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Sie dürfen als Frau nicht versagen

2017 130 Seiten

Leseprobe

Sie dürfen als Frau nicht versagen

Arztroman von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.


Er ist ein Versager – das hat sein Vater schon immer gesagt. Hoch verschuldet und ohne Geld kehrt er nach Hause zurück, und als sein Bruder ihm in dem elterlichen Betrieb keinen Hilfsjob geben will, beschließt Dieter Bechner, seinem Leben ein Ende zu setzen. Im letzten Augenblick wird er gerettet und in die Mohnhaupt Klinik eingeliefert. Die Notfallärztin Dr. Alena Bärwald hat ihn nicht nur wiederbelebt, sondern kümmert sich auch danach um seine seelischen Nöte, damit Dieter neuen Lebensmut fasst. Er verliebt sich in die attraktive Ärztin, doch sie weist ihn ab, und da bricht für den jungen Mann eine Welt zusammen ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de



1

Als Dieter Bechner aus dem Bus gestiegen war, blieb er noch einen Augenblick stehen. Die anderen Leute, die mit ihm den Bus verlassen hatten, strebten nach allen Seiten davon. Dieter kannte keinen von ihnen, und er war auch froh, keinen Bekannten getroffen zu haben. Es war eben doch eine lange Zeit, die er nicht in seiner Heimatstadt geweilt hatte.

Langsam setzte er sich in Bewegung, ging fast wie ein alter Mann die sommerliche Straße entlang. Früher hatte er immer seine Freude an den blühenden Büschen in den Vorgärten gehabt. Heute verschwendete er keinen Blick dafür. Wie in Trance ging er weiter, und dann, an der Kurve, sah er die Tankstelle und die Werkstatt seines Bruders. Daneben das alte Einfamilienhaus, in dem sie alle aufgewachsen waren, Wolfgang, Martin und er selbst, Dieter Bechner.

Er fragte sich, ob er den Mut hatte, es Mutter zu sagen.

Sie wird es erfahren, dachte er. Es geht kein Weg daran vorbei. Schon der Gedanke presste ihm das Herz zusammen. Aber auch das Gespräch mit Wolfgang würde nicht leicht sein.

Als er die Tankstelle erreicht hatte, betankte ein junger Mann im blauen Anzug gerade ein Auto. Aber für Dieter war es ein Fremder. Er ging an ihm vorbei direkt auf das Büro seines Bruders zu, vor dem ganz groß stand: „Reparaturannahme“.

In der Werkstatt wurde gerade das Blech einer Karosserie zerschnitten. Ein höllischer Lärm drang bis auf die Straße hinaus. Monteure in grünen Anzügen hasteten umher, und auch diese Gesichter waren Dieter alle fremd.

Er trat ein, zog die Tür hinter sich zu und stand dann vor der langen Theke, die noch aus Vaters Zeiten stammte. Ein fremdes blondes Mädchen saß hinter der Schreibmaschine und tippte etwas. Links stand ein junger Mann im weißen Kittel. Auch ihn kannte Dieter nicht. Der junge Mann im weißen Kittel blickte von dem Prospekt auf, in dem er geblättert hatte, sah Dieter an und fragte: „Was kann ich für Sie tun?“

„Mein Name ist Bechner. Ist mein Bruder da?“

Der junge Mann war zunächst etwas verblüfft, dann lächelte er, als habe er verstanden und sagte: „Ja, was machen wir denn da? Ihr Bruder wollte nicht gestört werden. Der Steuerberater ist bei ihm. Wissen Sie, wir bekommen nächste Woche eine Betriebsprüfung und ... Na, Sie können sich denken, wie das ist.“

„Sagen Sie trotzdem, dass ich da bin. Es ist dringend.“

„Natürlich, ich werde ihn holen!“ Der junge Mann ging durch die Tür nach oben, und Dieter dachte in diesem Augenblick:

'Wie oft bin ich schon als Kind durch diese Tür gerannt. Früher, da waren wir meistens, wenn schlechtes Wetter war, hier in der Reparaturannahme bei Vater. In die Werkstatt durften wir nicht wegen der Unfallvorschriften, aber hier sind wir oft gewesen.'

Die Tür bewegte sich, und Dieter dachte schon, der junge Mann käme zurück. Aber es war eine junge Frau, die hereinkam. Blond, ein wenig pausbäckig, und auch sonst nicht zu mager geraten.

Als sie Dieter sah, war sie nur einen kurzen Augenblick lang überrascht. Dann strahlte sie ihn an und kam ihm sofort bis zur Theke entgegen. „Hallo, Dieter! Dass du dich hier noch mal sehen lässt!“, rief sie strahlend und reichte ihm die Hand über die Theke. Er lächelte etwas verlegen, fand so recht keine Antwort und dachte an die Zeit, da sie beide, Ingrid Möller und er, miteinander fangen gespielt hatten. Aber das war schon lange her, viele tausend Ewigkeiten!

„Studierst du immer noch?“, fragte sie.

Er zögerte nur ein paar Sekunden, dann nickte er. „Ja, ja“, sagte er knapp.

