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Milton Sharp #8: Die Mumie mit dem Henkerbeil

2017 120 Seiten

Leseprobe

Die Mumie mit dem Henkersbeil


Ein Milton-Sharp-Roman (8)





IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Logo: Steve Mayer

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappentext:

Kaum setzt Milton Sharp, der Schattenjäger, seinen Fuß wieder auf englischen Boden, steckt er schon in einem neuen, lebensgefährlichen Abenteuer: Im Britischen Museum in London verschwindet eine uralte ägyptische Königin, und Kunsträuber stehlen Juwelen von unvorstellbarem Wert. Die beiden Taten stehen in einem Zusammenhang, findet Milton schnell heraus, denn eine Mumie streift durch London und enthauptet mit einem Henkersbeil nicht nur die Räuber, sondern jeden anderen, der sich für die Juwelen interessiert. Wenn Sila, die einst eine grausame Herrscherin war, die sieben Rubine aus dem Juwelenraub miteinander vereinen kann, kann niemand mehr sich ihrer Macht widersetzen. Und Sila hat mächtige dämonische Helfer. Als wäre dies nicht schon schlimm genug, endet eine neuerliche Begegnung Miltons mit Xurus beinahe tödlich, und Lee Fallon verschwindet spurlos …



Milton Sharp

In seinem neuesten Fall bekommt es der Schattenjäger mit einer schier übermächtigen Gegnerin zu tun, der Mumie der ägyptischen Herrscherin Sila. Wenn es Sila gelingt, die sieben Rubine ihrer Macht in ihren Besitz zu bringen, gibt es niemanden mehr, der sie aufhalten kann, sich ganz Londons zu bemächtigen.


Sila

Die Mumie der uralten ägyptischen Königin verschwindet eines Nachts aus dem Museum und rächt sich grausam an den Räubern ihrer Juwelen. Mit ihren dämonischen Helfern setzt Sila alles daran, ihre grausame Herrschaft über die Menschen erneut anzutreten.


Lee Fallon, die »Ratte«

Seit Milton weiß, dass die Seele seines Bruders Glyn in Lees Körper wohnt, muss er besonders aufpassen auf Lee, damit er eine Chance hat, den Körper Glyns wieder mit dessen Seele zu vereinen. Als hätte er mit Sila nicht genügend Probleme, verschwindet auch noch Lee Fallon.


Dick Murawski

Ein Jugendlicher hält Milton für einen Stuntman und bittet diesen um ein Autogramm. Wenig später wird er in ein Abenteuer verwickelt, das seine wildesten literarischen Erfahrungen um ein Vielfaches übersteigt.










Roman:

Staffy bekam einen trockenen Hals. Wie war der Kerl plötzlich hier hereingekommen? Seine Augen suchten den Alarmknopf, der sich vier Schritte entfernt befand. Der Fremde sah unheimlich aus. Die bleichen Züge seines Gesichtes wirkten leblos. In den kalten, dunklen Augen flackerten Irrlichter. Eine sichtbare Waffe trug er nicht, aber er schien äußerst gefährlich.

Staffy war allerhand gewohnt, aber der Anblick dieses Geisterhaften ließ seine Nerven flattern. Er verlor die Beherrschung und schlug zu.

Doch seine Faust donnerte schmerzhaft gegen einen Marmorsockel, da der Fremde dem Schlag blitzschnell ausgewichen war.

Über das maskenhafte Gesicht des Unheimlichen glitt ein spöttisches Lächeln.

»Du erwischst mich nicht, Staffy«, flüsterte er, und es klang, als käme die Stimme aus einer Gruft. »Ich hole mir immer, was ich will.«

Er meint mich, dachte Staffy entsetzt. Er ist der Tod und will mich holen …

Staffy wich angstvoll zurück. Die Schmerzen an seiner Hand vergaß er völlig. Der Alarmknopf! Das war sein einziger Gedanke.

Der Fremde folgte ihm nicht, sondern stand leblos und starr wie die steinernen Figuren in diesem Raum auf der Stelle.

Staffy überbrückte die Distanz zum Alarmknopf mit einem einzigen Satz. Doch statt des erhofften Sirenentons erscholl von allen Seiten grausiges Gelächter. Ein Schauer ging ihm bis zu den Haarwurzeln.

»Vergiss mich nicht, Staffy!«, sagte die unheimliche Gestalt beschwörend. »Behalte mich in Erinnerung, das ist deine einzige Chance!«

Das Lachen ebbte ab und verstummte plötzlich ganz.

Staffys Augen weiteten sich in ungläubigem Staunen. Er fasste sich an den Kopf, da er das Gefühl hatte, verrückt zu werden. Der Kerl vor ihm wurde durchsichtig und sah auf einmal aus wie ein gläserner Mensch. Durch die verschwimmende Gestalt hindurch konnte er die Tafel mit der Museumsordnung erkennen.

Schließlich verschwand der Unheimliche völlig.

Staffy schüttelte nervös den Kopf. Natürlich hatte er sich das alles nur eingebildet. Anscheinend war er für einen Moment eingenickt und hatte schlecht geträumt … Verdammter Nachtdienst!

Sicherheitshalber ging er zu der Stelle, an der er den Fremden zuletzt gesehen zu haben glaubte.

Kaum hatte er sie erreicht, als sich unsichtbare Hände um seinen Hals legten und gnadenlos zudrückten. Dazu hörte er die grässliche Stimme von eben:

»Denk an mich, Staffy! Oder du wirst es bereuen!«

Sein Halswirbel knackte bedrohlich. Dann löste sich der Druck, und Staffy stürzte kraftlos und vor Entsetzen zitternd zu Boden. Er brauchte geraume Zeit, bis er sich wieder erholt hatte.


