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Heldenhafte Seemänner #14: Der Fluch des alten Kapitäns

2017 130 Seiten

Zusammenfassung

Am alten Kapitän Dunant hängt der Leichtmatrose Pierre sehr. Aber auch die anderen an Bord der PICARDIE sehen in ihrem Kapitän einen der tüchtigsten Schiffer, die auf den Meeren jener Zeit fuhren. Dann soll dieser Mann eines Tages sein Schiff verlassen, soll den Dienst quittieren, weil er angeblich übervorsichtig einem leichten Sturm auswich. Erst viel später erfährt man an Bord, dass dieser Sturm, den Dunant umfuhr, anderen Schiffen zum tödlichen Verhängnis wurde. Ein neuer Kapitän soll alles besser machen. Aber was geschieht wirklich?
Welches Geheimnis umgibt den jungen Pierre? ist er der Sohn des Reeders Gaston Laroche oder etwa nicht? Eines aber steht fest: auf dieser ereignisreichen Fahrt der PICARDIE wird aus dem Jungen Pierre der Mann Pierre. Er macht eine harte Lehre durch, bei der nicht nur der Klabautermann gefürchtet wird. Auf dieser Fahrt hat sich noch ein Fahrgast auf der PICARDIE eingeschrieben: der Tod...

Leseprobe

DER FLUCH DES ALTEN KAPITÄNS


Ein Roman von Glenn Stirling



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2017

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappe

Am alten Kapitän Dunant hängt der Leichtmatrose Pierre sehr. Aber auch die anderen an Bord der PICARDIE sehen in ihrem Kapitän einen der tüchtigsten Schiffer, die auf den Meeren jener Zeit fuhren. Dann soll dieser Mann eines Tages sein Schiff verlassen, soll den Dienst quittieren, weil er angeblich übervorsichtig einem leichten Sturm auswich. Erst viel später erfährt man an Bord, dass dieser Sturm, den Dunant umfuhr, anderen Schiffen zum tödlichen Verhängnis wurde. Ein neuer Kapitän soll alles besser machen. Aber was geschieht wirklich?

Welches Geheimnis umgibt den jungen Pierre? ist er der Sohn des Reeders Gaston Laroche oder etwa nicht? Eines aber steht fest: auf dieser ereignisreichen Fahrt der PICARDIE wird aus dem Jungen Pierre der Mann Pierre. Er macht eine harte Lehre durch, bei der nicht nur der Klabautermann gefürchtet wird. Auf dieser Fahrt hat sich noch ein Fahrgast auf der PICARDIE eingeschrieben: der Tod...






Roman

Die sechs Leichtmatrosen und zwei Schiffsjungen machten auf dem Bootsdeck Reinschiff. Nebeneinander schrubbten sie die Planken der PICARDIE. Junge, muskulöse, braungebrannte Burschen, die ihre Schrubber flitzen ließen, als wollten sie das Holz der Planken durchreiben.

Hinter ihnen stand, die Arme in die Hüften gestemmt, der bullige Bootsmann. Sein blondes Haar quoll unter der Mütze hervor, die er trug, und sein Hemd stand vom offen und gab die Tätowierungen auf seiner Brust frei.

Ihr lahmen Enten!“, brüllte er über Deck. „Könnt ihr nicht noch etwas langsamer machen? Ich glaube, ihr wollt, dass ich euch das Deck auflecken lasse. Ich solltet schrubben und nicht streicheln!“

Sie drückten noch fester auf, rieben das Soda in die Planken hinein, dabei war beim allerbesten Willen nirgendwo ein Krümel Dreck zu sehen.

Laroche!“, brüllte der Bootsmann, „du sollst nicht auf dem Deck herumpinseln! Du sollst richtig scheuern! Wird’s bald?“

Der junge Mann, der an der äußersten rechten Seite den Schrubber schwang, blickte kurz über die Schulter zurück.

Er war ein. kräftiger großer Bursche von zwanzig Jahren, dem man nicht ansah, dass ein Arzt noch vor fünf Jahren den Eltern geraten hatte, diesen Jungen nie zur See fahren zu lassen, weil er zu schwach und zu gebrechlich sei, den harten Beruf eines Seemannes ausüben zu können.

Wenn es nach seinem Vater und seiner Mutter gegangen wäre, hätte er damals weiter auf dem Internatsgymnasium verbleiben müssen. Aber Großvater hatte darauf bestanden, den Jungen von der Pike auf den Seemannsberuf erlernen zu lassen. Das war vor drei Jahren gewesen.

Pierre Laroche bemühte sich, noch fester aufzudrücken, noch härter zu schrubben, um den Bootsmann zufriedenzustellen.

Ab und zu warf Pierre einen Blick hinüber zu den Kränen, zu den Kais und vor allen Dingen zu den Häusern. Eines von denen, die dort schmal und hoch aus der Reihe der Hafenhäuser herausragte, kannte er nur zu gut. Dort hatte er die Jahre seiner Kindheit verbracht. Und so waren ihm auch die Kais vertraut, kannte er auch die Gassen und Schlupfwinkel, in denen sie als Kinder gespielt hatten.

Aber er war an Bord. Die PICARDIE war vorgestern eingelaufen. Ein großer Teil der Ladung war schon gelöscht. Die Matrosen hatten Landurlaub. Auch die meisten der Offiziere befanden sich an Land. Erst morgen würden Leichtmatrosen und Schiffsjungen für zwei Tage Landurlaub bekommen. Denn die PICARDIE lag in ihrem Heimathafen, lag in Nantes, und die Reedereiflagge, die sie oben im Topp hängen hatten, flatterte auch drüben über einem der großen Stauhäuser, die bis ans Wasser heranragten.

Ein knochiger junger Mann kam von der Pier her über die Gangway an Bord. Es war einer von den Buchhaltern der Reederei. Pierre kannte ihn. Der Junge war in seinem Alter. Er betrat das Deck, blickte nach oben zum Bootsdeck und rief dann: „Der Kapitän möchte Pierre Laroche sehen!“

Pierre hielt mit dem Schrubben inne. Da bellte ihn der Bootsmann an:

Hab’ ich einen Befehl zum Aufhören gegeben? Weiterschrubben, Laroche! Ich gebe hier die Befehle und sonst niemand!“

Zufrieden sah der Bootsmann auf Pierre, der wieder emsig arbeitete, und dann brüllte er schon wieder: „Leichtmatrose Laroche! Sofort zum Kapitän!“

Der Bootsmann wandte sich dem Buchhalter zu, der unten auf dem Hauptdeck stand, und fragte: „Ist es der Kapitän der Reederei?“

Der Buchhalter nickte und sah mit trübem Blick zum Bootsmann empor. „Es steht schlimm um den Chef. Der Doktor sagt, er wird sterben.“

Verdammt!“, entfuhr es dem Bootsmann. „Ist es wirklich so schlimm?“

Der Buchhalter nickte. „Sie haben keine Hoffnung. Der Junge soll noch einmal zu ihm. Er will ihn sehen. Er hat nach ihm verlangt, nach ihm und Kapitän Dunant.“

Der Bootsmann wandte sich jetzt um und sah Pierre an, der vor ihm stehengeblieben war. „Du hast es gehört, Pierre. Es geht um deinen Großvater. Vielleicht ist es doch nicht so schlimm, wie sie sagen. Diese Ärzte, weißt du, reden manchmal viel Quatsch zusammen. Sie tun wichtig. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass unser alter Chef zur letzten Fahrt absegeln soll, dass er auf die große Reise geht. Ich drücke ihm die Daumen, dir auch, Pierre.“

Pierre hatte noch nie so herzliche, innige Worte von dem sonst so gefürchteten Bootsmann Emile Jardinier gehört. Sie nannten ihn den Normannen, weil er blond war und groß, größer als alle anderen an Bord. Aber jetzt entdeckte Pierre etwas in den leuchtend blauen Augen dieses bulligen Bootsmannes, das ihm bisher entgangen war: Menschlichkeit, Herzenswärme.

Pierre vergaß sogar das tragische Schicksal, das seinem Großvater bevorstand, schluckte und sagte mit spröder Stimme: „Danke, Bootsmann!“

Und nun mach, dass du verschwindest! Zieh die Plünnen aus und steig in dein Ausgehzeug, und dann nichts wie hin!“

Ein paar Minuten später trabte Pierre Laroche von Bord. Der Buchhalter war schon weg. Pierre kannte den Weg allein.

