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N.Y.D. New York Detectives - Kokainkrieg in Manhattan

2017 120 Seiten

Leseprobe

Kokainkrieg in Manhattan: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Klaus Tiberius Schmidt


Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.


200 Kilo reinstes kolumbianisches Kokain im Wert von über 50 Millionen Dollar will die New Yorker Drogenmafia in Empfang nehmen – doch eine unbekannte Gang aus Kalifornien jagt ihnen das Rauschgift ab. Dabei wird Drogenfahnder Buck Coogan angeschossen. Bevor er stirbt, schleppt er sich zu Bount Reiniger, dem erfolgreichsten Privatdetektive New Yorks. Die Sache ist so brisant, dass es Reiniger kaum gelingt, an Informationen zu kommen – sogar sein Freund Toby Rogers von der Manhattan Mordkommission hüllt sich in Schweigen. Für den Detektiv ist jedoch klar: Die Drogen müssen gefunden und vernichtet werden ...




Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen:

Buck Coogan arbeitet immer allein. Diesmal führt ihn die Spur, der er folgt, ins Verderben.

Chip Bronson geht brutal und rücksichtslos vor, wenn es heißt, Widersacher auszuschalten. Er will, dass New York ihm gehört.

Placker kennt man nur unter diesem Namen, und als Bount Reiniger den geheimnisvollen Mann im Hintergrund aufstöbert, wird es für ihn im wahrsten Sinne des Wortes brenzlig.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.



1

Ollie Harper auf dem besten Weg, ein ganz Großer in der Drogenszene von New York zu werden. Er zählte zu den besten Dealern und besaß hervorragende Verbindungen. Er war ein eiskalter Wolf, ein Blutsauger schlimmster Art, der nichts dem Zufall überließ und für den es nur eins gab: Geld.

Als er jedoch an diesem heißen Abend seine Lieblingsnachtbar mit einer dunkelhäutigen Schönheit verließ, war er abgelenkt.

Dieses Rasseweib an seiner Seite machte ihn wahnsinnig, sodass er seine Umgebung regelrecht vergaß.

Ein Fehler, der sich bitter rächte.

Der Gangster registrierte den hellblauen Buick nicht. Das Fahrzeug fuhr langsam und ohne Scheinwerferlicht. Rasch gewann es an Fahrt.

Ahnungslos betrat das Pärchen den Bürgersteig. Der Portier musste jeden Augenblick mit dem Cadillac vorfahren.

Da erst sah Ollie Harper den hellblauen Buick heranrasen.

Alles ging blitzschnell.

Ohne die kleinste Schrecksekunde handelte er. Wer im Großstadtmorast überleben wollte, musste schnell sein, verdammt schnell.

Der Ganove sprang zurück. Mit einer fließenden Bewegung zog er seinen Colt Python aus dem Schul terholster.

In derselben Sekunde aber war der Buick heran. Die Scheinwerfer flammten grell auf und blendeten ihn.

Die Killer ließen ihm keine Chance.

Mit einem widerlichen Tackern spuckte eine MP ihre tödliche Ladung aus. Grelle Feuerlanzen leckten durch die Nacht. Unsichtbare Titanenfäuste rissen den Dealer nach hinten.

Das Letzte, was er in dieser Welt registrierte, waren die hysterischen Schreie seines Girls, die jäh abbrachen.



2

Wenn Bount Reiniger eines hasste, dann war es das Schrillen eines Telefons. So praktisch diese Erfindung war, so störend konnte sie auch sein. Besonders, wenn man hundemüde war und seine Ruhe haben wollte. Klingeln bedeutete in seinem Job entweder einen Auftrag - oder Ärger.

Diesmal kam gewiss Letzteres infrage, denn ein rascher Blick auf seine Armbanduhr sagte ihm, dass es bereits kurz vor Mitternacht war. Er musste auf der Couch in seinem Büro eingenickt sein.

»Das darf doch wohl nicht wahr sein«, maulte er müde und gähnte. Er nahm ab und meldete sich.

Am anderen Ende war eine dunkle Stimme, die an einen brummigen Bären erinnerte. Auch dieser Mann schien nicht gerade blendendster Laune zu sein.

»Na endlich«, knurrte er. »Wurde aber auch Zeit, dass du abnimmst. Wirf dich in eine Jacke und trab los. Ich brauche dich. Vernon Boulevard, Ecke 38. Straße in Long Island City. Ich denke, dass du das >Chez Michelle< kennst. Also, mach dich auf die Socken.«

»Dürfte ich mal ...«

Bount Reiniger durfte nicht, wie er sofort begriff. Der Teilnehmer hatte nämlich bereits aufgelegt.

»Altes Scheusal!«, schimpfte Bount Reiniger leise. Zu solch einem theatralischen Auftritt war nur sein alter Freund Toby Rogers fähig.

Es musste schon einen triftigen Grund geben, wenn ihn der schwergewichtige Captain der Mordkommission Manhattan Süd herbeitrommelte.

Es roch tatsächlich nach gewaltigem Ärger, zumal Bount Reiniger mit der Polizei eigentlich nichts zu schaffen hatte. Als Privatdetektiv ging er seine eigenen Wege. Auch wenn Toby und er oftmals Hand in Hand gegen das Verbrechen arbeiteten.

Was wollte Toby Rogers von ihm? Und wieso trieb er sich außerhalb seines Verantwortungsbereiches herum? Das alles stank zum Himmel.

Reiniger stand auf und holte sich die Lederjacke aus dem Schrank. Um Antwort auf seine Fragen zu bekommen, gab es ein todsicheres Mittel: zum »Chez Michelle« fahren.

Gesagt, getan.

Wenige Minuten später saß er in seinem champagnerfarbenen Mercedes 500 SL und fuhr Richtung Osten. Als er die Queensboro Bridge hinter sich gelassen hatte, war es nur noch ein Katzensprung.

