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SHANNON #4: Shannon und die Llano-Geier

2017 130 Seiten

Zusammenfassung

Wieder einmal gerät Jim Shannon ungewollt zwischen zwei Fronten. Auf der einen Seite stehen der Rancher Jefford und sein skrupelloser Vormann Ken Dwyer, und auf der anderen Seite der Comanchero-General Pedro Santillo. Es geht um Waffengeschäfte mit den Indianern und um ganz viel Geld. Als Shannon erfährt, dass sein alter Freund Dave Coleman von Jefford bedroht wird, weil dieser die dunklen Machenschaften des Ranchers aufdecken und in seiner Zeitung „Pecos Courier“ veröffentlichen will, greift Shannon ein, um Coleman beizustehen. Aber das ist erst der Beginn einer Kette von weiteren verhängnisvollen Ereignissen. Ob es Shannon auch diesmal wieder schafft, diese ausweglose Situation zu meistern?

Leseprobe

Shannon und die Llano-Geier


Ein Western von John F. Beck




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von F. T. Johnson, 2017

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappe

Wieder einmal gerät Jim Shannon ungewollt zwischen zwei Fronten. Auf der einen Seite stehen der Rancher Jefford und sein skrupelloser Vormann Ken Dwyer, und auf der anderen Seite der Comanchero-General Pedro Santillo. Es geht um Waffengeschäfte mit den Indianern und um ganz viel Geld. Als Shannon erfährt, dass sein alter Freund Dave Coleman von Jefford bedroht wird, weil dieser die dunklen Machenschaften des Ranchers aufdecken und in seiner Zeitung „Pecos Courier“ veröffentlichen will, greift Shannon ein, um Coleman beizustehen. Aber das ist erst der Beginn einer Kette von weiteren verhängnisvollen Ereignissen. Ob es Shannon auch diesmal wieder schafft, diese ausweglose Situation zu meistern?





Roman

Wasser! Inmitten der mannshohen Felsgruppe lag der lehmgelbe Tümpel. Sechs Stunden lang war Jim Shannon durch die hitzeflimmernde Wüste gestolpert auf der Suche nach Wasser. Er torkelte noch ein, zwei Schritte und brach in die Knie. Langsam beugte er sich zum Wasserspiegel. Zwischen den Felsen richtete sich lautlos eine dunkle Gestalt auf. Ein Gewehrlauf wurde angehoben und zielte auf den Rücken Shannons. Ein Repetierbügel schnappte.

Steh auf, Muchacho! Wenn du zum Eisen greifst, bist du ein toter Mann. Dreh dich vorsichtig um und mach keine Zicken!"

Shannon erstarrte. Am Morgen hatten ihn Comanchen in eine Falle gelockt. Sie hatten ihn niedergeschlagen und für tot liegen lassen. Pferd, Waffen und Ausrüstung hatten sie mitgenommen. Einmal war Shannon dem Tod entronnen. Nun musste er den zweiten Kampf aufnehmen: ein Sechsstunden-Marsch durch die Llano Estacado. Wenn er kein Wasser fand, musste er verdursten. Die Geier der Llano kreisten schon über ihm. Aber sie wurden enttäuscht. Shannon hatte zum zweiten Mal gesiegt. Er hatte Wasser gefunden.

Und jetzt...

Steh auf, hab’ ich gesagt!“, blaffte der Mann in seinem Rücken.

Shannon trug zwar noch einen Colt in der tiefhängenden Halfter am rechten Oberschenkel. Aber der war nicht geladen.

Er krallte die Finger in den Sand. Dann wirbelte er wie ein Puma herum, schleuderte dem stoppelbärtigen Kerl zwei Hände voll Sand ins Gesicht und schnellte seitlich in die Höhe.

Der Mann taumelte und drückte ab. Ein fußlanger Mündungsblitz zischte wirkungslos über Shannon hinweg.

Shannon hatte den Colt schon aus der Halfter gezogen. Er warf sich vorwärts. Mit dem Stahllauf der Waffe schmetterte er den Halunken zu Boden, der den Karabiner fallen ließ.

Shannon bückte sich nach dem Gewehr.

Packt ihn!“, schrie eine wütende Stimme.

Shannon sah auf. Links und rechts huschten Schatten auf ihn zu.

Macht ihn fertig.“

Shannon ließ den leergeschossenen Colt fallen und griff zum Karabiner. Aber sie ließen ihm keine Chance mehr. Wie ein Wolfsrudel fielen fünf Männer über ihn her. Fußtritte prellten die Waffe beiseite.

Ein Kolbenhieb zwischen die Schulterblätter warf Shannon nach vorn. Er riss einen fluchenden Angreifer um, wälzte sich im Staub und wollte wieder hoch. Da traf ein zweiter Schlag seine Schläfe. Plötzlich war alles ausgelöscht.


*


Shannon erwachte mit heftigen Kopfschmerzen. Grelles Sonnenlicht blendete ihn. Als er sich aufrichten wollte, wurde ihm übel. Er zwang sich, tief und gleichmäßig zu atmen. Langsam kehrte die Erinnerung zurück - und mit ihr der zähe Wille zum Überleben. Zum dritten Mal an diesem Tag.

Pferde schnaubten in der Nähe. Shannon hörte einen klatschenden Peitschenhieb, dem ein dumpfes Stöhnen folgte.

Eine mitleidlose Stimme drohte: „Hör auf zu lügen, Gavin! Es hat keinen Sinn mehr. Du hast nur noch eine Chance, wenn du endlich mit der Wahrheit herausrückst.“

Geh zum Teufel, Dwyer!“ Die Antwort klang rissig und erschöpft. „Du wirst von mir nichts anderes hören, als dass ich diesen Mann nie zuvor gesehen habe.“

Ein hartes Auflachen ertönte. „Wie kann ein Kerl nur so verdammt stur sein? Willst du wirklich, dass ich weitermache, Gavin?“

Shannon rollte sich mit zusammengebissenen Zähnen herum. Was er sah, ließ ihn Schmerz und Schwäche vergessen.