Dieses kurze Zögern schien sie verblüfft zu haben. Aber sie ging nicht weiter darauf ein, lächelte wieder und meinte: „Du wirst sicher nicht bleiben wollen, oder?“

„Ich muss mit meinem Bruder sprechen!“

„Warum gehst du nicht durch?“

„Es sind alles Fremde hier, die mich nicht kennen. Ich kann nicht einfach durchgehen.“

„Dein Bruder hat viele Sorgen jetzt. Sie machen bei ihm eine Steuerprüfung“, meinte Ingrid Möller schmunzelnd, „und du weißt, vor der Steuer hat er eine panische Angst.“

Dieter wurde der Antwort enthoben, denn da tauchte sein Bruder auf.

Er hat sich überhaupt nicht verändert, dachte Dieter. Groß, breitschultrig, so war er immer gewesen. Sein kantiges Gesicht drückte Energie und Entschlossenheit aus. Aber das Lächeln in diesem Gesicht, das sich jetzt zeigte, verriet zugleich Skepsis, ja sogar ein wenig Ablehnung.

„Dass man dich mal wieder sieht“, sagte er, kam zur Theke, und sie drückten sich die Hände. „Du hättest einfach durchkommen können!“, fuhr Wolfgang Bechner fort.

Er war fast einen Kopf größer als sein Bruder. Und zwischen diesen beiden Brüdern, das zeigte sich schon in ihrem Äußeren, lagen nicht nur elf Jahre Altersunterschied. Im Grunde trennten die beiden Welten.

Dieter wusste das. Und er hätte tausend andere Wege lieber getan als diesen hierher.

„Warst du schon bei Mutter?“, fragte Wolfgang Bechner.

Dieter schüttelte den Kopf.

Da schien der ältere Bruder alles zu verstehen. „Aha!“, meinte er. „Nun komm mal mit rauf! Ich habe zwar gerade den Steuerberater da und bin unheimlich unter Druck, aber ein paar Minuten kann ich für dich abzweigen.“

Dieter folgte seinem Bruder wie ein begossener Pudel. Im Vorbeigehen warf er Ingrid noch einen kurzen Blick zu, um seine Lippen stand dabei ein schmerzliches Lächeln.

Ingrid lächelte nicht. Sie sah ihn betroffen, fast besorgt an, und sie hatte den Mund halb geöffnet, als wollte sie ihm etwas zurufen, aber es drang kein Laut über ihre Lippen. Dann schloss sich schon hinter ihm die Tür, und er folgte seinem Bruder die Treppe hinauf.

Es gab da oben ein kleines Zimmer mit einer Couch, einem runden Tisch und zwei Sesseln. Hier hatte Vater immer die Kunden empfangen, die ein Auto kaufen wollten. An der Seite stand ein Regal, und es war auch jetzt noch mit Prospekten gefüllt, mit Preislisten und all dem, was man zum Autoverkauf benötigt.

Wolfgang deutete auf einen der Sessel und sagte: „Setz dich doch! Bist du mit dem Wagen gekommen?“ Dieter schüttelte den Kopf. „Mit dem Bus.“

„Aha“, meinte Wolfgang Bechner wieder, und es klang nach Verständnis.

„Ich habe kein Geld mehr dazu. Ich kann das Auto nicht mehr halten.“

„Mit einem Wort“, erwiderte Wolfgang, „du bist durchgefallen, zum zweiten Mal. Also kein Vordiplom, kein Fortgang des Studiums, ein Studium, das du selbst gewollt hattest. Gegen die Empfehlung Vaters, der damals noch lebte, gegen meine Empfehlung. Nur hinter Mutter konntest du dich verschanzen. Sie hat es für dich durchgedrückt. Sie hat erreicht bei Vater, dass der Herr Sohn studiert, statt wie die anderen ein anständiges Handwerk zu lernen.“

„Martin hat das anständige Handwerk auch nichts genützt“, erwiderte Dieter in gereiztem Ton. '

Wolfgang, der immer noch stand, nickte bedächtig. Alles an ihm wirkte bedächtig, nicht nur dieses Nicken; so empfand es jedenfalls Dieter. Bei Wolfgang war alles stets geradlinig und überschaubar gewesen. Realschule, mittlere Reife, Lehre, Gesellenzeit, Meisterprüfung, genau wie Vater es vorgeplant hatte. Und er war ein guter Meister, das wusste Dieter. Davon hatte Vater schon immer geschwärmt.

„Du kommst nicht weiter, Junge“, hörte er seinen Bruder sagen. „Ich habe dir damals schon geraten, wenn du wirklich dein Abitur machen musst, dann lerne nach dem Abitur etwas Anständiges. Studium! Was bringt uns das denn? Was kannst du damit anfangen? Es wimmelt von Akademikern. Sie unterbieten sich gegenseitig. Sie jagen sich die Posten ab. Aber hier“, er klopfte auf den kleinen Tisch, „... hier wird anständiges Fachwissen gefordert. Praxis - nicht grüne Theorie. Das alleine zählt. Ich würde sonst etwas geben, wenn ich noch zwei erstklassige Fachkräfte kriegen könnte. Die hätten wir dringend nötig. Gute Monteure, das ist es, was wir brauchen. Vor vier Wochen, da waren ein paar Studenten hier. Die wollten die Semesterferien bei mir arbeiten. Ich habe sie weggeschickt. Was will ich mit denen?“

„Ich wollte dich auch um Arbeit bitten“, sagte Dieter.

