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Küsschen links, Küsschen rechts: Kriminalroman

2017 150 Seiten

Leseprobe

Küsschen links, Küsschen rechts

Dieter Gasper


Krimi



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Dieter Gasper, 2016

Die Printausgabe ist im Selbstverlag bei Dieter Gasper publiziert.

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappe

Völlig aufgelöst, meldete sich telefonisch der pensionierte Realschullehrer bei der Polizei, als er durch den lauten Aufschrei auf seiner Etage im Apartmenthaus an der Benderstraße, aus seinem Mittagsschlaf gerissen wurde. Eine Reinigungskraft fand in der gegenüberliegenden Wohnung eine gefesselte, nackte, männliche Leiche.

Strauss jun. Hauptkommissar der Düsseldorfer Mordkommission und sein Team nehmen die Ermittlungen auf.

Nach seinem Krimi-Debut „Cremeschnitten sind aus“, legt der Autor nun einen weiteren Regionalkrimi vor.




Diese Geschichte ist frei erfunden.

Das Urheberrecht liegt ausschließlich beim Autor.

Namen sowie Ähnlichkeiten mit lebenden oder schon verstorbenen Personen sind rein zufällig.





Wer einmal mit einer 2CV Charleston Ente vor einem Düsseldorfer Nobelhotel vorfährt und dort eine Nacht logiert, taucht in eine völlig neue Welt von Haben und viel Haben, Sein und (un)wichtig sein ein.


Roman

Bis auf ihren Vornamen und die wunderschönen, großen braunen Kulleraugen, die Frank seit ihrer ersten Begegnung nicht mehr aus seinem Kopf bekam, kannte er nicht viel von ihr.

Das war ihm in diesem Fall auch vollkommen egal. Er war zwischen zwei Kundengesprächen hinüber ins Café Heinemann gegangen, wo er sich mit ihr verabredet hatte. Sie saß zu seiner Freude schon inmitten des Cafés an einem kleinen Tisch und hatte ihre Handtasche über den noch freien Stuhl gehängt. Der elegant wirkenden älteren Dame, die mit am Tisch saß, nickte er grüßend zu, derweil diese eine gehäufte Gabel Sachertorte zum Mund führte.

Frank bestellte zwei Kaffee und eine kleine Flasche S. Pellegrino. Am liebsten würde er sofort mit ihr ins Bett gehen, ließ er sie wissen, wenn da nicht das knappe Zeitfenster wäre. Frank fühlte sich total von ihr angemacht. Auch sie zeigte sich einem Schäferstündchen nicht abgeneigt.

Dass die ältere Dame ihre durchaus delikate Unterhaltung belauschte und sich danach verschämt abwendete, bekamen beide nicht mit.

Dass ausgerechnet an diesem Tag seine Schwiegermutter Geburtstag haben musste und am frühen Abend ins „Victorian“ eingeladen hatte, passte ihm gar nicht in den Kram. Er beließ es bei der Erklärung.

Schade, vielleicht beim nächsten Mal“, gestand sie ein.


Frank Schumann war in der Bank im Bereich assets under management ranking tätig. Es ging ihm persönlich wie auch geschäftlich sehr gut. Er hatte sein Karriereziel fast erreicht. Das Haus, das er sich nach seinen eigenen Vorstellungen hatte bauen lassen, wäre nächstes Jahr aus der Finanzierung. Die 67ziger Citroen DS, die ihm sein verstorbener Vater hinterlassen hatte, zeigte er gern der breiten Öffentlichkeit beim alljährlichen Frankreichfest in Düsseldorf, wo er regelmäßig an der Oldtimer Rallye teilnahm.

Von seiner Ehefrau Sylvia, die er schon aus gemeinsamen Kindergartenzeiten kannte, erzählte er jedem, der es hören wollte, eine Geschichte immer wieder gern. Dass sie es gewesen sei, die ihm damals bei einer Theateraufführung den ersten Kuss gab.

Mit der Geburt von Lisa Marie schien für beide das Familienglück perfekt zu sein. Seine Frau hatte jedoch nach der Niederkunft das Verlangen nach gemeinsamem Sex bis auf wenige Ausnahmen minimiert.

Die Tatsache, fast jeden Sonntag zum Nachmittagskaffee ihre Eltern da sitzen zu haben, ging ihm schon seit längerer Zeit auf die Nerven. Aus Rücksicht auf ihre Tochter Lisa Marie hatte Frank seinen Unmut seiner Frau gegenüber noch nicht geäußert.

Jetzt sorgten die gelegentlichen Seitensprünge, die er für sein Ego brauchte, bei Frank Schumann für angenehme Abwechslung.


Fräulein H. Kempe, seine treue Vorzimmerdame im Bankhaus, die mit ihrer unauffälligen Kleidung und ihrer altfränkischen Frisur nicht unbedingt das widerspiegelte, was man Trend nennen würde, war ihm eine treue und feste Stütze.

Sie sollte, so erzählte man es sich immer noch gern, vor Jahren am Altweiberdonnerstag, bei der alljährlich stattfindenden, hausinternen Karnevalsparty im Bankhaus, einmal leicht angetrunken zu vorgerückter Stunde unter frenetischem Applaus in roten Strapsen, BH und blonder Langhaarperücke auf dem Tisch gestrippt haben. Fräulein H. Kempe hatte nie geheiratet.

Sie hatte auch schon Schumanns Vorgänger, der im Januar nach Frankfurt abberufen worden war, mit ihrer Verlässlichkeit und der gebotenen Diskretion zur Seite gestanden. Sie besorgte zudem regelmäßig die wunderschönen Blumensträuße, die Frank Schumann jeden Freitag seiner Gattin mit nach Hause brachte. Dass ihm sein persönlicher Handel an der Börse seit Tagen größere Gewinne bescherte, verdankte er seiner Risikobereitschaft.


Seine große Leidenschaft galt allerdings der hiesigen Fortuna, die zu seinem Ärger, in der vorigen Saison seiner Meinung nach vollkommen unnötig aus der 1. Fußball Bundesliga abgestiegen war. Das hatte ihn aber nicht daran gehindert, in dieser Saison erneut die beiden Logenkarten der Bank zu übernehmen.

Des Öfteren nahm Frank seine Frau zu den Heimspielen mit.

Allerdings hatte sie für seine Fußballleidenschaft nicht viel übrig.

Sylvia Schumann fühlte sich aber in der Gesellschaft anderer, ebenfalls desinteressierter Damen, die sich

genau wie sie während des Spiels lieber im VIP Bereich aufhielten, gut unterhalten.

Heute muss das Spiel gewonnen werden“, mehr hatte Frank ihr nicht gesagt, als er mit wehendem Schal und einem kleinen Imbiss in der Hand seine Liebste herzte.

Bis gleich, mein Schatz“, flüsterte sie ihm ins Ohr, was die anderen Damen mit Verwunderung beäugten.

Den Damen wäre es ohnehin an diesem Abend in der Loge zu kühl gewesen.


Ewig nervend fand Sylvia Schumann wieder einmal Jenny, die Gattin eines Kunsthändlers, immer top gestylt, die Lippen neu aufgespritzt und im neuesten Look gekleidet, ob es zu ihr passte oder nicht. Diese hatte die unangenehme Angewohnheit, kaum jemand anderen zu Wort kommen zu lassen. Dass sie ihr Techtelmechtel, wie sie es nannte, mit ihrem Friseur nach einem Jahr beendet hatte, machte nicht nur die Frau des Notars neugierig.

Was? Du hattest ein Verhältnis mit Tom?“, warf ihr die blondgefärbte Unternehmergattin an den Kopf, „der vögelt auch mit jeder!“

Wusstest Du das nicht?“, warf die Notargattin mit weit hochgezogenen Augenbrauen in die Runde.

Und ich dachte, der wäre schwul“, kam es Ellen über die Lippen, deren Mann das Geld als Bestatter verdiente.

Lächelnd nahm Jenny ihr Glas Prosecco in die Hand. „Dieser Scheißkerl“, fluchte sie, „der hatte neben mir noch andere Liebschaften, gestand sie sich ein und trank ihr Glas in einem Zug aus.

Vielleicht hast Du ihm ja nicht genügt“, konterte jetzt mit einem breiten Grinsen Ellen Sommer, deren seborrhoisches Dreieck nach der neuerlichen Botoxbehandlung keinerlei Falten mehr warf. Sie bestellte sich bei der jungen, freundlichen Bedienung noch ein Glas Barolo.

Das ist aber mal ein knackiger Typ“, bemerkte sie.

Gestern, das muss ich euch erzählen“, meldete sich Eva, die Frau eines Landtagsabgeordneten zu Wort, die sich zunächst einige Leckereien vom Büfett geholt hatte. „Gestern hatte ich wieder meinen Saunaabend im Interconti“, begann sie, „und was soll ich euch sagen, wer da die Tür aufgemacht und sich neben mich gesetzt hat?“

Achselzuckend schauten sich einige Damen verwundert an.

Der Direktor von Michaels Gymnasium. Mit ihm hatte ich erst zwei Tage zuvor beim ersten Elternsprechtag gesprochen. Ihr glaubt gar nicht, wie peinlich mir das gewesen ist.“

Und, wie ist er gebaut? Erzähl schon“, wollte die Notargattin wissen, die in der kommenden Woche wegen eines Tadel ihrer Tochter auch in die Schule musste, wie sie der Runde mitteilte.

Glaubst Du denn etwa, ich hätte auf seinen Schwanz geschaut?“, empörte sich Eva, die rasch an ihrem Weißweinglas nippte.

Sylvia Schumann stand auf. Sie holte sich zu ihrem Kaffee an der Kuchentheke ein Obsttörtchen.

Es war Halbzeit. Überall drängten die Herren an die Ausgabe des Pausensnacks.

Na, habt ihr euch gut unterhalten?“, fragte der Notar in die Damenrunde, derweil er genüsslich in die Bratwurst biss. Für einen Augenblick war unter den Herren das nicht gegebene Tor wegen des angeblichen Abseits Gesprächsthema genug.

Du musst unbedingt mit deiner reizenden Frau nächsten Freitag zu uns zum Essen kommen“, forderte der Bestatter von Frank. Beide standen noch eine Weile auf der obersten Stufe im Eingangsbereich der Loge.

Sicherlich sind auch seine finanziellen Anliegen ein Grund für die Einladung, dachte sich Frank, wollte seiner Frau aber erst nach dem Spiel von der Einladung erzählen.

Dass die Herren nach dem Spiel mit dem Unentschieden mehr als zufrieden waren, begünstigte deren gute Stimmung.

Der Finanzchef der Fortuna gesellte sich kurz zu den Herren. Auch er konnte sich mit dem Ergebnis anfreunden, stellte aber die katastrophale Abwehrleistung der Mannschaft, besonders in der ersten Halbzeit, infrage.

So können wir keine Spiele gewinnen“, erklärte er frustriert.

Frank hatte dem Notar versprochen, dass seine Frau ihn und seine Gattin nach Hause fahren würde. Beide hatten zu viel getrunken.

Die Herren gönnten sich noch ein letztes Glas.

Sylvia hatte zunächst größere Schwierigkeiten, als sie beim Starten den Motor ungewöhnlich hoch drehen ließ, um den neuen schwarzen SUV, den Frank günstig über das Bankhaus hatte leasen können, aus der Parklücke zu rangieren. „Pass auf, dass du meinen Porsche nicht rammst“, lallte kichernd die Notargattin von der hinteren Sitzbank.


Wie überrascht war Frank, als er sie ein paar Tage später, zufällig in der Mayerschen Buchhandlung, an der Rolltreppe wiedertraf.

Ihre Haare hatte sie zwar mit einer anderen Farbe getönt, aber an ihren Augen würde er sie immer wiedererkennen, gestand er ihr. Frank lud sie sofort in das kleine Café in der oberen Etage der Buchhandlung ein, dem sie ohne zu zögern zustimmte.

Ihre Unterhaltung verlief ausgelassen.

Frank, der in seinen offen geführten Plaudereien schnell wieder auf den Punkt kam, fragte sie völlig ungeniert, ob sie nicht beide das nette Gespräch am kommenden Abend in seinem Apartment fortführen sollten.

Sie selbst wirkte nicht sonderlich überrascht.

Schreib mir die Adresse auf, ich werde kommen“, antwortete sie ohne zu zögern.

Wann?“

Wann passt es Dir?“, fragte Frank.

Um acht?“

Okay“?

Ja, okay.“

Frank schrieb die Adresse auf einen kleinen Zettel und schob ihn hinüber.

Und wie kann ich Dich telefonisch erreichen?“, wollte er von ihr wissen?

Sie schaute ihn zunächst mit ihren großen Augen an.

Schreib mir deine Telefonnummer auf“, bestimmte sie, „dann kann ich mich im Notfall bei dir melden.“

Frank zögerte keine Sekunde.


Er griff in der Jacke nach seiner Brieftasche und übergab ihr seine Visitenkarte.

Sie müsse jetzt aber wieder weiter, ließ sie Frank wissen, als sie aufstand und die Visitenkarte in ihrer Handtasche verschwinden ließ.

Frank gestand ihr nach einem kurzen Blick auf seine Breitling, die er ungewöhnlicherweise am rechten Handgelenk trug, wie nett die Plauderei gewesen sei. Auch er müsse gleich aufbrechen.

Dann sehen wir uns morgen Abend“, verabschiedete sie sich mit einem süffisanten Lächeln von ihm.

Frank schaute ihr noch lange hinterher.

Auf dem Weg über die Königsallee zurück ins Bankhaus versuchte er, telefonisch seine Frau zu erreichen.

Dass Lisa Marie heute im Theater Takelgarn zum Geburtstag einer Kindergartenfreundin eingeladen war, hatte er fast vergessen.

Nach der Theatervorführung „Der kleine Prinz“ sollten die kleinen Gäste noch mit Kakao und Kuchen überrascht werden, wozu auch die Eltern eingeladen waren. Frank schrieb kurzerhand seiner Frau eine Nachricht, dass er sich eventuell verspäten würde.

Dem ungepflegt wirkenden fifty-fifty-Verkäufer kaufte Frank das neueste Exemplar ab, lehnte allerdings eine zusätzliche Spende auf Grund dessen penetranter Bettelei energisch ab.

