Lade Inhalt...

Die Nacht der Verdammung

2017 120 Seiten

Leseprobe

Die Nacht der Verdammung


Romantik-Thriller



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Evgeniya Litovchenko 123/RF, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:


Eine Spur auf der Suche nach dem, wegen Diebstahl und Mordversuch, untergetauchten Kriminellen Norman Bawden, führt Inspektor Mark Drummond, nach Ballington Castle, dem Anwesen der Alquists. Dieses hat der Umgebung einen unheimlichen Ruf. Dämonen sollen hier ihr Unwesen treiben … Er selbst glaubt diesen Unsinn nicht, vermutet eine andere Erklärung … Ist das ein Fehler?

Er kommt jedoch zu spät – Bawden scheint weitergezogen zu sein, oder stecke etwas ganz anderes hinter seinem Verschwinden? Drummond trifft auf die wunderschöne aber auch einsame Tochter der Alquists, Julia. Sie glaubt nicht an den Spuk, den der Inspektor und die Leute im Ort über das Castle, ihrem Elternhaus, erzählen, auch nicht, dass Drummond Leute getroffen haben will, die eigentlich seit Jahren tot sind. Bis zu der alles entscheidenden Nacht …





Roman

Norman Bawden grinste matt, als er die Hand hob und gegen das altersschwache Holz der schweren Eichentür klopfte. Er war sich seiner Sache völlig sicher.

Seine gefälschten Papiere waren hervorragend gemacht. Damit konnte nichts schiefgehen, nicht in diesem alten Schloss, dessen Bewohner sicherlich ein wenig weltfremd waren und nicht ahnten, was ihn dazu bewog, sich um die freie Stellung eines zweiten Gärtners zu bewerben.

Niemand antwortete. Bawden klopfte ein zweites Mal, jetzt laut und kräftig.

Herein“, ertönte es.

Bawden betrat das Büro des Schlossverwalters. Da es sich im sogenannten roten Turm befand, war es kreisrund. Durch ein schmales Fenster, dem man anmerkte, dass es jahrhundertelang als Schießscharte gedient hatte, sickerte spärlich Licht in den Raum.

An einem kleinen, mit Papieren überladenen Tisch saß der kahlköpfige Schlossverwalter. Patrick Craig machte in seinen speckigen, abgewetzten Sachen den Eindruck, als sei er so alt wie sein Büro.

Das Gesicht des Schlossverwalters war braun, faltig und mumienhaft, aber hinter den kreisrunden Brillengläsern blitzten Augen, die nicht nur einen wachen Intellekt, sondern auch ein tiefverwurzeltes Misstrauen widerspiegelten.

Ich bin Mike Swift“, stellte Bawden sich unter dem von ihm ausgewählten Falschnamen vor. „Wir haben miteinander telefoniert, Sir. Hier sind meine Papiere.“

Craig nahm sie entgegen und blätterte darin. Seine braunen Hände waren wie Krallen. Er wirkte ziemlich geistesabwesend, aber Norman Bawden wurde es auf einmal unbehaglich zumute. Die Art des Alten verunsicherte ihn, sie passte nicht in seinen Erfahrungsschatz, er konnte nichts damit anfangen.

Wir haben die Stellung nicht öffentlich ausgeschrieben“, sagte Craig. Er bewegte beim Sprechen kaum die Lippen. Es war erstaunlich, dass er sich trotzdem sehr klar und laut verständlich machte. Dass seine Stimme dabei heiser und krächzend klang, passte zu seinem Äußeren. Er fragte: „Wie haben Sie davon erfahren?“

Im Wirtshaus.

Am Tresen wurde darüber gesprochen“, erwiderte Bawden wahrheitsgemäß.

Sie leben im Ort?“

Eigentlich bin ich nur auf der Durchreise, auf der Suche nach einem neuen Job …“

In dieser verlassenen Gegend?“, fragte der Alte verwundert und schaute Bawden an.

Ich liebe die Provinz, Sir“, behauptete Bawden. „Die Stadt ist nichts für mich.“

Craig blickte erneut in die Papiere. „Wie ich sehe, waren Sie in London bei einer Familie Garrit beschäftigt. Würden Sie es mir erlauben, dass ich mich bei den Garrits nach Ihnen erkundige?“

Die Garrits sind tot, Sir. Hätte das Haus nicht den Besitzer gewechselt, würde ich die Stellung nicht verloren haben“, behauptete Bawden.

Er wusste, wovon er sprach. Er war es gewohnt, Nägel mit Köpfen zu machen. Seine Angaben stützten sich auf eine Zeitungsmeldung, der zufolge Sir und Lady Garrit bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren.

Ich verstehe“, sagte Craig und legte die Papiere aus der Hand. Die blitzenden Reflexe seiner Brille richteten sich auf den Bewerber. „Sie sind noch jung, genau neunundzwanzig, wie ich Ihren Papieren entnehme. Wir sind ein wenig skeptisch, wenn es um die Einstellung junger Menschen geht. Sie werden begreifen, warum. Das Personal von Ballington Castle dient größtenteils seit Jahrzehnten für die Herrschaft und hat eine natürliche Abneigung gegen Umwälzer, Stänkerer und sozialkritische Schwärmer. Hier macht jeder seine Arbeit, fleißig und loyal. Dafür wird er entsprechend bezahlt. Wenn Sie bereit sind, sich diesem Rahmen anzupassen, werden Sie keine Schwierigkeiten haben, in Ballington Castle heimisch zu werden.“

Sie werden mit mir zufrieden sein, Sir“, versicherte Bawden.

