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Dr. Mystery #2: Im Bann der Friedhofspuppe

2017 117 Seiten

Leseprobe

Im Bann der Friedhofs-Puppe

von A. F. Morland

Dr. Mystery Band 2 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers

präsentiert von Steve Salomo


Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.


In einem kleinen Dorf in England geht das Grauen um sich. Mehrere Menschen fallen dämonischen Mächten zum Opfer. Als der französische Parapsychologe Luc Morell die schaurigen Ereignisse untersuchen will, findet er auf einem nächtlichen Friedhof eine unheimliche kleine Puppe ‒ und die schlägt ihn in ihren teuflischen Bann!


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Bearbeitung: Peter Thannisch

Titelbild: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Prolog

Dieser Roman ist in einer Zeit angesiedelt, bevor Luc Morell zum Dämonenjäger »Doktor Mystery« wurde. Auch mit Monique Dumas pflegte er zu dieser Zeit eine nur berufliche Beziehung.



1

Max Rintels hob den Kopf und blickte zum tintigen Himmel empor. Ganz in der Nähe war ein Gewitter niedergegangen. Rintels humpelte weiter. Er schleifte sein rechtes Bein über den rissigen Straßenbelag. Es war steif, genau wie seine rechte Hand. Und sein Rücken wurde durch einen Buckel.

Er hinkte durch die dunkle Dorfstraße. Bald musste der Morgen grauen. Silberne Streifen bedeckten schon den schwarzen Himmel. Wieder grollte der Donner über das Land. Max Rintels zuckte unwillkürlich zusammen. Eine klirrende Kälte kroch in seine Glieder. Er zitterte. Sein Rücken begann ihn auf einmal zu schmerzen, er musste sich noch mehr zusammenkrümmen. Er versuchte mit deinen Blicken die Dunkelheit zu durchdringen.

Da! Ein unheimliches Knirschen. Max Rintels fuhr zusammen, als hätte er einen elektrischen Schlag erhalten. Ein schwerer, eiserner Reif legte sich um seine Brust. Ein furchtbarer Druck quälte ihn und ließ ihn nur noch ganz flach atmen. Er japste aufgeregt nach Luft.

Da war wieder dieses furchtbare Knirschen, das ihm durch Mark und Bein ging. Das schauderhafte Geräusch schwebte ihm aus der Finsternis der gegenüberliegenden Straße entgegen.

Max wollte weiterhumpeln. Eine furchtbare Angst befiel ihn. Er wollte fortlaufen, doch seine Beine schienen Wurzeln in den Boden geschlagen zu haben. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Eine undeutliche Bewegung war in der Dunkelheit zu erkennen. Der Schemen begann ganz langsam Gestalt anzunehmen. Max Rintels prallte mit einem heiseren Schrei zurück. Grauen und Entsetzen verzerrten sein Gesicht zu einer erschreckenden Grimasse.

Er stöhnte benommen und fuhr sich mit der linken Hand an die bebenden speichelnassen Lippen. Aus der schwarzen Dunkelheit der gegenüberliegenden Straße schälte sich mit einem mal eine abscheuliche, grauenerregende Gestalt. Das Gesicht ‒ halb versteinert, knöchern, ein Totenschädel mit stumpf glänzenden Augen. Zum Teil behaart wie ein Affe. Das Wesen hatte keine Lippen, kein Fleisch am ekelerregenden Schädel. Es war ein Monster, halb Affe, halb Mensch.

Rintels wagte seinen Augen nicht zu trauen. So ein schauderhaftes Wesen konnte es nicht geben und hatte auf dieser Welt nichts zu suchen. Es stand zehn Meter von dem zitternden Mann entfernt und hob nun langsam die behaarten Arme, die in krallenartigen Händen endeten.

Rintels glaubte, den Verstand verloren zu haben, als er plötzlich sah, wie sich die Unterarme mit den Händen von den Oberarmen des schaurigen Monsters lösten. Seine Augen traten weit aus ihren Höhlen. Er beobachtete das Unfassbare, während sich glühende Nadeln in sein brennendes Gehirn bohrten und ihn stöhnen und jammern ließen. Die Hände des furchterregenden Monsters schwebten auf ihn zu. Die schaurige Gestalt blieb zehn Meter weit entfernt stehen, während Rintels die beiden krallenartigen Hände entgegenschwebten.

Näher, immer näher kamen die zuckenden Greifer der mordgierigen Bestie. Der Krüppel wollte vor ihnen zurückweichen, doch er konnte sich nicht vom Fleck bewegen. Nun waren die schrecklichen Hände auf einen halben Meter an ihn herangekommen.

Sein Herz klopfte wie verrückt gegen seine Rippen. Die Hände standen einen Augenblick still. Standen einfach vor ihm in der Luft, zuckten, aber kamen nicht näher.

»Nein!«, stöhnte Rintels verzweifelt. »Nein! Heilige Jungfrau, nein!«

Da schossen die Hände des Monsters auf seine heiße, trockene Kehle zu. Ein glühender Schmerz durchraste Rintels, als sich die Finger um seine Gurgel legten wie dicke Stahlklammern. Der furchtbare Druck dieser mörderischen Hände raubte ihm beinahe die Besinnung…



2

Jerry Westbrook saß zu dieser Zeit in der Bibliothek seines Hauses. Vor ihm auf dem Lesetisch lag ein dickes Fachbuch, das sich mit den neuesten Erkenntnissen der Parapsychologie befasste. Obwohl schon bald der Morgen graute, war Westbrook von den Ausführungen des Autors so gefesselt, dass er nicht daran dachte, ins Bett zu gehen. Westbrook war dreiunddreißig. Mit zweiundzwanzig Jahren hatte er sich sehr intensiv mit dieser Wissenschaft befasst. Noch mit achtundzwanzig war er begeisterter Gasthörer an vielen Universitäten in England, Frankreich und Amerika gewesen, wenn Referate über Parapsychologie abgehalten wurden.

