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CHACO – Das Halbblut #20: In Cerritos wartet der Tod

2017 130 Seiten

Zusammenfassung

Chaco Gates ist auf dem Weg in die Stadt Cerritos, als er Zeuge eines hinterhältigen Überfalls wird. Er kann jedoch nicht verhindern, dass die skruppelosen Banditen ihr Opfer niederschießen und anschließend verschwinden. Bei dem Toten findet Chaco ein kleines Kästchen und einen Briefumschlag, auf dem zwei Namen stehen Frederik und Clarissa Tracy. Chaco weiß nicht, dass eine alte Urkunde, die sich in diesem Kästchen befindet, einen blutigen Kampf zwischen zwei Todfeinden auslösen wird.
Als Chaco in Cerritos Clarissa Tracy trifft und von ihr erfährt, um was es eigentlich geht, ist es schon zu spät. Denn jetzt hat er bereits Partei ergriffen und gerät ins Zielfeuer von Clarissas Gegnern. Und die haben es sowohl auf sie als auch auf Chaco abgesehen!

Leseprobe

In Cerritos wartet der Tod


Ein Western von Carson Thau






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2017

Früherer Originaltitel: Die Galgenvögel und das Mädchen

Das Konzept CHACO wurde von dietmar Kuegler entwickelt.

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:

Chaco Gates ist auf dem Weg in die Stadt Cerritos, als er Zeuge eines hinterhältigen Überfalls wird. Er kann jedoch nicht verhindern, dass die skruppelosen Banditen ihr Opfer niederschießen und anschließend verschwinden. Bei dem Toten findet Chaco ein kleines Kästchen und einen Briefumschlag, auf dem zwei Namen stehen Frederik und Clarissa Tracy. Chaco weiß nicht, dass eine alte Urkunde, die sich in diesem Kästchen befindet, einen blutigen Kampf zwischen zwei Todfeinden auslösen wird.

Als Chaco in Cerritos Clarissa Tracy trifft und von ihr erfährt, um was es eigentlich geht, ist es schon zu spät. Denn jetzt hat er bereits Partei ergriffen und gerät ins Zielfeuer von Clarissas Gegnern. Und die haben es sowohl auf sie als auch auf Chaco abgesehen!



Roman:

Der Mann war ihm seit drei Tagen und drei Nächten gefolgt. Vielleicht war es Zufall, vielleicht Absicht - er wusste es nicht.

Tagsüber war sein Verfolger ein kleiner schwarzer Fleck, der sich hinter ihm am Horizont bewegte. Nachts konnte er sein Lagerfeuer sehen, einen flackernden Punkt unter dem Sternenhimmel.

Drei Tage und drei Nächte. Heute wollte er seinen Verfolger stellen.

Er stand am Rand des Pomona Valley. Ein Hangweg schlängelte sich durch die grauen Vorberge hinauf. Unten dehnten sich die oktoberbraunen Wiesen der Ebene in sanften Wellen. Eine gewundene Linie von Bäumen zeigte den Lauf des Flusses an. Das Wasser glitzerte in den Strahlen der Mittagssonne. Es war Spätherbst, Indianersommer. Das Blattkleid der Bäume hatte sich rot gefärbt.

Die Stadt hob sich wie ein mit dem Bleistift gezogener Strich gegen die Ebene ab Cerritos, das Ziel seiner Reise. Dort hoffte er, Arbeit bei der Bahn zu finden.

Das Tal war von Geräuschen erfüllt, von dem hellen Klang schwerer Hammerschläge auf Eisen, gebrüllten Kommandorufen, dem Schnaufen der Lokomotive und dem Quietschen ihrer Räder. Das war die Bahnbaustelle. Die Schienenleger wirkten wie emsige Ameisen. Bald würde die stählerne Schlange Cerritos erreicht haben, immer dem Lauf des Flusses folgend, langsam aber beständig.

Er würde den Fremden auf halber Hanghöhe erwarten. Wenn der Verfolger nichts von ihm wollte, würde er vorbeireiten. Andernfalls würden sie miteinander reden - oder kämpfen. Ihm war es gleich.

Ein kalter Nordostwind strich heran und ihm fröstelte. Er zog seine dick gefütterte Mackinawjacke enger um die Schultern. Im Osten stiegen mächtige, dunkle Quellwolken auf. Heute Abend würde es schneien.

Die Kiowas hatten schon ihr Winterlager aufgeschlagen, als er ihnen das Pferd abkaufte, eine prächtige Cayuse-Stute, ausdauernd und trittsicher. Problemlos fand sie den steinigen Hangweg hinunter. Sie reagierte auf den Schenkeldruck des Reiters.

Er suchte die Böschung nach einem geeigneten Rastplatz ab. Der Weg führte durch

kahle Felsen. Dorngestrüpp ragte aus den Felsspalten, hier und da ein Kaktus. Sonst war der Hang kahl. Weiter unten wuchsen Cottonwoods.

Vor ihm bog der Weg scharf um eine Felswand, die wie ein gezückter Dolch in den Himmel ragte.

Er lenkte das Pferd die steile Böschung hinauf. Vorsichtig suchte sich das erfahrene Tier seinen Weg.

Auf einem kleinen Felsplateau stieg er ab und schlang die Zügel um eine verkümmerte Krüppelfichte. Er löste den Sattelgurt und nahm den schweren Hamley von dem feuchtglänzenden Rücken des Tieres. Seit Sonnenaufgang war er geritten. Die Stute brauchte Ruhe.

