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Das magische Amulett #93: Die Geisterseherin

2017 120 Seiten

Leseprobe

Die Geisterseherin

Das magische Amulett Band 93

Roman von Jan Gardemann


Der Umfang dieses Buchs entspricht 95 Taschenbuchseiten.


Nach einem Unfall sieht Brenda Logan plötzlich die Geister junger Frauen. Langsam kommt sie einem schrecklichen Verbrechen auf die Spur. Kann sie es schaffen, das Geheimnis der Geisterfrauen zu lüften? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt...


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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© Cover by Firuz Askin, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2017

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Prolog

Die Geisterfrauen bewegten sich unruhig. Aber keine sprach ein Wort. Nicht einmal ein schwaches Wispern war zu hören. »Wenn Sie Ihr Geisterdasein beenden wollen, müssen Sie mir schon etwas mehr verraten als bloß Ihre Namen«, meinte ich vorsichtig. »Wir sind es müde, als Geister umherzuirren«, ließ Agnes sich mit raunender Stimme vernehmen. »Erlösen Sie uns, Brenda, aber wahren Sie unseren guten Ruf.« Plötzlich fingen die Geistererscheinungen an, sich aufzulösen. Sie wurden erst immer durchscheinender. Das schwache streifige Licht, das durch die Jalousien kroch, drang durch die bunten Kleider der Frauen wie durch Nebel, der sich rasch in der warmen Morgensonne auflöste. Dann verwischten die Konturen der Frauen. Sie waberten und zerfaserten an den Rändern. Es sah aus, als würden sie ineinanderfließen, wie nasse Tuschkleckse auf einem Blatt Papier...



1

In den Hallen des Britisch Museum brannte bloß noch das Notlicht. All die kostbaren Ausstellungsstücke in dem weitläufigen Museum lagen in mystischem Halbdunkel. Kalt und verloren hallten meine Schritte in den verlassenen Hallen wider.

Die Tore des Museums hatten seit einigen Stunden geschlossen. Aber ich hatte in meinem Büro noch zu tun gehabt, wie so oft.

Ich arbeitete in dem Museum als Archäologin und Amulettforscherin. Wenn die Besucher gegangen waren, fing für mich die wissenschaftliche Arbeit meistens erst richtig an. So hatte ich heut e Abend noch einige Relikte untersuchen müssen, die in einer alten, vergessenen Abtei in Schottland entdeckt worden waren.

Die Arbeit mit den Relikten hatte mich so sehr fasziniert, dass ich darüber die Zeit ganz vergessen hatte. Erst als das Telefon in meinem Büro plötzlich klingelte, realisierte ich, wie spät es schon war.

Am Apparat war Dr. Daniel Connors.

Daniel und ich waren seit mehreren Jahren glücklich verheiratet. Mit leichter Ironie in der Stimme hatte er mich darauf hingewiesen, dass wir für heu te Abend verabredet waren.

»Du hast ja heute frei!«, hatte ich am Telefon erschrocken ausgerufen. »Das hatte ich ganz vergessen!«

Es kam tatsächlich nicht häufig vor, dass Daniel und mir ein gemeinsamer Abend vergönnt war. Daniel war Arzt und Neurologe und arbeitete im St. Thomas Hospital, das sich auf der anderen Seite der Themse befand und vom Museum nicht weit entfernt war.

Der Schichtdienst in der Klinik brachte es mit sich, dass Daniel nachts oft nicht zu Hause war. Manchmal, wenn ein Notfall vorlag, musste er sogar Überstunden leisten, sodass aus einem geplanten gemeinsamen Abend dann plötzlich nichts wurde und ich die Nacht allein verbringen musste.

Und nun war es ausgerechnet mir geschehen, dass ich ein Rendezvous mit meinem geliebten Mann verschwitzt hatte!