Craig erhob sich. „Ich zeige Ihnen jetzt Ihr Zimmer. Es liegt im Nordflügel, zusammen mit den Räumen der anderen Angestellten. Ich selbst lebe hier im roten Turm.“

Sie verließen das Büro. Craig war einen Kopf kleiner als Bawden und bewegte sich stark gebückt. Die scheinbar gebrechliche Haltung stand im Widerspruch zu dem vitalen Tempo, das er vorlegte.

Ballington Castle war ein U‑förmig angelegter Komplex mit einem sehr hübschen Innenpark. Der Hauptflügel stammte noch aus den Tagen von Elisabeth I., die Anbauten waren später hinzugefügt worden und zeigten die typischen Merkmale des Tudorstils.

Der Gesamtbesitz lag in einem sanften, romantisch anmutenden Tal, aber Ballington Castle selbst machte einen eher düsteren, recht trotzigen Eindruck. Ein breiter, rabenschwarzer Wassergraben rings um die Anlage ließ erkennen, dass die Bewohner in früheren Jahrhunderten gezwungen gewesen waren, sich gegen die Attacken und Übergriffe ihrer Feinde zu schützen.

Der nächste Ort hieß Ballington Green; dort hatte Bawden nach seiner überstürzten Flucht aus London eine Pause eingelegt.

Das von ihm zufällig aufgeschnappte Wirtshausgespräch über die freie Gärtnerstelle hatte ihn auf eine Idee gebracht.

In diesen alten, noblen Schlössern des Uraltadels konzentrierten sich erfahrungsgemäß Millionenschätze. Norman Bawden war entschlossen, sie auszubaldowern und sich zu gegebener Zeit zu bedienen.

Sie hatten die zweite Etage des Nordflügels erreicht und bogen in einen langen Korridor ein.

Das ist Ihr Zimmer“, sagte Craig und stieß eine leicht knarrende Tür auf.

Der Raum war spartanisch möbliert, das einzige Fenster vergittert. An der Längswand stand ein eisernes Bettgestell mit Matratze und Wolldecken, an seinem Fußende ein Stuhl. Ein Tisch, ein Kleiderschrank, mit eingelassenem, ovalen Spiegel und ein Garderobenständer vervollständigten die karge Einrichtung.

Das Bad“, berichtete der Schlossverwalter, „befindet sich am Ende des Flurs.“

Bawden verzog keine Miene, obwohl es ihn danach drängte, die Nase zu rümpfen.

Er liebte den Luxus und schreckte davor zurück, in diesem zellenartigen Gelass leben zu müssen. Aber es würde ja nur für kurze Zeit sein, und die Beute, die er zu machen hoffte, rechtfertigte gewiss das von ihm erbrachte Opfer. Andererseits war es zweckmäßig, ein paar Einwände zu erheben, sonst schöpfte der Schlossverwalter am Ende noch Verdacht.

Was soll das Gitter vor dem Fenster?“, fragte Bawden.

Es befindet sich seit Jahrhunderten dort, niemand hat sich bislang daran gestört – im Gegenteil. Das Gitter kam den Sicherheitsbedürfnissen der Zimmerbewohner durchaus entgegen“, sagte Craig.

Sicherheitsbedürfnisse? Warum sollte man die haben?“, fragte Bawden.

Craigs blutleere Lippen verzogen sich kaum merklich. „Sie sind fremd in der Gegend, sonst wüssten Sie, was über Ballington Castle gemunkelt wird …“

Das Gerede der Leute interessiert mich nicht“, sagte Norman Bawden.

Umso besser“, meinte Craig. „Ich schätze Leute mit Ihrer Einstellung zu den Dingen. Lassen Sie sich von den anderen nicht anstecken. Natürlich gibt es Dämonen in diesem Haus, aber das bedeutet keineswegs, dass sie mit Ihnen Bekanntschaft schließen müssen.“


*


Norman Bawden blinzelte verdutzt. Er war überrascht, wenn auch keineswegs schockiert. Er wusste um die Spleenigkeit vieler Schlossbesitzer und nahm es hin, dass deren Angestellte ähnliche Ticks entwickelten. Aber es erstaunte ihn doch, dass man ihn so früh und wie selbstverständlich damit konfrontierte.

Es war gleichsam guter Brauch, dass jeder alte Besitz mit seinem eigenen Hausgeist zu renommieren versuchte, aber Dämonen waren etwas anderes. Sie waren um vieles bedrohlicher, ja der bloße Hinweis auf ihre Existenz wirkte geradezu abschreckend.

Dämonen?“, murmelte Norman Bawden.

Sind Sie ängstlich?“

Nein, warum sollte ich? So schlimm wird es mit den Biestern ja wohl nicht sein“, spottete Bawden. „Sonst wären Ihnen längst alle Angestellten davongelaufen.“

Das ist uns schon oft genug passiert“, sagte Craig, „Tatsache ist, dass sie es aus Angst getan haben. Sie sind einfach davongelaufen, bei Nacht und Nebel.“

Ich muss noch meine Sachen holen“, erklärte Bawden. „Wo kann ich meinen Wagen abstellen?“

Sie besitzen einen Wagen?“, fragte Craig stirnrunzelnd. Es klang fast wie ein Tadel.

Einen kleinen Hillman Imp“, sagte Bawden. „Ich habe ihn gebraucht erstanden.“

Tatsächlich hatte er ihn gestohlen. Normalerweise pflegte er sehr viel größere Wagen zu fahren, aber er hatte es aus Tarnungsgründen für richtig gehalten, auf ein bescheidenes, unauffälliges Fahrzeug umzusteigen.