Der Leichtmatrose Pierre Laroche war der Enkel des Reeders, auf dessen Schiff er fuhr. Und dieser Reeder, der als junger Mann zu den berühmtesten Kapitänen Frankreichs zählte, lag im Sterben.


*


Als Pierre dann vor dem hohen, rot getünchten Haus ständ, in dem er aufgewachsen war und das die ganze Geschichte der Laroche-Reederei in sich vereinigte, da wurde ihm kalt ums Herz. Großvater, das war so etwas wie ein Stück seines Lebens, ein Markstein, ein gewaltiger sogar. Großvater, das bedeutete: der Mensch, der ihn immer am besten verstanden hatte, der etwas aus ihm machen wollte, der an sein Können glaubte, der nie mit Prügel gedroht hatte, wenn Pierre einmal mit einer schlechten Zensur nach Hause ge-kommen war, oder damals, als sie ihn nicht versetzt hatten. Großvater war anders gewesen als Papa, und sehr viel anders als die Mutter, mit der sich Pierre nicht besonders verstand.

Er betätigte den Klopfer an der schweren Eichentür, deren herrliche Schnitzereien er schon als Kind immer bewundert hatte. Diese Tür, über deren Erhabenheiten er sanft mit den Fingerspitzen strich, das war für ihn gleichbedeutend mit Heimat.

Der alte, weißhaarige Joffre, Großvaters Diener, machte ihm auf. Seine Augen waren mit Tränen gefüllt und gerötet, das Gesicht bleich und viel älter, als es Pierre in Erinnerung hatte.

Als Pierre die Stufen hinauf ging und dann vor dem gebeugten Alten stand, den er um mindestens zwei Haupteslängen überragte, da legte der Alte seine Hand auf Pierres linke Schulter, und Pierre spürte den Druck der Finger wie von Bärentatzen.

Pierre, mein Junge, sein Schiff hat schon den blauen Peter gesetzt. Es wird auslaufen zur großen Reise, mit ihm an Bord. Du musst schnell machen, mein Junge, dass er dich noch einmal sieht, denn das will er. Dich und seinen alten Freund Dunant. Der ist schon oben. Geh hinauf zu ihm!“

Das Haus war alt. Es stammte noch vom Urgroßvater. Die Stiege knarrte unter den Tritten Pierres. Alles war hier vertraut. Unten war das Kontor, in der nächsten Etage die Wohnung von Pierres Eltern. Pierres Vater Gaston hatte in der letzten Zeit mehr und mehr die Geschäfte geführt. Aber die letzten Entscheidungen hatte sich der alte Felix Laroche nicht abnehmen lassen. Auch Gaston Laroche war Kapitän. Alle Laroches hatten, bevor sie das Geschäft übernahmen, einmal Kapitän sein müssen, und nur wenige waren so gute Kapitäne geworden wie Großvater.

In der nächsten Etage des vierstöckigen Hauses hatte Pierre selbst ein Zimmer gehabt und ein zweites Zimmer bewohnte Tante Madeleine. Eigentlich durfte er nicht Tante zu ihr sagen. Das wollte sie nicht. Sie war nur wenige Jahre älter als er, und mit ihr hatte er sich immer großartig verstanden. Sie war die junge Schwester seines Vaters, ein Nachzügler, die ihrer Mutter das Leben gekostet hatte, denn die war kurz nach der Geburt ihrer Tochter gestorben.

Großvater wohnte ganz oben im vierten Stock. Dort, von wo aus er weit über die Loire und das Land blicken konnte und über den See Grand Lieu hinweg bis zum Vendee. Und dahinter lag das Meer. Bei ganz klarem Wetter konnte er es von seinem Turmzimmer, wie man seine Bleibe nannte, sehen. So manches Mal hatte Pierre beim Großvater gestanden. Da hatte er ihm erzählt vom Meer. Aus diesen Worten hörte Pierre damals die Liebe, aber auch die Furcht vor den Gewalten des Ozeans heraus. Hier in Nantes drehte sich alles ums Meer. Die meisten hier lebten davon. Fast in jeder Familie war ein Seemann oder ein Werftarbeiter oder ganz einfach jemand, der anderweitig mit der Seefahrt zu tun hatte.

Es roch nach Weihrauch auf den Stiegen, bevor Pierre oben im sogenannten Turmzimmer angekommen war. Und dann hatten sie ihn wohl vernommen. Die Tür wurde von innen geöffnet, und der Weihrauchgeruch wurde stärker.

Als Pierre eintrat, mussten seine Augen sich erst an das Halbdunkel im Raum gewöhnen. Er blickte sofort nach links, wo das Bett von Großvater stand oder, wie er es nannte, seine Koje. Es war ein altes Kapitänsbett. Er hatte sich dieses Bett hier oben einbauen lassen. Schmal, kurz, einfach, und jetzt lag er da. Rechts von ihm brannten drei Kerzen. Sie flatterten durch den Luftzug, der beim Eintritt Pierres entstanden war. So wirkte das Gesicht des Greises gespenstisch.

Pierre trat einen Schritt weiter in den Raum, sah hinter den Kerzen das Gesicht seines Vaters. Er war groß, breit und hatte schon einen stattlichen Bauch. Das Haar hatte sich in den letzten Jahren beträchtlich gelichtet. Pierre wusste, dass Papa und Großvater sich nie besonders gut verstanden. Viele Streitereien zwischen den beiden waren der Ausdruck dessen gewesen.

Neben Papa stand die Mutter von Pierre. Er hatte sie nie Mama genannt. Sie war eine große und noch immer schöne Frau. Ihr dunkles Haar war straff zurückgekämmt. Die Haarspangen waren mit Brillanten besetzt. Sie trug eine teure Halskette, und ihr dunkelblaues Kleid stammte von einem Pariser Schneider. Stolz und Hochmut prägten ihr Denken und Handeln. Auch jetzt stand sie da wie eine Statue, zeigte keine Regung.

Auf der anderen Seite des Bettes stand der Mann, mit dem Felix Laroche eine alte und eine sehr tiefe Männerfreundschaft verband. Es war der Kapitän der PICARDIE, Gilbert Dunant.

Auf der PICARDIE war der weißbärtige untersetzte Kapitän mit dem wie geschnitzt wirkenden Gesicht mehr als der Führer des Schiffes. Er war ein Vater aller, einer, dem sie vertrauten, und wenn Sturm und Unbilden der Witterung noch so sehr gegen das Schiff tobten, Gilbert Dunant war zugleich ein Mensch, dem selbst die renitentesten unter den Seeleuten an Bord respektierten. Dabei wurde er nie laut. Er überzeugte ganz einfach durch sein Können, durch sein Vorbild. Er galt als ein harter unnachsichtiger Kapitän, aber zugleich wussten alle, die je mit ihm gefahren waren, seinen Sinn für Gerechtigkeit zu schätzen, und die Tatsache, dass er für jeden von ihnen einzustehen bereit war.

Nicht ohne Grund hatte Großvater verfügt, dass Pierre zu Dunant auf die PICARDIE gehen sollte, um dort den Beruf des Seemannes zu lernen, und zwar von der Pike auf.

Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen in den Kissen.

Na, endlich kommst du“, sagte Pierres Vater ungehalten.

Da schlug der Alte im Bett die Augen auf. Er blickte erst seinen Freund Dunant an, doch dann hatte er Pierre entdeckt. Pierre sah richtig, wie es den Alten anzustrengen schien, ihn zu erkennen.

Pierre ging näher und sagte mit gepresster Stimme:

Da bin ich, Großvater.“

Es war, als entspannte sich dieses wie zerknittert wirkende Gesicht des alten Reeders. Jetzt wandte er den Kopf ein wenig nach links, wo sein Sohn und seine Schwiegertochter standen, und er sagte mit heiserer, kaum wahrnehmbarer Stimme: „Geht hinaus! Lasst mich allein mit ihnen!“

Ja, wenn du meinst“, erwiderte die Schwiegertochter hochmütig, und ging schon auf die Tür zu.

Sollten wir nicht doch lieber bleiben?“, fragte Gaston Laroche seinen Vater.

Der schloss die Augen und wiederholte leise: „Geht! Nur einen Augenblick."

Und nun ging auch Gaston Laroche. Der Widerwille war ihm deutlich im Gesicht geschrieben, und Pierre war es eigentlich peinlich. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn wenigstens sein Vater hätte bleiben können.