Das Plateau war durch eine Felsenbrüstung gegen den Hangweg geschützt. Niemand konnte ihn hier oben sehen, zumindest vom Weg aus nicht. Er ging vor zu der Brüstung. Von dem Plateau aus konnte er den Hangweg vom Talrand bis zu der steilen Felswand überblicken. Hier würde er auf seinen Verfolger warten.

Er ließ sich im Schatten der Brüstung nieder, zog einen Tabakbeutel und Maispapier aus seiner Jackentasche und drehte sich eine Zigarette.

Das flackernde Licht des Streichholzes fiel auf sein Gesicht. Es war narbig und faltenzerfurcht und hatte etwas mongolische Züge. Die Haut war bronzen wie gegerbtes Leder. Seine Mutter war Apachin, sein Vater Weißer. Er war kräftig gewachsen, die Schultern breit und sehnig. Die Hirschlederhosen spannten sich über den muskulösen Oberschenkeln.

Er behielt den Talrand im Auge und wartete auf Zeichen, Zeichen, die die Ankunft seines Verfolgers verrieten. Er wartete mehrere Stunden, ruhig, unbeweglich, ohne einen Laut von sich zugeben.


*


Ein kühler Wind wehte vom Talrand herunter und trug ein merkwürdiges Geräusch an seine Ohren. Es klang, als ob jemand an einem straff gespannten Zaundraht zupfte. Am Talrand schwirrte ein Schwalbenschwanz auf.

Und dann erschien er, der Mann, der seit drei Tagen und drei Nächten hinter ihm ritt. Es war ein seltsamer Mann. Ohne Eile ritt er den Talhang hinunter.

Er trug einen halbhohen Zylinder, der wie ein abgesägtes Ofenrohr aussah. Trotz der Kälte hatte er nur einen dünnen Tuchanzug an. Darunter trug er ein festes, weißes Hemd mit Krawatte. Er war ungewöhnlich lang und hager. Seine Beine baumelten von dem durchhängenden Rücken eines alten Maultiers. Sie schleiften fast auf der Erde. Eine altertümliche Vorderladerflinte ragte aus einem Scabbard.

Das merkwürdige Geräusch stammte von einer Maultrommel. Er hielt sie an seine dünnen Lippen gepresst. Seine langen, blaugefrorenen Finger zupften die Lamelle. Er war jung und sah nicht besonders gefährlich aus, eher sympathisch.

Plötzlich nahm der Fremde die Maultrommel von den Lippen. Der Wind frischte auf. Der Mann hielt seinen Zylinder mit einer Hand fest. Ein Schwarm Rebhühner stob gackernd hinter der Felswand auf.

Da spürte Chaco die Gefahr.

Das Krachen eines Schusses durchschnitt die Luft. Sein rasselndes Echo verklang in den Felswänden. Jemand schrie ein Kommando.

Der junge Mann fasste sich an den Kopf. Seine blonden Haare flogen im Wind. Sein Hut tanzte die Böschung hinab, verfing sich im Dornengestrüpp und wurde vom Wind weitergetragen. Man hatte ihm den Zylinder vom Kopf geschossen.

Drei Reiter waren hinter der Biegung erschienen. Sie waren ganz in Schwarz gekleidet. Ihre Gesichter waren bleich, ohne Farbe. Jeder von ihnen hielt eine Winchester an der Hüfte im Anschlag. Gemächlich und ihrer Beute sicher bewegten sie sich auf den Jungen zu. Er saß wie gelähmt auf dem Rücken seines Maultiers.

Mein Hut!“, rief er in den Wind. „Mein Hut ist weg!“

Zerbrich dir deswegen nicht den Kopf“, sagte einer der schwarzen Reiter. „Du brauchst deinen Hut nicht mehr.“ Er hob sein Gewehr und richtete es auf den Kopf des Jungen. „Sag Amen!“

Ein Schuss krachte. Der schwarze Reiter erstarrte. Chaco sah das Einschussloch auf seinem Rücken. Der Mann taumelte. Er hielt sein Gewehr an den Leib gepresst, als ob es ihn ins Leben zurückholen könne. Die Mündung des Gewehrs lag an seinem Hals, als er damit zu Boden stürzte. Der Schuss, der dem Jungen gegolten hatte, löste sich und zerschmetterte ihm den Kopf.

Wie aus dem Nichts waren vom Talrand her vier Mexikaner aufgetaucht. Sie trugen weiße Baumwollhemden und Hosen, Patronengurte über Kreuz und riesige Strohsombreros. Dicke Wollponchos schützten sie gegen die Kälte. Sie ritten den Hangweg hinunter. In ihren Händen hielten sie neue Repetierkarabiner, deren Läufe in der Abendsonne blitzten.

Für eine Sekunde überblickten sie das Geschehen - den Jungen auf dem Maultier, die zwei Reiter in Schwarz, den Mann, den sie erschossen hatten. Dann griffen sie an.

Das Gewehrfeuer ertönte im hämmernden Stakkato. Einer der Männer in Schwarz sank sofort getroffen zu Boden. Der letzte brachte sich und sein Pferd hinter der Felswand in Deckung. Ein Querschläger riss ihm dabei eine blutige Schramme über den Schädel. Die Mexikaner verfolgten ihn nicht weiter. Er flüchtete.

Laut johlend umritten die Mexikaner den Jungen. Er stieg von seinem Maultier und versuchte, mit ihnen zu sprechen oder sie etwas zu fragen. Doch die Mexikaner nahmen keine Notiz von ihm. Sie feuerten ihre Karabiner ab. Noch schossen sie in die Luft.