»Wie konnte ich dich nur vergessen?«, sagte ich betrübt. »Ich hoffe, du verzeihst mir!«

»Wahrscheinlich hat dich mal wieder das Forschungsfieber gepackt«, erwiderte Daniel amüsiert, der mir einfach nicht böse sein konnte. »Du solltest dich deswegen bei mir mal in Behandlung begeben.«

»Ich bin froh, dass du es von der leichten Seite nimmst«, seufzte ich. »Ich werde sofort die Arbeit abbrechen und zu dir nach Hause kommen.«

»Die Mühe kannst du dir sparen«, meinte Daniel leichthin. »Ich bin bereits auf dem Weg zum Museum. Ich hatte nämlich auch noch länger in der Klinik zu tun und habe das Krankenhaus eben erst verlassen.«

»Aha!«, rief ich aus. »Du hättest unsere Verabredung also auch fast verschwitzt!«

Daniel seufzte. »Manchmal wünsche ich uns auf eine einsame Insel, wo uns niemand stören kann.«

»Wenn es dort nichts auszugraben gibt, würde ich mich aber schnell langweilen«, scherzte ich.

»Du könntest ja mich erforschen«, schlug Daniel lachend vor. »Es gibt in mir bestimmt noch Seiten, die du noch nicht entdeckt hast.«

»Willst du etwa meine wissenschaftliche Neugier wecken?«, flachste ich. »Ich warne dich. Wenn ich erst einmal ein Geheimnis wittere, lasse ich nicht locker, bis ich es ergründet habe.«

Wir lachten ausgelassen.

»Ich bin jetzt vor dem Museum angekommen«, sagte Daniel dann. »Beeile dich. Ich warte draußen auf dich.«

Wir unterbrachen die Verbindung und ich räumte rasch meinen Schreibtisch auf. Dann verließ ich mit eiligen Schritten mein Büro und schloss es sorgsam hinter mir ab.

Meine Kollegen waren bereits alle fort. Nur Raymond, der junge Hausmeister indischer Abstammung, war noch zugegen. Er hielt sich in seiner Loge in der Eingangshalle auf. Als er mich kommen hörte, kam er aus seinem Verschlag hervor und schloss eine der Türen des säulenbewehrten Haupteingangs auf.

»Auf Wiedersehen, Brenda«, sagte er und lächelte freundlich. »Ich wünsche dir einen angenehmen Abend mit deinem Mann.«

»Danke, Raymond.« Ich lächelte. »Du scheinst über meine Verabredung ja besser Bescheid zu wissen als ich.«

Raymond war etwa genauso groß wie ich, hatte einen dunklen Teint, braune Augen und dichtes schwarzes Haar. Sein Vater war Inder und seine Mutter Engländerin, was ihm deutlich anzusehen war.

»Daniel ist vor einigen Augenblicken mit seinem Wagen eingetroffen«, erklärte er und deutete mit einem Kopfnicken auf die Straße hinaus. »Es war nicht schwer zu erraten, was er hier will.«

Ich schaute in die angegebene Richtung. Vor dem Museum erstreckte sich ein großer Vorplatz, der von altertümlich aussehenden Straßenlaternen beleuchtet wurde. Dann erst folgte die Great Russell Street, die auch um diese Zeit noch stark befahren war.

Auf der anderen Straßenseite parkte Daniels dunkler Sportwagen. Daniel selbst lehnte in lässiger Haltung und mit verschränkten Armen gegen die Karosserie und schaute zum Museum herüber.

Mein Herz tat vor Freude einen doppelten Schlag, als ich meinen geliebten Mann erblickte. Ich winkte Daniel vom Museumseingang aus zu. Er hob den Arm und winkte auch.

»Tschau, Raymond!«, rief ich dem Hausmeister noch zu. Dann trat ich zwischen die Säulen, rannte die Stufen der Freitreppe hinab und überquerte den Vorplatz.

Der dichte Smog des Tages hatte sich verzogen. Es blinkten sogar ein paar Sterne am abendlichen Himmel.

Es versprach eine warme, romantische Sommernacht zu werden. Daniel und ich würden sicherlich eine Menge Spaß haben.

In Daniels Kopf mussten in diesem Moment ähnliche Gedanken kreisen, denn er lächelte mir warmherzig zu, als ich die Straße erreichte.

In seinem legeren, sommerlichen Anzug sah D aniel zum Anbeißen aus. Sein hellbraunes, lockiges Haar wirkte wie immer ein wenig zerzaust und unbändig.