Westbrook war stolz darauf, zahlreiche Kapazitäten über diese Wissenschaft sprechen gehört zu haben. Aber so klar und doch so erstaunlich in die Tiefe gehend wie dieses Buch war kaum jemals ein Vortrag gewesen. Mit einer einzigen Ausnahme.

Westbrook erinnerte sich an eine fesselnde Vorlesung eines Doktors namens Luc Morell. Der Vortrag dieses Mannes war ihm wie ein Messer unter die Haut gegangen und hatte in seinem Innern einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Westbrook wäre damals in New York mit Doktor Luc Morell gern persönlich bekannt geworden, doch das war ihm nicht vergönnt gewesen.

Jerry Westbrook, inzwischen Transportunternehmer geworden, überflog die letzten Seiten des fesselnden Werkes mit fiebernder Eile und fasziniert bis zur letzten Zeile des dicken, anstrengenden, aber auch beglückenden Buches.

Nun schloss er das Werk, lehnte sich seufzend zurück und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die übermüdeten Augen. Beeindruckt schaute er sich noch einmal den Schutzumschlag des Buches an. Dann legte er es weg, erhob sich und verließ die Bibliothek mit steifen Schritten.

Er hatte zu lange gesessen. Im Wohnzimmer machte er sich einen Drink. Trinkend und über das Gelesene nachdenkend, wollte er den Sonnenaufgang abwarten.

Neben der Hausbar stand ein breiter Gewehrständer aus Mahagoni. Drei doppelläufige Schrotflinten lehnten darin. Eine Elefantenbüchse und zwei Jagdgewehre. Alle fein säuberlich gereinigt und geölt. Ein Vermächtnis seines Vaters. Genau wie das Haus und das Transportunternehmen.

Plötzlich gellte draußen vor dem Haus ein markerschütternder Schrei auf. Er war so grässlich, dass sich Westbrooks Herz schmerzhaft zusammenkrampfte. Der Schock nahm ihm mit einem unbarmherzigen Ruck den Atem.

Noch ein Schrei. Schrill. Sich in ein Gurgeln und Röcheln verwandelnd. Nacktes Entsetzen sprang Westbrook an.

Sein Herz begann rasend zu hämmern. Der jagende Puls drohte seine Handgelenke zu sprengen.

Beim dritten Schrei löste sich die fürchterliche Lähmung von Westbrook. Keuchend stürzte er zum Gewehrständer. Er riss eine von den drei Schrotflinten heraus. Das Röcheln, Ächzen und Stöhnen zerrte an seinen bis zum Zerreißen angespannten Nerven.

In fiebernder Hast riss Westbrook eine kleine Lade auf, die sich unter dem Gewehrständer befand. Hier drinnen bewahrte er die Munitionsschachteln auf. Mit zitternden Fingern warf er den Deckel von der Schrotpatronenschachtel. Dann knickte er schnaufend die Flinte und stopfte zwei dicke Patronen in die dunklen Öffnungen des Laufs.

Er war verwirrt. Er hatte keine Ahnung, was vor seinem Haus vorging, aber es musste etwas Grauenvolles sein, das spürte er. In seiner Aufregung wollte er noch einige Patronen in seine Taschen stecken. Doch er verstreute sie alle nur zitternd auf dem Boden. Schweißüberströmt und atemlos hetzte er aus dem Haus.

Max Rintels, der Krüppel, wälzte sich keuchend am Boden. Krampfartige Zuckungen schüttelten ihn. Er röchelte. Er versuchte sich verzweifelt mit der linken Hand etwas vom Hals zu reißen, das sich dort verkrallt hatte: Hände! Behaarte, grauenvolle Hände! Affenhände! Schreckliche Hände, die den bedauernswerten Mann zu erwürgen drohten…



3

Burt Cross schreckte im Bett hoch. Alba, seine Frau, saß aufrecht neben ihm. Sie zitterte am ganzen Leib, starrte zum Fenster und klapperte mit den Zähnen, als würde sie schrecklich frieren. Das Röcheln, Ächzen und Stöhnen machte aus ihrem hageren Gesicht eine von Angst und Schrecken verzerrte Grimasse.

»Hörst du das, Alba?«, fragte Burt Cross schaudernd. Er trug einen himmelblauen Pyjama mit dunkelblauen Streifen. Er war groß, breitschultrig und hatte ein stets gerötetes Gesicht. Die Augen waren hellblau, fast wässerig. Seine Lippen wulstig und konnten die großen Zähne nicht ganz bedecken.

»Ja, Burt!«, zischte Alba Cross und nickte ängstlich, während sie die Decke fröstelnd ans Kinn zog und starr zum Fenster glotzte.

»Was ist es, Alba?«

»Keine Ahnung.«

Das Stöhnen und Ächzen verschmolz zu einem lang gezogenen, schaurigen Laut.

Cross warf die Decke zurück. »Verdammt, da draußen wird jemand umgebracht!« Er suchte mit seinen nackten Füßen die Pantoffeln und stand dann mit einem jähen Ruck auf.

»Was hast du vor, Burt?«, fragte Alba Cross schrill. Sie hatte einen dürren Hals, kaum Busen, stark hervorstehende Wangenknochen und die langweiligste Figur, die man sich vorstellen kann.

