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Zwei Krimis: Mehr Düsseldorfer Morde

von Alfred Bekker (Autor) Peter Schrenk (Autor)

2017 500 Seiten

Leseprobe

Mehr Düsseldorfer Morde: Zwei Krimis

Alfred Bekker and Peter Schrenk

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Mehr Düsseldorfer Morde: Zwei Krimis

von Alfred Bekker & Peter Schrenk

Der Umfang dieses Buchs entspricht 537 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende zwei Romane:

Alfred Bekker: Der Armbrustmörder

Peter Schrenk: Ein fremder Tod

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Der Armbrustmörder

von Alfred Bekker

Auf dem Korschenbroicher Schützenfest verfehlt das Projektil einer Armbrust nur knapp den Moderator und Event Manager Thomas Marwitz. Privatdetektiv Robert Berringer ermittelt - und stößt sehr bald auf Eckart Krassow. Der hat sowohl die entsprechende Waffe als auch ein Motiv: Er möchte an Marwitz' Stelle die Eröffnungsveranstaltung der Hockey WM in Mönchengladbach moderieren. Doch wenig später wird er tot aufgefunden, und kurz darauf werden zwei weitere Armbrustmorde verübt. Gibt es eine Verbindung zwischen den Opfern? Ein kniffliger Fall für Berringer.

Prolog

Beinahe Mitternacht.

Schatten, die im Licht der spärlichen Beleuchtung dahinhuschten.

Ratten.

Vielleicht ...

Nur in den Büroräumen von EVENT HORIZON, der Event-Agentur von Frank Marwitz, brannte noch Licht. Ansonsten befand sich niemand mehr in dem kastenförmigen dreistöckigen Flachdachbau im Gewerbegebiet Mönchengladbach, in den sich ein paar aufstrebende Selbstständige eingemietet hatten, deren Unternehmen ihre beste Zeit noch vor sich hatten.

Marwitz saß an seinem Schreibtisch und fuhr gerade den Rechner herunter. Er hatte noch einmal den Veranstaltungskalender seiner Homepage überarbeitet. Nun war nichts mehr zu tun. Für diesen Abend hatte selbst ein so hyperdynamischer Jungunternehmer wie er, diese Rampensau des Niederrheins und Conferencier für alle Fälle, bekannt aus Funk, Fernsehen und lokalem Käseblatt, genug getan.

Der Flachbildschirm wurde dunkel. Marwitz stand auf. Sein Haar war gegelt, sah aber aus, als wäre es verschwitzt. Er war Mitte vierzig, fand aber, dass er wie Mitte dreißig aussah, und hatte ein Lebensgefühl, das er für das eines Fünfundzwanzigjährigen hielt.

Allerdings waren die allgewaltigen Unterhaltungschefs in den TV-Sendern in diesem Punkt anderer Meinung gewesen. Seine größten Erfolge war eine Nebenrolle in einer Vorabend-Soap und ein Moderatorenjob in einem Shopping-Sender gewesen. Aber der erste dieser beiden einzigen überregionalen Erfolge lag schon etwa zehn Jahre zurück, und der zweite hatte gerade sein unweigerliches Ende gefunden, weil der Shopping-Sender, für den er Trimmgeräte und Billig-Laptops angepriesen hatte, in Konkurs gegangen war.

So war Marwitz in gewisser Weise ein Opfer der allgemeinen Finanz- und Wirtschaftskrise geworden. Zumindest sagte er sich das, denn diese Version war leichter mit seinem Ego zu vereinbaren als die, dass seine Moderation möglicherweise einfach an der Zielgruppe vorbeigegangen war.

Genau das hatte man ihm bei einer Reihe von Castings gesagt, die er zwischenzeitlich hinter sich hatte.

Marwitz fragte sich nicht zum ersten Mal, wieso er das eigentlich mitmachte. Er moderierte Veranstaltungen mit mehreren tausend Gästen und half manchmal sogar als Stadionsprecher der Borussia aus – was nach dem Wiederaufstieg in die Bundesliga ja auch richtig Spaß machen konnte. Er brachte ganze Hallen zum Kochen und verwandelte halbtote Rentner in ekstatische, enthemmte Partygänger. Er machte manchmal selbst Butterfahrten und den Tanztee für Senioren zu einem unvergesslichen Bühnenereignis und lief zur Hochform auf, wenn bei der Abschlussfeier einer vierten Grundschulklasse zwar weder der Bär noch Eltern oder Lehrer, aber immerhin die Kinder tobten.

Aber für das Fernsehen schien er einfach nicht gut genug zu sein. Seine Karriere war in dieser Königsdisziplin des Showbiz schon am Ende gewesen, bevor sie richtig angefangen hatte.

Marwitz nahm ein Kaugummi aus der Tasche seines ausgebeulten Kordjacketts. Er hatte an diesem Tag seit dem spärlichen Frühstück, das aus einem angegessenen Schokoriegel von gestern bestanden hatte, noch nichts zu sich genommen. Es war einfach keine Zeit gewesen. Das Korschenbroicher Schützenfest stand zu Pfingsten vor der Tür, und da musste einiges organisiert werden, was gar nicht so leicht gewesen war. Vor allem war es schwierig gewesen, eine leistungsfähige PA-Anlage zu organisieren, die in der Lage war, ein Festzelt ausreichend zu beschallen.

Marwitz hatte den Job in Korschenbroich kurzfristig annehmen müssen, da ein Kollege ausgefallen war, und zu Pfingsten war so ziemlich jede funktionsfähige PA-Anlage im Land irgendwo im Einsatz. Ob nun beim Tanz in den Mai, einer Ü-30-Party oder beim Gemeindefest einer Pfarrgemeinde, alles was auch nur entfernt nach einem Lautsprecher aussah, wurde gebraucht, und Marwitz war einfach zu spät dran gewesen. Aber er hatte gute Kontakte und es schließlich doch noch auf die Reihe gekriegt.

Es fehlte nur noch eine Sache zu seinem Glück, und die raubte ihm den letzten Nerv.

Marwitz ging zur Fensterfront und drückte die Stirn gegen die Scheibe. Das gab zwar einen Schweißfleck, aber so konnte er hinaus in die Dunkelheit sehen, ohne nur sein eigenes Spiegelbild anzustarren, während er den Kaugummi weiterhin mit nervös mahlenden Kiefern bearbeitete.

Es ging um die Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle an der Hohenzollernstraße in zwei Tagen ...

Alles war perfekt organisiert gewesen. Eine Art überdimensionaler Kindergeburtstag für die Teenager der Achtziger, deren Musik durch den Tod von Michael Jackson eine unerwartete Renaissance erlebte. Ausgerechnet da war Marwitz das fest eingeplante Michael-Jackson-Double abgesprungen und hatte den Termin einfach gecancelled.

Angeblich, weil er eine Zerrung hatte.

„Opa-walk mit Krücke statt Moonwalk“, hatte er am Telefon gejammert. „Das will doch keiner sehen.“

Aber Marwitz hatte aus gut unterrichteten Quellen erfahren, dass diese Jackson-Doublette stattdessen ein Engagement in einer Disco in Moers angenommen hatte.

Für die doppelte Gage.

Der Tod eines Popstars konnte zwar die Party-Szene bisweilen gehörig anheizen, aber er verdarb leider sowohl die Preise als auch die Moral der Lookalikes. Es war immer dasselbe. Den Kerl zu verklagen half Marwitz nichts. In zwei Tagen musste ein Jackson-Double in der Kaiser-Friedrich-Halle auf der Bühne stehen, sonst war er erledigt. Der Act war groß angekündigt und überall plakatiert.

Und tatsächlich hatte der Event-Manager es geschafft, einen der wenigen Jackson-Doppelgänger zu finden, die gegenwärtig noch frei waren.

Und der hatte auch versprochen, noch an diesem Abend bei ihm vorbeizuschauen.

Aber er war bisher nicht aufgetaucht, und unter der Handynummer meldete sich nur die Mailbox.

Du schaffst es noch, dass ich wegen dir wieder anfange zu rauchen!, ging es Marwitz erbost durch den Kopf. Fünf Minuten gebe ich dir noch, und wehe du kannst dann den Moonwalk nicht so perfekt wie der King of Pop zu seinen besten Zeiten!

Ein Wagen fuhr auf den Parklatz vor dem Gebäude. Ein Mann stieg aus. Er war groß und schlank, mehr konnte Marwitz von ihm nicht erkennen, denn er war nur für einen kurzen Moment als Schattenriss zu sehen, dann verschluckte ihn die Dunkelheit.

Wenig später klingelte es an der Tür. Marwitz öffnete.

„Tag. Kann ich reinkommen?“

„Wenn Sie Michael Jackson sind.“

„Bin ich. Sie sind Marwitz, oder? Ich habe Sie in der Zeitung gesehen. ›Bunter Nachmittag für Senioren war ein voller Erfolg‹ oder so ähnlich. Stimmt‘s?“ Nichts, worauf ich stolz bin!, dachte Marwitz. „Kommen Sie rein!“, forderte er barsch. Die Tür fiel zu. Marwitz musterte das Jackson-Double von oben bis unten.

„Sie sehen Jacko überhaupt nicht ähnlich.“

„Mit Maske und Perücke schon. Sie werden mich nicht von ihm unterscheiden können.“

„Na ja ...“

„Krieg ich 'nen Vorschuss?“

„Jetzt?“

„Ich will fünfhundert Eier, gleich auf die Kralle, sonst trete ich nicht auf. Klar?“

„Nun mal langsam!“

„Scheiße, wenn ich gewusst hätte, dass Sie es doch nicht ernst meinen, wäre ich gar nicht erst hier rausgefahren.“

„Wo wohnen Sie denn?“

„Giesenkirchen. Ich habe da als Kellner im Los Morenos gearbeitet, aber die Gebrüder Moreno haben ihr Restaurant dichtgemacht, und nun stehe ich auf der Straße. Deshalb bin ich etwas knapp bei Kasse.“

„Wann sind Sie das letzte Mal aufgetreten?“, fragte Marwitz.

„Ist schon ein paar Jahre her. Nachdem dieser Kinderschänder-Prozess gegen Jacko angefangen hat, wollte plötzlich niemand mehr Jackson-Doubles. War 'ne ziemliche Scheiße für mich, ich hatte mir gerade erst neue Klamotten für Auftritte gekauft, und die sind ja nicht billig ...“

„Singen Sie mal 'nen Ton“, sagte Marwitz. „Irgendwas. ›Billy Jean‹ oder ›Dirty Diana‹ – was Ihnen so einfällt.“

„Oh, hatte ich das nicht gesagt? Ich singe nicht. Ich tanze nur und bewege den Mund.“

Marwitz atmete tief durch. Er singt nicht, er sieht Jackson nicht ähnlich, aber er will 500 Euro im Voraus! Na großartig!, durchfuhr es den Event-Manager, und dabei fühlte er, wie eine blutrote Welle in ihm aufstieg, die zur einen Hälfte aus Wut und zur anderen aus blanker Verzweiflung bestand.

„Aber ein paar Schritte Moonwalk werde ich doch jetzt wohl zu sehen bekommen.“ Marwitz hatte Mühe, das geschäftsmäßige Moderatoren-Lächeln, das bei ihm ansonsten von ganz allein und bei Bedarf auch zu jeder Tages- und Nachtzeit anzuspringen pflegte, nicht wie ein Zähnefletschen aussehen zu lassen.

„Null problemo!“, sagte der falsche Jacko. Er ahmte ein paar Tanzschritte seines großen Meisters nach, und seine Füße glitten dabei einigermaßen gelenkig über den Boden.

„Immerhin – der Griff in den Schritt war stilecht“, sagte Marwitz. „An dem Rest sollten Sie noch arbeiten.“

„Ich hab die falschen Schuhe an. Aber wenn ich verkleidet bin, kommt das gut!“

„Das will ich hoffen, sonst bin ich der Erste, der anfängt, Sie mit faulen Eiern zu bewerfen.“

„Was ist mit den Fünfhundert? Ich hab mehrere Angebote und muss Ihres nicht annehmen. Da laufen noch ein paar andere Partys, die ...“

„Ja, ja, schon gut.“

Marwitz ging zum Schreibtisch, öffnete eine Schublade und holte eine kleine Geldkassette hervor. Sie war nicht abgeschlossen, den Schlüssel hatte er verbummelt.

Größere Summen bewahrte er im Büro sowieso nicht auf, aber 500 Euro bekam er zusammen.

In diesem Moment zerplatzte die Scheibe. Ein Geschoss schlug durchs Fenster und traf den Flachbildschirm des Computers. Wie die Scheibe wurde auch der einfach durchschlagen, dann riss etwas Marwitz die Geldkassette aus der Hand, die zur gegenüberliegenden Seite des Raums geschleudert wurde. Fünf- und Zehn-Euro-Scheine flogen durch die Luft und sanken nieder.

Marwitz hatte sich zu Boden geworfen. Draußen war ein lauter Knall zu hören, und auch die anderen Fenster von Marwitz’ Büro zerbarsten. Der Event-Manager spürte selbst am Boden liegend noch die Hitzewelle der Explosion, die von draußen hereinfegte.

„Scheiße, mein Auto!“, rief der falsche Jacko.

Währenddessen knatterten draußen mehrere Motorräder, deren Fahrer anschließend – so hörte es sich an – einen Blitzstart hinlegten und davonbrausten.

Verdammt!, dachte Marwitz. Hört das denn niemals auf?

1. Kapitel: Berringer, dein Freund und Helfer

Ein klickendes Geräusch.

Der Geruch von Benzin.

Dann – Feuer!

Gelbrot, heiß ...

Wie die Hölle ...

Aus der einzelnen Flamme eines Feuerzeugs ein Flammenmeer ...

Darin: zwei Gesichter hinter den Scheiben einer Limousine.

Bettina ...

Alexander ...

Seine Frau und sein Kind, die Mienen im Schrecken erstarrt wie die Fratzen von Gargoyles.

Gefroren in der Zeit – und doch versengt im glutheißen Höllenfeuer.

Ich kann es verhindern!, dachte Berringer. Diesmal kann ich es vielleicht verhindern!

Der Gedanke hatte sich noch nicht einmal zur Gänze in seinem Kopf gebildet, als sein Körper längst handelte. Er wirbelte herum, fasste den hoch gewachsenen Mann mit dem Dreitagebart am Handgelenk und an der Schulter und drückte ihn grob gegen die Wand.

Der Kerl schrie auf und ließ das Feuerzeug fallen, und Berringer löste seine Finger vom Handgelenk des Mannes und presste ihm den Unterarm gegen die Kehle.

„Hör auf, Berry!“, rief eine schrille Stimme, die ihn vage an etwas erinnerte. An jemanden. An ein anderes Leben, das nie hätte Wirklichkeit werden dürfen.

Jemand fasste ihn an den Schultern. Er wandte den Kopf, blickte in ein Gesicht, das ihm bekannt vorkam. Ein Frauengesicht. Fein geschnitten, die Augen weit aufgerissen. Die Frisur hatte Stil, die Ohrringe nicht. Sie klimperten. Über dieses Klimpern hatte sich Berringer schon oft geärgert, aber jetzt rettete es ihn, denn es holte ihn augenblicklich zurück. Zurück ins Hier und Jetzt.

„Willst du unseren Klienten abmurksen, oder was soll der Mist?“, fauchte die Frauenstimme. Sie klang schrill und hoch und war genau richtig, um durch den Panzer aus Watte zu dringen, der Berringer im Moment zu umgeben schien und alle seine Empfindungen und Sinneseindrücke extrem dämpfte.

Er spürte plötzlich wieder den Schweiß auf seiner Stirn. Sein Herz schlug wie ein Hammerwerk. Er hatte einen Puls eines zum Tode Verurteilten, kurz bevor man ihn auf dem Elektrischen Stuhl festschnallte.

„Vanessa ...“, murmelte er.

Seine Stimme klang heiser und entsetzlich schwach. Und dieselbe Schwäche machte sich plötzlich auch in seinen Armen und Beinen breit. Seine Knie begannen zu zittern.

„Na, endlich merkst du es, Berry. Jetzt lass den Kerl los. Zwing mich nicht dazu, dir eins überzubraten. Du kannst von Glück sagen, dass die ›Zehntausend legalen Steuertricks‹ von Konz nicht an ihrem Platz im Regal stehen, warum auch immer.“ Berringer atmete tief durch. Vanessa Karrenbrock, Mitte zwanzig, BWL-Langzeitstudentin ohne den Ehrgeiz, den man Studierenden dieses Fachs für gewöhnlich nachsagte, arbeitete stundenweise in Berringers Detektivbüro, und Berringer fragte sich manchmal, ob das Chaos in seinen Ermittlungen, für das ihr loses Mundwerk stets sorgte, durch die Ordnung aufgewogen wurde, die sie in seine Buchhaltung und Steuerunterlagen brachte.

Aber so sehr Berringer die Erkenntnis auch widerstrebte – in diesem kritischen Moment hatte sie auf ihre rustikal-schrille Art sogar etwas Ordnung in sein zertrümmertes Seelenleben gebracht. Zumindest für den Augenblick.

Berringer wandte den Blick dem völlig verängstigten Dreitagebartträger zu, dessen Nasenflügel vor Angst bebten. Berringer ließ ihn los, strich sein Jackett glatt und trat einen Schritt zurück.

Bei dem Dreitagebartmann übernahm Vanessa das Glattstreichen des Jacketts. „Er hat’s nicht so gemeint“, versicherte sie – Worte, die etwa die gleiche Überzeugungskraft hatten, als wenn ein Lude seinen Mastiff spazieren führte und jedem Passanten versicherte: „Der macht nix. Der will nur spielen.“ Endlich kam der Mann, der vor diesem Ereignis zumindest potenziell als „Klient“ der Detektei Berringer anzusehen gewesen war, zu Atem, während er sich mit einer unbewussten fahrigen Geste erst einmal selbst die Gelfrisur nachhaltig ruinierte, woraufhin ihm die Haare zu Berge standen. „Der Typ ist ja nicht ganz richtig im Kopf! Ich frage mich, wie so ein Psycho frei herumlaufen kann!“

„Sag, dass es dir leid tut, Berry“, forderte Vanessa auf ihre unnachahmliche nachdrückliche Art und Weise. „Fix!“

Berringer schluckte. Allmählich begriff er, was er angerichtet hatte. Er bückte sich, um die Sonnenbrille aufzuheben, die bei dem Handgemenge zu Boden gefallen war.

Ein Billigmodell, das teuer aussehen sollte, erkannte Berringer gleich. Er reichte sie dem Mann. „Es war wirklich nicht meine Absicht, Sie zu erschrecken. Sie müssen verstehen, ich ...“

„Klar, jemand versucht mich umzubringen, vor meinem Büro fliegt ein Wagen in die Luft, die Polizei hilft mir nicht, und der Typ, auf den ich meine letzte Hoffnung setze, nimmt mich in den Schwitzkasten und erwürgt mich fast. Aber ich kann das natürlich alles verstehen und sehe das ganz easy!“

Er schielte zu dem Feuerzeug, das noch am Boden lag.

Berringer hatte es eigentlich genau wie die Brille aufheben wollen, aber er konnte es einfach nicht. Er fühlt sich wie gelähmt.

Nein, du darfst nicht wieder abdriften!, versuchte er sich selbst zurechtzuweisen und mental an die Kandare zu nehmen. Die Vergangenheit ist Vergangenheit. Deine Frau und dein Kind sind tot, und du lebst jetzt!, versuchte er sich selbst auf dem Pfad der Realität zu halten – einem sehr schmalen Pfad. Nimm das Feuerzeug! Überwinde dich! Setz dich dem Trigger aus und erfahre, dass er dich nicht mehr beherrscht!

Aber es ging nicht. Wie zur Salzsäule erstarrt stand Berringer da.

Der Kerl mit der selbst ruinierten Gelfrisur wagte es ebenfalls nicht, sich zu rühren, geschweige denn, das Feuerzeug selbst aufzuheben, denn dazu hätte er dem in seinen Augen völlig unberechenbaren Berringer zu nahe kommen müssen.

Vanessa erfasste die Situation. Seufzend schob sie Berringer noch ein Stück weiter zurück, sodass sich der Abstand zwischen den beiden Männern noch vergrößerte, und bückte sich nach dem Feuerzeug.

Anschließend versuchte sie, ihr Lächeln charmant aussehen zu lassen, als sie das Feuerzeug seinem Eigentümer zurückgab.

„Danke“, murmelte der Mann. „Ich mach mich dann besser vom Acker. Irgendwie bin ich hier anscheinend fehl am Platz.“

„Bleiben Sie“, sagte Berringer. „Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Sie mir gerade so beiläufig entgegengeschleudert haben, dann sind Sie hier sogar genau richtig.“

„Ach ja?“

„Es gibt nur wenige, die Ihnen helfen können. Viele werden das von sich behaupten, aber das sind Kaufhausdetektive und Leute, die nur Ihr Geld wollen, denen Ihre Sicherheit aber vollkommen gleich ist.“

„Ich hatte gerade nicht den Eindruck, dass sie Ihnen was bedeutet.“

„Fangen wir von vorn an. Ich heiße Berringer, und das ist meine Hilfskraft Vanessa Karrenbrock, die Ihnen die Rechnung schreiben wird, wenn wir für Sie tätig werden. Ich bin ehemaliger Polizeihauptkommissar und kenne mich aus. Außerdem habe ich noch einen guten Draht zu den Kollegen und komme so an Informationen heran, die nicht so einfach zugänglich sind.“

„Das war's also. Ein Zwei-Mann-Betrieb. Ich habe gehört, dass amerikanische Detekteien oft mehr als ein Dutzend Mitarbeiter haben, und selbst hier in Deutschland ...“

„Wir haben noch einen dritten Mann“, warf Vanessa ein - wobei sie ihrer Formulierung nach dann ebenfalls ein Mann sein musste, aber die Herausstellung ihrer weiblichen Identität schien ihr wohl im Moment von zweitrangiger Bedeutung.

„Herr Mark Lange ist ein hoch qualifizierter Mitarbeiter aus der Sicherheitsbranche, den wir glücklicherweise abwerben konnten. Tja, Sie sehen, gute Leute sind überall rar. Das ist bei Ihnen wahrscheinlich genauso. Ich ... äh, ich meine ... das schätze ich mal, obwohl ich noch nicht weiß, wer Sie sind und was Sie so machen.“

„Frank Marwitz, Event-Agentur EVENT HORIZON“, stellte er sich vor, und die Geschäftsmäßigkeit, mit der er dies tat, verriet, dass er diesen Halbsatz wahrscheinlich jeden Tag fünfzig Mal am Telefon aufsagte.

„Setzen wir uns“, schlug Berringer vor. „Kaffee ist leider alle, aber mich würde Ihr Problem interessieren.“

Marwitz schien noch nicht so recht entschieden zu haben, ob er dem Braten nun trauen sollte oder ob nicht doch sein ursprünglicher Entschluss, die Detektei fluchtartig wieder zu verlassen, die bessere Idee war.

Berringer ging zum Tisch und setzte sich auf einen der einfachen Stühle. Abgesehen von einer Computeranlage und allem Telekommunikationszubehör, was man in einer Detektei so brauchte, war die Einrichtung eher spärlich. Es gab in diesem etwas heruntergekommen wirkenden Büro im Düsseldorfer Stadtteil Bilk nur das Allernötigste – dafür aber einen großartigen Ausblick auf die uralte, langsam verblassende Blümchentapete, deren unmerkliche Verwandlung vom schrillen Hippie-Design zum zarten Aquarell wohl Jahrzehnte in Anspruch genommen hatte.

Das Telefon klingelte.

Berringer ging ran. Es war Mark Lange, der von Vanessa so hoch gepriesene, hoch qualifizierte dritte Mann der Detektei. In Wahrheit war er ein arbeitslos gewordener Angestellter des Sicherheitsunternehmens Delos, das vor ein paar Jahren in die Insolvenz gegangen war, weil einige leitende Mitarbeiter die Kundengelder von Banken und Versicherungen, die sie eigentlich von A nach B transportieren und dabei bewachen sollten, in die eigene Tasche gesteckt hatten. Das Ganze hatte nach dem berühmten Schneeballprinzip funktioniert, und folgerichtig war diese Blase irgendwann geplatzt. Die Verantwortlichen saßen nun im Knast und die Mitarbeiter auf der Straße, wobei dieses Schicksal alle gleichmäßig unbarmherzig getroffen hatte, die Ehrlichen wie die Halunken.