Da schloss sich die Tür. Der Alte blickte Pierre an und murmelte: „Setz dich! Setz dich hierher!“

Er hatte auf den Bettrand gedeutet, und Pierre tat, was sein Großvater wollte. Eine fast knöcherne Hand war es, die sich auf Pierres Linke legte. Und Pierre, der den Großvater so sehr liebte, empfand zum ersten Mal in seinem Leben einen gewissen Widerwillen gegen die Berührung. Diese Hand war kalt. Die Finger wirkten wie fleischlose Knochen.

Du musst gut aufpassen, mein Junge. Ihr beide, Gilbert und du, ihr müsst dafür sorgen, dass die Laroche-Reederei am Leben bleibt, nicht dass sie von der Societe Anonyme Des Voiliers Nantais aufgefressen wird. Wir haben keine Schulden. Die fünf Schiffe, die wir besitzen, bringen Gewinn. Aber nicht auf allen Schiffen steht ein Kapitän wie Gilbert. Du musst dich beeilen, mein Junge. Damit du auch bald ein guter Kapitän bist. Das kostet noch viel Zeit, ich weiß. Aber die Reederei hat nicht viel Zeit.“

Pierre wollte etwas sagen, aber er konnte nur schlucken. Er brachte keinen einzigen Ton heraus. Statt dessen sagte Gilbert Dunant: „Es wird nicht leicht sein. Gaston will hoch hinaus. Er möchte noch mehr Schiffe bauen lassen.“

Der Alte schloss wieder die Augen. „Ihr dürfte keine Schiffe weiter bauen“, sagte er leise. „Die Auftragslage ist schlecht. Wenn wir gute Frachten haben wollen, müssen wir billig sein. Die Societe unterbietet uns. Sie werden es nicht lange durchhalten. Sie haben zu viele Leute. Aber eine Weile werden sie es versuchen. Ihr dürft nichts riskieren. Die Reederei...“ Ein Schwächeanfall überkam ihn. Er brauchte einige Sekunden, um sich wieder zu fassen und fuhr dann fort:

Unsere Reederei ist bekannt, weil sie zuverlässig ist. Zuverlässig sein, ist wichtiger als schnell sein. Ankommen ist wichtig. Gesund und heil ankommen. Schnell ist gut. Sicher ist besser. Du musst dich um alles kümmern!“, sagte er zu seinem alten Freund. „Du musst aus diesem Jungen einen guten Reeder machen, erst einen Kapitän, dann einen Reeder.“ Er hatte noch viel und etwas sehr Wichtiges zu sagen. Aber es kam anders.

Der Alte schloss wieder die Augen. Die Schwäche übermannte ihn abermals. Seine Lippen zuckten. Die Nase wurde kreideweiß. Die Hand, die noch immer auf der von Pierre lag, verkrampfte sich. Doch Pierre wagte nicht, seine Hand unter den knochigen Fingern des Alten wegzuziehen.

Kapitän Dunant beugte sich über seinen Freund, fasste ihn mit der Hand an die Schläfe, richtete sich dann auf und sagte: „Er ist schon am Ziel.“

Pierre begriff im Augenblick gar nicht, was Dunant damit meinte, sah den alten Kapitän und dann den Großvater an, und da entdeckte er, dass sich der Mund des Alten bewegte. Ein eigenartiger Laut kam heraus, und Pierre sah den alten Kapitän fragend an. „Was ist mit ihm?", fragte er.

Er ist tot, mein Junge.“

Aber er hat doch eben noch den Mund bewegt?“

Dunant legte ihm den Arm auf die Schulter. „Ja, mein Junge, das tun Tote schon manchmal. Und jetzt geh hinunter und hol den Arzt herauf. Er ist deinetwegen so lange hinausgegangen. Und sag deinem Vater und deiner Mutter, sie können wieder hereinkommen!“

Pierre konnte sich später nicht mehr im einzelnen daran erinnern, was nachher noch alles passiert war. Nur eines würde er nie mehr vergessen können:

Später war es zu einer Auseinandersetzung zwischen Dunant und Pierres Vater gekommen. Gaston Laroche hatte dem alten Kapitän vorgeworfen, dass er ihn und seine Frau nicht rechtzeitig ans Sterbebett gerufen hätte. Der Alte sei verschieden, ohne noch einmal mit seinem Sohn gesprochen zu haben. Auch Madeleine habe draußen umsonst gewartet.

Doch hatte sich danach Pierre eingemischt und seinem Vater gesagt:

Er ist ganz plötzlich verschieden, mitten im Satz. Er hatte noch mit uns gesprochen, und auf einmal sagte er nichts mehr und war tot.“

Gaston Laroche sagte daraufhin nichts mehr, auch nicht zu Dunant. Aber der Vorwurf blieb bestehen, und Marie Laroche, Pierres Mutter, würdigte den Alten Dunant keines Blickes mehr.


*


Von da an drehte sich alles nur noch um das Testament. Es beschäftigte besonders Marie Laroche mehr als die Vorbereitungen für das Begräbnis.

Dieses Begräbnis fand bei strahlendem Sonnenschein statt. Die halbe Stadt Nantes folgte dem Leichenwagen hinaus zum Friedhof.

Selbst die Rivalen des alten Felix Laroche, die Direktoren der Societö Des Anonyme Voiliers Nantais folgten dem Sarg, und sie bedauerten den Weggang des alten Kämpen ehrlich. Ihr Kampf mit dem Rivalen war nie ein persönlicher Streit gewesen.

Pierre ging neben Madeleine, seiner nur um wenige Jahre älteren Tante. Und Madeleine mühte sich tapfer, nicht hemmungslos zu schluchzen. Sie hatte sehr an ihrem alten Vater gehangen. Neben ihr ging noch Gaston, der Sohn, der jetzt wohl die Reederei übernehmen würde, und mit ihm seine Frau, die ein elegantes Trauerkleid und einen breitrandigen Hut mit einem dichten Schleier trug. Niemand sah ihr Gesicht, und doch erkannte sie jeder an ihrer Haltung, an ihrem Gang, und die Absätze ihrer Schuhe tackten auf dem Pflaster, als wollten sie es jedem, der am Weg stand oder dem Zug folgte, einhämmern, dass sie eigentlich eine geborene de Beuviers, ein Spross aus ältestem französischem Adel, war.

Die Besatzungen der Schiffe, die hier in Nantes beheimatet waren und gerade im Hafen lagen, folgten ebenfalls dem Sarg. Als der Sarg in die Grube gesenkt wurde, feuerten die sieben Geschütze der Korvette ILE-DE-FRANCE Salut, dass es über die ganze Stadt hinweg dröhnte bis hinauf zum Friedhof. Am Grab spielte auch die Marinekapelle und sang der Chor der Nantaiser Seeleute.

Kapitän Dunant sprach auch ein paar Worte am Grab. Aber er sprach nicht viel. Er sagte nur das:

Mit ihm geht eine Epoche zu Ende. Frankreich verliert einen hervorragenden Kapitän, einen Kap Hoornier der alten Schule und einen der solidesten Reeder, die es in der Handelsschiffahrt gibt. Ich selbst verliere in ihm meinen besten Freund.“

Beim Leichenschmaus war Pierre nicht mehr dabei, obgleich seine Mutter es von ihm verlangte. Auch Dunant war nicht da. Er und der alte Diener saßen ein paar Straßen weiter in einem der ältesten Bistros von Nantes. Aber so alt, verräuchert und dunkel diese Kneipe auch sein mochte, hier hatten immer nur Reeder, Kapitäne, Steuerleute und Bootsmänner verkehrt. Ein Steuermann war zwar der alte Diener nicht. Aber oft genug hatte ihn Felix Laroche hierher mitgenommen. Und nun saßen sie hinten in der Ecke an dem kleinen runden Tisch, an dem auch Felix Laroche immer gesessen hatte.

Es war gerammelt voll im Cafö Bleu. Die meisten von denen, die hier waren, hatten an dem Begräbnis teilgenommen. Unter ihnen befand sich auch der Bootsmann Emile Jardinier, der sich nun an den Tisch zu Dunant und Joffre setzte. Später kam auch Marcel Equeperse dazu, der Zweite Offizier der PICARDIE. Er war noch ein junger Mann, nicht sehr groß, galt aber als sehr kräftig und konnte sich bei der Mannschaft ob seiner Energie hervorragend durchsetzen. Sein Gesicht zeugte von vielen Boxkämpfen, die er schon ausgetragen hatte. Und viele nannten ihn einen Weiberhelden, weil er sich sehr für Mädchen interessierte.

