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Das magische Amulett #102: Die verwunschene Lady

2017 130 Seiten

Leseprobe

Die verwunschene Lady

Das magische Amulett Band 102

Roman von Jan Gardemann


Der Umfang dieses Buchs entspricht 103 Taschenbuchseiten.


Eigentlich will die Amulettforscherin Brenda Logen mit ihrem Mann Urlaub machen, aber Daniel wird zu einer Patientin gerufen, die im Koma liegt. Also fahren die beiden nach Donwin Castle. Dort angekommen werden sie sehr unhöflich empfangen. Ein anderer Arzt habe bereits eine erhebliche Verbesserung des Gesundheitszustandes der jungen Lady bewirkt, wird ihnen mitgeteilt. Ihre Hilfe sei nicht mehr erwünscht. Mit einem unguten Gefühl treten Brenda und Daniel die Heimreise an. Während der Fahrt verliert Daniel die Kontrolle über sein Fahrzeug...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Firuz Askin, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2017

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Prolog

Die kleinen Punkte zerstoben zu Funken. Ein Knistern und Knastern lag in der Luft, und dort, wo die Glühpunkte uns berührten, kribbelte die Haut, als wäre sie plötzlich elektrisch aufgeladen. Wir waren heilfroh, als wir das dunkle Gemäuer endlich erreichten. Schwer atmend pressten wir uns mit dem Rücken gegen das kalte Gestein. Meine Schürfwunden schmerzten höllisch, und in meinem Kopf pochte ein dumpfer, stechender Schmerz. Feuchter Nebel und die Kälte der Nacht drangen durch meine ramponierten Klamotten und ließen mich frösteln. Aber all dies erschien mir zweitrangig. Das Geschehen im Garten zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. So etwas Seltsames hatte ich noch nie zuvor gesehen. Die grünen, schillernden Ströme schwebten direkt auf die Mauern von Donwin Castle zu. Doch anstatt von dem Gestein abzuprallen und umgeleitet zu werden, drangen die glühenden Punkte spielend leicht durch die Mauer hindurch, als wäre sie nichts als eine Sinnestäuschung...



1

Grace kam sich vor, wie eine Märchenprinzessin. Sie lebte in einem wunderschön restaurierten Castle, nur wenige Autostunden von London entfernt. Zwei Bedienstete sorgten für ihr Wohl. Sie trug teure Kleider, die die weiblichen Rundungen ihres jungen Körpers manchmal dezent, manchmal frivol hervorhoben, je nach Laune. Sie bekam vorzügliches Essen vorgesetzt und konnte in dem prächtigen Garten lustwandeln, wann immer es ihr beliebte. Oder sie saß einfach nur in einem der Salons mit den antiken Möbeln und las in einem Roman.

Trotzdem war Grace unzufrieden. Nicht, dass sie die Annehmlichkeiten ihres Lebens nicht zu schätzen gewusst hätte. Sie liebte es, sich mit schönen Dingen zu umgeben und teure Kleider zu tragen, und sie genoss es, durch die Korridore und Hallen des Castles zu streifen und all die reizvollen Möbel zu betrachten. Sie konnte all dieser Dinge nicht müde werden.

Aber dennoch steckte in ihrer Brust ein Stachel, der ihr die Freude an dem unbekümmerten Leben, das sie führen durfte, nur allzu oft verdarb.

Und dieser Stachel hieß Frederic Coram und war ihr eigener Ehemann!

Vor zwei Jahren hatten die beiden geheiratet. Es hatte ein pompöses, spektakuläres Hochzeitsfest auf dem Castle gegeben, von dem die Boulevardblätter noch Wochen später berichteten. Grace war so glücklich gewesen, wie noch nie zuvor in ihrem Leben, und sie hatte geglaubt, dieses Glück würde nun niemals wieder enden.

Doch da hatte sie sich geirrt.

Frederic war ein vielbeschäftigter Mann. Ständig war er in geschäftlichen Angelegenheiten unterwegs. Die meiste Zeit hielt er sich in London auf, dieser garstigen, dreckigen Großstadt, der Grace überhaupt nichts abgewinnen konnte. Sie liebte das Land, die Pflanzen, den weiten Blick über die seichten grünen Hügel. In einer Großstadt fühlte sie sich gefangen und beklommen und wurde regelrecht depressiv.