Der Junge zog seinen alten Harpers Ferry Vorderlader aus dem Scabbard. Er grub seine Zähne in die Unterlippe und spannte mühsam den Hahn.

Da senkte einer der Mexikaner sein Gewehr und schoss ihm in den Rücken. Der Junge bäumte sich auf. Dann klappte er zusammen und stürzte zu Boden. Er warf den Vorderlader weg und tastete mit seinen blaugefrorenen Fingern nach der Wunde auf dem Rücken. Die Mexikaner lachten.

Chaco war aufgesprungen und hatte seine Winchester aus dem Scabbard gezogen. Es war nicht seine Absicht gewesen, sich in den Streit einzumischen. Doch der Junge war kaltblütig niedergeschossen worden. Er legte an, riss den Repetierbügel herum und feuerte.

Er traf einen der johlenden Mexikaner am Hals. Die Kugel riss ihn vom Pferd. Seine Hände hatte er gerade jauchzend in die Luft gehoben. Er stürzte die Böschung hinunter. Die anderen drei zügelten verdutzt ihre Pferde.

Chaco traf einen zweiten Mann unter dem Ohrläppchen. Sein Pferd scheute. Er fiel. Der linke Fuß verfing sich im verdrehten Steigbügel, und sein lebloser Körper wirbelte hinter dem davonjagenden Tier den Hang hinunter.

Die anderen beiden waren abgesprungen und verschanzten sich hinter den Leibern ihrer Pferde. Chaco zielte auf die Füße des rechts Stehenden. Sie waren unter dem Pferdebauch zu sehen. Zwei Schüsse. Der Mann brüllte laut auf. Wild um sich schießend taumelte er hinter dem Pferd hervor. Seine Beine waren zerschmettert, er stürzte zu Boden. Es war der Mann, der auf den Jungen geschossen hatte.

Er schob sich seinen Colt in den Mund und drückte ab. Ohne Beine wollte er nicht mehr leben.

Der letzte Mann hatte die Verwirrung genutzt. Er war mit seinem Pferd und dem Maultier hinter der Biegung verschwunden.

Chaco stieg hinunter zu dem Jungen, nahm seinen Calispelhut ab und legte ihn dem Jungen als Stütze unter den Kopf.

Er war noch nicht tot. In seinen Augen glimmte noch ein schwacher Lebensfunke. Er bewegte die Lippen. Chaco musste sich tief hinunterbeugen. Nur so konnte er die gehauchten Worte verstehen. „Das Maultier - hol das Maultier zurück bitte!“ Die Augen des Jungen blickten ihn flehend an. Es musste sehr viel für ihn bedeuten.

Chaco nickte ihm zu. „Ich werde das Maultier holen.“

Erleichtert ließ der Junge seinen Kopf auf den Hut zurücksinken.

Chaco nahm eines der vier reiterlosen Pferde und die Winchester von einem der Männer in Schwarz. Vorsichtig näherte er sich der Felswand, hinter der der Mexikaner mit dem Maultier verschwunden war. Er schob sich langsam um die scharfe Ecke, die die Felswand bildete. Die Winchester hielt er schussbereit.

Niemand war hinter der Felswand. Chaco zog das Pferd hinter sich her und stieg auf. Unter ihm führte der Pfad in steilen Serpentinen ins Tal hinunter. Am untersten Ende des Weges ritt der Mann in Schwarz, dem die Flucht gelungen war. Auf halber Höhe mühte sich der Mexikaner mit dem Maultier ab. Das Vieh war störrisch. Es wollte nicht weiter. Der Mexikaner zog und zerrte am Zaumzeug.

Chaco ritt den Pfad hinunter, die Winchester im Anschlag. Der Mexikaner bemerkte ihn nicht. Er hatte nur das Maultier im Sinn.

Chaco hielt die Winchester auf den Mexikaner gerichtet.

Amigo!“, rief er ihm zu. „Lass das Maultier in Frieden und geh deiner Wege. Du hast Glück, dass du noch lebst. Freu dich darüber und sei jetzt vorsichtig.“

Der Mexikaner schreckte hoch. Er hatte ein fettes Gesicht und auf der Oberlippe ein Menjoubärtchen. Er ließ das Zaumzeug des Tieres aus seinen Fingern gleiten. Dabei äugte er hinüber zu seinem Pferd und der Winchester, die aus dem tiefschäftigen Scabbard ragte. Auf seinem Gesicht spielten Versuchung und Resignation. Sein Körper war gespannt.

Keine Aufregung, Amigo", sagte er schrill. „Du sollst das Maultier haben. Ich wollte nur die Satteltaschen.“

Bleib stehen, wo du bist“, sagte Chaco. „Eine Bewegung zu deinem Pferd, und du bist ein toter Mann. Lass die Winchester da stecken, wo sie niemandem weh tut."

Chaco stieg vom Pferd und ging auf den Mexikaner zu. Der Kerl hatte seinen Sombrero abgenommen.

Senor", begann er bescheiden und hielt den Sombrero vor die Brust. „Verzeihen Sie, aber ich ...“

Das tückische Blinzeln der Augen des Mexikaners hatte Chaco gewarnt. Der Mann schleuderte ihm den Sombrero ins Gesicht. Chaco wehrte den Hut mit der linken Hand ab und schoss mit der rechten.

Klick!

Das Gewehr war nicht geladen! Chaco hatte es dem toten Mann in Schwarz abgenommen und die Patronenkammer nicht kontrolliert.