Die Nachtbar »Chez Michelle« war ein kleines Lokal, in dem sich fast ausschließlich Neureiche und solche, die sich dafür hielten, die Abende und Nächte um die Ohren schlugen und mit ihren Dollars angaben. Bount hatte sich einmal mit einem Klienten in diesem Etablissement getroffen. Das war bereits Jahre her.

Schon von Weitem sah er das rotierende Licht der Patrol Cars, die über die dunklen Hausfassaden zuckten. Rotblau fluteten Lichtkaskaden über die tristen Wände.

Die Menschenmenge, die sich zwischen ihm und dem Tatort drängelte, war dicht und fast undurchdringlich.

Bount entschloss sich daher, den Wagen am Straßenrand stehen zu lassen. Zu Fuß kam er bestimmt besser durch.

Schon nach wenigen Yards stellte er fest, dass dies nicht der Fall war. Der neugierige Pöbel gierte wieder einmal nach Sensationen und Blut. Bount erntete unangenehme Seitenhiebe mit Ellenbogen und Fäusten, als er versuchte, sich durchzudrängeln.

Endlich lag der Tatort ohne Hindernis vor ihm.

Er erkannte auf einen Blick, was geschehen war.

Drei große Polizeischeinwerfer rissen jede Einzelheit in grelles Licht und duldeten in einem Umkreis von mehreren Yards keinerlei Schatten.

Vor den Stufen der Bar lagen zwei Menschen, ein weißer Mann und eine schwarze Frau. Mehrere Kugeln hatten sie durchlöchert. Die teure Garderobe war blutdurchtränkt.

Eine MP-Salve war quer über Hauswand und Bareingang gerast. Die Projektile hatten den Putz durchschlagen und größere Löcher hinterlassen. Die gläserne Tür des Lokals bestand nur noch aus Scherben.

»Bitte gehen Sie zurück.«

Ein Cop in dunkelblauer Uniform kam auf Bount Reiniger zu und wollte ihn zurückdrängen. Man sah ihm an, dass sein Geduldsfaden während des Kampfes mit den Gaffern ziemlich dünn geworden war. Es war nur eine Frage der Zeit, wann er reißen würde.

Bount Reiniger zeigte seine Lizenz und fragte nach Toby Rogers.

Mit einem kurzen Nicken trat der Polizist beiseite und ließ ihn passieren.

Der Erkennungsdienst war mit seiner Arbeit fast schon fertig. Bount zählte mehr als sechs Leute, die eifrig damit beschäftigt waren, jede noch so kleine Spur festzuhalten.

Ein Wagen fuhr vor. Zwei Zinksärge wurden ausgeladen. Man machte sich daran, die mit Kugeln durchsiebten Leichen in die Gerichtsmedizin zu bringen.

»Kein schöner Anblick, nicht wahr?«

Reiniger zuckte zusammen und fuhr herum. Er war in Gedanken gewesen und hatte nicht gehört, dass sich ihm jemand genähert hatte. Unter anderen Umständen konnte so etwas tödlich sein. Diesmal aber bestand keine Gefahr. Sein Gegenüber war harmlos. Jedenfalls im Augenblick.

Vor ihm stand Toby Rogers, der allgewaltige Captain der Mordkommission Manhattan Süd II. Wie immer glich sein Gesicht, das zum Doppelkinn neigte, dem einer Bulldogge.

Seit Jahren waren Reiniger und Rogers Freunde und Kämpfer gegen Unrecht und Verbrechen. Unterschiedlich wie Feuer und Wasser, hatten sie es bisher doch immer wieder geschafft, den Gangstern in New York das Leben schwer zu machen oder ihnen gesiebte Atemluft zu verschaffen.

Ihre Methoden mochten unterschiedlicher Art sein, doch sie hatten Erfolg, den die Unterwelt wie die Pest fürchtete.

»Du denkst wohl auch, kleiner Schreck am Abend, erquickend und labend, wie?«, schimpfte Bount Reiniger. »Kannst du nicht wie ein normaler Mensch auf einen Mann zukommen? Ich hätte beinahe einen Herzinfarkt bekommen.«

Toby Rogers knurrte etwas Unverständliches, dann wies er auf den männlichen Toten. Man legte den Ermordeten gerade in einen Zinksarg, um ihn abzutransportieren.

»Das war Ollie Harper, ein mittelprächtiger Fisch in der Drogenhalbwelt. Manchmal mischte er auch weiter unten mit. Ein eiskalter Typ mit Top-Verbindungen. Kennst du ihn?«

Bount Reiniger stutzte.

»Woher sollte ich?«, fragte er. »Den Namen habe ich nie gehört. Kann man sich den Herren vielleicht noch einmal anschauen, bevor er abtransportiert wird?«

Toby Rogers ermöglichte es, und Bount Reiniger musste feststellen, dass er den Ermordeten nie zuvor gesehen hatte. Auch die Frau, eine gewisse Patty Holborn, ehemaliges Callgirl und seit etwa vier Monaten Harpers ständige Begleiterin, wie er von Toby erfuhr, war ihm noch nie über den Weg gelaufen.

»Alles schön und gut«, meinte Reiniger schließlich, als der Leichenwagen abgefahren war. »Welchen Part spiele ich in diesem Stück? Warum hast du mich mitten in der Nacht hierherkommen lassen?«

Rogers räusperte sich, blickte Bount wie das potentielle Opfer eines Killerhais an und grinste breit.

»Du bist mit im Spiel, Baby«, bestätigte er und zückte eine Visitenkarte. »Schau her!«

Reiniger nahm das Stück Karton. Er erkannte sofort, wem es gehörte.

Ihm selbst. Es war eine seiner Visitenkarten.

