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Rivalen im Comanchenland

©2017 130 Seiten

Zusammenfassung

Matt Duncan ist Wildpferdjäger - doch seit Kurzem jagt er keine Pferde, sondern den Mörder seiner indianischen Frau! Dabei trifft er auf Marshal Ron Buchanan, der ebenfalls hinter dem Mann her ist und ihn wegen mehrerer Verbrechen vor Gericht stellen will. Zunächst will jeder der beiden verhindern, dass der andere den Outlaw schnappt. Dann aber werden sie zu Verbündeten, weil sie nur gemeinsam eine Chance gegen die Comanchen haben, in deren Gebiet sie weit vorgedrungen sind. Es ist ein Bündnis auf Zeit, genährt von gegenseitigem Misstrauen - und dass sie schließlich auf zwei junge Frauen stoßen, die einzigen Überlebenden eines von Indianern überfallenen Trecks, macht dieses Bündnis keineswegs leichter…

Leseprobe

RIVALEN IM COMANCHENLAND

von Timothy Kid


IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappentext:

Matt Duncan ist Wildpferdjäger - doch seit Kurzem jagt er keine Pferde, sondern den Mörder seiner indianischen Frau! Dabei trifft er auf Marshal Ron Buchanan, der ebenfalls hinter dem Mann her ist und ihn wegen mehrerer Verbrechen vor Gericht stellen will. Zunächst will jeder der beiden verhindern, dass der andere den Outlaw schnappt. Dann aber werden sie zu Verbündeten, weil sie nur gemeinsam eine Chance gegen die Comanchen haben, in deren Gebiet sie weit vorgedrungen sind. Es ist ein Bündnis auf Zeit, genährt von gegenseitigem Misstrauen - und dass sie schließlich auf zwei junge Frauen stoßen, die einzigen Überlebenden eines von Indianern überfallenen Trecks, macht dieses Bündnis keineswegs leichter…


Roman:

Der sehnige Mann mit dem schulterlangen braunen Haar spähte vorsichtig über die Seitenwand des Canyons. In seiner ausgebleichten, fransenverzierten Lederkleidung hob er sich kaum von den Farbtönen seiner Umgebung ab. Matt Donovans Blick schweifte über eine sanft ansteigende, von einzelnen Felsbrocken und Buschgruppen durchsetzte Anhöhe, die im gleißenden Licht der Sonne lag. Irgendwo in dieser Einöde lauerte Matts Gegner. Sobald Matt den schützenden Canyon verließ, würde der andere feuern – aber so weit sollte es nicht kommen.

Zwanzig Jahre in der Wildnis von Texas hatten Matt gelehrt, einen Gegner mit List zu überwältigen, und seine Lehrmeister waren die Comanchen gewesen. Das würde auch der Kerl bald erfahren, der noch siegesgewiss in seinem Versteck hockte, denn er war einer der Mörder von Matts indianischer Frau!

Matt presste seinen Körper so dicht gegen die Wand des niedrigen Canyons, dass er die Wärme des Gesteins sogar durch sein ledernes Jagdhemd spürte. Seine Hände waren um die obere Kante des Hanges gekrallt, seine Füße, die in kniehohen Wüstenmokassins steckten, hatten in Felskerben Halt gefunden. Nur die Stirn ragte über die Deckung, aber die sonnengebräunte Haut seines Gesichts und das lange dunkle Haar waren in dieser Umgebung eine nahezu perfekte Tarnung. Obwohl Matt völlig regungslos verharrte, ließen sich die Kraft und die Geschmeidigkeit erahnen, die in seinem durchtrainierten Körper steckten. In seinem kühn geschnittenen Gesicht regte sich kein Muskel, während seine rauchgrauen Augen unablässig den Hang abtasteten, der sich vor ihm emporschwang.



Matt sah wie hingestreut wirkende Felsbrocken und vereinzelte Sträucher, darüber spannte sich das Tiefblau des Himmels. Kein Windhauch milderte die Gluthitze, kein noch so leises Geräusch war zu hören. Nichts deutete auf die Anwesenheit menschlichen Lebens hin – aber Matt wusste, dass dieser Eindruck täuschte.


Irgendwo in der Wildnis lauerte sein Gegner, den Matt schon seit Tagen verbissen verfolgte. Der Kerl wusste, dass er gejagt wurde, denn einmal wäre es Matt beinahe gelungen, den Mann zu überwältigen. Der Fremde hatte dabei zwar sein Pferd verloren, die Flucht aber zu Fuß fortgesetzt. Nun hatte er sich hier verkrochen, um den Spieß umzudrehen und Matt in einen Hinterhalt zu locken.


Der schmale, bergan führende Canyon, in dem Matt sich verbarg, folgte in einem weiten Bogen der linken Flanke der Anhöhe und lief schließlich unterhalb der Hügelkuppe aus. Sobald Matt die Deckung der Schlucht verließ, würde ihn der andere, durch den Hufschlag von Matts Pferd gewarnt, mit heißem Blei empfangen. Über jedem Felsen konnte plötzlich Pulverdampf schweben, aus jedem Strauch ein Mündungsblitz brechen. Erst das Krachen des Schusses würde Matt den Standort des Heckenschützen verraten – und sein Leben unweigerlich beenden.