Kurz schaute ich mich um, und da kein Auto in unmittelbarer Nähe zu sehen war, schickte ich mich an, die Fahrbahn zu überqueren.

Da drang plötzlich das Heulen eines Automotors an meine Ohren.

Daniel machte ein erschrockenes Gesicht. »Achtung, Brenda!«, rief er warnend und rannte im nächsten Moment auch schon auf mich zu.

Geschockt wirbelte ich herum und sah ein grelles Scheinwerferpaar direkt auf mich zuschießen!

Ich war vor Entsetzen wie gelähmt. Ich hatte den Wagen, der sich mir in überhöhter Geschwindigkeit näherte, vorher gar nicht bemerkt!

Plötzlich stand Daniel vor mir. Er packte mich am Arm und riss mich zu sich.

Aber es war zu spät! Das Auto war schneller.

Der Kotflügel erfasste mich.

Im selben Moment, da ein rasender Schmerz meinen Körper durchzuckte, wurde ich plötzlich durch die Luft geschleudert.

Alles um mich herum drehte sich, als säße ich in einem außer Kontrolle geratenen Karussell. Ich wusste nicht mehr, wo oben und unten war und wo Daniel plötzlich geblieben war.

Dann wurde es plötzlich schwarz vor meinen Augen und mein Bewusstsein sank in eine allumfassende, nachtschwarze Dunkelheit.



2

»Brenda, Brenda!«

Daniels vertraute Stimme drang wie durch Watte an mein Ohr. Sie klang eindringlich und sorgenvoll. Ein Hauch von Panik war ihr sogar untergemischt.

Jemand tätschelte meine Wange

Benommen öffnete ich die Augen und sah direkt in Daniels sympathisches Gesicht.

Daniel wirkte jedoch nicht so lässig und souverän, wie ich es gewohnt war. Sorge und tiefer Schmerz zeichnete sich darauf ab. In seinen blauen Augen schimmerten Tränen.

»Gott sei Dank, du bist wieder bei dir«, presste Daniel rau hervor.

»Was... was ist denn los?«, fragte ich verwirrt und wollte mich aufrichten.

Doch der stechende Schmerz, der plötzlich durch meinen Schädel jagte, ließ mich das Vorhaben sofort wieder aufgeben.

Schmerzgepeinigt schrie ich auf und fasste mir mit beiden Händen an den Kopf.

Daniel drückte mich sanft aber bestimmend zurück auf den harten Untergrund.

Unter meinem Nacken befand sich etwas Weiches. Es war Daniels zusammengerolltes Jackett, wie ich jetzt erst bemerkte.

»Bleib ganz ruhig liegen, mein Schatz«, sagte Daniel eindringlich. »Es wird gleich ein Rettungswagen eintreffen.«

»Ein Rettungswagen?«, echote ich.

Daniel nickte ernst. »Du hattest einen Unfall«, erklärte er einfühlsam und strich mir mit dem Handrücken sanft über die verschwitzte Stirn. »Du stehst unter Schock und erinnerst dich deshalb wahrscheinlich nicht mehr so genau.«

Plötzlich stand das Bild des heranrasenden Autos wieder ganz deutlich vor meinem inneren Auge. Das grelle Scheinwerferlicht hatte mich geblendet. Paralysiert wie ein verschrecktes Reh war ich mitten auf der Fahrbahn stehengeblieben.

»Oh, verdammt«, krächzte ich. »Das Auto, es hat mich voll erwischt!«

Daniel kniff die Lippen zusammen. »Ich hatte noch versucht, dich aus dem Gefahrenbereich zu bringen. Aber es ging alles viel zu schnell.«

»Was ist mit dem Fahrer?«, wollte ich wissen. »Ist er unverletzt?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Daniel verbittert. »Der Kerl hat Fahrerflucht begangen.«

Daniel presste die Lippen zusammen. »Tut es dir irgendwo weh?«, wollte er dann wissen. »Es ist auf den ersten Blick keine Verletzung festzustellen.«

Ich kräuselte die Stirn und horchte angestrengt in mich hinein.

Mein linkes Bein fühlte sich merkwürdig taub an. Die gesamte linke Körperhälfte sandte einen andauernden, dumpfen Schmerzimpuls aus, ähnlich wie bei einem schlimmen Sonnenbrand.