Auf der Breite Straße kam ihm sein langjähriger Freund und Kollege Carsten Neumann entgegen, der in der EDV Abteilung die Fäden zusammenhielt. Er hatte die Mittagspause dazu genutzt, für Schumanns Tochter Lisa Marie, die am Sonntag Geburtstag hatte, ein Geschenk zu besorgen.

Natürlich gab er Frank, der neugierig nach dem Inhalt der pinkfarbenen Verpackung gefragt hatte, keine Antwort.

Am nächsten Abend fuhr Frank mit der Straßenbahn nach Gerresheim, wo er sich mit ihr in dem möblierten Apartment verabredet hatte, das das Bankhaus eigens für auswärtige Mitarbeiter angemietet hatte. Frau H. Kempe hatte die Schlüssel und den Belegplan unter ihrer Obhut. Wenn es sich ergab und es, wie in dieser Woche, nicht belegt war, nutzte er diese Unterkunft als gelegentliches Ausweichquartier für ein Schäferstündchen oder um entspannen zu können, wie er es nannte.

Er drehte den Duschhebel für einen Moment auf die kälteste Einstellung und ließ für einige Sekunden den eisigen Strahl über seinen Körper laufen.

Er fühlte sich wohl, als er sich und seinen gut trainierten Körper anschließend im Spiegel betrachtete.

Die Körperlotion verteilte er über seine Haut und legte noch ein dezentes Aftershave auf. Er zog einen Bademantel über, holte sich aus der Minibar Cola und Whisky, füllte von beidem etwas in sein Glas, legte die blaue Tablette auf seine Zunge und spülte sie hinunter.


Seiner Frau Sylvia hatte er telefonisch am Nachmittag mit Bedauern erklären müssen, dass kurzfristig noch eine Sitzung der Manager in Krefeld anberaumt worden sei.

Er hatte ihr vorgeschlagen, ihre Freundin Charlotte anzurufen und sie zu bitten, mit ihr ins Theater zu gehen. Er glaube nicht, dass er vor Mitternacht wieder zurück sei.

Ich hab Dich sehr lieb“, verabschiedete sich Frank am Handy von seiner Frau, „und gib Lisa Marie einen Kuss von mir!“, fügte er noch hinzu, als er ihren tiefen Seufzer hörte.

Die Theaterkarten für den Abend hatte seine Frau von einem befreundeten Ehepaar aus der Nachbarschaft kurzfristig übernommen. Beide hätten sich den Magen verdorben, hatte ihr die Hausdame gesagt, als sie ihr die Karten vorbeibrachte.

Die Tageszeitung hatte Frank zwar schon im Büro gelesen, blätterte aber nochmals, eher gelangweilt, in den Anzeigen.

Er setzte sich in den Ohrensessel und schaltete das Radio ein, klassische Musik beschallte den Raum. Frank summte euphorisch mit.

Sie hatte ihren Wagen etwas abseits an der Schwarzbachstraße abgestellt.

Sie klingelte an der Tür.

Frank drehte die Musik etwas leiser, stellte sein Handy auf lautlos, eilte zur Tür und drückte den Türöffner.

Bin ich zu früh?“, begrüßte sie ihr Gegenüber kess.

Nein, nein, komm doch bitte herein“, forderte Frank sie eher flüsternd auf und war etwas überrascht, als sie ihre getönte Brille absetzte. Frank stutzte einen Augenblick und sprach sie auf ihre neue Frisur an. Dass sie ihr gut stehen würde, fügte er in ihr kurzes Schweigen hinzu. Frank nahm ihren Mantel und hängte ihn an die Garderobe. Ihre Tasche behielt sie über ihrem Arm.

Darf ich Dir etwas zu trinken anbieten?“, fragte Frank. „Der Whisky ist sehr gut!“

Im Moment lieber noch nicht“, hörte er ihre zarte Stimme sagen.

Beide setzten sich auf die mit feinstem Leder bezogene Couch. Frank war ein Mensch, der sofort zur Sache kam. Er erklärte ihr in kurzen Sätzen unbekümmert, worauf es ihm beim Sex mit ihr ankäme. Geduldig hörte sie seine perversen Wünsche.

Frank wollte gerade seinen Arm um sie legen, da stand sie auf.

Ich würde gern noch kurz ins Bad gehen, Frank. Wenn Du willst, darfst Du es dir schon einmal auf dem Bett bequem machen, aber ohne Bademantel“, bestimmte sie.

Im Vorbeigehen löste sie den Knoten seines Frottee-Mantels. Frank zündete die zwei Kerzen an, die auf dem kleinen Beistelltisch standen, und warf seinen Bademantel lässig über das Möbel. Er löschte das Licht und legte sich erwartungsvoll auf das mit blauem Satin bezogene Bett.

Es dauerte nicht lange, bis er sie im Flackern des Kerzenlichts nackt auf sich zukommen sah.

Ihre gut geformten Brüste, ihre blanke Scham, dazu das aufregende Parfüm, das auf ihrem Körper lag, machten Frank rasend.

Sie sprachen kein Wort miteinander.

Er spürte ihre Hände, die sie in lange Seidenhandschuhe gehüllt hatte, an seinem Körper sanft heruntergleiten.

Als er bei ihr das berühren wollte, was er eben gesehen hatte, nahm sie vorsichtig seine Hände von ihrem Körper.

Frank beugte sich ihrem Willen.

Langsam ließ sie ihre Fingerkuppen an seinem Körper auf und abgleiten. Dann begann sie, auf seinen Wunsch hin, ihn zu fesseln. Zuerst nahm sie seinen linken und dann seinen rechten Arm und befestigte sie mit seinen eigenen Handschellen an den Gitterstäben des Bettes. Frank ließ alles mit einem leichten, genüsslichen Stöhnen über sich ergehen.

Sie ließ erneut ihre Fingerkuppen sanft um seine erigierte Männlichkeit kreisen, bevor sie seine Beine an das Gitter des Fußendes fesselte.

Es machte ihn rasend, als sie mit gespreizten Beinen vor ihm hockte und ihm die geforderte Augenbinde anlegte. Er spürte für einen Moment ihre Brustwarzen an seinem Körper.

Vorsichtig setzte sie sich zwischen seine Beine. Mit langsamen, gleichmäßigen Bewegungen ließ sie ihre Fingerkuppen erneut über seinen Körper gleiten.

Sie griff nach einer kleinen Peitsche, die sie ans Fußende des Bettes gelegt hatte, und schlug sie sanft auf seinen Brustkorb.

Es schien ihm zu gefallen.

Für einen Moment zuckte sie zusammen. Irgendeine Stimme hörte sie draußen vor der Korridortür. Sie hielt kurz inne.

Seine Gier und sein Verlangen nahmen überhand und er flehte sie an, endlich in sie eindringen zu dürfen.

Willst Du es denn nicht auch?“, keuchte Frank, dessen Körper um seine Brustbehaarung leicht zu transpirieren begann. Sie schob ihren Körper näher an sein Glied heran, ohne es zu berühren, was ihn noch rasender werden ließ. Mit der kleinen Peitsche strich sie ihm gefühlvoll über seinen muskulösen Körper.

Sie legte ihren Zeigefinger auf seinen Mund, während er sie wieder und wieder anflehte.

Aus dem Radio erklangen Vivaldis vier Jahreszeiten.

Sie wartete noch einen Moment, bevor sie langsam aus ihrem rechten Handschuh einen Brieföffner zog.

Noch einmal hörte sie ihn, wie er gierig, bitterlich flehte.

Gezielt stach sie ihm den Brieföffner in den Hals.

Das Betttuch tränkte sich mit Blut.

Ihr Opfer zuckte noch kurz.

Sie wartete noch einen Augenblick, bevor sie zwischen seinen Beinen vorsichtig aufstand und aus dem Bett stieg.

Auf dem Weg ins Badezimmer hörte sie auf dem Korridor, wie sich ein Mann und eine Frau heftig stritten.

Sie hatte wirklich an alles gedacht.

Nachdem sie sich wieder angezogen hatte, wechselte sie zuletzt ihre Haarpracht, verstaute alle Utensilien in einer Plastiktüte und packte diese in ihre Tasche.

Sie schaute nicht mehr auf ihr Opfer, als sie die Kerzen ausblies und zur Tür ging.

Einen Moment wartete sie noch, nachdem sie die Eingangstür einen Spalt geöffnet hatte.

Sie verließ das Apartment, ohne das Treppenhauslicht einzuschalten. Ihre Handschuhe zog sie erst nach dem Verlassen des Hauses aus.

Die beiden jungen Mädchen, die auf dem Trottoir vor lauter Herumalbern aus Versehen mit ihr zusammenstießen, entschuldigten sich sofort bei ihr und gingen lachend weiter.


Die beiden osteuropäischen Reinigungskräfte, die am nächsten Tag in dem Apartmenthaus im Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim ihrer Tätigkeit nachgingen, waren auf den unteren Etagen mit ihren Arbeiten schon fertig. Irgendwie lag ein unangenehmer Geruch im Treppenhaus, der trotz geöffneter Haustür nur schwerlich weichen wollte. Vielleicht waren die überfüllten Mülltonnen im Keller der Grund gewesen. Nach einer kurzen Frühstückspause, die sie wie gewohnt in dem kleinen Kabuff verbrachten, das ihnen der Hausmeister unter der Treppe zugewiesen hatte, ging Svetlana Dubrovolska, die ältere der beiden, noch kurz vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen. Dass es draußen zu regnen begann, störte sie allerdings wenig. Theresa Oblowoskaja, die noch kurz eine SMS absetzte, trug anschließend ihre benötigten Utensilien zusammen und wollte schon einmal im hinteren Apartment auf der oberen Etage weitermachen. Sie hatte den Schlüssel für die Apartments im Kabuff liegenlassen und musste noch einmal zurück. Svetlana stand immer noch rauchend im Hauseingang und versuchte dem Paketzusteller zu erklären, dass der Adressat für das große Paket nicht in diesem Haus wohnen würde.

Der gelle Schrei, der wenig später durch das frisch gestrichene Treppenhaus hallte, nachdem Theresa O. die Apartmenttür geöffnet hatte, war unüberhörbar und musste auch andere Bewohner des Hauses aufgeschreckt haben. Theresa O. ließ Eimer und Feudel fallen und rannte hysterisch schreiend zur Treppe zurück.

Der Pensionär aus dem Apartment schräg gegenüber, der durch das Schreien aus seinem Mittagsschlaf gerissen wurde, eilte, ohne seine Haare gekämmt zu haben, in Pantoffeln auf die Reinigungskraft zu.

Theresa O. hockte zusammengekauert am oberen Treppenabsatz.

Dddaa“, stotterte sie, als der Pensionär ihr zu Hilfe kam, und zeigte mit dem gestreckten Finger auf die halb geöffnete Tür am Ende des Flurs.

Langsam ging der rüstige Pensionär auf die geöffnete Tür zu. Der merkwürdige Geruch, der aus dem Apartment drang, raubte ihm für einen Moment die Atemluft, als sein Blick auf den unbekleideten Körper eines Mannes fiel, der an Händen und Füßen gefesselt nackt in einer Blutlache auf dem Bett lag. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken.

Anton Selk, Sportstudent im dritten Semester, der gerade von seiner täglichen Laufeinheit quer durch den Grafenberger Wald zurückkam, wurde von Svetlana an der Tür hektisch darauf aufmerksam gemacht, dass in der oberen Etage irgendetwas passiert sein musste. Selk rannte sofort die Treppe ins obere Stockwerk hinauf. Svetlana D. hatte große Mühe, ihm zu folgen. Im Flur stand Theresa O. und zitterte am ganzen Körper.

Auch der Sportstudent schaute neugierig durch die geöffnete Tür, genau wie wenig später Svetlana, die völlig außer Puste war. Den aufkommenden Brechreiz beim Blick auf die Leiche konnte Svetlana nicht mehr unterdrücken. Das WC in dem Apartment kam ihr da gerade recht.

Im Treppenhaus telefonierte der Pensionär aufgelöst mit der Polizei. Der Sportstudent, dessen T-Shirt in Schweiß getränkt war, blieb nach Worten ringend an der Apartmenttür stehen.


Es war kurz nach dreizehn Uhr, als die ersten Streifenwagen und Rettungswagen mit aufheulenden Sirenen vor dem Apartmenthaus an der Benderstraße hielten.


Unter einer Wolldecke, die ihnen der Pensionär freundlicherweise überlassen hatte, saßen beide Reinigungskräfte kreidebleich auf den Stufen. Theresa O. bekreuzigte sich mehrmals, als der Pensionär ihr sagte, dass Polizei und Krankenwagen jetzt da seien.

Innerhalb kürzester Zeit bildete sich auf dem Bürgersteig unmittelbar vor dem Hauseingang, angelockt durch Blaulicht und Sirenen, eine neugierige Menschentraube.


Selbst eine junge Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern hielt nichts davon ab, sich unter die Schaulustigen zu mischen.

Mama, das sieht hier genauso aus wie bei uns im Fernsehen“, freute es den blondgelockten Kasper-Heinrich.

Der Polizeimeister und sein Kollege hatten allergrößte Mühe, die Menschenmenge sowie den aufkommenden Verkehrsstau aufzulösen.

Als die Meldung über den Leichenfund am späten Nachmittag im Polizeipräsidium Strauss, den Hauptkommissar der Mordkommission erreichte, konnte er sich den Fußballabend abschminken.

Er und die anderen fußballverrückten Kollegen hatten sich im „Ludenberger“ am Staufenplatz verabredet, um sich das Auswärtsspiel von Fortuna Düsseldorf im Fernsehen anzuschauen.

Strauss, dessen pensionierter Vater in den sechziger Jahren ebenfalls Hauptkommissar der Mordkommission im 1. K. in Düsseldorf gewesen war, hatte ihn schon früh mit dem Virus Polizeidienst infiziert. Hin und wieder suchte Strauss seinen Vater und dessen alte Freunde im Füchschen auf, wenn sie sich dort einmal im Monat am Stammtisch trafen.

Er war sichtlich erleichtert gewesen, seit Anfang der Woche wieder mit seinem langjährigen Freund und Kollegen Jacobi unterwegs sein zu können. Der war vor gut drei Monaten nach einem Sturz von der Leiter an der Schulter operiert worden.

Seit dieser Zeit war eine junge, durchaus attraktive, sportliche Kriminalkommissarin dem Team des KK 11 der Mordkommission, zugeteilt worden.