Dieser Plan seines Gegners sollte allerdings nicht aufgehen. Ein plumper Hinterhalt, der sich noch dazu erahnen ließ, war keine Methode, um einen Mann wie Matt Donovan zu überwältigen. Er lebte seit Jahren hier draußen und hatte gelernt, sich in der Wildnis zu behaupten. Matt verstand sich aufs Fährtenlesen und die Jagd und beherrschte den Nahkampf zu ebener Erde genauso wie vom Rücken eines Pferdes aus. Das alles hatte er von den Comanchen übernommen, in deren unmittelbarer Nachbarschaft er lange Zeit gelebt hatte und die ihn respektvoll Long Hair nannten, weil er das Haar wie ein Indianer schulterlang trug.

Die Heimat des anderen hingegen waren die lärmenden Städte der Weißen mit ihren verräucherten Saloons und schmutzigen Straßen, seine einzige Überlegenheit bestand in einem geladenen Colt. Die Wildnis des südlichen Texas musste ihm so fremdartig erscheinen wie die Oberfläche eines unbekannten Planeten, und das würde ihm letztlich zum Verhängnis werden. Mochte er auch jetzt noch über einen gewissen Vorteil verfügen, ewig konnte er sich in seinem Versteck nicht verbergen, denn dazu fehlte ihm schlichtweg die Geduld – so wie den meisten Weißen, denen die Ausdauer eines indianischen Kriegers völlig fremd war. Über kurz oder lang würde er sich durch seine Unachtsamkeit oder Nervosität selbst verraten oder von der Natur verraten werden – wenn man ihre Signale zu deuten wusste.

Als wäre dieser Gedanke ein Vorgriff auf die Wirklichkeit gewesen, tauchte von rechts plötzlich ein Singvogel auf und flog auf eine Buschgruppe zu, die unterhalb der Hügelkuppe ihre Äste ausbreitete. Der Vogel wollte sich in dem Gesträuch schon niederlassen, als er plötzlich wieder abbog und laut zirpend in die Lüfte stieg.

Na also!“, stieß Matt zufrieden über die Lippen.

Dass der Vogel in der Buschgruppe nicht gelandet war, lag daran, dass sich darin ein Lebewesen verbarg. Und es war mit Sicherheit kein Puma oder Fuchs, der dort oben verharrte, sondern ein Mensch – ein Mann mit einem geladenen Gewehr, der nur darauf lauerte, dieses Gewehr auch abfeuern zu können!

Matt hatte genug gesehen. Er stieg vorsichtig wieder auf den Grund des Canyons hinab, wo sein Pferd stand, ein Rappe, der auf den Namen Shadow hörte. Am Zaumzeug des Tieres waren Federn befestigt, seine Satteldecke zeigte indianische Motive. Matt hatte das Tier nach Comanchenart abgerichtet, und die Comanchen galten als die besten Pferdeindianer des Südwestens. Der Hengst war ein Partner, auf den sich Matt in jeder Sekunde verlassen konnte, und das würde ihm auch jetzt zugutekommen.

Hör gut zu, mein Alter“, sprach Matt leise zu dem Pferd und strich ihm dabei sanft über den Hals. „Von hier an gehst du alleine weiter, aber ich bin bald wieder bei dir.“

Er trat einen Schritt zur Seite, klopfte dem Tier leicht auf die Kruppe, und das gehorsame Pferd setzte sich augenblicklich in Bewegung. Es folgte im Schritt dem Verlauf des Canyons und war im nächsten Moment hinter einer Biegung der Schlucht verschwunden. Nur noch der Hufschlag war auf dem felsigen Untergrund deutlich zu hören – aber genau das gehörte zu Matts Plan.

Bisher war die Sohle des Canyons sandig gewesen, eine Folge unzähliger Regengüsse, die alles weiche Bodenmaterial zu Tal gespült hatten. Der sandige Untergrund nahm nicht nur hervorragend Spuren auf und hatte Matt so den Weg gewiesen, er hatte auch den Hufschlag seines eigenen Pferdes gedämpft. Nun aber würde der Fremde das Tacken der Hufe hören, all seine Aufmerksamkeit auf jene Stelle richten, wo der Canyon auf der Hügelkuppe auslief – und wenig später feststellen, dass ihn ein lediges Pferd genarrt hatte! Seine schweißnassen Hände würden den Lauf des Gewehres mit jedem Hufschlag fester umklammern, nur um es im entscheidenden Moment verblüfft wieder zu senken. Wo sich der Reiter des Pferdes befand, würde der Kerl erst bemerken, wenn Matt hinter ihm auftauchte. Dann aber würde ihm auch sein Gewehr nichts mehr nützen...

Die Vorstellung zauberte eine triumphierendes Lächeln auf Matts Gesichtszüge, einen Atemzug später erklomm er flink wie ein Wiesel die Seitenwand der Schlucht, um sich in den Rücken seines Gegners zu schleichen.


* * * * *


Jede Deckung ausnutzend, arbeitete sich Matt den Hang empor. Er huschte von Strauch zu Strauch und kroch von Felsen zu Felsen, schnell und geräuschlos wie ein Schemen. Von links drang der Hufschlag seines Pferdes an seine Ohren, vor ihm hob sich der Grat des Hügels deutlich vom Blau des Himmels ab. Matts Blick flog jeweils zwischen der nächsten sich bietenden Deckung und der Buschgruppe hin und her, die annähernd dreißig Schritte vom Einschnitt des Canyons entfernt war. Das Gesträuch rückte mit jedem zurückgelegten Yard näher und wurde bald schon zur übermächtigen optischen Wahrnehmung des Mannes, der hier mit einem der Mörder seiner Frau abrechnen wollte.

