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Dr. Mystery #4: Im Würgegriff der Mumie

2017 120 Seiten

Leseprobe

Im Würgegriff der Mumie

von A. F. Morland

Doktor Mystery Band 4 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers

präsentiert von Steve Salomo


Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.


Eine Mumie schleicht in den Nächten durch die US-Metropole Chicago und erwürgt wehrlose Menschen. Ist dieses schreckliche Monster eine echte ägyptische Mumie, die wie im Kino durch einen Fluch zum Leben erwachte? Der Parapsychologe Luc Morell heftet sich an die Fersen des mordenden Ungeheuers und kommt einem grauenvollen Geheimnis auf die Spur…


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Bearbeitung: Peter Thannisch

Titelbild: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Olga Baxter zuckte herum und schaute Millie Springs erschrocken an.

»Hast du das gehört, Millie?«

Millies grüne Augen waren schreckgeweitet. Mit halb offen stehendem Mund nickte sie.

»Das Stöhnen? Ja, das habe ich auch gehört!«

Die beiden Mädchen wandten sich um. Sie hatten eben an der alten jüdischen Synagoge vorbeigehen wollen. Rabenschwarz lag der Abend über dem Gebäude und über der ganzen parkähnlichen Umgebung mit Pappeln, Eichen und Rosensträuchern.

Olga und Millie schauten zu einem hohen Busch, der sich neben dem Eingang zu den unterirdischen Gewölben der Synagoge befand. Entweder war das Stöhnen aus dem Gebüsch gekommen oder vom Eingang her.

»Lass uns fortlaufen, Olga!«, raunte Millie der blonden Freundin zu.

»Vielleicht ist jemand verletzt.«

»Willst du etwa dorthin gehen?«, fragte Millie Springs erschrocken.

»Es hat doch jemand gestöhnt.«

Olga presste die geschwungenen Lippen zu schmalen Strichen zusammen. Aufgeregt und mit angespannten Nerven setzte sie langsam einen Fuß vor den anderen.

Millie blieb stehen. Sie hatte nicht den Mut, mit ihr zu gehen. Ihr Herz hämmerte wahnsinnig in ihrer jungen Brust. Kalter Schweiß trat aus ihren Poren. Sie fühlte eine kolossale Gefahr, die sich dort in diesem Gebüsch neben dem Eingang zu den Gewölben der Synagoge befinden musste.

»Olga!«, zischte sie hinter der Freundin her.

Olga ging weiter.

Mit zögernden Schritten näherte sie sich dem Gebüsch. Mit ihren Blicken versuchte sie, die anthrazitfarbene Dunkelheit zu durchdringen. Auch sie hatte Angst. Aber nicht so viel wie Millie.

Olga hatte sich bis auf vier Schritte an den Eingang herangewagt. Ein hohes schwarzes Rechteck gähnte ihr wie das eckige Maul eines Ungeheuers entgegen, als wollte es sie verschlingen.

Steile Stufen führten nach unten, verloren sich in der pechschwarzen Finsternis.

Plötzlich war dem Mädchen, als hörte es ein Atmen. Es waren unregelmäßige, rasselnde Züge. Ein unterdrücktes Stöhnen mengte sich darunter. Die gespenstischen Geräusche kamen aus dem dunklen Gebüsch.

»Olga, komm zurück!«, rief Millie Springs. Sie stand dort hinten wie auf glühenden Nadeln und war nahe daran, wie von Furien gehetzt davonzurennen.

Olga hielt den Atem an, als sie sich dem Gebüsch näherte. Ein leises Rascheln erschreckte sie. Es konnte vom Wind erzeugt worden sein oder von einer Ratte. Es konnte aber auch…

Sie sah etwas Weißes durch das dunkle Blattwerk schimmern, wollte darauf zugehen, da wurden die Zweige des Busches schon mit einer blitzschnellen Bewegung zur Seite gefegt. Erschrocken federte das Mädchen einen Schritt zurück ‒ und sah sich genau einer lebenden Mumie gegenüber.

Ein greller Schrei entrang sich ihrer Kehle, als sich das furchtbare Monster auf sie stürzte. Sie fühlte sich von der Mumie an der Kehle gepackt, wollte sich losreißen. Ihr Schrei erstickte unter dem gnadenlosen Druck der bandagierten Hände, die sich wie Stahlklammern um den Hals des Mädchens geschlossen hatten.

Brutal drückten die Hände des unheimlichen Mörders die junge Kehle zu. Mitleidlos nahm die gespenstische Mumie dem Mädchen das Leben…


*


Das Hotel, in dem Doktor Luc Morell mit seiner Sekretärin Monique Dumas abgestiegen war, befand sich in Chicago und hatte den klangvollen Namen Arabella.

Der Doktor für Parapsychologie hatte sein Schloss im Loiretal ‒ Château Lamatime ‒ wieder einmal verlassen müssen. Er war nach Chicago gekommen, um sein neuestes Buch über Parapsychologie einem auserlesenen Kreis von interessierten Wissenschaftlern vorzustellen.

Selbstverständlich wollte Doktor Morell diesen Aufenthalt mit einem netten Kurzurlaub verbinden. Sein Freund Doktor Steve Pratt ‒ er war Historiker ‒ war aus New York herübergeflogen, um die Vorstellung des Buches mitzuerleben und auch den Kurzurlaub mit Luc und seiner reizenden Sekretärin zu genießen.

Es war Abend.

