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Dr. Mystery #3: Der Leichenfresser

2017 120 Seiten

Leseprobe

Der Leichenfresser

von A. F. Morland

Dr. Mystery Band 3 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers

präsentiert von Steve Salomo


Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.


Bei einem parapsychologischen Experiment schnappt Doktor Luc Morell unbeabsichtigt die Botschaft eines Satansdieners auf, der im telepathischen Kontakt mit dem Teufel tritt. Sieben Menschen will er dem Herrn der Hölle opfern. Für Luc und seine Gefährten Steve Pratt und Monique Dumas beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit…


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Bearbeitung: Peter Thannisch

Titelbild: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Hexensabbat!

Der Fürst der Finsternis hatte zum großen Fest geladen, und seine scheußlichen Untertanen waren dem Ruf gefolgt.

Er hatte in der Nähe von London ein leerstehendes Haus aufgetrieben. Ein Haus von üblem Ruf, das die Leute aus der Nachbarschaft ängstlich mieden, weil in ihm schaurige Spukgestalten hausen sollten. Es war ein Haus, das auf einem weitflächigen Grundstück stand. Finster, unheimlich.

Etwas Drohendes ging davon aus, und jeder, der in die Nähe kam, spürte ein schreckliches Angstgefühl in seinem Inneren aufkeimen, ohne den Grund dafür zu kennen.

Obwohl kein Wölkchen den sternenklaren Nachthimmel trübte, fauchten grelle Blitze auf dieses schreckliche Haus herab und erhellten mit ihrem kurz zuckenden Licht die gespenstische Szene.

Auf der großen Wiese vor dem Haus wimmelte es von grausamen Geistern und schrecklichen Dämonen.

Geisterhafte Nebel wallten um das Haus des Grauens. Nebel, die sich in hässliche Gestalten verwandeln konnten, um schon in der nächsten Sekunde zu verfallen, sich in bizarre Gebilde aufzulösen, die jedem normalen Menschen furchtbare Angst eingejagt hätten.

Schreckliche, unmenschliche Laute füllten die unheilschwangere Atmosphäre.

Der Höllenfürst befand sich mit seinen engsten Freunden auf der steinernen Terrasse des Hauses. Er genoss den abscheulichen Anblick, den ihm sein Volk bot, mit dem er nach Belieben Angst und Schrecken verbreiten konnte.

Da er eine schwarze Kapuze, ähnlich der einer Mönchskutte, trug, war sein Gesicht nicht zu sehen. Nicht einmal dann, wenn einer der grellen Blitze die pechschwarze Finsternis dieser schaurigen Nacht zerfetzte. Nur seine satanischen Augen glühten im tiefschwarzen Dunkel der Kapuzenöffnung.

Er hob herrisch die Hand.

Sein unheimliches Gefolge hielt im selben Augenblick mitten im furchtbaren Treiben inne.

Abgrundtief böse Augen starrten gebannt auf den Herrscher über Teufel und Dämonen.

»Schafft sie herbei!«, donnerte die gewaltige Stimme des Satans über die grausigen Köpfe seiner unübersehbaren Anhängerschar, die gekommen war, um mit ihm das grausamste Fest des Jahres zu feiern.

Auf der Terrasse wurden nun Vorbereitungen getroffen, die einem den Magen umdrehten. Mehrere mit Blut gefüllte Becher wurden bereitgestellt.

Während Blitz und Donnerschlag sich in einer immer dichter werdenden Aufeinanderfolge abwechselten, klaffte die dichtgedrängte Dämonenmasse plötzlich zu einem schmalen Spalt auf.

Eine enge Gasse hatte sich gebildet, durch die nun bleichgesichtige, zitternde Menschen getrieben wurden.

Schlimme Verwünschungen wurden ihnen von den Dämonen zugerufen. Sie schlugen nach den bedauernswerten Menschen, rissen sie an den Haaren, versetzten ihnen brutale Tritte und wollten sich sogar auf sie stürzen.

Doch ein scharfer Ruf des Satans hielt sie davon zurück. Mit böse funkelnden Augen verfolgten sie die verhassten Menschen.

Vier Mädchen und vier Männer wurden von zwei Hermaphroditen zur Terrasse geführt.

Bildhübsche Mädchen.

Kräftige Männer.

Sie hatten den Teufel um Aufnahme in den Kreis der Dämonen gebeten. Der Satan hatte sie daraufhin zu diesem Hexensabbat eingeladen, um hier seine Auswahl zu treffen.

Die Mädchen hatten schlanke, biegsame Körper. Ihre blassen Gesichter waren ebenmäßig und wie geschaffen zum Versteck für das Böse.

Alle acht Menschen wussten, dass es ein ungeheuer großes Risiko gewesen war, hierherzukommen, denn es war gewiss, dass der Satan sie nicht alle in sein Gefolge aufnehmen würde. Er würde wählen. Und diejenigen, auf die seine Wahl nicht gefallen war, sollten Opfer der geifernden Dämonenbrut werden.

Das war ein ehernes Gesetz, das niemand brechen konnte.