Im Augenblick sah er nicht sehr fröhlich aus. Er trug seine Offiziersuniform, aber man sah ihm an, wie lästig sie ihm erschien. So saßen sie eine ganze Weile. Keiner sprach ein Wort. Schließlich sagte der alte Joffre: „Meine Zeit ist vorbei. Für uns beide, Kapitän, wäre es das beste, wenn wir uns verabschiedeten.“ Er blickte Dunant an, aber der hob den Kopf nicht, sondern starrte vor sich in das Glas Rotwein, das ihm die Bedienung vorhin hingestellt hatte.

Irgendwie wird es schon weitergehen“, meinte der Offizier Equeperse.

Irgendwie geht es immer weiter“, bestätigte Bootsmann Emile Jardinier. „Es fragt sich bloß, wie? Der neue Chef ist nicht dasselbe wie der alte. Er tut, was die Frau sagt. Und was die Frau sagt, gefällt mir nicht“

Kapitän Dunant hob den Kopf, sah strafend auf den Bootsmann und sagte mit abgrundtiefer Stimme: „Wie reden Sie von Ihrem Reeder und seiner Frau, Bootsmann? Etwas mehr Respekt wenn ich bitten darf!“

Der Bootsmann, so groß und breit er auch sein mochte, jetzt sank er sichtlich in sich zusammen, sah den Kapitän schuldbewusst an und murmelte: „Tut mir leid, Kapitän! Ich hab’ es ja nicht so gemeint. Unsereiner denkt nur auch über diese Dinge nach.“

Tun Sie Ihre Arbeit, Jardinier, und alles hat seine Richtigkeit. Sie werden für Ihre Arbeit und nicht für Ihre privaten Gedanken bezahlt.“

Der Bootsmann zuckte die Schultern, blickte beifallsheischend den Zweiten Offizier Equeperse an und murmelte: „Man ist ja schließlich auch nur ein Mensch.“

Plötzlich stand ein alter, kahlköpfiger Kapitän der Societe an einem der Tische in der Mitte des Gastraumes auf, hob sein Glas und rief mit donnernder Stimme über die Köpfe der Anwesenden hinweg: „Ich leere mein Glas auf die letzte Reise vom alten Felix Laroche, und ich wünsche ihm, dass er dieses Schiff gut an den Zielort bringt. Ich wünsche ihm allzeit guten Wind, wenn er da oben am Himmel segelt und zu uns herunterschaut. Dieser alte Bursche hat uns von der Societe manche gute Fahrt weggeschnappt, und oft genug hat er uns die besten Männer von unseren Schiffen weggeheuert. Ich selbst bin als Moses mit ihm zusammen auf einem Schiff gefahren, als er noch Kapitän war. Und später war ich eine Zeitlang auf einem seiner Schiffe als Steuermann. Er wollte mich auch zu seinem Kapitän machen. Aber ich bin weggegangen, Männer. Ich ging, als ich es zum ersten Mal mit dem Sohn zu tun hatte. Gaston Laroche wäre niemals Kapitän geworden, wenn er nicht diesen Vater gehabt hätte. Und selbst dann, als er Kapitän war, ist er einer der miserabelsten Kapitäne gewesen, die je die Meere befuhren.“

Der kahlköpfige alte Kapitän sah jetzt hinüber in Dunants Richtung, deutete mit dem Finger auf ihn und rief:

Und du, Gilbert, wirst es auch bald wissen. Du hast es nie wahrhaben wollen, so oft ich es dir auch gesagt habe. Es wäre besser gewesen, du hättest deinen Seesack gepackt, um zu uns, zur Societe, zu kommen. Aber du Dickkopf, du starrköpfiger alter Esel musstest ja bei ihm bleiben. Nun gut, das haben wir immer verstanden. Aber jetzt, jetzt ist es Zeit, Gilbert Dunant. Du kannst noch immer zu uns kommen. Noch kannst du es. Aber ich glaube nicht, dass du es nächste Woche noch kannst.“

Gilbert Dunant nickte zum Zeichen, dass er alles verstanden hatte. Dann stand er auf, stemmte sich schwer auf die Platte des runden Eichentisches, sah trotzig zu dem kahlköpfigen und gleichaltrigen Kapitän hinüber und antwortete:

Hast du schon einmal etwas von dem Wort Treue gehört, Bemard Grandevalle? Treue, nicht nur zu einem Menschen, sondern zu einem Schiff, zu einer Reederei. Ich werde bei ihr bleiben. Ich habe es ihm auf dem Totenbett versprochen, dass ich hier bleibe bei seiner Reederei.“

Der bullige glatzköpfige Bernard Grandevalle nickte, schien es nicht anders erwartet zu haben. „Natürlich“, rief er zurück. „Du hältst ihnen die Treue. Du hältst sie ihnen noch, wenn sie dich zum Teufel jagen. Diese Frau wird es einmal tun. Sie wird Gaston aufgehetzt haben, bis er es dir sagt, dass sie dich nicht mehr wollen, dass du ihnen zu alt bist, zu trotzköpfig, zu widerborstig, und sie werden schließlich behaupten, dass du nicht imstande wärst, ein Schiff richtig zu führen. Nicht ein ehrlicher Seemann wird dir das sagen. Dem müsste sich ja der Magen umdrehen, das nur von dir zu denken. Aber ein miserabler Kapitän wie Gaston Laroche, der würde das in den Mund nehmen, der hätte die Stirn, dir das an den Kopf zu schmeißen. Und deswegen sage ich es dir noch einmal: Komm zur Societe! Werft die Plünnen hin und kommt rüber! Kommt alle, Jungs! Bei Laroche ist nichts mehr los. Die Frau und ihr Popanz werden die Reederei in Grund und Boden richten.“

Hör auf mit diesen aufrührerischen Reden!,“ brüllte Dunant. „Du heuerst mir niemand ab!“

Verdammt, siehst du denn nicht, dass ich es gut mit euch meine?“, erwiderte Grandevalle.

Dunant schüttelte den Kopf. „Sie sind Seeleute der Laroche-Reederei. Sie und ich haben keinen Grund, den Brotgeber zu wechseln. Was der Reeder mit seiner Frau tut, geht uns nichts an, solange er unsere Heuer zahlt und unsere Lebensbedingungen menschenwürdig bleiben.“

O ja, du hast recht“, sagte Grandevalle und seufzte. „Ich hoffe, mein lieber Gilbert, dass du deine Meinung nicht zu ändern brauchst, und ich hoffe weiter, dass es dann für dich noch einen Platz irgendwo gibt, wenn du die Plünnen hinschmeißen willst, wenn du weg möchtest von dort. Denn eins ist mir klar: sie haben dich nie leiden können, die Frau am allerwenigsten.“

Dunant wusste selbst, dass in all dem, was Grandevalle gesagt hatte, eine gehörige Portion Wahrheit steckte, und er war nicht mehr so jung und so starrköpfig, dass er jetzt wider besseres Wissen auf einer entgegengesetzten Meinung beharrt hätte. Deshalb sagte er:

Vielleicht hast du recht, Bemard. Vielleicht! Aber solange das für mich keine Gewissheit ist, habe ich keinen Grund, treubrüchig zu werden. Und jetzt meine ich, haben wir genug geschwatzt. Ich für meinen Teil gehe wieder an die Arbeit. Der alte Felix Laroche würde etwas anderes von mir jetzt nicht erwarten. Und alle, die sein Brot essen, sollten sich mir anschließen.“


*


Eine Woche nach der Beerdigung des Alten lag die PICARDIE noch immer im Hafen von Nantes, mit Maschinenteilen und Baustoffen vollgeladen für Marokko.

Ein Teil der Mannschaft hatte abgemustert. Neue Matrosen waren an Bord gekommen. Die Stammbesatzung aber bestand noch aus denselben Männern.

Pierre weilte noch im Haus, in dem er aufgewachsen war. Ab und zu ging er noch hinauf ins Zimmer des Großvaters, in dem es noch immer nach Weihrauch roch und dem nach wie vor die Atmosphäre des alten Reeders anhaftete. Auf dem Fenster das Buddelschiff, auf dessen Flasche sich die Sonnenstrahlen brachen. Und an den Wänden hingen die Erinnerungen: Bilder von Afrika, Südamerika, Australien, Asien, überall dort, wohin der alte Laroche gekommen war. Und da gab es Auszeichnungen, Urkunden und vieles andere mehr, das an das abenteuerreiche Leben des Mannes erinnerte, der einmal hier gelebt hatte.

