hand auf den Brief, der auf dem Schreibtisch lag. „Das hier ist ein Dokument, eine Attentatsdrohung! Verstehen Sie das nicht? Was wühlen wir in den Sachen von vor einem Jahr?“

Ja, das ist es eben. Die feinen Herren in Omaha, die richten etwas an“, erklärte Matlock giftig, „und unsereiner muss es ausbaden. Dieser Mann fühlt sich unschuldig behandelt. Die Galle kommt ihm hoch, und jetzt rächt er sich. Jetzt geht er hin, erklärt den 23. Juni zum Feiertag, will irgendwo die Strecke unterbrechen und eine Lok, irgendeine, in die Luft jagen.“

Zum Donnerwetter, Roy, nun hören Sie doch auf, in diesen alten Klamotten zu wühlen! Was machen wir jetzt, das ist die Frage, und nichts anderes! Die Strecke unterbrechen, irgendwo. Sie wissen, dass zwischen Omaha und San Francisco für einen solchen Anschlag einige tausend Meilen in Frage kommen. Tausende von Meilen, wo sich Gelegenheiten bieten, auf die Bahn einen Anschlag zu verüben und irgendwo die Strecke zu sprengen, irgendeinen Tunnel zum Einsturz zu bringen, eine Brücke in die Luft zu jagen und dann vielleicht noch eine Lok irgendwie zu zerstören. Vielleicht mit einem Zug voller Menschen daran.“

Ich glaube nicht“, erklärte Matlock, „dass er etwas tut, wo Menschen ums Leben kommen können. Er will die Bahn schädigen und nicht die Reisenden.“

Dann nimmt er einen Güterzug, zum Teufel! Menschenskind, Roy, begreifen Sie nicht? Sie tun ja gerade so, als müssten Sie für diesen verdammten Brady eintreten.“

Auf der einen Seite möchte ich es wirklich“, erklärte Roy. „Auf der anderen Seite haben Sie recht. Jetzt hat ihn die Bahn soweit, dass er zu so einer Verzweiflungstat greift, weil er sich offensichtlich keinen Rat mehr weiß, weil er nicht mehr weiß, wovon er leben soll. Verdammt und verraten, und jetzt ist er verloren. Das ist es doch.“

Sie fangen wieder damit an. Es geht nicht darum, dass wir Recht sprechen. Roy, Sie sind Bahnmarshal und ich der Sicherheitschef der UPRR. Wir müssen dafür sorgen, dass die Strecke ganz bleibt, wir müssen dafür sorgen, dass niemandem auf unserer Strecke ein Leid geschieht. Darauf kommt es an. Und nicht auf das, was die Bosse in Omaha beschlossen haben.“

Also gut“, erklärte Roy, hakte die Daumen in den Gürtel und kam an den Schreibtisch heran. Er wippte auf seinen Absätzen, blickte auf Jenkins herunter, der wieder in seinen Sessel gesunken war, und sagte: „Hören Sie zu, Boss! Ich werde mich um ihn kümmern.“

Sie allein können sich nicht um ihn kümmern! An dieser Riesenstrecke ist ein Mann überhaupt nichts, ein Tropfen im Atlantik. Menschenskind, ich spreche jetzt mit Ihnen darüber, wie wir eine groß angelegte...“

Hören Sie, Ernest, er ist auch nur ein Mann! Er kann auch nicht überall sein! Es gilt ihn zu finden. Bis zum 23. ist noch eine ganze Woche.“

Eine Woche! Was ist eine Woche in diesem riesigen Land? So lange wären Sie zu Pferde unterwegs, um nur von hier bis Salt Lake zu kommen.“

Ich will nicht nach Salt Lake. Ich will dahin“, erklärte Matlock unbeeindruckt, „wo er ist. Ich muss ihn finden, weiter nichts.“

Jenkins schlug mit beiden Händen flach auf den Tisch, lachte wütend und höhnte: „Weiter nichts! Das ist weiter nichts? Ebensogut könnten Sie eine Stecknadel in einem ganzen großen Heuschober suchen. Eine hoffnungslose Sache.“

Unsinn. Wir müssen logisch vorgehen. Ernest, machen Sie sich doch jetzt nicht verrückt. Ich weiß, was Sie fürchten. Diese Telegramme aus Omaha.“

Natürlich fürchte ich die“, gab Jenkins zu. „Ich fürchte noch viel mehr. Ich fürchte, dass ein wirkliches Attentat passiert, bei dem Menschen ums Leben kommen. Ich fürchte, dass die Strecke unterbrochen wird. Er hat sich einen verdammten Tag ausgesucht. An diesem 23. Juni wird die Regierungsdelegation, die uns neue Mittel bewilligt für den Ausbau der Nebenstrecken, von Omaha bis Sacramento fahren. Verdammt noch mal, Roy, begreifen Sie nicht? Er konnte sich keinen schlimmeren Tag aussuchen. Und deswegen spielen die Bosse in Omaha verrückt, und deswegen habe ich Angst vor ihrem verdammten Telegramm! Begreifen Sie doch endlich, Roy, wir müssen etwas tun! Wenn ich will, bekomme ich tausend Mann. Aber wir beide wollen es vorher durchsprechen. Aber wenn Sie nicht wollen, kann ich natürlich ebenso mit einem Kollegen von Ihnen ...“