»Interessant«, murmelte Reiniger und gab dem Captain das Ding zurück. »Schätze, dass Harper sie bei sich hatte, oder liege ich da falsch?«

»Schlaues Kerlchen«, bestätigte Toby Rogers. »Woher hast du nur immer diese unheimlich schnellen Gedankenblitze? Das ist manchmal wirklich ungeheuer verwirrend.«

Bount Reiniger spürte, dass Toby heute mehr als gereizt und voller Zynismus war. Er brauchte nur eins und eins zusammenzählen, um zu wissen, warum sein Freund derart bissig war. Da war eine ganz große Sache im Busch.

»Hast du nicht gerade noch erzählt, dass Harper ein krummer Hund war?«, wollte er wissen.

Toby Rogers nickte.

»Ja, das habe ich gesagt«, bestätigte er.

»Dann ist diese Frage wohl mehr als überflüssig, mein Freund«, beschwerte sich Bount Reiniger. »Du müsstest mich kennen. Seit wann fördere ich Gangster?«

»Hast wohl heute dein empfindliches Hemd an, was?«

»Ach!«, fauchte Bount Reiniger unwirsch. Er war müde wie ein Hund. »Lass mich doch in Ruhe!«

Wütend tippte er mit dem Zeigefinger gegen Rogers' Brust. Er war sauer.

Abrupt machte er auf dem Absatz kehrt und prallte prompt mit einem Fremden zusammen.

Der Mann war zivil gekleidet. Er trug Jeans, Sportjacke und eine rote Truckermütze, die ein wenig fleckig war und abgenutzt wirkte.

»Darf ich dir Mr. Coogan vorstellen, Bount?«, fragte Rogers, als könne er Bount auf diese Art und Weise noch eine Weile zurückhalten. »Er kann uns in unserem Fall vielleicht weiterhelfen.«

Reiniger wurde hellhörig.

Unauffällig musterte er Coogan.

»In deinem Fall«, verbesserte Reiniger ungehalten. »Du solltest schon konkret bleiben. Was geht mich das Ganze denn an? Diese verdammte Visitenkarte ist ja wohl nicht einmal ein mickriges Indiz, oder?«

Coogan lachte unterdrückt. Damit zog er die Aufmerksamkeit auf sich und beendete den unterschwelligen Streit.

»Es ist wirklich nichts übertrieben«, amüsierte er sich. »Rogers und Reiniger, wie sie leben. Meine Kumpels haben also echt recht gehabt.«

»Darf ich Sie bitten, konkreter zu werden?«, verlangte Rogers.

»Nun ja, Sir«, erklärte Coogan. »Solche Freundschaften wie zwischen Ihnen bleiben nicht unentdeckt. Jedes Revier in New York weiß, was für ein tolles Team Sie in manchen Fällen sind.«

Toby Rogers brummte wie ein gereizter Grizzly und verschränkte die mächtigen Arme. Er musterte Reiniger, als könne er sich nicht entscheiden, ob er freundlich oder feindselig sein sollte.

Coogan nahm ihm die Entscheidung ab.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mister Reiniger«, sagte er und reichte Bount mit einem jungenhaften Lächeln die Hand. »Bin eigentlich rein zufällig hier. Harper war sozusagen mein Patient. Nun ja, dieser Fall ist wohl abgeschlossen. Operation gelungen, Patient tot, wie man so schön sagt.«

Bount Reiniger hatte irgendein Störgefühl. Er wusste selbst nicht, was ihm an diesem sympathischen Mann mit der speckigen Schirmmütze nicht gefiel.

»Wer sind Sie eigentlich? Ein neuer Mann bei Captain Rogers?«

Er suchte Tobys Blick, doch auch daraus konnte er nichts entnehmen.

Coogan schüttelte den Kopf und griff in die gefütterte Innenseite seiner Jacke. Als er Reiniger seinen Ausweis vor die Nase hielt, war die jungenhafte Unbekümmertheit aus seinem Gesicht gewichen.

»Buck Coogan, Drogendezernat, Spezialeinheit Condor. Sie haben Mister Harper also nicht persönlich gekannt?«

Aus dem Störgefühl wurde leicht anschwellender Zorn. Mit einer ausladenden Bewegung drückte Bount den Arm des Mannes beiseite und griff gleichzeitig mit der anderen Hand in sein Jackett.

»Hier ist meine Visitenkarte, Mister Condor«, sagte er gereizt. »Jetzt können Sie sie meinetwegen einer Nutte schenken, und wenn die Dame dann ermordet wird, fragt ihr mich bestimmt, ob ich ihr Zuhälter war. Was ist das überhaupt für ein Spiel? Der tote Harper, ein Drogenagent im Untergrund und meine Visitenkarte. Seht doch selbst zu, wie ihr klarkommt. Ich will nur ins Bett, denn ich habe seit zwei Tagen kaum ein Auge zugetan. Good bye!«



3

Crown Island lag etwa zwanzig Meilen nördlich von New York City. Ein kleines, felsiges Eiland, auf dem höchstens einige Möwen nisteten und das nicht betreten werden konnte. Die von Wind und Wellen polierten Felsen fielen steil ins Meer ab und waren mehr als porös.

Dort also fand die Übergabe garantiert nicht statt. Blieb demnach nur die Küste.

Buck Coogan war seit Jahren nicht mehr dort gewesen und konnte sich lediglich schwach daran erinnern, dass das Gelände unübersichtlich war. Zwischen den kantigen Felsen gab es einige Sandbuchten, die nur selten von Touristen oder Sonnenhungrigen besucht wurden.

Allein schon deshalb, weil eine starke Strömung vorherrschte, die zwar aufs Land zudrängte, dann aber wieder dem offenen Meer zustrebte, war die Gegend nicht als Badeort beliebt, sondern eher gefürchtet. Mehr als zehn Menschen waren in den letzten drei Jahren an dieser Stelle ertrunken.

In Coogans Gehirn machte es Klick.

Seine Fantasie sagte ihm, wie die Gangster an den Stoff kamen, der auf dem Frachter herangeschifft wurde, wenn seine Infos stimmten.

