Lade Inhalt...

Die Jungen der Rotdornallee

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Janne Wilbusch, eine junge Lehrerin möchte im Jugendgefängnis arbeiten. Damit verwirklicht sie den Traum ihres Freundes, dessen Wunsch es war jungen, gestrandeten Menschen zu helfen. Nach dessen, viel zu frühen Tod, macht sich Janne zur Aufgabe seinen Lebenswunsch zu verwirklichen, weiß aber nicht, worauf sie sich dabei einlässt. Schnell merkt sie, dass nicht alles so ist, wie es sein sollte. Sie bemüht sich einen Draht zu den Jugendlichen zu finden, geht auf sie ein und versucht gegen die Meinung anderer Gefängnisangestellter, mehr über diese Jugendlichen zu erfahren, um sie besser verstehen zu können. Albert Schmidt, ein junger Gefangener, den sie versucht näher kennen zu lernen nimmt sich nach einem Besuchstag das Leben. Der behandelnde Arzt meinte nur dazu; „Dieser Albert Schmidt wenn er heute nicht kaputtgegangen wäre, dann morgen oder in einer Woche oder spätestens nach seiner Entlassung von Ahrenswalde. Machen wir uns doch nichts vor, überall in der Natur gibt es Abfall: Tiere, Pflanzen, die zugrunde gehen, Menschen.“ Da erkennt Janne, welchen Stellenwert die jungen Leute bei vielen Angestellten der Anstalt haben. Geht sie daran zu Grunde, oder kann sie zumindest einigen dieser Jugendlichen helfen, ein besseres Leben nach ihrer Inhaftierung zu führen?

Dieses Buch erschien erstmals 1979 unter dem Titel „Rotdornallee“ und liegt nun mit neuer Rechtschreibung als eBook vor.

Leseprobe

Die Jungen der Rotdornallee


Lotte Betke


Roman




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: by pixabay mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappentext:

Janne Wilbusch, eine junge Lehrerin möchte im Jugendgefängnis arbeiten. Damit verwirklicht sie den Traum ihres Freundes, dessen Wunsch es war jungen, gestrandeten Menschen zu helfen. Nach dessen, viel zu frühen Tod, macht sich Janne zur Aufgabe seinen Lebenswunsch zu verwirklichen, weiß aber nicht, worauf sie sich dabei einlässt. Schnell merkt sie, dass nicht alles so ist, wie es sein sollte. Sie bemüht sich einen Draht zu den Jugendlichen zu finden, geht auf sie ein und versucht gegen die Meinung anderer Gefängnisangestellter, mehr über diese Jugendlichen zu erfahren, um sie besser verstehen zu können. Albert Schmidt, ein junger Gefangener, den sie versucht näher kennen zu lernen nimmt sich nach einem Besuchstag das Leben. Der behandelnde Arzt meinte nur dazu; „ Dieser Albert Schmidt wenn er heute nicht kaputtgegangen wäre, dann morgen oder in einer Woche oder spätestens nach seiner Entlassung von Ahrenswalde. Machen wir uns doch nichts vor, überall in der Natur gibt es Abfall: Tiere, Pflanzen, die zugrunde gehen, Menschen.“ Da erkennt Janne, welchen Stellenwert die jungen Leute bei vielen Angestellten der Anstalt haben. Geht sie daran zu Grunde, oder kann sie zumindest einigen dieser Jugendlichen helfen, ein besseres Leben nach ihrer Inhaftierung zu führen?


Dieses Buch erschien erstmals 1979 unter dem Titel „Rotdornallee“ und liegt nun mit neuer Rechtschreibung als eBook vor.





Inhalt


Das Fallreep

Das Backsteinhaus

Ein Stück Spiegel

Alberts Schwester

Markus

Der Ausbruch

Unterer Graben neun

Die Klassenzeitung

Gespensterunterricht

Der Wagen

Die Rotdomallee

Lass das Fallreep unten, Jonny





Das Fallreep


Nein!“ Der alte Mann brüllte so laut, dass sein dickes Gesicht rot anlief. „Nein! Beim besten Willen, auf so ’n Kram lass ich mich nun nicht mehr ein!“

Was?“ schrie ich zurück, „da will Sie jemand ganz harmlos nach dem Weg fragen, und Sie können sich nicht darauf einlassen? Das ist ja lächerlich!“

Pha!“ Er beugte sich weit über die Reling zu mir hinunter, „nach dem Weg fragen! Damit kommen mir alle! Und kaum haben die hier oben bei mir den Fuß aufs Deck gesetzt, dann werd ich sie nicht mehr los. Nee, Fräulein, nichts zu machen! Und wenn Sie nicht augenblicklich den Fuß von meinem Fallreep runternehmen, dann zieh ich es hoch.“

Ziehen Sie doch!“ rief ich, „ziehen Sie doch! Und hoffentlich gehen Sie samt Ihrem hässlichen schwarzen Kahn beim nächsten Unwetter in all der Entengrütze unter.“ Der Wind blies mir die Haare in den Mund, wütend wischte ich mir die Strähnen aus dem Gesicht und sprang vom Fallreep auf die Wiese hinunter, wo mein Fahrrad stand.