*


Allan Porter schraubte die Thermosflasche wieder zu und setzte den Becher mit dem Tee an die Lippen. Mit einem Aufschrei ließ er ihn plötzlich fallen. Das heiße Getränk rann ihm über die Finger und verbrühte sie.

Der Dreiundsechzigjährige, dessen Haar in langjährigem Dienst für das Britische Museum ergraut war, hatte nicht einmal mehr den Nerv zu fluchen. Er war blass geworden, und seine Lippen zitterten. Allan Porter war kein furchtsamer Mensch, aber es gab Dinge, die auch einem unerschrockenen Mann das Fürchten lehrten und ihm regelrecht die Haare zu Berge stehen ließen. Dies war ein solcher Moment.

Der Museumswärter blickte von Grauen erfüllt um sich. Seine Hände ballten sich in hilfloser Abwehr. Diese furchtbare Fratze, die sich vor Sekunden in seinem Tee gespiegelt hatte, war sicher nicht gekommen, um mit ihm Bridge zu spielen. Die hatte nach Tod und Verderben ausgesehen.

Doch hinter ihm stand niemand …

Allan Porter schüttelte entgeistert den Kopf. Das gab es nicht, er hatte die Gestalt ganz deutlich gesehen. Allan Porter war weder verrückt noch betrunken. Er schob zwei Finger in den Kragen seines Hemdes und spürte, dass der steife Stoff klatschnass war. Rasender Schmerz durchfuhr seine Brust, und Allan griff sich ans Herz. Es fehlte ihm noch, so kurz, vor der Pensionierung schlappzumachen!

Er riss sich zusammen, atmete tief durch und sagte sich, dass alles wohl eine Täuschung war. Wahrscheinlich lag es daran, dass er fast sein halbes Leben zwischen leblosen Statuen, Mumien, Totenmasken und zum Teil abscheulichen Götterdarstellungen zugebracht hatte. In der ägyptischen Abteilung des Britischen Museums in London fanden sich die seltsamsten Stücke.

Seufzend schlurfte er zur Kammer, in der die Putzfrauen ihre Utensilien aufbewahrten. Er füllte einen Eimer halbvoll und nahm auch einen Wischlappen mit. Mit den Sachen kehrte er in den Saal zurück und machte sich daran, den verschütteten Tee aufzuwischen.

Porter ging in die Knie und wollte den Lappen ins Wasser tauchen. Doch wieder schrie er angstvoll auf.

Der alte Wärter spürte, wie alles Blut aus seinem Gesicht wich. Eiskälte kroch seinen Rücken empor, und die Augen traten ihm fast aus den Höhlen.

Da war die furchtbare Fratze wieder. Sie spiegelte sich im Wasser, aber als er sich umdrehte, befand sich wieder niemand hinter ihm. Allan Porter ächzte. Er zwang sich, erneut in den Eimer zu schauen. Ihm war trotz des Schreckens aufgefallen, dass er das Gesicht irgendwie kannte.

Fast bildete er sich ein, es müsse sich um jemanden handeln, den er täglich sah. Drei dunkle, boshaft blickende Augen starrten ihn an.

Porter rüttelte an dem Eimer, dass das Wasser hin- und herschwappte. Aber die Fratze blieb und lächelte höhnisch.

Eine kalte, knochige Hand legte sich von hinten auf seine Schulter.

Der alte Wärter schrie in maßlosem Entsetzen und versuchte, die Hand abzuschütteln. Er schlug wild um sich und traf den dürren Arm …

»Was, zum Teufel, ist denn in Sie gefahren, Porter?«

Das war Bartley! Der Oberaufseher hatte sich, wie das seine Art war, lautlos angeschlichen.

Porter blickte den Vorgesetzten wie einen Geist an. Verstört und zitternd deutete der Alte auf den Eimer und stammelte:

»Sehen Sie dort, Sir! Es ist grauenvoll. Ich kann es nicht begreifen.«

Bartley hatte wenig Sinn für Humor. Was sollte schon an einem simplen Wassereimer sein? Außer einigen Litern Wasser gab es dort nichts zu entdecken.

Allan Porter schüttelte verwirrt den Kopf. Die Fratze war verschwunden, das ließ sich nicht leugnen.

»Entschuldigung, Sir!«, murmelte er bestürzt. »Sie haben mich erschreckt. Ich habe Sie nicht kommen hören.«

Im selben Augenblick drang Lärm aus einem der rückwärtigen Säle. Es war Staffy, der sehr aufgeregt schien.

Bartleys Zornesader schwoll an, denn er mochte in diesen Räumen keine Unbeherrschtheiten. Auch nicht außerhalb der Öffnungszeiten.

»Mister Bartley!«, hörte er Staffy brüllen. »Wo sind Sie, Mister Bartley? Kommen Sie schnell!«

Der Oberaufseher setzte sich widerstrebend in Bewegung. Porter folgte ihm wie unter Zwang.

Im Mumiensaal stieß er auf die beiden anderen Männer. Sie standen stumm da und stierten auf die Stelle, als ob es dort etwas Außergewöhnliches zu sehen gäbe. Doch der Platz war leer.

Porter zuckte wie unter einem Schlag zusammen.

Wieso war der Platz leer? Hier stand doch seit Jahr und Tag die guterhaltene Mumie der altägyptischen Königin Sila …

Jetzt war sie nicht mehr da. Einfach verschwunden.

