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Hinterhalt am Redstone Canyon

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Captain Allan Cumberland ist besessen von seinem Ehrgeiz, in der US-Armee Karriere zu machen. Dafür schreckt er nicht nur vor Befehlsverweigerung zurück. Er schiebt vielmehr die Schuld für ein durch sein Verhalten von plündernden Indianern verursachtes Massaker an seinen Soldaten auf seinen Vorgesetzten Lance Shelton, der deshalb unehrenhaft aus der Armee entlassen wird. Lance führt einen verzweifelten Kampf um die Wahrheit und die Wiederherstellung seiner Ehre. Seine Widersacher sind nicht nur seine ehemaligen Kameraden, die in ihm einen Feigling und Verräter sehen, und die Apachen, die Weiße töten, wo immer sie ihnen begegnen. Sein schlimmster Feind ist Cumberland, der sogar vor Mord und einem Auftragskiller nicht zurückschreckt, um die Wahrheit über den Hinterhalt am Redstone Canyon zu vertuschen …

Leseprobe

Hinterhalt am Redstone Canyon



JOHN F. BECK






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von CharlesSchreyvogel mit Steve Mayer, 2017

Originaltitel: Sein bitterer Sieg

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de









Klappentext:

Captain Allan Cumberland ist besessen von seinem Ehrgeiz, in der US-Armee Karriere zu machen. Dafür schreckt er nicht nur vor Befehlsverweigerung zurück. Er schiebt vielmehr die Schuld für ein durch sein Verhalten von plündernden Indianern verursachtes Massaker an seinen Soldaten auf seinen Vorgesetzten Lance Shelton, der deshalb unehrenhaft aus der Armee entlassen wird. Lance führt einen verzweifelten Kampf um die Wahrheit und die Wiederherstellung seiner Ehre. Seine Widersacher sind nicht nur seine ehemaligen Kameraden, die in ihm einen Feigling und Verräter sehen, und die Apachen, die Weiße töten, wo immer sie ihnen begegnen. Sein schlimmster Feind ist Cumberland, der sogar vor Mord und einem Auftragskiller nicht zurückschreckt, um die Wahrheit über den Hinterhalt am Redstone Canyon zu vertuschen …




Personen:

Lance Shelton

Der tadelsfreie Soldat will die Wahrheit über seine unehrenhafte Entlassung aus der Armee ans Tageslicht bringen und führt einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen Indianer, seine Kameraden und gegen Captain Cumberland, der ihm einen Killer auf den Hals hetzt.


Allan Cumberland

Dem skrupellosen Captain ist jedes Mittel recht, seine Karriere voranzutreiben. Er geht auch über Leichen, nur damit Lance Shelton die Wahrheit über Cumberland mit ins Grab nimmt.


Tom Parry

Der ehemalige Armee-Scout weiß, was damals im Canyon passiert ist. Aber Cumberland hat ihn mit Geld zu einer Falschaussage gebracht, die Sheltons Laufbahn ruiniert hat. Eine Lebensversicherung ist dies jedoch nicht.


Jesse Bradshaw

Der eiskalte Auftragskiller wird von Cumberland angeheuert, um Lance Shelton endgültig zum Schweigen zu bringen. Und seine Colts sprechen nur eine Sprache.







Roman:

Halt, Mister! Einen Augenblick!“

Mehrere Monate lang hatte Lance Shelton diese Stimme nicht mehr gehört. Aber jetzt erkannte er sie sofort wieder. Er hielt sein Pferd an und drehte sich im Sattel um. Vor ihm stand ein stämmiger, breitschultriger Mann mit den Winkeln eines Sergeanten an den Ärmeln seiner blauen Kavallerie-Uniform. Die Augen des Mannes zeigten einen lauernden Ausdruck, und als Lance Shelton sich umdrehte, blitzte es böse in ihnen auf.

Tatsächlich!“, sagte der Sergeant heiser. „Ich habe mich also nicht getäuscht!“

Was wollen Sie, Sergeant Walker?“, fragte Lance knapp und ungeduldig.

Der andere starrte ihn unverwandt an.

Ich glaube, Shelton, dies ist nicht der richtige Ort für Sie!“

Er machte dabei eine ausholende Handbewegung, die das ganze Fort umfasste.

Unwillkürlich ließ Lance seinen Blick in die Runde wandern. Nichts hatte sich in Fort Dolan verändert. Das offene Forttor, durch das er eben gekommen war, die niedrigen Mannschaftsbaracken, die Offiziershäuser, das sonnenbeschienene Exerzierfeld mit dem Fahnenmast in der Mitte, all das war ihm vollkommen vertraut. Sekundenlang hatte er das Gefühl, nach Hause zurückgekehrt zu sein. Aber er drängte dieses Gefühl zurück. Das Gefühl, es habe sich nichts verändert, war nur oberflächlich, das wusste er ganz genau. In Wahrheit würde nichts mehr so wie früher sein, wie damals, als er selber noch die blaue Uniform getragen hatte. Er wandte sich wieder dem stämmigen Sergeanten zu.

Ich hoffe, Walker, Sie wollen mich nicht aufhalten!“

Seine Stimme klang ruhig und kalt: Er wollte seinen Braunen vorwärtstreiben. Doch Sergeant Walker machte einen raschen Schritt und sagte scharf:

So einfach geht das nicht, Shelton! Haben Sie nicht gehört, was ich sagte? Dies ist nicht der richtige Ort für Sie!“

Unverhüllte Herausforderung lag in seiner Stimme. Außerdem schien es ihm grimmiges Vergnügen zu bereiten, Lances Familiennamen ohne die Hinzufügung des Wortes „Captain“ aussprechen zu können.

Die Entscheidung darüber, wo ich mich aufhalten will, liegt immer noch bei mir!“, erwiderte Lance kalt.