Luc befand sich in seinem Zimmer, das gleich neben dem von Monique lag, und band sich vor dem Spiegel die große schwarze Fliege, denn für diesen Abend war ein Theaterbesuch von Steve angesetzt worden.

Als die Fliege endlich richtig saß und öffnete seinen Koffer.

Er entnahm dem Gepäckstück eine kleine Schatulle und öffnete sie. Auf dunkelrotem Samt lag sein silbernes Amulett, dass er von seinem Ahnen Vincenzo de Lamatime geerbt hatte. Es hatte ihm schon mehrmals geholfen, Dämonen zu besiegen. Eine seltsame Anziehungskraft ging davon aus.

Luc Morell starrte den geheimnisvollen Gegenstand an.

Er hatte sich schon öfter Gedanken darüber gemacht, wie es möglich war, dass in diesem Amulett solch gewaltige Kräfte wohnen konnten.

Eine Antwort hatte er darauf bisher nicht finden können.

Ganz deutlich erkannte Luc Morell den Drudenfuß in der Mitte des Amuletts, den Ring mit den Tierkreiszeichen, den zweiten, äußeren Ring mit den geheimnisvollen Hieroglyphen. Eine dünne silberne Kette lag, zusammengerollt wie eine kleine Schlange, auf dem roten Samt. Mit ihr konnte Luc Morell den unschätzbar wertvollen Talisman vor der Brust tragen.

Er überlegte.

Sollte er das silberne Amulett heute Abend tragen? Es war wohl kaum eine Gefahr von irgendwelchen Dämonen im Theater zu erwarten.

Gedankenverloren schüttelte er den Kopf und schloss den Schatullendeckel wieder über dem funkelnden Talisman.

Er konnte nicht ahnen, dass im Theater schließlich doch noch unheimliche Kräfte auftreten sollten…



2

Millie Springs sah alles ganz deutlich. Trotzdem hatte sie das Gefühl, zu träumen. Es wollte ihr nicht in den Kopf, was sie sah. Es war einfach unbegreiflich.

Sie sah mit weit aufgerissenen Augen zu, wie die Mumie ihre Freundin erwürgte.

Sie glaubte, einen Albtraum mitzuerleben. Ihr Herz raste. Sie wollte fortlaufen, doch ihre Beine schienen Wurzeln geschlagen zu haben.

Entsetzlich kalt war dem Mädchen. Benommen starrte Millie auf die grauenvolle Szene. Tränen quollen ihr aus den Augen.

Olga Baxter schlug mit ihren kleinen Fäusten nach dem unheimlichen Mörder. Jeder Schlag, der die bandagierte Mumie traf, ließ eine dunkelgraue Staubwolke aus dem Verband aufsteigen.

Es hörte sich an, als würde Olga auf einen prall gefüllten Sandsack schlagen.

Sehr schnell erlahmte der Widerstand des unglücklichen Opfers. Die Armbewegungen wurden fahrig. Schließlich waren sie nur noch ein unkontrolliertes Zucken. Und dann hingen die Arme des Mädchens schlaff herab. Wie von einer kaputtgegangenen Stoffpuppe.

Millie Springs drohte den Verstand zu verlieren.

Als die schreckliche Mumie ihr Opfer zu Boden fallen ließ, löste sich die bleierne Lähmung aus Millies fieberndem Körper.

Schon wandte sich die mordlüsterne Mumie ihr zu.

Millie wich kopfschüttelnd zurück.

»Nein!«, ächzte sie. »Nein! Ich will nicht sterben! Nein!«

Sie wirbelte herum und begann, um ihr Leben zu laufen. Deutlich hörte sie hinter sich die schweren Schritte des grauenvollen Monsters. Sie rannte, so schnell sie konnte, wandte sich nicht um, lief, lief, lief.

Büsche flogen an ihr vorbei, Bäume. Dann erreichte sie einen hellen Weg, auf dem geharkter Kies lag. Jeder ihrer schnellen Schritte knirschte. Sie rutschte auf dem Kies aus und wäre um ein Haar hingefallen. Hinter ihr knirschten die Schritte der schrecklichen Mumie, die auch sie töten wollte.

Die Schritte trieben sie zu noch größerer Eile an. Sie lief so schnell, wie sie noch nie in ihrem jungen Leben gelaufen war. Sie glaubte, irgendwann tot umfallen zu müssen, so verausgabte sie sich.

Mit hämmernden Lungen erreichte sie ein offen stehendes schmiedeeisernes Gittertor. Mit einem wilden Satz sprang sie hindurch und keuchte über die graue Fahrbahn. Ein Wagen schoss von rechts heran. Der Fahrer musste blitzschnell auf die Bremse treten. Die Pneus quietschten schrill und schmierten dicke schwarze Striche auf den Asphalt. Millie Springs hatte die Straße bereits überquert, blieb nicht stehen, lief schnaufend weiter. Der Fahrer schrie ihr wüste Verwünschungen nach, um sich abzureagieren. Sie beachtete ihn nicht, stürmte, schon fast völlig ausgeflippt, um die nächste Ecke und prallte gegen die Brust eines hochgewachsenen Mannes.

Sie stieß einen entsetzten Schrei aus und taumelte zurück.

Da erkannte sie, dass sie mit einem Polizisten zusammengestoßen war.

Der Mann war dick und verzog sein rundes Gesicht zu einem Lächeln.