Mark war im Grunde ein armer Hund und keineswegs ein hochkarätiger Sicherheitsfachmann. Er hatte vor seinem Engagement bei Delos nur eine kurze Umschulung hinter sich gebracht, die aus ihm einen Wachmann hatte machen sollen.

Berringer wusste aus seiner Zeit bei der Düsseldorfer Polizei, wie erbärmlich der Ausbildungsstand dieser Sicherheitsfirmen häufig war. Das qualitativ Hochwertigste an diesen Security Guards, die auch zur Bewachung von Werksanlagen oder als Sicherheitsdienst in Bürohäusern eingesetzt wurden, war oft schon die respekteinflößende Fantasie-Uniform, mit deren martialischer Pseudoautorität sich die Obdachlosen aus den noblen Passagen herausmobben ließen.

„Brauchst du mich heute?“, fragte Mark. „Ich hab da einen lukrativen Schwarzarbeit-Job. Möbelschleppen bei einem Firmenumzug. Da könnt ich mir 'n paar Euro dazuverdienen, damit endlich mal mein Konto wieder im Plus ist.“

„In Ordnung“, sagte Berringer.

„Aber wenn bei dir irgendwas anliegt, dann hat das natürlich Vorrang.“

„Ich hab hier gerade einen Klienten. Du beurteilst die Lage am besten vor Ort und entscheidest dann nach Lage der Dinge“, sagte Berringer in einem Tonfall, der an Ernsthaftigkeit und Bedeutungsschwere kaum zu überbieten war.

„Irgendwie redest du heute komisch“, fand Mark.

„Ist schon in Ordnung.“

„Na ja, wie auch immer. Danke, dass du mir keine Knüppel zwischen die Beine wirfst und mich Geld verdienen lässt. Mein Kühlschrank und mein Bankkonto werden es dir danken.“

„Wiedersehen und alles Gute“, sagte Berringer und beendete das Gespräch. Dann fuhr er – an Vanessa gewandt, in Wahrheit aber mehr an Marwitz gerichtet – fort: „Auf Mark werden wir im Moment verzichten müssen. Die Observation zieht sich noch etwas hin. Aber er ist zuversichtlich, dass wir die Angelegenheit heute noch zum Abschluss bringen können.“

„Wunderbar!“, sagte Vanessa etwas zu übertrieben, als dass es wirklich überzeugend gewesen wäre. Doch Marwitz war dennoch beeindruckt. Vielleicht war auch seine Furcht vor dem, weswegen er die Detektei aufgesucht hatte, größer als die Angst davor, von Berringer noch einmal in den Würgegriff genommen zu werden.

Zögernd setzte auch er sich. „Ihr Laden scheint gut zu laufen. Offenbar behandeln Sie nicht alle Ihre Klienten so grob wie mich.“

„Ich kann mich gern noch dreimal entschuldigen, wenn Sie wollen“, erwiderte Berringer knurrig. Die Situation hatte ihn mindestens genauso mitgenommen wie das „Opfer“ seiner Attacke. „Aber es wird Ihnen wahrscheinlich kaum ein Trost sein, wenn ich Ihnen den Grund dafür erkläre, weshalb ich mich Ihnen gegenüber – wie soll ich sagen? – etwas merkwürdig benommen habe.“

„Das ist reichlich untertrieben“, erwiderte Marwitz. „Ich betrete Ihr Büro und denk mir nichts Böses, da fällt der Herr des Hauses mich an, als ob ich ein Einbrecher oder was weiß ich wäre! Ich habe Ihnen weder etwas getan, noch Sie provoziert oder beleidigt. Ja, genau genommen hatte ich ja noch nicht einmal die Möglichkeit, überhaupt ein Wort zu sagen, da haben Sie mich schon angegriffen!“ Er betastete seinen Hals, insbesondere die Gegend um den Adamsapfel. „Glauben Sie mir, wenn ich nicht so verzweifelt wäre, ich wäre schon weg. Davon abgesehen ...“ Er räusperte sich. „Ein Bekannter hat Sie mir empfohlen, den Sie offenbar nicht so traktiert haben.“

„Darf ich fragen, wer dieser Bekannte ist?“

„Frank Meier. Besser bekannt als Paul Pauke.“

Berringer nickte. „Ja, da klingelt’s bei mir.“

Frank Meier trat unter dem Namen Paul Pauke als Partysänger in den Clubs von Mallorca auf und hatte unter den Nachstellungen einer Stalkerin gelitten, bis Berringer dem ein Ende gesetzt hatte.

Marwitz wurde etwas lockerer. „Ich war es ja, der Paul Pauke dazu überredet hat, auch in Deutschland aufzutreten. Schließlich gibt es genügend Leute, die ihre Urlaubserinnerungen von der Sonneninsel in der Heimat gern wieder auffrischen lassen, und wo immer wir zusammen aufgetreten sind, sind wir auch hervorragend angekommen. Und ... nun, wenn Sie nicht gewesen wären, würde diese Spinnerin Paul noch immer belästigen. Aber Sie haben genug Beweise sammeln können, um sie schließlich juristisch an den Eiern zu kriegen und ...“ Marwitz stockte. Offenbar war ihm die Absurdität seines Sprachbilds selbst aufgefallen. „Also, Sie wissen schon, was ich meine.“

„Klar“, sagte Berringer.

„Wussten Sie, dass Paul Pauke wegen dieser Verrückten schon fast so weit war, die Auftritte in Deutschland abzublasen?“

Berringer nickte. „Ja, das hat er mir gesagt, und ich habe ihm damals erklärt, dass ihm das sehr wahrscheinlich nichts nützen würde, weil dieser Täter-Typ notfalls auch den letzten Cent dafür ausgibt, dem Opfer zu folgen. Oder in diesem Fall Dauerurlaub auf Mallorca zu machen.“

„Nun, jedenfalls hat mir Paul Pauke so ziemlich alles erzählt, was Sie für ihn getan haben, und ich bin natürlich froh, dass er weitermacht und ich ihn weiterhin als Party-Act in hiesigen Discos einsetzen kann. Na ja, daher wusste ich auch, dass Sie bei der Polizei waren und auf Ihrem Gebiet wirklich gut sind. Mein Problem ist ja so ähnlich wie das von Pauke. Nur, dass diese Stalkerin nicht versucht hat ihn umzubringen.“ Während Marwitz redete, hatte er wieder sein Feuerzeug hervorgezogen und spielte damit herum. Wie ein Taschenspieler ließ er es durch die Finger wandern, bis es ihm zu Boden fiel. Dabei bewegte sich der Mund des Event-Managers unablässig, er machte nicht einmal eine Komma-Pause, auch nicht, als er sich nach vorn beugte, um das Feuerzeug wieder vom Boden aufzunehmen, woraufhin er anfing, damit herumzuklicken.

Berringer spürte, wie sich wieder Schweiß auf seiner Stirn bildete. „Hören Sie auf damit!“, unterbrach er Marwitz so barsch, dass sich dagegen jeder Unteroffizier morgens auf dem Kasernenhof wie ein säuselnder Sozialpädagoge ausnahm.

„Wie ...?“, fragte Marwitz.

„Tun Sie besser, was er sagt“, bat Vanessa und verdrehte genervt die Augen.

Marwitz blickte auf sein Feuerzeug, runzelte die Stirn und steckte es ein. „Seitdem man versucht, mich umzubringen, rauche ich wieder, obwohl ich es seit meinem Engagement beim Shopping-Sender drangegeben hatte, weil es die Haut ruiniert. Aber dass Sie so ein militanter Nichtraucher sind, Herr Berringer ...“

„Der Reihe nach“, unterbrach ihn Berringer. „Wenn Sie schon wissen, dass ich bei der Polizei war, dann sollten Sie auch wissen, warum ich den Dienst dort geschmissen hab. Vor ein paar Jahren ermittelte ich gegen das organisierte Verbrechen, und diese Schweinehunde haben sich an meiner Familie vergriffen. Meine Frau und mein Kind wurden in unserem Wagen in die Luft gesprengt. Ich habe mit angesehen, wie sie darin verbrannten. Ob die Gangster dachten, dass ich auch drin sitze, weiß ich nicht. Jedenfalls ...“

Als er stockte, führte Vanessa den Satz für ihn zu Ende: „... leidet er seitdem unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.“

„Ich habe davon gehört“, erklärte Marwitz, und er sagte es in einem fast mitleidigen Tonfall. Genau deswegen erzählte Berringer normalerweise niemandem etwas davon.

Aber in diesem Fall ließ es sich nicht vermeiden. Schließlich hatte Marwitz ein Recht darauf zu erfahren, weshalb Berringer scheinbar grundlos auf ihn losgegangen war.

„Ich konnte nicht länger bei der Polizei bleiben. Es ging einfach nicht“, sagte Berringer, „und deswegen habe ich damals den Dienst quittiert.“

„Ich verstehe. Wie bei den Afghanistan-Soldaten, die erlebt haben, wie ihre Kameraden in die Luft gesprengt wurden.“

„So ähnlich“, bestätigte Berringer. „Als Sie plötzlich mit dem Feuerzeug herumspielten, hat es in mir ausgesetzt. Normalerweise habe ich das im Griff. Diesmal war’s leider nicht so. Ich kann nur nochmals versichern, wie leid mir das tut – aber ich kann Ihnen nicht garantieren, dass es nicht wieder geschieht, wenn Sie hier unbedingt den Feuerteufel spielen wollen. Wenn Sie jetzt denken, dass ich vielleicht doch nicht der Richtige wäre, um Ihr Problem zu lösen, dann hätte ich Verständnis dafür und Sie sollten sich jemand anderen suchen.“ Marwitz zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie sagen, Sie haben das im Griff ...“ Er warf einen Blick auf das Feuerzeug in seiner Hand und ließ es dann schnell in seiner Hosentasche verschwinden. „Paul Pauke haben Sie ja auch helfen können.“

„Gut, dann wird Ihnen Vanessa mal unsere aktuelle Preisliste raussuchen, damit Sie wissen, was finanziell auf Sie zukommt, wenn ich für Sie tätig werde.“

„Geld ist kein Problem“, behauptete Marwitz.

Vanessa hatte inzwischen ein Exemplar der Preisliste aus einer Schublade hervorgeholt und gab sie Marwitz, dessen Augenbrauen sich zunächst etwas zusammenzogen, dann aber nickte er. „Okay.“

„Nun erzählen Sie mal, worum es geht“, forderte Berringer.

Marwitz atmete tief durch und bewegte nun nervös den großen Zeh, der sich durch das weiche Leder seines spitz zulaufenden Schuhs drückte. Auch der Schuh bewegte sich ein wenig, und das erzeugte ein nerviges leises Geräusch.

Der Mann ist vollkommen fertig, dachte Berringer, der allmählich wieder eine Antenne für seine Umgebung bekam. Eigentlich waren die genaue Beobachtungsgabe und die instinktsichere Interpretation von Kleinigkeiten in Mimik, Gestik, Körpersprache und Tonfall eine seiner Stärken. Er konnte Personen sehr schnell und sehr sicher einschätzen, und gerade seit er als privater Ermittler tätig war und ihm der erkennungsdienstliche Apparat der Düsseldorfer Polizei nicht mehr zur Verfügung stand (auf jeden Fall nicht mehr in gleicher Weise wie früher), war er auf diese Fähigkeit mehr denn je angewiesen.

Allerdings gab es gewisse Momente, in denen sie vollkommen aussetzten. Und einer dieser Momente war gewesen, als er Marwitz angegriffen hatte. Dann war er ein Gefangener der Vergangenheit und seine Gedanken nur auf diesen einen Augenblick konzentriert, an dem sich für ihn alles verändert hatte. Nichts war so geblieben, wie es war. Es gab ein Leben davor und eines danach, und beide hatten nicht allzu viel miteinander zu tun.

Konzentrier dich auf das Hier und Jetzt!, ermahnte er sich. Laut der Anzeige an deinem Rechner ist es 12 Uhr 29. Du sitzt in deinem Büro im Stadtteil Bilk einem Klienten gegenüber, der sich trotz der abschreckenden Geschichten, die du über dich selbst kundgetan hast, noch von dir helfen lassen will, was wohl nur bedeuteten kann, dass ihm niemand anderes helfen kann oder will.

Die Vergegenwärtigung der Realität anhand von fassbaren Details war eine Strategie, die von Psychologen empfohlen wurde, um ein Trauma unter Kontrolle zu halten. Es sollte verhindern, dass ein Geruch, ein Geräusch, ein Lichtreflex oder irgendetwas anderes sonst als Trigger wirkte und man wieder anfallartig in den Moment versetzt wurde, in dem das traumatisierende Ereignis stattgefunden hatte. Ganz verhindern ließ es sich nicht. Der Körper hatte sein eigenes Gedächtnis, so hatte man es Berringer erklärt. Ein Gedächtnis, das sich vom Gehirn wenig vorschreiben ließ und in der Lage war, sich an eine Raumtemperatur bis auf ein Zehntel Grad genau zu erinnern – um damit einen Anfall auszulösen.

„Also“, begann Marwitz, „gestern Abend war ich in meinem Büro und habe auf so einen Blödmann gewartet, der heute bei der großen Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle von Mönchengladbach als Michael-Jackson-Double einspringen soll.“

„Wieso Blödmann?“, fragte Berringer.

„Der Typ kann nichts und wollte gleich Geld im Voraus. Aber ich hab keine Wahl, als ihn zu nehmen, weil mich sein Vorgänger ziemlich kurzfristig sitzen gelassen hat. Seit der King of Pop tot ist, können sich seine Lookalikes und Imitatoren vor Auftrittsangeboten kaum retten, und das macht die Sache für jemanden wie mich leider nicht leichter. Aber egal. Es war schon Mitternacht, und der Typ kam und kam nicht. Dann taucht er schließlich doch noch auf, und es stellt sich heraus, dass er nicht singen kann, Michael Jackson so ähnlich sieht wie eine Salatgurke einer Karotte und auch den Moonwalk kaum hinkriegt. Na ja“, Marwitz verzog das Gesicht zu einem säuerlichen Grinsen, „er kann ja vielleicht mit Mundschutz auftreten, dann fällt die nicht vorhandene Ähnlichkeit nicht so auf, und wenn er beim Playback die Lippen nicht synchron bewegt, kriegt das auch keiner mit. Und jetzt, da alle Welt um Jacko trauert, erhält er dafür wahrscheinlich trotzdem Applaus. Mit hoher Stimme ›I love you‹ ins Mikro hauchen, wird ja wohl nicht so schwer sein ...“

„Was passierte an dem Abend?“, versuchte Berringer das Gespräch wieder auf den Kern der Sache zu bringen. Er konnte sich inzwischen lebhaft vorstellen, wie Marwitz als Plaudertasche vom Dienst nacheinander einen Kindergeburtstag, einen Seniorennachmittag, eine Karnevalssitzung und eine Ü-30-Party über die Bühne brachte und vielleicht noch zwischendurch eine Amateur-Modenschau für ein Kaufhaus moderierte.

„Ich wollte dem Jacko-Double gerade fünfhundert Euro geben, hab meine Geldkassette aus der Schublade geholt, da gibt es plötzlich einen Knall. Eins der Bürofenster zerspringt, und ein Stahlbolzen zischt an mir vorbei und haut mit einer Wucht in die Wand rein – ich sag Ihnen, so was haben auch Sie noch nicht erlebt. Tja, und im nächsten Moment fliegt der Wagen des Jackson-Doubles in die Luft, und man hört laut und deutlich, wie ein paar Motorräder davonbrausen.“ Als er erwähnte, dass das Auto des Lookalikes explodiert war, zuckte Berringer merklich zusammen. Das Feuer ... Die verzerrten Gesichter seiner Frau und seines Sohnes in den Flammen ... Berringer riss sich am Riemen und fragte: „Und dann?“

„Na, was und dann? Das war‘s im Wesentlichen. Ich hab die Feuerwehr und die Polizei gerufen und kann jetzt nur beten, dass der falsche Jackson heute Abend auch auftaucht. Ich hätte mir ja schon längst selbst den Moonwalk beigebracht, wenn ich nicht seit meinem Skiunfall im letzten Jahr Probleme mit dem Knie hätte. Die fünfhundert Euro hat er jedenfalls mitgenommen, aber nachdem sein Wagen ausgebrannt ist, hat er ja vielleicht einen so großen Bedarf an Geld, dass er heute Abend wirklich auftritt.“

„Name und Adresse des Jacko-Doubles“, forderte Berringer.

„Arno Schwekendiek. Adresse, Telefonnummer und so weiter hab ich hier aufgeschrieben.“ Er kramte einen Zettel aus der Jacketttasche hervor und schob ihn Berringer über den Tisch. „Aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was Sie von dem Kerl wollen.“

„Er ist ein wichtiger Zeuge, und da sein Auto bei diesem Anschlag in die Luft gesprengt wurde, könnte es sein, dass er das eigentliche Ziel der Attacke war und nicht Sie.“

„Nein, das glaub ich nicht“, widersprach Marwitz. „Sehen Sie, seit Wochen werde ich immer wieder von einer Rockergang bedroht. Die haben Veranstaltungen gesprengt, bei denen ich moderiert hab. Das Fest der Landjugend in Knickelsdorf zum Beispiel. Da haben die mit ihren Maschinen einen Riesen-Tumult veranstaltet.“

„Und da Sie vergangene Nacht Motorräder gehört haben, glauben Sie, dass diese Bande dahintersteckt?“

„Genau! MEAN DEVVILS nennen die sich. DEVVILS mit Doppel-V. Die sind in der ganzen Gegend berüchtigt.“

„Hat sich die Polizei die Typen nicht vorgenommen nach der Sache in Knickelsdorf?“, fragte Berringer.

„Nun, da laufen ein paar Verfahren, aber die Typen waren maskiert, und es ist wohl nicht so leicht, da Einzelnen was nachzuweisen. Und ich fürchte, dass wird jetzt wieder so sein.“

„Und weshalb meinen Sie, haben es die Burschen auf Sie abgesehen?“ Marwitz zuckte mit den Schultern. „Ich habe bisher immer gedacht, dass mir da jemand von der Konkurrenz richtig schaden will. Mich aus dem Job drängen oder so.

Verstehen Sie? Wenn sich herumspricht, dass es bei Veranstaltungen, bei denen ich auftrete, stets zu Krawallen kommt, engagiert mich niemand mehr.“

„Ich nehme an, die Polizei war am Tatort und hat sich alles angesehen“, vermutete Berringer.

„In Knickelsdorf?“

„Nein, bei dem Anschlag letzte Nacht.“

„Ja, sicher. Aber einen richtig kompetenten Eindruck haben die mir nicht gemacht.

Ich habe denen gesagt: Was soll denn noch passieren, damit Sie endlich ein paar von der Bande festnehmen? Aber dieser rothaarige Typ meinte nur, dass ich ganz beruhigt sein könnte, sie würden ihre Arbeit schon machen. Na großartig! Ich darf gar nicht an heute Abend denken ...“

„Wieso?“

„Na, die Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle. Können Sie da nicht mit Ihren Leuten hinkommen?“

„Und Sie beschützen?“

„Vielleicht fällt Ihnen ja was auf. Wenn da heute Abend was passiert, dann ...“

„Was dann?“

Marwitz sah Berringer an und schluckte. „Dann bin ich draußen, verstehen Sie?“ Die Augen des Event-Managers flackerten unruhig. „Jetzt steht das Schützenfest in Korschenbroich an und dann das große internationale Feldhockey-Turnier, wo ich den Stadionsprecher machen werde und natürlich durch das Vorprogramm moderiere. Das ist ein Riesending! Ich weiß nicht, ob Sie’s wissen, aber der Hockeypark in Mönchengladbach ist das größte Feldhockey-Stadion Europas und ...“

„Ich verfolge eigentlich mehr das Schicksal der Borussia“, unterbrach Berringer, um Marwitz‘ Abschweifungen zu stoppen.

„Was ich sagen wollte, ist: Es gab da im Vorfeld einen sehr starken Konkurrenzkampf“, erklärte Marwitz, „und ich habe bei beiden Veranstaltungen die Sache für mich entschieden. Ich habe einfach überzeugt. Gutes Konzept, gute Probemoderation, ein rundes Paket eben. Aber es gab da noch jemand anderen, und den hat das sehr gewurmt: Eckart Krassow, meinen lokalen Konkurrenten. Wir machen so ziemlich das Gleiche, nur ist er in jeder Hinsicht etwas schlechter als ich. Schlechter bei der Moderation und schlechter im Preis ...“

Berringer runzelte die Stirn. „Und Sie glauben, dass dieser Krassow etwas mit dem Anschlag auf Sie zu tun hat? Ist der etwa nach Feierabend Rocker und fährt mit den MEAN DEVVILS auf 'ner Harley durch die Gladbacher City?“

„Nein, natürlich nicht. Aber erstens könnte es doch sein, dass die MEAN DEVVILS von Krassow bezahlt werden, um mich aus dem Markt zu drängen ...“

„Das glauben Sie wirklich?“

„... und zweitens ist Krassow Armbrust-Schütze in einem Verein.“

„Ich glaube, das müssen Sie mir erklären.“

„Na, der Stahlbolzen, der mich fast umgenietet hätte! Das war ein Armbrustbolzen! Das hat die Polizei herausgefunden. Wussten Sie, dass diese Dinger, wenn sie aus einer heutigen Hightech-Armbrust abgeschossen werden, sogar Panzerplatten durchschlagen können? Die Durchschlagskraft ist höher als bei den meisten Schusswaffen, und – jetzt kommt‘s! – sie zählen zwar als Schusswaffen, aber sie unterliegen nicht den dafür eigentlich infrage kommenden Gesetzen. Niemand braucht sich irgendwo anzumelden oder muss einen Waffenschein beantragen, wenn er so ein Ding erwirbt. Und wenn man wirklich auf Nummer sicher gehen will, geht man in die Schweiz, da zählen Armbrüste noch nicht mal als Waffe, und es gibt überhaupt keine Beschränkungen beim Erwerb, beim Verkauf, beim Besitz und so weiter.“

Klar, ist ja auch das Land von Wilhelm Tell, dachte Berringer, enthielt sich aber eines Kommentars auf Marwitz‘ gesammeltes Google-Wissen, das dieser sich offenbar auf die Schnelle angeeignet hatte, um sich schlau zu machen.

„Na, dann geben Sie mir sicherheitshalber auch die Adresse Ihres Konkurrenten“, sagte Berringer stattdessen. Er drehte den Zettel um, auf dem schon die Daten des Jacko-Doubels standen, und holte einen Kugelschreiber aus der Jackettinnentasche.

„Eckart Krassow hat sein Büro in der Landgrabenstraße. Nummer habe ich vergessen. Aber er hat 'ne Homepage, da steht alles drauf. Übrigens, soweit ich gehört habe, wäre es nicht das erste Mal, dass die MEAN DEVVILS solche Aufträge ausführen. Allerdings haben sie das bisher eher für das Rotlichtmilieu, Drogenhändler oder Inkasso-Büros getan. Nur will Ihr ehemaliger Kollege meinen diesbezüglichen Hinweisen nicht nachgehen. Den hat das gar nicht interessiert, diesen Ignoranten. Stattdessen wollte er dafür sorgen, dass bei mir jetzt häufiger Streifenwagen vorbeifahren, aber das glaube ich ihm nicht. Wäre ohnehin auch Blödsinn, weil ich ja ständig auf Achse bin. Ja, aber so ist das: Da wird man mit dem Tod bedroht und bekommt noch nicht mal anständigen Personenschutz! Das sind eben Beamte. Die haben ja ihre Sicherheit von der Wiege bis zur Bahre, und was für Sorgen ein Selbstständiger wie ich so hat, das können die sich nicht mal ansatzweise vorstellen. Ich sage Ihnen, schon unser Steuersystem und die Pensionen ...“

Nein, bitte nicht!, dachte Berringer. Nicht diese Leier! „Sie sagten, mein Ex-Kollege war rothaarig. Hieß der zufällig Anderson?“

„Ja, so hieß er.“

„Sie haben Glück.“

„Als ich mit diesem Kerl zu tun hatte, hatte ich den Eindruck nicht gerade. Das ist ja einer der Gründe, warum ich zu Ihnen gekommen bin.“

„Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson, früher Kripo Düsseldorf, jetzt Kripo Mönchengladbach“, murmelte Berringer. „Ich kenne ihn gut. Wir waren zusammen in der Ausbildung, und Sie sollten wirklich nicht zu schlecht über ihn denken.“

„Wieso?“

„Als ich Paul Paukes Stalkerin überführt hab, brauchte ich ein paar Informationen, an die ich ohne Anderson nicht herangekommen wäre.“

„Na ja ...“, gab sich Marwitz nun etwas kleinlaut. „Ich will ja nichts gesagt haben. Und ganz bestimmt will ich Ihren ehemaligen Kollegen nicht schlechter reden, als er ist ...“

Berringer lächelte kühl. „Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen, Herr Marwitz.“

„Aber Sie müssen auch mich verstehen. Ich bin mit den Nerven ziemlich am Ende.

