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Clint Morgan #3: Triff den Tod in Corralitos

2017 190 Seiten

Leseprobe

TRIFF DEN TOD IN CORRALITOS



Ein Roman von Uwe Erichsen





IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Katalinks/123rf, 2017

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappe

Der Ex-Pinkerton-Agent Thomas Coyne hat einen dicken Fisch an der Angel. Es geht um verdammt viel Geld, und dafür braucht er einen Partner, der für ihn die Kastanien aus dem Feuer holt. Coynes Wahl fällt auf den Revolvermann Clint Morgan, weil er überzeugt davon ist, dass Morgan diesen Höllenjob in Mexiko ohne Probleme erledigen wird. Als Morgan jedoch erkennt, dass Coyne ihn austricksen will, gibt es für ihn nur noch eins: er muss diese Sache klären – und zwar auf seine Weise. Coyne weiß nicht, dass Morgan gefährlicher ist als eine Ladung Dynamit. Das bekommt er sehr bald am eigenen Leib zu spüren. Denn wer einen Mann wie Clint Morgan betrügen will, der hat sein eigenes Todesurteil bereits unterschrieben ...




1.



Selbst im totenähnlichen Schlaf verfolgte ihn noch das Lachen der fetten Hure, und wenn er nicht so müde - und so besoffen - gewesen wäre, hätte er mitgelacht. Großer Gott, was war das für eine Nacht gewesen! Und was für eine großartige Party!

Er schlief wie ein Klotz. Er lag auf dem Bauch, das harte Gesicht zur Seite gedreht, den nackten narbigen Rücken den Blicken des Mannes preisgegeben, der das Zimmer lautlos betreten hatte. In der herabhängenden rechten Hand lag ein schwerer, langläufiger Remington. Geräuschlos bewegte sich der Fremde auf das Bett zu. Kühle Luft drang durch das halb geöffnete Fenster, und doch stank es im Zimmer wie in einer Baracke voller Streckenarbeiter.

Morgan hatte nach der Orgie noch eine halbvolle Flasche Whisky mit aufs Zimmer gerettet. Sie lag jetzt leer am Boden. Die fette Hure hatte er unten davongejagt. Er hatte es zuerst mit einem kleinen hellhäutigen Ding getrieben, dann mit einer üppigen Rothaarigen, und zum Schluss hatte er es mit der Dicken versucht. Bei dem Versuch war es geblieben. Aber sie hatte sich nicht abschütteln lassen, auch nicht, als er ihr sein letztes Geld zwischen die kürbisgroßen Brüste gesteckt hatte. Berufsehre, vermutete Morgan. Sie war erst lachend abgezogen. als der Hotelportier drohte, die Hunde auf sie zu hetzen. Lachend war das fette Weib verschwunden. Mit seinem letzten Geld, dem schäbigen Rest von zweitausend Dollar.

O verflucht, nie wieder würde er einen Job für zweitausend Dollar annehmen! Okay, okay, der alte Mann hatte ihm leid getan, und die Kohlen waren leicht verdient. Zwei Tage auf der Bahn, ein Ritt von vierzehn Stunden am Ufer des Green River entlang, das war alles. Es war nicht einmal ein Schuss gefallen. Es ging um eine alte Schuld. Der Oldtimer hatte einmal einem Burschen, der seine Tochter heiraten wollte, mit fünfzehntausend Dollar aus der Patsche geholfen - mit allem, was er hatte. Der Schweinehund hatte die Dollars genommen, die Tochter aber sitzenlassen, und sich oben in Wyoming eine Ranch gekauft, wo er den mächtigen Rinderbaron mimte, während der Oldtimer in Starkville, Colorado, durch die Saloons zog und Drinks schnorrte.

Der alte Kerl hatte Morgan seine Lebensgeschichte erzählt. Die Sache mit den fünfzehntausend, und das tragische Ende seiner Tochter, die bei einem Eisenbahnunglück ums Leben gekommen war, drei Tage, nachdem sie einen jungen Geologen geheiratet hatte. Aus einer sentimentalen Gefühlsregung heraus hatte Morgan eingewilligt, als der Alte ihm vorschlug, das Geld für ihn zu kassieren. Der Oldtimer hatte ihn dabei so traurig, so hoffungslos angesehen, dass Morgan gar nicht anders konnte. Halbe-Halbe, hatte der Alte geboten, und Morgan hatte die Dollars geholt. Der betrügerische Strolch von Rancher hatte das große Zittern gekriegt, als er die eiskalten Augen des Mannes mit den breiten Schultern, der gewölbten Brust und den schmalen Hüften plötzlich vor sich sah, mitten in der Nacht und in seinem Schlafzimmer.

Morgan hatte nur zweitausend Dollar von dem Geld behalten, kaum mehr als ein Trinkgeld. Und das hatte er in einer einzigen wüsten Nacht verjubelt. In den Bars an der Bahnstation von Starkville. Weil es sich kaum lohnte, wegen so einer lächerlichen Summe an einem Bankschalter anzustehen.

Morgan fühlte sich entsprechend. Er hatte Kopfschmerzen. Er schnarchte. Und er stank nach Whisky.

Das Schnarchen endete abrupt mit einem Schnaufer, als er das scharfe metallische Schnappen hörte, mit dem der Hammer des Remington einrastete, und dann bohrte sich auch schon die Mündung des Revolvers in sein Ohr.


*


O verflucht, was hatte er denn falsch gemacht? Hier in Starkville hatte er doch keine Feinde! Im Gegenteil. Seine Heldentat hatte sich in Windeseile herumgesprochen, dafür hatte der Oldtimer gesorgt, der überglücklich begonnen hatte, seinen unerwarteten Reichtum in Drinks umzusetzen.

Morgan hatte die Tür abgeschlossen. Die Tür verfügte über ein ziemlich solides Schloss. Was bedeutete, dass der Eindringling sich unten an der Rezeption einen Zweitschlüssel hatte geben lassen. Morgan beschloss, dem hündischen Clerk dafür eins auf die Nase zu geben.

Zunächst lag er jedoch da und regte sich nicht, während er versuchte, seine Lage zu analysieren. Der Eindringling stand hinter ihm. Vermutlich beugte er sich über seinen Rücken. Seine Körperwärme hatte den Stahl des Revolverlaufs schnell erwärmt, aber der unangenehme Druck blieb. Es wäre Selbstmord gewesen, jetzt eine Heldentat zu versuchen. Der Kerl, wer immer er war, würde ihm das Gehirn durch den Schädel blasen.

Hinter seinen geschlossenen Lidern war es hell, sehr hell sogar, was bedeutete, dass die Sonne bereits über der Range stand, was sie erst gegen Mittag zu tun pflegte. Als er probeweise ein Lid hob. stach die Sonne wie mit spitzen Nadeln mitten in sein Hirn. Morgan zwang sich, das Auge geöffnet zu lassen. In der Ferne konnte er die glitzernde Eiskappe des Fishers Peak erkennen.

Er verzog das Gesicht, als eine Lok ihr schrilles Pfeifen in den klaren Himmel schickte, und langsam, ganz vorsichtig, begann er, sich zu bewegen.

Der Druck in seinem Ohr hielt an. Morgan ballte die Rechte zur Faust. Es war eine Faust, so rau und hart wie ein Stück von einer hundert Jahre alten Eiche. Morgan hörte, wie Atem über halb geöffnete Lippen strich, und ganz plötzlich nahm er den Geruch wahr, den der Fremde verbreitete. Es war eine Mischung aus Leder und Waffenöl. Kein Hauch von Schweiß war dabei, der ihm verraten hätte, dass der Kerl Angst hatte.

Nein, der Halunke hatte keine Angst. Wer zu einem bekannten Revolvermann ins Zimmer geht, ohne dazu aufgefordert zu sein, darf keine Angst haben.

Ich will aufstehen", sagte Morgan heiser. Verdammt, warum kratzte seine Stimme bloß so?

Sie stehen auf, wenn ich Ihnen alles erklärt habe", antwortete der Unbekannte. Er hat eine ungemein selbstsichere Stimme, stellte Morgan fest.

Nun gut, dann pinkele ich eben ins Bett..."

Der andere zögerte, dann nahm er den Revolver zurück. Morgan rührte sich nicht. Er wartete, bis der Eindringling die Ecke hinter der Spanischen Wand inspiziert hatte.

Okay, gehen Sie. Aber denken Sie daran, dass ich Sie über den Haufen knalle, wenn ...“

Lassen Sie die Sprüche“, fauchte Morgan ärgerlich. Er hatte seinen ersten Erfolg zu verbuchen. Der Bursche wollte etwas von ihm. Er wollte ihn nicht töten. Wenigstens nicht sofort.

Morgan glitt vom Bett. Es war eine geschmeidige Bewegung, überraschend geschmeidig sogar für einen Mann, der die Mitte Dreißig bereits überschritten hatte und der so hager und knochig war. Langsam drehte Morgan sich um.