Der Mexikaner hatte sofort begriffen. Er schnellte herum zu seinem Pferd und zog die Winchester aus dem Scabbard. Chaco ließ sich zur Seite fallen. Er griff nach dem Peacemaker und fühlte den kalten Nussbaumgriff in seiner Hand. Herausziehen und spannen war eins. Dann fiel er auf den Boden. Er rollte sich weg von dem Mexikaner.

Die Stelle, wo er eben noch gelegen hatte, wurde von Kugeln zerpflügt. Chaco rollte sich immer weiter. Er sah einen Felsen vor sich. Panthergleich sprang er dahinter. Der Mexikaner hatte aufgehört zu schießen.

Chaco wartete. Nichts geschah. Dann fasste er einen Entschluss. Er ging in die Knie und schnellte in die Höhe. Die Überraschung wirkte. Der Mexikaner hatte nicht damit gerechnet. Er stand nur einige Fuß vom Felsen entfernt.

Chaco hielt den Colt mit beiden Händen und feuerte. Der Mexikaner kam nicht mehr zum Schuss. Sein Kopf wurde nach hinten gerissen, er schlug rücklings zu Boden. In der Mitte seiner Stirn war ein schwarz gerändetes Loch.

Chaco ging zu dem Maultier, fasste es bei den Zügeln und führte es zu dem Pferd, mit dem er hinuntergeritten war. Es folgte ihm, ohne Widerstand zu leisten. Er ritt hinauf zu dem Jungen.

Der Junge hatte noch mehr Blut verloren. Seine Haut war schneeweiß geworden. Chaco wusste, dass er nicht überleben würde.

Als der Junge das Maultier sah, stemmte er seinen Oberkörper auf den Ellenbogen hoch. Es schien ihm unsägliche Schmerzen zu bereiten. Sein Gesicht war verzerrt und sein Körper von Krämpfen geschüttelt. Doch ein starkes Verlangen gab ihm Kraft. Er richtete sich auf und taumelte zu dem Maultier. Seine langen Finger klappten den Verschluss der linken Satteltasche zurück. Er steckte seinen rechten Arm bis zur Schulter hinein und bewegte ihn hin und her, als ob er etwas suchte. Dann schien er es gefunden zu haben.

Aber die Kraft verließ ihn. Seine Beine knickten ein. Er sackte nach unten weg. Das Gewicht seines Körpers zog den Arm wieder aus der Satteltasche. Die Hand erschien. Sie hielt ein silbern glänzendes Kästchen fest.

Chaco fing den schlaffen Körper auf, schleppte ihn zu einem Fels und lehnte ihn dort an. Das Kästchen fiel aus der kraftlosen Hand des Jungen. Es kullerte den Hang hinunter, bis ein Stein es stoppte. Dabei sprang es auf. Es war eine Spieldose. Zierliche Glockenmusik ertönte. Aus dem rot scheinenden Inneren flog ein Stück Papier und verfing sich in einem nahen Dornbusch.

Als der Junge die Glockenmusik hörte, stöhnte er laut. Sein Atem ging in rasselnden Stössen. Seine Lippen formten ein Wort.

Clarissa!"

Dann fiel sein Kopf zur Seite. Die Augen waren gebrochen. Er war tot.


*


Chaco hatte den Jungen begraben.

Er ging zu der Stelle, wo das Kästchen lag. Das Innere des Kästchens war mit rotem Samt ausgepolstert. Es enthielt ein kleines Päckchen. Das Päckchen war in Ölpapier gewickelt. Die Verschnürung war mit rotem Lack versiegelt. Chaco legte das Päckchen zurück in die Spieldose.

Dann ging er zu dem Dornbusch und holte das Stück Papier. Es war ein Briefumschlag, adressiert an Frederik Tracy, Harvard, Connecticut. Absender: Clarissa Tracy, Cerritos. Chaco legte den Brief zu dem Päckchen und ließ den Kästchendeckel zuklappen. Das Glockenspiel verstummte. Er hörte wieder die Geräusche der Bahnarbeiter aus dem Tal.

Frederik Tracy hatte ihn nicht verfolgt. Er hatte nur den gleichen Weg wie er. Nach Cerritos. Aber dort hatte er Feinde, zwei verschiedene Banden, die ihm nach dem Leben getrachtet hatten. Wahrscheinlich hatte er von der Gefahr nichts gewusst. Er war völlig unbewaffnet geritten, wenn man von dem abenteuerlichen Vorderlader absah. Aber noch nicht einmal den hatte er abgefeuert.

Chaco hob den Vorderlader auf und steckte ihn zurück in den Scabbard. Das silberne Kästchen schob er in die Satteltasche des Maultiers.

Dann stieg er zum Plateau hoch. Er sattelte sein Pferd und führte es hinunter. Dort stieg er auf, nahm das Maultier bei den Zügeln und zog es hinter sich her.

Er würde noch vor der Abenddämmerung in Cerritos sein.


*


Die meisten Häuser in Cerritos waren aus Adobelehm gebaut. Sie waren viereckig, hatten flache Dächer und kleine Fenster in den dicken Wänden. Der mexikanische Einfluss zeigte sich auch an der Plaza, die genau im Zentrum der kleinen Stadt lag.

Chaco verließ eine der kleinen Seitenstraßen, die alle auf der Plaza endeten. Es war später Nachmittag, und es war kalt geworden. Nur wenige vermummte Gestalten huschten an den Häusern entlang. Niemand schien ihn zu beachten.

He, Hombre!“, rief er einem Mann nach. Der Angesprochene blieb ruckartig stehen. Er drehte sich um und blickte Chaco an. Seine Augen schienen ihm etwas sagen zu wollen. Dann aber schlug er seinen Mantel vor die untere Hälfte des Gesichts und lief davon. Der Mann hatte Angst.