„Das heißt also, du kannst nicht weiterstudieren und möchtest jetzt irgendwo arbeiten“, erwiderte Wolfgang Bechner und sah seinen Bruder wie etwas an, das er taxieren musste, wo er abzuwägen hatte, ob er damit überhaupt etwas anfangen konnte. „Im Grunde bist du ein Ungelernter, ein Hilfsarbeiter. Aber wenn ich dich so ansehe, Sport hast du nie getrieben, immer nur diese Musik, jede freie Minute die Trompete und Musik mit einer Band. Statt in den Semesterferien zu lernen wie die anderen oder zu arbeiten, bist du in ganz Europa herumgezogen und hast mit diesen anderen Typen, die du um dich versammelt hast, Musik gemacht. Was hat es dir gebracht? Nichts! Für ein paar Glas Martini oder was immer ihr trinkt, habt ihr gespielt - ganze Nächte lang. Und was dabei herausgekommen ist in Geld, das habt ihr wieder gebraucht, um zu leben. Nichts ist dir geblieben. Mit der Musik hast du dir die Zeit genommen, um zu lernen. Jetzt hast du die Quittung. Das zweite Mal durchs Vordiplom gefallen! So ein Glück, dass Vater es nicht mehr erleben musste!“

„Es ist ein sehr schweres Studium. Ich hätte dich mal sehen wollen!“, sagte Dieter.

„Mich!“, meinte Wolf gang bissig. „Was ich anfasse, das gerät mir. Und wo ich weiß, dass die Trauben zu hoch hängen, da versuche ich mich nicht. Ich greife nicht nach den Sternen. Ich kenne meine Grenzen. Und du bist ein Traumtänzer. Im Grunde hast du schon als Kind nie etwas Vernünftiges machen können. Wenn man dich zum Rasenmähen geschickt hat, da hast du die Erdbeeren mit abgemäht. Immerzu dummes Zeug! Und später noch, da haben sie dich Charlie Brown genannt. Charlie Brown, der nur Unsinn im Kopf hat. Unsinn und deine verdammte Trompete! Im Übrigen schuldest du mir noch fünfzig Mark davon, die ich dir damals geliehen habe. Ich nehme nicht an, dass du sie mir zurückzahlen kannst!“

Dieter Bechner senkte den Kopf. „Nein, kann ich nicht“, erwiderte er. Ihm war, als würgte ihm etwas die Kehle zu. Dieser Triumph seines Bruders, den hatte er wohl in einem gewissen Maße erwartet, aber das jetzt war der reine Hohn. Natürlich hat er recht, sagte er sich. Aber er braucht es doch nicht so zu sagen. Ich bin doch sowieso schon am Boden zerstört. Und dann kommt er noch.

„Ich habe mir selbst schon Vorwürfe genug gemacht. Ich weiß, dass vieles falsch war“, sagte Dieter, ohne seinen Bruder anzusehen, „aber ich bin gekommen, um dich um Hilfe zu bitten.“

„Mich um Hilfe bitten?“ Wolfgang lachte schallend. „Du hast mich schon tausendmal um Hilfe gebeten, und ich habe dir ebenso oft geholfen. Aber irgendwann muss doch einmal Schluss sein.“

„Mein Gott, das eine Mal noch! Ich war ja schon auf dem Arbeitsamt. Aber es ist so, wie du sagst. Ich bin ungelernt. Für die bin ich noch nicht einmal ein Hilfsarbeiter. Abgebrochener Student, hat er zu mir gesagt.“

„Recht hat er gehabt“, sagte Wolfgang. „Das hättest du dir vorher überlegen sollen. Ich will dir noch etwas sagen, mein lieber Bruder. Vor drei Jahren hätte ich im Sommer dringend jemand gebraucht. Ich hatte dich gebeten, ob du in den Semesterferien nicht zu mir kommen könntest, in der Reparaturannahme wäre ein Posten für dich gewesen. Aber nein, mein Herr Bruder musste nach Spanien, um dort Musik zu machen, um die Urlauber zu erfreuen mit seinem Trompetenblasen. Ja, du hast mir was geblasen, als ich dich fragte, ob du mir helfen könntest. Damit wolltest du nichts zu tun haben. Und noch etwas fällt mir jetzt ein. Einmal, als du hier deine Ferien gemacht hast, kurz vor Vaters Tod war das, da ist uns - ausgerechnet am Samstag - Carlo, der italienische Wagenwäscher, krank geworden, und ich sagte zu dir: 'Könntest du nicht mal dabei helfen, die Wagen zu waschen?' Ich wollte es auch tun. In so einem Augenblick müssen alle zusammenhalten. Aber du! Ausgelacht hast du mich. Diese Dreckarbeit wäre nichts für dich, und Mutter hat dir beigestanden wie immer. Vater wusste es gar nicht. Wenn er es gehört hätte, was du gesagt hast, und was auch Mutter gesagt hat, vielleicht hätte er den Herzinfarkt damals schon bekommen. Gegen Aufregung war er unheimlich allergisch. Weißt du, Junge, irgendwann ist Schluss. Ich habe dich ein paarmal gebettelt, mir zu helfen. Du hast es nicht getan. Was erwartest du jetzt von mir?“

Dieter knetete seine Hände. „Ich weiß, dass vieles falsch war. Es tut mir auch leid heute. Manchmal muss man eine auf den Kopf kriegen, um zu begreifen, was läuft. Aber könntest du nicht wenigstens ... ich meine, könntest du nicht ...“

