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Das magische Amulett #63: Das Geheimnis des Einhorns

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Normalerweise wird die Amulettforscherin Brenda Logan von ihrem Mann Daniel unterstützt, wenn sie tatkräftige Hilfe braucht, aber in diesem Fall soll sie mit einem Privatdetektiv zusammen arbeiten. Eine Diebin, die nach zehn Jahren aus dem Gefängnis kommt, muss beschattet werden, um herauszufinden, wo sich die Beute befindet. Insbesondere ein Amulett, das aus einer Hornscheibe gefertigt wurde und besondere Fähigkeiten besitzt, darf nicht in falsche Hände geraten.

Leseprobe

Das Geheimnis des Einhorns

Das magische Amule tt Band 63

Roman von Jan Gardemann


Der Umfang dieses Buchs entspricht 102 Taschenbuchseiten.


Normalerweise wird die Amulettforscherin Brenda Logan von ihrem Mann Daniel unterstützt, wenn sie tatkräftige Hilfe braucht, aber in diesem Fall soll sie mit einem Privatdetektiv zusammen arbeiten. Eine Diebin, die nach zehn Jahren aus dem Gefängnis kommt, muss beschattet werden, um herauszufinden, wo sich die Beute befindet. Insbesondere ein Amulett, das aus einer Hornscheibe gefertigt wurde und besondere Fähigkeiten besitzt, darf nicht in falsche Hände geraten.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Firuz Askin, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2017

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Prolog

Der Mann trug einen hellen, legeren Anzug, der für Amandas Geschmack allerdings ein wenig zu weit geschnitten war. Aber das war eine Sache, die sie nur am Rande wahr nahm. Ihr Blick klebte nämlich an dem Gesicht des Mannes fest. Diese blauen Augen und den ein wenig schmerzlich wirkenden Ausdruck um den Mund würde sie nie vergessen! »Adrian?«, sagte sie mit tonloser Stimme. »Wie... wie kommt es, dass du wusstest, wo ich bin?« Der rechte Arm des Mannes zuckte hoch, Finger krallten sich in ihre Bluse. Mit einem kräftigen Ruck riss Adrian Amanda aus der Telefonzelle und stieß sie zu Boden. Dann warf er sich auf sie, schloss seine Hände um ihren Hals und drückte unerbittlich zu...



1

»Möchten Sie einen Schluck, Mrs. Logan?«

Der Mann, der mich dies fragte, saß hinter dem Steuer eines alten Mercedes’, der in einer engen Seitenstraße parkte, schräg gegenüber dem Frauengefängnis von London. Er hielt eine Thermoskanne hoch und sah mich fragend an.

»Danke, nein«, erwiderte ich und versuchte es mir auf dem durchgesessenen Beifahrersitz so bequem wie möglich zu machen. »Ich habe bereits gefrühstückt.«

Er zuckte gleichmütig mit den Schultern und goss sich Kaffee in einen verbeulten Aluminiumbecher, den er dann auf dem Armaturenbrett abstellte.

Während er die Thermoskanne wieder zuschraubte, sah er mich von der Seite an.

»Sie sind nicht gerade begeistert darüber, mit mir zusammenarbeiten zu müssen«, stellte er fest.

»Ich hatte heute eigentlich vorgehabt, im British Museum Exponate für das Museum in Buenos Aires zusammenzustellen«, erklärte ich säuerlich. »Die Artefakte sollten als Leihgabe nach Argentinien verschickt werden, um dort in einer Sonderausstellung zusammen mit anderen Exponaten aus der ganzen Welt dem Publikum vorgestellt zu werden. Statt dessen sitze ich jetzt mit einem Privatdetektiv in einem schäbigen, schlecht geheizten Auto und stiere auf das Einfahrtstor eines Gefängnisses.«

Der Mann neben mir lachte rau. »Ich ziehe es auch eher vor, allein zu arbeiten«, sagte er. »Aber ich muss mich nach den Wünschen meiner Klienten richten. Und wenn die wollen, dass ich mit einer jungen Archäologin aus dem British Museum zusammenarbeiten soll, beiße ich eben die Zähne zusammen und tue, was man von mir verlangt.«

Ich maß meinen Gesprächspartner mit einem skeptischen Blick. Im Grunde war er kein schlecht aussehender Bursche, war kräftig gebaut, hatte dichtes blondes Haar und ein markantes Gesicht, das braungebrannt war und in dem die blauen Augen leuchteten, wie kleine Scheinwerfer.