Die Wirtschaftsgebäude befinden sich auf der anderen Seite des Wassergrabens, dort können Sie ihn abstellen“, sagte Craig. „Gegessen wird morgens um sieben, mittags um eins und abends um acht Uhr. Die Mahlzeiten werden vom Personal im Speicher neben der Küche eingenommen. Es wird erwartet, dass die Angestellten dabei den Hintereingang benutzen. Ach ja, noch eins – lassen Sie sich bitte von Miss Julia in kein Gespräch verwickeln.“

Wer ist Miss Julia?“, fragte Bawden.

Die Tochter der Alquists. Die Herrschaft befindet sich zurzeit in Südamerika.“

Wer teilt mir die Arbeit zu?“

Der alte Blake, unser erster Gärtner. Er ist in die Stadt gefahren, um ein paar Rosenscheren zu kaufen. Sie lernen ihn morgen kennen.“

Bawden räusperte sich. „Eine Frage noch, Sir. Warum soll ich mich von Miss Julia in kein Gespräch verwickeln lassen?“

Sie ist krank“, sagte Craig.

Sie meinen – hier oben?“, fragte Bawden zögernd und tippte sich gegen den Kopf.

Sie leidet unter zerebralen Störungen“, erklärte der Schlossverwalter.

Warum sollte sie sich mit mir unterhalten wollen – eine so reiche, junge Lady?“, fragte Bawden und brachte es fertig, einen Ausdruck naiver Verblüffung auf sein rundes, glattrasiertes Gesicht zu zaubern.

Er bemühte sich, seiner angenommenen Rolle als biederer Gartenarbeiter gerecht zu werden, aber tatsächlich wuchsen sein Erstaunen und seine Neugierde. Er fragte sich, ob der Schlossverwalter noch seine fünf Sinne beisammen hatte oder am Ende unter dem geistigen Defekt litt, den er Miss Julia Alquist zuschrieb.

Miss Julia ist ungemein frisch, kontaktfreudig und lernbegierig“, sagte Craig. „Sie interessiert sich für jedes neue Gesicht.“

Wie alt ist sie?“

Neunzehn.“

Selbstverständlich respektiere ich die von Ihnen erteilten Auflagen, aber ich möchte doch fragen, was schlimm daran wäre, wenn die junge Dame ein paar Worte mit mir wechselte. Nicht, dass ich mir etwas daraus machte, aber was soll ich denn tun, wenn sie auf die Idee kommt, mich anzusprechen?“, fragte Norman Bawden.

Seien Sie mürrisch, tun Sie wie einer, mit dem man kein vernünftiges Wort wechseln kann“, sagte Craig. „Das wird Miss Julia abschrecken und dazu bringen, jeden Unterhaltungsversuch abzubrechen.“

Okay, ganz wie Sie wollen, aber glauben Sie im Ernst, es könnte ihr schaden, wenn sie ein paar belanglose Worte mit mir austauschte?“

Ich will es nicht“, erklärte der Schlossverwalter schroff und zeigte seine gelblichen, aber sehr festen und scharfen Zähne. „Ich will es nicht, hören Sie?“

Norman Bawden zog die kräftig entwickelten Schultern hoch. Er nahm eine stramme Haltung ein. „Geht in Ordnung, Sir. Und was ist mit dem Lohn?“

Ach ja, der Lohn. Sie beginnen mit fünfzig Pfund netto in der Woche. Kost und Logis sind frei. Die Probezeit beträgt acht Wochen. Sind Sie damit einverstanden?“

Ja, Sir.“

Lassen Sie mir bitte Ihre Papiere hier, ich muss die notwendigen Eintragungen in der Personalkartei vornehmen“, sagte Craig.

Das verstehe ich, Sir“, sagte Bawden.

Er fuhr zurück nach Ballington Green, bezahlte im Gasthaus seine Rechnung und verstaute sein Gepäck, einen Koffer und eine Reisetasche, in dem kleinen, flaschengrünen Hillman.

Werden wir Sie mal wieder in der Gegend sehen, Sir?“, fragte der Wirt, der vor die Tür getreten war und Bawdens Reisevorbereitungen beobachtete.

Oh, ich bleibe Ihnen erhalten“, erwiderte Bawden lächelnd. „Ich habe mich dazu entschlossen, einen Job auf Ballington Castle anzunehmen.“ Im Gesicht des Wirts ging etwas vor, das Bawden irritierte und verunsicherte. Es war schwer zu sagen, ob der Wirt plötzliche Angst zeigte oder gar Ekel, jedenfalls machte er auf den Absätzen kehrt und verschwand ohne ein weiteres Wort im Inneren des Gasthauses.

Bawden zog die Luft durch die Nase. Die Reaktion des Wirts gefiel ihm nicht. Sie war so auffällig und spektakulär, dass es ihn, Bawden, danach drängte, eine Erklärung dafür zu erhalten.

Er betrat das Gästezimmer. Der Wirt stand mit gesenktem Kopf am Tresen, anscheinend tief in Gedanken versunken, und kehrte Bawden den Rücken zu.

Was ist los mit Ihnen“, fragte Bawden. „Was hat Sie an meiner Ankündigung so erschreckt?“

Der Wirt zuckte zusammen. Er drehte sich langsam um und blickte Bawden ins Gesicht.