„Bist du schon nicht mehr imstande, wie ein normaler Mensch zu reden, dass du so herumstotterst? Du hast doch früher keine Hemmungen gehabt, mir die Meinung zu sagen. Aber falls du Arbeit suchst, ich suche keine Ungelernten. Die Plätze für Ungelernte, die man anlernen muss, die sind bei mir alle besetzt. Das Einzige, was ich brauche, das sind hervorragende Fachkräfte. Leute, die einen Vergaser einstellen können, eine Zündung. Die ein Getriebe auseinandernehmen und wieder zusammensetzen, dass man es auch gebrauchen kann. Vater hat dir das beibringen wollen. Mir hat er es beigebracht, als ich noch ein Kind war. Aber du, du hast nicht mal hingesehen. Und dann hat er mich oft geschickt und hat gesagt: 'Zeig dem Kleinen, wie das gemacht wird.' Martin hat aufgepasst. Jammerschade um den Jungen, dass er verunglückt ist.“

„Es wäre dir wohl lieber, ich hätte auf dem Motorrad gesessen, was?“, fragte Dieter.

„Ich weiß nicht“, erwiderte Wolfgang Bechner. „Vielleicht hast du recht. Vielleicht wäre es mir lieber gewesen, du hättest auf dem Motorrad gesessen, denn Martin war ein hervorragender Kraftfahrzeugschlosser. Der hatte einen ordentlichen Beruf, und was hast du?“

„Ich werde auch eines Tages einen ordentlichen Beruf haben. Mein Gott, die Jahre des Chemiestudiums sind doch nicht umsonst.“

„Ungelernter Hilfsarbeiter, das bist du. Kein Mensch interessiert sich für dein Chemiestudium. Du hast es ja nicht abgeschlossen, nicht einmal das Vordiplom.“

„Also du kannst mir nicht helfen?“

„Geh doch zu Mutter! Du bist doch immer zu Mutter gegangen, hast sie angepumpt. Wie viel Hunderte, wie viel Tausende Mark hat sie dir im Laufe der Jahre zugeschanzt!“

Dieter schwieg. Er konnte seinen Bruder nicht mehr ansehen. Mochte Wolfgang tausendmal recht haben, er hasste ihn dafür, was er jetzt sagte.

„Nein, ich werde nicht zu Mutter gehen. Ich habe nur eine Bitte. Ich besitze praktisch keinen Pfennig mehr. Vielleicht kannst du mir fünfzig Mark leihen!“

„Leihen?“ Wolfgang lachte höhnisch. „Dir etwas leihen, heißt schenken. Du musst etwas genauer mit den Wörtern umgehen.“ Er zog seine Brieftasche heraus, schlug sie auf und holte einen Hundertmarkschein heraus. „Da, ich schenke ihn dir. Leihen tu ich dir nichts. Ich habe dir zuletzt etwas geliehen, als du noch ein kleiner Junge warst und habe erleben müssen, was du unter diesem Wort verstehst. Hier, ich schenke es dir!“

Der Stolz in Dieter war größer. „Ich könnte dich anspucken“, sagte er, drehte sich abrupt um, ohne das Geld nur anzufassen und stürmte hinaus.

Unten sprach Ingrid Möller gerade mit einem Kunden, einem älteren Manne, als Dieter an ihr vorbei zu der Schwingtür an der Theke ging.

„Auf Wiedersehen, Dieter!“, rief Ingrid, und sie lachte dabei.

Als er sich aber kurz zu ihr umdrehte und sie sein Gesicht sah, verflüchtigte sich dieses Lachen jäh. Erschrocken blickte sie ihn an, und ihr war, als hätte sie das Bild eines Geistes erblickt. Aber da hatte er sich umgedreht und die Tür hinter sich geschlossen. Sie streckte ihre Hand aus, als wollte sie ihn festhalten.

Der Kunde, der vor ihr stand, hatte das gar nicht bemerkt. Er blätterte in einem Ersatzteilkatalog, sah jetzt auf und tippte mit dem Finger auf eine bestimmte Stelle im Katalog und sagte zu Ingrid: „Hier steht fünfundfünfzig Mark, und Sie haben über sechzig verlangt!“

Verwirrt wandte sich Ingrid ihm wieder zu. Sie brauchte ein paar Sekunden, bis sie überhaupt begriff, was er wollte. Dann murmelte sie: „Na ja, die Mehrwertsteuer kommt noch dazu.“

In diesem Augenblick kam Wolfgang Bechner die Treppe herunter, öffnete die Tür zum Büro, sah Ingrid an und fragte: „Ist er weg?“

Ingrid nickte. „Er sah ganz merkwürdig aus.“

Aber Wolfgang Bechner hob nur die Schultern und wandte sich um, um wieder die Treppe hinaufzugehen.

Als die Tür hinter ihm zuklappte, zuckte Ingrid Möller zusammen.

„Bernd“, sagte sie zu dem jungen Mann, der an der Schreibmaschine, saß und eine Rechnung schrieb. „Kannst du dich bitte um den Kunden kümmern? Ich muss mal dringend weg.“

Der junge Mann erhob sich zögernd und missmutig, aber Ingrid Möller war schon draußen. Sie rannte über den Werkstatthof und sah Dieter gerade in die Ecke zur Straße einbiegen.