Es musste allerdings schon einige Tage her sein, seit er sich das letzte Mal rasiert hatte. Die Bartstoppeln waren ein wenig dunkler, als sein Haupthaar und verliehen seinem Gesicht einen verwegenen und etwas schlampig anmutenden Ausdruck. Seine Klamotten trugen auch nicht gerade dazu bei, diesen Eindruck abzumildern. Die Wildlederjacke, die er trug, schien schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel zu haben und war an Ellenbogen und Kragen stark abgewetzt. Seine

Jeans war speckig und verwaschen, die Stiefel ausgetreten und verbeult. In diesem Outfit hätte er prima in einen Italowestern gepasst.

»Was starren Sie mich so an?«, fragte er und grinste frivol.

»Sie müssen ziemlich gut in Ihrem Job sein, wenn Ihr Klient bereit ist, über ihr schlampiges Äußeres hinwegzusehen«, sagte ich unverblümt.

Ich trat nach dem Schokoriegelpapier, das im Fußraum der Beifahrerseite herumlag. Darunter befanden sich auch ein paar Coladosen. Auf dem Rücksitz stapelten sich achtlos hingeworfene Klamotten. Daneben türmte sich ein Wust aus ungeöffneten Briefen, speckigen Akten und vollgeschriebenen Notizzettel.

Der Mann grinste. »Sie sollten erst sehen, wie es in meiner Bude aussieht«, meinte er hämisch. »Ich bin ein vielbeschäftigter Mann. Mir bleibt nicht einmal Zeit, meine Briefe zu öffnen, geschweige denn, mich regelmäßig zu rasieren.«

»Gott sei Dank, scheinen Sie mit der Körperpflege nicht so lax zu verfahren, wie mit dem Rest Ihres Lebens«, konnte ich mir die Bemerkung nicht verkneifen. »Ansonsten hätte ich es mit Ihnen in diesem Wagen keine fünf Minuten ausgehalten.«

Tatsächlich verströmte der verwegen aussehende Kerl einen angenehmen herben Geruch, er weckte Assoziationen von weiter Prärie und frei dahin galoppierenden Wildpferden in mir.

»Das scheint Sie zu überraschen.«

»Offengestanden, ja«, erwiderte ich und lächelte entwaffnend.

Er lachte kurz und hart. »Sie sind eine ehrliche Frau. Das mag ich.«

»In erster Linie bin ich genervt«, gab ich zurück. »Ich mag es nicht, wenn man mich herumkommandiert. Eigentlich sollte ich jetzt im British Museum sein. Und nur, weil ein paar Freunde des Museumsdirektors ihre Beziehungen haben spielen lassen, sitze ich nun in dieser Rostkarre und friere.«

Er sah mich nachdenklich an. »Was wissen Sie über meinen Klienten?«, wollte er plötzlich wissen.

Ich machte ein erstauntes Gesicht. »Diese Frage hatte ich eigentlich Ihnen stellen wollen.«

»Soll das heißen, Sie kennen die Leute nicht, die dafür verantwortlich sind, dass Sie jetzt neben mir sitzen?«

»Ihrer Frage nach zu urteilen, kennen Sie sie auch nicht.« Ich seufzte entnervt.

Er zuckte lahm mit den Schultern. »Ich weiß tatsächlich nicht, wer mir den Auftrag erteilte. Er scheint mich und meine Gepflogenheiten jedoch gut zu kennen. Ein Zeitungsjunge klopfte im Morgengrauen gegen die Seitenscheibe meines Wagens und weckte mich. Er überreichte mir diesen Brief hier.«

Er griff hinter sich und zog aus dem Papierwust mit schlafwandlerischer Sicherheit ein Kuvert hervor, das er mir dann überreichte.

In dem Umschlag steckte ein Brief und ein Foto.

»Das Geld, das sich in dem Kuvert befand habe ich schon herausgenommen«, erklärte der Privatdetektiv und grinste süffisant. »Es war nur eine Anzahlung. Aber sie reicht aus, um mich eine Zeitlang über Wasser zu halten. Wenn der Auftrag erledigt ist, kann ich mich ein halbes Jahr zur Ruhe setzen, so viel Geld wurde mir in Aussicht gestellt, für den Fall, dass ich diesen Fall zur Zufriedenheit meines Klienten erledige.«

Ich faltete den Brief auseinander und strich ihn auf meinen Oberschenkeln glatt.

