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Milton Sharp #9: Der Schrein der Tränen

2017 130 Seiten

Leseprobe

Der Schrein der Tränen

(ein Milton-Sharp-Roman)


Nr. 9







IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Logo: Steve Mayer

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappentext:

Milton Sharp, der Schattenjäger, kommt auf die kleine Hebrideninsel Barra. Dort soll der Schrein der Tränen versteckt liegen, mit dessen Hilfe Xurus der Düstere getötet und Glyn vielleicht gerettet werden kann. Milton kommt keine Sekunde zu früh: Eine Jacht verschwindet mitsamt ihrer Besatzung spurlos, und auf dem Schloss, das Milton sich zu seinem Quartier ausgewählt hat, ereignen sich merkwürdige Dinge. Welche Rolle spielen dabei Charles Lester, der Schlossherr, und seine Tochter Mabel? Haben auch der dicke Growers, der Totengräber, und seine Nichte Mela Caan, etwas zu verbergen? Im Zuge seiner Nachforschungen stößt Milton auf ein schreckliches Geheimnis, dessen Ursprung bis ins frühe Mittelalter zurückreicht: Mit Hilfe des Opfers von neun Frauen soll es einem Sterblichen vergönnt sein, ein Dämon mit unvorstellbarer Macht zu werden. Zwei mächtige Wesen aus der Vergangenheit helfen dabei, das Menschenopfer vorzubereiten. Als wäre Miltons Aufgabe nicht schlimm genug, erscheint auch Xurus auf der Insel, um den Schattenjäger daran zu hindern, sich des Schreins der Tränen zu bemächtigen …





Milton Sharp

Der Schattenjäger bekommt es auf der kleinen Insel Barra nicht nur mit scheinbar übermächtigen Gegnern aus der Schattenwelt zu tun. Auch vor den Menschen auf Barra muss er sich in Acht nehmen. Und dann ist da auch noch Xurus, der nicht will, dass Milton den Schrein der Tränen bekommt.

Charles Lester

Der Herr von Kisimul Castle hat ein lebhaftes Interesse daran, dass Milton Sharp nicht hinter seine schauerlichen Pläne kommt, bei denen eine grausame Hexe eine wesentliche Rolle spielt.


Mela Caan

Die Nichte des Totengräbers Growers soll nicht nur an dem geplanten Menschenopfer teilnehmen, sondern obendrein Xurus helfen, sich Milton Sharps zu entledigen.


Laird Monfert und Rhineff

Zwei mächtige Wesen aus der Vergangenheit bringen Tod und Verderben über Barra, um einen schrecklichen Dämon zu erschaffen.









Roman:

Fahle Blitze zerteilten die düsteren Wolken. Der brüllende Donner übertönte die ohrenbetäubende Brandung. Regen peitschte in dichten Schleiern über Meer und Land. Ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür ließ.

Doch den Mann auf dem Felsen störte das nicht. Bei jedem Krachen lachte er höhnisch und schleuderte die Hände nach oben. Es sah aus, als wollte er sich einen der Blitze greifen, um ihn als Waffe zu benutzen.

Das Haar des Mannes hing wirr herab ins Gesicht. Aber es konnte nicht die brennenden Augen verdecken, mit denen er übers Meer starrte, wo ein Schiff gegen die Naturgewalten ankämpfte.

»Ihr gehört mir«, flüsterte der Mann. »Ihr müsst sterben, weil ich das so will!«

Dicht vor ihm schoss eine Rauchsäule aus dem steinigen Boden. Es knisterte zu seinen Füßen. Der Regen konnte das Feuer nicht löschen.

Der Rauch breitete sich aus und hüllte den Mann wie mit einem Mantel ein, bis er gänzlich verschwunden war.

Aus der Ferne hörte man das Stöhnen von Frauen. Niemand vermochte zu sagen, aus welcher Richtung es kam. Der Rauch kroch über die schroffen Klippen, leckte über die Gischt und schob sich weiter aufs Meer hinaus, genau in Richtung des Schiffes, das zum Spielball des Unwetters geworden war.

Jemand schrie in einer seltsamen Sprache.

War es der Mann, dessen Platz nun leer war?

Es klang wie Beschwörungen. Mit jedem Wort schoss der Rauch ein Stück weiter und senkten sich die Wolken tiefer.

Schon hatten die unheilvollen Nebel das Schiff erreicht. Entsetzensschreie ertönten, wehten zur Küste und brachen sich dort.

Das Schiff wurde von dem Rauch verschluckt. Schauriges Gelächter ertönte.

Wie von Geisterhand gepackt, wurde das Schiff plötzlich nach vorn geschleudert. Es raste auf die Küste zu, wo kantige Felsen aus dem Meer ragten …


*


Julie Brown war grün im Gesicht. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihren Mann an, der genau wie sie mit der Übelkeit nicht fertig wurde.

Sie hatte sich die Kreuzfahrt durch die Inselwelt der Hebriden anders vorgestellt. Kein Mensch hatte ihr gesagt, dass die Erholungstour zu einem gefährlichen Abenteuer werden konnte.

»Warum laufen wir denn keinen Hafen an?«, presste sie hervor.

Mark Brown hielt sich mit der linken Hand den Hals. Er verwünschte seine Idee zu dieser Tortur. Dabei hatte er Julie damit eine besondere Freude bereiten wollen.