Das Gesicht des anderen war starr und ausdruckslos, nur die blassen Augen unter den Stirnwülsten zuckten, als sie Morgans Gesicht so unvermittelt von nahem erblickten. Der Mund verzog sich zu einem Grinsen, das keine Spur von Humor verriet, nur Härte und eine Drohung, die dem anderen unter die Haut ging.

Der andere - das war ein Hüne, ein Mann, der ebenso groß war wie Morgan, aber etwas schwerer und etwas älter. Er hatte dichtes braunes Haar, das unter einem teuren Stetson hervorquoll. Er trug eine halblange Schaffelljacke und darunter Cordhosen, die an den Innenseiten der Schenkel abgewetzt waren und verrieten. dass der Mann viel Zeit im Sattel zubrachte. Das tief geschnallte Quick Draw-Holster wurde zum Teil von den Schößen der Jacke verdeckt.

Machen Sie sich nicht in die Hose", warnte der Mann, und in den blassen Augen blitzte es ganz kurz auf. Dieser Halunke musste sich verdammt überlegen fühlen, wenn er in einer Situation wie dieser noch zu Späßen aufgelegt war. Das war ein Gedanke, der Morgan beunruhigte.

Er verschwand hinter dem Wandschirm. Er erleichterte sich und wusch sich dann in der großen Porzellanschüssel. Das kalte Wasser vertrieb den Druck hinter seiner Stirn. Mit dem Handtuch über sein Gesicht reibend, kam er aus der Ecke.

Der Fremde hatte seinen Remington wieder eingesteckt, aber er hatte inzwischen Morgans Waffen an sich gebracht, den 38er Colt und die 3030er Winchester. Der Revolvergurt hing über der breiten Schulter, der Kolben schaute unter dem linken Arm hervor. Die Winchester stand neben dem Mann an der Wand. Der Kerl hatte eine Menge Trümpfe auf seiner Seite.

Morgan verzog erneut die Lippen. Der Fremde lächelte. Er hatte volle Lippen und trug einen struppigen Schnauzbart, dessen Enden über die Mundwinkel hinabreichten.

Ich bin Coyne. Thomas Coyne“, sagte er. „Ich bin auf etwas ungewöhnliche Art bei Ihnen eingedrungen, um Ihnen zu zeigen, dass ich nicht von gestern bin.“

Nun gut, Sie haben es mir gezeigt, jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie wieder verschwinden. Auf die gewöhnliche Art."

Coyne grinste, und Morgan überlegte, ob er versuchen sollte, an seine Fox zu kommen, die in dem großen Koffer unter dem Bett lag. Er könnte dem Kerl die Beine wegschießen.

Ich werde hierbleiben, weil ich Ihnen etwas zu erzählen habe, und dann werden wir beide nach Mexiko gehen.“

Morgan nahm eine dünne schwarze Zigarre aus der Schachtel, die auf der Kommode stand. Bei der Bewegung zuckte die Rechte des anderen zum Griff des 38ers, doch dann entspannte sich Coynes Haltung wieder, und er lächelte.

Glauben Sie, Sie können mich während einer Reise von mindestens fünfhundert Meilen in Schach halten?“ Morgan riss ein Streichholz an und schirmte die Flamme mit den hohlen Händen ab. Das Handtuch hatte er unter seine linke Achsel geklemmt Er stieß eine graue Rauchwolke aus, die seine Augen vor den Blicken des anderen sekundenlang verbarg.

Bevor wir uns auf den Weg machen, werden wir zwar keine Freunde sein", prophezeite Coyne, „aber Partner.“ Er nickte überzeugt.

Morgan widerstand der Versuchung, auf den Boden zu spucken. Sein Verstand sagte ihm, dass Coyne etwas zu bieten hatte. Morgan wollte wissen, was es war. Dann konnte er Coyne immer noch die Zähne in den Hals schlagen. Oder sonst etwas mit ihm anstellen.

Was macht Sie so sicher?"

Fünfzigtausend“, antwortete Coyne, und er sah Morgan lauernd an. „Für Sie!"

Und was ist für Sie drin?"

Ebenfalls fünfzigtausend."

Woher wollen Sie wissen, dass mich das Geld interessiert? Niemand verschenkt so viele Dollars."

Ich habe sie auch nicht zu verschenken, Morgan. Ich habe Sie gesucht, weil ich Ihren Ruf kenne. Ich brauche Sie, und Sie brauchen mich, weil der Job nicht allein gemacht werden kann. Und weil ich die Details kenne. Jedenfalls genug, um eine Chance zu haben“, schränkte Coyne ein.

Weiter.“ Morgan stand ruhig da. Er wippte leicht auf den Fußballen. Das Bett befand sich zwischen ihm und dem anderen.

Vor zwei Monaten hat eine Bande einen Zug der Atchison, Topeka & Santa Fe überfallen. Das war kurz vor Pueblo. In dem Zug befand sich ein Safe mit ziemlich genau hunderttausend Dollar in Papiergeld. Das Geld war für eine Silberlieferung aus den Minen bei Alamoso am Rio Grande bestimmt. Die Banditen haben den Waggon und den Safe mit einer Ladung Dynamit förmlich in den Himmel geblasen und sind mit dem Geld verschwunden."

Nach Mexiko.“

Dort liegt ihr Ziel. Dort wollen sie teilen. Der Witz ist nur, dass sie dort noch nicht eingetroffen sind. Die Banditen nicht, und das Geld wahrscheinlich auch nicht. Die Eisenbahngesellschaft, der County Sheriff und sogar der US Marshal mit seinen Leuten haben den Staat praktisch dichtgemacht. Das haben die Kerle gewusst, und deshalb haben sie sich etwas ausgedacht. Aber wir beide, Morgan, Sie und ich, können uns das Geld holen!"

Coyne hatte sich vorgebeugt. Sein breites Kinn mahlte, die blassen Augen hatten sich verdunkelt.

Es ist gestohlenes Geld. Wenn Sie meinen Ruf kennen, müssen Sie erfahren haben, dass ich nichts tue, was mich mit dem Gesetz in Konflikt bringen könnte. Sie wollen sich die Beute unter den Nagel reißen, die andere gemacht haben. Oder haben Sie etwa Ihre Finger mit drinstecken, Coyne, und suchen jetzt einen, der Ihnen die Kastanien aus dem Feuer holt?“

Nein, Morgan. Ich habe nur nachgedacht und die Augen offengehalten. Zuerst war ich nur auf die Belohnung scharf. aber dann habe ich mir gesagt, hol dir alles.“

Das Geld gehört Ihnen nicht, Coyne. Ich bin nicht Ihr Mann. Verschwinden Sie.“

Morgan! Das Geld ist in Mexiko! Oder es wird dorthin geschafft! Die Alamosa hat den Verlust von der Versicherung der Atchison, Topeka & Santa Fe ersetzt bekommen. Die Versicherung hat den Verlust abgeschrieben. Was wollen Sie noch mehr? In Mexiko fragt niemand danach, wie wir an das Geld gekommen sind, mit dem wir uns ein schönes Leben machen!"

Coyne griff unter seine Jacke und zog ein paar zusammengeheftete Zeitungsausschnitte hervor, die er Morgan zuwarf.

Morgan legte die Zigarre ab. Sein Oberkörper war immer noch nackt. Er studierte die Artikel von hinten nach vorn.

Die Versicherung hatte zehntausend Dollar Belohnung ausgesetzt, und die Eisenbahngesellschaft hatte noch einmal die gleiche Summe ausgelobt, weil sie, wie ein Sprecher der Gesellschaft erklärte, das wieder aufkommende Banditenunwesen mit allen Mitteln zu bekämpfen gedachte.

Zwanzigtausend Dollar Belohnung ...

Morgan schüttelte unwillig den Kopf. Er war kein Prämienjäger, und ein Kopfgeldjäger schon gar nicht. Er war ein Abenteurer, der für andere durch die Hölle ging, wenn es sein musste - und wenn es sich lohnte. Vielleicht war er der letzte Abenteurer des ehemals freien Westens, eines Landes, das immer mehr von den Bürohengsten aus dem Osten verwaltet wurde. Eines Tages würden sie ihre verdammten Schreibtische mit ihren verdammten Telefonen sogar auf den Gehwegen aufstellen.

Morgan konzentrierte sich erneut auf die Zeitungsausschnitte. Es hatte drei Tote gegeben. Die Banditen hatten den Zug auf einem Streckenabschnitt zum Stehen gebracht, auf dem niemand mit einem Anschlag gerechnet hatte. Ein Scharfschütze hatte den Lokführer abgeknallt. Es war verflucht einfach gewesen ...

Danach waren die anderen Banditen aus ihren Erdlöchern hervorgekrochen und hatten sich den Zugführer und die Schaffner vorgenommen. Doch die Eisenbahner konnten den Waggon mit dem Geld nicht öffnen. Dazu waren nur die beiden Sicherheitsleute im Inneren des Waggons in der Lage, und die hatten nicht die Absicht, sich oder das ihnen anvertraute Geld den Banditen zu überlassen.