Zwischen zwei straff gespannten, an Felskegeln verknoteten Lassos war ein hagerer Mann mit ausgebreiteten Armen festgebunden. Seine Beine waren leicht durchgeknickt, aber die Stricke hielten ihn aufrecht. Das Hemd hing in blutgetränkten Fetzen an seinem knochigen Oberkörper. Die Peitsche hatte grausame Spuren hinterlassen.

Dwyer, der Mann mit der kurzstieligen Rinderpeitsche, stand breitbeinig vier Schritte vor ihm: eine geschmeidige, ganz in schwarzes Leder gekleidete Gestalt. Die Peitschenschnur ringelte sich im Sand bis vor die Stiefel des Gefangenen.

Vier schwerbewaffnete Männer beobachteten die Szene mit kalter Teilnahmslosigkeit. Die gesattelten Pferde standen im Schatten einer steilen, rötlich schimmernden Felswand.

Eine Gewehrmündung tauchte vor Shannon auf, und eine gehässige Stimme knurrte: „Er ist wach, Ken. Der Bastard ist nicht nur so zäh wie ‘ne Wildkatze, der hat auch einen Schädel aus Eisen. Well, jetzt werden wir ja gleich Bescheid wissen.“ Ein brutaler Tritt traf Shannon gegen die Rippen.

Das höhnische Gesicht des Massigen neigte sich über ihn. „Los, steh auf! Schau dir nur gut deinen Freund Buck Gavin an, damit du dir nie wieder so ‘ne verrückte Chance ausrechnest!“

Jäher flammender Grimm half Shannon auf die Füße. Er schwankte. Gavin starrte mit flackernden Augen herüber.

Lass ihn laufen, Dwyer! Er hat mit der ganzen Sache nichts zu tun.“

Die Rechte des Ledergekleideten zuckte. Pfeifend wand sich die Peitschenschnur um den Körper des Gefangenen. „Du redest nur, wenn du gefragt wirst. Los, Jungs, bringt den Kerl her!“

Zwei kräftige Männer schleppten Shannon über den Platz. Der Stoppelbärtige stiefelte mit dem Gewehr hinterher. Der Anführer drehte sich gelassen zu Shannon um. Sein kantiges, gut geschnittenes Gesicht verzog sich zu einem schiefen Lächeln.

Ich hoffe für dich, dass du vernünftiger bist als dein Partner. Versuche erst gar nicht, mir einzureden, dass du nur zufällig in dieser gottverlassenen Gegend rumschleichst. Heraus mit der Sprache! Seid ihr beide allein oder hat dieser übergeschnappte Zeitungsschmierer in Skyrock noch so einen Dummkopf gefunden, der sich für ein paar lumpige Dollars mit der Jefford Ranch anlegen will?“

Shannon spannte seine Muskeln. Aber der Griff seiner Bewacher war eisern. Außerdem stand der mit dem Gewehr dicht hinter ihm. Shannon zuckte die Achseln.

Ich kenne weder Gavin, noch habe ich jemals von der Jefford Ranch gehört. Mein Name ist Jim Shannon. Ich bin höllisch empfindlich, wenn man mich mit einer Treiberpeitsche zu kitzeln versucht.“

Der Massige hinter Shannon brummte wütend: „Der ist genauso bockig wie Gavin. Ken, worauf wartest du? Gib ihm die Peitsche!“

Immer mit der Ruhe, Doug! Vielleicht weiß dieser Hombre nicht, mit wem er es zu tun hat. Vielleicht hat ihn sein Auftraggeber in Skyrock nicht ausreichend gewarnt. Well, pass auf, Shannon! Ich bin Ken Dwyer, Vormann auf Jeffords Ranch, seine rechte Hand sozusagen. In Skyrock nennen sie mich den Peitscher. Du wirst schon noch merken, warum.“

Dwyer hatte lässig seine Peitsche aufgerollt. Plötzlich, für alle unerwartet, fuhr er herum. Die Peitschenschnur sauste durch die Luft. Einer von Dwyers Kumpanen stieß einen erschrockenen Schrei aus. Die geflochtene Lederschnur hatte sich blitzschnell um den Kolben seines Revolvers gewickelt. Ein Ruck lupfte die Waffe aus der Halfter, ohne dass die Peitschenschnur den Körper des Mannes berührt hätte. Dwyer lächelte Shannon verkniffen zu.

Wie gefällt dir das?“

Wenn ich die Hände frei hätte, würde ich Beifall klatschen“, erwiderte er kaltblütig. Um keinen Preis wollte er sich vor diesen Schurken anmerken lassen, wie ihm wirklich zumute war. Schweiß lief in glitzernden Rinnsalen über sein Gesicht. Aber daran konnte auch die sengende Glut der Wüstensonne schuld sein.

Dwyer blickte lauernd von Shannon auf Gavin und wieder zurück. Plötzlich befahl er: „Lasst ihn los! Nat, gib ihm dein Messer!“

Die Kerle starrten ihren Anführer verblüfft an. Aber offenbar waren sie gewohnt, seine Befehle widerspruchlos zu befolgen. Gleich darauf war Shannon frei. Ein breitschultriger Bursche drückte ihm ein Bowiemesser in die Faust. Rasch wichen die Banditen zurück. Nur Doug, der Massige, blieb mit dem schussbereiten Karabiner dicht hinter Shannon.