»Der Kapitän tut bestimmt das Menschenmögliche«, versicherte er. »Aber die Küsten sind tückisch. Bei diesem Wetter braucht man einen erfahrenen Lotsen, der das Schiff sicher in den Hafen bringt.«

»Willst du damit sagen, dass wir hier draußen bleiben müssen? Vielleicht die ganze Nacht?«

Der Mann schüttelte den Kopf.

»Das halte ich für unwahrscheinlich. Der Wetterdienst hatte nichts von einem Sturm erwähnt. Sicher ist der Spuk gleich wieder vorbei.«

Julie zuckte zusammen.

»Spuk? Wovon redest du? Ist nicht alles unheimlich genug? musst du es noch gespenstischer machen?«

»Entschuldige! Es war nur so eine Redensart. Natürlich geht alles mit rechten Dingen zu. In einer Stunde lachen wir darüber und sitzen wieder an der Bar.«

»Das könnte dir so passen«, entgegnete die blonde Frau spitz. »Damit du wieder mit dieser rothaarigen Schlange flirten kannst.«

Mark Brown lachte mühsam.

»Du bist doch nicht etwa auf Jessie Tucker eifersüchtig? Da kannst du ganz beruhigt sein.«

»Ich bin aber nicht beruhigt«, schrie Julie unbeherrscht und begann zu schluchzen. »Ich will nach Hause. Ich hasse diese Inseln, und ich hasse das Schiff.«

Der Mann legte beruhigend seinen Arm um Julies Schultern.

»Du darfst nicht die Nerven verlieren. Alles wird …«

Ein heftiger Stoß warf ihn gegen seine Frau. Beide stürzten zu Boden und stießen gegen den Einbauschrank in ihrer Kabine.

Mark stieß einen Fluch aus. Er ärgerte sich, dass er überhaupt nichts tun konnte. Von den Fähigkeiten anderer abhängig zu sein, hatte er noch nie gemocht. Er nahm sein Schicksal lieber in eigene Hände.

Im Gang wurden Stimmen laut.

»Ich sehe mal nach, was los ist«, sagte der Mann.

Er zog sich an dem am Boden festgeschraubten Tisch in die Höhe und tastete sich zur Tür.

»Du kannst mich doch nicht allein lassen«, kreischte Julie.

Mark wandte sich nach ihr um. Manchmal ging ihm seine Frau doch auf die Nerven. Sie benahm sich wie ein Kind.

»Ich bin gleich wieder da«, versprach er. »Vielleicht werden die Schwimmwesten ausgegeben.«

Er drückte sich durch die Tür, die hinter ihm von selbst zuschlug, weil sich das Schiff in diesem Moment auf die Seite legte.

Ein Mann prallte gegen ihn. Es war Paul Sheridan, der sich zusammen mit Fred Farmer auf dem Weg zum Niedergang befand.

»Fred hat ein Boot gesehen«, brüllte Paul Sheridan gegen den Sturm an. »Wir wollen nachsehen, ob es der Lotse ist.«

»Ich komme mit«, entschied Mark, krallte sich an den Handlauf aus Messing und zog sich weiter.

Das Schiff bäumte sich auf und krachte tief in das nächste Wellental. Marks Magen hob sich.

Sie halfen sich gegenseitig, die wenigen Stufen emporzuklettern. Eine Sturzflut empfing sie und spülte sie dreimal wieder zurück.

Endlich schafften sie es doch.

Das Deck war wie leergefegt. Rauchschwaden fegten heran.

»Das Schiff brennt«, brüllte Fred Farmer, ein sehniger Bursche, den nichts so leicht aus der Ruhe bringen konnte.

»Unsinn!«, schrie Paul Sheridan zurück. »Das kommt von der Insel dort drüben. Ich habe vorhin ein altes Gemäuer gesehen. Sah aus, wie ’ne Ruine. Wahrscheinlich hat der Blitz eingeschlagen. Sauwetter, elendes!«

Sie arbeiteten sich bis zur Reling vor und suchten das Boot, das Fred Farmer angeblich von seiner Kabine aus gesichtet hatte.

Mark erspähte es als erster.

»Mist!«, rief er enttäuscht. »Das ist kein Boot. Sieht eher aus wie ein Sarg.«

Die beiden anderen lachten unsicher. Sie waren bis auf die Haut durchnässt und froren.

»Du hast vielleicht 'ne Phantasie«, fand Sheridan. »Meinst du, dass durch den Wolkenbruch irgendwo ein Friedhof überschwemmt und weggespült worden ist?«

»Weiß ich nicht. Jedenfalls reicht es mir hier draußen. Ich gehe wieder zurück. Hier holt man sich ja den Tod.«

Dicht neben ihm lachte jemand höhnisch.

Mark fuhr herum. Aber da war niemand. Fred und Paul befanden sich auf der anderen Seite. Das musste der Sturm gewesen sein. Manchmal hörte er sich wie wütendes Brüllen an.

Warum nicht auch mal wie dämonisches Gelächter?

Mark wurde von einer Bö erfasst und auf die Planken geworfen. Er robbte über das glitschige Deck. Nach den anderen sah er sich nicht um. Die würden ihm sicher folgen.