Sie hatte versucht, ihren Mann zu begleiten, wenn er länger von Donwin Castle fort musste, um ihn wenigstens abends und besonders in der Nacht um sich zu haben. Aber in den Londoner Hotels hatte sie sich wie ein Vogel in einem goldenen Käfig gefühlt. Anfangs hatte sie Freunde besucht und war in den exklusiven Modegeschäften einkaufen gegangen, während ihr Frederic arbeitete. Aber nach wenigen Tagen hatte sie genug davon, durch die von Abgasen verpesteten Häuserschluchten zu flanieren oder in engen Straßencafes zu sitzen und sich über belangloses Zeug zu unterhalten.

Nur die Nächte mit Frederic waren schön gewesen. Aber es war auch sehr oft vorgekommen, dass er bis spät in die Nacht hatte arbeiten müssen und erst in das Hotel zurückkehrte, wenn Grace schon längst schlief.

Schließlich hatte sie es aufgegeben, ihren Mann nach London zu begleiten. Sie hielt es in einer Großstadt einfach nicht länger als ein paar Tage aus. Dann musste sie aufs Land,zurück, ihre Lungen mit frischer Luft füllen und den Blick in weite Fernen schweifen lassen.

Nach den Flitterwochen, die sie in Australien verlebt hatten und sehr romantisch und aufregend gewesen waren, hatte Frederic sogleich eine zwei Wochen andauernde Geschäftsreise antreten müssen. Grace war damals aus allen Wolken gefallen. Nachdem sie Frederic in den Flitterwochen so nah gewesen war und ihn nur für sich allein gehabt hatte, war sie nun plötzlich wieder auf sich

gestellt. Sie kam fast um vor Sehnsucht und lag abends oft in ihrem Bett und schluchzte, weil sie ihren geliebten Frederic so sehr vermisste.

Als er dann zurückkehrte, warf sie sich ihm um den Hals und bedeckte sein ganzes Gesicht mit Küssen. In den darauffolgenden Tagen und Nächten versuchte sie all das nachzuholen, was sie in den letzten Wochen hatte entbehren müssen. Für einige Tage war es wieder so gewesen, wie während der Flitterwochen, bis Frederic wieder nach London musste, um sich um seine Geschäfte zu kümmern.

Es war für Grace eine der schmerzlichsten Erfahrungen in ihrem Leben, als sie begriff, dass es ihr ganzes Leben lang so weitergehen würde. Sie würde ihren Frederic nur ein bis zwei Mal in der Woche sehen und den Rest der Zeit allein sein!

Grace liebte Frederic jedoch viel zu sehr, als ihre Ehe deswegen gleich in Frage zu stellen. Verzweifelt bemühte sie sich, sich mit ihrem Leben abzufinden und die wenigen gemeinsamen Stunden zu genießen, die ihr vergönnt waren.

Doch die Gefühle, die in ihrer Brust wallten, waren oft stärker, als ihr Verstand. Und obwohl sie verheiratet war, fühlte sie sich doch oft so, wie jene Märchenprinzessin, die am Fenster eines Burgturms steht und voller Sehnsucht auf die Ankunft ihres Geliebten wartet, der sich in ihrem Fall auch noch oft verspätete, oder anrief, dass es heute Nacht nichts mehr werden würde, weil er noch zu tun hatte.

Auch heute Abend hatte Grace von ihrem Mann wieder so einen Anruf erhalten. Sie hatte Kerzen im Schlafzimmer aufgestellt und ein Feuer im Kamin entfachen lassen. Ihre Sehnsucht nach ihrem Mann war so gewaltig, dass ihr Körper sogar zitterte, als sie sich vorstellte, wie Frederic sie in seine kräftigen Arme schließen und sie küssen würde.

Doch dann hatte das Telefon geklingelt. Grace war bei diesem Laut unmerklich zusammengezuckt, denn sie ahnte bereits, was nun kommen würde.

»Hallo Schatz«, war auch prompt Frederics Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören gewesen. »Es tut mir leid, Grace, ich kann heute Abend nicht nach Hause kommen. Mir ist etwas dazwischen gekommen. Es wurde eine außerordentliche Geschäftsbesprechung für die Nacht anberaumt. Es geht dabei um eine Menge Geld und einen wichtigen Auftrag...«

Frederic hielt inne, weil Grace keinen Laut von sich gab.

»Bist du noch dran, Liebling?«, fragte er verunsichert.

