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Zur Rettung bleibt nur wenig Zeit

2017 130 Seiten

Leseprobe

Zur Rettung bleibt nur wenig Zeit

Arztroman von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.


Nach einem schweren Autounfall, liegt Günter Bindermann auf der Privatstation der Mohnhaupt Klinik. Kaum ist er außer Lebensgefahr, besteht er darauf, entlassen zu werden. Voller Misstrauen begegnet er der gesamten Ärzteschaft, da er glaubt, sein reicher Vater, Direktor Bindermann, habe die Ärzte bestochen, ihn gegen seinen Willen in der Klinik zu behalten. Günter Bindermann will jedoch unbedingt zu seiner schwangeren Freundin Helga, der seine Familie nicht erlaubt hat, ihn zu besuchen. Deshalb flieht er aus der Klinik zu Helga, dabei ist ihm nicht klar, dass er mit seinem Leben spielt – wenn er nicht regelmäßig Medikamente bekommt, wird er innerlich verbluten ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de



1

„Wann werde ich entlassen?“, fragte Günter Bindermann und sah Professor Mohnhaupt gespannt an.

Der Professor stand am Fußende des Bettes. betrachtete den jungen blonden Patienten und lächelte nachsichtig. „Sie sind vor einer Woche aus der Intensivstation gekommen“, sagte er und drohte scherzhaft mit dem Finger. „Jetzt reden Sie schon vom Nachhausegehen. Daran können wir aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch gar nicht denken.“

„Aber ich fühle mich prima, Herr Professor!“

Professor Mohnhaupt wandte sich um und blickte in die Runde derer, die mit auf die Visite gekommen waren: der schmale, freundlich lächelnde Oberarzt Dr. Hausmann; neben ihm, einen Kopf größer, der blonde Hüne Dr. Roland, der Internist, und neben ihm, viel kleiner und ebenfalls blond, Frau Dr. Bender, die Anästhesistin; ein Stück entfernt Schwester Karina, die für die Stationsschwester die Urlaubsvertretung übernommen hatte. Die hübsche junge Schwester sah den Patienten ein wenig mitleidig an. Dann wandte sie den Blick Alena Bärwald zu, die am Fenster stand und mit dem Rücken dagegen lehnte. Die junge blonde Ärztin lachte und sagte zu Professor Mohnhaupt: „Ich glaube, wir müssen ihm mal eine Spritze gegen den Übermut geben.“

Jetzt lachten alle, nur Günter Bindermann, der zweiundzwanzigjährige Patient, lachte nicht. Eher schien es, als würde er zornig.

„Ich bin kein kleines Kind. Sie brauchen nicht so mit mir zu reden. Überhaupt finde ich es nicht gut, dass ich hier in einem Einzelzimmer liege, nur weil mein Vater das so will.“

Professor Mohnhaupt schüttelte missbilligend den Kopf. „Wir hätten Sie die erste Zeit sowieso hierhin verlegt, selbst wenn Sie ein Kassenpatient gewesen wären und nicht der Sohn vom Direktor Bindermann.“

„Dann können Sie es jetzt ändern. Legen Sie mich in die normale Station! Ich möchte so behandelt werden wie die anderen. Müsste ich dann auch länger bleiben?“

Bis jetzt hatte der Professor Mohnhaupt gelächelt und es mit Heiterkeit aufgenommen, aber dieser aggressive Unterton in der Stimme des Patienten ließ ihn die Brauen runzeln.

Bevor der Professor antworten konnte, sagte Dr. Alena Bärwald: „Herr Bindermann, wir haben Verständnis dafür, dass Sie in Ihrem Zustand sich nicht so in Kontrolle haben, wie das eigentlich sein müsste. Wenn Sie hierbleiben müssen, hat das überhaupt nichts damit zu tun, dass Sie auf der Privatstation liegen, sondern ganz alleine mit Ihrem Zustand. Ihr Zustand ist aber so, dass Sie wenigstens noch einige Wochen hier in Behandlung bleiben müssen. Ich habe es Ihnen gestern schon einmal versucht zu erklären, aber Sie hören mir gar nicht zu. Sie wollen es gar nicht wissen.“

„Weil ich es nicht glaube“, erwiderte Günter Bindermann trotzig. „Ich fühle mich gut, und wenn ich mich gut fühle, dann geht es mir auch gut.“

Professor Mohnhaupt schüttelte den Kopf. „Sie müssen noch eine Menge lernen, junger Mann! Wie Sie sich jetzt im Liegen fühlen, zudem, wo Sie auch noch medikamentös behandelt werden, das zählt überhaupt nicht. Sie könnten nicht einen halben Tag ohne Behandlung sein. Das würde Sie in absolute akute Lebensgefahr bringen. Auch wenn Sie das jetzt nicht glauben mögen.“

„Und ich glaube es Ihnen auch nicht“, beharrte Günter Bindermann.