Auch von der Mannschaft war nichts zu sehen. Kapitän McWigg bemühte sich mit seinen Leuten vermutlich die Jacht von den Klippen fernzuhalten, bis das Wetter aufklarte.

Mark sah den Niedergang dicht vor sich und atmete auf.

Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Sie gehörte weder Paul noch Fred. Es war eine knochige Hand … Wie von einem, der schon lange tot war …

Marks Augen traten aus den Höhlen. Er nahm den Blick von den Knochenfingern und hielt den Atem an.

War er verrückt?

Erst das Gebilde, das ihm wie ein Sarg vorgekommen war, und nun auch noch eine Leiche, die ihn daran hinderte, in seine Kabine zurückzukehren.

»Lass mich los!«, sagte er heiser.

Der Druck lockerte sich nicht. Im Gegenteil! Eine zweite Hand legte sich auf die andere Schulter, packte derb zu und zerrte ihn vom Niedergang zurück.

Mark schlitterte quer über das Deck, prallte gegen eine festgezurrte Taurolle und gleich darauf gegen das Rettungsboot.

Er schüttelte die Benommenheit ab. Er durfte nicht schlappmachen. Wenn er sich nicht irgendwo festhielt, erfasste ihn der nächste Brecher und spülte ihn über Bord.

Er suchte seine Mitreisenden, aber er sah nur den Fremden, der sich erhob und schwerfällig zum Niedergang tappte. Er hielt sich dabei nicht fest, verlor aber trotzdem nicht den Halt.

Der Unbekannte trug zerlumpte Kleidung, eine viel zu kurze Leinenhose und eine dunkle Jacke, die weit über die Hüften reichte. Seetang hing daran. Muscheln klebten an den hochschäftigen Stiefeln. Eine glasklare Qualle glitt vom Kopf des Unheimlichen.

»Wer sind Sie?«, brüllte Mark, während er Grauen in sich aufsteigen spürte. »Was haben Sie hier zu suchen?«

Der Fremde wandte sich um.

Mark schrie entsetzt auf und barg sein Gesicht zwischen den Händen. So etwas Grässliches hatte er noch nie gesehen.

Als der Gespenstische den Niedergang hinunterwankte, dachte Mark an Julie.

Sie war in Gefahr. Das spürte er.

Er wollte hinterher. Da züngelte das Tau wie eine Riesenschlange auf ihn zu und umfasste ihn, bis er sich nicht mehr rühren konnte.

Aus der Tiefe des Schiffes drang ein entsetzlicher Schrei. Das war Julie …

Der Grauenvolle war bei ihr!

Mark zerrte an seiner Fessel, doch es nützte nichts. Er kam nicht los und wurde gegen das Rettungsboot gepresst, denn das Schiff beschleunigte plötzlich seine Fahrt und raste auf die vor ihm liegende Insel zu.

Der Mann wusste, was das bedeutete. Zwischen den Felsen vor der Küste gab es für die Jacht und ihre Insassen keine Rettung …


*


Drohend erhoben sich die grauen Mauern des halb zerfallenen Schlosses Kisimul Castle. Krähen flatterten über brüchige Zinnen und durch leere Fensterhöhlen. Dahinter öffnete sich ein gelblicher Himmel. Kein Mensch war zu sehen.

Mit Ausnahme des Mannes im weißen Austin, der sich den gewundenen, ungepflegten Weg hinaufquälte und von Zeit zu Zeit besorgt die Temperaturanzeige des Kühlwassers beobachtete.

Milton Sharp hatte sich den Wagen am Flugplatz gemietet. Es war das einzige Gefährt, das er hatte bekommen können. Auf der Insel Barra fuhren die Menschen normalerweise nicht mit einem Kraftfahrzeug. Dafür waren die Straßen wenig geeignet.

Milton, der Schattenjäger aus England, war nicht hier, um auf der Hebrideninsel erholsame Urlaubstage zu verbringen. Am Vortag hatte er zufällig eine wichtige Information erhalten.

Angeblich hatte vor geraumer Zeit ein Kästchen, das gänzlich aus menschlichen Gebeinen gefertigt war, auf Barra für Aufsehen gesorgt.

Genau so ein Kästchen suchte Milton. Es ging um den Schrein der Tränen, von dessen Existenz er erst kürzlich erfahren hatte.

Ausgerechnet sein ärgster Feind, der Dämon Xurus, hatte den Behälter erwähnt. Allem Anschein nach stellte er für den Dämon eine Bedrohung dar, falls er in Miltons Hände geriet. Mit Hilfe des Schreins wäre es dem Schattenjäger möglich, seinen Zwillingsbruder Glyn zu retten, der sich in Xurus’ Gewalt befand.

Genau genommen hatte Xurus Körper und Geist Glyns voneinander getrennt. Den Körper hatte er, der vormals Körperlose, selbst behalten. Die geistige Identität hatte er einem berüchtigten Juwelendieb aufgepflanzt, der wie eine Stecknadel von der Polizei mehrerer Länder gesucht wurde.

Inzwischen war es Milton zwar gelungen, maßgebende Beamte davon zu überzeugen, dass der echte Verbrecher Lee Fallon längst tot war. Doch sein Problem, Glyns Körper und Geist wieder zusammenzuführen, wartete noch auf die Lösung.

Der Schrein der Tränen sollte ihm dabei helfen.

