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Häuptling der Diebe

2017 600 Seiten

Leseprobe

Häuptling der Diebe

(Chief of Thieves)


Ein Roman von Steven W. Kohlhagen





IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild/ Karte: Viki Ahl/ Veronica Zhu/Sunstone Press/Santa Fee, 2017

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

Aus dem Englischen von Manfred Quintus

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappe

Im August 1863 sind zwei Betrüger unterwegs ins Washington Territory, um dort ihren Traum von einer Ranch zu verwirklichen. Aber die Cheyenne-Indianer haben andere Pläne mit den weißen Siedlern, die weiter nach Westen vordringen …

HÄUPTLING DER DIEBE, die Fortsetzung von Steven W. Kohlhagens Roman WO MAN DICH BEGRÄBT schildert in drei großen Episoden das mühsame und beschwerliche Leben auf einer Ranch und das Entstehen von einigen gesetzlosen Städten in Wyoming. Der Roman erzählt ebenfalls vom Leben und der Kultur der Cheyenne-Indianer, die amerikanische Historiker als „die beste Kavallarie, die jemals existierte“, bezeichneten. HÄUPTLING DER DIEBE ist ein epischer Bilderbogen aus der amerikanischen Pioniergeschichte, basierend auf Fakten und Fiktion, die der bekannte Schriftsteller Steven W. Kohlhagen auf einzigartige Weise miteinander verwoben hat. Mehr als nur ein Western – ein Roman, den man gelesen haben muss! DEUTSCHE ERSTVERÖFFENTLICHUNG!








Den Nachfahren von

Kappen-Itzick (1795- 1875)

und Thunder Bull (1856- 1920)







Vorwort



Dieser Roman „ Herr der Diebe“ ist die Fortsetzung meines früheren Romans „Wo man dich begräbt“. Das erste Buch ist ein historischer Roman aus der Zeit von 1861 - 1863, der sich in fiktionaler Form mit einem Mord beschäftigt. Dieser Mord fand tatsächlich statt, und zwar im Territorium von New Mexico am 18. August 1863 während des Navajos-Krieges unter Kit Carson.

Der erste Roman erzählt die Geschichte einer Gruppe von Abenteurern und Betrügern, die zu Beginn des Jahres 1861 in Santa Fe ankamen. Darunter sind historisch belegte Gestalten: Da ist vor allem Augustyn P. Damours zu erwähnen, der zum Adjutanten des Kommandeurs der Unionsarmee im Westen General Edward S. Canby aufstieg. Eine andere Gestalt ist Joseph Cummings, der sowohl Major in der Unionsarmee und Marshal in Santa Fe wurde. Zu dieser Gruppe gehörte auch die fiktive Lily Smoot, eine Pokerkartendealerin und frühere Prostituierte aus Santa Fe. Die Umtriebe dieser Betrügerbande wurden unterbrochen, als sich der Krieg nach New Mexico und Arizona ausbreitete, wo ohnehin schon die Auseinandersetzungen mit den Apachen und den Navajos tobten. Red Cloud, ein fiktiver Ute-Häuptling, und Cochise, ein Chiricahua-Apachen-Häuptling, der tatsächlich lebte, wurden während dieser Konfrontationen zu Freunden von Lily.

In seinen Aufzeichnungen für die Armee bestätigte Kit Carson während des Feldzuges gegen die Navajos am 18. August 1863: „ … Ich hörte von dem Tod des tapferen und zutiefst betrauerten Major Cummings. Er verstarb nach einem Magendurchschuss, den ein hinter Bäumen versteckter Indianer verursacht hatte.“

Die militärischen Aufzeichnungen zu Cummings berichten, dass er bei seinem Tod ein Vermögen in seinen Satteltaschen mit sich führte, das dem heutigen Gegenwert von $ 700.000 bis $ 1.000.000 entspricht.

Meine Nachforschungen ergeben, dass Kit Carson sich geirrt haben muss. Carson, die U.S. Army, der Orden der Franziskaner und die Verwaltung von New Mexico wurden alle von Damours, Cummings und den anderen Betrügern übers Ohr gehauen, die insgesamt zwischen drei bis vier Millionen Dollars (im heutigen Wert) innerhalb von zwei Jahren stahlen.

Wo man dich begräbt“ ist die Erzählung darüber, wie diese Betrügereien vermutlich ausgeführt wurden, was meiner Meinung nach mit Cummings an dem bewussten Tag 1863 geschah und wie es dazu kam, dass Lily und Damours am 1. September 1863 an den heißen Quellen von Pah Gosah in dem Eröffnungskapitel von „Häuptling der Diebe“ anwesend waren.




Danksagung



Ich möchte Don Hodgson, Lindy Schroeder und ganz besonders Carol Eckhardt dafür danken, dass sie mich so ausführlich über die Geschichte der frühen Besiedlung der Täler von Kelly und Chugwater in Wyoming informiert haben. Ein Hinweis für alle Neugierigen: Chugwater wurde später zu einer Stadt, und Carol öffnet gerne die Türen des Museums für Besucher.

Vielen Dank auch an die Bibliothekare der Öffentlichen Bibliothek in Cheyenne und der Bibliothek der Universität von Wyoming für ihre wertvolle Hilfe. Nur so konnte ich mir ein Bild machen von der Entstehung sowohl von Cheyenne als auch von Laramie, Wyoming.

Mein aufrechter Dank ergeht auch an Chris O’Rourke für seine sehr sorgsame Erforschung der Schusswaffen in den 1860er und 1870er Jahren, an Larry White für alle Faktenüberprüfungen und Hilfe bei der Endredaktion und an Jim Smith für seine Hilfe bei der Herausgabe des Buches.

Und vielen Dank auch an Donnie Shahan aus Chromo, Colorado, der viel Zeit darauf verwendet hat, mir zu erklären, mit welchen Mühen die Viehhaltung im offenen, weiten Land des frühen 19. Jahrhunderts in Wyoming verbunden war. Er behauptete auch stets sehr wortgewaltig, dass er im 19. Jahrhundert nicht dabei gewesen sei, aber er konnte mich nicht so ganz überzeugen.

Danken möchte ich zudem Manfred Quintus, der das Buch ins Deutsche übertragen hat, für die geleistete Arbeit. Er war auch der Übersetzer des vorangegangenen Bandes „Wo man dich begräbt“.

Aber vor allem: Gale, vielen Dank dafür, dass du so viel Geduld aufgebracht hast während der Zeit meiner Nachforschungen und meines Schreibens, und dass du so viel Verständnis aufgebracht hast, als ich mich auf die Reise in die Welt meiner Fantasie begab, wo meine Charaktere leben.



Personen der Handlung

(in der Reihenfolge ihres Auftretens)



Lieutenant Augustyn P. Damours: Adjutant des Generals Edward R.S. Canby. Zuvor ein Betrüger im Territorium von New Mexico.

Lieutenant George Armstrong Custer: gerade zum Adjutanten von General George McClellan befördert worden.

Gus Smoot: Damours‘ fiktiver Aliasname, nach seinem (historisch belegten) Verschwinden.

Joseph Cummings: Major der U.S. Army und Marshal von Santa Fe. Wurde ermordet am 18. August 1863 unter ungeklärte Umständen während des Navajo- Feldzuges, den Kit Carson befehligte.

John Wesley Iliff: Pionier und Viehzüchter im Gebiet des South Platte Rivers nordöstlich von Denver City, Colorado Territorium.

Holon und Matilda Godfrey: Ranchbesitzer, South Platte; sind nach Meinung vieler die Eltern des ersten Kindes, das in einer dauerhaften Siedlung im Colorado Territorium geboren wurde.

Black Kettle: Häuptling der Südlichen Cheyenne; Mitglied des Cheyenne-Stammesrates der Vierundvierzig.

Lame White Man: Cheyenne-Häuptling.

Black Mocassin: Cheyenne-Häuptling.

White Bull: Cheyenne-Häuptling; Sohn von Black Mocassin.

Black Coyote: Cheyenne-Häuptling.

Antelope: Cheyenne-Mädchen; Tochter von Black Mocassin.

Thunder Bull: Junge aus dem Cheyenne-Volk.

Elbridge Gerry: Vermutlich der erste weiße Siedler in Weld County, Colorado, nördlich von Denver City gelegen.

Medicine Woman: Frau von Black Kettle.

Colonel John M. Chivington: Kommandeur der Colorado-Freiwilligen.

White Antelope: Cheyenne-Häuptling.

Philip Sheridan: Major General, U.S. Army

George Crook: Brigadegeneral, U.S. Army.

Damel Wile: Hotelbesitzer, Emmitsburg, Maryland.

Frederick Benteen: Captain, Siebte Kavallerie.

Charles Clay: Besaß einen Handelsposten am Fuße des Chimney Rock, Chugwater Valley. Cousin von Henry Clay aus Kentucky. Verheiratet mit Fingernail Woman, Lakota.

Hi und Elizabeth Kelly: Erste Rancher im Chugwater Valley. Besitzer des ersten Hauses an dem Ort, der später Chugwater, Wyoming genannt wurde.

Little Beaver: Osage-Häuptling und Späher für die Siebte Kavallerie.

Spring Grass: Cousin von Antelope, zwei Jahre jünger.

Grand Duke Alexei Alexandrovich: Großherzog von Russland, Sohn von Zar Alexander II..

General Edward R.S. Canby: Kommandeur verschiedener Wiederaufbauprojekte nach dem Bürgerkrieg.

Captain Jack: Häuptling der Modocs

Crazy Horse: Häuptling der Oglala Lakota Sioux.

Sitting Bull: Häuptling der Hunkpapa Lakota Sioux.

Marcus Reno: Major, Siebte Kavallerie.



Fiktive Personen



Lily Smoot: ehemalige Prostituierte, ehemalige Kartendealerin, ehemalige Betrügerin.

Red Cloud: Ute-Häuptling. Wurde als Chiricahua-Apache geboren und von den Navajos entführt, die ihn in einer Schlacht an die Utes verloren. Freund von Lily Smoot. Zog sich aus dem Navajo-Krieg zurück am Tage der Ermordung von Joseph Cummings. Wollte seinen Stamm in den Chiricahua-Bergen finden.

Joe Lincoln: Gehilfe auf einer Ranch. Als Sklave von einer Plantage in South Carolina geflohen.

Li’l Jack Madson: Gehilfe auf einer Ranch.

Johnson, der Mann in Schwarz: Kopfgeldjäger.

Danny Pinckney: Cousin des früheren Gouverneurs von South Carolina und Plantagenbesitzers William Aiken.

Nick O’Reilly: zwölfjähriger irischer Immigrant; verwaist und von den Smoots adoptiert.

Elly Burgess: junges Mädchen, von den Smoots in Fort Boise eingestellt.

Ben Childress: Rancher am Owyhee River, Oregon.

Dennis Martinez: Major, Siebte Kavallerie.

Lizzie, Mary: Zwei sechzehnjährige Mädchen, von den Smoots in Laramie, Wyoming eingestellt.



Prolog


Washington, D.C.

Kriegsministerium

17. und Pennsylvania Avenue

5. November 1862



Lieutenant Augustyn P. „Auggy“ Damours rannte aus dem Kriegsministerium hinaus und sprang die Stufen hinunter, die zur 17. Straße führten. Da ihn das helle Licht der Herbstsonne an diesem schönen Tag in Washington blendete, stieß er mit George Armstrong Custer zusammen, der gerade die Treppe heraufkam.

Captain Custer, tut mir leid, Sir“, sagte Damours, als sie sich gerade aneinander festhielten, damit sie nicht die Treppe auf die Straße hinunterfielen. Damours, vier Jahre älter als der zweiundzwanzigjährige Custer, war größer und hielt sich auch für besser aussehend. Beide trugen ihr lockiges Haar lang und zudem einen herabhängenden Schnurrbart. Der von Custer war blond, der von Damours dagegen tiefschwarz.

Schon in Ordnung, Auggy. Alles in Ordnung.“ Er schnappte nach Luft und richtete seine Uniformjacke. „Ich bin auf dem Weg zu General Canby. Ist er oben?“

Ja, er ist da, Captain“, antwortete Damours.

Tatsächlich war Damours soeben noch bei ihm gewesen, hatte vorgegeben krank zu sein und hatte ihm mitgeteilt, dass er beabsichtige, in New York einen Arzt aufzusuchen. Kurz zuvor hatte er einen Blick auf ein Telegramm werfen können, das Canby darüber informierte, dass U.S. Marshal Joseph Cummings unterwegs nach DC war, um ihn wegen einer Serie von Diebstählen und Unterschlagungen im Territorium von New Mexico festzunehmen. Damours plante deshalb, sich soweit wie möglich von Washington zu entfernen.

Übrigens, Auggy, ich nehme an, dass Canby Ihnen es noch nicht erzählt hat. Ich bin jetzt nur noch Lieutenant Custer. Lincoln hat gerade McClellan aus dem Oberkommando der Armee abberufen und ihn zurückgestuft. Damit wurde auch sein Adjutant zum Leutnant zurückgestuft. Canby wird mir neue Befehle erteilen. Merkwürdig, dass der General Ihnen das nicht erzählt hat.“

Um ehrlich zu sein“, log Auggy, „ich war in Eile und gab ihm dazu keine Gelegenheit. Tut mir leid, dass es so gekommen ist.“

Machen Sie sich mal keinen Sorgen, Auggy. „Ich werde Canby bitten, mich zur Kavallerie zurückzuversetzen. Da gehöre ich hin. Sie können diesen Schreibtisch und den unsinnigen Posten ganz alleine haben.“

Viel Glück bei dem Alten, George. Ich hoffe, Sie werden zur Kavallerie versetzt. Das Land wird es Ihnen danken.“

Die beiden schüttelten sich die Hände.

Wir sehen uns, wenn Sie wieder zurückkommen, Auggy.“

Ganz bestimmt“, log Auggy.

Custer setzte seinen Weg fort und stieg die Treppe hinauf ins Kriegsministerium, und Damours hastete auf die Pennsylvania Avenue zu. Wohin er wollte, wusste er im Augenblick noch nicht. Mit Custer werde ich in Zukunft nichts mehr zu tun haben, dachte Damours, als er nach links in die Pennsylvania abbog und an ein paar Rebellensoldaten vorbeiging, die von einer bewaffneten Eskorte der Zwanzigsten bewacht wurde. Dann verschwand er.

Ihm fiel ein, dass er Custer gar nicht gefragt hatte, wen Lincoln als Nachfolger von McClellan ernannt hatte. Dann wurde ihm klar, dass es ihn nicht mehr interessierte.

Der Krieg und die Army, mit beidem war er jetzt fertig. Jetzt war er ein Deserteur.




Teil I

COLORADO


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Kapitel 1

September 1863



Lily Smoot, dreiundzwanzig Jahre alt, löste ihre Beine aus der Umklammerung von Damours‘ Körper und lehnte sich an einen Felsen am Rande der heißen Quellen von Pah Gosah im Süden des Colorado-Territoriums.

Das war sehr, sehr schön, Auggy“, sagte sie dann. „Das habe ich ganz dringend gebraucht.“

Damours lächelte sie an, immer noch ganz außer Atem und sah, wie sich ihre Brüste in dem sprudelnden Wasser und dem Dampf auf und ab bewegten. Ihr langes, tiefschwarzes Haar lag nass über ihren Schultern und fiel auf ihren Rücken. Sie waren gerade innerhalb von zwei Wochen fast dreihundert Meilen von Pueblo Colorado im New Mexico-Territorium zu diesem Ort gereist, der den Ute-Indianern heilig war. Sie führten fast vierzigtausend Dollar mit sich, die sie gestohlen hatten, zunächst einmal von der U.S. Army im Territorium von New Mexico und der Katholischen Kirche. Danach hatten sie sich das Geld aus dem Gepäck des toten Mannes zurückgenommen, der ihnen geholfen hatte, es zu stehlen und der es später dann ihnen entwendet hatte. Bei dem Toten handelte sich um den U.S. Marshal Joseph Cummings. Der war jetzt ihr verstorbener früherer Partner, den ein schicksalhafter Unglücksfall tief in einem ausgetrockneten Flussbett im Navajoland dahingerafft hatte, als er und die Army versucht hatten, die Navajos einzukreisen.

Lilys Blick verdüsterte sich, als sie eine Gruppe von acht Indianern von Nordosten her auf sie zureiten sah. Sie waren am Ufer des San Juan River ein paar hundert Yards entfernt von ihnen aufgetaucht. Ihr Blick ging zu ihren eigenen Pferden und Maultieren, denen sie die Vorderbeine zusammengebunden hatten und die jetzt unruhig wurden.

Auggy“, sagte sie. „Gib mir bitte mein Gewehr herüber und nimm du auch deine Pistole und dein Gewehr. Dann schau über deine Schulter.“

Sind das unsere Utes?“, fragte er.

Glaub ich nicht. Sie sehen eher wie Navajos aus.“

Wo sind unsere Utes?“

Auf der Jagd. Und sie wollten uns mal etwas alleine lassen.“

Das mit dem Alleinsein klappt wohl nicht“, sagte er.

Die Indianer näherten sich mit ausgestreckten Händen. Alle ihre Waffen waren immer noch auf dem Rücken oder vor der Brust. Damours gab einen Schuss aus seinem Remington-Revolver in die Luft ab und bedeutete ihnen, dass sie Freunde seien, aber die Navajos kamen immer näher heran.

Dann feuerte Lily einen Schuss aus ihrem Sharps-Karabiner zwischen ihre Köpfe, und das brachte sie zum Halten. Sie waren höchstens noch fünfzig Yards von ihnen entfernt.

Damours signalisierte ihnen erneut, dass sie Freunde seien, Lily hingegen lud ihr einschüssiges Gewehr nach. Ihr Geschick in der Handhabung der Waffe beeindruckte die Indianer vermutlich mehr als Damours‘ Versuch, sich mit ihnen in einer Zeichensprache zu verständigen.

Dann rief einer der Indianer auf Spanisch: „Wir sind Dine. Navajo. Ihr habt nichts von uns zu fürchten. Wir sind bloß auf dem Weg zurück zu unserem Land im Südwesten.“

Die Utes, die sie hierher begleitet hatten, hatten sie gewarnt, dass die Navajos in dieser Gegend ihnen den Besitz der heißen Quellen streitig machen wollten, und sie sollten bei jedem Versuch der Kontaktaufnahme äußerst vorsichtig sein.

Damours runzelte die Stirn. Die Navajos schienen ihnen ihre Pferde und Maultiere wegnehmen zu wollen, und sie würden sich sicherlich auch für den Inhalt der Packtaschen interessieren. Sie würden sie wohl kaum gefangen nehmen, aber sie würden sie sicherlich töten, wenn sie sich ihnen in den Weg stellen würden.

Er hatte aber noch nicht das Gefühl, dass er ihnen im Weg wäre.

Die Augen aller Navajos richteten sich auf die Pferde und Maultiere des Paares, die hinter ihnen nervös mit den Hufen scharrten.

Eure Heimat liegt in dieser Richtung“, sagte Damours und deutet mit der Hand nach Süden, weg von den Pferden. „Da kommen wir gerade her.“

Die Hälfte der Indianer kam näher herangeritten, während die andere Hälfte den Weg nach Norden um das Wasserbecken nahm. Keiner der Navajos schien dem von Damours vorgeschlagenen Heimweg folgen zu wollen.

Ohne ein Wort zu verlieren schoss Lily den ersten der heranreitenden Indianer von seinem Pony. Damours feuerte seine Remington in die Gruppe der näherkommenden Krieger, dann gab er einen weiteren Schuss auf die zweite Gruppe ab. In dieser Zeit lud Lily nach.

Jetzt hielten die Navajos ihre Bogen und ihre Gewehre in den Händen. Ein Pfeil streifte Damours an der Seite, ein anderer ging zwar an Lilys Kopf vorbei, berührte aber ihre Haare. Damours feuerte noch mehrmals und traf einen Krieger, Lily schoss einen weiteren von seinem Pony.

Der Anführer der Navajos sprang ab und zielte mit einer Keule auf Lily, während sie nachlud. Damours feuerte, traf allerdings nicht. Der Navajo holte aus und schlug nach Lily. Sie stieß seinen Arm mit dem Gewehrlauf zur Seite, schoss, traf aber ebenfalls nicht. Dann packte sie ihn an den Haaren und zog ihn in das dampfende Wasser.

Damours drehte sich um und feuerte auf die Navajos hinter ihnen. Einen verwundete er. Dann sprang er hinüber, um Lily zu helfen. Als er neben den miteinander ringenden Gestalten stand, betätigte er den Abzug seines Revolvers, aber der klickte bloß. Der Indianer packte mit einer Hand Lilys Haar und zog im Wasser sein Messer. Damours schlug ihm mit dem Pistolengriff einmal, zweimal auf den Kopf.

Der Indianer ließ das Messer fallen und versank. Zusammen drückten Lily und Damours ihn weiter unter Wasser, so lange, bis er sich nicht mehr bewegte. Als Damours sich umdrehte, schlug ein Pfeil gegen den Felsen hinter Lily, und er sah, wie zwei Navajos hinter ihnen dabei waren, ihre Pferde zu stehlen. Der dritte richtete sein Sharps-Gewehr auf sie.

Plötzlich fielen Schüsse auf dem Berg südwestlich von ihnen. Die Utes, die sie begleiteten, preschten heran. Die vier übriggebliebenen Navajos stoben in alle Richtungen davon. Die Utes verfolgten sie und schossen mit Gewehren und Pfeilen auf sie, als ob sie eine Herde von Antilopen auseinandertreiben wollten.


*


Nachdem in dieser Nacht Lily und die Utes die Wunden von Damours verbunden hatten, saßen die Indianer am Lagerfeuer, rauchten und erzählten wilde Geschichten von den Verfolgungsjagden und den Kämpfen mit den vier Angreifern. So wie sie es darstellten, waren die vier Navajos wie Kaninchen über die Berge und durch die Wälder gerannt, aber die tapfereren, schnelleren Utes hatten sie alle stellen können und sie dann ins Jenseits befördert.

Diese Ute-Krieger hatten von ihrem Häuptling Red Cloud und von Kit Carson die Erlaubnis erhalten, den Einkesselungsring um die Navajos verlassen zu dürfen und in ihre alten Sommerjagdgebiete am Red Garden und bei den Manitou Springs zu ziehen. Danach sollten sie in die Cimarron-Reservation zurückkehren. Red Cloud hatte allerdings Kit Carson nicht mitgeteilt, dass er selbst nicht beabsichtigte, sich in die Reservation zu begeben. Stattdessen war er nach Süden in die Chiricahua-Berge geritten.

Wie weit ist es denn noch zum Roten Garten?“, fragte Damours, nachdem die Schilderungen und die Siegesfeiern vorüber waren.

Wir können in sieben Tagen dorthin reiten“, sagte einer der Utes, und alle nickten bestätigend. „Mit euch und euren schweren Taschen wird es aber mehr als zehn Tage dauern.“

Was gibt es denn am Red Garden?“, fragte Lily.

Dort gibt es viele heilige rote Felsen. Früher waren im Sommer dort die Bären. Das war, bevor der weiße Mann kam und sie tötete oder vertrieb. Der Red Garden war unser Jagdrevier im Sommer. Wir sind den Bären in allen Jahreszeiten gefolgt. Taos war unser Winterlager.“

Dann folgte ein langes Schweigen. Alle wußten, dass der Bär, dieses heilige Zeichen und die Grundlage für die Ute-Kultur, fast ganz von den Weißen vertrieben worden war und dass die Utes und auch die Jicarilla-Apachen besiegt worden waren. Jetzt lebten sie in einem Reservat im Territorium von New Mexico. Die Erlaubnis für diese zehn Krieger, die beiden Weißen zu ihrem Sommerlager zu bringen, war eine günstige Gelegenheit zur Jagd. Und dass sie ihnen gestattet hatten, in den heiligen Quellen von Pah Gosah zu baden, war das größte Zeichen für ihre Gastfreundschaft.

Bringt ihr uns dann nach Denver City?“, fragte Damours.

Nein, weiter nördlich als bis zum Red Garden ziehen wir nicht. Dort ist das Gebiet der Cheyenne. Wir reiten nach Taos zurück. Die Cheyenne werden uns töten wollen. Sie werden uns die Ponys wegnehmen. In Colorado City müsst ihr weiße Minenwächter anheuern. Das ist nur drei Tage zu Pferd entfernt. Die Cheyenne werden keine bewaffneten Minenwächter angreifen.“

Liegen die Cheyenne mit den weißen Siedlern im Krieg?“

Das könnte sein. Die Cheyenne überfallen unsere Leute immer noch. Sie werden sie haben wollen.“ Dabei deutete er auf Lily. „Sie wollen eure Pferde. Sie wollen wissen, was in euren Satteltaschen ist. Für die kurze Stecke werdet ihr viele Wachen brauchen, Glücklicher Weißer Mann.“

Wie hat er dich genannt, Auggy?“, fragte Lily.

