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Kommissar Morry Kriminalroman 1: Kommissar Morry und der Teufel ohne Gnade

2017 230 Seiten

Leseprobe

Kommissar Morry

Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschicten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

Die Romane erschienen ursprünglich als Leihbücher in den 1950er Jahren.

Die Texte wurden in alter Rechtschreibung belassen.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Klappe

Oftmals sind es nur winzig kleine Fehler, die es vereiteln, daß die gemeinen Verbrecher den vollen, dauerhaften Erfolg ihrer Schandtaten auskosten können. — Viele glaubten schon, ihre verwerflichen Handlungen derart perfekt ausgeführt zu haben, daß niemals auch nur der geringste Verdacht auf sie fiel. Häufig flatterte jedoch wie aus heiterem Himmel plötzlich eine vornehme Visitenkarte mit den wenigen Worten: „G. E. Morry, Kriminalkommissar" auf die Tische dieser menschlichen Bestien — und es dauerte dann nicht mehr lange, da schloß sich auch schon ein „zierliches Armbändchen" um ihre Hände. Wird Kommissar Morry auch diesmal seine Handfesseln dem Menschen anlegen können, der grausame Ernte am River-Lea, im Londoner Stadtteil Bromley, gehalten hat? War es Mord oder nur ein Unglücksfall, der den reichen Lord Craffield beim Angeln ertrinken ließ? Das Sonderdezernat Scotland-Yards, an dessen Spitze Kommissar Morry steht, wird eingesetzt. — Mord! — Sonderbarerweise zieht man bereits einige Tage später die Leiche eines Verwandten des Lords aus dem River-Lea. Wer ist der Täter? — Ist es der noch lebende Stiefbruder des Lords, der sich auf solche Weise in den Besitz des Craffield- schen Vermögens bringen will? — Oder verfolgt Belinda Craffield, die Nichte des Verstorbenen, die nach seiner Ansicht ein leichtfertiges Leben im Londoner Vergnügungsviertel Mayfair führt, die gleichen Absichten? Kommissar Morry überprüft genauestens ihre angegebenen Alibis — und steht vor einem Rätsel.

Mit der ganzen Macht seiner Persönlichkeit und seines Könnens setzt sich Kommissar Morry für die Klärung dieser mysteriösen Mordserie ein — und . . . reißt dem Mörder die Maske vom Gesicht.

Kommissar Morry und  der Teufel ohne Gnade

Kriminalroman von Cedric Balmore

Als aus dem Dunst des Abendnebels die ersten Häuser der südostenglischen Stadt Guildford auftauchten, hatte die schwarze Limousine mit dem Readinger Kennzeichen bereits die Hälfte der Fahrstrecke hinter sich gebracht. Ziel der rasenden Fahrt in diese unfreundliche Oktobernacht hinein war das noch weitere hundert Meilen südlicher gelegene kleine Hafenstädtchen Bringhton, welches eingebettet zwischen den südlichen Steilküsten des Inselreiches liegt. Noch reichte die Sicht aus, um das bisherige Tempo des schweren Wagens beizubehalten. Erst als sich die trübe Straßenbeleuchtung von Guildford auf dem nassen Asphalt schwach widerspiegelte, entschloß sich der Mann am Volant, seine Geschwindigkeit den örtlichen Verhältnissen anzupassen. Obwohl der knapp Vierzigjährige jede Kurve und Straßenkreuzung auf dieser Route wie seine eigene Westentasche kannte, zwang er

sein plötzlich wild hämmerndes Blut in die Schranken klarer Überlegungen zurück.

Nur jetzt nicht leichtsinnig werden! — Eine Kollidierung würde einen nicht wiedergutzumachenden Schaden verursachen. Wertvolle Minuten würden verloren gehen. Minuten, die bei dem bald stärker werdenden Bodennebel nicht wieder aufzuholen waren. Allzuviel stand für den Mann hinter dem Steuer auf dem Spiel.

Während sein rechter Fuß das Bremspedal betätigte, und sich die Geschwindigkeit des Straßenkreuzers noch mehr verringerte, wanderte sein Blick für einen kurzen Augenblick von der Fahrbahn weg und streifte das dunkle Etwas, das auf dem linken Vordersitz seines Wagens lag. Seine Lippen verzogen sich beim Anblick der prallgefüllten Geldscheinmappe, die sich nur schwach aus der roten Polsterung heraushob, zu einem zynischen Grinsen.

„Sechshundertfachen Gewinn“, schnalzte er mit der Zunge und dachte dabei verächtlich an seine schäbige Londoner Konkurrenz, der es nicht gelungen war, den geforderten Betrag der kanadischen Verkäufer für die außergewöhnlich große Menge Kokain, die nur geschlossen übernommen werden konnte, herbeizuschaffen. Er hatte innerhalb kürzester Frist das Geld zusammenkratzen können. Siebenhunderttausend Dollar, der gesamte Verdienst seiner dunklen Geschäfte, die er seit über zwei Jahren betrieb, lagen säuberlich gebündelt neben ihm in der Mappe und warteten darauf, das größte Geschäft seines Lebens zu werden. Über die Veräußerung des Rauschgiftes brauchte er sich jetzt keine Sorgen mehr zu machen. Er hatte es im Laufe der vergangenen zwei Jahre verstanden, in mühsamer Kleinarbeit ein Netz von Groß-, Zwischen-, Kleinhändlern und Verteilern aufzuziehen, die nun schon in der Lage waren, diesen großen Posten an den Mann zu bringen. Obwohl er in fast allen Städten Südostenglands seine Abnehmer sitzen hatte, war es ihm bisher noch nicht gelungen, die Vorherrschaft der Versorgung von neuem Stoff in London selbst an sich zu reißen. Jetzt schien für ihn der Zeitpunkt gekommen zu sein, in die bisher unüberwindliche Domäne London einzudringen und sich dort für alle Zeit festzusetzen. — So festzusetzen, daß er langsam aber sicher alle Fäden in seine Hände bekam.

Auch hier würde er sich genauso geschickt tarnen, daß nie der geringste Verdacht auf ihn fiel — selbst wenn einer seiner Zwischen- oder Kleinhändler gefaßt werden sollte.

Das Grinsen auf seinem Gesicht verstärkte sich, als er an die Vorsichtsmaßnahmen dachte, die er vor Antritt seiner Fahrt getroffen hatte. Sein Wunschtraum, der Rauschgiftkönig von London zu werden, schien in Erfüllung zu gehen.

Nun befand er sich auf dem Wege nach Bringhton, wo gegen Mitternacht der kanadische Frachter auf seiner Rückreise von London vorbeikommen und die Übergabe der Ware auf offener See erfolgen sollte. Alles war bis aufs kleinste vorbereitet  

*

Im Vorgefühl seiner Macht, die er in weniger als vier Stunden mit dem Besitze des Rauschgiftes zu haben glaubte, und in Anbetracht seiner stets glatt und reibungslos verlaufenen schmutzigen Geschäfte, schenkte er einem Faktor zu wenig Beachtung. Dieser Faktor hieß: Scotland Yard. Er konnte ja nicht ahnen, daß die Spürnasen des Rauschgiftdezernats Scotland Yards den kanadischen Frachter eng in ihr Herz geschlossen hatten und schon seit geraumer Zeit jede Bewegung ihrer Besatzungsmitglieder streng überwachten. Nun, das hatte seinen besonderen Grund-, denn nachdem es einem findigen Yard-man gelungen war, von der zusätzlichen Ladung des Kanadiers Kenntnis zu erhalten, war das gesamte Dezernat in ständigem Einsatz.

„Noch nicht zufassen! Abwarten, bis der Käufer die Ware übernommen hatte", lautete der Befehl des Dezernatleiters.

Fast eine Woche war vergangen und nichts Besonderes hatte sich ereignet. Erst gegen Mittag des heutigen Tages tat sich etwas auf dem Frachter. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß der Captain des Schiffes im Begriff stand, die Anker zu lichten und London zu verlassen. Eine Anfrage beim Hafenamt bestätigte diese Annahme. — Der Leiter des Rauschgiftdezernats stand vor einer schwierigen Entscheidung. Sollte — nein mußte er jetzt nicht zupacken und das verderbenbringende Pulver, das immer noch in einem geheimen Winkel des Schiffes lagerte, beschlagnahmen. Oder sollte er noch weiter abwarten, bis vielleicht doch noch ein Käufer auf der Bildfläche erschien? Im ersten Falle hätte er zwar das Rauschgift und den Lieferanten sicher, aber die Organisation, die hier in London ihren gemeinen Geschäften nachging, blieb weiterhin unerkannt. Neue Schiffe mit Stoff würden kommen, und keinem wäre mit der Ergreifung dieser einen Ladung geholfen — oder doch? Kommissar Tramayne, Leiter des Rauschgiftdezernats, wurde sich nicht schlüssig. Sekundenlang jagten sich die Gedanken hinter seiner Stirn. Sein Gesicht sah finster aus. Was sollte er tun? In diesem Zustand innerer Zwiespältigkeit traf er auf dem langen Gang des Yard-Head- quarters mit Kommissar Morry zusammen. Sichtlich erleichtert atmete er auf.