„Dieter, Dieter!“, rief sie.

Er drehte sich nicht um, ging einfach weiter. Aber es kam gerade ein Lastwagen vorbei. Vielleicht hat er es nicht gehört, dachte Ingrid und rannte weiter. Fast hätte sie noch ein Autofahrer umgefahren, der gerade von der Straße in den Werkstatthof einbog. Ingrid hatte jetzt den Fußweg erreicht, war bis auf zwanzig Schritt an Dieter heran und rief weiter: „Dieter, Dieter!“

Da blieb er stehen, drehte sich um, sah sie wie geistesabwesend an.

Als sie ihn endlich erreicht hatte, war sie so atemlos, dass sie zunächst gar keinen Ton herausbrachte.

Ein eigenartiges, ja seltsames Lächeln stand in Dieters Gesicht. Irgendwie kam er ihr wie entrückt von dieser Welt vor.

„Mein Gott, warum bist du weggelaufen? Was ist mit dir? Was ist passiert? Hast du dich wieder mit ihm gestritten?“, fragte Ingrid.

Dieter schüttelte den Kopf. „Nein, Ingrid, gestritten haben wir uns diesmal nicht. Ich glaube, man kann sich gar nicht mit ihm streiten. Ich bin an allem selbst schuld. Er ist, wie er ist. Er kann nicht aus seiner Haut. Ich habe es mir selbst zuzuschreiben. Er versteht mich nicht. Ich versteh’ ihn nicht. Aber er ist im Recht, und ich habe keinen Anspruch darauf, dass er mich begreift. Wie sollte er auch? Ich habe zu viel getan, was ihn schmerzen müsste. Früher habe ich mich über ihn amüsiert. Ich habe ihn belächelt, und selbst heute, wo ich sehe, dass er es weiter bringt als ich, möchte ich nicht so sein wie er. Auf seine Art ist er glücklich oder empfindet das, was er für Glück hält.”

„Du bist so bitter, Dieter. Du warst früher so fröhlich. Was ist mit dir los? Bist du bei der Prüfung durchgefallen?“

Er nickte. „Alles ist vorbei.“

„Aber Dieter! Du hast das Leben vor dir. Nicht ist vorbei. Es gibt tausend Möglichkeiten.“

Er lachte ernüchternd auf. „Tausend Möglichkeiten! Wo sind die denn, Ingrid? Ich habe auf dem Arbeitsamt versucht, Arbeit zu kriegen. Du kannst dir denken, dass es mir nicht leichtfällt, meinen Bruder darum zu bitten.“

„Und er hat keine Arbeit für dich?“, fragte sie entrüstet.

„Nein. Nicht für etwas, was ich kann. Es ist nicht viel, was ich kann. Du siehst doch, ich bin nicht so stark und kräftig wie er. Und ich habe nicht gelernt, was er gelernt hat. Ich wollte es ja nicht. Es ist meine eigene Schuld.“

„Was willst du jetzt tun?“

„Es gibt immer einen Weg“, entgegnete er. „Für mich ganz sicher.“

„Ich möchte dir helfen, Dieter. Weißt du, früher haben wir uns mal ganz gern gehabt. Ich habe dich heute noch gern, Dieter. Ich möchte dir gerne helfen.“

Er war so groß wie sie. Aber sie wirkte kräftig, fast ein wenig derb, gesund vor allem, wie ein frischer Apfel. Alles an ihr wirkte frisch, sauber und heiter. Er wusste, dass sie zupacken konnte. Ingrid war bodenständig, erdverwachsen. Seine erste Liebe! Als Kinder hatten sie miteinander gespielt: Mit ihr war er in die Tanzstunde gegangen. Ihr hatte er die ersten Liebesbriefe geschrieben. Die erste Liebe, platonisch, harmlos, aber innig, gestützt auf Tausende von Treueschwüren. Es war dann zerbröckelt, wie so etwas meist auseinanderfällt. Ein paar Briefe noch, als er weg war von zu Hause und damals das Internat besuchte. Dann Postkarten zu Weihnachten, zu Ostern, zum Geburtstag, und schließlich blieben auch die aus.

„Ja, wir haben uns früher gut verstanden“, sagte er. „Aber, Ingrid, wir waren noch Kinder. Es ist lange her. Mir kommt es so vor, als wäre es fünfzig Jahre her.“

Sie lachte. „Du dummer Kerl! Das war vor sechs Jahren!“

„Sechs Jahre, sechzig Jahre, sechstausend Jahre! Es ist ein und dasselbe für mich. Ingrid, du bist lieb, aber du kannst mir nicht helfen.“

Sie hatte das Gefühl, als sähe er durch sie hindurch. Aber zugleich spürte sie, dass er etwas vorhatte, dass er bereit war, etwas zu wagen, das gefährlich für ihn werden konnte. Mit dem feinen Instinkt einer Frau, zudem einer Frau, die ihn sehr gern hatte, sagte sie: „Hör mal, du willst doch nicht irgend ’ne Dummheit machen?“

„Was für eine Dummheit?“, fragte er.

„Na ja, hier waren neulich ein paar Jungs. Als die nicht mehr ein und aus wussten, da haben sie versucht, die Kasse vom Supermarkt ...“

Er lachte, machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich bitte dich! Siehst du mich dafür an? Ingrid! Du hast doch selbst gesagt, es gibt tausend Möglichkeiten! Ich wähle eine einzige. Ich bin sicher, dass sie klappt. Leb wohl, Ingrid!“

„Dieter, Dieter! Was willst du tun?“, rief Ingrid besorgt.