Damours runzelte die Stirn. „Ach, nichts.“

Auggy Damours“, beharrte sie. „Wie hat er dich genannt?“

Damours sah zu dem Ute-Krieger hinüber, der ihn nur anlächelte.

Lily, diese Utes haben mir erzählt, dass Red Cloud dich zur Ehefrau wollte.“

Sie riss die Augen auf.

Als ihm klar wurde, dass du das wohl nicht wolltest, entschloss er sich, dich nicht dazu zu zwingen. Alle Utes wissen das. Seitdem nennen die Utes mich hinter Red Clouds Rücken den Glücklichen Weißen Mann.“

Nachdenklich blickte sie ins Feuer und dachte an ihren alten Freund Red Cloud.

Und wie nennen sie mich, Auggy?“

Das kann ich dir nicht sagen, Lily. Dieses Geheimnis hat Red Cloud vor zwei Wochen mit in die Chiricahua-Berge genommen.“


*


In dieser Nacht lagen beide zusammen neben den heißen Quellen und sahen zum sternenklaren Himmel empor.

Auggy, wie fühlt sich deine Verletzung an der Rippe an?“

Ach, das ist belanglos. Ich komme bald wieder in Ordnung. Nur ein kleiner Kratzer. Hätte schlimmer kommen können.“

Ich musste gerade über etwas nachdenken. Mir ist aufgefallen, dass beide Male, als wir Cummings gegenüberstanden und auch heute im Kampf gegen die Navajos du nicht von deiner alten Angst gelähmt worden bist.“

Darauf antwortete Damours nicht. Nach einigen Augenblicken lehnte er sich hinüber zu ihr und küsste ihr Haar.

Was hat sich verändert, Auggy?“

Mir ist nichts aufgefallen, deswegen habe ich auch nicht darüber nachgedacht. Was sich vermutlich geändert hat, ist, dass ich mir ein neues Leben vorstellen kann. Einerseits finanziell, andererseits gibt es auch dich. Und mit dir will ich mein Leben verbringen. Ich muss mir keine neuen faulen Tricks einfallen lassen, ich muss mir nicht überlegen, wie es weitergeht und ich suche mir kein neues Mädchen.“

Du hast also keine Angst mehr davor, jemand könnte auf dich schießen?“ Sie stützte sich auf ihren Ellbogen und sah zu ihm herab. „Hast du jetzt mehr zu verlieren?“

Ich habe dir gesagt, dass ich darüber noch nicht nachgedacht habe. Ich bin jetzt nicht mehr stocksteif vor Angst. Es gibt ja vielleicht eine Erklärung dafür. Du machst dir manchmal zu viele Gedanken, Lily.“

Sie legte sich wieder hin und sah zum Himmel empor. Seine Antworten beschäftigten sie sehr. Aber nach einiger Zeit kam sie nicht umhin, ein schwieriges Thema anzusprechen.

Oh, Lahmer Weißer Mann …“, begann sie, doch er schnitt ihr das Wort ab.

Glücklicher Weißer Mann, Lily. Lucky White Man. So heißt das, und das weißt du.“

Er stimmte nicht in ihr Gelächter mit ein.

Okay, dann kürze ich das eben als Lucky ab.“ Da er nicht reagierte, sprach sie weiter. „Mit deinem dichten schwarzen Bart und deinen langen Haaren wird niemand dich als den früheren Lieutenant Auggy Damours erkennen, zumindest nicht so lange, wie er dir nicht zu nahe kommt. Aber weil die Army und die Marshals immer noch hinter dir her sind, müssen wir deinen Namen ändern, Liebling.“

Zu Lucky?“

Nein, das war nur ein Scherz. Wie hat Red Cloud dich genannt?“

Ich dachte, du wüsstest das. ‚Der Häuptling der Diebe. ‘“

Sie lachte.

Und wenn ich zu Auggy Jones würde?“

Nein, Auggy. Du musst deinen ganzen Namen ändern. Überall im Westen wirst du steckbrieflich gesucht. Jeder könnte dich für das Kopfgeld abknallen.“

Wie soll ich dann deiner Meinung nach heißen?“

Etwas muss ich zuerst wissen.“

Sicher, Lily.“

Sind wir für alle Zeiten zusammen?“

Natürlich, Lily.“

Sie legte sich auf ihn. „Dann sind wir also ein Ehepaar jetzt. Gus und Lily Smoot.“




Kapitel 2

16. Mai 1864



Black Kettle hatte die Stellung als einer der vier Stammesältesten im Rat der vierundvierzig Cheyenne-Häuptlingen seit zehn Jahren inne. Für ihn hatte das genau am Tag des Sonnentanzes 1854 begonnen. Er war ein tapferer Krieger gewesen und jetzt, im Alter von einundsechzig, galt er als einer der bedeutenden Häuptlinge der Südlichen Cheyenne. Er hatte den Häuptlingsrat der Cheyenne und der Arapaho zum Lager am Smokey Hill River einberufen. Er und die anderen Häuptlinge wollten über die Möglichkeiten eines Friedensschlusses mit den weißen Soldaten sprechen und sie wollten erörtern, wie die jungen Krieger von den Angriffen auf weiße Siedler in Kansas und im Colorado-Territorium abgehalten werden konnten.

Zwei Monate zuvor hatten Black Kettle und die Häuptlinge mit Friedensabsichten die Kriegspfeifen abgelehnt, die ihnen die Lakota zugeschickt hatten. Sie waren gedacht als eine Einladung, sich den Sioux und den Nördlichen Cheyenne im Krieg gegen die Weißen anzuschließen. Einige der Häuptlinge und der Dog Soldiers, der Hundesoldaten, die als die aggressivsten Kämpfer der kriegerischen Cheyenne galten, lehnten Black Kettle ab. Sie wollten sich ihren nördlichen Stammesgenossen und den Sioux anschließen und die Siedler aus den Prärieebenen vertreiben.

Fast zweitausend Cheyenne und Arapaho waren zu diesen Lagern entlang des Flusses gekommen. Mehr als dreihundertundfünfzig Zelte waren überall am Flussufer in kreisförmiger Anordnung errichtet worden. Die Tipis der Cheyenne glänzten leuchtend weiß in der Prärie. Auf allen waren bunte Tierdarstellungen und Hieroglyphen aufgemalt.

Dutzende von Wölfen, Späher, saßen überall in den Hügeln und Arroyos ringsum und hielten Ausschau nach heranrückenden weißen Soldaten. Unter den teilnehmenden kriegsbereiten Häuptlingen der Südlichen Cheyenne waren Lame White Man, Black Coyote, Black Mocassin und sein Sohn White Bull.

Nachdem sich alle versammelt hatten, rauchten sie die Pfeife im Zelt von Back Kettle. Die Pfeife wurde an alle Häuptlinge des Rates weitergegeben. Jeder benutzte sie auf seine Weise, blies vier Rauchwolken in die Luft und gab sie dann nach dem vierten Mal an seinen linken Nachbarn weiter.

Alle hatten geraucht. Jetzt herrschte Stille im Zelt.

Schließlich sprach sich einer der jüngeren Häuptlinge für den Frieden aus.

Dann stellte ein anderer die Ereignisse der jüngsten Zeit dar, die Versuche, die immer größer werdende Zahl der Siedlungen zu bekämpfen, die Überfälle auf Wagenzüge, Soldaten und Forts.

Black Mocassin war der erste, der sich für den Krieg aussprach. „Wir begegnen den weißen Soldaten im Frieden. Dann brechen andere Weiße den Frieden. Manchmal sind es Soldaten. Manchmal Siedler. Unsere jungen weißen Männer jagen dort, wo die Weißen es uns erlauben. Und dann greifen sie dort weiße Siedler an. Aber wir sind nicht alleine. Die Nördlichen Cheyenne sind verbündet mit den Sioux. Sie sind von ihrem Land verjagt worden. Sie haben uns die Pfeifen geschickt, damit wir uns ihnen anschließen. Wir müssen zusammen kämpfen. Oder wir müssen zusammen im Frieden leben. Wenn wir uns spalten, werden die Weißen uns alle einen nach dem anderen besiegen.“

Nach langem Schweigen sprach sich Lame White Man ebenfalls für den Krieg aus. „Unser Volk ist zahlreich. Unser Volk zählte vierhundertundfünfzig Hütten beim Sonnentanz. Wir sollten uns unseren Brüdern von den Nördlichen Cheyenne und den Arapaho anschließen. Jetzt. Wir sind viele, und die Soldaten in den Prärien sind zu wenige, als dass sie uns besiegen könnten. Die Weißen verjagen die Büffel und die Antilopen. Ob unser Volk mit ihnen im Krieg liegt oder in Frieden lebt, spielt keine Rolle. Sie verbrannten eines unserer Dörfer, und das lebte in Frieden mit ihnen. Mehr als dreihundert unserer Leute verloren alles. Ihre Hütten. Ihren Besitz. Ihre Pferde. Dann wollten die weißen Soldaten die Waffen der Hundesoldaten wegnehmen. Wie können unsere Krieger jagen und uns mit Nahrung versorgen, wenn die Familien ohne Waffen sind?“

Bereits als ich ein kleiner Junge war“, sagte White Bull, „und als ich noch meinen Kindernamen trug, bereitete ich mich schon auf die Jagd vor. Jetzt tötet und vertreibt der weiße Mann die Büffel und die Antilopen. Ich bin mein ganzes Leben lang bereit zum Kampf gewesen, ich habe Mutproben abgeleistet, Feinde getötet. Wir sind die besten Krieger der Prärie. Jetzt will der weiße Mann, dass wir Felder bebauen. In unseren Hütten und Zelten herumsitzen. Die Arbeit unserer Frauen machen. Lasst uns zusammen die Kriegspfeife rauchen. Legen wir unsere Kriegsbemalung an und nehmen wir unsere stärkste Medizin. Dann legen wir unsere schönsten Hosen aus Hirschleder und unsere Hemden an. Lasst uns die heilige Feier der Pfeile durchführen. Und dann werden wir alle hinter den beiden Pfeilträgern hinausziehen, um gegen die Weißen zu kämpfen. Eines Tages werden wir alle durch irgendetwas sterben. Es ist besser, in der Prärie als Krieger zu sterben als hier in unseren Hütten, wo wir wie Frauen und Kinder enden müssen. So verlieren wir nur unseren Pfad.“

Als die Befürworter des Krieges ihre Ansprachen beendet hatten, ließ Starving Bear einige Augenblicke respektvollen Schweigens verstreichen. „Du hast recht, Lame White Man. Wir sind die besten Krieger in der Prärie. Alle anderen Stämme fürchten uns. Wir sind die besten Reiter. Die Utes fürchten uns. Auch die Crows, die Osage, die Apachen. Alle fürchten uns.“

Er wartete darauf, dass ihm alle zustimmten. „Ich habe den Großen Weißen Vater in Washington getroffen. Er gab mir diese Medaille. Er gab mir diese Papiere. Man sagt, wir würden mit dem Großen Weißen Vater Lincoln in Frieden leben. Ich habe die Weißen gesehen. Sie sind viele. Ihre Medizin ist sehr stark. Die Zahl der Weißen in irgendeinem ihrer Dörfer ist höher als die ganze Zahl unseres Volkes. Und es gibt viele Dörfer. Ich war da. Die Zahl ihrer Soldaten in Washington ist größer als die Zahl unserer Leute. Ihre anderen Soldaten sind überall. Ihr habt die Stärke der Weißen nicht gesehen. Wenn sie uns vernichten wollen, dann können sie es tun. Der einzige Weg unser Volk zu schützen ist, dass wir den Pfad des Friedens beschreiten. Meine Gruppe und ich gehen diesen Weg.“

Die meisten der anderen Häuptlinge sprachen sich dann für den Frieden aus.

Alle außer Black Kettle hatten gesprochen, und ein großes Schweigen legte sich über den Rat.

Alles, was jeder von euch gesagt hat, ist bereits bekannt“, begann Black Kettle. „Ich blicke nach links, ich blicke nach rechts und ich erkenne, dass alle Häuptlinge die Wahrheit sprechen. Seit vielen Jahren sehen und hören wir alle diese Dinge. Das haben auch schon unsere Väter und frühere Ratsversammlungen getan. Es kommen immer mehr Weiße. Sie kommen unaufhörlich. Starving Bear hat ihre Stärke erkannt. Einige Weiße bleiben hier. Einige gehen weiter nach Westen. Es kommen immer mehr. Unser Volk und die Tiere draußen werden immer weniger.“

Dann saß er für kurze Zeit schweigend da.

Gestern ritt ich alleine durch die Prärie. Überall wuchs üppig das Büffelgras. Soweit man sehen konnte. Bis zum Rande des Himmels. Es gab Antilopen. Es gab Falken und Adler. Ich sah keine Büffel. Das war ein Zeichen an mich von Maheo. Alles war ruhig. Alles war schön. Es war, als ob ich alleine auf der Welt wäre. Als ob ich der erste Mensch wäre. Oder der letzte.

Dann schlief ich alleine letzte Nacht in der Prärie. Es war eine Stelle, wo ich einen ungeheuer großen Büffelschädel fand. Sonst war da nichts in der Prärie. Nur dieser nackte Büffelschädel. Ich schlief unter einem wunderschönen Himmel und den Sternen. Mir gefielen die Sterne genau so sehr wie damals, als ich sie als kleiner Junge an der Seite meines Vaters zum ersten Mal sah. Als ob ich alleine auf der Welt wäre. Ich spielte leise einige Lieder auf meiner Flöte aus Adlerknochen, bis mein Pferd und ich einschliefen.

Ich wurde durch das Schnauben und Stampfen eines riesigen Büffels geweckt. Meine Flöte beruhigte uns beide. Den Bullen und mich. Rauchen wir miteinander, sagte ich. Er kniete nieder. Erst dann sah ich, dass sein Kopf genau so riesig war wie der Schädel neben mir. Ich blies meinen Rauch hinaus, erst zum Himmel, dann zur Großmutter Erde, dann in alle vier Himmelsrichtungen. Der letzte Rauch umkreiste seinen Kopf und er blies ihn zum Himmel empor.

Er sah an mir vorbei zum Südosten, dahin, wo die Sonnen aufgehen und der Tag beginnen würde. Dann drehte ich mich um und blickte ich in die Richtung, in die er geblickt hatte. Ich sah ein Dorf. Ein Dorf aus Tipis und den Holzhütten der weißen Männer. Alle irgendwie in einem Kreis angeordnet. Es gab Hunde und Pferde. Adler und Falke flogen umher. Es gab Antilopen und Hirsche auf den Wiesen in der Nähe des Dorfes. Rauch kam aus den rußverschmutzten Löchern in den weißen, bemalten Hütten der Cheyenne. Und Rauch kam aus den Hütten der Weißen. Für beide war alles gleich. Der Rauch kennt keinen Unterschied zwischen unserem Volk und den Weißen.

Aber es gab keine Büffel. Nirgendwo gab es Büffel in der Prärie.“

Er schwieg und sah dem aufsteigenden Rauch nach, wie er aus der Hütte abzog. „Als die Sonne aufging und ich erwachte, war der Büffelschädel immer noch da. Aber der Büffel war verschwunden. Und es gab keinen Hinweis darauf, dass er jemals da war. Der einzige Hinweis auf die Büffel in der ganzen Prärie war der große Büffelschädel.“

Wiederum saß Black Kettle schweigend da.

Lame White Man hat recht. Unser Volk umfasst vierhundertundfünfzig Zelte und mehr als sechshundert Krieger. Unser Volk ist vielleicht vier Mal so groß. Die Soldaten in Fort Larned haben uns erzählt, dass mehr als zehn Mal so viele von ihnen in einer einzigen Schlacht ihres Krieges gefallen sind. In einer Schlacht. Vierzig Mal so viel wie unsere Krieger in nur einer Schlacht.

Wenn die Weißen unser Volk auslöschen wollen, dann können sie es. Aber die meisten Weißen wollen Frieden. Die meisten unseres Volkes wollen auch Frieden. Manche Weiße kommen daher und belügen uns. Einige bestehlen uns. Einige Weiße zerstören unsere Tipis und unsere Dörfer. Und manche unserer jungen Männer haben Siedler getötet und ihre Wagenzüge angegriffen.

Wenn weiße Siedler angegriffen werden, dann kommen immer die Soldaten. Wir haben nicht viele junge Männer. Sie müssen durch die Jagd ihre Familien ernähren und die Feinde bekämpfen. Die weißen Soldaten sind zahlreich. Sie müssen nur ihre Feinde bekämpfen. Sie brauchen nicht zu jagen. Der Große Weiße Vater Lincoln sagt, er will Frieden. Viele seiner Soldaten sagen das auch. Aber wir wissen, dass einige der weißen Soldaten unser Volk angreifen. Das Kämpfen und Töten wird nur aufhören, wenn einer damit beginnt. Der Große Medizinmann sah vorher, dass eines Tages die Büffel verschwinden würden. Wenn der weiße Mann herkommt. Wir müssen lernen, mit den Weißen zu leben, auch in einer Zeit ohne Büffel.

Unser Volk wird nur überleben, wenn das Töten endet. Wir müssen die Ersten sein, die damit aufhören. Selbst wenn uns die Weißen belügen oder einige unseres Volkes töten. Unsere Verantwortung gilt dem ganzen Volk. Nicht nur den jungen Kriegern, die wir unser ganzes Leben lang gelehrt haben, zu jagen und zu töten. Unser ganzes Leben haben wir an den Feuern gesessen und den Alten zugehört, die uns von alten Kriegen und der Vergangenheit erzählt haben. Wenn unser heutiger Weg zum Ende unseres Volkes führt, müssen wir einen anderen Pfad beschreiten. Das ist die Verantwortung unseres Rates.“


*


Am selben Abend loderten überall Hunderte von Lagerfeuern, und die Familien der Südlichen Cheyenne und die Arapaho feierten und sprachen über den bevorstehenden Frieden. Selbst die, die den Krieg befürwortet hatten, waren voller Optimismus. Alle wussten, dass wenn sie in Frieden mit den weißen Siedlern und Soldaten leben würden und der Plan von Black Kettle umgesetzt würde, sie in ihr altes Leben zurückkehren könnten. Sie würden wieder Büffel jagen, den Utes und Pawnees die Pferde stehlen und über die Prärie ziehen.

Antelope, die siebzehnjährige Tochter von Black Mocassin, betrat die Hütte ihrer Familie.

Kann Thunder Bull zu uns kommen?“, fragte sie. Der siebenjährige Thunder Bull hatte sich ihr angeschlossen, als er vier war. So lange man sich erinnern konnte, war er an den meisten Tagen zu Antelope gekommen, wenn die Jungen zu müde zum Reiten und Jagen waren, und er hatte ihr immer Gesellschaft geleistet, wenn sie tagsüber und am Abend ihre Arbeiten verrichtete.

Ja, aber warum heute Abend?“, fragte Black Mocassin.

Sein Vater möchte, dass du ihm vom Treffen des Rates erzählst.“

Geht er danach zu seiner Hütte zurück?“

Ja, Großvater, das werde ich“, antwortete Thunder Bull.

Die beiden gingen um die am Feuer Sitzenden herum und hielten dabei einen achtungsvollen Abstand zu ihnen. Sie ließen sich vor Antelopes Lager auf den Grasmatten nieder, lehnten sich an die zusammengerollten Bisonfelle und saßen zur Linken von Black Mocassin.

Das Abendessen wurde jedem am Feuer gereicht.

Es heißt, dass wir jetzt in Frieden mit den weißen Soldaten leben, Vater“, sagte Antelope.

Ja“, antwortete Black Mocassin. „Wir haben uns heute für den Frieden mit den Weißen entschieden.“

Ich habe gehört, dass einige der Krieger sagten, die Hundesoldaten seien nicht einverstanden, Großvater“, bemerkte Thunder Bull.

Es herrschte Schweigen, solange das Essen noch herumgereicht wurde, und Black Mocassin überlegte sich eine Antwort.

Er lächelte dem kleinen Jungen zu. „Was hast du heute getan, Thunder Bull?“

Ich habe Kaninchen gejagt.“

Hast du auch welche erlegt?“

Ja, eines. Meine Mutter sagte, sie werde es für mich aufheben, wenn ich später zu meinem Zelt zurückkehre.“

Es ist gut, wenn man in einer schönen Nacht das Essen mit einem jungen Krieger teilen kann, Thunder Bull.“ Dann wendete er sich seiner Tochter zu. „Vielen Dank für deine Großzügigkeit, Antelope.“

Die beiden nickten respektvoll.

Es ist so, als ob die Menschen eine kleine Wiese in einem riesigen Wald wären. Wenn der Wald die kleine Wiese überwuchern will, dann muss er einfach nur wachsen. Er zerstört die Wiese. Die Wiese kann den Wald nicht aufhalten. Die Wiese muss lernen, mit den Kaninchen, den Hirschen und den Bären zu wachsen, und kleine Bäche müssen sie durchfließen. Sie muss lernen, mit dem ganzen Wald um sie herum zu leben.“

Alle aßen schweigend und hingen ihren Gedanken nach.

Werden die Krieger jagen dürfen und die anderen Stämme überfallen dürfen, wenn wir mit den Weißen Frieden schließen?“, fragte Antelope.

Die weißen Soldaten versprechen uns, dass unser Volk einen Teil unseres Landes abseits der weißen Siedlungen für die Jagd nutzen darf“, antwortete Black Mocassin.

Und wenn es da keine Büffel gibt, was werden die Krieger dann tun?“, fragte Thunder Bull.

Black Mocassin nickte seiner Frau und seinen Söhnen zu, dann sprach er zu Thunder Bull. „Alle Menschen sehen dieses Problem. Aber nur kleine Jungen wagen es zu fragen. Das habe ich gemeint, Thunder Bull, als ich sagte, der Rat ist für alle Menschen unseres Volkes verantwortlich. Der Rat glaubt, dass wenn wir Krieg gegen die Weißen führen, wir nur verlieren können. Unser Volk wird vielleicht sogar vernichtet werden.

Wir sind die besten Reiter und die tapfersten Krieger in der Prärie. Aber unsere Zahl ist klein. Einigen jungen Männern gefällt das nicht. Einige wollen den alten Pfad beschreiten. Den Pfad, auf den sie sich vorbereitet haben. Den Pfad der Jagd und des Kampfes. Sie wollen lieber als junge Krieger im Kampf sterben als später, wenn sie als alte Männer in ihren Hütten sitzen.

Und durch den Kampf werden sie die Weißen dazu bringen, dass sie noch mehr Angehörige unseres Volkes töten. Einige der bösen Weißen werden Menschen unseres Volkes auch dann noch töten, wenn wir uns zum Frieden entschlossen haben. Aber wir haben uns für den Frieden entschieden in der Hoffnung, dass wir einen neuen Lebensweg für unser Volk finden.

Ein Lebensweg, der nicht dazu führt, dass die Wiese vom Wald überwuchert und zerstört wird.“


*


Der nächste Tag begann wie jeder andere im Cheyenne-Dorf. Die Jungen und die Krieger badeten bei Tagesanbruch im Fluss, und die Frauen schütteten das Schmutzwasser vom Tage zuvor aus und holten frisches Wasser für das Dorf. Danach bereiteten die Frauen das Frühstück zu und alle aßen.

Aber dann rasten die Wölfe, die Wachposten, ins Lager und verkündeten, dass sich eine lange Schlange berittener weißer Soldaten auf sie zu bewege.

Die Ausrufer liefen durch das Lager und schrien: „Soldaten kommen! Soldaten kommen! Junge Männer, bereitet euch darauf vor, den Soldaten entgegenzutreten!“

Die jungen Männer rannten zu ihren Tipis und begannen rasch damit, sich ihre Gesichter zu bemalen. Sie legte ihre beste Kleidung an. Sie schickten ihre Schwestern und ihre kleinen Brüder hinaus, sie sollten ihre Kriegsponys herbeiholen. Jeder hängte sich seine stärkste Medizin um und bereitete sich auf seine Weise auf den Kampf vor.

Während alle Menschen im Lager geschäftig herumliefen und die Auseinandersetzung mit den weißen Soldaten erwarteten, besprachen sich Black Kettle und Starving Bear mit zweien der Wölfe.

Es kommen viele Soldaten. Sie haben Kanonen.“ Beide zeigten nach Westen.

Wie viele Soldaten?“, fragte Black Kettle.