»Finden Sie sich um neun Uhr beim Seiteneingang des British Museum ein«, las ich leise. »Dort werden Sie mit einer Archäologin zusammentreffen. Fahren Sie mit ihr zum Frauengefängnis und beschatten Sie die Person, die heute entlassen wird. Ihr Name lautet Amanda Campion. Sie saß wegen schweren Diebstahls zehn Jahre lang in Haft. Finden Sie die Beute, die Mrs. Campion an einem geheimen Ort versteckte. Es befindet sich ein kostbares Familienerbstück unter dem Diebesgut. Ich will es unbedingt zurückhaben!«

Es folgte eine kurze Auflistung des Honorars, das den Privatdetektiv erwartete, sollte er den Auftrag zur Zufriedenheit seines mysteriösen Klienten ausführen. Die Summe war tatsächlich ziemlich hoch.

Ich nahm das Foto zur Hand und betrachtete es. Es war eine etwa dreißig Jahre alte Frau darauf abgelichtet. Sie sah ziemlich hager aus, trug ein schmuckloses, fantasieloses Kleid, hatte brünettes lockiges Haar und ein schmales ausdrucksloses Gesicht.

»Eine Schönheit ist diese Amanda Campion nicht gerade«, merkte der Privatdetektiv an. Er griff erneut hinter sich und förderte unter dem Papierhaufen einen braunen Schnellhefter hervor, den er mir mit den Worten überreichte: »Ich habe ein paar Nachforschungen über diese Amanda Campion angestellt. Sie scheint eine ziemlich ausgefuchste Diebin gewesen zu sein. Sie hatte sich auf alte Castles spezialisiert und ist wohl in mehrere Dutzend Residenzen eingebrochen. Ihre Vorliebe galt altem Familienschmuck. Nichts von dem, was sie den reichen Herrschaften entwendete, ist bisher wieder aufgetaucht. Anscheinend hatte sie nicht versucht, den Schmuck auf dem Schwarzmarkt oder in Pfandleihhäusern zu versetzen, wie es unter Dieben üblich ist.«

Er schaute durch die Windschutzscheibe nachdenklich zum Gefängnistor hinüber. »Amanda Campion weigert sich beharrlich, irgendeine Erklärung über den Verbleib des Diebesgutes abzugeben. Als sie geschnappt wurde, war alles, was man an Beweisen gegen sie vorbringen konnte, die Aufzeichnung einer Überwachungskamera aus einem Juwelierladen, den sie ausraubte. Amanda Campion ging bei ihren Einbrüchen immer auf die gleiche Weise vor. Darum kam man auch darauf, dass sie nicht nur für den Einbruch im Juwelierladen verantwortlich war, sondern auch für ein Dutzend anderer Einbrüche in nahegelegenen Schlössern und Burgen, die die Polizei seit Jahren beschäftigte. Trotz der erdrückenden Beweislast, schwieg Amanda. Niemand weiß bis heute, wo sie die Beute versteckte, oder was sonst damit geschehen sein mag.«

»Und das haben Sie alles zwischen Morgengrauen und neun Uhr herausgefunden?«, wunderte ich mich.

»Wenn die Bezahlung stimmt, kann ich wahre Wunder vollbringen«, merkte er ironisch an.

Langsam fragte ich mich, ob das schnodderige Image, das der Privatdetektiv sich verliehen hatte, vielleicht nur dem Zweck diente, die Leute dazu zu bringen, ihn zu unterschätzen.

Auch ich hatte mich durch sein ungepflegtes Äußeres erst täuschen lassen. Als ich ihn das erste Mal sah, war ich drauf und dran gewesen, auf den Hacken umzukehren. Ich war fest entschlossen, zu Professor Sloane, dem Museumsdirektor, zu stapfen, um ihm zu erklären, dass ich mich unter keinen Umständen zu diesem verwegenen Kerl in das Auto setzen würde.

Doch dann hatte ich mir vergegenwärtigt, dass die Leute, die Professor Sloane darum ersucht hatten, mich mit dieser Aufgabe zu betrauen, ihre Gründe gehabt haben mussten, mir ausgerechnet diesen abenteuerlichen Kerl zur Seite zu stellen.

Sie hatten eine geheime Organisation gegründet, um mich und meine Amulettforschung zu unterstützen. »Geheimer Zusammenschluss« hatten sie ihre Organisation getauft. Dieser Name war so nichtssagend und mysteriös, wie auch die Leute, für die er stand. Sie waren peinlich darauf bedacht, nicht in Erscheinung zu treten. Wahrscheinlich fürchteten sie um ihren guten Ruf und ihre Reputation, wenn bekannt wurde, dass sie eine Archäologin unterstützten, die magische Amulette nur deshalb aufspürte, um sie anschließend unschädlich zu machen, damit die bösen Kräfte, die in diesen Talismanen schlummerten, kein Unheil mehr anrichten konnten.