Ken Dwyers Augen funkelten tückisch. „Shannon, du bleibst also dabei, dass du nicht zusammen mit Buck Gavin auf dem Gebiet der Jefford Ranch herumgeschnüffelt hast? Well, dann beweise es!“ Dwyer deutete ruckartig mit dem Peitschenstiel auf den zerschundenen Mann zwischen den Lassos. „Leg ihn um!“

Shannon blickte auf das Messer in seiner Faust. Die Klinge blitzte in der Sonne. Shannons Kehle trocknete aus. Er spürte seinen Magen wie einen Bleiklumpen. Die Banditen beobachteten ihn höhnisch und erwartungsvoll.

Shannon schüttelte den Kopf. „Du bist einer der schlimmsten Schurken, die mir je begegnet sind, Dwyer. Aber du wirst aus mir keinen Mörder machen.“

Der Peitscher hob grinsend die Schultern. „Du hast keine andere Wahl. Entweder du tötest Gavin, oder du bist selber dran. Doug kann es sowieso kaum erwarten, mit dir abzurechnen. Ich lasse dir eine Minute Zeit, Shannon.“

Der Bandit hinter Shannon lachte leise. Dieses Lachen und das grausame Leuchten in den Augen der Jefford-Reiter erfüllten Shannon mit eisigem Grimm. Er zerbrach sich jetzt nicht den Kopf darüber, in welche gefährlichen Machenschaften er so plötzlich verstrickt war. Dwyer und seine Komplicen würden vor nichts zurückschrecken. Das war alles, was nun zählte. Shannons kantiges Gesicht war ausdruckslos, seine Schultern eingesunken. Widerstrebend trat er auf den Gefangenen zu.

Dougs Tritte waren dicht hinter ihm. Gavins Augen weiteten sich entsetzt, aber kein Laut kam über seine zusammengepressten Lippen. Schweiß perlte auf seinem bärtigen Gesicht.

Dwyer mahnte: „Noch eine halbe Minute, Shannon.“

Shannon sah jede Linie in Gavins Gesicht überdeutlich vor sich. Langsam, wie einem fremden Willen gehorchend, hob er das Messer. Gavin starrte ihn leer an.

Die funkelnde Klinge verharrte reglos. Doug presste die Gewehrmündung gegen Shannons Rücken.

Stoß zu, verdammt noch mal!“ Shannon zuckte herum und schlug den Karabiner zur Seite. Das Messer bohrte sich in Dougs Brust. Lautlos brach der massige Bandit zusammen.

Shannon war unheimlich schnell. Ehe die anderen richtig begriffen, was los war, hatte er das Gewehr gepackt und auf Ken Dwyer gerichtet. Es war ein Lee Enfield-Karabiner. Im Bürgerkrieg waren Truppen der Südstaaten mit diesem Modell ausgerüstet gewesen.

Dwyer, du weißt hoffentlich, dass du der nächste bist, wenn einer deiner Freunde eine falsche Bewegung macht.“

Dwyers Haltung erinnerte an einen zum Sprung geduckten Wolf. Seine Faust mit der Bullpeitsche war halb erhoben. Shannon traute es diesem Verbrecher ohne weiters zu, einem Gegner mit einem gezielten Hieb die Halsschlagader zu zerfetzen.

Aber Dwyer war kein Dummkopf. Die stählerne Entschlossenheit in Shannons dunkle Augen warnte ihn. Er ließ die Peitsche fallen.

Macht keinen Fehler, Amigos! Shannon gewinnt nur eine Frist. Wenn er wirklich für Coleman reitet, erwischen wir ihn schon.“

Coleman? Der Name weckte Erinnerungen in Shannon. Aber jetzt war keine Zeit für Fragen.

Shannons Waffe ruckte drohend. „Ich brauche ein Pferd. Den Rotfuchs dort drüben. Außerdem will ich meinen Colt zurück, und zwar geladen und mit einem Vorrat passender Munition.“

Gebt ihm, was er will!“, murrte Dwyer.

Shannons Karabiner zielte auf den Vormann, bis der gesattelte Gaul neben ihm stand. Der Waffengurt mit dem langläufigen 44er Army Colt baumelte am Sattelhorn. Aus dem Scabbard ragte der Kolben eines Remingtongewehrs.

Die ganze Zeit wartete Dwyer verbissen auf eine Chance, den eigenen Colt zu erwischen. Er bekam sie nicht.

Shannon behielt Dwyer auch dann vor der Mündung, als er sich in den Sattel zog. Der Rotfuchs tänzelte bockig, merkte aber schnell, dass ein erfahrener Mann auf seinem Rücken saß und gab jeden Widerstand auf. Shannon lenkte ihn zu Gavin.

Binde ihn los, Dwyer! Ich nehme ihn mit.“

Der Peitscher lächelte gehässig. „Ihr gehört also doch zusammen. Well, damit hat Coleman euch beide in den Tod geschickt.“

Du irrst dich. Ich musste ein Rudel skalphungriger Comanchen von meiner Fährte abschütteln. Deshalb geriet ich in diese Gegend. Das heißt nicht, dass ich einen Wehrlosen eurer Willkür ausliefere. Tu, was ich dir sage, Dwyer!“

Der Vormann band den Gefangenen los. Gavin war so erledigt, dass er sich an Shannons Sattel festklammern musste, um nicht zu fallen. Es war nicht daran zu denken, dass der Bärtige auf einem eigenen Pferd reiten konnte. Lauernd sah Dwyer zu, wie Shannon den keuchenden Mann hinter sich aufs Pferd zog. Gavin hielt sich krampfhaft an seinem Befreier fest.