Die günstige Strömung würde den Transport zur Küste übernehmen.

Lautlos und völlig unbeobachtet, da es Nacht war.

Es war kurz nach elf Uhr. Der Frachter musste gewiss pünktlich im Hafen einlaufen. Falls der Kapitän mit in der Sache steckte, würde er streng darauf achten.

Das hieß, dass die Kokainladung irgendwann in nächster Zeit über Bord gehen musste und dann aufgefischt wurde.

Diesen Coup wollte er, Buck Coogan, den Gangstern vermiesen. Er spielte schon mit dem Gedanken, ein paar Kollegen von der Drogenfahndung herbeizutrommeln, doch er unterließ es und gab Gas.

Das war ganz allein sein Fall.

Zu dieser vorgerückten Abendstunde herrschte ungewöhnlich viel Betrieb auf den Straßen. Er wählte die direkte und kürzeste Verbindung nach Norden über den dreispurigen Hutchinson River Parkway bis hinauf nach White Plains.

Buck jagte seinen klapprigen Ford Mustang durch die Nacht. Er war angespannt und nervös. Der plötzliche Tod Harpers hatte ihn nachdenklich gemacht. Irgendwie passte diese Hinrichtung nicht ins Konzept.

Der Wagen fraß Meile um Meile, während die Zeit unaufhaltsam weiterlief.

Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, ein Hoffen und Bangen, rechtzeitig oder zu spät zu kommen.

Zweihundert Kilo reinstes Kokain.

Buck Coogan schluckte, wenn er sich diese Menge nur vorstellte.

Längst war diese teuflische Droge nicht mehr der High Society vorbehalten.

Man bekam es in jeder noch so kleinen Disco oder hinter dem Ladentisch. Die Dealer waren überall und machten das große Geschäft.

Ein ganz Großer in dieser Branche war Chuck Palm. Und genau diesem Gesellen wollte Buck Coogan in dieser Nacht eins auswischen.

Wenn es Palm gelang, sich das Zeug unter den Nagel zu reißen, waren er und seine Kumpane gemachte Männer. Ihr Reichtum aber bedeutete für Tausende nacktes Elend und für Hunderte garantiert einen schrecklichen Tod.

Skrupellos würde Palm das Zeug verschneiden lassen und dann in Umlauf bringen. Für ihn ein Millionencoup.

Schon jetzt sah Coogan, wie die Dealer selbst vor den Schulen erst einmal kostenlos den Stoff verteilten, um die Kinder in den Teufelskreis der Abhängigkeit zu bringen. Ihm wurde übel bei dem Gedanken. In seinem einsamen Job hatte er schon zu viele Tote gesehen, die sich den letzten »Schuss« gesetzt hatten, die verdreckte Nadel noch in der zerstochenen Armvene.

»Nein, Palm«, zischte er zwischen den Zähnen hindurch. »Das wird nicht geschehen. Dafür werde ich sorgen.«

Sein rechter Fuß trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch, als die Außenbezirke der Millionenstadt hinter ihm in der Dunkelheit versanken. Bleifuß war angesagt. Die Bewölkung hatte zugenommen, die Sterne verschwanden.

Vor ihm lag das breite Asphaltband. Wie grelle Lanzen bohrten sich die Scheinwerfer in die Nacht. Die Straße glänzte nass und schien silberne Funken zu versprühen. Im Norden New Yorks musste es geregnet haben.

Der Ford Mustang raste durch die Nacht.

23 Uhr 46.

Noch drei Meilen bis zum Küstenstreifen vor Crown Island.

Immer häufiger schaute Coogan nach rechts. Die Straße führte unmittelbar in der Nähe des Meeres vorbei.

Die Hoffnung, Positionslichter eines Schiffes zu sehen, erfüllte sich nicht. Das wiederum bestärkte ihn in der Vermutung, dass der Kapitän des Frachters bei der Sache mitmischte.

Er musste knapp außerhalb der Dreimeilenzone fahren, doch zu sehen war rein gar nichts. Buck war sicher, dass er das Schiff unter normaler Beleuchtung entdeckt hätte.

Der Drogenfahnder hatte das Seitenfenster heruntergekurbelt und atmete die würzige Luft ein. Der Fahrtwind kühlte sein erhitztes Gesicht.

Manchmal konnte er das Meer sehen, wenn eine Straßenschleife nahe an den Ozean heranführte, um sich dann wieder zu entfernen und durch die gebirgige Küstenlandschaft zu winden.

Noch eine Meile.

Der Wind wehte plötzlich ein Geräusch an sein Ohr, das Buck Coogan veranlasste, blitzschnell auf die Bremse zu treten und anzuhalten.

Er horchte in die Nacht hinaus. Nein, er hatte sich nicht geirrt.

Schüsse in rascher Reihenfolge. Ihr Echo verschmolz fast zu einer Einheit, so als ob jemand blitzschnell mit einem Stock an einem Lattenzaun vorbeilief.

Er konnte grelle, kurze Blitze zwischen den Felsen ausmachen und meinte sogar, einen Schrei zu hören. Dann herrschte abrupt atemlose Stille. Nur der Wind wisperte durch die Nacht.

»Mein Gott«, dachte er und wusste plötzlich, dass er zu spät gekommen war.

Dort unten am Strand war etwas passiert, das er sich nicht erklären konnte.

Sein Fall wurde heikler, als er schon war.

Und todbringender.



4

Der Aufenthalt im Freien hatte nicht zu Bount Reinigers Fitness beigetragen. Selbst die Wut, die in ihm brodelte, als er in seinen Mercedes stieg und nach Hause fuhr, bewirkte nichts Positives in dieser Richtung.

Er war schlichtweg müde und schlecht gelaunt. Das Ganze war noch durch Tobys Gerede verstärkt worden.

»Blöder Bulle!«, schimpfte Bount Reiniger vor sich hin, als er längst Richtung Manhattan fuhr, um sich endlich wieder schlafen zu legen.

