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Der Alchimist des Bösen

2017 120 Seiten

Leseprobe

DER ALCHIMIST DES BÖSEN

Uwe Erichsen

(Der Alchimist von Buckland Castle)


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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Roman


Das Laboratorium mußte tief unter der Erde liegen oder in einem Felsen, denn die Wände waren feucht. Im gleißenden Licht der Neonlampen glitzerten die Wassertropfen wie kaltes, viele Jahrhunderte altes Eis.

Auch die Schweißtropfen im kalkigen Gesicht des Mannes funkelten, als er sich über den gläsernen Deckel eines metallenen Behälters beugte. Es war ein Sarg.

Noch vierzehn weitere Metallsärge standen in diesem kalten Raum, waren an einer der Wände aufgereiht. Über jedem Sarg befand sich eine Art Schaltkasten, von dem farbige Kabel zu dem Behälter führten und durch breite, schwarze Gummidichtungen darin verschwanden.

Im Licht der tiefhängenden Lampe starrte der bucklige, glatzköpfige Mann durch das Glas. Der Behälter war mit einer schwarzroten Flüssigkeit, die das starke Licht zu durchdringen schien, bis zum Rand gefüllt.

Knapp unter der Oberfläche waren die Umrisse eines Gesichts zu erkennen. Tiefe Augenhöhlen und ein klaffender Mund, gefüllt mit der dunkelroten Brühe. Am Schädel klebten Elektroden, eine Sonde steckte in der Halsschlagader, eine Metallplatte lag auf der dünnen Zunge.

Der Mann blickte auf. Ein grünes Licht flackerte auf der Schalttafel, zuckte im rätselhaften Rhythmus eines Bewußtseins, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Der Bucklige atmete schwer, als er in die Lauge, die aus Schafsblut, Moospflanzen, zermahlenen Knochen und konservierten Zellen bestand, blickte. Wie unter einem geheimnisvollen Bann stehend, nahm er ein Elektrodenpaar auf, setzte es an seine Schläfen.

Ein körperlicher Schmerz ließ ihn in die Höhe zucken. Er neigte den Kopf, lauschte der Stimme, die in seinem Gehirn entstand. Er vermochte sich nicht zu bewegen, während die Gedanken des toten Wesens in der Nährlösung wie mit kalten Fingern durch die Windungen seines Hirns tasteten.


»Ja«, sagte er keuchend auf die Befehle, die er empfing.

Denn das Wesen in dem Behälter wollte leben, leben, leben!

Leben! hallte es in seinem Gehirn wider, und der Mann riß die Elektroden von seinem Kopf.





Es wurde schon dunkel, doch das Mädchen hielt sich noch im Moor auf. Im Hochmoor, über dessen bucklige Hügel ein kalter Wind pfiff, der ihr ins Gesicht peitschte und an den langen blonden Zöpfen zerrte.

Es war gern hier draußen, wenn der Wind klagend heulte, und es lauschte den Worten, die der Sturm vor sich her trug. Das Mädchen verstand die Laute des Windes.

Es jauchzte laut gegen das Heulen, gegen die dunklen Hügel.

Hier durfte es schreien, niemand war da, der es strafte, es knuffte, zur Seite schob oder schalt. Der Wind war sein Freund.

Es hob die kleine flache Nase in die Höhe, als ob es den Tod witterte, der in der Nähe lauerte, und sah zu den bleigrauen, jagenden Wolken hinauf, als könne es dort den Herrscher der Finsternis sehen. In diesem Augenblick brach ein Loch in der Wolkenwand auf, und ein letzter goldener Sonnenstrahl stieß hindurch. Das Mädchen streckte die Hände aus. Es wollte den Strahl fangen, schrie vor Freude, doch der Jubellaut erstarb auf seinen Lippen, als das Loch sich schloß wie das Auge eines Riesen.

Das Mädchen drehte sich um. In der Ferne blinkten gelb und warm die Lichter eines Farmhauses. Da bemerkte es eine Bewegung inmitten der zottigen Hochlandschaft. Zuerst hielt es die Gestalt, die sich jetzt vor das Licht schob, für eines der Schafe. Doch dafür war die Gestalt zu groß, zu unförmig.

Sie kam heran. Ein schwarzer Umhang flatterte im Wind, ein weißes Gesicht leuchtete unter einem breitrandigen Hut.

Das Mädchen spürte das Böse, das dort herankam, und es stand reglos da, das Unvermeidliche erwartend. Der Wind war still geworden, der Himmel zog sich zusammen, schien herabzukommen auf die dunklen Hügel von Cornwall.

Der Umhang wirbelte um die kleine, magere Gestalt des Mädchens, hüllte sie ein. Knochige Finger tasteten über sein Gesicht, wanderten tiefer, schlossen sich schließlich um den dünnen Hals und drückten zu.