Die Verbrecher hatten kurzerhand eine Ladung Dynamit unter dem Wagenboden angebracht und gezündet. Die Detonation hatte einem jungen Detektiv der Bahngesellschaft das Leben gekostet. Der Mann war von Pinkerton ausgebildet worden.

Der zweite Sicherheitsmann hatte sich bis zur letzten Patrone verteidigt, ehe ihn die Banditen niedermachten. Sein Name wurde mit Marsh angegeben. Patrick Marsh aus Pueblo.

Pat Marsh ...

Morgan spürte, wie sein Inneres vereiste. Zum Teufel, der Name Marsh war nicht selten. Ein Mann namens Pat Marsh hatte ihm im spanisch-amerikanischen Krieg das Leben gerettet. Das war auf den Philippinen. Später hatte Pat in der Schlacht in der Makuli Bai sein rechtes Bein verloren.

Morgan kniff die Lider zusammen. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, formten sich nur widerwillig zu ganzen Wörtern und verständlichen Sätzen.

Obwohl Mr. Marsh eine Beinprothese trug, führte der Sprecher der Atchison, Topeka & Santa Fe weiter aus, sei er ein hervorragender und äußerst zuverlässiger Sicherheitsmann gewesen. Er hinterließ seine Frau und drei Kinder.

Morgan ließ die Blätter sinken, und er starrte einen Moment zwischen seine nackten Füße. Dann hob er den Kopf und sandte einen jähen Blick zu Coyne hinüber. Coyne senkte schnell den Blick.

Sie haben es gewusst", sagte Morgan tonlos. „Das hat Sie so sicher gemacht, dass ich Sie nicht zum Teufel jage!“ Morgan klatschte die Blätter auf die Kommode.

Coyne sagte nichts. Er scharrte unruhig mit einem Fuß.

Woher wissen Sie es?", fragte Morgan. Er nahm die Zigarre wieder auf und klemmte sie zwischen seine Zähne. Er merkte nicht, dass die Glut erloschen war.

Ich habe es Ihnen doch schon gesagt, Morgan - ich habe herumgehorcht. Ich war auch bei der jungen Witwe in Pueblo. Ihr Bild, Morgan, hängt dort neben dem Kamin.“ Er fletschte die Zähne. „Als ich Ihre Visage sah, Morgan, wusste ich, dass ich alles bekommen kann! Alles, die ganzen hunderttausend! Und nicht nur die Belohnung!“ Coynes Augen glitzerten. Sein mächtiger Brustkorb hob und senkte sich. „Ich bin ein Mann, der die schwachen Stellen anderer Menschen aufspüren kann. Wir beide gehen nach Mexiko und holen uns das Geld. Und Sie können nebenbei Ihren Freund rächen.“

Sie sind ein Schweinehund, Coyne“, sagte Morgan.

Was wollen Sie? Sonst arbeiten Sie doch nur für Geld – und für diesen Senator McCauley, oder?“ Er sah, wie Morgan nickte und fuhr fort. „Ich biete Ihnen die Chance, Ihren Freund zu rächen. Das ist mehr wert als alles Geld der Welt, oder schätze ich Sie da falsch ein?“

Keineswegs, Coyne, Sie irren sich aber dennoch in einem Punkt - ich bin keine Schachfigur, die sich von einem anderen beliebig hin und her schieben lässt.“ Morgans Stimme klang falsch.

Coyne glaubte, den großen Mann in der Tasche zu haben. Er lachte verächtlich.

Da schleuderte Morgan das Handtuch nach ihm, und mit dem nackten Fuß versetzte er dem Bett einen wuchtigen Tritt. Es schlitterte auf Coyne zu.

Coynes Hand zuckte zum Colt, doch da traf der Messingrahmen seine Schienbeine knapp unterhalb der Knie, und er schrie auf.

Mit einem geschmeidigen Satz landete Morgan auf dem Belt. Coynes Mund war weit aufgerissen. Er fetzte das Handtuch zur Seite, das ihm die Sicht raubte, und mit der großen Pranke versuchte er den Colt aus der Halfter zu zerren.

Morgan stieß ihm sein Knie in den Magen. Coyne krümmte sich zusammen. Morgans ineinander verhakte Fäuste kamen von unten herauf. Die Bettfedern knackten.

Coynes Schädel wurde in den Nacken geschleudert und krachte gegen die Wand. Der Filz des Stetsons dämpfte den Aufprall ein wenig. Der Blick der blassen Augen wurde glasig.

Morgan fetzte den Revolvergurt von Coynes Schulter und warf ihn auf die Kommode. Die Winchester brachte er ebenfalls an sich. Coynes Remington ließ er jedoch, wo er war.

Morgan sprang vom Bett und zog das Gestell ein Stück zurück. Coyne lehnte an der Wand. Sein Gesicht war blass. Keuchend sah er Morgan zu, wie der sich anzog.

Wo wollen sich die Banditen treffen?“, fragte Morgan.

In Mexiko.“

Wo genau?“ Morgan kannte Mexiko fast so gut wie die Staaten und einen großen Teil der übrigen Welt.

Das sage ich Ihnen, wenn wir die Grenze hinter uns haben.“

Morgan wirbelte herum. Coynes Blick flackerte. Er wischte mit dem Handrücken über seine Nase. Er ist hart im Nehmen, dachte Morgan. Verdammt hart.

Aus unserem Geschäft wird nichts, Coyne. Verschwinden Sie."

Hören Sie, Morgan, ich habe eine Menge Zeit investiert, Geld auch, und ich habe meinen Hals riskiert, um an die Informationen zu kommen! Sie glauben doch nicht, dass ich die jetzt so einfach einem Wolf, wie Sie einer sind, zum Fraß vorwerfe?“

Dieses ist ein freies Land, und Sie haben die Wahl”, entgegnete Morgan gleichmütig. Er streifte sein Hemd über und legte dann den Revolvergurt an. Er prüfte den Sitz der Waffe. Sie glitt geschmeidig aus dem Leder, der Kolben lag warm und vertraut in seiner Hand.

Corralitos", sagte Coyne. Es zerriss ihn fast.

Morgan grinste, dann deutete er auf die Ecke hinter dem Schirm. „Waschen Sie sich das Blut aus dem Gesicht, damit Sie die Leute nicht erschrecken, wenn Sie runtergehen."

Morgan fuhr mit den Fingern durch sein dunkles, an den Schläfen schon grau gewordenes Haar, das einen scharfen Kontrast zu seinem braunledernen Gesicht bildete. Er angelte die bequemen Kavalleriestiefel hinter der Kommode hervor und stieg hinein. Coyne prustete hinter dem Schirm. Dann schielte er um die Wand herum.

Was ist jetzt?", fragte er.

Was soll sein? Wir gehen nach Mexiko."

Coyne nickte versöhnt.

Gehen Sie runter und besorgen Sie mir ein Frühstück", sagte Morgan.

Morgan, es ist Mittag!"

Sie verstehen sich doch mit dem Schlitzohr unten. Wenn er Ihnen den Zweitschlüssel zu einem Gästezimmer gibt, wird er Ihnen wohl auch ein Frühstück verkaufen.“

Ja, ich kann’s versuchen." Coyne wandte sich zur Tür.

Und wenn Sie schon mal dabei sind, können Sie meine Rechnung bezahlen.“

Hören Sie, Morgan ...“

Morgan grinste über sein zerklüftetes Gesicht. „Ich weiß. Sie hatten Ausgaben. Aber Sie bekommen mich nicht umsonst.“

Es ist gut“, ächzte Coyne.

Ach ja, und wenn Sie unten alles geregelt haben, können Sie schon die Tickets besorgen."

Coynes Gesicht verfärbte sich. Morgan grinste unverwandt. Der andere war nicht nur ein geldgieriger Schurke, er war auch geizig.

Bis El Paso“, fügte er genüsslich hinzu. „Dort kaufen wir Pferde und neue Munition. Jenseits der Grenze fahren wir dann mit dem Zug bis Barranca.“

Als Coyne Morgans Zimmer verließ, schmetterte er wütend die Tür hinter sich ins Schloss.



2.



Während der langen, ermüdenden Fahrt durch New Mexico gingen sie sich nach Möglichkeit aus dem Weg. Thomas Coyne hatte die billigsten Tickets gekauft, die es gab, und so hockte er jetzt zwischen schnatternden mexikanischen Wanderarbeitern und Kisten, in denen Hühner gackerten, während Morgan die meiste Zeit im mittleren Salonwagen zubrachte.

Er trug jetzt eine graue Tuchhose und eine dunkelbraune Cordjacke, unter deren langen Schößen der Colt kaum auffiel. Immerhin schleppten etliche Fahrgäste allerhand Schießgerät mit sich herum, so dass Morgan sich ebenfalls nicht von seinem Revolver trennen mochte.