»Nun mal langsam, Miss«, sagte er lachend. »Sie können doch an einem so schönen Abend keinen harmlosen Polizisten über den Haufen rennen.«

»Hilfe!«, stöhnte Millie Springs bestürzt. »Hilfe!« Sie japste nach Luft. Schweißüberströmt war ihr hübsches Gesicht, das nun von Furcht und Schaudern schrecklich verzerrt war.

»Was ist denn mit Ihnen?«, fragte der Polizist erstaunt. »Ist Ihnen nicht gut? Oder wollte Sie jemand belästigen, Miss?«

Millie wollte alles auf einmal erzählen. Das war natürlich nicht möglich. Deshalb verstand der Uniformierte auch kein Wort.

Der Polizist lächelte gütig und legte dem Mädchen beruhigend seinen Arm um die bebenden Schultern. Millies Beine drohten ihr beinahe den Dienst zu versagen. Sie musste sich schwer zusammenreißen, um nicht zusammenzuklappen. Gehetzt schaute sie zurück, erwartete, dass schon in der nächsten Sekunde die schreckliche Mumie um die Ecke kam.

Doch niemand kam.

»Beruhigen Sie sich erst mal, Miss«, sagte der Polizist eindringlich. »Und dann erzählen Sie mir schön der Reihe nach, was geschehen ist, was Sie so sehr erschreckt hat.«

Millie Springs weinte. Sie weinte um Olga, und sie weinte aus Freude, weil sie gerettet war. Schluchzend und zitternd lehnte sie an dem großen dicken Polizisten.

»Ist ja schon gut«, sagte der Mann mit seiner vertraueneinflößenden Stimme. »Nun kann Ihnen ja nichts mehr geschehen. Was ist denn eigentlich vorgefallen?«

Millie bat den Polizisten um ein Taschentuch. Er gab ihr seines und sagte, dass sie das Taschentuch behalten dürfe.

»So, und nun erzählen Sie«, verlangte er, als sie zu weinen aufgehört hatte.

»Ich…«, begann Millie Springs, immer noch zitternd, verstört und stockend. »Ich… war mit meiner Freundin Olga Baxter in der Winnemac Street. Wir haben die China-Ausstellung besucht. Auf dem Heimweg… Oh, es war so schrecklich… «

»Wo?«

»Bei der jüdischen Synagoge.«

»Sie sind mit Ihrer Freundin Olga Baxter durch den finsteren Park gegangen? Mädchen, das war aber sehr leichtsinnig.«

»Wir wollten den Heimweg abkürzen.«

»Wo wohnen Sie?«

Millie nannte ihre Adresse und ihren Namen.

»Und wo wohnt Olga Baxter?«

»Im Nachbarhaus«, antwortete Millie Springs.

»Und bei der Synagoge ist etwas Schreckliches passiert, sagen Sie?«

»Ja.«

»Was?«

Millie schwieg entsetzt. Sie wollte es sagen, doch eine harte Faust drückte ihr die Kehle zu, so dass sie keinen Ton hervorbrachte.

»Hat sich Ihnen beiden ein Mann unsittlich genähert?«

»Nein.«

»Wurde Olga Baxter überfallen ‒ vergewaltigt?«

»Nein, nicht vergewaltigt.«

»Mädchen, Sie müssen mir sagen, was passiert ist, wenn ich Ihnen helfen soll.«

»Olga Baxter… Meine Freundin… Sie wurde… Sie wurde ermordet!«

Der Polizist erschrak. »Ist das wahr, was Sie da sagen, Miss Springs? Ist das wirklich wahr?«

»Ja. Olga wurde ermordet.«

»Haben Sie das gesehen?«

»Ja.«

»Haben Sie den Mörder gesehen?«

»Ja.«

»Wie sah er aus.«

»Grauenvoll.«

»Damit kann ich nichts anfangen. Sie müssen mir schon mehr sagen.«

»Es war… Es war eine… Mumie!«

Der Polizist starrte das Mädchen ungläubig an. »Eine Mumie? Was für eine Mumie?«

»Sie wollte auch mich umbringen. Sie ist hinter mir hergerannt. Sie wollte mich töten. Ich konnte ihr entkommen. Es war schrecklich ‒ so schrecklich!«

Der Polizist ließ hörbar Dampf ab. Er zweifelte am Verstand dieses Mädchens. Mochte sein, dass ihrer Freundin etwas zugestoßen war. Mochte sein, dass Millie Springs gesehen hatte, wie Olga Baxter ermordet wurde. Das Erlebnis musste ihren Geist verwirrt haben. Was sie gesehen hatte, war für sie so entsetzlich gewesen, dass sie einfach übergeschnappt war. Eine Mumie konnte keinen Mord begehen. Das war ja absurd.

»Ich schlage vor, wir begeben uns zur Synagoge«, sagte der Polizist seufzend.

»Nein!«, stieß Millie Springs schrill hervor. »Ich gehe da nicht mehr hin. Die Mumie wird mich…«

»Wenn Sie mit mir gehen, sind Sie absolut sicher, Miss Springs.«

»Ich habe Angst«, sagte Millie mit bebenden Lippen.

»Es kann Ihnen nichts geschehen, Miss Springs. Ich werde Sie beschützen. Kommen Sie.« Millie sträubte sich. »Nun kommen Sie. Bei mir sind Sie wirklich in Sicherheit. Ich habe einen Revolver. Außerdem ist der Mörder sicher schon geflohen.«

Widerwillig ging Millie mit dem Polizisten mit. Sie gingen denselben Weg, den Millie zuvor in panischer Angst entlanggelaufen war.