Jetzt drohte auch Professor Mohnhaupt zornig zu werden, aber er wandte sich um und sagte: „Meine Herrschaften, wir haben noch mehr Patienten!“ Dann sah er Dr. Bärwald an: „Können Sie es vielleicht noch einmal versuchen, es ihm klarzumachen? Ich habe nicht die notwendige Zeit!“ Er ging hinaus, verärgert über Günter Bindermann, der nun schon zum dritten Male auf die gleiche Weise und mit den gleichen Vorwürfen geantwortet hatte, dem Vorwurf nämlich, dass man ihn hier nur deshalb länger festhielte, weil er Privatpatient war und er einfach nicht glauben wollte, dass er sich in einem Zustand befand, der weit davon entfernt war, der Normalzustand eines gesunden Menschen zu sein.

Die Schwester war auch geblieben, aber Alena gab ihr einen Wink, und sie ging hinaus. Dann trat Alena an das Bett, setzte sich auf den freien Stuhl und sah Günter Bindermann an.

Streitlustig fragte er: „Spielen Sie hier den Pfarrer? Oder gibt es einen anderen Grund, dass Sie hier als Seelenmasseuse auftreten?“

„Sie wissen genau, dass Sie eine schwere Operation hinter sich haben! Und die war nötig nach Ihrem Unfall! Es war ein Unfall, den neun von zehn Menschen nicht überstehen. Sie haben ihn überstanden. Sie haben ihn auch deshalb überstanden, weil in kürzester Zeit ein Arzt da war, in Ihrem Falle Doktor Fegemeier, dessen sofortigem Eingreifen Sie zu verdanken haben, dass Sie diesen Unfall überleben konnten. Sie hatten schwere innere Verletzungen. Ich habe Ihnen schon einmal versucht zu erklären, dass bei Ihnen die Blutgerinnung auf Grund des Unfalltraumas gestört ist.“

„Reden Sie nicht immer in Fremdworten! Was ist ein Trauma?“

„Eine Verletzung. In Ihrem Falle eine innere Verletzung der Leber, auch die rechte Niere von Ihnen ist verletzt und die Milz ebenfalls. Die Blutgerinnung kann bei Ihnen nur durch Medikamente geregelt werden. Das wird später anders sein. Aber im Augenblick ist es die einzige Möglichkeit, dass es nicht zu einer neuen Nachblutung kommt. Wir müssen Sie regelmäßig mit Protaminsulfat und Vitamin K behandeln. Sie wissen ja, dass wir Ihnen in regelmäßigen Abständen diese Medikamente injizieren müssen. Bis gestern noch haben Sie am Tropf gehangen, und daher wüssten Sie ja eigentlich besser als jeder andere, wie sehr Sie noch auf Medikamente angewiesen sind. Dennoch reden Sie immer vom Aufstehen und Nachhausegehen. Sie würden sich wundern, wenn Sie wirklich aufstünden!“

„Ich bin schon aufgestanden und von hier bis auf die Toilette gegangen.“

„Obgleich Sie es nicht dürfen, nicht wahr?“, meinte Alena.

Er lachte. „Ich glaube keinem von Ihnen. Das ist Privatstation. Schön teuer! Was mein Vater denkt, das weiß ich. Der glaubt, weil der Unfallgegner schuld ist, kann er jetzt der gegnerischen Versicherung diese Behandlung anhängen.“

„Ich glaube nicht, dass das so ist“, erwiderte Alena. „Sie sind sehr ungerecht. Sie sollten glücklich sein, dass Sie überhaupt noch leben.“

„Was Sie nicht sagen!“, meinte Günter Bindermann gehässig. „Ihr Ärzte seid alle gleich. Wenn einer sich mal in den Finger geschnitten hat und ihr habt einen Verband drumgewickelt, dann möchtet ihr am liebsten, dass man niederkniet und euch als gottähnliche Wesen feiert und anbetet.“

„Sie reden ziemlichen Unsinn, junger Mann“, erwiderte Alena. Sie sah ihn nachdenklich an. Sein Trotz, die Ungeduld, aber auch dieses Nichtverstehenwollen machten ihr Sorge.