»Ich seh mal nach!«, sagte Cross. Die Frau schüttelte ihren kleinen Kopf. »Nein, Burt. Das darfst du nicht.«

Das neuerliche Gurgeln, Röcheln und Stöhnen ließ Alba Cross furchtbar zusammenfahren. »Ich habe Angst, Burt!«, presste sie bestürzt hervor, während sie mit flackerndem Blick nach dem Fenster starrte. »Egal, was da draußen vor sich geht, du darfst auf keinen Fall hinausgehen!«

»Aber, Alba…«

»Ich fühle, dass du nicht lebend zurückkommen wirst, wenn du jetzt hinausgehst!«

Burt Cross hörte nicht auf seine Frau. Er warf sich seinen karmesinroten Schlafrock über die Schultern und strich sich das zerzauste Haar aus der Stirn. Das Gurgeln und Stöhnen wurde immer grauenvoller. Cross ging zur Tür. Alba sprang mit einem krächzenden Entsetzensschrei aus dem Bett, lief hinter ihrem Mann her, überholte ihn und warf sich mit ihren knöchernen Schulterblättern gegen die Tür, damit er sie nicht öffnen konnte.

»Ich flehe dich an, Burt! Gehe da nicht hinaus!«

»Hör mal, Alba, ich muss wissen, was da vor sich geht. Wenn jemand vor unserem Haus einen Mord begeht, sind wir moralisch dazu verpflichtet, das zu verhindern.«

Seine Frau schüttelte ängstlich den Kopf. »Das ist nicht wahr, Burt. Himmel… überlege doch mal, Burt! Was für Leute treiben sich schon um diese Zeit auf der Straße herum? Nun? Doch nur lausiges Gesindel! Es lohnt sich nicht, für solche Leute sein wertvolles Leben zu riskieren! Komm, Burt!« Sie fasste nach dem Arm ihres Mannes. »Komm weg von der Tür.« Sie drängte ihn zurück. »Mir zuliebe, Burt! Kümmere dich nicht um das, was da draußen vor sich geht. Es geht uns nichts an. Komm ins Bett. Bitte, Burt! Bitte! Wir müssen nichts gehört haben! Wir haben geschlafen! Tief, fest geschlafen haben wir. Mit Watte im Ohr. Wer will uns das Gegenteil beweisen? Wir haben geschlafen, so wie es sich für anständige Leute gehört.«

Cross schielte zum Fenster. Er ließ sich von seiner Frau nicht ungern zurückdrängen. Sein anfänglicher Mut hatte ihn schon wieder verlassen. Ihre Worte lullten sein Gewissen ein. Er hatte vor sich selbst eine Rechtfertigung: Alba wollte nicht, dass er nach draußen ging.

»Also, gut!«, seufzte er. »Aber sobald es hell ist, müssen wir nachsehen.«

»Ja, Burt. Ja. Sobald es hell ist. Aber nicht jetzt!«



4

Schaudernd rannte Westbrook los. Er wollte den Krüppel von diesem mörderischen Würgegriff befreien. Er beugte sich zu Rintels hinunter. Die Lippen des Mannes waren schrecklich aufgequollen. Speichelflocken klebten darauf. Seine Augen waren seltsam starr, während sich die beharrten Pranken unbarmherzig in seinen Hals krallten.

Ehe Jerry Westbrook helfen konnte, zappelte Rintels ein letztes Mal. Dann lag er still.

Westbrook musste entsetzt feststellen, dass er Rintels nicht mehr helfen konnte. Er war zu spät gekommen.

Jerry wollte nun angewidert die beharrten Hände vom Hals des Toten nehmen. Da hörte er plötzlich ein drohendes, gefährliches, furchterregendes Knurren. Jerry wirbelte entsetzt herum.

In zehn Meter Entfernung stand ein schauriges Monster, dessen Arme bei den Ellenbogen aufhörten.

Westbrook schloss verdattert die Augen. Er schluckte bestürzt und zweifelte an seinem Verstand. Wie war so etwas möglich? Wie konnte es so ein grauenvolles Wesen geben? Als Westbrook die brennenden Augen öffnete, besaß das furchterregende Monster wieder seine Unterarme und die Hände, die allein gemordet hatten.

Jerry schaute nach Rintels Hals. Die würgenden Pranken waren verschwunden.

Nun stieß das gefährliche Monster einen feindseligen Fauchlaut aus. Es setzte sich schwer und behäbig in Bewegung und kam langsam auf Westbrook zu.

Jerry war wie gelähmt. Die tückischen Augen des Monsters starrten ihn an. Er wusste, dass er sterben würde, wenn er nicht fortlief, wenn er nicht irgendetwas unternahm. Doch obwohl ihm all das bewusst war, war er zu keiner Reaktion fähig.

Immer näher kam das gefährliche, mordgierige Monster.

Da riss Westbrook mit einer verzweifelten Willensanstrengung die Schrotflinte hoch. Der Doppellauf zeigte auf die Brust der fürchterlichen Erscheinung. Er krümmte blitzschnell den Finger.

Ein gewaltiger Donner zerfetzte ihm beinahe die Trommelfelle. Eine grelle Feuerblume leckte aus dem Lauf der Waffe. Die Schrotladung raste dem Untier entgegen und schleuderte es zu Boden.

Westbrooks Augen weiteten sich fassungslos. Das Wesen war auseinandergefallen wie eine schlecht zusammengesetzte Gliederpuppe. Hier lag ein Arm, dort ein Bein, da der Rumpf, daneben der Kopf.

Schweißüberströmt und nervlich total erledigt, zitternd wie Espenlaub, setzte Jerry Westbrook die Flinte ab.

Da erlebte er etwas, das ihn erneut und in verstärktem Maße an seinem gesunden Verstand zweifeln ließ. Ein fürchterlicher Schock zwang ihn geistig in die Knie.