„Gut Morry, daß ich Sie in diesem Augenblick erwische. — Ich benötige Ihren Rat", gab er ohne falsche Scham seinen Entschlußmangel zu. Es war wieder einmal typisch Morrys Art, trotz seines eigenen gewiß nicht kleinen Arbeitspensums, das er zu bewältigen hatte, auch noch einem Kollegen des anderen Dezernats mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

„Nun, Tramayne, wo brennt's denn?" lächelte er in seiner verbindlichen Art den düster dreinschauenden Leiter des Rauschgiftdezernats an.

„Folgendes, Morry", begann dieser auch sofort dem aufmerksam zuhörenden Kommissar die Lage zu schildern. „Seit über einer Woche wissen wir mit Bestimmtheit, daß sich auf einem kanadischen Frachter, der bis zur Stunde noch hier in London vor Anker liegt, eine Menge Stoff befindet. Bisher haben wir nicht zugegriffen, um..."

Etwa fünf Minuten brauchte Tramayne, um Kommissar Morry einen Gesamteinblick in sein bisheriges Handeln zu geben. Als er geendet hatte, sah er erwartungsvoll Morry an. Morrys Augen hatten sich um wenige Millimeter verengt. Man fühlte es förmlich, daß sein scharfer Giest auf vollen Touren lief. Als Tramaynes Frage: „Was würden Sie tun?" sein Gehör traf, schoß instinktivsicher seine Antwort heraus.

„Den Burschen ungehindert fahren lassen! Zwei Boote des Wasserschutzes chartern und ihm dicht auf den Fersen bleiben. Wenn der Gauner so lange Zeit hier in London war, wird er bestimmt seinen Abnehmer gefunden haben und nun irgendwo an einer einsamen Stelle der Küste die Übergabe der Ware vornehmen wollen."

„Und wenn er es nicht tut, Morry? — Wenn er hier keinen Abnehmer gefunden hat und mit der Ware auf Nimmer-Wiedersehen verschwindet?" versuchte Tramayne den nicht unbegründeten Einwand zu machen. Kopfschüttelnd sah Morry sein Gegenüber an.

„Tramayne, überlegen Sie einmal. Die Herren kommen mit der Ware hier an. Angenommen, sie hätten noch keinen bestimmten Abnehmer vor ihrem Anlegen hier im Londoner Hafen gehabt, mußten sich also noch einen suchen, was sie höchstwahrscheinlich auch getan haben. Glauben Sie da etwa, die Herren würden eine ganze Woche gewartet haben, um dann unverrichteter Dinge wieder abzuziehen? Kein Mensch besitzt so viel Nerven, daß er sich in zwei Häfen der Gefahr aussetzt, mit dem Pulverfaß, auf dem er sitzt, in die Luft zu gehen."

„Kaum!" bestätigte Tramayne Morrys Worte.

„Außerdem", beendete Morry lächelnd diese Unterhaltung, „brauchen wir nicht zu befürchten, daß die Ware jetzt noch in falsche Hände gerät. Selbst wenn der Kahn unsere Hoheitsgewässer verläßt und ein anderes Land anlaufen sollte. In diesem Falle genügt eine kleine Depesche an Interpol — und die Boys werden sich den Fisch nicht entgehen lassen."

Es bedurfte nicht mehr des kameradschaftlichen Rippenstoßes, mit dem Kommissar Morry sich verabschiedete, um Tramayne vollends von der Richtigkeit dieser Maßnahme zu überzeugen. —

Seit Stunden nun schon lagen im Kielwasser des Frachters zwei schnelle Boote der Wasserschutzpolizei. Auf den Schirmen ihrer Radargeräte zeigte der helle Strich an, daß sich der Kahn vor ihnen immer dicht unter der Küste hielt, und obwohl es stockfinstere Nacht war, mit den Örtlichkeiten genau vertraut zu sein schien. Ihren Messungen nach betrug der Abstand zu dem Schmugglerschiff kaum eine halbe Meile. Die günstigste Entfernung, um gegebenenfalls rechtzeitig eingreifen und zuschlagen zu können . . .

Hätte der Mann hinter dem Steuer des Straßenkreuzers nur einen Schimmer Ahnung von diesen Vorgängen gehabt, so wäre er nicht so unbekümmert seinen Weg weitergefahren. —

So aber forcierte er das Tempo auf den noch vor ihm liegenden hundert Meilen bis Bringhton dermaßen, daß es schon fast Wahnsinn war und einer Herausforderung des Schicksals gleichkam. Über Bringhton schien tiefe Nacht zu liegen. — Ruhig, fast friedlich lagen die Hafenbecken im milden Schein der trüben Gaslaternen. Träge schlugen die Wellen gegen die Planken der hier vor Anker liegenden Fischerboote. Eine unheimliche Stille herrschte im weiten Rund. Nicht einmal das sonst übliche Grölen von betrunkenen Seeleuten war zu hören.

„Nat, du kannst mir sagen, was du willst. Diese plötzliche Ruhe gefällt mir nicht!"

Kaum vernehmbar klangen die Worte des Sprechers, der neben drei weiteren, düster aussehenden Gestalten im Schatten eines Schuppens stand, durch die Nacht. 

„Red' keinen Sums, John. Du wirst dich auch noch daran gewöhnen, daß Bringhton ein verflucht langweiliges Nest ist, in dem die Einwohner schon mit den Hühnern schlafen gehen. — Und wenn du etwa immer noch annehmen solltest, Bringhton wäre mit Boston, Bristol oder gar mit unserem schönen London zu vergleichen, so laß dir von einem erfahrenen Manne sagen, daß du da gewaltig auf dem Holzwege bist."

„Schon möglich, aber diese Grabesstille. Nat, ich weiß nicht", gab John Corbey, der irgendwie eine dumme Vorahnung zu haben schien, argwöhnisch zurück und schaute mit schiefen Blicken auf den leichten Schaum, den die Wellen ans Land spülten.

Minutenlang hingen die vier Männer ihren eigenen Gedanken nach. Es waren mehr oder weniger unfreundliche Gedanken, die sich mit ihrer jüngsten Vergangenheit beschäftigten. Alle vier, die hier versammelt waren, hatten ein bewegtes Leben hinter sich. Sie waren teils im Elend geboren oder jedenfalls sehr früh dort hineingeraten. Schon von frühester Jugend an hatten sie es gelernt, Diebereien und andere Gaunerstückchen geschickt und geräuschlos auszuführen. Mit den Jahren gesellte

sich ihren Handlungen noch die Brutalität hinzu, und bis zum Gewaltverbrecher war es dann kein weiter Weg mehr. Die Akten, die über das hier versammelte Quartett in den riesigen Archiven Scotland Yards lagerten, sprachen eine nur zu deutliche Sprache über das Vorleben dieser Männer. Der jüngste Entlassungsvermerk trug das Datum von vor über drei Jahren. Drei Jahre und mehr lebten diese Männer nun schon wieder auf freiem Fuß, ohne daß sie sich etwa gebessert hätten. Im Gegenteil, ihr Lebenswandel war der gleiche geblieben. Nur waren sie diesmal etwas vorsichtiger gewesen. Sie hatten frühzeitig ihr Arbeitsfeld von London nach Bringhton verlegt. Ein glücklicher Umstand kam ihnen gerade in dem Augenblick zur Hilfe, als der Londoner Boden für sie wieder einmal sehr heiß zu werden begann. Kurzerhand hatten sie das Angebot des Mannes angenommen, den Nat Fraeser zufällig in einer Hafenkneipe im Londoner Osten getroffen hatte und der nun schon seit zwei Jahren ihr Chef war. Sie hatten ja damals keine andere Wahl gehabt, und wenn der eine oder andere sich auch mit dem Gedanken befaßt hatte, bei nicht genügendem Verdienst wieder auszusteigen, so waren sie doch zusammengeblieben. Der Grund lag darin; ihr Chef war nicht kleinlich, und die Arbeit, die sie zu verrichten hatten, war nach ihrer Ansicht nur ein Kinderspiel. Was bedeutete es schon diesen Hartgesottenen, einmal im Monat fünf Minuten Nervenkitzel zu verspüren. Die klingende Münze, die ihnen ihr Chef dafür auf den Tisch warf, wog das dumme Gefühl, das sie bei der Übergabe der Ware einige Meilen draußen auf See im Magen hatten, tausendfach auf. Einen ganzen Monat hatten sie dann wieder Zeit, den lieben Tag lang faul auf der Haut zu liegen. „Ein Leben wie der König in Frankreich", so glaubte Bruce Olsen, der ehemalige Fürsorgezögling, bei jeder passenden Gelegenheit seine Komplicen auf ihr momentan sorgloses Leben hinzuweisen. John Corbey, ein. Mensch, der in gewissen Dingen sehr sensibel war, besonders dann, wenn er für sich irgendwo eine persönliche Gefahr witterte, stand jedesmal, wenn er das dumme Gewäsch des „Kleinen", wie sie den jüngsten ihrer Schmugglergang nannten, hörte, kurz vor der Explosion. 