Tja, und heute Abend muss ich natürlich wieder megagut drauf sein, wenn die ergrauten Achtzigerjahre-Teenies abfeiern wollen und so tun, als wäre die Zeit an ihnen vorbeigegangen und nur sie selbst jung und geil geblieben.“ Da passt du doch ganz gut dazwischen!, dachte Berringer.

„Klingt nach einem wirklich harten Job“, sagte er laut und mit einigermaßen überzeugend geheucheltem Mitleid.

„Kann ich heute Abend mit Ihnen und Ihrer Truppe rechnen?“, vergewisserte sich Marwitz.

„Ja, Sie können sich auf uns verlassen“, versprach Berringer. „Hundertprozentig.“

„Ich rede mit dem Veranstalter, damit man Sie hereinlässt.“

Wäre ja noch schöner, wenn ich für diesen Mist noch bezahlen müsste!, dachte Berringer. Alle Formen des organisierten Frohsinns waren ihm verhasst, und das hatte ausnahmsweise nichts mit seinem Trauma zu tun, sondern lag in seiner tiefsten Natur begründet. Das hatte er feststellen müssen, als es ihn vor Jahren aus dem heimatlichen, komplett frohsinnsfreien, von muffigen Sturköpfen dominierten Münsterland in das karnevalsverrückte Düsseldorf verschlagen hatte.

Marwitz wandte sich an Vanessa. „Ich werde sogar versuchen, Sonderkarten für Sie aufzutreiben. Für den Backstagebereich und so.“ Er schenkte Vanessa ein öliges Lächeln, und zu Berringers Entsetzen schien Marwitz damit bei ihr sogar zu punkten.

Jedenfalls kicherte sie.

Bevor die Situation noch peinlicher werden konnte, meldete sich Marwitz’ Handy, indem es in reichlich scheppernden Akkorden den Triumphmarsch aus Aida schmetterte.

Viel Schein, wenig Sein, dachte Berringer. Aber unglücklicherweise schien sich genau diese besondere Angeber-Spezies bestens zu vermehren.

„Marwitz, Agentur Event Horizon – Motto: Wir machen alles möglich, aber Wunder dauern fünf Minuten länger. Was kann ich für Sie tun?“ Berringer überlegte, wie oft Marwitz diesen Spruch wohl schon heruntergerattert hatte, um ihn in dieser exorbitanten Geschwindigkeit fehlerfrei und immer noch deutlich akzentuiert über die Lippen zu bringen. Da zeigt sich der wahre Profi, dachte Berringer.

Marwitz schien das größte Schnellsprechtalent seit Dieter Thomas Heck zu sein, doch der Fluch der späten Geburt hatte dafür gesorgt, dass seine Zeit schon vorbei gewesen war, bevor er seine Karriere hatte starten können. Der Mantel der Geschichte hatte diesen Moderatorentyp gestreift und war an ihm vorbeigegangen, und nun mussten Männer wie Frank Marwitz auf Ü-30-Partys grölende Massen unterhalten anstatt eine Samstagabendshow im ZDF zu moderieren.

Marwitz sagte ein paar Mal knapp, zackig und ganz gegen seine ansonsten ausschweifende Diktion „Ja!“ und beendete dann das Gespräch. Dann stand er auf und sah gewichtig auf seine Armbanduhr, die zwar aussah wie eine Rolex, aber nur ein preiswertes Imitat war, wie Berringer auf den ersten Blick erkannte. In der Zeit, als er noch mit einer Polizeimarke gegen das organisierte Verbrechen gekämpft hatte, hatte er unzählige solcher Fälschungen sichergestellt. Sie wurden von kriminellen Banden über die EU-Grenzen geschleust und dann für einen Bruchteil des Preises angeboten, den ein Originalprodukt kostete.

„Ich muss leider weg. Ich habe wider Erwarten jemanden gefunden, der mir eine PA-Anlage liefern kann.“

„Wie ...?“, fragte Berringer.

„PA – Public Adress. Eine Anlage zur Beschallung einer öffentlichen Veranstaltung – also mit genügend Leistung.“

Marwitz hatte Berringer gründlich missverstanden. Berringer wusste durchaus, was eine PA-Anlage war. Er wunderte sich nur, dass sie Marwitz plötzlich wichtiger war als seine Sicherheit. Jedenfalls schien er auf einmal keinerlei Furcht mehr davor zu haben, dass man noch einen weiteren Anschlag auf ihn verüben könnte.

„Wir sehen uns also heute Abend in der Kaiser-Friedrich-Halle“, sagte Marwitz und eilte schon Richtung Tür.

„Wann fängt die Party denn an?“, fragte Berringer schnell.

„Um acht. Aber ich bin schon um sieben da, und es wäre schön ...“ Den Rest bekam Berringer nicht mehr mit.

„Seltsamer Typ“, sagte Berringer, als der Event-Manager weg war.

„Ich fand ihn nett“, meinte Vanessa.

„Na ja ...“ Berringer bemühte sich, nicht mit den Augen zu rollen.

Als nächstes versuchte er Mark Lange anzurufen, um ihm zu sagen, dass er ihn am Abend unbedingt brauche. Aber Mark war nicht erreichbar. „Hat bestimmt das Handy abgestellt, damit ich ihn nicht belästige“, brummte Berringer.

„Schreib ihm doch 'ne SMS“, schlug Vanessa vor.

Berringer seufzte. „Bleibt mir wohl nichts anderes übrig“, knurrte er. Er hoffte nur, dass sich Mark die Nachricht auch rechtzeitig ansah. „Mit dir rechne ich natürlich auch ganz fest“, fügte er an Vanessa gerichtet hinzu.

„Kein Problem.“

Na, da hat der Charme des Möchtegern-Medienstars aber volle Wirkung gezeigt!, ging es Berringer durch den Kopf, denn ansonsten brachte Vanessa ganz obligatorisch ein paar Widerworte vor, wenn er eine Aufgabe für sie hatte.

Die nächste Nummer, die Berringer wählte, gehörte Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson. Sie war im Adressbuch der Telefonanlage gespeichert.

„Kann ich gleich mal vorbeikommen?“, fragte der Detektiv. „Wie, was heißt hier: Es ist im Moment gerade schlecht? Die Sache ist sehr wichtig, und eine Hand wäscht die andere, das weißt du doch.“

Berringer lauschte der Antwort, sagte dann „Ja, ja – schon gut“ und legte auf.

„Na, meiden dich jetzt schon alte Freunde, Berry?“, fragte Vanessa spitz.

„Nein, das nicht. Allerdings muss ich in einer halben Stunde in Gladbach sein. Thomas muss in die Drachenhöhle.“

Vanessa runzelte die Stirn. „Ist dein Kommissar-Kumpel nicht ein bisschen zu alt für Fantasy-Rollenspiele?“

„Drachenhöhle wird im Gladbacher Polizeipräsidium das Büro der Staatsanwaltschaft genannt, insbesondere das von Frau Dr. Müller-Steffenhagen. Und bei der soll der arme Thomas in 'ner Stunde antanzen.“

„Klingt ja richtig gruselig“, neckte Vanessa.

„Ja, da bin ich richtig froh, mit dem ganzen Laden nichts mehr zu tun zu haben“, seufzte Berringer.

2. Kapitel: In den Straßen von Mönchengladbach

Die Treppe zu Berringers Büro im vierten Stock mehrmals täglich hoch- und dann wieder auf Erdgeschossniveau hinabzusteigen, war gegenwärtig der einzige Sport, den er betrieb – vom Denksport mal abgesehen, den sein Job manchmal mit sich brachte.

Angeblich war Bilk der Stadtteil mit den meisten Frauen und der höchsten Geburtenrate in ganz Düsseldorf; nirgends in der Landeshauptstadt gab es mehr Kinder. In den vielen Kneipen wurde aber trotzdem Alt und nicht Malzbier ausgeschenkt. Eingefleischte Lokalpatrioten behaupteten sogar, dass man in der Bilker Lorettostraße viel besser shoppen könnte als auf der Kö.

Berringer allerdings nahm eher an, dass Leute, die so etwas von sich gaben, einfach nur schon zu lange nicht mehr aus Bilk herausgekommen waren, vielleicht weil sie den ganzen Tag über einen Kinderwagen vor sich herschoben. So toll dieser Stadtteil mit seinen schmucken Altbauten, den kleinen Straßen und den vielen Bäumen auch war, in Bilk zu wohnen hätte sich Berringer nicht vorstellen können. Sein privates Domizil lag im Düsseldorfer Hafen, fünfzehn Gehminuten entfernt, und war ein Hausboot, für das er noch immer keinen richtigen Namen gefunden hatte. So hieß der umgebaute Frachter einfach DIE NAMENLOSE.

Auch bis zu seinem Wagen musste Berringer an diesem Tag fast eine Viertelstunde gehen, nur in die andere Richtung. Parkplätze waren in Bilk so knapp wie überall in der Landeshauptstadt. Die legalen Parkplätze waren sogar noch knapper und die, für man nichts bezahlen musste, eigentlich immer besetzt.

Aber für Berringer hatte das sein Gutes. Manchmal wachte er morgens auf, und es schien keinen Grund zu geben, das Bett zu verlassen. Doch bevor man sich der Depression ergab, riss einen der Gedanke aus den Federn, dass man vielleicht keinen Parkplatz mehr bekam, wenn man sich nicht sputete, und in Berringers Job konnte es mitunter ziemlich wichtig sein, den Wagen in unmittelbarer Nähe des Büros zu haben.

So angenehm ein Spaziergang durch das malerische Bilk bei gutem Wetter auch sein mochte, manchmal musste es eben einfach sehr schnell gehen. Und dies war so ein Moment.

Berringer ging mit großen Schritten durch die Straßen und zog schließlich das Longjackett aus, weil er ins Schwitzen geriet. Schließlich fand er die Stelle wieder, wo er den Wagen, einen Opel, geparkt hatte. Er war neu, denn der fahrbare Untersatz, den er bis vor zwei Monaten noch benutzt hatte, hatte den Geist aufgegeben.

Berringer stieg ein.

MEAN DEVVILS mit Doppel-V ... Er versuchte sich daran zu erinnern, ob er schon irgendwann mal etwas von dieser Rockergruppe gehört hatte. Etwas, das ihn weiterbringen konnte. Aber ihm fiel nichts ein. Außer ein paar Zeitungsartikeln, an die er sich vage erinnerte und in denen es um die üblichen Randale gegangen war: Schlägereien, einen Türsteherkrieg, Drogen ... Aber das hatte alles in Mönchengladbach stattgefunden, also schon fast im Ausland.

Bestimmt konnte ihm Thomas Anderson weiterhelfen.

Berringer warf das Jackett auf den Beifahrersitz. Von Düsseldorf-Bilk bis Gladbach war es eine knappe halbe Stunde. Berringer stellte fest, dass er sein Navi vergessen hatte, fand das aber nicht weiter schlimm. Erstens war es noch nicht lange her, dass er zuletzt dem Polizeipräsidium von Mönchengladbach einen Besuch abgestattet hatte, und zweitens hatte Berringer als Ex-Polizist einen exzellenten und gut trainierten Orientierungssinn, und so traute er sich zu, die Theodor-Heuss-Straße in Mönchengladbach im Schlaf zu finden. Das Polizeipräsidium war ein so großer Gebäudekomplex, dass man ihn kaum übersehen konnte.

Während er damals Paul Pauke vor den Nachstellungen dieser verrückten Stalkerin beschützt hatte, war er mehrmals die Woche in Thomas Andersons Büro gewesen. So oft, dass er dem Herrn Kriminalhauptkommissar damit wohl schon ziemlich auf die Nerven gegangen war, Freundschaft hin oder her.

Und jetzt bin ich leider gezwungen, Thomas schon wieder auf den Wecker zu fallen, dachte Berringer. Kein Wunder, dass Anderson alles andere als erfreut geklungen hatte, als er Berringers Stimme am Telefon vernommen hatte.

Er fuhr auf die Kopernikusstraße und gelangte schließlich zum Düsseldorfer Südring, wo sich der Verkehr bereits auf verdächtige Weise verlangsamte. Stau? Baustelle?

Berringer rechnete jeden Moment damit, dass bei den Fahrzeugen vor ihm die Warnblinkanlagen angingen.

Der Aggregatzustand des Verkehrs veränderte sich von fließend in zähflüssig.

Berringer trommelte mit den Fingern nervös auf dem Lenkrad herum. Wenn das so weiterging, würde Anderson bereits in der staatsanwaltschaftlichen Drachenhöhle hocken, wenn er die Theodor-Heuss-Straße in Mönchengladbach erreichte. Anders als in Märchen und Fantasy-Romanen bestimmten dort allerdings die Drachen die Regeln, nicht die aufrechten Recken, die für Recht und Gerechtigkeit eintraten.

Berringer erinnerte sich noch gut daran. Von diesen Büros war mitunter ein enormer Ermittlungsdruck ausgegangen, was bisweilen dafür gesorgt hatte, dass letztendlich niemand mit dem Ergebnis der jeweiligen Untersuchung hatte zufrieden sein können.

Insbesondere geschah das immer dann, wenn ein Fall Aufsehen in der Öffentlichkeit erregte. Dann schrien Medien und Politik jedes Mal auf, wenn nicht umgehend Erfolge präsentiert wurden, und dadurch reagierten alle Beteiligten wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen und taten in erste Linie das, was öffentlichkeitswirksam nach entschlossenem Handeln aussah, aber nicht das, was wirklich zur Lösung des Falls beitrug. So mancher Massen-Gentest gehörte in diese Rubrik und war in Wahrheit eher ein Akt der Verzweiflung als Teil überlegter Ermittlungstaktik.

Manchmal brauchte man eben Geduld, um zu Ergebnissen zu kommen. Jeder Jäger, der tagelang auf dem Hochsitz zubrachte, wusste das, aber diese Tugend vertrug sich irgendwie nicht mit der Kurzatmigkeit der Medien.

Wie geduldig man mitunter sein musste, hatte Berringer am eigenen Leib erfahren, und das auf sehr schmerzhafte Weise. Der Tod seiner Familie war auch nach Jahren noch immer nicht vollständig aufgeklärt, und es war fraglich, ob das überhaupt jemals geschehen würde. Zwar saß ein Mann wegen dieses Verbrechens im Gefängnis, aber der Killer war bestenfalls ein Werkzeug gewesen, und man hätte ihn genauso gut zusammen mit anderen Tatwaffen in der Asservatenkammer aufbewahren können, hätte das nicht gegen die Menschenwürde verstoßen. Wer diesen Mann beauftragt und damals aus dem Hintergrund die Fäden gezogen hatte, war bislang unbekannt.

Es gab nur einen nom de guerre, einen Kampfnamen.

Die Eminenz!

Anscheinend spielte diese Eminenz eine gewichtige Rolle in der organisierten Kriminalität des Niederrheins, und so hatte Berringer damals gegen dieses Phantom ermittelt. Vielleicht war er dem unbekannten Paten dabei näher gekommen, als er geahnt hatte. So nahe, dass man ihn als Gefahr eingestuft hatte – als jemanden, der kaltgestellt werden musste.

Und obwohl die Autobombe aufgrund nie wirklich geklärter Umstände nicht ihn, sondern seine Familie getötet hatte, hatte die andere Seite damit ihr Ziel erreicht.

Vorerst zumindest.

Denn auch wenn sich Berringer in dieser Sache zunächst geschlagen geben musste, so war er doch entschlossen, irgendwann Licht ins Dunkel zu bringen. Irgendwann, das hatte er sich fest vorgenommen, würde er alle Teile des Puzzles zusammengefügt haben. Irgendwann würde vielleicht auch der eingebuchtete Killer sein Schweigen brechen.

Irgendwann ...

Sie sollten aufhören, in der Vergangenheit zu leben!

Er hatte den markigen Satz eines dieser Psychologen noch im Ohr, bei denen er in Behandlung gewesen war. Berringer mochte dem noch nicht einmal widersprechen.

Manchmal wiederholte er diesen Satz sogar leise, sprach ihn vor sich hin wie ein Mantra, wenn er innerlich abzudriften drohte und Gefahr lief, den Anforderungen im Hier und Jetzt nicht mehr gerecht zu werden. Sein Verstand sagte ihm, dass der Doc recht hatte, aber da war etwas anderes, viel Stärkeres in ihm, das seine Gedanken trotzdem immer wieder rückwärts richtete.

Er konnte nichts dagegen tun. Und oft wollte er es auch gar nicht.

Der Verkehr quälte sich langsam an einem Lastwagen vorbei, dem wohl ein Reifen geplatzt war. Jedenfalls hing der Geruch von angeschmortem Gummi in der Luft und gelangte über die Belüftung des Opel auch in Berringers Nase.

Der Lastwagen war offenbar die Ursache für den zähfließenden Verkehr gewesen, denn danach ging es schneller voran. Auf dem Südring nahm Berringer die Ausfahrt zur A57 und trat dann das Gaspedal voll durch, in der Hoffnung, dass er nicht von den Ex-Kollegen der Autobahnpolizei gestoppt wurde.

Er nahm die Route über die A52 Richtung Mönchengladbach. Drei Baustellen ließen ihn beinahe jeden Zukunftsglauben begraben, noch pünktlich beim Polizeipräsidium anzukommen.

Durch die veränderte Verkehrsführung im Baustellenbereich verpasste Berringer dann beinahe noch die Abfahrt Nord. Vielleicht war auch der Umstand Schuld, dass er sich nicht richtig auf die Fahrt konzentrierte. Ein Detail aus Frank Marwitz’ Bericht schwirrte ihm immer wieder im Kopf herum.

MEAN DEVVILS – mit Doppel-V ...

Berringer war sich plötzlich sicher, schon einmal in einem anderen Zusammenhang das Wort DEVVIL mit Doppel-V gesehen zu haben. Es lag schon länger zurück, in jenem so fern erscheinenden Abschnitt seines Lebens, in dem noch alles in Ordnung gewesen war.

Vor seinem inneren Auge tauchte ein grobschlächtiges Gesicht auf, das ihm jedoch nur nebulös in Erinnerung geblieben war, obwohl er eigentlich darauf trainiert war, sich Gesichter zu merken. Aber offenbar war dieses nicht wichtig genug gewesen, und so hatten es diese Züge nicht in den permanent abrufbaren Bereich des Langzeitgedächtnisses geschafft.

Dafür war da dieses Detail, das sich dort aus irgendeinem Grund festgesetzt hatte und nun wieder aus der Versenkung auftauchte, in der es einige Jahre lang geschlummert hatte.

DEVVILISH – mit zwei V! Ein Tattoo, das am Halsansatz aus dem Muskelshirt eines Türstehers geschaut hatte. Die einzelnen Buchstaben waren in altdeutscher Frakturschrift gewesen.

Und auf einmal fiel Berringer auch wieder ein, bei welcher Gelegenheit er das Tattoo gesehen hatte.

Es war bei einer Razzia gewesen, an der er vor Jahren teilgenommen hatte. Der Türsteher mit dem Tattoo am Halsansatz hatte ein ziemlich verdutztes Gesicht gemacht, als ihm die Dienstmarke der Kripo unter die Nase gehalten wurde.

Wahrscheinlich waren seine Personalien von Kollegen aufgenommen worden; an den Namen des Burschen erinnerte sich Berringer jedenfalls nicht mehr. Aber an den Namen der Diskothek. Und daran, dass die Razzia ein Reinfall gewesen war.

BLUE LIGHT ...

Ein Glitzerschuppen, der über ein paar Strohmänner unter der Kontrolle des organisierten Verbrechens gestanden und der Geldwäsche sowie als Drogenumschlagsplatz gedient hatte. Berringer und seine Kollegen hatten gehofft, eine Spur zu finden, die sie der Eminenz ein Stück näher hätte bringen können. Die Düsseldorfer Kripo hatte Insidertipps gehabt, aber die andere Seite hatte von der geplanten Razzia Wind bekommen. Jedenfalls war am entsprechenden Abend noch nicht einmal ein Joint gefunden worden.

Devvilish ... Mean Devvils ...

Das doppelte V bei beiden Wörtern stellte nun wirklich keine besonders augenfällige Verbindung zwischen beiden Sachverhalten dar.

Dennoch ...

Glaubst du an Zufälle?, fragte sich Berringer.

Er wusste, dass er dieser Spur folgen würde. Geduldig und ohne eine Ahnung zu haben, wohin sie ihn führen würde.

Gut möglich, dass er damit wieder mal nur nach einem Strohhalm griff, um den Mord an seiner Familie aufklären zu können ...

Mit Mühe und Not und einem Tritt in die Eisen, der einen dicht auffahrenden Mercedes-Fahrer zu der allgemein unter der Bezeichnung „Einen Vogel zeigen“ bekannten Geste verleitete, zog Berringer den Opel auf die Abbiegerspur nach Viersen. Er sah auf die Uhr. Er brauchte schon eine grüne Welle, um es noch mit einer einigermaßen vertretbaren Verspätung zum Präsidium zu schaffen.

An der nächsten Gabelung hielt er sich rechts und folgte den Schildern, die nach Mönchengladbach wiesen. Wo auch immer das sein mag, dachte Berringer leicht amüsiert. Im Grunde war Mönchengladbach eine Gruppe von Kleinstädten und Dörfern, um welche die allmächtigen Herren der Gebietsreform irgendwann einmal einen Kreis gezogen hatten, um dann zu verkünden: Es werde eine Stadt! Und es ward eine Stadt. Mit einem Lokalpatriotismus, der zumindest solange gehalten hatte, wie die Borussia den Bayern die Meisterschaft hatte wegschnappen können. Aber das war in den seligen Siebzigern gewesen, und die waren lange vorbei.

Berringer folgte der Kaldenkirchener Straße und wurde von ein paar Motorrädern überholt, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre Überholmanöver durchführten und die anderen Verkehrsteilnehmer offenbar als Slalomstangen in einem Biker-Rallye-Park ansahen. In solchen Augenblicken hätte Berringer am liebsten die rote Kelle rausgehalten oder die Leuchtanzeige mit der Aufschrift BITTE FOLGEN! eingeschaltet, um wenigstens ein paar dieser Verrückten die Leviten zu lesen.

Nein, du bist kein Polizist mehr!, musste er sich dann jedes Mal eindringlich selbst erinnern. Seine Befugnisse waren nicht größer als die jedes anderen Bürgers. Er konnte Nummernschilder aufschreiben und Anzeige erstatten, mehr nicht.

Nun ja, der Nutzen all der Appelle an die Vernunft war bei solchen Typen ohnehin kaum messbar.

Dieses Mal achtete Berringer besonders auf die Embleme und Schriftzüge auf den Jacken und den Maschinen der Biker. Einer von den Kerlen fuhr sogar provozierend lange neben ihm her und zeigte ihm den Stinkefinger, anstatt seinen Überholvorgang zügig abzuschließen.

An diesem Tag wurde das bisschen, das von Berringers psychischer Stabilität geblieben war, auf eine harte Probe gestellt.

Bei keinem der Rocker war ein DEVVIL mit zwei V auszumachen, auch nicht in irgendwelchen Abwandlungen oder Kombinationen. Stattdessen registrierte er jede Menge Totenköpfe und ein paar Mal die Aufschrift EAGLES OF TERROR. War wohl die Konkurrenz der MEAN DEVVILS.