Mit angstgeweiteten Augen und starr vor Grauen blickte er auf die fürchterliche Szene, die ihm der Dämon, den er vernichtet glaubte, bot. Es hatte den schauderhaften Anschein, als hätte jemand die Vernichtung des Monsters gefilmt und ließe die makabren Aufnahmen nun langsam zurücklaufen. Die einzeln auf dem Boden liegenden Gliedmaßen fügten sich vor seinen fassungslosen Augen wieder zusammen. Der grauenvolle Kopf näherte sich dem Rumpf und verband sich wieder mit ihm. Und so wie das fürchterliche Wesen umgefallen war, stand es nun wieder auf.

Diese schreckliche Demonstration der Macht war zu viel für Jerry Westbrook. Die Schrotflinte entfiel seinen kraftlosen, zitternden Händen. Er hörte sich einen krächzenden Schrei ausstoßen. Dann stürzte sein Bewusstsein in einen unauslotbaren schwarzen Schacht hinab.



5

»Woran denken Sie, Chef?«, fragte Monique Dumas.

»An nichts«, sagte Doktor Luc Morell.

»Aber ich sehe Ihnen doch an, dass Sie irgendein schweres Problem wälzen.«

»Nun ja…«

»Möchten Sie nicht darüber sprechen?« Zu dieser Zeit siezte Monique ihren Chef noch. Sie träumte davon, ihm irgendwann näherzukommen, doch noch wagte sie nicht zu hoffen, dass aus ihnen irgendwann ein Liebespaar werden würde.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich doch… Ich muss immerzu an den Inhalt des Briefes denken. Er ist so verworren, so unklar ‒ und doch kann man zwischen den Zeilen von Unheil, Angst und Tod lesen.«

»Ich muss schon sagen, ein Tischgespräch ist das ‒ noch dazu während des Essens!«, beschwerte sich Doktor Steve Pratt mürrisch.

Doktor Luc Morell lächelte. »Entschuldige, Steve. Ich wollte dir deinen Appetit selbstverständlich nicht verderben.«

»Noch ein paar von diesen Bemerkungen, und du hast es geschafft!«, knurrte Steve sauer.

Sie saßen im Bahnhofsrestaurant, waren vor einer halben Stunde in dem kleinen englischen Nest angekommen. Nach dem Flug von Paris nach London hatten sie sich in ein kleines Zugabteil gezwängt und hatten sich hierherbringen lassen.

Fast alle Tische waren leer. Das Essen hatte ihnen ein bleichgesichtiger Kellner gebracht. Während Monique und Steve mit einigem Appetit aßen, stocherte Luc Morell lustlos auf seinem Teller herum. Das war sonst nicht seine Art, denn er liebte normalerweise gutes Essen, und dieses Essen war nicht bloß gut, sondern sogar ausgezeichnet.

Nach dem letzten Bissen legte Monique, Luc Morells Sekretärin, das Besteck weg und tupfte sich die Lippen mit der weißen Stoffserviette ab.

Steve Pratt, Luc Morells Freund, beendete die Mahlzeit mit den Worten: »Ich muss schon sagen, ein besseres Steak habe ich noch nirgendwo bekommen.« Er lächelte zufrieden und meinte schelmisch zwinkernd: »Das ist umso mehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass wir uns hier in der finstersten englischen Provinz befinden, wo die Hunde ab und zu schon mit dem Hintern bellen.«

Luc Morell winkte den bleichgesichtigen Kellner heran und bestellte dreimal starken Bohnenkaffee. Der Kellner servierte ab und brachte den Kaffee. Luc Morell erhob sich. »Entschuldigt mich einen Augenblick.« Monique und Steve nickten ihm kurz zu. Er schob den Stuhl zur Seite und begab sich zum Ausgang des Bahnhofsrestaurants.

Vor dem Glasportal blieb er stehen. Er hob den Kopf und blickte zum Himmel, der allmählich grau zu werden begann. Wieder einmal musste ein Tag sterben, sich der Macht der Dunkelheit beugen und ergeben.

Ein beklemmendes Gefühl beschlich Luc Morell. Er konnte sich nicht dagegen wehren. In irgendeiner Form schien ihm große Gefahr zu drohen. Instinktiv fühlte er, dass man es in diesem Dorf auf sein Leben abgesehen hatte.

Er war in dieses Dorf gekommen, weil ihm Jerry Westbrook einen recht seltsamen Brief geschrieben hatte. Jerry Westbrook, ein Mann, der behauptete, einen seiner zahlreichen Vorträge über Parapsychologie gehört zu haben und von dieser Stunde an von ihm begeistert gewesen zu sein. Doktor Luc Morell vermochte nicht genau zu sagen, weshalb er hergekommen war. Immerhin bekam ein Mann mit seinem Namen und seinem Ansehen eine Unzahl solcher Briefe, in denen von Phänomenen die Rede war, von Wunderleistungen auf dem Gebiet der Psychokinese, der Telekinese, der Hellseherei und dergleichen mehr. Die Briefschreiber baten um Rat, um Hilfe, um Unterstützung. Doch kein Brief war so packend und menschlich ergreifend. Deshalb war Luc Morell in dieses kleine englische Dorf gekommen. Deshalb hatte er Château Lamatime im romantischen Loire-Tal verlassen. Er war seinem Freund Doktor Steve Pratt, dem Historiker, mit dem er sich in seiner Zeit an der Columbia University angefreundet hatte, sehr dankbar, dass er ihn und Monique begleitete. Der hatte ihn in Südfrankreich besucht, als Luc den Brief erhalten hatte.

Angst und Verzweiflung standen in Westbrooks Schreiben. Nicht mit Worten ausgedrückt, aber doch unübersehbar, wenn man die Zeilen aufmerksam las. Dieser Mann flehte um Hilfe. Nicht für sich allein, sondern um Hilfe für dieses Dorf, das sonst verloren war. Doktor Luc Morell war gekommen, um zu helfen, falls er das vermochte.