Ohne dass es Pierre bemerkt hatte, war Marie Laroche in den Raum getreten. Sie stand noch in der geöffneten Tür, blickte mit einem mitleidigen Lächeln auf Pierre und sagte in die andächtige Stille hinein:

Ich glaube nicht, dass du es ihm nachtun solltest. Du wirst am besten hierbleiben, mein lieber Junge. Für dich, Pierre, ist das nichts, draußen herumzufahren. Du bist wie dein Vater. Der ist nie ein guter Seemann geworden, und er hat es eingesehen. Er ist ein Kaufmann, ein hervorragender Kaufmann. Du solltest auch lernen, ein Kaufmann zu sein. Die Zeiten, da ein Reeder selbst ein Kapitän gewesen sein muss, sind endgültig vorüber. Dein Großvater hat daran geglaubt. Aber er hat an vieles geglaubt, was es längst nicht mehr gibt."

Bis dahin hatte Pierre zugehört. Jetzt fuhr er herum und sagte mit gepresst klingender Stimme: „Und du glaubst, dass diese Werte, die ihm etwas bedeutet haben, heute nichts mehr darstellen? Er hat zum Beispiel an Treue geglaubt und das Wort eines Mannes, an den Mut, an die Pflicht und so viele Dinge. An die glaube ich auch. Großvater ist mein Vorbild. Ich wäre glücklich, wenn ich so sein könnte wie er.“

Sie wollte schon heftig antworten, aber dann nahm sie sich zusammen, zwang sich zu einem Lächeln und erwiderte: „Du glaubst, weil du sehr jung bist, dass du richtig denkst. Du wirst später erkennen, dass das alles nicht stimmt. Um draußen auf den Meeren herumzusegeln, gibt es Leute, die das für Geld tun, die man bezahlt. Man macht es nicht mehr selbst. Genau wie ein General nicht mehr an der vordersten Linie steht und vor seinen Soldaten her auf den Feind zureitet, so ist es auch in unserem Geschäft. Der Reeder muss die Fäden in der Hand halten, aber er braucht deshalb nicht selbst auf einem Schiff zu stehen.“

Großvater meinte, dass es richtig wäre, wenn man es zumindest gelernt hat, damit man weiß, wie das ist, wenn man einen Befehl gibt, wenn man eine Anordnung trifft. Großvater hat immer gesagt, ein Reeder, der nicht selbst wenigstens Seeoffizier gewesen war, ist seinen Kapitänen ausgeliefert.“

Das mag früher richtig gewesen sein. Heute stimmt das nicht mehr. Du kannst es mir glauben. Ich bin deine Mutter und weiß, wovon ich spreche. Du wirst jedenfalls hier bleiben!“

Das möchte ich nicht!“, entgegnete Pierre heftig. „Ich bin einundzwanzig und mündig. Seit meinem letzten Geburtstag bin ich es. Und ich sage dir, dass ich nicht hier bleibe, sondern dass ich mit der PICARDIE weiterfahre. Sie ist mein Schiff, und ich gehöre dazu.“

Du bist ein Narr, Pierre, ein dummer Junge. Und wenn du zehnmal mündig bist, du verstehst gar nichts. Du bist nur ein Trotzkopf. Immer wenn ich es gut mit dir meine, dann reagierst du so. Womit habe ich das verdient? Du solltest mir dankbar sein, Mühe genug hat es mich gekostet, dich aufzuziehen. Und jetzt, wo du groß bist, ist das der Dank?“

Ich werde jedenfalls nicht hier bleiben“, sagte Pierre entschieden.

Wir werden sehen. Im übrigen ist in einer halben Stunde die Verlesung des Testaments. Der Notar ist schon da. Papa wünscht dich unten zu sehen. Ich verstehe nur nicht, wieso der Notar den Kapitän Dunant geholt hat. Was soll der bei uns bei der Testamentsverlesung?“

Ich könnte mir vorstellen“, meinte Pierre, „dass Großvater ihn ebenfalls mit einem Teil des Erbes bedacht hat.“

Sie sah ihn überrascht an und hatte wohl das Gefühl, es würde ihm Vergnügen bereiten, ihr das gesagt zu haben. „Was bildest du dir ein? Er gehört nicht zur Familie. Warum sollte er etwas erben? Er hat sein Geld für seine Arbeit bekommen, und das ist genug, mehr als genug. Als Kapitän hat er so viele Freiheiten. Er kann sich manchen Franc nebenher verdienen.“

Er war Großvaters Freund. Hast du nicht gehört, was er am Grab gesagt hat? Es war die eindrucksvollste Rede, die beste, die am Grab von Großvater gehalten worden ist.“

Vor allen Dingen war sie kurz. So eine kurze Rede zu halten!“ Marie Laroche schien sich noch im Nachhinein zu empören darüber, dass die Rede so kurz ausgefallen war.

Er hat gesagt, was er hat sagen wollen. Mehr war nicht nötig. Unser Kapitän ist immer so.“

Unser Kapitän! Wie du das sagst!“ Marie Laroche lachte. „Du wirst auch nicht vernünftig. Begreifst du nicht, dass er ein Angestellter von uns ist? Dieser Kapitän! Nichts mehr als ein Angestellter, der nach unserer Pfeife zu tanzen hat.“

Der Kapitän Dunant tanzt nach keiner Pfeife“, erklärte ihr Pierre. Dann ging er auf seine Mutter zu. „Ich werde nach unten gehen. Oder soll ich hierbleiben?“

O nein, du bist auch mit erwähnt auf der Liste der Personen, die bei der Testamentseröffnung zugegen sein sollen. Vielleicht hat er dir auch etwas vermacht. Er hat dir ja immer versprochen, dass du den Ring haben sollst, den er an seiner rechten Hand getragen hat, diesen Aquamarin, ein protziger Ring! Ein wirklicher Kavalier würde so einen Ring nie tragen. Aber ein Kavalier ist er ja nie gewesen.“

Pierre sah sie böse an. „Sag nur nichts Schlechtes über Großvater“, knurrte er.

Sie lachte wütend auf. „Für dich ist er der liebe Gott, nicht wahr? Aber wenn du so unter ihm hättest leiden müssen wie ich, dann ...“

Unter ihm hat niemand gelitten. Niemand!“, fuhr sie Pierre an. Dann ging er die Treppe hinunter. Und unter dem Gewicht knarrten und ächzten die alten Holzstufen.


*


Die Testamentsverlesung fand im Salon statt. Der befand sich in der Wohnung Gaston Laroches im ersten Stock. Unter dem gewaltigen Kronleuchter, in den tiefen und weiten Plüschsesseln und Plüschsofas versunken, saßen die Anwesenden. Nur Gilbert Dunant stand hinten an der Wand gleich neben der Tür, so als müsste er sich den Rückweg sichern.

Der Notar war ein Mann mittleren Alters mit krausem dunklem Haar und einem gewaltigen Vollbart. Durch die kleinen Gläser seiner Kneiferbrille blickte er auf das Testament, das er bereits geöffnet hatte, und dann begann er vorzulesen.

Es war ein langes Testament, mit vielen Erläuterungen und Erklärungen, mit Bedingungen, Auflagen und der Aufführung vieler Gegenstände.

Zuerst ging es nur um die Reederei. Es war aufgezählt, was alles zu ihr gehörte.

Pierre, der hinter seinen Eltern auf dem einzigen Stuhl saß, der außer den Sesseln und Sofas herumstand, langweilte sich und hörte nur mit einem Ohr hin. Vielmehr beobachtete er die Anwesenden. Er amüsierte sich insgeheim über den Notar, dem immer wieder der Klemmer von der Nase zu rutschen drohte und der Mühe hatte, richtig vorzulesen. Er versprach sich ständig, wiederholte dann jedes Mal in näselndem Tonfall den ganzen Satz, was die Zuhörer mehr und mehr ermüdete.

Pierres Mutter gab sich Mühe, beherrscht zu bleiben, aber sie konnte die Spannung, die sie erfüllte, kaum noch verbergen. Im Gegensatz dazu zeigte ihr Mann Gaston unverhohlen sein Interesse, wie er wohl bei dieser Erbverteilung abschneiden würde.