Eine steile Falte war zwischen seinen Augenbrauen erschienen. Bitterkeit und Zorn vermischten sich in ihm.

Irrtum, Shelton!“, erklärte Walker schroff. „Kein Mensch will Sie jemals wieder in Fort Dolan sehen. Also, verschwinden Sie lieber.“

Er machte dabei noch einen weiteren Schritt auf den Reiter zu, und sein eckiges Kinn schob sich dabei ein wenig nach vorn.

Lance glitt aus dem Sattel.

Sie wollen Streit, Sergeant?“

Ringsum war kein Mensch zu sehen. Es war Mittag. Die Hitze flimmerte über dem gelben Sand des Fortplatzes. Die Soldaten hielten sich wahrscheinlich in den Unterkünften auf. Aber Lance war sich nicht sicher, ob er und Walker nicht doch hinter matten Fensterscheiben hervor beobachtet wurden.

Streit?“, dehnte der Sergeant heiser. „Wer spricht von Streit, Shelton? Wenn Sie verschwinden, dann ist alles in bester Ordnung.“

Und wenn ich es nicht tue?“

Das würde ich Ihnen nicht raten!“

Sie tragen die Uniform, Walker, das sollten Sie nicht vergessen!“

Das lassen Sie nur meine Sorge sein, Shelton. Es ist etwas anderes, das ich nicht vergesse. Und Sie wissen das ganz genau. Es ist die Sache vom Redstone Canyon. Ich habe dort meinen besten Freund verloren. Und Sie sind daran schuld, Shelton. Sie ganz allein!“

Der Hass lebte in Sergeant Walkers Stimme auf und war in seinen Augen zu erkennen. Derselbe Hass, den Lance damals vor vier Monaten in vielen anderen Gesichtern hier im Fort gesehen hatte! Lances Lippen wurden schmal. Die Bitterkeit in ihm verstärkte sich noch und überdeckte den Zorn, den er gegen das herausfordernde Verhalten seines Gegenübers empfand. Seine Miene jedoch war glatt und unbewegt.

Nun, wie ist es?“, fragte Walker heiser. „Wollen Sie noch immer bleiben?“

gewiss!“

Gut! Dann werde ich es eben auf die harte Tour machen, Shelton. Und es wird mir ein Vergnügen sein, verlassen Sie sich darauf! Ich werde es für Billy Renshaw tun, der Ihretwegen starb, Sie elender Feigling!“

Walker riss die Fäuste hoch und stürzte vorwärts. Lance täuschte einen Seitwärtsschritt vor, und der Sergeant warf sich etwas zur Seite, um ihn doch noch zu erwischen. Seine vorschnellende Rechte verpuffte ins Leere. Im nächsten Moment bekam Walker Lances Schlag gegen die linke Gesichtshälfte. Bob Walker wirbelte herum und stieß mit der vollen Wucht seines schweren stämmigen Körpers gegen Lance. Dieser fand keine Zeit mehr zum Ausweichen und stolperte.

Walker zog seine Faust hoch und traf Lance Shelton in den Leib. Lance hatte das Gefühl, von einem Pferdehuf getroffen worden zu sein. Sein Taumeln verstärkte sich. Er bewegte sich rückwärts. Und wieder setzte Walker sofort hinterher. Seine Lippen waren halb geöffnet, und in den hellen Augen glitzerte ein wildes Licht. Mit einem dumpfen Knurrlaut schickte er abermals seine Rechte vor. Lance machte eine halbe Seitwärtsdrehung und wich somit dem Hieb aus.

Tief in ihm saß ein mächtiger Widerwillen gegen diesen harten Kampf. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass er hier in Fort Dolan jemals in eine solche Situation geraten würde. Er, der vor vier Monaten noch Captain der D-Kompanie gewesen war, musste sich gegen den Sergeanten der A-Kompanie verzweifelt zur Wehr setzen!

Walker fasste sich überraschend schnell und deckte Lances nächsten Schlag ab. Dann griff er abermals an. Lance wich nicht aus. Er riss den Oberkörper zurück und nahm so der heransausenden Faust die Wucht des Treffers. Ehe Walker irgendwie reagieren konnte, traf bereits Lance Sheltons Rechte seine Schläfe. Walker stöhnte kurz und wollte zurückweichen, um Lances nächsten Hieb zu entgehen. Lance ließ ihm keine Zeit mehr. Er jagte blitzschnell die Linke hinterher, traf den Sergeanten abermals und zog dann die Rechte tief von unten gegen Walkers Kinn hoch.

Lance wusste, dass ihm keine andere Wahl blieb, als hart und gnadenlos zuzuschlagen. Und außerdem wollte er diesen Kampf, den er so sehr hasste, zu einem raschen Ende führen. Er achtete nicht auf die Schmerzen in seinem Gesicht und seinem Leib, wo ihn Walker getroffen hatte. Er achtete nicht auf den Schweiß, der in Strömen über sein Gesicht rann.

Er wusste, dass er jetzt die Entscheidung herbeiführen konnte – und er handelte danach.

Walker erkannte, dass Lance nicht von ihm abließ. Und mit einem zornigen Knurren versuchte er, Lances Fäuste zu durchbrechen und den Gegner mit der Wucht seines vorschnellenden Körpers umzuwerfen. Lance sah ihn kommen und stach seine Faust nach vorn. Walker rannte direkt in die Gerade hinein. Der Anprall schleuderte ihn zurück. Seine Arme fielen schlaff herab. Er ging zu Boden, ohne noch einen Laut von sich zu geben.

Lance Shelton wischte sich aufatmend über sein Gesicht und sah auf den bewusstlosen nieder. Als er den Blick hob, stellte er fest, dass der Fortplatz keineswegs mehr leer unter der heißen Sonne lag. Um die Stelle, wo er mit Sergeant Walker gekämpft hatte, hatte sich ein weiter Kreis von Gestalten in blauen Uniformen gebildet.