Schon am ersten Abend lernte er im Salonwagen einen fetten Viehhändler aus Chicago kennen. Er nahm mit dem Mann gemeinsam das Abendessen ein, wofür er seine letzten Reserven angreifen musste, und beinahe zwangsläufig kam die Rede auf ein Spielchen, mit dem man sich die Zeit vertreiben könne.

Morgans Taschen waren leer, aber er stimmte begeistert zu. Er kämpfte sich zu Coyne durch, der sich verzweifelt gegen eine Horde schmutziger schwarzhaariger kleiner Teufel zu wehren versuchte, die kreischend über seine Beine kletterten.

Morgan zog eine flache Flasche mit Whisky aus der Tasche. Sie war noch halbvoll. Coyne warf ihm einen gequälten Hundeblick zu, aber immerhin nahm er die Flasche und schraubte den Verschluss ab. Morgan hielt sich am Gepäcknetz fest.

Der Zug rumpelte über eine schlecht geschotterte Strecke an der Südflanke der Raton Range. Die Karbidlampen unter der Decke schaukelten heftig.

Wollen Sie nichts essen?“, erkundigte sich Morgan, der genau wusste, dass Coyne sich in Starkville kurz vor der Abfahrt mit allerhand Essbarem eingedeckt hatte.

Ich habe jetzt keinen Hunger", antwortete er griesgrämig. „Ich will versuchen, früh zu schlafen. Und Sie?"

Sie können die Beine ausstrecken. Ich komme später."

Coyne seufzte.

Morgan beugte sich herab und brachte seinen Mund nahe an Coynes Ohr. „Wo haben Sie das Geld, das wir für die Pferde und die weiteren Unkosten brauchen?“

Coyne legte mechanisch eine Hand auf die Brust.

Morgan lächelte.

Bei mir ist es vielleicht sicherer", meinte er. Er ließ seine Augen vielsagend über das Durcheinander wandern.

Coyne schüttelte störrisch den Kopf.

Morgan grinste. „Ich denke nicht daran, meine Zeit zu verschwenden, Coyne, und darauf zu warten, dass man Ihnen die Taschen ausplündert. Ich steige aus, sobald der Zug morgen früh in Albuquerque hält." Morgan richtete sich auf. Ihm entging nicht, dass sich Coynes volles Gesicht mit hektischer Röte überzog. Coynes Oberlippe war noch geschwollen.

Ich warne Sie, Morgan!“, zischte er, um abrupt zu verstummen. als ihm die plötzliche Stille im Waggon bewusst wurde. Die Gesichter der Mitreisenden hatten sich ihnen beiden zugewandt. Coyne ächzte, als er in seine Brusttasche griff und eine lederne Geldtasche herauszog. „Ich weiß genau, wie viel drin ist!"

Morgan steckte die Tasche ein und ging ohne ein weiteres Wort davon.


*


Der dicke Viehhändler saß bereits an einem runden Tisch im Salonwagen. Neben ihm hatte ein hagerer Bursche mit düsterem Gesicht Platz genommen. Der Dicke hieß Walter Gelesky, der Hagere stellte sich als Eugene Jackson vor, Brauerei-Agent aus Boston.

Sie haben doch nichts dagegen, wenn Mr. Jackson an unserer Partie teilnimmt, nicht wahr, Mister ...?“

Clint Morgan.“

Mr. Morgan!“ Der Viehhändler strahlte.

Morgan schüttelte den Kopf. Obwohl er den beiden nicht traute. Wenn die etwas verabredet hatten, konnten sie ihm das letzte Hemd abnehmen. Aber Morgan war kein verschlafener Provinzler. Er hatte sich schon gegen professionelle Betrüger durchgesetzt. Zwei Amateure, die sich einen Spaß daraus machen wollten, einen Hinterwäldler auszunehmen, konnte er bestimmt bluffen.

Ein Schwarzer in der Uniform der Bahngesellschaft brachte einen kleinen Barwagen herein. Auf der Platte standen verschiedene Sorten Whisky, Sodawasser, Eis und ein Teller mit Früchten. Morgan beschloss, sich an die Früchte zu halten, um seinen klaren Kopf zu behalten. Er wollte versuchen, sich etwas Bargeld zu verschaffen, um von Coyne unabhängig zu sein.

Gelesky füllte drei Gläser mit Whisky. Morgan nahm seins und nippte vorsichtig daran. Der Dicke trank einen kräftigen Schluck, was Morgan gefiel. Jackson dagegen rührte sein Glas überhaupt nicht an.

Morgan legte Coynes Geldtasche neben seine linke Hand. Sie war dick und schwer. Vielleicht hatte Coyne sein Haus verkauft, vermutete Morgan, um an das geraubte Geld heranzukommen. Ihm war es gleichgültig.

Coyne war ein gieriger Schuft. Das Spiel konnte beginnen.


*


Zwei Stunden später stand Morgan mit an die Zweitausend im Minus. Der Dicke schwitzte heftig. Er hatte bereits drei große Whiskys getrunken. Seine dicke rosige Hand lag auf einem Haufen Geld.

Jackson hatte kaum einmal ein Wort gesprochen, und doch hatte Morgan die Spielweise der beiden mittlerweile durchschaut. Gelesky hatte das Geld, er signalisierte Jackson zu, wenn der mitbieten sollte. Solange Gelesky und Jackson erhöhten, musste Morgan mithalten und gutes Geld in den Pott geben oder aber passen. Er war bisher immer mitgegangen, um zu sehen, was die beiden Kerle zu bieten hatten. Einmal hatte er, Morgan, das höhere Blatt gehabt, die anderen Male aber der Dicke. Der Dicke bot schon eine Menge Geld auf, wenn er nur einen Drilling auf der Hand hatte.

Morgan nahm die Karten auf. Er mischte sie sehr sorgfältig. Er hatte sich gemerkt, wo die Karten lagen, die er eben vorm Kaufen abgelegt hatte. Zwei Damen waren dabei, eine dritte hatte er zugekauft. Diese drei Damen spielte er sich jetzt zu. Sie bildeten seinen Grundstock.

Gelesky schanzte er drei Achten zu, und prompt sah er, wie dessen Augen aufblitzten und wie er spielerisch eine Münze herumdrehte das Zeichen für Jackson, mitzugehen.

Noch bevor sie tauschten, lagen zwölfhundert Dollar in der Mitte.

Gelesky gab zwei Karten zurück, Jackson drei, und Morgan legte ebenfalls zwei ab.

Morgan war enttäuscht, als er nur eine Zwei und ein Ass erhielt. Aber es musste auch so klappen.

Der Dicke erhöhte sofort um zweihundert Dollar, Jackson zog natürlich mit, und auch Morgan blieb dabei. Er sah nicht auf, als er hinter sich eine Bewegung spürte. Erst als er das scharfe Atemholen hörte und dann den typischen Geruch nach Leder und Waffenöl, den Coyne verströmte, wahrnahm, hob er den Kopf und grinste in das Gesicht, das rot und aufgedunsen wie ein Ballon über ihm schwebte. Coynes Unterlippe zitterte.

Morgan ging mit, als die anderen um fünf Hunderter erhöhten. Gelesky trank hastig. Lauernd sah er Morgan an, und Morgan wusste intuitiv, dass der andere die vierte Acht nicht gezogen und auch kein Full House auf der Hand hatte. Er legte noch einmal fünfhundert in den Topf und drehte die Münze herum.

Ziehe gleich und will sehen", murmelte der Hagere.

Morgan brachte die Fünfhundert und erhöhte noch einmal um fünfhundert. Coynes Geldtasche war jetzt fast leer. Wenn Morgan diesen Fisch nach Hause brachte, hatte er viertausendzweihundert Dollar gewonnen. Zweitausend gehörten Coyne, der Rest ihm. Morgan fühlte sich prächtig.

Zähneknirschend zahlte Gelesky die Fünfhundert und sagte, er wolle sehen. Jackson stieg aus. Okay, dachte Morgan gleichmütig, dann betrug sein Gewinn eben einen halben Tausender weniger.

Er warf die drei Damen auf den Tisch.

Gelesky wischte sich über die Stirn. Morgan strich das Geld ein.

Neben seinem Ohr hörte er Coynes unsichere Stimme. „Sie - Sie hatten nur drei Damen?“

Die genügten doch, oder?" Morgan rammte eine Zigarre zwischen seine Zähne. Er ließ sich von Coyne Feuer geben, und als Coyne nach seiner Geldtasche greifen wollte, lächelte Morgan, stopfte die insgesamt viertausendeinhundert Dollar, die er sich geliehen hatte, wieder hinein und schob die Tasche in seine Jacke. „Sie können ein Abteil mieten, wenn Sie wollen", bot er seinem Partner an.

Coyne schüttelte stumm den Kopf und wankte davon.

Morgan spielte mit dem gewonnenen Geld weiter.