Ein Stück weiter links saß die betagte Schwester von Felix Laroche, ein altes Mütterchen, das seine reiche Verwandtschaft mitgebracht hatte. Auch Martin Laroche war gekommen. Er war der zweitälteste Sohn des Toten und besaß drei Fischereischiffe in Cherbourg.

Onkel Martin rechnete ganz sicher nicht mit einem großen Erbe. Der Großvater hatte ihn schon vor zehn Jahren ausbezahlt, als Martin in Cherbourg in diesen Fischereibetrieb eingeheiratet hatte.

Die Leute, die hier waren, hatte Pierre vor dem Tode des Alten lange nicht gesehen. An manche konnte er sich gar nicht mehr erinnern. Aber nun waren sie seit dem Begräbnis hier, und die Testamentseröffnung stellte so etwas wie einen Höhepunkt ihres Besuches dar.

Die Blicke und auch die Reden, mit denen sich diese lieben Verwandten untereinander vor der Testamentseröffnung angegiftet hatten, waren Pierre schon aufgestoßen, und er fragte sich, wie es sein würde, hatte der Notar seinen Bericht erst einmal beendet.

Denn nun begann das Verteilen, so, wie es der Alte wollte, und es fiel wohl für die meisten sehr enttäuschend aus. Es begann mit den weiter entfernten Verwandten, denen der Alte nur Kleinigkeiten zukommen ließ. Nicht viel bekam auch der bereits ausbezahlte Sohn Martin. Und jetzt folgte endlich Sohn Gaston. Ihm vermachte der Tote die Reederei, doch dies nur unter einer bestimmten Bedingung.

Und so verlange ich“, las der Notar vor, „dass ein Notar in regelmäßigen Abständen prüft, dass mein Sohn Gaston folgende Bedingungen erfüllt: Erstens soll er für meine Tochter Madeleine sorgen, ihr Unterhalt bieten und ihr einen angemessenen Lebensstandard sichern. Die monatliche Apanage soll sechshundert Franc nicht unterschreiten. Sie ist dem Währungsstand anzupassen. Zum zweiten ist zu allen geschäftlichen Entscheidungen von meinem Sohn Gaston der Rat meines alten Freundes und Kapitäns Gilbert Dunant einzuholen. Steht die Meinung von Gilbert Dunant gegen die meines Sohnes, so hat die Entscheidung zugunsten des Ratschlags meines Freundes Dunant zu erfolgen. Er ist nur zu überstimmen, wenn alle Kapitäne der Reederei die Meinung meines Sohnes vertreten. Tritt Kapitän Dunant in den Ruhestand, so steht ihm eine monatliche Apanage in der gleichen Höhe zu wie meiner Tochter Madeleine. Des weiteren ist er mit zwei Prozent an der Reederei lebenslänglich beteiligt. Drittens ist mein Sohn verpflichtet, meinen Enkel Pierre weiterhin zum Kapitän ausbilden zu lassen und ihm dann wenigstens fünf Jahre als Kapitän eines unserer Schiffe zu übergeben. Danach soll mein Enkel Pierre maßgeblich in die Geschäftsführung der Reederei eingeführt werden."

In diesem Augenblick verlor Marie Laroche, geborene de Beuvier, ihre Beherrschung. „Das ist ja unerhört!“, rief sie voller Empörung. „Das ist ja die nackte Erpressung!“

Der Notar hob den Kopf, nahm umständlich den Kneifer ab und blickte Marie Laroche verwundert an. „Aber Madame, Sie können ja ablehnen. Ihr Mann muss dieses Testament nicht annehmen. Im Falle der Ablehnung, das kann ich gleich vorwegnehmen, erbt Ihr Sohn Pierre mit der Auflage, Kapitän Dunant zum Geschäftsführer zu bestimmen, bis Ihr Sohn Pierre das siebenundzwanzigste Lebensjahr erreicht hat.“

Natürlich nehme ich das Erbe an“, rief Gaston Laroche. „Es hat niemand etwas von einer Ablehnung gesagt.“

Der Notar sah in die Runde. „Nehmen die anderen Herrschaften das Testament ebenfalls an, oder ist jemand, der es ablehnt? Der möge bitte die Hand heben!“

Niemand hob die Hand. Der Notar setzte sich umständlich den Kneifer auf die Nase, sah ins Testament und sagte mit schnarrender Stimme: „Damit ist das Testament voll gültig.“ Er setzte seinen Namen darunter und sagte: „Mein Sekretariat lässt Ihnen Abschriften des Testaments zugehen. Ich bedanke mich, meine Herrschaften.“

Er erhob sich, blickte in die Runde, klemmte sich seine Akten unter den Arm und verließ den Raum. Joffre, der Diener, der an der Tür stand, begleitete ihn nach unten.

Gaston Laroche mühte sich, die Beherrschung zu behalten, solange die übrige Familie im Raum war. Dann aber, als alle gegangen waren und er nur noch mit seiner Frau und seinem Sohn im Zimmer weilte, sagte er heftig: „Man sollte es nicht für möglich halten, was der sich noch ausgedacht hat, um uns noch nach seinem Tod zu schikanieren!“

Du hättest das Erbe ja ablehnen können“, erklärte Marie Laroche. Dann sah sie Pierre an. „Du bist ja von allen am besten weggekommen.“

Pierre wandte sich stumm ab und ging hinaus. Sein Vater rief ihm nach: „Wir haben noch mit dir zu reden. Bleib hier!“

Pierre ging weiter. Er jagte die Treppe hinunter und hatte nur ein Bedürfnis: frische Luft, hinaus aus diesem Haus, das ihn zu erschlagen drohte.

Als er über die Kaistraße lief, sah er vor sich Kapitän Dunant. Er ging mit langsamen, wiegenden Schritten, genau so, wie er sonst immer über die Planken des Decks ging.

Pierre holte ihn ein, ging schweigend neben ihm her. Und obgleich er sicher war, dass der Kapitän ihn längst bemerkt haben musste, zeigte der mit keiner Geste, mit keinem Wort, ob ihm diese Begleitung passte oder nicht.

Dunant ging zum Schiff, und Pierre tat dasselbe. Hintereinander schritten sie über die Gangway an Bord, doch dann trennten sich ihre Wege. Dunant ging nach achtern zur Kajüte des Dreimasters und Pierre nach vorn zum Logis der Mannschaft.


*


Aber wenn Pierre glaubte, dass die PICARDIE bei abfließendem Hochwasser auslaufen würde, so irrte er sich. Auch die Nacht über blieb die PICARDIE im Hafen. Es wurde Tag, ein regnerischer Tag übrigens. Von der Biscaya her jagten übers Vendee hinweg Wolkenbänke, schwarz wie die Nacht, herüber.

Die Leichtmatrosen und Schiffsjungen wurden nach achtern gerufen. Bootsmann Jardinier ließ sie die Kabinen putzen, schrubben und auf Hochglanz bringen. Wenn Jardinier etwas machte, dann geschah es immer mit absoluter Gründlichkeit. Ein Fußboden war für ihn erst dann sauber, wenn man ungeniert davon essen konnte.

Der Grund für diese Schrubberei blieb dem Leichtmatrosen und Schiffsjungen unbekannt. Sie begriffen ihn erst dann, als es Mittag wurde und auf dem Kai drei Kutschen vorfuhren.

Die Dreimastbark PICARDIE nahm Passagiere an Bord.

Aus der ersten Kutsche stieg ein kleiner Mann mit schütterem Haar. Er trug eine kleine Tasche, die er sich nicht abnehmen ließ. Hinter ihm her schleppten Bedienstete drei schwere Koffer. Nach Pierres Schätzung musste dieser kleine Mann etwa fünfzig Jahre alt sein oder älter. Kapitän Dunant begrüßte ihn persönlich, als er an Bord kam, als Dr. Goldsmith.

Aus der zweiten Kutsche stiegen zwei Frauen. Die vordere war leuchtend blond. Sie trug ihr Haar hinten zusammengerafft auf eine ganz andere Art, als man es in Frankreich kannte. Sie war in eine schwarze Pelerine gehüllt und trug schmale Stiefel mit hohen Absätzen, die beim Gehen unter dem weiten Rock sichtbar wurden.

Der Anblick dieser jungen Frau faszinierte Pierre. Sie konnte nicht älter als er selbst sein. Hingegen war die Begleiterin ein wenig älter. Und daran, dass sie eine Hutschachtel und einen Koffer trug, erkannte Pierre ihren Stand. Vermutlich war es die Zofe. Sie trug einen hellgrauen Reiseumhang und hatte ihr Haar unter einem Kopftuch verdeckt.