*


Messingknöpfe und Gürtelschnallen blinkten golden im Sonnenlicht. Keiner der Männer sprach ein Wort. Sie starrten ihn nur an, und ihre Gesichter waren finster und grimmig. Die meisten Gesichter kannte er. Und die Erinnerung an die Zeit vor vier Monaten ließ die alte Bitterkeit mit doppelter Heftigkeit in ihm aufsteigen.

Und dann lief plötzlich ein dumpfes Gemurmel durch die Reihen der umstehenden Soldaten, und der Kreis, den sie bildeten, wurde allmählich enger. Lance rührte sich nicht. Er stand steif und aufrecht. Und obwohl er seit vier Monaten keine Uniform mehr trug, konnte man an dieser Haltung sofort den ehemaligen Offizier erkennen. Sein Gesicht war völlig unbewegt. Unter den näherdrängenden Soldaten kannte er viele Leute der A‑Kompanie, zu der Sergeant Bob Walker gehörte. Aber er sah auch Gesichter, die ihn früher aus den Reihen der D‑Kompanie – seiner Kompanie – angesehen hatten. Und die Mienen dieser Männer unterschieden sich jetzt durch nichts von den drohenden Gesichtern der anderen.

Seid vernünftig, Leute!“, sagte er ruhig. „Bringt Walker weg und betrachtet die Sache als erledigt.“

Sie wollen wohl immer den einfachsten Weg einschlagen, Shelton, was?“

Der Mann, der dies rief, befand sich im Hintergrund der Menge. Lance konnte ihn nicht sehen.

Gebt es ihm, Leute! Er hat den Sergeanten zusammengeschlagen!“

Das war eine andere Stimme. Und einer der Männer aus den vorderen Reihen setzte hinzu:

Und vergesst die Sache vom Redstone Canyon nicht!“

Sie rückten noch näher.

Lance Shelton legte seine rechte Hand auf den Kolben des Colts, der aus einem tiefgeschnallten rindsledernen Halfter ragte.

Bleibt, wo ihr seid!“

Diesmal war seine Stimme schärfer. Ein heiseres Auflachen antwortete ihm.

Er bekommt Angst, Leute! Los, weiter! Worauf wartet ihr denn noch, he? Gebt es ihm endlich! Er hat es verdient! So eine Frechheit, einfach hierher zurückzukehren, nach allem, was geschehen ist!“

In keinem Augenpaar konnte Lance Shelton Wärme oder Mitgefühl entdecken. Er sah nur Kälte, Grimm und Hass – Hass, wie ihn kurz vorher Bob Walker gezeigt halte. Dunkle Linien furchten sich um Lances Mund. Er, der früher als Captain im Fort beliebt und geachtet gewesen war, er hatte nun alle Fortbewohner als Feinde gegen sich. Einen Augenblick lang durchzuckte ihn der Gedanke, ob er sich nicht doch wohl zu viel vorgenommen hatte, als er sich von Tucson aus auf den Weg nach Fort Dolan gemacht hatte. Dann sah er wieder in die unversöhnlichen Gesichter ringsum. Und ihm wurde klar, dass dies keine Zeit für Überlegungen war. Mit einer flüssigen schnellen Bewegung holte er den Colt aus der Halfter.

Bleibt, wo ihr seid!“, wiederholte er seine Warnung.

Sie werden nicht schießen, Shelton!“, rief eine raue Stimme. „Sie werden es gewiss nicht tun, denn wenn Sie abdrücken, dann wird nichts mehr von Ihnen übrigbleiben. Weg mit der Waffe, los!“


*

Er biss die Zähne zusammen. Der Mann hatte recht! Er würde nicht schießen! Nicht aus Angst vor der Rache, sondern einfach deshalb, weil er es nicht fertigbrachte, auf einen dieser blauuniformierten Männer zu feuern, die ihn so sehr hassten und verachteten!

Die Näherkommenden hatten angehalten. Sie waren jetzt so nahe, dass jeder weitere Schritt einen direkten Angriff bedeutete. Und nun zögerten sie. Es würde nur ein kurzes Zögern sein, das wusste Lance. Es bedurfte nur noch eines anfeuernden Rufes, dann würden sie endgültig vergessen haben, dass sie einen ehemaligen Offizier vor sich hatten.

Dann würde das Massenbewusstsein die Überlegungen der einzelnen Individuen ausschalten, und sie würden über ihn herfallen. Dass er keine Chance besaß, lag klar auf der Hand!

Im nächsten Augenblick kam wieder Bewegung in den dichten Ring der Umstehenden. Lance erwartete, dass es nun so weit sei. Aber er täuschte sich. Die Soldaten drängten zur Seite und gaben eine schmale Gasse frei. Und durch diese Gasse kam eilig ein großer schwergewichtiger Mann mit einem buschigen feuerroten Schnurrbart heran. Er hielt eine langläufige Armeepistole in der Rechten und fuchtelte damit in der Luft herum. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, und es war nicht zu erkennen, ob daran nur die Hitze schuld war.

Lance Shelton hielt unwillkürlich den Atem an. Er fühlte, wie sein Herz plötzlich schneller klopfte und wie das Blut heißer durch seine Adern rann. Der Mann, der da herankam, war Master Sergeant Sam Taylor von der D‑Kompanie. Er war Lances Stellvertreter gewesen, und die beiden Männer hatte mehr miteinander verbunden, als nur das nahe Dienstverhältnis. Irgendwie waren sie Freunde gewesen, damals, vor vier Monaten. Und als Taylor jetzt keuchend und eilig in den Kreis trat, da vergaß Lance die drohende Gefahr ringsum. Da saugte sich sein Blick an dem breitflächigen geröteten Gesicht des Hünen fest, um darin zu lesen, was Master Sergeant Sam Taylor jetzt empfand. Jetzt, da er seinem ehemaligen Captain zum ersten Mal wieder gegenüberstand.