Gelesky wurde unruhig, als eine Frau den Salonwagen betrat. Sie war groß und schlank und trug ein Kleid aus schimmerndem Taft, das ihre Wespentaille und die weiblich gerundeten Hüften betonte. Aus dem runden Ausschnitt quollen zwei herrlich gewölbte Brüste. Das herzförmige Gesicht mit dem kleinen Mund und den tiefliegenden grau-grünen Augen wirkte ein wenig starr. Das weizenblonde Haar trug sie zu einem kunstvollen Gebilde aufgetürmt, dessen Aufbau gewiss viel Zeit kostete.

Sie stellte sich hinter Gelesky und legte ihm eine schmale Hand auf die Schulter. Gelesky zuckte bei der Berührung leicht zusammen. Er tätschelte die Hand abwesend, während er, die Stirn runzelnd, seine Karten betrachtete.

Morgan hatte ein Full House auf der Hand. Gelesky ging lustlos dreimal mit je dreihundert Dollar mit. Nach der zweiten Runde stieg Jackson aus. Die Reihe zu erhöhen war an Morgan. Er versuchte es mit fünfhundert, aber der Dicke passte. Immerhin, er hatte fünfzehnhundert gewonnen. Die Sache begann, Spaß zu machen.

Die Frau betrachtete ihn. Morgan war es gewöhnt, dass die Frauen von seinem Gesicht angezogen wurden. Er wusste nicht, weshalb das so war, aber er nahm es als eine Gegebenheit hin. die durchaus ihre angenehmen Seiten hatte. Er hatte einmal eine vornehme Dame aus Washington, sie gehörte zum Tross irgendeines affigen Politikers, der den Westen bereiste, in sein Bett geholt.

Sie hatte erwartet, dass er brutal sein würde, und sie war enttäuscht, als er sie zärtlich behandelte wie ein junges Mädchen, und war nicht auf ihre Kosten gekommen. Die meisten Frauen waren jedoch mit ihm zufrieden.

Er begegnete dem Blick der Blonden, und sie hielt seinem Blick stand. Ihre Augen waren feucht und bekamen jenen fiebrigen Glanz, den er so oft in den Augen schöner Frauen sah.

Wenn du noch spielen willst, Walter, gehe ich lieber schlafen“, sagte sie.

Sie hat eine angenehme Stimme, stellte Morgan erfreut fest.

Gelesky tätschelte die Hand. „Tu das, mein Liebes“, sagte er. „Tu das."

Ich möchte aber schlafen, verstehst du?" Sie sah Morgan dabei an.

Natürlich, du bist müde. Ich werde gleich in meine eigene Kabine gehen. Schlaf gut."

Die Frau winkte dem Schwarzen. Mit leiser Stimme bestellte sie eine Karaffe Orangensaft mit Eis.

Bringen Sie es in mein Abteil", sagte sie. „Waggon vier, Abteil F.“

Sehr wohl. Ma’am.“

Morgan passte sofort, als der Dicke das nächste Mal eine Münze herumdrehte. Er spielte jetzt sehr vorsichtig. Einmal noch gelang es ihm, Gelesky ein hohes Blatt und sich selbst ein höheres zuzuspielen, womit er zweitausendvierhundert Dollar gewann. Er spielte noch eine Weile um kleinere Beträge, trank einen großen Whisky und zog sich dann mit der Begründung, er sei müde, zurück. Als Gelesky meinte, man könne ja am nächsten Tag weiterspielen, nickte Morgan.

Der Waggon Nummer vier lag weiter vorn. Im Gang brannte nur eine Lampe über dem Platz des Schaffners. Morgan gab dem Mann zehn Dollar und kaufte ihm eine Flasche Whisky ab. Dann legte er ihm noch einen Zehner hin.

Damit Sie ein paar Minuten die Augen ganz fest zumachen, Amigo“, sagte er und grinste.

Der Schwarze grinste zurück und zog sich eine Ecke zurück.

Die Tür mit dem großen F darauf war nicht verschlossen. Morgan schlüpfte blitzschnell hindurch und verriegelte sie hinter sich.

Es war dunkel in dem Abteil, und mit dem Instinkt eines Mannes, der es gewohnt war, alle Sinne zu benutzen, spürte er, dass die Kabine sehr klein sein musste. Er hörte eine Bewegung, das Rascheln einer Decke.

Er hatte noch ihr betörendes Parfüm in der Nase, als sie hinter ihm vorbeigegangen war. Jasminblüten ...

Hier drin war die Luft stickig. Sie roch nach altem Schweiß und Reinigungsmitteln.

Er nahm den Kopf zwischen die Schultern, dann ließ er sich einfach fallen. Über ihm krachte etwas gegen die Tür. Das dicke Ende eines Knüppels, der seinen Schädel zerschmettert hätte.


*


Er krümmte sich zusammen und rollte vor. Mit der Schulter stieß er gegen ein Paar Beine. Ein Fuß hob sich. Morgan öffnete die Hände. Dann schnappten sie zu wie die stählernen Backen einer Fuchsfalle. Mit einem erbarmungslosen Ruck drehte er den Fuß herum.

Der Kerl, dem der Fuß gehörte, unterdrückte einen entsetzten Schrei, dann landete er auch schon mit dem Gesicht auf dem Abschlussbrett der Schlafkoje, und er verstummte. Morgan schob sich zur Seite, ehe er den Fuß losließ. Mit der Rechten zog er jetzt den Colt. In der Linken hielt er immer noch die Whiskyflasche.

Ein verstohlenes Scharren verriet, dass da noch jemand war. Natürlich arbeiteten solche Halunken zu zweit. Er war einer Bande von Kartengangstern aufgesessen, Kerlen, die im Spiel keine Profis waren, ihren Schnitt aber auf andere Weise machten.

Seine Schulter stieß gegen eine Ecke. Mit der Hand ertastete er die Umrisse eines Tisches. Als der Zug über eine Brücke donnerte, veränderten sich die Fahrgeräusche, wurden lauter und klangen hohl.

Morgan kriegte den Henkel der Wasserkaraffe zu fassen. Er schleuderte den schweren Behälter einfach in die Dunkelheit.

Das Porzellan knallte gegen einen Körper und zerschellte auf dem Boden. Ein Schwall kaltes Wasser schwappte über den Boden. Der zweite Kerl warf sich gegen die Tür.

Aber die war verriegelt.

Mit einem Panthersatz sprang Morgan den Kerl an. Der Mann stöhnte, als er dem anderen seine Schulter ins Kreuz bohrte. Blitzschnell schlang er den linken Arm um einen Hals und drückte zu, ohne die Flasche loszulassen.

Der Kerl zappelte mit den Füßen, zuckte, bis er still und schlaff wie eine Puppe in seinen Armen hing. Morgan ließ ihn einfach fallen.

Er riss ein Streichholz an. Er entdeckte eine Kerosinlampe neben der Tür. Das Zündholz erlosch. Morgan riss ein zweites an. und gleich darauf leuchtete die Lampe auf.

Morgan sah sich um. Der Kerl, dem er zuerst das Bein herumgedreht hatte, lag am Fußende der Koje auf dem Gesicht. Der zweite Bursche lag vor der Türschwelle und würgte. Beide schienen noch jung zu sein, soweit Morgan das erkennen konnte, ohne die Gesichter der Kerle zu sehen.

Er stellte die Whiskyflasche ab. Er fühlte sich ernüchtert und angeekelt. Mit der freien Hand suchte er seine Taschen nach einer Zigarre ab. Als er eine fand und sie anstecken wollte, machte der Bandit am Bett eine Bewegung. Er stöhnte. Morgan riss ein Streichholz an. Der Bursche drehte sich um, und dann schnellte plötzlich seine rechte Hand, die vorher von seinem Körper verdeckt gewesen war, in die Höhe.

In der Hand lag ein Revolver. Einer von diesen vernickelten Dingern, aber genauso tödlich wie jeder andere, wenn man ein Stück Blei davon in die Rippen bekam.

Der Bursche, der die Kanone hielt, war hochgradig erregt. Sein dunkles Haar hing ihm schweißfeucht in die Stirn, die Augen waren klein und dunkel von Furcht.

Morgan bewegte sich nicht. Er wollte nicht sterben, weil er einen anderen nervös machte.

Wirf das Eisen weg!“, schnappte der Kerl. Morgan warf den Colt auf das Bett. Der Bandit zog sich in die Höhe. Er blutete aus dem Mund. Er richtete sich ganz auf und drückte sich in die entferntere Ecke. Der Zug durchfuhr eine langgestreckte Kurve. Der Wagenboden neigte sich ein wenig. Morgan federte leicht in den Knien. Der andere Halunke hustete jetzt und zog die Beine unter den Körper, stemmte sich in die Höhe, schüttelte benommen den Kopf.

Der Dunkelhaarige leckte mit einer spitzen Zunge über seine Lippen. Er trug eine gestreifte Röhrenhose, eine dunkelrote Weste und ein weißes Hemd. Wenn er nicht soviel Schiss hätte und sich anständig kämmen würde, könnte er als kleiner Gentleman durchgehen, überlegte Morgan.