Natürlich wusste Milton nicht, ob es sich bei dem Knochenkästchen auf Barra um den bewussten Schrein gehandelt hatte. Ihm war auch nicht bekannt, was daraus geworden war.

Eines aber hatte er erfahren, und das beunruhigte ihn sehr. Xurus hatte ebenfalls den Weg nach Barra nicht gescheut. Der verruchte Dämon wollte ihm zuvorkommen.

Kaum auf dem Flugplatz gelandet, hatte Milton die Nervosität der Einheimischen gespürt. Er fand schnell die Ursache heraus. Ein Schiff, das sich auf einer Kreuzfahrt im Inselreich befand, hätte schon vor Tagen den Hafen von Castlebay anlaufen sollen. Es war verschollen, denn es hatte auch keinen Hafen der benachbarten Inseln erreicht.

Einige schrieben das Geschehen dem heftigen Unwetter zu, das an jenem Tag für kurze Zeit getobt hatte. Die meisten aber munkelten etwas von vergangenen Geschichten, die schon die Alten nur hinter vorgehaltener Hand erzählt hatten. Wenn Milton gezielte Fragen stellte, wandten sich die wortkargen Schotten hastig ab und sahen sich betreten an.

Milton ließ aber nicht locker. Unterwegs traf er einen Schäfer mit seiner Herde. Den fragte er.

Der alte Mann mit den weitsichtigen Augen blickte ihn ernst an.

»Fragen Sie Charles Lester!«, riet er. »Charles ist Verwalter droben auf Kisimul Castle. Er kann Ihnen die uralten Chroniken zeigen. Dort können Sie nachlesen, dass auch früher schon auf Barra Menschen auf rätselhafte Weise verschwanden. Aber das liegt schon Jahrhunderte zurück.«

Milton glaubte nicht, dass diese Dinge etwas mit dem Verschwinden der Reisegruppe zu tun hatte. Trotzdem fuhr er zum Schloss. Er setzte seine Hoffnungen auf die Chroniken. Wenn er etwas über den Schrein der Tränen erfahren wollte, halfen ihm sicher die alten Schriften dabei.

Er stellte den Wagen vor dem Schloss ab und suchte an dem mächtigen Tor nach einer Klingel, fand aber keine. Er pochte dagegen. Das eisenharte Holz gab einen dumpfen Ton von sich, der sich durch das Gemäuer fortpflanzte und sogar zu den Klippen hinüberwehte.

Milton musste lange warten. Er klopfte noch einige Male, und als sich noch immer nichts rührte, versuchte er es mit der Hupe.

In einiger Entfernung stiegen Krähen aus dem Geäst eines verdorrten Baumes auf. Sie schimpften laut über die Ruhestörung.

Sie flogen auf den Schattenjäger zu und erweckten den Eindruck, als wollten sie sich auf ihn stürzen und in die Flucht jagen.

Ungefähr zehn Schritte vor ihm änderten sie jedoch die Richtung und flogen höher.

Als Milton seinen Kopf hob, sah er, dass sich die Vögel genau über ihm befanden. Mit ihren Leibern bildeten sie ein großes, schwarzes Kreuz …

Das Symbol des Todes!

Knarrend öffnete sich das Tor.

Milton fuhr zusammen und löste seinen Blick von den Krähen, die davonflatterten.

Ein weißhaariger Mann, der an einem Stock aus Wurzelholz ging, erkundigte sich nach seinen Wünschen.

Milton stellte sich vor und bat, im Schloss wohnen zu dürfen. Sein Anliegen behielt er vorläufig noch für sich. Er konnte dem Fremden unmöglich seine ganze Geschichte erzählen. Der Alte hätte ihn für verrückt erklärt.

Charles Lester lächelte freundlich.

«Eigentlich sind wir nicht auf Dauergäste eingerichtet«, bekannte er. »Ab und zu kommen Touristen, denen ich die ungefährlichen Teile des Bauwerkes zeige. Sie fahren aber alle am gleichen Tag wieder ab.«

»Gibt es denn auch gefährliche Teile?«, wollte der Schattenjäger wissen.

Lester seufzte betrübt.

»Der Zahn der Zeit nagt an den Mauern«, bekannte er. »Die salzhaltige Luft frisst sich wie Säure in die Fugen und lockert das Gestein. Der Turm zum Beispiel ist schon regelrecht lebensgefährlich. Immer wieder stürzt ein Gesteinsquader in die Tiefe. Zum Glück ist noch nichts Ernstliches passiert. Wenn Sie hier bleiben wollen, Mister Sharp, müssen Sie mir versprechen, nicht leichtsinnig die Gefahr herauszufordern. Ich fühle mich für Ihr Leben verantwortlich, solange Sie bei uns sind.«

Milton beobachtete den Mann genau. Er wurde den Verdacht nicht los, dass dieser ihm noch nicht alles gesagt hatte.

Er versprach, vorsichtig zu sein und sich nur in den Gebäudeteilen zu bewegen, die dafür noch geeignet waren.

Charles Lester bat seinen Gast durchs Tor, und der Schattenjäger holte seinen Koffer aus dem Wagen.

Sie durchquerten einen quadratischen Vorhof, in dessen Mitte ein Brunnen zu sehen war.

»Er versorgt uns noch heute mit sauberem Wasser«, berichtete der Alte so stolz, als hätte er ihn selbst gebaut.