Dwyer spuckte in den Sand. „Großartig seht ihr aus! Ich wette, ihr schafft keine sechs Meilen.“

Shannons Antwort war ein Schuss von der Hüfte aus, der vor Dwyers Stiefelspitze eine Staubfahne hochriss. Erschrocken sprang der Vormann zurück. Shannon wendete hastig den schnaubenden Rotfuchs. Aus dieser Drehung jagte er weitere Kugeln flach über die Köpfe der übrigen Banditen gegen die steile Felswand. Querschläger jaulten über den sonnenversengten Platz. Fluchend warfen sich die Verbrecher zu Boden. Shannon stieß einen gellenden Indianerschrei aus und spornte das Pferd auf ein Gewirr haushoher Klippen zu.

Als die Zurückbleibenden ihre Revolver aus den Halftern bekommen hatten, brodelte nur noch eine dichte Staubwolke zwischen den Felsen. Wütend jagten die Banditen ihr heißes Blei in sie hinein.


*


Es sah ganz danach aus, als sollte der Peitscher recht behalten. Nach fünf Meilen Flucht durch unwegsames Gelände kippte Buck Gavin lautlos hinter Shannon vom Pferd. Sofort zügelte Shannon das Tier und sprang aus dem Sattel.

Gavin lag hinter einem hüfthohen Felswall, der ein kahles Plateau säumte. Die Hitze hier oben war erdrückend. Die Fährte der Flüchtigen schlängelte sich als dunkle Linie aus den tiefer gelegenen, mit Dornen und Kakteen bewachsenen Hügeln im Norden heraus. Eine durchsichtige Staubfahne verschleierte die Kämme. Grollendes Hufgetrappel schwang wie ein fern heraufziehendes Gewitter in der wabernden Luft.

Shannon löste schnell die lederüberzogene Wasserflasche vom Sattel, kniete neben Gavin nieder und half ihm, sich aufzusetzen. Der Bärtige blickte ihn aus fiebrig glänzenden Augen an. „Gib dir keine Mühe mehr, Amigo! Mit mir ist es aus. Verschwinde, bevor sie auch dich noch erwischen!“

Shannon hielt ihm die Flasche an die ausgetrockneten, spröden Lippen. „Trink! Es wird dir helfen.“

Gavin schob mit einer matten Handbewegung die Flasche zur .Seite. „Wenn du lebend aus dieser verfluchten Wüste rauskommen willst, brauchst du selber jeden Tropfen, Shannon. Zwischen hier und Skyrock gibt es keine Wasserstelle mehr. Halte dich immer schnurgerade nach Süden, bis du das Tal des Pecos River erreichst! Skyrock liegt zehn Meilen nördlich der Stelle, wo der Fluss eine große Schleife nach Osten macht. Allein schaffst du’s schon. Aber verliere keine Zeit!“

Verdammt will ich sein, wenn ich dich einfach im Stich lasse“, widersprach Shannon.

Gavin lächelte mühsam. „Du meinst es gut, Shannon. Aber niemand ist damit gedient, wenn du einen Toten nach Skyrock schleppst...“

Mit zittriger Hand schob er sein zerfetztes, blutbesudeltes Hemd über der linken Hüfte zur Seite. Erst jetzt bemerkte Shannon den hässlichen Einschuss. Eine 45er Kugel war schräg in Gavins Körper eingedrungen, ein Zufallstreffer der wild feuernden Banditen. Betroffen ballte Shannon die Fäuste. Er hatte keinen Klagelaut von Gavin gehört. Dabei mussten die fünf Meilen auf dem galoppierenden Pferd eine wahre Höllenqual für den Verwundeten gewesen sein. Shannon hatte in seinem bewegten Leben schon viele Schussverletzungen gesehen. Kein Arzt musste ihm erst sagen, dass Buck Gavin nicht mehr zu helfen war.

Verstehst du jetzt, was ich meine?", sprach Gavins kraftlose Stimme seine Gedanken aus.

Behutsam lehnte ihn Shannon gegen die steinerne Brustwehr. Die Erinnerung an Dwyer und seine Kumpane erneuerte in ihm einen kalten Hass. „Warum sind sie hinter dir her?“

Gavin schüttelte müde den Kopf. „Umgekehrt, Shannon. Dwyer war nicht auf meiner Spur, sondern ich auf seiner. Aber diese Teufel von der Jefford-Ranch haben ihre Augen ja überall. Ich hab’ die Halunken unterschätzt. Und wenn man sich erst einmal mit diesen Kerlen angelegt hat, ist jeder Fehler tödlich. Diese Banditen treiben Geschäfte mit den Comancheros, deren Schlupfwinkel irgendwo tief im Llano liegt. Sie liefern ihnen Gewehre und Munition, die diese wiederum an die aufständischen Comanchen weitergeben. Ich wollte ihnen auf die Schliche kommen und das Comanchero-Versteck aufstöbern. Ich wollte Beweise gegen ihren obersten Boss Ray Jefford liefern, der in der Gegend um Skyrock den mächtigen Rancher spielt. Fünfhundert Dollar hat mir Coleman dafür geboten. Jetzt versteh’ ich nicht mehr, wie ich so verrückt sein konnte, diesen Job anzunehmen.“

Gavin schloss die Augen. Das Sprechen hatte ihn bis an den Rand der Bewusstlosigkeit erschöpft.

Coleman! Der Name kam Shannon verdammt bekannt vor. Coleman... Mochte der Kuckuck wissen, wie viele Colemans in Texas herumliefen.

Das nahe Hufgetrommel der Verfolger trieb Shannon hoch. Er lief zum Pferd, und kehrte mit beiden Gewehren zum Plateaurand zurück. Unten tauchten die ersten Reiter auf.

Die Remington flog an Shannons Schulter und spuckte einen Feuerstrahl. In das Dröhnen der Detonation mischte sich der blitzschnell hinterher gejagte zweite Schuss. Schrilles Gewieher und ein heiserer Aufschrei antworteten von unten herauf. Ein Pferd wälzte sich am Boden. Etliche Schritte daneben lag wie von einer Riesenfaust hingeworfen die schlaffe Gestalt eines Banditen.