»Ich... ich hatte mich so sehr auf dich gefreut«, stammelte sie mit erstickter Stimme. Tränen sammelten sich in ihren Augen und sie schluckte, damit sie nicht plötzlich anfangen musste zu schluchzen.

»Ich habe mich auch auf dich gefreut«, erwiderte Frederic. »Ganz bestimmt werden wir diesen Abend irgendwann nachholen.«

»Weißt du, wann du mich das letzte Mal geküsst hast?«, fragte Grace rau.

Frederic lachte. Aber sein Lachen klang gekünstelt. »Sobald ich hier fertig bin, setze ich mich ins Auto und komme. Und das erste, was ich tun werde, ist, dir einen Kuss zu geben.«

»Wenn du kommst, schlafe ich bestimmt schon längst«, erwiderte Grace. In ihrem Hals brannte es. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht einfach laut aufzuschluchzen. »Oder der Morgen graut und du musst in wenigen Stunden wieder nach London aufbrechen. Außer einem flüchtigen Kuss wird für mich da wohl kaum etwas raus springen. Wie lange soll das noch so weitergehen, Frederic?«

»Ich bin nun mal ein vielbeschäftigter Mann, Grace. Das hast du doch gewusst!« Frederics Stimme klang nun ein wenig vorwurfsvoll. »Es ist ungerecht, dass du mir jetzt Vorhaltungen machst. Würde ich mich nicht um meine Geschäfte kümmern, müssten wir Donwin Castle wahrscheinlich wieder verkaufen und du könntest nicht mehr all die schönen Kleider tragen, die du so liebst.«

»Vielleicht wäre das gar nicht mal so schlimm, wenn ich meinen Mann dafür öfters sehen könnte«, platzte es aus Grace heraus.

Einen Moment blieb es still zwischen den beiden, und die Spannung zwischen ihnen schien in der Telefonleitung zu knistern.

»Gute Nacht, Frederic«, sagte Grace schließlich, die das Schweigen nicht mehr länger aushielt, zeigte es doch, dass Frederic nicht gewillt war, irgendetwas an ihrer Situation zu ändern.

»Bitte, lege jetzt nicht auf!«; hörte sie ihn noch sagen. Doch dann knallte sie den Telefonhörer auf den Apparat und riss den Stecker aus der Wanddose.

Wütend schleuderte sie den Apparat in eine Ecke. Das romantische Flackern der Kerzen und das anheimelnde Knistern des Kaminfeuers schienen sie plötzlich zu verhöhnen. »Er kommt nicht!«, schien es in dem Zimmer aus allen Ecken und Schatten herauszuflüstern.

Abrupt stand Grace auf und verließ das Schlafzimmer. Das dünne weiße Seidenkleid, das sie für Frederic angelegt hatte, raschelte dabei, wie das rote Tuch eines Toreros, wenn er den Stier locken wollte.

Grace konnte sich nicht erinnern, je so wütend und enttäuscht gewesen zu sein. Sie wusste weder ein noch aus und ignorierte George, den alten Butler einfach, als dieser ihr auf dem Korridor begegnete und sie fragte, ob sie etwas wünsche.

Der Butler blickte ihr düster nach, und in dem schummerigen Licht, das die Kronleuchter an der Decke von sich gaben, sah es fast so aus, als würde er spöttisch lächeln.

Grace aber stürmte weiter. Sie fühlte sich in dem weitläufigen Castle plötzlich wie gefangen. Sie musste an die frische Luft, sonst würde sie zwischen all diesen antiken Möbeln, den dunklen Ölgemälden und den kostbaren Kunstschätzen ersticken!

Mit beiden Händen stieß sie die doppelflügelige Eingangstür auf und trat in die Nacht hinaus.

Kühl und feucht schlug ihr die Luft entgegen. Grace warf den Kopf in den Nacken und atmete tief durch, wobei sie die Arme leicht zu den Seiten abwinkelte.

Die frische Luft tat ihr gut. Sie fühlte sich plötzlich frei und redete sich sogar ein, auf Frederic in dieser Nacht auch ganz gut verzichten zu können.

Ohne die Türen wieder zu schließen, eilte sie die breiten Stufen hinab und wandte sich Richtung Garten.

Die Nacht war stockdunkel. Eine dichte Wolkendecke hatte sich wie eine Barriere über den Himmel gebreitet und schluckte das Licht des Mondes und das der Sterne.