Die Ansammlung der alten, reetgedeckten Häuser abseits der Straßen hieß Buckland in the Moor. Das Golden Arrow bildete so etwas wie einen Mittelpunkt der Gemeinde, obwohl es noch ein zweites Wirtshaus gab, das mit seinen vierhundertsiebzehn Jahren sechs Jahre älter war als der Pub Golden Arrow und sich, sicher zum Ärger des schnauzbärtigen Landlords, der das Golden Arrow zusammen mit seinem mißgestalteten Sohn betrieb, Ye Olde Inn nennen durfte. Ye Olde Inn stand im Schatten der häßlichen roten Kirche, nur einen Steinwurf vom Golden Arrow entfernt.

Im Golden Arrow versammelten sich die Männer des Dorfes nach getaner Arbeit. Schweigend tranken sie das dunkle, starke Bier, ließen sich zu einem Spiel Dart hinreißen, das wortlos absolviert wurde.

Der Wirt überblickte von seinem erhöhten Standort aus die Gäste, füllte Gläser nach, achtete darauf, daß sein Sohn Albert ununterbrochen beschäftigt war.

Er kannte jeden der Männer. Er war mit ihnen zusammen aufgewachsen, hatte wie sie kaum einmal das Dorf verlassen, abgesehen von der Zeit beim Militär, die ihn in eine fremde, unverständliche Welt hinausgeführt hatte.


Sein Blick ruhte auf der gebeugten, knochigen Gestalt Oliver Hicks, der etwas abseits von den anderen stand und den Spielern zusah. Genau wie die übrigen Bewohner Bucklands mißtraute er diesem Mann, denn Hicks war ein Fremder. Er war erst vor neun Jahren nach Buckland in the Moor gekommen und hiergeblieben, nachdem er Jake Vanstones Witwe geheiratet hatte.

Oliver Hicks stellte das Bierglas auf die Theke und deutete mit einer stummen Gebärde darauf, die Mike Glenville als unberechtigten Vorwurf auffaßte. Er sah über das leere Glas hinweg. Die Minuten dehnten sich, bis er es endlich aufnahm und von neuem füllte. Oliver grinste über sein häßliches Gesicht, als er elf Pence abgezählt neben das Glas legte.

Glenville strich sie ein, ohne Hicks anzusehen.

Der Mann führte das Glas zum Mund und versenkte die Oberlippe in der dünnen Schaumkrone. Die Eingangstür knarrte, die Köpfe der Männer bewegten sich. Nur Hicks trank gemächlich. Doch als er die großen runden Augen der anderen Gäste bemerkte, wandte auch er schnell den Kopf.

In der Tür stand eine Frau. Eine gebeugte, grauhaarige Frau mit schmalen Lippen und tiefliegenden, verwaschenen Augen.

Eine Frau im Golden Arrow! Mike Glenville konnte sich nicht entsinnen, jemals eine Frau in seinem Pub gesehen zu haben, und auch für die Männer schien es ein unerhörter Vorgang zu sein. Die Spieler hielten die Pfeile fest, dann sahen sie zum Wirt hinüber, als ob sie von ihm eine Erklärung dieses außergewöhnlichen Zwischenfalls erwarteten.

Glenville reckte die breiten Schultern unter der wollenen Jacke, zwirbelte die Enden seines Schnauzbartes, dann räusperte er sich. Doch die Frau kam ihm zuvor.

»Oliver!« rief sie unterdrückt. »Elisa ist noch nicht zu Hause!« Alle im Raum kannten die Frau. Man nannte sie Jake Vanstones Witwe, nicht etwa Mrs. Oliver Hicks oder Grace Hicks, obwohl Jake schon seit zehn oder elf Jahren tot war.


Oliver Hicks setzte bedächtig das Glas ab, wischte mit dem Handrücken den Schaum von den Lippen, ehe er zu einer Antwort ansetzte. Er wußte, jeder erwartete von ihm, daß sie dem Vorfall angemessen sein würde.

»Geh nach Hause, Grace«, sagte er. »Elisa wird sicher bald kommen.« Hicks nickte, zufrieden mit sich selbst. Eine Frau gehörte ins Haus, sie hatte in der Kneipe nichts zu suchen.

»Oliver! Bitte, komm! Elisa war noch nie so lange draußen!«

»Sie wird schon kommen ...« Oliver sah sich um, er suchte Zustimmung, Unterstützung bei den anderen Männern, doch die blickten ihn nur mißbilligend an.

Hicks niedrige Stirn rötete sich. Er streifte das halbvolle Glas mit einem bedauernden Blick, grinste dann, zuckte die unförmigen Schultern und stapfte durch den Raum. Er nahm die dicke Jacke vom Haken, warf sie sich über die Schultern und schob seine Frau durch die Tür.

Schritte scharrten hinter ihm und er blickte zurück. Die anderen Männer folgten ihm schweigend. Sie holten ihre Hunde und die Laternen, dann gingen sie ins Moor hinaus.

Die Tiere winselten und zerrten an den Leinen. Sie alle strebten einem Hügel im Nordwesten zu, der wegen seiner eigenartigen Form und der spitzen Kalksteinfelsen auf der Kuppe die Riesenhand genannt wurde.