Die Motoren heulten auf, und auch der Stinkefinger-Zeiger brauste davon, mit einer Geschwindigkeit, dass es den überwiegend altersschwachen Fahrzeugen der Einsatzwagenflotte des Landes NRW wohl schwer gefallen wäre, die Verfolgung aufzunehmen. Der Spuk war so schnell vorbei, wie er begonnen hatte.

Komische Schreckensvögel, dachte Berringer.

Noch bevor er den Bismarckplatz erreichte, meldete sich sein Handy. Er nahm das Gespräch über die Freisprechanlage entgegen.

„Herbolzheimer, Hafenverwaltung“, stellte sich eine schleppend sprechende Frauenstimme vor. „Spreche ich mit Herrn Robert Berringer?“

„Ja.“

„Sie sind der Eigner eines Boots, das die Bezeichnung NAMENLOSE trägt?“

„Richtig.“

„Im Bereich des Liegeplatzes, den Sie zurzeit haben, müssen Ausbesserungsarbeiten an der Kaimauer durchgeführt werden. Dazu ist es nötig, dass Ihr Boot an einen anderen Liegeplatz verlegt wird.“

Der Gedanke, dass die NAMENLOSE an einem anderen Platz festmachen sollte, gefiel Berringer nicht. Er konnte nicht genau sagen, weshalb eigentlich. War es nicht völlig normal, dass Boote ab und zu mal ihren Liegeplatz änderten?

Aber in diesem Fall war das etwas anderes. Seitdem Berringer die NAMENLOSE

besaß und als seinen Wohnsitz nutzte, hatte sie ihren Liegeplatz nicht mehr gewechselt.

„Ich habe nirgends Schäden an der Kaimauer bemerkt“, sagte der Detektiv.

„Wir führen die Arbeiten ja auch durch, bevor sichtbare Schäden auftreten“, erläuterte ihm die Stimme am anderen Ende der Verbindung. „Im Übrigen sind Sie bereits schriftlich auf die anstehenden Maßnahmen hingewiesen worden.“ Berringer konnte sich nicht erinnern, einen entsprechenden Bescheid erhalten zu haben. „Tut mir leid, Ihre Post hat mich nicht erreicht.“

„Wie dem auch sei, Sie müssen bis morgen mit der ... äh, mit der NAMENLOSEN den jetzigen Liegeplatz verlassen haben.“

„Ich habe die Gebühren im Voraus bezahlt!“, empörte sich Berringer.

„Dafür ist Ihnen ja auch für die Zeit der Baumaßnahmen ein Ersatzliegeplatz zugewiesen worden. Nummer ... Einen Moment!“

„Mailen Sie mir die Nummer zu“, bat Berringer. „Dann weiß ich zumindest, wo es hingeht.“ Er gab seine E-Mail-Adresse durch.

„Ich rufe Sie eigentlich nur an, weil ich mich vergewissern wollte, dass Sie Ihren Liegeplatz tatsächlich freigemacht haben, damit die Arbeiten wie geplant beginnen können.“

„Ja“, knurrte Berringer wenig begeistert.

„Vorsorglich weise ich Sie darauf hin, dass man Sie in Regress nehmen kann, falls durch ...“

„Ist schon klar“, schnitt Berringer ihr das Wort ab.

Nachdem er das Gespräch beendet hatte, rief er in der Detektei an. Vanessa war am Apparat.

„Ruf Werner van Leye an. Seine Nummer steht in unserem Adressverzeichnis. Sag ihm, meine NAMENLOSE muss bis morgen auf einen anderen Liegeplatz verlegt werden, dessen Nummer gleich per E-Mail durchgegeben wird.“ Werner van Leye war ein ehemaliger Binnenschiffer, der sich zu seiner Frührente hier und da etwas schwarz dazuverdiente. Er war es gewesen, der die NAMENLOSE überhaupt an ihren Liegeplatz manövriert hatte. Schließlich hatte Berringer zwar manche Qualifikation, aber eine Fahrberechtigung für Binnenschiffe gehörte nicht dazu. Noch schwerer wog, dass er sich zu einem solchen Manöver gar nicht in der Lage sah. Bevor er also selbst sein Kapitänsglück versuchte, war es besser, dass sich jemand darum kümmerte, der die nötige Erfahrung hatte. Schließlich wollte Berringer nicht, dass am Ende nicht nur Ausbesserungsarbeiten an der Kaimauer, sondern auch noch an seinem Boot durchgeführt werden mussten.

„Ich kann dir jetzt keine Einzelheiten erklären“, sagte Berringer zu Vanessa. Aber wie sich herausstellte, war das auch gar nicht nötig.

„Ach, du meinst wegen der Ausbesserungsarbeiten des Hafenamts“, hörte er ihre helle Stimme ganz beiläufig daherflöten.

Für einen Moment glaubte er, sich verhört zu haben, und war sprachlos. Dann brach es aus ihm hervor: „Du weißt davon?“

„Ich habe dir den Brief mehrfach vor die Nase gehalten, aber du hast die Sache wohl irgendwie nicht zur Kenntnis genommen. Na ja, das ist ein Weilchen her. Ich dachte, du hättest das längst geregelt.“

„Tja, das habe ich dann offensichtlich nicht“, murmelte Berringer.

„Ich kümmere mich darum.“

„Danke.“

Vanessa beendete das Gespräch.

Berringer nahm mechanisch die Südeinfahrt des Mönchengladbacher Polizeipräsidiums an der Ecke Theodor-Heuss-Straße/Webschulstraße. So kam man auf dem schnellsten Weg zum Besucherparkplatz, und außerdem war das Gebäude nicht weit, in dem sich das Kommissariat 11 befand, dem Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson angehörte.

Berringer ließ sich vom Pförtner durchwinken, der ihn kannte und wusste, dass sich Berringer zurechtfand. Nach links ging es auf den Besucherparkplatz, der an eine Grünfläche mit Teich angrenzte. Die Gebäude waren von A bis P durchnummeriert, woran man allein schon ermessen konnte, welche Ausmaße die Anlage hatte.

Berringer konnte sich immer nur wundern, dass diese Ansammlung von beschaulichen Dörfern, die sich Mönchengladbach nannte und, seit die Borussia nicht mehr am Bökelberg spielte, ihr „Zentrum der Herzen“ verloren hatte, ein so großes Polizeipräsidium brauchte. Lokalpatrioten aus Rheydt, die sich noch lange gegen die Eingemeindung im Jahre 1975 gewehrt hatten, sahen darin wahrscheinlich noch immer eine geballte Demonstration der kommunalen Zentralmacht.

Aber vielleicht war der Grund für die bauliche Zurschaustellung polizeilicher Stärke auch der, dass die Gegend gar nicht so besinnlich war, wie sie Berringer bei der ersten Durchfahrt erschien. Die Nähe zur holländischen Grenze brachte es natürlich mit sich, dass die Drogenfahnder immer gut zu tun hatten. Trotz europäischer Union und Schengener Abkommen, trotz des gemeinsamen Wirtschaftsraumes, gemeinsamer Verteidigung und des Euros als gemeinsame Währung – die unterschiedliche gesetzliche Behandlung sogenannter weicher Drogen in den Niederlanden und dem Rest der Welt sorgte dafür, dass diese Grenze auf absehbare Zeit mehr bleiben würde als nur eine Verwaltungsgrenze.

Berringer eilte im Laufschritt zum Gebäude, das sich entlang der Theodor-Heuss-Straße wie ein lang gezogener Schlauch erstreckte. Unglücklicherweise war das Kriminalkommissariat im Westteil untergebracht, was bedeutete, dass Berringer einen längeren Weg hatte.

Er stürmte durch den Eingang, nachdem man ihm dort geöffnet hatte. Jetzt nur nicht ungeduldig oder gar aggressiv-erregt wirken, dachte Berringer. Sonst bestand die Gefahr, dass man ihn nicht weiter vorließ.

„Zu wem wollen Sie denn?“, fragte eine Frau in einem Glaskasten.

„Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson. Wir haben einen Termin.“

„Davon ist mir nichts bekannt.“

„Rufen Sie doch bitte kurz durch.“

„Ja, aber ...“

„Bitte, es ist dringend.“

Der größte Fehler, den Berringer in so einer Situation machen konnte, war zu erwähnen, dass er Privatdetektiv war. Irgendwie wurde er dann immer als unlautere Konkurrenz angesehen, als etwas, das es eigentlich gar nicht geben durfte.

Schließlich war die Bekämpfung des Verbrechens eine staatliche Aufgabe, da hatte sich die Privatwirtschaft rauszuhalten. So oder so ähnlich lautete die in Hallen wie dieser weit verbreitete Ansicht. Kaufhausdetektive, Nachtwächter und Personenschützer – das war noch statthaft. Aber um den Rest – wenn’s denn nicht gerade um Ehebruch ging – kümmerte sich bitte schön die Staatsmacht selbst.

Früher hatte Berringer diese schlechte Meinung über Privatdetektive und alles, was sich sonst noch im sogenannten Security-Business tummelte, durchaus geteilt. Die Tatsache, dass man keine Ausbildung, sondern nur einen Gewerbeschein brauchte, um sich „Privater Ermittler“ nennen zu dürfen, trug sicher nicht zum guten Ruf der Branche bei.

Abgesehen davon war jeder Private, der in der Sicherheitsbranche tätig war, eine stille Anklage gegen die Unzulänglichkeit von Justiz und Polizei.

„Herr Anderson erwartet Sie“, sagte die Frau im Glaskasten schließlich, nachdem sie aufgelegt hatte.

„Danke“, knurrte Berringer, was eigentlich mehr wie „Na endlich“ klang.

„Sie sollen sich beeilen!“

„Witzbold!“

„Was meinten Sie?“

„Nichts.“

Berringer nahm immer drei Stufen auf einmal. Auf diese Weise war er schneller, als wenn er auf den Lift gewartet hätte.

Augenblicke später stand er vor Andersons Büro und klopfte.

„Herein!“

Berringer trat ein.

Thomas Anderson stand hinter seinem Schreibtisch. Er trug sein Jackett, den mittleren Knopf zugeknöpft, den Schlips hochgezogen und eine Mappe unter dem Arm. Das alles zusammengenommen konnte eigentlich nur bedeuten, dass er bereits auf dem Sprung war. Fertig zum Kampf in der Drachenhöhle.

Er sah auf die Uhr. Eine Geste, die man nur auf eine Weise verstehen konnte: als Vorwurf.

„Berry, du bist spät.“

„Tut mir leid.“

„Ich hatte dir doch gesagt, was gleich für mich ansteht.“

„Und ich sagte, dass es mir leid tut. Der verdammte Verkehr, du weißt schon. Sieht aus, als soll buchstäblich jeder Autobahnkilometer in und um Mönchengladbach verbreitert, ausgebessert oder aus anderen Gründen neu geteert werden.“

„Vorwiegend sind das wohl andere Gründe“, sagte Anderson. „Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung zeigt Wirkung. Die Gelder müssen von den Kommunen noch rechtzeitig ausgegeben werden, und da wird jetzt asphaltiert, was das Zeug hält. Für unsere Kollegen von der Verkehrspolizei ist das natürlich mit erheblicher Mehrarbeit verbunden. Die Unfallzahlen sind gerade in den Baustellenbereichen alarmierend gestiegen.“

„Kann ich mir denken.“

„Aber nun zur Sache, Berry. Meine Zeit ist knapp, und ich hoffe, du kommst mir mit etwas wirklich Wichtigem“

„Frank Marwitz war bei mir.“

„Dieser Wichtigtuer vom Dienst? Die Rampensau von Mönchengladbach? Keine Party ohne die dummen Sprüche von Frank Marwitz. Na ja, ich kann mir schon denken, was er wollte.“

„So?“

Anderson legte die Mappe auf den Tisch. Eins zu null für mich, dachte Berringer, denn das bedeutete, dass sich Anderson ein wenig Zeit nehmen würde. Und das Dunkelrot, das sein Gesicht plötzlich angenommen hatte, deutete auf einen Zustand hin, den man neudeutsch als „emotionale Betroffenheit“ bezeichnete. Kein Zweifel, der Fall Marwitz hatte Anderson ziemlich auf die Palme gebracht, und Berringer wollte unbedingt wissen, warum.

„Der Kerl weiß alles besser“, erklärte Anderson dann auch gleich ungefragt, „gibt uns aber keine vernünftigen Hinweise und denkt, die ganze Welt drehe sich nur um ihn.

Und zu allem Überfluss erzählt er uns dann auch noch, wie wir unseren Job zu machen hätten. Da kann einem wirklich der Kragen platzen.“

„Verstehe“, murmelte Berringer.

„Nein, das verstehst du nicht, Berry. Du bist schon zu lange draußen, um dich daran noch richtig erinnern zu können.“

„Jedenfalls hat Herr Marwitz mich beauftragt, ihm zu helfen.“ Anderson winkte ab. „Nichts für ungut, aber ich denke, er schmeißt sein Geld zum Fenster raus.“

„Na ja, da es nicht unser Geld ist, sollte uns beide das nicht weiter interessieren.“ Anderson zuckte mit den Schultern. „Komm du mir nicht auch noch auf die Tour.

Mein Bedarf an dummen Sprüchen ist auf Jahre hinaus gedeckt, seit ich diesen eingebildeten Blödmann kennengelernt habe.“

„Aber wir sind uns doch einig darüber, dass auch einen Blödmann niemand mit einem Armbrustbolzen abschießen darf, oder?“

Anderson atmete tief durch. Er strich sich übers Gesicht, das die dunkelrote Färbung einfach nicht verlieren wollte. Sie passte auch zu gut zu den zahllosen Sommersprossen und zu Andersons schütterem rötlichem Haar. Seit Neuestem trug er auch ein kleines Ziegenbärtchen, das ihm Berringers Meinung nach allerdings nicht stand.

Auf Berringers letzte Bemerkung ging Anderson nicht weiter ein. Stattdessen sagte er in gedämpftem, fast vertraulichem Tonfall: „Hör zu, dieser Anschlag auf Frank Marwitz gehört zu einer Serie vergleichbarer Taten. Immer wurden Hightech-Armbrüste eingesetzt. Nie starb jemand, es gab immer nur Sachschaden. Hast du nichts darüber gelesen? Der irre Armbrustschütze – Wurde er durch die alten Edgar-Wallace-Filme inspiriert?“

„Ich bin sehr beschäftigt. Diese Meldungen müssen an mir vorbeigegangen sein.“ Die Welt war schlecht, das wusste Berringer auch ohne die Lektüre bunter Sensationsblätter oder entsprechender Sendungen im Privatfernsehen, die das Publikum offenbar davon überzeugen wollten, dass Perverse und Kriminelle längst die Weltherrschaft errungen hatten.

„Na ja, du bist ja sozusagen auch raus aus dem Geschäft“, räumte Anderson ein. „Es hat sich manches geändert, seit wir zusammen in Düsseldorf unterwegs waren.“ O nein, jetzt kein Gequatsche über die Vergangenheit!, ging es Berringer durch de Kopf. Die sentimentalen Kollektiverinnerungen an irgendeine vermeintlich gute alte Zeit fielen Berringer schwer, seit seine Familie in einem Feuerball ums Leben gekommen war. Es schien so, als wäre sein gesamtes Leben vor diesem Augenblick mit verbrannt. Er mied deswegen Klassentreffen oder Einladungen alter Freunde.

Manche nahmen ihm das übel – vor allem dann, wenn er diese Kontakte trotzdem beruflich zu nutzen versuchte.

„Marwitz hat den Verdacht geäußert, dass eine Rockergang hinter dem Anschlag steckt, die es wohl schon länger auf ihn abgesehen hat“, sagte Berringer. „MEAN

DEVVILS mit Doppel-V in der Mitte. Die haben wohl schon mehrere Veranstaltungen gesprengt, die von Marwitz moderiert wurden.“ Anderson nickte. „Und angeblich soll sein Konkurrent, ein gewisser Eckart Krassow, die Brüder dazu angestiftet haben. Hat er dir also auch diesen Mist erzählt.“

„Wieso ist das Mist?“

„Na ja, das ist vielleicht etwas hart gesagt. Aber dieser Marwitz nervt mich einfach.

Tut so, als würden wir unseren Job nicht machen.“

„Er hat einfach Angst. Und ehrlich gesagt, kann ich das auch verstehen. Wenn dir so ein Bolzen um die Ohren fliegt, würde dich das wahrscheinlich auch nicht kalt lassen.“

Anderson fixierte ihn auf einmal aus blitzenden Augen. „Glaubst du, wir machen unsere Hausaufgaben nicht?“

Berringer wollte keinen Streit, deshalb gab er erst gar keine Antwort, sondern sagte:

„Du hast eine Serie vergleichbarer Taten erwähnt ...“

„Mit Marwitz ein rundes Dutzend Fälle“, bestätigte Anderson. „Wir vermuten Mutproben unter Rockern. Wer aufgenommen werden will, muss vorher etwas möglichst Verrücktes, Gefährliches, Aufsehenerregendes tun. Etwas, das ihn an die Gruppe bindet. Warum also nicht mit einer Armbrust auf jemanden schießen? Aber eben nur knapp daneben. Man zeigt, wozu man in der Lage ist, aber zieht es nicht bis zur letzten tödlichen Konsequenz durch. Dennoch verbreitet das Angst und Schrecken. Und diese Brüder freuen sich dann, wenn sie groß in der Zeitung stehen.“ Anderson deutete auf ein Boulevardblättchen, das gefaltet auf seinem Schreibtisch lag. „Mönchengladbach: der Wilde Westen Deutschlands – Armbrust-Cowboys schlagen wieder zu!“, stand da über einem schwarz umrandeten Artikel, der aus zwei sehr kurzen Spalten und einem Foto samt dazugehöriger Bildunterschrift bestand.

Das Bild zeigte einen Mann in Lederkleidung, der einen Stinkefinger in die Kamera hielt (was Berringer an den Rocker erinnerte, der ihm selbigen auf der Herfahrt gezeigt hatte). Das Gesicht war unkenntlich gemacht, was dem Ganzen wohl einen pseudodokumentarischen Charakter geben sollte. Berringer glaubte eher, dass das Foto gestellt war. Vielleicht sogar eine Montage. Im Hintergrund war jedenfalls das malerisch-biedere Panorama der Innenstadt zu sehen.

„Dann ist ein Zusammenhang mit diesen MEAN DEVVILS doch gar nicht weit hergeholt“, äußerte er.

„Natürlich nicht“, schnaubte Anderson verärgert. „Sie sind sogar unsere Hauptverdächtigen bei den Armbrust-Attentaten. Denn wir wissen, dass einige ihrer Mitglieder in der Vergangenheit Armbrüste besessen haben. Nur glaube ich nicht, dass dieser Krassow etwas damit zu tun.“

„Wieso nicht? Ist er nicht Armbrustschütze im Verein?“

„Das ist er. Wir haben seine Waffen sichergestellt und die verwendeten Projektile verglichen. Der offizielle Bericht vom BKA ist noch nicht da, dennoch hat Krassow nichts mit den Anschlägen zu tun.“

„Was macht euch so sicher?“

„Wir haben natürlich Krassows Alibi überprüft. Er war zu der Zeit, als der Anschlag auf diesen Schwätzer verübt wurde, in Köln. Da gibt es so einen TV-Sender, bei dem man anrufen kann, um sich die Karten legen und die Sterne deuten zu lassen. Hast du bestimmt schon mal gesehen.“

„Nö“, sagte Berringer.

„Egal. Jedenfalls ruft da ein überwiegend weibliches, esoterisch angehauchtes Publikum an und will wissen, ob sie sich scheiden lassen oder den Job aufgeben sollen und so weiter.“

„So was macht dieser Krassow?“, wunderte sich Berringer.

Anderson zuckte mit den Schultern. „Offenbar erhofft er sich davon die große TV-Karriere.“

Immerhin das hatten Marwitz und Krassow wohl gemeinsam, ging es Berringer durch den Kopf, auch wenn sie als Wettbewerber auf einem eng umkämpften Markt wie Feuer und Wasser waren: Beide Männer trieb der Gedanke, zu etwas Besonderem geboren zu sein, beide hielten sich für Publikumsmagneten. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt, dachte Berringer.

„Jedenfalls hat der Sender bestätigt, dass Krassow während der fraglichen Zeit im Sender war“, fuhr Anderson fort. „Seine Armbrüste habe wir trotzdem erst mal konfisziert. Die dazugehörigen Bolzen natürlich auch.“ Anderson schüttelte den Kopf. „Das ganze Zeug ist noch im Labor.“

„Armbrüste?“, wiederholte Berringer. „Er hat gleich mehrere?“

„Er scheint diesem Sport sehr zugetan.“

„Und wieso schließt ihr gleich aus, dass er die MEAN DEVVILS beauftragt hat?“

„Weil es keine Anhaltspunkte dafür gibt. Es ist auch nicht richtig, dass wir das ausschließen, wir halten es nur für sehr unwahrscheinlich. Die Kontobewegungen sind überprüft worden, und auch da deutet nichts darauf hin, dass Marwitz‘ Theorie stimmt.“

„Angeheuerte Schlägertrupps werden ja auch für gewöhnlich bar bezahlt“, meinte Berringer.

„Weiß ich, Berry“, sagte Anderson. „Ich mach den Job auch nicht erst seit gestern.

Das entscheidende Argument ist, dass die MEAN DEVVILS nachweislich auch eine Veranstaltung gesprengt haben, auf der Krassow den großen Zampano gegeben hat.

Ist zwar schon ein paar Jahre her, aber in diesem Fall haben wir das sogar amtlich, denn mehrere Mitglieder der Bande sind damals angeklagt und sogar verurteilt worden.“

„Was wisst ihr über die MEAN DEVVILS?“

„Die kommen aus der Türsteher-Szene. Ihr Geld verdienen sie mutmaßlich mit Drogenhandel, Schutzgelderpressung und ähnlichem. Leider kommt es nur selten vor, dass es gegen einen von ihnen zu einem Verfahren kommt. Und jetzt muss ich los.

Tut mir leid, Berry.“

„Hör mal, ich brauche eine Liste der bisherigen Opfer. Und außerdem ...“

„Berry!“

„Bitte!“

Anderson seufzte. Dann legte er die Mappe, die er unter dem Arm trug, noch einmal auf den Tisch, öffnete sie und nahm einen Computerausdruck heraus, den er offenbar für sein Treffen in der Drachenhöhle vorbereitetet hatte. „Ich kopier dir das. Und wenn dir irgendeine Gemeinsamkeit zwischen den bisherigen Opfern auffallen sollte, dann wäre es sehr nett, du würdest mich das wissen lassen.“

„Na klar.“

Anderson ging zum Kopierer. Berringer warf einen Blick in die Mappe und sah ein Foto, das unverkennbar bei einer erkennungsdienstlichen Behandlung aufgenommen worden war: ein Mann im Muskelshirt, am Oberarm ein Tattoo, das ein Hakenkreuz zeigte und irgendwie verwischt wirkte. Offenbar war mal versucht worden, es zu entfernen, aber ein Tattoo war eben letztlich nichts anderes als eine Narbe, und die blieb.

Vor allem aber fiel Berringer der tätowierte Fraktur-Schriftzug am Hals des Burschen auf: DEVVILISH – wie damals.

Plötzlich glaubte er auch, sich wieder an das Gesicht auf dem Foto zu erinnern.

Das ist er!, durchfuhr es ihn. Der Typ aus dem BLUE LIGHT in Düsseldorf!

Anderson kehrte zurück und gab Berringer die Kopie der Liste. „Die Nummern in der letzten Spalte bezeichnen den jeweils verwendeten Bolzentyp.“

„Danke.“

Anderson bemerkte Berringers stieren Blick. „Das ist der Boss der MEAN

DEVVILS. Artur König – nennt sich selbst gern King Arthur.“

„Den kenne ich. Der war Türsteher im BLUE LIGHT in Düsseldorf. Warst du nicht damals bei der Razzia dabei?“

„Ich kann mich weiß Gott nicht an jede Razzia erinnern, an der ich mal teilgenommen hab.“ Dann aber nickte Anderson und meinte: „Aber was du sagst, könnte stimmen. Artur König hat tatsächlich bis vor ein paar Jahren in Düsseldorf gewohnt. Nachdem er dann eine Haftstrafe wegen Körperverletzung absitzen musste, ist er nach Mönchengladbach gezogen und hat seinen eigenen Laden aufgemacht.“

„Ach, wärst du doch in Düsseldorf geblieben“, murmelte Berringer in sich gekehrt.