Die anderen Schurken zerrten eilig ihre Gäule herum und verschwanden wieder zwischen den Hügeln. Weiße Pulverwölkchen stiegen aus dem Schatten. Kugeln schmetterten gegen Shannons Deckung und splitterten Felsbrocken ab.

Shannon duckte sich und lud abermals die Remington durch. Neben ihm streckte Gavin mühsam die Hand nach dem an der Felsbrüstung lehnenden Enfield-Gewehr aus.

Reite, Shannon! Ich halle sie auf, bis du in Sicherheit bist. Hier vergeudest du nur kostbare Zeit. Wenn du mir noch einen Gefallen tun willst, dann warne Coleman. Sag ihm ...“

Wer ist Coleman?“

Der einzige Hombre in Skyrock, der es wagt, Jefford und seinen Banditen die Stirn zu bieten.“ Ächzend zog der Verwundete den Karabiner an sich. „Coleman hat es sich in den Kopf gesetzt, Jefford als Lieferanten der Comancheros zu entlarven und seine Herrschaft in Skyrock zu brechen. Aber Coleman ist kein Sternträger, er gibt nur den ,Pecos Courier' heraus, die einzige Zeitung weit und breit.“

Shannon gab einen Schuss auf eine Hügelkuppe ab, wo ein Mündungsblitz hinter einem dornenumwucherten Felsblock hervorgezuckt war. Die Luft war vom Pfeifen und Fauchen der Geschosse erfüllt.

Colemans Vorname ist sicherlich Dave, nicht wahr?“

Einen Moment vergaß der Verwundete seine bohrenden Schmerzen. Sein Kopf flog herum. „He! Du kennst ihn?“

Shannon lächelte schmal. „Wir haben in New Mexico einen Fünfzigtausend Dollar-Transport über die Jornada del Muerto geschleust. Dabei sind wir Freunde geworden.“

Ein Grund mehr, dich hier schleunigst aus dem Staub zu machen, ehe es zu spät ist“, keuchte Gavin. „Coleman ahnt nicht, dass Jefford inzwischen seine Pläne kennt und dass er...“

Gavin krümmte sich und hustete. Ein Blutfaden sickerte aus seinem linken Mundwinkel. Sein bärtiges Gesicht war vor Anstrengung verzerrt. „Um Himmels willen, Shannon, verliere keine Zeit mehr! Wenn es jemand gibt, der Dave Coleman noch helfen kann, dann bist du es.“

Shannon kämpfte mit sich. Gavin war verloren, das stand fest. Aber Shannon widerstrebte es, ihn einfach seinem Schicksal zu überlassen. Andererseits drohte dem jungen Zeitungsmann in Skyrock höchste Gefahr. Jede Minute konnte wichtig sein.

Es war ein Wink des Schicksals, dass Shannon ausgerechnet in der menschenleeren Einöde des berüchtigten Llano Estacado mit Gavin zusammengetroffen war. Vielleicht hätte ihn sonst nie sein Weg nach Skyrock ins Pecos River Valley geführt, und Coleman wäre nur eine von den vielen in seiner Erinnerung verblassenden Gestalten geblieben.

Das Knattern der Schüsse steigerte sich. Shannon riskierte einen Blick über den Felswall. Der heiße Luftzug einer Gewehrkugel streifte seine rechte Wange. Ein zweites Geschoss schleuderte ihm einen Splitterwirbel ins Gesicht. Blitzschnell ging Shannon wieder in Deckung. Er hatte genug gesehen.

Dwyer und seine Kumpane hatten sich zu Fuß an den felsigen Aufstieg zum Plateau herangepirscht. Dort unten gab es überall genug Deckung. Von jetzt an war es nur noch eine Frage der Zeit, wann sich der erste Bandit mit flammendem Colt über die Steinbrüstung schwingen würde.

Reite!“, wiederholte Gavin verzweifelt. „Da ich nun mal dran glauben muss, soll es wenigstens nicht umsonst sein, dass ...“

Shannon legte dem Schwerverletzten eine Hand auf die Schulter. „Ich verspreche dir, dass Ken Dwyer dafür bezahlen wird, Amigo.“

Gavin lächelte fahl. „Das lohnt nicht die Mühe. Ich bin nur ein kleiner, schlecht bezahlter Revolverschwinger, den es früher oder später sowieso erwischt hätte. Achte lieber drauf, dass du deinen Skalp behältst! Ja, Coleman ... vergiss das nicht! Sag’ ihm, dass Jefford Lorna auf die Schliche gekommen ist. Lorna... merk dir den Namen genau ...“

Er drohte umzukippen. Shannon hielt ihn fest.

Die Schüsse waren verstummt. Unterhalb des Plateaus schepperte abrutschendes Gestein.

Gavin atmete schwer. „Lass nur, Shannon! Ich halt’ schon durch, bis du fort bist. Aber beeile dich!“

Shannon erhob sich geduckt. Er sah den bärtigen Mann an, der zusammengesunken an der Felswand lehnte und das Gewehr schussbereit im Schoß hielt. Er prägte sich dieses Bild genau ein, damit es ihm einfiel, wenn er einmal mit der Waffe in der Hand dem Peitscher gegenüberstehen würde.

Der todwunde Revolvermann nahm Shannons Blick noch wahr und schaffte ein letztes Grinsen. „Adios, Shannon! Viel Glück auf den Weg!“

Adios!“, erwiderte Shannon heiser.

Rasch wandte er sich dem Pferd zu und schwang sich in den Sattel. Das wilde Loshämmern der Hufe übertönte den Aufruhr in ihm.