Allan Porter meinte, dass auch seine letzten Haare jetzt grau wurden.

Bartley vergaß, dass er laute Töne verabscheute und schrie den verstörten Staffy an:

»Wie konnte das passieren? Haben Sie geschlafen, Mann? Das wird Konsequenzen haben.«

Insgeheim dachte er allerdings an die Konsequenzen für sich selbst. Er trug schließlich die Verantwortung, und da klaute ihm jemand eine ganze Mumie unter den Augen weg.

»Ich begreife das nicht«, jammerte der Wärter. »Ich befand mich gerade in der Nähe des Sarkophags von König Amil III., da hörte ich ein Geräusch und eilte sofort hierher. Aber die Mumie war schon weg.«

Die Diebe – es musste sich um mehrere handeln – hatten ungeheuer schnell und kaltblütig gearbeitet. Aber sie konnten das Museum mit ihrer Beute noch nicht verlassen haben. Das war ausgeschlossen.

Bartley wurde sehr lebendig. Wütend stürzte er auf ein Kästchen neben der Tür zu und hieb mit der bloßen Faust durch das dünne Glas.

Augenblicklich plärrte eine schauderhafte Sirene. Sämtliche Lichter strahlten auf. Das Britische Museum, das von außen eher einer würdigen Kathedrale glich, tauchte in Festbeleuchtung.

Beim nächstgelegenen Polizeirevier und beim Yard wurde Alarm ausgelöst. Mehrere Einsatzwagen rasten augenblicklich los. Kurze Zeit später wurde das ganze Gebäude durchsucht. Nicht den winzigsten Raum ließ man aus, obwohl die Mumie allein schon einen gewissen Platz beanspruchte. Die Fahndung blieb erfolglos. Weder die Königin Sila noch ihre frechen Räuber tauchten auf.

Dafür stellten sich die Beamten und später auch der herbeizitierte Museumsdirektor die Frage, wie es den Verbrechern gelungen war, bis zu der Mumie vorzudringen, ohne die raffinierte Alarmanlage in Gang zu setzen.

Über der ganzen Aufregung vergaß man Allan Porter, und der Mann hütete sich, auf sich aufmerksam zu machen. Er erinnerte sich nur zu gut an die schauderhafte Fratze, die er erst in seinem Teebecher und später im Wassereimer gesehen hatte.

Jetzt wusste er, weshalb ihm das Gesicht so bekannt vorgekommen war. Er war davon überzeugt, dass ihm die Mumie über die Schulter geschaut hatte.

Doch Kollege Staffy gab eine ganz andere Aussage zu Protokoll. Für ihn stand fest, dass der seltsame Kerl, der auf so geheimnisvolle Weise verschwunden war, etwas mit dem frechen Raub zu tun hatte. Er konnte den Mann genau beschreiben, und im Yard rieb man sich bereits die Hände.

Der Bursche war ihnen nur zu gut bekannt. Es handelte sich um Lee Fallon, der auch unter dem Spitznamen »die Ratte» in den Akten geführt wurde.


*


Der Leichenwagen kam aus dem Norden der Stadt. Trotz der traurigen Fracht waren der Fahrer des Wagens und sein Begleiter erstaunlich fröhlich. Es sah so aus, als wären die beiden an einem Streich beteiligt. Das erschien um so verwunderlicher, da beide Männer bewaffnet waren.

Selbst in den finstersten Gegenden von London ist es nicht üblich, die Toten unter Feuerschutz zur letzten Ruhe zu geleiten. Dass es hier trotzdem geschah, musste einen besonderen Grund haben.

Vielleicht lag es an den vier finsteren Gestalten, die sich in der Abingdon Road herumdrückten. Einer von ihnen hatte bereits weiße Haare, obwohl er die Dreißig kaum überschritten hatte. Er hieß Pellow und war der Boss der Bande.

In seinen Händen hielt Pellow ein kurzläufiges Gewehr. Die drei anderen trugen Totschläger in der Tasche. Die Gesichter hatten die Kerle vermummt. Lediglich die Augen blitzten hinter schmalen Schlitzen.

»Und wenn es nun nicht klappt?«, fragte einer sorgenvoll.

»Es klappt«, versicherte Pellow. »Wir kriegen den Sarg, da wette ich drauf.«

»Ich weiß nicht«, meldete sich ein anderer. »Ich muss Knorring recht geben. Mir steckt auch so ein komisches Gefühl im Magen. Direkt unheimlich finde ich es.«

»Pah! Was ist schon dabei, wenn du einen Sarg klaust. Die beiden Narren, die den Wagen begleiten, werden nicht wissen, wie ihnen geschieht. Das Ganze dauert keine zwei Minuten, und schon nehmen wir ihre Plätze ein.«

»Es sind aber nur zwei Plätze«, erinnerte Cochran, ein kleinwüchsiger Ganove, der Schlimmes ahnte. »Wir sind aber zu viert.«

»Neben dem Sarg ist genügend Platz«, bestimmte der Boss. »Du und Brown werden dort sitzen.«

Das hatte Cochran befürchtet, und ihm graute bei der bloßen Vorstellung.

Es blieb aber keine Zeit für weitere Bedenken. Pellow ermahnte seine Männer zur Ruhe.

Zwei Scheinwerfer tasteten sich um die Ecke. Der schwarze Wagen mit der goldenen Türaufschrift bog in die Abingdon Road ein.

Pellow hob das Gewehr und zog sich in den Schatten des nächstgelegenen Hauseingangs zurück. Ihn plagten keine Zweifel. Heute war die Nacht seines Lebens.