Die dramatischen Ereignisse, die Matts Leben so grundlegend verändert hatten, lagen erst eine Woche zurück. Damals war Matt wie schon unzählige Male zuvor von der Jagd heimgekehrt und hatte sich auf ein Wiedersehen mit Antelope Woman gefreut, seiner indianischen Frau. Matt und die Comanchin hatten eine kleine Hütte in den Ausläufern der Dragoon Mountains bewohnt, wo Matt Wildpferde dressierte, die er an Rancher und Farmer verkaufte. Er hatte zwar auch schon Angebote der Armee erhalten, sich aber stets geweigert, Pferde an die Kavallerie zu verkaufen. Die Kavallerie benötigte die Pferde für ihre Soldaten, und die Soldaten führten Krieg gegen die Comanchen – gegen jenes Volk, dem Matts Frau angehörte und zu dem er freundschaftliche Kontakte pflegte. Die Indianer hatten ihn im Laufe der Jahre alles gelehrt, was zum Überleben in der Wildnis notwendig war, sodass sich Matt schließlich selbst wie ein halber Comanche fühlte.

Seine Hütte und die weitläufigen Corrals lagen in einem geschützten Tal, wo er nie irgendjemandem in die Quere gekommen war. Bis zur nächsten Stadt waren es mehrere Tagesritte, der einzige Hinweis auf das Voranschreiten der Zivilisation bestand in einer aufgelassenen Silbermine, die man einige Meilen von Matts Hütte entfernt in einen Berg getrieben hatte.

Genau diese Mine war ihm schließlich zum Verhängnis geworden. Sie hatte drei Männer angelockt, die einfach nicht glauben wollten, dass Matt hier draußen nur Wildpferde dressierte. Sie hatten vermutet, dass er in der Mine heimlich Silber abbaute, und dieses Silber wollten sie sich unter den Nagel reißen. Nachdem er zur Jagd geritten war, waren sie plötzlich vor seiner Hütte aufgetaucht, um aus seiner Frau das Versteck des kostbaren Metalls herauszuprügeln.

Als Matt früher als geplant heimgekehrt war, überschlugen sich die Ereignisse, die noch immer so deutlich vor seinen Augen standen, als wäre alles erst gestern passiert: Drei ledige Pferde vor seine Hütte, drei maskierte Männer, die seine im Gras liegende Frau umringten, drei Hände, die bei seinem Auftauchen sofort zu den Colts schnellten – und ein rascher Sprung vom Pferd, während er gleichzeitig das Gewehr aus dem Scabbard riss. Matt war kaum in die Deckung eines Baumstammes gerollt, da peitschten schon Schüsse durch das Tal und wurden schließlich von einem gellenden Schrei aus Antelope Womans Kehle übertönt.


Matt sah die Comanchin, die in die Hütte flüchten wollte, blutüberströmt zu Boden sinken, und in diesem Augenblick wurde alles andere um ihn herum bedeutungslos. Er registrierte nicht, wie sich die Männer in die Sättel schwangen, und er hörte nicht das Donnern der Hufe, als sie aus dem Tal preschten. Im nächsten Moment hielt er Antelope Woman in seinen Armen und musste hilflos mitansehen, wie das Leben sekündlich aus ihr entwich. Mit ihren letzten Atemzügen konnte sie ihm noch mitteilen, weshalb die Männer in das Tal gekommen waren, dann schloss sie für immer ihre Augen.

Matt bestattete die Squaw noch am selben Abend auf einem indianischen Totenbett, das er mit einer Fackel in Brand steckte. Seine Augen tränten dabei nicht nur vom beißenden Qualm, und genauso wie der Rauch zerfaserte, lösten sich auch seine Träume vom Glück in einem kleinen Tal in Texas auf. In seinem Herzen aber brannte von nun an das Feuer der Rache und schlug noch höher als die brüllenden Flammen, die gierig den Körper seiner toten Frau verzehrten.


Am nächsten Tag ließ Matt all seine Wildpferde frei und machte sich an die Verfolgung der Mörder. Seinem geschulten Auge entgingen nicht die Spuren der Männer, die sich auf ihrer Flucht getrennt hatten, um Matt die Jagd auf sie möglichst zu erschweren. Genützt hatte es ihnen nichts, denn Matt hatte einen der Kerle bald schon eingeholt. Jetzt lag er leblos in einer Schlucht, und um seine Knochen stritten sich die Geier und Coyoten.

Auf die Knochen des Mannes, der sich da oben in den Buschgruppe verborgen hatte, würden die Totengräber der Wildnis allerdings noch warten müssen. Auch wenn sein Gegner erbitterten Widerstand leistete, wovon auszugehen war, musste Matt ihn lebend überwältigen. Er war zwar ein hervorragender Fährtenleser, hatte sich aber in den letzten Tagen nur auf die Spur konzentriert, die ihn schließlich in den Canyon geführt hatte. Wohin der dritte Outlaw geritten war, wusste Matt nicht. Der einzige Mensch aber, der ihm darüber Auskunft geben konnte, war jener Mann, der in den Sträuchern auf ihn lauerte.

Natürlich würde der Kerl nichts freiwillig erzählen – doch Matt kannte einige Methoden der Comanchen, die jeden Mann zum Sprechen brachten. Er dachte zwar nicht daran, den Outlaw tatsächlich einer indianischen Marterung zu unterziehen, aber alleine die Beschreibung der Folter würde den Kerl veranlassen, schöner zu singen als der Vogel, der vorhin sein Versteck verraten hatte...