Der alte Mann, oben auf dem Schiff, riss sich die Mütze vom Kopf, dass seine weißen Haare flogen: „Was haben Sie gesagt? Alter Kahn? Wenn meine Selma ’n alter Kahn ist, sind Sie ’ne dumme Gans, soviel ist gewiss!“ Obwohl ich ihn genau verstanden hatte, rief ich zurück: „Lauter! Bei dem Wind versteht man ja kein Wort.“

Er hielt die Hände wie einen Trichter an den Mund: „Ich sage, dass Sie ’ne dumme Gans sind und von schönen alten Schiffen, wie meine Selma , nichts ver‑ste‑hen!“

Ist o.k.!“ schrie ich zurück, „aber nun geben Sie mir doch bitte endlich Auskunft! Wenn ich noch lange hier stehe, werde ich bestimmt von diesem verrückten Wind zu Ihnen aufs Deck raufgeweht.“

Dann fahren Sie lieber vorher weg, der Wind hat gerade ein bisschen nachgelassen.“

Will ich ja! Wenn ich aber den Weg nach Ahrenswalde nicht weiß! Ich hab mich völlig verfahren.“

Was?“ Der alte Mann setzte seine Mütze wieder auf. „Sie wollen nach Ahrenswalde?“

Ja.“

Und ich denk, Sie kommen von da?“

Ich sag Ihnen doch! Ich muss dort hin!“

Freiwillig?“

Freiwillig.“

Küchenhilfe?“

Lehrerin.“

Was? So’n junger Knirps und soll Lehrerin sein?“ „Knirps? Was fällt Ihnen ein!?“

Also, dann kommen Sie mal rüber, damit ich aus der Nähe sehen kann, ob es stimmt.“

Ist nicht nötig, Sie brauchen mir bloß den Weg zu beschreiben.“

„‘ rüber, hab ich gesagt, Sie klappern ja schon mit den Zähnen.

Einen Moment zögerte ich, dann schob ich mein Rad vorsichtig das schmale Fallreep hinauf. Oben nahm mir der alte Mann das Rad einfach aus der Hand und stellte es neben einer dicken Taurolle ab. Wir maßen uns kurz mit den Blicken, dann kreuzte ich fröstelnd die Arme über der Brust.

Kommen Sie, da muss was Heißes drauf. Wir gehen in die Kajüte.“ Er stapfte voran, was blieb mir anderes übrig, als hinter ihm her zu stapfen? Obwohl er doppelt so breit war wie ich, lief er behende das Kajütentreppchen hinunter, ich musste mich ziemlich dranhalten. Unten schaute ich mich um: „Schön windstill. Aber Ihr Rochen da über dem Tisch, der mag mich nicht.“

Der?“ Der alte Mann tippte das baumelnde Ungeheuer mit dem Zeigefinger an, „der Philip tut nur so.“

Heißt er Philip?“

»Ja.“

Mag er gern schaukeln?“

Und ob!“

Er schob mich behutsam auf die Eckbank hinter dem Tisch, dann ging er zum Herd und setzte den Teekessel auf. Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht: „Wohnen Sie hier?“ „Wo denn sonst?“

Er stellte braune Becher auf den Tisch. „Ziehen Sie lieber Ihren Anorak aus, sonst frieren Sie, wenn Sie nachher wieder rauskommen.“

Naja.“ Ich zog den Anorak aus und stützte die Unterarme auf den Tisch.

Warum waren Sie vorhin eigentlich so fuchsteufelswild?“ „Ich soll fuchsteufelswild gewesen sein?“

Ja. Als ich unten auf Ihrem Fallreep stand.“ „Das will ich Ihnen sagen: weil ich dachte, Sie wären auch so eine.“

Eine was?“

Rumtreiberin. Sie können das nicht wissen, aber bei mir kommen so allerhand schräge Vögel vorbei; irgendwie hat das was mit Ahrenswalde zu tun.“

Ich rutschte mit den Ellbogen über den halben Tisch: „Ahrenswalde? Das interessiert mich, das müssen Sie mir näher erklären.“

Immer langsam, erst muss ich fertig aufdecken.“

Neugierig fing ich an, mit sämtlichen zehn Fingern auf der Tischplatte herum zu klopfen, aber der alte Mann ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Zuerst stellte er einen mit Schwarzbrot gefüllten Korb auf den Tisch, danach eine Schmalzkruke, dann endlich ließ er sich mir gegenüber auf einen Stuhl plumpsen. „Bis das Wasser kocht, kann ich Ihnen das ja mal ’n bisschen auseinander puhlen, Fräulein …“

Windbusch. Janne Windbusch.“

Windbusch. Sieh da! Das ist mal ’n netter Name, da kann man sich direkt was bei denken. Und ich heiß Hagedorn. Jonny.“ „Darf man?“ Ich zog eine Packung Zigaretten aus meiner Bluejeans‑Tasche.