Roy Matlock winkte ab. „Mensch, Ernest, kommen Sie mir nicht mit so was! Ich sage Ihnen, Sie können tausend Mann kriegen. Wenn er wirklich die Bahn in die Luft jagen will, dann wird er es tun. Und keine tausend, keine zweitausend werden ihn daran hindern, weil auch dreitausend und viertausend nichts weiter sind als Tropfen im Atlantik, wie Sie vorhin gesagt haben. Was sind schon viertausend Tropfen in dem Atlantik? Diesen Mann spürt an dieser gewaltigen Strecke niemand auf. Es sei denn, man weiß, wo er ist.“

Aber Sie wissen das“, spottete Jenkins.

Ich werde es zumindest versuchen. Wir haben eine Woche Zeit.“

Eine Woche Zeit, die Sie vertun, nicht wahr? Indem Sie mal hierhin, mal dorthin horchen, ob nicht vielleicht irgendwer was von Brady gehört hat.“ Jenkins schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Können Sie sich nicht vorstellen, dass dieser Mann so etwas vorbereitet? Dass er ein Versteck besitzt, wo man ihn nicht ausfindig machen kann? Der möchte doch seinen Triumph über uns haben.“

Natürlich wird er das. Aber er kann nicht alle Leute, mit denen er Kontakt hat, umbringen oder in ein Loch versenken. Da wäre, zum Beispiel, wie ich mich erinnere, seine Frau...“

Jenkins verzog das Gesicht. „Sie lassen nach, Roy! Sie lassen verdammt nach! Diese Frau ist vor einem halben Jahr gestorben. Das weiß ich inzwischen schon. Wir haben uns erkundigt. Ich bin doch nicht irgendein Arsch, der sich hier sein Geld verdient, ohne sich vom Stuhl zu rühren. Natürlich hab’ ich etwas getan. Natürlich hab’ ich bereits, bevor Sie gekommen sind, Informationen eingeholt. Seine Frau ist tot. Auch sein Vater lebt nicht mehr. Von der Mutter wissen wir nichts. Es gibt noch eine Schwester.“ Er klappte ein Buch auf, das auf dem Schreibtisch lag, las und sagte dann: „Diese Schwester ist in Fort Grattan mit einem Soldaten verheiratet.“

In Ordnung“, sagte Roy. „Ist das alles?“

Ja, noch eine Kleinigkeit. Wir haben erfahren, dass er sich zuletzt zwischen Fort Grattan und Gering am North Folk auf einer kleinen Farm aufgehalten hat. Aber da soll er schon seit ein paar Wochen nicht mehr sein. Übrigens hatte er da eine neue Frau bei sich. Ziemlich junges Ding. Wir wissen nichts über sie.“

Und das ist jetzt alles?“

Das ist endgültig alles, was wir wissen.“

Wunderbar. Es ist wenigstens etwas. Mehr, als ich gehofft habe. Ich werde mich auf die Beine machen.“

Auf die Beine machen“, höhnte Jenkins. „Was soll das heißen? Wollen Sie mir vielleicht einreden, Sie können diese Geschichte wirklich allein aufrollen?“

Das möchte ich niemandem einreden, aber das will ich zumindest versuchen. Wenn Sie ein großes Aufgebot einsetzen, wird er sich einen besonderen Spaß daraus machen, das, was er vorhat, durchzudrücken. So oder so. Ein Mann in seiner Lage, Ernest, der derartig gedemütigt ist, könnte vielleicht etwas tun, wobei er selbst drauf geht. Und er weiß es sogar vorher. Es ist ihm vielleicht egal, Ernest. Er möchte, so etwas kann ich mir vorstellen, seinem Leben auf diese Weise ein Ende setzen und gleichzeitig der UPRR eins auswischen, dass die jahrzehntelang daran denkt. Und deshalb nützen keine dreitausend und keine zehntausend Leute etwas, die die Strecke abgrasen. Menschenskind, Ernest, im Felsengebirge, wo es Millionen von Möglichkeiten gibt, um eine Sprengladung anzusetzen, wo wollen Sie denn da suchen? Wo wollen denn zehntausend Leute etwas finden, wenn nicht durch Zufall? Es gibt nur eine einzige Chance: dass man ihn aufspürt, dass man ihn findet und er einen selbst dahin führt, wo er bestimmt schon längst seine Sprengladung angelegt hat. Sie sind angebracht, glauben Sie mir, Ernest. Dieser Brady ist kein Windbeutel. Übrigens haben wir ihn alle Slim genannt. Ich weiß nicht, warum ich ihn jetzt nicht mehr so nennen sollte. Slim hat alles schon fertig und zuletzt den Brief geschrieben.“

Dieser Brief könnte auch ein Windei sein“, meinte Jenkins.