Anfänglich hatte die Zusammenarbeit zwischen Strauss und der jungen Kollegin unter leichten Spannungen gelitten, was sich nach einer intensiven Aussprache deutlich gebessert hatte.

Dass Strauss, der mit Jacobi auf dem Weg zum Tatort war, seit Wochen mit seinem Gewicht zu kämpfen hatte, wurde da zur Nebensache.


Was soll denn dieser Scheiß hier?“, maulte Strauss, als er kaum noch eine Möglichkeit fand, seinen Dienstwagen irgendwo abzustellen.

Überall waren Absperrgitter wegen der Neugestaltung der Benderstraße aufgestellt worden.

Sorgen Sie dafür, dass die Leute hier sofort verschwinden“, herrschte Strauss einen der uniformierten Polizeibeamten an, die am Hauseingang standen.


Den Kriminalkommissaren bot sich ein Bild des Grauens, als sie das Apartment betraten.

So möchte ich aber nicht ableben“, kam es Jacobi über die Lippen, dessen erneuter Versuch, sich einen Bart wachsen zu lassen, für die Kollegen gewöhnungsbedürftig war. Er stand am Fußende des Bettes und blickte auf den grausam zugerichteten, männlichen Leichnam. In seiner Jackentasche kramte er nach einem Taschentuch.

Das sieht nach einer Beziehungstat aus“, äußerte Strauss gegenüber seinem Kollegen, beim Betrachten der Leiche.

Jacobi schaute sich derweil im Bad um. „So aufgeräumt habe ich lange keinen Tatort mehr vorgefunden“, bemerkte er.

Strauss war der gleichen Meinung.

Lasst uns draußen warten, bis die Kollegen der KTU und der Spurensicherung hier eintreffen“, grummelte Strauss, während er mit aller Gewalt am Reißverschluss seiner Lederjacke zerrte, der sich im Innenfutter verfangen hatte.

Einer der uniformierten Beamten führte Strauss zu der blonden Reinigungskraft die, am ganzen Körper zitternd, mit ihrer Kollegin auf dem steinernen Treppenabsatz saß.

Sie haben also die Leiche gefunden“, begann Strauss mit seiner routinemäßigen Fragerei, dabei beugte er sich zu der jungen Frau hinunter, die ihn verstört anschaute.

Jacobi versuchte in der Zwischenzeit, sich mit den eingetroffenen Kollegen der KTU von alldem, was sich hier im Apartment abgespielt haben musste, ein Bild zu machen. Die Mediziner sowie die Kollegen der Sitte trafen fast zeitgleich mit dem Leichenwagen am Tatort ein.

Der Mediziner betrachtete zunächst kopfschüttelnd den Leichnam und entfernte die Augenbinde.

Er antwortete auf die Frage von Jacobi, dass die Todesursache höchstwahrscheinlich der hohe Blutverlust gewesen sein könnte. Der Stich in den Hals hatte die Hauptschlagader des Opfers durchtrennt.

Aber lassen Sie mich erst einmal meine Arbeit machen, Jacobi“, forderte er, „sonst kommen wir nicht weiter.“

Der pensionierte Realschullehrer stand Jacobi wenig später im Korridor mit Rede und Antwort zur Verfügung. Er berichtete dem Kommissar von häufig wechselnden Bewohnern, gerade in diesem Apartment. Zu der ermordeten Person konnte er allerdings keinerlei Angaben machen.

So richtig kennen würde er kaum einen Mieter hier, ließ er den Kripobeamten weiter wissen. Bis auf die nette, junge Studentin im Erdgeschoss, der er gelegentlich bei ihren Klausurarbeiten behilflich sei, fügte er hinzu. Bei ihr sei er schon öfter mal zum Kaffee eingeladen gewesen.

Am gestrigen Abend sei er mit seiner Bekannten im Theater an der Luegallee gewesen und habe die Nacht bei ihr in Golzheim verbracht. Erst am späten Vormittag sei er wieder in seine Wohnung zurückgekehrt. Den merkwürdigen Geruch im Treppenhaus habe er wohl bemerkt, ließ er den Beamten wissen.

Jacobi schüttelte über diese Aussage den Kopf. Kollege Greifer kam auf ihn zu. Er entschuldigte sich bei dem Pensionär und eilte mit Jacobi zurück an den Tatort.

Wir haben in der Anzugjacke, die im Schrank hängt, Portemonnaie, Kreditkarten und Führerschein gefunden“, berichtete ihm der glatzköpfige Kollege der Spurensicherung. „In der Geldbörse befinden sich ein Bild von dem Toten mit Frau und Kind sowie mehr als fünfhundert Euro. Ein Handy haben wir bis jetzt nicht gefunden“, erklärte er Jacobi auf dessen Frage.

So wie es aussieht, scheidet Raubmord hier aus“, urteilte Kollege Mustafa und zeigte den Kollegen die gefüllte Geldbörse.

Er erinnerte im gleichen Atemzug an einen Mordfall, bei dem ein dreifacher Familienvater auf die gleiche bestialische Art und Weise umgebracht worden war.

Jacobi habe sich gleichermaßen geäußert, erklärte er Strauss, der gerade die Personalien auf dem Ausweis las.

Habt ihr sonst noch irgendetwas?“, rief er dem hageren Mitstreiter zu, der unter dem Bett liegend erst einmal verneinte.

So wie es aussieht, müssen sich Opfer und Mörder gekannt haben. An der Eingangstür waren keine Einbruchsspuren. Bis auf vereinzelte Haare, die wir auf dem Bettlaken und im Badezimmer sicherstellen konnten, haben wir nicht viel. Irgendjemand muss sich in die Toilette erbrochen haben, da werden die im Labor wieder Spaß kriegen“, fügte der schmächtige Kollege hinzu.

Hier im Raum wimmelt es nur so von Fingerabdrücken“, meldete sich Kollege „Goalgetter“, der seinen Spitznamen nach dem letzten siegreichen Fußballfreundschaftsspiel gegen die Kölner Kollegen bekommen hatte. „Damit werden wir noch viel Arbeit haben“, klagte er.

Der Polizeifotograf hatte seine Bilder bereits im Kasten, als er sich von Strauss verabschiedete und ihm versicherte, dass die Aufnahmen am nächsten Morgen auf seinem Schreibtisch lägen.

Der Journalist der Tageszeitung hatte sich wie immer gekonnt an den Uniformierten vorbei ins Haus gemogelt und versuchte nun, von irgendjemandem etwas Brauchbares zu erfahren.

Strauss hatte die allergrößten Schwierigkeiten, die junge Reinigungskraft auf Grund ihrer schlechten Deutschkenntnisse zu verstehen. Da konnte der schlaksig wirkende Sanitäter, der mit seinen Eltern vor Jahren aus Polen nach Deutschland gekommen war, mit seiner Sprachkenntnis hilfreich sein. Dass Strauss die junge Frau nach dem Gespräch für den nächsten Tag ins Präsidium bestellte, verunsicherte diese zusehends.


Der hinzugerufene Notarzt veranlasste, Theresa O. aufgrund ihres Gesundheitszustandes zur weiteren Beobachtung mit ins Krankenhaus zu nehmen.

Jacobi und Strauss trafen sich auf dem Flur der oberen Etage, als der Leichnam gerade aus dem Apartment getragen wurde.

Da hat Schöne den richtigen Riecher für ihren freien Tag gehabt“, flachste Jacobi.

Wir nehmen den Toten mit in die Rechtsmedizin“, erklärte der Sanitäter Jacobi.

Stellt die ganze Bude auf den Kopf“, forderte Strauss die Kollegen der Spurensicherung auf, „dieses Mal muss der Täter uns einen Hinweis auf seine Identität hinterlassen haben“, glaubte er.

Die uniformierten Kollegen hatten inzwischen bei den anwesenden Bewohnern des Hauses damit begonnen, deren Personalien aufzunehmen.

Die Mieter, die wir nicht antreffen, werden schriftlich vorgeladen“, erklärte Strauss.

Die blonde Friseurmeisterin, die erst vor drei Wochen mit ihrem Freund die Wohnung neben der Studentin bezogen hatte, konnte den Beamten berichten, dass am Vorabend so gegen halb neun, als sie auf dem Balkon gestanden hatte, um eine Zigarette zu rauchen, ein Taxi vor dem Eingang gehalten habe, aus dem eine Frau ausgestiegen sei.

Dass ihre Haare länger waren und sie eine Jeans getragen habe, konnte sie dem Beamten sagen, mehr aber auch nicht, erklärte sie.

Lass uns noch einmal zum Tatort gehen“, forderte Strauss Jacobi auf. Die Kollegen der Spurensicherung und die der KTU waren weiterhin mit ihrer Arbeit beschäftigt. Jacobi öffnete nach Absprache mit den Kollegen das Flügelfenster und blieb einen Augenblick am geöffneten Fenster stehen.

Gibt es bei euch schon weitere Erkenntnisse?“, wollte Strauss von einem der Spezialisten wissen.

Leider haben wir noch nichts Konkretes“, äußerte der sich. Jacobi unterhielt sich etwas abseits stehend mit einem jungen Kollegen der Spurensicherung.

Wir haben im Schrank neben dem Bett in einer Sporttasche diverse Sexspielzeuge gefunden. Vielleicht hatte das Opfer spezielle sexuelle Neigungen?“, gab er zu bedenken.

Fakt ist“, so glaubte Kollege Greifer, „dass sich Opfer und Mörder gekannt haben müssen. Vielleicht war er ja homosexuell?“

Wie der Mediziner Strauss auf dessen Nachfragen hin versicherte, war die Tat höchstwahrscheinlich von einem Linkshänder ausgeführt worden. Über die Tatwaffe, die noch im Hals steckte, wollte er sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht konkret äußern.

Wie lange, glauben Sie, ist er schon tot?“

Das ist schwer zu sagen, Strauss, so wie sich der Leichnam darstellt, vielleicht zwölf bis zwanzig Stunden, aber Genaues kann ich Ihnen erst sagen, wenn er bei uns im Institut auf dem Tisch liegt. Alles Weitere wird in meinem Bericht stehen“, erklärte ihm der Mediziner.


Strauss ging zum Hausmeister, der die Wohnung im Erdgeschoss gegenüber dem Aufzug vorübergehend mit seiner erwachsenen Tochter bewohnte. Diese hatte sich vor kurzem von ihrem Freund getrennt. Viel konnte auch er Strauss nicht über die Mieter im Haus sagen. „Jedes Apartment hat einen anderen Eigentümer“, erklärte er. „Ich bin hier für den Außenbereich und für Reparaturen im Haus zuständig. Natürlich kann ich Ihnen eine Liste aller Eigentümer ausdrucken.“

Im gleichen Atemzug teilte er Strauss mit, dass ein Düsseldorfer Bankhaus Eigentümer des Apartments sei, in dem die Leiche gefunden wurde, und dieses ausschließlich dessen Mitarbeitern zur Verfügung stehe.

Wer hat außer Ihnen noch Zugang, beziehungsweise noch einen Schlüssel für das Apartment?“, fiel ihm Strauss ins Wort.

Es gibt nur einen Zentralschlüssel und den holen sich die Reinigungskräfte gegen Unterschrift bei mir ab“, stellte der Hausmeister klar.

Strauss gab ihm seine Visitenkarte und bat ihn, am nächsten Vormittag ins Präsidium zu kommen.

Ich könnte gleich kotzen“, beklagte sich Jacobi. „Keiner von denen hier weiß etwas. Hast du bei irgendeinem etwas in Erfahrung bringen können?“, überfiel er Strauss, als der sich gerade vom Hausmeister verabschiedet hatte.

Die junge Studentin, die sich mit ihrer Freundin eine Wohnung teilt, war gestern Abend zu Hause. Sie habe für ihre Klausur gelernt, hat sie einem der uniformierten Kollegen gesagt. Über den üblen Geruch im Haus habe sie sich schon gewundert.“

Ich denke, dass das Opfer spezielle sexuelle Vorlieben hatte“, mutmaßte Strauss und zog dabei seine Augenbrauen hoch. „Das hier sieht mir ganz nach einer Beziehungstat aus.“

Zumindest sollte man das nicht ausschließen“, betonte Kollege Mustafa, der sich zu den beiden gesellt hatte und seine zum Pferdeschwanz gebundene Haarpracht festzurrte.

Er beharrte weiter auf seiner Meinung, dass sich Opfer und Mörder gekannt haben mussten. „Ich glaube auch“, erklärte der junge Kollege weiter, „dass es sich hier um eine Beziehungskiste handelt.“

Bring‘ ich jemanden um und lass seine gut gefüllte Geldbörse unberührt?“, grübelte Jacobi.

Was willst Du mir damit sagen? Raus mit der Sprache“, forderte Strauss seinen Freund und Kollegen auf.

Erklär ich dir später.“

Lass uns für heute Schluss machen“, bestimmte Strauss, „wir können hier eh nichts mehr ausrichten.“

Strauss und Jacobi hatten es im Laufe der Dienstjahre gelernt, sich den penetranten Fragen der Presseleute, die wie Kletten an ihnen klebten, zu entziehen.

Und wer überbringt der Witwe die traurige Nachricht?“, wollte Jacobi wissen.

Strauss zog lässig seine Augenbrauen nach oben und klopfte seinem Kollegen freundschaftlich auf die Schulter.

Das machen wir beide!“

Wenn ich mich recht erinnere“, bekannte Jacobi, „hat der dreifache Familienvater in der gleichen misslichen Lage sein Leben gelassen. Auch er lag gefesselt auf einem Bett und in seinem Hals steckte ein Brieföffner. Aus dem Bericht der Rechtsmediziner war seinerzeit zu entnehmen, dass Opfer und Täter keinerlei sexuellen Kontakt gehabt hatten. Selbst die Spurensicherung hat damals nicht einen brauchbaren Hinweis gefunden. Der Tatort war genauso aufgeräumt wie der in Gerresheim.“

Wir sollten erst einmal die medizinische Untersuchung abwarten“, befand Strauss.

Aber ich sage dir, das ist die gleiche Handschrift wie bei dem Mord in Lohausen vor knapp anderthalb Jahren“, wiederholte er kopfschüttelnd und schlug mit der Faust gegen das Lenkrad.

Vieles spricht dafür“, urteilte Jacobi.