Viele. Aber weniger als hundert.“

Wie viele Kanonen?“

Zwei.“

Greifen sie uns direkt an, oder ziehen sie nur vorbei?“

Sie ziehen nur vorbei. Sie haben das Dorf noch nicht gesehen.“

Black Kettle und Starving Bear ritten zu allen Häuptlingen, um sie daran zu erinnern, dass Frieden mit den Weißen herrschte. Daran erinnerten sie auch diejenigen, die für den Krieg gesprochen hatten und jetzt kampfbereit auf ihren Pferden saßen.

Eure jungen Männer sollen nicht angreifen“, teilte Starving Bear jedem von ihnen mit. „Die Frauen sollen die Zelte noch nicht abbrechen.“

Jeder der Häuptlinge teilte dann seinen Kriegern mit, dass es vielleicht keinen Kampf geben würde.

Starving Bear, Black Kettle und Lame White Man führten ihre sechshundert berittenen Krieger zu den Bergkämmen westlich des Dorfes, dorthin, von wo die Wölfe den Anmarsch der weißen Soldaten beobachtet hatten.

Starving Bear und mehrere Dutzend Krieger ritten auf den höchsten Berg hinauf. Von dort aus hatten sie die heranrückende Kavallerie am besten im Blick.

Als die Kavalleristen Starving Bear und seine Krieger auf dem Hügelkamm ausmachten, formierten sie sich zu ihrer Schlachtordnung und brachten ihre Kanonen in Stellung.

Aber Starving Bear ritt hinunter zur Kavallerie und deutete ihnen an, dass er in friedlicher Absicht komme. Er führte das Schreiben und die Medaille von Präsident Lincoln mit sich. Als er sich den Soldaten näherte, hielt er ihnen beides entgegen.

Als er vor ihnen stand, hielt er an und hob eine Hand als allgemeingültige Geste des Friedens in der Prärie.

Der Lieutenant jedoch, der die Kavallerieeinheit befehligte, rief nur: „Feuer!“

Die Soldaten eröffneten das Feuer auf die Indianer auf dem Hügel und auf Starving Bear. Er starb als erster im Geschosshagel. Als die Indianer den Hügel herunter strömten und Pfeile auf die Soldaten schossen, feuerten diese weiter.

Jetzt kamen sechshundert heulende Krieger die Abhänge herunter, überschütteten die Soldaten mit Pfeilen und gaben Schüsse aus ihren Sharps-Karabinern ab. Die überraschten Soldaten waren umzingelt und einem Massaker hilflos ausgeliefert.

Halt sie zurück, Lame White Man!“, schrie Black Kettle, als die beiden nebeneinander den Hügel hinunter preschten. „Folge mir. Wir müssen sie zurückhalten, bevor es zu spät ist!“

Black Kettle lenkte sein Pferd zwischen die eingekesselten Soldaten und die wütenden Cheyenne. Vermittelnd ritt er zwischen beiden hin und her.

Aufhören!“, rief er den Cheyenne-Kriegern zu, als er mit dem Rücken zu den Soldaten stand. „Hört auf zu kämpfen. Wir sind im Frieden mit den weißen Soldaten.“

Er und die anderen Häuptlinge ritten immer wieder hin und her und trieben die zögernden Krieger weg von den Soldaten, bis das Schießen endete.

Lame White Man! Black Mocassin! Es herrscht kein Krieg!”

Sie haben unseren Frieden gebrochen“, entgegnete Lame White Man wütend. „Sie haben Starving Bear getötet!“

Der Friede besteht nur in den Köpfen der Cheyenne-Häuptlinge“, fügte Black Mocassin hinzu. „Der weiße Mann weiß nichts von diesem Frieden. Unsere jungen Krieger vermögen deinen Frieden nicht zu erkennen.“

Dann müssen wir zu den Soldaten reiten und es ihnen sagen“, antwortete Black Kettle.

Die anderen Häuptlinge blickten auf die Leichen von Starving Bear und ihrer Krieger.

Dann reite du“, sagte Lame White Man. „Es ist der Frieden der Häuptlinge. Du sprichst für uns alle. Sehen wir, ob die weißen Soldaten deinen Frieden wollen. Wenn nicht, dann werden sie uns zeigen, dass es ein guter Tag zum Sterben ist, Black Kettle.“

Black Kettle wendete sein Pferd und ritt den Hang hinunter auf die Soldaten zu. Dabei hielt er seine rechte Hand hoch. Vor ihm lagen vier tote Soldaten und neben Starving Bear noch zwei Cheyenne-Krieger.

Neben dem Leichnam von Starving Bear hielt er an.

Der Lieutenant ritt herbei.

Ich bin Black Kettle vom Volk der Cheyenne. Wir sind im Frieden mit dem weißen Mann.“

Viele Indianer töten die weißen Siedler und kämpfen gegen die Soldaten“, antwortete der Offizier.

Aber wir leben in Frieden und wollen im Frieden bleiben.“ Er deutet auf den Leichnam des Häuptlings. „Starving Bear kam und wollte euch das mitteilen. Er besaß eine Medaille und eine Botschaft vom Großen Weißen Vater Lincoln, die bewies, dass er ein Häuptling des Friedens war.“

Der Lieutenant winkte einen Soldaten herbei.

Schauen Sie nach, was der Indianer bei sich trägt“, sagte er.

Der Soldat stieg ab, hob die Medaille und das Schreiben auf und überreichte beides dem Lieutenant. Dann stieg er wieder auf.

Der Lieutenant warf einen Blick auf beides, dann betrachtete er die vielen hundert Krieger, die die Soldaten bedrohten.

Ich habe keine Erlaubnis, mit euch Frieden zu schließen. Ich bin hergeschickt worden, um die Cheyenne zu bestrafen, die unaufhörlich die weißen Siedler angreifen. Die Gouverneure haben uns um Schutz vor den Cheyenne gebeten.“

Wer ist denn bei den Weißen der Häuptling, der den Frieden aushandelt? Vater Lincoln sagt, es herrsche Frieden. Und wir sagen, es ist Frieden.“ Er zeigte auf den Brief.

Der Lieutenant zuckte mit den Schultern. „Dann musst du mit dem Gouverneur verhandeln und dem Frieden zustimmen.“

Das haben wir bereits getan. Und das haben wir auch mit den Soldaten bei Medicine Lodge getan.“

Wieder zuckte der Lieutenant mit den Schultern und blickte auf die Krieger auf den Hügeln.

Das liegt jetzt bei euch“, sagte Black Kettle. „Viele meiner jungen Männer werden Rache nehmen wollen für das, was ihr heute hier angerichtet habt.“ Er deutet auf die drei toten Cheyenne.

Der Lieutenant warf einen Blick auf seine Soldaten hinter ihm, dann auf die Cheyenne-Krieger um ihn herum.

Meine jungen Krieger sind überzeugt, es sei ein guter Tag zum Sterben“, sagte Black Kettle. „Viele glauben ohnehin nicht an den Frieden, den die Häuptlinge geschlossen haben. Ich denke, wenn wir alle eure Soldaten hier töten, werden noch ein paar mehr meiner Krieger sterben. Viele, viele andere Cheyenne werden sterben, wenn noch mehr Soldaten kommen. Aber meine jungen Männer haben recht. Es ist wirklich ein guter Tag zum Sterben.“

Black Kettle lenkte sein Pferd von dem Lieutenant weg und saß regungslos da.

Auch der Lieutenant saß lange Zeit auf seinem Pferd ohne sich wegzubewegen. Dann wendete er und ritt zu seiner Einheit. Danach kehrte er zurück und log: „Ich werde den Gouverneuren und den Soldaten im Fort sagen, dass ihr den Frieden wollt.“

Seinen Soldaten befahl er den Abmarsch. Sie zogen nach Westen davon und nahmen ihre Gefallenen mit.

Black Kettle begab sich wieder zu den wartenden Cheyenne.

Schweigend beobachteten sie, wie alle Soldaten aufbrachen.

Du bist sehr tapfer gewesen, Black Kettle“, sagte Lame White Man anerkennend.

Du hast die Leben vieler Menschen gerettet“, fügte Black Mocassin hinzu. „Heute und in der Zukunft.“

Vielleicht“, antwortete Black Kettle. „Das werden wir sehen.“




Kapitel 3

31. Mai 1864




Kann ich euch wirklich nicht davon überzeugen, noch hier zu bleiben?“, fragte der alte Rancher. Unter der Krempe seines schmutzigen braunen Cowboyhuts richtete er seine Augen auf Lily und betrachtete sie auf ihrem Pferd. „Es ist unmöglich, hier draußen gute Hilfe zu bekommen und zu behalten. Ihr vier habt noch eine ganze Menge über das Geschäft mit den Rindern zu lernen.“

Lily und Gus hatten sechs Monate lang am Fuß der Rockies westlich von Denver City verbracht und für den alten Rancher gearbeitet. Lily hatte Damours davon überzeugt, dass es der beste Weg, wenn nicht sogar der einzige sei, etwas über die Führung einer Ranch zu lernen. Schließlich bereiteten sie sich darauf vor, im Washington-Territorium eine Ranch aufzubauen. Es sollte die Traumranch werden, die Auggy ihr versprochen hatte.

Stimmt schon, wir müssten noch mehr von dir lernen“, sagte Lily. „Aber wir ziehen entweder jetzt los oder wir warten noch ein Jahr. Im Winter finden wir niemanden, der uns über den Oregon Trail führt.“

Schon, schon, aber du und Gus und die zwei Jungen hier werden nicht weit kommen, wenn die Cheyenne weiterhin kleine Siedlergruppen zwischen hier und Fort Laramie angreifen. Ihr werdet mehr als diese beiden brauchen, wenn ihr dahin kommen wollt, Lady! Außerdem, es ist keine gute Idee, dass ihr den Bären da hinten auf den Wagen festgebunden habt, wo so viele Angreifer um euch herum sind. Die wollen alle mal nachsehen. Vielleicht wollen sie ihn sogar für sich selbst.“

Gus hatte im September einen riesigen Grizzly außerhalb von Colorado City geschossen, während sie auf einen Geleitschutz nach Denver City gewartet hatten. Eine kleine Gruppe von Cheyenne, die gerade nach Süden zog, hatte in ihrem Auftrag das Fell abgezogen, dafür durften sie alles andere behalten. Gus hatte einen Händler bezahlt, damit er das Fell haltbar machte, und zusammen hatten sie eine Art Halterung dafür hinten an ihrem Wagen angebracht. Und da befand er sich jetzt, aufrecht stehend, Vorderbeine und Pfoten erhoben, scheinbar ein böses Brummen in der Kehle und blickte immer nach hinten, dahin, wo sie hergekommen waren.

Lily blickte nach hinten zum Bären, den sie in einem verrückten Moment Auggy den Bär genannt hatte. „Um ehrlich zu sein“, sagte sie, „bis jetzt war er nur eine Besonderheit für alle, für Indianer, Rancher, Stadtmenschen und Cowboys gleichermaßen. Sie benehmen sich alle so, wie du und deine Mädels und deine Arbeiter am ersten Tag. Sie kommen herbei gelaufen und wollen Auggy den Bären sehen und alles über ihn wissen. Mach dir mal keine Sorgen um uns. Auggy ist die gute Medizin für Gus und mich. Das sagen uns alle Indianer.“

Okay, du musst es wissen, Lily. Ihr seid gute Arbeiter und ihr habt schnell gelernt. Ihr werdet uns fehlen. Passt gut auf euch auf, hier und auf dem Oregon Trail. Die Cheyenne sind verrückt und nicht so freundlich wie eure Ute. Sie verehren keine Bären. Manche finden es gar nicht lustig, dass Siedler durch ihr Land reisen, und sie werden vielleicht wissen wollen, wie wirkungsvoll eure Glücksmedizin ist.“

Vielen Dank für eure Hilfe.“ Sie tippte an die Hutkrempe. „Wir schreiben euch einen Brief aus dem Washington-Territorium. Vielen Dank auch an deine Frau für ihre Gastfreundschaft.“

Sie wendete sich dann zu Gus und den beiden angeworbenen Helfern und führte ihre kleine Gruppe nach Nordwesten, hin zum South Platte River und nach Fort Laramie. Dort wollte sie sich einem größeren Wagenzug anschließen, der nach Westen ins Washington-Territorium reiste.

Sie, das waren Lily, Gus, ein Planwagen, zwei Cowboy-Gehilfen, einer davon ein ehemaliger Sklave aus South Carolina und der andere ein Junge aus Missouri, und dazu Auggy, der riesige schwarze Grizzlybär, der sie hinten bewachte.

Und die vierzigtausend Dollar, die sie Cummings weggenommen hatten und die jetzt in den Hinterbeinen und im Körper von Auggy dem Bären versteckt waren.




Kapitel 4

6. Juni 1864




Joe Lincoln, der von einer Reisplantage in South Carolina geflohen war, rannte so schnell wie er konnte zu Lily und Gus.

Ärger?“, fragte der andere Cowboy, „Li’l Jack“ Madsen.

Lincoln zügelte sein Pferd direkt vor dem Wagen. „Indianer. Kommen uns entgegen. Haben wohl eine Herde Pferde gestohlen.“

Ist irgendjemand hinter ihnen her?“, fragte Gus.

Konnte niemanden sehen. Es könnten um die fünfzig sein, die die Pferde in vollem Galopp treiben.“

Wie viel Zeit haben wir noch?“, fragte Lily.

Drei oder vier Minuten, Miss Lily.“ Lincoln sah sich um. „Die Pferde werden vermutlich direkt zum South Platte getrieben. Dort drüben hin.“ Er deutete hinüber nach links. „Wenn wir es schaffen, in die Schlucht auf der anderen Seite des Hügels zu kommen, sehen sie uns vielleicht nicht.“

Wenn sie nicht alle am Fluss anhalten und sich umsehen“, meinte Lily, als sie den Wagen zur Schlucht lenkten.

Sie verbargen ihn so gut wie sie konnten und nahmen ihre Positionen ein. Lincoln and Li’l Jack versteckten sich im Gebüsch oben auf dem Hügel, Lily und Gus hinter dem Wagen unterhalb von ihnen. Dann hörten sie das Donnern der Hufe und die Schreie der Indianer.

Sie warteten.

Die gestohlene Herde rannte unmittelbar zum Fluss, ein paar Indianer ritten seitlich davon, und dahinter kamen zwei oder drei Dutzend Reiter.

Cheyenne?“, fragte Li’l Jack.

Sieht so aus“, antwortete Lincoln.

Haben sie Gewehre?“

Nein, nur Bogen über der Brust und Köcher auf dem Rücken.“

Die vier beobachteten regungslos, wie die Pferde, die Ponys der Indianer und die gestohlene Herde die Vorderbeine spreizten, die Köpfe senkten und durstig von dem trüben, aufgewirbelten Wasser tranken. Einige der Cheyenne lehnten sich zur Seite, formten die Hände zur Muschel und tranken ebenfalls.

Jetzt sahen sich ein paar von ihnen um. Einige machten ein paar Schritte vom Ufer weg, andere erkundeten die unmittelbare Umgebung zu Pferd.

Nur schießen, wenn nötig“, sagte Gus.

Erst wenn ich es sage“, fügte Lily hinzu.

Die Indianer hatten keine Eile und wohl auch keinen genauen Plan. Lincoln hatte ihr Versteck gut ausgesucht. Sollten die Indianer die Nacht hier verbringen wollen, bestünde für die Reisenden die Gefahr entdeckt zu werden. Wenn sie weiterzögen, die kleine Gruppe aber entdeckten, dann müssten sich die Indianer zwischen einem Feuergefecht und dem Weitertreiben der Pferde entscheiden. Ein Kampf könnte bedeuten, dass die Herde verlorengehen würde. Außerdem konnten sie nicht wissen, ob die kleine Gruppe wirklich ganz alleine war.

Jetzt kamen drei Indianer auf sie zu. Vielleicht wollten sie sich vom Hügel aus einen Überblick über die Gegend verschaffen, vermutete Lily.

Ganz ruhig bleiben!“, murmelte Gus.

Die Indianer kamen ihnen bis auf fünfzig Yards nahe. Das vordere Pony blieb stehen. Vielleicht roch es ihre Pferde, vielleicht hatte der Reiter ihre Wagenspuren gesehen und deswegen sein Pony gezügelt.

Er sagte etwas zu den beiden anderen. Die Reiter waren jetzt gewarnt, sie blieben nicht als Gruppe zusammen, sondern positionierten sich auf der rechten und der linken Seite.

Niemand bewegte sich, alles blieb still.

Zeigen wir uns!“, befahl Lily, ging auf ein Knie und richtete ihr Gewehr auf den vordersten der Indianer.

Lincoln und Li’l Jack traten jetzt aus ihrem Versteck und hatten ihre Henry-Repetiergewehre angelegt, während Gus sein Pferd mit dem daran hängenden Sharps-Karabiner herbeizog.

Der vorderste Indianer gab ihnen ein Zeichen, dass sie in friedlicher Absicht gekommen waren.

Gus deutete ihnen an, dass sie ebenfalls friedlich seien. Aber er zeigte ihnen auch, dass vielleicht Blauröcke hinter ihnen waren. Mit der Hand wies er zum Horizont im Süden, dann mit seinem Gewehr auf den mittleren Indianer.

Die drei Indianer schwärmten aus in dem etwas hilflosen Versuch, die vier einzukreisen. Das lenkte die Aufmerksamkeit ihrer Kameraden auf sie. Etwa ein Dutzend von ihnen trabte herbei und wollte nach dem Rechten sehen. Der vorderste der Indianer sprach mit einem anderen. Der schien der Anführer der ganzen Gruppe zu sein. Dieser neue Anführer blickte auf Gus und Lily von seinem Pferd herab, dann zu der gestohlenen Herde und den anderen Kriegern.

Glaubst du, die haben auch uns hier oben gesehen?“, fragte Lincoln.

Nein“, murmelte Li’l Jack.

Die Indianer trieben ihre Herde zusammen, danach über den Fluss. Dann kehrten zehn von ihnen zu der kleinen Gruppe zurück. Etwas dreißig blieben bei den gestohlenen Pferden.

Zwanzig gegen vier, dachte Lily. Aber Lily war sich sicher, dass sie glaubten, sie wären nur zu zweit. Es würde eine schöne Überraschung geben, wenn sie entdeckten, dass sie zu viert waren.

Der Anführer kam auf sie zu und zeigte ihnen noch, dass die Indianer keine kriegerischen Absichten hätten. Als er fragte, ob sie alleine seien, verneinte Gus dies und deutete wiederum auf die nicht vorhandenen Blauröcke hinter ihnen.

Wie viele?“, fragte der Indianer in Zeichensprache.

Hundert. Vielleicht mehr.“

Der Indianer starrte sie regungslos an.

Seid ihr Cheyenne?“

Er nickte. Dabei überlegte er sich, was er tun sollte.

Zuletzt ritt er zu seinen zwanzig Kriegern zurück. Die Neugierde hatte ihn gepackt. Deshalb schickte er zehn seiner Männer nach links, zehn nach rechts und schrie ein Kommando, als er seinem Pony in die Flanken trat. Er preschte nach rechts und wollte einen besseren Blick auf Lily und Gus haben.

Lily hingegen wollte kein Risiko eingehen und die Entscheidungen einem anderen überlassen. Sie schoss den Anführer von seinem Pony. Gus feuerte aus seiner sicheren Position hinter dem Wagen und verwundete zwei Krieger. Lincoln erledigte einen auf der rechten Flanke, und Li’l Jack dünnte diese Seite weiter aus, indem er noch einen weiteren von seinem Pferd schoss. Zwei leicht verwundete Indianer flohen zurück zur Herde am Fluss.

Der Verlust ihres Anführers und vierer ihrer Krieger, das unerwartete Auftauchen der beiden Schützen auf dem Hügel und die Erscheinung eines Wesens, das wie ein Bär aussah, all das zusammengenommen sorgte dafür, dass die verbliebenen Krieger in Richtung des Flusses flohen.

Die vier Siedler erhoben sich. „Keiner verletzt?“, fragte Gus, bekam aber nur dreimal ein stummes Kopfnicken als Antwort.

Einer der Cheyenne-Krieger sah aus, als ob er getötet worden wäre, aber zwei weitere, darunter auch der Anführer, waren nur verwundet und versuchten gerade, ihre Ponys zu besteigen.

Lincoln und Lily lenkten ihre Pferde zu ihnen hin und hatten ihre Waffen gezogen.

Die beiden Indianer standen vor ihren Ponys, hielten die Zügel mit einer Hand, mit der anderen fassten sie sich an ihre Schusswunden. Blut tropfte zwischen ihren Finger hervor. Keiner verzog eine Miene angesichts der weißen Frau über ihnen, des riesigen schwarzen Mannes, der auf sie zuritt, oder des ungeheuerlichen schwarzen Bären hinter ihnen.

Sie schienen auf ihr Ende zu warten.

Die Blauröcke haben wohl das Schießen gehört. Nehmt eure Herde mit und verschwindet, so schnell ihr könnt“, sagte Lily und deutete nach Norden.

Erschießen Sie sie, Miss Lily“, forderte Lincoln.

Nein, Lincoln.“ Lily zügelte ihr Pferd, als sie die beiden Indianer umkreiste. „Es ist besser so.“

Vielleicht nicht. Sie wollen möglicherweise unseren Wagen und unsere Pferde.“

Die Möglichkeit hatten sie.“

Und sie wollen vielleicht auch Sie.“ Er deutete auf den Anführer, der Lily anstarrte.

Hilf ihnen auf ihre Ponys, Lincoln“, wies sie ihn an.

Ungefähr dreißig Indianer auf einer Seite und Gus und Li’l Jack auf der anderen starrten auf die vier.

Lincoln neigte sich hinüber zu dem Krieger und hob ihn hoch. Der stöhnte, hielt sich aber sicher mit seinem unverletzten Arm fest. Der Anführer starrte den Schwarzen an, der fast zweimal so groß war wie er selbst.

Euer Bär ist eine gute Medizin“, sagte der Anführer der Cheyenne zu Lily und starrte wieder Lincoln an.

Das sagt uns jeder“, antwortete sie.

Danach ritten sie und Lincoln zurück zu Gus und Li‘l Jack. Die abziehenden Indianer würdigte sie keines Blickes mehr.


*


Die vier saßen vor dem Feuer. Sie hatten gesehen, wie die Cheyenne mit ihren gestohlenen Pferden am Horizont verschwanden. Dann waren sie zehn Meilen in die entgegengesetzte Richtung gefahren, bevor sie für die Nacht lagerten.

Wie siehst du unsere Aussichten, dass wir das Washington-Territorium erreichen; Gus?“, fragte Li’l Jack.

Gus zuckte mit den Schultern und sah dann zu Lily. „Wenn wir erst einmal in Fort Laramie sind, wird alles gut.“

In Denver City haben sie uns schon gewarnt“, sagte Lincoln. „Die Cheyenne werden immer wütender darüber, dass die Soldaten und die Siedler sich zusammentun, um sie zu töten. Der Angriff kam nicht überraschend. In Denver hat man uns schon gesagt, wir seien Spinner.“

Lily hörte zu, wie die Männer das Problem erörterten. Alle vier konnten gut mit Schusswaffen umgehen. Sie hatten sich die modernsten Gewehre und Pistolen gekauft und waren davon überzeugt, dass sie genug Munition mit sich führten, um jede Bande von angreifenden Cheyenne im Colorado-Territorium abzuwehren. Zumindest war das so, bis die Händler begannen, auch den Indianern die neuesten Waffen zu verkaufen. Diese Cheyenne hatten nur Messer, Kriegskeulen und Pfeil und Bogen gehabt. Merkwürdig. Das konnte bedeuten, dass sie Teil einer größeren Streitmacht waren und mit der gestohlenen Herde nur vorausgeschickt worden waren.

Beim nächsten Mal würden sie nicht so glimpflich davon kommen.

Die der Männer unterhielten sich gerne über ihre Kämpfe, darüber, was sie besser machen konnten, was sie gelernt hatten. Es stärkte ihr Selbstbewusstsein. Deshalb ließ sie sie darüber reden. Sie wussten, sie konnten sich aufeinander verlassen.

Die Sache mit den Indianern was allerdings belastend. General Carleton hatte Carson befohlen, die Navajo im Territorium von New Mexico einzukreisen. Jeder verstand das. Die Navajo hatten ein ganzes Jahrhundert damit verbracht, New Mexicans zu überfallen und zu töten, aber auch Weiße und all die anderen Stämme. Sie hatten damit nicht aufgehört und hatten mittlerweile alle Freunde verloren. Die Cheyenne hier in der Prärie lebten davon, dass sie Büffel und Hirsche töteten. Und jetzt brachten ihnen die Weißen noch anderes Jagdwild, nämlich Rinder und Pferde. Das Beste wäre wohl, wenn man die Indianer sich selbst überlassen würde, so lange sie nur gegeneinander kämpften und gelegentlich den neuangekommenen Siedlern das Vieh stahlen. Es war genug für alle da.