Sam Taylor schaute Lance kaum an. Seine Miene zeigte Grimm und Unwillen. Lance fühlte jäh ein Würgen in der Kehle. Master Sergeant Taylor brummte, als er den bewusstlosen Bob Walker im Sande liegen sah. Dann fuchtelte er mit dem Pistolenlauf vor den umstehenden Soldaten herum.

Was ist hier los mit euch, he? Habt ihr nichts anderes zu tun, als hier herumzustehen? Verdammt, ich werde euch gleich Beine machen. Verschwindet von hier – aber rasch! Los, los, kein Zögern, meine Herrschaften!“

Der Kreis dehnte sich allmählich. Die Männer wichen langsam zurück.

Ich habe ,rasch’ gesagt!“, grollte Taylor lautstark. „Soll ich euch im Laufschritt zehnmal um den Platz jagen, he? Ist euch das lieber?“

He, Sergeant!“, murrte eine Stimme. „Du kannst die Kerle von der D‑Kompanie schleifen, aber nicht uns! Der Kerl dort hat Walker zusammengeschlagen, und wir …“

Um deine Meinung hat dich niemand gefragt, verstanden?“, unterbrach ihn Taylor wild. „Wenn ihr nicht sofort verschwindet, dann wird euch der Colonel höchstpersönlich in die Zange nehmen, verstanden!“

Der Colonel?“

Jawohl, genau der! Also macht schon voran, ihr lahmen Kerle!“

Und Shelton? Soll er …?“

Du redest zu viel, Sonny!“, knurrte Taylor und stemmte die Fäuste in die Hüften.

Dann drehte er sich mit einem Ruck zu zwei blutjungen Soldaten herum.

Miller und Farrell, ihr nehmt Walker mit. Los, los, keine Müdigkeit vorschützen!“

Es war der echte Sam Taylor, so, wie ihn Lance Shelton kannte. Und zu einer anderen Zeit wäre vielleicht ein dünnes Lächeln um Lances Lippen gekrochen. Aber nicht jetzt! Nicht jetzt in diesen Minuten seiner Rückkehr nach Fort Dolan. Noch immer schaute ihn sein ehemaliger Kompanie‑Sergeant nicht an. Lance hatte das Gefühl, dass es Taylor vielleicht unangenehm war, hier neben ihm zu stehen.

Wer sagte denn, dass Sam Taylor anders dachte als die anderen Männer im Fort? Vielleicht war auch die letzte Freundschaft, auf die Lance Shelton insgeheim und halb unbewusst gehofft hatte, zerbrochen? Zerbrochen an den Dingen, die damals vor vier Monaten im nachtdunklen Redstone Canyon geschehen waren.

Die zwei jungen Soldaten hoben Walker auf und trugen ihn fort. Die übrigen Soldaten zerstreuten sich. Sie verschwanden fast alle in dem langgestreckten Kantinen‑Gebäude. Und Lance wusste, dass man nunmehr dort über sein unerwartetes Auftauchen diskutieren würde, und er musste sich zwingen, die Kühle seines klargeschnittenen Gesichtes aufrecht zu halten, diese Kühle, hinter der er seine innersten Gefühle verbarg. Er sah, dass Sam Taylor die Pistole in die Ledertasche schob und stellte fest, dass er mit dem Master Sergeant allein war.

Langsam drehte sich Sam Taylor um. Er sah Lance fest und offen an. Und dann glitt jäh ein breites warmes Lächeln über sein derbgeschnittenes sonnenverbranntes Gesicht. Unter dem feuerroten Schnurrbart blitzte eine Reihe von kräftigen Zähnen.

Captain, ich freue mich, Sie wiederzusehen!“, sagte Taylor heimlich.

Er streckte Lance die Rechte hin, und es war kein Zögern in dieser Bewegung. Lance Shelton drückte die Hand.

Sie sollen nicht ,Captain’ sagen, Taylor. Das ist vorbei!“

Er lächelte bitter. Aber tief in sich fühlte er eine warme Freude aufsteigen, Freude darüber, dass es in Fort Dolan doch noch einen Mann gab, der trotz allem, was geschehen war, zu ihm stand.

Für mich werden Sie immer der ,Captain’ bleiben, Sir!“, erklärte Taylor in seiner rauen Sprechweise. „Was man auch über Sie sagen mag!“

Ich danke Ihnen!“, sagte Lance schlicht.

Der Master Sergeant nahm dienstliche Haltung an, legte die Hand an den Mützenrand und sagte:

Colonel Maynard hat mich beauftragt, Sie zu ihm zu holen, Sir. Wollen Sie mir bitte folgen?“

Natürlich“, nickte Lance. „Kommen Sie, Sergeant, gehen wir!“

Noch während sie sich in Bewegung setzten und über den heißen Exerzierplatz auf das Haus des Fortkommandanten zugingen, tauchte vor Lance Sheltons Augen das ernste, verwitterte Gesicht des Mannes auf, dem er gleich gegenüberstehen würde. Und er erinnerte sich daran, wie tiefbekümmert und vorwurfsvoll die Miene Colonel Maynards damals gewesen war, als die Sache im Redstone Canyon passiert war.

Aber er erinnerte sich auch noch an etwas anderes: An die blauen Augen eines bezaubernden Mädchens, das ihm damals nachgeblickt hatte, als man ihn nach Tucson vor das Feldgericht gebracht hatte. Er wusste selber nicht genau, ob er sich darauf freute, oder ob er davor bangte, der Tochter des Colonels vielleicht in den nächsten Minuten zu begegnen …


*


Colonel Edward Maynard war allein. Er saß hinter einem breiten Schreibtisch in seinem Büro, blätterte in einem Stapel Papiere und blickte kaum auf, als Lance Shelton und Master Sergeant Sam Taylor eintraten.