„Damn't, Kleiner", war er noch vor drei Tagen Bruce Olsen ins Wort gefallen, als dieser wieder einmal großspurig diesen Satz aussprach, „deine freche Backe möchte ich einmal sehen, wenn du einem Cop gegenüberstehst — und zwar in dem Augenblick, in dem du einige Päckchen unter dem Arm trägst!"

„Daß ich nicht lache. Schau her John! Weißt du, was das ist?" hatte Bruce Olsen erwidert, und wie durch Zauberhand hatte er eine langläufige, amerikanische Smith und Wesson um seinen Finger kreisen lassen.

Bevor John Corbey dem jugendlichen Revolverschwinger derb über den Mund fahren konnte, hatten sich dessen Augen zu zwei schmalen Schlitzen zusammengezogen. Seine Unterlippe hing schief nach unten, und zwischen geschlossenen Zähnen stieß er haßerfüllt hervor: „Den Cop möchte ich sehen, der die sechs Brummer aus dieser Pistole verdauen kann. — No — ein zweites Mal fangen die mich nicht mehr ein, das schwör ich euch! — Die Anstaltsjahre und zwei Jahre ,Z' haben mir gereicht. Lieber..."

Der Rest des letzten Satzes war in einem unverständlichen Gemurmel untergegangen.

Seit dieser Stunde wußte John Corbey, wie eines Tages das Ende Bruce Olsens aussehen würde. — Das Leben eines Menschen, der kaum richtig gelebt hatte, würde in der Gosse ausgelöscht werden. Bestenfalls gab ihm die Vorsehung noch eine Gnadenfrist, bis er den Weg zum Galgen antreten würde. Aber wie würde sein Ende aussehen? Jedesmal, wenn er eine solche Ahnung hatte, wie es im Augenblick wieder der Fall war, kamen diese Gedanken. — War es auch sein Schicksal?

Ein leichtes Zittern durchlief seinen Körper. Hart preßte er seine Zähne aufeinander, um sich nicht vor seinen Komplicen zu verraten. Sollte er noch einmal mit Nat Fraeser über seine Befürchtungen sprechen? Ein fernes Brummen, das schnell näher kam, vermischte sich mit Robert Bedfoords tiefem Baß und verhinderte eine weitere Aussprache.

„Nat, der Boß ist ja wieder einmal auf die Minute pünktlich", machte er der allgemein besinnlichen Stunde ein Ende.

„Okay, gehen wir zum Treffpunkt und hören uns an, was er uns mitzuteilen hat!"

Geräuschlos traten die vier Gestalten aus dem sie bisher vor neugierigen Blicken schützenden Schatten des Lagerschuppens heraus, überquerten einige Hinterhöfe und sahen bald die am Ende einer Gasse abgestellte Limousine ihres Chefs stehen.

Geduckt schritt John Corbey hinter seinen Komplicen her. Ängstlich tasteten seine Augen jeden Winkel ab. — Aber wohin er auch schaute, keine Menschenseele trieb sich in den finster gähnenden Torlöchern herum. Alles blieb still und geheimnisvoll.

Vor dem Wagen mit den abgeblendeten Scheinwerfern machten die Schritte der drei Unbekümmerten halt. Als John Corbey angelangt war, hatten die anderen bereits den Wagen des Chefs bestiegen, und kaum daß er saß, rollte der schwere Wagen auch schon an.

„Alles in Ordnung?" hörte er seinen Chef fragen.

„Yes Boß! — Der Pott liegt klar zum Auslaufen in der alten Bucht."

„Etwas Besonderes ereignet, seit meinem letzten Anruf? — Einer der Schnüffler sich verdächtig in der Nähe des Ankerplatzes sehen lassen?"

„No Boß!"

Kurz und abgehackt stellte der Mann am Steuer weitere Fragen. Allein schon der Ton seiner Worte duldete keinen Widerspruch, und der neben ihm sitzende Nat Fraeser beeilte sich, die an ihn gerichteten Fragen erschöpfend zu beantworte. Währenddessen starrte John Corbey unentwegt auf die dunkle Silhouette seines Chefs, die sich nur schwach von der matterleuchteten Scheibe des Wagens abhob. Was wußte er schon von diesem Manne? — Nach kurzer Überlegung mußte er sich eingestehen, daß er soviel wie nichts von diesem herrischen Menschen wußte. — Gewiß, er betrieb dunkle Geschäfte mit Rauschgift; war also, wie er und seine Komplicen dem Gesetz nach ebenfalls ein Verbrecher. Nur mit dem Unterschied, daß er während seiner übrigen Zeit, in der er nicht hier in Bringhton weilte und in der Bucht auf ihre Rückkehr von der Übernahme der Ware wartete, auf der Sonnenseite des Lebens wandelte. Sie dagegen mußten für diesen Menschen die Kastanien aus dem Feuer holen, um dennoch nach jeder geglückten Fahrt in ständiger Angst und Furcht vor Verrat hier in Bringhton zu bleiben. Man konnte nie wissen, was in den Köpfen dieser Art Menschen vorging. John Corbeys Zähne gruben sich tief in die Unterlippe ein. Weitere Recherchen stellte er an: Ihre Chancen standen 1:100 zugunsten dieses Mannes. Ihre Namen waren ihm bekannt, ebenso der Aufenthaltsort. — Aber wie hieß dieser Mensch, der sich vom Anfang ihrer Bekanntschaft an mit Boß ansprechen ließ, in Wirklichkeit? Wo hatte dieser feine Herr sein Hauptquartier aufgeschlagen? Wo. . .?

Fragen und nochmals Fragen stürmten in den wenigen Minuten dieser Fahrt auf John Corbey ein. Er konnte sie nicht beantworten. Aber Nat — Nat Fraeser mußte es wissen. Er hatte den Boß vor zwei Jahren geangelt und sie dann angeworben. Ein Gedanke kam ihm: Sobald er mit Nat Fraeser allein war, wollte er ihn diesbezüglich aushorchen. Nat Fraeser spielte ja heute noch so etwas ähnliches wie den Befehlsempfänger zwischen ihnen und dem Boß. Er mußte mehr über ihren Boß wissen. — Und was Nat Fraeser wußte, konnten auch er und die anderen wissen. — Es war ja derselbe Strick, an dem sie zu ziehen hatten. Inzwischen war der Wagen von der hinter Bringhton verlaufenden Küstenstraße abgebogen und rollte langsam auf einer schmalen Landenge dahin. Der Weg wurde immer schlechter und hörte plötzlich oberhalb eines von der ständigen Brandungseinwirkung abgeschabten Felsens auf. Von dieser Stelle aus hatte man bei einigermaßen gutem Wetter einen weiten Blick auf das Meer hinaus. Hier würde ihr Boß wieder auf ihre Rückkehr warten, um danach sofort seine Fahrt ins Landinnere anzutreten. Schon zigmal war es so geschehen, und so wurde es auch in dieser Nacht gehalten. Kaum daß die Räder der Limousine zum Stillstand gekommen waren, gab der Boß auch schon seine letzten Instruktionen: „Diese Nacht ist wie geschaffen für euren Auftrag. Stockfinster und dazu noch in Küstennahe einige Nebelbänke", begann er, um dann nach einem befriedigenden Kopfnicken fortzufahren. „Ihr haltet euch genau in südlicher Richtung und wartet in etwa drei Meilen Entfernung auf den Frachter. — Sollte der Nebel an diesem Standpunkt zu dicht sein, so zieht ihr durch und haltet euch am Rande des Nebelfeldes auf."

Ein Blick auf seine Uhr überzeugte ihn davon, daß es an der Zeit war, seine Leute auf den Weg zu schicken. Ohne Umstände griff er daher zu seiner Geldscheinmappe, öffnete den Verschluß und entnahm dem vorderen Fach ein Bündel Banknoten.