Aber zwei Menschen und einen einsamen Wagen anzugreifen ergab keinen Sinn. Die Indianer und die weißen Siedler würden ja vielleicht einen Weg finden zusammenzuleben. Aber das würde nicht gehen, wenn die Indianer die weißen Siedler ohne Anlass töteten. Aber vielleicht gab es Anlässe. Die Weißen ließen ihnen wohl keine Wahl, weil sie sie von ihrem Land vertrieben und ihre Büffel und Hirsche töteten.

Im Washington-Territorium würde alles besser sein.

Natürlich nur, falls sie dahin kamen.

Ihr fiel auf, dass die Männer sich nicht mehr über das heutige Abenteuer austauschten.

Hey Joe, wie bist du denn aus der Sklaverei geflüchtet?“, fragte Li’l Jack.

Die alte Geschichte habe ich dir doch schon vor langer Zeit erzählt“, antwortete Lincoln.

Nein, hast du nicht. Aber du behauptest andauernd, du hättest sie mir erzählt, aber das hast du nicht.“

Lincoln betrachtete Lily mit einem unguten Gefühl. Dann zuckte er mit den Schultern. „Vor einem Jahr arbeitete ich auf der Reisplantage von Gouverneur Aiken bei Charleston. Wir waren so ungefähr siebenhundert. Die meisten arbeiteten auf den Reisfeldern. Die anderen waren in den großen Häusern auf den Inseln und in Charleston. Das war die größte Reisplantage, die ich jemals gesehen hatte.“

Bist du in Afrika geboren?“, fragte Madsen.

Nein. Aber meine Mama und mein Großvater, der Vater meines Vaters. Wir haben als Kinder immer Geschichten von Afrika gehört, als wir im Haus arbeiteten. Nachdem ich an Gouverneur Aiken verkauft worden war, sah ich meine Mama und meinen Daddy nie wieder. Darum wird es schwieriger, sich an diese Geschichten zu erinnern.“

Lincoln blickte fröstelnd auf die große dunkle Ebene hinaus. „Im letzten Sommer gab es ein Gerücht, dass eine ganze Armee von Schwarzen aus Massachusetts ein Fort angegriffen hätte, Battery Wagner. Das liegt bei Charleston am Meer, etwa vierzig Meilen weiter nördlich. In einer Nacht, die so schwarz war wie heute, sind etwa ein Dutzend junger Männer allein oder zu zweit aus unseren Hütten davongelaufen. Auf dem Weg nach Edisto Island hat Big George am Wasser zwei der Hunde getötet. Das war da, wo die Gullahs ihre Boote liegen haben, die sie zum Fischen benützen.“

Was ist ein Gullah?“, fragte Lily.

So heißen die Sklaven dort drüben auf Edisto, Miss Lily.“

Das haben wir schon tausend Mal besprochen, Lincoln. Du arbeitest für uns. Wenn du mich nochmal Miss Lily nennst, dann kannst du dir einen neuen Arbeitgeber suchen.“

Ja, Ma’am. Die Sklaven drüben auf Edisto haben ihre eigene Sprache entwickelt, teils afrikanisch, teils französisch, teils englisch. Sie haben sie Gullah genannt. Na ja, ich habe mir ein kleines Boot geschnappt. Das haben wohl sechs von uns gemacht. Der Rest hat versucht, sich an Baumstämmen festzuhalten und so den Fluss zu überqueren. Hoffentlich haben sie sich nicht an Alligatoren geklammert.“ Bei dieser Vorstellung musste Lincoln über seinen eigenen Witz lachen.

Aber dann konnten wir die Hunde von Gouverneur Aiken hören, und die Hunde der Gullahs bellten zurück. Von den anderen Jungs habe ich keinen wiedergesehen. Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht. Nachts bin ich nach Norden in dem kleinen Boot gefahren, und tagsüber habe ich mich versteckt. Niemand hätte mich für einen weißen Jungen oder einen freien Mann gehalten, wenn er mich in einem Boot in der Nähe der Plantagen gesehen hätte.“

Was hättest du den Soldaten erzählt?“, fragte Gus.

Das wusste ich nicht. Ich war schon zweimal vorher davongelaufen. Beim ersten Mal haben sie mich gefangen, zurückgebracht, tagelang verprügelt und dann in einem Kerker alleine eingesperrt. Beim zweiten Mal war ich mit meiner Frau unterwegs, und ich musste zusehen, wie sie sie mit einer Peitsche totschlugen. Wenn die schwarzen Soldaten mich nicht aufgenommen hätten, hätte ich versucht, ein Schiff nach Afrika zu finden.“

Schweigen folgte, und Lily versuchte, sich das alles vorzustellen. Als sie selbst in die Prostitution geraten war, damals in Nevada, hatte sie sich hilflos gefühlt, konnte sich aber bald ganz gut mit ihrer Situation abfinden und fühlte sich keineswegs als Sklavin. Niemand hatte sie je geschlagen. Bei dem Gedanken schauderte es sie.

Als ich Battery Wagner vor mir sah, wusste ich, dass ich jetzt nach der richtigen Armee suchen musste. Vermutlich würden mich die Yankees besser behandeln. Ich traf drei Schwarze in blauen Uniformen, aber dann wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte. Deswegen entschloss ich mich, einfach sitzen zu bleiben und sie sollten mich im Lichte ihrer Lagerfeuer finden. Kurz danach entdeckte mich ein Offizier, wie ich so ganz alleine da saß. Er dachte, ich wäre einer seiner Männer, der sich verlaufen hatte, und er kam zu mir. Als er meine Ketten sah, fragte er, wer ich sei.“

Lincoln legte wieder eine Pause in seiner Erzählung ein. Er schien über den genauen Handlungsablauf nachdenken zu müssen. „Colonel Shaw hatte in der Woche zuvor einige seiner Männer verloren. Sie entfernten meine Ketten und gaben mir eine Uniform und ein Gewehr. Sie fragten, ob ich bereit wäre, Rebellen zu töten. Mein Eifer schien sie zu amüsieren.“

Hast du auch Rebellen getötet?“, fragte Madsen.

Schwer zu sagen. Acht Stunden lang beschossen sie das Fort. So etwas wie die Explosionen und der Lärm und die sterbenden Rebellen im Fort habe ich noch nie gesehen. Als der Abend anbrach, griffen wir an, wir, die Massachusetts-Schwarzen. Für mich war das alles neu. Völliges Chaos und Krach und Sterben und schreiende Soldaten, und das drei Stunden lang. Auf beiden Seiten starben Menschen. Mir schien, als ob die Hälfte von uns getötet oder verwundet worden wäre. Vielleicht auch mehr. Colonel Shaw kam vor den Mauern um. Jemand vermutete, es hätte in dieser Nacht tausend, vielleicht auch zweitausend tote Yankees gegeben. Vielleicht habe ich ein paar Rebellen in diesem ganzen Durcheinander getötet. Vielleicht auch nicht.“

Wie bist hierhergekommen?“, fragte Madsen.

Nun, Li’l Jack, das erzähle ich dir ein anderes Mal.“

Du könntest sie ihm genauso gut jetzt erzählen, Joe“, sagte Gus. „Wir haben sonst nichts zu tun und er lässt dir keine Ruhe.“

Da gibt es wirklich nicht viel zu sagen. Ich habe das Leben eines verwundeten Offiziers gerettet, dann half ich ihm, vom Fort wegzukommen. Er nahm einem toten Soldaten die Papiere und ein bisschen Geld ab. Der hatte in etwa meine Größe und hieß Joe Lincoln. Stammte wohl aus Massachusetts. Dann gab er mir die Papiere. Er sagte mir, ich käme in Schwierigkeiten, wenn ich ohne Papiere angetroffen würde und wenn die Rebellen mich als entlaufenen Sklaven erkennen würden. Er gab mir einen schriftlichen Befehl und sagte mir, ich sollte einen Zug nehmen, der mich so weit westlich wie möglich bringen würde. Dort sollte ich versuchen, mich einer Einheit von Buffalo-Soldiers, also den schwarzen Unionseinheiten, anzuschließen. Es ist schon ärgerlich, dass ich mich an seinen Namen nicht mehr erinnern kann.“

Wieder einmal blickte er in die Ferne, dann ins Feuer. „Die Buffalo-Soldiers konnte ich nicht finden, aber ich arbeitete auf einer Ranch bei Denver City. Dann traf ich Gus und Lily.“ Er deutete auf Lily. „Und jetzt sind wir hier.“

Und jetzt tötest du Indianer statt Rebellen“, sagte Madsen.

Ja, aber nur zur Selbstverteidigung“, antwortete Lincoln. „Das ist nicht dasselbe. Bis heute hat mir kein Indianer einen Anlass dazu geboten. Es ist nur halb so gruselig, ein paar Männer zu töten, die nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet sind, als ein Fort zu erstürmen, wenn Tausende von Soldaten auf dich schießen.“

Und wieder sah er hinaus in die schwarze Nacht über der Prärie.

Und sie zu töten gibt einem schon ein komisches Gefühl.“


*


Lily und Gus lagen neben der Glut ihres verlöschenden Lagerfeuers. Sie starrten in den nachtdunklen Sommerhimmel über ihnen empor. Lincoln und Li’l Jack legten sich immer mit einigem Abstand zu ihren Arbeitgebern zur Ruhe. Keiner hatte das Gefühl, dass jemand wach bleiben und aufpassen sollte, aber alle vier schliefen mit ihren Waffen in den Händen.

Ich frage mich, wie lange das Indianerproblem hier noch andauert“, murmelte Lily.

Bestimmt, bis wir ins Washington-Territorium kommen“, antwortete Gus. „Die Indianer im Südwesten und in der Prärie sind nicht gerade darüber erfreut, dass sie ihr Land und ihre Nahrungsquellen verlieren. Das ist ja verständlich. Hoffentlich hat sich das im Nordwesten schon geklärt.“

Das hat man mir jedenfalls in Virginia City und in Santa Fe so gesagt.“

Die ganzen Kämpfe sind sinnlos“, sagte er. „Die meisten Weißen und die meisten Indianer wollen bloß einen Weg finden, wie man in Frieden zusammenleben kann. Auf beiden Seiten gibt es allerdings immer ein paar, die Gewalt über die anderen bringen.“

Die Indianer machen Überfälle so wie immer. Dann rufen die Siedler die Soldaten. Mir scheint, dass die Indianer noch nie etwas getan haben, mit dem sie verdienen, was ihnen jetzt widerfährt.“

Und du hast noch nie etwas getan, mit dem du den Tod verdient hättest, sollte einer von ihnen auf dich schießen, Lily.“

Okay, Gus, dann wäre es jetzt an der Zeit, etwas zu tun, das wir beide verdienen“, sagte sie, als ihre Hand an seine Gürtelschnalle griff und dann den Gürtel wegzog.




Kapitel 5

8. Juni 1864




Zwei Tage später erreichten sie um die Mittagszeit ein kleines Gebäude, das wie eine Postkutschenstation aussah.

Zwei Männer traten auf die Veranda, einer mit einem weißen Cowboyhut und einem herabhängenden Schnurrbart. Der andere trug einen schwarzen Bart und seine Stirn leuchtete feuerrot. Er war ohne Hut.

Die beiden betrachteten die Neuankömmlinge. Die drei Reiter stiegen ab. Mittlerweile fuhr Gus den Wagen immer so vor, dass Auggy der Bär nur von hinten sichtbar war. Ihm gefiel es, wenn die Leute den Bären erst mit Verspätung entdeckten und dann völlig erschrocken waren.

Ihr seid entweder ungeheuer tapfer oder total bescheuert“, sagte der ältere und starrte Lincoln neugierig an.

Wieso, Alter?“, fragte Gus gutgelaunt. Er stand hinter dem Wagen.

Die Cheyenne gehen zurzeit nicht so freundlich um mit Siedlern, die hier durchziehen. Vor zwei Monaten haben sie eine Ranch dort hinter dem Hügel angegriffen. Dann gerieten sie in einen erbitterten Kampf mit der Kavallerie, die sie verfolgte. Vier Soldaten sind gefallen.“

Und so ziemlich jede Kutsche ist in den letzten vier Wochen angegriffen worden“, sagte der mit dem schwarzen Bart. „Und Ranches greifen sie an und stehlen die Pferde.“

Wer hat damit angefangen?“, fragte Lily.

Sie sagen, wir waren es. Wir sagen, sie waren es...“ Er zuckte mit den Schultern. „Ist ziemlich egal, bis wir wieder miteinander reden.“

Wir hatten auch einen Zusammenstoß vor zwei Tagen dort weiter südlich“, sagte Lily und deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Ungefähr vierzig Cheyenne trieben eine Herde von gestohlenen Pferde nach Westen.“

Haben sie euch angegriffen?“, fragte der Alte.

Schwer zu sagen“, antwortete Lily. „Wie du schon sagst, vielleicht haben sie angegriffen. Vielleicht auch wir. Ungefähr zwanzig von ihnen wollten uns einkreisen. Ich dachte, sie wollten stehlen, was in unserem Wagen ist. Aber vielleicht hast du recht. Sie wollten sicher nicht, dass wir durchreisen.“

Wart ihr mehr als vier, als ihr aufgebrochen seid? Oder habt ihr sie mit bösen Blicken abgewehrt?“

Sie verloren ihr Interesse an uns, nachdem wir vier von ihnen von ihren Ponys geschossen hatten.“ Sie sah sich um. „Ladet ihr uns ein? Das ist jedenfalls der gemütlichste Ort, seit wir in Denver City aufgebrochen sind. Und jetzt sagt uns bloß nicht, dass wir nicht willkommen seien.“

Es gibt Wasser für euch und eure Pferde hinter dem Haus. Im Haus ist nichts, womit eine Dame gastfreundlich empfangen werden könnte.“ Der Alte deutet auf das Toilettenhäuschen neben dem Haus. „Wenn ihr gut unterkommen wollt, dann musst ihr zur American Ranch fahren, ungefähr fünfzig Meilen flussabwärts entlang des River Platte. Wo wollt ihr hin, wenn ich fragen darf?“

Mein Mann, ich und unsere beiden Cowboys fahren nach Fort Laramie und hoffen, dass wir uns einem Wagenzug zum Washington-Territorium anschließen können. Wir wollen dort eine Ranch aufbauen.“

Beide Männer betrachteten erst Gus, dann Lincoln. Dann zuckten sie mit den Schultern.

Nun, junge Frau, ihre Chancen nach Julesburg oder gar nach Fort Laramie durchzukommen stehen nicht gut. Das schafft keiner, egal in welche Richtung er will. Der Gouverneur will zwar die Army her holen, aber das dauert noch ein Weilchen.“

Wie es heißt, ist die Army völlig mit den Rebellen beschäftigt“, sagte Lincoln. „Ich glaube, auf die können wir nicht so bald zählen.“




Kapitel 6

15. Juni 1864




Iliff ist mein Name, John Iliff“, sagte der kleine Mann zu Lily und zog seinen schwarzen Hut. Dann trat er auf die Veranda der American Ranche. „Und dies ist Holon Godfrey. Wir haben gehört, dass Sie uns sprechen wollen, Ma’am.“

Iliff war ein Mittdreißiger, klein, untersetzt, mit einem dichtem Haarschopf und einem vollen braunen Bart. Er war gekleidet, als ob er gerade vom Kirchgang zurückgekehrt wäre. Godfrey war groß und dünn, Anfang sechzig. Sein Haar war immer noch braun, aber sein ungepflegter Bart war bereits grau und wehte im Wind. Wenn seine Augen nicht so ernst geblickt hätten und er in seiner Gesamterscheinung nicht so wettergegerbt ausgesehen hätte, wäre er fast eine komische Erscheinung gewesen.

Gus trat aus dem Wohnzimmer hinaus auf die Veranda.

Ja, das möchten wir“, sagte sie. „Dies ist mein Gatte, Gus Smoot. Ich heiße Lily.“ Sie sah Iliff an. „Ich muss sagen, Mr. Iliff, ich hätte mir jemanden erwartet, der ein wenig … wie soll ich sagen … ein wenig mehr wie ein Rancher aussieht.“

Nennen Sie mich John, Mrs. Smoot.“

Und ich bin Holon, Ma’am.“

Ich weiß nicht, was die Leute hier sich über mich erzählen“, sagte Iliff. „Ich bin erst seit drei Jahren Rancher. Ich kam ’59 aus Ohio und führte in Denver City einen Laden mit Werkzeugen und Ausrüstung für Goldgräber. Vielleicht sehe ich nicht so aus, aber die Viehzucht liegt mir im Blut. Mein Vater war Rancher und wollte mich zu Hause behalten, aber dann geriet ich hierher.“

Wie gut, dass ich Ihnen besser gefalle, Ma’am“, lächelte Godfrey und deutete mit dem Kopf auf Iliff.

Man hat uns gesagt, Sie beide könnten uns helfen“, sagte Lily.

Es wäre uns ein Vergnügen!“, entgegnete Iliff.

Wir wollen zum Washington-Territorium fahren und dort unsere eigene Ranch mit Viehzucht aufbauen. Unterwegs hierher von Denver City sind wir auf ein paar – ich möchte mal sagen – neugierige Cheyenne gestoßen, und die Leute hier meinen, da würden noch mehr flussabwärts auf uns warten. Wir glauben, dass alles glatt geht, wenn wir erst einmal nach Fort Laramie kommen und einen Wagenzug finden. Was denken Sie?“

Wie groß ist Ihre Gruppe?“

Ein Wagen. Gus, ich und zwei Cowboys. Wir können alle sehr gut mit Waffen umgehen und haben die besten Colts, die man kaufen kann.“

Ist das Ihr Wagen dort mit dem Bären hintendrauf?“

Ja. Warum?“

Das ist ja nur ein Scherz. Vielleicht hilft er gegen die Indianer. Für die ist alles ein Zeichen. Wenn sie hinter einem Wagen voller Weißer her reiten und dann den Bären sehen, wird ihnen das nicht gefallen.“

Also, wir sind nicht alle weiß“, sagte Lincoln, als er auf die Veranda trat. Er schüttelte die Hände von Iliff und Godfrey.

Meiner Meinung nach werdet ihr es nicht bis Fort Laramie packen“, meinte Iliff nachdenklich.

Können Sie ein paar Männer für die Reise entbehren?“, fragte Lily.

Die beiden schüttelten die Köpfe. „Wir brauchen hier jeden zur Verteidigung unserer eigenen Familien“, antwortete Iliff.

Wird denn die Lage irgendwann einmal sicherer?“, wollte Lily wissen.

Schwer zu sagen. Vielleicht erst, wenn der Gouverneur uns ein paar reguläre Kavalleriesoldaten herschickt. Bis dahin versucht er, mit den Stämmen zu verhandeln. Er verspricht ihnen Sicherheit, wenn sie in bestimmten Gegenden leben.“

Wenn sie das annehmen, wird es dann sicherer?“

Nein, weil nicht alle zustimmen werden.“

Könnten Sie bis dahin vier Helfer auf ihrer Ranch gebrauchen?“, fragte Lily.

Sie wollen auf der Ranch arbeiten, Lily?“

Auf einem Pferd und mit meinem Sharps-Gewehr bin ich so gut wie jeder andere auch. Beim Niederringen von Kälbern und dem Anbringen von Brandzeichen bin ich vielleicht nicht so gut, aber dafür habe ich andere Tugenden. Und wir vier müssen noch eine ganze Menge lernen, bevor wir uns auf den Weg nach Washington machen.“

Bill wirkte belustigt. „Gut, Mrs. Smoot. Sie werden das schönste Cowgirl sein, das ich jemals einstellen durfte. Wenn die Cheyenne weiterziehen, dann könnte ich die Hilfe von vier Leuten gut gebrauchen, und wenn sie nicht weiterziehen, dann brauche ich ganz bestimmt vier gute Schützen. Stimmt’s, Godfrey?“

Vielleicht bräuchten wir noch mehr davon“, murmelte Godfrey und blickte hinaus auf den South Platte River.


*


Als sie sich auf der Veranda verabschiedeten, fiel Iliff noch etwas ein.

Hey, Godfrey“, sagte er.

Ja?“

Hast du den Kerl getroffen, der im letzten Winter hier durchkam und auf der Suche nach Deserteuren war?“

Du meinst den Kerl im langen Bärenfellmantel? Schwarzer Hut, schwarzes Pferd?“

Ja, genau den“, antwortete Iliff. „Hat der nicht gesagt, er sei auf der Suche nach einer Frau, die angeblich wusste, wo ein Deserteur abgeblieben war?“

Ja, jetzt wo du es sagst, fällt es mir wieder ein.“

Ich glaube, ich spinne! Hat der nicht auch eine Frau namens Smoot gesucht?“

Ja, in der Tat.“

Beide sahen Gus und Lily prüfend an und dann Lincoln ebenfalls.

Darüber weiß ich nichts“, sagte Lily nachdenklich. „Das könnte auch ein anderer Smoot sein. Wie war denn ihr Vorname?“

Falls er ihn erwähnt hat, ist er mir entfallen“, antwortete Godfrey etwas zögerlich.

Iliff schüttelte den Kopf, weil es ihm ebenso ging.

Wie hieß der Deserteur?“, fragte Lincoln.

Der Name klang komisch. Irgendwie fremdartig“, erwiderte Iliff.

Was sagte der Mann in Schwarz, was soll der Deserteur getan haben?“, fragte Lily.

Er sagte, er hätte der Army eine Menge Geld gestohlen“, erinnerte sich Godfrey. „Dann ist er aus Washington D.C. desertiert.“

War der Mann bei der Army?“, fragte Lily. „Wissen Sie seinen Namen noch?“

Er sagte, er hieße Johnson“, antwortete Godfrey. „Er sah so schäbig aus wie der Bär, dem er das Fell abgezogen und einen Mantel daraus gemacht hatte. Er war ganz in schwarz gekleidet und trug einen dicken schwarzen Bart. Ich bezweifle, dass er in der Army war. Er hat jeden schlecht behandelt. Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen. Der wollte sich hier keine Freunde machen.“

Hatte er einen Steckbrief von dem Deserteur?“, fragte Gus.

Aber ja“, sagte Godfrey. „Ein junger Mann mit einem herabhängenden Schnurrbart. Er sah genau aus wie dieser berühmte Schauspieler im Osten. Booth.“

Das stimmt“, ergänzte Iliff. „ Das war mir damals gar nicht aufgefallen, aber er sah genau aus wie John Wilkes Booth.“ Er wendete sich und blickte auf Gus. „Jeder von uns würde ihn sofort erkennen, wenn er durchkäme.“


*


In dieser Nacht küsste Lily Gus ganz sanft, dann schob sie sich von ihm herunter, zog ihr Nachthemd über ihre Beine und schmiegte sich an seine Seite.

Du wirkst abwesend, Liebling“, sagte sie.

Ich denke nur nach.“

Das ist eigentlich meine Aufgabe.“

Beide lächelten in der Dunkelheit.

Machst du dir Sorgen wegen des Mannes in Schwarz, der hinter dir her ist?“, fragte sie.

Nein. Wenn der kommt, dann sehen wir ihn zuerst. Jeder von uns kann ihn als Eindringling erschießen, bevor er mich identifizieren kann.“

Vielleicht. Aber es ist ganz wichtig, dass du dich von den Soldaten fernhältst, Gus.“

Darum mach ich mir keinerlei Sorgen, Lily.“

Schaffst du das, Gus? Rancher zu werden?“

Mir macht das nichts aus. Aber ich vermisse die Pokerrunden. Und mir fehlt wirklich die Spannung, immer ein neues Ziel erreichen zu wollen. Ich bin innerlich immer noch auf der Suche danach, wie ich jemanden hereinlegen kann.“ Er neigte sich hinüber zu ihr und küsste sie. „Hat du dich mittlerweile daran gewöhnt, mich Gus zu nennen?“

Sicher. Wenn andere Leute dabei sind, ist es ganz normal. Aber wenn wir zwei zusammen sind, dann klingt es immer noch komisch. Und wenn mir der falsche Name fast herausgerutscht wäre und ich dich Auggy genannt hätte, dann sehe ich den schwarzen Bären vor mir und ich muss lachen.“ Sie sah ihn im Kerzenlicht an. „Ja, Gus, du wirst immer mehr zu meinem Gus.“

Sie kuschelte sich noch näher an ihn.