Er war der einzige Sohn eines sehr vermögenden und einflussreichen Mannes, der es sicher gut mit seinem Jungen meinte. Andererseits, das hatte Alena von Anfang an erkannt, fühlte sich Günter im Schatten seines Vaters. Er versuchte auszubrechen, wollte eigene Wege gehen. Bisher war ihm da noch nicht allzu viel gelungen. Und nun hatte sich dieser fürchterliche Unfall ereignet. Günter war unschuldig daran, das stand fest. Seinen Freund allerdings hatte dieser Unfall das Leben gekostet.

Über den Tod des Freundes war Günter hinweg. Günter hatte wochenlang in der Intensivstation gelegen, bis feststand, dass man ihn durchbringen würde. Nun befand er sich seit einer Woche hier auf Station, und infolge der medikamentösen Behandlung ging es ihm relativ gut. Sein Wohlbefinden verdankte er aber nicht nur den Medikamenten, sondern auch seiner jugendlichen Energie. Wie viele Söhne von einflussreichen und vermögenden Männern wollte auch Günter den Rebell spielen, ohne es wirklich zu sein. Jedenfalls war Alena zu dieser Überzeugung gekommen. Sie glaubte nicht daran, dass er ein wirklicher Revolutionär war.

„Was würden Sie denn machen wollen, wenn ich einfach weglaufe?“, sagte er.

„Es wäre Selbstmord“, erwiderte Alena.

„Von Selbstmord halte ich nichts“, behauptete er. „Es ist der Mut der Feiglinge.“

„Reden Sie nicht so daher! Ich glaube nicht, dass Sie das wirklich beurteilen können. Wir haben schon eine Menge junger Leute hier gehabt, die versucht hatten, sich das Leben zu nehmen, aus mehr oder weniger triftigen Gründen. Aber Sie sollten glücklich sein, dass Sie leben. So viel Glück, wie Sie gehabt haben, das gibt es fast gar nicht für einen Menschen allein.“

Das kleine Funkgerät in Alenas Tasche unterbrach die Unterhaltung. Als die Piepstöne kamen, stand Alena auf, griff zum Telefon und meldete sich in der Zentrale.

„Hubschraubereinsatz! Bitte sofort kommen!“, hörte sie.

„Ja, ich komme!“, bestätigte sie und legte auf. Dann sah sie Günter Bindermann an. „Ich habe leider keine Zeit. Ich muss zu einem Notfall. Aber ich glaube, wir reden später noch einmal darüber.“ Er grinste sie schief an, sagte aber nichts. Dann, als sie schon an der Tür war und sich noch einmal zu ihm umdrehte, rief er ihr zu:

„Was Sie tun, ist vergebene Liebesmüh. Mich überzeugen Sie nicht. Alles Gerede kann mich nicht davon abhalten, das zu glauben, was ich weiß. Auf Wiedersehen, Frau Doktor!“

Sie nickte ihm noch zu und hatte das Gefühl, dass er womöglich imstande war, eine Dummheit zu machen.

Doch schon wenig später war sie völlig von dem abgelenkt, was jetzt auf sie zukam.

Im Gegensatz zu ihr konnte sich Günter Bindermann voll und ganz auf seine Gedanken konzentrieren und auf das, was ihn so beschäftigte. Er lag da, starrte zur Decke, blickte auf das Muster der Tapeten drüben an der Wand, und er begann wieder die Rhomben abzuzählen, die Bestandteil des Tapetenmusters waren. Aber es langweilte ihn, und schließlich richtete er sich auf, schwenkte die Beine aus dem Bett, stellte sich hin, zog sich dann sein Nachthemd hoch, betrachtete die lange Narbe der Laparatomie, die dunkel von seinem Brustkorb bis zu den Schamhaaren hinabreichte.

„So einen Schnitt zu machen“, knurrte er. „Den halben Menschen aufzuschneiden! Das war auch unnötig. Diese Brüder wollen sich immer wichtig machen“, murmelte er. „Und jetzt zur Privatstation erste Klasse! Das muss ja ordentlich was kosten. Die Versicherung zahlt es. Und wenn die nicht zahlt, zahlt mein Alter.“

Er machte ein paar Schritte bis zum Fenster hin. Ihm war ein wenig schwindelig zumute, aber dann hielt er sich am Fensterbrett fest und blickte hinaus in den herrlichen Park.

„Alles vom Geld der Privatpatienten“, knurrte er zornig, als er die blühenden Rhododendronsträucher sah, den gepflegten kurz geschorenen Rasen und die kantig geschnittenen Ligusterhecken.