Es ging durch hartes Gras und starre Heidebüsche vorwärts.

Weiter im Westen erhob sich der schwarze Umriß der Burg auf dem höchsten Berg der Umgebung. Die verwitterte Ringmauer war bei der Dunkelheit nicht zu erkennen, nur das langgestreckte Palais und der wuchtige Turm, in dessen obersten zwei Fenster Licht schimmerte. Die Fenster schienen den Männern wie Augen, die ihr Tun beobachteten.

Die Hunde winselten, und einige von ihnen drängten sich zitternd an die Beine der Männer, als sie sich der Mulde am Fuß der Riesenhand näherten. Bleiches Licht strich über schwarzbraune Moortümpel, deren Oberflächen so stumpf waren, daß sie das Licht nicht reflektierten.

Die Männer blieben stehen. Oliver Hicks schob sich an ihnen vorbei. Sein Schädel ruckte nach allen Seiten. Er spürte das Unheimliche dieses Ortes, das ihm einen kalten Schauer über die Haut jagte.

Hoch hob er die blakende Lampe über seinen Kopf.

In ihrem Schein sahen sie den verdrehten Körper, die abgeknickten Beine, das zerrissene Kleidchen unter dem alten, verschlissenen Mantel. Stöhnen quoll über rauhe Lippen.

Entsetzt starrten die Männer auf das tote Mädchen, dem das lange Goldhaar, die herrlichen, schweren Zöpfe fehlten. Elisa hatte das schönste Haar von Buckland in the Moor gehabt.

Wie unter einem Zwang traten die Männer näher. Dann erst entdeckten sie das Furchtbare. Der nackte Schädel des Mädchens blinkte ihnen entgegen. Das Gesicht war unversehrt, die erloschenen Augen starrten in den schwarzen Himmel.





»Elisa war eine Plage, eine Plage für alle!« rief Bridget Luce.

Ihre Stimme klang schrill. »Sie war schwachsinnig, jawohl, schwachsinnig, und ich mußte sie unterrichten wie jedes andere Kind! Dort saß sie!« Die Lehrerin deutete in die dunkelste Ecke des nüchternen Klassenzimmers und hob dann beide Arme, als ob sie den Geist des toten Mädchens beschwören wollte.

Die beiden Beamten, ein Detective Superintendent und ein uniformierter Constabler von der Grafschaftspolizei in Newton Abbot, blickten sie stumm, doch vielsagend an.

Bridget Luce war eine spitznasige, grauhaarige Person undefinierbaren Alters, die seit einer Ewigkeit die Kinder von Buckland in the Moor unterrichtete. »Schwachsinnig war sie −

wie ihr Vater. Haben Sie schon mit Jake Vanstones Witwe gesprochen? Oder mit ihrem Mann? Mit ... mit ... Oliver Hicks?«

»Ja, Madam«, antwortete Superindent Nick Ellen höflich.

»Und? Was sagen Sie?«

»Wozu, Madam?« erkundigte sich Nick Ellen.

Die Lehrerin deutete anklagend durch das Fenster auf die Dorfstaße hinaus, auf die Häuser mit den verkrusteten Steinmauern, die im Licht einer fahlen Morgensonne lagen.

Niemand war auf der Straße. »Dieser Mensch, der Jake Vanstones Witwe geheiratet hat ...« Die Stimme der Mausgrauen senkte sich, der Kopf kam herab, die flinken Äuglein zuckten zwischen den Männern hin und her. »Dieser Hicks ... er ist zu allem fähig!«

»Können Sie das näher erklären?«

»Erklären? Glauben Sie, ich will ebenso enden wie dieses beklagenswerte Geschöpf?«

»Mr. Hicks Alibi scheint in Ordnung zu sein«, gab Ellen zu bedenken.

»Pah! Hicks stammt aus Plymouth.« Sie sagte es so, als ob die Herkunft des Mannes dazu angetan sei, alles Schreckliche, das jemals im Dorf geschehen war und noch geschehen könnte, zu rechtfertigen.

Der Kriminalist lächelte. Er hatte ein längliches, etwas zu blasses Gesicht mit grauen Augen und lockigem, braunen Haar.

Das Lächeln verschwand unvermittelt, als er sagte: »Die Hirnschale des Mädchens wurde aufgebrochen ...«

»Hören Sie auf!« schrie die Lehrerin schrill. »Hören Sie augenblicklich auf, mir so schreckliche Dinge zu erzählen!«

Sie zitterte am ganzen mageren Körper.

»Diese Sexualverbrecher sind zu allem fähig!«

»Ein Sexualvergehen scheidet aus«, meinten Ellen sanft.

»Deshalb sind wir auch zu Ihnen gekommen, Madam. Wir suchen ein Motiv für diese grauenhafte Tat. Wir hatten gehofft, daß Sie uns helfen würden.« Ellen nickte dem Constabler zu, der daraufhin sein Notizbuch einsteckte.