Im Laufe der Jahre hatte er viel mit Rogers erlebt, und ihre Arbeit hatte sie förmlich verschmolzen. Sie waren Freunde geworden, obwohl sie völlig anders waren.

Eins aber konnte Bount Reiniger dem Captain nicht verzeihen: Er hatte ihn wegen einer verfluchten Visitenkarte tatsächlich als möglichen Helfer eines Kriminellen verdächtigt.

Und dass dieser Ollie Harper kein Chorknabe war, schien ja festzustehen.

Du wirst alt, Toby Rogers, sagte er zu sich selbst und ließ die qualmende Zigarette in den linken Mundwinkel rutschen. Du solltest in Rente gehen.

Vor ihm tauchte die Queensboro Bridge auf.

Wie ein futuristisches Bauwerk im Zeichen von Tag und Nacht hob sich die Skyline der Midtown mit Rockefeller Center und PanAm Building vom etwas helleren Himmel ab.

Bald hatte er den East River überquert. Bis zur 7th Avenue, Ecke 54. Straße war es nicht mehr weit.

Gähnend schnippte Bount Reiniger die Zigarettenkippe aus dem offenen Seitenfenster, ehe er in die Tiefgarage fuhr und den Mercedes abstellte.

Immer wieder fragte er sich, wie der tote Ollie Harper an seine Visitenkarte gekommen sein mochte. Gewiss, in New York schwirrten genug dieser Adresskärtchen von ihm herum. Über Mangel an Klienten konnte er nicht klagen.

Was hatte der Ganove vorgehabt?

Hatte er vielleicht geahnt, dass man ihm nach dem Leben trachtete, und wollte ihn als Leibwächter?

Und welche Rolle spielte dieser Buck Coogan in diesem Mordfall?

Bount kam es komisch vor, dass der Mann nichts Näheres von sich gegeben hatte. Er wusste so gut wie nichts von diesem Drogenfahnder.

Gewiss, ihn ging das alles nichts an, und doch juckte es Bount Reiniger in den Fingern. Er wollte wissen, was hinter den Kulissen gespielt wurde und beweisen, dass er mit Ollie Harper nichts zu tun hatte.

Reiniger wusste, dass das Leben oft seltsame Wege ging. Man konnte nie wissen, was passierte. Nach erster Überlegung klang es zwar absurd, doch diese verflixte Visitenkarte konnte auch unangenehme Folgen haben.

Toby Rogers hatte den Anfang gemacht und mehr oder weniger ohne böse Absicht einen vagen Verdacht ausgesprochen. Wenn schon der Captain, sein Freund, in solchen Bahnen dachte, was würde dann erst ein Staatsanwalt tun?

Die Gedanken schwirrten durch seinen Kopf, und selbst als er sein Jackett auszog und sich auf die weiche Couch legte, um ein Nickerchen zu machen, schaffte er es nicht, einfach abzuschalten.

Es dauerte lange, bis ihm die Lider schwer wurden und er endlich einschlief.

Sein Unterbewusstsein aber ruhte nicht. Es galt viel zu verarbeiten, und so kam es, dass Reiniger schon bald von Alpträumen belästigt wurde.

Sein Schlaf war unruhig, und er sollte nicht sehr lange dauern.



5

Mit einem leisen Knirschen schob sich der Rumpf des Bootes auf den feinen Sandstrand. Der starke Heckmotor erstarb mit einem würgenden Blubbern. Das ewige Rauschen des Windes und das Tosen des Meeres verschluckten das Geräusch.

»Hast du sie gefunden, Chuck?«, fragte eine Stimme, als der Mann aus dem flachen Boot stieg. Ein Schatten schälte sich aus dem Dunkel eines Felsens.

Viel konnte man von dem Mann nicht erkennen. Man sah nur die Scorpio, die er schussbereit hielt. Die Mündung der schwarz glänzenden Maschinenpistole zeigte halb schräg nach unten.

»Erst eine«, schnarrte der andere. »Wo ist Harry? Ist er auf seinem Posten?«

»Oberhalb des Strandes«, erwiderte der Typ mit der Waffe. »Er passt auf, dass wir nicht gestört werden. Aber es wird wohl niemand in der Nähe sein. Jedenfalls haben wir alles abgesucht und nichts gefunden. Nicht die leiseste Spur. Hier sind wir sicher wie in Abrahams Schoß. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Alles läuft wie geschmiert. Schaffst du es allein, das ganze Zeug umzuladen?«

»Mach dir mal keine Gedanken um mich, Boss«, meinte der andere ruhig.

»Dann los«, verlangte der MP-Mann. »Suche aber erst die andere Boje. Nicht, dass sie in den Gegensog kommt und uns abhaut.«

»Okay, Rick! Geht schon klar.«

Mit diesen Worten sprang der mit Chuck Angesprochene wieder in den Kahn und ließ den Außenborder an. Die Schiffsschraube wirbelte das Wasser auf. Die Wellen klatschten gegen die Planken und ließen das Boot schaukeln.

Chuck Palm blickte sich kurz um, doch Rick Killburn war wieder in den Schatten der Felsen getreten. Von Connors, dem dritten im Bunde, konnte er in dieser Finsternis nichts ausmachen.

Harry hockte irgendwo in der Dunkelheit und hielt Wache. Auf ihn konnte man sich blind verlassen.

Killburn sicherte den Mann im Boot vom Strand aus. Es fiel ihm schwer, eine gewisse Unruhe abzuschütteln, die er sich nicht erklären konnte. Die Sache stank irgendwie zum Himmel.

Dieses Millionenprojekt lief ihm viel zu glatt und ohne Komplikationen ab.

Ringsum herrschte nächtliche Stille. Kein verdächtiges Geräusch, kein sich nähernder Schatten, kein Scheinwerferpaar oberhalb der Küstenstraße.

Einfach nichts.