Als Shannon kurz darauf den Schatten der Felstürme jenseits der Hochfläche erreichte, fielen hinter ihm Schüsse.

Buck Gavin hielt Wort.

Der dunkelhaarige Statteitramp gab seinem Pferd die Sporen.


*


Pecos Courier - Redaktion und Druckerei“ stand in großen Lettern über dem Eingang eines morschen Bretterhauses.

Drei Reiter hielten davor und starrten drohend den jungen, städtisch gekleideten Mann unter dem Vordach an.

Plötzlich war es in der kleinen Stadt totenstill geworden. Die Glut des Sonnenuntergangs brannte in den Fenstern. Eben noch waren die Main Street und ihre Gehsteige von emsigem Kommen und Gehen belebt gewesen. Jetzt wirkte Skyrock wie von einer Seuche leergefegt. Nur das monotone Rattern der alten Campbell-Handpresse drang schwach aus dem rückwärtigen Teil des alten Zeitungsgebäudes.

Ray Jefford wies mit einer halb wütenden, halb verächtlichen Kopfbewegung auf das Henrygewehr in den Händen des jungen Mannes. „Zum Teufel, Coleman, tun Sie bloß nicht so, als wüssten Sie, wie man mit so ‘nem Ding umgeht! Weg damit! Sonst könnten Curly und Jacko auf die Idee kommen, Sie voll Blei zu pumpen.“

Jeffords heisere Löwenstimme war in der ganzen Stadt zu hören. Der Rancher war ein gedrungener, knapp fünfzigjähriger Mann mit rabenschwarzem Haar und wettergegerbtem Gesicht. Sein Ton und seine Haltung verrieten, dass er sich als Beherrscher dieses Teils von Texas fühlte.

Die beiden Männer neben ihm hatten blitzschnell ihre Revolver auf den schlanken Zeitungsherausgeber gerichtet. Sie waren wie Cowboys gekleidet. Aber ihre Schnelligkeit mit der Waffe verriet mehr Übung, als ein gewöhnlicher Weidereiter dafür aufbringen konnte. Curly war der jüngere, ein fuchsgesichtiger Bursche mit gekräuseltem Haar. Jacko war breit und muskulös. Sein flaches Gesicht mit dem dünnen, schwarzen Sichelbart wirkte mongolisch. Jedermann in Skyrock wusste, dass diese beiden Kerle dafür bezahlt wurden, ihren Boss auf Schritt und Tritt zu begleiten und jeden seiner Befehle bedenkenlos auszuführen.

Widerstrebend lehnte Dave Coleman das Gewehr an die Hauswand. Sein schmales Gesicht mit den braunen, wachen Augen wirkte verbittert. „Lassen Sie jetzt endlich die Maske fallen, Jefford? Wollen Sie mir vor den Augen der ganzen Stadt den offenen Krieg erklären?“

Der Rancher griff in die rechte Satteltasche und zog eine zusammengefaltete Zeitung heraus. Mit einem heftigen Schwung schleuderte er sie Coleman vor die Füße. „Wenn es zum Kampf kommt, haben Sie ihn herausgefordert. Ich verteidige nur mein Recht. Kein Mensch wird mir einen Vorwurf daraus machen, wenn ich Ihre dreckigen Lügen und Verleumdungen nicht auf mir sitzen lasse.“

Coleman bückte sich und faltete die Zeitung auseinander. Sein Blick überflog die fett gedruckten Schlagzeilen. Dann sah er Jefford furchtlos an. „Ich stehe zu jedem Wort, das hier gedruckt ist.“

Jefford lachte grollend. „Sie verdammter eingebildeter Narr! Sie haben sich in eine Idee verbissen, die Sie Kopf und Kragen kosten wird, wenn Sie nicht schleunigst zur Vernunft kommen. Als ob ich es nötig hätte, mit den Comancheros Geschäfte zu treiben und meine Ranch als Waffenlager für aufständische Rothäute herzugeben! Da merkt doch jeder, dass das aus den Fingern gesogen ist. Da lachen ja die Hühner.“

Warum sind Sie dann hier? Ich will es Ihnen sagen, Jefford. Zum ersten Mal in Ihrem Leben haben Sie Angst. Zum ersten Mal haben Sie gemerkt, dass Gewalt und Terror auf die Dauer nicht genügen, um ein Land zu beherrschen. Ihr Thron wackelt bereits, Jefford. Hier in Skyrock sind Sie noch der große Boss, vor dem die meisten auf dem Bauch kriechen. Aber Skyrock ist nicht die Welt. Skyrock ist nicht einmal Texas. Meine Zeitungen sind bereits verschiedenen wichtigen Persönlichkeiten in Pecos, Fort Stockton und San Antonio auf den Tisch geflattert. Die Ranger sind hellhörig geworden und beginnen sich für diese Ecke des Pecos River Valley zu interessieren. Sie sind ein einflussreicher Mann, Jefford. Ihre Verbindungen reichen sicherlich bis nach San Antonio. Sie wissen, was Ihnen bevorsteht. Der monatliche Besuch des Richters in Skyrock ist übermorgen fällig, und wie jedes Mal sind ein paar hartgesottene, schnell schießende Ranger zu seinem Begleitschutz unterwegs...“

Na und?“, überschrie ihn Jefford. „Richter Garland wird wie jedes Mal Skyrock in mustergültiger Ordnung vorfinden, bis auf ein paar private Streitigkeiten unter den Bürgern vielleicht.“

O nein, Jefford, diesmal läuft das seit langem einstudierte Schauspiel nicht so glatt. Bis übermorgen habe ich meine letzten Beweise zusammen.“

Ray Jefford wäre am liebsten aus dem Sattel auf Coleman hinabgesprungen. Aber er beherrschte sich.