Milton musste den Koffer absetzen. Schweiß strömte ihm übers Gesicht.

Lester drehte sich nach ihm um.

»Was ist mit Ihnen?«, erkundigte er sich besorgt. »Fühlen Sie sich nicht gut?«

Milton wehrte ab.

»Es geht schon vorbei«, beteuerte er. »Es liegt wohl noch an dem Flug. Diese kleine Maschinen lassen kein Windloch aus.«

Insgeheim wusste er jedoch, dass das nicht der wahre Grund war. Sein Koffer war plötzlich so schwer, als hätte er das Handwerkzeug eines Bodybuilders darin verstaut. Dabei transportierte er keine Hantelscheiben, sondern lediglich Wäsche, frische Hemden und was er sonst für eine Reise benötigte.

Der Burgverwalter wartete geduldig, bis sein Gast den Koffer wieder hob. Er sah ihm die Anstrengung an, sagte aber nichts.

Milton biss die Zähne zusammen. Er erinnerte sich an die Krähen, die sich so seltsam benommen hatten. Der Koffer, der mit Blei gefüllt zu sein schien, passte gut in das Bild einer Gegend, in der manches nicht geheuer schien.

Unwillkürlich musste er an seinen Erzfeind Xurus denken. Zweifellos trieb er sich hier herum. Es wäre kein Wunder, wenn der Dämon ihm Steine in den Weg legen würde.

In der Halle der Burg stellte er den Koffer erneut ab. Er empfand die plötzliche Kühle als angenehm, wenn die Mauern auch einen leicht modrigen Geruch verströmten.

»Entschuldigen Sie mich einen Moment«, bat der Alte. »Ich sage nur meiner Tochter Bescheid, dass sie ein Zimmer für Sie herrichtet. Haben Sie einen besonderen Wunsch?«

»Falls es hier eine Bibliothek gibt, hätte ich meine Schlafstelle gern in deren Nähe. Ich interessiere mich sehr für alte Urkunden.«

Lester lachte fröhlich.

»Da werden Sie bei uns auf Ihre Kosten kommen, falls Sie die fleckigen Schwarten überhaupt noch lesen können.«

Er entfernte sich durch eine schmale Seitentür und ließ einen verwirrten Schattenjäger zurück.

Milton wollte der mysteriösen Angelegenheit auf den Grund gehen. Irgendetwas musste mit seinem Gepäck passiert sein. Er überlegte, wann er es seit der Landung aus den Augen gelassen hatte.

Probehalber hob er den Koffer noch mal, konnte ihn aber keinen Zoll vom steinernen Fußboden bewegen. Er war wie festgeschraubt.

Milton beugte sich nieder und ließ die beiden Schlösser zurückschnappen.

Der Deckel schnellte hoch und schlug ihm unsanft gegen die Stirn. Milton spürte, wie Blut aus einer Platzwunde sickerte.

Etwas anderes aber wunderte ihn sehr: Der Koffer war leer! Seine Sachen waren verschwunden. Lediglich ein toter Vogel lag in einer Ecke auf dem Boden. Die Krallenfüße hatte er steif von sich gestreckt. Es handelte sich um eine Krähe.

Milton bekam eine trockene Kehle. Als er Schritte hörte, klappte er den Kofferdeckel hastig zu. Charles Lester brauchte nicht zu sehen, was man ihm für einen Streich gespielt hatte.

Es war aber nicht der Alte, der die Halle betrat, sondern eine bildhübsche Frau von ungefähr fünfundzwanzig Jahren. Ihr strohblondes Haar leuchtete wie die Sonne. Ihre Augen waren von unergründlichem Blau. Ihr Mund war ernst.

Milton war überrascht, eine solche Schönheit in dieser Einsamkeit zu finden. Das Mädchen musste ja vor Langeweile umkommen. Wenn dann auch noch ein Schiff ausfiel, das etwas Abwechslung in das eintönige Inselleben gebracht hätte, war es besonders schlimm.

»Ich heiße Mabel«, stellte sie sich vor. »Sie wollen wirklich bis morgen auf Kisimul Castle bleiben?«

Milton berichtigte, dass er an einen noch längeren Aufenthalt dachte.

»Ich hoffe, hier etwas Wichtiges erledigen zu können«, sagte er ausweichend. »Ich bin nicht anspruchsvoll. Machen Sie sich deshalb keine Sorgen.«

Mabel warf ihm einen Blick zu, in dem Milton Bedauern zu erkennen glaubte.

»Ich denke weniger an Ihre Bequemlichkeit als an Ihre Sicherheit«, flüsterte sie. »Hat man Ihnen nicht gesagt, dass er wieder umgeht?«

»Wer geht um?«

»Der Geist von Kisimul.«

Ihre Stimme bebte.

»Vater will davon zwar nichts wissen, aber ich weiß, was ich gehört habe.«

»Was haben Sie denn gehört?«, forschte der Schattenjäger.

Mabel kam näher heran und sprach so leise, als hätten die jahrhundertealten Mauern Ohren.

»Nachts höre ich oft Schritte, wenn Vater längst schläft. Manchmal weht auch ein Seufzen durch die Räume. Es klingt unheimlich. Ich möchte dann am liebsten fortlaufen, aber es ist, als hielte mich eine eisige Hand unerbittlich im Bett fest.«

Milton lächelte verstehend.