Das hoffen wohl die Manager in Omaha, was?“ Jetzt war es Roy, der spottete. „Die wünschen sich wohl, dass einer nur den Brief geschrieben hat und sonst nichts. Eine Seifenblase. Aber nicht bei Slim. Und so wie ihn mir Hank geschildert hat, der ihn genau kennt, ist dieser Slim keiner, der Seifenblasen ausstößt, keiner, der Windeier produziert. Wenn der sagt, es ist zwei Minuten vor zwölf, dann ist es genau zwei Minuten vor zwölf, und sogar die Union Pacific könnte sich die Uhr danach stellen. Und wenn er sagt, am 23. Juni ist die Strecke unterbrochen, dass an diesem Tage kein Zug von Ost nach West und von West nach Ost durchkommt, dann wird sie unterbrochen sein, es sei denn, es gelingt, ihn selbst zu finden, damit er diese Wahnsinnstat rückgängig macht. Und wenn er sagt, er wird eine Lok in die Luft jagen, dann wird er das auch tun. Irgendeine von all denen, die auf der Strecke sind. Was wollen Sie tun? Wollen Sie vielleicht den Bahnverkehr einstellen an diesem Tag?“

Natürlich nicht“, erklärte Jenkins. „Klarer Fall, dass das nicht geschieht.“

Also wird es immer eine Möglichkeit geben. Sie können nicht die Bahn schützen, wenn Sie den Kerl nicht gefunden haben. So müssen wir ihn finden. Ich will es versuchen.“

Ich werde trotzdem tun, was ich kann, um die Strecke zu sichern.“

Sie können alles vorbereiten, aber ich würde Sie bitten, dass Sie erst einen Tag vor dem geplanten Attentat, also am 22., Ihre Männer an die Strecke schicken.“

Dann wird es zu spät sein.“

Dann ist es bestimmt nicht zu spät. Was die Männer dann nicht finden, finden sie auch in einer Woche nicht. Es hat keinen Sinn, verstehen Sie doch, Ernest. Tun Sie, was ich sage! Schicken Sie Ihre Männer einen Tag vorher an die Strecke. Und ich mache mich jetzt auf die Socken.“

Aber wo in aller Welt wollen Sie anfangen? Das will ich wissen! Ich habe ein Recht dazu, dass Sie es mir sagen.“

Roy stemmte sich auf den Schreibtisch, beugte sich vor. Sein Gesicht kam dem von Jenkins ganz nahe. Leise, dass nur Jenkins es hören konnte, sagte er: „Ich werde da ansetzen, wo er zuletzt war. Aber der Teufel holt den, der das, was ich jetzt gesagt habe, irgendwem weitererzählt und schon gar nicht den Bossen in Omaha oder irgendeinem verdammten Telegrafisten. Sie wissen es jetzt. Entweder bin ich Ihr Mann oder ich bin es nicht.“

Natürlich sind Sie mein Mann, Menschenskind. Das wissen Sie auch ganz genau. Ich halte große Stücke auf Sie. Aber trotzdem werde ich einen Haftbefehl gegen Brady beantragen. Man soll ihn im ganzen Land suchen.“

Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Sie können von mir aus die Sheriffs in Bewegung setzen und was immer Sie wollen. Es würde ihn nur stutzig machen, wenn eine Zeit lang gar nichts geschieht, nachdem dieser Brief hier angekommen ist. Es wäre auch richtig, wenn die Bahn von Aufgeboten abgesucht wird. Warum denn nicht? Er soll es ruhig glauben. Halten Sie besonders das Gebiet zwischen Sidney und North Platte im Auge. Wie gesagt, es macht nichts. Aber ich will nicht, dass abseits der Strecken nach ihm gesucht wird, dass sich Leute aufspielen und womöglich eine Belohnung ausgesetzt wird, damit die Kopfgeldjäger rebellisch werden.“

Ich lasse Ihnen Zeit, drei Tage. Dann fängt meine Aktion an.“

Nein, nicht drei Tage. Das reicht mir nicht. Das schaffe ich gar nicht. Ihre Aktion kann am 22. beim Morgengrauen beginnen, keine Stunde früher. Sonst geht mir mein Wild durch die Lappen.“

Jenkins schüttelte den Kopf. „Ich möchte so gerne hoffen, dass Sie Glück haben, Roy. Aber ich halte es nach den Gesetzen der Logik für völlig ausgeschlossen.“

Abwarten. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten, so gut das möglich ist. Aber garantieren Sie mir, dass Sie nicht vor dem 22. loslegen.“

In Ordnung. Ich garantiere es Ihnen, Roy, obgleich ich hier wahrscheinlich den schwersten Fehler meines Lebens mache. O ja, ich riskiere meinen Job, und Sie den Ihren sowieso.“

Roy sagte nichts. Er tippte an die Hutkrempe und ging. Aber als er draußen war, da rieb sich Jenkins das Kinn und dachte darüber nach, wie winzig die Chance für Roy Matlock war, diesen Brady zu fassen.