Der andere schob sich jetzt an der Tür hinauf. Seine Augen waren blutunterlaufen. Er stierte Morgan an, und dann verzerrte sich sein Gesicht, und er versetzte Morgan einen gemeinen Tritt gegen das Schienbein.

Morgan nahm den Tritt gelassen hin. Unter seiner Tuchhose trug er die hochschaftigen Kavalleriestiefel, die seine Schienbeine genauso gut wie steiflederne Chaps schützten.

Der Bursche war etwas älter als sein Partner, vielleicht vierundzwanzig. Er hatte blasse Lippen und schlaffe Wangen von ungesunder Hautfarbe. Seine kleinen Augen funkelten tückisch. Als er zu einem neuen Tritt ausholte, schüttelte Morgan tadelnd den Kopf.

Nicht doch, Amigo", sagte er, „keine Gemeinheiten.“

Der Halunke ließ sich nicht stoppen. Der Stiefel kam. Morgan hob lässig ein Bein und hakte den Fuß unter die Ferse des anderen. Der Bursche verlor den Halt. Mit rudernden Armen torkelte er durch die enge, schwankende Kabine, wodurch er seinem Komplizen zeitweise vor die Mündung geriet, bis er sich schließlich am Bettgestell festklammerte.

Keine Bewegung!“ kreischte der Dunkelhaarige. Er zog den Hammer seines glänzenden Spielzeugs zurück. Er hielt die Kanone mit beiden Händen. Die Mündung zitterte ein wenig, aber auf diese kurze Entfernung musste er treffen.

Und dann würden sie ihn töten. Sie würden ihn auf jeden Fall töten. Morgan wusste, dass es keine andere Möglichkeit für diese Strolche gab. Der Zug war wie ein Schiff auf hoher See. Solange er fuhr, konnte niemand aussteigen. Deshalb würden sie ihn hier in der nicht belegten Kabine töten.

Steck die Kanone weg, dann werde ich vergessen, was hier los war, Jungs."

Legen Sie das Geld dort hin. Da, auf das Bett!“ Der Mistkerl mit dem Revolver spie die Worte hervor. Der andere achtete jetzt sorgsam darauf, dass er seinem Komplizen nicht noch einmal in die Schussbahn geriet.

Ist das euer erster Überfall?“, erkundigte sich Morgan.

Halt die Schnauze! Hol den Zaster raus. Mann!“

Morgan rührte sich nicht. „Warum holt ihr ihn euch nicht, wenn ihr mich abgeknallt habt? Oder habt ihr Angst, das Geld könnte beschädigt werden?" Morgan lachte. Es klang dunkel und kehlig. Und gefährlich wie das Grollen eines hungrigen Wolfs.

Der Strolch mit der Kanone kniff die Lider zusammen. Die Lippen verwandelten sich in dünne Striche.

Schon gut“, sagte Morgan. Er versenkte seine Hand unter der Jacke und zog Coynes Geldtasche hervor. Er wog sie in der Hand. Die Haltung des Dunkelhaarigen entspannte sich leicht. Morgans Hand machte eine Bewegung. Sie kam aus dem Gelenk heraus und war kaum zu erkennen.

Die Tasche segelte durch die Luft und traf mit der Kante genau den Kehlkopf des Revolverschwingers.

Der Finger am Abzug krümmte sich. Der Hammer schlug auf den Patronenboden. Die Waffe hustete, spuckte Blei und verbranntes Pulver.

Morgan hatte sich längst auf den Boden geworfen, mitten in die Scherben des zerbrochenen Wasserkrugs. Die Kugel stanzte ein sauberes Loch ganz oben in die Trennwand zum Nachbarabteil.

Morgan sprang den Kerl von unten herauf an. Der andere versuchte, ihm ein Bein zu stellen, aber im Vorbeifliegen verpasste Morgan dem Banditen einen trockenen Hieb gegen den Hals.

Dann bohrte er dem Schützen seine Schulter in den Magen.

Der Mistkerl schnappte erschreckt nach Luft. Morgans Hände schlugen sich um das Handgelenk, und er presste die Finger zusammen wie Schraubstöcke. Als der Kerl den Revolver fallen ließ, stieß Morgan ihn von sich.

Er holte weit aus zu einem mörderischen Schlag. Dann explodierte seine harte Faust an der Kinnlade des Nachwuchskillers, und der Kerl ging aus wie eine Kerze.

Morgan wirbelte zu dem anderen herum.

Der Strolch hatte sich gerade Morgans Colt schnappen wollen. Entsetzt hielt er inne, als er Morgans loderndem Blick begegnete.

Morgan packte den Burschen an den Aufschlägen der Jacke, und wie eine Puppe schleuderte er ihn in die andere Ecke.

Morgan nahm seinen Revolver wieder an sich, und er hob die Geldtasche auf. Den vernickelten Revolver steckte er ein, ebenfalls die Derringer-Pistole, die er in einer verdeckt angebrachten Gürtelhalfter an der Hüfte des anderen entdeckte.

Wie heißt du?“, fragte er den Banditen.

Die kleinen Augen weiteten sich ein wenig, dann senkten sich die Lider, und der Mund formte einen Fluch.

Morgan bückte sich. Mit der linken Hand packte er den Unterkiefer, und mit einer harten Bewegung presste er den Lauf des Colts dagegen. Mit dem Daumen zog er den Hammer zurück, wobei er böse grinste.

Der Kerl schluckte, seine Augen waren weit aufgerissen. Morgan neigte lauschend den Kopf. Draußen auf dem Gang blieb es ruhig. Die Kampfgeräusche und auch der Schuss schienen ungehört geblieben zu sein. Vermutlich war das Nachbarabteil ebenso wenig belegt wie dieses, in dem die Kartenhaie ihren Hinterhalt gelegt hatten.

Ich will wissen, wie du heißt!“

Wyndom Bob Wyndom ...“ Die Stimme klang undeutlich. Morgan nahm den Lauf wieder zurück.

Okay, Bob, wie heißt die Nutte?“

Das Gesicht verzerrte sich, glättete sich schnell wieder. „Ich weiß nicht...“

Wieder fuhr der Revolverlauf an seinen Hals. Der Hammer war noch gespannt.

Meine Geduld ist zu Ende, du miese Beutelratte! Ich unterhalte mich jetzt noch eine Minute mit dir. Wenn ich dann nicht alles weiß, schmeiße ich dich aus dem Fenster!"

Sie heißt Lynne - Lynne Foster."

Und die beiden Spieler?“

Die kenne ich nicht! Ich schwöre es!“

Wer ist der Boss von eurem Team? Der Dicke? Der Hagere?“

Ich schwöre - Lynne - sie sagt, was wir tun sollen …“

Seit wann seid ihr in diesem Geschäft?“

Noch nicht lange...“

Wie lange?"

Es ist unsere dritte Fahrt."

Morgan kniff die Lider zusammen. Bestimmt waren die Eisenbahndetektive schon hinter den Kartenhaien her.

Wie viele habt ihr umgelegt? Einen auf jeder Fahrt? Oder mehr?“

Ich schwöre ...“

Wie viele?"

Keinen. Bestimmt nicht. Wir haben die Leute gefesselt und sind an der nächsten Station ausgestiegen.“ „Wo steckt die Hure?“, fragte er dann.

Bob wollte sich wieder aufplustern, aber ein harter Blick aus kühlen Augen ließ ihn rechtzeitig innehalten. „Ich weiß es nicht. Ehrlich nicht. Lynne bestimmt, was gemacht wird. Wir treffen sie erst morgen früh an der Station von Albuquerque.“

Morgan betrachtete den Kerl unschlüssig. Er wollte sich nicht unnötigen Ärger aufhalsen, indem er die Strolche dem nächsten Marshal übergab. Andererseits konnte er solche Burschen nicht weiterhin auf die Menschen losgehen lassen. Der Dunkelhaarige hatte eben eine gezielten Schuss auf ihn abgegeben. Irgendwann würde der Kerl einen Menschen töten.

Morgan überlegte nicht lange. Im Fach unter der Koje fand er mehrere Laken, die er in lange Streifen riss. Damit fesselte er die beiden Halsabschneider.

Der Dunkelhaarige war immer noch bewusstlos. Morgan untersuchte den Kiefer. Er war gebrochen. Wenn er aus dem Reich der Träume zurückkehrte, würde er vor Schmerzen so lange schreien, bis er gefunden wurde.

Beinahe zufrieden verschwand Morgan aus dem Abteil.


*


Es hatte ihn nur einen Silberdollar gekostet, um zu erfahren. in welchem Abteil Walter Gelesky die Nacht verbrachte. Er klopfte leise, dann drehte er den Knauf und schob sich in das Abteil.

Gelesky trug ein weißes Nachthemd und eine wollene Schlafmütze. Als er Morgan in der Nähe der Tür stehen sah, begann er zu zittern. Mit einer harten Bewegung drückte Morgan die Tür ins Schloss.

Die Blonde“, sagte Morgan. „Wie heißt sie?“

Lynne? Was wollen Sie von ihr?"