In diesem stillen, kleinen Dorf sollten geheimnisvolle Dinge geschehen, für die Westbrook einen grausamen Dämon verantwortlich machte. Luc Morell wollte diesen seltsamen Vorgängen auf den Grund gehen.

Einmal noch holte der Doktor tief Luft. Dann wollte er in das Restaurant zu seiner Sekretärin und zu seinem Freund zurückkehren.

Da hörte er das rasch lauter werdende Brummen eines schweren Motors. Er blickte in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und erstarrte in derselben Sekunde zur Salzsäule. Ein mächtiger Lkw raste auf ihn zu.

Seine Kopfhaut zog sich schmerzend zusammen. Er starrte benommen auf das schnell größer werdende Fahrzeug, das wie ein brüllendes Tier auf ihn zupreschte. Luc Morell wurde kalkweiß. War das ein Mordanschlag? Oder war der Fahrer plötzlich verrückt geworden? Der Fahrer! Die spiegelnde Windschutzscheibe gab den Blick noch nicht auf das Gesicht des Fahrers frei. Noch nicht. Erst als der schwere brüllende Laster auf wenige Meter herangedonnert war, konnte Luc Morell das Gesicht des Mannes plötzlich gestochen scharf sehen.

Luc Morells Grauen kannte keine Grenzen. Das war unmöglich! Das gab es nicht, konnte es einfach nicht geben! Der Fahrer, der mit satanischem Grinsen den mächtigen Wagen auf Luc Morell zusteuerte, um ihn zu zermalmen, war fünfunddreißig Jahre alt, mit dem Gesicht eines großen Jungen.

Der Fahrer des herandröhnenden Lastwagens war Charles Dorléac! Luc Morells Vetter!

Und genau das war es, was es nicht geben durfte, was nicht sein konnte, denn…

… Charles Dorléac war tot!



6

Jerry Westbrook saß auf der weißen Bank im Park der Nervenklinik. Gayle Maud, seine Freundin, saß neben ihm. Sie hielt liebevoll seine Hand und schaute ihn mit einem sanften Lächeln an. Sie sieht hinreißend aus in ihrem nilgrünen Kleid, dachte Westbrook.

»Morgen darf ich nach Hause gehen, Gayle«, sagte Westbrook.

»Fühlst du dich wieder wohl, Jerry?«

»Ja. Den Schock habe ich zum Glück überwunden.«

Gayle zögerte kurz. Dann fragte sie: »Denkst du noch daran?«

Er nickte mit zusammengepressten Lippen. »Natürlich. Aber ich habe jetzt nicht mehr diese wahnsinnige Angst.« Er lächelte verlegen. »Ich kann darüber nachdenken, ohne mich gleich schreiend unter dem Bett zu verkriechen. Zwar ist immer noch eine gewisse Furcht da, aber sie hält sich in Grenzen.«

Gayle strich sanft über sein Haar. Ihre Stimme zitterte, als sie sagte: »Du tust mir so leid, Jerry.«

Er legte seinen Arm lächelnd um ihre Schultern und zog sie sanft an sich. »Nicht doch, Gayle. Ich bin jetzt wieder vollkommen klar. Mein Transportunternehmen ist auch ohne mich klaglos weitergelaufen. Ich habe einige gute Männer an der Hand, die den Laden in Schuss gehalten haben. Wenn ich erst mal zu Hause bin, werde ich schon sehr bald wieder ganz der Alte sein, du wirst sehen.« Er gab sich bewusst betont optimistisch, damit Gayle aufhörte, sich um ihn Sorgen zu machen. Um das Thema zu wechseln, fragte er: »Was macht deine Doktorarbeit? Kommst du voran?«

Gayle zuckte die Achseln und scharrte mit den Schuhen auf dem geharkten Kies herum. »So recht und schlecht«, sagte sie ohne Begeisterung. »Ich muss immerzu an dich denken.«

»Ist wirklich nicht nötig«, sagte Jerry lachend.

Sein Gesicht war in der Zeit lang und schmal geworden. Die Wangen waren leicht eingesunken, und der Mund bildete eine gerade Linie. »Wie geht es deinem Stiefvater?«, fragte er nun.

Gayle schreckte aus ihren Gedanken hoch. »Wie?«

»Ich fragte wie es deinem Stiefvater geht.«

»Ach, Melvin…«

»Ja. Melvin Filchock. Wie geht es ihm?«

Gayle senkte den Blick. »Wir hatten wieder einmal einen heftigen Streit. Allmählich habe ich das Gefühl, er will mich aus seinem Haus ekeln.«

Jerry Westbrook lachte. Es sollte unbekümmert klingen, aber eine große Sorge schwang kräftig darin mit.

»Unsinn, Gayle. Das bildest du dir bloß ein. Er ist wahrscheinlich überarbeitet. Du musst das verstehen. Ein Mann wie er hat viel zu tun.«

Gayle schaute Jerry mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Eine steile dunkle Falte kerbte sich über ihrer Nasenwurzel in die Stirn. »Seit er von dieser Expedition zurückgekehrt ist, ist er wie ausgewechselt.«

»Du musst Geduld mit ihm haben, Gayle. Er meint es sicher nicht böse mit dir. Immerhin hat er dich nach dem tragischen Autounfall deiner Eltern sofort in sein Haus aufgenommen, hat dir das Studium der Rechtswissenschaften ermöglicht, hat dich stets mit schönen Kleidern verwöhnt und dir jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Bestimmt war die lange Reise zu viel für ihn. Außerdem hat er nun aufzuarbeiten und auszuwerten, was er von dieser Expedition mit nach Hause gebracht hat.«