Gewiss doch, ich mach gleich mit.“ Er langte nach seiner Pfeife, die irgendwo auf der Tischplatte herumfuhr, stopfte sie und zündete sie an. „Seh’n Sie“, er paffte ein paarmal, „das geht so, dass ich jedes Mal denk: Nun lässt du es bleiben, nun ziehst du einfach das Fallreep hoch. Und dann vergess ich es, und dann steht da wieder so’n Unglückswurm an Deck, tut furchtbar dicke, und dabei guckt ihm die blanke Angst aus den Augen. Und dann schick ihn mal wieder weg! Krieg ich einfach nicht fertig. Ich markier dann den Brummigen und sag: ‚ist aber bloß für eine Nacht, dann machst du, dass du wieder dahin kommst, wo du abgehauen bist.‘ ‚Klar‘, sagt der Bengel und bleibt, bis die große Schmalzkruke hier leer ist, oder bis ihm vor Unruhe der Hintern juckt, oder bis Bammelmann kommt.“

Bammelmann?“

Der Gendarm. Nicht, dass Sie etwa denken, Fräulein, der schiebt nun gleich sein Moped hier das Fallreep rauf, keine Spur! Erst bleibt er mal schön am Ufer steh’n, und grölt zu mir rüber: ‚Jonny!‘ grölt er. ‘Jonny Hagedorn! Hör mal! Hast du vielleicht einen an Bord?‘

Dann steck ich mein Gesicht über die Reling: ‚Ich? Bewahre! Wie sollt ich wohl! Ist denn mal wieder einer durch?‘

Ja doch!‘ brüllt er zurück, ‚und könnte ja sein, dass du ihn bei dir oben in der Kajüte hast, nicht?‘ ‚Wie sollt ich wohl!‘

Er: ‚Dann kann ich ja mal zu dir rüberkommen, was? Auf’n kleinen Köhm?‘

Ist mir heute nicht zupass, Bammelmann. Du kannst das ja von da unten nicht seh’n, aber ich bin g’rad in Unterhosen, bin dabei, mich landfein zu machen.

Bei Küpers im Dorf haben sie geschlachtet, und ich ess doch nichts so gern wie Wellfleisch.‘ ‚Na, dann kann man nichts machen, dann ’n andermal. Und guten Appetit auch.‘

Ja, Fräulein, für ’n Gendarm ist Bammelmann ’n feiner Kerl. Wirklich. Er spielte mit. Ließ einem Zeit. Und wenn er dann am nächsten Tag wiederkam, war der blinde Passagier längst per Anhalter rauf nach Dänemark oder runter nach Süden, was weiß ich! Aber jetzt ist alles anders, jetzt krieg ich Scherereien.

Wieso das?“ Ich zündete mir eine neue Zigarette an. „Ich denke, Ihr Bammelmann “

Das ist es ja“, er schob die Mütze aus der Stirn, „Bammelmann ist versetzt, wir haben ’nen Neuen. Und der ist scharf.“ „Das ist natürlich schlecht. Aber eins versteh ich nicht, weshalb kommen diese Jungen gerade zu Ihnen?“

Hat sich wohl rumgesprochen, dass man bei Jonny Hagedorn ’n paar Tage unterkriechen kann.“

Der alte Mann stand auf, ging zum Herd, machte den Tee fertig, stellte die Kanne auf den Tisch, setzte sich wieder hin und stocherte in seiner Pfeife herum. Ich beugte mich vor: ‚Haben sie, ich meine diese Jungen, haben die Ihnen viel erzählt?“ „Eigentlich nicht. Die meisten halten die Klappe. Aber manchmal kommt es doch vor, dass einem von ihnen der Mund überläuft. Da gibt’s Sachen, sag ich Ihnen Sie machen ja so’n Gesicht. Haben Sie was?“

Er schenkte mir ein. „Es ist bloß“, ich nahm hastig einen Schluck, „solche Geschichten ich meine, ich interessiere mich dafür, möchte so was aufschreiben aus einem ganz bestimmten Grund, nämlich ein Freund von mir …, ich kann Ihnen das nicht so auf die Schnelle erklären.“

Sie können ja mal wieder vorbeigucken, nicht? Aber jetzt müssen Sie los, wenn Sie noch vorm Dunkelwerden nach Ahrenswalde wollen.“

Unbedingt.“ Ich griff nach meinem Anorak und sprang auf. „Trinken Sie erst die Tasse leer. Im Sitzen!“

Also gut, setz ich mich eben wieder hin und nehm noch einen Schluck.“

Er schob seine Mütze aus der Stirn: „Sagen Sie mal, haben Sie keine Angst? Ich meine vor dem Backsteinhaus?“

Ist es ein Backsteinhaus?“

Ja.“

Sie betonen das so, Backsteine sind doch schön. Hell und rot.“

Es gibt auch düstere.“

Ich zog schnell meinen Anorak an: „Bisschen Angst hab ich schon.“

Kommen Sie, ich zeig Ihnen den Weg.“ Er stand auf und ging mir voran. Auf dem Treppchen wandte er den Kopf: „Ich lass mal auf alle Fälle das Fallreep unten.“

Tatsächlich?“

Wenn ich es sag.“


***


Ich fuhr durch den Wald. Noch war es hell. Schlanke hohe Buchenstämme, von Westen fiel rötliches Licht ein.