Auch diese beiden begrüsste Dunant, als sie an Deck kamen. Ein eigens für Passagiere angeheuerter Steward begleitete die neuen Passagiere nach achtern.

Da näherte sich schon die dritte Kutsche, hielt nahe der Gangway, und diesmal kamen die Bediensteten zuerst mit den Koffern an Bord, setzten sie ab und liefen wieder zurück. Eine ganze Weile stand die Kutsche da, ohne dass jemand ausstieg. Pierre dachte schon, sie wäre leer. Da sah er, wie sie schaukelte, wie der Schlag aufging und zwei Männer ausstiegen. Aber sie kamen nicht direkt an Bord. Sie standen herum.

Kapitän Dunant war diesmal achtern geblieben, aber er blickte ebenfalls wie viele Männer der Besatzung auf diese Kutsche. Und schließlich entdeckte Pierre seinen Vater. Er kam von drüben, vom großen Kai her die Pier entlang, näherte sich ebenfalls in Reisekleidung. Die beiden Männer, die ausgestiegen waren, gingen ihm ein Stück entgegen, blieben dann etwa hundert Meter von der PICARDIE entfernt auf der Pier stehen, begrüßten Gaston Laroche, und so standen die drei eine längere Zeit. Inzwischen fuhr die Kutsche weg. Sie fuhr an den drei Männern vorbei zurück zur Stadt.

Jean Meunier, ein großer dunkelhaariger Matrose von über dreißig Jahren, der ebensolange wie Pierre auf diesem Schiff diente, war neben Pierre getreten und fragte ihn: „Kennst du die beiden, die mit deinem Alten reden?“

Pierre zuckte die Schultern. „Nie im Leben gesehen.“

Der Bootsmann gesellte sich zu ihnen. „Was steht ihr hier herum? Habt ihr nichts zu tun?“

Ich habe Pierre gefragt, ob er die beiden kennt, die mit seinem Alten reden. Immerhin kennt ja Pierre mehr von den feinen Herrschaften als unsereiner.“

Dich wird die Neugierde noch einmal auffressen!“, fuhr ihn der Bootsmann an. „Geh du mal nach mittschiffs und hilf dem Segelmacher!“

Knurrig und missmutig entfernte sich Meunier.

Pierre hätte sich am liebsten auch verdrückt, aber da sagte der Bootsmann leise: „Weißt du wirklich nicht, wer sie sind?“

Pierre schüttelte den Kopf.

Das sind die Brüder Thompson, Engländer. Die wollen mit uns ein Kompaniegeschäft machen. IBM weiß nicht, ob sie es von sich aus wollen oder ob dein Vater sie gerufen hat. Aber wenn es so ist, dass er sich mit ihnen zusammentut, dann Junge, dann ist das sehr, sehr traurig. Dein Großvater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er es wüsste. Ich glaube nur nicht, dass dein Vater sich mit anderen zusammentun wird. Er ist ein Laroche. Ich kann mir nicht denken, dass ein Laroche kapituliert wegen einer... ach, ich rede wieder zuviel.“ Er machte eine zornige Handbewegung und wandte sich ab. Dann stapfte er schwerfällig, als ginge er unter einer schweren Last, zum Vorschiff.

Nun aber kamen die drei näher. Pierre beobachtete weiter, wie sie zur Gangway traten und wie sie an Bord kamen.

Dunant näherte sich der Gangway, blieb dort stehen, abwartend und mit schmalen Augen, aus denen er den drei Männern entgegensah. Diesen Anblick bot Kapitän Dunant auch in gefährlichen Situationen, von denen Pierre auf diesem Schiff draußen auf dem Ozean schon einige erlebt hatte.

Pierre konnte nicht hingehen, um zu hören, was sie sprachen. Das brauchte er auch nicht. Es hallte bis zu ihm herüber, als sein Vater zu Kapitän Dunant sagte:

Ich habe mich entschlossen, diese Fahrt mitzumachen. Die Herren George und Winston Thompson haben einiges mit mir zu besprechen. Es ist eine günstige Gelegenheit, dies auf dieser Fahrt zu tun. Alles Weitere können wir später in Ihrer Kajüte bereden, Kapitän Dunant.“

Es klang sehr von oben herab, so wie manche der feinen Leute mit ihren Kutschern sprachen. Und einen Augenblick schämte sich Pierre sehr für seinen Vater, dass er den alten Kapitän und Freund seines Großvaters in diesem Ton ansprach.

Doch da stand auf einmal der Bootsmann hinter ihm. „Laroche“, sagte er leise, „was stehst du hier herum? Wir haben auf diesem Schiff mehr zu tun, als uns lieb ist. Wenn du nicht verlernt hast, was ich dir über die Gezeiten beigebracht habe, dann kannst du dir ausrechnen, dass wir gleich auslaufen werden. Also, mein Junge, ich nehme an, der Befehl wird jeden Moment kommen.“

Und dann kam er schon, denn achtern tauchte der Erste Offizier der Bark PICARDIE auf. Es war der hagere dunkelhaarige Roger Valliard.

Pierre konnte Valliard nicht ausstehen. Er hasste ihn wie die Pest und wusste, dass da etwas zwischen seiner Mutter und Valliard war, etwas, dass er nicht ganz begriff. Es war mehr Instinkt, dass er da etwas vermutete. Er hatte keinerlei Beweise. Er wusste nur, dass jedes Mal, wenn sie in Nantes waren, Valliard des öfteren im Hause Besuche machte, meistens während der Abwesenheit seines Vaters. Aber so richtig wusste Pierre doch nicht, was sich da tat, und vor allen Dingen war er in diesem Punkt viel zu anständig und viel zu naiv, um sich mehr als einen harmlosen Besuch vorstellen zu können.

Da kam schon der Befehl Valliards an den Bootsmann: „Alle Mann an Deck!“

Die Bootsmannspfeife jagte die Männer nach oben. Und dann prasselten schon die Kommandos, eins nach dem anderen. „Klar bei Fockfall - heiß auf Fock!“ Dann kamen die nächsten Kommandos. „Klar bei Großfall!"

In kurzer Zeit waren die Segel der PICARDIE gesetzt. Zuletzt, als schon die Leinen an den Pollern loswaren, bauschte sich der Besan auf. Nun, da sie nicht mehr gehalten wurde, machte die PICARDIE Fahrt. Erst langsam, dann schneller schob sie ihren schlanken Leib durch das Hafenbecken, erreichte die Zufahrt, dann die Schleuse, und hier hagelte es wieder Kommandos, bis die PICARDIE festlag.

Als die Schleusen geöffnet waren und die PICARDIE die neue Wasserhöhe erreicht hatte, mussten die Segel abermals gesetzt werden. Und jetzt schwamm die PICARDIE im ablaufenden Hochwasser fünfzig Kilometer lang die Loire abwärts dem offenen Meer entgegen.


*


Am Nachmittag passierte die PICARDIE St. Nazaire, durchfuhr die Enge, und mit einem Mal tat sich der Atlantik vor ihnen auf.

Sie hatten rauen Wind. Alle Segel waren gesetzt, bauschten sich, und die PICARDIE, ohnehin ein sehr schnelles Schiff, pflügte das Meer, dass eine schneeweiße gewaltige Bugwelle zu beiden Seiten heraufsprühte und den Gischt bis zur Rahnock des Großsegels warf.

Nun, da sie Fahrt machten und auf dem offenen Meer waren, hatten die Matrosen etwas Ruhe. Die Schinderei der ständigen Segelmanöver war wenigstens vorübergehend beendet. Wer Freiwache hatte, legte sich irgendwohin, schlief oder aß. Und manche hockten einfach nur da und erholten sich vom Schuften.

Aber dann, als es dunkel wurde, frischte der Wind noch mehr auf. Er drehte jetzt, kam von Backbord. Das erforderte abermals, dass die Segel angebrasst wurden, so dass auch Pierre nicht zur Ruhe kam.

Über dem ständigen Gejage und Gehetze vergaß er alle seine Probleme und vor allen Dingen das Gefühl, mit dem Vater auf dem gleichen Schiff zu sein.

Achtern war von Dunant nichts zu sehen. Entweder führte Valliard die Wache oder Equeperse. Auch seinen Vater sah Pierre nicht und ebensowenig die beiden Besucher, jene Thompson-Brüder, von denen der Bootsmann gesagt hatte, sie wollten sich mit Laroche zusammentun.