Und wenn er der beste Marshal der ganzen Welt ist“, murmelte Jenkins, „er kann es ja fast nicht schaffen, fast... Aber dieser Teufelskerl hat schon öfters Dinge erreicht, die keiner für möglich hielt. Wird er es auch diesmal schaffen?“


*


Es gab ein paar Stationen an der langen Strecke der Union Pacific Railroad, die Roy Matlock immer wieder anlief. Eine davon war Joan Merrits Boarding House.

Seit fünf Jahren stand es mitten in Julesburg, und das Geschäft schien nach wie vor zu blühen. Vor einem halben Jahr hatte Joan die ganze vordere Fassade renovieren lassen. Die Pension sah aus wie neu.

Roy hatte seinen Sattel aus Cheyenne mitgebracht und trug ihn auf der Schulter, als er schnurstracks auf Joans Boarding House zuhielt.

Er war bekannt in Julesburg, und viele grüßten ihn. Bei den Frauen allerdings war die Reaktion unterschiedlich. Die älteren, die puritanischen Damen der Stadt, warfen ihm zornige Blicke zu. Von den jüngeren blickten die einen verschämt zur Seite, und die anderen strahlten Roy offen an. Auf alle Fälle gehörte er zu den Männern, über die Frauen sprachen; zumindest aber sehr viel nachdachten.

Roy war dergleichen gewohnt. Es kümmerte ihn auch wenig. Hier in Julesburg befasste er sich immer nur mit einer, und das war Joan.

Als sie die Tür zu ihrer Pension aufmachte, sah er sie hinten am Pult sitzen. Neuerdings trug sie zum Lesen eine Brille, obgleich sie, wie Roy wusste, erst Anfang Dreißig war. Über die Ränder ihrer Brille hinweg sah sie ihn mit noch immer gesenktem Kopf entgegen. Dann erkannte sie ihn, und da schien explosionsartig die Sonne für sie aufzugehen. Sie zuckte hinter ihrem Pult hoch, breitete die Arme aus und schrie lachend: „O Roy! Alles hätte ich erwartet, bloß dich nicht.“

Drei Sekunden später lagen sie sich in den Armen. Er küsste sie mit Vehemenz und wusste genau, was er seinem Ruf schuldig war. Als er sich von ihr löste, war sie völlig außer Atem, hielt noch die Augen geschlossen, und lag so fast reglos in seinen Armen. Dann aber schien sie zu erschrecken, sah ihn groß an und flüsterte ein wenig atemlos: „Wenn uns jemand sieht!“

Und wenn schon. Dann sieht er etwas Schönes.“

Sie war gertenschlank, hatte seidenweiches blondes Haar und ein Gesicht, das immer noch an einen Pfirsich erinnerte. Dreiunddreißig Jahre schienen spurlos an ihr vorübergegangen zu sein, obgleich sie, weiß Gott, nicht wie eine Nonne gelebt hatte; ganz im Gegenteil.

Lange kann ich nicht bleiben“, erklärte er. „Aber ein paar Stunden hab’ ich für dich immer übrig.“

Du willst heute schon weiter?“, fragte sie erschrocken, und sie machte ein Gesicht wie ein Kind, dem man ein Spielzeug wegnehmen wollte.

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es hängt viel davon ab, was ich in Erfahrung bringen kann.“

Sie machte sich hastig von ihm frei. Er drehte sich um und sah einen Schatten an der Glastür zur Straße. Unmittelbar danach wurde die Tür geöffnet. Ein Mann, der wie ein Rancher aussah, trat ein. Er war so um die fünfzig, und da er das Licht im Rücken hatte, erkannte ihn Roy nicht sofort. Aber er wurde von dem anderen erkannt, der mit heiser poltriger Stimme rief: „Menschenskind, bist du endlich mal wieder hier, Roy.“

An der Stimme erkannte ihn Roy dann sofort. „Tom, alter Junge, schön, dich zu sehen.“

Jetzt fiel Licht in das Antlitz des anderen. Das Gesicht war voller Falten. Aber ein Paar hellwache Augen sahen Roy an. Tom Babcock besaß eine Ranch weit draußen. Er gehörte zu denen, die in der ersten Stunde hier gewesen waren und sich den Respekt, ja sogar die Freundschaft der Indianer erworben hatten.

Was treibst du hier, Roy?“, wollte Tom Babcock wissen.

Im Dienst natürlich, wie immer“, meinte Roy grinsend.