Meine geheimnisvollen Gönner würden in Verdacht geraten, an übersinnliche Phänomene und Magie zu glauben und sich in der Öffentlichkeit zum Gespött machen. Für sie stand eine Menge Geld und Macht dabei auf dem Spiel.

Ich konnte das Verhalten dieser Leute teilweise verstehen. Auch ich war immer sehr vorsichtig und verheimlichte so gut es eben ging, womit ich mich in Wirklichkeit beschäftigte. Man wurde schnell für verrückt erklärt oder schräg angeguckt, wenn man durchblicken ließ, dass man an die Existenz von Geistern, Vampiren und anderen schrecklichen Kreaturen glaubte. Ich hatte schon so viele unerklärliche Dinge erlebt, dass mein Glaube inzwischen zur Gewissheit geworden war. Es gab Amulette, in denen magische Kräfte schlummerten! Und diese Kräfte wurden auch eingesetzt; von Menschen, die skrupellos und böse waren, denen es nichts ausmachte, ein Menschenschicksal zu zerstören, um eigenen Vorteil daraus zu ziehen.

Diesen Menschen ihr magisches Werkzeug zu entreißen, war meine Aufgabe. Eigentlich hätte ich mich glücklich schätzen können, dabei von einer Organisation unterstützt zu werden. Aber leider waren die Beweggründe ihrer Mitglieder für mich nicht immer so klar durchschaubar, wie ich es gerne hätte.

Manchmal fühlte ich mich von ihnen regelrecht benutzt. Ob es auch diesmal wieder so sein würde, würde ich sicherlich schon bald herausfinden.

Aus diesem Grund hatte ich eben nicht auf den Hacken kehrtgemacht, als ich diesen schmuddeligen, abenteuerlichen Kerl in seinem verbeulten Mercedes erblickte, der neben dem Seiteneingang des Museums auf mich wartete.

»Lassen Sie Ihre Arbeit für eine Weile ruhen«, hatte Professor Sloane mir aufgetragen, nachdem er mich in sein Büro gebeten hatte. »Sie müssen sich um eine höchst prekäre Angelegenheit kümmern, die nur eine Amulettforscherin bereinigen kann.«

»Sagen Sie nichts«, hatte ich ein wenig respektlos erwidert. »Die Leute vom geheimen Zusammenschluss sind wieder mit Ihnen in Kontakt getreten.«

Professor Sloane hatte daraufhin bedeutungsschwer genickt. Er trug an diesem Morgen einen für seine Verhältnisse überraschend dezent wirkenden Anzug mit großem beigefarbenem Karomuster und einer froschgrünen Krawatte.

»Sie sollen ein gestohlenes Amulett zurückholen«, hatte er noch angefügt. »Alles andere werden Sie von dem Mann erfahren, mit dem Sie zusammenarbeiten sollen. Er wartet draußen vor dem Seiteneingang auf Sie.«

»Das ist alles?«, hatte ich entgeistert gefragt. »Mehr Informationen gibt es nicht?«

»Ihr Partner wird wohl alles nötige wissen.« Damit war für Professor Sloane das Gespräch beendet und er widmete sich wieder der Korrespondenz auf seinem Schreibtisch.

Wenige Minuten später verließ ich das Museumsgebäude durch den Seiteneingang. Meine Laune war nicht die beste, und sie sank auf ein Rekordtief, als ich den verbeulten Mercedes und den Kerl hinter dem Steuer erblicktet »Warten Sie auf jemanden?«, fragte ich durch die Seitenscheibe, die heruntergekurbelt war.

Der Mann sah mich an. »Und Sie?«, fragte er zurück. »Erwarten Sie, von jemanden abgeholt zu werden?«

Er streckte mir die Hand hin. »Lionel Hamstead«, stellte er sich vor. »Privatdetektiv.«

Zögernd ergriff ich die Hand; ihr Druck war sanft aber bestimmend. »Brenda Logan«, sagte ich. »Archäologin und Amulettforscherin.«

Er deutete hinüber zur Beifahrertür. »Steigen Sie ein. Es ist noch ein gutes Stück bis zum Frauengefängnis. Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch rechtzeitig eintreffen wollen.«

»Frauengefängnis?«, echote ich unbehaglich.

Lionel machte ein düsteres Gesicht. »Sie haben keine Ahnung, worum es geht?«, mutmaßte er grimmig.

»Wir sollen ein Schmuckstück, ein Amulett wahrscheinlich, finden«, erwiderte ich.