Taylor schlug knallend die Hacken zusammen, legte die Hand an den Mützenrand und meldete:

Befehl ausgeführt, Sir! Captain Shelton ist zur Stelle!“

Der Colonel blickte langsam auf. Sein faltiges hageres Gesicht wirkte ausdruckslos. Die silbergrauen Haare an seinen Schläfen bildeten einen scharfen Kontrast zu der liefen Bräune der Haut.

Ich glaube, Sergeant, Sie irren sich“, sagte er tonlos. „Ich kenne keinen Captain Shelton!“

Er betonte dabei das Wort ,Captain’. Sam Taylors breitflächiges Gesicht wurde dunkelrot. „Entschuldigung, Sir, ich meine …“

Colonel Maynard winkte ab.

Schon gut, Sergeant. Sie können gehen!“

Der Master Sergeant salutierte abermals, machte eine zackige Kehrtwendung und verließ den Raum. Seine schweren Tritte pochten draußen auf der hölzernen Veranda und knirschten dann im Sand.

Der Colonel wartete, bis alles still war. Er hatte die Hände verschränkt und starrte auf die Schreibtischplatte, auf der ein paar Sonnenkringel tanzten. Er stand nicht auf, um Lance die Hand zu reichen. Lance hatte das auch nicht erwartet. Aber irgendwie fühlte er sich doch getroffen. Er lauschte, ob im Nebenraum nicht Geräusche leichter Mädchenschritte zu hören waren, aber nichts regte sich. Das Schweigen im Zimmer verdichtete sich und wurde erdrückend. Colonel Maynard sah Lance nicht an, als er zu sprechen begann. Seine Stimme war noch immer tonlos.

Sie haben einen Fehler gemacht, Shelton, als Sie hierher zurückkehrten. Ich hätte Sie für klüger gehalten!“

Ein flüchtiges Zucken lief über Lances Gesicht.

Sir …“, wollte er beginnen. Doch der Colonel sprach bereits weiter.

Ich habe gesehen, was sich draußen auf dem Fortplatz abspielte, Shelton. Und ich möchte vermeiden, dass sich ähnliche Vorfälle wiederholen. Ich möchte nicht gezwungen sein, über die ganze Fortbesatzung Disziplinarstrafen zu verhängen, nur weil Sie den Zorn dieser Männer anstacheln.“

Sir!“, sagte Lance hart. „Ich habe nichts getan, um einen Streit anzufangen.“

Sie sind zurückgekommen, und das allein genügt. Hören Sie, Shelton, ich tue es nicht gern, aber ich werde Ihnen den Aufenthalt im Fort verbieten!“

Das ist nicht Ihr Ernst, Colonel!“

O doch, Shelton!“

Der Fortkommandant stand auf. Er kam langsam hinter dem Schreibtisch hervor und trat dicht an Lance heran. Sein Gesicht war jetzt nicht mehr ausdruckslos. Es zeigte Ernst, Kummer und Bitterkeit.

Ich habe wirklich keine andere Wahl, Shelton!“, murmelte er. „Warum haben Sie denn das nur gemacht? Warum sind Sie denn zurückgekommen?“

Weil ich mit Cumberland sprechen will.“

Mit Allan Cumberland?“

Ja, Sir.“

Colonel Maynard schüttelte den Kopf.

Was versprechen Sie sich davon, Shelton?“

Lances Gesicht war starr. Die Wangenmuskeln zeichneten sich unter der gestrafften Haut ab. Er wich dem forschenden Blick des Colonels nicht aus.

Ich will die Sache vom Redstone Canyon nicht auf sich beruhen lassen, Colonel, das ist es! Deshalb will ich Allan Cumberland zur Rede stellen und vielleicht auch den Scout Tom Parry.“

Parry reitet nicht mehr für die Armee“, sagte Maynard mit gerunzelter Stirn. „Und Cumberland ist vom Lieutenant zum Captain aufgerückt.“

Er hat also meine Stelle eingenommen?“

Ja, aber darum geht es jetzt nicht. Was soll das heißen, dass Sie Cumberland zur Rede stellen wollen? Wollen Sie noch immer behaupten, dass Sie keine Schuld an dem Massaker im Redstone Canyon haben?“

So ist es, Sir!“, antwortete Lance Shelton mit einem heiseren Unterton in der Stimme.

Colonel Maynard blickte ihn einen Augenblick schweigend an. Dann sagte er leise:

Ich wollte, ich könnte Ihnen glauben, Shelton. Bei Gott, ich wünschte es wahrhaftig! Sie waren der beste Offizier in Fort Dolan, und ich … Well, lassen wir das! Es hat keinen Sinn mehr. Was geschehen ist, kann nicht mehr geändert werden!“

Ich will es versuchen, Colonel! Ich will es ändern. Darum bin ich hier!“

Maynards Augenbrauen zogen sich zusammen.

Ich hoffe, Sie spielen kein Theater, Shelton. Ich verstehe Sie nicht ganz. Sie wollen sich gegen den Spruch stellen, den das Armeegericht in Tucson gefällt hat? Man hat Sie für schuldig befunden, Shelton. Zwei Zeugen haben gegen Sie ausgesagt, und …“

Zwei Zeugen – ja“, murmelte Lance. „Allan Cumberland und Tom Parry. Ihre Aussage stand gegen die meine. Deshalb wurde ich verurteilt. Deshalb hat man mich mit Schimpf und Schande aus der Armee verjagt.“

In seinen grauen Augen funkelte es. Seine Hände öffneten und schlossen sich.

Maynard hatte sich wieder dem Schreibtisch zuwenden wollen. Jetzt drehte er sich um. Sein Blick war scharf, und seine Worte kamen schnell.