Aber das war Grace egal. Sie hätte sich auch mit geschlossenen Augen durch den Garten bewegen können, so gut kannte sie sich darin aus. Leichtfüßig rannte sie einen Heckengang entlang und erreichte schließlich den großen runden Springbrunnen, der das Zentrum des Gartens darstellte. Nebelschwaden hatten die in Stein gehauene Frau in der Mitte des Brunnens verhüllt. Grace konnte aber ganz deutlich hören, wie das Wasser aus dem Füllhorn der Statue in das Becken plätscherte.

Das gelbe Licht aus den beleuchteten Fenstern des Castles brach sich auf der gekräuselten Wasseroberfläche und ließ den Nebel hier und da wie von innen heraus fahl aufleuchten.

Grace ließ sich seufzend auf dem Rand des Brunnens nieder und tauchte traurig eine Hand in das Wasser. Nachdenklich spielte sie mit den Wellen und starrte düster vor sich hin.

Normalerweise hatte Grace in einer Nacht wie dieser eine Stalllaterne oder zumindest eine Taschenlampe mit hinaus in den Garten genommen. Die Gartenanlage war ziemlich weitläufig und verwinkelt. Man konnte sich leicht verlaufen, wenn man sich nicht auskannte oder im Dunkeln die Orientierung verlor. Auch fürchtete sich Grace ein wenig im Dunkeln, wenn Frederic nicht an ihrer Seite war.

Aber heute Nacht war sie für all diese Überlegungen und Empfindungen nicht zugänglich. In ihr brodelte es und sie wurde hin und her gerissen, zwischen Wut, Enttäuschung und Trauer. Darum bemerkte sie auch nicht, wie drohend sich die Wolken über dem Castle zusammengebraut hatten, als hätte ein Unheil sie dort versammelt. Sie sah auch nicht, wie der Nebel über die Wege und durch die Hecken kroch, als wären es Gespenster, auf der Suche nach einem Opfer, das sie erschrecken konnten. Sie spürte nicht, dass dies eine jener Nächte war, wo Unheimliches passieren konnte, wo die Grenzen zwischen dieser und der Welt der Geister und Dämonen sich verwischten, wo das Schicksal eines Menschen von einer Sekunde auf die andere sich plötzlich ändern und alles in den finsteren Abgrund des Unglücks gerissen werden konnte...



2

Grace bemerkte den Fremden erst, als er unmittelbar vor ihr stand. Wie aus dem Erdboden geschossen stand er plötzlich da und schaute sie an.

Grace sprang von dem Brunnenrand auf und wich ängstlich einen Schritt zurück. Sie war so sehr mit ihren Gedanken beschäftigt gewesen, dass sie nicht einmal die Schritte des Fremden gehört hatte. Er musste sich ziemlich geräuschvoll durch den Garten bewegt haben, denn er kannte ja nicht den Verlauf der verschlungenen Wege und hatte sicherlich ein paar Blumenrabatten niedergetrampelt. Um so verwunderlicher fand Grace es, dass sie nichts gehört hatte.

»Wer... wer sind Sie?«, rief sie ängstlich und raffte ihr Kleid unbehaglich über der Brust zusammen, wo es ziemlich tief ausgeschnitten war.

Verstohlen schaute sie zum Castle zurück, das sich mit seinen zahlreichen Erkern, Türmen und Wehren wie der Scherenschnitt eines Märchenschlosses gegen den düsteren Wolkenhimmel abzeichnete. Die wenigen erleuchteten Fenster muteten wie strahlende Augen an. Doch sie waren zu weit entfernt, um Grace das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Selbst wenn sie so schnell rannte, wie sie konnte, würde sie es nicht bis zum Castle schaffen. Der Fremde wirkte sehr kräftig und sportlich. Es würde ihm keine Schwierigkeiten bereiten, Grace einzuholen und zu überrumpeln, wenn er es darauf anlegte, ihr etwas anzutun.

»Mein Name ist Linkin«, sagte der Fremde nun, ohne Anstalten zu treffen, Grace noch näher zu kommen. »Alden Linkin. Ich bin untröstlich, dass ich Sie so erschreckt habe. Aber Sie sind weit und breit der einzige Mensch auf den ich in dieser Wildnis gestoßen bin.«

Grace kniff die Augen zusammen und spähte angestrengt durch die Dunkelheit. Der Fremde stand etwa vier Schritte von ihr entfernt. Die Nebelschwaden umwaberten seine stattliche Statur. Er trug einen eleganten Stadtanzug und hatte sogar eine weiße Nelke im Knopfloch.