Und du kannst auch gelegentlich mal ein Pokerspiel machen, wenn du willst. Aber keine Betrügereien. Das haben wir alles hinter uns. Das muss jetzt nicht mehr sein.“

Sie schlief ein und war sich ziemlich sicher, auch wenn noch die letzte Gewissheit fehlte, dass sie schwanger war. Ihre Ranch und ihr erstes Kleines, das kam jetzt alles ziemlich schnell.




Kapitel 7

23. August 1864




Godfrey preschte zur American Ranch, die er in der Ferne in Flammen stehen sah. Er hatte seine Frau Matilda und seine Familie in der Sicherheit seiner Ranch zurückgelassen, und er war sich der Tatsache wohlbewusst, dass er sich selbst bei seinem Ritt über zwei Meilen dem Risiko aussetzte, von Cheyenne angegriffen zu werden.

In den letzten zwei Monaten waren die Auseinandersetzungen zwischen den Siedlern, den Cheyenne und mehreren kleinen Gruppen der Colorado-Volunteers immer heftiger geworden. Immer häufiger wurden Postkutschen angegriffen, Vieh gestohlen und Siedler in ihren Häusern belagert. Mittlerweile waren die Indianer dazu übergegangen, das Vieh nicht nur einfach zu stehlen. Jetzt töteten sie es. Im Juni hatten die Cheyenne die Familie Hungate massakriert, nur fünfundzwanzig Meilen von Denver City entfernt. Das geschah nur wenige Tage, bevor die Pferdediebe Lily und Gus am South Platte River angegriffen hatten. Die skalpierten und verstümmelten Körper der Familie, darunter auch zwei kleine Mädchen, wurden in Denver City öffentlich zur Schau gestellt. Überall befürchtete man deinen großen Aufstand der Indianer.

Godfrey war ritt hinüber zum South Platte, um Iliff auf seiner Ranch zu warnen. Weiter unten am Fluss machte er eine kleine Gruppe von Cheyenne-Kriegern aus, glaubte aber nicht, dass sie ihn gesehen hätten. Als er sich Iliffs Ranch näherte, wurde er von einer größeren Gruppe rechts von ihm überrascht. Südlich von der Ranch preschten sie den Abhang eines Hügels herunter. Er gab einen Warnschuss in die Luft ab. Alle Cheyenne hier kannten ihn. Er war nicht zu übersehen mit seinem Zottelbart, der bei seinen wilden Ritten über die Prärie immer im Wind wehte.

Die Indianer erwiderten das Feuer, dann setzten sie ihm nach.

Vor sich konnte Godfrey das Ranchhaus sehen, aber es schien leer. Und die Cheyenne kamen näher. Ein Pfeil schlug vor ihm zwischen seinen Beinen in seinen Sattel ein, verletzte ihn aber nicht. Er feuerte unaufhörlich und verwundete einen von ihnen, konnte den Rest aber nicht aufhalten.

Nach weiteren zweihundert Yards änderte sich plötzlich der Ton der Kriegsschreie hinter ihm und er warf einen Blick zurück auf seine Verfolger. Dabei schoss er immer noch auf sie. Sie zügelten ihre Pferde und sahen rechts an ihm vorbei. Als Godfrey wieder nach vorne blickte, bemerkte er, wie Lily und Lincoln von vorne auf ihn zukamen und auf die Indianer feuerten. Als er sein Pferd wenden wollte, um gemeinsam mit ihnen zu kämpfen, wurde ihm klar, dass es nicht mehr nötig war. Lily und Lincoln hielten ihre Pferde an, als die Indianer dahin zurückritten, woher sie gekommen waren. Drei Tote lagen vor ihnen auf dem Boden. Einer kniete daneben und wollte sich gerade aufrichten.

Godfrey traute seinen Augen nicht, als Lincoln zu ihm ritt, sich zur Seite lehnte, den verwundeten Indianer auf sein Pferd zog und dann mit ihm zu einem der Indianerponys trabte.

Rettest du immer die Menschen, die dich töten wollen?“, fragte er Lincoln ungläubig, als der zu ihnen zurückkehrte.

Lincoln zuckte kurz mit den Schultern. „Lily mag es nicht, wenn man kaltblütig Menschen abknallt.“

Ungläubig schüttelte Godfrey den Kopf. „Ma’am, ich hoffe, das Denken legen Sie ab, bevor eines Tages einer Sie tötet.“


*


Am Nachmittag desselben Tages saßen Iliff, Godfrey und die Smoots auf Iliffs Veranda.

Dann hat also Ol‘ Elbridge Gerry recht gehabt“, sagte Iliff.

Elbridge? Wer ist das? Womit hatte er recht?“, fragte Gus.

Er wohnt westlich von hier“, erklärte Godfrey und deutete vage in die Richtung der untergehenden Sonne. „Er kam vor zwei Tagen hier durchgeritten wie unser Freiheitsheld Paul Revere und warnte uns davor, dass die Cheyenne drauf und dran wären, in diesem gottverdammten Krieg aufs Ganze zu gehen.“

Der Gouverneur hat die Postkutschenverbindungen eingestellt“, sagte Iliff. „Im Moment kommt niemand aus Denver City oder fährt dahin. Außer, er will sich mit den Cheyenne anlegen.“

Haben sie Ihre Herde schon weggetrieben, Iliff?“, fragte Lily.

Nein, jedenfalls noch nicht. Sie wissen, dass ich ihnen immer ein paar Stück Vieh überlassen habe, wenn sie hungrig waren. Ich wäre überrascht, wenn sie mir diesen Frieden aufkündigen wollten.“

Und dass sie Godfrey hier vor Ihrem Haus gejagt haben und töten wollten, das zählt wohl nicht?“

Wenn es ihnen gelänge, diesen alten Haudegen hier umzulegen, dann wäre ich erstens sehr überrascht, zweitens müsste ich mir überlegen, ob sie damit ein Gesetz gebrochen hätten“, sagte Iliff und beide Männer lachten, als ob alles nur ein Spiel wäre. „Sind Sie schon auf Godfreys Ranch gewesen? Haben Sie schon seine Frau Matilda kennengelernt?“

Nein“, antwortete Lily.

Nun, er hat sich eine Festung mit einem Turm gebaut.“

Mit zwei Türmen“, berichtigte ihn Godfrey. „Wir sind dabei, einen zweiten Turm zu errichten.“

Da seht ihr es“, sagte Iliff. „Wie schon gesagt, er baut sich eine Festung dort drüben. Elbridge war vielleicht der erste, der hier dauerhaft gesiedelt hat, aber Ol‘ Godfrey überlebt uns alle. Wenn es für uns richtig schlimm werden sollte, dann empfehle ich Ihnen, Ihre drei Jungs zu nehmen und sich in Godfreys Festung zurückzuziehen.“

Vier“, entgegnete Lily.

Vier was?“, fragte Godfrey etwas irritiert.

Vier Jungs. Gus und ich bekommen ein Baby im Februar oder im März.“

Das ist eine verdammt gute Nachricht“, sagte Godfrey anerkennend. „Da kann ich Sie nur dazu einladen, dass Sie schon vorher bei uns einziehen. Matilda wird sich sehr über eine andere Frau freuen und wird Ihnen gerne mit dem Baby helfen.“

In der Zwischenzeit könnten Sie vielleicht einmal über etwas anderes nachdenken. Nicht nur wie man Indianer jagt und sie vom Pferd schießt“, sagte Iliff.

Ich überlege mir gerade, ob ich sie neben Auggy dem Bären hinten auf unserem Wagen festbinden sollte“, sagte Gus. „Vielleicht kann sie dann noch während der Geburt ein bisschen schießen.“




Kapitel 8

28. September 1864




Die amerikanische Flagge flatterte stolz im Herbstwind, und Black Kettle lenkte seinen offenen Wagen durch die Hauptstraße von Denver City. Es war ihm gelungen, den Gouverneur und die führenden Personen des Colorado-Territoriums dazu zu bewegen, sich heute mit ihm zu einem Friedensrat in Camp Weld zu treffen.

Bei ihm im Wagen saßen sechs andere Cheyenne-, Arapaho- und Kiowa –Häuptlinge sowie Mitglieder ihrer Familien. Andere Indianer folgten ihnen in Wagen oder zu Pferd. Black Kettle hatte seine Frau mitgebracht, Medicine Woman, und seine Familie, damit er zeigen konnte, wie ernst er es mit seinen Friedensbemühungen meinte.

Vier Wochen zuvor hatten die Häuptlinge, die für den Frieden waren, auf den Brief des Gouverneurs vom Juni geantwortet. Sie hatten sein Friedensangebot angenommen und waren bereit, in bestimmten Gegenden des östlichen Colorado-Territoriums zu leben. Zwei Wochen später hatten sich die Häuptlinge getroffen und die Friedenspfeife mit den weißen Soldaten geraucht, die der Gouverneur geschickt hatte.

Nur die Hundesoldaten lehnten ab.

Mitglieder der Colorado-Freiwilligen, einige zu Pferd, andere zu Fuß, flankierten den Zug der Indianer, als er sich durch die Hauptstraße bewegte. Hinter diesem Spalier standen viele der neugierigen Bürger des Colorado-Territoriums. Darunter waren auch Lily und Lincoln. Im Territorium herrschte tiefes Misstrauen gegenüber dem Friedensschluss, aber der Auftritt von Black Kettle hier auf der Hauptstraße von Denver City, dazu mit seiner Familie und den anderen Häuptlingen unter einer riesigen amerikanischen Flagge, ließ in einigen der Bürger Hoffnung aufkommen.

Den Vorsitz im Friedensrat führten der Gouverneur des Colorado-Territoriums und Colonel John M .Chivington, ein dreiundvierzigjähriger, übergewichtiger, bärtiger und kahlköpfiger Methodistenprediger aus Ohio. Chivington war im Bürgerkrieg der Held der Schlacht am Glorieta-Pass gewesen und hatte gegen die Texaner in New Mexico gesiegt. In den neuen Territorien hatte diese Schlacht den Bürgerkrieg beendet und hatte ihm Ruhm und seine gegenwärtige Stellung als Kommandeur der Colorado-Volunteers eingebracht.

Nachdem die Pfeife herumgereicht worden war und alle geraucht hatten, fragte der Gouverneur die Indianer, warum sie gekommen seien und ob sie das ganze Cheyenne-Volk verträten. Nachdem sie geantwortet hatten, erhob sich Chivington, dessen Haare wild um seinen Kopf herum abstanden und sagte: „Black Kettle, du hast jetzt einige Fragen des Gouverneurs beantwortet. Wir wissen, dass eine ganze Menge eurer Leute sich am Krieg gegen uns beteiligt haben. Jetzt müssen wir aber auch unseren Siedlern gegenüber garantieren, dass der Krieg vorüber ist.“

Ja“, antwortete Black Kettle nach einer langen Zeit des Nachdenkens. „Wie wir euch schon sagten, der Rat der Häuptlinge hat sich für den Frieden entschieden. Nur sehr wenige unserer Krieger haben noch nicht aufgehört, Rache für Starving Bear nehmen zu wollen.“

Er legte eine Pause ein und hoffte, dass die weißen Siedler sich dazu äußern würden. Aber niemand tat dies.

Die meisten der Cheyenne wollen da leben, wo die Büffel sind, und sie wollen Frieden mit dem weißen Mann“, fuhr er fort. „Wir haben zugestimmt, dass wir da leben werden, wo ihr uns hinschickt. Hand in Hand mit Ihnen, unserem Vater. Viele der Vorfälle, über die Sie sprechen, entstanden nicht durch unsere Leute, sondern durch einige der Stämme der Sioux. Wir sind nicht auf der Seite der Sioux. Wir haben ihre Kriegspfeife abgelehnt.“

Wir haben Geschenke vom Großen Weißen Vater erhalten, als wir ihn in Washington besuchten“, fügte Lame White Man hinzu. „Und wir müssen verstehen, dass wir mit euch in Frieden leben müssen, damit wir weiterhin diese Geschenke bekommen können.“

Aber einige der Cheyenne haben sich den Sioux angeschlossen“, entgegnete der Gouverneur. „Und sie haben Pferde gestohlen, Siedler getötet, Frauen und Kinder entführt, und sie haben auch Vieh getötet, wie du heute hier zugegeben hast.“

Ja“, sagte White Antelope, der zehn Jahre älter als Black Kettle und Mitglied im Rat der vierundvierzig Häuptlinge war. „Wir sprechen heute mit Ihnen nur die Wahrheit. Wir geben zu, dass eine kleine Zahl von Cheyenne und ein paar Arapaho Verbrechen gegen die Siedler verübt haben. Aber wir stehen auf der Seite von Black Kettle und suchen einen dauerhaften Frieden mit euch.“

Dann erhob er sich, griff unter sein Hemd und zog eine Medaille hervor. „Ich trage meine Medaille, die mir in Washington der Große Weiße Vater gegeben hatte. Ich lebe in Frieden. In dieser Woche brachten wir den Soldaten vier weiße Frauen und Kinder, die unsere Krieger im letzten Sommer geraubt hatten.“

Dann gibst du also zu, dass einige der Cheyenne den Frieden nicht wollen.“

Ja“, räumte White Antelope ein. „Wir haben Ihnen und dem Gouverneur in aller Ehrlichkeit die Namen derjenigen gegeben, die gekämpft haben. Aber es waren die weißen Soldaten, die das Schießen begonnen hatten.“

Aber das geschah, nachdem ein paar eurer Männer Pferde von den Ranchern gestohlen hatten. Und das Schießen begann erst, nachdem wir sie verfolgt hatten.“

Wir sind heute hierhergekommen, damit wir mit euren Soldaten unter der amerikanischen Flagge zeigen können, dass wir den Krieg beenden wollen.“, sagte Black Kettle. White Antelope und Lame White Man nickten zustimmend. „Wir wollen mit unserem Großen Vater das Kämpfen beenden.“

Stimmen die Kämpfer auf eurer Seite, also auch die Hundesoldaten, dem Friedensschluss mit uns zu?“

Nein, nicht alle“, räumte Black Kettle ein. „Einige sind heute hierhergekommen. Andere wollen sich den Sioux im Kampf gegen die Weißen anschließen. Wir sagen Ihnen alles, Gouverneur. Wir sprechen nur die Wahrheit. Wir kontrollieren nicht alle Cheyenne. Darum sind wir heute hier. Und die anderen Häuptlinge denken genauso wie ich. Wir wollen da leben, wo Sie uns hinschicken. Wir wollen auf unserer Prärie da jagen, wo ihr uns lasst. Wir wollen den Frieden mit den Weißen.“

Aus schmerzlicher Erfahrung haben wir gelernt, dass ihr im Frühjahr und Sommer die Büffel jagt und auf den Kriegspfad geht“, sagte Chivington. „Jedes Jahr, wenn der Winter kommt, wollen die Cheyenne Frieden schließen. In den großen Schneestürmen wollen sie nicht kämpfen. Dann sitzen sie lieber in ihren warmen Hütten bei ihren Squaws.“

Was Sie sagen, gilt für alle Indianer“, entgegnete Black Kettle.

Was garantiert uns“, warf der Gouverneur ein, „dass ihr im nächsten Sommer nicht wieder die Siedler angreift, so wie ihr in jedem Frühjahr und Sommer andere Stämme und die Weißen angegriffen habt?“

Es stimmt, dass wir im Sommer immer besser aufs Kämpfen vorbereitet sind als im Winter. Der Rat der Häuptlinge hat entschieden, dass der alte Weg unseres Volkes kein guter Weg mehr ist. Wir sind heute hergekommen, damit wir einen neuen Weg mit euch finden können. Es soll ein Weg sein, der uns mit dem weißen Mann in Frieden leben lässt.“

Black Kettle spricht die Wahrheit“, sagte White Antelope. „Ich war ein Anführer der Hundesoldaten gegen die Comanchen und Kiowa. Nicht alle von ihnen wollen den Frieden mit Ihnen. Aber einige suchen den Pfad des Friedens.“

Wir wollen einen Vertrag, der uns diesen Frieden gibt“, erklärte Black Kettle. „Wir sind heute hier mit unseren Familien, damit wir erfahren können, was diesen Frieden absichert. Wir bitten Sie, all Ihren Häuptlingen mitzuteilen, dass für uns Friede herrscht. Und sie sollen uns nicht mit anderen Indianern verwechseln, die immer noch den alten Pfad beschreiten.“


*


John Iliff, Lily, Gus und Lincoln saßen bei einer Gruppe aus Colorado, ganz in der Nähe der indianischen Frauen und Kinder und etwa einhundert Yards vom Friedensrat entfernt. Sie waren hergekommen, damit sie gegebenenfalls eine Aussage machen konnten über gute und schlechte Cheyenne.

Dort“, sagte Lily. Sie zeigte auf einen Indianer, der am Rande des Rates saß. „Dort Lincoln. Das ist der Anführer der Gruppe, die uns angegriffen hat. Das ist der, den wir verwundet haben und den du auf das Pony gehoben hast.“

Ja. Er hat uns schon früher gesehen. Ich habe ihn erkannt, weil er Black Kettle auf dich aufmerksam gemacht hat. Das war mir in dem Moment nicht klar, aber du hast recht.“

Lily erhob sich und rief eine junge Indianerin herbei, die zwischen ihnen und dem Rat stand. Die junge Frau blickte verschüchtert auf den Boden, kam dann aber doch herbei. Mit ihr kam ein kleiner Indianerjunge.

Wie heißt du?“, fragte Lily die junge Frau.

Antelope.“

Und wie heißt dein Freund?“

Thunder Bull.“

Ist deine Familie auch hier?“

Ja“, antwortete Antelope. Sie deutete auf ihren Vater, der bei einer Gruppe von Indianern stand.

Wie heißt er?“

Black Mocassin.“

Ist er ein Häuptling?“

Ja.“

Wie heißen die beiden Krieger, die rechts neben ihm sitzen?“

Antelope stellte sich auf die Zehenspitzen um besser sehen zu können. Sie flüsterte Thunder Bull etwas zu.

Sein Name ist Lame White Man“, sagte Thunder Bull.

Ist er auch ein Häuptling?“

Ja, er ist der tapferste Häuptling der Cheyenne, wenn sie in den Krieg ziehen.“

Lily sah Gus an. „Merkwürdig, dass sein Name Lame White Man ist. Hab ich dich nicht im Scherz in Pah Gosah so genannt?“

Ja“, antwortete Gus. „Und es ist jetzt auch nicht lustiger.“

Wie heißt du?“, fragte Antilope.

Lily.“

Hast du Kinder?“

Lily lächelte. Sie nahm Antilopes Hand und legte sie auf ihren Bauch. „Nein, aber bald.“

Wie willst du sie nennen?“, fragte Antilope.

Woher weißt du, dass es ein Mädchen werden wird, Antelope?“

Ich weiß es nicht.“

Wenn es ein kleines Mädchen wir, dann nenne sich es Antelope. Aber wenn es ein Junge wird, dann nenne ich ihn Thunder Bull.“

Antelope lief lachend zu den anderen Indianern zurück.


*


Ich habe nicht die Macht, euch den Frieden zu gewähren“, sagte der Gouverneur.

Was müssen wir denn tun, um Frieden zu bekommen?“, fragte Black Kettle. „Sie haben uns geschrieben und gesagt, dass wenn wir bei Fort Lyon leben, dann würde Frieden herrschen. Und wir haben zugestimmt.“

Ihr müsst den Frieden mit den Offizieren schließen. Mit der Army. Ihr müsst auch versprechen, dass ihr keine Überfälle auf die Siedler mehr verübt. Und ihr dürft ihnen das Vieh und die Pferde nicht mehr stehlen.“

Dem stimmen wir zu“, versicherte White Antelope. „Das haben wir bereits versprochen. In einem Brief. Dann euren Soldaten vor zwei Wochen. Und heute wieder.“

Das müsst ihr all euren Leuten sagen“, sagte der Gouverneur. „Wenn ihr euch dem Militär nicht ergebt, nicht nach Fort Lyon zieht und dort im Dorf von Black Kettle lebt, wird man euch so einschätzen, als wäret ihr im Krieg mit den Weißen.“

Wir werden das tun“, antwortete Black Kettle. „Das soll der neue Weg für den Rat der Häuptlinge sein.“

Wenn ihr, die Cheyenne und die Arapaho, mit den Soldaten nach Fort Lyon geht und dort bei dem Fluss lagert, den ihr Big Sandy River nennt und die amerikanische Flagge aufzieht, die euch der Große Vater in Washington gegeben hat“, und hier zeigte der Gouverneur auf Black Kettles Flagge, die hinten an seinem Wagen wehte, „wenn ihr euch also mit den Häuptlingen des Militärs einigen könnt, wenn ihr in Frieden lebt und sowohl die amerikanische Flagge wie auch die weiße Flagge der Unterwerfung hisst – wir übergeben euch eine weiße Flagge - dann werden die Soldaten die Cheyenne in Ruhe lassen.“

Unsere Leute werden das tun“, versprach Black Kettle. „Vor zwei Wochen besuchten uns eure Soldaten und besprachen Ihre Bitte. An diesem Tag hatten sie das Gefühl, sie müssten durch ein Feuer reiten, wenn sie uns vertrauen sollten. Jetzt kommen wir zu Ihnen, zum Ihrem größten Dorf in der Prärie. Wir kommen mit geschlossenen Augen und vertrauen Ihnen. Aus diesem Vertrauen heraus übergeben wir Ihnen die Sicherheit unseres Volkes. Auch wir reiten durch das Feuer.“

Und alle, die nicht auf unserem Weg sind, werden im Krieg mit euch sein“, fügte White Antelope hinzu. „So verstehen wir das. Wir werden das den Cheyenne und den Arapaho sagen.“

Wir werden es sogar den Hundesoldaten mitteilen“, fuhr Black Kettle fort. „Wir werden alle unsere Leute dazu auffordern, unter den beiden Flaggen zu leben. Wir sind auf dem neuen Weg. Es herrscht Frieden mit dem weißen Mann.“

Chivington erhob sich. Er überragte die Cheyenne-Häuptlinge.

Ich bin nicht der große Kriegshäuptling“, sagte er. „Aber ich bin der Häuptling aller Soldaten im Colorado-Territorium. Meine Art ist es zu kämpfen, bis alle Feinde ihre Waffen abgegeben haben. Wenn ihr die dem Kriegshäuptling übergeben habt, dann seid ihr nicht mehr meine Feinde.“

Der Rat vertagt sich“, verkündete der Gouverneur.


*


Nachdem die Smoots, Iliff und Lincoln von Chivington über den Ausgang der Beratungen informiert worden waren, machten sie sich auf den Weg zurück zur Farm Iliffs, eine Reise, die fünf Tage dauern würde.

Ich bin nicht zufrieden, Iliff“, sagte Lily.

Zufriedenheit hat damit nichts zu tun, Lily. Weder Chivington noch der Gouverneur haben mir in die Augen gesehen. Sie haben den Indianern nichts versprochen und sie haben keinen Vertrag unterzeichnet.“

Was wird denn passieren?“, fragte Lily.

Ich hoffe, wir können unsere Arbeit auf der Ranch wieder aufnehmen und die Indianer bleiben unten im Süden bei der Army in Fort Lyon. Aber was wohl passieren wird, ist, dass ein Indianer einen Fehler macht und dass irgendein Soldat den als Vorwand dafür nimmt, die falschen Indianer zu töten.“

Und dann fängt alles wieder von vorne an“, vermutete Lily.

Bis dahin gibt es ungeheuer viel zu tun. Ihr vier müsst eine Menge über die Arbeiten auf der Ranch lernen. Der Frieden gibt euch dazu die Gelegenheit. Mir kommt das sehr gelegen. Hilfe kann ich gut gebrauchen. Bis zum nächsten Frühjahr und solange der Frieden hält. Danach könnt ihr dann nach Fort Laramie ziehen und ins Washington-Territorium.“

Und wenn das nicht klappt?“, fragte Lincoln.

Dann werden wir sehen, ob ihr vier bessere Schützen seid als Godfreys Männer und meine.“




Kapitel 9

19. Oktober 1864




Gentlemen, wie versprochen, hier ist Ihr Kaffee“, kündigte General Philip Sheridan an. Er goss eine Tasse aus für General George Crook und eine für General Custer.

Die Nacht brach herein und die drei Generäle blickten auf die Landschaft von Virginia, wo sie gerade der Konföderierten Armee, die auf dem Weg nach Washington, D.C. gewesen war, eine empfindliche Niederlage zugefügt hatten.

Als Sheridan heute Morgen seine Truppen von Winchester herbeigeführt hatte, hatte er ihnen Kaffee am Cedar Creek versprochen.