Millie schaute furchtsam und nervös um sich. Mit schlotternden Knien ging sie neben dem Polizisten. Obwohl sie in Begleitung war, kam es ihr vor, als wäre ihr Leben immer noch furchtbar stark bedroht.

Da war die schwarze Silhouette der Synagoge, die in der Dunkelheit aussah wie ein verwunschenes Spukschloss. Millie wagte sich auf einmal nicht weiter. Furchtsam schaute sie nach dem finsteren Gebäude. Ihr Herz klopfte hoch oben im Hals.

»Was ist?«, fragte der Polizist. »Wollen Sie nicht weitergehen?«

»Nein«, presste Millie zitternd hervor.

»Sie müssen mir die Stelle zeigen, Miss Springs.«

»Bitte, zwingen Sie mich nicht, weiterzugehen. Meine Nerven halten das nicht aus.«

»Aber ich habe Ihnen doch gesagt…«

»Ich kann einfach nicht!«, schrie Millie den Polizisten verzweifelt an. »Was soll ich denn machen?«

Gleich wird sie wieder hysterisch, dachte der Polizist.

»Dann sagen Sie mir wenigstens, wo es passiert ist, Miss Springs«, bat er.

»Beim Abgang zu den Gewölben.«

»Okay. Ich seh mal nach.«

Er ging weiter. Millie stand steif da. Jedes kleine Geräusch, das an ihr Ohr drang, versetzte sie in Panik. Die Dunkelheit um sie herum machte sie verrückt. Sie sah Dinge, die es nicht zu sehen gab. Sie glaubte Olga zu sehen und die Mumie. Das hielt sie nicht aus. Entsetzt lief sie hinter dem Polizisten her.

Der Mann grinste zufrieden. »Na, also. Nun sind Sie doch noch vernünftig geworden. Wo ist die Stelle nun?«

Millie führte ihn. Plötzlich schlug sie mit beiden Händen auf den verdattert aufgerissenen Mund und stieß gleichzeitig einen heiseren Schrei aus, während ihre von Bestürzung geweiteten Augen fassungslos auf die Stelle starrten, wo Olga Baxter gelegen hatte.

Die Stelle war leer.

Die Leiche war verschwunden.



3

»Fertig?«, fragte Luc Morell.

»An Leib und Seele, Chef«, erwiderte Monique Dumas. Ihr Lächeln ging dem Doktor unter die Haut. Er stand vor der Tür, trug seinen schwarzen Smoking und war bereit zum Ausgehen.

Monique sah hinreißend aus. Das trägerlose weiße Kleid stellte einen wunderbaren Kontrast zu ihrer sonnengebräunten Haut dar.

Monique war äußerst intelligent und sprühte vor Lebendigkeit und Charme. Ihr Lächeln vermochte jeden Eisberg zum Schmelzen zu bringen. Sie war hart, aber gerecht, wenn es galt, ungebetene Besucher von ihrem Chef fernzuhalten.

Ein wahrer Glücksfall war sie für Luc Morell, und er war ehrlich froh, dass er sie hatte.

Auf einmal stand Steve Pratt hinter Luc Morell.

»Ihr turtelt doch hoffentlich nicht, ihr beiden!«, sagte er rügend. »Das müsste ich nämlich der Hotelleitung melden. Hier achtet man streng auf Sitte und Anstand. So, und nun macht euch bitte auf einen ganz besonderen Theatergenuss gefasst.«

Luc Morell lächelte. »Ach ja, du schwärmst doch so wahnsinnig für die Hauptdarstellerin in diesem Stück. Wie heißt sie doch gleich?«

»Barbara Blake. Eine begnadete Künstlerin«, sagte Steve.

»Wir werden uns unser eigenes Urteil bilden«, sagte Monique lächelnd.

»Sie werden von Barbara begeistert sein, Monique. Dieses Mädchen ist in jeder Rolle hinreißend. Wir werden nach dem Theaterbesuch mit ihr zusammen essen gehen.«

Luc Morell stupste den Freund grinsend in die Seite. »Sag mal, du Schwerenöter, wie oft warst du denn mit dieser begnadeten Künstlerin schon essen.«

»Viermal. Warum?«

»Und wann wird geheiratet?«

»Lass diese geschmacklosen Scherze, ja?«, brummte Doktor Pratt. »Können wir gehen?«

»Wir können«, erwiderte Luc Morell.



4

Die Mumie war nicht auf die Straße hinausgelaufen. Als Millie Springs die Straße überquert hatte, hatte sich der unheimliche Mörder umgewandt und war zur Synagoge zurückgekehrt.

Nun streifte die grauenerregende Erscheinung, mit der toten Olga Baxter unter dem starken Arm, durch die Buschgruppe des Homer Park. Das tote Mädchen hing mit baumelnden Gliedmaßen an seiner Seite herab. Es schien, als könnte sich der Mörder nicht von seinem Opfer trennen.

Mit schweren Schritten überquerte das Monster die an die Buschgruppe grenzende Rasenfläche. Der Mond ließ die Bandagen, mit denen der Körper der unheimlichen Gestalt umhüllt war, fluoreszieren. Eine gespenstische Ausstrahlung ging von der Mumie aus. Ab und zu war ein grauenvolles Stöhnen zu hören, als hätte die Gestalt furchtbare Schmerzen zu ertragen.