Beweise! Dass ich nicht lache! Es gibt keine Beweise für Ihre Hirngespinste. Dafür gibt es eine Menge Leute, die bezeugen werden, dass Sie mit Ihren verlogenen Artikeln lediglich darauf aus sind, Ihr lausiges Schmierblatt über die Grenzen des Pecos River Valley hinaus bekannt zu machen. Das sind Ihre wahren Absichten, Coleman, nicht Ihr angeblicher Kampf für Recht und Gesetz. Aber Sie haben sich verrechnet, Freundchen. Sie haben Ihr Ziel zu hoch gesteckt. Für mich sind Sie nur ein armseliger, kläffender Köter, mit dem ich ohne Wimpernzucken fertig werde.“

Coleman ballte die Fäuste. „Wenn Sie mich von Ihren Revolverschwingern niederschießen lassen, stempeln Sie sich selber zum Verbrecher.“

Jefford grinste hart. „Wenn ich Sie in die Hölle schicke, wird es genug Zeugen dafür geben, dass es Notwehr war. Es liegt bei Ihnen, ob es soweit kommt. Ich bin großzügig genug, Ihnen eine letzte Chance zu bieten. Ich verlange ...“

Geben Sie sich keine Mühe! Auf Ihre sogenannte Großzügigkeit pfeife ich.“

Halten Sie den Schnabel, bis ich fertig bin!“, herrschte ihn der gedrungene, schwarzhaarige Reiter an. „Ihre Zeit in Skyrock ist abgelaufen, ob Ihnen das nun passt oder nicht. Für einen Lügner und Unruhestifter ist hier kein Platz. Verspritzen Sie Ihr Gift, wo Sie wollen, aber nicht in diesem Land, wo ich für Recht und Ordnung gesorgt habe und das nicht schlecht! Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit, Ihren Kram zu packen und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Kinley, diesen verrückten Kerl, nehmen Sie am besten mit. Wer so dumm ist, für Sie und Ihr verdammtes Schmierblatt zu arbeiten, der hat hier nichts verloren.“

Ihr Großmut ist überwältigend, Jefford.“

Das ist noch nicht alles“, überging der Rancher schroff den spöttischen Einwurf. „Bevor Sie hier abhauen, werden Sie eine letzte Ausgabe des ,Pecos Courier' herausbringen, in der Sie alle bisher veröffentlichten Artikel über mich widerrufen.“

Und wenn nicht?“

Dann wird Ihre Druckerei nur noch ein Trümmerhaufen sein, wenn der Richter mit dem Rangerkommando hier aufkreuzt. Abgesehen davon werden wir jetzt gleich dafür sorgen, dass keiner Ihrer Lügenartikel mit der nächsten Postkutsche aus Skyrock herauskommt. An die Arbeit, Curly, Jacko! Schnappt euch jeden Fetzen bedruckten Papiers, den ihr in dieser Bruchbude findet! Und in den Ofen damit!“

Grinsend glitten Jeffords Begleiter von den Pferden. Coleman duckte sich und warf einen gehetzten Blick auf das Gewehr, das an der Bretterwand lehnte.

Jefford warnte: „Bevor Sie den Finger am Abzug haben, sind Sie erledigt. Von mir aus versuchen Sie es nur.“

Curly und Jacko näherten sich lauernd dem Vorbau. Da flog die Tür hinter Coleman auf. Das Rattern der Druckpresse war verstummt. Ein stämmiger, hemdsärmliger Mann mit einer doppelläufigen Schrotflinte in den klobigen Fäusten stand auf der Schwelle. Unter einer spiegelblanken Glatze umwucherte ein struppiger roter Bart sein Gesicht. Sein rechtes Bein war dicht unterm Knie amputiert. Der Stumpf steckte in einer Holzprothese. Der Mann hatte einen mit Druckerschwärze beschmierten Lederschurz umgebunden. Dennoch glich sein Aussehen mehr einem Hufschmied als einem Mann, der es gelernt hatte, mit Setzrahmen, Bleilettern und Korrekturabzügen umzugehen. Seine Augen blitzten kampflustig.

Nur nicht so hastig, Jungs! Ich habe da auch noch ein Wörtchen mitzureden, wenn’s recht ist,“

Jeffords Revolvermänner blieben ruckartig stehen. Der Rancher knurrte: „Sagen Sie diesem Idioten, er soll sich zum Teufel scheren, Coleman! Sie sind sonst der erste, den es erwischt.“

Der junge Zeitungsherausgeber lächelte bleich. Vorsichtig bewegte er sich rückwärts zu seinem Gewehr. „Wenn hier jemand verschwindet, dann sind Sie es mit Ihren Killern. Unterschätzen Sie Kinley ja nicht! Er war Begleitfahrer auf einer Wells Fargo-Kutsche, ehe er sein Bein verlor. Er ist ein Meister mit der Schrotflinte. Wollen Sie immer noch meine Zeitungen vernichten?“

Weder Sie noch Kinley werden mich daran hindern“, erwiderte Jefford brüsk. „Ich habe nämlich noch einen Trumpf, gegen den Sie machtlos sind: Lorna!“

Coleman zuckte zusammen. Seine nach dem Henrygewehr ausgestreckte Hand sank herab. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden ...“

Jefford lachte wild. „Wessen Thron wackelt denn jetzt, he? Jetzt werden Ihnen die Knie weich, was, Coleman? Spielen Sie kein Theater! Es hat keinen Zweck mehr. Ihr hinterhältiges Spiel ist aufgeflogen, Sie Neunmalkluger. Ich bin Lorna auf die Schliche gekommen. Und wenn Sie jetzt nicht genauso spuren, wie ich es will, hat sie es zu büßen. Ganz bestimmt haben Sie vom Richter und den Sternträgern nichts zu erwarten. Lorna, das Miststück, wird nicht da sein, um für Sie auszusagen.“

Coleman schluckte. Sein Gesicht war kreidig. Er sah nicht, wie Kinley bestürzt die Flinte sinken ließ. Sein Blick kam von Jeffords triumphierendem Gesicht nicht los. Wie in Trance trat Coleman auf die Straße.