Beide fuhren nach ihrem Einsatz mit dem neuen Dienstwagen von Gerresheim zurück ins Präsidium. Oberkommissar Jacobi, der als Beifahrer die unsinnige Angewohnheit hatte, immer die gleiche Melodie von Ennio Morricone zu pfeifen, wusste in all den Jahren, in denen sie gemeinsam unterwegs waren, sehr wohl, wie und wann er seinem Kollegen damit auf die Nerven ging.

Haben wir es hier mit einem Trittbrettfahrer zu tun?“, mutmaßte Strauss. „Oder sitzt vielleicht ein zu Unrecht Verurteilter für die Tat in Lohausen ein? Wenn ich mich recht erinnere, wurde der Mitarbeiter einer Installationsfirma auf Grund von Indizien zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.“

Lass uns, wenn wir zurück sind, noch einmal die Prozessakten des „Lohausener“ Falls einsehen“, befand Jacobi, der sofort mit der zuständigen Stelle telefonierte.


Jetzt guck Dir diese Scheiße an“, fing Strauss an zu maulen, als auf der Grafenberger Allee ein Verkehrsstau war.

Dass der U-Bahn-Bau in der Düsseldorfer Innenstadt daran schuld war, dass sämtliche Straßen in der abendlichen Rushhour restlos verstopft waren und sie mehr als eine Stunde für die Tour brauchten, brachte Strauss mehr und mehr auf die Palme. Der Gedanke, dass ihm sein Internist erst vor wenigen Wochen das Rauchen strikt untersagt hatte, regte ihn zusätzlich auf.




Der Einsatzleiter hatte die Sonderkommission „Gerresheim“ mit weiteren Beamten aufgestockt.

Strauss telefonierte im Präsidium mit den zuständigen Kollegen, die im Mordfall „Lohausen“ ermittelt hatten.

Dass der Kaffeeautomat auf dem Korridor ausgerechnet dann gewartet werden musste, als Strauss sich daran bedienen wollte, ließ ihn laut fluchen.

Bei geöffnetem Fenster und eingeschaltetem Radio begann Strauss mit einigen Kollegen zum wiederholten Male, in den Akten des zurückliegenden Mordfalls zu lesen.

Ab und zu zuckte der bekennende Fortuna-Fan auf seinem Stuhl zusammen, wenn nicht nur der Radioreporter der erneut vergebenen Torchance der Rot-Weißen nachtrauerte.

Das ist doch immer die gleiche Scheiße mit denen“, hörten die Kollegen Strauss maulen. Dass diese Äußerung nichts mit dem aktuellen Fall zu tun hatte, war in diesem Moment jedem klar.


Jacobi, der kein Freund der hiesigen Fußballmannschaft war, versuchte, im hinteren Teil des geräumigen Büros von einem ehemaligen Kollegen im Online Chat etwas über den Lohausener Mord in Erfahrung zu bringen.

Dieser hatte seinerzeit im Lohausener Fall ermittelt, den später ein Kollege übernommen hatte. Auch er hatte von dem Mord in Gerresheim bereits auf seinem Rechner gelesen.

Damals hatte er, für viele Kollegen überraschend, die Abteilung verlassen und sich ins Bundeskriminalamt nach Wiesbaden versetzen lassen. Jacobi wollte gerade den Chat beenden, da schallte ein unüberhörbarer TOOOOOOOR Schrei durch das Büro.

Dass die geballte Faust mit aller Wucht noch auf dem Schreibtisch landete, unterstrich seinen Torjubel.

Jacobi verblieb mit dem ehemaligen Kollegen so, dass sie auf alle Fälle weiter in Verbindung bleiben wollten.

Denkt an den Pressetermin in einer halben Stunde“, erinnerte der Kollege der KTU, als er seinen Kopf durch die geöffnete Bürotür steckte. Strauss saß kopfschüttelnd hinter seinem Schreibtisch. Er schaute jetzt immer öfter nervös auf die Uhr, die an der Wand über dem Wimpel seines Vereins angebracht war.

Pfeif endlich ab, pfeif ab!“, grummelte er vor sich hin und klopfte dabei mit den Fingerkuppen ungeduldig auf seinen Schreibtisch.

Schöne, die junge, sportliche Mitstreiterin, die vor wenigen Tagen ihre Prüfung zur Kommissarin mit Bestnote bestanden hatte, blätterte in den Zeugenaussagen des noch ungelösten Falls.

Das Telefon klingelte.

Da alle anderen Kollegen das Klingeln ignorierten, nahm sie schließlich den Hörer ab. Am anderen Ende war sie mit dem zuständigen Staatsanwalt verbunden, der genau sie sprechen wollte. Er gratulierte ihr zunächst zu ihrer neuen Bestzeit beim Düsseldorfer Marathon, bevor er sachlich wurde. Er musste sehr energisch mit ihr konferiert haben, jedenfalls hatte sie nach dem Monolog am Telefon eine knallrote Birne, die auch Jacobi nicht entgangen war.

Sehen Sie, Frau Kollegin“, sprach er sie grinsend an, „dieses Mal hat es Sie erwischt.“

Nach einem längeren Gespräch mit Jacobi und der jungen Kollegin Schöne beorderte der Einsatzleiter nach Absprache mit der Staatsanwaltschaft telefonisch alle in diesem Fall eingesetzten Beamten für den nächsten Vormittag um neun Uhr in den Konferenzraum.


Angela Schöne, eine äußerst attraktive Kriminalbeamtin, die auf dem Etagenflur des Polizeipräsidiums schon für viel Wirbel unter den männlichen Kollegen gesorgt hatte, wusste sich vom ersten Augenblick an bei den Kollegen zu behaupten.

Sie wusste nicht warum, vielleicht war es auch die Art und Weise, wie er sich gab, die so viel Ähnlichkeit mit der ihres Verflossenen hatte.

Sie hatte noch die Arbeit von Jacobi übernommen, bei den Kollegen der Sitte, Namen und Aufenthaltsorte von Sexualtätern in Erfahrung zu bringen, die im letzten Jahr aus der Haft entlassen worden waren.

Jacobi wollte seine Frau am Abend ins Theater an der Kö ausführen. Es war ihr vierzehnter Hochzeitstag.

Macht nicht mehr so lange“, hatte Jacobi ihr, Strauss und den anderen noch an der Tür zugerufen.

Der Pförtner des Polizeipräsidiums, der es jeden wissen ließ, dass er in einem halben Jahr in seinen wohlverdienten Ruhestand gehen würde, grüßte wie eh und je freundlich.


Schöne legte Strauss die Namensliste der infrage kommenden Personen auf den Schreibtisch.

Die Kollegen von der Sitte werden die Alibis von einigen Personen überprüfen, die ich angekreuzt habe. Ich werde morgen früh mit zwei Kollegen dem einen oder anderen mal einen Besuch abstatten“, erklärte sie Strauss, „wer weiß?“

Also gut, lassen Sie uns morgen weitermachen“, befand Strauss, packte seine Sachen zusammen und fuhr den Rechner runter. Es war schon weit nach zweiundzwanzig Uhr, als Strauss das Licht in seinem Büro ausschaltete.

Simone, seine geschiedene Frau, die drei Jahre jünger war als er, hatte seinerzeit bei einer Fortbildung in Berlin einen anderen Mann kennengelernt und ihr Verhältnis über ein Jahr vor ihm verschwiegen. Irgendwann, als er an einem Samstagabend vom Heimspiel seiner Rot-Weißen nach Hause kam, hatte sie ihm eröffnet, dass es einen anderen Mann in ihrem Leben gebe.

Strauss hatte noch am gleichen Abend seine Sachen gepackt, den Schlüssel auf den Tisch gelegt und war gegangen. Er zog vorübergehend in ein kleines Hotel an der Grafenberger Allee. Die Ehe war kinderlos geblieben.

Drei Wochen später hatte er in einer bevorzugten Wohngegend im Stadtteil Grafenberg, eine großzügig geschnittene Zweizimmerwohnung mit Balkon bezogen.

Kurzerhand entschied er sich, am Abend beim Griechen am Staufenplatz noch eine Kleinigkeit zu essen.

Dass er allerdings dort mitten in eine ausgelassene Hochzeitsfeier hineingeriet, in der in schöner Regelmäßigkeit mit Ouzo auf das junge Glück angestoßen wurde, sollte er am nächsten Morgen noch einmal spüren.



Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein trüber Vormittag für Strauss. Alle Kollegen waren pünktlich im Konferenzraum eingetroffen.

Der Einsatzleiter der Sonderkommission „Gerresheim“ hatte die Kollegen der Sitte mit ins Boot der Ermittlungen geholt. Zunächst informierte er Strauss darüber, dass er und sein Team ab sofort mit den Kollegen der „Lohausen“ Sonderkommission enger zusammenarbeiten sollten. „Die Staatsanwaltschaft erhofft sich durch diese Maßnahme einen schnelleren Aufklärungserfolg“, erklärte er.

Ohne große Umschweife begann er zunächst Strauss nach den Ermittlungsergebnissen zu befragen.

Der bereute es immer noch, am Vorabend einen Ouzo zu viel getrunken zu haben, ohne es sich allerdings anmerken zu lassen.

Strauss erklärte dem Einsatzleiter, dass die Tat die gleiche Handschrift tragen würde, wie der Mord an dem dreifachen Familienvater in Lohausen, bei dem es schon zu einer Verurteilung gekommen war. Das würde ihn jetzt stutzig machen. Die in diesem Fall seinerzeit ermittelnden Kollegen hätten so etwas auch geäußert. Die Tatortbilder beider Mordfälle, die Jacobi an die gekalkte Wand gehängt hatte, zeigten auch den Kollegen deutliche Parallelen.

In unserem Fall ist festzuhalten“, führte Strauss weiter aus, „dass wir die Identität des Opfers kennen. Es handelt sich auch hierbei um einen verheirateten Familienvater, der in einer Düsseldorfer Bank angestellt ist. Die weiteren Untersuchungen dauern noch an.“

Auch der Kollege der KTU bestätigte nach den ersten Ermittlungsergebnissen gewisse Parallelen zu dem Fall in Lohausen.

Der Kollege der Spurensicherung musste zunächst eingestehen, zurzeit noch nichts Brauchbares zu haben. Sie seien noch mitten in den Auswertungen. Genaueres könne er erst später sagen. Festzuhalten sei, dass, genau wie an der Leiche des dreifachen Familienvaters, auch an diesem Opfer ein gezielter Stich in die Halsschlagader festgestellt werden konnte. Nach seinem Dafürhalten müsse der Täter in beiden Fällen Handschuhe getragen haben. Die im Badezimmer und auf dem Bettlaken gefundenen blonden Haare würden noch untersucht. Höchstwahrscheinlich handele es sich hierbei aber um Kunsthaar. Alles deute darauf hin, dass sich Täter und Opfer gekannt haben.

Bei der erneuten Befragung der älteren Reinigungskraft habe diese gestanden, sich beim Anblick der Leiche in die Toilette des Apartments übergeben zu haben.

Der oder die Täter hätten in beiden Fällen die gleiche Mordwaffe benutzt. Es handele sich dabei um Brieföffner von minderer Qualität, die es in jedem Fachgeschäft zu kaufen gibt. An dem Griff seien jede Menge Fingerabdrücke, die noch ausgewertet werden müssten.

Mustafa, der in seiner Freizeit in einer Hardrock-Band am Schlagzeug saß, bedauerte, erst am Anfang der Ermittlungen zu sein. Er habe aus der Szene einen Tipp bekommen, ließ er verlauten. „Morgen will ich mich mit einem Informanten treffen.“

Wir machen eine kurze Raucherpause“, entschied der Einsatzleiter.

Für Strauss kam die Unterbrechung gerade recht, er stellte sich an das geöffnete Fenster.

Theresa O. soll gestern das Krankenhaus wieder verlassen haben“, erklärte Wimmer, der sich nach der kurzen Unterbrechung als Erster zu Wort meldete.

Bis jetzt sind etwa dreißig Hinweise bei uns eingegangen“, meldete sich der Einsatzleiter erneut zu Wort.

Dann las er den vorläufigen Bericht der Rechtsmedizin vor, aus dem zu entnehmen war, dass bei dem Opfer Reste von Amphetamin nachgewiesen wurden.

Die Tiefe des Einstichs lässt vermuten, dass der Täter nicht von kräftiger Statur gewesen sein kann. Hierbei sollte man nicht ausschließen, dass die Tat auch von einer weiblichen Person hätte ausgeführt werden können. Sicher ist, dass der Täter oder die Täterin Linkshänder ist. Wir werden den endgültigen Bericht und so weiter und so weiter.“

Für einen Augenblick war großes Gemurmel im Raum.

Als Letzter redete der Staatsanwalt noch einmal eindringlich auf die Beamten ein.

Wenn ich morgens die Zeitungen aufschlage“, begann er mit erhobener Stimme, „ist mir kotzübel“, gestand er. „Die von der Presse machen sich einen Spaß daraus, uns alle niederzumachen. Wir sollten so schnell wie möglich den Mörder überführen“, forderte er energisch. „Bis auf Weiteres geht nichts an die Presseleute“, ordnete er weiter an.

Also Männer“, beendete der Staatsanwalt seinen energischen Appell, „bringt mir das Schwein.“

Die Anwesenden hatten verstanden.

Sie quittierten den Aufruf mit Fingerklopfen auf die Tische.

Auf dem Korridor bildeten sich kleinere Grüppchen, die sich über das gerade Gehörte austauschten.

Jacobi stand mit Strauss und dem Einsatzleiter noch eine Weile zusammen. Kurzum hatten sie beschlossen, ihr Gespräch in der Kantine fortzuführen und dabei eine Kleinigkeit zu essen.


Schöne und Wimmer gesellten sich wenig später zu ihnen an den Tisch. Der Gedanke, dass der Mörder auch eine Frau sein könnte, sei ihm auch schon einmal durch den Kopf gegangen, bemerkte Wimmer, stieß aber mit seiner Äußerung bei seinen Tischpartnern auf wenig Resonanz, zu sehr waren einige mit sich und dem Essen beschäftigt.

Nur der Einsatzleiter und Strauss waren in ein Gespräch vertieft.

Glauben Sie, Strauss, wir haben es hier mit ein und demselben Täter zu tun, wie bei dem Fall in Lohausen?“, hinterfragte der Einsatzleiter.

Strauss machte ihn darauf aufmerksam, dass, so wie der Täter in beiden Fällen vorgegangen war, er davon ausgehen müsse, dass vielleicht ein zu Unrecht Verurteilter einsitzen würde.