»Ein Motiv! Pah, wer braucht ein Motiv, wenn er ein schwachsinniges Kind umbringt? Es war ihm lästig! Das war es!«

»War es Ihnen nicht auch lästig?« fragte Ellen mit dunklem Unterton.

Die Lehrerin schnappte nach Luft. Doch als sie das Lächeln in dem jungenhaften Gesicht des Beamten bemerkte, preßte sie die Lippen für einen Augenblick zusammen. »Diese ganze Familie ... Grace hat schon zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes wieder geheiratet!« berichtete sie atemlos.

»Einen Fremden! Einen Mann aus Plymouth! Elisa war Jake Vanstones Tochter. Der gute Jake hat seine Tochter gar nicht mehr gekannt. Wie gut, daß ihm das erspart gelieben ist. Es war bestimmt nicht seine Schuld. Und Robin ...«

Sie verstummte.

»Ja? Was ist mit Robin?«

»Robin ist Jakes Sohn. Er muß jetzt siebenundzwanzig Jahre alt sein. Er hat seine Mutter verlassen, als sie diesen Mann heiratete.«

Die Beamten gingen. Der Superintendent kannte die Geschichte um Robin Vanstone. Er war zur See gegangen und besuchte seine Mutter, die kleine Schwester und seinen Stiefvater jedes Jahr, wenn es möglich war. Ellen schüttelte den Kopf.

Als sie über den Schulhof schritten, der leer und verwaist wirkte, weil die Kinder heute frei hatten, sagte Ellen: »Bill, man sollte nicht glauben, daß es noch solche Menschen gibt, die eine derartige Fremdenfeindlichkeit an den Tag legen.«

»Was glauben Sie, Sir?« fragte der Constabler.

Ellen hob die Schultern. »Die Menschen aus dem Moor können schweigen. Ein Leben lang.« Er blieb an dem hölzernen Tor stehen und sah die Straße hinauf. »In jedem Dorf dieser Art gibt es Geheimnisse, von denen ein Außenstehender nie etwas erfährt.« Der Kriminalbeamte nickte bekräftigend. Er war selbst in einem Dorf im Dartmoor geboren, hatte es verlassen müssen, wie alle jungen Männer, die einen Beruf ausüben wollten. Aber er wußte schon heute, daß er eines Tages zurückkehren würde. Zurück in sein Dorf, das so viele Geheimnisse um Leben und Tod barg. Er seufzte auf, blickte die gewundene Straße hinab, über die niedrigen Reetdächer und schiefen Mauern.

»Kommen Sie, Bill, wir fahren nach Newton Abbot zurück.«

Der Constabler nickte. Die Stimme seines Vorgesetzten verriet nichts von dessen Resignation, aber Nick Ellen glaubte nicht daran, daß der Mörder der kleinen Elisa jemals seine gerechte Strafe erhalten würde.





Die Polizisten hatten das Dorf verlassen. Zwei Tage hatten sie sich in den beiden Wirtshäusern aufgehalten, hatten jeden Dorfbewohner ausgefragt. Sogar den Pfarrer und Sir Howard, den Neunten Earl von Buckland, hatten sie besucht. Überall hatten sie zu verstehen gegeben, daß für die Tat nur ein Dorfbewohner in Frage komme, denn niemand habe einen Fremden in Buckland in the Moor gesehen. Es gab nur eine einzige Straße, die das Dorf mit dem nächsten Ort, Holbeton Common, verband.

Als die Lichter an den beiden Wirtshäusern pünktlich um sechs Uhr aufflammten, schienen die Männer zu zögern, die Sicherheit ihrer Häuser zu verlassen, die staubige Straße zu überqueren, sich den lauernden Gefahren der Nacht auszusetzen.

Deshalb starrte Mike Glenville beunruhigt zur Tür, als fünf Minuten verstrichen und immer noch kein Gast erschien.

Albert, sein Sohn, zog die Schulter womöglich noch höher als sonst, und als sein Vater ihm plötzlich befahl, den Keller aufzuräumen, weil hier oben doch nichts zu tun sei, zuckte er heftig zusammen, denn die Stimme seines Vaters hallte ungewohnt laut in dem leeren Raum wider.

Dann jedoch betraten drei Männer zugleich den Schankraum und enthoben die Ratten im Keller der Gesellschaft des mißgestalteten Jungen mit dem struppigen Flachshaar.

Zufrieden füllte der Wirt die Gläser für seine Gäste. Das Geschäft würde schon laufen, dachte er, auf jahrzehntelange Erfahrung zurückblickend. Er konnte sich kein Ereignis vorstellen, das die Männer vom Besuch ihrer Stammkneipe hätte abhalten können.

Gegen sieben Uhr war der Raum gefüllt, nur ein Mann fehlte.

Ihn vermißte allerdings kaum jemand, und als er dann doch im Türrahmen stand, zögernd, ein breites Grinsen um den Mund, waren die Männer überrascht.