„Wie?“

„Nur so ein Schlager.“

Die Mappe klappte zu, Anderson klemmte sie sich unter den Arm und schob Berringer freundschaftlich, aber bestimmt aus dem Raum. „Los, raus hier. Ich darf dich nicht allein in meinem Büro lassen.“

„Damit ich nicht in euren wertvollen Fahndungsunterlagen herumschnüffle?“

„Nein, damit mich nachher niemand anscheißt, weil ich die Vorschriften nicht eingehalten hab.“

„Ach so.“

„Mach‘s gut, Berry. Und wehe, ich hör nichts von dir. Eine Hand wäscht die andere, hast du am Telefon gesagt. Nun, das ist eine wechselseitige Beziehung und kein ...“ Er stockte.

„Und kein was? “

„Vampirismus. Einer saugt den anderen aus.“

„Das musst du mir als lebendem Toten schon nachsehen“, brummte Berringer so düster, dass Anderson es vorzog, darauf nichts zu erwidern.

Wenig später fand sich Berringer im Freien wieder und schlenderte zurück zum Besucherparkplatz. Ein blauer Polizeiwagen kam ihm entgegen. Einer der ersten blauen Einsatzwagen in ganz NRW, wo bisher immer noch die grünen Polizeifahrzeuge über die Straßen rollten.

Berringer hatte darüber gelesen. Er bekam nämlich immer noch das Mitteilungsblatt der Polizeigewerkschaft, und manchmal konnte er es einfach nicht lassen, es durchzublättern, auch wenn er sich hinterher meist elend fühlte.

Er erreichte seinen Opel, setzte sich hinters Steuer und warf einen Blick auf die Liste, die Anderson ihm kopiert hatte. Es handelte sich eigentlich mehr um eine Tabelle.

Darin waren jeweils der Name des Opfers, die Adresse sowie Datum und Uhrzeit des Vorfalls verzeichnet. Außerdem gab es zwei Spalten, eine für Sach- und eine für Personenschäden sowie eine Spalte mit den verwendeten Bolzen. Es fiel gleich ins Auge, dass die bisherigen Anschläge mit zwei verschiedenen Bolzentypen durchgeführt worden waren. Insgesamt neunmal war jener Geschosstyp benutzt worden, der auch bei Marwitz verwendet worden war, bei den übrigen drei Fällen stand in der letzten Spalte eine andere Kombination aus Buchstaben und Zahlen als Typbezeichnung des Projektils.

Ich werde mich wohl mal darüber schlau machen müssen, was genau das bedeutet, ging es Berringer durch den Kopf. Die Namen sagten ihm – außer der von Marwitz –

nichts. Aber auch das musste ja nicht so bleiben.

Berringer sah auf die Uhr.

Mal sehen, ob so ein Tausendsassa wie Krassow im Moment vielleicht zu Hause ist, überlegte er.

3. Kapitel: Im Fadenkreuz

Du legst den Bolzen ein und spannst jene Waffe, die einst als unritterlich galt und deren Einsatz gegen Christen verpönt war. Doch daran hielt sich schon damals niemand, und in der heutigen Welt spielt der Glaube keine Rolle mehr.

Du justierst das Zielfernrohr, siehst durch das Fadenkreuz. Das ist der Moment, in dem du ganz ruhig wirst, obwohl sich jede Faser deines Körpers in Anspannung und jede Windung deines Gehirns in einem aktiven Zustand befindet.

In einem einzigen Moment ist eine Ewigkeit enthalten. Dein ganzes Leben und vor allem jener Augenblick, mit dem alles anders wurde. Lange hast du gedacht, du könntest einfach alles mit einer Tünche aus bunten Farben und gezwungener Fröhlichkeit überkleistern. Du hast gedacht, dass du Schuld vergessen könntest, denn du hast nicht damit gerechnet, dass sie dich nie verlassen wird, sondern dir wie ein Schatten folgt.

Der Moment höchster Konzentration ist da. Ein Moment, der kühlen Kopf und kaltes Blut erfordert. Du weißt, dass du nun an nichts anderes denken darfst und dass die Waffe es dir nicht verzeihen wird, wenn du dich doch ablenken lässt. In der Ruhe liegt die Kraft.

Die Kraft, die du jetzt brauchst.

Was du nun tun wirst, hättest du schon lange tun müssen, vielleicht wäre dann alles anders gekommen.

Vielleicht ...

Nein, du weißt, dass dieser Gedanke dich nicht weiterbringt.

Nur wenn der Pfeil der Rache endlich auf sein Ziel trifft, findest du deinen Frieden.

Dann drückst du ab.

Der Bolzen schlägt ein.

Gut so, denkst du, und siehst dir das Resultat an.

Genau ins Schwarze.

Hundert Punkte.

Aber damit sie dir vom Konto deiner Schuld getilgt werden, wird es nicht reichen, auf Scheiben zu schießen.

Ein Kleinlaster fuhr auf den Hof des Gebäudes, in dem die Agentur EVENT HORIZON untergebracht war. Ein Glaser hatte bereits neue Scheiben eingesetzt, doch es kündigten sich weitere Probleme an, vor allem hinsichtlich der Frage, wer für den Schaden aufkam. Die Gebäudeversicherung machte Zicken, und so hielt sich der Vermieter zunächst einmal an Marwitz.

Dabei war die Sache eigentlich klar. Die Gewalteinwirkung auf die Scheibe war von außen erfolgt, daran ließen auch die Ermittlungsergebnisse der Polizei keinen Zweifel. Und das bedeutete, dass der Vermieter beziehungsweise seine Versicherung dafür haften musste, wenn sich der eigentliche Verursacher nicht feststellen ließ.

Aber bei der Versicherung wollte man das nur für die Scheibe gelten lassen, die der Armbrustbolzen durchschlagen hatte. Doch auch die anderen Fenster waren zu Bruch gegangen, und dafür war die Explosion des Wagens unmittelbar vor dem Büro verantwortlich.

Wahrscheinlich würde es in nächster Zeit noch einiges an Papierkrieg geben.

Marwitz seufzte, war aber erleichtert, als er den Kleinlaster sah. SPEDITION HANDBROICH stand auf der Plane. Das war die ersehnte PA-Anlage, die er für seinen Auftritt auf dem Korschenbroicher Schützenfest brauchte. Die Vermittlung der Anlage gehörte nämlich in diesem Fall – anders als bei der Ü-30-Party am Abend –

zu den vereinbarten und schon bezahlten Dienstleistungen, zu denen er sich verpflichtet hatte.

Ansonsten war er bei der Frage in wessen Mikrofon er hineinsäuselte, nicht wählerisch. Hauptsache, er war laut genug zu hören und musste sich nicht die Seele aus dem Leib schreien. Die war immerhin sein Kapital. Und diesem Kapital gönnte er keine Pause, schließlich sollte es ja arbeiten. Also musste er entsprechend schonend damit umgehen.

Ein paar Tricks, die er sich überwiegend bei Sängern abgeschaut hatte, gab es da schon. Marwitz nahm ein Mentholbonbon aus einer Tüte, die in der Seitentasche seines Jacketts steckte. Die Kehle immer feucht halten, aber nicht mit Alkohol. Das war eine Devise, die sich durchaus bewährt hatte.

Ein dicker Mann stieg aus dem Lastwagen. Dick und riesig. Er war fast zwei Meter groß und sah auf Marwitz herab wie auf einen kleinen Jungen.

„Ist doch noch ein bisschen später geworden. Da war ein Unfall in Rheydt, und zwar genau dort, wo ich herfahren musste. Du kennst die Ecke. Da ...“

„Ist ja nicht weiter tragisch, Harry“, schnitt ihm Marwitz das Wort ab. Nach Harry Handbroichs aufregenden Abenteuern im Straßenverkehr stand ihm im Moment einfach nicht der Sinn.

Harry – eigentlich Harald – Handbroichs Aufmerksamkeit wurde im Augenblick ohnehin abgelenkt. Er sah zur Straße, wo ein Streifenwagen sehr langsam entlangfuhr. Zwei Beamte saßen darin, ein Mann und eine Frau. Der Mann saß am Steuer, die Frau ließ die Seitenscheibe nach unten und nickte Marwitz zu.

Der Event-Manager erwiderte flüchtig den Gruß. Eine Geste, die so viel wie „Alles in Ordnung“ signalisierte. Aber wenn wirklich etwas passierte, dann waren die Uniformträger – da war sich Marwitz sicher – sowieso gerade ganz woanders. Durch die verstärkten Polizeistreifen fühlte er sich jedenfalls keinen Deut sicherer, zumal ihm die nicht im Mindesten helfen konnten, wenn er unterwegs war, und das war bei ihm nun mal sehr häufig der Fall.

„Hast du irgendwelche Schwierigkeiten?“, fragte Harry Handbroich, während er die Ladeklappe des Lastwagens öffnete.

„Wieso?“

„Na, wegen der Bullen.“ Harry hatte die Zeit zwischen seinem zwanzigsten und dreißigsten Geburtstag in verschiedenen Bauwagen und besetzten Häusern in Berlin-Kreuzberg zugebracht, wohin es ihn auf der Flucht vor dem Wehrdienst verschlagen hatte. Schließlich aber war er dann doch noch bürgerlich geworden und in seine Heimatstadt Mönchengladbach zurückgekehrt, wo er mit Mitte fünfzig die elterliche Spedition übernommen hatte. Aber Polizisten waren für ihn trotzdem immer noch Bullen.

„Lass uns auspacken“, wich Marwitz der Frage aus.

Der Streifenwagen blieb am Straßenrand stehen, der Fahrer stellte sogar den Motor ab. Präsenz zeigen. Darauf lief es wohl hinaus. Die Beifahrerin telefonierte.

Marwitz und Harry wuchteten den ersten der großen PA-Lautsprecher aus dem Lastwagen. Die Stimmung auf dem Korschenbroicher Schützenfest war damit für dieses Jahr gerettet.

„Hast du keine Sackkarre oder so was?“, fragte Harry.

In diesem Moment gab es einen dumpfen Knall. Etwas krachte mit ungeheurer Wucht durch den Lautsprecher hindurch, sprengte noch den Putz von der Gebäudewand und prallte dann einen Meter zurück auf den Asphalt.

Ein Armbrustbolzen!

Die PA-Lautsprecherbox war nicht mehr zu gebrauchen. Ein armdickes Loch klaffte in der Lautsprechermembran.

„Hey, was ist das denn?“, rief Harry Handbroich verdutzt und absolut verwirrt. Seine Zeiten als Streetfighter im Berliner Häuserkampf waren schon zu lange her, als dass er diese Situation hätte gelassen nehmen können.

Marwitz starrte zum Dach der Lagerhalle auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo gerade eine Gestalt aufsprang. Sie war nur als Schattenriss zu erkennen, hielt aber etwas in der Hand, das wie eine Armbrust aussah.

Die beiden Polizisten hatten den Schützen offenbar auch gesehen, denn der Beamte am Steuer startete sofort den Motor.

Marwitz rannte über die Straße.

„Bleiben Sie, wo Sie sind, Marwitz!“, rief ihm die Beamtin zu. Sie war noch ziemlich jung, aber in ihrer Stimme lag eine Autorität, die Marwitz tatsächlich stoppte. Nach Atem ringend stand er da, während der Streifenwagen auf das Firmengelände auf der anderen Straßenseite fuhr.

Mit quietschenden Reifen stoppte das Fahrzeug. Die beiden Beamten sprangen heraus, und die Frau zog ihre Waffe. Ihr Kollege rief zuerst über Funk Verstärkung, dann nahm er ebenfalls die Dienstwaffe aus dem Holster.

Sie gingen vorsichtig voran. Jeder nahm sich eine Seite der Lagerhalle vor. Das vordere Tor war verriegelt. Gearbeitet wurde hier zurzeit nicht. Die Firma, der das Lagerhaus gehörte, war ein Zulieferer im Anlagenbau, und wegen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise hatte sie derzeit den Betrieb einstellen müssen.

Auf der anderen Seite des Gebäudes trafen sich die beiden Polizisten wieder. Von der Gestalt auf dem Dach war nirgends etwas zu sehen.

„Glaubst du an Zauberei?“, fragte die Beamtin.

„Seit dem letzten Kindergartenjahr eigentlich nicht mehr“, antwortete ihr Kollege.

„Es gibt hier nirgends eine Leiter oder dergleichen. Von außen kann er nicht auf das Dach geklettert sein.“

„Dann ist er von innen dorthin gelangt.“

Der Polizist ging etwa zehn Meter zu einer Personaltür. Das Schloss war aufgebrochen worden. „Er muss noch da drinnen sein!“

„Sollen wir rein?“

„Warten wir auf Verstärkung. Weg kann er nicht.“

„Auch wieder wahr.“

„Mann, du hast Nerven“, sagte Harry Handbroich, der sich erst mal eine Selbstgedrehte genehmigte.

Marwitz nahm deutlich den süßlichen Marihuana-Geruch wahr. Manche Gewohnheiten ließen sich offenbar nur schwer ablegen, und Harry schien der festen Überzeugung, dass die Polizei im Augenblick Wichtigeres zu tun hatte, als sich um einen einzelnen friedlichen Haschischkonsumenten zu kümmern.

Harry schüttelte den Kopf. „Da macht dich ein Irrer fast alle, und du hast nichts anderes im Kopf als dein Geschäft!“ Harry konnte es kaum fassen, dass Frank Marwitz zum Handy gegriffen hatte, noch während die Polizisten auf dem gegenüberliegenden Grundstück nach dem Armbrustschützen suchten.

Doch Marwitz brauchte einfach eine funktionierende PA-Anlage zum Korschenbroicher Schützenfest. Wenn er das nicht auf die Reihe brachte, war der Auftrag weg und er konnte sich in Korschenbroich und Umgebung nie wieder blicken lassen.

Mit dem kaputten Lautsprecher war die von Harry gelieferte Anlage jedenfalls nicht mehr zu gebrauchen. Er brauchte eine neue oder zumindest einen passenden Ersatzlautsprecher. Also telefonierte er, was das Zeug hielt, um die Sache doch noch zu retten.

Minuten vergingen, während derer sich Harry Handbroich unter dem Einfluss seines

„Sticks“ wieder etwas beruhigte. Er starrte die ganze Zeit über zum Lagerhaus, aber dort tat sich nichts Auffälliges.

In der Ferne waren Martinshörner zu hören, deren Jaulen immer mehr anschwoll.

Wenig später bogen die ersten Einsatzfahrzeuge um die Ecke.

Die Polizeiwagen fuhren auf das Firmengelände. Ein gutes Dutzend Beamte in kugelsicheren Westen sprang heraus.

„So was gibt’s sonst nur im Kino“, meinte Harry Handbroich und zog an seinem Stick. „Aber wir haben einen schlechten Platz. Wenn ich bei der Borussia so wenig sehen könnte, würde ich mein Geld zurückverlangen.“ Die Polizisten drangen ins Innere der Halle vor, deren Personaltür wenig fachmännisch aufgebrochen worden war. Dreimal war der Armbrustschütze zuvor per Megafon aufgefordert worden, das Gebäude mit erhobenen Händen zu verlassen.

Aber der Kerl – vorausgesetzt, es handelte sich tatsächlich um einen Mann – schien gar nicht daran zu denken, sich zu ergeben.

Licht fiel durch die hohen Fenster der Halle. Die Maschinen waren verhüllt und sahen aus, als hätte Christo sie zum Bestandteil einer seiner Kunstaktionen gemacht.

Es dauerte nicht lange, und die gesamte Halle war bis auf den letzten Winkel durchsucht. Von dem Armbrustschützen gab es keine Spur. Man stieß auf einen Gullydeckel. Am Staub war zu sehen, dass er erst vor Kurzem geöffnet worden war.

Einer der Beamten deutete darauf und fragte: „Kann man auf diesem Weg von hier entkommen?“

„Wenn man nicht allzu geruchsempfindlich ist – sicher!“, meinte ein anderer Ordnungshüter. „Jedenfalls dürfte der Typ über alle Berge sein – oder wie immer man das auch ausdrücken will, wenn sich jemand unterirdisch ... äh, abseilt.“ Ein paar seiner Kollegen schmunzelten über die Wortspielerei. Dann wurde der Gully geöffnet. Eisensprossen führten hinab in die Tiefe.

„Möchte wissen, was die hier produziert haben, dass sie darauf eingerichtet sind, so große Wassermengen in der Halle abfließen zu lassen“, wunderte sich ein Polizist mit grauem Haar.

An einer der Sprossen, die hinabführten, war ein Zettel befestigt. Einer der Beamten kniete sich hin und holte den Zettel heraus.

PECH GEHABT!, stand in großen Fraktur-Buchstaben darauf.

Was auch immer man davon halten mochte – die hastige Arbeit eines Schmierfinks waren diese komplizierten Zeichen nicht. Da hatte sich jemand Mühe gegeben.

Berringer fuhr zum Stadtteil Westend, wo Eckart Krassow seine Geschäftsräume in der Leibnitzstraße unterhielt.

Das Büro war geöffnet, die Einrichtung schlicht und zweckmäßig. An den Wänden hingen Plakate von Veranstaltungen, auf denen Eckart Krassow in irgendeiner Funktion aufgetreten war. Außerdem gab es ein paar vergrößerte Screenshots, die ihn als Astro-Talker im TV zeigten, versehen mit dem Hinweis, dass man seine Sendung auch als Live-Stream über Internet verfolgen konnte, und mit den Zeiten, zu denen Krassow höchstselbst auf der Mattscheibe zu bewundern war.

Offenbar sah er das als professionelle Eigenwerbung an, während es dem Sender wohl gleichgültig war, wer da in den Leben der Anrufer herumpfuschte und mit der Autorität angeblich kosmischer Mächte dafür sorgte, dass Jobs und Partner gewechselt wurden, weil sie nicht für den Anrufer „bestimmt“ waren.

Eine Frau saß hinter einem Schreibtisch mit Computer. Sie war Mitte zwanzig, hatte gelocktes Haar, trug Jeans und T-Shirt und hatte für Frisur und Make-up erkennbar viel Aufwand betrieben. Vielleicht sah sie wegen der dicken Schichten Schminke einfach auch nur älter aus und war in Wahrheit gerade erst mit der Schule fertig. Die Fingernägel waren so lang, dass sie die Bedienung einer Computertastatur erheblich erschwerten – wie vermutlich fast alles andere auch, was in irgendeiner Form mit Arbeit zu tun hatte.

Außer Apfelsinenschälen, dachte Berringer. Wahrscheinlich war sie eine Vierhundert-Euro-Kraft oder eine Ein-Euro-Jobberin oder eine Praktikantin, wobei Berringer Letzteres schon fast ausschloss. Praktikanten präsentierten in der Regel nicht vorsätzlich äußere Hinweise auf ihre Arbeitsunfähigkeit.

EVENT-AGENTUR KRASSOW – WIR MACHEN DIE GRÖSSTEN EVENTS, stand auf einem der Plakate. Die junge Frau, die Berringer mit einem wenig professionellen Nicken begrüßte, bezog den Slogan offenbar in erster Linie auf ihre eigene Erscheinung.

„Ja?“, fragte sie und offenbarte dabei, dass sie ein Kaugummi im Mund hatte.

„Mein Name ist Berringer. Ich hätte gern Herrn Krassow gesprochen.“

„Is weg“, sagte sie, und Berringer dachte: Jetzt fehlt nur noch, dass sie eine Blase macht.

„Ja, das habe ich mir nach einem kurzen Rundblick durch Ihr Büro auch schon gedacht. Aber ich muss ihn wirklich sehr dringend sprechen. Vielleicht ...“

„Was iss’n?“

„Das muss ich ihm schon selbst sagen. Wann ist er denn wieder hier im Büro?“

„Weiß nich.“ Sie kaute jetzt ganz ungeniert. „Sind Sie der Typ aus Korschenbroich?“

„Wieso?“

„Wieso stellen Sie mir 'ne Frage, wenn ich Sie was frag?“ Berringer atmete tief durch. Kein Wunder, dass Krassows Agentur noch schlechter lief als die von Marwitz, bei so einer Marketing-Granate im Büro.

Die junge Frau verschränke die Arme vor der Brust. Man brauchte kein Experte für Körpersprache zu sein, um zu begreifen, dass sie das Gespräch im Wesentlichen für beendet hielt.

Berringer hatte genug. Seine Augen wurden schmal, und er fixierte sie mit seinem Blick. Dann sagte er: „Hören Sie gut zu! Ich ermittle, weil auf den größten Konkurrenten von Herrn Krassow mit einer Armbrust geschossen wurde – und zufällig ist bekannt, dass Herr Krassow nicht nur liebend gern das Korschenbroicher Schützenfest und internationale Hockey-Turnier moderieren würde, sondern auch noch passionierter Armbrustschütze ist! Ich muss ihm dringend ein paar Fragen stellen, und es wäre auch in seinem Interesse, wenn ich ihn umgehend erreichen könnte!“

Die junge Frau machte große Augen. „Polizei?“

„Wo ist Herr Krassow? Kann ich ihn vielleicht zu Hause erreichen?“

„Moment.“ Sie ging zum Telefon, betätigte eine Kurzwahltaste mit dem Fingergelenk, um ihre Nägel zu schonen, und schmatzte dabei hektisch auf ihrem Kaugummi herum.

„Papa?“, fragte sie dann in den Hörer.

Papa – das erklärte vieles. Zumindest ergab sich daraus ein plausibler Grund, weshalb Krassow sie in seiner Agentur arbeiten ließ. Ob er sich damit einen Gefallen tat, stand auf einem anderen Blatt.

„Papa, hier ist ein Polizist“, sagte sie, und Berringer dachte: Na ja, wenn man ein

»Ex« davor setzt, ist es nicht mal verkehrt. „Der will dich unbedingt sprechen ... Hat er nich gesagt ... Jaaa, Papa! Jaaahaaa, ich weiß, Papa ...“ Es folgten noch zwei lang gezogene »Ja«, deren Modulation den ansteigenden Grad ihrer Genervtheit widerspiegelte. Dann legte sie auf und sagte erst danach: „Tschüss!“ Sie ging wieder zu Berringer hin. „In einer halben Stunde können Sie zu uns nach Hause kommen. Dann ist er dort. Adresse kennen Sie, sagt mein Vater.“

„Gut.“

„War’s das?“

„Vielleicht können Sie mir ja auch etwas über diese Sache sagen, Frau Krassow. Zum Beispiel, wo Ihr Vater war, als ...“

„Ich heiße nicht Krassow, sondern Runge“, sagte sie. „Tanja Runge. Meine Mutter hat meinen Vater damals nicht geheiratet.“

„Ach so ...“

„Und ansonsten ... Als Tochter brauche ich doch nicht auszusagen, oder?“

„Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie Ihren Vater belasten könnten, nein. Aber wenn dessen Alibi in Ordnung ist, dann besteht kein Grund zu schweigen. Im Gegenteil.“

„Also gut: Zur fraglichen Zeit hat mein Vater diese Astro-Sendung moderiert, auf diesem Esoterik-Kanal.“ Sie deutete auf den Bildschirm auf ihrem Schreibtisch. „Ich hab‘s mir im Live-Stream angesehen. Und dass es wirklich live war, ist klar, denn es haben ja Leute angerufen, um sich beraten zu lassen.“

„Trotzdem ist Frank Marwitz felsenfest davon überzeugt, dass Ihr Vater hinter all dem steckt.“

Sie runzelte die Stirn. Durch die dicke Make-up-Schicht zeichneten sich ein paar zusätzliche Linien in ihre Haut, die sonst wohl nicht so deutlich aufgefallen wären.

Nun ja, dafür gibt’s ja heutzutage Botox, dachte Berringer.

„Was meinen Sie denn mit all dem? “

„Er denkt, dass Ihr Vater eine Rockerbande angestiftet hat, ihn fertigzumachen.“

„Ach, der Scheiß. Wieso stellen eigentlich Kriminalbeamte immer dieselben Fragen?