Wo ist sie?“

Lorna ist aut meiner Ranch gut aufgehoben. Da gehörte sie von Anfang an auch hin, nicht an Ihre Seite, wie Sie sich das vielleicht eingebildet haben, Coleman.“

Jefford, wenn Sie ihr nur ein Haar krümmen..

Verdammt!“, polterte der Rancher. „Haben Sie noch immer nicht kapiert, dass sich der Wind gedreht hat? Was ich mit Lorna abzumachen habe, geht Sie einen Dreck an. Sie haben jetzt genug eigene Probleme. Ich lasse mich von keiner Frau für dumm verkaufen. Schon gar nicht von einem ehemaligen Tingeltangel-Girl, dem ich ein sorgenloses Leben auf meiner Ranch geboten habe und das mir in den Rücken fällt..

Ein Leben als Gefangene und Sklavin!“, verbesserte Coleman.

Pah, das hat Ihnen nur Lorna eingeredet. Und wenn es so wäre? Ich schulde Ihnen keine Rechenschaft. Lorna wird den Tag noch verfluchen, an dem sie sich mit Ihnen eingelassen hat. Curly, Jacko, verdammt, worauf wartet ihr noch? An die Arbeit! Es ist nicht nötig, dass ihr besonders zimperlich mit Colemans Klamotten umgeht.“

Die Revolvermänner sprangen auf den Vorbau. Kinley machte keine Miene mehr, sie aufzuhalten. Sie stießen ihn zur Seite und verschwanden im Haus. Jefford, Coleman und der einbeinige Drucker erwarteten, dass nun ein wüstes Gelobe und Gepolter beginnen würde.

Doch alles blieb still.

Jefford witterte Unrat. Er zog den Revolver und glitt geschmeidig vom Pferd. Er verschwendete an Coleman und Kinley nicht einen Blick. Mit zornig funkelnden Augen stürmte er in die Redaktion.

Im Haus war es schon dunkel. Nach drei dumpf dröhnenden Schritten blieb der Rancher stehen. „Curly! Jacko! Zum Teufel, wo steckt ihr? Macht gefälligst Licht!“

Prompt flackerte ein Schwefelholz auf. Eine schlanke Hand zündete den Docht der Petroleumlampe auf Colemans Schreibtisch an. Im Nu war das Zimmer in gelbes Licht getaucht. Regale, in denen sich leeres Papier, Akten, Bücher, Notizblöcke und Zeitungen stapelten, bedeckten die Wände. Die Tür zur Druckerei stand halb offen. Der Lampenschein fiel auf schwere Letternkästen, auf einen breiten Tisch mit mehreren Setzrahmen und auf die blank polierte Campbell-Handpresse. Neben ihr türmte sich ein Stapel druckfeuchter Zeitungen. Die noch in die Maschine gespannten weißen Bögen verrieten, dass Kinley mitten in der Arbeit aufgehört hatte.

Aber von all dem sah Ray Jefford jetzt nichts. Ungläubig starrte er auf Jacko nieder, der mit seltsam friedlichem Gesichtsausdruck reglos vor seinen Füßen lag. Ein Stück weiter hockte Curly mit schlaff herabbaumelnden Armen schlafend auf einem Stuhl. Der Stetson war ihm halb übers Gesicht gerutscht. Die Krone des Hutes war von einem harten Gegenstand eingebeult.

Bevor Sie gleich durchdrehen, sollten Sie sich ansehen, was ich in der Hand halte, Jefford“, sprach ihn eine kühle Stimme an.

Jefford wandte vorsichtig den Kopf. Ein dunkelhaariger Mann mit einer dünnen Schussnarbe an der rechten Schläfe lehnte lässig an Colemans papierbeladenem Schreibtisch. Sein sonnengebräuntes, scharfgeschnittenes Gesicht wirkte indianerhaft. Er hielt den 44er Colt wie ein Spielzeug in der Hand. Aber Jefford begriff im Bruchteil einer Sekunde, dass er ein toter Mann sein würde, wenn er versuchen würde, auf den ironisch lächelnden Fremden zu feuern.

Jefford schob langsam den Revolver in die Halfter, dann erst drehte er sich voll um. Sein Ton war schon wieder schroff und herrisch.

Gibt es denn hier nur lauter Verrückte? Zum Teufel, Mann, wer sind Sie?“

Ich heiße Jim Shannon. Nehmen wir einmal an, dass ich ein alter Freund von Dave Coleman bin.“

Der Rancher lachte zornig. „Entweder Sie sind tatsächlich ein Narr oder Sie haben keine Ahnung von den Verhältnissen in Skyrock. Jeder Mann, der sich hier Colemans Freund nennt, steht bereits mit einem Bein im Grab. Dass es Ihnen gelungen ist, Jacko und Curly im Dunkeln niederzuschlagen, bedeutet überhaupt nichts.“

Es bedeutet, dass Sie von jetzt an mein Gefangener sind“, belehrte ihn Shannon höflich.

Jefford war ein hartgesottener Bursche, den nichts so leicht aus der Fassung bringen konnte. Aber jetzt verschlug es ihm die Sprache.

Coleman betrat das Zeitungsbüro. Hinter ihm humpelte Kinley herein. Beide blieben wie angewurzelt stehen.

Shannon!“, krächzte der Zeitungsmann fassungslos und erleichtert zugleich.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738909159
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
shannon llano-geier

Autor

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Titel: SHANNON #4: Shannon und die Llano-Geier