Dazu musste Matt den Mann aber erst einmal überwältigen. Mittlerweile hatte er sich der Buschgruppe bis auf zehn Yards genähert und verharrte geduckt hinter einem Felsen. Matt äugte vorsichtig um das Gestein, dann überwand er mit einigen raschen, aber lautlosen Schritten und nach vorne gebeugtem Oberkörper die Distanz zu einem Hartlaubstrauch, hinter dem er sofort wieder in Deckung ging. Von links drang der allmählich lauter werdende Hufschlag des Rappen an seine Ohren, das Geräusch hallte überlaut durch die hitzeflirrende Stille.

Jetzt galt es keine Zeit zu verlieren. Alles hing davon ab, dass Matt das Versteck des Mannes im selben Moment erreichte, in dem auch das Pferd den Canyon verließ. Er spähte durch das Blattwerk nach vorne – und nun sah er den Rücken des Mannes, der im Schutz der Buschgruppe hockte, das an die Wange gepresste Gewehr fest umklammert, den Blick auf den Ausgang des Canyons gerichtet! Dass die Gefahr von der anderen Seite drohte, ahnte der Outlaw nicht.

Matt schob sich um seine Deckung und schlich vorsichtig weiter, der Colt an seiner rechten Hüfte glitt wie von alleine in seine Faust. Matts Augen brannten sich am Rücken des Mannes förmlich fest. Noch fünf Yards, noch vier Yards, noch drei Yards...

Er setzte soeben zum nächsten Schritt an, als ein Ruck durch den Körper des Outlaws ging und er das Gewehr wieder sinken ließ. Gleichzeitig brach der Hufschlag ab, und leises Schnauben wehte über die Hügelkuppe.


Der Hengst hatte die Schlucht verlassen, Matts Gegner soeben begriffen, dass er überrumpelt worden war!

Matt wollte ihm keine Gelegenheit geben, sich von seiner Überraschung zu erholen. Er richtete sich auf, dann hallte seine Stimme wie ein Donnerschlag über die Anhöhe.

Suchst du mich? Hier bin ich!“


* * * * *

Der Oberkörper des Outlaws wirbelte herum wie unter einem unsichtbaren Peitschenhieb. Ungläubiges Erstaunen zeichnete die Züge seines hageren Gesichts, das blonde Haar hing ihm schweißverklebt in die Stirn. Er wollte in einem ersten Reflex schon das Gewehr hochreißen, ließ es aber bleiben, als er genau in die Mündung von Matts Revolver starrte.

Damit hast du nicht gerechnet, was?“, höhnte Matt und kam langsam näher. „Los, wirf dein Gewehr weg, ich unterhalte mich nicht gerne mit jemandem, der eine Waffe in der Hand hält.“

Der andere atmete gepresst aus, nickte aber schließlich.

Ich auch nicht!“, brüllte er plötzlich mit hassverzerrtem Gesicht und stieß seine Arme nach vorne. Im nächsten Moment raste das Gewehr auf Matt zu, der instinktiv nach links hechtete. Die Waffe flog über ihn hinweg und landete klirrend auf dem felsigen Boden, Matt rollte sich gewandt wie eine Katze über die Schulter ab.

Er wälzte sich auf den Rücken, gleichzeitig fuhr der Outlaw hoch und wirbelte herum. Seine Rechte fuhr zum Holster, einen Herzschlag später ragte der Lauf des Sechsschüssers aus der nach vorne gestreckten Faust des Mannes.

Matt zerbiss einen Fluch auf den Lippen. Unter normalen Umständen hätte er jetzt gefeuert, doch diesmal musste er seinen Gegner unbedingt lebend in die Hände bekommen. Ein Schuss aus dem Revolver schied somit aus – aber Matt besaß nicht nur die Finger seiner rechten Hand zum Kämpfen!

Er zog kurz das linke Bein an und ließ es dann nach vorne schnellen, genau auf das Handgelenk seines Gegners. Der Mann stieß einen Schmerzensschrei aus, als sein Arm zur Seite getreten wurde, die Kugel aus dem Colt jaulte ins Blau des Himmels. Im nächsten Moment entfiel der Revolver seiner Hand.

Der Kerl war entwaffnet – aber zum Aufgeben war er deshalb noch lange nicht bereit. Er wusste, dass er von Matt keine Gnade zu erwarten hatte, und deshalb wollte er kämpfen bis zuletzt.

Der Outlaw duckte sich kurz, im nächsten Moment schien er förmlich zu explodieren. Er federte sich vom Boden ab und flog auf Matt zu, die Arme weit ausgebreitet, lodernden Hass in den Augen. Der Körper des Mannes wuchs rasend schnell über Matt empor, der geistesgegenwärtig die Beine hochriss und den Angreifer über sich hinwegkatapultierte, weit über die Kuppe des Hügels hinaus.


Matt hörte den dumpfen Laut, mit der Outlaw auf den abschüssigen Hang prallte, und stemmte sich hoch. Er wirbelte herum – und sah gerade noch, wie sein halb aufgerichteter Gegner die rechte Hand nach vorne stieß, aus der sich ein gelbbraune Sandfontäne löste. Dann sah Matt nichts mehr, spürte er nur noch das Kribbeln der unzähligen winzigen Körner auf der Haut seines Gesichts und das mörderische Brennen in seinen Augen, die sofort zu tränen begannen. Instinktiv presste er die Lider zusammen.