Deshalb zitterten diese acht Menschen und hofften, dass die Wahl des Satans sie treffen möge und nicht den Nachbarn.

Drei Mädchen und zwei von den kräftigsten Männern wählte der Teufel aus. Die anderen drei wurden von ihm mit einer gnadenlosen, unbarmherzigen Geste abgelehnt.

Was diese endgültige, unwiderrufliche Geste bedeutete, erfuhren und erlebten die drei Opfer im selben schrecklichen Augenblick.

Die ganze blutgierige Höllenbande stürzte sich schreiend auf sie, um sie zu zerfleischen…



2

Doktor Luc Morell passierte die Zollabfertigung des Londoner Flughafens Heathrow. Er trug einen mittelgroßen senffarbenen Schweinslederkoffer, der von zwei breiten Ledergurten umspannt wurde, die in blitzenden Chromschnallen endeten. Das Prachtstück stammte aus Paris.

Luc Morells bemerkenswerte Reisebekanntschaft war Mitte Zwanzig.

Sie war Schwedin und hieß Britt Vanessa, wie sie ihm gesagt hatte, als sie neben ihm im Flugzeug gesessen hatte.

Obwohl sie Schwedin war, hatte sie pechschwarzes Haar, das ausgezeichnet zu ihrem Teint passte. Sie war Fotomodel, wie sie Luc Morell verraten hatte.

Sie ging neben Luc, schloss lächelnd die Augen und sog die Luft genießend durch die Nase ein.

»Mmh! London!«, sagte sie begeistert. »Man kann die faszinierende Ausstrahlung dieser Stadt bereits hier fühlen und riechen.«

Luc lachte. »Man hat Ihnen anscheinend sehr viel über diese Stadt erzählt.«

»O ja, sehr viel.«

»Dann streichen Sie auf jeden Fall die Hälfte davon. Der Rest ist London, wie es wirklich ist.«

Das Mädchen lachte girrend. »Sie müssen mich unbedingt einmal anrufen, Luc.«

Er nickte lächelnd.

»Ein Mann wie Sie könnte mir bestimmt vieles in dieser Stadt zeigen, was mich brennend interessiert«, sagte sie, während sie ihm einen verlockenden Blick schenkte.

»Davon bin ich überzeugt«, sagte Luc.

»Werden Sie anrufen?«

Er öffnete den Mund zu einer Antwort.

Da sagte sie: »Ich wohne im Hotel Majestic.«

»Ich werde mich melden, wenn ich Zeit habe«, erwiderte Luc.

Britt Vanessa kniff schelmisch ein Auge zu. »Fein. Einen recht schönen Aufenthalt wünsche ich, Doktor.«

Luc Morell zuckte die Achseln. »Ich habe hier zu arbeiten.«

»Oh, das ist aber schade.« Britt lachte hell. »Dann amüsiere ich mich eben einstweilen für uns beide.«

»Okay.«

»Hotel Majestic. Nicht vergessen, Doktorchen! Ich warte auf Ihren Anruf.«

Er nickte.

Das quirlige Mädchen wirbelte herum und verschwand im Strudel der Reisenden, die dem Ausgang zustrebten.

Luc Morell begab sich zu einem Kiosk. Er stellte seinen Koffer ab und kaufte sich einen Kriminalroman sowie die »Times«. Der Krimi sollte ihn abends, nach getaner geistiger Schwerarbeit, ein wenig entspannen.

Luc schob das Taschenbuch in die linke Innentasche seines Jacketts. Dann rollte er die »Times« zusammen und schob sie in die Innentasche. Solchermaßen ausgestopft, bückte er sich, um seinen Koffer wieder aufzunehmen.

Da erlebte er einen Schock, der ihm bis ins Knochenmark fuhr.

Der Koffer war weg.

Unter normalen Umständen wäre das kein allzu großer Verlust gewesen. Luc Morell hatte Geld genug, um den Koffer samt Inhalt verschmerzen zu können.

Doch in diesem besonderen Fall war das Abhandenkommen des Koffers ein nicht mehr gutzumachender Schaden, denn in diesem Gepäckstück befand sich ein Talisman von unschätzbarem Wert.

Das silberne Amulett, das Luc Morell vor einigen Monaten in jenem südfranzösischen Château entdeckte, das er geerbt hatte. Ein Amulett, dem besonderen Kräfte innewohnten und das ihn bereits beim Kampf gegen gefährliche Dämonen gerettet hatte.

Es war mit dem Koffer verschwunden.



3

Luc Morells aufgeregter Blick flog über die zahlreichen Köpfe der Reisenden, die sich in einem quirlenden Durcheinander in der großen Flughalle drängten. Hier einen Kofferdieb zu finden war ein Ding der Unmöglichkeit.

Durch Zufall entdeckte Doktor Morell einen schwerfälligen Gepäckträger, der sich soeben dem Ausgang näherte.

Er trug zwei senffarbene Lederkoffer, die einander ähnlich sahen wie ein Ei dem anderen.

Vielleicht ist meiner dabei!, dachte Luc Morell. Gleichzeitig rannte er los. Er wollte nichts unversucht lassen, um wieder in den Besitz seines silbernen Amuletts zu gelangen.