»So alte Gemäuer, in denen es hin und wieder knackt und in deren Winkeln der Wind stöhnt, sind auch nichts für eine junge Frau«, fand er.

»Vater braucht mich«, erklärte Mabel seufzend. »Er liebt diese Insel und seine Burg, die man ihm anvertraut hat. Ich könnte ihn nicht im Stich lassen.«

Milton konnte der Frau noch nicht einmal sagen dass ihre Furcht unbegründet sei, weil es keine Geister und Gespenster gäbe. Er kannte zu genau das Gegenteil. Es wimmelte geradezu von übelwollenden Wesen, von Untoten und Dämonen. Überall lauerten sie und starteten heimtückische Angriffe auf die Menschen und manchmal auch auf ihresgleichen. Vielleicht handelte es sich bei dem Geist von Kisimul lediglich doch um das Produkt übersteigerter Phantasie. Es würde ihn aber nicht wundern, wenn ihn dieser gespenstische Genosse schon bald näher beschäftigen würde.

Er stieß mit dem Fuß gegen den Koffer, um sich zu überzeugen, dass er sich noch immer nicht bewegen ließ. Zu seiner Überraschung sauste der Koffer aber wie auf Rollen davon, durchquerte die ganze Halle und prallte endlich gegen die Steinstufen, die ins obere Stockwerk führten.

Milton wurde durch seinen Schwung und den fehlenden Widerstand nach vorn geschleudert und landete in den Armen der verdutzten Frau.

Er wollte sich mit einer Entschuldigung von ihr lösen, doch Mabel klammerte sich angstvoll an ihn. Es war deutlich, dass sie Schutz bei ihm suchte. Sie zitterte. Er spürte durch den Stoff seines Sakkos das Pochen ihres Herzens.

»Er wird wiederkommen«, hauchte sie. »Ich fühle es.«

Milton starrte auf seinen Koffer, der aufgesprungen war. Sein Rasierzeug war herausgefallen. Die Wäsche ebenfalls. Von der toten Krähe war nichts mehr zu sehen.

Nachdenklich folgte er der Frau, die ihm sein Zimmer am Ende eines Ganggewölbes zeigte. Als sie die Tür öffnete, schlug ihm ein Geruch wie aus einer Gruft entgegen.


*


Die Zeit bis zum Abendessen vertrieb er sich mit einem ausgedehnten Spaziergang in der Umgebung der Burg. Außer Ödland gab es nicht viel zu beobachten: spärlicher Grasbewuchs. Hie und da Wacholderbüsche. Schwarze Felsen, die überall hervorschauten. Und in einiger Entfernung das Tosen der Brandung und das Kreischen der Möwen.

Von der Seeseite sah Kisimul Castle noch unheimlicher aus, besonders in der Abenddämmerung, wenn sich der Himmel rötlich färbte und das Meer Stimmen herüberzutragen schien.

Milton nahm sich vor, nach dem Essen mit Charles Lester über den eigentlichen Grund seines Hierseins zu sprechen. Xurus durfte ihm keinesfalls zuvorkommen.

Er wandte seine Aufmerksamkeit dem Turm zu und stutzte.

War da nicht ein Licht?

Es glomm nur schwach durch eines der winzigen Fenster, der Schattenjäger glaubte sich aber nicht zu täuschen. Er setzte sich in Bewegung. Das wollte er genauer wissen. Wenn der Turm tatsächlich einsturzgefährdet war, wieso trieb sich dann jemand dort herum?

War es etwa Lester selbst, der irgendwelchen Geräuschen nachging, um das Fortschreiten des Verfalls seiner vorgesetzten Behörde melden zu können?

Doch der Verwalter kam ihm durch das Tor entgegen und rief ihm schon von weitem zu, dass das Essen fertig wäre.

Wenig später fand er Mabel im dunklen Seidenkleid neben der gedeckten Tafel. Auch sie konnte nicht eben noch zwischen Schutt und Spinnen herumgestiegen sein. Das war alles sehr merkwürdig! Wohnte sonst noch jemand auf Kisimul Castle?

Mabel hatte es meisterhaft verstanden, ihre Kochkunst unter Beweis zu stellen. Auf Miltons Lob errötete sie zart und schlug die Augen nieder. Später suchte sie aber den Blick des Gastes und entpuppte sich als heitere Gesprächspartnerin. Milton wurde allerdings das Gefühl nicht los, dass diese Heiterkeit gespielt war.

Während des Essens vermied er jedes Thema, das Mabel hätte erschrecken können.

Erst als sich die Frau später in die Küche zurückzog, bat er den Verwalter um ein vertrauliches Gespräch.

Charles Lester runzelte die Stirn.

»Sie hat Ihnen von dem Gespenst erzählt, nicht wahr? Es ist eine fixe Idee von ihr. Sie hat mal Leute darüber reden hören, dass früher auf der Burg Menschen verschwunden sein sollen. Seitdem fällt es ihr schwer, ihre Phantasie unter Kontrolle zu halten.«

»Aber Tatsache ist, dass niemand mehr etwas von der verschwundenen Jacht gehört hat«, gab Milton zu bedenken.

Charles Lester winkte ab.