Der Schmerz machte Matt rasend. Ob er wollte oder nicht, er musste sich den Sand einfach aus den Augen reiben – und zwar mit beiden Händen! Seine Rechte löste sich vom Griff des Colts, und noch während die Waffe zu Boden fiel, rieb er sich den Sand aus den Augen. Er hörte das Keuchen und die hastigen Schritte seines Rivalen, schlug die Augen wieder auf und sah wie durch einen Schleier die Gestalt des Mannes, der ihn fast schon erreicht hatte.

Den schrillen Kriegsschrei der Comanchen ausstoßend, warf sich Matt dem Outlaw entgegen und stieß ihn zu Boden. Sein Gegner, der mit dieser Reaktion nicht gerechnet hatte, konnte gerade noch die Hände in Matts ledernes Jagdhemd krallen, dann rollten die beiden ineinander verschlungen den Hang hinab, hinter sich eine graue Staubwolke herziehend. Aus dem Untergrund gelöste kleinere Steine kollerten klackend talwärts.

Nach einigen Yards kam Matt auf seinem Kontrahenten zum Liegen, richtete den Oberkörper auf und holte zum Schlag mit der geballten Rechten aus. Der Outlaw fing den Schlag mit der Linken ab und knallte Matt die Faust ans Kinn, dass er seitwärts zu Boden geschleudert wurde. Sofort kroch er unter Matt hervor und sprang hoch. Keuchend hastete er wieder den Hang hinauf, genau auf Matts Colt zu, den der vorhin hatte fallen lassen.

Matt stemmte sich auf die Beine und jagte dem Mann hinterher, den er jetzt wieder deutlich sah. Er holte alles aus seinem Körper heraus, dennoch konnte er den Vorsprung seines Gegners nicht mehr wettmachen. Die Distanz zu dem Revolver schmolz unter den Schritten des Outlaws dahin, dann hatte er die Waffe erreicht. Er riss den Colt an sich, wirbelte herum und spannte noch in der Drehung den Hahn. Das metallische Klicken schnitt Matt durch Mark und Bein und ließ ihn abrupt innehalten.

Die Vorstellung, ausgerechnet von einer Kugel aus seiner eigenen Waffe erschossen zu werden, erzeugte jäh einen bitteren Geschmack in Matts Mundhöhle. Sein Rivale hingegen genoss den Triumph sichtlich, denn seine Gesichtszüge verzerrten sich jetzt unter einem hämischen Grinsen.

Matts ursprünglicher Plan, den Mann lebend zu überwältigen, war nun bedeutungslos geworden. Sein Leben oder das seines Gegners – eine andere Möglichkeit gab es nicht mehr!

Matts Linke stieß zu der ledernen Scheide an seinem Gürtel und schwang mit dem Messer wieder empor. Er wechselte die Waffe blitzschnell in die Rechte, indem er sie an der Spitze der Klinge packte, holte kurz zum Wurf aus und ließ den Arm dann nach vorne schnellen.

Die Klinge des Messers zog einen silbern flirrenden Strich durch die hitzegesättigte Luft, einen Lidschlag später bohrte sich der blanke Stahl in die Brust des Outlaws. Blut färbte das Hemd des Mannes dunkelrot.

Er stand kurz wie erstarrt und riss Mund und Augen weit auf, dann sackte sein Arm mit dem Colt herab. Jetzt erst löste sich der Schuss, aber das Projektil schlug lediglich eine Staubfahne aus dem Boden. Noch während der Schuss verhallte, kippte der Outlaw rücklings zu Boden – nur unweit entfernt von jenem Gesträuch, wo er Matt hatte auflauern wollen.


* * * * *


Matt atmete keuchend aus und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er wandte den Kopf kurz in Richtung des Rappen, der immer noch beim Ausgang des Canyons verhielt, stieß einen Pfiff aus, und das Tier trabte sofort heran.


Gut gemacht, Shadow!“, lobte Matt den Hengst und tätschelte ihm den Hals. Dann griff er nach der Feldflasche, schraubte sie auf und setzte sie an seine Lippen. Nachdem er seinen ärgsten Durst gelöscht hatte, hängte er das Behältnis zurück an den Sattel und schritt auf den Toten zu.

Matt zog dem Mann das Messer aus der Brust und reinigte die blutige Klinge an einem Hosenbein des Toten. Anschließend schob er das Messer wieder in die Lederscheide, nahm seinen Colt an sich und steckte ihn ins Holster. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, starrte Matt nachdenklich auf die regungslose Gestalt des Mannes. Seine weit aufgerissenen Augen starrten gläsern zur Sonne empor, aber diese Sonne konnte ihn nicht mehr blenden.

Auch die geöffneten Lippen des Mannes würden für alle Zeiten versiegelt bleiben, und dieser Umstand störte Matt gewaltig. Er hatte keine Ahnung, wer der Mann war, der da zu seinen Füßen lag, er wusste nur, dass es sich bei ihm um einen der Mörder seiner Frau handelte. Wo er hingegen den dritten Outlaw finden konnte, wusste Matt nicht. Der einzige Mensch, der ihm das verraten hätte können, war jener Mann, den Matt eben hatte töten müssen.

Vielleicht fand Matt ja in den Taschen des Toten einen Hinweis, der ihm bei seiner Jagd helfen konnte? Es widerstrebte ihm zwar, die Kleidung einer Leiche zu durchwühlen wie ein gemeiner Grabräuber, aber es war die einzige Möglichkeit, die ihm noch blieb. So bückte er sich, tastete die Jacke des Mannes ab und schlug sie schließlich auf.