Es war unmöglich, sich in dieser Ankunftshalle schnell fortzubewegen, ohne mit jemandem zu kollidieren. Luc stieß gegen mehrere Reisende, die ihm üble Schimpfnamen nachriefen. Er lief an einer Inderin vorbei, die einen bodenlangen weißen Sari trug, hastete um den Informationsstand herum und dem Ausgang entgegen. Eine dicke Frau ließ vor Schreck ihre Reisetasche fallen, als er gegen ihren prallen Busen stieß. Er entschuldigte sich vielmals und keuchte aufgeregt weiter.

Der Gepäckträger hatte die Halle inzwischen verlassen.

Luc konnte ihn durch das Glas der Tür beobachten, wie er die beiden senffarbenen Lederkoffer in den offenen Kofferraum eines schwarzen Bentley stellte.

Schon klappte der Mann den Deckel zu. Dann nahm er von einer elegant gekleideten Frau, die sich nicht um das Verstauen des Gepäcks gekümmert hatte, sondern ihr Gesicht im Schminkspiegel betrachtet hatte, das Trinkgeld für die geleisteten Dienste in Empfang. Es schien nicht wenig gewesen zu sein, denn der behäbige Mann machte einige schwerfällige Verbeugungen.

Die Frau setzte sich ans Steuer ihres Wagens und fuhr los, ehe Luc die Ausgangstür erreichte.

Sobald sein Fuß den Kontaktteppich berührte, fuhr die gläserne Tür zur Seite. Luc Morell stürzte aus der Halle und griff sich den Gepäckträger, der durch den Nebeneingang in die Halle zurückgehen wollte, um da wieder seine Dienste anzubieten.

Morells Finger erwischten die grüne Schürze des Mannes. Der Träger schaute ihn erschrocken an. Sein gerötetes Gesicht verlor Farbe. Seine Lippen bebten. Das Doppelkinn zitterte leicht, als er hervorstieß: »Sir?«

»Was fällt Ihnen ein, meinen Koffer zu nehmen?«, bellte Luc.

Der Träger schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Dazu bin ich zu alt. Ich kann keinen Ofen heben.«

»Koffer! Ich spreche von meinem Koffer!«, schrie Luc Morell aufgeregt.

»Ach so, Koffer.« Der Mann lächelte verlegen. »Sie müssen schon entschuldigen, Sir. Ich höre leider nicht sehr gut, wissen Sie. Was ist mit Ihrem Koffer? Soll ich ihn zu Ihrem Wagen bringen? Oder zu einem Taxi?«

Luc Morell explodierte fast. »Mann, Sie haben meinen Koffer in den Bentley gestellt, der eben weggefahren ist!«

»Ja. Zwei Koffer habe ich in den Bentley gestellt.«

»Einer davon gehörte mir!«, schrie Luc Morell dem Mann ins Ohr. »Mir!«

Die Augen des Trägers weiteten sich erschrocken. »Aber Sir. Das ist nicht gut möglich. Die Dame sagte, ich solle die beiden Koffer nehmen und zu ihrem Wagen bringen. Sie sahen ja auch beide ganz gleich aus. Für mich bestand kein Zweifel, dass die Koffer zusammengehörten, Sir.«

»Himmel noch mal…« Luc Morell wollte aufbrausen. Er ließ es aber dann bleiben. »Wahrscheinlich hat die Dame bloß von einem Koffer gesprochen!«

»Das wäre natürlich möglich. Meine Ohren, Sir… Tut mir wirklich sehr leid!«

Luc Morell ließ den Mann stehen, hörte sich nicht an, was der Träger noch alles zu seiner Entschuldigung vorzubringen hätte, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren.

Er winkte das nächste Taxi heran und schwang sich auf den Beifahrersitz.

»Haben Sie vorhin den schwarzen Bentley fortfahren gesehen?«, fragte er den Fahrer hastig.

Der Mann verzog sein Raubvogelgesicht zu einem breiten, widerlichen Grinsen. »Natürlich, Sir. Schicker Wagen. Schicke Lady.«

Luc Morell kramte in seinen Taschen herum, brachte mehrere Banknoten zum Vorschein und hielt sie dem Fahrer vor die leuchtenden Augen. »Hundert Pfund, wenn Sie die Lady einzuholen versuchen!«

Der Fahrer lachte. »Mann, Sie gehen ja ran wie ein reifer Primaner.« Er griff nach den Scheinen und ließ sie in seiner Lederweste verschwinden.

»Tun Sie mir den Gefallen, und fahren Sie!«, drängte Luc Morell, der wie auf glühenden Nadeln saß.

»Bin schon unterwegs!«, sagte der Mann grinsend und ließ den Morris anrollen. »Strafmandate gehen natürlich auf Ihr Konto, Sir.«

»Ja! Ja! Fahren Sie, was die Mühle hergibt.«

Der Taxifahrer trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Der Motor heulte gequält auf. Luc wurde kräftig in die Wagenpolsterung gepresst.