Ein Blick zu den Kronen hinauf, oben toste der Wind, hier unten spürte man ihn kaum. Dennoch war mir kalt. Ich schaute mich um:

Da ist die Wegkreuzung, jetzt musst du aufpassen. „Links“, hat der alte Mann gesagt. Jonny. Jonny Hagedorn. Solche wie Jonny hat es auch damals am Meer gegeben, als Markus und ich mit dem Rucksack hier rauf gewandert sind und „Links“, hat er gesagt, „und dann ist es nicht mehr weit, Fräulein, dann seh’n Sie schon bald den Kirchturm. Mit ’m dicken goldenen Hahn drauf.“

Das Zittern kommt von der Anstrengung, gar nicht darauf achten! Sieben Stunden auf dem Rad, bist selber schuld. Hauptsache, das Gepäck ist angekommen, vor allem die Platten. Ganz ausgehungert bin ich nach Musik.

Die Bäume lichteten sich, der Waldrand flammte rot. Geschwungene Felder, eine Ahnung von Grün, viel Braunviolett. Dahinter der Kirchturm, schmal, mit einem dicken vergoldeten Klumpen: der Hahn.

Baumgruppen, vereinzelt Häuser, weit dahinter eine düstere, starre Mauer: das Backsteinhaus. Das war es also! Aber zuerst mal durchs Dorf!

Die Häuser lagen weit auseinander, manchmal tauchte ein Strohdach auf, Wälle aus geschichteten Findlingen.

Plötzlich eine schnurgerade Allee vor mir, keine sehr hohen Bäume, noch keine Blätter daran, wahrscheinlich Rotdorn. Ich fuhr in die Allee hinein. Je weiter ich kam, desto schneller, wuchs die dunkle Masse da vorne in die Höhe. Vor einer Mauer endete die Fahrt. Ich sprang ab, stellte das Rad auf und machte ein paar Schritte. Ein gutes Stück hinter der Mauer erhob sich das Backsteinhaus, hinter einigen Fenstern brannte Licht. Der alte Mann hat recht, ziemlich düster das Ganze. Und sei mal ehrlich, bisschen Angst reicht nicht, hast schon ’ne Menge. Und wenn? Morgen geh ich darauf los.

Alles morgen.


***


Ich drehte mich schnell um, nahm mein Rad und fuhr zurück. Hübsche Allee. Wenn die Bäume erst blühten … Im Dorf war es nahezu dunkel. Die Häuser lagen wie Inseln im Abend, hier und da ein erleuchtetes Fenster. Ich schaute mich suchend um. Von irgendwoher kam ein eintöniges Geräusch; ich fuhr darauf zu. Im Näherkommen entdeckte ich hinter einem niedrigen Steinwall einen Schatten, der sich gleichmäßig bewegte. Ich stoppte, erkannte, dass es ein Junge war, der immerzu seinen Ball gegen eine Stalltür ballerte. Ich lehnte mich mit dem Rad an die Mauer: „Hallo! Kannst du mir sagen, wo hier eine Frau Carstensen wohnt?“

Der Junge drehte sich langsam nach mir um.

Kannst du mir den Weg zeigen?“

Er zögerte, bückte sich, hob den Ball auf, klemmte ihn unter den Arm, schwang sich über die niedrige Mauer und ging stumm vor mir her. Sind ein bisschen mundfaul die Leute hier oben, na schön.

Ich schob das Rad; ab und zu sah der Junge sich nach mir um. Vor einem niedrigen weißen Haus blieb er stehen. Das weit heruntergezogene Dach war aus Stroh, hinter zwei kleinen Fenstern brannte Licht.

Das ist es.“ Der Junge trollte sich.

Danke!“ rief ich hinter ihm her; die Dunkelheit hatte ihn schon verschluckt.

Die Pforte vor dem kleinen Garten war nur angelehnt, ich machte sie auf, schob mein Rad den schmalen gepflasterten Steg entlang und klopfte an die Haustür. Nichts rührte sich. Als ich gegen den großen eisernen Türknauf drückte, gab die Tür nach, und ich trat vorsichtig über die Schwelle. Im Flur war es dunkel, aber aus allen Türritzen drang Licht.

Hallo“, rief ich, und etwas lauter: „Hallo!“

Rechts wurde eine Tür geöffnet. Eine große Frau, sie musste sich bücken, um nicht an den niedrigen Türrahmen zu stoßen, trat aus der Stube und machte Licht.