Is das 'n besonderer Trick? Denken Sie, dass ich was anderes sag, wenn Sie zehn Leute vorbeischicken, die mich auf die gleiche Weise anlabern?“

„Sie haben recht, das muss sehr nervig für Sie sein. Aber wir stehen nun mal unter großem Druck, denn wir müssen den Täter finden, ehe noch Schlimmeres passiert.“

„Lochen Sie doch diese Rocker ein, wenn Sie wirklich glauben, dass die so was machen“, sagte sie, und ihre Stimme wurde auf einmal schrill. „Aber lassen Sie meinen Vater und mich in Frieden! So einfach ist das!“

„So einfach ist das leider nicht“, erwiderte Berringer ruhig und schaltete um auf die in seinem Gedächtnis gespeicherte Aufzeichnung mit dem Titel „Verständnisvoller Polizist“. Die war immer noch in voller Länge und perfekter Tonlage abrufbar. Um sie abzuspielen, musste er sich nicht einmal darauf konzentrieren. Selbst wenn sein Gegenüber wusste, dass er gar kein Polizist war, traf er damit oft genug den richtigen Ton, sodass sich sein Gesprächspartner beruhigte und innerlich abkühlte.

Berringer bewegte also nahezu automatisch die Lippen, während er überlegte, ob die Shows des Astro-Senders tatsächlich immer live ausgestrahlt wurden. Das würde man noch genauer überprüfen müssen. Ob ihn die Krassow-Spur wirklich weiterbrachte, bezweifelte er allerdings inzwischen.

Dennoch sagte ihm irgendetwas, dass da noch mehr war. Etwas, das alles in einem anderen Licht erscheinen lassen würde. Ein Puzzlestück, das noch fehlte und irgendwie mit Krassow zu tun hatte. Er konnte es nicht erklären. Es war einfach Instinkt, ein Bauchgefühl, das aus der Erfahrung kam und dem Berringer immer mehr zu vertrauen gelernt hatte.

„Eine Bitte hätte ich noch“, sagte er schließlich. „Ihr Vater hat doch sicher so etwas wie eine Visitenkarte.“

Sie schien einen Augenblick nachzudenken, und Berringer fragte sich, warum ihr die Antwort so schwerfiel. Was für ein Gedanke ging ihr dabei im Kopf herum?

Drei Möglichkeiten standen zur Auswahl: Will er damit etwas Bestimmtes sagen? Wo sind die Karten? Soll ich ihm überhaupt eine geben?

Schließlich ging sie zum Schreibtisch, nahm eine Karte heraus und reichte sie Berringer wortlos.

„Danke.“

„Ich hab ganz vergessen, Sie nach Ihrem Dienstausweis zu fragen“, sagte sie plötzlich.

„Das holen wir ein andermal nach. Wiedersehen.“

„Sie sind doch Polizist, oder?“

„Bis dann.“

Berringer war schon halb zur Tür hinaus, deshalb konnte er das, was die junge Frau noch sagte, nicht mehr verstehen.

Er sah auf die Karte. Alles drauf: Firmenadresse, Privatadresse, Handynummer ...

Immer und überall erreichbar zu sein, gehörte zweifellos zu dem Job, den Leute wie Krassow ausübten.

Ich hätte sie gleich nach der Karte fragen sollen, dann hätte ich mir den Rest sparen können, dachte er grimmig.

Berringer besorgte sich in einer Bäckerei einen Coffee-to-go und ein Käsebrötchen, vertilgte das Brötchen im Stehen, schlürfte dabei den Kaffee, fuhr dann weiter nach Gerkerath im Stadtteil Rheindahlen, wo Eckart Krassow einen Bungalow bewohnte.

Er steuerte seinen Opel an den Straßenrand und stieg aus. Das Garagentor war geschlossen, man konnte also nicht sehen, ob der Herr des Hauses ausgefahren war.

Berringer klingelte an der Tür, doch es öffnete niemand.

Der Detektiv sah auf die Uhr. Insgesamt war sogar bereits mehr als eine halbe Stunde vergangen, seit Tanja Runge mit ihrem Vater gesprochen hatte. Vielleicht bin ich zu spät dran, und Krassow ist schon wieder gefahren, befürchtete Berringer. Doch er beschloss, zumindest ein paar Minuten zu warten, und lief vor der Haustür auf und ab.

Schließlich bog ein BMW um die Ecke und fuhr in die Einfahrt. Ein Mann von Anfang fünfzig stieg aus. Er trug Jeans, Jackett und ein schwarzes Hemd, dessen erste drei Knöpfe offen standen, sodass darunter ein Goldkreuz zu sehen war. Die Haare waren pechschwarz, aber diese Schwärze konnte nicht echt sein. Die Haare waren es vielleicht auch nicht. Die Falten, die sein höhensonnengebräuntes Gesicht durchzogen, dagegen schon. Der starre Blick, das aufgedunsene Gesicht und die großporige Haut sprachen dafür, dass Eckart Krassow in der Vergangenheit nicht nur Feiern aller Art moderiert, sondern sich auch selbst gern am Frohsinn beteiligt hatte, wenn Hochprozentiges ausgeschenkt worden war.

„Polizei?“, fragte er.

„Herr Krassow?“

„Ja. Erkennen Sie mich nicht von Ihren Fahndungsfotos, die wahrscheinlich inzwischen schon auf jeder Polizeiwache hängen?“, fragte er gallig. „Wahrscheinlich haben Sie die auch schon ins Internet gestellt, damit mein Ruf auch gründlich ruiniert wird.“

„Seien Sie versichert, dass ich auf keinen Fall Ihren Ruf ruinieren will, Herr Krassow.

Ich habe einfach nur ein paar Fragen.“

Krassow kam zur Tür. „Was denn für Fragen, verflucht noch mal? Ich hab zu tun!

Aber das versteht einer wie Sie ja nicht. Ich bin selbstständig, das heißt, ich arbeite selbst und ständig, anstatt nur auf die dicke Pension zu warten wie gewisse andere Berufsgruppen, die sich einen feuchten Dreck darum scheren, wessen Steuergelder sie verschwenden.“

„Vielleicht ...“

Krassow ließ Berringer gar nicht zu Wort kommen. Da hatte sich offenbar einiges an Wut bei ihm angestaut. „Ich habe mich vor Ihren Kollegen wirklich ausgezogen! Ich habe sogar zugestimmt, dass sie meine Kontobewegungen überprüfen, damit dieser Vorwurf, ich würde irgendwelche Gelder an irgendwelche Rocker zahlen, schnellstmöglich aus der Welt geschafft wird. So etwas ist für mein Geschäft nämlich das reinste Gift. Ich habe mich also kooperativ gezeigt, anstatt die Ermittlungen zu erschweren. Hätte ich auch tun können. Mir einen Anwalt nehmen, auf einer richterlichen Verfügung bestehen, gegen alles Widerspruch einlegen und so weiter und so fort. Aber das war ja gar nicht in meinem Interesse ...“

„Herr Krassow ...“

„Und wie bekommt man es gedankt? Dadurch, dass diese Beamtenseelen einfach jemand Neuen schicken, dem man dann alles noch mal erklären darf!“

„Vielleicht gehen wir besser ins Haus“, schlug Berringer vor. „Ich weiß nicht, ob unser Gespräch wirklich dafür geeignet ist, dass die ganze Nachbarschaft mithört.“ Krassow atmete tief durch, und seine Solariumsbräune bekam einen noch etwas dunkleren Ton, was wohl seine ganz individuelle Art des zornigen Errötens war.

„Kommen Sie“, sagte er, nachdem er ein paar Sekunden lang nervös an dem BMW-Anhänger seines Schlüsselbundes herumgespielt hatte. Er schloss die Tür auf und führte Berringer durch einen großzügig angelegten Eingangsbereich in ein ebenfalls sehr geräumiges Wohnzimmer, das allein wohl schon hundert Quadratmeter in Anspruch nahm. Dadurch, dass es nur mit einigen wenigen, aber dafür erlesenen Möbeln bestückt war, wirkte es noch größer.

„Setzen Sie sich, Herr ...?“

„Berringer.“

„Der Kollege, mit dem ich zuerst zu tun hatte, war ziemlich unsympathisch. So ein Rothaariger. Kommt hier rein, behandelt einen gleich wie einen Schwerverbrecher und quatscht einen so von oben herab an. Also ganz ehrlich, an ihrem Außenauftritt sollte Ihre Firma noch arbeiten.“

„Ich werde es ihm ausrichten“, versprach Berringer.

„Meine Tochter hat mich übrigens noch mal angerufen, als ich unterwegs war. Sie hatten wohl versäumt, ihr den Ausweis zu zeigen.“ Berringer griff in die Tasche und zeigte Krassow die ID-Card, die er sich als Privatdetektiv hatte anfertigen lassen. Genau genommen war das ein Fantasieausweis ohne irgendeine rechtliche Relevanz. Manche Detektive verwendeten Ausweise ihrer Berufsorganisationen, aber Berringer verzichtete darauf.

Krassow runzelt die Stirn. „Sie sind gar kein Polizist?“

„Hab ich auch nie behauptet. Übrigens auch nicht gegenüber Ihrer Tochter.“

„Aber ...“

„Ich bin privater Ermittler. Und wenn Sie Kriminalhauptkommissar Anderson nicht mögen – oder er Sie nicht, ganz wie man das drehen will –, dann sollten Sie mich unterstützen.“

„Hat Marwitz Sie engagiert?“

„Ja.“

„Dieser Spinner!“, brauste Krassow erneut auf. „Es reicht ihm nicht, mir die Jobs mit unlauteren Mitteln wegzuschnappen. Nein, er muss mir auch noch die Polizei auf den Hals hetzen und mich anschwärzen. Und jetzt auch noch Sie! Am besten, Sie verlassen gleich wieder mein Haus. Ich hätte Sie gar nicht eingelassen, hätte ich geahnt, wer Sie wirklich sind.“

„Hören Sie, auf Herrn Marwitz wurde ein Attentat verübt und ...“

„Attentat – das ist wohl etwas übertrieben. Er lebt ja noch!“

„Die Polizei findet diese Bezeichnung nicht übertrieben und ich ehrlich gesagt auch nicht. Sie sind Armbrustschütze und ...“

„Und? Ist bei der Untersuchung meiner Waffen, die Ihre Polizeikollegen mitgenommen haben, vielleicht irgendetwas herausgekommen? Es kann nichts Belastendes gewesen sein – weil ich nichts Unrechtes getan habe!“

„Und was ist mit den Aktionen dieser Rockerbande mit dem wohlklingenden Namen MEAN DEVVILS?“

„Als ob ich so etwas nötig hätte! Oder mir leisten könnte! Die arbeiten doch für Rotlichtgrößen und Drogenhändler, soweit man hört. Hier und da spielen die auch den Ordnungsdienst bei einschlägigen Rockkonzerten – insbesondere bei Gruppen aus der rechten Szene. Ich habe mit so einem Pack nichts zu schaffen! Fragen Sie Ihre unsympathische Konkurrenz von der Kripo; die haben meine Konten überprüft!“

„Ach, Herr Krassow.“ Berringer winkte ab. „Die MEAN DEVVILS könnten mit einer ordentlichen Überweisung doch gar nichts anfangen, das wissen wir beide.“

„Tja, so was nennt sich Rechtsstaat – ich muss jetzt meine Unschuld beweisen, obwohl ich ein wasserdichtes Alibi habe.“

„Ihre Sendung in Köln.“

„Genau. Aber allein schon der Verdacht, der da geäußert wurde, reicht aus, um meinen Ruf zu schädigen. Sie glauben ja gar nicht, wie sensibel unsere Branche ist. Da ist man schnell weg vom Fenster, das sag ich Ihnen.“ Ja, dachte Berringer. Oder wenn ein Konkurrent einfach zehn bis fünfzehn Jahre jünger ist und das Party-Publikum etwas zeitgemäßer anzusprechen versteht als man selbst.

Aber diesen Gedanken behielt Berringer diplomatischerweise für sich. „Sehen Sie, Herr Krassow“, sagte er stattdessen in versöhnlichem Tonfall. „Wie Sie eben selbst anmerkten, haben Sie doch ein besonderes Interesse daran, dass alles aufgeklärt wird.“ Oft machte der Ton die Musik, und das galt für Gespräche dieser Art ganz besonders. Das waren Situationen, in denen es wichtiger war, wie etwas gesagt wurde, als der Inhalt selbst. „Wir haben sozusagen dasselbe Ziel, Herr Krassow ...“ Bevor er weitersprechen konnte, meldete sich Krassows Handy mit einer abgespeckten Version der charakteristischen ersten drei Akkorde von „Smoke On The Water“.

Du warst also auch mal Rocker, dachte Berringer.

„Ja, hier Krassow ... Ja, ja, natürlich kann ich einspringen, das ist überhaupt kein Problem ... Nein, Sie können sich darauf verlassen ... Eine PA-Anlage? Besorg ich auch ... Okay, alles weitere bespreche wir dann morgen früh.“ Krassow beendete das Gespräch.

„Ein neuer Auftrag für Ihre Agentur?“, fragte Berringer.

„Ich mach mir 'nen Kaffee. Wenn Sie auch einen wollen, schütt’ ich Ihnen 'ne Tasse ein. So viel Zeit habe ich für Sie. Aber das muss es dann auch gewesen sein.“

„Gern.“

Berringer tat endlich, wozu ihn Krassow anfangs schon aufgefordert hatte: Er nahm Platz.

Krassow ging in die Küche. „Es ist löslicher Kaffee!“, rief er.

„Das macht nichts.“

„Ich wollte Sie nur warnen.“

„Ist schon in Ordnung.“

„Zu mehr als löslichem Kaffee hab ich einfach keine Zeit. Es dauert sonst einfach zu lange ...“

Berringer hörte Krassow kaum noch zu, zumal die Bedeutung dessen, was er von der Küche her rief, zum Teil nur noch zu erahnen, aber nicht mehr zu verstehen war.

Stattdessen konzentrierte sich sein Blick auf eine Wand des Wohnzimmers, an der lauter Fotos hingen, alle gerahmt und so vergrößert, dass sie in keinem Album Platz gefunden hätten. Berringer stand wieder auf und näherte sich den Bildern, um sie genauer in Augenschein zu nehmen, während Krassow noch in der Küche beschäftigt war. Auf den meisten Fotos war der Herr des Hauses selbst zu sehen.

Dazwischen hingen auch eine Reihe Urkunden, die alle auf die eine oder andere Weise etwas mit Bogen- oder Armbrustschießen zu tun hatten. Urkunden, die Eckart Krassow entweder als Gewinner von Vereinswettbewerben oder als Absolvent von Prüfungen auswiesen.

Ein Familienfoto fiel Berringer auf. Es zeigte Krassow zusammen mit einer Frau, die die Mutter seiner Tochter sein musste. Jedenfalls war sie Tanja Runge wie aus dem Gesicht geschnitten.

Seine Tochter war ebenfalls auf dem Bild zu sehen, erst zehn oder zwölf Jahre alt und ebenfalls mit einer Armbrust in der Hand.

Berringer entdeckte sie auch noch auf anderen Fotos, auf denen sie allerdings manchmal weniger gut zu erkennen war, vor allem bei den Schnappschüssen, die sie bei der Ausübung ihres Sports zeigten; der Schaft der Armbrust verdeckte bei diesen Fotos häufig die Kinnpartie.

Krassow kehrte mit zwei Bechern Kaffee zurück, aus denen leichter Dampf aufstieg.

Er trat mit gerunzelter Stirn auf Berringer zu und reichte ihm einen der Becher.

„Suchen Sie was Bestimmtes?“

„Eigentlich nicht. Aber Familienfotos lösen immer ein ganz besonderes Interesse bei mir aus.“

„Haben Sie auch Familie?“

„Ich hatte“, sagte Berringer.

„Tja, heutzutage wird jede dritte Ehe geschieden, und oft genug verhindern die Frauen dann den Kontakt zischen dem Vater und den Kindern. Dann bricht natürlich alles auseinander.“

„Nein, bei mir war das simpler“, sagte Berringer. „Ein Killer, der eigentlich mich töten wollte, hat meine Frau und meinen Sohn mit einer Autobombe in die Luft gesprengt.“

„Oh ...“, sagte Krassow. „Das ... das tut mir leid.“

„Tanja sieht ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich.“

„Ja, vor allem auf den alten Bildern. Wenn man Frederike heute sieht ...“

„Stell ich mir in Ihrem Job gar nicht so leicht vor. Als alleinerziehender Vater, meine ich.“

Krassow sah ihn erstaunt an. „Wie kommen Sie darauf? Ich hatte nicht erwähnt, dass Frederike und ich nicht mehr zusammen sind.“

„Entschuldigen Sie, ich hab laut gedacht. Mir ist einfach nur aufgefallen, dass die jüngsten Aufnahmen, auf denen sie zu sehen ist, sieben bis acht Jahre alt sein müssen

– grob geschätzt aufgrund des Alters, das Ihre Tochter auf den Fotos hat.“ Krassow seufzte. „Sie beobachten sehr genau. Und Sie haben recht. Frederike hat uns verlassen.“

„Eine ganze Familie von Armbrustschützen – Vater, Mutter, Tochter. Das hat man selten.“

„Man wird ruhig dabei“, erklärte Krassow. „Sehen Sie, in meinem Job stehe ich immer unter Strom. Ständig muss ich hundertfünfzig Prozent geben, um irgendwelche Säle zum Kochen zu bringen, und selbst in dieser Astro-Show muss ich mich sehr konzentrieren ...“

Auf Ihre seherische Gabe, dachte Berringer ironisch, behielt den Kommentar aber für sich. Wahrscheinlich bestand die Kunst, die man Krassow abverlangte, eher darin, die Anrufer lange genug an der Strippe zu halten, damit man möglichst viele Gebühren abbuchen konnte.

„Ich kann Sie gut verstehen“, sagte Berringer stattdessen – ganz im Sinn eines positiven Feedbacks, wie in Lehrgängen zur Gesprächsführung immer empfohlen wurde.

„In dem Augenblick, in dem man schießt, denkt man an nichts mehr, dann ist das Gehirn wie leergefegt“, fuhr Krassow fort. „Sonst geht der Schuss daneben.“

„Man schaltet also völlig ab, meinen Sie das?“

„Genau. Ich kann das wirklich nur jedem empfehlen.“ Berringer nippte an dem Kaffee. Er war etwas bitter. So hatte der Kaffee früher geschmeckt, wenn man die Bohnen in sogenannten Dritte-Welt-Läden gekauft hatte.

Fair gehandelt, stark geröstet. Krassow trank seinen Becher in wenigen Zügen leer.

Berringers Handy meldete sich. Er ging ran, und kaum hatte er seinen Namen genannt, hörte er den Anrufer hastig sagen:

„Hier Marwitz. Bei mir ist der Teufel los. Es wäre nett, Sie würden sofort herkommen!“

Als sich Berringer kurze Zeit später hinter das Steuer seines Wagens setzte, meldete sein Handy eine SMS. Die sah er sich schnell noch an, bevor er losfuhr. Frank Marwitz befand sich erst einmal in Sicherheit. Zumindest hatte der Event-Manager behauptet, dass sich rund zwanzig Beamte, wenn nicht mehr, in der Nähe seines Büros aufhielten.

Der Text der SMS lautete: Warum hast du dich nicht gemeldet? W.

W. – das war Dr. Wiebke Brönstrup, Gerichtsmedizinerin und Berringers alte Flamme. Das war lange vor seiner Ehe gewesen, und Berringer hatte nicht gedacht, dass sie beide ihre alte Affäre noch einmal wiederaufleben lassen würden. Doch das Schicksal oder vielleicht auch nur Wiebkes beruflicher Weg hatte sie vor einiger Zeit wieder zusammengeführt, auch wenn Berringer noch nicht so ganz klar war, wohin das Ganze laufen sollte. Schließlich war es zwischen ihnen schon einmal schiefgegangen – und das zu einer Zeit, als seine Seele noch gesund gewesen war.

Auf der anderen Seite konnte ihm Wiebke vielleicht dabei helfen, die Vergangenheit endlich ein Stück weit hinter sich zu lassen. Die Betonung lag dabei allerdings auf ein Stück weit.

Berringer seufzte und überlegte, was er antworten sollte. Sein Kopf war auf einmal völlig leer. Alle Wörter, die auch nur im Entferntesten hätten passen können, schienen sich plötzlich aus seinen Gehirnwindungen verabschiedet zu haben. Eine Minute verging, dann eine zweite. Schließlich schrieb er: Wir telefonieren.

Erst als er die Nachricht abgeschickt hatte, erinnerte er sich daran, dass er ihr die gleichen zwei Worte erst vor Kurzem geschrieben hatte. Mist, dachte er, das wird sie als unsensibel interpretieren.

Aber es war zu spät. Die Nachricht war weg. Unwiederbringlich im Äther des Mobilfunknetzes.

Doch schon im nächsten Moment fesselte etwas anderes seine Aufmerksamkeit.

Er sah, wie Krassow ziemlich eilig zum Kofferraum seines Wagens stiefelte. Er holte ein paar schlammverschmierte Turnschuhe daraus hervor und steckte sie in einen Müllsack, dann überquerte er die Straße und warf den Beutel in einen Mülleimer, den jemand anderes rausgestellt hatte. Erst da bemerkte er, dass ihn Berringer von seinem Wagen aus beobachtete, und er erstarrte mitten in der Bewegung und mitten auf der Straße.

Ganz kurz präsentierte er sein Gesicht ohne das so kontrollierte, geschäftsmäßige Event-Manager-Lächeln. Aber dieser rare Moment, in dem er einen tieferen Einblick unter seine glatte Moderatorenfassade gewährte, war sogleich wieder vorbei.

Krassow ging auf Berringers Wagen zu, und der Detektiv ließ die Scheibe nach unten.

„Sie beschatten mich doch nicht etwa?“, fragte Krassow mit gezwungen wirkendem Lächeln.

„Dann hätten Sie mich nicht bemerkt“, erwiderte Berringer. „Ganz bestimmt.“

„Ja, ja ...“

„Glauben Sie mir.“

„Ich wette, Sie haben auch schon mal was in einen fremden Mülleimer geworfen, der halb leer ist.“

„Sicher.“

„Es kostet heutzutage ja fast so viel, all das Zeug wieder loszuwerden, das man sich gekauft hat, wie man ursprünglich dafür ausgegeben hat, um es zu bekommen.“

„Dennoch putze ich meine Schuhe lieber, statt sie wegzuschmeißen“, entgegnete Berringer.

„Ich bin in Scheiße getreten, um es deutlich zu sagen. Den Geruch kriegen Sie nie wieder richtig weg, und in meinem Job muss man immer einen guten Eindruck machen.“

„Wo tritt man denn hier in Scheiße?“, fragte Berringer.

„Überall. Mir ist es beim Joggen passiert, aber Sie können hier gehen, wo Sie wollen

– überall Leute mit großen Hunden, die große Haufen machen, und niemand, der dafür sorgt, dass Straßen und Wege wieder sauber werden!“

„Ich muss los“, sagte Berringer.

„Wiedersehen.“

„Bestimmt.“

Berringer ließ das Seitenfenster hochgleiten und startete den Motor. Im Rückspiegel sah er noch, wie Krassow ihm hinterher blickte. Als hätte ich ihn dabei erwischt, wie er eine Leiche beseitigt, dachte der Detektiv.

Dabei waren es doch nur Schuhe ...

Bei der nächsten Ampel piepte sein Handy erneut und kündigte damit Wiebkes Antwort-SMS an.

Die Nachricht bestand nur aus einem einzigen Wort.

wann

Klein geschrieben und ohne Satzzeichen.

Berringer schrieb: Später.

Mehr ging nicht, dann war die Ampel wieder grün.

4. Kapitel: M – Eine Stadt sucht einen Mörder

Du weißt, dass alles, was bisher geschehen ist, nur ein Vorspiel war. Eine Probe. Eine Generalprobe vielleicht, aber nicht mehr. Du hast den Schritt durchdacht, du hast ihn im Kopf längst vollzogen, nun kannst du es auch in der Realität durchziehen.

Katzen spielen manchmal mit ihrer Beute, bevor sie sie töten.

Willst du noch länger eine Katze sein oder endlich tun, was getan werden muss?

Damit Schluss ist.

Endgültig.

Du brauchst keine Furcht zu haben.