Nachdem er die Mappe wieder geschlossen hatte, übergab er diese Nat Fraeser. Auch die Hälfte des entnommenen Bündels legte er dazu.

„Wie immer, den Rest nach Erledigung“, meinte er dabei und sah Nat Fraeser mit stechenden Augen an.

Auch die anderen fühlten diesen Blick, der nicht nur Nat Fraeser, sondern ihnen allen galt und der einer stillen, aber dafür um so gefährlicheren Drohung gleichkam.

Nat Fraeser schien plötzlich einen Kloß im Halse stecken zu haben, denn seine eigenen Worte kamen ihm fremd vor: „Wieviel Päckchen sind es diesmal?" klang es krächzend.

„Zehn!"

„Zehn?" erscholl es wie aus einem Munde des Quartetts.

„Well! — Darum ist diesmal auch größte Vorsicht geboten, versteht ihr? Siebenhunderttausend Dollar können zum Teufel gehen. Aber nicht nur das; werdet ihr mit dieser Summe an Bord erwischt, so ist es auch mit euch vorbei. Für alle Zeiten! Da . . . Nun könnt ihr es euch ia selbst ausmalen. — Und jetzt an die Arbeit!"

Nat Fraeser bekam plötzlich feuchte Hände. Die Mappe, die er in den Händen hielt, begann ihm unter den Nägeln zu brennen. Er hatte es auf einmal sehr eilig, aus der Nähe seines bisherigen Auftraggebers zu kommen. Hastig schob er sich nach einem ,A11 right, Boß!' aus dem Wagen und war bald im Dunkel der Nacht untergetaucht.

Vor seinen drei Gefährten, die ihm mit weitem Abstand folgten, hatte er wenige Minuten danach den versteckten Ankerplatz ihres Bootes erreicht. Kurz warf er einen Blick auf das etwa fünfzehn Meter lange Fahrzeug. ,Konnte er das Boot allein in kürzester Zeit klar bekommen und auch führen?' Seine Gedanken kreisten. — ,Sure! Siebenhunderttausend Dollar, das war ein Betrag, den er gern sein eigen nennen würde. Sollte er es wagen, allein mit diesem Betrag . . .?'

Scheu blickte er sich nach seinen Freunden um. — Sie kamen dicht hintereinander hinter einem Felsenvorsprung hervor. Vorsichtig tastete seine Rechte in die Rocktasche. Kalt fühlte sich der Stahl seiner Parabellum an. Zwei, drei Sekunden zögerte er: ,Zu spät!" glaubte er diese Chance vergeben zu haben. Brummend ließ er die Waffe zurückgleiten.

,Es wäre ja Wahnsinn, hier vor den Augen des Chefs einen Feuerzauber zu veranstalten', gestand er sich ein und ließ seine Freunde herankommen.

„Los Nat — mach zu, daß wir die Sache hinter uns kriegen!"

Ahnungslos traten sie an Nat Fraeser heran, und ohne viel Worte zu machen, enterten sie auf die Planken des Bootes hinüber. So gut es die herrschenden Lichtverhältnisse zuließen, beobachtete Nat Fraeser aus den Augenwinkeln heraus seine hantierenden Freunde, die er vor knapp einer Minute noch in die Hölle schicken wollte. Sie schienen aber nichts bemerkt zu haben. Wenn doch, so zeigten sie es ihm nicht und beherrschten sich meisterhaft. Eiskalt überlegte Nat Fraeser in den nächsten Minuten, ob er den Gedanken, der ihm so urplötzlich gekommen war, nun noch in die Tat umsetzen konnte. Das Geld lockte ihn, und er wußte, daß er der Versuchung kaum widerstehen würde. ,Abwarten', hämmerte ihm seine Vernunft noch ein — und dann nahm die nächtliche, gefährliche Fahrt zunächst sein ganzes Denken in Anspruch.

Langsam glitt das Boot vom Ankerplatz weg. An mehreren Felsblöcken vorbei, die bedenklich nahe zusammenstanden, erreichten sie die eigentliche Bucht und gingen von hier aus auf Südkurs. Drei Augenpaare versuchten nach weiteren fünfzehn Minuten angestrengt das Dunkel der Nacht zu durchdringen und den Schiffsleib des Kanadiers auszumachen. Während die Besitzer dieser Augenpaare das Auftauchen des erwarteten Schiffes herbeisehnten, stand Nat Fraeser unbeteiligt am Heck des Bootes und machte den Eindruck eines Träumers. — Er hatte es lange nicht so eilig wie seine Freunde. Wenn es nach ihm ginge, so wünschte er sich nicht den Frachter in der geringen Nähe, in der er sich schon befinden mußte. — Sein Vorhaben

duldete kein plötzliches Auftauchen dieses Kanadiers. Jede Sekunde, die er jetzt noch zögerte, verringerte seine Chancen. Nat Fraeser mußte handeln, wollte er das Geld noch in seinen alleinigen Besitz bringen. Sein stechender Blick, in dem sich Gewinnsucht und Mordlust in bestialischer Weise vereinten, war unentwegt auf die vorn am Bug stehenden Männer, die er bisher seine Freunde nannte und die er nun auszulöschen gedachte, gerichtet.

,Wenn nur John Corbey etwas mehr von seinem Körper zeigen wollte’, mahlte er mit knirschenden Zähnen. John Corbeys Körper aber blieb durch den Niedergang zum Motorraum gedeckt. Er stand nicht so frei auf den Planken des Bootes wie Robert Bedfoord und Bruce Olsen. Ein Umstand, der Nat Fraeser zum Kochen brachte.

Nat Fraeser brauchte eine bessere Schußbahn. Wie ein schleichendes Tier löste sich darum seine Gestalt vom Heck des Bootes. Er war gewillt, auch unter diesen ungünstigen Umständen seine ruchlose Tat auszuführen. Geräuschlos schob er sich näher an seine Opfer heran. Matt blinkte das Metall seiner Parabellum in seiner rechten Hand. Zoll für Zoll hob sich der Lauf der Waffe in Richtung John Corbeys Kopf. Langsam krümmte sich sein Zeigefinger am Abzugshahn . . .

Da! — Mitten in dieser Fingerbewegung hielt Nat Fraeser inne. Gespensterhaft kroch keine hundert Yards von ihrem Standpunkt entfernt ein riesenhafter Schatten aus einer Nebelbank, hielt direkt auf ihr Boot zu . . .

„Der Kanadier!" brüllte Robert Bedfoord auch schon auf und raste mit langen Sprüngen dem Niedergang zu. Wie erstarrt blieb Nat Fraeser einen Augenblick stehen. Seine Augen, in denen sich vor Sekunden noch Mordlust widerspiegelte, füllten sich mit Entsetzen. Größer, gefährlicher wuchs der Schatten empor. Furcht um sein eigenes unbedeutendes, niederträchtiges Leben kroch wie ein kalter Schauer seinen Rücken hinauf und lähmte seine Glieder. — Seine Kehle war ihm plötzlich wie zugeschnürt. Ein klägliches Krächzen entrang sich seiner Brust: „By gosh — die Knilche rammen uns ja." Schnell, und nicht dabei so um ihr Leben zitternd wie Nat Fraeser, hatten die anderen gehandelt. Bevor der stählerne Frachter mit ihrer Holzschale kollidieren konnte, hatten sie das Boot in Fahrt gebracht. Der starke Dieselmotor ihres Fahrzeuges bewährte sich wieder einmal in höchster Not und zog sofort mit äußerster Kraft durch. Der am Ruder stehende John Corbey hatte genug Geistesgegenwart besessen und das Steuer hart nach links herumgerissen. So waren sie in letzter Sekunde aus dem Gefahrenbereich des heranrauschenden Frachters gekommen.

„All skies, das war verdammt knapp", meinte Corbey nach dieser Tat, die ihn und das Boot vor dem sicheren Untergang bewahrt hatte. — Sofort aber nahm sein Gesicht einen finsteren Ausdruck an, und während er mit dem Handrücken dicke Perlen Schweiß von seiner Stirn wischte, sah er fragend auf seine beiden immer noch neben dem Motor knienden Partner herab.

Robert Bedfoords Gedanken befanden sich in der gleichen Richtung, und er verstand diesen Blick: „Goddam John, ich möchte auch wissen, ob es nur ein dummer Zufall war, der uns fast unter den Kielgang des Kanadiers gebracht hat — oder ob die Burschen es ohne Gegenleistung auf unser Geld abgesehen und uns aus diesem Grunde absichtlich aufs Korn genommen hatten?"