Am ärgsten aber waren die Kopfschmerzen. Ich hatte den Eindruck, mein Schädel würde unter einem wahnsinnigen Druck stehen und könnte jeden Moment platzen.

Mit belegter Stimme berichtete ich Daniel von meinen Empfindungen.

Daniel hörte mir mit ernster Miene zu. Es war ihm anzusehen, wie es in seinem Gehirn arbeitete und er versuchte, den beschriebenen Schmerz in ein Krankenbild einzuordnen.

Ich sah plötzlich den abendlichen Sternenhimmel über Daniel schweben. Die Sterne blinzelten im Rhythmus meines pochenden Schädels und schienen mich zu verhöhnen.

Gequält wandte ich mein Gesicht vom Firmament ab.

Erst jetzt gewahrte ich, dass ich auf dem Gehweg direkt neben der Fahrbahn lag. Eine Gruppe Schaulustiger hatte sich versammelt. Sie hatten einen engen Kreis um mich und Daniel gebildet und starrten mit verzerrten Gesichtern, in denen sich Sensationslust und Anteilnahme spiegelte, zu mir herab.

Verschämt wichen die Leute meinen Blicken aus, so als befürchteten sie, von dem Unglück angesteckt zu werden, das mich ereilt hatte.

Auch Raymond Ghanadi war unter den Schaulustigen. Er fuchtelte wie wild gestikulierend mit den Armen in der Luft herum und schrie die Leute an, dass sie für den Krankenwage n Platz machen sollten.

Da bemerkte ich unmittelbar neben Daniel plötzlich eine seltsame Gestalt.

Es handelte sich um eine blasse, junge Frau. Ihre Haut war durchscheinend wie Nebel und sie trug ein altmodisches Kleid, wie es etwa vor hundert Jahren Mode gewesen war.

Bei dem Kleid handelte es sich um ein hellgrünes Gesellschaftskleid, das aus einem tütenförmigen Rock und hochgeschlossenen Oberteil bestand. Die Frau schien ein Korsett zu tragen, denn ihre Taille wirkte unnatürlich dünn und zusammengeschnürt. Über der Brust war das Kleid mit einer Rüschenbordüre versehen. Die schinkenförmigen Ärmel ließen die Schultern der Frau überproportional erscheinen. U m so zierlicher wirkten die dünnen, mit bis zu den Ellenbogen reichenden Handschuhen versehenen Unterarme der Frau.

Mit traurigem Gesichtsausdruck schaute die Frau zu mir herab. Ihr brünettes Haar war zu einer asymmetrischen Frisur aufgesteckt und eine zierliche Krause schmückte ihren schlanken Hals.

»Wer... wer sind Sie denn?«, fragte ich verwundert.

Irgendwie wirkte die Frau wie ein Fremdkörper zwischen all den anderen Schaulustigen. Sie hätte der Gast einer Gala mit historischem Ambiente sein können, die sich zufällig hierher verirrt hatte. Aber irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass diese Fremde gar nicht von dieser Welt war, sondern aus einer anderen Zeit stammte.

Die Frau führte erschrocken ihre Hand an die Brust und starrte mich verdattert an.

»Sie... Sie können mich sehen?«, fragte sie.

Ihre Stimme klang wie ein Wispern. Sie war nicht lauter als eine flüsternde Sommerbrise.

»Warum sollte ich Sie denn nicht sehen können?«, erkundigte ich mich.

Daniel schaute verwundert über seine Schulter zu der sonderbaren Frau empor.

»Mit wem sprichst du?«, fragte er mich dann und runzelte besorgt die Stirn.

»Mit der Frau in den altmodischen Klamotten, die neben dir steht«, erwiderte ich, verwundert über Daniels unsinnige Frage. Er musste die Frau doch sehen!

Daniels Gesicht wurde noch um eine Spur besorgter. »Was für eine Frau meinst du?«, fragte er rau.

»Sie steht doch direkt neben dir!«, sagte ich unbehaglich.