Die ausgebeulte Innentasche sprang Matt förmlich ins Auge. Seine Rechte verschwand kurz in der Öffnung und kam gleich darauf mit einem Lederbeutel und einer ausgebleichten Brieftasche wieder zum Vorschein.

Matt öffnete den Lederbeutel, der lediglich etwas Tabak enthielt, und warf ihn zur Seite. Anschließend klappte er die Brieftasche auf, deren gesamter Inhalt in einigen abgegriffenen Dollarscheinen bestand. Papiere, die Auskunft über den Toten oder den dritten Mörder gaben, fand Matt keine.

Er legte die Brieftasche zu Boden und starrte gedankenverloren vor sich hin.


Alter Tabak und zwanzig Dollar“, sagte Matt enttäuscht zu sich selbst. Seine Hoffnung hatte sich nicht erfüllt.

Sie hätten sich wohl mehr erwartet“, stellte da eine tiefe Stimme in Matts Rücken fest. „Rühren Sie sich nicht von der Stelle, sonst sind Sie genauso tot wie der Mann, den Sie soeben ermordet haben!“


* * * * *




Einen Herzschlag lang verharrte Matt wie gelähmt in der Bewegung. Dann wandte er den Kopf vorsichtig in Richtung der Hügelkuppe, von wo die Stimme ertönt war.

Dort, unmittelbar neben der Buschgruppe, stand jetzt ein Mann. Seine mächtigen Fäuste umklammerten ein Gewehr, dessen Mündung genau auf Matt zielte.

Der Mann überragte alle anderen Menschen, denen Matt jemals begegnet war, um mindestens zwei Köpfe – ein Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, dass er genau am Grat des Hügels verhielt und so bis ins Blau des Himmels zu reichen schien. Er war von kräftiger Gestalt, mit schrankbreiten Schultern und einem voluminösen Brustkorb, über dem sich sein Hemd spannte. Sein breitflächiges Gesicht zierte ein blonder Vollbart, das Haar unter seinem Stetson war kurz geschoren. An seinem hellbraunen, schenkellangen Jackett glitzerte ein fünfzackiger Stern im Schein der Sonne.

Ich habe den Mann nicht ermordet, sondern ihn aus Notwehr getötet“, entgegnete Matt. Gleichzeitig verfluchte er sich selbst dafür, dass er derart in Gedanken versunken gewesen war, dass er den Marshal nicht bemerkt hatte. Nun war er es, den ein anderer überrumpelt hatte – und diese Wendung des Schicksals gefiel ihm überhaupt nicht.

Natürlich haben Sie ihn aus Notwehr getötet.“ Der Spott, der in der Stimme des Marshals mitschwang, war unüberhörbar. „Jeder Mörder, der auf frischer Tat ertappt wird, behauptet das. Was glauben Sie, wie oft ich diese Ausrede schon gehört habe? Warum sollte es da bei Ihnen anders sein? “

Weil niemand ein derartiges Interesse am Leben dieses Mannes haben konnte wie ich! Ich wollte ihn lediglich überwältigen, um aus ihm einige Informationen herauszubekommen. Als Toter kann er mir die logischerweise nicht mehr geben, deshalb habe ich seine Taschen durchsucht, um so vielleicht etwas zu finden, was mir weiterhelfen könnte. Ich kenne nicht einmal den Namen des Mannes.“


Sagen Sie mir zunächst einmal Ihren Namen“, verlangte der Marshal.

Matt Donovan“, kam Matt der Aufforderung nach.

Gut, Mister Donovan. Ich bin US-Marshal Ron Buchanan, und jetzt erzählen Sie mir, warum der Mann nicht mit Ihnen sprechen wollte und Sie ihn deshalb gleich umlegen mussten.“

Matt begriff, dass er in ein Verhör geraten war. Er hatte zwar keine Lust, einem Fremden seine Lebensgeschichte zu erzählen, andererseits kam es nun darauf an, Buchanan von seiner Unschuld zu überzeugen. Wenn er jetzt zu fliehen versuchte, würde er sich erst recht verdächtig machen.

Was dagegen, wenn ich aufstehe?“, fragte er den Marshal. „Ich sehe einem Gesprächspartner lieber in die Augen.“

Keineswegs“, antwortete Buchanan und stieg den Hang herab, bis er Matt genau gegenüberstand. „Aber nehmen Sie dabei zuerst die Hände hoch. Im Übrigen werden Sie es auch im aufgerichteten Zustand nicht schaffen, mir in die Augen zu sehen – schon von der Körpergröße her.“

Buchanan schien einen eigenartigen Sinn für Humor zu haben – vermutlich eine Folge seines Berufs. Wer so wie er tagtäglich mit den Abgründen menschlicher Existenz konfrontiert wurde, musste wohl zwangsläufig zum Zyniker werden, wenn er nicht verzweifeln wollte.