Er winkte noch einmal zu ihr zurück, dann ging er weiter.

Der Bus kam gerade, hielt an, und Dieter sprang auf. Ingrid lief dem Bus nach, rief noch einmal Dieters Namen, aber die Türen hatten sich schon geschlossen, und der Bus fuhr davon.



2

Gerd Wiedemann stand in der Haustür, ein großer blonder kräftiger Bursche, so alt wie Dieter, aber strotzend vor Gesundheit. „Hier hast du den Schlüssel“, sagte er, „aber bring mir den Wagen bloß pünktlich wieder! Du weißt ja, dass ich nicht da bin. Also stell ihn mir in die Garage. Und dort lässt du ihn. Den Schlüssel von der Garage kannst du in den Briefkasten werfen. Jetzt steckt er aber noch. Alles klar?“

„Danke, Gerd“, sagte Dieter und nahm die Schlüssel. „Du brauchst keine Sorge zu haben. Ich fahr' ganz vorsichtig. Du weißt doch, an meinem Wagen hatte ich nie eine Beule.“

„Das will ich nur zu deinen Gunsten annehmen, dass du keine Beule reinmachst. Also dann, Dieter, ich wünsch’ dir alles Gute. Ich freue mich, dass du eine Stelle bekommen kannst. Du hättest deinen Wagen nicht verkaufen sollen. Jetzt kannst du ihn brauchen.“

„Wenn ich mal zwei Monate verdient habe, kauf’ ich mir einen alten gebrauchten“, erwiderte Dieter, lächelte Gerd zu und wandte sich dann zum Gehen. Der graue, nicht mehr ganz junge VW von Gerd Wiedemann stand vor der Garage. Dieter schloss ihn auf, drehte sich noch einmal zu Gerd um, der noch immer in der Tür des Einfamilienhauses stand, setzte sich dann in den Wagen und ließ ihn an. Er fuhr hinaus, und Gerd Wiedemann sah kritisch zu, wie er auf die Straße einbog. Aber es war der gleiche Wagentyp, den Dieter selbst besessen hatte. Er kam damit gut zurecht. Und dies schien wohl auch Gerd Wiedemann zu denken, denn sein Gesicht wirkte zufrieden, als er wieder ins Haus hinein ging.

Dieter fuhr nicht weit. Er verließ die Stadt, hielt in einem Wald und dort wartete er. Er hatte sich für seine letzten zwei Mark ein paar Bananen gekauft, und die aß er jetzt. Irgendwie wirkte er fröhlich, entspannt, gar nicht mehr so geschockt wie vorher. Er hatte jetzt ein klares Ziel.

Eine Stellung, von der er Gerd Wiedemann erzählt hatte, gab es nicht. Das war ein Märchen. Damit wollte er Gerd nur überreden, ihm den Wagen zu leihen. Jetzt hatte er den Wagen, und alles, was er brauchte, war die Zeit, bis es Abend wurde. Jetzt war schon Nachmittag, später Nachmittag sogar.

Nachdem er seine Bananen gegessen hatte, drehte er den Sitz zurück, stellte den Kassettenrecorder neben sich auf den Beifahrersitz und drückte dann die Tasten herunter. Sie spielten sein Lieblingsstück. Und sein Bruder Wolfgang hätte gestaunt, wäre ihm diese Musik zu Ohren gekommen. Denn das war nicht das, was Wolfgang bei Dieter gewohnt war. Heißer Jazz oder harter Beat! Es war die Pastorale von Beethoven, die Sechste Sinfonie.

Dieter machte es sich bequem, schloss die Augen und lauschte den Klängen. Niemand störte ihn dabei. Und eher, als er es glaubte, wurde es Abend. Und noch einmal spielte er diese ganze Sinfonie ab, bis es dunkelte. Dann, als müsste er sich gewaltsam zu dem zwingen, was er sich vorgenommen hatte, stellte er den Recorder ab, drehte den Sitz hoch und startete den Wagen. Er fuhr zurück in die Stadt, ließ den Wagen leise bis vor das Haus von Gerd Wiedemann rollen, dann hielt er an, stieg aus und läutete. Aber niemand öffnete ihm. Genau das hatte er gehofft. Und es war alles, wie von Gerd Wiedemann versprochen. Der Schlüssel steckte in der Garagentür ...

Dieter öffnete die Garage, fuhr den Wagen hinein, doch dann zog er den Schlüssel von außen ab, schloss die Tür aber von innen, ging zum Wagen, drehte die Fenster herunter und ließ den Wagen wieder an. Und wieder schaltete er den Kassettenrecorder an. Der zweite Satz von Beethovens herrlicher Pastorale mischte sich mit dem Schnurren des Motors. Der Geruch von Auspuffgasen drang Dieter in die Nase, aber bald roch er sie nicht mehr.

Ihm war auf einmal, als müsste er schlafen. Er schloss die Augen, aber noch war er wach genug. Einen Augenblick lang überlegte er, ob er doch nicht aussteigen und die Tür öffnen und alles abbrechen sollte. Aber da fiel ihm sein Bruder ein, und er dachte daran, was seine Mutter sagen würde, was sie alle sagen würden.