Er seufzte entnervt. »Ich wusste gleich, es würde schwierig werden, mit jemanden zusammenarbeiten zu müssen. Aber Auftrag ist Auftrag.«

Er beugte sich über den Beifahrersitz und öffnete den Wagenschlag. Ich trottete um den Wagen und stieg ein.

Wir schwiegen, während wir quer durch London fuhren. Erst, als Lionel seinen Wagen in einer Seitenstraße gegenüber dem Gefängnistor stoppte und mir einen Kaffee anbot, begann das Eis zwischen uns langsam zu tauen.

»Da kommt sie«, sagte Lionel in diesem Moment und schreckte mich aus meinen Gedanken auf.

Ich schaute nach vorn und sah, dass das Gefängnistor sich einen Spalt breit geöffnet hatte.

Ein uniformierter Strafvollzugsbeamter kam zum Vorschein. Ihm folgte eine etwa vierzig Jahre alte Frau.

Ihr kurzes lockiges Haar war von grauen Strähnen durchzogen, das Gesicht wirkte abgehärmt und wie versteinert. Ihr graues kurzes Kleid umgab ihre hagere Gestalt. Die Frau hatte einen zusammengefalteten Mantel über den linken Oberarm gelegt. In der anderen Hand trug sie eine kleine Reisetasche.

Die beiden wechselten ein paar Worte. Dann tippte sich der Beamte gegen die Mütze und kehrte in das Gefängnis zurück.

Das Tor schloss sich und die Frau stand alleine da. Sie wirkte ein wenig verloren und sah sich unsicher um, als könnte sie noch nicht fassen, dass sie endlich aus ihrer Zelle hinausgekommen war. In ihrem Kopf und in ihrem Herzen musste in diesem Moment ein Wirbelsturm der Gefühle tosen. Aber davon war ihr äußerlich nichts anzumerken. Sie wirkte wie eine verlorene, verängstigte Frau, die nicht wusste, was sie mit ihrer neu erlangten Freiheit anfangen sollte.

Da fuhr ein schwarzes Londoner Taxi vor und stoppte vor der Frau. Sie verstaute den Koffer, stieg ein und der Wagen setzte sich in Bewegung.

»Es geht los«, sagte Lionel und drehte den Zündschlüssel herum. Aber der Motor sprang erst nach dem dritten Versuch an. Lionel ließ den Motor aufheulen. Dann schoss der Mercedes mit quietschenden Reifen aus der Seitenstraße und scherte in die Hauptstraße ein.

Das Taxi war schon einige hundert Meter entfernt. Lionel trat aufs Gaspedal und verringerte den Abstand zwischen den beiden Fahrzeugen.

Der Kaffeebecher war umgekippt und sein Inhalt hatte sich auf dem Armaturenbrett ergossen. Doch das schien den Privatdetektiv nicht weiter zu kümmern.

»Auffälliger ging es wohl nicht«, merkte ich mit sarkastischem Unterton in der Stimme an. »Benehmen Sie sich immer wie in einem Agentenfilm, wenn Sie jemanden beschatten?«

Lionel zuckte gelassen mit den Schultern. »Amanda Campion weiß sicherlich, dass sie beschattet wird. Sie ist bestimmt nicht dumm.«

Er sah mich von der Seite an und grinste. »Außerdem reizt mich die Anwesenheit einer schönen Frau dazu, mich von meiner rauen Seite zu zeigen.«

»Sie würden mich mehr beeindrucken, wenn Ihr Fahrstil nicht ganz so rasant wäre«, merkte ich säuerlich an. »Und bestimmt ist es Ihnen schon aufgefallen, dass ich verheiratet bin.« Bei diesen Worten zeigte ich ihm meinen Ehering. »Sie können sich Ihre Angeberei also sparen.«

Lionel lachte. »Ein Ehering besagt rein gar nichts«, meinte er lapidar. »Was glauben Sie, womit ein Privatdetektiv sich hauptsächlich beschäftigt? Vergessen Sie alles, was Sie in Romanen über meinen Berufsstand gelesen haben. Die Jagd nach einem Mörder oder einem auf mysteriöse Weise verschollenem Menschen, kommt in meinem Beruf so oft vor, wie ein Schneesturm in der Wüste. Die meiste Zeit verbringe ich damit, Ehefrauen oder Ehemänner zu beschatten, im Auftrag ihrer eigenen Partner! Ich habe in meinem Beruf genug erlebt, um zu wissen, dass ein Ehering oft nur noch sein Material wert ist, und oft nicht einmal das. Ich habe gesehen, wie eine Frau ihren Ehering in die Themse schleuderte. Eine andere warf ihn sogar in die Toilette.«

»Sie beobachten Frauen auf der Toilette?«, wunderte ich mich.