Ich habe die Akte aufmerksam gelesen. Irgendwas ist mir an der Sache nicht geheuer. Wir sollten noch einmal mit dem Staatsanwalt sprechen, der damals die Anklage führte. Wenn wir alle bisherigen Kenntnisse zu Grunde legen, ist es für mich ein und derselbe Täter. Es wurden seinerzeit keine Einzelheiten über den Mord an die hiesige Presse weitergegeben.

Wie kann es dann sein, dass jemand die gleiche Vorgehensweise bei seiner Tat an den Tag legt, wie der Inhaftierte? Glauben Sie mir, hier stimmt was nicht.“

Ich werde das Notwendige veranlassen“, versprach der Einsatzleiter.

Nach ihrer Rückkehr am späten Vormittag in die Bank von einem seit Wochen fest terminierten, routinemäßigen Arztbesuch, den Frau H. Kempe auch in den Terminplaner von Frank Schumann notiert hatte, musste sie feststellen, dass Frank Schumann zu ihrer Überraschung noch nicht in seinem Büro war. Auch Nachfragen bei seinen Kollegen brachten keine Klarheit über seine Abwesenheit

Ich werde versuchen, ihn auf seinem Handy zu erreichen“, erklärte Frau H. Kempe, „ansonsten rufe ich ihn zu Hause an.“

Da Schumann nicht an sein Handy ging und auch bei ihm zu Hause niemand zu erreichen war, wollte es Frau H. Kempe vor der Mittagspause noch einmal versuchen, zumal in seinem Terminkalender um dreizehn Uhr dreißig ein wichtiger Geschäftstermin eingetragen war.

Unruhig schaute Frau H. Kempe noch einmal in ihren Terminplaner, ob sie vielleicht etwas übersehen hatte.

Carsten Neumann, dessen EDV Abteilung erst seit einigen Wochen in den neuen Anbau des Bankhauses integriert wurde, war seit Jahren ein guter Freund der Familie Schumann. Er versprach, wenn sich Frank bis zum frühen Abend nicht gemeldet habe, bei ihm zu Hause vorbeizufahren.

Neumann konnte sich seine Abwesenheit auch nicht erklären. Er versuchte zum wiederholten Mal, Frank telefonisch zu erreichen.

Die total verstopften Straßen in der Innenstadt, die für so manches Ärgernis unter den Verkehrsteilnehmern sorgten, wurden am Abend noch getoppt durch den erneuten Demonstrationszug einiger Unbelehrbarer, die zudem dafür gesorgt hatten, dass eine Hundertschaft der Polizei fast alle Hauptstraßen, die von der Kö abgingen, für mehrere Stunden gesperrt hatten. Diese Nervenprobe brachte Neumann in diesen Minuten an den Rand der Verzweiflung. Neumann ließ das Seitenfenster seines Porsches herunter und zündete sich bei seiner Stop-and-go-Fahrt über die Breite Straße eine Zigarette an.


Er nahm sein Handy aus der Jackentasche und überprüfte seinen Posteingang. Drei neue WhatsApp und zwei Nachrichten zeigte das Display an.

Es dauerte noch eine gefühlte halbe Stunde, ehe sich der Stau allmählich auflöste.

Völlig verunsichert öffnete ihm Sylvia Schumann die Eingangstür des Einfamilienhauses im Ortsteil Meerbusch, das etwas abseits der Hauptverkehrs-straße hinter einem kleinen Park lag.

Es tut mir leid, dass wir uns unter diesen Umständen treffen müssen“, begrüßte Carsten Sylvia, umarmte und herzte sie.

Lisa Marie schläft schon“, begrüßte sie ihn, als er in Sylvias verweinte Augen schaute. Beide blieben zunächst in der geräumigen Küche stehen.

Weißt du, wo Frank ist?“, wollte sie von Carsten wissen, nachdem sie für beide ein Glas Weißwein eingeschüttet hatte.

Er ist gestern Abend nicht nach Hause gekommen“, erklärte sie ihm, derweil sie Butter und einen Camembert aus dem Kühlschrank holte und alles neben das dunkle Brot auf die Anrichte stellte.

Ich habe keine Ahnung“, antwortete Carsten, „ich weiß nur, dass er mir gestern noch eine Mail geschrieben hat, in der er mich in deinem und seinem Namen am Sonntag zu Lisa Maries drittem Geburtstag eingeladen hat.“ Carsten schnitt sich ein Stück des Weichkäses ab und legte es auf den Pumpernickel.

In letzter Zeit kommt es öfter vor, dass er erst weit nach Mitternacht nach Hause kommt. Er denkt, ich würde das nicht merken, wenn er sich ins Gästezimmer schleicht. Lisa Marie ist auch sehr traurig, weil er ihr versprochen hat, aus dem Kinderbuch „Zitronendropsbonbons“ vorzulesen.“

Weißt Du, ob Frank eine andere Frau hat?“, bohrte Sylvia weiter bei Carsten nach, der ihre Frage achselzuckend verneinte.

Sylvia schnäuzte sich die Nase und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

Carstens Handy meldete sich mit einer ihm bekannten Melodie.

Er schaute kurz auf das Display und steckte das Handy wieder in die Jackentasche. „Nein, Frank war es nicht, war nicht so wichtig“, entschied er.

Beide gingen hinüber ins Wohnzimmer und setzten sich auf das weiße Ledersofa.

Irgendwie musste die kleine Lisa Marie einen Traum gehabt haben und aufgewacht sein, jedenfalls stand sie mit ihrer Puppe unter dem Arm auf der Empore am Geländer.

Mama, Mama, ich kann nicht schlafen, wann kommt Papa?“, rief Lisa Marie von der Empore hinunter, „er hatte es mir doch versprochen, die Gutenachtgeschichte vorzulesen.

Hallo, Onkel Carsten!“, rief sie im gleichen Atemzug.

Hallo Lisa“, rief Carsten freudig zu ihr zurück. Sylvia Schumann sprang sofort auf und eilte die Wendeltreppe hinauf.

Du solltest doch schon längst schlafen“, hörte Carsten Sylvia sagen, als sie Lisa Marie wieder zurück in ihr Zimmer brachte. Carsten schenkte sich noch ein Glas Mineralwasser ein.

Bei einem kurzen Blick auf sein Handydisplay zeigte sich, dass keine neuen Nachrichten eingegangen waren.

Der Türgong schlug sanft an, als Sylvia die Treppe wieder hinunter kam.

Erwartest du noch Besuch?“, kam es Carsten über die Lippen. Achselzuckend und mit hochgezogenen Augenbrauen ging Sylvia an Carsten vorbei.

Ja, hallo, wer ist da bitte?“, sprach sie mit ruhiger Stimme in die Überwachungsanlage und blickte auf zwei Männer.


Mein Name ist Strauss und das ist mein Kollege Jacobi, wir sind von der Kriminalpolizei und würden gern mit Frau Schumann sprechen.“

Die Polizei steht vor der Tür“, rief sie erschrocken zu Carsten hinüber, „was hat das zu bedeuten, ist etwas mit Frank?“

Carsten zog die Schultern hoch, hastete zur Tür und blickte auf den Monitor, wo einer der Beamten seinen Dienstausweis in die Kamera hielt.

Sylvia Schumann drückte auf den Türöffner und stand unruhig neben Carsten an der geöffneten Haustür.

Guten Abend“, grüßten die beiden Herren freundlich.

Wie ich Ihnen schon sagte, mein Name ist Strauss und das ist mein Kollege Jacobi“. Gleichzeitig zeigte er noch einmal seinen Dienstausweis. „Sind Sie Frau Schumann?“

Eher etwas verunsichert nickte Sylvia Schumann zustimmend und bat die beiden Herren, hereinzukommen.

Sylvia Schumann geleitete die beiden Beamten ins Wohnzimmer.


Sie sind Herr...?“, sprach Strauss Carsten Neumann an, der sich und seine Anwesenheit um diese Zeit hier im Hause kurz erklärte.

Aus demselben Grund sind wir auch hier“, kam es Strauss über die Lippen, als er sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Sylvia Schumann schaute ungläubig auf die Beamten.

Was ist los?“, wollte Sylvia Schumann wissen.

Was ist mit meinem Mann, wo ist er? Sagen Sie es schon endlich, ist ihm etwas passiert?“

Ist Frank etwas passiert?“, sprudelte es bei Carsten Neumann heraus, dabei schaute er zunächst fragend Sylvia an und dann auf die Beamten.

Jacobi schaute nur kurz zu Strauss hinüber.


Gnädige Frau, ich muss Ihnen eine traurige Mitteilung machen“, sprach Strauss in einem gefassten Ton. „Frau Schumann, Ihr Mann ist tot. Er wurde ermordet“, fügte er hinzu.

Was, was sagen Sie da?“, fragte Carsten Neumann bei dem Beamten noch einmal irritiert nach. „Frank soll tot sein? Das ist ein Scherz, nicht wahr?“

Jacobi schaute in das versteinerte Gesicht von Sylvia Schumann.

Wir haben Ihren Mann am frühen Nachmittag in einem Apartment in Gerresheim tot aufgefunden. Weitere Einzelheiten kann und werde ich Ihnen wegen der laufenden Ermittlungen noch nicht sagen“, erklärte Strauss weiter.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Sylvia Schumann den Kommissar an. Ihre Gesichtsfarbe wechselte schlagartig ins Farblose.

Carsten reichte ihr ein Glas Mineralwasser.

Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen?“, wollte Jacobi von ihr wissen.

Sylvia Schumann rang nach Worten.

Gestern, ja, gestern Morgen haben wir mit unserer Tochter noch gemeinsam gefrühstückt, bevor er Lisa Marie auf dem Weg in die Bank noch in den Kindergarten gebracht hat.“

Sylvia Schumann ließ nun ihren Tränen freien Lauf.

Carsten Neumann versuchte, sie etwas zu beruhigen und wendete sich an Jacobi.


Frank und ich sind schon seit, ach was weiß ich wie lange schon, gemeinsam in der gleichen Bank beschäftigt“, erklärte er. „Wer macht so etwas oder warum?“

Hatte Frank Schumann Feinde oder wurde er in letzter Zeit von irgendjemandem bedroht?“, wollte Strauss weiter wissen.

Nein, nein, nicht dass ich wüsste.“

Vielleicht in seiner Bank, ein Mitarbeiter oder gar ein Geschäftskunde des Bankhauses?“, mutmaßte Strauss weiter.

Mit einem ungläubigen Kopfschütteln antwortete Neumann auf diese Frage.

Ermordet aufgefunden, haben Sie gesagt, Herr Kommissar“, kam es Sylvia Schumann zögerlich über die Lippen, „in einem Apartment in Gerresheim?“

Ja, wie ich es sagte. Wussten sie von dem Apartment?“

Nein“, kam es ihr kleinlaut über die Lippen.

Hat Ihr Mann ein Arbeitszimmer hier im Haus?“, fragte Strauss weiter nach.

Ja, oben neben dem Kinderzimmer“, entgegnete Sylvia Schumann.

Jacobi hatte bereits mit den zuständigen Kollegen telefoniert.

Die Kollegen werden gleich hier sein“, informierte Jacobi Strauss.

Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gern schon einmal einen Blick in sein Arbeitszimmer werfen, ich möchte Sie bitten, das Zimmer vorläufig nicht mehr zu betreten.“

Sie bat den Kommissar, doch bitte Rücksicht auf ihre Tochter zu nehmen, die im Zimmer nebenan schliefe.

Strauss notierte sich derweil die Adresse und Telefonnummer seines Ansprechpartners im Bankhaus, die ihm Carsten Neumann geben konnte.

Carstens Handy meldete sich. Nervös schaute er auf das Display.

Morgen früh, noch bevor sie die Bank öffnen, werden wir mit einigen Kollegen im Haus erscheinen, natürlich verhalten wir uns so diskret wie möglich“, hörte Neumann den Beamten am Telefon sagen.

Natürlich war Lisa Marie durch die Unruhe im Haus nicht mehr in den Schlaf gekommen und stand jetzt weinend mit ihrer Puppe vor der Tür ihres Zimmers. Sie hatte alles mit angehört und rief laut nach ihrer Mama.

Der Türgong schlug erneut an. Es waren die Kollegen, die auf Weisung Jacobis zu Strauss in die obere Etage hinaufgingen.

Den Durchsuchungsbescheid hatte Sylvia Schumann auf die Chippendale-Anrichte gelegt, die neben dem Treppenaufgang stand.

Die Ehefrau des befreundeten Paares aus dem Nachbarhaus wollte nur kurz einmal „Hallo“ sagen, nachdem sie vom abendlichen Spaziergang mit ihrem Mops durch die vielen Autos vor dem Haus neugierig geworden war. Carsten Neumann hatte ihr noch an der Tür von dem schrecklichen Geschehnis erzählt.

Das ist ja entsetzlich, ermordet sagen Sie?“, brach es aus ihr heraus. Sie eilte zu Sylvia, die mit ihrer Tochter weinend, eingehüllt in eine Lammfelldecke, auf dem Sofa saß.

Schweigend setzte sie sich zu Sylvia auf die Couch und griff nach deren Hand.

Das Gewusel um sie herum bereitete ihr Unbehagen. Sie musste mit ansehen, wie Kriminalbeamte mehrere Kartons und elektronische Geräte aus dem Haus trugen.

Die Nachbarin blieb nicht mehr sehr lange.

Wenn ich noch irgendetwas für dich und deine Tochter tun kann, Sylvia, melde dich bitte“, verabschiedete sie sich von ihr.

Carsten brachte sie noch bis zur Tür.

Die Kollegen verabschiedeten sich nach getaner Arbeit von Strauss und Jacobi und wünschten noch einen schönen Abend.

Strauss stand mit Sylvia Schumann auf dem Treppenabsatz und erklärte ihr, dass sie in den nächsten Tagen noch einmal ins Präsidium kommen müsse.

Carsten Neumann erklärte den Beamten, er wolle noch so lange bleiben, bis Sylvias Eltern einträfen, mit denen sie vorhin telefoniert habe.

Jacobi notierte sich noch die Personalien Carsten Neumanns und verabschiedete sich kurz darauf.