Also, was wollten Sie von dem Mann wissen?“

Der Kerl ist einer der drei Mörder meiner indianischen Frau“, erklärte Matt, nachdem er sich aufgerichtet hatte. „Einen Banditen habe ich bereits vor ein paar Tagen erledigt, und von diesem Mann wollte ich erfahren, wo sich sein dritter Komplize aufhält. Noch Fragen?“

Jede Menge“, erwiderte der Marshal. „Wo und wann wurde Ihre Frau ermordet?“

Vor meiner Hütte in den Dragoon Mountains, die knapp fünf Tagesritte von hier entfernt liegt. Sind Sie jetzt endlich zufrieden?“

Nein“, antwortete Buchanan. „Ich bin zwar an einer verlassenen Hütte vorbeigekommen und habe dort auch die verkohlten Überreste eines indianischen Totenbettes gefunden, was dafür spricht, dass Sie mir eben die Wahrheit erzählt haben. Für die Verfolgung von Mördern sind aber Leute wie ich zuständig, für ihre Aburteilung das Gericht. Es steht Ihnen nicht zu, das Recht in eigene Hände zu nehmen.“

Erzählen Sie mir nichts vom Recht!“, erwiderte Matt gereizt. „Wie ich schon sagte, war meine Frau Indianerin – eine Comanchin! Zeigen Sie mir ein Gericht in ganz Texas, das einen Weißen verurteilt, der eine Indianerin ermordet hat. Selbst wenn ich diesen Mann eigenhändig in Ihrem Office abgeliefert hätte, wäre er kurze Zeit später wieder freigesprochen worden!“

Ja, das wäre vermutlich so gewesen“, bestätigte Buchanan, und seine Stimme klang nun schon etwas versöhnlicher. Immer noch musterte er Matt mit misstrauischem Blick, aber auf seinen Gesichtszügen zeichnete sich kurz so etwas wie Verständnis ab.

Vielleicht beruhigt es Sie, dass ich ebenfalls hinter diesen drei Männern her bin, von denen nun nur mehr einer am Leben ist“, fuhr der Marshal fort. „Vor einer Woche kam es im Mietstall von Miles City zu einem Raubüberfall. Drei Täter drangen im Schutz der Dunkelheit in den Stall ein, schlugen den Besitzer nieder und stahlen ein Pferd. Der Besitzer des Mietstalls erlag noch in derselben Nacht seiner Verletzung. Ich folgte am nächsten Morgen den Spuren der drei, die mich zu Ihrer Hütte in den Bergen führten und sich schließlich teilten. Gezwungenermaßen musste ich mich für eine Fährte entscheiden und stieß so auf Sie. Da Sie die Angelegenheit – hm – bereits bereinigt haben, werde ich mich nun an die Verfolgung des dritten Mannes machen, und glauben Sie mir, dieser Bursche wird mir nicht entkommen. Er wird früher, als ihm lieb ist, vor Gericht landen, und wenn ihm der Pferdediebstahl und der Mord an dem Stallbesitzer erst einmal nachgewiesen sind, wird er hängen. Sie sehen also, der Mann wird seiner gerechten Strafe nicht entgehen, da können Sie sich voll und ganz auf mich verlassen.“

Ich verlasse mich weder auf Sie noch auf den Urteilsspruch eines Gerichts“, beharrte Matt. „Vielleicht schnappen Sie den Mann, vielleicht aber auch nicht, und das ist mir zu unsicher. Außerdem reicht es mir nicht, dass der Kerl wegen anderer Verbrechen gehängt wird. Er soll wissen, dass er für den Mord an meiner Frau büßen muss, und er soll mir dabei von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Ich möchte die Angst in seinen Augen sehen, wenn es um sein eigenes erbärmliches Leben geht! Eine wehrlose Squaw zu ermorden, erfordert nicht viel Mut. Wie stark er im ehrlichen Kampf Mann gegen Mann ist, wird sich zeigen.“

Genau das werden Sie unterlassen!“, gab Buchanan streng zurück. „Es steht Ihnen nicht zu, sich als Richter und Henker aufzuspielen!“

Hören Sie, Marshal, ich habe absolut keine Lust, mit Ihnen meine Zeit zu vergeuden, während sich der dritte Mörder meiner Frau über alle Berge macht! Ich werde diesen Banditen verfolgen, ob Ihnen das nun passt oder nicht!“


Und ich habe keine Lust, mir von Ihnen ins Handwerk pfuschen zu lassen“, erwiderte Buchanan. „Setzen Sie sich auf Ihr Pferd, reiten Sie zurück zu ...“


Der Rappe stieß plötzlich ein leises Schnauben aus und begann nervös umherzutänzeln. Matt sah kurz über die Schulter und ließ seinen prüfenden Blick dann über die nähere Umgebung gleiten. Nichts hatte sich verändert, dennoch konnte er die unsichtbare Bedrohung spüren, die auf einmal über der Landschaft lag.

Keine Tricks, Donovan!“, warnte ihn der Marshal, aber Matt achtete nicht auf ihn.

Gehen Sie in Deckung, Mann!“, rief er, im nächsten Moment warf er sich dem Marshal entgegen. Buchanan wollte die Winchester hochreißen, da prallte Matt schon gegen ihn.

Jeder andere wäre von der Wucht des Sprunges zu Boden gestoßen worden, aber Buchanan schien einen Körper aus Stein zu besitzen. Er taumelte lediglich etwas zur Seite, und diese Bewegung rettete ihm das Leben.

Aus dem Gesträuch auf der Kuppe des Hügels löste sich ein Pfeil, schnitt dort durch die Luft, wo der Marshal eben noch gestanden war, und bohrte sich mit wippendem Schaft in den sandigen Untergrund.


* * * * *


Buchanans Blick saugte sich für Sekundenbruchteile an dem Pfeil fest. Dann warf er sich mit einer Behändigkeit, die man ihm niemals zugetraut hätte, zu Boden und kroch rasch in den Schutz eines Felsens.