Die Plaza wurde von zwei Gebäuden beherrscht. Das eine hatte eine protzig angemalte Holzfassade.

Louvre Saloon & Hotel“ stand in goldenen Buchstaben über dem Eingang. Das andere stand genau gegenüber. Es war aus Holz, zweistöckig und hatte eine rote Laterne über dem Eingang - das Bordell.

In der Mitte der Plaza befand sich ein Springbrunnen. Chaco führte Stute und Maultier zu dem Brunnen, um sie saufen zu lassen. Der Mann, der eben vor ihm weggelaufen war, war zurückgekehrt. Er hatte andere mit sich gebracht.

Die Dorfbewohner hielten sich in respektvoller Ferne. Sie redeten aufgeregt miteinander. Einige zeigten auf Chaco. Hunde bellten. Dann war alles vorbei. So schnell wie sie erschienen waren, waren sie wieder verschwunden. Chaco blickte auf den leeren Fleck, wo sie eben noch gestanden hatten.

He! Amigo!“

Er fuhr herum. Hinter ihm stand ein Mexikaner. Seine Kleidung war ziemlich zerlumpt. Er war schlecht rasiert, die Vorderzähne waren schwarz. Er tätschelte den Rücken des Maultiers.

Ein schönes Tier, Amigo. Ich würde es dir gern abkaufen. Wieviel willst du dafür haben?“

Was findest du so schön an diesem alten Klepper?“, fragte ihn Chaco. „Dem hängt das Rückgrat doch bis zu den Knien.“

Eigentlich hast du recht, Amigo“. sagte der Mexikaner. „Aber die Satteltaschen sind sehr schön gearbeitet.“ Er fummelte an dem Verschluss der linken Satteltasche. „Was sind sie dir wert?“

Kennst du Frederik Tracy?“, fragte ihn Chaco.

In dem Gesicht des Mexikaners zuckte es. „Ich habe den Namen noch nie in meinem Leben gehört.“

Schade“, sagte Chaco. „Er ist nämlich der einzige, der die Satteltaschen an dich verkaufen kann.“

Ist?“, sagte der Mexikaner. „Solltest du nicht lieber sagen: war?“ Er lachte heiser und entfernte sich von Chaco. „Viel Glück, Amigo!", rief er.

Er lachte noch immer, als er in eine der Seitenstraßen einbog. Da ertönte ein Schuss. Chaco konnte nicht feststellen, von wo. Das Lachen war verstummt. Der Mexikaner torkelte. Ein zweiter Schuss. Wie von unsichtbaren Fäden gerissen, stürzte der Mexikaner in den Rinnstein.

Chaco lockerte den Sattelgurt seiner Stute. Über den Schwingtüren des Saloons sah er einige Augenpaare, die ihn beobachteten.

Das Pferd und das Maultier hatten genug gesoffen. Er nahm sie beim Zügel und brachte sie zu einem Mietstall. Das Gesicht des Stallbesitzers war wie gefroren. Auf jede Frage antwortete er mit einem Kopfschütteln. Nur als Chaco ihn nach einem anderen Mietstall fragte, öffnete er den Mund.

Es gibt noch einen hinter dem Saloon", sagte er.

Dann werde ich meine Tiere wohl dort unterbringen müssen“, sagte Chaco.

Das wäre mir auch lieber", erklärte der Stallbesitzen

Chaco zuckte mit den Schultern und ging mit Maultier und Pferd zurück zur Plaza. Dort erwartete ihn eine Gruppe von Männern. Sie sahen nicht gerade freundlich aus. Einer von ihnen trug einen weißen Verband am Kopf. Chaco musste sofort an den geflohenen Reiter in Schwarz denken. Der war am Kopf verletzt worden.

Als er auf der Plaza angelangt war, umringten ihn die Männer. Einer von ihnen trat hervor. Er hatte ein rötliches, verwittertes Gesicht und trug einen Blechstern an seiner Kalbslederweste.

Ich bin hier der Sheriff", sagte er und hakte seine Daumen im Patronengurt fest. „Was hast du hier zu suchen?“

Chaco blickte dem Mann in die kleinen, verschlagenen Augen.

Ich suche Arbeit“, erwiderte er. „Ist das verboten, Sheriff?“

Und wo hast du das Maultier her?“, fragte der Sheriff. „Das sieht mir doch ganz so aus, als gehöre es Frederik Tracy. Wo hast du das her, Halbblut?“

Der Sheriff war keine besonders große Leuchte.

Woher wissen Sie denn, dass es Tracys Maultier ist?“, fragte Chaco. „Hat Ihnen das jemand erzählt?“

Ich - äh - ich habe ...“ Der Sheriff geriet aus dem Konzept. Es war offensichtlich, dass der Mann mit dem Verband am Kopf bei dem Überfall dabei gewesen war. Woher sonst hätte der Sheriff etwas über Tracy wissen sollen? Es gab keine anderen Zeugen.

Chacos Blick wanderte zu dem Mann mit dem Kopfverband. Er war klein und blond und hatte blau-grüne Augen. Auf seinem Gesicht lag die verborgene Gefahr wie ein Schatten. Bei Chacos letzter Frage hatte er die Augenlider so dicht zusammengekniffen, dass nur noch ein schmaler Schlitz blieb.

Der Sheriff hatte inzwischen seine Fassung wiedergefunden.