Sicher fand die Mumie ihren Weg durch die Dunkelheit…



5

»Mist!«, fauchte Claudio Ravazza.

»Sag nicht Mist, sieh lieber zu, dass wir den Kerl wieder dorthin kriegen, wohin er gehört!«, knurrte Richard Robins.

Die beiden Männer hatten gesehen, was die Mumie getan hatte. Sie hatten beobachtet, wie das Monster hinter Millie Springs hergelaufen war und hatten Millie später mit dem Polizisten zurückkommen gesehen.

Nun befanden sie sich im Homer Park und wussten nicht recht, wie sie es anstellen sollten, um die Mumie wieder einzufangen.

»Ich habe dir gleich gesagt, dass das eine Wahnsinnsidee ist!«, stöhnte Ravazza.

»Was verstehst denn du davon!«, zischte Robins zornig. Sie standen beide hinter dem dicken Stamm einer alten Eiche.

Ravazza hatte die breiten Schultern eines Catchers. Seine Wangenmuskeln traten hervor wie Stränge. Er trug eine dunkelgrüne Samtjacke und wirkte trotz der glatten Rasur wie ein heimtückischer, gefährlicher Verbrecher.

»Nun hat der doch glatt dieses Mädchen erwürgt!«, presste Claudio Ravazza kopfschüttelnd hervor.

»Was hat das schon zu bedeuten. Ein Mädchen mehr oder weniger. Was macht das schon aus?«

»Dein Gemüt möchte ich haben, Richard.«

»Hast du vielleicht Gewissensbisse?«, fragte Robins grinsend. »Wäre ja ganz was Neues bei dir.«

Richard Robins war eine elegante Erscheinung. Er trug einen mitternachtsblauen Anzug und darunter ein weißes Hemd und die dazu passende Krawatte. Sein dunkles Haar war sorgfältig gekämmt. Seine Hände, die noch niemals schwere Arbeit verrichtet hatten, wiesen lange, schlanke Finger auf.

Er war Magier von Beruf, doch bislang hatte er kaum nennenswerte Erfolge zu verzeichnen gehabt. Aber das sollte bald anders werden. Er hatte seinem Publikum demnächst eine wahre Sensation zu bieten. Im Augenblick feilte er noch an seiner neuen Nummer.

»Hast du eine Ahnung, wohin er geht?«, fragte Claudio Ravazza nervös. Er sah die Mumie über den Rasen schreiten.

Robins schüttelte stumm den Kopf.

»Warum nimmt er die Mädchenleiche mit?«, fragte Ravazza ärgerlich.

»Verdammt noch mal, was fragst du mich das alles?«, brauste Robins wütend auf.

»Wen soll ich sonst fragen?«, gab Ravazza grinsend zurück. »Schließlich bist du doch…«

»Halt's Maul, Claudio! Sieh lieber zu, dass er nicht verschwindet.«

Ravazza hatte ein kleines schwarzes Köfferchen abgestellt. Es war drei Zentimeter schmal, fünfunddreißig Zentimeter lang und siebzehn Zentimeter hoch. Dieses Miniaturköfferchen nahm er nun wieder an sich.

»Dann wollen wir mal sehen, ob wir was für den Bruder tun können«, knurrte Ravazza.

Er rannte los, ohne sich um den Magier zu kümmern. Er lief auf die kleine Baumgruppe zu, überquerte einen leeren Kinderspielplatz, flankte über eine Bank und verschwand Augenblicke später hinter einem hohen Strauch.

Hastig ging er in die Hocke, legte das Köfferchen auf seine Schenkel und klappte es flink auf. Jeder Handgriff schien oft geübt zu sein. Keine Bewegung machte Claudio Ravazza zu viel. Es wäre ihm selbst im Schlaf möglich gewesen, das Gewehr in unglaublich kurzer Zeit zusammenzustellen.

Der Lauf. Der Schaft. Die Patronenkammer. Das Infrarot-Zielfernrohr. Klickend rasteten die Bestandteile ineinander ein.

Als das Gewehr für den Einsatz fertig war, kroch hinter Ravazza auch der Magier ins Gebüsch.

»Ich werde ihm die Betäubungspatrone in die Birne jagen!«, zischte Ravazza.

»Okay. Aber ziele sorgfältig.«

Ravazza grinste breit. »Hast du schon mal erlebt, dass ich danebengeschossen habe?«

»Nein.«

»Na, also. Warum sagst du dann überhaupt so etwas?«

Claudio Ravazza richtete sich gespannt auf. Er bog einige Zweige zur Seite, hob das Gewehr und setzte es langsam an die Schulter.

»Da kommt er!«, zischte er, während er durch das Zielfernrohr schaute.

»Lass dir Zeit, Claudio!«, flüsterte Richard Robins aufgeregt. Seine Handflächen waren ganz feucht. Er bewunderte die Ruhe seines Freundes. Wenn er hätte schießen müssen, wäre der Schuss sicherlich weit danebengegangen. Aber auf Claudio konnte man sich in der Beziehung hundertprozentig verlassen.

Ganz deutlich war die Mumie im Zielfernrohr zu sehen. Mit schweren Schritten stapfte das Monster über den Rasen.

Ravazza schaute durch das Fernrohr nach dem toten Mädchen, das das Monster immer noch unter dem Arm trug.