Matt riss nahezu zeitgleich den Revolver aus dem Holster. Er federte leicht in die Knie, stieß die Rechte nach vorn und jagte zwei Projektile in die grüngraue Buschmauer, aus der sich im nächsten Moment die Gestalt eines Indianers löste. Der in Wildleder gehüllte Comanche brach mit einem Aufschrei durchs Geäst, verlor seinen Bogen und schlug hart auf die Stirn.

Das Krachen der Schüsse hallte noch über die Anhöhe, als Matt schon in die Deckung eines Felsens sprang, annähernd drei Yards von dem Marshal entfernt, dem er jetzt den Rücken zuwandte. Matt hörte das Peitschen von Buchanans Winchester, dem ein gurgelnder Schrei folgte, und wusste, dass sich ein weiterer Krieger ins Reich der Geister begeben hatte.

Während der Marshal die rechte Seite der Anhöhe bis hinab zum Rand des Canyons im Auge behielt, konzentrierte sich Matt auf die Verteidigung der linken Hügelflanke. Sein suchender Blick schweifte über Sträucher und Felsbrocken und blieb schließlich an einer bronzefarbenen Gestalt hängen, die lautlos wie ein Puma den Hang emporschlich. Der Indianer war bis auf Lendenschurz und Mokassins nackt, Kriegsbemalung bedeckte seinen Oberkörper und die Arme, in denen er eine federngeschmückte Lanze hielt.


Matt zielte kurz, spannte den Hahn des Revolvers und drückte ab.

Aus dem Lauf des Colts stach eine fahlrote Feuerlanze, der Comanche warf die Arme hoch und kippte rücklings zu Boden. Der Speer entglitt seinen Händen, dann rollte der Krieger kraftlos wie eine Puppe die Anhöhe hinab, bis ein aus dem Boden ragender Felsen seinen Sturz stoppte.

Wieder brüllte Buchanans Winchester auf, einen Atemzug später hörte Matt den dumpfen Aufschlag eines menschlichen Körpers, den die Kugel aus dem Gewehr des Marshals bis auf die Sohle des Canyons geschleudert hatte. Pulverdampf wogte zwischen den beiden Männern, trieb über Felsen und Sträucher und zerfaserte schließlich vor dem Tiefblau des Himmels.

Ein Projektil schrammte Matts Deckung, ein Regen aus Gesteinssplittern streifte seine Wange und ließ ihn instinktiv zusammenzucken. Er spähte nach vorne, wo der Schuss gefallen war, und sah den Indianer, der hinter einem Erdhügel kauerte, nur unweit vom Ausgang des Canyons entfernt.

Matt feuerte auf das braune Gesicht, aber seine Kugel wirbelte lediglich eine Staubfahne empor. Er hätte jetzt alles dafür gegeben, ein Gewehr in Händen zu halten, aus dem auch sichere Schüsse auf weite Distanz möglich waren, aber seine Winchester steckte im Scabbard des Rappen, und der war längst in den Canyon galoppiert.

Der Krieger hob kurz den Oberkörper an, riss sein Gewehr an die Wange und bot für Sekundenbruchteile ein deutlicheres Ziel. Matts Zeigefinger krümmte sich erneut um den Abzug des Colts, und der Indianer wuchs plötzlich weit über seine Deckung hinaus, über der er im nächsten Moment zusammensackte.


Ein Geräusch zu seiner Rechten ließ Matt den Kopf herumwirbeln.

Auf einem niedrigen Felsen, keine zwei Yards entfernt, verhielt ein Comanche, die Rechte zum tödlichen Wurf mit dem Tomahawk erhoben! Die Beine des Indianers steckten in fransenverzierten Leggins, auf seiner muskulösen Brust prangte ein knöcherner Harnisch. Rot-weiße Kriegsbemalung schien sein Gesicht senkrecht in zwei Hälften zu teilen.

Matt riss die Rechte herum, zog den Hahn des Colts in die Feuerrast und zog den Stecher durch.

Das hohle Klacken, mit dem der Hammer auf eine leere Patronenhülse schlug, schien das Blut in seinen Adern in Eiswasser zu verwandeln.

Fünf Kugeln hatte er beim Kampf gegen die Indianer selbst abgefeuert, die sechste hatte der Outlaw verschossen, der sich vorhin seines Revolvers bemächtigt hatte. Zeit zum Nachladen der Waffe würde Matt nicht mehr bleiben.

In die Augen hinter der Teufelsfratze der Kriegsbemalung trat ein triumphierendes Leuchten – und erlosch jäh, als der Knall eines Schusses durch die Luft trieb und im Brustharnisch des Comanchen plötzlich ein blutiges Loch klaffte. Der Krieger griff sich mit der Linken an die Wunde, richtete sich auf den Zehenspitzen auf und fiel kopfüber zu Boden, nur eine Armlänge von Matt entfernt.

Der wandte den Kopf und sah Marshal Buchanan, der breitbeinig dastand, die Winchester an die Hüfte gepresst. Pulverdampf kräuselte aus dem Lauf seines Gewehres.

Jäh einsetzender Hufschlag, der sich an den Wänden des Canyons brach und rasch leiser wurde, verriet Matt, dass die restlichen Comanchen den Angriff abgebrochen hatten und ihr Heil in der Flucht suchten.


* * * * *


Matt rappelte sich wieder auf die Beine und stieß den Colt zurück ins Holster.


Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738909036
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (April)
Schlagworte
rivalen comanchenland
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Titel: Rivalen im Comanchenland