Der Morris überholte etwa ein Dutzend Fahrzeuge aller Größen und Typen.

Luc Morells Gesicht klebte fast an der Windschutzscheibe. Mit fiebernden, ruhelosen Augen hielt er nach dem schwarzen Bentley Ausschau, in dessen Kofferraum sich vermutlich sein senffarbener Lederkoffer befand.

Übernervös nagte Luc Morell an der Unterlippe. Er machte sich Vorwürfe, weil er auf den Koffer nicht besser achtgegeben hatte, weil er so unvernünftig gewesen war, das Amulett nicht um den Hals zu tragen. Dann wäre ihm der silberne Talisman so nicht abhandengekommen.

»Sie sind ganz schön verknallt in die Lady, was?«, grinste der Taxifahrer unverschämt.

»Kümmern Sie sich gefälligst um Ihre eigenen Angelegenheiten!«, schnauzte ihn Luc Morell an.

»Ist ja schon gut!«, sagte der Fahrer beleidigt. »Ich dachte, mit Ihnen kann man wie mit einem vernünftigen Menschen reden!«

Luc Morell stieß die Luft zischend aus. »Verzeihen Sie. Ich wollte nicht so unhöflich sein.«

»Ja, ja…«, maulte der Fahrer.

»Die Frau hat irrtümlich meinen Koffer mitgenommen«, sagte Luc Morell.

»Sind Goldbarren drin?«

»Etwas viel Wertvolleres.«

»Dann habe ich es etwa mit einem Spion zu tun?«

Luc Morell schüttelte heftig den Kopf. »Reden Sie keinen Unsinn. Fahren Sie! Und zwar schneller!«

Der Fahrer zog grimmig die Augenbrauen zusammen. »Also mehr ist wirklich nicht drin, Sir! Sie wollen doch genauso wenig wie ich, dass wir einen Unfall bauen.«

Der Fahrer hatte natürlich recht. Der Verkehr war mittlerweile dichter geworden. Sie hatten bereits eine lange Autoschlange überholt, ohne den Bentley wiederzufinden. Nun kam der Morris wegen des starken Verkehrsaufkommens nicht mehr so schnell weiter. Es war einfach nicht mehr möglich, das Tempo zu forcieren.

Der Fahrer tat, was er konnte. Er überholte zwei Lkw, zwängte seinen Morris zwischen einen Jaguar und einen Peugeot, hupte und überholte, sobald es wieder möglich war.

Irgendwann meinte er kopfschüttelnd: »Den Koffer sehen Sie nicht mehr wieder, Sir.«

Diese Befürchtung hegte Luc auch. Nur hatte er sie nicht ausgesprochen.

»Wenn ich mal etwas als Mann mit Erfahrung sagen darf: Wahrscheinlich hat die Lady Ihren Koffer gar nicht irrtümlich mitgehen lassen…«

»Sondern?«

»Mit voller Absicht. Na klar. Ich kenne die Menschen, Sir. Etwas Schlimmeres gibt es nicht.«

Luc Morell starrte ratlos durch die Windschutzscheibe. Was tun? Das Amulett einfach aufgeben? Niemals. Das kam überhaupt nicht in Frage.

An der nächsten Kreuzung, die Rot zeigte, fragte der Fahrer: »Soll ich Sie zum Flughafen zurückbringen, Sir?«

Luc Morell hörte ihn zwar, reagierte jedoch nicht sofort. Deshalb wiederholte der Fahrer seine Frage etwas lauter.

Luc schüttelte resignierend den Kopf. »Fahren Sie mich zu meinem Hotel…«

»Hilton?«

»Nein. Four Seasons.«

»Okay. Ich bring Sie hin.«



4

Joanne Cannon ließ den schwarzen Bentley mit viel Geschick und ganz langsam in die schmale Garage ihres Hauses rollen.

Danach stellte sie den Motor ab und faltete sich mit einer fließenden Bewegung aus dem Fahrzeug. Die Tür schnappte mit einem satten Geräusch ins Schloss.

Sie war vierzig, sehr gepflegt, achtete auf ihre gute Figur und trug ein Reisekostüm, das den Gedanken, sie könne den Koffer mit Absicht gestohlen haben, von vornherein ad absurdum führte.

Mit kleinen Schritten begab sie sich zum Kofferraum und klappte den Deckel hoch.

»Nanu!«, sagte sie erstaunt, als sie zwei gleiche Koffer in dem sauberen Rechteck des Wagens stehen sah.

Sie hatte nicht darauf geachtet, dass der Träger mit zwei Koffern hinter ihr hertrottete. Ein wenig ratlos hob sie beide Koffer heraus. An ihrem hing ein Namensschild. Dass an dem anderen auch eines gehangen hatte, bewies der Umstand, dass ein dünnes Lederriemchen vom Griff seitlich herabbaumelte. Es war ausgefranst. Das Schildchen war wahrscheinlich beim Zuschlagen des Kofferraumdeckels abgerissen worden.

Joanne Cannon trug die beiden Koffer in ihr geräumiges Haus.

Sie stellte den fremden Koffer im Wohnzimmer auf den großen runden Tisch.