Es hätte beruhigend wirken müssen, doch bei Rick Killburn verursachte es genau das Gegenteil. Dafür war er viel zu lange im Geschäft.

Nervös versuchte er, die Dunkelheit mit seinen Blicken zu durchbohren. Er lauschte angestrengt. Nur das Meer und der Wind sangen ihr eintöniges Lied.

Inzwischen suchte Chuck Palm das Wasser ab. Bisher hatte er erst eine der Tonnenbojen entdeckt. Er umrundete einen vorspringenden Felsen, der gischtumtobt weit ins Meer hinausragte.

Er hätte viel für eine starke Taschenlampe gegeben. Das aber konnte er sich nicht leisten. Schon das Geräusch des Außenborders genügte.

Gott sei Dank war der Wind heute stark und blies seewärts. Auch das Brüllen der Brandung schluckte einen großen Teil des Motorengetöses.

Endlich entdeckte er sie.

Die rostbraune Boje kam genau auf ihn zugeschwommen. Er brauchte nur noch eine Weile zu warten, bis die Wellen sie an den Strand warf.

Als sie nahe genug herangetrieben war, warf er ein Tau darum und zog sie mit dem Boot in Küstennähe. Hier wartete der zweite Behälter, den er ebenfalls einfing.

Sein Herz begann wild zu pochen. Im Schlepp schwammen mehr als fünfzig Millionen Dollar - ein Betrag, den er sich plastisch gar nicht so recht vorstellen konnte.

Wieder vernahm man das Knirschen unter dem Bug, als sich das Boot über den Sand schob und mit einem Ruck stehen blieb. Er stellte den Außenborder ab und sprang aus dem Kahn.

»Wo bist du denn, Rick?«, rief er unterdrückt und bückte sich noch einmal in das Boot. Auf den Planken lag seine kurzläufige MP.

Das metallische Geräusch, als er den Ladeschlitten nach hinten zog und die Patronen in den Lauf glitten, wurde vom Tosen der Brandung geschluckt.

»Nur nicht nervös werden.«

Wie aus dem Nichts stand Rick Killburn plötzlich vor ihm. Er schien direkt aus der Erde gewachsen zu sein.

»Wir können verladen«, erklärte Chuck erfreut. »Alles an Bord.« Er drehte sich um und wies auf das Boot. »Habe beide gefunden.«

»Dann nichts wie los.«

»Was ist mit Harry?«, wollte Chuck Palm wissen. »Mit drei Mann geht es besser. Das Zeug ist schwer, und bis zum LKW müssen wir mindestens hundert Yards laufen.«

Rick Killburn winkte ab. »Lass Harry oben bei der Straße. Wenn jemand auftaucht, kann er uns rechtzeitig warnen.«

Er klopfte seinem Boss auf die Schulter und zeigte dabei sein makelloses Gebiss. Die bohrende Unruhe war allmählich von ihm gewichen.

Palm nickte. »Du hast recht, Ricky. Für fünfzig Millionen lohnen sich schon etwas Lauferei und Schweiß, oder bist du schon jetzt faul und träge?«

Sie lachten unterdrückt und machten sich an die Arbeit. Es wurde schwerer, als sie es sich gedacht hatten. Bereits beim dritten Gang lief ihnen der salzige Schweiß in die Augen und durchnässte ihre Hemden.

Die Lieferanten hatten das Kokain in kleine Tüten verpackt und in große Kisten verstaut. Jede wog mindestens fünfundzwanzig Kilo, wenn alles stimmte. In jeder Tonnenboje befanden sich vier dieser Behälter, die man mit einer glasklaren Flüssigkeit bestrichen und somit wasserdicht gemacht hatte.

Die Zeit floss dahin. Nichts tat sich. Keuchend schlurften die beiden Gangster den schmalen Pfad zum Strand hinunter und vollbepackt wieder hinauf.

Der Weg führte durch den massiven Felsen, der bis ans Wasser drängte und von der Gischt umtost wurde.

Auf halber Höhe machte er einen kleinen Knick nach Westen und mündete in ein flaches Plateau, wo der Lastwagen stand. Zur Straße hin verhinderten hohe Sträucher und Eichen die Sicht aufs Meer.

Genau dort, vor neugierigen Blicken vorbeifahrender Autofahrer geschützt, hatten die Gangster den kleinen LKW geparkt und beluden ihn rasch.

»Das war ein hartes Stück Arbeit«, keuchte Chuck Palm heiser, als sie die letzten beiden Kisten die Felsen hochschleppten. »Harry hätte doch mal mit anpacken können.«

Plötzlich blieb Rick Killburn stehen. Er witterte wie ein Wolf, der Gefahr roch. Langsam ließ er die Kiste zu Boden gleiten und packte seine Scorpio fester.

Ein leises Klicken unterbrach die Stille, die nur vom Brüllen der Brandung unterbrochen wurde. Rick hatte den Sicherungshebel umgelegt.

»Was ist los?«

Chuck Palm wisperte die Worte nur. Er folgte Ricks Beispiel und lud durch.

Sein Leben lang war er ein Gangster gewesen und kannte die Gefahren, die schmutzige Geschäfte mit sich brachten. Dies hier war eins. Aber es brachte Geld, viel Geld. Das allein zählte für ihn.

Diesen Coup würde er sich von keinem vermasseln lassen und bis zur letzten Patrone kämpfen. Weder andere Gangster noch die Cops hielten ihn auf.

Sie kamen schneller als erwartet.

Plötzlich waren sie da.

Rick Killburn sprang zurück, als über ihm ein Knirschen ertönte. Im gleichen Augenblick fiel etwas Längliches vor seine Füße und hätte ihn um ein Haar getroffen. Es schlug in den Sand und blieb regungslos liegen.

»Harry!«

Für eine Sekunde starrte Killburn auf den Toten vor sich, der auf dem Rücken lag. Die weit aufgerissenen Augen stierten ihn leblos an.