Grace entspannte sich. Alden Linkin machte nicht den Eindruck, als ob er sich gleich auf sie stürzen würde. Es sah vielmehr danach aus, als ob er sich verirrt hatte und nicht wusste, wo er war.

Wahrscheinlich kam er aus einer Stadt und fühlte sich in dieser endlosen hügeligen Landschaft verloren. Grace schätzte, dass er etwa im gleichen Alter wie sie war. Er hatte dichtes schwarzes Haar, ein markantes Gesicht und dunkle Augen, in denen es geheimnisvoll blitzte.

»Was... was haben Sie denn hier verloren?«, erkundigte sie sich vorsichtig, da ihr Gegenüber keine Anstalten traf, sich zu erklären. Er stand nur da und musterte Grace von oben bis unten, ohne dabei jedoch aufdringlich oder frivol zu wirken. Es kam Grace sogar so vor, als würde er ihren Anblick genießen und als fürchtete er, den Zauber des Augenblicks zu zerstören, wenn er sprach.

»Ich habe mich verirrt«, bestätigte er Graces Verdacht.

Mit einer laxen Bewegung deutete er mit dem Daumen über die Schulter. »Mein Auto ist irgendwo dort hinten auf einer Landstraße verreckt«, meinte er vage. »Leider funktioniert mein Handy hier nicht. Dieser Landstrich scheint von Funklöchern nur so zu strotzen. Ich konnte keine Hilfe holen und stand mehrere Stunden am Straßenrand, um darauf zu warten, dass jemand vorbeifuhr, den ich anhalten konnte.«

Alden Linkin zuckte mit den Schultern und schüttelte lächelnd den Kopf. »Aber ich war wohl der einzige, der an diesem Abend diese verfluchte Landstraße befahren hat. Es kam niemand. Darum beschloss ich, zu Fuß weiter zu gehen und Hilfe zu holen. Ich muss im Dunkeln dann irgendwann vom Weg abgekommen sein, denn plötzlich fand ich mich in einem Wald wieder, wo es rabenschwarz war und ich die Hand nicht mehr vor Augen sah. Ich irrte fast eine ganze Stunde umher. Dann endlich fand der Wald ein Ende und ich sah in der Ferne ein Licht.«

Bei diesen Worten deutete er auf das nachtschwarze Castle mit den gelben, erleuchteten Fenstern. »Ich stolperte durch diesen Park hier und fand Sie dann an diesem Brunnen sitzen.«

Er lächelte. »Ich hoffe, Sie können mir verzeihen, dass ich Ihre nächtliche Mußestunde gestört habe. Sie sahen so gedankenverloren und traurig aus. Wenn ich nicht so verzweifelt gewesen wäre, hätte ich Sie wahrscheinlich gar nicht angesprochen, sondern hätte den Anblick noch länger genossen, den Sie in Ihrem wunderschönen Kleid an diesem malerischen Brunnen bieten.«

Grace lächelte geschmeichelt, und fragte sich gleichzeitig, wie lange dieser Alden Linkin schon im Nebel vor dem Brunnen gestanden und sie betrachtet hatte.

»Selbstverständlich können Sie das Telefon des Castle benutzen«, erinnerte sie sich nun an ihre guten Manieren. Die Situation war so unwirklich und bezaubernd gewesen, dass sie für einen Augenblick ganz vergessen hatte, warum der Fremde in ihrem Garten aufgetaucht war. Sie hätte noch länger dastehen und sich mit diesem charmanten Kerl unterhalten können, und das nicht nur, weil seine Anwesenheit sie über ihre Verstimmung, in die Frederic sie getrieben hatte, hinwegtröstete. Irgendetwas Faszinierendes, Geheimnisvolles ging von diesem Fremden aus.

»Ich habe es jetzt nicht mehr so eilig«, meinte Alden Linkin plötzlich und machte eine wegwerfende Bewegung. »Meinen Termin werde ich sowieso nicht mehr einhalten können.«

Er grinste und zwinkerte Grace zu. »Irgendwie finde ich das jetzt auch gar nicht mehr so schlimm.«

Grace spürte, wie sie errötete, und sie war froh, dass es so dunkel war und Alden es nicht sehen konnte.