Die Hölle, die hinter dir liegt, ist schlimmer als alles, was noch kommen kann.

Schlimmer auch als alles, was du auslöst, wenn du jetzt endlich den Mut fasst, der nötig ist.

Du nimmst den Bolzen, legst ihn ein ...

Klack.

Es ist doch eigentlich so leicht ...

Von unterwegs rief er Vanessa Karrenbrock in der Detektei an.

Berringer fasste ihr kurz den Stand der Dinge zusammen und sagte dann: „Wäre klasse, du könntest rausfinden, ob dieser Eckart Krassow zur fraglichen Zeit tatsächlich im Sender war oder ob nicht manchmal vielleicht doch Aufzeichnungen gezeigt werden.“

„Wie soll ich das denn hinkriegen?“, beschwerte sie sich prompt. „Außerdem wollte ich gleich Feierabend machen, es sei denn, du zahlst mir die zusätzlichen Stunden.“

„Bin ich dir schon mal was schuldig geblieben?“

„Na ja ...“

„Bitte?“

„Schon gut. Aber du könntest mal darüber nachdenken, ob du meine Dienste nicht finanziell etwas höher bewerten möchtest.“

Höher bewerten, dachte Berringer. BWLer-Gequatsche. Bildung verdirbt eben den Charakter!

„Ich denke darüber nach.“

„Echt?“

„Echt. Und noch was: Ich brauch alles über einen gewissen Artur König. Der war Türsteher in Düsseldorf und soll inzwischen Anführer der MEAN DEVVILS sein.

Durchforste das Internet und ...“

„Wäre es nicht leichter, du quatschst deswegen deine Ex-Kollegen an?“

„Das tu ich schon.“

„Na ja, ich werd mal sehen, was sich machen lässt.“

„Gut.“

Als er schließlich Marwitz‘ Agentur erreichte, musste sich Berringer zwischen all den Einsatzfahrzeugen erst einen Platz suchen, wo er seinen Opel abstellen konnte. Die Presse war auch schon da. Und Kommissar Anderson sah er ebenfalls herumlaufen.

Allerdings schien sich die Polizei hauptsächlich für das Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu interessieren.

Berringer ging zuerst zu Marwitz.

„Diesmal war es noch knapper!“, stieß der Event-Manager aufgeregt hervor und deutete auf den zerstörten Lautsprecher der PA-Anlage. „Wer macht so was? Schießt auf mich, während die Polizei fast danebensteht und zusieht!“

„Also ehrlich, so was haben wir uns nicht mal in Kreuzberg getraut“, äußerte der recht dicke und sehr große Mann, der in der Nähe stand.

„Wer sind Sie bitte?“, fragte Berringer.

„Harry Handbroich von der Handbroich-Spedition. Aber für dich Harry. Und wer bist du?“

Am liebsten hätte Berringer geantwortet: Ich bin Herr Berringer. Aber stattdessen sagte er: „Ich bin der Robert.“

„Geil. Der Privatdetektiv, ne‘?“

Das „ne‘“ mit dem dumpfen, kurz gesprochenen E am Ende war zusammen mit dem Wort „geil“ so etwas wie das verbale Erkennungszeichen einer Generation.

„Ja, der Privatdetektiv“, bestätigte Berringer.

„Also wenn du mich fragst, Robert, der Kerl, der das getan hat, wollte unserem guten Frank nur Angst machen. Ich meine, zweimal daneben – das gibt’s doch sonst nicht.

Jedenfalls nicht so knapp.“

Berringer wandte sich an Marwitz. „Haben Sie was gesehen?“

„Wie er davonlief. Über das Dach der Halle da vorn.“

„Na ja“, meinte Berringer, „jedenfalls wissen wir nun, dass es ein Mann ist.“

„Sah jedenfalls von der Figur her so aus. Mehr war auch nicht zu erkennen. Nur ist er leider auf rätselhafte Weise verschwunden. Die Polizei sagt, wahrscheinlich durch einen Abwasserkanal.“

„Spricht für gute Planung“, murmelte Berringer nachdenklich. „Ich komme übrigens gerade von Krassow ...“

Er dachte an die Schuhe und hätte zu gern gewusst, ob wirklich Hundekot oder vielmehr Klärschlamm an ihnen geklebt hatte.

Aber jetzt zurückzufahren, um das zu überprüfen, hatte kaum Sinn. Entweder hatte die Müllabfuhr die Schuhe bereits mitgenommen, oder Krassow hatte, wenn er tatsächlich etwas mit den Anschlägen auf Marwitz zu tun hatte und wie das Phantom von Mönchengladbach durch die Abwasserkanäle entkommen war, die verschmierten Treter inzwischen anderweitig entsorgt. Vielleicht im Garten vergraben, dachte Berringer.

„Was haben Sie denn von Krassow herausbekommen?“, fragte Marwitz.

„Nicht der Rede wert“, erwiderte Berringer. „Nur, dass er offenbar wirklich ein sehr guter Armbrustschütze ist und von daher für so einen Kunstschuss in Frage käme.“ Und auch vom zeitlichen Ablauf her hätte Krassow zumindest dieses Mal der Täter sein können ...

„Er muss hinter diesen Anschlägen stecken“, war Marwitz überzeugt. „Eigentlich dachte ich ...“ Er stockte.

„Was?“, hakte Berringer nach.

Marwitz schluckte und scheute offenbar davor zurück weiterzusprechen, rang sich dann aber doch dazu durch: „Na ja, ich hatte gehofft, Sie würden ihn mal etwas härter anfassen.“

Berringer riss die Augen auf und starrte ihn an. „Wenn Sie einen Schläger suchen, sind Sie bei mir an der falschen Adresse.“

„So war das nicht gemeint“, behauptete Marwitz.

„Hörte sich aber so an“, entrüstete sich Berringer. „Wenn Sie mich nur deshalb engagiert haben, weil die MEAN DEVVILS schon für Ihren Konkurrenten arbeiten und Sie jemand Gleichwertigen suchen, um ihn dagegenzustellen, ist unsere Zusammenarbeit hier und jetzt beendet!“

Marwitz hob abwehrend die Hände. „Wie gesagt, so war das nicht gemeint. Aber Sie müssen mich verstehen, ich bin in einer verzweifelten Lage. Wenn jetzt noch irgendwas schiefläuft, kann ich das Korschenbroicher Schützenfest und vielleicht sogar das Internationale Hockey-Turnier knicken. Sie haben ja keine Ahnung, was das bedeutet.“

Berringer bemerkte, wie Marwitz’ Gesichtsfarbe von Rot in Dunkelrot wechselte. Der Event-Manager ballte die Hände zu Fäusten, und es war unübersehbar, wie verkrampft und angespannt er war. Der aufgesetzte Optimismus, die demonstrativ zur Schau getragene gute Laune, die lässige Souveränität und sein schmalziger Charme –

das alles wirkte plötzlich wie eine abblätternde Tünche, durch die immer mehr zum Vorschein kam, wie es in Wirklichkeit in Marwitz’ Seele aussah. Innerlich stand er vor einem Abgrund.

„Sie müssen Ihr Gemüt etwas abkühlen“, forderte Berringer. „Heute Abend haben Sie in der Kaiser-Friedrich-Halle eine perfekte Show abzuliefern, auf die Sie sich voll konzentrieren müssen. Alles andere sollte erst mal nebensächlich sein.“ Aber diese Worte blieben scheinbar ungehört. In Marwitz kochte es, und Berringer hatte Sorge, dass sein Klient bei nächster Gelegenheit und aus nichtigem Anlass die Beherrschung verlor.

„Das Internationale Hockey-Turnier ist so was wie die Generalprobe für die Feldhockey-Europa-Meisterschaft der Herren 2011“, erklärte Marwitz. „Und für die könnte ich mir gute Chancen erarbeiten, wenn alles glatt über die Bühne geht. Aber so ...“ Er verstummte und schüttelte den Kopf, und ein bitterer, verzweifelter Zug trat in seine Miene.

Er deutete auf einen Mann mit Halbglatze, der sich mit einem der uniformierten Polizisten unterhielt und dabei die Hände tief in den Hosentaschen vergraben hatte.

Um den Hals hing ihm eine Kamera, deren Riemen das Revers seines Jacketts arg verknitterte. Es war kleinkariert und eigentlich eine Nummer zu eng. Jedenfalls bezweifelte Berringer, dass der Mann die Knöpfe schließen konnte.

„Da steht er schon, der Feind“, raunte Marwitz.

„Wie?“, fragte Berringer, der im ersten Moment schon glaubte, sich vielleicht verhört zu haben.

„Conny Tietz von der Rundschau. Kennen Sie ihn nicht?“

„Nur als Name unter diversen Artikeln.“

„Sie scheint er zu mögen. Jedenfalls hat er Ihren Namen groß herausgestellt, als er über die Sache mit der Stalkerin und Paul Pauke geschrieben hat.“

„Ich erinnere mich“, murmelte Berringer. Allerdings war es ihm gar nicht recht gewesen, dass die Sache in der Öffentlichkeit breitgetreten worden war. Zwar war das auf der einen Seite natürlich kostenlose Werbung, aber erstens hatte Berringer inzwischen längst genug lohnende Aufträge, und zweitens war Unauffälligkeit Teil seines Jobs. Insofern vermied er es immer tunlichst, sein Gesicht in irgendeine Kamera zu halten, egal, ob es die eines WDR-Landesstudios, einer Lokalzeitung oder eines Boulevard-Blatts war. Dass allerdings sein Name hin und wieder erwähnt wurde, ließ sich nicht vermeiden.

„Mich mag Tietz leider überhaupt nicht“, fuhr Marwitz fort. „Immer wenn er in der Rundschau über eine Veranstaltung schreibt, die ich moderiert habe, ist der Artikel voller Süffisanz. Das ist in meinen Augen schon Rufschädigung.“

„Warum verklagen Sie ihn nicht?“, fragte Berringer.

„Bin ich verrückt? Dann würde dieser Tietz doch erst so richtig loslegen. Und weil diese Pressegeier alle irgendwie zusammenhalten, wenn’s gegen ein wehrloses Opfer geht, hätte ich dann auch noch seine Kollegen am Hals. Davon abgesehen habe ich mich auch schon juristisch beraten lassen, und mir wurde dringend von einer Klage abgeraten. Die Erfolgsaussichten seien gleich null, von wegen Presse- und Meinungsfreiheit und so.“

„Tja, da bin ich wohl der Falsche, um Ihnen irgendeinen Tipp zu geben“, meinte Berringer und beobachtete mit Sorge, wie Marwitz immer mehr in Rage geriet. Die Adern an seinem Hals schwollen auf bedenkliche Weise an, und die Gesichtsfarbe wurde sogar noch eine Spur dunkler.

„Wenn Krassow, dieser alte Schleimer mit dem Charme der vorletzten Jahrhundertwende, einen Senioren-Tee moderiert, dann lobt ihn Conny Tietz in den höchsten lokaljournalistischen Tönen. Es ist nicht zu fassen! Ich habe gehört, dass Krassow dafür beim Fußballturnier der Mönchengladbacher Schulen umsonst den Stadionsprecher macht.“

Berringer runzelte die Stirn. „Den Zusammenhang versteh ich nicht.“

„Na, ist doch ganz einfach: Die Rundschau sponsert das Turnier. Eine Art Imagekampagne, um sich die Sympathie der Leser von morgen und ihrer Eltern zu sichern. Einer, der früher in der Rechnungsabteilung der Rundschau gearbeitet hat, hat mir verraten, dass Tietz das Honorar, das Krassow in Rechnung stellt, in die eigene Tasche steckt.“

Berringer nickte. Wenn das der Wahrheit entsprach, konnte er sich gut vorstellen, wie das ablief. Es hatte jeder seinen Vorteil davon: Krassow opferte einen Nachmittag für das Schulturnier und erhielt dafür eine gute Werbung, und Tietz konnte sich zwei Wochen Mallorca extra im Jahr leisten. Der Haken war wohl nur, dass offenbar auch die Unterstützung der örtlichen Presse Krassow nicht viel weiter nach vorn brachte, als er im Moment schon war. Die beste Werbung hob letztendlich nicht die Unterschiede im Talent auf: Eckart Krassow spielte eben nicht in einer Moderatorenliga mit Frank Marwitz – so wie es für Marwitz unmöglich war, die höheren Weihen eines Show-Moderators im Free-TV zu erhalten.

Die sollen sich nicht so anstellen, dachte Berringer. Was soll ich denn sagen? Ich werde ja auch kaum noch Polizeipräsident von Düsseldorf.

Frank Marwitz zog Berringer etwas zur Seite. „Können Sie da nichts machen?“, fragte er leise und in einem fast verschwörerischen Tonfall.

„Was heißt hier was machen?“, fragte Berringer, obwohl er eigentlich gar nicht näher wissen wollte, was sein Klient damit zum Ausdruck bringen wollte.

„Na, der Schmierfink wird doch wahrscheinlich ausführlich über das berichten, was hier geschehen ist. Und die Folgen sind unabsehbar. Kann sein, dass ich meinen Laden dann dichtmachen kann – zumal, wenn er die Story auch noch an die Boulevardpresse verkauft. Das darf er zwar nicht, weil er eigentlich exklusiv für die Rundschau arbeitet, aber seine Unfallfotos von der A52 sind auch immer regelmäßig in der BILD.“

Ich dachte, landesweite Berühmtheit wäre ganz nach deinem Geschmack, dachte Berringer, verkniff sich diese Bemerkung aber, sondern versprach: „Ich werde mal mit ihm reden.“

„Und heizen Sie ihm vielleicht ein bisschen ein. Ich bezahle Sie ja schließlich.“

„Ich sagte Ihnen schon: Wenn Sie glauben, Sie hätten mit mir einen Schläger angeheuert, sind Sie falsch gewickelt, Herr Marwitz“, stellte Berringer unmissverständlich klar.

„Ich dachte nur ...“

„Lassen Sie das Denken besser bleiben, wenn es in diese Richtung geht“, schnitt Berringer ihm das Wort ab. „Tut mir leid für Sie, dass die hiesige Rockertruppe offenbar schon von Ihrem Konkurrenten gebucht wurde. Ich habe keine Lust, mich auf dieses Niveau zu begeben.“

Marwitz sah Berringer mit zu Schlitzen verengten Augen an. Ein Muskel zuckte unruhig in seinem Gesicht, und das linke Augenlid flatterte ein wenig. Er sah aus wie ein Mann, der drauf und dran war, den sicheren Grund unter den Füßen zu verlieren.

Doch auf einmal lächelte er matt. „Ich wollte sagen, dass Sie als Ex-Polizist ja vielleicht auch ein bisschen juristisch argumentieren könnten, so von wegen übler Nachrede und so. Vielleicht reagiert er ja darauf.“

„Mal sehen“, brummte Berringer nur.

Berringer ging zu dem Pressemann, den der uniformierte Polizist inzwischen stehen gelassen hatte.

„Conny Tietz?“, fragte Berringer.

„Der bin ich.“

„Mein Name ist Berringer.“

„Der Detektiv, der Paul Pauke von dieser Stalkerin befreit hat, richtig?“

„Richtig. Und im Moment versuche ich Frank Marwitz zu helfen.“

„Falls dem noch zu helfen ist“, sagte Tietz.

Berringer wurde sofort hellhörig. „Wie meinen Sie das?“

„Na ja, so schlecht wie sein Ruf inzwischen schon ist ...“

„Darüber möchte ich mit Ihnen reden. Herr Marwitz ist nicht daran interessiert, dass Sie dazu beitragen, dass sein Ruf noch schlechter wird.“

„Dafür sorgt er schon selbst. Ich schreibe nur das, was ich erfahre und belegen kann“, behauptete Tietz. „Wollen Sie etwa, dass ich irgendeine Information zurückhalte?“ Dann deutete er zur anderen Straßenseite, wo die Polizei das Grundstück, auf dem sich das Lagerhaus befand, abgeriegelt hatte. „Die lassen niemanden an den Tatort. Ich muss wahrscheinlich von einem hohen Gebäude in der Umgebung meine Fotos machen.“

„Sie haben es wirklich nicht leicht“, erwiderte Berringer mit deutlicher Ironie im Tonfall, aber Conny Tietz schien es zu überhören. Jedenfalls verzog er keine Miene.

Berringer wartete noch einen kurzen Moment auf das Blitzen in den Augen oder ein Zucken der Mundwinkel. Irgendetwas, das darauf schließen ließ, dass Tietz doch verstanden hatte, wie Berringer es meinte.

Stattdessen fragte Tietz: „Können Sie nicht was für mich tun und bei Ihren Kollegen ein gutes Wort für mich einlegen?“

Berringer antwortete nicht darauf. „Wir sollten uns vielleicht mal treffen und über Eckart Krassow reden“, schlug er stattdessen vor und gab Tietz seine Karte, von denen er glücklicherweise ein paar griffbereit in der Seitentasche seines Jacketts hatte.

Tietz nahm die Karte entgegen und war offenbar leicht überrascht. Dann gab er Berringer seine eigene. „Wir sollten uns wirklich mal treffen. Ich würde gern eine Homestory über Sie schreiben. Sie wohnen doch auf einem Hausboot im Düsseldorfer Hafen, oder?“

„Ach, das wissen Sie auch?“

„Ich bin gut informiert.“

„Das merke ich gerade.“ Umso wichtiger war ein Treffen mit ihm, ging es Berringer durch den Kopf. Natürlich hoffte Tietz, dass der Informationsfluss bei dieser Gelegenheit genau in die andere Richtung verlief. Berringer hatte nicht die Absicht, ihm diesen Glauben jetzt schon zu nehmen.

„Verzeihen Sie, wenn ich das so offen anspreche, aber der Typ, der damals Ihre Familie umgebracht hat“, sagte Tietz, „der sitzt doch lebenslänglich, oder?“

„Wir können gern über den Irren reden, der Frank Marwitz mit seiner Armbrust in den Wahnsinn oder ins Grab treiben will“, entgegnete Berringer energisch. „Aber nicht über meine Familie. Haben Sie mich verstanden?“ So hast du vielleicht früher Dienstanweisungen gegeben, dachte er im nächsten Moment, aber im normalen Leben ist diese Art der Kommunikation absolut daneben!

Er begriff, dass er sich im Ton vergriffen hatte, wenn er von Tietz tatsächlich was wollte. Doch der Journalist hatte bei ihm den empfindlichen Punkt getroffen, und deswegen reagierte er auf eine Weise, die auf andere Menschen vielleicht etwas grob wirkte.

Inzwischen war es Berringer in der Regel gleichgültig, wie er auf andere wirkte und ob sein Gegenüber ihn für einen Misanthropen hielt, der er nur scheinbar war. Aber wenn es darum ging, in einem Fall weiterzukommen, versuchte er, seine eher düstere Seite zu unterdrücken. Zumindest so gut es ging, denn ganz war ihm das nicht möglich.

„Wie kommen Sie dazu, sich so genau mit meinem Leben zu beschäftigen?“, fragte er ungehalten und spürte, wie ihn das innerlich auf eine ungesunde Weise aufwühlte.

Das Herz schlug ihm bis zum Hals, und seine Hände krampften sich zusammen.

„Das ist eine ergreifende Story“, verteidigte sich der Reporter. „Daraus könnte man was machen. Bild-Zeitung, die Boulevard-Magazine der Privatsender ... Da könnte eine richtig gute Kampagne draus werden - und schon stehen Sie wie ein Held da. Ein Mann, der sein Leben gemeistert hat, obwohl ihm das Schicksal so hart mitspielte.

Ein Kämpfer für Gerechtigkeit, der nicht aufgibt, obwohl ihm die Gangster alles genommen haben, was ihm etwas bedeutete ... Man müsste ein Buch daraus machen. Ich könnte mich als Ghostwriter anbieten, wenn Sie mir die nötigen Background-Infos geben.“

„Und hinterher kann man noch einen Spielfilm darüber drehen“, brummte Berringer erbost. „Mit Till Schweiger in der Hauptrolle. Man könnte ja den Tod meiner Frau und meines Sohnes zu einer Komödie umdichten, was? Nein danke.“

„Überlegen Sie sich das gut. Wir hätten beide was davon.“ Berringer wollte noch einmal heftig widersprechen, schluckte dann aber die Bemerkungen, die ihm auf der Zunge lagen, hinunter. Er wollte etwas von diesem Mann, also sollte er es sich mit ihm nicht ganz und gar verderben.

„Wir sprechen später darüber“, lenkte er ein, als er hinter einer Ecke des Lagerhauses Kriminalhauptkommissar Anderson auftauchen sah.

Anderson unterhielt sich zunächst mit einem uniformierten Polizisten sowie einer Kollegin der Spurensicherung, die einen weißen Einwegoverall trug. Strähnen ihres gelockten Haares lugten unter der dazugehörigen Kopfhaube hervor.

Berringer überquerte schnell die Straße.

Ein Uniformierter hielt ihn auf, als er das Gelände betreten wollte. „Tut mir leid, keine Presse. Das habe ich schon Ihrem Kollegen gesagt.“ Berringer hörte hinter sich Schritte. Ohne sich umzudrehen, begriff er, dass Conny Tietz ihm einfach gefolgt war, in der Hoffnung, sich in Berringers Windschatten vielleicht doch noch auf das Grundstück schleichen zu können. Und für Berringer hatte das nun zur Folge, dass er zusammen mit dem offenbar allseits bekannten Conny Tietz zur Presse gerechnet wurde.

„Kriminalhauptkommissar Anderson kennt mich und will mich sprechen“, sagte Berringer und zeigte dem Uniformierten seine ID-Card, mit der er sich als Privatdetektiv auswies.

„Tut mir leid, davon weiß ich nichts.“

„Ich habe wichtige Ermittlungsergebnisse beizutragen.“ Anderson wandte das Gesicht in Berringers Richtung. Der Detektiv winkte ihm zu, und Anderson grüßte mit einem Kopfnicken zurück, während die Beamtin von der Spurensicherung mit weit ausholenden Schritten in die Lagerhalle zurückkehrte.

Berringer nutzte die Verwirrung des Uniformierten, der ihn aufgehalten hatte, um einfach an ihm vorbeizugehen. Dieser schaffte es gerade noch zu verhindern, dass Tietz es ihm gleichtat.

Anderson ging Berringer entgegen, deutete auf Tietz und rief dem Uniformierten zu:

„Der da nicht!“

„In Ordnung“, bestätigte der Polizist und sagte zu Tietz: „Sie müssen schon bis zur Pressekonferenz warten.“

„Hallo, Thomas“, begrüßte Berringer seinen ehemaligen Kollegen. „Wie ist der Stand der Dinge?“

„Wir suchen derzeit die entscheidenden Köpfe der MEAN DEVVILS, um sie zu vernehmen. Beweise gegen sie haben wir nicht.“

„Und? Die werden doch ihre bekannten Treffpunkte haben.“

„Nur sind sie alle ausgeflogen. Denn unsere leitende Staatsanwältin Frau Dr. Isolde Müller-Steffenhagen ...“

„Der Drache?“

„Genau. Frau Dr. Müller-Steffenhagen denkt leider mehr an ihre persönliche Selbstdarstellung als daran, dass sie mit ihrem Getöse die Ratten verscheucht.“

„Wie wär’s, wenn du heute Abend auf die Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle kommst und ausreichend Personal mitbringst. Nur sollten die besser ihre Uniformen zu Hause lassen.“

„Nach feiern ist mir nicht zumute“, erwiderte Anderson. „Unsere Ermittlungsergebnisse sind nämlich mehr als bescheiden.“

„Dennoch“, meinte Berringer, „die Sache könnte sich lohnen. Da gibt‘s einen tollen falschen Michael Jackson, der zwar nicht wie Michael Jackson aussieht – weder wie der schwarze noch wie der weiße – und weder singen noch tanzen kann, aber dadurch wird die Fantasie der Zuschauer enorm gefordert. Wäre das nichts für dich?“

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“

„Doch, ist es. Denn das ist das nächste Event, das Frank Marwitz moderiert, und es ist mehr als wahrscheinlich, dass die MEAN DEVVILS wieder versuchen, dort zu stören.“

Anderson überlegte kurz, dann nickte er. „Ja, vielleicht ist das wirklich eine Möglichkeit, ein paar von den Typen dingfest zu machen. Ich werde mal sehen, was sich da machen lässt.“

Plötzlich bog ein Van um die Ecke und fuhr auf den Hof vor Marwitz‘ Büro. An den Seiten trug er das Logo eines Privatsenders. Ein Typ mit Kamera sprang ins Freie, dann ein Tontechniker und anschließend eine Frau mit langen blonden Haaren, die sich zunächst mal von einer Assistentin die Frisur zurechtmachen ließ und dann mit dem Mikro in der Hand ungeduldig auf und abging, als würde sie auf etwas warten.