»Ganz ruhig bleiben, Männer.«

Chuck und Rick hielten mitten in ihren Bewegungen inne, als sie sich der Übermacht gegenübersahen.

Vier Maschinenpistolen richteten sich auf sie, vier schwarze Mündungslöcher, die jeden Moment Tod und Verderben spucken konnten.

Ein beleibter Mann trat aus dem Schatten einer Felsnische. Deutlich konnten die beiden Gangster ihn erkennen. Wie zum Hohn brach die Wolkendecke auf.

Der Mond schob sich dahinter hervor und überflutete Felsen und Sand mit silbrigem Licht. Das Wasser des Atlantischen Ozeans glitzerte wie geschmolzenes Blei.

»Ihr wart sehr fleißig, Männer«, lobte der Fremde und kam japsend näher.

Einer seiner Leibwächter blieb an seiner Seite, die anderen blieben schussbereit im Schutz der Felsen stehen.

Das Gehen fiel dem Koloss, der nur aus Fett zu bestehen schien, recht schwer. In der Stunde seines Triumphes aber ignorierte er es einfach.

»Nochmals vielen Dank, Gentlemen. Leider kann ich euch dafür nicht bezahlen. Wieso habe ich auch nur mein Scheckbuch vergessen? Aber wie gesagt, mein Chef, Mister Placker, dankt herzlichst.«

Chuck Palm schluckte. Er wusste, dass der Tod vor ihnen stand. Eine falsche Bewegung, und sie waren verloren.

»Wer bist du?«, fragte er in unterdrücktem Zorn. Er brauchte Zeit. Vielleicht gab es noch eine Möglichkeit, aus dieser tödlichen Falle zu entkommen.

Seine Handflächen waren feucht. Er merkte, wie sich die ersten Schweißtropfen lösten und über seine Stirn in die Augenwinkel perlten.

»Oh, wie konnte ich nur so unhöflich sein?«, empörte sich der Dicke und schnalzte mit der Zunge. »Mein Name ist Chip Bronson, geboren in San Francisco und von Beruf, na, sagen wir einmal Kaufmann exotischer Ware. An meiner Seite sehen Sie meine rechte Hand, Burt Harris. Und die beiden Herren im Hintergrund nennen sich Teddy und Lucky. Nette Spitznamen, nicht wahr? Ist Ihrer Neugierde damit Genüge getan, meine Herren?«

Bronsons Stimme triefte vor Hohn. Er genoss es, der Sieger in diesem skrupellosen Spiel zu sein.

Keiner würde ihm mehr widerstehen können, wenn das Kokain erst einmal auf den Markt kam. Bald gehörte ihm ganz Manhattan mit allem, was es zu bieten hatte. Bars, Spielhöllen, Rauschgiftringe, Bordells und Politiker, die dafür sorgten, dass er bei seinen Geschäften unbehelligt blieb.

»Schmarotzer aus Frisco!«, stieß Killburn abfällig hervor. »Damit konnten wir nicht rechnen. Wer hat uns verraten, Bronson?«

»Richtig«, meinte der Dicke zynisch. »Verrat ist der richtige Ausdruck. War wirklich ein guter Informant, dieser Mister Harper. Leider nur ein bisschen zu gierig.«

»Harper?«, zischte Chuck Palm empört. »Dieses Schwein hat den ganzen Coup verpfiffen?«

»Genau«, sagte Bronson und lächelte. Plötzlich aber wurde er ernst. Das hämische Grinsen gefror auf seinem Gesicht. »Nun ist genug geredet. Es bleibt keine Zeit mehr. Also lebt wohl«, verabschiedete sich der fette Gangsterboss und wandte sich gelangweilt ab.

Das war das Zeichen.

In letzter Verzweiflung wollte Rick Killburn seine Waffe hochreißen. Die anderen waren schneller.

Die Maschinenpistolen spien Feuerblumen aus, die auf ihn zuleckten. In derselben Sekunde verspürte er mehrere heftige Schläge in seinem Körper. Es riss ihn zurück. Heißer Schmerz durchraste ihn.

Als Letztes merkte er, wie seine Scorpio ihre Kugeln in den Sand hämmerte, dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Wie sein Boss Chuck schreiend zusammenbrach und Harry Connors unter sich begrub, bekam er nicht mehr mit.

»Ab zum LKW«, forderte Burt Harris tonlos. »Das wäre erledigt. Lucky und Teddy nehmen die letzten zwei Kisten, und dann nichts wie weg.«

Die Männer gehorchten, ohne zu murren. Wortlos folgten sie dem schlanken Mann, der die MP lässig über die linke Schulter geworfen hatte.

Chip Bronson war schon vorgegangen. Er hasste solche Massaker, obwohl er sie für nötig hielt. Diese Art Arbeit überließ er stets seinen Männern.

Vergeblich versuchte Harris, seinen fetten Boss in der Dunkelheit auszumachen. Wahrscheinlich wartete er bereits beim LKW auf sie.

Harris sicherte den Weg, während die anderen die Kisten schleppten. Keuchend folgten sie ihm und blieben dicht hinter ihm, bis sie den LKW erreicht hatten.

Bronson lehnte prustend am vorderen Kotflügel des Wagens und kaute auf einem Kaugummi herum. Er war schweißgebadet. Der leicht ansteigende Weg hatte wieder einmal seine ganze Energie gefordert.

»Rauf mit den Kisten«, befahl Harris. »Lucky, du fährst mit Teddy den LKW zur Villa. Wenn dir die Bullen auf der Spur sein sollten, weißt du, was zu tun ist.«

Chip Bronsons Stirn legte sich in Falten. Er schien mit dem Plan nicht sehr einverstanden zu sein. Außerdem gefiel es ihm nicht, dass Burt anfing, Befehle zu erteilen.