So? Dann hab’ ich ein Dienstgespräch gestört, wie?“ Babcock schielte auf Joan, grinste dann Roy an und fragte in Joans Richtung: „Ich war eigentlich nicht gekommen, um mit Roy zu plaudern. Es ist eine andere Sache. Ich brauche vier Zimmer für die nächste Nacht.“

Vier Zimmer?“, rief Joan überrascht. „Bringst du deine ganze Mannschaft in die Stadt, Tom?“

Der Rancher schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Wir bekommen hohen Besuch. Das Direktorium der Rinderzuchtgenossenschaft will sich meine Herden ansehen. Ich habe ja eine neue Züchtung. Black Angus-Rinder mit unseren Prärie-Rindern gekreuzt. Solltest du dir auch mal ansehen, Roy. Aber“, er winkte ab, „dich interessiert so etwas ja nicht. Du hast nur ein Herz für Lokomotiven und diese verdammten dreckigen Wagen, die hinten dranhängen.“

Roy grinste. „Sag das nicht. Für ein gutes Stück Rindvieh bin ich immer zu haben, vor allen Dingen, wenn es in Portionen auf meinem Teller liegt.“

Ich habe doch gesagt, du hast kein Herz für so etwas“, brummte Tom Babcock. Dann wandte er sich wieder Joan zu. „Klappt das mit den vier Zimmern? Aber anständige Zimmer. Und lass beizeiten heißes Wasser kommen. Sie wollen sicher baden, diese Herrschaften.“

Du bekommst alles, was du willst. Vier Zimmer geht gerade noch. Eins muss ich für Roy reservieren.“

Na prächtig, Roy, bleibst du also über Nacht“, meinte Tom und schlug Roy freundschaftlich auf die Schulter. „Ich seh’ dich dann heute Abend. Komm einfach mit rüber an unseren Tisch. Ich werde denen nicht gleich sagen, dass du ein Bahnmarshal bist.“

Mal sehen“, brummte Roy, und Babcock tippte wieder an seine Hutkrempe und verschwand. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, legte Joan ihre Hände auf Roys Schultern, sah zu ihm empor und fragte leise: „Du wirst doch wirklich nicht schon in ein paar Stunden wieder verschwinden? Roy, ich habe so lange auf dich gewartet.“

Er verzog ein wenig den Mund. Es sollte nicht geringschätzig wirken, aber sie empfand es so.

Du denkst, ich hätte jede Menge andere Männer gehabt, nicht wahr?“, sagte sie und ließ ihre Hände von seinen Schultern sinken. „Aber es ist einfach nicht wahr. Es ist wirklich nicht wahr, Roy, glaub mir!“

Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl, drehte den Bleistift in den Händen, ohne damit wirklich schreiben zu wollen. Sie blickte auf ihr Buch und sagte leise: „Du hast ja gar keine Ahnung, wie es einer Frau hier geht. Weißt du, wenn ich einmal mit dir zusammen bin und mit dir ins Bett gehe, du bist ein Fremder, du gehörst nicht in diese Stadt, obgleich dich viele kennen. Sie wissen weiter nichts von dir, und sicher, dass ich mit dir intim gewesen bin, sind sie nicht. Aber wenn ich einen von denen hier...“

Roy räusperte sich. „Ich weiß, was du sagen willst. Dann fallen die anderen über den her, sie platzen vor Neid, sie machen dich schlecht und das wirkt sich aufs Geschäft aus. Ich verstehe. In Ordnung. Ich habe dir ja gesagt, es hängt ein wenig von dem ab, was ich hier herausfinde.“

Du suchst jemanden, nicht wahr?“ Sie blickte zu ihm auf.

Ja“, meinte er seufzend. „Und wenn ich dir sage, wen ich suche, dann habe ich Not, es über die Lippen zu bekommen. Ich muss wissen, wo Brady steckt, Slim Brady.“

Sie sah ihn erschrocken an. „Suchst du ihn etwa wie einen Verbrecher? Hat er nicht genug davon abbekommen, dass ihn die Bahn nach dem Unfall gefeuert hat? Reicht es der Union Pacific immer noch nicht? Will sie …?“

Er schüttelte den Kopf. „Unsinn, Joan. Kannst du mir vertrauen?“

Dir habe ich immer vertraut; bloß nicht auf deine Treue“, meinte sie mit schmerzlichem Lächeln.

Er streichelte ihr sanft übers Haar und spürte, wie sie regelrecht unter seiner Hand zusammensank, sich dann reckte wie eine Katze, die geschmust werden will.

O Himmel, dachte er, sie hat ein unheimliches Liebesbedürfnis. Vielleicht stimmt es, was sie sagt. Vielleicht hat sie wirklich mit niemandem Kontakt außer mit mir.

Hör zu, Joan“, erklärte er, „ich bleibe über Nacht. Aber du könntest mir helfen. Du könntest mir helfen, es möglich zu machen, dass ich über Nacht bleiben kann. Ich muss nur herausbekommen, wo Brady steckt. Weißt du, er will einen riesengroßen Blödsinn machen, und ich muss ihn davor bewahren. Gelingt es mir, dann bedeutet das für Brady eine sorgenfreie Zukunft. Gelingt es mir nicht, dann ist Brady verloren, verstehst du?“

Was will er tun?“, erkundigte sie sich.