Die Schuld hatte natürlich dieser dumme Träger. Aber was nützte es jetzt, irgendjemandem die Sache an diesem Missgeschick zuzuschieben. Der Besitzer oder die Besitzerin dieses Koffers vermisste das Gepäckstück sicher längst.

Die Frau strich sie sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, während sie mit der linken Hand nach der Chromschnalle griff, um sie zu öffnen.

Augenblicke später war auch der zweite Gurt offen. Beide baumelten vom Tisch herab. Danach klappte Joanne Cannon den Deckel des fremden Koffers hoch. Sie empfand eine gewisse Scheu davor. Es war nicht ihre Art, in fremden Sachen herumzukramen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, die Intimsphäre eines fremden Menschen zu verletzen.

Herrenhemden. Herrenpullover. Ein Reisewecker. Krawatten. Frische, noch originalverpackte Herrenunterwäsche. Noch nicht getragene Socken.

Und eingebettet in eine rote Samtschatulle, fand Joanne Cannon ein blitzendes silbernes Amulett.

Es wies in der Mitte ein seltsames Zeichen auf. Einen Drudenfuß. Darum herum schloss sich ein Ring mit den Tierkreiszeichen. Ein äußerer Ring zeigte mehrere geheimnisvolle Hieroglyphen. Mit einer dünnen silbernen Kette konnte man diesen Talisman um den Hals tragen.

Joanne Cannon wurde das Gefühl nicht los, dass von diesem Amulett eine seltsame Ausstrahlung ausging, die sie sich nicht erklären konnte.

Selbstverständlich sagte sie sich, dass sie sich dieses Gefühl nur einbildete, schließlich hatte sie ja keine Ahnung, welche Bewandtnis es mit diesem kostbaren Amulett wirklich hatte.

Sie nahm das Telefonbuch zur Hand und suchte die Nummer des Flughafens heraus. Als sie aus einer ganzen Reihe von Telefonnummern eine ausgewählt hatte, nahm sie den Hörer und wählte die Nummer.

Joanne Cannon war Einkäuferin für ein Londoner Großkaufhaus, und ihr Beruf brachte es mit sich, dass sie viel reiste. Doch in all den Jahren, die sie nun schon per Bus, Schiff, Bahn und Flugzeug unterwegs war, hatte sie noch nie einen zweiten Koffer ungewollt nach Hause gebracht.

Endlich klappte es mit der Verbindung.

Joanne Cannon trug ihr Anliegen vor. Man verband sie. Sie musste wieder sagen, was sie wollte. Man verband sie weiter. Man hörte sich immer wieder kurz an, was sie zu sagen hatte, um dann zu betonen, dass man nicht zuständig sei, sie aber gerne weiterverband.

Über viele Stationen gelangte sie schließlich direkt zur Fundstelle des Flughafens. Noch einmal leierte sie ihr Sprüchlein, das sie mittlerweile schon im Schlaf auswendig gekonnt hätte, herunter. Dann fragte sie, ob sich schon jemand nach dem senffarbenen Koffer erkundigt hätte.

»Nein«, sagte der Mann am anderen Ende.

Joanne Cannon überlegte kurz und wollte dann ihren Namen und ihre Anschrift bei der Fundstelle deponieren.

Mitten im Gespräch knackte und krachte es in der Leitung. Ein Knistern und Knirschen war zu hören. Dann hatte es irgendein anderer Teilnehmer geschafft, sie aus der Leitung zu werfen.

Ärgerlich wählte Joanne Cannon erneut die Nummer des Heathrow Airport.

Es klappte nicht mehr. Sie kam einfach nicht mehr durch. Schon nach der zweiten Nummer schnappte ein Besetztzeichen ein.

Nach mehreren Versuchen, die ohne Erfolg blieben, gab Joanne Cannon schließlich missmutig auf. Sie wollte später noch einmal anrufen.

Jetzt war es Zeit, ein erquickendes Bad zu nehmen…



5

Auch Luc Morell nahm ein Bad. Er hatte sich auf der Fahrt zum Hotel mit den wichtigsten Dingen eingedeckt. Nun saß er in der Badewanne und starrte ärgerlich zur Decke.

Bald schon verlor er die Lust am Baden. Er verließ die Fliesenwanne und schlüpfte in den neu gekauften Bademantel.

Danach ließ er sich mit dem Heathrow Airport verbinden. Der Mann von der Fundstelle hatte einen ganz kleinen Lichtblick für ihn. Der senffarbene Koffer war zwar nicht abgegeben worden, aber eine Frau hatte sich gemeldet, die den Koffer irrtümlich mit nach Hause genommen hatte. Luc Morell fragte sofort aufgeregt nach der Anschrift und nach dem Namen dieser Frau, doch damit konnte ihm der Angestellte leider nicht dienen.

Der Angestellte bat ihn, doch später noch einmal anzurufen. Vielleicht meldete sich die Frau inzwischen wieder.

Grimmig legte Luc Morell auf. Der einzige Lichtblick für ihn war, dass sein Koffer nicht geklaut worden war.