Die anderen drei verschwanden ebenfalls lautlos.

Die Straße war augenblicklich menschenleer.


*


Der Leichenwagen näherte sich rasch. Die beiden Männer hinter der Windschutzscheibe ahnten nichts. Sie wussten nur, dass sie gleich am Ziel waren. Sir Edwin erwartete sie zweifellos bereits.

»Das mit der Leiche war eine tolle Idee«, sagte der Fahrer und langte mit der linken Hand nach der Zigarettenpackung, die auf der Konsole vor dem Schaltknüppel lag. »Kannst du mir mal eine feuern?«

Sein Begleiter griff in die Tasche und brachte ein Zündholzbriefchen zum Vorschein. Bevor er ein Holz anreißen konnte, flammte es auch schon auf. Allerdings auf der anderen Seite.

Der Fahrer zuckte zusammen und schrie schmerzerfüllt. Er nahm die Hände vom Lenkrad und tastete erschrocken nach seinem Gesicht. Er hatte das Gefühl, als hätte ihn eine Wespe gestochen.

Der Wagen brach zur Seite aus und fuhr auf die Schaufensterfassade einer Konditorei zu.

Der Begleiter wurde Zeuge, wie der Fahrer langsam zur Seite fiel. An seiner rechten Wange lief Blut herunter.

Entsetzt packte der Mann das Lenkrad und riss es herum. Glücklicherweise hatte sein Kollege nicht mehr den Fuß auf dem Gaspedal. Er griff zur Handbremse, um das Gefährt zu stoppen. Mit der anderen Hand riss er die Pistole aus der Tasche und schaute sich nach dem Kerl um, der durch das Seitenfenster geschossen hatte.

In diesem Moment wurde er selbst getroffen. Der Schmerz war nur gering, aber das Rauschen in den Ohren zeigte ihm, dass etwas mit ihm vorging. Er schaffte es nicht mehr, die Pistole zu heben und auf die vier maskierten Typen abzudrücken, die aus dem Dunkeln sich näherten. Kraftlos fiel sein Arm herunter. Er kippte zur Seite und stürzte hart aufs Pflaster, da in diesem Augenblick der Schlag auf seiner Seite aufgerissen wurde.

Die Gangster zerrten die beiden Leblosen aus der Kabine und ließen sie einfach liegen.

Der Weißhaarige zwängte sich ans Lenkrad.

Knorring warf sich von der anderen Seite neben ihn auf die Bank. Die anderen rannten nach hinten und entriegelten die Doppeltür, hinter der der Sarg stand.

Cochran zögerte. Grauen schüttelte ihn.

Sein Grauen wurde noch verstärkt, als Brown sich schreiend an ihm vorbeidrängte und ins Innere des Wagens kletterte. Er konnte das Gesicht seines Komplizen nicht erkennen, doch er sah buchstäblich, wie diesem die Haare zu Berge standen. Irgendetwas an dem Sarg oder seinem Inhalt musste so entsetzlich sein.

Brown drängte sich in die hinterste Ecke und hämmerte mit den Fäusten gegen die Trennwand zur Fahrerkabine.

»Fahrt doch endlich los!«, krächzte er mühsam. »Um alles in der Welt, gib Gas, Pellow! Er bringt uns sonst alle um!«

Cochran spürte eine Bewegung hinter sich und wirbelte herum.

Da erst begriff er den wahren Grund von Browns panischem Entsetzen. Vor ihm stand eine überaus grässliche Gestalt, die kaum zu beschreiben war. Ihr ganzer Körper war in bräunliche Tücher gewickelt und verbreitete einen bestialischen Gestank. In dem Gesicht war außer den Augen kaum etwas zu erkennen. Die funkelten böse und kalt wie zwei Höllenfeuer. Über den beiden war noch ein drittes Auge. Es schien aus purem Blut zu sein, denn es leuchtete feuerrot.

Das Schrecklichste aber war, dass die Gestalt ein Beil in der Hand hielt, ein riesiges Henkersbeil, wie es schon seit Jahrhunderten nicht mehr verwendet wurde.

Das Wesen hob den Arm, und die scharfe Schneide glitzerte.

Cochran erwachte aus seiner Erstarrung.

»Nehmt mich mit!«, brüllte er voller Grauen und schwang sich mit einem Bein in den Laderaum.

Zur gleichen Zeit fuhr der Leichenwagen an. Pellow gab Gas, und Brown schlug schreiend die Hände vor die Gesichtsmaske.

Der vierte Ganove schlug der Länge nach auf den Asphalt.

Die Rücklichter des Wagens entfernten sich in höllischem Tempo. Die Doppeltüren waren noch offen, doch der Sarg rutschte nicht hinaus, da Brown ihn krampfhaft festhielt.

»Ihr Schweine!«, heulte Cochran angstvoll auf.

Er entsann sich der Schreckensgestalt und hob den Kopf. Das Pfeifen in der Luft hörte er zu spät. Das Henkersbeil sauste herab. Cochrans Kopf rollte ein paar Yards weiter, bis er im Rinnstein liegen blieb.

Die unheimliche Gestalt würdigte den Leichnam keines Blickes. Ihre kalten Augen verfolgten den entschwindenden Wagen. Wieder hob sie das Beil und vollführte damit eine drohende Hiebbewegung durch die Luft.

In unmittelbarer Nähe zersprangen klirrend die Schaufensterscheiben. Sämtliche Straßenlaternen erloschen schlagartig. Es war absolut finster in der Abingdon Road.