Er kam tatsächlich. Das war typisch für einen Fremden. Die ohnehin nur gedämpfte Unterhaltung stockte, begonnene Sätze blieben unausgesprochen. Oliver Hicks spürte die Ablehnung und die Feindschaft dieser Männer wie eine massive Wand vor sich aufwachsen, und bestürzt wollte er sich im ersten Reflex wieder zurückziehen.

Doch dann setzte er langsam Fuß vor Fuß, schob sich bis zur Theke vor und blickte den Landlord an, so, wie er es immer tat.

Seit er in Buckland in the Moor lebte, hatte er im Golden Arrow nie etwas anderes als Brown Bitter getrunken, doch Glenville schien es vergessen zu haben.

»Was willst du?« fragte er feindselig.

»Brown Bitter«, antwortete Oliver Hicks bescheiden.

Umständlich begann der Wirt, das Bier zu zapfen. Er brauchte lange dafür. Das Schweigen der anderen Gäste begleitete seine Handgriffe. Sie bildeten einen Kreis um Hicks, starrten ihn an.

Hicks hob den Kopf. Er hatte gelbe Augen mit farblosen Pupillen, dichte, buschige Augenbrauen über einem sich vorwölbenden Schädeldach. Mit seiner großen behaarten Pranke ergriff er das Glas und führte es zum Mund.

Jemand stieß ihn an. Etwas Bier schwappte über den Rand des Glases. Hicks ließ es sinken und blickte sich um. Die Gesichter der Männer waren starr. Nur einer öffnete den Mund.

Hicks kannte ihn nur zu gut.

John Dymond, ein Farmer, nach dem Pastor der wichtigste Mann im Ort. Ihm verlieh die Größe seiner Farm eine gewisse Autorität, obwohl auch er nur ein kümmerliches Dasein fristete, genau wie die anderen. Aber er besaß ein paar Schafe, ein paar Acres Land mehr.

»Was hast du mit Elisa gemacht?« fragte John Dymond. Er sprach nur das aus, was alle anderen dachten. Oliver Hicks kannte die Gedanken der Männer jedoch nicht, die selten über sich selbst und ihre Gefühle sprachen.

»Wie meinst du das, John?« fragte er schwer. Traurig sah er in Dymonds kleine grausame Augen. Die Gesichtshaut des Farmers war so braun wie das Moor, das Haar so schwarz wie die wolkenverhangene Winternacht. Von Dymond erzählten sich die Frauen Dinge, die unbegreiflich waren. Es war die Rede von geheimnisvollen Opferfesten in den Hügeln, bei denen Schafe getötet und ihr Blut getrunken wurde.

Dymond besaß die meisten Schafe in dieser Gegend, außer dem Grafen natürlich. Deshalb wurde auf seinen Weiden natürlich öfter ein totes Tier gefunden als auf den Wiesen der anderen Männer. Ausgeblutete Kadaver. Es erschien den Männern wie ein Zeichen des Teufels, wenn sie ein Tier fanden, das keinen Tropfen Blut mehr in den Adern trug. Das Blut war einfach verschwunden, es war nicht im Boden versickert, denn die Tiere wiesen nicht einmal äußere Verletzungen auf. Dymonds Lippen waren schmal und hoben sich kaum von der Farbe seines Gesichtes ab. Hicks stellte sich vor, wie diese Lippen in frisches Blut tauchten, in warmes, dickflüssiges Blut. Ihn schauderte.


John Dymonds Augen begannen zu funkeln. »Wem war Jake Vanstones Tochter im Weg, he?« fragte er laut. Er sah sich um, und die Männer erwiderten seinen Blick. Ja, lautete die stumme Anweisung, frag ihn nur!

»Wie meinst du das?« erkundigte sich Hicks dumpf. Sein Blut geriet in Wallung. Jeder im Dorf wußte natürlich, daß ihm das kleine schwachsinnige Ding im Haus lästig war, daß er es geschlagen und ein paarmal im Hundezwinger eingesperrt hatte, zusammen mit dem zottigen schwarzen Ungeheuer von Hund, mit dem es sich so gut verstand. Aber er hätte Elisa doch nicht töten können! Niemals!

»Uns kannst du es ruhig sagen, Oliver. Du warst es, stimmt's?

Von uns würde keiner so etwas tun, das steht fest!« Dymond nickte, und die anderen nickten ebenfalls.

Oliver Hicks starrte in sein Glas. Die dünne Schaumkrone war zusammengefallen. Vor seinen Augen drehten sich dunkle Kreise, rote Schleier wallten auf und ab.

Sein Arm kam hoch. Der Inhalt des großen Glases schwappte in John Dymonds Gesicht. Es klatschte, als die braune Flüssigkeit über die Haut des Farmers spritzte, ihm in die Augen drang.

Die Männer stöhnten auf. Das war unerhört. Diese Tat eines Fremden war mit nichts zu entschuldigen.

Dymonds schwere Faust zuckte vor. Hicks nahm den Kopf zur Seite, dann schmetterte er das leere Glas auf den harten Schädel des Farmers, wo es zerschellte.