Da sind Sie ja! Wo bleiben Sie denn so lange? Ich warte schon seit heute Mittag auf Sie. Nun aber fix rein! Sie sind es doch, nicht?“

Ich bin Janne Windbusch.“

Und ich Carsta Carstensen.“

Die Frau nahm mich bei den Schultern und drehte mich ins Licht: „So was aber auch“, sie wiegte den Kopf hin und her, „so jung, ich hab mir ja nun was ganz anderes vorgestellt.“

Ja?“ Ich blinzelte ins Licht, „draußen steht noch mein Rad.“ „Was? Mit’m Rad sind Sie gekommen? So weit her!?“

Ja.“

Wegen dem Rad machen Sie sich man keine Gedanken, das steht da gut. Und nachher tu ich das in ’n Schuppen. Ganz verfroren seh’n Sie aus. Aber hier ist es schön warm, nicht? Ich stell mal schnell das Essen aufs Feuer, und bis es heiß ist, zeig ich Ihnen die Zimmer.“

Sie lief in die Küche, war aber gleich wieder da.

Das Zimmer lag auf der linken Flurseite. Ein Kachelofen verströmte Wärme, der Boden war bedeckt mit bunten Flickenteppichen, vor dem Fenster stand ein kleiner Schreibtisch. Frau Carstensen stieß die Tür zum Nebenzimmer auf: „Ob Sie das mögen? Die meisten finden’s ja originell.“

Sie durchquerte das Zimmer und schlug die Türen eines breiten Wandschrankes zurück, dahinter prallten dicke weiße Federbetten.

Na?“ Frau Carstensen sah mich erwartungsvoll an. Ich stieß einen Seufzer aus: „Eine wunderbare Höhle.“ Frau Carstensen lachte: „Da hab ich schon als Kind drin gehaust. Aber Sie wollen sich sicher ’n bisschen frisch machen, nicht? Und dann kommen Sie man gleich in die Küche.“

Ja. Danke.“

Schön mollig. Sich bewegen wie im Tran. Sich waschen, in die Küche gehen, essen, dieser warmen Stimme zuhören, ohne jedes Wort genau aufzunehmen, einfach in diesen merkwürdig wiegenden Tonfall sinken, sich wärmen lassen, nicht an morgen denken, kommt früh genug, noch nicht an das Backsteinhaus.

Später in der Höhle liegen. Die Augen zumachen. Warten, bis das Bild kommt: Markus sehen und mich, wie wir am Tisch einander gegenüber sitzen, büffeln, und ab und zu aufschauen: bist du noch da?

Und so auf den Grund sinken. Schlafen.

Auftauchen. Durch grünes Wasser? Oder Licht? Schon Morgen? Sich noch einmal zusammenrollen, still liegen, blinzeln. Durch die kleinen Fenster fallt Licht auf den hellblauen Waschkrug. Ein dicker Ast sieht zum Fenster herein. Spatzen schilpen …



Das Backsteinhaus


Ich gehe hinter dem Direktor her. Ich starre auf seinen geraden Rücken, der im Takt der Schritte ein wenig hin und her schwankt. Wenn er nur nicht so große Schritte machen würde, ich komme kaum mit, der Gang hört ja wohl überhaupt nicht auf. Und wie es hallt! Als ob eine ganze Kompanie mitmarschiert.

Der Direktor hat vor einer großen eisernen Tür haltgemacht. Er schwenkt den sperrigen Schlüsselbund, der an seiner rechten Hand baumelt, fischt einen Schlüssel zwischen den anderen heraus, steckt ihn ins Schlüsselloch und dreht ihn herum. Er presst die rechte Schulter gegen die Tür, sie gibt nach, wir gehen hindurch. Mit einem dumpfen Knall fällt die Tür hinter uns ins Schloss.

Wieder ein Gang. Hall, Getöse. Hier komme ich bestimmt nie zurecht. Dann stehen wir wieder vor einer Tür, die ist aus Holz, braun, unverschlossen, und geht leicht auf. Ein paar Schritte, ich stehe vor der neuen Klasse. Fünfzehn Gesichter. Ich spüre, wie mein Herz gegen die Rippen pocht. All die Augen, die auf mich gerichtet sind!

Die Einführungsworte des Direktors rauschen über mich hinweg, zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich bei aller Angst so etwas wie Glück: Ich bin angekommen.