Gayles Mund wurde zu einer schmalen Linie. Sie strich eine blonde Strähne aus der Stirn. »Ich werde bis zur Promotion warten«, sagte sie ernst. »Wenn er sich bis dahin immer noch nicht geändert hat, suche ich mir irgendwo ein Zimmer.«

»Du könntest bei mir…«, sagte Jerry verlegen. »Ich meine, ich habe dir dieses Angebot schon mehrmals gemacht, aber du willst ja zuerst deinen Doktorhut haben.«

»Natürlich. Sonst wäre doch das ganze Studium umsonst gewesen«, sagte das Mädchen lachend. Sie blickte kurz auf ihre Armbanduhr. Dann küsste sie Jerry schnell auf den Mund und erhob sich. »Ich muss jetzt leider gehen.«

»Denk an mein Angebot«, sagte er lächelnd und blinzelte schelmisch.

»Mal sehen«, erwiderte Gayle Maud. »Vielleicht komme ich früher darauf zurück, als dir lieb ist.«



7

Charles Dorléac, der tote Vetter, steuerte den brüllenden Lkw direkt auf Luc Morell zu. Fünf Meter fehlten noch bis zur Katastrophe, die unausbleiblich schien. Vier Meter. Drei. Zwei.

Da spannte Luc Morell, aufgepeitscht von seinem angeborenen Selbsterhaltungstrieb, die Muskeln. Im selben Moment schnellte er zur Seite. Er krümmte den Rücken und überschlug sich.

Haarscharf brüllte der mächtige Lastwagen an ihm vorbei. Das Luftpolster, den das Fahrzeug vor sich her und zur Seite drückte, nahm Luc Morell den Atem.

Der gelenkige Doktor rollte mit der ihm eigenen Reaktionsschnelle ab und war sofort wieder auf die Beine. Gleichzeitig schraubte er sich herum.

Wie eine riesige graue Wand fegte der Lkw an ihm vorbei. Instinktiv handelte Luc Morell. Er warf sich nach vorn, streckte die Arme weit aus, seine Finger waren bereit, zuzuschnappen, sobald sie Halt fanden. Die Finger erwischten die hintere Ladeklappe des Lastwagens. Hart fassten sie zu. Wie Metallklammern umschlossen sie die Klappe und ließen sie nicht mehr los. Dadurch wurde Luc Morell von dem mit unverminderter Geschwindigkeit weiterrasenden Lkw mit einem gewaltigen Ruck mitgerissen.

Er wollte mitrennen, doch der Wagen war zu schnell. Seine Füße schleiften über den Straßenbelag, pendelten hin und her. Seine Knöchel wurden aufgerissen. Er versuchte mit zusammengepressten Zähnen einen kraftvollen Klimmzug. Der erste Versuch misslang. Wie einen schweren Sack schleifte ihn der Wagen hinten nach.

Luc Morell nahm alle seine Kräfte zusammen. Er mobilisierte sie im richtigen Augenblick. Und diesmal schaffte er es. Mit einem wilden Schwung zerrte sich Luc Morell über die Kante der Ladeklappe und ließ sich atemlos und schwer keuchend in den Laderaum fallen. Dort verschnaufte er erst mal wenige Sekunden.

Nun kam ihm erst in vollem Umfang zum Bewusstsein, wie knapp er dem Tod entgangen war. Wenn er nicht so ungemein schnell reagiert hätte, hätten ihn die großen, schweren Reifen unweigerlich zermalmt.

Der Lkw raste aus dem Dorf, als wäre der Fahrer auf der Flucht! Der Fahrer! Luc Morell schauderte bei dem Gedanken. Am Steuer dieses rasenden Fahrzeugs saß ein Toter! Charles Dorléac! Wie kam er hierher? Wie war so etwas überhaupt möglich? Eine satanische Sinnestäuschung? Trieb irgendeine übersinnliche Macht ihr makabres Spiel mit ihm?

Luc Morell richtete sich erschöpft auf. Er fragte sich, wohin der Wagen mit ihm raste.

Ein kleines Birkenwäldchen flog am linken Straßenrand vorbei. Die dünnen Stämme der Bäume schimmerten milchig. Mischwald folgte. Dann ein paar Tannen, und schließlich erstreckte sich zu beiden Seiten der Landstraße eine saftige Wiese mit hohen Gräsern.

Plötzlich kreischten die schweren Pneus des Wagens. Der Lkw stand auf kürzeste Distanz.

Luc Morell verlor das Gleichgewicht. Er wurde nach vorn gerissen. Seine Hände suchten Halt. Er wollte sich irgendwo festhalten, die Finger rutschten von der dunkelgrauen Plane jedoch ab. Er krachte schwer auf den Bretterboden und mit dem Kopf gegen den blechernen Aufbau des Fahrergehäuses, Ein heißer Schmerz durchfuhr seinen Kopf. Luc Morell verzerrte das Gesicht und knirschte mit den Zähnen.

Er quälte sich hoch. Wankend begab er sich zur Ladeklappe. Der Boden unter seinen Füßen schien zu schwanken. Er atmete tief durch und schüttelte mehrmals den brummenden Kopf. Der Schleier, der vor seinen Augen hing, lichtete sich sofort. Er sprang über die Klappe auf die Straße. Ich muss nach vorn! Ich muss nach vorne dachte er aufgeregt. Ich muss zu Charles!

Mit steifen Beinen lief er los. Eine Sekunde später hatte er die Tür des Fahrerhauses erreicht. Seine Hand schnellte hoch. Er riss die Tür auf und starrte in das Fahrerhaus. Ungläubig weiteten sich seine Augen.

Der Platz hinter dem Lenkrad war leer!