Er warf einen Blick nach links. Dort stand der Mercedes Professor Mohnhaupts.

„So Leute wie der und mein Alter, die können sich alles leisten. Privatpatienten! Das sind die Kühe, wo das Geld herausgemolken wird.“ Günter Bindermann krampfte die Hände zu Fäusten, so sehr übermannte ihn die Wut. Aber dann dachte er an Helga.

„Ich bleib’ nicht länger hier!“, murmelte er. „Dies Schwächegefühl vergeht schnell. Heute Nacht werde ich hier weggehen. Helga wird mich aufnehmen. Ich werde bei ihr sein. Sie versteht mich. Der einzige Mensch auf dieser Welt, der mich wirklich versteht.“

Er ging zum Waschbecken hinüber, wusch sich die Hände, als müsste er Schmutz abspülen, der ihn anekelte. Schließlich kehrte er zum Fenster zurück. Das Schwächegefühl hatte nachgelassen. Er stand schon fester. Er fühlte sich wohl dabei.

Dieses Märchen von den Spritzen! Wer weiß, was die mir injizieren! Irgend so ein harmloses Zeug! Alles Gerede! Die möchten mich am liebsten noch wochenlang festhalten, jetzt, wo es sich lohnt wo es mir gut geht wo sie kein Risiko zu tragen haben, wo ich ihnen keine Arbeit mache. Diese Dr. Bärwald! Die sich einbildet sie wäre für mein Seelenheil verantwortlich! Sie bekommt es ja schließlich gut bezahlt dafür, dass sie hier arbeitet Aber sie sind immerzu daran, ihr Image zu polieren. Nein, ich gehe heute Nacht weg! Das mit den zwei Stunden ist Quatsch, nichts als Rederei! Es besteht überhaupt kein Risiko für mich. Aber das wollen sie nur nicht zugeben. Heute Nacht verschwinde ich hier, und morgen früh machen die dumme Gesichter.



2

Am späten Nachmittag kam Direktor Bindermann seinen Sohn besuchen. Schwester Karina begleitete ihn ins Zimmer und rief Günter fröhlich zu: „Besuch, Herr Bindermann! Der Herr Papa ist da!“

Günter Bindermann, der sonst immer säuerlich das Gesicht verzogen hatte, wenn sein Vater aufgetaucht war, empfand das heute als wohltuende Abwechslung. Das würde ihm helfen, den Tag und die Zeit rascher zu vertreiben, denn er wartete auf nichts mehr als auf die Nacht.

Direktor Bindermann war ein großer stattlicher Mann, und sein ganzes Wesen strahlte souveräne, äußerst starke Persönlichkeit aus, die alles andere überschattete.

Er schien direkt aus seinem Büro gekommen zu sein. Er zog seine Jacke aus, lockerte die Krawatte und meinte: „Ich habe für dich eine halbe Stunde abzweigen können. Wie geht’s?“

„Sehr gut“, erwiderte Günter, „aber die wollen mich hier nicht herauslassen!“

Innerlich hoffte er, vielleicht sogar seinen Vater auf seine Seite ziehen zu können und womöglich einen Weg zu finden, dass der Vater eine andere Lösung fand als die, mit der sich Günter schon vertraut gemacht hatte.

„Die haben guten Grund, dich noch nicht herauszulassen“, entgegnete Direktor Bindermann. „Du bist schwer angeschlagen, mein Junge, schlimmer als du denkst! Aber das wird wieder! Beruhige dich! Das wird wieder!“

Günter blickte seinen Vater an. Er macht in Optimismus, dachte er. Er macht immer in Optimismus. Aber er ist aufseiten der Ärzte. Er redet ihnen das nach, was sie ihm eingetrichtert haben.

Ich möchte doch gern wissen, ob er daran glaubt! Also fragte er:

„Woher weißt du eigentlich, dass es stimmt, was du sagst? Nämlich dass ich schwerer angeschlagen bin, als ich mir einbilde? Wer sagt dir, ob das richtig ist, was die Ärzte behaupten? Ich fühle mich nämlich sehr wohl. Ich habe das Gefühl, die möchten jetzt ordentlich Heu machen.“

Direktor Bindermann zog die Augenbrauen hoch, fragend blickte er seinen Sohn an. „Heu machen? Was bedeutet das?“

„Na ja, die wollen Geld verdienen. Privatpatient, Einzelzimmer, silberne Löffel! Das kostet doch ’ne Stange!“