»Schade um sie«, sagte er eiskalt. »An der hätte noch so mancher Mann seine wahre Freude gehabt.«

»Konzentriere dich lieber auf deine Arbeit!«, fauchte Robins grimmig.

»Mach ich doch!«, gab Ravazza frostig zurück.

Das Fadenkreuz tanzte am Körper der Mumie hoch. Es erreichte den dicken Oberarm, die Schulter, den Kopf. Ravazza pendelte sich haargenau auf die Schläfe ein.

Dann suchte er langsam und gefühlvoll den Druckpunkt des Abzugs…



6

»Nicht, Ernie! Bitte nicht!«, stöhnte Rosie McDonald.

Sie war erst sechzehn, aber schon voll entwickelt und hatte Ernie York vielleicht ein bisschen zu stürmisch geküsst. Es war nicht das erste Mal, dass sie mit ihm hier auf dieser Bank im Homer Park saß. Doch sie hatte sich noch nie so stark hinreißen lassen wie diesmal. Die Wellen drohten nun über ihr zusammenzuschlagen, und sie hatte schreckliche Angst vor den Folgen, die sie selbst heraufbeschworen hatte.

»Bitte nicht, Ernie!«

»Hör mal, Rosie, das kannst du doch nicht machen!«, beschwerte sich Ernie. Er war selbst noch keine siebzehn und hatte sich Rosie gegenüber immer korrekt verhalten. Doch heute hatte sie ihn auf eine Art geküsst… »Das ist doch nicht dein Ernst, Rosie!«, keuchte Ernie erregt.

»Doch, Ernie! Ich will nicht! Ich will wirklich nicht! Ehrlich! Verzeih mir bitte!«

Er zitterte vor Aufregung. Seine Hand lag auf ihrem heißen Oberschenkel.

»Nimm die Hand weg, Ernie.«

»Das werde ich nicht tun, Rosie.«

»Nimm sie weg! Bitte, Ernie!«

»Nein.«

Rosie setzte ihm die Nägel in den Handrücken und kratzte ihn kräftig.

»Au!«, presste Ernie York erschrocken hervor, zuckte zurück und starrte auf die tiefen, blutenden Kratzer. »Verdammt! Sieh dir das an! Sieh dir das an, du verrückte Pute!«

»Verzeih mir, Ernie! Bitte, verzeih mir!« Rosie fiel dem Jungen schluchzend um den Hals. Sie küsste seine Wangen, seinen Mund. »Ich wollte dir nicht weh tun. Ich wollte es nicht tun.«

Sie küsste ihn auf die Stirn und wieder auf den Mund, spürte seine Hand an ihrem Busen, zuckte zusammen.

»Ernie!«, schrie sie in derselben Sekunde entsetzt auf. Sie stieß ihn förmlich von sich. »Da!«, kreischte sie in namenloser Bestürzung. »Da!«

Ernie wandte sich erschrocken um.

Nackte Angst sprang ihn an und drohte ihn umzuwerfen.

Über den Rasen ging ein grauenerregendes Monster. Eine Mumie, deren Bandagen auf eine unerklärliche Weise leuchteten. Schaudernd starrte das zitternde Pärchen auf die Leiche, die die Mumie unter dem Arm trug.

Überstürzt schnellten Rosie und Ernie hoch. In panischem Schrecken verließen sie den finsteren Park.



7

Die Mumie hörte den Schrei von Rosie. Sie blieb stehen, wandte sich der Bank zu, auf der das Pärchen gesessen hatte, ließ Olga Baxters Leichnam fallen und ging mit stakenden Schritten auf die Bank zu.

Mordgierig hob das Monster die Arme. Die bandagierten Finger zuckten aufgeregt, fieberten nach einer Kehle, die sie zudrücken konnten.

Schreckliche Laute stiegen aus den Bandagen. Das Blut konnte einem gefrieren, so schaurig klangen sie.



8

»Drück ab! Drück doch endlich ab!«, keuchte Richard Robins, schwitzend vor Aufregung.

»Erst soll ich mir Zeit lassen, dann kannst du es nicht erwarten!«, maulte Claudio Ravazza ärgerlich.

»Schieß endlich!«, ächzte Robins, der die Spannung nicht mehr länger ertragen konnte.

Die Männer hatten den Schrei von Rosie McDonald ebenfalls gehört. Sie hatten Ernie York mit dem Mädchen davonlaufen gesehen. Ravazza hatte durch das Zielfernrohr beobachtet, wie die Mumie das tote Opfer hatte fallen lassen. Nun ging das Monster mit mordgierig erhobenen Armen auf die Bank zu, auf der das Pärchen gesessen hatte.

Claudio Ravazza zögerte keine Sekunde länger. Das Fadenkreuz hatte die Schläfe der Mumie in der Mitte. Ravazza krümmte den Finger.

Der Rückschlag der Waffe war kaum nennenswert, und der eingebaute Schalldämpfer hatte das Schussgeräusch nahezu vollkommen absorbiert. Durch das Zielfernrohr sah Ravazza das Einschussloch in den Bandagen, die um den Kopf der Mumie gewickelt waren.

Das Monster drehte sich halb um, nachdem es in der Bewegung innegehalten hatte. Ravazza traute seinen Augen nicht, als er sah, wie sich das Einschussloch wieder schloss.

Trotzdem zeigte der Treffer Wirkung.

Die Mumie wankte. Sie hob die Arme, als wollte sie sich irgendwo festhalten. Sie drehte sich im Kreis. Ihre Schritte wurden tappend, unsicher.