Ich habe dich gefragt, ob du mir vertraust. Ich kann es dir nicht sagen. Ich darf es nicht sagen, und ich möchte es dir auch nicht sagen, weil es dich nur belasten würde. Nur das eine kann ich dir erklären: er will eine riesengroße Dummheit machen. Er will sich rächen dafür, dass sie ihn gefeuert haben. Und es ist ein Wahnsinn, was er vorhat. Ein Wahnsinn, der ihn und auch seine Familie ins Unglück stürzt.“

Familie?“ Sie lachte höhnisch auf. „Er hat keine Familie mehr, bis auf seine Schwester. Und das arme Ding...“

Was ist mit der Schwester? Ich denke, sie ist in Fort Grattan verheiratet?“

Joan winkte ab. „Ein bildhübsches Ding ist sie. Sie hat es leicht bei den Männern, verstehst du? Alle sind hinter ihr her. Alle wollen sie ins Bett haben. Vor allem auf so einem Fort, wo es von Soldaten wimmelt und wo nur insgesamt fünf oder sechs Frauen herumlaufen. Kannst du dir da nicht vorstellen, was da ist? Ihr Mann hat sich mit einem anderen duelliert, weil der hinter seiner Frau hergewesen sein soll. Vielleicht Einbildung, vielleicht wahr. Aber dieser Kerl war schneller als Hazels Mann. Er hat noch vierzehn Tage nach der Schussverletzung gelebt, dann ist er gestorben. Für Hazel waren diese vierzehn Tage die Hölle, verstehst du?“

Und jetzt?“, wollte Roy wissen. „Was macht sie nun?“

Sie hat ihren alten Namen wieder angenommen und ist bei ihrem Bruder.“

Bei Slim?“, fragte Roy sofort.

Zuletzt war sie bei Slim. Sie sind auf der alten Farm, die er gekauft hat. Ach, gekauft... Ich glaube, er hat noch Geld dafür bekommen, dass er so verrückt war, dieses verlotterte Anwesen zu nehmen. Hoffnungslos. Soviel ich weiß, haben es vier Besitzer vor ihm aufgegeben; sind einfach auf und davon. Das meiste ist Regierungsland. Aber ein Teil davon ist richtiges Eigentum. Die Gegend da ist ausgedörrt wie der Stein eines Backofens; da wächst nichts mehr. Verbrannt und versandet. Ich weiß nicht, warum immer wieder Verrückte dahin gehen und glauben, sie könnten dort etwas anbauen, nur, weil die Felder alle topfeben sind, weil es da angeblich so fantastischen Boden gibt. Aber wo die Sonne alles verdorrt und der Wind die letzte Feuchtigkeit herausbläst, da kann nichts wachsen. Du, glaub mir, Roy, von solchen Dingen versteh’ ich etwas. Ich stamme von einer Farm, wie du weißt. Ich habe ihm gesagt, er soll es nicht tun. Aber du weißt ja, wie er ist. Und verzweifelt, o Roy, verzweifelt ist er genug gewesen.“

Roy nickte. „Ich weiß. Ich hab’ ihn nicht gefeuert, ich habe nicht gesagt, dass sie es tun sollen, und ich habe immer wieder Jenkins beschworen, diese Sache selbst zu untersuchen. ,Nein‘, hat er gesagt, ,das ist Sache der Ingenieure in Omaha! Da mische ich mich nicht ein.“ Er hätte sich einmischen sollen. Aber angeblich haben sie es ihm verboten. Und er hat es mir verboten. Ich glaube, was Slim vor Gericht gesagt hat; ich glaube nämlich, dass sie wirklich auf ihn geschossen haben und das Dampfventil verklemmt war.“

Es kann sein, wie es mag, sie hätten ihn nicht feuern dürfen. Das war schon schlimm. Aber dass er auch noch verurteilt ist, das war noch schlimmer. Und glaube mir, die drei Monate im Gefängnis, das ist die Hölle für ihn gewesen, die Hölle, weil er unschuldig ist und keine Zeugen hat. Ein Indizienprozess“, fügte sie verächtlich hinzu.