Der Direktor hat seine kleine Ansprache beendet und dreht sich zu mir herum: „Und hier auf diesem Tisch, Fräulein Windbusch, ist die Sitzordnung, außerdem eine Alarmglocke. Sollte es zu irgendeinem Zwischenfall kommen was ich nicht hoffe, brauchen Sie nur die Klingel zu betätigen. Auf das Signal wird einer der aufsichtführenden Vollzugsbeamten erscheinen und Ihnen gegebenenfalls Hilfestellung leisten.“ Ich nicke mechanisch. Das mit der Glocke hätte er nicht sagen sollen, das ist nicht gut. Die Gesichter verschwimmen vor meinem Blick, der Direktor geht, ich bin mit der Klasse allein. Unruhiges Füßescharren, fünfzehn Augenpaare. Sei ganz ruhig! Zigaretten anbieten? Rauchen dürfen sie ja. Nein, sieht nach Anbiederung aus, wäre es ja auch, fang einfach an! Ich setze mich an den Tisch, öffne meine Mappe, meine Finger flattern ein bisschen, ich hole ein Buch heraus und lege es vor mich auf den Tisch. Ich sage:

Nach dem Stundenplan hätten wir jetzt Rechnen und danach Deutsch. Ist es Ihnen recht, wenn ich die Stunden vertausche und Ihnen zunächst etwas vorlese? Hinterher können wir darüber diskutieren. Auf diese Art, denke ich, lernen wir uns vielleicht schneller kennen. Was meinen Sie?“

Ich warte auf Antwort, es kommt keine. Also, dann ich schlage das Buch auf und fange an zu lesen. Ich habe noch keine drei Sätze gesprochen, da lässt sich hinten aus der letzten Reihe eine Stimme hören: „Alter Trick.“ Als hätten sie nur auf das Stichwort gewartet, lachen die Jungen los: Mal seh’n, ob wir die nicht unterkriegen!

Vorlesen?!“ Die Stimme aus der letzten Reihe klingt herausfordernd, „wenn Sie etwa denken, das wär’ was Besonderes, nee, da sind Sie schief gewickelt. Machen doch alle! Denken, damit können die sich lieb Kind machen. So ’n oller Trick! Scheiße! Knast bleibt Knast!“

Stille. Mal abwarten, was die nun sagt.

Ich sehe den Angreifer in der letzten Reihe an: „Natürlich ist das ’n Trick, was denn sonst?“ und lese weiter. Es wird mit den Füßen gescharrt, es wird laut gehustet, Stühle werden gerückt, ich lese deswegen kein bisschen lauter. Einer aus der zweiten Reihe dreht sich um und schreit: „Klappe!“

In der Klasse wird es etwas ruhiger, aber der aus der letzten Reihe kann es nicht lassen; er muss stören: „So ’ne blödsinnige Geschichte: Ist doch’n einziger Mist!“ Aber inzwischen finden ein paar andere, dass Wolfgang Borcherts Erzählung von den Ratten, die angeblich nachts schlafen, gar nicht so’n Mist ist; sie wollen sie zu Ende hören. Ich lese weiter, und am Schluss gibt es eine regelrechte Diskussion.

Ja. Damals war das so, Ruinen und so ’n Zeug, sagt meine Oma.“

Seine Oma! Ausgerechnet!“

War alles von diesen Nazis.“

„‚ So schlimm war der Hitler gar nicht‘, sagt mein Vater. ‚Der Hitler hat Straßen gebaut, da gab’s keine Arbeitslosen wie heute‘, sagt er.“

Bei der Gewerkschaft war einer, der hat zu mir gesagt …“ „So, was hat er denn gesagt? Hat dir viel genützt, was, was der gequatscht hat? In ’n Knast biste trotzdem gekommen.“ Interessant, zuzuhören. Lass die Fetzen fliegen! Sollen sie sich doch Luft machen! Am meisten schreit der aus der letzten Reihe, Gerd Lohmeyer heißt er, das habe ich inzwischen anhand der Sitzordnung festgestellt, mit dem werde ich es nicht leicht haben.

Der Unterricht ist zu Ende. Die Mathematikstunde ist ganz ordentlich gelaufen. Pünktlich um elf erscheint ein Vollzugsbeamter, der sich als ‚Herr Knehr‘ vorstellt. Die Jugendlichen bilden Zweierreihen und ziehen im Gänsemarsch ab.


Ein bisschen betäubt von all der Konzentration bleibe ich mitten in der Klasse stehen. So ’ne Herde Jungen das ist schon ein Kraftakt, besonders wenn man ihnen das erste Mal gegenübersteht. Ich höre die Schritte draußen, weiter und weiter weg. Ich gehe zum Tisch, schiebe geistesabwesend das Buch in die Mappe, streiche mir die Haare aus dem Gesicht, klemme die Mappe unter den Arm und gehe, immer noch ein bisschen benommen, auf den Gang. Irgendwo weit weg wird eine Tür zugeschlagen. Wie soll ich eigentlich hier rauskommen, Schlüssel habe ich nicht!? Rechts am Ende des Ganges eine dieser riesigen Türen, links eine andere. Ich gehe nach rechts, von dort ist eben das Geräusch gekommen.

Die Tür ist natürlich zu. Ich laufe nach links, vielleicht gibt es neben dieser Tür eine Klingel? Nichts. Ruhe, Ruhe! Wieder zurück. Auf der einen Seite des Ganges entdecke ich eine angelehnte Tür und öffne sie: ein Klassenzimmer. Leer. Natürlich, der Direktor hat ja gesagt, dass die Gefangenen alle nach dem Unterricht von elf bis eins in die Werkstätten oder aufs Feld zur Arbeit gehen. Ob ich mal rufe? „Hallo!“ Es kommt etwas zaghaft heraus, aber das Echo hilft nach. Lächerlich. Ich bin gefangen.