Dymonds kleine Augen wurden trüb, der Kopf sank ihm in den Nacken, und seine Beine knickten ein. Zwei Männer hielten den Schwankenden, schleppten ihn zu der Bank neben dem rauchgeschwärzten Maul des Kamins und legten ihn dort ab.

Oliver Hicks stand mit hängenden Armen da. Mike Glenville stieß seinen Sohn an, der sich einen Lappen schnappte und hinter der Theke hervorkam. Vorsichtig näherte er sich Oliver Hicks, als ob der ein Ungeheuer sei. Er bückte sich zu dessen Füßen und begann, den Boden aufzuwischen.

Wortlos wandte Oliver Hicks sich um. Langsam stapfte er zur Tür und verließ das Golden Arrow. Er würde es nie mehr betreten.





»Komm mit mir!« wisperte die kindliche Stimme. »Komm mit mir!« Lockend und traurig klang die Stimme, die in Bridget Luces schlafendes Hirn drang.

Unruhig wälzte sich die Lehrerin herum. Es war kalt in der kleinen Kammer in dem Anbau hinter der Schule. Immer jaulte der Wind im Kamin, knackte das Holz des Fensters. Sie hatte sich an die vielfältigen Geräusche ihrer einsamen Nächte gewöhnt. Sie wußte, wann der Sturm kam, kurz vor dem ersten Schnee. Heute klang es genauso, dabei war es viel zu früh, um zu schneien. Viel zu früh, dachte sie im Halbschlaf.

»Komm mit!« lockte die Kinderstimme.

Sie träumte von Elisa. Dieses Mädchen verfolgte sie jetzt auch noch im Schlaf, nachdem sie tot war. Schrecklich. Sie zog die Decke bis ans Kinn hinauf.

»Komm!«

Bridget sah die großen traurigen Augen des Mädchens vor sich. Wie hatte sie diesen Blick gehaßt, wenn er begierig an ihren Lippen hing. Dieses schwachsinnige Mädchen war wie ausgehungert gewesen. Es wollte alles wissen. Immer fragte es, immerzu. Woher kommt der Wind? Woher kommen die Wolken? Wohin treiben sie? Sie hatte dem Mädchen den Mund verboten. Sie konnte diese einfältigen Fragen nicht mehr hören.

»Komm mit!«

Bridget Luce fuhr in die Höhe. Sie war jetzt hellwach. Über dem Fußende ihres schweren, hölzernen Bettes hob sich das Fensterkreuz schmal vor dem fahlen Grau des nächtlichen Himmels ab. Der Raum lag in völliger Finsternis.

Trotzdem hatte sie das Gefühl, nicht allein zu sein. Jemand war im Zimmer. Sie roch den anderen Menschen förmlich.

»Komm mit!« hörte sie erneut rufen.

Die Lehrerin begann zu zittern. Das war doch ... Nein, dachte sie verstört. Nein! Sie wollte schreien, sie öffnete den Mund, doch ihre Kehle war trocken wie Papier.

»Du mußt mitgehen«, sagte Elisas Stimme. »Eine schöne Frau braucht dich ...«

Bridget Luces Glieder begannen zu zucken, ihr Kopf wackelte auf dem mageren Hals. Ihr Atem rasselte. Sie spürte die Bewegung im Raum, und dann sah sie eine hohe Gestalt, in einen dunklen Umhang gehüllt, die sich vor das fahle Grau des Fensters schob. Der Umhang breitete sich aus, schien zu flattern wie die Flügel eines unbeholfenen Vogels. Dann sank die Kapuze herab, die bisher den Kopf dieser grauenvollen Erscheinung umhüllt hatte.

Wieder lockte Elisas Stimme.

Die Lehrerin sah das lange goldene Haar, das an dem Schädel der Erscheinung herabfiel, und die Worte dieses jungen Polizeibeamten fielen ihr ein: Die Hirnschale des Mädchens wurde aufgebrochen ...

Die Gestalt beugte sich über das Fußende des Bettes, das Haar fiel über das weiße Leinen. »Bitte, komm!«

»Nein! Nein! Niemals!« ächzte die Lehrerin. Dann sank sie zurück. Das Grauen hatte ihr das Bewußtsein geraubt.

Als sie langsam zu sich kam und das Erinnerungsvermögen wieder einsetzte, konnte sie sich zunächst nicht bewegen. Ihre Muskeln versagten den Dienst, die Gelenke waren verkrampft.

Bridget Luce schüttelte sich bei dem Gedanken an den schrecklichen Traum, der ihre Seele mit Haß erfüllte. Haß gegen dieses schwachsinnige Geschöpf, das sie jetzt auch noch nachts heimsuchte und ihr Angst und Schrecken einjagte.


Allmählich löste sich die Starre ihrer Glieder. Sie drehte sich herum. Vielleicht konnte sie noch einmal einschlafen. Plötzlich spürte sie etwas Nasses an ihren Beinen.