Ingrid, überlegte er, ein nettes Mädchen, wie eine Schwester, ein Kamerad, mit dem man Pferde stehlen kann, und schließlich schlief er ein.

Und noch immer blubberte der Motor des betagten Käfers. Dichter und dichter wurden die Abgase, die die Garage füllten. Und aus dem Kassettenrecorder drang die musikalische Übersetzung vom Ende eines Gewitters, von der Wiederkehr der Sonne über das weite ergrünte Land, die Pastorale, eine Melodie, die Frohsinn wecken sollte.

Aber Dieter Bechner hatte sie sich als Totenmusik ausgewählt.



3

Gerd Wiedemann kehrte an diesem Abend viel früher zurück als beabsichtigt. Es hatte zwischen ihm und seiner Freundin einen Streit gegeben. Vielleicht war diese Verbindung für immer gelöst. Zornig ging er auf die Wohnungstür zu. Da hörte er das dumpfe Brummen eines Motors. Erst dachte er, es wäre irgendwo in der Nachbarschaft, dann aber stellte er fest, dass dieses Geräusch aus seiner eigenen Garage kam. Er stutzte erst, dann rannte er hin, aber die Garage war verschlossen. Jetzt hörte er es ganz deutlich. Der Motor des Käfers lief. Die Garagentür war zu.

Der zweite Schlüssel, dachte er, stürzte zum Haus und kam nach wenigen Sekunden mit dem Zweitschlüssel zurück, schloss die Garagentür auf, und eine dicke Wolke von Auspuffqualm wogte ihm entgegen.

Er schnappte nach Luft, hielt sich die Nase zu und kämpfte sich bis zur Wagentür durch, öffnete sie und tastete, blind vom Augentränen, zum Schlüssel, drehte ihn um, und der Motor stand.

Seine Hand berührte Dieter, tastete nach dessen Gesicht.

Er riss die Tür auf, musste husten, und die Atemnot ließ ihn fast zusammenbrechen, aber es gelang ihm, Dieter zu packen, aus dem Wagen zu zerren, und er zog ihn mit bis hinaus auf die Straße.

Auf dem Trottoir waren Leute stehen geblieben, und Gerd, noch immer hustend, krächzte: „Den Notarzt! Den Notarzt!“

Dieter Bechner lag reglos zu Gerd Wiedemanns Füßen.



4

Als der Notarztwagen eintraf, versuchte Gerd Wiedemann noch durch Mund-zu-Mund-Beatmung den bewusstlosen Dieter Bechner wiederzubeleben.

Die beiden Sanitäter bahnten sich durch den Kreis der umstehenden Neugierigen einen Weg mit der Trage.

Gerd Wiedemann, der den vorderen Sanitäter für den Arzt hielt, sagte: „Er ist durch Motorengas vergiftet, Herr Doktor.“

„Frau Doktor kommt schon“, sagte der Sanitäter, und da tauchte die junge blonde Dr. Alena Bärwald auf.

Sie kniete sich sofort neben dem Reglosen, den Gerd Wiedemann vorbildlich gebettet hatte. Aber es war jetzt keine Zeit für Komplimente.

Dr. Alena Bärwald prüfte durch Fingerdruck auf die Karotis - die Halsschlagader - und durch Fühlen des Pulses, ob der Patient noch Lebenszeichen von sich gab.

Inzwischen hatten die Sanitäter die Trage neben den Reglosen gesetzt. Der eine Sanitäter sah Dr. Alena Bärwald fragend an.

Sie kannte die Frage, die dieser Mann stellen wollte und nickte. „Den Guedel-Tubus!“, sagte sie und griff zum Atembeutel. Sie begannen mit der Beatmung. Aber trotz des Sauerstoffes kam der Bewusstlose nicht zu sich.

Die beiden Sanitäter betteten Dieter Bechner auf die Trage, und jetzt hoben sie ihn vorsichtig an und brachten ihn zum Rettungswagen. Als er drinnen war, setzte Dr. Alena Bärwald mit Hilfe des Laryngoskops den Trachealtubus. Der Patient wurde an eine regelrechte Beatmungsmaschine angeschlossen, die die Lungen des Patienten auch ohne dessen Zutun mit Sauerstoff füllte, die Luft wieder abließ und wieder neu füllte.

Dr. Alena Bärwald zog etwas Blut aus der Vene und sah den einen Sanitäter, einen rotwangigen kräftig wirkenden Mann, an und fragte: „Was glauben Sie? Ob er siebzig Kilo wiegt?“

„Könnte hinkommen“, meinte der Sanitäter.

Alena vermischte jetzt die geringe Menge Blut mit DMAP-HCI 225 Milligramm, schüttelte gut durch, um diese Flüssigkeit jetzt intravenös zu injizieren.

Wie bei allen CO-Vergifteten war auch bei Dieter Bechner die Haut rosig, fast frisch und wirkte nicht bleich, wie medikamentös Vergiftete.

Noch immer befand sich der Verunglückte im Koma, aber der Pulsschlag war kräftiger geworden. Der Blutdruck stieg leicht an. Der Patient begann auch selbständig zu atmen, wenn auch schwach. Er atmete zum Teil sogar gegen die Maschine. Trotzdem ließ Alena die Beatmung fortsetzen. Solange der Patient ohne Bewusstsein war, konnte auch nicht extubiert werden.