Um die Reederei machte sich Pierre absolut keine Sorgen. Vielmehr interessierte ihn dieser junge weibliche Fahrgast. Und um diesen Passagier schien er sich nicht als einziger Gedanken zu machen.

Als er auf Freiwache am Bootsdeck herumsaß, tauchte Meunier auf, setzte sich neben ihn, stopfte sich die Pfeife und sagte: „Eine tolle Person ist sie ja. Die Jungs haben kein anderes Gespräch als über sie. Kennst du sie?“

Nie im Leben gesehen“, erwiderte Pierre.

Eigentlich ein verrückter Gedanke, wenn man weiß, dass eine so schöne Frau mit einem auf demselben Schiff ist, zum Greifen nahe und doch, als wäre sie für einen wie uns unerreichbar. Manchmal denke ich, was wohl geschieht, wenn so ein Schiff wie dieses auf ein Riff setzt oder an einer Insel strandet und man mit einem solchen Mädchen allein ist.“

Pierre blickte Meunier von der Seite an und musste lachen. Meunier hatte die Augen geschlossen und schien zu träumen.

Aber soviel Zeit für ihre Schwärmerei hatten sie bald nicht mehr, denn am nächsten Tag blieb der Wind weg. In der Flaute dümpelte die PICARDIE, und nun sah Pierre zum ersten Mal Kapitän Dunant achtern auftauchen.

Er ging nervös hin und her, wie ihn Pierre eigentlich noch nie gesehen hatte. Auch die Passagiere kamen an Deck.

Und nun wurde für die ganze Mannschaft deutlich, dass da achtem eine gespannte Stimmung zu herrschen schien. Wenn der Kapitän an Deck war, hielten sich der Reeder und die Thompson-Brüder stets ein Stück abseits. Manchmal kam aber, zur Freude aller Janmaaten, die an Bord dieses Schiffes waren, der weibliche Passagier mit seiner Zofe an Deck. Und dieser Passagier fand das konzentrierte Interesse aller hier. Weniger interessierte man sich für Dr. Goldsmith, der ebenfalls als Passagier achtern wohnte.

Für die Passagiere war auf diesem Schiff und für diese Fahrt extra ein Steward angeheuert worden. Dieser Steward konnte nach kurzer Zeit der übrigen Mannschaft haarklein Einzelheiten über das Woher und Wohin der beiden Passagiere berichten. Was er nicht in Erfahrung bringen konnte, das dichtete er einfach dazu.

Dieser Steward war von der Herkunft her Filipino, ein kleiner, schlanker Mensch, leicht wie eine Feder und sehr schnell. Er hatte irgendeinen unaussprechlichen Namen, aber sie nannten ihn Pipin.

Von Pipin wussten sie, dass der weibliche Passagier Lisbeth von Witzleben hieß, den Namen der Zofe gab er mit Claire an. Claire war Engländerin. Für sie interessierten sich die älteren Jahrgänge unter den Matrosen, vielleicht auch in der Hoffnung, an sie leichter heranzukommen als an ihre Herrin.

Von Dr. Goldsmith wusste man, dass er Arzt war und Forschungen betrieb. Er interessierte die wenigsten. Aber gerade er sollte noch eine wesentliche Rolle für einige dieser Männer spielen. Er wurde als Arzt sogar für einige zum Lebensretter. Aber wer wollte das schon voraussehen können?


*


Am nächsten Tag kam mit der aufgehenden Sonne ein flauer Hauch von Südwest her auf. Und das wurde wieder zum Training für die Muskeln der Männer. Denn jetzt war der Normanne wieder an Deck, der Bootsmann Jardinier, der seine Befehle herausbrüllte: „Klar bei den Luvbrassen! - Hol die Luvbrassen! - Brass Groß- und Kreuzrahen Vierkant! - Brass rum vorn! - Klar bei den Leegroßbrassen! - Brass an! - Brass auf! - Nieder das Ruder! - heiß Besanstagsegel!“

Und so ging es weiter! Brassen, brassen, brassen, auf, nieder, heiß, fier, hol durch in Lee! Das waren die Kommandos, und sie hallten über das Deck, dröhnten den Männern in die Ohren. Und sie mussten ran an die Taue. Sie mussten trecken. Rundbrassen achtern! Alle laufenden Taue ständig aufklaren! Immerzu bereit sein, Befehle auszuführen! Keine Zeit zum Schlafen, keine Zeit, um ein Garn zu spinnen und Geschichten zu erzählen. Das war die Arbeit den ganzen Tag und die nachfolgende Nacht über, und dennoch machte die PICARDIE bei all dieser Schinderei nur kleine Fahrt.

In dieser Zeit kamen Pierre und auch die anderen Männer nicht dazu, sich noch allzusehr um Lisbeth von Witzleben und ihre Zofe Claire zu kümmern. Vor allen Dingen, da es in den nächsten Stunden des folgenden Tages mit einem Mal wärmer wurde, fast heiß. Und zugleich wurde der Wind böig, zeigten sich schwarze drohende Wolken am südwestlichen Horizont. Der Golf von Biscaya, der sonst die schwersten Stürme gebar, wurde von strahlend blauem Himmel überspannt und zeigte sich friedlich.

Die Fahrtroute der meisten Schiffe, die das Ziel hatten wie die PICARDIE, gingen ziemlich dicht am Cabo Ortegal vorbei, das Kap im Nordwesten Spaniens. Aber genau aus dieser Richtung schien nicht nur ein Gewitter aufzuziehen, sondern drohte auch der Sturm.

Dunant war jetzt achtern auf Deck. Er stellte vier Männer an die Räder, jagte die Mannschaft in die Taue, und dann hieß es wieder trekcken, rundbrassen. Der ganze Hagel der Befehle wie in den Stunden davor. Aber zugleich änderte der Kapitän den Kurs. Und nun sollte die Mannschaft ein Schauspiel erleben, wie sie es an Bord der PICARDIE noch nie gesehen hatte.

Gaston Laroche kam von seiner Kajüte nach oben und ging auf den Kapitän zu, der sich schräg hinter die Rudergänger gestellt hatte. „Kapitän, rief er so laut, dass man es bis zum Vorschiff hören konnte. „Wieso wechseln Sie den Kurs? Sie wissen, dass wir es sehr eilig haben, nach Casablanca zu kommen.“

Ich habe es nicht so eilig, auf den Grund des Meeres zu gelangen. Wenn Sie einen Blick nach vorn werfen, Monsieur Laroche, dann werden Sie erkennen, dass da ein Sturm naht. Ich werde diesem Sturm ausweichen.“

Ausweichen? Die PICARDIE ist ein Schiff, das einen Sturm durchaus vertragen kann“, erwiderte Laroche höhnisch. „Haben Sie etwa Angst? Ein bisschen Seegang wird niemandem hier an Bord schaden.“ Laroche schaute nach vorn, schüttelte den Kopf. „Das ist höchstens ein Stürmchen, aber kein Sturm. Nun gut, es wird etwas regnen. Bei einem Gewitter tut es das immer. Davon wird das Schiff nicht volllaufen.“

Dunant reagierte überhaupt nicht. Er antwortete nicht darauf, aber er gab auch keinen Kurswechsel bekannt, vielmehr ließ er noch mehr Segel setzen, um dem Sturm zu entgehen. Die PICARDIE fuhr jetzt mit Nordkurs, und das bedeutete ein Raumschotsegeln mit windachterlicher Halsdwars, mit Backbordhalsen.

Das hieß in anderen Worten: sie hatte einen Dreiviertelwind, und dies wiederum besagte, dreiviertel der möglichen Höchstgeschwindigkeit. Schätzungsweise machte sie zwölf Knoten, und das war für die PICARDIE ganz schön. Bei dieser Geschwindigkeit würde das Schiff mit seiner Besatzung und den Passagieren dem Sturm möglicherweise entkommen können.

Laroche schien das nicht zu bemerken, vielleicht wollte er es auch nicht. Er stapfte mit schweren Schritten zum Kreiselkompass, beugte sich darüber, sah die Rudergänger an, blickte wieder auf den Kompass, drehte sich dann brüsk um und ging auf Dunant zu.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738908466
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (März)
Schlagworte
heldenhafte seemänner fluch kapitäns

Autor

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Titel: Heldenhafte Seemänner #14: Der Fluch des alten Kapitäns