Lionel grinste schräg. »Nicht nur dort«, erwiderte er hämisch.

»Für mich bedeutet mein Ehering aber weitaus mehr, als nur den Wert des Goldes, aus dem er gemacht wurde«, fühlte ich mich dazu aufgefordert, zu erklären. »Daniel und ich lieben uns leidenschaftlich und aufrichtig.«

»Wer weiß, was ich alles zutage fördern würde, wenn ich Ihren Daniel beschatte«, gab Lionel respektlos zurück.

»Ich fürchte, Sie müssen sich die meiste Zeit im OP des St. Thomas Hospitals aufhalten, wenn Sie meinen Mann beschatten wollen«, konterte ich. »Dort arbeitet er nämlich. Selbst wenn er es wollte, bliebe ihm wohl kaum Zeit für einen Seitensprung.«

Lionel grinste feinsinnig. »Sie scheinen eine Menge von Ihrem Mann zu halten«, sagte er und nickte anerkennend. »Bestimmt sind Sie sehr glücklich zusammen. Ich habe ein Gespür für so etwas.«

»Dann wäre diese Sache ja jetzt geklärt«, sagte ich und atmete tief durch. »Verhalten Sie sich mir gegenüber einfach ganz normal und nicht wie ein wild gewordener Cowboy, der ein Girl beeindrucken will.«

Lionel krauste plötzlich die Stirn. Angestrengt starrte er nach vorn.

Als ich seinem Blick folgte, sah ich, wie das Taxi, das wir verfolgten, in die Warteschlange eines Taxistandes einscherte und schließlich stoppte.

»Wir sind beim Bahnhof Victoria Station«, sagte Lionel rau. »Von hier starten die Züge zum europäischen Festland. Ich hoffe, Amanda Campion hat nicht vor, England zu verfassen. Die Verfolgung könnte sich dann nämlich als äußerst schwierig gestalten.«

Lionel hatte am Straßenrand gehalten. Von hier aus konnten wir den Taxistand gut überblicken. Aber die Türen des Taxis, das Amanda Campion benutzt hatte, blieben geschlossen.

Ich beugte mich vor und spähte angestrengt zu dem schwarzen Fahrzeug hinüber.

»Das Taxi scheint bis auf den Chauffeur leer zu sein«, stellte ich verwundert fest. »Wir haben Amanda Campion verloren!«



2

Lionel sprang aus dem Wagen und stürmte zu dem Taxi. Er riss den Wagenschlag auf und sah sich hektisch im Innern des Fahrzeuges um.

»Sie ist fort!«, rief er mir zu.

Ich trat neben ihn und schaute mit düsterer Miene in den leeren Wagen. Während der »Verfolgung« hatte ich nicht weiter auf das Taxi geachtet. Ich hatte darauf vertraut, dass Lionel, der in solchen Dingen geübter war als ich, seine Sache gut machen würde.

Doch das war ein Fehler, wie sich jetzt herausstellte.

»Wo ist die Frau, die Sie vor dem Gefängnis aufgenommen haben?«, fragte Lionel den Chauffeur in diesem Moment. Seine Stimme klang unwirsch und gereizt.

»Was geht Sie das denn an?«, entgegnete der Mann abweisend. Er war ein Mischling und trug einen weißen Turban.

Lionel packte den Mann am Kragen und zerrte ihn aus dem Taxi. »Beantworten Sie mir meine Frage!«, schrie er.

Der Chauffeur war schmächtig und einen Kopf kleiner als der Privatdetektiv. Trotzdem ließ er sich nicht einschüchtern.

»Lassen Sie mich los«, sagte er gelassen. »Meine Kollegen in den anderen Wagen beobachten uns bestimmt. Sie werden die Polizei verständigen, sollten Sie handgreiflich werden.«

Ich berührte Lionel an der Schulter. »Kommen Sie zur Vernunft«, ermahnte ich ihn.

Lionel machte einen verächtlichen Laut und ließ von dem Taxifahrer ab. »Wegen diesem Kerl haben wir Amanda Campion verloren. Wer weiß, wo sie jetzt steckt!« Ich schenkte dem Taxifahrer ein gewinnendes Lächeln. »Bitte verzeihen Sie das grobe Verhalten meines Partners«, sagte ich versöhnlich. »Es ist ziemlich wichtig für uns, herauszufinden, wo Ihr Fahrgast abgeblieben ist.«

Ich holte mein Portemonnaie hervor und drückte dem Mann ein paar Pfundnoten in die Hand.