Bedfoords Worte waren für alle das Gefahrensignal. — Sie wurden plötzlich sehr lebendig — und hatten wenig später niedliche Bleispucker in ihren Fäusten. Bruce Olsen begnügte sich nicht allein mit seiner Smith and Wesson, sondern hatte zusätzlich eine fabrikneue Thompson-Maschinenpistole unter seinem Arm geklemmt. Das Waffenarsenal des Bootes aber war hiermit noch keineswegs erschöpft. — 

Noch lagerte neben reichlich Munition für alle Waffen eine zweite Thompson MPi und eine ebenso gute Winchester MPi in den Zwischenwänden ihres Bootsrumpfes. — Eine gewaltige Streitmacht sah Nat Fraeser den Niedergang hochhuschen und hinter der niedrigen Reling Deckung suchen. Erst jetzt wich seine Lethargie, die durch das bedrohende Auftauchen des Frachters von ihm Besitz genommen hatte, völlig aus seinen Gliedern. Gleichzeitig erkannte er aber auch, daß er nun nicht mehr seinen Mordplan durchführen konnte. Das viele Geld war so oder so für ihn verloren — aber wenn man ihm außerdem noch ans Fell wollte, dann wollte er wenigstens sein Leben so teuer wie möglich verkaufen. Mit einem tierischen Wutschrei raste er wie ein Berserker den Niedergang herunter und erschien wenige Sekunden später mit der zweiten Thompson MPi neben seinen verhaßten Komplicen.

Keuchend ließ er sich neben John Corbey nieder. „Worauf wartest du denn noch", herrschte er seinen Nebenmann an und brachte seine Waffe in Anschlag. Noch ehe er aber den Stecher durchreißen konnte, hatte sich Corbeys Hand auf den Lauf gelegt. 

„Warte noch!"

„Warum? — Sollen wir uns etwa wie die Kaninchen abschießen lassen. Hell and damnation, merkst du denn nicht, daß uns die Burschen hochgehen lassen wollen." Angestrengt versuchte er während dieser Worte etwas auf dem Deck des vor ihm liegenden Schattens zu erkennen, um seine Feuerspritze in Tätigkeit treten zu lassen.

„Ich glaube nicht mehr daran, daß uns die Boys absichtlich rammen wollten", gab John Corbey ruhig zurück, indem er auch weiterhin den Kanadier scharf beobachtete. Ruckartig flog Nat Fraesers Kopf herum. Erstaunen stand in seinem Gesicht geschrieben. Er mußte erst einmal kräftig schlucken, um das eben gehörte richtig verdauen zu können. Langsam senkte er den Lauf der Waffe. ,Ging denn in dieser Nacht alles schief? — Sollte er sich wiederum in seiner Annahme getäuscht haben?' — Während er versuchte, diese Fragen zu ergründen, fiel ihm die plötzliche Ruhe auf, die sie umgab. — Nichts — außer seinem eigenen Herzschlag war zu hören. — Angespannt verfolgte er den Verlauf der nun folgenden Ereignisse. Sie ließen auch nicht lange auf sich warten: Auf dem Deck des beigedrehten Kanadiers erschien eine Gestalt und huschte an der Reling entlang bis zum Bug des Schiffes. Dreimal zuckte der Schein einer starken Stablampe in den Händen der Gestalt auf und beleuchtete einen Teil ihres Bootes.

„Kommt rüber!" erscholl die Stimme des Mannes am Bug des Frachters.

Sekundenlang blieb es stili nach den Worten des Kanadiers. Nat Fraeser fühlte, daß kalter Schweiß aus seinen Poren quoll. Er hatte stets die Übergabeverhandlungen hier auf See mit den Lieferanten geführt. Diese Aufforderung an Bord des Frachters zu kommen, galt somit ihm allein. Konnte er es wagen? — Oder stellte man ihnen nach dem mißlungenen Rammversuch eine neue Falle?

„Hallo Boys — hört ihr mich? — Kommt rüber, damit wir das agreement abschließen können!" Lauter, dringender klangen die Worte des Sprechers zu ihnen herüber.

Gewaltsam schüttelte Nat Fraeser die ihn umklammernde Furcht ab, und er gab seiner Stimme einen einigermaßen festen Klang: „All right, wir kommen! Übergabe in fünf Minuten an der Stelle, an der du jetzt stehst, Boy. — Okay?"

„Well, einverstanden!"

Der Mann am Bug des Frachters entzog sich den Blicken des immer noch in Deckung liegenden Quartetts. Als Nat Fraeser seine MPi beiseite legte und sich erhob, war er wieder der Mensch, den seine drei Komplicen seit ihrer Bekanntschaft kannten. — Ein Mann, der Tod und Teufel nicht zu fürchten schien. — So glaubten sie es jedenfalls, als sie ihn nun mit festen Schritten zum Beiboot gehen sahen, um dieses für die Fahrt zum Frachter klarzumachen. — Was wußten sie schon von seinen wirklichen Gedanken? —

„John, wir werden uns sehr in acht nehmen müssen", klang es fast kameradschaftlich aus seinem verlogenen Munde. — Und John Corbey wußte, daß er zur Deckung Nat Fraesers ausersehen worden war. So war es dann auch. Zusammen mit Nat Fraeser bestieg er ohne Murren das kleine Boot. Er fühlte, daß er nun seinem Schicksal nicht mehr entgehen konnte. Noch einmal ließen sie die Schlitten ihrer Waffen zurückgleiten und überzeugten sich, daß auch eine Patrone im Lauf steckte. — Für alle Fälle, man konnte ja nicht wissen —

„Robert und Bruce, wenn etwas bei uns schiefgehen sollte, dann ballert los, was die Rohre nur hergeben können. — Versteht ihr, wenn es uns erwischt haben sollte, geht es auch euch an den Kragen", waren seine letzten Worte, bevor er in die Riemen griff und das Beiboot von ihrem Pott losbrachte.

„Keine Sorge, Nat, wir werden es den Aasgeiern dort schon gehörig eintränken, sollten sie es wagen..."

Bruce Olsen rief es den davonrudernden Komplicen nach und schwenkte dabei seine MPi über dem Kopfe. Die bereits erwähnten fünf Minuten Nervenkitzel begannen. —

Das gleichmäßige Plätschern der untertauchenden Blätter verstummte. Schabend glitt das kleine Boot an der Bordwand des Frachters entlang. Drei, vier Männer erschienen oberhalb dieser Stelle und ließen einen Gegenstand herunterfallen. Die hin  und herpendelnde Strickleiter wurde von Nat Fraeser erfaßt und behende enterte er auf das Vorderdeck des Frachters. Zwei lange, nicht enden wollende Minuten verstrichen. — Die beiden auf dem Schmugglerboot zurückgebliebenen Männer versuchten jede Einzelheit der Warenübergabe auf dem Kanadier mitzubekommen. Ihre Augen traten vor Anstrengung fast aus den Höhlen. Mit nervösen Händen hielten sie ihre Waffen umspannt. Bereit, jeden Augenblick ihre todbringenden Geschosse zum Frachter hinüber zu jagen. Schon atmeten sie auf. Eine Gestalt schwang sich über die Reling und glitt die Strickleiter zum Beiboot hinab. — Das Geschäft schien entgegen ihren eigentlichen Befürchtungen glatt abgeschlossen worden zu sein... 

„Damn't, Robert! — Was ist das?" Bruce Olsen schrie förmlich vor Erschrecken diese Worte heraus. Ruckartig riß er seine MP in Anschlag. — Aber wohin sollte er noch schießen?

Dort vorn am Bug, wo eben noch die Burschen der Besatzung gestanden hatten, befand sich keine Menschenseele mehr. Urplötzlich war Bewegung in diese Männer gekommen. Schreiend waren sie auseinandergelaufen. — Das Deck war leer. Dafür ging augenblicklich ein Stampfen durch den Schiffsleib.

Helle Gischt schoß in Höhe der Schiffsschraube empor. Der Frachter nahm seine Fahrt auf. — Türmte! —

Das längsseits liegende Beiboot bekam einen Stoß, schlug um und geriet unter den Frachter. „John! — John Corbey ...!"

Bruce Olsen schrie und tobte. Das letzte, was er noch sah, bevor andere Geräusche seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, war ein Mann, Nat Fraeser, der sich noch in halber Höhe der Strickleiter befand und sich dort festzuhalten versuchte.

Dann blitzten plötzlich Scheinwerfer auf und erhellten den Schauplatz taghell.

„STOPPEN SIE ODER WIR SCHIESSEN!" ertönte die Stimme des Lautsprechers eines der aufgetauchten Polizeiboote. Während Robert Bedfoord sich gehetzt nach allen Seiten umdrehte, um dort irgendwo noch einen Ausweg aus dieser Falle zu suchen, lachte Bruce Olsen wie ein Irrer auf.