Das war der Anlass, warum ein Streifenwagen in die Gegend geschickt wurde. Die Beamten sollten nachsehen, was den Stromausfall verursacht hatte. Sie fanden keine Ursache, wohl aber einen Toten, dessen Anblick sogar hartgesottene Männer erbleichen ließ.

So nahm eine Kette grausamer Morde ihren Anfang …


*


Nach Wochen setzte Milton Sharp seinen Fuß wieder auf englischen Boden. Deutschland, Frankreich und schließlich Italien waren die Stationen gewesen, doch den verhassten Dämon Xurus, der vom Körper seines Zwillingsbruders Glyn Besitz ergriffen hatte, konnte Milton nicht fassen. Dafür aber einen Mann, der ebenso wichtig war.

Neben ihm schritt Lee Fallon, von dem Milton früher nur gewusst hatte, dass er ein berüchtigter Juwelendieb war. Inzwischen war mit dem Mann eine grundlegende Veränderung vorgegangen, und auch hierbei hatte Xurus seine teuflische Hand im Spiel gehabt.

Der Dämon hatte Körper und Geist von Glyn Sharp getrennt. Den Körper hatte er selbst behalten. Mit seiner Hilfe war Xurus in der Lage zu töten, ohne sich seiner Diener bedienen zu müssen.

Milton hatte inzwischen herausgefunden, dass er seinen Bruder nur dann retten konnte, wenn es ihm gelang, Körper und Geist wieder zusammenzuführen. Aus diesem Grunde konnte er Xurus nicht einfach töten, denn damit hätte er auch Glyns endgültigen Tod besiegelt. Andererseits durfte auch Lee Fallon nichts geschehen. Wenn er starb, gab es für Glyn keine Rettung mehr.

Lee Fallon aber wurde von der Polizei mehrerer Länder steckbrieflich gesucht. Es brauchte nur ein übereifriger Beamter die Nerven zu verlieren und den ehemaligen Gangster auf der Flucht zu erschießen, dann war alles aus.

Fallon wusste über seine Veränderung Bescheid, wenn es ihm auch nach wie vor schwerfiel, alles zu begreifen. Auf Sizilien war er in den Strudel dämonischer Gewalten geraten. Nun wollte er Milton Sharp bei der Rettung des Bruders helfen, obwohl er wusste, dass er selbst dann aufhören würde zu existieren.

Milton hatte Xurus’ Spur verloren. Aus diesem Grund war er nach London zurückgekehrt. Der Schattenjäger erhoffte von Hoster O’Neil Informationen, wo auf der Erde Dinge geschahen, die man einem Dämon zuschreiben konnte.

O’Neil war ein einflussreicher, wohlhabender Verleger. Seit sein Schwager einem Höllenwesen zum Opfer gefallen war, hatte er sich gegen die Dämonen verschworen. In Milton Sharp hatte er den Mann gefunden, der diesen Kampf für ihn führen konnte. Er selbst steuerte die notwendigen Gelder bei.

Auf dem Heimflug hatte Milton lange überlegt, ob er Jennifer Britten mit Lee Fallon zusammenbringen sollte, sich aber letztlich dagegen entschieden. Fürs Erste zumindest. Es würde Jennifer über Gebühr schockieren, dem Mann gegenüberzustehen, den sie nicht kannte, dessen Seele aber der Mann war, den sie hatte heiraten wollen. Möglicherweise unterschätzte er Jennifer in diesem Punkt, dachte Milton. Sie war schon eine bemerkenswert tapfere Frau. Aber das war vielleicht doch zu viel im Augenblick. Es würde den richtigen Zeitpunkt geben. Hoffte er auf jeden Fall.

Bevor Milton und Lee Fallon das Verlagsgebäude erreichten, stoppten zwei Streifenwagen mit kreischenden Bremsen neben ihnen. Beamte sprangen aus den Fahrzeugen und nahmen die beiden Überraschten in die Zange.

»Stehenbleiben, Fallon!«, brüllte einer. »Wenn Sie zur Waffe greifen, müssen wir schießen!«

Tatsächlich zog er sofort seine Dienstpistole. Die Polizisten mussten sich auf einem gefährlichen Einsatz befinden, sonst hätte man sie nicht mit Schusswaffen ausgestattet.

Milton Sharp knirschte hörbar mit den Zähnen. Bei einigen Inspektoren hatte er es inzwischen geschafft, glaubhaft zu machen, dass Lee kein Verbrecher mehr war. Musste er die komplizierten Vorgänge wirklich jedem Bobby auf der Straße auseinandersetzen?

Er stellte sich schützend vor den Mann, dessen Leben nicht gefährdet werden durfte.

Die Polizisten sahen ihn wütend an und lockerten bezeichnenderweise ihre Schlagstöcke.

»Das muss einer seiner Komplizen sein«, vermutete einer laut.

Milton hörte hinter sich ein Geräusch, wirbelte herum und sah, wie Lee Fallon davonrannte. Der schwergewichtige, aber wieselflinke Mann überquerte die Straße und zwang mehrere Fahrzeuge zu riskanten Bremsmanövern.

Die Polizisten rasten sofort hinter ihm her. Einer gab einen Warnschuss in die Luft ab.

Milton standen die Haare zu Berge. Das war genau die Situation, vor der er sich gefürchtet hatte.

Er wollte den Beamten folgen, um vielleicht noch das Schlimmste zu verhindern, da prallte er zurück. Ein Mann mit einem kalten, zynischen Lächeln kam ihm entgegen. Keiner der Passanten beachtete ihn. Erst als er dicht vor Milton stand, wandten einige Leute die Köpfe und schmunzelten. Niemand ahnte, dass in diesem Augenblick das absolut Böse unter ihnen war.