Ich stelle hier die Fragen", fauchte er. „Wo hast du das Maultier her?"

Aus den Bergen am Talhang“, sagte Chaco. „Dort ist ein Junge von zwei Banden gleichzeitig überfallen worden. Leider hat er es nicht überlebt. Ich habe ihn beerdigt.“

Ah! Ein Überfall", sagte der Sheriff, als ob es etwas völlig Neues für ihn wäre. „Wie haben Sie denn ausgesehen, die Banditen?"

Die einen waren Mexikaner“, erwiderte Chaco. „Die anderen waren Weiße. Einer von ihnen sah genauso aus wie der da.“ Chaco zeigte auf den Mann mit dem Kopfverband. „Gemein und hinterhältig.“

Das reicht“, schnappte der Angesprochene. „Machen wir ihn doch gleich fertig, das dreckige Halbblut.“ Er wollte auf Chaco losgehen.

Aber der Sheriff hielt ihn zurück.

Sei ruhig, Tap“, sagte er. „Ganz ruhig. Du weißt doch, was Mister Canton gesagt hat...“

Canton. Den Namen prägte sich Chaco ein. Wahrscheinlich war das der Mann, der in Cerritos die Fäden zog. Er musste sehr einflussreich sein. Jeder fürchtete ihn.

Chacos Blick glitt über die Fensterfront des Bordells. Die Fenster waren alle gleichmäßig mit Spitzenvorhängen verhängt. An einem Fenster war der Vorhang zur Seite geschoben, und eine Frau sah auf die Plaza hinunter. Sie hatte blaue Augen, dichtes schwarzgelocktes Haar und die straffen Rundungen eines frisch erblühten Körpers. Sie trug nicht mehr als ein lila Seidenmieder, das mit Spitzen besetzt war. Ihre Haut war schneeweiß, ihre Lippen rot, ohne angemalt zu sein. Eine solche Frau gab es nicht oft in dieser Gegend.

Für einen Moment war Chaco wie verzaubert. Dann riss ein glatzköpfiger Fettwanst sie vom Fenster weg und küsste sie auf den Hals. Sie wehrte sich angeekelt, aber er zog sie mit sich fort.

He, Halbblut! Hörst du schlecht?“ Die Worte des Sheriffs holten ihn wieder in die Wirklichkeit zurück.

Der Sheriff hatte sich vor ihm aufgebaut. „Du bist verhaftet. Und zwar wegen Mordes an Frederik Tracy. Begangen heute am frühen Nachmittag. Rück deine Waffen heraus. Die brauchst du im Gefängnis nicht.“

Und wer ist Zeuge?“, fragte Chaco.

Der wird sich noch finden", erklärte der Sheriff.

Das werden wir sehen“, sagte Chaco. „Bis dahin bin ich ein freier Mann. Da wird mich niemand dran hindern. Verstanden, Sheriff? Niemand!“

Du fühlst dich ziemlich stark, was?“, sagte der Sheriff spöttisch. „Meinst du nicht, dass du dich übernimmst?“ Er zeigte mit der linken Hand auf die Männer, die Chaco im Kreis umstanden.

Kaum“, sagte Chaco. Mit einer schnellen, drehenden Bewegung hatte er den Peacemaker unter seinem Öltuchponcho hervorgezogen. Man konnte den Hahn auf der ganzen Plaza klicken hören, als er ihn spannte.

Dem Sheriff stand der Mund offen. Er hätte diesem Halbblut nie zugetraut, so schnell zu ziehen.

Mach keine Dummheiten“, sagte er.

Chaco trat auf ihn zu.

Was hast du vor?“ Die Stimme des Sheriffs zitterte.

Chaco drückte dem Sheriff den Colt in den Bauch. Er stand jetzt so nah bei ihm, dass er dessen üblen Atem riechen konnte. Chaco glaubte das Herz des Sheriffs hämmern zu hören. Der Mann fürchtete sich. Er war ein Schlappschwanz und ein Großmaul dazu.

Nichts unternehmen, Männer“, keuchte er. „Ihr seht ja. Er hat mich vor seiner Waffe.“

Gut“, flüsterte ihm Chaco zu. „Du sagst jetzt deinen Männern, dass sie verschwinden sollen. Keine krumme Tour, oder ich pumpe dich mit Blei voll.“

Ja, ja“, sagte der Sheriff hastig. Er versuchte, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. „Hört her, Männer. Das Halbblut bleibt frei, bis seine Schuld bewiesen ist. Ich brauche euch nicht mehr.“

Die Männer rührten sich nicht. Ratlos wandte sich der Sheriff ,an Chaco.

Lass dir was einfallen“, flüsterte Chaco und bohrte den Colt etwas tiefer in den Bauch des Sheriffs. Der Mann stöhnte auf.

Männer“, sagte er und sah sehr blass aus. „Ihr wisst, dass Canton ihn lebend haben will. Lasst ihn in Ruhe, oder Canton wird davon erfahren."

Das wirkte. Die starre Haltung der Männer hatte sich bei dem Namen Canton gelöst. Sie standen verlegen herum.

Chaco war selber überrascht. Wozu brauchte Canton ihn lebend? Und wer war Canton überhaupt?

Ihr habt gehört, was der Sheriff gesagt hat!", rief er den Männern zu. „Verzieht euch!"

Die ersten Männer entfernten sich zögernd. Chaco verfolgte mit den Augen, wie sie in den Seitenstraßen verschwanden. Er stand immer noch neben dem Sheriff. Den Druck des Colts auf den Bauch des Sheriffs hatte er gelockert.