Nichts“, murmelte er. „Gar nichts. Warum fragen Sie?“

Mann, ich habe doch Augen im Kopf“, sagte Bawden. Er war mit dem Wirt allein. „Sie können offen mit mir sprechen. Stimmt etwas nicht, mit meinem neuen Arbeitgeber? Offen gestanden kommt mir der Schlossverwalter reichlich spleenig vor. Ist er am Ende nur eine schlechte Kopie seiner Herrschaft, der Alquists?“

Der Wirt trat hinter den Tresen und spülte ein Glas. Es war zu erkennen, dass es ein Ablenkungsmanöver war. Er vermied es, Bawden anzusehen.

Wir haben mit den Leuten vom Schloss nichts zu schaffen“, knurrte er.

Gibt es so was wie Feindschaft zwischen Ballington Green und Ballington Castle?“, fragte Bawden.

Nein.“

Spannen Sie mich nicht auf die Folter, Mann“, sagte Bawden drängend. „Ich merke doch, dass Sie etwas beschäftigt. Sie sind fast aus den Socken gekippt, als ich Ihnen sagte, dass ich für die Alquists arbeiten werde.“

Der Wirt stellte das Glas aus der Hand und trocknete sich mit einem Tuch die Hände. „Wenn ich Sie wäre, würde ich das Ganze vergessen. Ich würde abhauen, ohne mich ein weiteres Mal auf Ballington Castle sehen zu lassen.“

Ich bin arbeitslos und kann die fünfzig Pfund in der Woche gut brauchen“, meinte Bawden. „Der alte Kasten gefällt mir. Hat so was Romantisches. Warum sollte ich den Job hinwerfen, noch ehe ich ihn begonnen habe?“

Das ist einfach“, sagte der Wirt. „Sie leben noch. Wenn Ihnen dieser Zustand gefallen sollte, ist Ballington Castle für Sie nicht der richtige Ort.“


*


He, das müssen Sie mir erklären“, murmelte Bawden stirnrunzelnd. „Wollen Sie damit sagen, dass mein Leben bedroht ist, wenn ich im Schloss arbeite?“

Ich werde mich hüten, derlei in die Welt zu setzen“, meinte der Wirt, „aber Tatsache ist, dass in den letzten Jahren mindestens sieben Leute, die wie Sie versucht haben, in Ballington Castle zu arbeiten, spurlos verschwunden sind.“

Davon hat Craig mir berichtet. Sie sind einfach abgehauen.“

Das ist die Version der Leute vom Schloss“, sagte der Wirt. „Im Ort denkt man darüber anders.“ „Nämlich?“

Ich habe schon zu viel gesagt. Ich möchte keinen Ärger mit den Alquists bekommen. Denen gehört praktisch jedes Haus und jeder Strauch in der Gegend. Sogar diese Kneipe hier. Ich bin bloß der Pächter.“

Geben Sie mir ’n Whisky“, bat Bawden. „So ungeschoren kommen Sie mir nicht davon. Erst jagen Sie mir Angst ein, dann machen Sie einen Rückzieher. Das ist nicht fair.“ „Ich würde nichts gesagt haben, kein Wort, wenn Sie nicht Gast meines Hauses gewesen wären“, wand sich der Wirt wie eine Schlange. „Da fühlt man gewisse Verpflichtungen, das werden Sie verstehen. Ich meine es gut mit Ihnen. Quittieren Sie den Job, noch ehe Sie ihn angetreten haben. Das ist mein wohlmeinender Rat. Mehr kann und möchte ich dazu nicht sagen.“

Nun kommen Sie mir bloß nicht mit diesem Gerede von den Dämonen, die es angeblich im Schloss gibt“, meinte Bawden und beobachtete, wie der Wirt ein Glas füllte. „He, nicht so viel!“, rief Bawden protestierend. „Ich habe Sie nicht um einen Doppelstöckigen gebeten. Ich wette, der alte Craig hat eine feine Nase und riecht sofort, wenn man einen gehoben hat. Ich möchte nicht gleich Ärger kriegen.“

Es geht nicht um Ärger“, sagte der Wirt und schob Bawden das Glas zu. „Es geht um Ihr Leben.“

Wollen Sie damit sagen, dass meine sieben Vorgänger es auf Ballington Castle verloren haben?“

Der Wirt schwieg. Bawden leerte das Glas mit zwei langen Zügen, dann stellte er es zurück und grinste. „Ich bin kein furchtsamer Typ. Mich reizen Gefahren und Risiken. Dieser Craig hat einen kleinen Knall, das habe ich schon spitzgekriegt. Wenn die anderen sind wie er, kann ich verstehen, dass ängstliche Naturen davonlaufen. Ich gehöre nicht dazu.“ „Ich habe Sie gewarnt“, sagte der Wirt.

Dafür danke ich Ihnen“, spottete Bawden. „Sie haben mir wirklich sehr geholfen! Jetzt werde ich mich auf Ballington Castle pudelwohl fühlen.“

Er zahlte und ging. Diese Provinzler waren allesamt verrückt. Die Tristesse ihres Lebens brachte sie vermutlich auf die absurdesten Ideen. Sie steigerten sich offenbar in törichte Phantasien hinein und ängstigten sich gegenseitig mit dem großen Gruselspiel. Es war eine Art von Jagdlatein, es machte die Betroffenen süchtig, und wer einmal damit begonnen hatte, fand es schwer, seine Finger davon zu lassen.

Er fuhr zurück nach Ballington Castle und hatte keine Mühe, die Wirtschaftsgebäude zu finden. Es wunderte ihn kaum, dass er weit und breit keine Menschenseele sah. Er dachte nicht weiter darüber nach, hob Koffer und Reisetasche aus dem Wagen und brachte das Gepäck in sein Zimmer.