Nun mal Ruhe! Da war doch der Direktor hat doch was von einer Alarmglocke gesagt. Schöne Blamage! Ich gehe in die Klasse zurück und drücke auf den Klingelknopf. Innerhalb weniger Minuten ist das mir nun bereits bekannte hallende Geräusch zu hören, Schritte. Von rechts kommt ein Vollzugsbeamter, den ich noch nicht kenne, von links Herr Knehr, der vorhin den Gefangenenzug begleitet hat. Herr Knehr grinst. „Wo brennt’s denn, Fräulein?“

Ich sitze hier fest.“

Sie hätten sich vorhin dem Zug anschließen müssen.“ „Ja. Das hätte ich wohl!“

Haben Sie denn keine Schlüssel?“ fragt der andere Beamte. „Nein. Der Direktor hat mich hierher begleitet, von Schlüsseln war nicht die Rede.“

Herr Knehr zuckt die Achseln: „Wieder mal typisch.“ Ich horche auf. „Wie bitte?“

Es ist so, Fräulein“, der andere Beamte schwenkt seinen Schlüsselbund, „dass wir hier ohne Schlüssel nicht auskommen. Wenn Sie erlauben, gehe ich mit zum Pförtner, der gibt Ihnen Ihren Schlüsselbund, und ich zeige Ihnen den Trick.“ „Ja, danke.“

Der Beamte geht voran. Nach ein paar Schritten bleibt er stehen und macht eine kleine Verbeugung.

Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle. Roller. Alois.“ „Und ich bin Janne Windbusch.“

Die Lehrerin, ich weiß.“

Wir gehen weiter. Beim Pförtner bekomme ich einen Schlüsselbund ausgehändigt. Ich wiege ihn in der Hand: „Ist der schwer!“

Herr Roller nimmt ihn mir aus den Fingern.

Am besten, Sie schaffen sich eine Extratasche dafür an, hat meine Frau auch getan. Sie arbeitet hier, hat die Aufsicht in der K üche. Und nun zu dem Trick: Vielleicht haben Sie schon bemerkt, dass alle unsere Trenntüren mit farbigen Punkten versehen sind?“

Nein, hab nicht drauf geachtet.“

Also. Dann erklär ich’s Ihnen mal: Dies hier ist der A‑Schlüssel, Tür‑A gleich roter Punkt. Der Schlüssel hängt an einem roten Plättchen. Tür‑B gleich gelber Punkt, B‑Schlüssel hängt am gelben Plättchen. Dann kommen noch C, D, E Schlüssel, blau grün lila! Ist doch ganz einfach, nicht?“ „Ja. Sicher. Vielen Dank, Herr Roller.“ Ich strecke ihm die Hand hin: „Ich werde fleißig üben, A gleich rot, B gleich gelb.“ Ja. Tun Sie man! Und nun muss ich laufen, muss in die Werkstatt, aufpassen, dass die mir keinen Mist bauen.“ Er läuft eilig den Gang zurück. Ich sehe ihm nach, der Schlüsselbund hängt wie ein Klotz an meiner Hand.



Ein Stück Spiegel


Das soll nun ein Mensch ahnen! ‚Koffer!‘ Nie wäre ich darauf gekommen!“ Verwundert schüttelte ich den Kopf und sah Herrn Hartmann an, der neben mir her zum Speisesaal ging. „Doch! ‚Koffer‘, das sind Tabakpäckchen“, erklärte Herr Hartmann, „sehr beliebtes Tauschobjekt, hat man Ihnen das nicht in der Spezialausbildung beigebracht?“

Nein.“

Na ja, die Knastausdrücke wechseln, ich kann das beurteilen, immerhin bin ich schon acht Jahre hier.“

Herr Hartmann, Lehrer der B‑Klasse, zündete sich eine Zigarette an, ich hielt ihm meine Zigarette hin, damit er mir auch Feuer gab: „Hält man das so lange aus?“

Man? Ich weiß nicht“, er sah an die Decke, „ich kann das schwer erklären es sind doch alles junge Menschen, die zu kurz gekommen sind. Man will ihnen doch helfen. Aber manchmal möchte man alles hinschmeißen, weil man kaum einen Erfolg spürt. Es wäre übrigens alles viel leichter, wenn das Vollzugspersonal besser mitzöge! Die meisten Vollzugsbeamten sind aber selbst verkrachte Existenzen, haben lediglich eine Kurzausbildung hinter sich und werden dann auf diese schwierigen Jungen losgelassen.“

Aber der Direktor sagte mir …“

Ich leugne ja nicht, dass er die besten Absichten hat, aber in der Entscheidung ist er, entschuldigen Sie, pflaumenweich. Besser, ich sage Ihnen das gleich anfangs, sonst sind Sie allzu enttäuscht. Aber was soll’s, Sie sind erst so kurze Zeit hier, Sie werden schon merken, wie der Hase läuft.“ „Dass er Haken schlägt, habe ich bereits gemerkt.“ „Das wundert mich nicht. Aber dreh’n Sie sich mal um, da winkt einer, ich glaube, das gilt Ihnen.“

Ich sah mich um: Ein blonder, schmächtiger Junge stand im Türrahmen und winkte.