Und du weißt, wo sie ist? Ich meine diese Farm.“

Natürlich weiß ich es. Aber ob er noch dort ist? Ich wäre längst nicht mehr da. Aber vielleicht kommt Hazel zu mir. Ich habe es ihr immer wieder angeboten. Hier bei mir, da hat sie Schutz, verstehst du? Im Fort, da war sie so etwas wie Freiwild, nachdem ihr Mann gestorben ist. Es gab für sie nur die Flucht von dort. Weg. Alle glaubten, sie könnten über sie herfallen. Sogar der Kommandeur hat es versucht, sie ins Bett zu zerren. Wie ein wildes Tier ist er auf sie los. Und daraufhin ist sie geflohen. Ein paar Tage war sie bei mir. Dann hat Slim sie geholt.“

Ich denke, Slim hat selbst ein junges Mädchen bei sich?“

Hat dir das irgendein Idiot erzählt?“, fragte sie. „Das junge Mädchen ist niemand anderes als Hazel, seine Schwester. Er hat kein junges Mädchen. Soll ich dir etwas sagen? Du bist ein netter Kerl, Roy. Du weißt, dass ich dich wahnsinnig mag, und du weißt auch ganz genau, wie sehr ich mich darauf freue, wenn wir beide...“

Also gut, ich bleibe über Nacht“, meinte er.

Sie lächelte beglückt. „Ja, das meine ich. Ich freue mich jetzt schon darauf. Es ist wunderbar. Jetzt kann ich nicht weg. Aber was ich dir sagen wollte, ist: Geliebt habe ich immer Slim. Er hat von mir nichts wissen wollen. Und nachher, als seine Frau gestorben ist, da hat er sich nicht um mich gekümmert, nicht so, wie man sich um eine Frau kümmert, die man mag. Er war immer sehr höflich zu mir, respektvoll, verstehst du. Und ich liebe ihn auch nicht so, wie ich dich mag. Du bist für mich wie ein Vulkan, wie Feuer. Ich drohe jedesmal darin zu verbrennen. Er hingegen ist wie ein Felsen, ein ganz dicker Baum, an dem man sich festhalten kann. Sag mir, warum du ihn suchst! Sage es mir! Sei ehrlich zu mir, und ich werde alles tun, um dir zu helfen! Aber sag mir die Wahrheit, bitte! Lüg mich nicht an! Gebrauche keine Ausflüchte! Sag, warum du ihn wirklich suchst! Du jagst ihn, nicht wahr?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe den Auftrag, etwas zu verhindern; ein Verbrechen. Wenn er es begangen hat, ist er ein Verbrecher. Ich möchte ihn daran hindern, ein Verbrecher zu werden. Ich muss ihn finden, um dafür zu sorgen, dass das, was er vorhat, nicht geschieht.“

Du hast genug gesagt. Er hat irgendeinen Anschlag auf jemanden von der Bahn vor, nicht wahr? Will er einen der Bahnpräsidenten töten oder...“

Nein, nein. Es geht nicht gegen einen Menschen. Es geht gegen die Sache.“

Also eine Brücke oder einen Zug, nicht wahr?“

So ähnlich wahrscheinlich. Er hat einen Drohbrief geschrieben. Ich weiß, dass du schweigen kannst, und du wirst schweigen, hörst du?“

Ich schwöre es dir!“, versprach sie.

Er legte seine Hand auf ihre Schulter, und sie saß blitzartig wie erstarrt, als er sie berührte. Er spürte, wie sehr seine Gegenwart und erst recht seine körperliche Nähe auf sie wirkte. Und in diesem Augenblick begann er sich selbst auf den Abend zu freuen, auf den Augenblick, wo er Joan für sich haben würde.


*


Sie war kein zickiges junges Mädchen, keine dumme Gans, die albern herumkicherte, sondern eine Frau, der absolut bewusst war, wie sie die Leidenschaft eines Mannes steigern konnte, womit auch das eigene Verlangen wie eine lodernde Flamme emporschlug. Roy war ein Mann für sie, wie sie einen anderen noch nie gefunden hatte. Und in ihrem Leben waren schon viele gewesen. Trotzdem war sie klug genug zu wissen, dass sie Roy kaum halten konnte. Er würde kommen, und er würde gehen, wie es ihm beliebte. Im Grunde war er so wie sie selbst. Sie mochte sich nicht binden, und sie fragte auch nicht nach dem Morgen. Roy war da, und sie empfand das als Glücksfall, den sie bis zur Neige auskosten wollte. Er war nicht vor dem Abend weggeritten, sondern die Nacht über geblieben. Und was für eine Nacht war das!

Sie lag mit offenen Augen; Roy neben ihr schlief. Es musste fast vier Uhr morgens sein. Durch die offenen Fenster drang kühle frische Luft herein. Der Schein des Mondes fiel auf Roys bronzenen bloßen Oberkörper. Die Decke reichte ihm nur bis zu den Hüften. Er lag auf der Seite und wandte Joan den Rücken zu. Ein breiter, muskulöser Rücken war das. Sie war versucht, mit der Fingerspitze über sein Rückgrat zu fahren. Aber sie ließ es. Er brauchte seinen Schlaf. Bis vor einer halben Stunde waren sie miteinander glücklich gewesen, beseelt von glühender Leidenschaft, wie jedes Mal, wenn er gekommen war.