»Glyn!«, stammelte Milton spontan.

Er sah sich seinem Zwillingsbruder gegenüber. Erst Sekunden später fiel ihm ein, dass er in Wahrheit Xurus vor sich hatte. Er tastete nach dem Pyrgus unter seinem Hemd.

Der Dämon lachte höhnisch.

»Lass dein Spielzeug stecken, Milton Sharp! Du weißt, dass du mich nicht töten kannst, willst du nicht gleichzeitig zum Mörder deines Bruders werden. Ich dagegen kann dich auslöschen, sobald ich Lust dazu habe!«

»Aber du verspürst noch keine Lust«, vermutete der Schattenjäger.

Er dachte in ohnmächtigem Zorn daran, wie nahe beieinander gerade Glyns Körper und seine geistige Identität waren. Doch Lee war fortgelaufen und wurde vielleicht in diesem Moment erschossen …

Was wollte Xurus von ihm?

»Ich will dich warnen«, zischte der Dämon. »Du scheinst meine Drohung nicht ernst zu nehmen. Sobald du mir gefährlich wirst, stirbst du. Kümmere dich wieder um deine frühere Arbeit als Reporter! Vergiss deinen Bruder! Du kannst dein Ziel nicht erreichen, denn niemals findest du den Schrein der Tränen. Wahrscheinlich existiert er schon längst nicht mehr.«

Sharp antwortete blitzschnell, ohne genau zu wissen, welche Bedeutung dieser Schrein hatte:

»Du weißt also selbst nicht, wo er sich befindet …«

Xurus schoss einen zornigen Blick auf ihn ab.

»Ich werde es erfahren. Ich habe mächtige Helfer, die mir den Weg ebnen werden. Sobald ich den Schrein besitze, werde ich ihn zerstören.«

»Das wirst du auch tun müssen«, entgegnete Milton erregt.

Er hatte einen ganz bestimmten Verdacht.

»Der Schrein ist eine Gefahr für dich.«

»Mach dir darüber keine Gedanken!«, konterte der Dämon kalt. »Ich habe dich in der Hand. Wenn ich will, werden die Polizisten Lee Fallon töten. Ich habe bereits dafür gesorgt, dass sie ihn gefangengenommen haben.«

»Warum? Du hättest Lee längst töten können. Was soll dieses Spiel?«

Der Dämon ließ seine Fäuste so schnell vorschießen, dass Milton mit der Abwehrbewegung zu spät kam. Er fühlte sich von zwei Stahlklammern umfasst, die ihm das Leben aus seiner Brust zu pressen drohten.

»Du hast recht, Milton Sharp«, höhnte Xurus. »Es ist tatsächlich ein Spiel, an dem ich mich erfreue. Es macht mir einfach Spaß, dir immer wieder deine Ohnmacht vor Augen zu führen. Ich bestimme den Zeitpunkt, wann ich Lee und dich vernichte, aber ihr sollt in ständiger Angst vor diesem Moment leben!«

Der Schattenjäger ließ seinen linken Fuß mit aller Kraft vorschnellen. Es war, als hätte er gegen eine Betonwand getreten. Der Dämon sah zwar aus, als wäre er aus Fleisch und Blut. In Wirklichkeit aber bestand er aus eisenharter Materie.

Wie sollte Milton ihn jemals besiegen?

Xurus versetzte seinem Gegner einen Stoß, so dass Milton quer über die Fahrbahn geschleudert wurde. Er sah einen Kühlergrill auf sich zurasen. Von der entgegengesetzten Seite näherte sich ein Bus.

Milton brachte sich vor dem herannahenden Bentley in Sicherheit, indem er blitzschnell zur Seite rollte. Im nächsten Moment war der Bus über ihm …


*


Als er wieder zu sich kam, sah er über sich ein grimmiges Gesicht, in dem eine geschwungene Pfeife steckte. Das altertümliche Stück qualmte wie eine der ersten Dampflokomotiven.

»Der Kerl lebt tatsächlich noch«, hörte er die dazugehörige Person sagen. »Sergeant, nehmen Sie gleich sein Geständnis zu Protokoll.«

Milton richtete sich ächzend auf. Er suchte eine Stelle seines Körpers, die ihm nicht weh tat, aber er fand keine.

»Was ist passiert?«, erkundigte sich der Schattenjäger matt und setzte sich zaghaft auf der Couch hoch, auf die man ihn gelegt haben musste, als er bewusstlos gewesen war.

»Die Fragen stelle ich«, schnauzte der Polizist, der dem Kärtchen nach, das auf dem Schreibtisch stand, Inspektor Tilly war. »Ich beschuldige Sie der groben Verkehrsgefährdung. Ihretwegen ist ein Bus mit drei Kraftfahrzeugen zusammengeprallt. Nur durch ein Wunder gab es lediglich zwei Leichtverletzte. Einer davon sind Sie selbst!«

Milton versuchte sich zu erinnern. Das Bild des grausamen Xurus tauchte vor ihm auf. Der fürchterliche Dämon hatte ihn auf die Straße gestoßen, vielleicht gar, um ihn umzubringen.

Es war zwecklos, Inspektor Tilly die Ereignisse zu erklären, er würde alles nicht begreifen.

»Ich möchte mit Inspektor Elleston sprechen«, verlangte Milton.