»Trotzdem werden Sie Ihren Leuten doch sagen wollen, dass Sie sich verspäten«, meinte sie rasch. »Bestimmt machen sie sich schon Sorgen um Sie.«

Grace fand, dass sie nun lange genug mit diesem Fremden im nächtlichen Garten zugebracht hatte. Wenn Frederic davon erfuhr, wurde er bestimmt eifersüchtig, und der Graben, der sich zwischen ihnen aufgetan hatte, würde noch weiter aufreißen.

Das wollte Grace um jeden Preis verhindern.

»Folgen Sie mir bitte«, sagte sie bestimmend und wandte sich dann um.

Alden schloss rasch zu ihr auf und ging still neben ihr her. Als Grace ihm einen Seitenblick zu

warf, erkannte sie, wie verknittert und besudelt sein eleganter Anzug war. Das gute Stück hatte ziemlich gelitten, als Alden im Dunkeln durch den Wald getappt war.

War ich wirklich so sehr in Gedanken versunken, dass ich nicht hörte, wie dieser Fremde durch meinen Garten irrte?, fragte sie sich und schüttelte innerlich den Kopf über sich selbst. Die Sache mit Frederic hatte sie doch ziemlich mitgenommen. Sie musste dringend etwas unternehmen, damit sie wieder glücklicher wurde! Sie fühlte sich viel zu jung und zu unternehmungslustig, um sich damit abzufinden, wie Frederic mit ihr umging.

Doch jetzt galt es erst einmal dem seltsamen Fremden zu helfen!

Als sie das Castle erreichten, blieb Alden plötzlich stehen. Er legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die dunkle Fassade des verwinkelten Gebäudes eingehend. Dabei lag ein merkwürdiger Schimmer in seinen Augen, den Grace sich nicht erklären konnte. Fast kam es ihr so vor, so etwas wie Habgier oder Neid in seinen Augen aufblitzen zu sehen.

»Stimmt irgendetwas nicht?«, fragte sie verunsichert. Alden Linkin war ihr plötzlich unheimlich. Doch als er sie jetzt wieder anschaute und ihr charmant zulächelte, war sie sich sicher, sich eben getäuscht zu haben, als sie geglaubt hatte, in seinem Blick etwas abgrundtief Böses bemerkt zu haben.

Alden lachte kurz auf. Dann sagte er: »Ich musste nur gerade an all diese alten Filme denken, wo jemand im nächtlichen Wald eine Autopanne hat und auf der Suche nach Hilfe auf ein unheimliches Castle stößt, in dem, wie sich bald herausstellen soll, ein wahnsinniger Wissenschaftler oder ein Monster haust.«

»So etwas werden Sie auf Donwin Castle wohl vergeblich suchen«, erwiderte Grace und lachte. »Hier geht alles mit rechten Dingen zu. Sie brauchen also keine Angst zu haben und können ruhig mit reinkommen.«

Einladend wies sie auf die doppelflügelige Tür. Sie war jetzt geschlossen. George musste sie bei seinem nächtlichen Rundgang durch das Castle zugemacht haben.

Doch noch während sie die breiten Stufen des Portals hinauf ging, musste sie daran denken, dass sie Alden Linkin angelogen hatte. Auf Donwin Castle ging doch nicht alles mit rechten Dingen zu, es sei denn, man würde es als normal betrachten, dass ein Ehemann seine geliebte Frau so sträflich vernachlässigte, wie Frederic es tat.

Verärgert wischte Grace den Gedanken beiseite und öffnete die Tür.

»Das Telefon befindet sich gleich hier in der Eingangshalle«, erklärte sie und wies auf den Apparat, der auf einer Kommode stand. Das alte Stück wurde von zwei blankpolierten Ritterrüstungen flankiert, in dessen Eisenhandschuhen mittelalterliche Waffen steckten.

Alden Linkin lächelte verbindlich und trat auf den Apparat zu. Und noch während er den Telefonhörer abnahm und eine Nummer wählte, dachte Grace, wie schade es war, dass dieser mysteriöse Fremde nun bald wieder fort sein und sie wieder allein sein würde.



3

»Ich bekomme keine Verbindung«, sagte Alden Linkin und hielt den Telefonhörer achselzuckend in die Höhe. »Die Leitung scheint tot zu sein.«

Grace, die am gegenüberliegenden Ende der Halle gewartet hatte, trat verwundert an den Apparat heran. Sie nahm dem jungen Mann den Telefonhörer aus der Hand und hielt ihn an ihr Ohr.

Alden Linkin hatte recht! In der Hörmuschel war nicht einmal ein Rauschen oder Knacken zu vernehmen.