Wann haben Sie sie aufgegabelt? Und wo?"

Ich habe sie vorgestern in Denver kennengelernt. Im Hotel. Warum? Was geht Sie das an?" Gelesky hockte auf der Bettkante und versuchte, würdig dabei auszusehen. Seine Nase schimmerte blau-rot, und er stank nach Whisky wie der Wischlappen eines Barkeepers.

Morgan durchsuchte Geleskys Reisetasche und blätterte einen Stapel Papiere durch. Schließlich war er sicher, dass Walter Gelesky genau das war, als was er sich ausgab - ein Viehhändler aus Chicago. Und zwar einer mit einer Menge Geld. Eugene Jackson war vermutlich auch echt. Die schöne Lynne arbeitete tatsächlich auf eigene Rechnung.

Er fuhr zu dem Dicken herum. „In Denver? Im Hotel? Waren da schon die beiden Strolche bei ihr?“

Strolche? Zwei? Ich weiß nicht, wovon Sie reden!“

Ihre Lynne und zwei miese Strolche plündern die Fahrgäste aus. Wenn sie bei mir Glück gehabt hätten, wären Sie anschließend dran gewesen. Entweder diese Nacht noch oder morgen."

Mein Gott, ist das wahr?“

Morgan blies die Wangen auf und ließ die Luft dann mit einem explosionsartigen Laut entweichen. „Welche Kabine hat sie?"

Gegenüber. Abteil C. Bitte, Mister, lassen Sie mich raus! Ich ...“

Sie sind verheiratet, ich weiß. Los stehen Sie auf. Sie hat sich bestimmt eingeschlossen. Klopfen Sie an die Tür und sagen Sie ihr, Sie müssten sie ungedingt sprechen."

Geleskys Bauch schwabbelte heftig, als er mit nackten Füßen über den Gang platschte. Er kratzte zaghaft an der Tür.

Lynne, Liebes, bitte, ich muss dir was sagen!“

Von drinnen hörte Morgan ein Fauchen wie von einer Katze.

Lynne! Lass mich hier nicht rumstehen! Es dauert nur einen Augenblick! Es ist, weil ich morgen früh schon aussteigen will. Ich habe es mir anders überlegt."

Morgan nickte dem Viehhändler beifällig zu und deutete auf die Tür zu dessen Abteil. Eilig verschwand der dicke Mann.

Morgan hörte den Riegel scharren, dann öffnete sich die Tür einen Spaltbreit.

Morgan warf sich mit der Schulter dagegen. Die Kante prallte gegen Lynnes Stirn, und sie taumelte zurück. Morgan folgte ihr.

Eine Lampe brannte. Sie warf Schatten über Morgans Gesicht und schien es auf eine düstere Weise mit Leben zu überziehen.

Was - was wollen Sie?“ Sie versuchte, den hellblauen Morgenmantel zusammenzuhalten, was ihr nur unvollständig gelang. Sie trug ein sehr kurzes Neglige, das sehr viel von ihren bronzefarbenen Schenkeln sehen ließ. Sie hat verdammt schöne Beine, stellte Morgan fest.

Wagen vier, Abteil F“, sagte er. „Wollen Sie nicht nachschauen, was dort los ist?“

Ich verstehe nicht, wovon Sie reden! Verlassen Sie sofort mein Abteil! Oder ich rufe die Aufsicht!"

Wortlos öffnete Morgan die Tür. „Bitte", sagte er dann. „Wir haben bestimmt einen Eisenbahndetektiv an Bord.“

Lynnes Gesicht wurde klein und hässlich. „Okay, großer Mann, es ist Ihr Spiel. Was haben Sie vor?“

Morgan schloss die Tür wieder. Lynnes Gesicht glättete sich, sie befeuchtete die Lippen und warf den Kopf in den Nacken. Das Haar hatte sie aufgelöst. Es fiel wie ein Strom schimmernden Goldstaubs über ihre Schultern. Sie ließ die Hände herabfallen, der Mantel schwang auseinander, und Morgan konnte ihre Brüste unter dem dünnen Stoff des Negliges erkennen. Sie waren nicht größer als eine gute Handvoll, aber es musste ein gutes Gefühl sein, sie zu streicheln.

Nein", sagte er hart. Er atmete etwas schwerer. Lieber würde er übermorgen in El Paso die erste mexikanische Hure nehmen, die ihm über den Weg lief. „Fette Geldsäcke hereinlegen ist eine Sache, junge Banditen zum Raub anstiften eine andere. Beschränken Sie sich auf die Geldsäcke.“

Hören Sie, ich mache das nur vorübergehend ..."

Ich will Ihre Lebensgeschichte nicht hören. Ich gebe Ihnen eine Chance. Steigen Sie morgen früh aus. Und laufen Sie mir nie wieder über den Weg!“

Rasch verließ er das Abteil, ehe der berauschende Duft des Jasmins ihn doch noch betörte.


*


Coyne stieß einen erleichterten Seufzer aus, als er Morgan durch den Mittelgang klettern sah, über Kinder hinweg, die auf Koffern und Säcken schliefen, vorbei an einem kleinen weißen Köter, der böse zu knurren begann und nach Morgans Waden schnappte.

Morgan grinste Coyne an. „Dachten Sie, ich hätte Ihre Dollars verspielt?" Er schob ihm die Tasche unter die Jacke. „Es ist noch alles da. Oder sollte ich sagen - es ist wieder da?" Er grinste breiter. „Kommen Sie, ich habe uns ein Schlafabteil gemietet. Ich bezahle es, keine Sorge“, fügte er schnell hinzu, als Coyne das Gesicht verzog. Er nahm einfach das Gepäck und wuchtete es durch den Gang zurück.



3.



Morgan sah aus dem Fenster, als der Zug an den dunkelgrau bestäubten Hallen der Blei- und Silberhütten entlang rollte. El Paso hatte in den letzten Jahren einen geradezu fantastischen Aufschwung genommen. Die Stadt platzte aus allen Nähten. Es gab Geld im Überfluss. Drüben, auf der anderen Seite des Flusses, lag das von Revolutionen geschüttelte Mexiko.

Er sah Coyne an, auf dessen Gesicht ein angespannter Ausdruck lag. Morgan zündete noch eine Zigarre an. Der Zug rumpelte über die Gleise des Verschiebebahnhofs, und er konnte einen Moment lang das stählerne Gerüst der neuen Eisenbahnbrücke erkennen, die den Fluss überspannte. Tag und Nacht rollten die Waggons mit den Blei- und Silbererzen aus Mexiko über die Brücke. Meistens fuhren sie leer zurück, oft aber auch mit geheimnisvoller Ladung - mit Waffen und Munition für Pancho Villa, oder mit amerikanischen Söldnern.

Die beiden Strolche, die versucht hatten, ihn um einen Haufen Dollars zu erleichtern, waren vom Zugpersonal am vergangenen Morgen in Albuquerque einem Aufgebot des County Sheriffs übergeben worden. Lynne Foster war aus dem Zug gestiegen und im Gewühl verschwunden, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Irgendwo würde sie einen neuen Mann mit voller Brieftasche kennenlernen. Morgan verschwendete keinen weiteren Gedanken mehr an sie, obwohl sie mehr als einen Gedanken wert gewesen wäre.

Morgan stand auf und reckte sich. Er nahm die leichte Reisetasche an sich, als der Zug weiter verlangsamte und die Stationsgebäude von El Paso in sein Blickfeld gerieten.

Er blies Coyne eine Rauchwolke ins Gesicht. Er hatte es seinem Partner schon während der Fahrt erklärt. Er wollte hier Pferde und die übrige Ausrüstung kaufen. In Mexiko gab es keine guten Pferde und wenn, waren sie unerschwinglich. Dann, so hatte er vorgeschlagen, sollten sie die alten Straßenbrücke benutzen, um den Fluss zu überqueren, und drüben auf der mexikanischen Seite mit der Bahn bis Barranco weiterfahren.

Wie ist es, Amigo? Fahren wir heute noch weiter? Soviel ich weiß, haben die drüben einen neuen Nachtzug."

Wir fahren morgen weiter. Ich habe hier etwas zu erledigen. Sie besorgen inzwischen die Pferde und was wir sonst noch brauchen. Sie kennen sich drüben ja aus. Wissen Sie ein Hotel?“

Ich steige immer im Hotel Internacional ab." Morgan grinste. „Es ist ziemlich teuer, aber die haben ein Schwimmbad im Park und die schönsten Frauen hinter der Bar.“

Coyne rang mit sich, schließlich sagte er: „Bestellen Sie mir ein Zimmer.“

Morgan hielt die Hand auf. „Ich brauche Geld. Pferde, Sattelzeug und Munition sind hier teurer als anderswo. Aber mit zweitausend werde ich hinkommen."

Zweitausend?", schrie Coyne entsetzt.