Ja, Herr Schmidt?“

Kommen Sie nun oder nicht?“ Er fuchtelte wild mit den Händen in der Luft herum, „die Wachteln sind alle schon da!“ „Ich komme.“

Ich nickte meinem Kollegen zu und lief hinter dem kleinen Blonden her durch den Speisesaal. Auf halber Strecke stellte sich mir jemand in den Weg: Herr Knehr; er zog die Augenbrauen hoch.

Nanu, Fräulein Windbusch, wollen Sie schon wieder mit denen zusammen essen? Brauchen Sie doch nicht.“

Will ich aber. Je öfter ich mit meinen Leuten zusammen bin, desto besser klappt es beim Unterricht.“

Wenn Sie meinen!?“

Ich biss mir auf die Lippen; war ich dem Knehr etwa Rechenschaft schuldig? Abrupt drehte ich mich um und peilte die linke Saalhälfte an; dort saßen meine fünfzehn schon am Tisch. Gerade wollte ich mir einen Stuhl zurechtrücken, als Heino Schönfeld, ein hochaufgeschossener Sechzehnjähriger, mir über den Tisch hinweg zuriet: „Wir haben schon einen Platz für Sie reserviert, da, bisschen weiter oben.“

Ich schob den Stuhl wieder unter den Tisch: „Danke, Herr Schönfeld. Das ist nett.“

Heino, einfach Heino.“

Mit einem Ruck drehte ich mich um, schon wieder dieser Knehr! Ich wandte mich an die Tischrunde: „Sind Sie alle vierzehn? Oder habe ich mich geirrt?“

Nicken, Feixen, misstrauische Blicke. Herr Knehr stützte die Arme auf den Tisch: „Wenn Sie damit sagen wollen, dass man die Jungs siezen soll, Fräulein, dann sollen die sich erst mal wie vernünftige Menschen benehmen!“

Dieser Kleinkrieg! Das kann ja noch schön werden! Ich ließ den Beamten einfach stehen, ging an meinen Platz und quetschte mich zwischen die jungen Gefangenen. Mein Nachbar zur Rechten schob mir die Suppenterrine hin: „Mal wieder Eintopf.“

Ich schöpfte eine Kelle voll auf meinen Teller und fing an zu essen. Herr Knehr stand noch an derselben Stelle; ich merkte, dass er mich fixierte und fing an, nervös zu werden.

Menschenskind! Herr Hartmann hat schon recht, warum sind die Vollzugsbeamten so? Ekelhaft. Lass dich nicht davon unterkriegen! Sprich lieber mit den Jungen!

Links neben mir saß Herbert Voss, ich versuchte, ihn in ein Gespräch zu ziehen, aber der war zerstreut und gab alberne Antworten, feixte und reagierte auf irgendwelche Faxen, die ihm sein Gegenüber signalisierte. Was war denn los? Handelte es sich um den Vollzugsbeamten? Oder um mich? Verstohlen tastete ich nach meiner Bluse, stand irgendwo ein Knopf offen? Nein. Was hatten die bloß? Jetzt grinsten auch die anderen, und weshalb schielte Herbert dauernd unter den Tisch? Ich wollte nicht, aber schließlich konnte ich es doch nicht lassen und schaute auch unter den Tisch.

Auf Herberts Stiefelspitze dicht neben meinen eigenen Schuhen glitzerte irgendetwas. Ein Stück Spiegel. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Verwirrt versuchte ich weiterzuessen. Plötzlich streckte sich neben mir eine Hand vor. Herrn Knehrs Hand: „Her mit dem Spiegel, Herbert!“ Herbert rührte sich nicht. Herr Knehr bückte sich, aber Herbert war schneller; er langte nach dem Ding auf seiner Stiefelspitze und ließ es in seiner Hosentasche verschwinden.

Her mit dem Spiegel!“ schnauzte der Beamte. Herbert zögerte.

Wird’s bald? Bist wohl scharf auf Sperre, was?“

Gerd Lohmeyer am oberen Tischende war aufgesprungen.

Sie haben gar nichts zu sperren!“

Wer hier was hat, das werden wir ja seh’n!“ Der Vollzugsbeamte steckte die Daumen unter die Achseln, „Ich zähle bis drei, dann hab ich den Spiegel, oder …“

Herbert Voss murmelte wütend irgendetwas Unflätiges, griff in die Hosentasche und holte den Spiegel heraus.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738908657
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (März)
Schlagworte
jungen rotdornallee

Autor

Zurück

Titel: Die Jungen der Rotdornallee