Schaum stand vor seinem Munde, als er wie ein Stier brüllte: „Weiter wollt ihr nichts? — Kommt nur her, ihr Hyänen, und holt mich doch!"

Der Ruf Robert Bedfoords: „Help, Bruce! — Wenn wir die Nebelbank dort vor uns erreichen, können wir vielleicht noch entwischen", drang nicht mehr bis an seine Ohren vor. Seine Finger hatten bereits den Stecher der MP durchgerissen und zwitschernd verließen die Projektile den Lauf seiner Waffe. Glas splitterte an Bord des Polizeibootes, und sofort erlosch der Scheinwerfer. — Gleichzeitig aber zuckte es hundertfach auf dem beschossenen Boot auf. Pfeifend jagten die Geschosse heran, schlugen hart in das Holz des Schmugglerbootes ein oder zwitscherten jaulend als Querschläger durch die Nacht.

„Bist du des Teufels!" fuhr Robert Bedfoord den schießwütigen Boy an.

„Das bringt uns alle an den Galgen!"

Ungeachtet dieser Worte blaffte die Thompson in Bruce Olsens Händen erneut auf.

„Trr — Trrr — Trrrr!" kam postwendend die Antwort der Cops angeschwirrt.

Robert Bedfoord duckte sich zum Spunge. —

Er hatte nicht die geringste Lust, sich wie ein Sieb durchlöchern zu lassen. Er mußte dem irre gewordenen Boy das gefährliche Spielzeug aus den Händen reißen. Schon schnellte sein Körper hoch, flog einige Meter durch die Luft. Hart wollte seine Hand die Waffe ergreifen — da wirbelte die Faust des Todes seine Gestalt herum. Wie vom Blitz getroffen brach er tonlos vor den Füßen Bruce Olsens zusammen. Eine Kugel hatte genau sein Herz durchbohrt, und ehe seine leblose Hülle schwer auf den Planken aufschlug, war das letzte Fünklein Leben aus ihm gewichen. Eine weitere Gangsterjaufbahn hatte ein jähes, aber gerechtes Ende gefunden. Mit stumpfen und teilnahmslosen Augen streifte Bruce Olsen den neben ihm aufgeschlagenen Körper seines toten Komplicen.

„Ha — haa!" lachte er nur kurz und tierisch auf — und wieder und wieder krümmte sich sein Finger am Abzugsbügel. So lange, bis es plötzlich „Klick" machte.

Mit fahrigen Fingern versuchte er ein gefülltes Magazin einzuführen. Erst beim dritten Versuch rastete die Nute im Haltebügel ein. Gewillt, die von Anfang an aussichtslose Schießerei fortzusetzen, schaute er sich nach seinen Widersachern um...

Bruce Olsen kam aber nicht mehr dazu, auch nur noch einen einzigen Schuß aus dem neuen Magazin abzufeuern. Ein harter Schlag traf seine Brust. Wie ein glühendes Schwert fraß sich die Kugel durch seinen Körper. — Die Thompson entfiel seinen schwachwerdenden Händen. Das letzte, was Bruce Olsens umnachtetes Gehirn noch registrierte, war der Fall in einen Abgrund. — In einen grundlosen Abgrund, aus dem es kein Wiederkommen mehr gab.

*

Nur noch einer des Quartetts lebte zu dieser Stunde. Nat Fraeser. Er hielt sich immer noch an der Strickleiter fest und wartete auf den Augenblick, an dem der Kanadier die schützende Nebelbank erreicht haben würde. Erst hier konnte er hoffen, aus der Hölle, in die sie so urplötzlich hineingeraten waren, noch einigermaßen gut herauszukommen. Er war sich bewußt, daß er der einzige sein würde, der den Fängen der Polizei vielleicht noch entgehen konnte. Alle anderen hatten nicht die günstige Ausgangsposition, in die ihn der Zufall gebracht hatte. Während die anderen im Mittel' punkt des Geschehens standen und von zig Augen beobachtet wurden, hing er hier im Schatten der wieder aufgeblendeten Scheinwerfer knapp über der Wasseroberfläche und rechnete sich schon den Zeitpunkt seines Absprunges aus.

Lange schon war ihm das gutverschnürte Paket mit der kostbaren Ware entglitten.

Sofort als der Frachter sich mit einem harten Ruck in Bewegung gesetzt hatte, ließ er es fallen, um mit beiden Fäusten die Strickleiter umspannen zu können. Was nützte ihm noch das Pulver, wenn es nun galt, sein nacktes Leben und seine bisherige Freiheit zu erhalten. — ,Fort mit dem Ballast, der nach der zu erwartenden Schwimmtour sowieso unbrauchbar werden würde!'

Ungeachtet der Aufforderung des zweiten Polizeibootes:

„Stoppen! Oder wir setzen unsere Kanonen ein!" ließ der Captain des Kanadiers sein Schiff mit äußerster Kraft weiterfahren.

Noch dreihundert Yard trennten sie vom Rande des dichten Nebelfeldes. Leichte Schleier zogen bereits am Schiffsrumpf entlang. Weiter stampfte der Frachter durch die See. Nat Fraeser machte sich fertig zum Sprung. Um weit genug vom Schiff fortzukommen, enterte er einige Meter höher. Als er sich in der richtigen Höhe glaubte, drehte er sich blitzschnell auf der Leiter um, Einen Fuß hart gegen die Bordwand stemmend und losschnellen geschah in Bruchteilen von Sekunden. Langgestreckt klatschte sein Körper auf dem Wasser auf. Wie eine Turbine begannen sofort seine Arme und Beine zu kreisen. ,Nur nicht vom Sog des Schiffes einfangen lassen', hämmerte ihm jeder Herzschlag ein, und noch wilder, kräftiger schaufelten seine Glieder das Wasser beiseite. Einen Augenblick glaubte er in diesem Kampf mit dem Element zu unterliegen. Seine Kräfte schienen nicht auszureichen. Heiß schlug ihm das Herz bis zum Halse hinauf. Ängstlich schaute er zum riesenhaften Schiffsleib empor. Kein Zoll hatte sich sein Abstand zu diesem Ungetüm, das ihn an sich reißen wollte, vergrößert. Eine Todesfurcht packte ihn, machte ihn fast willenlos. Aber noch einmal ergriff der Selbsterhaltungstrieb von seinem ganzen Denken und Tun Besitz. Mit dem Mute der Verzweiflung ließ er seine Arme ausgreifen. Wellen schlugen plötzlich über ihm zusammen. 

„Aus!" wollte er aufschreien. Wasser, fade und salzig schmeckend, drang in seinen Mund, in seinen Rachen, drohte ihn zu ersticken. Schon halb betäubt, fühlte er dann ein Abwärtsgleiten seines Körpers. Keine Kraft, die ihn mehr zum Schiff hinzog. Nur tiefer tauchte sein Körper im Wasser unter. Mechanisch setzte er, das Unfaßbare kaum glaubend, seine Arme und Beine wieder in Bewegung. Sekunden später tauchte sein Kopf an der Wasseroberfläche auf. Wie ein Fisch, der auf das Trockene geraten ist, schnappte er nach Luft. Langsam jedoch wich der Druck wieder aus seinem Kopf. Klar und deutlich sah er dann den Kanadier auf die Nebelbank zuhalten. Je mehr sich der Abstand zu ihm vergrößerte, um so ruhiger wurde die See. Einige Herzschläge lang verharrte er regungslos an dieser Stelle, dann schwamm er mit kräftesparenden Stößen in Richtung Küste dahin. Kein Mensch bemerkte den Schwimmer, der sich immer mehr vom Schauplatz der harten Auseinandersetzung zwischen Gesetzeshütern und Rechtsbrechern entfernte — und somit der Gerechtigkeit ein Schnippchen schlug. — Anders erging es aber der Besatzung des Kanadiers. Hart und erbarmungslos schlugen die Waffen der Polizeiboote zu. Nach der mißachteten doppelten Aufforderung des Polizeisprechers: „Sofort stoppen!" gab Kommissar

Tramayne den Feuerbefehl. Noch bevor der Kanadier die von ihm angesteuerte Nebelbank erreicht hatte, waren die mit den Polizeibooten in Verbindung stehenden Kanonenboote heran und legten einen wahren Sperrgürtel zwischen den Frachter und die Nebelwand. Hier gab es kein Durchkommen! Dieses mußte auch der Captain des Frachters einsehen. Wutentbrannt, den etwaigen Fluchtweg zum Greifen nahe, gab er den sinnlos gewordenen Widerstand auf. Gift und Galle spuckend empfing er wenig später die Männer des Rauschgiftdezernats auf seinem Schiff. Obwohl diese jeden Winkel des Schiffes auf den Kopf stellten, fanden sie nicht das Gesuchte. —

Sie konnten es ja auch gar nicht finden. Was sie suchten, lag bereits auf dem Grunde des Meeres und konnte kein Unheil mehr anrichten. —

Als Tramaynes Leute so nach und nach: „Nichts, Sir!" meldeten, ließ er sich nicht entmutigen. — Noch einmal schickte er sie an die Arbeit — und es lohnte sich. Siebenhunderttausend englische Dollar gaben ihm die Handhabe, den Kanadier aufzubringen und gegen den Captain und die Besatzung ein Verfahren einzuleiten.