Dann kippte der schwere Körper nach hinten um. Das Monster blieb auf dem Rücken liegen und rührte sich nicht mehr.

»Geschafft«, sagte Ravazza mit einem zufriedenen Grinsen.

»Gar nichts ist geschafft!«, fauchte Richard Robins aufgeregt.

Ravazza zerlegte sein Gewehr und verstaute es sorgfältig in dem kleinen schwarzen Köfferchen, in dem niemand solch ein Gewehr vermutet hätte.

»Hol jetzt den Wagen!«, ordnete Robins an.

»Du meinst, ich soll mit dem Wagen hier hereinfahren?«

»Willst du die Mumie etwa zum Wagen schleppen?«

»Ist verdammt schwer, der Kerl«, sagte Ravazza grinsend.

»Eben.«

»Was ist, wenn ein Bulle sieht, wie ich durch den Park kutschiere?«

»Dieses Risiko müssen wir eingehen. Mach schon. Je schneller wir von hier fortkommen, desto besser. Ich warte hier auf dich.«

Ravazza nickte. »Okay.«

Er schnellte hoch und sprang aus dem Gebüsch. Sein Köfferchen nahm er mit. Davon trennte er sich nur höchst selten und auch höchst ungern.

An der Unterlippe nagend überlegte der Magier, was als Nächstes zu tun war. Es war nicht ratsam, das Mädchen hier zurückzulassen. Sie mussten sie mitnehmen, mussten sie verschwinden lassen. Aber wie? Und wo?

Da kam ihm eine Idee.

Ja, so mussten sie vorgehen. So und nicht anders.

Es dauerte zehn Minuten, bis Robins das Geräusch eines Motors hörte. Hoffentlich kein Polizeiwagen, dachte der Magier nervös.

Scheinwerfer blitzten zwischen den Bäumen auf. Ein Wagen kam herangefahren. An einem kleinen klappernden Geräusch erkannte der Magier seinen Wagen. Ravazza war zurückgekommen.

Erst als das Fahrzeug angehalten hatte und Ravazza nach ihm gerufen hatte, trat der vorsichtige Magier aus dem Gebüsch.

Claudio Ravazza saß noch im Fahrzeug. Robins sagte ihm, er solle bis zur Mumie fahren. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung, hielt auf dem Rasen neben der betäubten Mumie an. Nun sprang Claudio Ravazza aus dem Auto. Den Motor ließ er laufen.

»Hast du dir schon seine Schläfe angesehen, Richard?«, fragte Ravazza.

»Was ist damit?«

»Sieh sie dir an.«

Richard Robins beugte sich über den Kopf der Mumie.

»Nun?«, zischte Ravazza. »Ich kann nichts sehen, was…«

»Eben. Das ist es ja eben. Ich habe ihm doch in die Schläfe geschossen. Und nun kann man kein Loch sehen.«

»Die Bandagen werden verrutscht sein.«

Claudio Ravazza wollte widersprechen, doch Robins verlangte von ihm, er solle die Ladetür des Kombiwagens aufmachen. Ravazza klappte die Tür hoch.

»Und jetzt fass mal mit an!«, sagte Robins ungeduldig. Sie hoben den schweren leblosen Körper der Mumie hoch und schleppten ihn mit vor Anstrengung angespannten Zügen zum Wagen. Hastig schoben sie den Körper in das Fahrzeug.

»Das wär's«, meinte Ravazza grinsend. »Und nun nichts wie weg von hier.«

Er wollte die Ladetür zuschlagen, doch Robins schüttelte schnell den Kopf. »Wir sind noch nicht fertig, Claudio.«

»Was denn noch?«, fragte Ravazza ärgerlich. »Den Kerl haben wir doch.«

»Das Mädchen«, sagte Robins heiser. »Wir müssen auch das Mädchen mitnehmen!«

»Du hast sie wohl nicht alle, Richard! Was sollen wir denn mit der Leiche anfangen?«

»Das sage ich dir, wenn wir sie im Wagen haben und von hier weg sind!«

Grimmig lief Ravazza zu dem toten Mädchen. Er hob sie allein auf und schleppte sie zum Wagen. Er legte sie neben die Mumie und schloss die Ladetür.

»Zufrieden?«, stänkerte er.

»Setz dich ans Steuer. Schnell.«

Robins stieg auf der anderen Seite ein. Ravazza legte den Rückwärtsgang ein, drehte den Wagen um und fuhr mit abgeschalteten Lichtern aus dem Park. Er steuerte den Kombiwagen die am Park vorbeilaufende Straße entlang und ließ sich von Richard Robins während der Fahrt die nächsten Schritte erklären.

Zehn Minuten später langten sie bei einem freien Feld in Evanston an. Hier sollte in den nächsten Jahren ein großes Freischwimmbad errichtet werden. Noch wucherte jedoch mächtig viel Unkraut auf diesem Grundstück.

Ravazza tat, was ihm Robins auftrug. Er hatte bisher immer das getan, was Robins ihm aufgetragen hatte, denn dies entsprach seinem Charakter. Und Robins machte mit ihm stets fifty-fifty. Bei allem.

Er trug das tote Mädchen ein Stück in das Feld hinein, kam zurück, holte den Benzinkanister, übergoss die Leiche mit Treibstoff und warf dann ein Streichholz auf die mit Benzin durchtränkten Kleider.