Plötzlich erinnerte sie sich daran, wie ruppig sie vorhin mit ihrem Telefon im Schlafzimmer umgegangen war, als Frederic ihr erklärt hatte, dass er heute Nacht nicht mehr kommen würde. Hatte sie durch ihr unbedachtes Vorgehen etwa die Telefonanlage des Castles beschädigt? Auszuschließen war es wohl nicht, wie Grace sich eingestehen musste.

Sie lächelte säuerlich und legte den Telefonhörer behutsam auf den Apparat zurück, als könne sie dadurch im nachhinein ihr rabiates Verhalten an dem Telefon im Schlafzimmer wieder gutmachen.

»Es muss wohl etwas mit der Leitung sein«, erklärte sie, und fühlte sich dabei wie ein kleines Mädchen, das gerade dabei ertappt wurde, etwas kaputt gemacht zu haben. »Es... es kommt in dieser Einöde öfter mal vor, dass die Leitung plötzlich tot ist«, setzte sie darum rasch hinzu. »Aber im Arbeitszimmer meines Mannes liegt ein Handy. Ich werde es sofort holen.«

Grace wollte sich rasch abwenden. Sie hatte das Gefühl, dass Alden Linkin sie genau durchschaute, obwohl er ja nicht wissen konnte, dass sie und ihr Mann sich gestritten hatten.

»Ist Ihr Mann denn nicht da?, fragte Alden in diesem Moment. Seine Frage hatte unverfänglich und beiläufig geklungen, doch sie versetzte Grace einen Stich mitten in ihr Herz.

»Er... er hat geschäftlich zu tun«, erklärte sie stockend. Und dann fiel ihr ein, dass Alden mit seiner Frage vielleicht nur hatte herausfinden wollen, ob sie ganz allein in dem großen Castle war. Darum fuhr sie rasch fort: »Aber George, mein Butler und Anna die Küchenfrau sind hier. Wenn Sie es wünschen, kann George Ihnen einen heißen Tee oder einen Imbiss zubereiten.«

Alden schüttelte den Kopf. »Nicht nötig«, sagte er und hob abwehrend die Hände. »Ich möchte Ihnen auf keinen Fall zur Last fallen. Es ist schon schlimm genug, dass ich Sie so lange davon abhalte, ins Bett zu gehen.«

»Das macht nichts!«, hörte Grace sich sagen, und stellte erschrocken fest, dass dieser Ausruf viel zu abrupt und unvermittelt aus ihr hervor geplatzt war. Der Gedanke, in ihr verwaistes Schlafzimmer zurückkehren zu müssen, wo all die romantischen Kerzen und das anheimelnde Kaminfeuer auf sie warteten, um ihr zu sagen, dass Frederic sie mal wieder versetzt hatte, hatte überhaupt nichts Verlockendes an sich.

Trotzdem sollte dieser Alden Linkin nicht bemerken, wie frustriert und einsam sie war. Am Ende würde er sich noch dazu aufgefordert fühlen, etwas daran zu ändern.

Grace wandte sich rasch ab und eilte die Treppe zum ersten Stock empor, wo sich auch das Arbeitszimmer ihres Mannes befand. »Ich bin gleich wieder zurück!«, rief sie Alden über die Schulter zu.

Der junge Mann nickte nur und verschränkte die Arme hinter dem Rücken, zum Zeichen, dass er bleiben würde, wo er war und ganz bestimmt nichts anfassen würde.

Grace war sich nicht sicher, ob sie dem mysteriösen Fremden trauen konnte. Aber ihr blieb nichts anderes übrig, als ihn für einen Moment allein zu lassen. George und Anna schliefen bestimmt schon. Ihre Zimmer befanden sich im Seitenflügel des Castles. Es würde ziemlich lange dauern, dorthin zu gehen und die beiden Bediensteten zu wecken. Da war es schon einfacher, das Handy rasch aus dem Arbeitszimmer zu holen und zu dem Fremden zurückzukehren.

Als Grace an der Schlafzimmertür vorbei kam, entschied sie sich, rasch den Morgenmantel zu holen und ihn sich überzustreifen. Sie fand nämlich, dass ihr Seidenkleid nicht für die Augen eines Fremden bestimmt war. Es war viel zu gewagt geschnitten und außerdem durchscheinend, so dass ihre knackigen, weiblichen Rundungen im Gegenlicht nur allzu deutlich unter dem weißen Stoff hervorschimmerten.