Hinter sich hörte er Hufe scharren. Das Maultier wieherte auf. Aus den Augenwinkeln sah er etwas Weißes leuchten. Den Kopfverband!

Chaco blickte über die Schulter und sah, wie der Mann mit dem Kopfverband das Maultier von der Plaza zerrte. Das Tier wehrte sich. Dann gab es nach, und Chaco sah das Hinterteil des Tieres in einer Seitenstraße verschwinden.

Chaco stieß den Sheriff von sich und fluchte. „Ich habe dich gewarnt", zischte er. „Keine Tricks.“

Nein, nein", jammerte der Sheriff. „Ich habe nichts damit zu tun. Lass mich leben.“ Er stolperte und setzte sich auf den Hintern. Hastig rutschte er von Chaco weg.

Hau ab!“, rief Chaco ihm zu.

Der Sheriff sprang auf und hastete von der Plaza, als ob tausend Teufel hinter ihm her wären.

Für einen Moment war Stille. Nur der Springbrunnen plätscherte. Chaco ging zu der Straße, in der das Maultier verschwunden war. Es hatte Spuren im harten Lehmboden hinterlassen. Die Spuren führten fünzig Yards die Straße hinunter. Dann endeten sie an einem Holztor.

Das Tor war in eine Adobewand eingelassen. Gegen den weißen Lehm wirkte es pechschwarz. Die mannshohe Wand umgab einen Hof. Chaco hörte Hühner gackern und scharren.

In der Mitte des Tors hing ein riesiger Schwengel an einem Lederband, der Türklopfer. Chaco hob das Holz und ließ es gegen das Tor fallen. Das Geräusch war dumpf und dröhnend.

Hinter dem Tor schlurften Schritte. Eine kleine Luke öffnete sich in Augenhöhe. Dahinter erschienen zwei blitzende Augen und das zerfurchte Gesicht eines alten Mexikaners.

Was willst du?“, fragte der Alte.

Ich suche mein Maultier“, sagte Chaco. „Hast du es zufällig gesehen?“

Wie sah dein Maultier aus?“

Es war alt“, sagte Chaco. „Älter noch als du. Das Rückgrat hing ihm fast bis zu den Knien.“

Der Alte legte die Stirn in Falten. „Ich glaube, ich habe dein Maultier nicht gesehen.“

Denke lieber noch mal nach“, sagte Chaco. „Du weißt, dass du nicht in den Himmel kommst, wenn du lügst.“

Ich habe es nicht gesehen“, sagte der Alte und wollte die Klappe schließen. Chaco hielt die Klappe mit der Hand auf.

Ich möchte mich doch lieber selbst bei dir umschauen“, sagte er. „Vielleicht hast du es wirklich nicht gesehen. Aber im Alter entgeht einem vieles. Öffne das Tor.“

Niemals", zeterte der Alte. Er versuchte, die Klappe mit beiden Händen zuzuziehen.

Chaco seufzte resignierend. Eigentlich hatte er es dem Alten ersparen wollen. Er zog den Peacemaker aus der Halfter und hielt ihn dem Alten durch die Luke ins Gesicht.

Der Alte zuckte zusammen, als er die Spannfeder klicken hörte. Seine Hände ließen von der Klappe ab.

Ganz ruhig“, sagte ihm Chaco. „Öffne das Tor.“

Es ertönte ein schlurrendes Geräusch, als der Alte den Verriegelungsbalken aus der dicken Wand zog. Chaco drückte das Tor auf.

In einer Sekunde hatten seine Augen die Situation erfasst. In der linken Ecke stand ein kleines, viereckiges Haus. Es sah nicht besonders gut aus. In der Türecke spielten Mäuse. Rechts neben dem Haus war die Remise. Sie war zweistöckig, hatte aber keine Seitenwände. Das Obergeschoss war mit Stroh vollgestopft. Im Untergeschoss standen ein Kastenwagen, ein Pferd und ein Esel. In der finstersten Ecke entdeckte Chaco das Maultier.

Du hast dich geirrt, Alter“, sagte er. „Mein Maultier ist doch bei dir vorbeigekommen. Du hast sogar hinter ihm abgeschlossen.“

Der Alte zuckte mit den Schultern. Sein Blick war auf das Obergeschoss der Remise geheftet. Chaco bemerkte zu spät, dass von dort Gefahr drohte. Plötzlich lag die Wurfschlinge eines Lassos über seinen Armen. Sie zog sich zusammen. Seine Arme wurden an den Körper gepresst. Er konnte sich nicht mehr bewegen.

Das straffe Seil führte ins Obergeschoss der Remise. Dort sah er den Mann mit dem Kopfverband stehen.

Er hielt das Seilende um seine rechte Hand geschlungen.

Chaco überlegte nicht lange. Er warf sich nach hinten. Das brachte den Mann am anderen Ende des Seils aus dem Gleichgewicht. Er taumelte, ließ das Seil los und ruderte mit den Armen.

Chaco befreite sich von dem Lasso. Der Mann hatte sich den Fuß am Boden verstaucht. Er wimmerte leise. Mühelos nahm ihm Chaco die Waffe ab.

Sei froh, dass du verletzt bist“, sagte er. „So entgehst du einer Tracht Prügel.“

Tun Sie mir nichts, Senor. Er hat mich gezwungen, ihn zu verstecken!“, jammerte der Alte, der alles beobachtet hatte.

Mach dir keine Sorgen, Väterchen“, sagte Chaco und strich über dessen fast kahlen Schädel. „Nur lüg mich in Zukunft nicht mehr an. Das zahlt sich nämlich nicht aus.“

Chaco holte das Maultier aus dem Versteck und brachte es zurück zu seinem Pferd auf die Plaza.