Carsten, ist mein Papa tot?“, wollte Lisa Marie von ihm wissen. Der räusperte sich kurz und setzte sich zu ihr auf die Couch. Carsten legte den Arm um sie und ihre Puppe und erklärte ihr, dass irgendjemand ihrem Papa etwas Böses angetan hätte und er jetzt im Himmel sei.

Lisa Marie riss sich aus der Umarmung, rannte barfuß an die Verandatür und schaute in den dunklen Nachthimmel.

Für einen Moment war es im Haus still geworden.

Mama, darf ich heute Abend in deinem Bett schlafen?“, bettelte Lisa Marie.

Erst spät in der Nacht fuhr Carsten wieder nach Hause.


In der Donnerstagsausgabe der „Rheinische Post“, die wie an jedem Morgen, Bianca, Jacobis Ehefrau, aus dem Briefkasten geholt und ihm auf den Frühstückstisch gelegt hatte, war im Innenteil schon über den Mord in Gerresheim zu lesen. Jacobi las aufmerksam den Artikel des Journalisten, der sich auch dieses Mal in seinem Artikel negativ über den spärlichen Informationsfluss der Polizei äußerte. Dass die Presse kein gutes Haar an ihrer Arbeit lassen würde, darauf hatte er sich nach all den Jahren im Polizeidienst eingestellt.

Irgendwo klingelte ein Handy.

Strauss war dran, als Jacobi sein iPhone aus der Manteltasche holte. Dieser bat darum, ihn in einer halben Stunde zu Hause abzuholen. Strauss war das, was man gemeinhin einen Morgenmuffel nannte. Dass Jacobi nach dessen Äußerung, nicht selbst Auto fahren zu können, ein Schmunzeln im Gesicht hatte, konnte jetzt nur seine Frau sehen. Bianca goss ihrem Liebsten und sich noch einen Kaffee ein, belegte seine obere Brötchenhälfte mit einer Scheibe Schinken und legte sie auf seinen Teller, derweil er erneut in der Zeitung blätterte.

Was ist mit deinem Kollegen?“, wollte Bianca wissen.

Strauss wird gestern Abend wieder einmal abgestürzt sein“, murmelte er hinter der Zeitung, „ich soll ihn abholen.“

Hoffentlich findet er irgendwann wieder eine nette Frau“, urteilte Bianca.

Lade ihn doch mal wieder zu uns zum Essen ein, dann bitte ich unsere nette Nachbarin dazu. Vielleicht wird das mal was“, rief sie ihm hinterher, als er hinter der Badezimmertür verschwand.



Der angemeldete Besuch der Kripobeamten im Bankhaus kam für einige Herren der Chefetage nicht überraschend. „Wir haben Sie schon erwartet“, begrüßte der stellvertretende Filialleiter Jacobi und Strauss.

Der Stellvertreter, der eine getönte Brille trug, führte die Beamten mit deren Gefolge sofort zum Büro von Frank Schumann.

Völlig aufgelöst musste Frau H. Kempe im Beisein der Geschäftsleitung mit ansehen, wie die Beamten den Arbeitsbereich ihres Vorgesetzten systematisch durchsuchten.

Das erforderliche Schreiben der Staatsanwaltschaft hielt der Stellvertreter zusammengerollt in seiner Hand.

Das geräumige Büro mit Blick auf die Königsallee war erst vor kurzem neu gestrichen worden.

Um die eingegangenen Telefonanrufe auf dem Anrufbeantworter kümmerte sich sofort einer der Spezialisten.

Haben Sie noch einen Zweitschlüssel für diesen Schrank?“, wandte sich einer der Beamten an Frau H. Kempe.

Ja“, antwortete sie etwas zögerlich, „in meiner Schublade.“

Dann lassen Sie mich einmal sehen“, forderte Jacobi und stolzierte hinter ihr her.

Der Stellvertreter schlich eher etwas verunsichert hinter den beiden her.

Den Laptop und alle Rechner nehmen wir mit“, war die klare Ansage für die Kollegen.

Der schlanke, glatzköpfige, braungebrannte Anzugträger stimmte achselzuckend zu.

Wenn ihr hier fertig seid, dann seht euch noch im Büro von Frau Kempe um“, bestimmte Jacobi.

Strauss stand noch einen Moment mit dem Stellvertreter zusammen.

Das Büro von Frank Schumann darf vorläufig nicht betreten werden“, erklärte der Kollege der Spurensicherung dem Stellvertreter und versiegelte die Tür. Anschließend rückten die Beamten mit der versprochenen Diskretion wieder ab.

Ich darf Sie bitten, Frau Kempe, am Nachmittag zu uns ins Präsidium zu kommen. Wir hätten da noch ein paar Fragen“, erklärte Jacobi und reichte ihr seine Visitenkarte.

Frau H. Kempe wurde von der Geschäftsleitung aus gegebenem Anlass für den Nachmittag beurlaubt.

Natürlich hatte sich der Einsatz der Polizeibeamten im Bankhaus bei den Mitarbeitern schnell herumgesprochen.

Die weiteren Befragungen der engsten Mitarbeiter aus dem Team um Schumann wurden in den Räumen der Geschäftsleitung fortgeführt. Viel Brauchbares war von ihnen nicht zu erfahren.

Denen ist doch das eigene Hemd näher“, scherzte Strauss: „Die meisten, die hier beschäftigt sind, arbeiten offensichtlich mit Scheuklappen.“

Nach einem kurzen Gespräch mit der Geschäftsleitung wurde Neumann mit ins Präsidium genommen. Die Herren der Geschäftsleitung baten Strauss, aus Rücksicht auf das Bankhaus keine Informationen an die Presse zu geben.




Samantha, eine über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Kieferorthopädin, hatte ihrer Freundin Daniela, die für ein bekanntes Modelabel regelmäßig in den angesagtesten Modejournalen abgelichtet wurde, nachträglich zu ihrem Geburtstag mit der Einladung ins Opernhaus eine große Freude bereitet. An diesem etwas zu kühlen Frühlingsabend stand die Premiere der Mozart-Oper Die Zauberflöte auf dem Spielplan, die es in einer Neuinszenierung zu sehen gab. Daniela hatte bei ihren Fotojobs in dieser Woche nur Stress gehabt und sah in der Einladung Samanthas einen schönen Wochenausklang für beide.

Schon am Vormittag hatte sie den seit einigen Monaten obligatorisch gewordenen Samstagmittags-Ausflug mit ihrer Mutter auf den Nordfriedhof zum Grab ihres verstorbenen Vaters abgesagt.

Der Bericht in der Tageszeitung über den Mord an Herrn S. sorgte vor Beginn der Aufführung im Foyer des Opernhauses unter den Operngästen für abwechslungsreichen Gesprächsstoff.

Die Freundinnen zeigten sich von der Inszenierung total begeistert, was nicht nur sie mit lang anhaltendem Beifall quittierten.

Lass uns noch eine Kleinigkeit zusammen essen“, überfiel Samantha Daniela auf den Treppenstufen hinunter zur Garderobe. Wer Samantha kannte, sollte wissen, dass man ihr schwerlich etwas ausschlagen konnte.


Bevor Daniela irgendetwas dazu sagen konnte, wurde Samantha von einem Herrn auf dem Treppenabsatz angesprochen, dessen längere blonde Haare, durch das Styling unbeweglich, streng zurückgekämmt und weit über seinem Sakko-Kragen lagen.

Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen“, versuchte der durchaus charmant wirkende Herr zu erklären, als er Samantha überschwänglich herzte. Daniela, die er zunächst nicht beachtet hatte, nutzte die Gelegenheit und eilte an die Garderobe.

Sie stand etwas seitlich und musste mit ansehen, wie die restlos überforderte Aushilfskraft von den drängenden Besuchern überfallen wurde. Ab und zu drehte sie sich nach Samantha um, die sich immer noch angeregt mit dem Herrn zu unterhalten schien. So recht wollte es an der Ausgabe nicht vorangehen, jeder drängte und streckte seine Hände mit der Garderobenmarke in Richtung der jungen Mitarbeiterin. Mit einem geübten Handgriff strich Daniela ihr langes Haar über die linke Schulterseite.

Über diese spektakuläre Inszenierung wird sicherlich noch positiv in den Medien berichtet werden“, mutmaßte ein älterer Herr. Seine blondgelockte Frau, die unmittelbar neben Daniela stand, hatte für die lange Wartezeit vor der Garderobe kein Verständnis mehr.

Dass ihr graumelierter Ehemann seine Hände im Gedränge unglücklicherweise am Gesäß Danielas wiederfand, entschuldigte er sofort mit einem netten, süffisanten Grinsen. Irgendwann wurde auch Daniela ihren metallfarbenen Chip los. Mit beiden Mänteln über dem Arm schlängelte sie sich an der immer länger werdenden Warteschlange vorbei.

Darf ich Dir meine Freundin Daniela vorstellen?“, fiel Samantha Marc ins Wort, der sich hocherfreut zeigte.

Wieso hast Du mir von deiner reizenden Freundin nicht schon viel früher erzählt?“, sprudelte es aus ihm heraus, während er mit geschultem Blick und einem süffisanten Lächeln die für ihn wichtigsten Körperpartien Danielas erfasste.

Daniela reichte Samantha ihren Mantel, den Marc wiederum Samantha aus der Hand nahm, um ihr selbst beim Ankleiden behilflich zu sein. Daniela hatte seine Entschuldigung, ihr nicht in den Mantel geholfen zu haben, im Gemurmel der vielen Besucher nicht gehört.

Wollen wir gemeinsam noch etwas trinken gehen?“, kam es Marc über die Lippen.

Heute nicht, lieber Marc“, fiel Samantha ihm ins Wort, „der Abend gehört Daniela und mir.“

Schade, sehr schade.

Vielleicht sehen wir uns ja bald mal wieder auf einem Kongress“, verabschiedete sich Marc jetzt hastig von Samantha und Daniela, herzte beide, wünschte noch einen schönen Abend und eilte an das Ende der Warteschlange.

Wer war das denn?“, wollte Daniela, neugierig geworden, wissen.

Ach, der, das erzähl ich Dir später, lass uns erst einmal hinausgehen.“

Natürlich konnte Daniela das Angebot, mit ihr noch eine Kleinigkeit zu essen, nicht ausschlagen. Daniela, die nur vegan aß, konnte mit dem Vorschlag, bei einem Libanesen zu essen, Samantha überzeugen. Zwar hatte Daniela hatte die ganze Woche streng nach einem Diätplan gelebt, der ihr aber erlaubte, sich am fünften Tag mit einer Leckerei zu belohnen. Samantha schwärmte auf dem Weg durch die kleinen Gassen der Düsseldorfer Altstadt ohne Punkt und Komma euphorisch von der eben noch gesehenen Opernaufführung, die zu ihrer Überraschung un-glaublich viele junge Besucher hatte.


Diese Inszenierung wird sicher wieder Schullektüre für die Oberstufe werden und eine Klausur in Deutsch nach sich ziehen“, glaubte Daniela.

Dass sich der Weg durch die an Wochenenden von Menschen aller Altersgruppen überfüllte Düsseldorfer Altstadt für beide wie ein Slalomlauf erwies, störte Samantha bei ihrem unentwegten Lästern über den ein oder anderen Typen, der ihnen entgegenkam, überhaupt nicht.

Zum Glück waren um diese Uhrzeit beim Libanesen noch einige Plätze frei.

Falafel mit Salat geht immer“, bestimmte Samantha für sich und gab die Order sogleich an die Bedienung weiter.


Dazu würde ich gern einen grünen Tee trinken“, fügte sie hinzu. Mit einem freundlichen Grinsen und einem gezielten Blick in ihr offenherziges Dekolletee nahm der junge Mann ihre Bestellung entgegen. Daniela bestellte sich mehrere Kleinigkeiten und einen Pfefferminztee dazu und bedankte sich noch einmal herzlich für die Einladung.

Schön, dass es Dir gefallen hat“, freute sich Samantha und schlug ihre Beine übereinander, als sie auf dem kleinen Sitzmöbel endlich eine bequeme Sitzposition gefunden hatte. Sie strich sich mit Lip-gloss noch einmal über ihre Lippen. Im selben Moment stellte die Bedienung den Tee und das Mineralwasser vor Daniela ab. Samantha kramte in ihrer MK-Handtasche. Die kleine weiße Pille, die sie aus der Verpackung brach, legte sie auf ihre Zunge und spülte sie mit einem Schluck Mineralwasser hinunter.


So, und wer ist nun Marc?“, wollte Daniela jetzt wissen. „Oder soll das dein Geheimnis bleiben?“

Ach, Marc! Wir kennen uns schon eine Ewigkeit. Er ist in Baden-Baden einer der angesagten Schön-heitschirurgen. Damals, lass mich kurz überlegen, ja, das sind auch schon mehr als fünfzehn Jahre her, trafen wir uns zum ersten Mal im Hörsaal der Pathologie der Uni. Bei mir schlug es damals ein wie ein Blitz, als Marc, dessen gepflegte Hände und dessen positive Erscheinung mir sofort aufgefallen sind, sich damals neben mich setzte. Irgendwann bin ich nach etlichen Kneipenbesuchen am selben Abend in seinem Bett gelandet.

Marc hat damals in einer WG gewohnt. Er wusste genau, was eine Frau von einem Mann verlangen durfte. Natürlich hatte er seinerzeit eine Freundin, wie er mir gestand, was mir in dem Moment allerdings egal war. Später haben sich unsere Wege vorübergehend getrennt. Ich lernte meinen späteren Ehemann Tom kennen und er heiratete seine damalige Freundin Viktoria.


Seit dieser Zeit haben wir, wenn es seine oder meine Zeit zuließ, immer mal wieder irgendwo, irgendwann das Bett geteilt.“

Hat Dein Mann nichts davon gewusst?“, fiel Daniela ihr irritiert ins Wort.

Nein, natürlich nicht.“

Habt ihr immer noch ein Verhältnis?“, wollte Daniela wissen, während sie etwas Essig und Öl über ihren Salat verteilte.

Samantha schaute sie mit einem Lächeln an.

Seit zwei oder drei Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen. Allerdings schickt er mir regelmäßig Geburtstags- oder sonstige Grüße über WhatsApp. Bei unserem letzten gemeinsamen Schäferstündchen hat mich Marc gefragt, ob wir nicht mal zu dritt etwas machen sollten. Das wäre auch mal schön, glaubte er damals. Heute wäre ich vielleicht nicht abgeneigt.“

Für einen Augenblick schaute Daniela Samantha verständnislos an.