Auch auf dem Weg dorthin begegnete ihm niemand. Er hängte seine Sachen in den Kleiderschrank und hoffte, dass weder Craig noch eines der Zimmermädchen auf den Gedanken kommen würden, sich darin umzusehen. Einige seiner Anzüge stammten aus Nobelläden in der Bond Street, und die Etiketten seiner Pullover und Hemden verrieten, dass er bis zum Tage seiner Flucht auf keinen Luxus verzichtet hatte.

Er war ein Mann, der aus den Slums stammte und seine fragwürdige Karriere als Falschspieler gekrönt halte. Aber er war auch mit der Tätigkeit eines Zuhälters vertraut, er hatte sich als Erpresser versucht, und er war bei zwei Raubüberfällen ebenso aktiv wie erfolgreich gewesen. Natürlich war er vorbestraft, er hatte sieben Monate in Dartmoore verbracht, aber er war davon überzeugt, genügend Kaltblütigkeit und Geschick zu besitzen, um einen solchen Tiefpunkt kein zweites Mal möglich werden zu lassen.

Er musste allerdings damit rechnen, dass man ihn suchte, sonst wäre er kaum aus London weggegangen. Er war bei dem Überfall auf eine Zweigstelle der Midland Bank fotografiert worden. Diese verdammten automatischen Kameras! Es war zu befürchten, dass die Bildauswerter längst wussten, wer sich unter dem aufgeklebten Schnurrbärtchen des Bankräubers verborgen gehalten hatte.

Zum Glück war er beweglich, in jeder Hinsicht.

Der doppelte Boden seines Lederkoffers enthielt eine Menge gefälschter Ausweispapiere. Er hatte sie sich rechtzeitig beschafft und jene mit dem erfundenen Namen Michael Swift für seine Bewerbung auf Ballington Castle benutzt.

Nachdem Norman Bawden Koffer und Tasche geleert hatte, schaute er sich verdrossen im Zimmer um. Es erinnerte ihn an seine Zelle in Dartmoore. Nein, hier würde er es nicht lange aushalten. Bestimmt gab es im Schloss kostbare Gemälde alter Meister. Wenn er die wertvollsten davon schnappte und sich später mit der Versicherung arrangierte, war anzunehmen, dass er einen Schnitt von zehn oder gar zwanzigtausend Pfund machen würde.

Bis dahin konnte er vor seinen Häschern sicher sein. Keiner seiner Verfolger würde auf die Idee kommen, dass es dem gutaussehenden und bekannt arbeitsscheuen Norman Bawden eingefallen sein könnte, sich in der Provinz als Gärtner zu verdingen.

Er verstand einiges von diesem Geschäft, denn sein Vater war Gärtnergehilfe gewesen und hatte oft die Hilfe des kleinen Norman in Anspruch genommen.

Er schaute auf die Uhr. Es war gleich acht Er verließ das Zimmer und machte sich auf den Weg zur Küche.

Er verlief sich dabei einige Male, aber das kam ihm nicht ungelegen. Er konnte sich dabei im Schloss umschauen und feststellen, wo es etwas Mitnehmenswertes gab.

Er betrachtete sich als Profi und versuchte darüber hinaus festzustellen, wo es Einstiegs- und Fluchtmöglichkeiten gab. Er registrierte sorgfältig jedes Detail, das ihm wichtig erschien, und war beeindruckt von der Pracht, die sich im Inneren der Korridore, Treppenflure und Säle entfaltete.

Es war leicht zu erkennen, dass das Vermögen der Alquists über die Jahrhunderte hinweg gewachsen war. Diese Selbstdarstellung war frei von Protzigkeit, und doch ließ sich nicht übersehen, dass hier phantastische Reichtümer angehäuft worden waren.

Wer sind Sie, was tun Sie hier?“, ertönte eine sanfte, weibliche Stimme hinter ihm.

Norman Bawden zuckte auf den Absätzen herum. Ihm blieb die Erwiderung buchstäblich im Hals stecken.

Seine Augen weiteten sich.

Nur wenige Schritte von ihm entfernt stand das wohl schönste und erregendste weibliche Wesen, das ihm jemals zu Gesicht gekommen war.

Es gab keinen Zweifel, dass er Julia Alquist vor sich hatte.


*


Mein Name ist Swift“, stellte er sich vor. „Ich bin der neue Gärtner. Ich suche die Küche.“

Oh, ich bin Julia Alquist“, sagte die junge Frau lächelnd und streckte ihm eine schmale Hand entgegen. Bei ihrer Berührung zuckte Norman Bawden zusammen. Ihm war zumute, als erhielte er einen Stromstoß. Der Schock traf das Zentrum seines Herzens.

Angenehm“, murmelte Bawden und ließ die Hand fallen.

Julia beschrieb ihm den Weg zur Küche. Dann sagte sie plötzlich: „Sie sehen nicht aus wie ein Gärtner.“

Nein?“, fragte er. „Aber ich bin einer.“

Das glaube ich Ihnen. In meinem Zimmer steht eine kleine Topfpalme. Ich fürchte, sie wird eingehen. Würden Sie sie sich bitte einmal ansehen und mir sagen, was getan werden kann, um sie zu retten?“

Selbstverständlich“, sagte er.

Sein Herz klopfte. Er begriff, dass er sich auf Anhieb in diese Frau verliebt hatte.

Ihm war klar, dass er damit seine Lage verkomplizierte.

Gefühlsbindungen waren für einen Mann seines Kalibers und seiner Absichten gefährlicher Ballast; er konnte ihn sich nicht leisten.