„Ist hier irgendein Ereignis angekündigt, von dem ich nichts mitbekommen habe?“, fragte Berringer an Anderson gewandt.

Das Gesicht seines Ex-Kollegen verriet, dass er ebenso ratlos war wie er selbst.

Schließlich murmelte Anderson: „Ich habe einen bösen Verdacht ...“ Aber er kam nicht mehr dazu, ihn auch zu äußern. Einer seiner Kollegen rief: „Wir haben etwas gefunden!“

Berringer folgte Anderson bis zum Personaleingang der Lagerhalle. Niemand kümmerte sich weiter um ihn oder versuchte gar, ihn aufzuhalten. Zusammen mit Anderson trat er ins Innere, wo Beamten der Spurensicherung mit ihrer Arbeit beschäftigt waren.

Die Kollegin im Einwegoverall, die Berringer draußen schon gesehen hatte, trat auf Anderson zu. Sie hielt einen schlammverschmierten, sorgfältig eingetüteten Gegenstand in der Hand.

„Hier“, sagte sie. „Sieht aus wie ein Armbrustprojektil.“

„Wo ist das her?“, wollte Anderson wissen.

„Kommt aus dem Kanal. Der Täter hat es offenbar bei seiner Flucht verloren. Der Abstieg ist sehr eng und die Metalltritte scharf und rostig. Und da es dunkel war, dürfte er auch kaum was gesehen haben, selbst wenn er eine Taschenlampe bei sich hatte.“

„Sagen Sie bloß, es gibt sogar 'ne DNA-Spur?“, fragte Anderson.

„Ist nicht ausgeschlossen. Unter Luminol sind an einer der Sprossen kleinere Blutspuren zu erkennen. Es könnte sein, dass der Täter abgerutscht ist und sich dabei eine Schürfung zugezogen hat. Ob die Blutspur vernünftig gesichert werden kann und für eine DNA-Bestimmung ausreicht, muss sich noch zeigen. Das macht unser Hans-Werner!“

„Hans-Werner Wradel?“, fragte Berringer.

Die Frau im Overall sah ihn stirnrunzelnd an. „Wer sind Sie denn?“

„’n Kollege“, sagte Anderson knapp; das „’n“ war dabei kaum zu hören. Dann deutete er auf die Frau im Overall: „Birgit Mankowsi vom Erkennungsdienst.“

„Angenehm“, sagte Berringer.

„Ja, unser Hans-Werner heißt tatsächlich Wradel“, bestätigte Birgit Mankowski.

„Ich kenne ihn aus Düsseldorf.“

„Sind Sie vom LKA?“, wollte sie wissen. Sie schloss darauf, weil das Landeskriminalamt von NRW in Düsseldorf, in der Völklinger Straße, seinen Sitz hatte. „Ich wusste nicht, dass der Fall schon diese Dimensionen angenommen hat, dass sich das LKA darum kümmern muss. Na ja, ist ja auch egal. Ich mach hier nur meinen Job, und das, was dabei herauskommt, müssen dann andere Leute bewerten und interpretieren.“

Etwas ganz Ähnliches hatte Berringer vor einigen Jahren Hans-Werner Wradel öfter mal sagen hören. Der hatte nach den paar Jahren in verschiedenen Kommissariaten für sich entschieden, dass ihm der Umgang mit Menschen einfach zu anstrengend war. Für den Umgang mit Proben und deren Auswertung war er hingegen aufgrund seiner Akribie wie geschaffen.

Eigentlich hätte Berringer gern noch mit Hans-Werner Wradel gesprochen, um mehr zu erfahren, aber dann beschloss er, das Gespräch nicht weiter in diese Richtung voranzutreiben. Er bemerkte nämlich, wie nervös Thomas Anderson geworden war, weil seine Kollegin von der Spurensicherung ihn – Berringer – für einen LKA-Beamten hielt.

Okay, okay, ich will dich ja nicht unnötig blamieren, dachte er. Hans-Werner konnte er schließlich später auch anrufen.

„Der Täter hatte Schuhgröße fünfundvierzig“, fuhr Birgit Mankowski fort. „Das wissen wir aufgrund eines Schuhabdrucks im Staub.“

„Einen Schuhabdruck hatten wir doch schon bei einem der anderen Attentate“, erinnerte sich Berringer und kramte die Kopie hervor, die er von Anderson hatte.

Selbst bei der bisherigen flüchtigen Lektüre war ihm unter den gesicherten Spuren ein Abdruck Größe einundvierzig aufgefallen, schon deswegen, weil es der einzige gesicherte Schuhabdruck überhaupt gewesen war.

Er faltete das Blatt auseinander. „Hier, auf Dr. Rainer Gerresheim wurde vor vier Wochen ein ähnlicher Anschlag verübt.“

„Ja, ich erinnere mich“, murmelte Anderson sichtlich gereizt.

„Gefundene Spuren: Schuhabdruck Schuhgröße einundvierzig, Turnschuh mit abgelaufenem Profil.“

„Ja, das LKA – genau und akribisch, wie sich das gehört“, sagte Birgit Mankowski, und Berringer zog die Möglichkeit in Erwägung, dass sie das vielleicht ironisch meinte und in Wahrheit vor allem ihrem Unbehagen darüber Ausdruck verleihen wollte, dass ihr und ihren Kollegen eine teils übergeordnete und teils in Konkurrenz stehende Behörde auf die Finger schaute.

„Wenn es sich um Aufnahme-Riten dieser Rocker handelt, ist das mit den unterschiedlichen Schuhgrößen nicht verwunderlich“, meinte Anderson. „Die Neulinge müssen so einen Unfug abziehen, müssen möglichst knapp vorbeischießen und dennoch maximalen Schaden anrichten, und wenn sie das hinkriegen, werden sie in die Gang aufgenommen. Und natürlich braucht so ein Neuling nur eine dieser Mutproben hinzulegen. Also wäre es eher verwunderlich, wenn wir identische Abdrücke hätten.“

„Nun ja, bei Rockern vermute ich eher die Abdrücke von Motorradstiefeln“, murmelte Berringer.

„Mit denen kann man aber nur schwer über Dächer schleichen“, hielt Anderson dagegen.

„Wie gesagt, ich halte mich da raus“, sagte Birgit Mankowski. „Das ist nicht mein Job.“

„Trotzdem – wenn wir den Fall aufklären, wird Ihre Arbeit sicher die Grundlage für den Erfolg sein“, meinte Berringer und zauberte damit ein Lächeln ins Gesicht seiner Gesprächspartnerin.

Anderson wurde es zu bunt. „Komm mit, wir müssen was besprechen“, raunte er Berringer zu und schob ihn ziemlich bestimmt aus der Halle, obwohl der Detektiv eigentlich noch gern geblieben wäre.

Als sie im Freien waren, ließ der Kriminalhauptkommissar seinem Ärger freien Lauf.

„Du bist wohl verrückt geworden, Berry! Dich als LKA-Beamter auszugeben!“

„Das habe ich nicht getan.“

„Doch!“

„Du warst es, der mich als Kollegen vorgesteltl hat“, erinnerte Berringer. „Ich habe nur erwähnt, dass ich aus Düsseldorf komme ...“

„Hör mal, was denkst du dir eigentlich? Willst du mich hier völlig unmöglich machen? Und dann holst du auch noch eine Kopie aus der Tasche, die du gar nicht haben dürftest! Eine Hand wäscht die andere – okay! Aber deine Hände haben einen so üblen Geruch wie die Scheiße in dem Kanal dort unten, und ich habe ehrlich gesagt keine Lust mehr, das länger mitzumachen!“

„Thomas, wir arbeiten doch an derselben Sache – und stehen auf derselben Seite.“

„Da bin ich mir nicht mehr so sicher! Und nun lass mich hier erst mal zufrieden! Ruf mich nicht an, es sei denn, es ist wirklich wichtig, und untersteh dich, meine Kollegen anzusprechen!“

„Das hatte ich auch nicht ...“

„Doch, das hattest du vor!“, unterbrach ihn Anderson. „Du hattest vor, Hans-Werner später anzurufen und auszuquetschen, und dann hast du dir nach dieser grandiosen Show vor Frau Mankowski gedacht, dass du ihren Irrtum bezüglich deiner LKA-Zugehörigkeit vielleicht noch mal ausnutzen könntest, um mehr zu erfahren.

Schließlich wird sie ja wohl keinen Dienstausweis von dir verlangen, wenn du sie noch mal triffst.“

Eine Erwiderung fiel Berringer im Moment nicht ein. Er öffnete den Mund und sagte nur: „Ich ...“

Aber danach kam nichts mehr. Er war einfach zu perplex.

„Ja, da staunst du, Berry! Ich kann nämlich deine Gedanken lesen! Und jetzt verschwinde!“

Als Berringer das Grundstück verließ, sah er eine Limousine, um die sich eine Menschentraube gebildet hatte. Eine Frau im Business-Kostüm und mit markanter Hornbrille stieg aus.

Von einem der uniformierten Beamten erfuhr Berringer, wer dieser Star im Blitzlichtgewitter war: Frau Dr. Müller-Steffenhagen inszenierte sich. Offenbar waren gezielt Medien informiert worden, damit ihr Auftritt auch gebührend gewürdigt wurde.

Berringer näherte sich bis auf wenige Schritte und hörte die Staatsanwältin etwas davon sagen, dass man bereits große Ermittlungsfortschritte erzielt habe und Verhaftungen unmittelbar bevorstünden. Allerdings könne sie aus fahndungstaktischen Gründen keine Einzelheiten bekannt geben. „Aber eins kann ich Ihnen versichern: Wir sorgen für die Sicherheit der Bürger von Mönchengladbach“, hörte man sie laut und deutlich sagen, und sie betonte es so, dass jedem klar war, dass sie selbst mit dem „wir“ gemeint war.

Berringer setzte sich in seinen Wagen. Er fragte sich, ob Eckart Krassow vielleicht Schuhgröße fünfundvierzig hatte, und rief Vanessa an. Aber es ging niemand an den Apparat. Er versuchte es unter ihrer Handy-Nummer. Und damit hatte er Erfolg.

Im Hintergrund waren Stimmen zu hören und eine Akustik wie in einer Kneipe.

„Wo bist du?“, fragte Berringer.

„Döner-Bude. Man muss ja schließlich auch mal was essen“, erwiderte Vanessa genervt. Sie sprach undeutlich und kaute dabei. Man hörte selbst durchs Telefon den Krautsalat knacken.

„Bist du mit Krassows Alibi weitergekommen?“

„Hmmmmm“, murmelte sie gedehnt und schluckte dann erst mal. „Sorry, Berry ...

Einen Moment.“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Ich hab mit dem Sender telefoniert, und jeder dort schwört Stein und Bein, dass Eckart Krassow zur fraglichen Zeit tatsächlich im Sender gewesen sei und jede Sendung live ist.

Aufzeichnungen – so etwas gäbe es nicht, das wäre ja Betrug an den armen Leuten, die dann versuchen anzurufen und in der Warteschleife landen.“

„Aber genau dann bringen sie dem Sender das meiste Geld“, brummte Berringer.

„Ich weiß. Nun hab ich mal ein bisschen herumtelefoniert und über die Freundin einer Freundin, die mal bei diesem Sender gejobbt hat, Kontakt zu einer Ex-Moderatorin gekriegt, die Heike Martens heißt und sich inzwischen als sogenannte wahre Hexe mit eigener Praxis in Viersen selbstständig gemacht hat und sich Abraxella nennt. Sie führt jetzt mentale Karmakorrektur und magische Lebensberatung durch und bietet außerdem Kurse an, in denen Frauen ihre Hexenkräfte entdecken und für gut 500 Euro ein Diplom erwerben können, um damit selbst als magische Beraterinnen tätig zu werden.“

„Und ich habe leichtsinnigerweise immer gedacht, das Mittelalter läge schon eine Weile zurück“, murmelte Berringer.

„Es scheint ein Comeback zu haben.“

„Allerdings.“

„Jedenfalls ließ die Abraxella an ihrem Ex-Arbeitgeber kein gutes Haar, obwohl bereits eine Verleumdungsklage gegen sie läuft. Sie meinte, selbstverständlich würden ab und zu Aufzeichnungen eingesetzt, wenn mal gerade ein Astro-Berater ausfällt oder nicht genug Personal da ist. Die Sendungen werden im Voraus produziert, als Lückenfüller, die man bei Bedarf einsetzen kann. Man muss nur alle aktuellen Bezüge vermeiden.“

„Und die Anrufer?“, fragte Berringer.

„Sind bei den Aufzeichnungen in Wirklichkeit Mitarbeiter des Senders oder deren Freunde und Bekannte. Wer kann schon nachprüfen, ob eine Frau Meier oder Müller aus Niederheide wirklich Probleme mit ihrem Ehemann hat und deswegen beim Sender anruft.“

Gauner!, dachte Berringer. Und genau genommen sogar ein vollendeter Betrug. Kein Wunder, dass der Sender so etwas vehement abstritt. Schließlich hatten die Anrufer, die in der Warteschleife gehalten und denen dabei fleißig Gebühren abgebucht wurden, nicht einmal die vage Chance, das zu bekommen, wonach sie sich sehnten: spirituellen Beistand nämlich.

Für manchen ist das vielleicht auch besser so, dachte Berringer. Denn wer keine dieser „Beratungen“ bekommt, steht hinterher auch nicht ohne Job und Lebenspartner da, nur weil er irgendeinem Wink der Sterne oder der Karten gefolgt ist.

„Das konnte also auch bei Krassow so gewesen sein“, schloss Berringer.

„Richtig. Aber der Sender würde das um keinen Preis zugeben. Wahrscheinlich nicht mal, wenn denen klar wäre, dass sie damit einen Kriminellen decken.“

„Na ja, dann würden sich alle in der JVA wiedersehen und könnten mithilfe ihrer Karten das psychologische Personal etwas entlasten, wenn es darum geht, Prognosen über die Gefahr der Rückfälligkeit bei Inhaftierten zu stellen.“ Vanessa konnte darüber offenbar nicht mal schmunzeln, denn sie beschwerte sich: „Kann ich nun weiteressen? Mein Döner fällt schon auseinander.“

„Was ist mit Artur König?“

„Ich bin noch nicht dazu gekommen, mich um den zu kümmern. Und da wir am Abend ja in der Kaiser-Friedrich-Halle was vorhaben, wird das heute auch nichts mehr.“

„Hör mal, es ist wichtig, dass ich ...“

„Tschüss, Berry“, unterbrach sie ihn und beendete das Gespräch.

Er seufzte, doch statt sie noch einmal anzurufen, wählte er die Nummer von Eckart Krassow, um ihn nach dessen Schuhgröße zu fragen. Aber er bekam lediglich Kontakt zu seinem Anrufbeantworter, anschließend zu einer Mailbox. Krassow war offenbar mal wieder unterwegs und seine Tochter nicht mehr im Büro.

Berringer verbrachte zwei Minuten mit dem Versuch, sich an die Füße des Event-Managers zu erinnern. Aber erstens hatte er nicht besonders auf sie geachtet, und zweitens ließ sich so etwas einfach sehr schlecht abschätzen.

Zumindest war Berringer der Meinung, dass Krassow keine zierlichen einundvierziger Füße hatte.

Er sah auf die Uhr. Nach Düsseldorf zurückzufahren lohnte nicht. Aber vielleicht konnte er sich noch den falschen Michael Jackson vornehmen.

Arno Schwekendiek, der falsche Michael Jackson, lebte in einem Mietshaus im Stadtteil Grenzlandstadion.

Das Haus war dreistöckig, grau und etwas heruntergekommen, obwohl es nicht besonders alt war. Berringer stellte seinen Opel am Straßenrand ab. Schwekendieks Name stand an der Tür, und Berringer betätigte die entsprechende Klingel. Ohne Ergebnis.

Da aus dem abgekippten Fenster, von dem er annahm, dass es zu Schwekendieks Wohnung gehörte, Musik dröhnte, vermutete Berringer, dass man ihn wohl einfach nicht hörte. Also klingelte er bei einem der anderen Namen.

Ein Summen ertönte, und Berringer drückte die Haustür auf. Er nahm – wie immer -

mehrere Stufen auf einmal. Auf dem zweiten Absatz stand ein Mann im Unterhemd, schätzungsweise Mitte sechzig und einen Kopf größer als Berringer.

„Haben Sie geklingelt? Was wollen Se denn? Ich kauf nix.“

„Tut mir leid, war ein Versehen“, entschuldigte sich Berringer.

„Wer sind Sie denn?“

Berringer gab ihm keine Antwort, sondern eilte weiter in den dritten Stock. Wenig später stand er vor Schwekendieks Tür. Auch dort gab es eine Klingel, aber der Knopf fehlte. Und irgendjemand hatte über Klingel und Namensschild mit einem schwarzen Edding ARSCHLOCH geschrieben.

Es geht doch nichts über den sozialen Zusammenhalt einer Hausgemeinschaft, dachte Berringer und klopfte.

„Herr Schwekendiek?“, versuchte er gegen die laute Musik anzukommen.

Privat schien Schwekendiek keineswegs Michael-Jackson-Songs zu bevorzugen, sondern eher auf psychedelische Klänge zu stehen. Berringer versuchte es noch einmal. Vergeblich.

Ein verbrannter Geruch stieg ihm in die Nase. Berringers innere Alarmglocke schlug an. Verdammt, da stimmte etwas nicht!

Sofort war er wieder ganz der Polizist von damals, bevor man seine Familie ausgelöscht hatte. Da war Gefahr in Verzug!

Er rammte die Schulter gegen die Tür. Sie sprang auf. Zwei große Schritte, und er hatte den kleinen Flur durchquert und stand im Hauptraum des Apartments, dem Wohnzimmer. Dort dröhnte die Musik aus leistungsstarken Lautsprechern.

Arno Schwekendiek lag ausgestreckt auf der Couch. Berringer sah ein Fixerbesteck auf dem Tisch, eine glimmende Zigarette war zu Boden gefallen, und ein Stück des Teppichbodens drum herum schmorte. Weißer, in der Nase beißender Rauch stieg auf.

Berringer eilte zurück in den Flur. Dort hing ein Parka am Haken. Der Detektiv riss ihn herunter, ging ins Bad, legte ihn ins Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. Das dauerte nur ein paar Sekunden. Wenige Augenblicke später kehrte er mit dem tropfenden Parka ins Wohnzimmer zurück und erstickte damit den aufglimmenden Brand.

Dann trat Berringer an den völlig entspannt daliegenden Arno Schwekendiek.

„Herr Schwekendiek?“, brüllte Berringer ihm ins Ohr und übertönte damit sogar das Dröhnen und Wummern der Stereoanlage. „Aufwachen!“ Er tastete nach dem Puls. Aber da war nichts mehr, was man hätte erfühlen können.

Die Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle musste wohl notgedrungen ohne Michael Jackson auskommen.

Das Schlimmste aber war, dass Berringer keine Ahnung hatte, wie er diese Nachricht seinem Klienten beibringen sollte.

An diesem Abend wirst du es zu Ende bringen. An diesem Abend wirst du endlich über deinen Schatten springen.

Du weißt, was geschehen wird.

Du hast dich bisher im Verborgenen halten können. Du hast dich tarnen können hinter dem Leichtsinn anderer.

Aber wenn der Bolzen den Kopf durchschlägt, gibt es kein Zurück mehr. Dann wird man es Mord nennen, und die ganze Stadt wird dein Feind sein und dich jagen.

Aber du kennst jetzt keine Furcht mehr.

Es gibt auch kein Zögern mehr.

Kein Zittern des Fingers, der die Waffe auslösen und das Geschoss sicher ins Ziel schicken wird.

Über all die Unsicherheit, all die Fragen in deinem Kopf, all die Zweifel bist du längst hinaus.

Lange hat es gedauert, bis es soweit ist.

Aber nicht zu lange.

Du hättest eigentlich lieber dein Motorrad genommen als den Wagen. Aber in diesem Fall geht es nicht anders. Es wäre zu auffällig. Deine Waffe wäre nicht gut aufgehoben.

Jetzt liegt sie auf dem Beifahrersitz. Du hast eine Zeitung darüber gebreitet, damit sich nicht gleich jemand die Augen aus dem Kopf stiert, der vielleicht an der Ampel neben dir hält und etwas sieht, was er besser nicht sehen sollte.

Du sitzt am Steuer deines Wagens, lenkst ihn wie automatisch. Du hast fast das Gefühl, du wärst nur noch ein Zuschauer. Ein Beobachter, kein Akteur. Es ist, als wäre dir gelungen, was die spirituellen Meister immer nur von sich behaupten, dass sie nämlich den Körper verlassen können.

Du siehst die Lichter. Du kennst den Weg, und du kennst die Gewohnheiten der Beute, die du erlegen willst.

Du siehst das Schild, das auf die Kaiser-Friedrich-Halle hinweist, und biegst ab.

Jetzt kannst du nur noch eines tun: auf den richtigen Moment warten, wenn im Fadenkreuz deiner Armbrust das Gesicht auftaucht, das du zerstören willst, so wie der üble Geist hinter dieser Stirn einst dich zerstört hat, ohne es nur zu ahnen.

Nicht alle können so einfach vergessen; auch wenn du lange Zeit gebetet hast, etwas großzügiger mit dieser Fähigkeit bedacht zu werden.

Nicht allen ist es gegeben, mit einem Schulterzucken die Vergangenheit abzuhaken und die Albträume zu verdrängen, wenn morgens die Sonne aufgeht.

Du jedenfalls kannst all das nicht.

Du legst dich auf die Lauer wie ein Jäger.

Du bist vollkommen ruhig. So ruhig wie selten zuvor.

Eine angenehme Kälte breitet sich in deiner Seele aus, und du weißt, dass du das Richtige tust.

5. Kapitel: Die Nacht des Jägers

„Das sagen Sie mir jetzt bitte noch mal und schön langsam!“, forderte Frank Marwitz und wurde dabei so bleich wie die Wand.

„Es tut mir leid“, erklärte Berringer, wobei ihm bewusst war, wie hohl das in diesem Augenblick in den Ohren seines Gegenübers klingen musste. „Arno Schwekendiek hat sich Ihre 500 Euro genommen und dafür Drogen gekauft. Und irgendwie fand er es wohl besser, sich auf seinem Sofa gemütlich niederzulegen und sich den Goldenen Schuss zu setzen, als heute Abend hier in der Kaiser-Friedrich-Halle den wiederauferstandenen Michael Jackson zu mimen.“

Sie standen auf der Bühne, über die eigentlich das Double des King of Pop im Moonwalk zu den Klängen von „Billy Jean“ hätte dahingleiten sollen. Dieser Programmpunkt musste wohl oder übel gecancelt werden.

„Ich bin ja eigentlich gut im Improvisieren, aber wenn einem die Hauptattraktion so plötzlich abhanden kommt ...“ Marwitz strich sich das Haar zurück, schloss für eine halbe Minute die Augen und atmete tief durch. Mit einem Schlag war eine zusätzliche Zentnerlast auf seine Seele geschichtet worden. Nicht nur, dass es da jemand auf sein Leben abgesehen hatte, nun ließ ihn auch noch der falsche Jacko im Stich, ohne dass es eine Möglichkeit gab, ihn so schnell noch zu ersetzen.

„Warum haben Sie mich nicht schon von unterwegs angerufen?“, fragte er Berringer.

Aber er erwartete keine Antwort, sondern griff zum Handy, klappte es auf und schloss es gleich wieder. Jetzt noch ein Jackson-Double besorgen zu wollen, war vollkommen sinnlos, und zumindest das sah Marwitz offenbar ein.

Details

Seiten
500
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908916
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358635
Schlagworte
zwei krimis mehr düsseldorfer morde

Autoren

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Titel: Zwei Krimis: Mehr Düsseldorfer Morde