Die Männer sind doch Scheißkerle“, platzte Daniela heraus. „Wenn sie erreicht haben“, wetterte sie mit einer tiefen Zornesfalte auf der Stirn, „was sie wollten, verschwinden sie genauso schnell, wie sie gekommen sind.“

Die Bedienung kam und legte die geforderte Rechnung auf den Tisch.

Wir gehen noch in der kleinen Lounge an der Rheinpromenade einen Cocktail trinken“, bestimmte Samantha, als Daniela in ihrem Espresso rührte.

Arm in Arm drängelten sich beide durch die Berger Straße.


In der erst vor einigen Wochen neu renovierten Lounge an der Rheinuferpromenade, die zudem einen herrlichen Blick auf die andere Rheinseite nach Oberkassel erlaubte, kannte augenscheinlich jeder jeden, irgendwie.

Die Beleuchtung in der Lounge war angenehm.


Küsschen rechts, Küsschen links wurden sie beide vom braungebrannten Geschäftsführer herzlich begrüßt.

Hier ist ja die komplette Düsseldorfer Schicki-micki Szene vertreten“, bemerkte Daniela, als sie sich mit Samantha etwas abseits der Bar an einen kleinen Tisch gestellt hatte. Die meisten Männer brachten ihnen ein aufgesetztes Lächeln entgegen, gespickt mit immenser Geilheit in den Augen.

Irgendjemand, den Samantha offensichtlich kannte, steckte ihr im Vorbeigehen ein kleines Tütchen zu und verschwand sofort wieder. Der dunkelhaarige, gutaussehende, muskulöse Kellner, der, ohne Daniela gefragt zu haben, ein Glas Champagner reichte, zeigte sich mehr als überrascht, als sie ohne zu zögern dankend ablehnte. Eine Rhabarber-Schorle würde sie gerne nehmen, konterte Daniela und schaute in die stahlblauen Augen ihres jugendlichen Gegenübers.

Samantha, die sich ein Glas Schampus vom Tablett genommen hatte, rief gegen die Beats der Musik ein lautes „Prösterchen, meine Liebe!“ und tänzelte ausgelassen mit dem gefüllten Glas inmitten der Gäste. Das kleine, kurze Schwarze, das ihre gut trainierte Figur bestens ins Licht rückte, hatte sie sich erst neulich bei „Breuninger“ gekauft. Der Glatzköpfige, dessen Namen Daniela zunächst nicht verstanden hatte, stand mit einem Glas Whisky in der Hand neben ihr und versuchte gleich, ein Gespräch anzufangen. Sein passgenauer, schwarzer Anzug, unter dem er ein rosafarbenes Hemd trug, war kein Kleidungsstück von der Stange.

Ob sie auch allein hier sei, fragte er ungeniert, wobei er im gleichen Atemzug den angenehmen Duft ihres Parfüms nicht unerwähnt ließ. Er wartete ihre Antwort erst gar nicht ab.

Gerade wollte er sie auf ein weiteres Getränk einladen, als er von einem alten Bekannten mit einem Schulterklopfen begrüßt wurde.

Du auch hier“?

Wie geht es Dir? Wer ist Deine hübsche Begleiterin?“, wollte der lässig auftretende Dreitagebartträger von Ben, dem Glatzkopf, wissen.

Willst Du uns nicht mal bekannt machen?“ Etwas verlegen flüsterte er ihm etwas ins Ohr, was Daniela nicht verstehen konnte.

Carsten, so stellte er sich bei ihr vor und herzte Daniela so, als ob sie sich schon ewig kennen würden.

Seid ihr beide zusammen?“, wollte Carsten, jetzt neugierig geworden, von Ben wissen.


Daniela wollte gerade etwas dazu sagen, da kam Samantha lächelnd und tänzelnd auf die drei zu und wurde zunächst von Ben und dann von Carsten euphorisch geherzt.

Ich muss euch leider meine Freundin einmal entführen“, entschuldigte sie sich bei den Herren.

Du solltest unbedingt noch einen lieben guten Freund von mir kennenlernen“, erklärte sie ihre spontane Aktion.

Alex, das ist Daniela“, sprudelte es aus Samantha heraus, eine gute Freundin von mir“.

Daniela wäre am liebsten in den Erdboden versunken, als sie Alex gegenüberstand.

Nur zögerlich, eher verlegen, kam ein „Hallo“ über Danielas Lippen.

Ihr kennt euch“, schlussfolgerte Samantha erstaunt, als sie in die erstaunten Gesichter der beiden schaute. Daniela atmete tief durch und saugte kurz an ihrem Strohhalm. Samantha erkannte die Situation.

Ich werde euch wohl besser für einen Moment allein lassen“, schlussfolgerte sie.

Samantha wandte sich von beiden ab und begrüßte mit einem überschwänglich lauten „Hallöchen“ Paul, den sie aus dem letzten, gemeinsamen Yoga-Kurs kannte.

Ist ja schön, dass wir uns mal wiedersehen“, kam es Alex über die Lippen, „hättest dich ja mal melden können, war doch gar nicht so schlecht mit uns beiden, oder? Darf ich Dich auf einen Drink einladen?“, fragte er, während ihn eine blondgelockte Endzwanzigerin lässig im Vorbeigehen herzte.

Daniela schaute Alex kopfschüttelnd an. Sein breites Grinsen und seine gekonnt überhebliche Art waren für Daniela einfach widerlich.

Sie spürte, wie ihr Herz anfing zu rasen.

Ich habe noch, danke“, lehnte Daniela seine Einladung schroff ab.

Hast Du noch deinen Fotojob?“, fragte er neugierig nach, worauf ihm Daniela einfach nicht antworten wollte.

Was macht eigentlich der dicke, dämliche Typ?“, bohrte er weiter, „der von deiner damaligen Produktionsfirma. Du weißt schon, der uns beide seinerzeit auf der Herrentoilette beim Bumsen erwischt und dann dafür gesorgt hat, dass ich die Firma verlassen musste?“

Daniela musste Alex mit ihrer Antwort, dass sie anschließend mit dem Dicken mehrmals gevögelt habe, so überrascht haben, dass er sich mit wenigen Worten schnell von ihr verabschiedete. „Wir sehen uns noch!“, ließ er sie wissen.

Daniela stellte ihr Glas auf der Theke ab und ging verärgert in Richtung der Toiletten. Sie stellte sich für einen Moment vor den in Naturstein eingefassten, getönten Spiegel.

Dieser Scheißkerl“, fluchte sie vor sich hin, derweil sie mit den Händen ihre Haare richtete.

Erneut traf sie beim Verlassen der Örtlichkeiten auf Carsten. „Das ist kein Zufall, dass wir uns erneut begegnen“, versuchte er ihr zu erklären. „Komm, lass uns da rüber gehen“, bestimmte er.

Er fasste ihren Arm und führte sie in Richtung der ganz in grau gehaltenen, gemütlich wirkenden Sitzgruppe.

Du musst mir mehr von dir erzählen“, forderte er Daniela auf. Sie zeigte sich überrascht und wusste nicht so recht, wie ihr geschah. Carsten orderte bei der freundlichen Bedienung für sich noch einen „Spritz“ mit doppelt Eis und ohne nachgefragt zu haben noch eine Rhabarberschorle für die junge Dame.

Carsten sah gut aus, hatte ein gepflegtes Äußeres und diesen Charme, dem die meisten Frauen nur schwer widerstehen konnten. Er plapperte munter drauf los, erzählte, dass er sich am Abend das Fußballspiel der Fortuna angeschaut habe, konnte es sich aber nicht verkneifen ihr zu sagen, wie schlecht das Spiel gewesen sei.

Am Montag müsse er wieder nach London, erzählte er weiter.

Im Grunde genommen interessierte es sie eigentlich nicht, wann, wo und wie er sein Geld verdiente, erkundigte sich aber trotzdem.

Was machst du in London?“, fragte sie, nahm ihr Glas in die Hand und lehnte sich gemütlich in die flauschigen Polsterkissen zurück.

Da ist ein Meeting für alle „data processing manager“ unseres Bankhauses, in dem auch ich meine Brötchen verdiene“, erklärte er. „Dort wird ein neues Softwareprogramm vorgestellt, das unseren Mitarbeitern aus dem Rechnungswesen in allen Filialen die Arbeit erleichtern soll.“ Wehmütig erklärte er, schon am frühen Sonntagnachmittag nach London zu müssen. Ohne irgendeine Regung nahm Daniela seine Sätze zur Kenntnis.

Ihr gefiel Carstens Art zu erzählen, dabei klang seine Stimme wie ein Reibeisen.

So sollte es aber nicht sein“, beklagte sich Carsten, „Du solltest mir auch von dir erzählen.“

Sie schmunzelte. „Was soll ich dir von mir erzählen.“

Carsten schlug seine Beine übereinander und blickte in zwei braune leuchtende Augen.

Du wirkst so geheimnisvoll“, urteilte Carsten.


Ich glaube, dass ich dich irgendwo schon einmal gesehen habe, hilf mir, wo kann das gewesen sein?“

Ist deine Anmache nicht ein wenig plump?“, konterte Daniela.

Nein, nein, so war das nicht gemeint, ich glaube, dein Gesicht erst neulich gesehen zu haben.“

Daniela ließ die Frage unbeantwortet.

Über mich gibt es nicht viel zu erzählen“, erklärte Daniela, „nur so viel, dass ich heute mit meiner Freundin Samantha hier bin.“

Samantha, meine, unsere gemeinsame Dentistin? Das nenne ich aber einen Zufall.“

Daniela erzählte ihm von dem gemeinsamen abendlichen Opernspektakel.

Auf sein weiteres Drängen hin erfuhr Carsten von ihrer Tätigkeit als Model. Jetzt wusste Carsten auch, wo er sie gesehen hatte. „Bist du das auf den großen Plakatwänden, die überall aufgestellt sind?“

Daniela schmunzelte und strich sich mit ihrer Hand vereinzelte Haarsträhnen aus dem Gesicht.

Dass sie mit ihrer Freundin Samantha nach deren Scheidung die Freitagabende meistens gemeinsam verbringen würde, erwähnte sie eher beiläufig. Carsten ließ Daniela erzählen.

Du bist nicht verheiratet“, wunderte er sich, der selbst einen goldenen Ring an seinem kleinen Finger trug.

Eine Frau, die so gut aussieht, mit so viel Sexappeal, das kann ich kaum glauben, dachte Carsten.

Ach hier steckst Du!“

Carsten, der jetzt neugierig geworden war, wollte Daniela gerade nach dem „Warum“ fragen, da trat Christoph mit einem „He, alter Kumpel“ auf Carsten zu. Beide kannten sich schon seit Jahren. Auch er wollte natürlich sofort der unbekannten Schönheit vorgestellt werden. Daniela wurde von Christoph mit einem zarten Kuss auf beide Gesichtshälften begrüßt. Seinem geschulten Blick entging keine ihrer Körperpartien. „Darf ich mich zu euch setzen?“, fragte er beide.

Natürlich durfte er und bestellte gleich bei der blonden Bedienung noch einmal das Gleiche für alle.

Carsten empfand die Anwesenheit von Christoph in diesem Fall als äußerst unglücklich.

Samantha ist eine Freundin von Dir?“, fiel Christoph in die Unterhaltung ein, der, wie er sagte, Samantha sehr gut kennen würde. Schließlich sei sie es gewesen, plapperte er munter weiter, die ihm seine Implantate einoperiert habe.

Ich hatte vor Jahren einen Dentisten meines Vertrauens gesucht und sie wurde der damaligen Empfehlung unseres Vorstandsvorsitzenden ge-recht.“

Genau wie ich“, fiel Carsten Christoph ins Wort, auch ihm wurde die Praxis von Samantha Graf seinerzeit empfohlen, was er bis heute nicht bereut habe. Er wüsste nicht, wer von den Bekannten nicht in ihre Praxis gehen würde.

Christoph zeigte ungeniert seine neuen, strahlend weißen Zähne. „Prost, ihr Lieben“, sprach er aus, erhob sein Glas und stieß mit beiden an.

In der weiteren Unterhaltung kam auch die Sprache auf den Mord, von dem Christoph in der Zeitung gelesen hatte. Carsten nahm ihn kurz zur Seite, um zu berichten.

Christoph nahm sein Glas und spülte den Inhalt in einem Schluck hinunter.

Nach dieser Nachricht brauch ich noch einen, das ist ja furchtbar“, brach es aus Christoph heraus.

Daniela bekam die Reaktion von Christoph mit und hinterfragte sofort. Carsten orderte für sich bei der Bedienung noch einmal das Gleiche. Daniela allerdings lehnte ab.

Der Tote aus der Zeitung war ein Kollege aus unserer Bank und ein guter Freund von mir“, erklärte er Daniela kurz.

Carsten entschuldigte sich bei ihr, er müsse einmal kurz vor die Tür gehen, um eine Zigarette zu rauchen.

Daniela drehte sich suchend nach Samantha um, die sich gut zu amüsieren schien. Christoph rückte etwas näher an Daniela heran, was diese allerdings gekonnt ignorierte.

Der eher gequält wirkende Smalltalk zwischen den beiden wurde nur kurz von dem blauäugigen, jungen Kellner unterbrochen, der noch einen „Spritz“ für Carsten und einen Whisky auf dem gläsernen Tisch abstellte.

Carsten kam zurück.

Auf den alten Freund“, sprach Christoph aus und erhob sein Glas. Daniela schaute beiden dabei zu, wie sie ihr Getränk hinunterkippten.

Ich würde jetzt gern nach Hause fahren“, signalisierte Daniela.

Christoph versuchte, sie mit allen Mitteln von ihrem Vorhaben abzuhalten. All seine Bemühungen waren umsonst. Daniela stand auf, verabschiedete sich von beiden und suchte unter den Gästen nach Samantha.

Der jugendlich wirkende Schwarzgelockte, der in Samanthas Armen lag, hatte eine Hand in seiner Hosentasche und die andere lässig über Samanthas Schulter gelegt.

Daniela stellte sich kurz zu den beiden, um sich von ihrer Freundin zu verabschieden. Samantha, die mit einem erneut gefüllten Glas in der Hand überrascht war, dass Daniela schon gehen wollte, versuchte erst gar nicht, sie an ihrem Vorhaben zu hindern.