Julia war rotblond und hatte große, langbewimperte Augen von blassem Grün. Die fein ziselierte Nase, die hohe Stirn und der sehr weibliche Mund fügten sich zu einem Gesichtsoval von makelloser Schönheit.

Die Frau hatte eine schlanke, langbeinige Figur und war mit einem etwas über knielangen Kleid aus naturfarbigem Leinen bekleidet. Schal und Gürtel von der Farbe ihrer Augen sorgten für belebende Kontraste.

Norman Bawden war außerstande, seinen Blick von der schönen Frau zu wenden. Er hatte eine phantastische Idee, die bei näherem Hinsehen keineswegs so kühn erschien, wie sie sich zunächst darbot.

Wenn es ihm gelang, die Frau an sich zu binden, wenn er es schaffte, Julia Alquist zu seiner Verlobten zu machen, würde er mehr gewinnen, als es selbst durch den größten und geschicktesten Schmuck oder Bilderdiebstahl ermöglicht werden konnte.

Norman Bawdens Pulsschlag erhöhte sich bei diesem Gedanken noch mehr.

Julia lebte hier draußen so gut wie isoliert, vermutlich waren ihre gesellschaftlichen Kontakte zu jungen Männern gleich Null. Sie war alt genug, um sich verlieben zu können. Wenn er die Verführung mit dem notwendigen Geschick einleitete, musste es ihm gelingen, Julia gefügig zu machen – mehr noch: hörig.

Natürlich gab es auf dem Weg dorthin viele Hindernisse und Schwierigkeiten. Er war vorbestraft, und er hatte sich mit einem Falschnamen eingeführt, aber sein Vorleben ließ sich als eine Kette von Jugendsünden darstellen, und was den angenommenen Namen anging, so konnte er sich etwas einfallen lassen, um sein Handeln in einem weniger kriminellen Licht erscheinen zu lassen.

Diese Dinge gingen ihm blitzschnell durch den Kopf. Sie waren zunächst nur spontane Eingebungen, aber sie setzten sich in ihm fest, und je länger er die schöne Frau anschaute, umso entschlossener war er, sie auf irgendeine Weise an sich zu ketten.

Notfalls, das schwor er sich, würde er sie einfach kidnappen und für ihre Freilassung Millionen fordern.

Woran denken Sie?“, fragte Julia ihn plötzlich.

Denken? Wieso?“, murmelte er verwirrt.

Sie haben einen so merkwürdigen Ausdruck in den Augen“, meinte Julia.

Du musst auf der Hut bleiben, rief er sich zur Ordnung. Du darfst dich nicht verraten. Laut erwiderte er: „Ich versuche darüber nachzudenken, was ich über Topfpalmen und deren Krankheiten weiß.“

Jetzt sollten Sie erst einmal essen gehen“, meinte Julia lächelnd.

Er nickte und machte kehrt. Als er sich entfernte, ließ das Hämmern seines Herzens nur langsam nach. Er fühlte sich wie benommen.

Was für eine Frau!“, flüsterte er. „Ich werde sie besitzen. Sie wird mir gehören – koste es, was es wolle!“


*


Ein Stöhnen stoppte ihn.

Er wandte den Kopf. Der Korridor, den er durchschritt, ähnelte einem Kreuzgang. Das Mauerwerk war aus altersgrauen Quadersteinen gefügt; an den Wänden hingen keine Bilder.

Das Stöhnen wiederholte sich. Es war diesmal ein wenig lauter und kam hinter der mit Stahlblech und dicken Eisennägeln beschlagenen Tür hervor, vor der er stehengeblieben war.

Norman Bawden zögerte. Es ging ihn nichts an, wer mit diesem Stöhnen seinem Leid ein Ventil öffnete, andererseits war nicht auszuschließen, dass jemand sich verletzt hatte und dass er aufgerufen war, zu helfen.

Zweifellos würde es sich gut machen und seinem Einzug auf Ballington Castle ein gewisses Flair geben, wenn er sich mit einer edlen Tat oder noblen Geste auszeichnete.

Norman Bawdon trat an die Tür, lauschte kurz und klopfte gegen das Holz.

Niemand antwortete.

Bawden wiederholte das Klopfen, ohne Erfolg.

Er überlegte, ob es am Ende nicht klüger sei, einfach weiterzugehen, aber dann übermannte ihn die Neugierde. Er legte seine Hand auf die Klinke und drückte sie langsam nach unten. Die Tür öffnete sich.

Der Raum, der vor ihm lag, wies mit einem nicht sehr großen, bleiverglasten Fenster zum Innenpark des Schlosses. Das Zimmer war mit Möbeln einer längst vergangenen Epoche bestückt; sie waren dunkel und klobig.

Auf einem Stuhl am Fenster saß reglos ein schwarz gekleideter Mann mit gesenktem Kopf. Er kehrte Bawden den Rücken zu.

Verzeihung …“, murmelte Bawden.

Der Mann erhob sich, er wandte sich um und blickte Bawden ins Gesicht.

Bawden stand wie angenagelt. So, wie er von Julias erregender Schönheit überrascht worden war, so versetzte ihn diesmal der Fremde in Erstaunen, wenn auch auf völlig andere Weise.

Der Mann war gekleidet wie einer, der Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts gelebt haben mochte. Hoher, steifer Kragen, steife Hemdbrust, schwarze Schleife. Dazu ein stark taillierter Anzug mit Röhrenhosen.