Hoch sprangen die orangefarbenen züngelnden Flammen auf. Ravazza sah sich nicht an, wie der Leichnam von Olga Baxter verbrannte. Das war nicht interessant. Schnell eilte er zu Robins' Wagen zurück.

»Geritzt!«, sagte er grinsend. Dann fuhr er los.



9

»Darf ich Ihnen meinen Freund Doktor Luc Morell und seine Sekretärin Monique Dumas vorstellen, Barbara?«, sagte Steve Pratt in Barbara Blakes Garderobe vor der Vorstellung.

Nun verstand Luc Morell Steves Begeisterung für diese Schauspielerin. Eine wundervolle Ausstrahlung ging von ihr aus. Sie war fünfundzwanzig, schätzte Luc Morell, dunkelhaarig und sehr attraktiv. Da die Vorstellung bald beginnen sollte, hatte sie sich bereits geschminkt.

Es war verständlich, dass ihr Steve Pratt den Hof machte, und Doktor Luc Morell bemerkte, dass Barbara Blake dies keineswegs unangenehm war. Im Gegenteil. Sie genoss es. Ihr schlanker Körper war makellos, die Brüste im Kostüm, nur halb verdeckt, waren tadellos geformt. Ihre Hüften waren zart gerundet und gingen in lange, schlanke Beine über.

Man schüttelte sich die Hände und sagte einander etwas Nettes.

Barbara setzte sich wieder vor den Schminkspiegel, klebte lange Wimpern an die Lider, griff nach dem Schmuck, der für sie bereitlag und den die Rolle verlangte. Sie bat Steve und seine Freunde, ihre Geschäftigkeit zu entschuldigen, aber ihr Auftritt ginge schließlich vor.

Steve meinte, dass er sich auf nachher freue, und Barbara versicherte ihm, dass sie sich einen Mordshunger aufgespart habe, der Steve nach der Vorstellung ein kleines Vermögen kosten würde.

Luc, Monique und Steve verließen die Garderobe, um ihre Loge aufzusuchen. Bereits fünf Minuten danach wurde es dunkel im Saal. Das Stimmengewirr ebbte ab und verstummte ganz, als sich der Vorhang hob…



10

Claudio Ravazza brachte den Kombiwagen bis zum Lieferanteneingang des Hotels Arabella, in dem Doktor Luc Morell abgestiegen war.

»Wieder daheim«, sagte Ravazza grinsend.

»Daheim ist gut. Wir sind doch hier nur auf der Durchreise!«, sagte Robins.

»Solange wir hier wohnen, sind wir hier daheim«, meinte Ravazza grinsend.

»Sieh nach, ob die Luft rein ist!«, verlangte Robins von ihm.

Er stellte den Motor ab und schaltete die Lichter ab. Dann faltete er sich aus dem Fahrzeug. Er schaute die Glas-Chrom-Beton-Fassade dieses Hotels hoch. In den zahlreichen Zimmern brannte Licht. Niemand schaute aus dem Fenster.

Ravazza begab sich zu einer geschlossenen Metalltür. Er holte einen Sperrhaken aus der Tasche und schloss auf. Danach warf er einen Blick in den dahinterliegenden Gang. Die Luft war rein.

Er wandte sich um und kehrte zum Wagen zurück.

»Alles okay. Wir können ihn wieder zurückschaffen.«

»Na, Gott sei Dank!«, seufzte Robins.

»Hoffentlich haut er nicht noch mal ab!«, knurrte Ravazza.

Robins schüttelte den Kopf. »Die Betäubung wird sicherlich ein paar Tage anhalten.«

Sie holten die Mumie aus dem Wagen und schleppten sie zum Lieferanteneingang. Vorsichtig traten sie ein. Die zweite Tür rechts führte in den Keller hinunter. Von da unten war die Mumie fortgelaufen. Sie brachten das Monster dorthin zurück.

Schnaufend stiegen sie die Stufen hinunter. Als sie schließlich unten anlangten, waren ihre Gesichter krebsrot und nass, als hätte sie jemand mit heißem Wasser überschüttet. Neben dem abgeschlossenen Weinkeller des Hotels befand sich ein Raum, in dem die Hotelgäste große Gepäckstücke und Kisten aufbewahren konnten.

Hier stand die Kiste, in der die Mumie gelegen hatte. Die Männer legten das bandagierte Ungeheuer in die Kiste zurück und klappten den hellen Holzdeckel darauf.

»Bist du sicher, dass die Betäubung ein paar Tage anhält, Richard?«, fragte Claudio Ravazza misstrauisch.

»Wir haben doch Versuche mit ihm gemacht.«

»Vielleicht ist er gegen dieses Zeug inzwischen immun geworden.«

Zusammenfassung

Im Würgegriff der Mumie
von A. F. Morland
Doktor Mystery Band 4 ‒ Der Meister des Unerklärlichen
Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers
präsentiert von Steve Salomo

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

Eine Mumie schleicht in den Nächten durch die US-Metropole Chicago und erwürgt wehrlose Menschen. Ist dieses schreckliche Monster eine echte ägyptische Mumie, die wie im Kino durch einen Fluch zum Leben erwachte? Der Parapsychologe Luc Morell heftet sich an die Fersen des mordenden Ungeheuers und kommt einem grauenvollen Geheimnis auf die Spur…

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738909043
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (April)
Schlagworte
mystery würgegriff mumie

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Titel: Dr. Mystery #4: Im Würgegriff der Mumie