Er zog sich schnell an und meinte dann, dass ihm ein Drink in seiner Verfassung bestimmt nicht schaden könnte.

Er fuhr mit dem Lift nach unten und betrat wenige Augenblicke später die Hotelbar.

Hierbei handelte es sich um einen großen Raum, durch eine etwa tischhohe Mauer vom Speisesaal getrennt. Gleich auf dem ersten langbeinigen Hocker saß ein Mädchen. Sie war klein, dunkel und hatte einen vollen Mund. Ihr Kleid saß eine Spur zu knapp. Sie saß in einer Art an der Theke, die auf lange Übung schließen ließ. Ihre mageren Finger hatten grünlackierte Nägel, die unangenehm an eine Eidechse erinnerten.

Als Luc Morell an ihr vorbeiging, warf sie ihm einen interessierten Blick zu. Er nahm vier Hocker weiter Platz, damit sie nicht in Versuchung kam, ihn anzusprechen.

»Einen Scotch!«, sagte er zu dem schwarzhaarigen Barkeeper im weißen Jackett. »Ohne Eis.«

»Und einen mit Eis!«, sagte in diesem Augenblick eine sehr bekannte Stimme neben Doktor Luc Morell.

Dieser wandte sich mit einem zur Hälfte erstaunten und zur Hälfte erfreuten Ausdruck um.

»Steve, du untreue Seele!«, rief Luc Morell aus. »Freut mich, dich zu sehen.«

Steve Pratt lachte. »Die Freude ist ganz auf meiner Seite.« Er schwang sich auf den Hocker neben Luc Morell. »Wo ist Monique, deine bezaubernde Sekretärin?« Er grinste schief. »Offen gestanden, sie ist für mich das Liebenswerteste an deiner Person.«

Luc Morell lachte gedämpft. »Sie hat mich gebeten, noch einen Tag in Paris bleiben zu dürfen. Wollte noch ein paar furchtbar wichtige Einkäufe erledigen. Sie kommt morgen nach.«

»Freut mich zu hören«, sagte Steve Pratt, Luc Morells langjähriger Freund. Er war Historiker und lebte primär in New York. Sekundär war er in der ganzen weiten Welt zu Hause. Wie gerade jetzt in London. Und hier speziell im Hotel Four Seasons, in dem auch Luc Morell abgestiegen war.

»Was macht der Kongress?«, fragte Luc.

Der Scotch kam.

Luc Morell griff nach dem eislosen. Steve ließ seine Eiswürfel mehrmals an den Glasrand klimpern, ehe er trank.

»Der Kongress schleppt sich heute seinem Ende entgegen«, sagte er mit gelangweilter Miene. »Ich hätte nie gedacht, dass weltberühmte Historiker imstande wären, einen so langweiligen, ermüdenden Kongress auf die unsicheren Beine zu stellen.« Er zuckte lachend die Schultern. »Für die nächsten zehn Jahre habe ich die Nase gestrichen voll von solchen Veranstaltungen. Heute Abend gibt es noch ein Festbankett. Dann habe ich es überstanden. Anschließend bleibe ich noch ein paar Tage in London, um mich zu erholen. Wie war der Flug?«

Luc Morell nippte am Scotch und stellte das Glas auf den Tresen.

»Nett«, sagte er.

Steve Pratt grinste wissend. »Das heißt, du hast jemanden kennengelernt.«

Luc Morell nickte. »Ja. Ein Fotomodell. Ganz bezauberndes Geschöpf.«

Steve lachte amüsiert. »Lass das nur nicht Monique hören!«, sagte er mit warnend erhobenem Finger.

Luc Morell sagte mit ernster Miene: »Monique ist meine Sekretärin.«

»So. Dann erkläre mir doch bitte mal dieses Knistern, das ich immer wieder zwischen euch feststellen muss.«

»Die bildest du dir nur ein, Steve.«

Pratt winkte ab. Er hob sein Glas und sagte lebensfroh und tatendurstig: »Auf London. Hoffentlich regnet es nicht zu viel.«

Luc Morell trank mit ihm.

Auf einmal fragte Steve: »Sag mal, irre ich mich, oder ist dir wirklich die berühmte Laus über die Leber gelaufen?«

»Du irrst dich leider nicht, Steve«, antwortete Luc Morell zerknirscht.

»Was ist passiert?«

Luc Morell erzählte von seinem Missgeschick.

»Möchtest du einen Tipp?«, fragte Steve, als Luc Morell geendet hatte.

»Wenn er gut ist…«

»Gib eine Annonce in sämtlichen Tageszeitungen auf.«

»Das ist eine gute Idee, Steve. Ja, das werde ich tun!«, sagte Luc Morell.

»Steve Pratt ist schließlich bekannt für seine praktischen, aus dem pulsierenden Leben gegriffenen Ideen«, lachte Luc Morells Freund. »Wie sieht eigentlich dein Schlachtplan für London aus?«

»Ich bin wegen John Colvin hier«, sagte der Doktor.