Das Gesicht war wachsbleich. Es wurde beherrscht von dunklen Augen, die Bawden das Gefühl gaben, auf erschreckende Weise illuminiert zu sein – fast so, als ob auf ihrem Grund ein schwaches Feuer lodere.

Hallo“, murmelte Bawden betroffen. „Entschuldigen Sie bitte, aber ich dachte …“ Er führte den Satz nicht zu Ende.

Was dachten Sie?“, erkundigte sich der Schwarzgekleidete beharrlich und hob die dunklen Brauen. Er hatte glatt zurückgekämmtes, pomadisiert wirkendes Haar von tiefer Schwärze. Es trug nicht wenig dazu bei, die fahle Blässe seiner Gesichtshaut zu betonen.

Mir schien es so, als hörte ich ein Stöhnen“, sagte Bawden. „Es machte mir Angst.“

Sie sind fraglos ein Mann von tiefem Mitgefühl“, meinte der Schwarzgekleidete. Es klang spöttisch. „Eine wirklich schätzenswerte Eigenschaft.“

Haben Sie gestöhnt, Sir?“

Schon möglich. Vielleicht war ich in Gedanken, mein Freund. Sie sollten das nicht zu ernst nehmen. Sie sind der neue Gärtner, nicht wahr?“

Ja. Mein Name ist Mike Swift.“

Ich hoffe, Ballington Castle gefällt Ihnen. Was mich angeht, so finde ich es zauberhaft“, sagte der Mann.

Bawden war verwirrt. Das ärgerte ihn. Er ließ sich nicht leicht von anderen ins Bockshorn jagen, aber das Aussehen des Fremden und die Art, wie er sich mit hohler Stimme und fast blutleerem Mund äußerte, machten ihn nervös.

Ich nehme an. Sie wollen essen gehen“, sagte der Schwarzgekleidete. „Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit.“

Danke, Sir“, sagte Bawden.

Er wusste noch immer nicht, wer ihm gegenüberstand. Der Schwarzgekleidete verzog den Mund.

Das ist alles“, sagte er. „Schließen Sie die Tür bitte leise, Norman.“


*


Norman!

Bawden schnappte buchstäblich nach Luft und schaffte es irgendwie, den Korridor zu betreten und die schwere Tür hinter sich ins Schloss zu ziehen.

Woher wusste der Schwarzgekleidete, wer er war und wie er hieß?

Als Norman Bawden im Korridor stand, musste er sich sekundenlang gegen die feuchtkalte Wand lehnen. Er spürte seine Schwäche bis in die Kniekehlen.

Wer war der Schwarzgekleidete gewesen? Wie erklärte es sich, dass diese Panoptikumsfigur seinen Vornamen genannt hatte?

Ein Zufall?

Bawden stieß sich von der Wand ab. Er ging weiter. Irgendwie gelangte er in die Küche und von dort in den gewölbeartigen Speicherraum, von dem Craig gesprochen hatte. An einem langen Holztisch standen sieben Stühle. Sie waren leer.

Nirgendwo war eine Menschenseele zu sehen. Doch der Tisch war gedeckt, und auf dem Küchenherd stiegen von einigen Töpfen brodelnde Dämpfe empor.

Sie sind Mr. Swift, nicht wahr?“, ertönte es hinter Bawden. Er zuckte auf den Absätzen herum. Eine scheinbar uralte Frau in bodenlangem, grauem Kleid mit Schürze und Häubchen kam auf ihn zu. Sie streckte ihm eine schmale, verkrüppelt anmutende Hand entgegen, die zu berühren Bawden mit leisem Abscheu erfüllte, und sagte: „Sie nehmen den ersten Stuhl auf der linken Seite. Ich hoffe, meine Gemüsesuppe schmeckt Ihnen. Mein Name ist Elvira. Ich bin die Köchin.“

Angenehm“, murmelte Bawden und zog seine Rechte nach kurzem Handschlag fast beleidigend schnell zurück. „Wer ist eigentlich der Mann im schwarzen Anzug?“

Setzen Sie sich“, sagte die Alte. „Ich bringe die Suppe.“

Wo sind die anderen?“, fragte Bawden.

Die Alte verschwand in der Küche. Als sie zurückkehrte, hatte sie eine Suppenterrine bei sich. Mit einer Schöpfkelle füllte sie Bawdens Teller. Die Suppe war ziemlich dick, aber sie roch sehr würzig nach frischen Kräutern.

Wo sind die anderen?“, wiederholte Bawden.

Sie werden gleich kommen“, versicherte die Alte. „Fangen Sie ruhig schon an, Norman.“

Bawden legte den Löffel aus der Hand. „Was haben Sie gerade gesagt?“

Hier im Personalraum ist es üblich, dass die Angestellten sich untereinander mit dem Vornamen anreden“, sagte die Alte.

Ich heiße Mike.“

Habe ich das nicht gesagt?“

Sie sagten Norman!“

Ich werde alt“, entschuldigte sich die Köchin kopfschüttelnd und schlurfte hinaus.

Bawden probierte die Suppe. Sie schmeckte so gut wie sie roch, aber ihm war der Appetit vergangen. Streng genommen hatte der sich bereits beim Anblick der uralten Köchin verflüchtigt. Sie musste mindestens neunzig sein!

Die Tür öffnete sich. Ein hochgewachsener Mann betrat den Raum. Bawden schätzte den Neuankömmling auf ein Alter, das mit dem der Köchin Schritt zu halten vermochte. Umso erstaunlicher war es, wie gerade sich der Mann bewegte. Er hatte die Haltung eines altgedienten Soldaten.