Mit zitternden Händen tastete die Lehrerin nach der Schnur, die das Deckenlicht einschaltete. Sie erreichte sie nicht, mußt sich noch ein wenig höher stemmen. Die klebrige Feuchtigkeit war jetzt noch deutlicher zu spüren und ängstigte die Frau.

Endlich bekam sie die Schnur zu fassen, riß heftig daran.

Die Lampe flammte auf, tauchte die kleine Kammer mit der rosa Tapete in ein mildes Licht. Die abgerissene Schnur in der einen Hand haltend, schlug Bridget Luce die Decke zur Seite.

Neben ihren mageren Schenkeln lag der abgeschnittene Kopf eines Schafes. Mit irrem Blick starrte sie auf das graue Fell, die hervorquellenden, verdrehten Augen, auf die bläulich angelaufene Zunge, die lang und rauh aus dem offenen Maul hing und wie eine Schlange über ihr Bein zu kriechen schien.

Und während sich ihr Verstand noch zu erkennen weigerte, was die Augen sahen, schien ein stählerner Ring um ihre Brust zu schnappen. Ihr Herz zuckte in unregelmäßigen Stößen gegen die Rippen, schien heraufzusteigen und hämmerte im Hals, als ob es herausspringen wollte.

Sie schrie gellend auf, zog die Beine an und wich in die äußerte Ecke des Bettes zurück. Ihre Lippen lallten unverständliche Worte. Die Hand tastete über die Wand, sie suchte die Verbindungsschnur zur Lampe, um das Licht wieder auszuschalten. Sie hatte nicht einmal bemerkt, daß die Schnur abgerissen war.

Alles war voller Blut. Ihre Füße schimmerten dunkelrot im Licht der Deckenlampe. Sie spürte, wie ihr übel wurde. Der Magen schien sich umzustülpen, und sie übergab sich auf den Teppich.

Dann stürzte Bridget Luce aus dem Bett, aus der Kammer.

Fahles Dämmerlicht drang durch die Fenster des Wohnraumes, es war grau und dunstig wie ein Abend im Moor. Sie raffte ein paar Kleidungsstücke an sich, ihre Handtasche, den Schlüssel-bund. Dann rannte sie aus dem Anbau, über den Schulhof.

Einmal stolperte sie und fiel auf die spitzen Schottersteine, die ihre Knie aufrissen. Sie raffte sich auf, rannte weiter.

Die kleine Wellblechgarage hinter dem Schulgebäude war ihr Ziel. Dort stand der blaue Mini, den sie für ihre gelegentlichen Fahrten zum County Office benutzte, wenn dort Vorträge stattfanden, bei denen die Teilnahme für die Lehrer und Lehrerinnen der Grafschaft Pflicht war.

Die Lehrerin öffnete das Tor. Die rostigen Angeln kreischten.

Da stand der kleine Wagen, der Lack glänzte im ersten Licht des Tages. Sie warf ihre Kleider hinein. Ihr Nachthemd, das sie immer noch trug, wies große Blutflecken auf. Sie würde sich später anziehen. Zuerst mußte sie weg von hier, weg vom Ort des Grauens, in dem es ein schwachsinniges, totes Mädchen gab, das sie ständig verfolgte. Ihre zitternden Finger schoben den Schlüssel ins Zündschloß, drehten ihn herum.

Aber der Anlasser blieb stumm. Bridget Luce sank in sich zusammen, kauerte mit zuckenden Gliedern und hämmernden Herzen im Wagen. Das Dorf schien sie nicht gehen zu lassen, das schwachsinnige Kind hielt sie gefangen.





Heute sprachen die Männer, die sich im Golden Arrow versammelt hatten, lebhafter als sonst miteinander. John Dymond berichtete, und jeder hing an seinen Lippen. Natürlich hatte es sich herumgesprochen, daß der Lehrerin des Ortes etwas zugestoßen war, denn der Unterricht war schon wieder ausgefallen. Diesmal nicht, weil eine Mitschülerin umgekom-men, sondern weil Bridget Luce krank war.

Am frühen Morgen war sie John Dymond über den Weg gelaufen, der mit seinem hochbeinigen Rover zum Krämer gefahren war, um Medizin für ein krankes Lamm zu holen.

»Sie irrte über die Straße«, berichtete der Farmer.

»Im Nachthemd«, steuerte der Krämer als pikantes Detail bei, obwohl das mittlerweile jedem bekannt war.

Dymond grinste böse.

»Die Lehrerin warf sich beinahe vor meinen Wagen und flehte mich dann an, sie nach Newton Abbot zu bringen.«

Dymonds diabolisches Grinsen vertiefte sich noch.

»Ich konnte sie nicht fahren, das kranke Lamm ... Aber ich habe sie nach Hause gebracht. In ihrem Bett lag der abgeschnittene Kopf eines Schafes.«



















»Wem gehörte das Tier?« fragte Easterbrook, der Krämer. Er hob das Glas an die Lippen und nahm einen langen Zug. Das leere Glas knallte er auf die Theke, und Glenville beeilte sich, es zu füllen. Der Krämer hatte schon sechs Krüge getrunken, und sein breites Gesicht rötete sich langsam.