Als sie den Morgenmantel überstreifte, ertappte sie sich bei dem Gedanken, dass sie die Blicke des Fremden heimlich genossen hatte. Sie mochte es, wenn Frederic sie ansah und dieser schwärmerische Ausdruck in seine Augen trat. Diesen Blick hatte sie schon viel zu lange entbehrt und es hatte ihr gutgetan, dass nun ein anderer Mann sie angeschaut hatte.

Doch nun war es genug. Sie knotete den Gürtel des Morgenmantels fest zu und holte dann das Handy aus Frederics Arbeitszimmer.



4

Leichtfüßig eilte Grace die Treppe zur Eingangshalle hinab. »Mit dem Handy meines Mannes müssten Sie eigentlich eine Verbindung zur Außenwelt herstellen können«, rief sie auf halben Weg. »Es hat bisher immer geklappt!«

Verwundert blieb sie auf der letzten Stufe stehen.

Die Eingangshalle war leer!

Unbehaglich blickte Grace sich um. Aber sie konnte Alden nirgendwo erblicken.

»Mr. Linkin?«, rief sie. Ihre Stimme hallte unheimlich in der Halle wider. Aber sonst blieb es still. Der geheimnisvolle Fremde antwortete nicht.

»Mr. Linkin! Wo sind Sie? Ich habe das. Handy!«, rief sie erneut und wartete mit angehaltenem Atem.

Doch in dem Castle blieb alles mucksmäuschen still.

Grace fröstelte plötzlich und sie raffte die Aufschläge des Morgenmantels über ihrer Brust zusammen. »Mr. Linkin! Wollen Sie etwa Versteck mit mir spielen? Ich finde das nicht lustig!«

Langsam ging sie bis zur Mitte der Halle und drehte sich dann einmal um ihre eigene Achse. Die Türen, die von der Halle abzweigten, waren alle geschlossen. Falls Alden Linkin in einen der angrenzenden Säle oder Salons gegangen war, so hatte er nicht vorgehabt, Grace wissen zu lassen, in welchem Raum er sich aufhielt, sonst hätte er die Tür offen gelassen.

»Verdammt«, presste Grace rau hervor. Sie hätte sich für ihre Leichtsinnigkeit ohrfeigen können. Sie hatte einen wildfremden Mann in das Castle gelassen. Und nun streifte er irgendwo durch das weitläufige Gebäude, stahl Wertgegenstände oder lauerte hinter der nächsten Ecke, um sich auf sie zu stürzen!

Grace schüttelte sich. Sie fühlte sich in ihrem eigenen Castle plötzlich nicht mehr sicher. Sie beschloss, George und Anna zu wecken. Sie mussten das Castle durchsuchen, bis sie diesen merkwürdigen Kerl gefunden und zur Tür hinausgeworfen hatten! Grace spielte sogar mit dem Gedanken, die Polizei zu verständigen. Aber es würde mindestens eine Stunde dauern, bis die Beamten eintreffen würden.

Es hat eben manchmal doch seine Nachteile, so abgelegen und abgeschieden zu wohnen, dachte Grace verbittert. Entschlossen setzte sie sich in Bewegung und eilte den Korridor entlang, der zum Seitenflügel und den Zimmern der Bediensteten führte. Ihre Nackenhaare sträubten sich, wenn sie schlecht beleuchtete Bereiche passieren musste. Und wenn sie an Nischen oder Seitengängen vorbei kam, machte sie einen großen Bogen und drückte sich mit dem Rücken ängstlich gegen die Wand.



Zusammenfassung


Eigentlich will die Amulettforscherin Brenda Logen mit ihrem Mann Urlaub machen, aber Daniel wird zu einer Patientin gerufen, die im Koma liegt. Also fahren die beiden nach Donwin Castle. Dort angekommen werden sie sehr unhöflich empfangen. Ein anderer Arzt habe bereits eine erhebliche Verbesserung des Gesundheitszustandes der jungen Lady bewirkt, wird ihnen mitgeteilt. Ihre Hilfe sei nicht mehr erwünscht. Mit einem unguten Gefühl treten Brenda und Daniel die Heimreise an. Während der Fahrt verliert Daniel die Kontrolle über sein Fahrzeug...

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908572
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (März)
Schlagworte
amulett lady

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Titel: Das magische Amulett #102: Die verwunschene Lady