Sofort hellte sich die Miene des Chauffeurs auf. Er stopfte das Geld in seine Tasche und sagte dabei wie beiläufig: »Die Frau ist gar nicht in meinen Wagen gestiegen. Sie befahl mir lediglich, zur Victoria Station zu fahren. Sie zahlte die Fahrt im voraus. Ich sollte langsam fahren, sagte sie. Dann ging sie geduckt eine Weile neben meinem Wagen her. Bei der nächsten Seitenstraße verschwand sie dann plötzlich.«

Lionel schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, das es nur so klatschte. »Sie hat uns rein gelegt«, rief er fassungslos. »Mit einem simplen Trick hat sie uns reingelegt. Ich glaube es nicht!«

Der Chauffeur grinste schadenfroh. »Ich kann gut verstehen, dass die Frau auf ein Zusammentreffen mit Ihnen verzichten wollte.« Als Lionel die Fäuste ballte, tauchte er rasch in seinen Wagen und schlug die Tür zu.

»Kommen Sie«, sagte ich zu Lionel. »Wir werden einen anderen Weg finden, den Aufenthaltsort von Amanda Campion zu erfahren.«

Lionel vergrub missmutig die Hände in den Hosentaschen und stapfte schmollend neben mir her. Als wir wieder in seinem Mercedes saßen, starrte er angestrengt nach draußen, die Hände gegen das Lenkrad gepresst.

»Sie müssen mich für einen Dilettanten und Anfänger halten«, knurrte er, ohne mich anzusehen.

»Wir haben Amanda Campion anscheinend unterschätzt«, erwiderte ich vage.

Lionel schüttelte den Kopf. »Ich habe es vermasselt«, meinte er verbittert und sah mich an. »Ich habe mich durch Sie ablenken lassen, Brenda. Es war ein Fehler, dass ich mich darauf eingelassen habe, einen Partner zu akzeptieren.«

»Warum sind Sie so pessimistisch?«, fragte ich verwundert. »Wir werden Amanda Campion schon noch finden.«

»Ach ja?«, sagte er entnervt. »Und wie gedenken Sie das anzustellen?«

»Sicher hat sie irgendwelche Verwandte oder Freunde, zu denen sie gehen wird.«

»Haben Sie die Akte nicht gelesen?«, fragte er gereizt.

»Amanda hat keine Verwandten oder Freunde. Ihre Einbrüche hat sie immer ganz allein durchgezogen, ohne auch nur einen einzigen Menschen einzuweihen. Amanda ist eine Einzelgängerin. Kein einziges Mal in den zehn Jahren, die sie im Gefängnis war, erhielt sie Besuch oder einen Brief.«

Ich krauste die Stirn. »Wie sieht es mit Amandas alter Wohnung aus?«

»Sie wurde geräumt und die Möbel von der Polizei auseinandergenommen. Es wurde aber nichts gefunden, das irgendeinen Hinweis auf den Verbleib der Diebesbeute hätte geben können. Inzwischen ist die Wohnung an eine andere Person vermietet.«

Ich presste die Lippen zusammen. Amanda Campion schien genau so greifbar zu sein wie ein glitschiger Aal. Allmählich dämmerte mir, dass wir sie vielleicht wirklich nie wieder zu Gesicht bekommen würden.

Lionel schüttelte verbittert den Kopf. »Mein Klient wird den Vorschuss von mir zurückverlangen«, murrte er. »Aber da lässt sich wohl nichts machen.«

Er atmete tief durch und startete den Motor. »Ich werde Sie jetzt ins Museum zurückbringen«, sagte er. »Für Sie ist diese Niederlage nicht weiter schlimm. Schon morgen werden Sie mich wieder vergessen haben und voller Feiereifer die Exponate für Buenos Aires zusammensuchen.«

»Da irren Sie sich«, sagte ich ernst. »Mein Interesse an diesem Fall ist ganz anders geartet, als Sie vielleicht vermuten.«

Unter dem Diebesgut von Amanda Campion befand sich ein magisches Amulett, da war ich mir hundertprozentig sicher. Die Leute des geheimen Zusammenschlusses hielten sich mit Informationen zwar stets bedeckt, und manchmal kam ich mir auch wie eine Schachfigur vor, die sie nach Belieben hin und her schoben. Aber eins würden diese Leute niemals tun: Mich dazu benutzen, um für ein Mitglied ihrer Organisation gestohlene Besitztümer aufzuspüren. Amanda Campion hatte damals nicht nur wertvollen Familienschmuck entwendet, sondern auch ein magisches Amulett, das stand für mich unumstößlich fest! Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dieses Amulett ziemlich gefährlich, sonst würden mich die Leute vom geheimen Zusammenschluss kaum damit beauftragen, es aufzuspüren.