»Mir«, antwortete Dymond.

»Ich habe den Kadaver gefunden.«

Zornig fuhr er mit einer Hand durch die Luft.

»Es ist schon das zwanzigste Schaf, das ich in diesem Jahr verliere!«

Die Männer schwiegen. Jeder dachte sich sein Teil. Sie waren überzeugt, daß der Farmer das Blut der Tiere für Schwarze Messen oder andere dämonische Verrichtungen benutzte und es ihnen selbst abzapfte.

Dann lachte Dymond jedoch auf. »Sie kommt nicht weg, diese Zicke. Der Verteiler an ihrem Wagen ist hin, die Kabel, alles.« Verächtlich stülpte er die Lippen vor. »Wann habt ihr schon mal eine Frau gesehen, die einen Wagen fahren kann?«

Die Männer grinsten zustimmend. Der Krämer wollte etwas erwidern. Er war schließlich der einzige, der regelmäßig die Kreisstadt besuchte, um für seinen Laden einzukaufen. Dort hatten viele Frauen ein Auto. Aber er schwieg dann doch lieber, denn Dymond war mit seinem Bericht noch nicht am Ende.

Der Farmer fuhr fort: »Sie ist überzeugt, daß Elisa ihr diesen Streich gespielt hat.« Genüßlich schnalzte er mit der Zunge, sah sich um. Sein Blick traf die Augen des jungen Albert. Sie glänzten wie im Fieber, und seine Lippen waren feucht.

Speichel rann an seinem pickeligen Kinn herab. Er atmete schwer.

Dymond grinste. »Das Mädchen war bei ihr, sagte sie, und hat ihr den Kopf gebracht. Was haltet ihr davon?« Er lachte breit.

»Dieses Mädchen war ein Teufel«, meinte der Krämer mit schwerer Zunge. »Das sagt sogar der Pfarrer. Eine Schande, daß sie doch ein christliches Begräbnis bekommen soll.«

»Was sagt der Pfarrer?« fragte einer der Umstehenden erstaunt. »Sie war ein Teufel?«

Easterbrook rollte unbehaglich die Schultern. »Na, direkt gesagt hat er's nicht. Aber warum hat er sie nicht in die Sonntagsschule gelassen? Sie wollte doch immer hin, aber der Pfarrer hat sie nicht haben wollen. Das sagt doch alles!«

Zusammenfassung

Das Laboratorium mußte tief unter der Erde liegen oder in einem Felsen, denn die Wände waren feucht. Im gleißenden Licht der Neonlampen glitzerten die Wassertropfen wie kaltes, viele Jahrhunderte altes Eis.
Auch die Schweißtropfen im kalkigen Gesicht des Mannes funkelten, als er sich über den gläsernen Deckel eines metallenen Behälters beugte. Es war ein Sarg.
Noch vierzehn weitere Metallsärge standen in diesem kalten Raum, waren an einer der Wände aufgereiht. Über jedem Sarg befand sich eine Art Schaltkasten, von dem farbige Kabel zu dem Behälter führten und durch breite, schwarze Gummidichtungen darin verschwanden.
Im Licht der tiefhängenden Lampe starrte der bucklige, glatzköpfige Mann durch das Glas. Der Behälter war mit einer schwarzroten Flüssigkeit, die das starke Licht zu durchdringen schien, bis zum Rand gefüllt.
Knapp unter der Oberfläche waren die Umrisse eines Gesichts zu erkennen. Tiefe Augenhöhlen und ein klaffender Mund, gefüllt mit der dunkelroten Brühe. Am Schädel klebten Elektroden, eine Sonde steckte in der Halsschlagader, eine Metallplatte lag auf der dünnen Zunge.
Der Mann blickte auf. Ein grünes Licht flackerte auf der Schalttafel, zuckte im rätselhaften Rhythmus eines Bewußtseins, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Der Bucklige atmete schwer, als er in die Lauge, die aus Schafsblut, Moospflanzen, zermahlenen Knochen und konservierten Zellen bestand, blickte. Wie unter einem geheimnisvollen Bann stehend, nahm er ein Elektrodenpaar auf, setzte es an seine Schläfen.
Ein körperlicher Schmerz ließ ihn in die Höhe zucken. Er neigte den Kopf, lauschte der Stimme, die in seinem Gehirn entstand. Er vermochte sich nicht zu bewegen, während die Gedanken des toten Wesens in der Nährlösung wie mit kalten Fingern durch die Windungen seines Hirns tasteten.

»Ja«, sagte er keuchend auf die Befehle, die er empfing.
Denn das Wesen in dem Behälter wollte leben, leben, leben!
Leben! hallte es in seinem Gehirn wider, und der Mann riß die Elektroden von seinem Kopf.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909098
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
alchimist bösen

Autor

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Titel: Der Alchimist des Bösen