Obwohl Kommissar Tramaynes Dezernat einen großen Erfolg zu verbuchen hatte, sah man ihn selbst sehr nachdenklich im Kreise seiner Männer stehen. — Gewiß, er hatte den Lieferanten der Ware und die Schmuggler bei der Übergabe erwischen können. Und wenn die Ware auch nicht mehr aufzufinden war, so konnte er sich schon denken, welchen Weg sie gegangen war. Seiner Meinung nach hatten die Gauner das belastende Beweismaterial, nachdem sie keinen anderen Ausweg mehr sahen, einfach über Bord gehen lassen.

— Im gewissen Sinne traf diese Annahme ja auch zu. —

,Gut', folgerte er weiter, ,mochte das Pulver nicht mehr vorhanden sein. Die siebenhunderttausend Dollar englischer Prägung waren Indizien genug, den verbotenen Rauschgifthandel nachweisen zu können. Kein anderes Geschäft wurde von diesen Menschen mit dererlei Summen abgeschlossen. — Aber wer steckte dahinter? Wer war in diesem Falle der in der Kriminalistik oft die maßgebliche Rolle spielende große Unbekannte? — Würde er einen dieser Burschen hier zum Sprechen bekommen? — Und wenn ja, — kannten sie überhaupt das „As", das er suchte und das in der Lage war, diesen hohen Betrag aufs Spiel zu setzen?' 

Kommissar Tramayne verneinte diese Fragen seines Selbstgespräches. Wenn vielleicht einige zum Plaudern imstande gewesen wären, so wären es die zwei dort unten gewesen. Sein Blick wanderte zu dem im Schlepp des Frachters genommenen Fischerboot hin, wo unter Planen zwei steife, stumme Gestalten lagen. Sie konnten ihm keine Antwort mehr geben. — Sie standen schon vor ihrem Richter. Mit kantigem Gesicht wandte er sich ab. Sein Blick ging in die Ferne. Hart traten seine Backenknochen hervor: ,Die Stunde ist nicht mehr allzufern, da ich den Auftraggeber dieser toten Gauner vor einen Richter zitieren werde! So oder so!' —

Keine drei Meilen entfernt trommelte der Mann, dem Kommissar Tramaynes Schwur galt, mit nervösen Fingern auf dem Steuerrad der schwarzen Limousine herum. Er wollte es einfach nicht wahrhaben, daß sein so fein ausgeklügelter Plan schiefgegangen sein sollte. Sehen hatte er zwar nichts können — aber das Rasseln der MPis und wenig später das dumpfe Grollen der Kanonen war bis zur Küste herübergedrungen und hatten ihm einen kalten Schauer nach dem anderen über den Rücken laufen lassen. Es war nicht etwa Mitgefühl mit seinen Leuten, die dort gegen einen erbarmungslosen Gegner anzukämpfen hatten, sondern wahnsinnige, egoistische Angst. Angst um sein Geld, das vielleicht verloren gehen könnte — und das gleichbedeutend mit dem Ruin seines verbrecherischen Handelns war. Zwei Jahre raffiniert gedeckte Tätigkeiten würden für die Katz gewesen sein. Seine Organisation von Klein-, Zwischen- und Großabnehmern würde zerbröckeln. Erhielten sie keine Ware mehr, so war in spätestens drei Monaten sein ganzer Nimbus gebrochen. —

Und wo sollte er nach dieser Panne neues Geld hernehmen? — Sein ganzer Besitz aber schwamm dort irgendwo auf dem Wasser herum.

„Es kann nicht wahr sein!" Immer wieder versuchte er sich das für ihn so Unglaubliche einzureden.

Seine Zähne bissen unaufhörlich auf die Unterlippe. Blut quoll bereits aus den Mundwinkeln. Er merkte es nicht. Fühlte keinen Schmerz mehr. Nur der Gedanke „Geld und Macht!" beherrschte ihn.

Noch einmal öffnete er den Schlag des Wagens. Mit riesigen Schritten hetzte er den Steilhang zum Ankerplatz hinunter. — Nichts!

Sein Gesicht glich einer gräßlichen Maske, als er schweratmend den Rückweg zum Standplatz seiner Limousine antrat. Taumelnd erreichte er den Wagen und ließ sich wie betäubt hinter dem Steuer nieder.

Wirr und feucht hingen ihm die Haare in der Stirn. Mit verkrampften Händen ließ er das Fahrzeug anrollen. Schwingend rollte es über die ausgefahrene Wegstrecke zur Küstenstraße hin. „Verspielt!" kam es resigniert über seine Lippen,

Inzwischen war die Sicht noch schlechter geworden. Dünne Regenfäden klatschten gegen die Wagenscheibe. Die auf Nebellicht eingeschalteten Scheinwerfer prallten keine zwanzig Schritt vor dem Fahrzeug gegen eine milchig graue Nebelmauer. Trotzdem trat das Bein des Fahrers das Gaspedal tiefer durch. Rutschend und schlitternd gelangte die Limousine auf die Küstenstraße. Hier beschleunigte er das Tempo des Fahrzeuges noch mehr. Nur im Unterbewußtsein steuerte der Mann den Wagen durch die engen Kurven. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Fahrer einmal zu spät reagierte und die Limousine von der Fahrbahn abkommen mußte. 

Noch erkannte er nicht die Gefahr, die er mit seiner Fahrweise heraufbeschwor.

Seine Gedanken eilten voraus und suchten einen Weg, die erlittene Schlappe wettzumachen. Hin und her überlegte er, wie er am schnellsten wieder zu Geld kommen konnte. Viel Pläne verwarf er — doch dann verzog sich sein Gesicht zu einem diabolischen Grinsen. Der in ihm tobende Vulkan ebbte langsam ab.

Inmitten dieser mörderischen Fahrt war ein Plan geboren, der alle seine bisherigen Taten weit in den Schatten stellen sollte. Nicht nur den verlorengegangenen Betrag, sondern das Zehnfache würde er dabei herausschlagen können...

Weiter raste das Fahrzeug über die Küstenstraße. Im Rausche seiner Gedanken riß er den schweren Wagen durch die Kurven. Quietschend radierten die Reifen über den nassen Asphalt. — Dann geschah es ...

Zu spät bemerkte er den Sperrbock, der die vor ihm liegende linke Straßenseite sperrte. Die roten Leuchten, die das Schild „Achtung Straßenarbeiten!" anstrahlten, wurden von der Kühlerhaube erfaßt und mitgerissen. Hart riß er das Steuer nach rechts, um nicht gegen den aufgeworfenen Schotterhaufen zu fahren. Schabend glitt die rechte Seite des Wagens an der Felswand entlang. Das Blech des Kotflügels drückte sich gegen die Reifen und blockierte die Steuerung. Mit aller Macht versuchte der Mann, dessen Gedanken sich eben noch mit der Ausführung einer ruchlosen Tat beschäftigten, den pfeilschnell dahinschießenden Wagen zum Stehen zu bringen. —

Vergebens! „Verflucht, das ist das Ende!"

Knirschend rieben seine Zähne aufeinander, und mit ohrenbetäubendem Krach durchbrach auch schon die schwarze Limousine die zur Seeseite liegende Betonabsperrung und stürzte in die Tiefe. Beide Arme schützend vor den Kopf nehmend, erwartete der Mann im Wagen den alles zertrümmernden Aufprall...