Er hatte nicht mit dieser überraschenden Reaktion gerechnet. Tilly starrte ihn verblüfft an. Sein griesgrämiges Gesicht zierte plötzlich ein gequältes Grinsen. Sogar der Pfeifenqualm schien eine Idee heller zu werden.

»Verzeihung, Sir!«, stammelte er. »Das habe ich nicht ahnen können. Ich veranlasse sofort, dass ein Wagen Sie zu Elleston bringt.«

Milton stellte keine Fragen, er dachte sich seinen Teil. Irgendetwas hatte Elleston anscheinend zu einem wichtigen Mann beim Yard gemacht.

Er selbst hatte ihn in Paris getroffen, als er hinter Lee Fallon her war. Milton hatte den Inspektor schließlich über die Vorgänge informiert. Er wollte, dass sich Elleston für Fallon verwendete, falls dieser tatsächlich der Polizei in die Hände gefallen war.

Eine Stunde später saß er dem Inspektor vom Raubdezernat gegenüber.

Die Begrüßung fiel herzlich aus, dennoch spürte Milton die Spannung, unter der der Beamte stand.

»Tut mir leid, Mister Sharp. Ich selbst habe den Befehl gegeben, die »Ratte« zu verhaften. Sie haben mir damals seltsame Dinge erzählt, doch dieses Mal gibt es einen Zeugen für Fallons Gaunerstück in der letzten Nacht im Britischen Museum.«

Milton hatte von der Tat bereits in den Frühnachrichten gehört. Ganz London war über den dreisten Raub empört.

Der Schattenjäger winkte ab. »Sie wollen Fallon doch nicht allen Ernstes eines Mumiendiebstahls bezichtigen?«

»Er wurde identifiziert. Eine Gegenüberstellung mit dem Zeugen wird alle Zweifel ausräumen.«

Milton atmete auf. Das bedeutete jedenfalls, dass Lee Fallon lebte.

Er erinnerte sich an Xurus’ unheilverkündende Worte.

»Inspektor«, sagte er heftig, »ich habe Ihnen genügend über Xurus, meinen Bruder Glyn und Lee Fallon anvertraut. Sie wissen nun Bescheid. Ihr Zeuge ist einer bewussten Täuschung zum Opfer gefallen. Xurus hat ihn mit einem gemeinen Trugbild genarrt. Der Dämon wollte die Polizei absichtlich auf eine falsche Spur locken, und das muss seine Gründe haben.«

»Sie meinen, wir haben es nicht mit einem gewöhnlichen Diebstahl zu tun?«

Elleston wirkte hilflos.

Milton nickte.

»Es würde mich nicht wundern, wenn nicht schon bald weitere unerklärliche Dinge in dieser Stadt passieren.«

Elleston senkte die Stimme.

»Sie haben leider recht«, bekannte er. »Das ist auch der Grund, warum Kollege Tilly Sie unverzüglich zu mir bringen ließ. Er glaubte, Sie hätten einen konkreten Hinweis für mich.«

»Was ist denn geschehen?«

»Während meine Leute in Bloomsbury noch kopfstanden und nach Spuren suchten, wurde draußen in Kensington ein Leichenwagen überfallen. Den Fahrer und seine Begleiter hat man durch gezielte Betäubungsschüsse außer Gefecht gesetzt und auf die Straße geworfen. Drei der vier Gangster türmten mit dem Wagen und dem darin befindlichen Sarg.«

»Leichendiebstahl!«, rief Milton aus.

Trieb einer neuer Dr. Frankenstein, der aus Leichenteilen einen neuen Menschen schaffen wollte, in London sein Unwesen?

Unzählige Male waren derartige Versuche auf grauenvolle Weise fehlgeschlagen. Doch verhindern konnte man sie auch in Zukunft nicht, solange es besessene Wissenschaftler gab.

Das einzige, was Milton erstaunte, war der geschilderte Aufwand wegen eines Toten, der doch viel einfacher zu beschaffen gewesen wäre.

Inspektor Elleston konnte diesen Einwand entkräften.

»In dem Sarg lag keine Leiche«, verriet er. »Er war mit Kunstgegenständen gefüllt, die als Leihgabe eines Arabischen Emirats im Hause des bekannten Kunsthistorikers Sir Edwin ausgestellt werden sollten. Sir Edwin hat sich den Trick mit dem Leichenwagen ausgedacht, weil er glaubte, dadurch aufwändigen Begleitschutz des Transports und hohe Versicherungsprämien sparen zu können.«

Milton schmunzelte unwillkürlich. Sir Edwin hatte das Informationssystem der Londoner Unterwelt gehörig unterschätzt. Den Räubern schienen unermessliche Werte in die Hände gefallen zu sein.

Offensichtlich sah die Polizei einen Zusammenhang zwischen beiden Taten. Auch bei der ägyptischen Mumie, die geraubt worden war, ging es im weitesten Sinn um einen Kunstgegenstand.

So weit war alles klar.

Was fand Elleston an diesem Überfall nun unerklärlich?

Der Inspektor erläuterte es ihm:

»Einer der vier Räuber mit Namen Brown hat Fracksausen bekommen und ist noch in der Nacht zur Polizei gelaufen.«

»Er hat sich freiwillig gestellt?«

»Seine Angst war so groß, dass man von freiwillig kaum noch reden kann. Die Jahre, die er in Freiheit verbracht hat, kann man an den Fingern beider Hände abzählen. So einen bringt so leicht nichts aus der Ruhe. Jetzt aber zitterte er um sein Leben. Als sich die Zellentür hinter ihm schloss, heulte er vor Erleichterung.«

Milton meinte, dass er auch daran nichts Gespenstisches finden könnte.