Lionel machte ein ernstes Gesicht. »Sie wollen die Suche nach Amanda Campion tatsächlich fortsetzen«, stellte er leicht verwundert fest. »Aber glauben Sie mir, es ist schier unmöglich.«

»Vielleicht ist es das aus der Sicht eines Privatdetektivs«, gab ich zurück. »Mir stehen jedoch andere Wege offen.«

Wir waren jetzt in der Nähe der Themse. Bis zum British Museum war es nicht mehr weit. »Sie sind eine seltsame Frau«, murmelte Lionel nachdenklich. »Sie lieben Ihren Ehemann über alles und sind fest davon überzeugt, eine Frau zu finden, über die nichts bekannt ist, außer ihrem Namen. Das sind zwei Dinge, die nahezu unmöglich sind.«

»Wenn Sie alles über mich wüssten, würden Sie mich noch viel mehr als nur seltsam finden«, erwiderte ich geheimnisvoll.

»Sollte das jetzt eine Aufforderung sein, Nachforschungen über Sie anzustellen?«

»Lassen Sie es lieber«, gab ich lächelnd zurück. »Ihr Weltbild würde durcheinander geraten, wenn Sie es tun.«

Lionel lachte rau. »Jetzt finde ich es fast schade, dass unsere Zusammenarbeit so abrupt endet Ich liebe geheimnisvolle Frauen.«

»Sie wollen also tatsächlich die Waffen strecken?«, fragte ich. Irgendwie hatte Lionel auf mich nicht den Eindruck eines Mannes gemacht, der gleich aufgibt, wenn er auf Schwierigkeiten stößt.

»Ich besitze genug Berufserfahrung, um zu wissen, wann es sinnlos ist, einen Fall weiter zu verfolgen«, erwiderte er knapp.

»Sie enttäuschen mich«, sagte ich der Wahrheit entsprechend. »Ich hätte Ihnen mehr Schneid zugetraut.«

»Ich habe mein Bestes gegeben«, sagte Lionel abweisend. »Jetzt muss ich mir Gedanken darüber machen, wie ich meinem Klienten den Vorschuss zurückzahlen kann.«

Wir bogen auf den Parkplatz des Museums ein. Lionel fuhr bis zum Seiteneingang und stoppte genau dort, wo er einige Stunden zuvor auf mich gewartet hatte.

»Machen Sie es gut, Brenda«, sagte er und streckte mir die Hand hin.

Ich ignorierte die Geste. »Wir sehen uns bestimmt wieder«, erklärte ich zuversichtlich. »Die Sache ist noch nicht ausgestanden.«

Mit diesen Worten verließ ich den Mercedes. Ohne mich noch einmal zu dem Privatdetektiv umzusehen, betrat ich das Museum. Zielstrebig hastete ich zum Büro von Professor Sloane. Ich war fest entschlossen, alles zu tun, um Amanda Campion aufzuspüren.



3

»Brenda!«, rief Professor Sloane überrascht, als ich vor seinen Schreibtisch trat. Ein Berg aus Artefakten, Pergamentrollen und losen Manuskriptseiten stapelten sich darauf. Wie eine Eule blickte er hinter seinem Schreibtisch zu mir herüber. »Haben Sie das Amulett etwa schon gefunden?«

»Ich bin Amulettjägerin, keine Hexe«, erwiderte ich. »Amanda Campion ist uns durch die Lappen gegangen.«

Das Gesicht des Professors verdüsterte sich. »Das ist schlimm«, sagte er und strich sich über seinen kurzen Vollbart. »Dem geheimen Zusammenschluss ist es ziemlich wichtig, dass das Amulett gefunden wird, bevor die Ganovin Unfug damit anstellen kann.«

»Ich muss mit einem der Mitglieder sprechen«, verlangte ich. »Am besten mit der Person, aus deren Besitz das Amulett damals entwendet wurde.«

Professor Sloane machte ein bestürztes Gesicht. »Sie wissen, das ist unmöglich«, sagte er rau.

»Ich fürchte, dann müssen diese Leute auf das Amulett verzichten. Ich werde keine Verantwortung für die Folgen übernehmen, falls das Amulett aktiviert wird.«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738908510
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
amulett geheimnis einhorns

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Titel: Das magische Amulett #63: Das Geheimnis des Einhorns