Sie wollen doch nicht behaupten, dass Captain Cumberland und Tom Parry falsch ausgesagt haben, Shelton?“

Lance presste die Lippen zusammen. Nun, da er über die ganze Angelegenheit gesprochen hatte, brandete der Andrang der Gefühle gegen ihn, die er damals empfunden hatte und die seitdem immer wieder gekommen waren. Es kostete ihn Mühe, seine Fassung zu bewahren.

Eine solche Behauptung würde nicht viel nützen, Colonel. Das weiß ich ganz genau. Aber vielleicht kommt einmal der Tag, da ich Beweise erbringen kann.“

Colonel Maynard zuckte mit den Achseln.

Ich glaube, es ist sinnlos, weiter darüber zu reden. Noch gibt es für mich und keinen der Männer im Fort einen Grund, an der Richtigkeit des Spruches der Jury zu zweifeln. Es tut mir leid, Shelton, aber ich muss Sie jetzt auffordern, Fort Dolan zu verlassen.“

Es ist gut, Colonel. Ich gehe schon.“

Einen Augenblick sah es so aus, als wolle Lance Shelton die Hacken zusammenschlagen und salutieren. Dann fiel ihm ein, dass er keine Uniform trug. Er war kein Soldat mehr, und äußerlich sah er aus wie irgendeiner dieser rastlosen Reiter, die ohne bestimmtes Ziel das weite, sonnendurchglühte Land durchstreiften. Er tippte mit zwei Fingern an die Krempe seines Hutes, sagte „Good bye, Sir!“ und wandte sich ab. Er blickte kein einziges Mal zurück, als er das Büro verließ, und Colonel Maynard schaute mit nachdenklich gerunzelter Stirn hinter ihm her …


*


Lance Shelton wollte sich eben auf den Rücken seines Braunen schwingen, da sah er neben sich den Schatten eines Mannes über den gelben Sand fallen. Er drehte den Kopf. Sam Taylor stand dort und blickte ihn besorgt an. Mit einer Hand zupfte der hünenhafte Master Sergeant an den Enden seines brandroten Schnurrbartes.

Alles in Ordnung, Captain?“

Nein, keineswegs, Sergeant!“

Taylor trat näher.

Wie meinen Sie das?“

Der Colonel hat mir das Fort verboten, Sergeant!“

Oh, verdammt!“, brummte Taylor betroffen. „Aber vielleicht ist es besser so, Captain. Hier im Fort werden Sie nur unnötig Ärger bekommen.“

Ich habe gehört, dass Cumberland jetzt die D‑Kompanie führt“, sagte Lance.

Yeah“, knurrte Taylor. „Er ist befördert worden. Ich sage Ihnen, Captain, ich habe mir schon einige Male überlegt, ob ich nicht um eine Versetzung eingeben soll. Dieser Cumberland ist kein guter Offizier. Er ist vom Ehrgeiz besessen. Er macht den Leuten das Leben zur Hölle.“

Ich hätte ihn gern gesprochen, Sergeant. Wissen Sie, wo ich ihn treffen kann?“

Sam Taylors Miene wurde wachsam.

Sie sollten das lieber nicht tun, Captain, wenn ich mir den Rat erlauben darf.“

Ich muss, Sergeant, ich muss.“

Taylor zögerte. Dann sagte er rau und gedämpft:

Wegen … damals, Sir?“

Ja!“, bestätigte Lance knapp.

Es war Verschiedenes nicht in Ordnung bei der Verhandlung in Tucson, nicht wahr?“, raunte der Master Sergeant heiser. „Ich ahnte es schon immer, Sir. Es ist schlimm, dass ich damals nicht mit bei der Patrouille war, die Sie zum Redstone Canyon führten!“

Die Bitterkeit brach in Lances Miene durch.

Dann wären Sie vielleicht nicht mehr am Leben, Sergeant!“, sagte er dumpf. „Wie die anderen!“

Taylor zuckte die freiten Schultern.

Vielleicht wäre dann alles anders gekommen, Sir. Vielleicht könnte ich dann als Zeuge für Sie aussagen.“

Diese Worte taten Lance Shelton gut. Sie bewiesen, dass Sam Taylor an seine Unschuld glaubte, obwohl alle Tatsachen gegen ihn sprachen. Aber Lance zeigte nichts von seinen Gefühlen. Er zog sich in den Sattel.

Well, Sergeant, wo finde ich Cumberland?“, wiederholte er seine Frage.

Er ist unterwegs. Er führt eine Streife durch die Wüste. Wir sind nämlich immer noch hinter Black Horse her. Der verwünschte Apache lässt sich nicht erwischen.“

Hm“, machte Lance, „wann wird er zurückkommen?“

Ich weiß es nicht. Ich kann Ihnen Bescheid geben, Captain, wenn Sie wollen.“

Nein!“, winkte Lance ab. „Ich will nicht, dass Sie ebenfalls in diese Angelegenheit hineingezogen werden. Außerdem stehen Sie unter Cumberlands Kommando.“

In diesem Falle spielt das keine Rolle, Captain“, sagte Sam Taylor eifrig. „Ich werde Sie nicht im Stich lassen. Sie können immer mit mir rechnen.“

Danke, Sam!“, sagte Lance, und es war das erste Mal, dass er den Master Sergeanten mit dem Vornamen anredete.

Dann lenkte er sein Pferd herum, hob grüßend den Arm und ritt auf das offene Forttor zu. Als er Fort Dolan verließ, hatte er das Gefühl, einen wesentlichen Teil seines Lebens unwiederbringlich hinter sich zu lassen. Und vor ihm lag ein Weg, den er bis zum bitteren Ende gehen musste!


*


Als Sam Taylor sich umwandte, sah er die stämmige Gestalt Bob Walkers vor sich. Der Sergeant der A‑Kompanie schnitt ein wütendes Gesicht.

Du bist ein Narr, Taylor!“, presste er hervor. „Du bist ein ganz großer Narr, wenn du diesem Kerl die Treue hältst!“

Taylors Augen wurden eng.