Mein Glückwunsch, General Custer“, sagte Sheridan. „Ihre unaufhörlichen Attacken auf die Flanken des Gegners haben wieder einmal das Kriegsglück entschieden.“

Custer nickte zufrieden.

Können Sie sich erklären, warum der Angriff der Rebellen zum Stehen kam?“

Ich habe gehört, dass sie dabei waren, unsere Soldaten auszuplündern, die sie gefangengenommen hatten, Sir“, erklärte Custer.

Sheridan sah hinüber zu dem kleinen Fluss, dann nach hinten über seine Schulter in Richtung Washington.

Das wäre dann wohl das Ende für Lees Plan, Washington einzunehmen“, meinte er.

Und es wird wohl die Wiederwahl Lincolns entscheiden“, fügte Custer hinzu.

Na, schaden wird es ihm wohl nicht“, meinte Sheridan.

Und wenn Sie nicht auf sich aufpassen, dann haftet Ihnen noch der Ruf an, gnadenlose und vernichtende Kavallerieattacken durchzuführen“, sagte Crook.

Die drei erhoben ihre Tassen und tranken auf ihr Wohl.




Kapitel 10

7. November 1864




Lily und Lincoln steuerten ihren Wagen zum Hügelkamm, von wo aus man das Dorf von Black Kettle am Sand Creek überblicken konnte. Es war Mittag. Sie hatten Iliffs Ranch vor zehn Tagen verlassen und seitdem fast zweihundert Meilen zurückgelegt. Iliff hatte ihnen gesagt, dass er sie in den nächsten Wochen nicht bräuchte. Seine Männer, Gus und Li’l Jack seien in der Lage, die abgestillten Kälber davon abzuhalten, nach ihren Müttern in der großen Herde zu suchen.

Iliff hatte ihnen auch versichert, dass die Begleittrupps der Soldaten ihnen eine sichere Reise gewährleisten würden und dass sie selbst stark genug wären, die Ranch zu verteidigen, falls mit den Indianern etwas schieflaufen sollte. Die Soldaten waren ebenfalls der Meinung, dass von Black Kettles Dorf keine Gefahr ausginge.

Gus hatte mit den Schultern gezuckt. „Ich bin damit einverstanden, dass ihr fahrt, aber du musst versprechen, Auggy den Bären wieder mit zurückzubringen.

Wir brauchen ihn auf der Ranch.“ Lily hatte gelacht, ihn zum Abschied geküsst, und dann waren sie und Lincoln losgefahren.

Die Soldaten hatten ihnen den Weg zum Dorf gezeigt und waren dann zum Fort Lyon weitergeritten. Lily und Lincoln blickten hinunter zum Dorf.

Sag mir bitte noch einmal, Lily, warum wir hergekommen sind?“, fragte Lincoln sie.

Black Kettle hat Frieden geschlossen. Ich kenne einige Indianer und ich weiß, dass sie uns vieles zeigen können, dass wir über das Leben auf der Prärie wissen müssen. Ich habe genug von ihrer Sprache aufgeschnappt, und jetzt glaube ich, ich könnte es hier einmal versuchen. Und die Soldaten waren der Ansicht, es gäbe genügend Mischlinge im Stamm, die für uns den Rest übersetzen können.“

Bald werden wir es wissen.“ Er zeigte hinunter zum Dorfrand. Vier Krieger kamen auf Pferden auf sie zu. Einer von ihnen war Lame White Man.


*


Gus und Li’l Jack machten ihre Runde und überprüften den Viehbestand. Bald würden die heftigen Schneefälle kommen und sie würden die Herde näher zur Ranch bringen, damit sie im Frühjahr die Tiere, die den Winter überstanden hatten, leichter wiederfinden würden.

Wie ist es denn so im Washington-Territorium?“, fragte Li’l Jack. „Warum ist Lily so erpicht darauf, dass wir dahin gehen?“

Ich glaube, da gibt es mehr Regen. Und ich glaube, sie meint, mit dem besseren Wetter wäre die Viehzucht leichter.“

Was gefällt ihr hier denn nicht?“

Gus lachte. „Das kannst du dir jetzt aussuchen, Li’l Jack. Von den Indianern erschossen zu werden? Die Schneehöhe und die bittere Kälte den ganzen Winter über? Wie gefallen dir mehr als sechs Monate Schnee hier in Colorado?“

Ich habe mit ein paar von Iliffs Cowboys gesprochen, und die sagen, dass die Soldaten noch dieses Jahr das Indianerproblem lösen werden. Und sie sagen auch, dass jetzt, wo Präsident Lincoln wiedergewählt worden ist, der Krieg zu Ende sei und bald mehr Soldaten und mehr Siedler kommen. Colorado sei der beste Ort, wo man leben könne.“

Das mag schon sein, aber es ist meine Erfahrung, dass wenn eine Frau sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, man ihr am besten dabei helfen oder mit ihr Schluss machen sollte.“

Im Washington-Territorium soll es auch ein Indianerproblem geben, wie man hört. Mittlerweile machen die Sioux es immer schwieriger, durch ihr Land zu kommen.“ Sie ritten schweigend eine Meile weiter und hielten dann ihre Pferde an. Vor ihnen war ein Dutzend Cheyenne dabei, zwei von Iliffs Kühen zu schlachten.

Li’l Jack zog sein Gewehr aus dem Futteral.

Gus hielt ihn zurück. „Nein. Das geht schon in Ordnung so. Sie wissen, dass Iliff ihnen ein paar Stück Vieh überlässt. Zumindest so lange sie es nicht übertreiben.“

Aber hat er nicht neulich gesagt, dass sie in diesem Jahr schon zu viele genommen haben?“

Davon weiß ich nichts. Lass sie in Ruhe, Li’l Jack. Wir sollten nicht diejenigen sein, die den Krieg wieder beginnen.“

Die beiden Männer saßen ruhig auf ihren Pferden und beobachteten die Indianer etwa zweihundert Yards weiter unten am Hang.

Dann sah einer der Indianer von seiner Arbeit auf und entdeckte sie. Er sagte etwas zu den anderen und deutete auf sie. Alle Indianer hörten auf zu arbeiten, standen da und blickten zu den beiden Männern hinüber. Ein paar sprangen auf ihre Ponys.

Ich habe gehört, es hat wieder ein paar neue Angriffe gegeben“, sagte Li’l Jack. „Überall entlang des River Platte.“

Stimmt wohl. Damit sollen sich die Freiwilligen befassen. Im Moment interessieren uns die hier unten.“

Ich frage mich gerade, ob die zu der Gruppe gehören, die immer noch kämpfen.“

Gus erhob sein Gewehr. „Ruhig, Li’l Jack. Das klärt sich alles. Iliffs Vieh zu schlachten ist eine Sache. Das ist verzeihlich. Aber auf Lily Smoots Freunde zu schießen wäre eine andere. Auf keinen Fall sollten wir uns miteinander anlegen.“

Fünf bewaffnete Indianer saßen jetzt auf ihren Pferden. Die anderen zerlegten weiterhin die Kuh. Keine Seite schien auf eine Konfrontation aus.

Aber dann, ohne dass Gus es bemerkt hätte, kamen die Indianer herangestürmt.

Sachte, sachte“, versuchte er Li’l Jack zu beruhigen. „Wenn sie bluffen wollen, dann sollen sie bluffen. Wenn sie schießen wollen, werden sie es bereuen.“

Er sah hinüber zu Li’l Jack und wollte sehen, ob er die Nerven behalten würde. Aber der lächelte nur und hielt seinen Sharps-Karabiner in der Hand. Er sah aus, als wollte er die Auseinandersetzung. Fast wirkte er, als ob er nur auf den ersten Schuss durch einen Indianer warten würde.

Als die Angreifer die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatten, ließen sie einen ganzen Pfeilregen los. Jetzt hatten die beiden keine Zeit mehr sich zu überlegen, ob sie die Angreifer bloß verscheuchen oder töten wollten. Gus eröffnete das Feuer.

Li’l Jack brauchte man nicht zu sagen, was er tun sollte. Beide feuerten auf die angreifenden Indianer, luden nach, feuerten wieder. Drei gingen zu Boden, die beiden anderen rissen ihre Ponys herum und galoppierten zu ihren Gefährten, die jetzt in höchster Eile ihre Tiere beluden und sich in die Sicherheit der Wälder auf der anderen Seite des Tales flüchteten.

Gus setzte ihnen nach und wollte sie jagen. Zunächst bemerkte er nicht, dass er allein war. Er tötete zwei der Ponys, die mit Fleisch beladen waren, und er tötete auch einen der Indianer, der sie beschossen hatte.

Er hielt sein Pferd an, lud nach und überlegte, wie er jetzt vorgehen sollte. Die Indianer vor ihm waren noch auf der Flucht in die Wälder. Sie waren bereits fast außer Reichweite seiner Waffen, und er hatte keine Ahnung, ob sich hinter den Bäumen noch mehr verborgen hielten.

Er richtete sein Gewehr auf den letzten der Indianer und schoss. Er verfehlte ihn, lud nach, schoss und verpasste ihn wieder.

Dann drehte er sich zu Li’l Jack um. Sein Pferd war da, aber er selbst war nicht zu sehen. Gus trabte an den niedergeschossenen Indianern vorbei. Alle waren tot. Ihre Ponys liefen hinter den Flüchtenden her.

Ein Pfeil steckte in Li’l Jacks leerem Sattel. Gus trieb sein Pferd weiter voran durch das hohe Gras, aber er fürchtete sich vor dem, was er gleich finden würde.


*


Lincoln gab den herannahenden Indianern durch Zeichen zu verstehen, dass sie in friedlicher Absicht gekommen seien. Zwanzig Yards vor ihnen blieben die Cheyenne stehen und sahen ihnen hügelaufwärts entgegen. Lame White Man drehte sich um und deutete auf das Dorf hinter ihnen. Da lag ein großes Zelt im Zentrum des Dorfes, und dort wehten eine amerikanische und eine weiße Fahne.

Schweigend wendete er sich ihnen wieder zu. Dann gab er ihnen ein Zeichen, dass Frieden zwischen ihnen herrsche.

Du bist der schwarze Mann der Weißen, der auf mich geschossen hat. Der mir wieder auf mein Pony geholfen hat.“

Ja, ich habe dir auf dein Pony geholfen, aber es war Lily, die auf dich geschossen hat, Lame White Man.“

Die fünf Männer starrten Lily an.

Und“, sagte Lame White Man, „du hast an dem Friedensrat in Camp Weld teilgenommen.“

Stimmt“, antwortete Lily. „Wir haben dort Antelope und Thunder Bull getroffen, und die haben uns deinen Namen genannt.“

Ja. Sie haben uns von der Begegnung erzählt. Antelope hat mir auch erzählt, dass du ein Kind erwartest.“

Dann folgte ein Moment des Schweigens. Lily wusste, dass es als ungehörig empfunden würde, wenn sie zu schnell wieder das Wort ergriffe.

Du weißt“, fuhr Lame White Man fort, „dass Black Kettle und sein Volk hier bei Fort Lyon Frieden mit den weißen Siedlern geschlossen haben.“

Ja, das wissen wir. Wir wären sonst nicht gekommen.“

Warum seid ihr hier?“

Das ist eine sehr gute Frage“, antwortete Lincoln grinsend und wendete sich Lily zu.

Lily ging auf sein Kichern nicht ein. „Wir sind gekommen, um von euch zu lernen. Und wir wollen bei der Gelegenheit Antelope besser kennenlernen.“

Einer der anderen Krieger sagte leise etwas zu Lame White Man, der einen Blick über seine Schulter auf das Dorf warf. Eine größere Anzahl Frauen und Kinder waren bei der Arbeit, warfen ihnen aber verstohlene Blicke zu.

Lame White Man betrachtete die beiden auf dem Wagen, dann sah er wieder zurück aufs Dorf.

Ihr seid eingeladen, uns zu folgen. Ich werde euch zu Black Kettle führen.“

Die vier Indianer wendeten ihre Ponys, um den Hang hinunterzureiten. Bevor Lincoln ihnen folgen konnte, hielt Lame White Man sein Pferd an und drehte sich zu ihnen.

Ihr habt euren Bären mitgebracht. Den Kindern wird er gefallen.“

Dann führte er sie zum Dorf.

Und er ist eine gute Medizin“, murmelte Lincoln fast unhörbar zu Lily.


*


Lily und Lincoln hatte Auggy den Bären und ihren Wagen am Dorfrand zurückgelassen und gingen mit Lame White Man zum großen Zelt. Black Kettle trat heraus und begrüßte sie. Neben ihm flatterten die beiden großen Fahnen im Wind. Ein alter Mann und ein Übersetzer begleiteten ihn.

Ich bin Black Kettle. Das ist White Antelope. Lame White Man hat uns erzählt, dass ihr zehn Tage gereist sein, um uns zu treffen“, sagte Black Kettle in seinen Begrüßungsworten.

Ja“, antwortete Lily.

Er weiß noch nicht, warum du gekommen bist.“

Wir haben einige Angehörige eures Volkes in Camp Weld getroffen. Deshalb wollten wir unbedingt euer Volk hier im Dorf treffen. Wir wollen von ihnen lernen, wie man in der Prärie leben muss. Für die Kinder haben wir Geschenke aus Denver City mitgebracht. Die würden wir ihnen jetzt gerne übergeben.“

In unserem Volk teilen wir alles. Auch mit Fremden. Auch die Kinder werden alles teilen. Das sind wir so gewohnt.

Lily betrachtete die Tipis um sie herum. „Wie viele Menschen leben hier im Dorf?“

Wir haben einhundertundfünfzig Zelte. Ungefähr achthundert Menschen leben hier.“

Wir haben nur wenige Männer gesehen“, stellte Lily fest. „Müssten nicht mehr Krieger hier sein? Ich hätte etwa zweihundert erwartet.“

Die meisten unsere jungen Männer sind auf der Jagd. Uns bleiben nur noch wenige Tage, bis der Winter das unmöglich macht. Die meisten unserer kleinen Jungen sind mit ihnen unterwegs und erlernen das Jagdhandwerk. Die Kleinen werden bald zurückkehren.“

Die Frauen und die kleinen Mädchen wirken alle sehr geschäftig“, sagte Lily.

Der Übersetzer lachte und übersetzte dann für die beiden Häuptlinge, die ebenfalls lächelten.

Sie sind bloß neugierig“, erklärte ihr White Antelope. „Nur sehr wenigen unserer Frauen ist eine weiße Frau jemals so nahe gekommen. Und von den jungen Mädchen hat vermutlich auch noch keine eine weiße Frau getroffen. Sie wollen euren Bären sehen. Und ganz bestimmt hat noch keiner von uns einen Buffalo-Soldier aus einer der schwarzen Einheiten gesehen, der nicht in der Army dient und die Kleidung eines weißen Siedlers trägt.“

Ich bin kein Buffalo-Soldier“, erklärte ihm Lincoln.

Black Kettle nickte bestätigend und sagte dann: „Selbst ich habe noch keinen schwarzen weißen Mann in einem Cheyenne-Dorf gesehen. Möchtest du auch über unser Volk lernen, und sollen wir dir auch zeigen, wie man in der Prärie lebt, Lincoln?“

Ich arbeite für Lily und ihren Gatten Gus. Sie wollte, dass ich mit ihr hierherkomme.“

Sollst du ihr helfen, wenn es ein Problem gibt?“

Nein“, antwortete Lincoln lachend. „Lily kommt alleine sehr gut zurecht.“

Black Kettle betrachtete Lily genauer. Dann sprach er Lincoln wieder an. „Stimmt es, was man sich erzählt? Dass du das Leben von Lame White Man verschont hast, als du ihn hättest töten können?“

Ja.“

Warum hast du so gehandelt?“

Weil Lily es mir so aufgetragen hat. Ich hätte ihn nicht leben lassen.“

Black Kettle sah wieder zu Lily und schwieg.

Lily wusste, dass sie sich in diesem Moment nicht in das Dorf einladen konnte. Deswegen standen sich die fünf lange Zeit gegenüber. Währenddessen schien Black Kettle sich zu entscheiden, was er tun sollte.

Dann sprach er: „Ich werde Antelope herbeirufen, damit sie euch hilft, die Geschenke an die Kinder zu verteilen. Wie ich gehört habe, kennt ihr sie bereits. Sie und White Antelope werden euch unser Dorf zeigen.“

Der ehrwürdige alte Häuptling und das junge Mädchen führten Lily umher. Lincoln ging ein paar Schritte hinter ihr.

Bei einer Gruppe von Frauen, die gerade Büffelhäute gerbten, blieben sie stehen.

Diese Frauen sind die Schwestern und die Mutter des jungen Mädchens dort drüben“, erklärte Antelope. „Sie hat gerade geheiratet und die Frauen richten ihr das Tipi ein.“

Wo ist ihr Mann?“

Auf der Jagd.“

Hilft er ihnen nach seiner Rückkehr?“

Antelope kicherte. „Männer gerben nicht das Fell und richten nicht das Tipi ein.“

Die Frauen warfen ihnen scheue Blicke zu. Eine stellte Antelope eine Frage.

Sie fragen nach deinem Kleid, Lily“, sagte Antelope. „Woraus ist es gemacht?“

Das ist ein Baumwollstoff. Arbeiterinnen haben ihn zusammengenäht und man hat mir das Kleid in einem Geschäft verkauft.“

Du hast es nicht selbst gemacht? Kennst du die Frauen, die es für dich gemacht haben? Was hast du dafür eingetauscht?“

Ich weiß nicht, wo die Frauen leben und ich habe nichts dafür eingetauscht.“

Warum machen Fremde so etwas für dich?“, fragte White Antelope.

Lily warf Lincoln einen Blick zu.

Er lächelte zurück. „Du bist hergekommen, um von ihnen zu lernen. Vielleicht musst du sie unterrichten. Viel Glück bei dem Versuch, ihnen das Ein- und Verkaufen von Gegenständen zu erklären.“

Die Menschen stellen Dinge her und verkaufen sie für Geld.“ Sie zeigte ihnen ein paar Dollar. „Dann benutzen sie das Geld und kaufen sich damit Dinge für sich selbst.“

Die Frauen reagierten mit verwirrten Blicken.

Ja“, nickte White Antelope. „Dieses Geld habe ich an den Handelsposten gesehen. Und Starving White Bear und die anderen Häuptlinge haben versucht, uns das zu erklären nach ihrer Reise zum Großen Weißen Vater. Die Weißen glauben, dass es besser so ist und sie nicht Güter tauschen müssen.“

Eine der Indianerfrauen griff nach dem Geld und befühlte das Gewebe von Lilys Kleid.

Lily warf einen Blick auf das Dorf und dann auf die Frauen und White Antelope. Dann grinste sie Lincoln an.

Nein. Das ist zu kompliziert.“

Zu schwierig? Oder kann man das nicht erklären, Lily?“, fragte er. „Diese Leute teilen alles miteinander. Auch mit Fremden.“

In diesem Augenblick fielen Lily fast einhundert Frauen auf, die in kleinen Gruppen ins Lager kamen. Jede schleppte ein großes, offensichtlich schweres Bündel auf dem Rücken. Selbst die kleinen Mädchen mühten sich mit Bündeln ab. Ihre waren bloß etwas kleiner.

In diesem Augenblick stellte Lily mit Erleichterung fest, dass sie das Thema ändern konnte. Sie sprach deshalb Antelope an.

Wo kommen alle diese Frauen her? Was tragen sie auf dem Rücken?“

Manche tragen Beeren. Manche Wurzeln. Viele tragen Holz für die Feuer. Den ganzen Tag sind sie unterwegs gewesen. Diese hier sind die ersten, die zurückkommen. Viele sind noch draußen in der Prärie.“

Lincoln und Lily blickten den Frauen nach, als sich die Gruppen auflösten und jede mit ihrem Bündel zu einem Zelt ging.

Ich nehme an, Lily“, meinte Lincoln trocken, „das ist nichts, was du Gus und den zukünftigen Rancharbeitern beibringst.“


*


Nachdem sie ihre Geschenke an die kleinen Jungen und Mädchen verteilt hatten, und nachdem alle Kinder Auggy dem Bären so nahe kommen durften, wie sie sich trauten, führte Antelope sie zu ihrem Zelt.

Sie folgten ihr, bückten sich unter der Türöffnung und standen im Inneren.

Ich hatte keine Vorstellung davon, wie gemütlich es hier sein könnte“, meinte Lily. „Hier ist ja viel, viel mehr Platz als ich erwartete hätte.“

Vielleicht besitze ich eines Tages mal ein so gemütliches Heim“, sagte Lincoln. „So gut eingerichtet. Sieh all diese Betten, diese Decken.“

Das würde mir gefallen“, stellte Lily bewundernd fest.

Beide blickten zu Antelope. Sie kauerte auf ihren Händen und Knien auf einem Bett und zog verschiedene Taschen in unterschiedlichen Größen aus dem Zwischenraum zwischen Bett und Zeltwand hervor.

Wofür sind die?“; fragte Lily.

Antelope sah zu ihr auf. „Das sind Taschen aus Parfleche. Sie werden aus Büffelhaut gemacht. Wir Frauen tragen darin alles, was wir haben, von Lager zu Lager.“

Sie begann hektisch, in mehreren der Taschen zu suchen.

Was suchst du?

Hier muss es sein, hier irgendwo: Ich habe ein Geschenk für euch und für euren Bären. Ich wusste, dass ich es in eine der großen Taschen gelegt habe.“

Sowohl Lincoln wie auch Lily lachten.

Antelope sah zu ihnen auf. „Was ist so lustig, Lily?“

Ich musste nur daran denken, dass es dir genauso ergeht wie allen meinen Freunden und mir. Immer suchen wir in unseren Taschen herum nach Dingen, die wir nicht finden.“

Lincoln grinste breit. „War bei meiner Frau auch so. Wir hatten nicht viel, aber was wir hatten, konnte Sarah selbst nach Stunden des Herumwühlens in unseren Taschen nicht finden.“

Hier ist es!“, rief Antelope plötzlich.

Triumphierend hielt sie drei Adlerfedern hoch.

Die große ist für Auggy den Bären. Die beiden anderen sind für euch, meine einzigen weißen Freunde.“ Ihre Augen glänzten im Lichte des Feuers. „Sie sind eine sehr gute Medizin.“


*


Iliff untersuchte Li’l Jack Madsen, der auf einer Couch in seinem Ranchhaus lag. „Das sieht nicht gut aus. Der Pfeil durch die linke Schulter ist nicht so schlimm. Aber der Schuss durch den Unterleib könnte ihn töten.“

Er setzte seine Arbeit fort und entfernte die Pfeile. Dann reinigte und verband er die vier Wunden, so gut wie er konnte.

Er ist ein guter Junge“, sagte Gus. „Ich möchte, dass er älter als zwanzig Jahre wird.“

Wenn er Glück gehabt hat, dann hat der zweite Pfeil keine lebenswichtigen Organe durchschlagen. Darauf müssen wir hoffen, sonst sind seine Tage als Rancher und Indianerkämpfer vorüber.“

Dann beendete er seine Pflegetätigkeit und reinigte den Boden.

Du sagst, die Indianer waren dabei, zwei meiner Rinder zu schlachten?“

Ja.“

Dafür erschießen wir niemanden hier auf der Ranch.“

Ich weiß das, Iliff. Wir haben ihnen nur zugesehen, dennoch haben sie uns angegriffen. Ohne dass wir etwas gegen sie unternommen hätten, begannen sie zu schießen. Wir wussten, wie wir uns zu verhalten hatten. Es war Selbstverteidigung.“

Habt ihr welche getötet?“

Ja. Drei.“

Wir alle wussten, dass einige Indianer Black Kettle nicht folgen würden. Mir war es nicht vorstellbar, dass alles plötzlich aufhören sollte. Es gibt nur eine gute Nachricht, und die ist, dass sie im Winter nicht mehr angreifen werden. Und der kommt, Gott sei Dank, schon bald.“

Und die schlechte Nachricht?“

Wenn Chivington, dieser Narr, glaubt, er müsse auf die Welle von kleinen Überfällen mit militärischer Macht gegen die anderen, die friedlichen Indianer reagieren, dann könnte sich alles gegen uns richten.“

Und das könnte lange anhalten. Sehr lange.“


*


Lily beobachtete die zehn jungen Männer mit bemalten Gesichtern, Armen und Beinen und Adlerfedern in den Haaren, wie sie um das Feuer tanzten. Viele andere der jungen Männer schlugen die Trommeln und schüttelten Rasseln. Mehrere spielten auf langen hölzernen Flöten. Sie sah über Thunder Bulls Kopf hinüber zu Antelope.

Tanzen sie jeden Abend?“, fragte sie.