Steve nippte an seinem Drink, ließ den Eiswürfel klimpern und nickte dann. »Ich weiß. John Colvin ‒ ein Mann, für den sich jeder Parapsychologe wie du brennend interessieren muss. Er ist sattelfest in Telepathie, kann Hellsehen, Gedankenlesen, ist auf dem Gebiet der Psychokinese und der Telekinese äußerst begabt…«

Luc Morell staunte. »Auch du scheinst dich bereits für diesen Mann interessiert zu haben, Steve.«

Pratt zuckte die Achseln. »Es ist eigentlich unmöglich, an diesem Phänomen vorbeizugehen, ohne es zu beachten. Er bereist die ganze Welt und verblüfft die Leute via Fernsehen mit seinen Demonstrationen. Zudem sieht er gut aus. Das macht sich die Boulevardpresse natürlich zunutze, um ihm alle nur möglichen Amouren anzudichten.«

Luc Morell sagte: »John Colvin scheut das Wagnis nicht, sich einem Wissenschaftlerteam aus aller Herren Ländern im Londoner Institut für Parapsychologie für umfangreiche Tests zur Verfügung zu stellen. Er will damit all die Stimmen ein für alle Mal zum Schweigen bringen, die ihn einen Scharlatan, einen Schwindler und einen Betrüger nennen. Er ist bereit, seine Fähigkeiten unter den schwierigsten Bedingungen unter Beweis zu stellen. Eine Manipulation ist unter den Augen so vieler Wissenschaftler einfach unmöglich.«

Steve trank sein Glas aus.

»Einer dieser Wissenschaftler bist du, nicht wahr?«, fragte er.

Luc Morell nickte. »Ich habe mich über die Einladung des Instituts sehr gefreut und fühle mich auch sehr geehrt.«

»Wann wird der Zauber steigen?«

»Wir starten morgen mit den ersten Versuchen.«

»Dann bist du heute Abend also frei.«

»So frei, wie man nur sein kann«, sagte Luc Morell lachend.

»Machen wir zusammen 'ne Beule?«, fragte Steve und blinzelte schelmisch.

»Und was wird aus deinem Festbankett?«

»Ich meine, gleich anschließend. Die Feier läuft im Imperial ab und dauert bis einundzwanzig Uhr. Danach zeigen wir den Londoner Snobs mal, was wir unter Leben verstehen. Besorg dir einen Leihwagen und hol mich um neun ab. Alles, was anschließend gegessen und getrunken wird, geht auf meine Rechnung.«

Die Freunde besiegelten das Vorhaben mit einem zweiten Scotch. Dann musste sich Steve Pratt zurückziehen, um sich in seinen neuen Maßsmoking zu zwängen.



6

Langsam brach die Dämmerung an. Das Tageslicht wurde diesig und diffus. Am Himmel hingen dicht gedrängt schiefergraue Regenwolken, die sich noch nicht entschließen konnten, ihre Schleusen zu öffnen. Ein kühler Wind strich über den stillen Friedhof. Er heulte in den Grüften und zerwühlte Ziersträucher, gestutzte Büsche und dichtbelaubte Baumkronen.

Vladek Zemetkin war ein schmächtiges Männchen in einem zerknitterten Straßenanzug, dessen Farbe zwischen Schwarz und Dunkelgrau lag. Er hatte dichtes, eisengraues Haar, ein fliehendes Kinn und Augen, die in letzter Zeit viel geweint hatten.

Mit gramgebeugten Schultern und schlurfenden Schritten ging Zemetkin über den asphaltierten Fahrweg des Friedhofs.

Zitternd trug er Blumen.

Sein teigiges Gesicht zuckte ab und zu. Er starrte mit glasigen Augen vor sich auf den Boden und schien der Welt weit entrückt zu sein.

Vergangene Woche war seine Frau gestorben.

Vorgestern hatte man sie beerdigt.

Ihr Tod hatte Vladek Zemetkin zum einsamsten Menschen auf dieser Erde gemacht. Und wenn er den Mut dazu gefunden hätte, wäre er seiner Frau wahrscheinlich in den Tod gefolgt.

Zwei alte schwarzgekleidete Frauen weinten an einem Grab hinter ihren dichten schwarzen Schleiern. Zemetkin bemerkte sie nicht.

Erst als er sich dem arbeitenden Friedhofsgärtner auf etwa vier Meter genähert hatte, schreckte er aus seinen Gedanken hoch.

Der Gärtner war ein großer, hagerer Mann, trug einen dunkelblauen Overall und auf dem Kopf eine Baskenmütze. Er belud seinen Schubkarren mit Unkraut, während sich der rotgesichtige Totengräber ‒ auf eine Spitzhacke gestützt ‒ mit ihm unterhielt.

Sie lachten.

Zemetkin schüttelte verständnislos den Kopf.

Wie kann man in dieser unendlich traurigen Umgebung nur lachen?, fragte er sich erschüttert.

Wieder lachten die beiden Männer.

Zemetkin ging ein wenig schneller, um dem pietätlosen Lachen zu entfliehen. Er bog in einen schmalen Weg ein. Hier war der Boden nicht mehr asphaltiert.

Vladek Zemetkin seufzte.