Während der Erstbehandlung hatte der zweite Sanitäter von Gerd Wiedemann Namen, Anschrift und Daten Dieter Bechners erhalten, soweit Gerd Wiedemann davon wusste. Gerd Wiedemann schloss: „Er lag im Wagen drin. Zum Glück hatte ich einen zweiten Schlüssel, denn die Garagentür war zu. Ich glaube, es war eine Verzweiflungstat. Dieter hat mir erzählt, er hätte Arbeit gefunden. Aber vielleicht ist das gar nicht wahr.“

Wenig später war die Funksprechverbindung zum Krankenhaus hergestellt, und der Sanitäter sagte: „Frau Doktor, ich habe die Notaufnahme.“

Ohne aufzusehen, erklärte Alena: „Exogenes Koma, CO-Vergiftung, Verdacht auf Suizidversuch. Blutgasanalyse und Bestätigung von Methämoglobin, sonst außer Lungenödemprophylaxe keine Vorbereitung nötig.“

Der erste Sanitäter hatte wieder den Blutdruck gemessen und den Puls geprüft. „Der Puls wird langsam größer“, sagte er zu Alena.

„Ist alles aufgenommen?“

Der zweite Sanitäter, der hinter dem Steuer saß, nickte. „Wir können, wenn Sie fertig sind, Frau Doktor.“

Sie blickte nach hinten. Dort wollte der erste Sanitäter gerade die Tür schließen. Gerd Wiedemann schaute herein, besorgt. „Wie geht’s ihm?“, fragte er.

„Es scheint wieder besser zu werden“, meinte Alena und lächelte Gerd Wiedemann ermutigend zu. „Sie haben Ihre Sache großartig gemacht.“

Der Sanitäter schloss die Tür, und wenig später fuhren sie mit Blaulicht und Martinshorn dem Krankenhaus entgegen.



5

Dr. Söderbecks Hünenfigur füllte die Tür der Ambulanz, als die Trage mit dem Vergifteten herangerollt wurde. „Ich bin schon da, sagte der Igel zum Hasen“, rief Dr. Söderbeck und trat beiseite, als die Trage hereingeschoben wurde.

„Das Schlimmste ist vorbei. Er kommt schon zu sich“, erklärte Dr. Alena Bärwald und gab dem grauhaarigen Internisten die Hand.

„Was haben Sie ihm verpasst?“

„DMAP-HCI 225 Milligramm. Ich bin von siebzig Kilo ausgegangen. Die wird er wohl wiegen.“

Söderbeck nickte, zog die Lider des Vergifteten nach oben und sagte: „Er ist gleich wieder da.“ Er fasste an den Puls. „Sieht nicht schlecht aus. War eine Herzmassage nötig?“

Alena schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich nicht. Wir haben auch die Atmung weggenommen, aber die Intubation gelassen.“

„Wenn er wieder da ist, machen wir sie raus. Ich werde ihm nachher noch Thionin geben, und dann warten wir ab.“ Er hielt immer noch die Hand an den Puls, sah dann Alena etwas nachdenklich an und meinte:

„Strophanthin könnte ihm nicht schaden. Aber das übernehme ich jetzt. Ist das ein Suizidversuch?“

„Sieht danach aus“, erwiderte Alena.

Der Internist wollte etwas sagen, doch da bewegte Dieter Bechner unruhig den Kopf, schlug sogar die Augen auf, bewegte dann den Mund, als wollte er etwas sagen, aber er konnte nicht, weil er intubiert war.

„Na ja, da ist er schon wieder. In fünf Minuten sehen wir klarer. Schwester Angelika, Strophanthin bitte! Wir wollen den jungen Mann fit machen für sein zweites Leben. Ich danke Ihnen, liebe Kollegin.“

Alena lächelte und wollte sich schon abwenden, warf aber noch einmal einen Blick auf den Patienten. Der hatte jetzt die Augen aufgeschlagen und sah sie an. Sie hatte das ganz sichere Gefühl, dass er Sie sehen konnte.

„Die Atmung ist einwandfrei“, meinte Dr. Söderbeck, der jetzt die Strophanthinspritze injizierte. „Wenn er wieder richtig da ist, da wollen wir mal sehen, ob die Anamnese gesichert ist.“

„Da war ein Freund an der Stelle, wo wir ihn geholt haben“, sagte Alena. „Er sprach davon, dass es wohl ein Selbstmordversuch gewesen sein soll.“

Zusammenfassung

Er ist ein Versager – das hat sein Vater schon immer gesagt. Hoch verschuldet und ohne Geld kehrt er nach Hause zurück, und als sein Bruder ihm in dem elterlichen Betrieb keinen Hilfsjob geben will, beschließt Dieter Bechner, seinem Leben ein Ende zu setzen. Im letzten Augenblick wird er gerettet und in die Mohnhaupt Klinik eingeliefert. Die Notfallärztin Dr. Alena Bärwald hat ihn nicht nur wiederbelebt, sondern kümmert sich auch danach um seine seelischen Nöte, damit Dieter neuen Lebensmut fasst. Er verliebt sich in die attraktive Ärztin, doch sie weist ihn ab, und da bricht für den jungen Mann eine Welt zusammen ...

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908503
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
frau

Autor

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Titel: Sie dürfen als Frau nicht versagen