»Da ist aber niemand«, behauptete Daniel. »Raymond hat alle Schaulustigen zurückgedrängt.«

Ich schaute an Daniel vorbei zu der sonderbaren Frau. Der Ausdruck tiefer Trauer auf ihrem ebenmäßigen, schönen Gesicht hatte sich nicht verändert.

»Die Menschen können uns nicht sehen«, drang da ihre wispernde Stimme erneut an mein Ohr.

»Was wollen Sie damit sagen?«, fragte ich verstört.

Aber die Frau kam nicht mehr dazu, zu antworten. Zwei Männer in weißen Sanitäterklamotten kamen auf mich zu. Sie brachten eine Trage, die sie neben mir auf dem Boden abstellten.

»Ganz vorsichtig«, ermahnte Daniel die beiden Männer, als sie sich anschickten, mich von der Straße aufzuheben und auf die Trage zu legen.

»Keine Sorge, Dr. Connors«, erwiderte einer der Männer, während er mich auf der Trage festschnallte. »Wir behandeln Ihre Frau wie ein rohes Ei.«

Die beiden Männer nahmen die Trage auf und Daniel trat neben mich. Mit sorgenvoller Miene ergriff er meine Hand.

»Wir bringen dich jetzt ins St. Thomas Hospital«, erklärte er behutsam. »Dort werde ich dich dann untersuchen.«

Vorsichtig trugen die Männer mich zum Rettungswagen.

Ich versuchte mich umzudrehen, um noch einen letzten Blick auf die sonderbare Frau zu werfen.

Aber ich konnte sie nirgendwo erblicken. Überall standen Schaulustige herum.

Raymond versuchte die Leute wild gestikulierend von dem Unfallwagen fern zu halten.

»Danke für deine Hilfe, Raymond!«, rief Daniel dem Hausmeister des British Museum zu. »Du hast etwas gut bei mir.«

Raymond winkte mir betroffen zu.

»Werd schnell wieder gesund, Brenda«, rief er und lächelte gezwungen.

Dann schlossen sich die Türen des Rettungswagens. Daniel war noch immer an meiner Seite und hielt meine Hand. Zärtlich strich er mir über die verschwitzte Stirn.

Im nächsten Moment setzte sich der Rettungswagen mit heulenden Sirenen in Bewegung.

»Es wird alles wieder gut«, flüsterte Daniel. Dabei klang seine Stimme fast genauso leise und wispernd wie die der geisterhaften Frau in dem altmodischen Kleid.



3

Im St. Thomas Hospital angekommen, unterzog Daniel mich mehrerer gründlicher Untersuchungen. Dabei stellte er fest, dass mein linkes Wadenbein angebrochen war. Es musste geschient und gegipst werden.

Aber sonst waren meine Knochen alle unversehrt. Allerdings war meine linke Körperhälfte mit ziemlich schmerzhaften Prellungen und Blutergüssen übersät. Auch mein Kopf hatte etwas abbekommen.

Wegen der Kopfverletzung machte Daniel sich die meisten Sorgen. Er ließ ein EEG durchführen und machte eine Röntgenaufnahme.

Doch außer einer leichten Gehirnerschütterung war keine Schädigung meines Gehirns festzustellen.

Schließlich brachte Daniel mich in ein Einzelbettzimmer. Den legeren Sommeranzug hatte er längst gegen einen Arztkittel getauscht. Mit sorgenvoller Miene setzte er sich neben mich auf die Bettkante und sah mich voller mitfühlender Liebe an.

»Wie es aussieht, bist du noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen«, konsternierte er. »Der Unfall hätte auch weitaus schlimmer enden können.«

»Das wäre er sicherlich auch, wenn du mich nicht in letzter Sekunde zur Seite gerissen hättest«, merkte ich rau an.

Daniel machte ein düsteres Gesicht. »Ich wünschte, ich hätte schneller reagiert«, presste er hervor. »Aber der Wagen war einfach zu schnell. Er hätte dich glatt überfahren.«

Unbehaglich rieb ich mir mit den Händen über die Schultern. »Was das wohl für ein Kerl in dem Auto war?«, murmelte ich. »Ich glaube, ich habe sein Gesicht ganz kurz gesehen, bevor der Wagen mich erfasste.«

»Es muss ein ziemlich verantwortungsloser Raser gewesen sein«, erklärte Daniel wütend. »Ein Passant hat sich die Nummer des Wagens merken können. Die Polizei sucht bereits nach dem Flüchtigen.«

Vorsichtig berührte ich meine pochenden Schläfen mit den Fingerspitzen und massierte sie.