Der Abend nahte jetzt. Langsam hüllte sich die Welt in ein wirbelndes Graublau. Bei Sonnenuntergang hörten die Bahnarbeiter auf zu arbeiten. Bald würden die ersten Wagenladungen von ihnen eintreffen und den Ort mit Leben erfüllen.

Jetzt war es noch still, so als bereite sich die Stadt für den Abend vor. Chacos Blick glitt wieder über die Fensterfront des Bordells. Aber er konnte das Gesicht des schönen schwarzgelockten Mädchens nicht entdecken.

Schließlich nahm er die Stute und das Maultier bei den Zügeln und führte sie zu dem Mietstall hinter dem Saloon. Er stellte dem Besitzer keine Fragen. Er hätte doch keine Antwort erhalten. Wortlos schnippte er ihm zwei Silberdollars für die Verpflegung der Tiere hin.

Chaco nahm die Satteltaschen des Maultiers und den Harpers Ferry-Vorderlader mit sich, als er den Mietstall verließ. Er ging in Richtung Saloon, um sich ein Zimmer zu nehmen.


*


Chaco stieß die Schwingtüren auf und trat in den Saloon. Der Raum war groß und gut beheizt. Unter dem Bild einer Meerjungfrau loderte ein riesiges Kaminfeuer. Es tauchte den Raum in ein gespenstisch flackerndes Licht. Hinter der Bar befand sich ein riesiger Spiegel. Vor dem Spiegel waren in fünf Etagen Regale angebracht. Sie waren mit den verschiedensten Sorten von Alkohol vollgestellt. Fast jede Flasche hatte eine andere Farbe. Aus der Ferne sahen sie wie bunte Punkte aus. Neben dem Spiegel stand eine Leiter. Der Barkeeper brauchte sie, um die Flaschen aus den oberen Regalen zu holen.

Die blankpolierte Messingplatte der Theke fungierte zugleich als Hotelrezeption. Dahinter saß ein dicker Barkeeper und putzte sich gelangweilt die Fingernägel. Außer ihm und Chaco befand sich niemand mehr im Raum.

Chaco zeigte auf eine Treppe im Hintergrund. Sie führte hinauf in den ersten Stock.

Geht die zu den Zimmern?", fragte er den Keeper.

Der Dicke blickte gelangweilt auf. „Keine Zimmer mehr frei“, sagte er.

Chaco blickte auf das vollbehangene Schlüsselbrett neben dem Spiegel. Dann legte er drei Dollar auf die Theke.

Okay“, sagte er. „Gib mir einen Schlüssel, und ich will vergessen, dass du mich eben angelogen hast."

Kann ich nicht tun“, sagte der Barkeeper. „Die Zimmer sind alle schon besetzt. Mister Canton würde ...“

Wer ist Canton?", unterbrach ihn Chaco.

Er - ich ...“ Die Augen des Keepers weiteten sich vor Angst. Er schnappte nach Luft und blickte hasserfüllt auf Chaco. „Verschwinden Sie!“, schrie er. „Hier ist nichts mehr frei! Wir wollen hier keinen Ärger!“

Chaco schlug die Tresenklappe zurück und trat hinter die Bar. Er nahm einen Schlüssel vom Haken und ging die Treppe hinauf. Die Maultiertaschen hatte er über seiner linken Schulter hängen. Die Harpers Ferry trug er in seiner rechten Hand.

Auf halber Treppenhöhe warf er dem Barkeeper noch einmal einen Blick zu. Der Mann stand mit geballten Händen hinter der Theke. Aber er traute sich nichts zu sagen.


*


Die Zimmer waren klein, aber sauber eingerichtet, mit Waschtisch und Wasserkrug. Am Fenster stand ein Kanonenofen. Sein Rohr ragte durch ein abgedichtetes Loch in der Wand ins Freie. Chaco ließ Satteltaschen und Gewehr auf das Bett unter dem Fenster fallen. Er streifte den Poncho über den Kopf und öffnete die Jacke. Darunter erschien ein rostrotes Baumwollhemd. Chaco betrachtete sich prüfend im Spiegel der Kommode. Da klopfte es an der Tür.

Ein verschüchtertes Mädchen trat ein. Ihre Arme waren mit Holzblöcken beladen.

Ich wollte den Ofen heizen“, sagte sie leise. Und schon hockte sie vor dem gusseisernen Kanonenofen und stopfte Zeitungspapier und Holz hinein.

Sie hatte ein offenes, liebes Gesicht, das mit Sommersprossen übersät war. Ihre blonden Haare waren zu Zöpfen gebunden. Sie trug ein fleckiges Unterhemd, einen dünnen Calicorock und Holzschuhe. Sie musste frieren.

Flink wie ein Eichhörnchen hatte sie den Ofen in Gang gebracht. Chaco hörte die Scheite knistern. Das Mädchen erhob sich und wollte mit dem Gesicht zur Wand das Zimmer verlassen.

Halt!“, sagte Chaco. Mit gesenktem Kopf blieb sie stehen. Sie wagte nicht, ihm ins Gesicht zu schauen.

Chaco zog einen Silberdollar aus seiner Hosentasche und drückte ihn ihr in die Hand.

Das ist für dich“, sagte er freundlich. „Und vielen Dank für die Mühe.“

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738908640
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
chaco halbblut cerritos

Autor

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Titel: CHACO – Das Halbblut #20: In Cerritos wartet der Tod