»Warten Sie es ab!«, fuhr der Inspektor fort. »Brown berichtete, dass plötzlich eine Gestalt aufgetaucht sei, die einen seiner Komplizen ermordet habe. Er konnte sogar eine Beschreibung abgeben, obwohl der Leichenwagen in diesem Moment abfuhr. Hier ist der Steckbrief!«

Er schob dem Schattenjäger einen Zettel zu und beobachtete ihn gespannt. Milton brauchte nur ein paar Sekunden für die wenigen Zeilen. Dann kniff er die Augen zusammen und stellte kurz fest:

»Der Mann hat eine Mumie beschrieben!«

Inspektor Elleston war grau im Gesicht.

»Hatten Sie jemals mit einer Mumie zu tun, Sharp?«, fragte er nervös.

»Nein, noch nie«, musste Milton zugeben. »Was ist mit der angeblichen Leiche?«

»Die ist leider sehr real. Eine Streife fand den Mann mit abgeschlagenem Kopf in der Abingdon Road.«

»Besteht nicht die Möglichkeit, dass der Bursche von seinen eigenen Komplizen erschlagen wurde und Brown nur vor einem ähnlichen Schicksal Angst hat? Im Radio habe ich nichts davon gehört, dass die abhanden gekommene Mumie mit einem Schwert ausgerüstet gewesen ist.«

»War sie auch nicht! Sie benutzte ein Beil, und zwar eines von der Art, wie es früher die Henker bevorzugten. Es lag am Vorabend noch in der Auslage eines Waffengeschäfts in der Tilney Street in Mayfair. Das liegt direkt auf dem Weg zwischen Bloomsbury und Kensington.«

In Miltons Kopf überschlugen sich die Gedanken. Es sah ganz so aus, als würde in der Londoner City eine ägyptische Mumie herumlaufen und mit einem Beil um sich schlagen. Die Frage war nur, auf welche Weise sie aus dem Museum gekommen war.

Lee Fallon zeichnete dafür mit Sicherheit nicht verantwortlich, auch wenn Xurus das der Polizei mit bösen Tricks weismachen wollte.

Milton entschied, sich mit Brown selbst zu unterhalten. Er wollte genau wissen, was er von der Sache zu halten hatte. Browns Aussage würde möglicherweise auch Lee Fallon entlasten.

»Schenken Sie mir den Steckbrief?«

Elleston nickte ergeben und legte auch ein Foto dazu. Es stammte aus einem Museumskatalog und stellte die altägyptische Mumie der Königin Sila dar, eben jener Frau, die gekidnappt worden war.

Der Schattenjäger betrachtete das Bild. Im Grund war nichts Besonderes daran zu sehen, denn alle Mumien ähnelten sich. Hier aber lagen die Augen frei, und diese glitzerten wie das abgrundtief Böse selbst. Auf der Stirn prangte ein blutroter Stein von der Größe eines Hühnereis. Wahrscheinlich ein Rubin. Doch wer auf diesen Edelstein scharf war, schleppte sich bestimmt nicht mit der ganzen Mumie ab.

Mehr denn je war Milton davon überzeugt, dass Sila nicht geraubt worden, sondern selbst aus dem Museum entkommen war.

Brown saß in einer Zelle, weil er sich beharrlich weigerte zu verraten, wohin die Beute aus dem Leichenwagen geschafft worden war.

Milton war mächtig gespannt, was er von dem Ganoven erfahren würde. Der Raub interessierte ihn allerdings nur am Rand. Er wollte vielmehr wissen, wie das mit der Mumie war. So ließ er sich unverzüglich zu dem Inhaftierten bringen.

Brown hockte auf der Pritsche und stierte geradeaus, direkt zu der vergitterten Tür, wie man durch den Spion sehen konnte. Als er neben dem vertrauten Beamten einen Fremden entdeckte, zeigte er nicht die geringste Reaktion.

Milton bat um den Schlüssel zur Zelle, doch der Polizist schien besorgt.

»Gehen Sie lieber nicht hinein, Sir!«, warnte er eindringlich. »Schauen Sie sich den Halunken genau an! Es sieht ein Blinder, dass der eine Schurkerei ausbrütet. Ich wette, er wollte uns nur auf eine falsche Spur locken, damit seine Komplizen in der Zwischenzeit in Ruhe verduften konnten. Jetzt hat er wohl Zweifel, ob ihn seine Freunde hier wieder rausholen. Er wird die erste Gelegenheit benutzen, um abzuhauen. Es hat schon den einen Mord gegeben. Sollte mich nicht wundem, wenn Brown selbst die Axt geschwungen hätte. Es gibt ja schließlich keine Zeugen!«

Der Schattenjäger versuchte es zunächst auf Distanz.

»Hören Sie, Brown! Mein Name ist Milton Sharp. Ich bin hier, um mich mit Ihnen über diese Mumie zu unterhalten. Ich weiß, dass es schwierig für Sie ist, mir zu vertrauen. Versuchen Sie es bitte trotzdem!«

Der Angesprochene hob nicht mal den Kopf oder bewegte wenigstens die Augen. Er schien wie hypnotisiert.

»War außer mir schon ein Besucher hier?« wollte der Schattenjäger von dem Wachhabenden wissen.

Der Polizist schüttelte verneinend den Kopf.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909074
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v359166
Schlagworte
milton sharp mumie henkerbeil

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Titel: Milton Sharp #8: Die Mumie mit dem Henkerbeil