Doch den dumpfen, unterschwelligen Schmerz, der in entnervender Gleichtönigkeit durch meinen Schädel wallte, konnte ich dadurch nicht mildern.

»Dieses Krankenzimmer ist doch fast schon ein wenig wie die einsame Insel, die du dir für uns gewünscht hast«, merkte ich ironisch an, um Daniel wieder aufzumuntern. Der Unfall hatte ihn sehr mitgenommen. Er war noch immer ganz bleich und um seine Augen zuckte es nervös.

»Für eine Insel ist es mir hier entschieden zu steril«, erwiderte Daniel lahm. Es war ihm deutlich anzumerken, dass er nicht zum Scherzen aufgelegt war.

Ich ließ von meinen Schläfen ab und ergriff Daniels Hand. »Eigentlich sollte ich ja auch dich erforschen«, meinte ich und lächelte schwach. »Nun ist es genau umgekehrt gekommen. Du hast mich untersucht.«

Daniel streichelte meine Hände. »Lass das alberne Gerede«, meinte er ernst. »Ich kann immer noch nicht begreifen, wie es zu diesem Unfall kommen konnte. Die Straße war frei, als du sie überquert hast. Dann tauchte da plötzlich dieser Wagen auf. Er fuhr viel zu schnell, schwenkte mit quietschenden Reifen in di e Great Russell Street ein. Wenige Sekunden später hatte er dich auch schon erfasst.«

»Glaubst du, der Fahrer hatte es auf mich abgesehen?«, fragte ich beklommen.

»Das werden wir wohl erst erfahren, wenn die Polizei den Fahrer geschnappt hat«, erwiderte Daniel. »Auszuschließen ist es jedoch nicht. Deine Amulettforschung und die vielen mysteriösen Abenteuer, die dir dieser Job einbrachten, haben dir viele Feinde gemacht. Es könnte durchaus möglich sein, dass einer deiner früheren Widersacher versucht hat, dich zu töten.«

Die letzten Worte hatte Daniel mit unterdrückter Wut hervorgepresst. Seine Hände zitterten und seine Lippen bebten.

»Du stehst unter Schock, Daniel«, stellte ich besorgt fest. »Du solltest dir von einem Kollegen eine Beruhigungsspritze verpassen lassen.«

Daniel winkte ab. »Ich brauche jetzt einen klaren Kopf«, sagte er bestimmend. »Eine Beruhigungsspritze wäre mir da nur hinderlich.«

»Es gibt doch nichts, was du jetzt noch für mich tun könntest«, wandte ich ein. »Du hast mich fachmännisch verarztet und alles in deiner Macht stehende getan, um mir zu helfen. Jetzt solltest du auch einmal an dich denken. Du hättest beinahe deine geliebte Frau verloren. Das ist nicht spurlos an dir vorbeigegangen!«

Daniel ballte die Fäuste. »Der Gedanke, dich zu verlieren, macht mich fast wahnsinnig«, gestand er und Tränen schimmerten plötzlich in seinen Augen. »Ich liebe dich über alles, Brenda.«

»Ich liebe dich auch«, erwiderte ich und lächelte versonnen. »Darum bestehe ich auch darauf, dass du dich jetzt um deine Gesundheit kümmerst.«

»Das kann ich nicht«, erwiderte Daniel rau. »Erst muss ich sicher sein, dass mit dir alles in Ordnung ist.«

Ich sah Daniel verwundert an. »Bist du das denn noch nicht?«

Daniel zuckte unschlüssig mit den Achseln. »Die Untersuchungsergebnisse besagen, dass deine Verletzungen nicht sehr schwerwiegend sind. In einer Woche könntest du wiederhergestellt sein.Trotzdem mache ich mir Sorgen.«

Plötzlich ahnte ich, worauf Daniel hinaus wollte.