Vielleicht bleibt noch etwas übrig“, meinte Morgan. „Den Rest gebe ich Ihnen wieder. Wenn wir den Job erledigt haben, können Sie die Gäule an der Station von Barranco verkaufen. Den Gewinn überlasse ich Ihnen.“

Coyne blätterte zähneknirschend das Geld in Morgans Hand, der es achtlos in seinen Taschen verstaute. Dann stand der Zug endlich, und die beiden ungleichen Männer stiegen aus.

Morgan winkte zwei mexikanische Träger zu sich heran und beorderte sie zum Gepäckwagen, wo er ihnen den schweren Koffer mit dem Vorhängeschloss anvertraute. Er wandte sich Coyne zu.

Soll ich Ihren Kram gleich mit ins Hotel nehmen? Die Träger bezahle ich."

Coyne schüttelte den Kopf. Er umklammerte seine Reisetasche und schleppte einen abgewetzten Lederkoffer schwitzend davon. Morgan befahl den Mexikanern, zu warten. Er drängte sich durch das Gewühl bis zum Markt, der eine Straßenseite der Zufahrt zur Bahnstation einnahm. Morgan ging lächelnd auf einen Mexikaner mit breitem, olivfarbenen Gesicht zu, der vor einer Decke hockte. Auf der Decke ausgebreitet lagen handgeschnitzte Pfeifen verschiedenster Größen. Der Mexikaner blickte auf, als die blanken Spitzen von Morgans Kavalleriestiefeln die Decke berührten. „Morgan!", rief er begeistert.

Morgan ließ sich von dem Mexikaner umarmen. „Wie geht es dir, Julio?“

Gut, Morgan, gut. Du siehst blendend aus. " Er schüttelte sich vor Lachen. „Ein wenig Marihuana gefällig? Oder Mescalin?“

Vielleicht nehme ich später etwas mit. Jetzt musst du mir einen Gefallen tun. Pack deinen Kram zusammen.“ Während Julio die Pfeifen in die Decke schlug und die kleinen Tüten mit Marihuana und Mescalin in einen Leinensack stopfte und das Ganze einem Händlerkollegen anvertraute, beschrieb Morgan dem Mexikaner, wie Coyne aussah.

Er ist die Hauptstraße runtergegangen. Such ihn und stell fest, was er macht.“ Morgan gab dem Freund, mit dem er so manches Abenteuer in Mexiko bestanden hatte, zehn Dollar. „Du kannst mich jederzeit im Internacional aufsuchen. Okay?"

Bueno, amigo. Bueno.“ Julio rannte davon.


*


Durch die geöffneten Fenstertüren seines Zimmers konnte Morgan die Hügelkette erkennen. Sie war braun verbrannt, und die Luft über dem Boden flimmerte in der Hitze.

Gleich nach seiner Ankunft im Hotel hatte Morgan unten im Pool ein erfrischendes Bad genommen und sich einen Drink ans Becken bringen lassen. Er hatte seinen muskulösen Körper zur Schau gestellt, und er hatte die Blicke der Barmädchen bemerkt, die sich um diese Zeit die Langeweile draußen vertrieben. Mit einem schwarzhaarigen Mädchen hatte er ein paar Blicke gewechselt. Sie hatte glutvolle Augen. Breite Hüften und kräftige Brüste, die unter einer leuchtend roten Bluse leicht auf und nieder schwangen.

Jetzt lag er, nur mit einer langen Leinenhose bekleidet, auf dem Bett und wartete.

Er rührte sich nicht, als er leichte Schritte draußen auf dem umlaufenden Balkon hörte. Ein Schatten verdunkelte für einen Moment den Türausschnitt, dann stand sie neben seinem Bett und lächelte auf ihn herab.

Morgan streckte seine linke Hand aus. Sie legte ihre Hand hinein. Ihre Haut fühlte sich heiß an. Er bohrte seine Augen in ihre, und er sah, wie sich ihre Nasenflügel weiteten. So hatte sie sich den Flirt wahrscheinlich nicht vorgestellt, dachte er, nicht so direkt, so unausweichlich, so triebhaft.

Er zog sie zu sich herab und presste seinen Körper an sie. Er küsste sie auf den Hals und die Ansätze der Brüste, während er sie langsam auszog. Als er sich auf sie wälzte, hatte keiner von ihnen ein einziges Wort gesprochen.

Ich heiße Pilar“, sagte sie später und strich mit einem langen Fingernagel über eine tiefe Narbe in der Herzgegend. „Ich arbeite in der Bar. Ich möchte mit dir tanzen. Später.“

Morgan lächelte. „Heute nicht. Aber mein Partner kommt.“

Sie verzog das Gesicht. „Sicher ist er dick und plump und will mich betatschen.“

Wer wollte das nicht?“ Morgan grinste breit und legte seine Hand auf ihre herausfordernd hoch gestreckte Hinterbacke. Pilar kicherte und presste ihr Gesicht in seine Halsgrube. „Er ist nicht so übel, aber ich weiß nicht, ob ich ihm trauen kann“, sagte Morgan.

Warum erzählst du mir das?“

Du sollst dich um ihn kümmern. Heute den ganzen Abend, und wenn du frei hast, nimm ihn mit auf dein Zimmer."

Du willst sein Zimmer durchsuchen!“

Morgan zuckte mit den Schultern. Er glitt vom Bett und stand einen Moment nackt vor ihr. Ein drahtiger Mann ohne ein Gramm zuviel auf den Knochen. Er zog seine Hosen wieder an, stieg in die Stiefel und streifte ein weites Hemd über. Das dunkle Haar verbarg er unter dem Kavalleriehut. Pilar zog sich ebenfalls an, nachdem sie sich gewaschen hatte. Morgan steckte ihr fünfzig Dollar zwischen die Brüste.

Sie wollte das Geld nicht. „Ich habe es nicht für Geld getan, bestimmt nicht, querido“, sagte sie weich.

Es ist auch nicht dafür“, er deutete auf das Bett. „Es ist dafür, dass du meinen Partner glücklich machst. Er wird vielleicht nicht wiederkommen."

Wird er sterben?", erkundigte sie sich.

Quien sabe?“ Vielleicht würde er ihn töten müssen. Das hing von Coyne ab. Davon, was er getan hatte, und davon, was er noch tun würde. „Sei nett zu ihm", sagte er. Er sah ihr nach, bis sie durch die offene Tür verschwand.


*


Die Schatten wurden schon langer. Tamarisken, Zedern, Cottonwoodbüsche und hohe Pappeln bildeten so etwas wie eine Oase, in deren Mittelpunkt das Hotel lag. Es war aus gelben Ziegelsteinen erbaut und mit weißem Stuck verziert. Das flache Dach und die schattigen Veranden verrieten indianische Stilelemente.

Morgan zerrte seine großen Koffer unter dem Bett hervor und öffnete das Vorhängeschloss.

Zuerst griff er nach dem Gewehr, das in einem prächtigen Futteral aus weichem Gamsleder steckte. Er zog die Fox Sterlingworth-Flinte heraus und wog sie in der Hand. Er prüfte den Ölfilm und streichelte mit der Hand beinahe zärtlich über den Kolben. Diese doppelläufige Schrotflinte war ursprünglich für die Jagd auf Hühnervögel gedacht und hatte deshalb entsprechend lange Läufe gehabt. Morgan hatte die Läufe absägen lassen und auf diese Weise eine der gefährlichsten Waffen erhalten, die sich Menschen nur ausdenken konnten. Aus jedem der beiden Läufe konnte er eine Ladung von neun Schrotkugeln abfeuern, gegen die es auf kurze Entfernung so gut wie keine Überlebenschance gab.

Seine Augen strichen über die Gravur auf dem Systemkasten. Für Clint Morgan in Dankbarkeit – Senator. McCauley. Morgan grinste wölfisch. Ja, er hatte die Waffe von ihm bekommen, und zwar für einen Dienst, über den er niemals sprach.

Morgan hatte die Flinte mit einem Lederriemen versehen, der es ihm ermöglichte, die Waffe mit der Mündung nach unten über der Schulter zu tragen. Sobald er mit dem Daumen unter die Schlinge hakte, schwangen die Läufe nach oben und ragten unter seiner Achsel hervor. Im selben Augenblick konnte er mit der linken Hand nach beiden Abzügen greifen und das Blei aus dem Lauf jagen. Dank der großen Streuung der Schrotladung brauchte er nur sehr grob zu zielen.

Morgan schnallte auch den Revolver um und legte die Munitionsgurte mit den breiten Schlaufen an. Dann warf er die Flinte über seine rechte Schulter und simulierte einen Angriff. Er wechselte die Schulter und wiederholte das Anschlägen der Fox so lange, bis er sicher war, dass er jede Bewegung mit traumhafter Sicherheit und in jeder Lage mit beiden Händen beherrschte. Er war als Beidhänder geboren worden, eine Gabe, die einem Mann von seiner Profession von großem Nutzen war.

Details

Seiten
190
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908558
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356004
Schlagworte
clint morgan triff corralitos

Autor

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Titel: Clint Morgan #3: Triff den Tod in Corralitos