Diesen Weg würde er noch oft gehen. Sehr oft. Jeden Tag, an dem er lebte, denn er hatte sich vorgenommen, seiner verstorbenen Frau täglich frische Blumen auf das Grab zu legen. Immer. Solange er lebte ‒ zumindest aber solange er gesund genug war, um allein herzukommen.

Er wollte herkommen und für das Seelenheil seiner Frau beten, wollte ihr Grab besuchen, um das Gefühl zu haben, in ihrer Nähe zu sein ‒ auch wenn sie nicht mehr lebte.

Traurig und mit vergrämter Miene blickte er auf den bescheidenen Blumenstrauß in seiner Hand. Drei Tulpen und ein bisschen Grünes darum herum. Es war nicht viel, aber vielleicht konnte sich seine Frau noch darüber freuen ‒ vielleicht. Wer weiß, dachte er.

Während er sich mit schleppenden Schritten dem frischen Grab näherte, befiel ihn eine seltsame Unruhe.

Der kalte Lufthauch, der über die Gräber pfiff, ließ den alten Mann frösteln.

Irgendetwas stimmte mit dem Grab seiner Frau nicht. Er konnte nicht sagen, was es war. Er wusste nur mit beinahe hundertprozentiger Sicherheit, dass hier etwas nicht in Ordnung war.

Die dicken Reisigkränze.

Sie lagen nicht mehr auf dem Grab, sondern seitlich, als wären sie Räder, die an einem Wagen lehnten.

Vladek Zemetkin ging schneller.

Die innere Unruhe trieb ihn zu immer größerer Eile an. Sein Blick fiel auf einen Spaten, den der Totengräber hier vermutlich vergessen hatte. Achtlos lag er auf dem Boden. Das Spatenblatt war mit lehmiger Erde bedeckt.

Aufgeregt und besorgt näherte sich Zemetkin dem Grab seiner geliebten Frau.

Je näher er kam, desto mehr wurde es für ihn zur Gewissheit, dass mit diesem Grab etwas nicht stimmte.

Er dachte an Vandalen. Hatten sie es zerstört, verunstaltet, geschändet?

Atemlos und entsetzt erreichte er das Grab.

Namenlose Verzweiflung verzerrte sein altes, faltenreiches Gesicht.

Der frische Erdhügel war aufgewühlt. Die Erde war hinter den Grabstein geworfen. Der Sarg, in dem Zemetkins tote Frau lag, war freigelegt und aufgebrochen worden.

Furchtbarer Verwesungsgeruch stieg aus dem schmalen Schacht des Grabes.

Zemetkins Haare standen vor Grauen zu Berge. Ein wahnsinniges Entsetzen schüttelte ihn und drohte ihn umzubringen.

Was er in diesem schrecklichen Augenblick sah, war so furchtbar, dass es ihn an den Rand des Irrsinns trieb.

Ein Wesen hockte im Grab seiner Frau.

Ein abscheulicher, ekelerregender Ghoul ‒ aus einer schleimigen, gallertartigen Masse bestehend ‒ hockte auf Zemetkins toter Frau…



7

Zur Stunde dieses schaurigen Vorfalls rief Doktor Luc Morell noch einmal den Heathrow Airport an. Diesmal meldete sich in der Fundstelle eine melodiöse weibliche Stimme.

Luc Morell trug sein Missgeschick erneut vor.

»Bedaure, Sir«, sagte das Mädchen mit der angenehmen Telefonstimme. »Ein solcher Koffer wurde bis jetzt noch nicht abgegeben. Es hat auch niemand angerufen. Vielleicht versuchen Sie es morgen noch einmal.«

»Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben«, sagte Luc Morell zerknirscht.

»Wie bitte, Sir?«

»Ja. Ich werde es morgen noch mal versuchen. Vielen Dank, Miss.«

»Bitte, Sir. Gern geschehen.«

Luc Morell legte den Hörer in die Gabel. Nachdenklich und nervös nagte er an der Unterlippe, während er mit den Fingern einen wilden Rhythmus auf den Tisch trommelte. Steves Tipp fiel ihm ein.

Er hob ab und ließ sich von der Hotelvermittlung mit dem nächsten Annoncenbüro verbinden.

Wieder sprach er mit einem Mädchen, dessen sympathische Stimme ein wenig beruhigend auf ihn wirkte.

Er diktierte ihr einen Annoncentext, den er in sämtlichen Londoner Zeitungen erscheinen lassen wollte.

»Für die morgige Ausgabe geht das aber leider nicht mehr, Sir«, sagte das Mädchen freundlich. »Annahmeschluss für Inserate ist…«

»Dann sollen die Annoncen eben übermorgen erscheinen«, sagte Luc Morell nervös.

»Wird gemacht, Mr. Morell.«

»Gut…«

»Sie bekommen von uns dann je ein Belegexemplar und die Rechnung übermittelt.«

»Vielen Dank«, sagte Luc Morell und legte auf.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908695
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356689
Schlagworte
mystery leichenfresser

Autor

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Titel: Dr. Mystery #3: Der Leichenfresser