Sein Gesicht wirkte wie aus braunem Holz geschnitzt. Die hellblauen Augen waren wässrig.

Ich bin Raymond Purley, der Butler“, stellte der Alte sich mit näselnder Stimme vor. „Und Sie sind Norman, stimmt's?“ Er streckte Bawden eine knochige Hand entgegen.

Bawden legte den Löffel in den Teller und merkte, wie er rot wurde.

Wer sagt Ihnen, dass ich Norman heiße?“, fragte er. Seine Stimme klang belegt.

Craig hat es mir gesagt, glaube ich“, meinte der Butler und setzte sich an die untere Schmalseite des Tisches. Die Köchin tauchte mit der Suppenterrine auf.

Ich heiße Mike“, sagte Bawden scharf.

Nicht zu viel, Elvira“, bat der Butler und schob die Kelle der Köchin beiseite, nachdem diese den Schöpflöffel zur Hälfte auf dem Teller entleert hatte. Purley schaute Bawden an. „Ah! Soll das heißen, dass man Sie ‚Mike‘ nennt?“

Ja, das ist richtig“, sagte Bawden.

Purley zuckte mit den Schultern und begann zu essen.

Craig muss sich geirrt haben“, sagte er.

Wer ist der Mann im schwarzen Anzug?“, wollte Bawden wissen. Er hatte immer stärker das Gefühl, sich in eine Situation zu verlieren, die von anderen gesteuert und kontrolliert wurde.

Der Butler wurde einer Antwort enthoben, da in diesem Moment der Schlossverwalter hereinkam. Er bewegte wie schnüffelnd die Nase und rief: „Ah, Elviras phantastische Gartenkräutersuppe! Immer her damit, ich habe einen Mordsappetit.“ Er nahm an der anderen Schmalseite des Tisches Platz, dem Butler gegenüber, direkt neben Bawden.

Was haben Sie den Leuten gesagt?“, fragte Bawden den Schlossverwalter. „Alle scheinen zu glauben, dass ich Norman heiße.“

Patrick Craigs kreisrunde Brillengläser richteten sich, kalte Reflexe spiegelnd, auf den Fragesteller.

Ja, heißen Sie denn nicht so?“, erkundigte er sich murmelnd und stopfte sich gleichzeitig eine weiße Dammastserviette zwischen Hals und Kragen.

Mein Name ist Mike Swift“, bemühte sich Bawden mit fester Stimme zu antworten.

Richtig, Swift! Mike Swift“, murmelte der Schlossverwalter. Er schüttelte wie konsterniert den mumienhaften Kopf. „Zu blöd! Wie konnte ich das nur vergessen? Bitte, entschuldigen Sie den Fauxpas.“

Im Ernst, Patrick“, meinte der Butler tadelnd, „zwischen Mike und Norman besteht auch nicht die geringste Ähnlichkeit.“

Ich werde alt“, entschuldigte sich Craig, lehnte sich zurück und verfolgte mit gierig glitzernden Augen, wie Elvira seinen Teller füllte.

Bawdens Erstaunen riss nicht ab. Es schien, als setzte sich das Personal des Schlosses aus Leuten zusammen, die selbst in einem Altersheim als hochbetagt gegolten haben würden. Auch die beiden nachfolgenden Diener und ein Zimmermädchen sahen aus, als hätten sie längst ihr Gnadenbrot verdient. Erstaunlich und auffällig war, dass diese scheinbar uralten Leutchen sich noch immer normal bewegten und einen durchaus kräftigen Eindruck machten.

Nach der Suppe gab es kalten Braten mit Brot. Das Essen war gut und reichlich, aber es vermochte nicht die Schocks zu mildern, die Bawden in der letzten Stunde hatte hinnehmen müssen.

Ihm fiel Julia ein.

Julia!

Ihre Schönheit ließ ihn nicht mehr los. Zwischen diesen wie mumifiziert anmutenden Menschen musste er auf die junge Frau wie ein junger Gott wirken.

Keine Frage, er sah gut aus, obwohl es natürlich Leute gab. die ihm vorwarfen, etwas Gigolohaftes an sich zu haben, einen Schuss Gassenschönheit. Wenn schon! Für eine Frau, die gezwungen war, in dieser Umgebung zu leben, musste er eine Offenbarung bedeuten.

Norman Bawden war jedenfalls fest entschlossen, seine Trümpfe auszuspielen. Nach dem Essen klopfte er an die Tür von Julias Zimmer.

Herein!“

Zusammenfassung


Eine Spur auf der Suche nach dem, wegen Diebstahl und Mordversuch, untergetauchten Kriminellen Norman Bawden, führt Inspektor Mark Drummond, nach Ballington Castle, dem Anwesen der Alquists. Dieses hat der Umgebung einen unheimlichen Ruf. Dämonen sollen hier ihr Unwesen treiben … Er selbst glaubt diesen Unsinn nicht, vermutet eine andere Erklärung … Ist das ein Fehler?
Er kommt jedoch zu spät – Bawden scheint weitergezogen zu sein, oder stecke etwas ganz anderes hinter seinem Verschwinden? Drummond trifft auf die wunderschöne aber auch einsame Tochter der Alquists, Julia. Sie glaubt nicht an den Spuk, den der Inspektor und die Leute im Ort über das Castle, ihrem Elternhaus, erzählen, auch nicht, dass Drummond Leute getroffen haben will, die eigentlich seit Jahren tot sind. Bis zu der alles entscheidenden Nacht …

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909166
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (April)
Schlagworte
nacht verdammung

Autor

Zurück

Titel: Die Nacht der Verdammung