Unmöglich. Das ging nicht mit rechten Dingen zu! Charles hatte den Lkw unmöglich so schnell verlassen können! Das gab es nicht. Was hatte das zu bedeuten?

Doktor Luc Morell fragte sich allen Ernstes und äußerst besorgt, ob er nun verrückt geworden war.



8

Burt Cross kam nach Hause. »'n Abend, Alba.«

Seine Frau band die Schürze ab, rollte sie zusammen und legte sie auf den Küchensessel. »Guten Abend, Burt. Hattest du einen schönen Tag?« Sie küsste ihn. Sie küsste ihn immer, wenn er nach Hause kam. Und sie stellte immer dieselbe Frage. Manchmal ging er darauf ein. Meistens aber nicht. Heute nahm er zu dieser Frage wieder einmal Stellung.

Er zuckte die Achseln und meinte: »Na ja, wie man's nimmt. Ohne Ärger geht es einfach nicht ab.« Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich. Es war seit vielen Jahren für ihn zur Gewohnheit geworden, dass Alba ihm die Pantoffeln brachte, während er sich eine Zigarette ansteckte.

Auch heute war es nicht anders. »Willst du mir erzählen, was los war?«, fragte Alba Cross, als er die Pantoffeln an den Füßen hatte.

»Hm«, machte er geistesabwesend.

»Wie?«

»Ich weiß nicht recht.«

»Ist es wegen deiner Beförderung, Burt?«

Cross blies den Rauch zur Decke und schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein. Die geht zum Glück in Ordnung. Heute hat mich unser Vorstand zu sich gerufen. Sogar eine von seinen Zigarren hat er mir angeboten. Dann hat er mir gesagt, dass er mit mir sehr zufrieden ist und dass er mein Gesuch mit gutem Gewissen befürworten kann.«

Albas Augen strahlten begeistert. »Das ist doch etwas Schönes, Burt!«

»Na klar«, sagte Cross. »Ich hab mich auch mächtig darüber gefreut. Als ich dann wieder an meinem Postschalter saß, tauchte Melvin Filchock auf. Du weißt schon, dieser verrückte Doktor. Wollte dies, wollte das, war mit diesem und mit jenem nicht zufrieden, wollte sich sogar beim Vorstand über mein rüpelhaftes Benehmen beschweren.«

Alba war entsetzt.

Cross riss wütend die Augen auf. »Beim Vorstand!«, schrie er aufgebracht. »Verdammt, es hat mich viele Worte gekostet, um ihn davon abzubringen.« Er schüttelte den Kopf. »So ein Idiot. Bricht einfach einen Streit vom Zaun. Wegen nichts, verstehst du? Und dann gibt er auch noch mir die Schuld daran. Der spinnt. Der ist seit seiner Expedition nicht mehr ganz richtig im Kopf.«

Alba legte ihre Hand auf die Schulter ihres Mannes. »Lass ihn, Burt. Du darfst dich auf keinen Streit einlassen. Gib ihm immer recht und widersprich ihm nie, dann kann er mit dir nicht streiten.«

Cross lachte zornig und stieß die halb gerauchte Zigarette in den Aschenbecher. »Da kennst du den schlecht, Alba! Der findet auch dann einen Grund.«

»Du musst an deine Beförderung denken, Burt!«, sagte Alba Cross warnend.

Cross seufzte. »Ich tu's ja. Aber es fällt mir nicht leicht, mit solchen Streithähnen auszukommen.« Er schaute seiner Frau in die Augen. »Übrigens…«

»Ja, Burt?«

»Weißt du, was ich gehört habe?«

»Was denn?«

»Der Verrückte von gegenüber soll morgen wieder nach Hause kommen.«

»Jerry Westbrook?«, fragte Alba Cross.

»Ist dort drüben sonst noch jemand verrückt?«, fragte Cross grinsend zurück. »Natürlich, Jerry Westbrook.« Er schnippte mit dem Finger. »Weißt du, dass ich mich manchmal frage, was da draußen damals wirklich passiert ist?«

Alba erschrak zutiefst. Sie fuhr sich an die hohen Wangenknochen, während ein erschrockener Seufzer über ihre bebenden Lippen kam. »Denk nicht daran, Burt. Du musst so tun, als wäre nie etwas passiert, ja? Es ist besser so. Wir wissen von nichts.«

Cross lachte. »Klar. Wir haben geschlafen. Das haben wir auch der Polizei erzählt.«



9

Luc Morell schaute sich verdutzt um.

Der Lkw stand vor dem kleinen Dorffriedhof. Eine nicht sehr hohe graue Mauer umgab den Gottesacker, auf dem sich eine kleine Kapelle befand.

Das Totenglöckchen dieser Kapelle begann auf einmal wimmernd zu bimmeln. Ein kaum wahrnehmbarer Lufthauch blies die kleinen Klagelaute zu Luc Morell herüber.

Wieso war Charles Dorléac mit ihm gerade hierhergefahren? Wieso hatte Charles den Laster gerade vor dem Friedhof gehalten? Sollte das eine bildhafte Warnung sein? Charles! Luc Morell schüttelte unwillig den Kopf. Der konnte es nicht gewesen sein. Wer aber sonst? Jemand, der Charles stark ähnlich sah? Wo war dieser Kerl nun hingekommen?

Ein diesiges Licht breitete sich über den Friedhof. Seltsamerweise nur über den Friedhof! Der wimmernde Klang des Totenglöckchens rief in Luc Morell ein gewisses Unbehagen hervor.