Nein. Heute war die Jagd sehr gut. Die Männer wollen Maheo durch ihren Tanz darum bitten, dass die Jagdsaison noch etwas länger dauert. Bis zum großen Schnee.“

Sind die anderen Männer auch von der Jagd zurückgekehrt?“, wollte Lincoln von Black Kettle wissen. Sie saßen am Feuer Lily und Antelope direkt gegenüber.

Nein. Wenn die Jäger erfolgreich gewesen sind, kehren sie am Nachmittag ins Dorf zurück. Sie bringen den Frauen das Fleisch und die Häute. Die anderen bleiben draußen.“

Werden diese Männer morgen wieder auf die Jagd gehen?“

Wir brauchen diese letzten Jagden dringend für den kommenden Winter.“

Lily warf einen Blick über das Feuer hinüber zu Lincoln und Black Kettle, dann hinauf zum Himmel und den Tausenden von Sternen, die man sogar über dem Feuer erkennen konnte. Dann sah sie wieder den tanzenden Männern zu.

Sie starrte ins Feuer und nahm Antelopes Hand in ihre. Warum können wir mit diesen Menschen nicht in Frieden leben? Warum wurden Cochise und seine Apachen in ihren Bergen nicht in Frieden gelassen? Und warum konnten jetzt Black Kettle und die Cheyenne ihr Leben in der Prärie nicht so führen, wie sie wollten?

Dann dachte sie an Gus und das Baby in ihr. Ist eine Ranch in der Grassteppe der Great Plains überhaupt möglich? Wir als einzelne Menschen wollen ihnen doch gar keinen Schaden zufügen, und sie uns ja auch nicht. Aber wenn die Gruppen aufeinander stoßen, hört das Kämpfen nie auf.

Sie neigte sich zu Antelope hinüber und umarmte sie. Thunder Bull sah sie an, sein Gesicht zeigte einen verblüfften Ausdruck.


*


Als sie in dieser Nacht im Zelt von Antelopes Familie schliefen, erwachte Lily und sah das Feuer in der Mitte des Zeltes. Alle Indianer um sie herum schliefen. Dann hörte sie die klagenden Töne von Flöten. Manche kamen von weit her, andere schienen ganz in der Nähe gespielt zu werden.

Sie drehte sich zu Antelope und sah, dass auch sie wach war.

Wo kommt die Musik her, Antelope?“

Junge Männer spielen ihre Flöten oft innerhalb des Dorfes und draußen in der Prärie bis in die Morgenstunden hinein.“

Manche scheinen ganz nahe zu sein.“

Viele wandern durch die Prärie. Man kann sie sogar hören, wenn sie weit weg sind. Aber andere spielen in der Nähe eines Mädchens, das sie mögen. Eines Mädchens, das sie vielleicht eines Tages heiraten werden.“

Wie lange spielen die Männer für die Mädchen, bis es zur Hochzeit kommt?“

Meistens viele Jahre lang. Die Familie des Mädchens will da ganz sicher sein.“

Lily lauschte und war fasziniert. Ihr fielen das Kerzenlicht und die Musik beim Fandango in Santa Fe wieder ein. Das war die Nacht gewesen, in der Auggy und sie sich ineinander verliebt hatten.

Sie blickte wieder auf Antelope und dann zum Feuer. Ihre Hand lag auf ihrem Bauch, und sie fühlte das Baby. Dann lag sie wieder auf ihrem Rücken.

Worüber denkst du nach, Lily?“

Über nichts, Antelope. Alles ist so schön. Danke dafür, dass Lincoln und ich hier sein dürfen.“

Das Feuer knisterte und Rauch zog durch das Loch im Tipi ab.

Lily richtete sich auf.

Wie sieht es denn bei dir aus, Antelope? Spielt draußen auch für dich jemand auf der Flöte?“

Nein.“ Antelope drehte sich zu Lily.

Aber du bist siebzehn. Wo ist denn dein Freund? Und dein künftiger Ehemann?“

Ich war ein paar Monate lang verheiratet“, sagte sie. „Aber im letzten Jahr wurde mein Ehemann bei einem Überfall auf die Pawnees getötet.“

Lily nahm sie in den Arm und lauschte lange dem Knistern des Feuers, bevor sie wieder einschlafen konnte.




11. Kapitel

29. November 1864




Drei Wochen später schliefen Black Kettle und seine Frau friedlich in ihrem Zelt. Die Männer waren immer noch draußen im Schnee auf der Jagd. Alle Frauen und Kinder und die etwa sechzig Männer, die zu alt für die Jagd waren, waren im Dorf verblieben.

Es war kurz vor dem Morgengrauen. Colonel John M. Chivington, der an der Spitze einer Kolonne von siebenhundert Freiwilligen aus den Territorien von Colorado und New Mexico stand, blickte hinab auf das Dorf von Black Kettle am Sand Creek. Die andere Hälfte seiner Streitmacht hatte er zur gegenüberliegenden Seite des Dorfes geschickt mit dem Befehl anzugreifen, wenn sie das Schießen von seiner Seite hören würden.

Die Temperatur lag unter dem Gefrierpunkt und es herrschte ein leichtes Schneetreiben. Die Freiwilligen waren mehr als zweihundert Meilen von Denver City nach Fort Lyon geritten, wo sie sich gestern Abend die Bäuche vollgeschlagen hatten. Danach waren sie die ganze Nacht unterwegs zum Dorf von Black Kettle gewesen.

An diesem bitterkalten Morgen waren viele der Freiwilligen noch von der letzten Nacht her betrunken.

Colonel Chivington, wo bleiben die regulären Einheiten aus dem Fort?“, fragte ein Captain. „Ich dachte, die kämen direkt hinter uns!“

Ich habe ihnen gesagt, das sei nicht nötig“, log Chivington. „Wir können uns alleine um diese Indianer kümmern.“

Colonel, mit allem Respekt“, sagte der Lieutenant, der den Captain begleitete. „Das ist das Dorf von Black Kettle. Black Kettle lebt mit uns in Frieden.“

Wir haben den Auftrag, die Cheyenne und die Arapaho zu töten. Und bitte sehr, Gentlemen“, er deutete auf das Dorf vor ihnen, „hier sind Ihre Cheyenne und Arapaho.“

Aber das sind genau die Indianer, die Sie persönlich hierhergeschickt haben mit dem Versprechen, dass das Militär sie in Ruhe ließe. Sie haben ihre Waffen im Fort abgegeben.“

Nicht alle ihre Waffen.“

Dies schien ein größeres Problem zu werden, und die beiden Offiziere wurden deshalb böse.

Sie haben doch nicht vor, diese wehrlosen, unschuldigen Cheyenne anzugreifen, Chivington?“, fragte der Captain. „Das können Sie nicht tun.“

Sollte deshalb niemand erfahren, wohin wir reiten?“, fragte der Lieutenant. „Warum uns unterwegs niemand begegnen sollte?“

Ihre Befehlsverweigerung ist nicht hinzunehmen, Gentlemen“, bellte Chivington sie an. Jetzt war er mindestens so wütend wie sie.

Durch die erhobenen Stimmen kamen immer mehr der Freiwilligen herbei. Während die drei Offiziere sich zornig anstarrten, bildeten sich in der kalten Luft des frühen Morgens vor allen Männern und Tieren dicke Atemwolken.

Da unten sind Frauen und Kinder“, rief der Captain. „Babies. Und die Menschen, denen Sie die Flagge gegeben haben und denen sie Schutz unter dieser Flagge versprochen haben. Sie wissen überhaupt nicht, ob sich da unten irgendwelche Indianer aufhalten, die sich noch im Krieg mit uns befinden.“

Gentlemen“, sagte Chivington kühl. „Sie haben Ihre Befehle. Sie greifen dieses Dorf jetzt an. Sie versammeln alle Männer für einen Großangriff. Jetzt.“

Ich wiederhole“, antwortete der Captain. „Sie dürfen das nicht tun. Ihr Befehl ist ungesetzlich. Er verstößt gegen die militärischen Regeln der Vereinigten Staaten. Er verletzt die Indianerpolitik der USA und die von Colorado. Und er widerspricht jedem Sinn für Menschenwürde. Die Menschen, die da unten schlafen, glauben, dass Sie , ausgerechnet Sie , ihnen Schutz versprochen hätten.“

Das nervös tänzelnde Pferd des Captains beschrieb aufgeregt einen ganzen Kreis vor dem vor Wut schnaubenden Chivington. Immer mehr Freiwillige versammelten sich um sie herum. „Um Himmels Willen, John, Sie sind Methodistenprediger. Sie können doch nicht unschuldige Babies und Kinder töten. Halten Sie sich doch zurück!“

Sie halten sich zurück, Captain. Ziehen Sie Ihre Männer zusammen. Ich bin Ihr kommandierender Offizier, und ich befehle Ihnen und Ihren Männer, dass sie dieses Cheyennedorf angreifen. Jetzt!“

Nein, Sir“, sagte der Lieutenant. „Das werden wir nicht. Es ist illegal und barbarisch.“

In meiner Kommandostruktur stehen sowohl Gott als auch Präsident Lincoln über mir. Sie können zur Hölle fahren, John“, schrie der Captain.

Chivington wendete sich an die Freiwilligen. „Ich befehle allen Kompanien dieses Indianerdorf anzugreifen. Jetzt! Sie greifen an und beginnen mit dem Beschuss! Töten Sie alle!“

John“, sagte der Captain. „dafür sollen Sie in der Hölle schmoren.“

Die beiden Offiziere führten die nicht angriffswilligen Soldaten weg von denen, die sich jetzt zum Sturm vorbereiteten.

Schande über Sie“, knurrte der Lieutenant. „Schande über Sie!“


*


Medicine Woman weckte Black Kettle, als sie den Hufschlag heran galoppierender Pferde hörte. Beide erhoben sich. „Vielleicht kehren auch die Jäger von der Jagd zurück.“

Dann legte sich Gewehrfeuer über den Hufschlag. Einige der Schüsse schienen in der Nähe zu fallen, andere kamen von weiter weg.

Black Kettle verließ sein Tipi und sah, wie die Soldaten auf ihn zuritten und im frühen Morgengrauen schossen. Er sah den siebzigjährigen Häuptling White Antelope auf die angreifenden Soldaten zu laufen, die Hände ausgestreckt. „Nein! Nein!“, schrie er nur und versuchte, den Lärm zu übertönen.

Frauen und Kinder rannten aus den Zelten und versuchten zu verstehen, was geschah. Überall im Dorf konnte man weinende Kinder hören. Ein kleiner Junge lief an Black Kettle vorbei und wollte den angreifenden Pferden entgehen. Dann verstand Black Kettle. Er sah, wie der Junge durch die Luft gegen ein weißes Tipi geschleudert wurde und wie sein Blut die weißen Tierhäute rot färbte.

Black Kettle erhob seine amerikanische Flagge, dann seine weiße. Das würden die Soldaten sicherlich sehen und den Angriff beenden. Ständig pfiffen Kugeln an ihm vorbei. Er hörte die Schreie der Frauen und Kinder, die in den Hütten getroffen wurden. Er sah, wie seine Frau fiel, ihre linke Seite voller Blut.

Dann sah er, dass White Antelope den Soldaten nichts mehr entgegen schrie. Er sah und er hörte, dass er seinen Totengesang anstimmte. Beiden war klar, was mit ihnen geschah. Mit ihrem Volk. Mit allem, was sie für die Cheyenne erreichen wollten.

Nichts lebt lange“, sang White Antelope. „Nur die Erde und die Berge.“

Ein Soldat schoss ihm in den Bauch, ein anderer schoss ihm in den Kopf aus nächster Nähe.

Die siebzehnjährige Antelope lief verstört an Black Kettle vorbei, stolperte und fiel. Dabei wirbelten die Geschosse den Schnee und den Schmutz um sie herum auf. Black Kettle sah, dass seine Frau erneut durch Schüsse getroffen wurde. Er packte die schreiende Antelope und rannte zum Ufer des Baches in der Hoffnung, das Mädchen retten zu können.

Gewehrfeuer kam jetzt von beiden Seiten. Thunder Bull geriet ins Kreuzfeuer. Der kleine Junge beobachtete, wie Blauröcke von anderen Blauröcken auf der gegenüberliegenden Seite des Dorfes aus den Sätteln geschossen wurden. Ein reiterloses Pferd warf ihn in seiner Panik um. Er fiel zu Boden wie in einem Albtraum, und er war nicht mehr in der Lage weiter zu kriechen. Er sah, wie Soldaten kleine Kinder erstachen, auf die Frauen schossen, ihre Gewehre als Keulen benutzten und weinende Babies erschlugen. Er kam hoch, lief zwischen den Zelten durch, durch den Lärm, Kugeln pfiffen um ihn umher, Indianer starben. Soldaten waren in den Tipis und Blut war außen auf den Zeltwänden. Viele der Tipis standen in Flammen.

Er lief weiter, suchte nach seiner Familie, suchte nach seinen Freunden. Er dachte, er hätte gesehen, wie Antelope von einem Blaurock mit dem Bajonett niedergestochen wurde, und er duckte sich, als derselbe Soldat auf ihn schoss. Dann lief er zu Antelope, aber dann erkannte er, dass es ein junges Arapaho-Mädchen war, mit dem er gespielt hatte. Aber sie war jetzt tot.

Überall nur Schreien und Heulen und Feuer und Rauch und Lärm. Und Blut.

Er erreichte den Bach. Die wenigen, die es geschafft hatten, gruben sich am Ufer ein, damit sie sich verstecken und schützen konnten. Er sah, wie auch Black Kettle ein Loch Antelope saß neben ihm. Sie saß regungslos da und starrte auf das Dorf.

Allmählich wurde es ruhiger. Er drehte sich um. Jetzt skalpierten die Soldaten die Frauen. Sie stachen immer wieder auf die toten Babies ein. Den toten Indianern schnitten sie Körperteile ab. Auch er grub sich ein Loch am Bachufer und verbarg sich darin. Den Anblick des Dorfes konnte er nicht länger ertragen.

Auch nicht das Entsetzen auf Black Kettles und Antelopes Gesichtern. Er verstand nicht mehr, was er sah.


*


Die Männer töten die Verwundeten, Colonel“, meldete der Sergeant. „Sie skalpieren die Indianer und verstümmeln die Leichen. Sollten wir ihnen das nicht untersagen?“

Sind alle tot?“, fragte Chivington.

Ich glaube, ja.“

Wie viele?“

Es könnten vierzig Männer sein. Mir scheint, dass wir acht aus dem Rat der vierundvierzig getötet haben, Sir. Auch über hundert Frauen und Kinder. So etwa einhundertundfünfzig.“ Er sah Chivington ins Gesicht. „Und Babies, Sir. Kleine Kinder.“

Und wie sieht es bei den Freiwilligen aus? Sind welche gefallen?“

Ungefähr fünfundzwanzig sind tot, Sir. Und fünfzig Verwundete.“

Erzählen Sie das den Feiglingen, die behauptet haben, dass die Indianer unbewaffnet wären“, sagte Chivington mit einem hämischen Grinsen.

Sie waren nicht bewaffnet, Sir. Wir haben bei den Indianern keinerlei Waffen gefunden.“

Dann verstehe ich das nicht.“ Chivington runzelte die Stirn. „Sie sagen, es seien Soldaten gefallen.“

Der Sergeant antwortete nicht und überließ es Chivington, die Erklärung zu finden.

Was tragen die Männer dort an ihren Schultern und an ihren Sätteln, Sergeant?“

Der Sergeant zögerte mit der Antwort. „Tut mir leid, dass ich das sagen muss, Sir. Die Männer sammeln die Trophäen aus der Schlacht ein. Auf den Schultern, das sind die Skalps. Den Frauen und Männer haben sie die Geschlechtsteile abgeschnitten, Sir. Sie trocknen sie jetzt auf ihren Sattelhörnern.“

Um Himmels Willen, warum das?“

Die machen daraus Tabakbeutel, Sir. Aus den Hodensäcken der Männer und aus den Brüsten der Frauen.“

Die beiden Männer betrachteten, was von dem Dorf Black Kettles übriggeblieben war. Der eine war ungeheuer stolz auf sich, der andere angewidert und voller Fragen über die Folgen dieses barbarischen Vorgehens.




Kapitel 12

9. Januar 1865




Tausend Indianer haben Julesburg und Fort Rankin vor zwei Tagen angegriffen“, berichtete Iliff. „Ungefähr zwanzig Meilen von hier.“

Cheyenne?“, fragte Lily.

Und Arapaho und Lakota Sioux. Sie haben vierzehn Soldaten und ein paar der Einwohner von Julesburg getötet. Jetzt greifen sie die Ranches entlang des Flusses an.“

Sind wir hier in Gefahr?“

Das ist die Rache für Chivingtons Überfall. Ich glaube nicht, dass die meisten Ranches hier noch sicher sind. Vielleicht würden die Cheyenne uns in Ruhe lassen, weil ich ihnen immer von meinem Vieh abgegeben habe. Aber davon wissen die Arapaho und die Sioux nichts und nehmen keine Rücksicht darauf. Warum sollten sie auch, ehrlich gesagt.“

Und deine Hochzeit, Iliff?“

Lily, du und Gus und Lincoln müssen darüber jetzt eine Entscheidung fällen. Und deine Schwangerschaft schreitet voran, Lily.“

Was sind denn unsere Möglichkeiten?“

Ihr könnt mit den drei Männern reiten, die Li’l Jack zurück nach Denver City bringen. Oder ihr könnt mit mir nach Kansas City zu meiner Hochzeit kommen.“

Wie sollen wir den Indianern entgehen?“

Wir ziehen nach Osten los, weg vom Fluss. Dann haben wir sie nördlich von uns. Übrigens, wir sind ein Dutzend schwer bewaffneter Männer und sie werden uns kaum angreifen. Aber wenn sie angreifen sollten, dann könnte es zu wilden Ritten kommen. Nicht angenehm für eine Frau im siebten Monat. Auch nicht für dich, Lily.“

Ich möchte nicht mehr zurückgehen, Iliff“, antwortete sie. „Glaube bitte nicht, dass ich deine Einladung zur Hochzeit nicht gerne annehmen würde. Aber den Plan, eine Ranch im Washington-Territorium aufzubauen, habe ich nicht aufgegeben. Wie gut sind unsere Chancen, dass wir uns zu Godfrey auf der anderen Seite des Platte River durchschlagen können, bis alles vorbei ist?“

Iliff schüttelte den Kopf. „Wir können natürlich euch drei und Auggy den Bären mitnehmen, bis wir bei Godfreys Ranch sind.“

Und Li’l Jack?“

Ihr wisst so gut wie ich, dass Li’l Jack sich glücklich schätzen kann, wenn er in Denver City in der Stadt leben kann. Das werden wir sehen. Nur ihr drei werdet im Frühjahr nach Fort Laramie aufbrechen können. Sofern Lincoln bei dir und Gus bleibt.“

Um Lincoln mache ich mir keine Sorgen. Aber die Indianer machen mir Sorgen, zumindest, bis das Baby da ist. Dann sind wir wieder vier. Mach dir keine Sorgen um mich, Iliff. Du solltest dir eher einmal Gedanken darüber machen, in welche Welt du deine junge Braut bringst.“


*


In dieser Nacht küsste sie Gus sanft, nachdem sie sich geliebt hatten.

Es ist gut, dass wir uns nicht darum sorgen müssen, dass du schwanger wirst, Lily.“

Sie versetzte ihm einen Knuff. „Wenn du unbedingt willst, dann kannst du dir deine Kraft für das nächste aufheben.“

Er küsste sie auch. „Wir müssen unsere Kraft vermutlich für die Cheyenne aufsparen, wenn sie zu Godfreys Ranch kommen.“

Ich freue mich darauf, dass wir aus Colorado hinauskommen und endlich auf dem Oregon-Trail weiter nach Washington ziehen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es so viel Kämpfen und Töten gibt. Das war nie Teil meines Traumes von einer eigenen Ranch gewesen.“

Ein Traum war es auch nie für die Cheyenne und für die Sioux. Aber so was wie Lily Smoot, die ihr Baby verteidigt, haben sie noch nie gesehen.“

Lily rollte sich hinüber und umarmte den zukünftigen Vater.

Antelope und Thunder Bull kamen ihr in den Sinn. Waren sie tot? Alle sagten, dass Black Kettle und Medicine Woman umgekommen seien, und dass es ein Massaker gewesen sei.

Erst nach Stunden fand sie Schlaf.




Kapitel 13

14. Januar 1865




Da kommen sie“, rief Godfrey, als er die Treppe bei Tagesanbruch hinunter hastete. Mit seinem weißen Bart war er überall gut zu sehen. „Ich frage mich, warum sie so lange gebraucht haben. Und ich muss sagen, ich bin ein wenig enttäuscht. Es sind ja nur etwa einhundertundfünfzig. Mit einer größeren Streitmacht hätten sie mir eine größere Ehre angetan als mit so wenigen Kriegern.“

Als Lily, Gus und Lincoln an der Tür von Holon und Matilda Godfrey aufgetaucht waren, wurden sie von dem Ehepaar, ihren vierzehn-und einundzwanzigjährigen Töchtern und dem sechsjährigen Sohn mit offenen Armen empfangen. Matilda, die ihr vier Monate altes Töchterlein trug, und die beiden Mädchen konnten die Munition herbeibringen und die Gewehre nachladen, aber sonst konnten sie nichts zur Verteidigung beitragen. Holon war deshalb überglücklich, drei gute Schützen begrüßen zu können, auch wenn Lily im siebten Monat schwanger war.

Das Anwesen der Godfreys lag eine halbe Meile vom Flussufer entfernt und war umgeben von einer sechs Fuß hohen Adobemauer mit strategisch platzierten Schießscharten. Im Inneren befand sich das Haus der Godfreys aus Grassoden, der Turm, eine Schmiede, Pferdestallungen, der unvollendete zweite Turm, ein Brunnen und ein Laden, der manchmal auch als Restaurant diente. Auch das obere Stockwerk des Hauses und des Turmes besaßen Löcher, durch die geschossen werden konnte. Diese gesamte Anlage war eher ein Fort als eine Ranch. Godfrey war gut auf die Cheyenne und die Sioux vorbereitet.

Schießt erst auf die Hundesöhne, bis sie so nahe sind, dass man nicht vorbeischießen kann“, riet Godfrey, als Lily, Gus und Lincoln zu ihren Schusspositionen im Turm liefen. Ihre Munition und ihre Gewehre lagen schon bereit.

Tut mir leid, Lily. Heute bin ich kein Gentleman.“

Egal, Holon. Ich auch nicht.“

Alle hörten Godfreys meckerndes Lachen, während sie von Südwesten her die Indianer auf sie zu preschen sahen. Sie blieben zunächst außerhalb der Reichweite der Schusswaffen. Dann kamen sie allmählich näher. Ein paar der Krieger wagten sich bis in die Nähe des Forts zu den Kühen heran und konnten damit ihren Mut beweisen.

Noch nicht“, sagte Gus. „Noch nicht schießen.“

So etwas hatte Lily noch nicht gesehen. Menschen, die in Wagenzügen angegriffen worden waren, hatten ihr davon erzählt, aber sie hatte es mit eigenen Augen noch nicht gesehen. Lily blickte voller Bewunderung auf die im Kreis reitenden Indianer und war tief beeindruckt von ihren Reitkünsten. Sie waren so diszipliniert wie die Siedler hinter ihren Schießscharten. Sie kamen nur so nahe, wie keine Gefahr für sie bestand. Dabei wollten sie herausfinden, wie viele Verteidiger sich in dem Fort aufhielten. Schließlich galoppierten mehrere von ihnen heran, schossen Pfeile auf die Gebäude ab und feuerten Kugeln in das Dach des Hauses.

Jetzt!“, rief Godfrey. „Schießt jetzt und tötet sie!“

Alle vier eröffneten das Feuer durch ihre Luken. Mehrere der Indianer gingen zu Boden, ebenso wurden einige Pferde getroffen. Lincoln erschoss einen Cheyenne, der wieder auf sein verletztes Pony steigen wollte. Bei dieser kurzen Entfernung konnte man deutlich sehen, dass alle Kriegsbemalung trugen. Lily gestand sich ein, dass der Anblick beeindruckend war, aber nur, wenn man seine Angst herunterschlucken konnte.

Haha!“, lachte Godfrey laut meckernd. „ Vielleicht haben wir ja Glück und sie erkennen, dass wir für sie zu stark sind.“

Das bezweifle ich“, antwortete Gus. „Wenn sie gekommen sind, um Rache zu nehmen, dann wollen sie die Frauen und Kinder. Sie wollen uns alle töten. Wenn sie ein Massaker verüben wollen, dann reiten sie nicht weg.“

In diesem Augenblick kamen sie wieder heulend heran, und alle Tiere außerhalb des Forts flüchteten in Panik.