Halte du dich da heraus, Walker! Die Sache von vorhin sollte dir eine Lehre gewesen sein, nicht wahr?“

Hör auf damit, Taylor. Du meinst, weil mich Shelton niedergeschlagen hat, würde ich mich jetzt ducken, he? Du irrst dich, Amigo. Gerade deswegen werde ich nicht ruhen, bis dieser feige Shelton seine Abreibung bekommt. Und diese Abreibung soll er sein Leben lang nicht vergessen!“

Bob Walker knirschte grimmig mit den Zähnen.

Treib es nicht zu arg, Walker! Du könntest sonst Schwierigkeiten bekommen. Immerhin trägst du die Uniform.“

Und du weißt, wie streng der Colonel ist.“

Ach was!“

Walker machte eine wegwerfende Handbewegung.

Glaubst du denn, Shelton würde zum Colonel laufen, wenn wir ihn in die Zange nehmen? Bestimmt nicht. Ich sage dir nochmals, Taylor, dass du ein Narr bist, wenn du diesem Shelton weiter die Treue hältst.“

Er ist unschuldig!“, sagte Sam Taylor mit Überzeugung.

Unschuldig?“, lachte Walker heiser auf. „Pah! Darauf pfeife ich! Es ist wenig genug, dass er nur die Uniform verloren hat, dieser Schuft! Und dabei hat er sechs Männer auf dem gewissen! Sechs Männer – hörst du, Taylor? Und unter ihnen ist auch mein Freund Billy Renshaw. Ich bin nicht der Mann, der so etwas vergisst.“

Was hast du vor, Walker?“, fragte Taylor heiser.

Der Sergeant der A‑Kompanie starrte ihn lauernd an.

Ich werde Brackett und Milton mitnehmen“, knurrte er heiser, „und wir werden ihn finden. Er wird sich wahrscheinlich unten in Dolan City einquartieren. Und dort werden wir ihn uns schnappen. Kein Mensch wird ihm helfen, darauf kannst du dich verlassen, Taylor.“

Du täuschst dich!“, sagte Sam Taylor schwer. „Ich werde ihm helfen. Ich lasse nicht zu …“

Walker starrte ihn höhnisch an.

Du, Taylor? Du? Nein, nein, mein Freund, daraus wird nichts. In einer Stunde fängt dein Dienst an, nicht wahr? Du siehst, ich bin ausgezeichnet informiert. Well, jedenfalls werden Brackett, Milton und ich losziehen, verstehst du mich, Freund Taylor?“

Der Satan soll dich holen!“, brummte Master Sergeant Taylor wütend. Er drehte sich ruckartig um und stampfte mit schweren Schritten davon.

Nur nicht so vorlaut!“, rief Bob Walker hinter ihm her. „Sonst könnte es mir vielleicht einfallen, Captain Cumberland davon zu erzählen, wie sehr du von der Unschuld Sheltons überzeugt bist. Was denkst du, welche Freude Cumberland daran haben würde!“

Sam Taylor drehte sich nicht mehr um, und Walker verzog die Lippen zu einem grimmigen, hassvollen Grinsen.


*


Unterhalb des mächtigen Hügels, auf dem Fort Dolan lag, erhoben sich die verwitterten brüchigen und schiefen Häuser von Dolan City. Vor Jahren hatte hier nur ein Handelsposten gestanden, der billige Waren an die Indianer verschacherte. Im Laufe der Zeit hatten sich jedoch noch ein Hufschmied, ein Storekeeper, ein Saloonbesitzer, ein Sattler und mehrere andere Handwerker hier niedergelassen. Und so war eine kleine Siedlung daraus geworden, die sich in eine sandige Senke schmiegte, dicht am Rande der Wüste.

Das größte Gebäude von Dolan City war zweifellos Zach Morrisons Saloon. Es schien keine Tages- oder Nachtzeit zu geben, da nicht ein paar Pferde an dem langen Haltegeländer vor der Veranda angebunden waren. Und so war es auch an diesem frühen Nachmittag, da Lance Shelton auf seinem hochbeinigen Braunen vom Fort herabgeritten kam. Ein Mann war eben aus dem Saloon getreten, eine schmale schwarzhaarige Gestalt in fransenverzierter Hirschlederkleidung. Dieser Mann hielt sofort inne, als er den großen schlanken Reiter den Hang vom Fort herabkommen sah.

Das ist doch nicht möglich“, murmelte er. „Menschenskind, das ist doch nicht möglich!“

Er legte die flache Hand über die Augen, um sie gegen die Sonnenstrahlen zu schützen, und beugte seinen Oberkörper etwas vor. Sein Gesicht war angespannt, und die schwarzen Augen zeigten funkelnde Erregung. Die Straße von Dolan City lag leer. Kein Mensch war zu sehen, außer dem Reiter, der eben die ersten Häuser der kleinen Siedlung erreichte. Das Pochen der Pferdehufe drang dumpf durch die hitzeflimmernde Luft.

Die Starre des schwarzhaarigen Mannes auf der Saloonveranda löste sich. Er nahm die Hand von den Augen und zupfte mit einer wilden Bewegung den Revolvergurt zurecht. Ein unruhiges Flackern trat in seinen Blick.

Es ist Shelton! Er ist es tatsächlich!“

Er wurde sich nicht bewusst, dass die Worte halblaut über seine verkniffenen Lippen kamen. Er setzte sich in Bewegung, hastete die Verandastufen hinab und eilte auf sein Pferd zu. Es war eine struppige, braunweiß gefleckte Pintostute. Hastig löste der Mann die Zügel von dem glattgescheuerten Querholz des Haltegeländers. Sein Atem ging schnell und keuchend.