»Das ist riskant«, mischte er sich ein und äußerte seine Bedenken. »Wenn die Bullen Wind von der Sache gekriegt haben, bin ich dran. Sie tauchen zuerst bei mir auf.«

Harris war anderer Meinung. Er setzte seinen Willen gegen Bronson durch.

»Wir folgen im Cadillac mit etwa einer halben Meile Abstand«, erklärte er. »Wenn es Schwierigkeiten gibt, können wir eingreifen, ohne dass die Bullen sofort Verdacht schöpfen. Außerdem will es Placker so haben.«

Die beiden anderen Gangster stiegen ein. Nach einer lauten Fehlzündung setzte sich der Lastwagen in Bewegung und rollte auf die Straße. Er nahm sofort den direkten Weg nach New York City, auf der Ladefläche acht Kisten mit reinstem kolumbianischem Kokain.



6

Buck Coogan hatte geistesgegenwärtig die Scheinwerfer gelöscht und den Wagen im Schutz eines Gebüschs abgestellt. Von der Straße aus war sein Fahrzeug nicht auszumachen.

Der Fahnder war nervös. Die Feuerstöße hatten ihn aufgeschreckt. Noch wusste er nicht, was dort unten am Strand passiert war.

Geduckt huschte er in die Nacht hinein und zückte seine schwere Browning. Auf keinen Fall wollte er sich überraschen lassen.

Lautlos und nach allen Seiten sichernd rannte er nach Süden, schlug einen weiten Bogen und überquerte die Straße. Nun wurde es brenzlig, denn es gab zum Strand hin keine Deckung. Nur die Nacht war sein Verbündeter.

Gerade wollte er loslaufen, als er den kleinen LKW entdeckte. Undeutlich konnte er auch die Schatten von Gestalten erkennen, die etwas aufluden. Einer dieser Männer war fett und unförmig. Seine Leibesfülle entlarvte ihn selbst bei schlechtesten Lichtverhältnissen.

Buck fuhr erschrocken zusammen. Im ersten Moment glaubte er, sich zu irren, doch ihm wurde rasch klar, dass er sich nicht täuschte.

Dieser Typ da unten war niemand anderes als Chip Bronson, ein Drogenhändler aus dem Westen.

Was aber zum Teufel hatte ihn hier hergetrieben? Bronson war weit weg von seinem Aktionsbereich.

Man brauchte kein Hellseher zu sein, um zu erahnen, was vor wenigen Minuten in dieser Einsamkeit geschehen war. Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es keinen Chuck Palm mehr. Jedenfalls keinen lebenden. Bronson war für sein rücksichtsloses Verhalten weit über die Grenzen hinaus bekannt.

Buck machte sich klein und lauschte. Er vernahm Stimmen, konnte aber nicht hören, was gesprochen wurde. Die Unruhe in ihm nahm krasse Formen an.

Sosehr er auch versuchte, die Dunkelheit mit seinen Augen zu durchdringen, gelang es ihm nicht, Genaueres auszumachen. Felsen und Finsternis vereitelten die Wahrnehmung von Einzelheiten.

Wenige Minuten später tuckerte der LKW nach einer Fehlzündung davon und verschwand Richtung Süden. Die roten Rückscheinwerfer wurden rasch kleiner.

Am Strand blieben zwei Männer zurück, einer davon war Bronson. Wenn sich Buck nicht täuschte, war der andere Mann niemand anderes als Burt Harris. Er erkannte ihn an seiner leicht nach vorne gebeugten Haltung, die an ein ständig zum Sprung bereites Raubtier erinnerte.

Die Gangster ließen sich Zeit und bewegten sich Richtung Straße. Bald würden sie von der Nacht verschluckt. Eine Weile lauschte Buck Coogan noch. Der Kolben der Automatic glitt ihm fast aus den Händen. Die Innenflächen seiner Finger waren feucht vor Schweiß geworden.

Ein Motor wurde angelassen, und Scheinwerfer blitzten auf. Wie grellweiße Lichtfinger durchbrachen sie die Finsternis. Ein letztes Mal schwenkten sie über den Strand und erfassten zwei Gestalten, die am Boden lagen.

Schließlich sah der Fahnder nur noch die roten Rückleuchten einer schweren Limousine.

Coogan hastete los. Er wusste nicht, was genau geschehen war. Im Moment konnte er nur spekulieren. Mit größter Wahrscheinlichkeit befand sich das Kokain auf dem Lastwagen. Er durfte die heiße Spur auf keinen Fall verlieren.

Drei Monate harter Arbeit in mehreren Städten, kaum Schlaf, riskante Kontakte, die tödlich sein konnten, wenn es eine undichte Stelle gab ... Das alles durfte nicht umsonst gewesen sein. Hinzu kam die Erkenntnis, dass der Kampf gegen die Drogenszene eine bereits verlorene Schlacht im Sumpf der Großstädte war, die jeden Fahnder über kurz oder lang aufrieb. Coogan verdrängte diese Gedanken.

Seine Gegner hatten gewechselt, aber die Beute war immer noch die gleiche.

Buck Coogan war nicht der Typ, der aufgab. Noch war er der Jäger.

Noch.

Hastig rannte er zum Wagen zurück, sprang hinein und warf seine Browning auf den Beifahrersitz.

Summend sprang der Motor an, als Buck den Zündschlüssel umdrehte.

Er ließ sich Zeit. Zu dicht durfte er den Gangstern nicht folgen. Männer wie Bronson und Harris waren mit allen Wassern gewaschen und sehr vorsichtig.

Langsam ließ der Drogenfahnder seinen Wagen auf die Straße rollen.

Das geschwungene Band der Küstenstraße lag in der Dunkelheit. Nirgendwo war auch nur der Funken von Licht zu sehen. Nicht einmal die roten Rückscheinwerfer konnte er mehr ausmachen.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908589
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356010
Schlagworte
york detectives kokainkrieg manhattan

Autor

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Titel: N.Y.D. New York Detectives - Kokainkrieg in Manhattan