Seit ich mich im Krankenhaus aufhielt, hatte ich nicht mehr an die seltsame Frau in dem hellgrünen, altmodischen Gesellschaftskleid gedacht, die ich neben Daniel auf der Straße gesehen hatte. Ich hatte sie einfach vergessen.

Doch jetzt stand mir die blasse Erscheinung in dem tütenförmigen Kleid plötzlich wieder deutlich vor Augen.

Ein Frösteln überkam mich. Als ich vorhin geglaubt hatte, die Frau zu sehen, war ich gerade aus der Bewusstlosigkeit erwacht. Ich war zu benommen gewesen, um mir Gedanken darüber zu machen, was es mit dieser Frau auf sich haben könnte.

Jetzt kam mir ihr Erscheinen um so seltsamer vor.

»Du weißt, wovon ich spreche«, stellte Daniel fest, der mich nicht aus den Augen gelassen hatte und meinem Gesicht mal wieder abgelesen hatte, was in mir vorging.

Ich nickte beklommen. »Du spielst auf die seltsame Frau in dem altmodischen Kleid an«, erklärte ich.

Daniel furchte die Stirn. »Da war keine Frau mit einem altmodischen Kleid«, stellte er richtig

»Ich... ich habe sie aber ganz deutlich gesehen«, erwiderte ich unbehaglich. »Sie stand direkt neben dir.«

Daniels Blick verdüsterte sich. »Du musst halluziniert haben. Wahrscheinlich eine Folge des Unfalls.«

»Aber die Frau hat zu mir gesprochen.«

»Das hat nichts zu besagen. Auch das Gespräch hat dein Gehirn dir nur vorgegaukelt.«

»Sie sagte, dass niemand sie sehen könne«, sagte ich gedehnt, ohne auf Daniels Bemerkung einzugehen. »Sie war sehr verwundert, dass ich sie angesprochen hatte. Außerdem hat sie in der Mehrzahl gesprochen, so, als würde es noch mehr von ihrer Sorte geben.«

»Brenda!«, sagte Daniel eindringlich. »Du darfst nicht glauben, dass es real war, was du gesehen hast. Du standest unter Schock. Dein Gehirn hat dir Dinge vorgegaukelt, die es nicht gibt. Das musst du dir immer wieder vor Augen halten. Es könnte sonst sein, dass diese Wahnvorstellung sich in dir manifestiert und dich nicht mehr loslässt.«

»Du meinst, dass ich verrückt werden könnte?«, resümierte ich ein wenig eingeschnappt.

»So krass wollte ich es eigentlich nicht ausdrücken. Aber im Prinzip läuft es darauf hinaus. Du

hast viele übersinnliche Phänomene gesehen, bist mit Magie und Zauberei konfrontiert worden. Darum bist du nun für solche Halluzinationen besonders anfällig.«

Ich winkelte mein gesundes Bein an und schlang fröstelnd meine Arme um das Knie.

»Diese Frau, sie hat so real ausgesehen«, sagte ich wie zu mir selbst. »Ihr Gesicht war todtraurig, als hätte sie Schreckliches erleiden müssen.«

»Bitte, Brenda!«, flehte Daniel eindringlich. »Du musst aufhören, dich in dieser Weise mit dem Trugbild zu befassen. Es besteht sonst die Gefahr, dass deine Psyche ernsten Schaden davonträgt.«

»Und wenn du dich irrst?«, fragte ich herausfordernd. »Wenn es diese Frau wirklich gibt und nur ich sie sehen kann?«

»Das ist doch Unsinn«, begehrte Daniel auf. »Wieso sollten alle anderen Menschen diese Frau nicht sehen können?«

»Weil sie vielleicht ein Geist ist«, erwiderte ich unbehaglich.

»Und warum konntest du diesen Geist sehen?«

Ich zuckte verzagt mit den Achseln. »Wenn ich das nur wüsste«, erwiderte ich und spürte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten.

Sanft strich Daniel mir mit den Fingern durch mein weizenblondes Haar.