Schätzlein, lass uns morgen telefonieren“, verabschiedete sie sich von Daniela, küsste sie herzlich, ohne sich aus der Umklammerung ihres Adonis zu lösen.

Christophs letzter Versuch, Daniela wenigstens bis zum Taxi begleiten zu dürfen, hatte auch keinen Erfolg.


Daniela musste nicht lange am Taxistand warten. Ihr ging das Gespräch von eben über den Toten aus der Zeitung nicht aus dem Kopf. Zum Glück laberte sie der ältere Fahrer nicht voll, beobachtete sie aber permanent durch den Innenspiegel. Auf ihrem Handy waren drei neue Nachrichten eingegangen, die sie später erst beantworten wollte. Zwölf Euro zwanzig war der geforderte Fahrpreis des Chauffeurs, als er an der Uerdinger Straße Ecke Kaiserswerther Straße anhielt. Sie gab ihm fünfzehn Euro und bedankte sich.

Daniela hatte ihren Mantelkragen hochgestellt, den kühlen Wind, der ihr von der Rheinseite entgegen blies, empfand sie als äußerst unangenehm. Mit beiden Händen hielt sie das Revers des schwarzen Bogner Mantels zusammen und wartete ungeduldig auf das Grün der Ampel.

Das Logo vom Café Rheinpark warf ein wenig Licht in das Dunkel der Straßenecke. An die ständige Geräuschkulisse, die von der Theodor-Heuss-Brücke herkam, hatte sie sich im Laufe der Zeit gewöhnt.

Daniela eilte zur Haustür, die sie schnell wieder hinter sich schloss.

Sie benutzte den Aufzug, der sie bis in die neunte Etage des sanierten Altbaus beförderte. Vor Jahren hatte sie auf Drängen von Samantha sich für diese Wohnung entschieden.

Der grandiose Ausblick auf den Rhein sowie der Blick über die Dächer der Stadt hatten ihr seinerzeit fast die Sprache verschlagen.

Daniela schleuderte ihre Schuhe über den Parkettboden, drückte im Vorbeigehen die Taste des Anrufbeantworters und warf den Mantel über die graue Sitzgarnitur, die inmitten des großen, sehr geschmackvoll eingerichteten Wohnraums stand.

Sie haben zwei neue Nachrichten“, meldete sich die immer gleichklingende Stimme auf dem Anrufbeantworter. „Erste Nachricht, empfangen heute um 18h45.“

Hallo, Daniela, bist mal wieder nicht da. Ich glaube, Du hast da was am Start. Ich werde morgen also mit unserer Mutter zum Friedhof fahren. Sie hat mir gesagt, dass Du nicht kannst. Schlaf dich mal richtig aus, melde mich morgen bei Dir, dann können wir mal wieder zusammen klönen.“

Zweite Nachricht, empfangen um 22h15.“

Hallo, ich noch mal. Wenn Du zu Hause bist, dann nimm bitte den Hörer ab. Mmh, okay, dann bis morgen.“

Sie haben drei gespeicherte Nachrichten“, sprach die Stimme weiter, als Daniela schon ins Badezimmer gegangen war.

Sie zog ihre Sachen aus und warf sie in den Wäschekorb. Das abendliche Procedere am Waschtisch erledigte sie dieses Mal im Schnelldurchlauf. Beim Blick auf ihre Haare war sie froh, für Montagnachmittag noch einen Termin bei ihrem Friseur bekommen zu haben. Sie schaltete die beiden Messingleuchter aus, die an der Fensterfront standen und suchte im Schlafzimmer nach der Fernbedienung.

Daniela hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, die Leuchten auf der Fensterbank immer einzuschalten, wenn sie ihre Wohnung verließ.

Sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Nicole konnten es schon als Kinder nicht leiden, dass, wenn ihre Eltern ausgegangen waren, was sie fast regelmäßig an den Wochenenden taten, es in der Wohnung stockdunkel war. Dann traute sich keiner alleine auf die Toilette.

Das Kopfteil ihres neuen Boxspringbetts stellte sie sich ein wenig höher. Endlich, dachte sie, als sie sich genüsslich auf ihr Bett fallen ließ. Das angefangene Buch rührte sie heute nicht an. Stattdessen drückte sie auf den Knopf der Fernbedienung und zappte durch die Fernsehprogramme.




Samantha konnte es schon immer für sich bestimmen, wann und mit wem sie abends das Bett teilen würde. Für diese Nacht hatte sie sich offensichtlich ihren Adonis ausgeguckt.

Der hatte ihr erklärt, eher zufällig, auf der Suche nach einem Bekannten, in diese Lokalität hineingeraten zu sein.

Die gute Stimmung unter den Gästen in der Lounge war auch nach Mitternacht ungebrochen.

Es ist schon spät, lass uns bei mir zu Hause noch einen Drink nehmen“, flüsterte Samantha ihrem Jüngling ins Ohr, der das Angebot natürlich nicht ablehnte.

My Way“, klang es durch die Lounge, als sich Samantha zunächst von Carsten verabschiedete, der mit Christoph bei den beiden blondgefärbten Mädels sein Glück versuchte.

Die Außenbeleuchtung der Villa, die hinter einer weißen Mauer an der Hauptverkehrsstraße lag, schaltete sich automatisch ein, als der Taxifahrer, der, wie er sagte, noch nie eine Fahrt hierher hatte, sein Gefährt in der Garageneinfahrt stoppte.

Einen schönen Abend“, wünschte er den beiden noch, als sie ausstiegen und er den Motor wieder startete.

Wortlos gingen beide auf die Eingangstür zu.

Der Anblick der beiden Rottweiler, die zur Begrüßung ihres Frauchens knurrend auf beide zugelaufen kamen, ließ Saschas Herz gefühlt bis an seine Kniescheibe rutschen.

Ja, ja, ihr seid meine Besten“, begrüßte Samantha ihre Lieblinge.

Sascha entfernte sich noch einen Schritt weiter von den dreien.

Du brauchst keine Angst zu haben“, versicherte sie ihrem jungen Liebhaber. Der stand vor lauter Schiss wie versteinert da.

Samantha beorderte Onkel und Gustav, wie sie ihre Vierbeiner nannte, wieder zurück auf ihre Plätze.

Ich habe die beiden nach meinem Onkel benannt“, erklärte sie ihm, „dem ich viel zu verdanken habe und der vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. Du kannst uns schon einmal etwas zu trinken einschütten“, bestimmte Samantha und verabschiedete sich mit einem Kuss auf seine Wange ins Bad.

Sie würde gern noch ein Glas Rotwein trinken.

Du findest die Getränke im Puppenwagen neben dem Kamin“, rief sie ihm noch zu, bevor sie die Badezimmertür hinter sich schloss.


Natürlich beobachteten Onkel und Gustav, auf dem gefliesten Boden liegend, jeden Schritt von Sascha, der, wie sollte es auch anders sein, das antiquare Stück genau neben deren Decken stehen sah. Nur zögerlich näherte er sich den Getränken.

Soll ich dir helfen“, hörte er Samantha aus dem hinteren Trakt des Wohnbereichs rufen, als sie die Wendeltreppe hinaufging.

Nein, nein, es geht schon“, antwortete er.

Onkel und Gustav sprangen sofort auf, folgten aber den Weisungen und dem Fingerzeig ihres Frauchens und legten sich sofort wieder auf ihre Decken.

Bring die Getränke mit nach oben“, schallte ihr Ruf über die Empore hinunter. Ohne noch einmal einen Blick auf die beiden Vierbeiner zu riskieren, ging er langsam die Stufen hinauf.

Samantha lag nur mit einem schwarzen Top bekleidet auf einem übergroßen, mit diversen Kissen bestückten französischen Bett, das mit grauer Satinbettwäsche überzogen war. Sascha wirkte verunsichert, als er ihr geräumiges Schlafzimmer betrat.

Der Duft von Lavendel durchflutete das Zimmer.

Sein Blick fiel unwillkürlich auf ihre gespreizten Beine, als er ihr das Glas Rotwein reichte.


Prösterchen mein kleiner Süßer“, rief sie aus, stieß ihr Glas gegen das seine, das er nur mit Mineralwasser gefüllt hatte. Sie schaute ihn kurz an und legte ihm nahe, sich doch auszuziehen.

Samantha bestaunte seinen muskulösen Körper, derweil er sich bis auf seinen Slip entkleidete.

Den zieh ich Dir später aus“, hörte er sie sagen. Dass die Zimmerdecke über dem Bett aus Spiegelglas bestand, sollte Sascha jetzt erfahren.

Ich sage Dir, wie ich es gerne hätte“, flüsterte sie ihm zu, nachdem er sich neben sie gelegt hatte.

Samantha holte aus einer bunten Schachtel ein Kondom heraus und legte es auf die Nachttischkonsole.

Sie dimmte das Licht, nahm seine Hand und legte sie auf ihren Busen.

Ihre linke Hand verschwand in seinem Slip.

Samantha spürte seine wachsende Männlichkeit in ihrer Hand.

Es wurde schon hell draußen, als Samantha ihren Adonis an der Tür verabschiedete.


Daniela hatte sich vorgenommen, den heutigen Samstag mal langsam angehen zu lassen. Sie lag gegen Mittag noch im Bett, als das Telefon schellte.

Es war ihre Schwester, die sich darüber beklagte, dass sie bis jetzt noch nicht zurückgerufen hatte. Seit gestern Abend würde sie es versuchen.

Daniela erinnerte sie daran, ihr gesagt zu haben, dass sie gestern mit Samantha ausgehen wollte.

Warst Du mit unserer Mama schon auf dem Friedhof?“, fragte Daniela nach.


Mama ging es am Vormittag nicht gut“, entgegnete ihre Schwester, „da bin ich allein zum Friedhof gefahren und hab die Blumen gewechselt.“

Was hat unsere Mutter denn?“

Ach, das übliche, Du weißt schon, wie immer der Kreislauf.

Ich wollte später mal bei Dir vorbeikommen, bist Du zu Hause?“

Ja, ich habe mir für heute nichts vorgenommen, wann kommst Du?“

Nicht vor fünf“, antwortete ihre Schwester.

Okay, dann bis gleich.“

Daniela versuchte anschließend vergeblich, ihre Mutter anzurufen. Diese hatte bedauerlicherweise den Telefonhörer wieder einmal nicht richtig aufgelegt.



Die neue Woche begann für Samantha schon früh am Morgen wie immer mit ihrem Fitnesstrainer, der um Punkt sieben Uhr dreißig an der Pforte klingelte. Montags ging sie erst um zehn in die Praxis. Dass er nicht nur mit Samantha allein die Runden durch die Hubbelrather Höhen drehte, sondern auch mit Onkel und Gustav, hatte dem dunkelhäutigen, durchtrainierten Muskelprotz von Anfang an keine Schwierigkeiten bereitet.

Samantha hatte ihn vor einem Jahr beim Verlassen einer Nachtbar unvermittelt an der Tür angesprochen.

Die weiteren anstehenden Termine, die sich unmittelbar in der Nähe ihrer Praxis anschlossen, waren ihr schon immer wichtig gewesen. Zunächst der bei ihrem Psychotherapeuten, der ihr aufmerk-sam zuhörte und später die darauffolgende gruppen-therapeutische Gesprächsrunde.

Samantha hatte gerade geduscht, ihr Müsli zubereitet und war dabei, sich einen Apfel zu schälen, da ertönte der Türgong.

Guten Tag, mein Name ist Schöne und das ist mein Kollege Wimmer“, stellte die Kripobeamtin sich bei der Haushälterin vor und hielt ihr den Dienstausweis entgegen. „Wir hätten gern Frau Samantha Graf gesprochen.“

Etwas irritiert ließ diese die beiden eintreten.

Samantha hatte den Apfel noch in der Hand, als die Hausdame ihr den Besuch von zwei Polizeibeamten meldete. Sie herrschte ihre knurrenden Vierbeiner an, sofort zurück auf ihre Plätze zu gehen und begrüßte nur mit einem Bademantel bekleidet, die etwas verängstigt wirkenden Beamten.

Sie bat beide, auf dem Sofa Platz zu nehmen.

Was kann ich für Sie tun?“ fragte Samantha, derweil ihre Hausdame den Kaffee brachte.

Für Sie beide auch einen Kaffee?“, fragte sie nach.

Schöne verneinte und erklärte im nächsten Atemzug, dass sie im Gerresheimer Mordfall ermitteln würden und deshalb hier seien.

Davon habe ich in der Zeitung gelesen“, warf Samantha ein. „Und was habe ich damit zu tun?“

Ihr Name, Frau Dr. Graf, tauchte im Postfach des Ermordeten unter dem Ordner, „besonders geil“ auf seinem Laptop auf.“

Samantha Graf verzog keine Miene, als Schöne ihr sagte, wer der Tote war.

Das ist ja furchtbar, Frank Schumann sagten Sie?“ Sie griff in ihrer Bademanteltasche nach einem Taschentuch.

Natürlich habe ich den Bericht in der Zeitung gelesen“, merkte sie an, „aber in keinster Weise Frank Schumann mit dem Toten in Verbindung gebracht.“

Wir hatten vor etwa einem Jahr mal ein sehr intensives Verhältnis“, erklärte sie den Beamten kleinlaut.


Kennengelernt haben wir uns in der Praxis“, antwortete sie auf die Frage von Kommissaranwärter Wimmer.

Er sah gut aus, hatte Charme, ja, er war an diesem Tag mein letzter Patient. Ich habe dann nach zwei oder drei Monaten einen Schlussstrich gezogen, schließlich war er ja verheiratet“, betonte sie.

Seitdem haben wir uns noch ein paarmal in meiner Praxis gesehen, wenn er bei meiner Mitarbeiterin zur Zahnreinigung war, oder eher zufällig mal am Wochenende, in irgendeinem Club“, erklärte sie den Beamten.

Wimmer notierte sich ihre Angaben und bat sie nach Rücksprache, am Mittwochnachmittag nach sechzehn Uhr ins Präsidium zu kommen.

Samantha hielt die Visitenkarte der Beamtin noch in der Hand, als sich beide verabschiedeten.

Bei ihr würde ich auch keinen Zahnschmerz mehr spüren“, scherzte Wimmer, als er sich an das Steuer des Passats setzte.

Details

Seiten
150
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908718
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356825
Schlagworte
küsschen kriminalroman

Autor

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Titel: Küsschen links, Küsschen rechts: Kriminalroman