Der Doktor schaute nach dem offenstehenden schmiedeeisernen Friedhofstor. Mit mechanischen Schritten ging er darauf zu. Eigentlich wollte er nicht hingehen. Doch irgendetwas drängte ihn dazu. Ein seltsames Brausen füllte seine Ohren. Es fiel ihm schwer, klar zu denken. Irgendetwas störte seine Gedanken immer wieder. Er fühlte sich beobachtet, obwohl er in weitem Umkreis kein Lebewesen sehen konnte.

Als er das Friedhofstor erreichte, spürte er ein unerklärliches Locken.

Er machte die ersten Schritte.

Es war ein Friedhof wie viele andere. Man fand hier alles, was man auch auf anderen Friedhöfen vorfinden konnte. Es gab eigentlich nichts, was diesen Gottesacker aus der Masse von einander gleichsehenden Friedhöfen herausgehoben hätte. Es gab dicke hohe Grabsteine. Eingesunkene Grabhügel. Dazwischen Kieswege. Ab und zu ein halb verwelkter, braun gewordener Kranz. Helle Marmorengel. Schwarze Marmorengel, den Kopf demütig geneigt, in ein immerwährendes stummes Gebet versunken.

Plötzlich glaubte Luc Morell, ein leises Knirschen zu vernehmen. Er lief um die nächste schiefergraue Gruft herum.

Huschte dort nicht eben eine schemenhafte Gestalt hinter einem Grabstein?

Wer? Warum? Diese Fragen trieben Luc Morell zu großer Eile an. Er wollte Bescheid wissen. Jetzt. Sofort.

Keuchend lief Luc zwischen den gepflegten Grabreihen hindurch. Er wollte die Person stellen, die sich vor ihm zu verstecken suchte.

Er erreichte atemlos einen schneeweißen Grabstein. In diesem Augenblick drang ein unheimliches Keuchen an sein Ohr. Zu sehen war niemand. Trotzdem wusste Luc, dass er sich nicht allein auf diesem kleinen Dorffriedhof befand.

Grabstein um Grabstein suchten seine aufmerksamen Augen ab.

Nichts.

Das Keuchen verstummte. Auch das Totenglöckchen bimmelte nicht mehr. Luc Morells Ohren lauschten angestrengt. Er hörte sich selbst leise atmen, hörte seine eigenen Schritte, als er vorwärtsschlich, doch nichts, nicht das geringste Geräusch, deutete noch darauf hin, dass sich außer Luc noch jemand auf dem Friedhof befand.

Luc Morell leistete sich einen tiefen Atemzug. Sein Blick fiel auf einen mausgrauen geschliffenen Marmorgrabdeckel. Doch nicht der kalte Deckel zog seine Aufmerksamkeit auf sich, sondern die kleine, etwa zehn Zentimeter große Puppe, die darauf lag, als hätte sie ein Kind hier vergessen. Seltsamerweise hatte Luc Morell das Gefühl, dass das Keuchen, das er vorhin gehört hatte, von dieser Puppe ausgegangen war. Das ist natürlich blanker Unsinn, dachte Luc. Trotzdem konnte er nicht leugnen, dass ihn diese Puppe auf eine unerklärliche Weise anzog.

Plötzlich verspürte er den Wunsch, sie an sich zu nehmen. Er griff danach und hob sie auf. Sie war leicht, war aus Plastik.

Auf einmal riss Luc Morell die Augen verdattert auf. Die Puppe sah genauso aus wie er. Sie hatte genau die gleichen Züge wie er. Sie war eine naturgetreue Nachbildung von ihm. Wenn diese Puppe lebensgroß gewesen wäre, hätten Luc Morell und sie wie Zwillinge ausgesehen.

Luc Morell drehte die Puppe in der Hand, starrte plötzlich wie gebannt auf den Schädel.

Er war gespalten!

Und ein wahnsinniger Schmerz durchraste in diesem Augenblick Luc Morells Kopf, als wäre auch sein Schädel gespalten.

Er steckte die Puppe schnell ein, presste die Hände auf sein heißes Gesicht und an die hämmernden Schläfen. Der Schmerz wurde immer heftiger. Obwohl Luc Morell wusste, dass dieser Schmerz von der Puppe ausging, vermochte er sich nicht von ihr zu trennen. Der Schmerz war beinahe nicht mehr auszuhalten.

Luc begann zu laufen. Es trieb ihn in panischer Eile vom Friedhof. Atemlos erreichte er das Friedhofstor, rannte hindurch. Sobald seine Füße den Boden auf der anderen Seite der Friedhofsmauer berührten, ebbte der wahnsinnige Schmerz ab. Je weiter sich Luc Morell vom Friedhof entfernte, umso besser fühlte er sich. Bald war er nur noch benommen.

Verwirrt schaute er zum Friedhofstor zurück. Was ging hier vor? Wer trieb dieses grauenvolle Spiel mit ihm? Und warum?

Ächzend setzte sich Luc Morell hinter das Steuer des Lasters. Er legte eine Erholungsminute ein, während er die Augen schloss. Dann schlug er die Tür zu, startete den Motor des schweren Lasters, wendete ihn und fuhr zum Dorf zurück. Er dachte an Monique und an Steve. Die beiden machten sich bestimmt schon große Sorgen.



10

»Da bin ich wieder«, sagte Luc Morell, nachdem er sich zu seiner Sekretärin und zu seinem Freund an den Tisch im Bahnhofsrestaurant gesetzt hatte.

Monique hob den Kopf und schaute ihn einigermaßen erstaunt an. Luc Morell verstand diesen Ausdruck in ihren Augen nicht. Deshalb fragte er: »Was ist?« Sie antwortete nicht sofort. »Ist etwas?«, fragte er noch einmal.

Details

Seiten
117
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908688
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356687
Schlagworte
mystery bann friedhofspuppe

Autor

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Titel: Dr. Mystery #2: Im Bann der Friedhofspuppe