»Vertrau mir«, sagte er einfühlsam. »Ich bin Neurologe und kenne mich in diesen Dingen aus. Dein Gehirn ist aufgrund des Unfalls traumatisiert. Es produziert Bilder, die wahrscheinlich deinem Unterbewusstsein entspringen. Vielleicht hast du vor langer Zeit einmal ein Bild dieser Frau gesehen, der du nun glaubst begegnet zu sein. Dein Unterbewusstsein hat dieses Bild jetzt hervorgeholt, vielleicht, weil sich in dem traurigen Gesicht, das du beschrieben hast, deine eigene Traurigkeit widerspiegelt, die du über den plötzlichen Unfall empfindest.«

Ich seufzte und streckte meine Beine wieder aus. »Ich möchte dir ja glauben«, sagte ich verzagt.

Daniel lächelte. »Das ist doch schon mal ein Anfang«, sagte er. »Versuche jetzt zu schlafen. Du musst dich ausruhen, damit dein Körper sich regenerieren und deine Psyche den Unfall verarbeiten kann.«

Er neigte sich zu mir herab und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn.

Dann deutete er auf einen roten Knopf am Kopfende des Bettes. »Wenn du etwas brauchst, drücke auf den Knopf. Ich werde dann gleich zu dir kommen.«

»Du bleibst in der Klinik?«

»Selbstverständlich«, stieß Daniel hervor. »Ich werde die Untersuchungsergebnisse noch einmal durchsehen. Ich möchte nicht, dass wir etwas übersehen.«

Ich presste die Lippen zusammen. »Es tut mir so leid, dass unser gemeinsamer Abend jetzt geplatzt ist«, sagte ich mit schwankender Stimme.

»Du kannst ja nichts dafür«, entgegnete Daniel. »Daran ist allein dieser irrsinnige Autofahrer schuld. Ich hoffe, die Polizei schnappt ihn bald.«

Daniel stand auf und löschte das Licht. »Gute Nacht, Brenda«, flüsterte er.

Dann verließ er das Zimmer und drückte die Tür leise hinter sich ins Schloss.

Einen Moment lag ich nur da und starrte in die Dunkelheit. Ein Sturm von Gedanken jagte durch meinen Kopf. Wie ein Karussell drehten sie sich und wirbelten wie bunte Gondeln an mir vorüber. Sie waren zu schnell und flüchtig, sodass ich keinen von ihnen fassen konnte. Außerdem pochte ein dumpfer Schmerz in meinem Gehirn. Er war die quälende Musik, die den Takt des Gedankenkarussells bestimmte.

Fest presste ich die Augen zu und hoffte, dass das Tohuwabohu in meinem Kopf sich bald wieder legen würde.

Aber diese Hoffnung erwies sich als unberechtigt. In unvermindertem, schwindelerregendem Tempo rasten die Gedanken durch meinen Kopf.

Irgendwann schlief ich aber trotzdem ein. Ich war einfach zu erschöpft.

Es war ein bleierner Schlaf, in den ich versank. Düstere Bilder zogen vor meinem inneren Auge vorbei. Bilder, die mir ein London vorführten, wie es vor etwa hundert Jahren ausgesehen haben mochte, als die Damen in aufwendigen, korsettgestützten Kleidern durch die nebelverhangenen nächtlichen Straßen flanierten, begleitet von Herren mit Melone, Zylind er, Paletot und engen Hosen...



4

Ein leises Wispern ließ mich aus dem Schlaf emportauchen. Es klang wie ein Windgeflüster, das an meinem Ohr vorüberstrich und sofort wieder verging.

Trotzdem war ich von einem Augenblick auf den anderen plötzlich hellwach!

Benommen richtete ich mich in meinem Bett auf. Durch die Jalousien vor dem Fenster fiel streifenförmiges, fahles Mondlicht.

Sofort spürte ich wieder den dumpfen Schmerz in meinem Schädel. Auch die Prellungen und die blauen Flecken riefen sich wieder schmerzhaft in Erinnerung.

Zusammenfassung

Nach einem Unfall sieht Brenda Logan plötzlich die Geister junger Frauen. Langsam kommt sie einem schrecklichen Verbrechen auf die Spur. Kann sie es schaffen, das Geheimnis der Geisterfrauen zu lüften? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt...

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908534
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
amulett geisterseherin

Autor

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Titel: Das magische Amulett #93: Die Geisterseherin