»Ich wette, die Leute tummeln sich längst auf Harris oder Lewis. Dort ist mehr los als auf unserer kargen Insel. Was bleibt denn den Croftern weiter übrig, als sich an den langen Abenden zum Zeitvertreib Schauergeschichten zu erzählen? Kein vernünftiger Mensch wird ernsthaft behaupten wollen, dass es Geister gibt.«

»Doch«, sagte der Schattenjäger ruhig, »ich behaupte das! Und ich kann es sogar beweisen! Leider …«

Dann erzählte er die Geschichte seines Bruders Glyn, der einen Tag vor der geplanten Hochzeit von Xurus und seinen Helfern entführt worden war.

»Ich selbst bin diesem abscheulichen Dämon mehrfach begegnet«, schloss er seinen Bericht, der ihn jedes Mal sehr mitnahm. »Zu gern würde ich den Unhold töten, doch damit wäre Glyn endgültig verloren. Wenn ich ihn retten will, muss ich den Schrein der Tränen finden.«

Charles Lester schwieg lange Zeit. Ihm war nicht anzusehen, was er von dieser unglaublichen Geschichte hielt. Er war in dem Bewusstsein alt und grau geworden, dass es nichts auf dieser Erde ohne eine natürliche Erklärung gab.

Und nun sollte er plötzlich an Dämonen glauben?

»Ich kann mich zu Ihrer Erzählung nicht äußern«, sagte er endlich. »Auf meine alten Tage fällt es mir schwer, noch einmal umzudenken. Was jedoch jenes Knochenkästchen betrifft, so kenne ich einen Mann, der Ihnen möglicherweise mehr darüber sagen kann. Es ist der dicke Growers, unser Totengräber. Sein Großvater, der denselben Beruf hatte, soll einen derartigen Behälter ausgegraben haben. Vielleicht weiß Growers, was daraus geworden ist. Sie sollten morgen zu ihm gehen.«

Er beschrieb Milton genau, wo er den Mann fand, und der Schattenjäger schöpfte neue Hoffnung.

Charles Lester entschuldigte sich.

»Halten Sie mich nicht für unhöflich, Mister Sharp, aber ich bin ein alter Mann. Abends fallen mir die Augen zu, und frühmorgens kann ich nicht mehr schlafen. Hat Mabel Ihnen die Bibliothek gezeigt? Sie können darüber verfügen, vorausgesetzt, Sie stellen jedes Buch wieder an seinen Platz. Es befinden sich ziemlich wertvolle Schriften darunter.«

Milton wünschte dem Verwalter eine gute Nacht und zog sich ebenfalls zurück.

Aus der Bibliothek nahm er drei Bücher mit auf sein Zimmer und hoffte, darin etwas Interessantes zu entdecken.

Bevor er sich ins Bett legte, untersuchte er noch gründlich seinen Koffer. Er fand nichts Fremdartiges, nicht mal die winzigste Krähenfeder. Allerdings glaubte er eine feindliche Ausstrahlung zu spüren. Er nahm sich vor, die zweifache Warnung nicht in den Wind zu schlagen.

Milton blickte aus dem Fenster. Vom Zimmer aus konnte er das hügelige Land sehen, das Meer jedoch nur hören. Jetzt war alles finster.

Er entkleidete sich, prüfte gewohnheitsmäßig die Umgebung seiner Schlafstelle, um vor unliebsamen Überraschungen möglichst geschützt zu sein, und ging ins Bett.

Er schlug den ersten Wälzer auf, und als wären seine Lider über Schnüre mit dem Buchdeckel verbunden, klappten seine Augen zu. Er schaffte es nicht, sie wieder zu öffnen.

Dieses Schloss kam ihm immer eigenartiger vor. Er war noch gar nicht müde. Trotzdem konnte er die Augen nicht offenhalten.

Das Buch glitt ihm aus der Hand. Er griff nach dem nächsten, und da klappte es. Mühelos las er die ersten zehn Seiten, blätterte dann weiter, weil er nichts Interessantes fand, und legte den Band wieder zurück.

Er versuchte es erneut mit dem ersten Buch, und wieder fielen die Augenlider nach unten.

Auch das dritte Buch stellte ihn vor keine Probleme, aber es war so nichtssagend wie das zweite.

Warum streikten seine Augen ausgerechnet bei dem ersten Folianten?

Es war offensichtlich, dass jemand nicht wollte, dass er den Inhalt kennenlernte, und dieser Jemand war zweifellos ein Dämon oder ein Wesen mit ähnlicher Kraft.

Xurus? Stand auf diesen Blättern etwas über den Schrein der Tränen?

Milton war entschlossen, bei Tageslicht, wenn die dämonischen Kräfte etwas nachließen, sein Glück erneut zu versuchen. Wenn alles nichts half, konnte er sich die wichtigen Passagen von Charles Lester oder von Mabel vorlesen lassen. Sie würden ihm wohl den Gefallen tun.

Er merkte sich genau, um welches Buch es sich handelte, legte es beiseite und löschte das Licht. Zum Schlafen kam er nicht. Schleifende Geräusche auf dem Gang schreckten ihn auf.

Als er auch noch Mabels entsetzten Aufschrei vernahm, war er mit einem Satz aus den Federn und riss die Tür auf.


*


Der Gang war in bläuliches Licht getaucht. In allen Ecken knisterte es. Funken sprühten. Die Luft roch nach Schwefeldämpfen. Die Schritte, die Milton hörte, waren ganz nahe, doch er konnte niemanden sehen.