Das sind unsere Pferde“, sagte Lincoln, als er zur östlichen Seite des Turmes kroch.

Lass sie laufen“, sagte Godfrey. „Niemand darf die Ranch verlassen. Genau das wollen sie. Sobald du hinter deinem Pferd herläufst, bist du tot, Lincoln. Bleib!“

Sollten nicht Matilda und die Mädchen auch mal aus dem Haus heraus schießen?“, fragte Lily. „Sie sollten vom Haus aus schießen und dann hierher kommen. Vielleicht glauben sie, wir wären mehr.“

Du willst die Indianer reinlegen, Lily?“, meinte Holon. „Da kommen sie schon wieder. Wartet, wartet!“

Aber dieser Angriff diente nur zur Ablenkung von einem viel gefährlicheren Manöver. Die Krieger rasten heran, wobei die meisten von Norden und Südwesten auf den Turm zukamen. Pfeile regneten auf sie herab, und Kugeln prallten vom Turm ab, während die vier weiterhin feuerten.

Godfrey schrie auf und das Lachen war ihm vergangen. „Die haben die Prärie im Südwesten angezündet!“

Und dann ritten mehrere Krieger heran und schossen Brandpfeile auf das Fort und die strohgedeckten Dächer der Häuser. Alle vier nahmen die vordersten der Reiter unter Beschuss. Einige starben.

Godfrey rannte den Turm hinunter und befahl Matilda und den Mädchen, eine Kette mit Wassereimern zu bilden. Sollte das Feuer die Stallungen erreichen, wären sie alle in großer Gefahr.

Seht drüben!“, rief Gus. „Die American Ranch!“

Zwei Meilen entfernt konnten die vier die American Ranch brennen sehen. Die Flammen loderten hoch in die winterliche Bergluft hinein. Sie feuerten weiter sowohl auf die berittenen Indianer wie auch auf die, die den Brand gelegt hatten. Es gelang ihnen, sie zu vertreiben, und mehrere schafften den Rückweg nicht.

Dann sprang Lincoln hinunter zu den Mädchen um ihnen beim Löschen zu helfen. Als ein Indianer oben auf der Mauer erschien, schoss Lily ihn herunter.

Hoffentlich hat der Hundesohn das hier als letzten Eindruck in die Ewigkeit mitgenommen“, knurrte Godfrey. Dann meckerte er wieder sein Lachen. „Mädchen, wo hast du denn so schießen gelernt“

Auf gefährliche Männer schieße ich schon, seit ich ein kleines Mädchen war.“

Das muss ich mir merken. Ich werde mich in deiner Gegenwart stets anständig benehmen.“

Seht!“, rief Lincoln, als er wieder oben auf dem Turm war. „Lily, siehst du ihn?“

Lily schaute in die Richtung, in die Gus und Lincoln blickten. „Lame White Man“, sagte sie. „Ob der wohl weiß, dass wir hier drin sind?“

Ich glaube, das ist ihm egal“, antwortete Gus. „Das Massaker an Black Kettle bedeutet ihm mehr als die Tatsache, dass er dich einen Tag lang kannte. Er ist hier um Siedler zu töten. Dabei ist es ihm egal, wer sie sind.“

Er weiß es, Lily“, antwortete Lincoln. „Ich habe heute schon bemerkt, wie er auf Auggy den Bären gezeigt hat. Er hat gesehen, dass der alte Bär über die Mauer ragt. Er weiß, dass wir hier drin sind. Ich bin mir sicher, dass er einen Pfeil auf Auggy den Bären schießen wird, bevor hier alles vorüber ist.“

Und dann auch noch ein paar Pfeile auf euch“, sagte Gus. „Als Belohnung dafür, dass ihr ihn habt laufen lassen.“

Das war dumm von euch gewesen“, brummte Godfrey. „Das war sehr dumm, Mädchen.“

Das werden wir sehen“, gab Lily zurück. „Das werden wir sehen.“


*


Die Nacht brach herein. Die Attacken waren den ganzen Tag über weitergegangen, hatten dann aber aufgehört. Alle neun nahmen ihr Abendessen ein.

Sind wir heute Nacht über sicher?“, fragte Lincoln.

Vermutlich“, antwortete Godfrey. „Die Indianer sind nicht so verwegen wie die Weißen. Im Allgemeinen greifen sie nicht so unbedacht an, wenn sie nicht wissen, was auf sie wartet.“

Aber wir müssen Wache halten“, schlug Gus vor.

Unbedingt“, entgegnete Godfrey. „Alle ziehen sich für die Nacht in den Turm zurück. Ihr müsst euch bei der Bewachung der Tür abwechseln. Wenn wir Glück haben, dann nehmen sie sich leichtere Ziele vor.“


*


Sie hatten kein Glück.

Die Indianer griffen kurz nach Tagesanbruch mit voller Kraft an.

Verdammt“, fluchte Godfrey. „Alle aufstehen. Die wollen noch einen auf die Mütze bekommen.“

Den ganzen Vormittag über setzten die Indianer ihre Attacken auf die Ranch fort und versuchten einzudringen oder zumindest einen Schwachpunkt zu finden. Mehrmals versuchten sie auch wieder, Brände zu legen, hatten aber keinen Erfolg. Die Verteidiger nahmen sie solange unter Beschuss, bis sie trafen. Stundenlang ging das Spiel um Angriff und Rückzug weiter: Die Indianer griffen an und zogen sich wieder zurück, immer dann, wenn sie Verluste hinzunehmen hatten.

Auggy der Bär wurde zweimal getroffen. Ein Pfeil steckte jetzt in seinem Kopf und ein anderer in seiner Brust.

Godfrey“, sagte Lily zwischen zwei Angriffen, „warum sammeln Matilda und die Mädchen nicht alle Hüte im Laden und stecken sie auf Schaufeln, Axtstiele, Besenstiele innerhalb des ummauerten Bereichs? Sollen doch die Indianer denken, wir hätten über Nacht Verstärkung bekommen.“

Als sie das getan hatten, war es nicht klar, ob die Indianer davon beeindruckt waren, aber jeder hinter der Mauer fühlte sich besser. Sie kämpften gegen die Eindringlinge und waren in etwa so stark wie sie und hatten so viele Nahrungsmittel, dass sie einer wochenlangen Belagerung standhalten würden. Munition war allerdings ein anderes Problem. Godfrey hatte Matilda und die Mädchen in die Schmiede geschickt, wo sie neue Kugeln gießen sollten.

Am späten Nachmittag machte Gus Lily und Godfrey einen Vorschlag. „Lincoln und ich wollen es mal mit einer Indianerstrategie versuchen. Hier im ummauerten Bereich satteln wir unsere Pferde. Beim nächsten Mal, wenn eine Handvoll ihrer Reiter mit Brandpfeilen angreift, stürmen wir durch das Tor direkt auf sie zu und feuern mit Revolvern und Sharps-Gewehren auf sie.“

Seid ihr verrückt!“, rief Godfrey. „Da sind immer noch über hundert bemalte, wütende Sioux und Cheyenne dort drüben am Fluss, und die haben nur eins im Sinn.“

Und genau deswegen sollen sie sich die Sache noch einmal gut überlegen.“

Liebling …“, seufzte Lily.

Nein“, antwortete Lincoln. „Hör ihm zu. Er hat Recht.“

Die Indianer schicken immer eine kleine Gruppe zur Ablenkung vor. Und wenn die Soldaten sie jagen, dann taucht eine größere Streitmacht auf und greift an. Das tun wir auch. Lilys Hüte und Besenstiele geben ihnen die Frage auf, wie viele wir sind. Wenn Lincoln und ich ihnen nachsetzen und alle fünf hier drinnen uns unterstützen, fliehen sie zurück zu den anderen. Die verfolgen uns dann.“

Und danach?“, fragte Lily.

Dann preschen wir zurück, und ihr eröffnet das Feuer. Es spielt keine Rolle, ob Matilda und die Mädchen treffen, solange sie hin und herlaufen und von verschiedenen Luken aus schießen. Für die Indianer sieht das so aus, als ob eine ganze Kompanie von Soldaten sie aufs Korn nähme.“

Außerdem glauben sie nicht mehr, sie hätten uns fast besiegt“, meinte Lincoln.

Und wenn sie euch treffen?“, fragte Lily.

Es könnte passieren, dass ihr alle uns trefft“, sagte Lincoln schulterzuckend.

Sollte man bedenken.“ Godfrey nickte mit dem Kopf. „Ich werde Matilda und die Mädchen anweisen, in die Luft zu schießen.“


*


Zehn Minuten später galoppierten wieder sechs Cheyenne mit brennenden Pfeilen auf die Ranch zu. Ihr Ziel war die Wand neben dem Hauptgebäude.

Lame White Man beobachtete sie vom Flussufer aus. Er hatte die Reiter angewiesen, das Hausdach in Brand zu schießen, während er und seine Hauptstreitmacht aus der Ferne zusahen. Es hatte ihn überrascht, als das Tor sich öffnete und zwei Berittene hervorkamen, die seinen Kriegern entgegenkamen. Er sah, wie die sechs Indianer wendeten und zurück zur größeren Gruppe rasten. Ihnen folgten der Schwarze und der andere weiße Mann, der an jenem Tag auch bei dem Wagen gewesen war. Lilys Mann? Dann war Lily auch hinter der Mauer. Und der Bär war derselbe schwarze Bär, den er an ihrem Wagen gesehen hatte. Vielleicht war er doch keine gute Medizin für sie.

Er schrie dreimal heulend auf, erhob sein Gewehr über seinen Kopf und führte mit Kriegsgeheul alle Sioux und Cheyenne gegen die heranreitenden Siedler. Jetzt machen wir Schluss mit ihnen, dachte er.

Die sechs Indianer rasten zurück zu Lame White Man, legten wieder Pfeile ein und schossen im Sturmgalopp zurück auf die Verteidiger, die den Ausfall gewagt hatten. Gus und Lincoln feuerten ebenfalls während des Rittes. Zwei der Indianer sanken von den Pferden.

Als sie sich wieder dem ummauerten Bereich näherten, sagte Lincoln grinsend: „Sieh mal den Pulverdampf. Es wirkt, als ob ein Dutzend Schützen da drinnen wären.

Dann rasten sie durch das Tor, und nachdem sie es zugeschlagen hatten, sprangen sie ab und feuerten mit Lily und Godfrey durch die Luken.

Die Indianer umkreisten die ganze Ranch und versuchten einen Großangriff. Aber sie erreichten nicht mehr als in den dreißig Stunden vorher. Als der Abend anbrach und mehrere Versuche gescheitert waren, die Verteidiger herauszulocken, befahl Lame White Man seine Krieger zurück zum South Platte River.

In dieser Nacht beschloss Lame White Man am Lagerfeuer, sich leichtere Beute flussaufwärts zu suchen. Er fragte einen der Cheyenne, der schon öfter die Ranch besucht hatte, wie der Name des Ranchers sei.

Godfrey“, lautete die Antwort.

Der Mann ist verhext. Seine Ranch ist verhext“, sagte Lame White Man. „Sie heißt jetzt die ‚Hexenranch‘.“


*


Kommen sie am Morgen wieder zurück?“, fragte Lily.

Ich habe heute schon nicht mehr erwartet, dass sie zurückkommen würden“, entgegnete Godfrey. „Wenn sie am Morgen wiederkommen, brauchen wir Hilfe.“

Und die kommt nicht so einfach herbei“, sagte Lincoln nachdenklich.

Wie weit ist denn Hilfe entfernt?“, fragte Gus.

Auf keiner der umliegenden Ranches wird man auf Männer verzichten können“, antwortete Godfrey.

Falls es die Ranches überhaupt noch gibt.“ Lincoln runzelte die Stirn.

Bis Camp Wardwell sind es zwanzig Meilen“, sagte Godfrey. „Dort müsste es ein paar Soldaten geben, die uns zu Hilfe kommen könnten.“

Ich kann im Dunkeln dahin reiten“, schlug Lincoln vor. „Wenn sie für mich und die Soldaten frische Pferde haben, könnte ich vor Tagesanbruch wieder zurück sein.“

Wir können nicht auf dich verzichten“, wendete Gus ein.

Da draußen ist es nachts sicherer als morgen früh hier drinnen, Gus.“

Lily warf den beiden einen Blick zu. „Wir brauchen dich noch fürs Washington-Territorium, Lincoln. Sei vorsichtig.“

Godfrey, hast du ein schwarzes Pferd im Stall? Die Indianer können mich als schwarzen Mann im Dunklen nicht sehen, und mein Pferd sollen sie auch nicht erkennen können.“


*


Vor Tagesanbruch am nächsten Morgen klopfte Lincoln ans Tor. „Mach auf, Godfrey!“

Lily stieß das Tor auf und umarmte Lincoln, als er sein neues Pferd in den Bereich der ummauerten Ranch führte.

Wo sind die Soldaten?“, fragte Godfrey.

In Camp Wardwell. Sie waren bereit, uns Nahrung und auch Munition zu überlassen für deine Vorderlader, Godfrey. Aber als ich ihnen unsere Situation beschrieb, verweigerten sie mir die Ehre, mich zurückzugeleiten. Sie sagten, sie hätten andere Befehle.“

Sie sollen also nicht die Rancher beschützen?“, erkundigte sich Godfrey erstaunt.

Das haben sie gesagt.“

Nein. Die Soldaten sagten, die Indianer hätten die American Ranch vernichtet und sie völlig niedergebrannt. Dasselbe haben sie mit der Beaver Creek Ranch gemacht und dem Junction House oben an der Wegkreuzung. Sie haben aber gehört, dass tausend Indianer auf Julesburg und Fort Rankin zuströmen.“

Nach dem, was ich beobachtet habe, glaube ich, dass sie recht haben. Ich habe siebzehn tote Indianer um unsere Ranch herum gezählt, aber es hält sich hier kein lebendiger mehr auf. Ihre Feuer sind kalt und es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie irgendwas zurückgelassen hätten.“

Sie sind also weg?“, fragte Gus kopfschüttelnd.

Die scheinen ja von den Godfreys die Nase voll zu haben.“, sagte Lily.

Entweder das, oder sie möchten nicht von einem bösen Schwarzen gejagt und erschossen werden“, spottete Lincoln. „Habt ihr Kaffee für einen müden Reisenden?“




Kapitel 14

9. April 1865




Im Haus der Familie McLean, das zum Dorf um das Appomattox-Gerichtsgebäude gehörte, stand General Ulysses S. Grant und streckte seine Hand aus. Er hatte soeben das Dokument auf dem Tisch vor ihm unterzeichnet. Die Offiziere seines Generalstabes umgaben ihn. Darunter war auch der fünfundzwanzigjährige General George Armstrong Custer, einer der Helden von Gettysburg. Er war wahrscheinlich auch derjenige, der in einem breit angelegten Angriff den Vormarsch der Konföderierten in dieser entscheidenden Schlacht zurückgeworfen hatte.

Wir haben unseren Auftrag erledigt, General“, sagte Grant zu dem elegant und stolz wirkenden Mann vor ihm.

General Robert E. Lee war wie stets perfekt gekleidet, Grants Uniform hingegen war schmutzig und zerknittert. Der General der Konföderierten erhob sich von seinem Stuhl am Tisch und ergriff die ausgestreckte Hand.

Die Bedingungen sind so anständig wie wir sie in unserer Situation erhoffen konnten“, meinte Lee. „Vielen Dank, Herr General. Der Bürgerkrieg ist vorbei.“

Die beiden gingen sehr förmlich miteinander um. Früher einmal waren sie Kameraden gewesen und hatten gemeinsam die Militärakademie in West Point besucht. Im mexikanischen Krieg hatten sie Seite an Seite für die Sache der Vereinigten Staaten gekämpft.

Sie traten gemeinsam auf die Stufen, die zum Haus führten. Die Unionstruppen begannen spontan, Freudensalven abzufeuern.

Sagen Sie den Männern, sie sollen sofort damit aufhören“, befahl Grant. „Wir sind wieder alle Bürger eines Landes. Wir feiern entweder zusammen oder gar nicht.“

Im Inneren des Hauses sprach General Custer den dienstältesten Unionsgeneral im Raum an.

Diesen Tisch möchte ich haben“, sagte er und deutete auf den Tisch, auf dem noch die Kapitulationsurkunde lag. „Der ist für Libby. Wir sind schon fast ein Jahr verheiratet, und ich hatte noch keine Zeit, ihr ein richtiges Hochzeitsgeschenk zu machen.“

Im vergangenen Jahr hatten wir alle viel zu tun, George. Betrachten Sie es als ein Geschenk von uns. Damit können Sie ihre Hochzeit feiern und die Erneuerung unserer Nation.“




Kapitel 15

20. April 1865




Lincoln kam in das Zimmer, in dem Gus und Lily wohnten. Tränen liefen über sein Gesicht. Er hielt seinen Cowboyhut in seinen riesigen Händen vor sich. Es sah so aus, als risse er die Krempe ab.

Lily sah zu ihm auf und hielt den Atem an, als sie sein Gesicht sah und ihn keuchen hörte.

Lincoln!“, sagte sie entsetzt. Mit den Augen suchte sie nach ihrem Baby, dem kleinen John Smoot, der jetzt einen Monat alt war.

Der hünenhafte Schwarze konnte nicht sprechen. Er stand bloß da und rang um Fassung.

Schließlich brachte er schluchzend heraus: „Sie haben Präsident Lincoln getötet. Iliff sagt, es war ein Schauspieler in Washington, der ihn erschossen hat. Letzte Woche. In Washington.“

Lily lief hinaus in das Wohnzimmer. „Iliff! John Iliff! Ist es wahr? Ist Präsident Lincoln getötet worden?“

Iliff hielt seine Frau im Arm und sprach leise zu seinen Cowboys. Er drehte sich um zu Lincoln und den Smoots.

Ja, leider stimmt es. Der berühmte Schauspieler John Wilkes Booth hat ihn während einer Aufführung letzte Woche getötet.“

Und der Krieg?“, fragte Gus. „Ist der jetzt vorbei oder fängt alles wieder von vorne an?“

Nein, jetzt hat Präsident Johnson das Amt übernommen. Booth und seine Mitverschwörer wollten auch noch einen anderen Politiker töten, aber der Krieg ist dadurch nicht wieder aufgeflammt. Soldaten haben Booth verfolgt und ihn auch getötet.“

Als sie in dieser Nacht in ihrem Bett lagen, das Baby zwischen sich, versuchten Gus und Lily immer noch, die Nachricht zu verstehen.

Der Krieg ist vorbei und Präsident Lincoln ist tot“, murmelte Gus. „Es ist so schwer zu glauben.“

Ein neuer Präsident für ein neues Land“, sagte sie. „Und auch für uns ein Neuanfang.“

Und jetzt gibt es noch einen Grund, warum ich mir diesen Bart habe wachsen lassen. Jeder sagte immer, ich sähe wie Booth aus. Ich würde jetzt ja wirklich überall auffallen, wenn die Leute erst einmal das Bild in den Zeitungen gesehen haben.“

Übrigens, habe ich dir erzählt, dass Cummings in Washington auf Booth geschossen hat, als ich und er dort waren?“

Aber warum hat er das getan?“

Cummings suchte dich. Er glaubte, er hätte dich und General Canby gesehen, als ihr auf der Straße miteinander spracht. Er hat dann ein Pferd beschlagnahmt und ist dem Mann nachgejagt, von dem er annahm, das wärest du.“

Nein, das hast du mir nie erzählt. Er hielt mich für Booth?“

Ja. Er hat erst später herausbekommen, dass er Booth gejagt hat. Er hat tatsächlich mitten auf der Pennsylvania Avenue auf ihn geschossen.“

Du lieber Gott! Und wenn er ihn getötet hätte?“

Ich habe mich nur darum gesorgt, dass er dich getötet haben könnte. Dann hätte der Idiot nie sein Geld von uns bekommen.“

Aber er hat es ja ohnehin nie bekommen.“

Aber damals hat das keiner von uns gewusst. Und wenn er Booth getötet hätte?“

Das haben General Canby und ich ihn auch gefragt. Heute scheint es, als wäre das die richtige Lösung gewesen.“

Wenn ich Canby mal wieder sehe, sage ich ihm das.“

Sie schlug spielerisch nach ihm. „Das, Mr. Smoot, solltest du lieber nicht tun.“




Kapitel 16

15. Mai 1865




Lincoln und die Smoots mit ihrem zwei Monate alten Sohn John hatten die beiden letzten Monate auf der Iliff-Ranch verbracht und geholfen, das Vieh wieder zusammenzutreiben, das die Indianer in dem Blutbad im Januar nicht getötet hatten. Iliff und seine junge Frau hatten die Hilfe dringend nötig, die beiden Männer brauchten noch ein bisschen Erfahrung in der Arbeit auf der Ranch, und jedem tat die Rückkehr in ein normales Leben gut.

Die Sioux und die Cheyenne waren nach Norden in die Dakota-und Montana-Territorien gezogen, und der Trail entlang des South Platte River war wieder offen. Siedler, die genug vom Westen hatten, zogen wieder zurück in den Osten, und nach dem Ende des Bürgerkrieges wagten sich auch wieder neue Pioniere in den Westen.

Lily hatte sich einem solchen Wagenzug angeschlossen, der den Weg von Denver City nach Fort Laramie unternahm. Von dort planten sie, einen neuen Wagenzug zu suchen, mit dem sie zum Oregon-Trail und dann zum Washington-Trail gelangen würden.

Jetzt waren sie schon drei Tage lang unterwegs. Lily lächelte, als sie bei den Godfreys vorfuhren. Es war das erste Mal, dass sie sich seit Johns Geburt sahen.

Holon und Matilda Godfrey kamen aus dem Haus, um sie zu begrüßen.

Lasst mich mal das Baby sehen!“, rief Godfrey.

Lily musste lachen. „Wann hast du denn das aufgehängt?“, fragte sie und reichte John hinüber zu Matilda.

Oh, das“, antwortete Godfrey. Sie deutete auf etwas hinter ihm, und er warf über seine Schulter einen Blick darauf.

Er hatte ein großes Schild am Türpfosten befestigt:


FORT DES HEXERS

Besitzer H. Godfrey

Lebensmittelgeschäft


Ich habe gehört, die Indianer nennen mich jetzt den alten Hexer, und das gefällt mir irgendwie. Passt doch, glaubst du nicht auch?“

Lily prustete vor Lachen und umarmte ihn. Dabei lachte er, meckernd wie immer.

Wer sind die denn?“, fragte Gus und blickte hinüber zu einem Dutzend Soldaten auf der anderen Seite des Compound.

Die? Das sind frisch gereinigte Yankees. Habt ihr bei den Iliffs keine gesehen?“

Nein“, antwortete Lily. „Was sind frisch gereinigte Yankees? Andere nennen sie ‚weißgefärbte Rebellen‘. Sie sind konföderierte Soldaten, die in Gefangenschaft geraten sind. Jetzt sind sie hier draußen im Westen stationiert unter der Bedingung, dass sie die Indianer bekämpfen. Die Armee hat sie ins Dakota-Territorium geschickt, und sie überall entlang des Platte River eingesetzt. Wir nennen sie meist nur die Rebellen.“

Wie kommen die mit den Leuten hier klar?“, fragte Lincoln und schaute sich misstrauisch im Fort um.

Zusammenfassung

Im August 1863 sind zwei Betrüger unterwegs ins Washington Territory, um dort ihren Traum von einer Ranch zu verwirklichen. Aber die Cheyenne-Indianer haben andere Pläne mit den weißen Siedlern, die weiter nach Westen vordringen …
HÄUPTLING DER DIEBE, die Fortsetzung von Steven W. Kohlhagens Roman WO MAN DICH BEGRÄBT schildert in drei großen Episoden das mühsame und beschwerliche Leben auf einer Ranch und das Entstehen von einigen gesetzlosen Städten in Wyoming. Der Roman erzählt ebenfalls vom Leben und der Kultur der Cheyenne-Indianer, die amerikanische Historiker als „die beste Kavallarie, die jemals existierte“, bezeichneten. HÄUPTLING DER DIEBE ist ein epischer Bilderbogen aus der amerikanischen Pioniergeschichte, basierend auf Fakten und Fiktion, die der bekannte Schriftsteller Steven W. Kohlhagen auf einzigartige Weise miteinander verwoben hat. Mehr als nur ein Western – ein Roman, den man gelesen haben muss! DEUTSCHE ERSTVERÖFFENTLICHUNG!

Details

Seiten
600
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738908411
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
häuptling diebe

Autor

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Titel: Häuptling der Diebe