Hinter sich hörte er die Hufschläge von Lance Sheltons Pferd. Und plötzlich erkannte der Schwarzhaarige, dass er nicht mehr schnell genug sein konnte, um rechtzeitig von hier wegzukommen. Er zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen, schwang sich in den Sattel und lenkte sein Pferd herum. Lance Shelton war nur noch acht Yard von ihm entfernt. Das Funkeln in den Augen des Schwarzhaarigen verstärkte sich noch. Mit einer blitzschnellen Bewegung holte er den Revolver aus der Halfter und richtete den Lauf auf Shelton.

Halten Sie an, Shelton! Halten Sie sofort an und rühren Sie sich nicht!“

Mühsam unterdrückte Erregung ließ seine Stimme zittern.

Lance zügelte seinen Braunen.

Hallo, Parry!“, sagte er kalt.

Er sah das Flackern in den dunklen Augen seines Gegenübers und legte die Hände auf das Sattelhorn.

Schnallen Sie Ihre Eisen ab, Shelton!“, befahl Tom Parry heiser. „Los, los, machen Sie schon!“

Lance Sheltons Gesicht glich einer steinernen Maske.

Ich verstehe Sie nicht ganz, Parry“, sagte er eisig.

Aber ich verstehe Sie um so besser!“, unterbrach ihn der Schwarzhaarige erregt. „Ich weiß genau, warum Sie hierhergekommen sind. Aber ich will keine Kugel einfangen, Shelton! Ich habe keine Lust, mich mit Ihnen auf einen Kampf einzulassen. Also, schnallen Sie endlich ab, wenn Sie nicht wollen, dass ich …“

Lance unterbrach ihn.

Sie müssen schon ein ziemlich schlechtes gewissen haben, Parry!“

Er lächelte grimmig.

Ich habe nämlich nichts davon gesagt, dass ich mit Ihnen kämpfen will.“

Spielen Sie mir kein Theater vor, Shelton!“, keuchte Tom Parry. „Ich kenne Sie zu gut! Sie wollen mit mir und Cumberland abrechnen, das ist es! Welchen Grund hätten Sie denn sonst, um hierher zurückzukommen?“

Sie haben also doch ein schlechtes gewissen!“

Hören Sie auf damit!“, fauchte Parry. „Und schnallen Sie jetzt endlich ab!“

Lance zuckte flüchtig die Achseln.

Wie Sie wollen, Parry!“

Er nahm die Hände vom Sattelhorn und tastete zur Gürtelschnalle.

Versuchen Sie nur keine Dummheiten!“, warnte Tom Parry. „Ich werde bestimmt nicht …“

Er brach plötzlich ab. Alles war so schnell gegangen, dass er nicht mehr mit den Augen hatte folgen können. Ein langläufiger Navy‑Colt lag wie hingezaubert in Lance Sheltons rechter Faust, und die Mündung der Waffe zeigte genau auf Tom Parrys Brust.


*


Well“, sagte Lance mit unnatürlicher Ruhe, „jetzt liegen die Chancen gleich. Sie können abdrücken, Parry, wenn Sie wollen!“

Parrys Gesicht wurde grau. Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn.

Shelton, Sie sind doch kein Narr! Mann, stecken Sie die Waffe zurück. Wenn ich abdrücke, dann sind Sie eine Leiche!“

Und Sie ebenfalls!“

Der Revolverlauf in Parrys Faust begann zu wanken.

Sie sind verrückt, Shelton!“

Keineswegs! Ich habe nur keine große Lust, mich von Ihnen herumkommandieren zu lassen. Well, ich sagte schon, dass Sie abdrücken sollen, wenn Sie es tatsächlich nicht anders wollen, Parry!“

Der ehemalige Scout von Fort Dolan atmete schwer.

Sie wollen mich töten, Shelton!“

Das habe ich nicht behauptet. Sie waren es, der zuerst das Eisen auf mich richtete.“

ln Tom Parrys Miene arbeitete es. Die steinerne Ruhe Lance Sheltons beunruhigte ihn beinahe noch mehr als der Lauf des 44er Navy‑Colts.

Das ist ja alles Wahnsinn!“, keuchte er.

Lance bewegte sich nicht.

Es hängt ganz von Ihnen ab, Parry.“

Der Schwarzhaarige seufzte tief und ließ seinen Revolver sinken.

Lassen Sie mich reiten, Shelton?“

Vielleicht wäre es gut, wenn Sie mir vorher einige Fragen beantworteten, Parry.“

Das Gesicht Parrys bekam einen gehetzten Ausdruck.

Nein! Es gibt nichts mehr zu reden! Lassen Sie mich in Frieden, Shelton! Ich will mit dieser ganzen verdammten Sache nichts mehr zu tun haben.“

Das sollten Sie sich schon früher überlegt haben, Parry“, sagte Lance hart. „Schon damals, als Sie zusammen mit Allan Cumberland gegen mich aussagten!“

Der Schweiß rann über Tom Parrys Gesicht.

Das ist vorbei, Shelton! Ich kann nichts, dafür, dass man mich als Zeuge vors Gericht holte!“

Aber Sie hätten die Wahrheit sagen können!“

In diesem Augenblick riskierte es Tom Parry. Er riss den Revolver nicht ganz hoch, sondern feuerte von der Hüfte aus. Lance Shelton sah den Feuerstrahl auf sich zukommen und ließ sich seitwärts aus dem Sattel fallen. Er landete im Sand, rollte zur Seite und schwang den Colt in die Hohe. Sein Brauner tänzelte schnaubend zur Seite. Staub wirbelte auf, der vom Sonnenschein einen goldenen Farbton erhielt. Irgendwo wurde klirrend ein Fenster aufgestoßen. Der Staub zerflatterte, und Lance sah die schmale Gestalt des ehemaligen Scouts, die sich tief auf den Pferdehals duckte.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738909104
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (April)
Schlagworte
hinterhalt redstone canyon

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Titel: Hinterhalt am Redstone Canyon