Unverzüglich rannte er los. Er folgte Mabels Schreien, die sie in unregelmäßigen Abständen ausstieß.

»Mabel! Wo sind Sie?«, rief er.

Die Frau antwortete nicht. Dafür hörte er ein grässliches Lachen und dazwischen das Rasseln von Ketten. Ein Körper fiel zu Boden.

Milton rannte um die Ecke. Das Licht begann zu zucken. Es wurde dunkler und erlosch schließlich ganz. Seine Augen mussten sich erst an die plötzliche Dunkelheit gewöhnen.

Prompt rannte er gegen eine kantige Säule, an deren Existenz er sich nicht erinnern konnte. Etwas Klebriges rann zwischen seinen Fingern hindurch. Es roch wie Blut.

Er hetzte weiter. Mabel musste sich im oberen Stock befinden. Wo war nur die verdammte Treppe? Er musste sie doch längst erreicht haben.

Endlich stieß er gegen die unterste Stufe. Milton jagte hinauf und rief immer wieder Mabels Namen.

Er glaubte, die Frau zu hören, doch ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne, als würde sie abgeschirmt, um sich nicht bemerkbar machen zu können.

Er war in großer Sorge. Der Geist von Kisimul entsprang offensichtlich keiner krankhaften Phantasie. Es gab ihn wirklich, und er gehörte zu jenen Kreaturen, die den Menschen nicht wohlgesonnen waren!

Milton hatte seinen Pyrgus, jene Dämonenwaffe, die er von einem sterbenden Geisterjäger empfangen hatte, noch nie gegen Gespenster eingesetzt. Er hatte keine Ahnung, ob die syrische Tonscherbe, die ursprünglich Teil einer Opferschale gewesen war, auch bei solchen Wesen wirkte.

Vorläufig ließ er die Waffe noch in dem Lederfutteral stecken, das er um den Hals trug. Die Gefahr, sie im Dunkeln zu verlieren, war zu groß.

Milton wusste, in welchem Gebäudeteil die Lesters schliefen. Er wandte sich nach links und jagte voran.

Da! Das Heulen hallte von den Wänden wider. Dicht vor ihm prasselte loses Gestein von der Decke. Er rettete sich mit einem beherzten Sprung nach vorn. Der Staub drang ihm in die Atemwege und löste einen Hustenreiz aus.

Etwas wischte über sein Gesicht. Spinnweben? Kaum denkbar. Dieser Trakt wurde von Mabel gewissenhaft in Ordnung gehalten. Aber was sonst?

In seinem Nacken spürte Milton einen Luftzug, der rhythmisch schwächer und stärker wurde …

Da atmete jemand hinter ihm!

Er wirbelte herum und schlug, ohne zu überlegen, zu.

Er stieß auf keinen Widerstand.

Dafür fuhren ihm dürre Finger durchs Haar und rissen einige Büschel aus.

Jetzt zerrte er den Pyrgus aus dem Futteral und stach damit um sich. Die Scherbe besaß fast die Form eines Dolches. Das knaufartige Ende war aus einer heiligen Wurzel gefertigt.

Diesmal aber zeigte die Waffe keine Wirkung. Milton wurde hin- und hergerissen. Tausend Hände schienen ihn gleichzeitig anzugreifen. Aber keine fügte ihm eine nennenswerte Wunde zu. Er trug lediglich ein paar harmlose Schrammen davon, die er sich jedes Mal zuzog, wenn er gegen eine der rauen Wände flog.

Der Schattenjäger bekam seinen Gegner nicht zu fassen. Dafür gelang es ihm endlich, sich loszureißen und weiterzurennen.

Licht schimmerte ihm entgegen. Es drang aus Mabels Kammer. Die Tür. stand weit offen. Lärm war zu vernehmen. Gerade zerbrach eine Schüssel. Die Frau wehrte sich gegen einen Angreifer.

Milton schnellte voran. Mit wenigen Sätzen war er an der Tür und warf sich hindurch.

Mabel lag auf ihrem Bett, die Augen angstvoll geweitet. Sie schlug auf einen dunklen Schatten ein, der sich über sie beugte und vom Lager zu zerren versuchte.

Auf dem Fußboden lagen Scherben. Die Frau blutete an der rechten Hand.

Ohne zu zögern, sprang der Schattenjäger den Schatten von hinten an.

Er landete direkt auf Mabel, die erneut aufschrie und diesmal auf ihn einschlug. Der Schatten aber floh zum Fenster.

Milton wollte ihn stoppen, doch Mabel, die endlich gemerkt hatte, dass er kein Geist war, klammerte sich zitternd an ihn und gab ihn nicht frei.

Milton wurde energisch.

Dieser Geist hatte offenbar Angst. Er musste also zu besiegen sein.

Er schüttelte Mabel ab und eilte zum Fenster, durch das der Schatten geglitten war.

Dort unten lief er, überquerte den Vorhof und verschwand im Brunnen. Eine grelle Lohe flammte auf, als der Geist in die Tiefe tauchte.

Sekundenlang war die ganze Burg erhellt.

Milton dachte an den Verwalter.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909067
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v359164
Schlagworte
milton sharp schrein tränen

Autor

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Titel: Milton Sharp #9: Der Schrein der Tränen