Sie selbst fühlte sich glücklich und müde. Und dennoch konnte sie nicht schlafen. Sie dachte über sich und Roy nach. Aber auch über das, was ihn wieder mal nach Julesburg getrieben hatte. Und sie dachte an Slim Brady. Slim nannte auch sie ihn, obgleich sein Vorname Robert war. Aber seiner großen schlanken Figur wegen wurde er Slim genannt.

Sie spielte mit dem Gedanken, Roy zu begleiten. Wenn sie nur eine Ahnung gehabt hätte, wo Slim zu finden war. Vielleicht führte der Weg über Hazel zu ihm. Womöglich befand sich Hazel noch auf der alten Farm, auf diesem wahnsinnigen Grundstück, das allen Besitzern bisher nur Unglück gebracht hatte. Warum nur war Slim nicht bei ihr geblieben? Ein paar Tage nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte er bei ihr verbracht. Eine schöne Zeit war das gewesen. Ganz anders als so eine Nacht mit Roy.

Das mit Roy, und die Nächte mit Slim, die ließen sich nicht miteinander vergleichen. Sie so mitzureißen, wie das Roy konnte, das würde Slim nie gelingen. Auf der anderen Seite besaß er Eigenschaften, über die Roy einfach nicht verfügte. Slim war imstande, mit einer guten Frau zusammen etwas aufzubauen, so wie er ein Jahrzehnt lang für die Union Pacific Lokomotiven über die Strecke gejagt hatte, pünktlich, zuverlässig bis zu jenem furchtbaren Unfall, so würde er auch etwas anderes aufbauen. Eine Farm zum Beispiel. Nur nicht dort, wo er es versucht hatte.

Seine Frau war ihm nie ein Partner gewesen. Ein Jahr lang hatten sie sich schlecht und recht verstanden und dann nur noch nebeneinanderher gelebt, drei Jahre lang, bis zu ihrem Tod. Als diese Geschichte mit dem Unfall passiert war, den man Slim in die Schuhe schieben wollte, da hatte sie nicht zu ihm gehalten, sondern ihn noch mit Vorwürfen überhäuft; ihn, der sich vollkommen allein gelassen vorkam. Joan hingegen hatte ihm Mut gemacht, als er zu ihr gekommen war.

Aber da war es schon zu spät gewesen, da hatte er schon die Strafe hinter sich. Geblieben waren bei ihm nur noch Verbitterung und Hass. Und jetzt war es offensichtlich übergekocht. Mein Gott, wenn Roy ihn nicht findet, dann wird es schlimm für Slim. Roy ist der einzige, der es fertig bringt, ihn von allem zurückzuhalten, ohne ihn gleich zu einem Sheriff zu schleppen. Roy wird ihm eine Chance geben. Ganz gewiss wird er das!

Plötzlich nagten Zweifel in ihr, ob Roy das wirklich tun wollte.

Ich muss ihn fragen! Wenn er aufwacht, frage ich ihn! Ich muss es wissen, ob er Slim festnimmt und zu einem Sheriff oder Marshal schleppt, der ihn einsperrt. Womöglich überstellt er ihn einem US-Marshal, und dann ist es ganz vorbei für Slim.

O nein, das würde Roy nicht tun.

Sie streichelte ihm sanft über seine bloßen Schultern. Sie spürte die Muskeln unter der Haut, und ihre Fingerspitzen glitten tiefer, über seinen Brustkorb, seine Hüfte. Plötzlich war sie selbst wieder von Leidenschaft beseelt. Ihre schlanken Finger glitten unter die Decke, erreichten seinen Schenkel, und darüber wurde er wach.

Als ihre Fingerspitzen zu seinen Lenden fuhren, wälzte er sich auf den Rücken, war sofort hellwach, und seine Hände griffen nach ihr. Er zog sie an sich, und seine Lippen suchten nach den ihren. Als sie sich küssten, schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und wünschte sich, es würde immer so bleiben, er würde nie von ihr weggehen.

Aber sie wusste zugleich, dass es eine Utopie war, ein Wunschtraum, der sich nie erfüllen würde. Nein, Roy kann ich nicht halten, dachte sie, und wie sie das dachte, verlor sie die Lust an dem, wozu sie Roy gerade erst aufgestachelt hatte. Am liebsten wäre sie weggelaufen, und hätte Slim jetzt in der Tür gestanden, wäre sie zu ihm gerannt, hätte sich an seine Brust geworfen.

Aber es war kein Slim da, der sich um sie gesorgt hätte. Da war nur Roy. Roy mit seinen behaarten, kräftigen Armen, mit seiner eben wieder neu entfachten Leidenschaft. Aber sie selbst wollte nicht mehr. Sie presste ihre Schenkel aneinander und keuchte: „Nein, Roy, nicht mehr! Bitte nicht!“ Sie spürte seine Hand an ihrem Körper und war versucht nachzugeben. „Nein, Roy, bitte nicht!“, flehte sie.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909173
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (April)
Schlagworte
matlock jagd slim brady

Autor

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Titel: Roy Matlock #7: Die Jagd auf Slim Brady