2

––––––––

Craffield-Castle, der stattliche Herrschaftssitz in Bayswater — unweit des Hyde-Parkes — lag ruhig und friedlich inmitten eines sattgrünen englischen Gartens. Alles, was nur irgendwie mit Craffield-Castle zu tun hatte, schien in Reichtum und Wohlstand zu ersticken. —

So auch der goldbetreßte, ältliche Butler, dessen Schritte die weichen Perserläufer verschluckten, als er nun, mit mehreren Gläsern und zwei Flaschen Wein beschwert, dem Mitteltrakt des schloßähnlichen Gebäudes zustrebte. — Dort, wo eine breite Eichenholztreppe einen kühnen Schwung von der Halle aus zu den im oberen Stockwerk gelegenen Räumen machte, blieb er stehen. Während er auf einer Art Anrichte den tiefroten Burgunder in die Gläser laufen ließ, drangen erregte Stimmen hinter der schweren Tür des großen Salons an sein Ohr. Wenige Augenblicke horchte er mit angehaltenem Atem auf die Worte des alten Lords, dann nickte er wie zur Bestätigung dessen, was Sir Jeffrey Craffield empört hervorbrachte und murmelte: „Ein Skandal ist es und einer Craffield unwürdig, was Miß Belinda nun schon seit über zwei Jahren treibt. Und dann einfach aus dem Hause gehen. Früher wurden Frauen wie Belinda Craffield standesgemäß verheiratet. — Aber heute ..."

Im gleichen Moment, als der Butler nach kurzem Anklopfen in den Salon trat, klang die raue Stimme Sterling O'Haras auf. Sterling O'Hara war zwar der Stiefbruder des Lords, dennoch konnte man nicht sagen, daß sich die beiden Blutsverwandten sehr gut verstanden. Im Gegenteil, kamen diese beiden artfremden Männer einmal zusammen, so konnte man gewiß sein, daß ihre Meinungen hart aufeinanderprallten und bei ihrem Auseinandergehen stets ein Mißton zurückblieb. Sterling O'Hara hatte von seinem väterlichen Erbteil ein gutgehendes Handelsgeschäft aufgezogen und war nur sehr selten auf Craffield- Castle anzutreffen. Ihm behagte es nicht, den streng konventionellen Lebenswandel zu führen, dem sein Stiefbruder, Lord Jeffrey Craffield, mit Haut und Haaren verfallen war. Sein Leben war der Zeit angepaßt, die schnellebig und auf Gewinn gerichtet ist. Er stand mit beiden Füßen mitten im hastig pulsierenden Leben und verstand das Handeln seiner Nichte. So sprach er auch gelassen die Worte: „Jeffrey, weder du noch ich werden das Mädel je wieder hinter diesen Mauern einsperren können. Und außerdem, Jeffrey, habe ich nicht die Absicht, dich in deinem Bemühen, Belinda wieder auf Craffield-Castle zurückzuholen, zu unterstützen. Geschweige, als Vermittler in dieser Angelegenheit aufzutreten. Wenn du ihr etwas zu sagen hast, dann erledige es gefälligst selbst. Du findest sie jeden Abend im FIXED STAR-CLUB."

Eine Weile blieb es nach diesen Worten Sterling O'Haras still in dem großen Salon. Lord Craffield starrte mit verbissenen Zügen in die Flammen des Kamins. Sein faltenreiches, stubenblasses Gesicht wirkte im Scheine des lodernden Feuers wie ein Totenschädel. Dennoch konnte Sterling O'Hara nicht umhin, ob dieses blasierten Benehmens seines Stiefbruders leise zu lächeln. Langsam wandte sich Lord Craffield seinem Bruder zu. Seine Züge blieben unbewegt. Müde und ernst sah er Sterling O'Hara an.

„Sterling — ich wußte, daß es ein Absurdum war, dich hierherzubeten. Trotzdem tat ich es, um den Namen Craffield vor weiterer Schande zu bewahren. Denn auch du hast das Blut der Craffields in den Adern. — Nun aber sehe ich ein, daß du genauso wenig Wert darauf legst, wie es dieses leichtfertige Geschöpf Belinda seit Jahren tut. Und darum..."

„Stop, Jeffrey! — Mich kannst du mit deiner dummen Ansicht beleidigen. Ich bin diesen Kummer gewöhnt. Aber daß du deine Nichte Belinda ein leichtfertiges Geschöpf nennst, geht zu weit. Was weißt du denn überhaupt schon von ihrem Lebenswandel. Nichts!, — Du sitzt hier zwischen deinen ehrfürchtigen, festen Wänden und läßt dir von diesem Jungen dort die Ohren voll blasen.“

Verächtlich warf O'Hara einen kurzen Blick auf den jungen Mann, der sich bisher nur mit gelegentlichem Kopfnicken zu den Worten des Lords an der Unterhaltung beteiligt hatte, sonst aber nur blauen Dunst gegen die Decke blies und dem schweren Burgunder zusprach. Jetzt jedoch zuckte Louis Aden zusammen. Leichte Röte stieg an seinem Halse empor. — Bevor er jedoch eine seiner stets hochnäsigen Antworten geben konnte, hatte sein Onkel eingegriffen.

„Please, Sterling! — Laß Louis aus dem Spiel. Er ist noch der einzigste, der weiß, wie ein Craffield sich aufzuführen hat. Ihr dagegen scheint es nicht mehr zu wissen und setzt euch über alles Herkömmliche hinweg."

„Er wird auch wohl seine Gründe dafür haben", gab Sterling O'Hara sarkastisch zurück.

„Nun, Louis", wandte er sich dann sofort geschäftsmännisch an den arroganten Menschen, „was springt denn so für dich dabei heraus?"

Sich wie ein Wurm windend, versuchte Louis Aden dieser für ihn so peinlichen Frage zu entgehen. Zweimal zog er noch nervös an der eben angerauchten Zigarette. Mit fahrigen Fingern zerdrückte er sie auf dem Ascher und erhob sich ruckartig.

„Onkel Jeffrey — wenn du gestattest, dann darf ich mich jetzt wohl verabschieden?"

„Ist gut. — Wir sehen uns morgen früh wieder. Good evening, mein Junge!"

„Good evening, Onkel Jeffrey!"

Ohne Sterling O'Hara auch nur noch eines Blickes zu würdigen, schritt der junge Dandy mit schlacksigen Schritten aus dem Salon. Draußen warf er sich einen dunklen Regenmantel um die Schultern und stürmte aus dem Hause. Noch einmal warf er einen scheuen Blick zu den drei erleuchteten Fenstern des Mitteltrakts, dann ging er über die gepflegten Wege des Gartens in die Nacht hinein .. .

Im Salon selbst ließ Sterling O'Hara nicht locker. Er hatte nun mal die Frage aufgeworfen und wollte sie auch beantwortet wissen.

„Nun, Jeffrey, der Boy hat sich zwar aus dem Staube gemacht, aber mein Wissensdurst ist deshalb noch lange nicht gestillt. Es erscheint dir vielleicht etwas abgeschmackt, wenn ich meine letzte Frage wiederhole. Aber berücksichtige bitte dabei, daß es auch um meinen Besitz geht, der immer noch mit Craffield-Castle verschmolzen ist. Also bitte, was hat das zu bedeuten, daß du diesen lackierten Dandy, verzeih' — aber ich finde im Augenblick keine treffendere Bezeichnung für diesen Nichtstuer, ständig unter deinen Fittichen hast? — Hm, willst du diesen Speichellecker etwa zum Erben von Craffield-Castle bestimmen?"

„Er hat ein Anrecht darauf!" knarrte kalt die Stimme Lord Jeffrey Craffields auf. Funkelnd sah er seinen jüngeren Stiefbruder an.

Sterling O'Hara hielt dem eiskalten Blick stand. Er wußte, daß dieses Thema dem Lord nun gar nicht behagte und ihn an der empfindlichsten Stelle traf. Ihm gehörte aber ein drittel des riesigen Vermögens, und wenn er bisher auch noch keinen Anspruch darauf erhoben hatte, es auch nicht beabsichtigte, so wollte er wenigstens wissen, in welche Hände Craffield- Castle einmal gelegt würde. So antwortete er im gleichen Tonfall des Lords: „Ein Anrecht hat er, gewiß! Aber nur auf die Hälfte deines Besitzes. Die andere Hälfte dürfte rechtmäßig Belinda zukommen. — Oder willst du sie etwa ...?“

„Yes, Sterling! — Es ist mein fester Entschluß. Sollte Belinda nicht sofort zur Einsicht gelangen und ihr liederliches Leben aufgeben, so werde ich ihren Erbteil zugunsten Louis' abändern lassen.

„Soweit ist es also schon mit dir.'

„Genauso ist es, Sterling. Es ist besser, den Besitz in den Händen eines Dandys zu wissen, als ihn durch ein leichtsinniges Frauenzimmer unehrenhaft vor die Hunde gehen zu lassen!"

„Unehrenhaft — ein bedeutsames Wort. Doch ich glaube dich schon einmal gefragt zu haben, was du überhaupt von Belindas augenblicklichem Leben weißt?"

Details

Seiten
230
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908923
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
kommissar morry kriminalroman kommisar teufel gnade

Autor

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Titel: Kommissar Morry Kriminalroman 1: Kommissar Morry und der Teufel ohne Gnade