„Mich kostet das keinen Pfennig! Die gegnerische Versicherung müsste bezahlen!“

„Und wenn schon! Mit welcher Berechtigung werde ich hier behandelt wie ein Lord? Das heißt, eigentlich ist die Behandlung vielleicht normal, das Essen im Übrigen auch. Nur eben, dass ich Einzelzimmer habe und silberne Löffel. Aber darauf pfeife ich, verstehst du? Ich möchte hier heraus!“

„Was versäumst du denn? Was riskierst du überhaupt? Nichts! Du bist bei mir im Betrieb. Deine Laufbahn ist vorgezeichnet. Wenn du nicht gerade jemanden bestiehlst oder der Firma bewusst Schaden machst, wirst du eines Tages auf demselben Stuhl sitzen wie ich. In diesem Hause ist das so. Mein Vater war Direktor in den Werken, jetzt bin ich es, und eines Tages wirst du es sein. Unsere Familie besitzt schließlich einundfünfzig Prozent der Anteile. Wir haben das Sagen. Mama sitzt dem Aufsichtsrat vor! Mein lieber Junge, manche würden sich die Finger lecken, wenn sie nur annähernd in einer so verteufelt guten Situation wären wie du! Also, zerbrich dir nicht den Kopf! Tu alles, was die Ärzte sagen! Mach es dir hier schön, und eines Tages wirst du wieder im Betrieb sein, und du wirst bloß noch mitleidig darüber lächeln, dass du einmal hier weggewollt hast. Es geht dir gut. Wenn du etwas brauchst, sag es mir! Du bekommst es. Es fehlt dir an nichts.“

„Helga fehlt mir“, erwiderte er. Direktor Bindermanns Gesicht verzog sich jäh, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Fängst du schon wieder mit der an! Das ist keine Frau für dich.“

„Ich bin mündig. Ich kann mir die Mädchen aussuchen, die mir gefallen, und ich werde sie heiraten.“

„Sei nicht so schwachköpfig, Junge! Sie passt nicht zu dir. Die kommt aus einem anderen Milieu. Und sie kann nie deine Frau sein. Ich habe nichts dagegen, wenn du ein Mädchen hast. Und das Kind, das lassen wir wegmachen!“

„Eben nicht!“, protestierte Günter. „Ich will, dass sie dieses Kind bekommt! Und ich will sie heiraten! Sie will auch dieses Kind haben! Es ist unser Kind. Wir freuen uns darauf. Wir möchten heiraten, aber dieser verdammte Unfall ist mir dazwischengekommen.“

„Du kannst doch nicht heiraten, Junge! Fang doch nicht wieder mit diesem Blödsinn an. Du kannst erst heiraten, wenn du die Assistentenzeit hinter dir hast, wenn ich dir einen Posten als Abteilungsleiter geben kann. Noch bist du mein Assistent. Und solange das der Fall ist, kannst du nicht verheiratet sein. Das gehört sich einfach nicht in unserem Werk.“

„Was hat das Werk mit meinem Familienleben zu tun?“, begehrte Günter auf.

„Das Werk ist dein Leben und dein Leben ist das Werk. Diese Maxime musst du dir obenan stellen, immer! Verstehst du?“, beteuerte Direktor Bindermann.

Der Sohn sah seinen Vater beschwörend an. „Sie bekommt ein Kind von mir, verstehst du das nicht? Und ich lasse sie nicht sitzen!“

„Das sind doch veraltete Vorstellungen“, wehrte Direktor Bindermann ab. „Dieses Mädchen stammt aus Verhältnissen, die einfach nicht zu den unseren passen. Kannst du das nicht begreifen?“

„Verhältnissen! Kastengeist! Gesellschaftliche Vorteile! Was soll dieser Blödsinn?“, protestierte sein Sohn.

Direktor Bindermann schüttelte den Kopf. „Es hat sich nichts geändert! Gar nichts! Noch immer ist alles so wie früher. Wer das ignoriert, der fällt früher oder später auf den Bauch. Ob er es nun wahrhaben will oder nicht, es ist so.“

„Bloß weil Helga die Tochter eines Omnibusfahrers ist, passt sie nicht zu mir. Aber sie hat Abitur, verstehst du? Sie hat eine höhere Schule besucht. Sie ist kein kleines Dummchen. Aber sie hatte angefangen zu studieren.“

„Umso schlimmer für sie“, wehrte Direktor Bindermann ab. „Dann gibt es überhaupt nur diesen Ausweg. Lass das Kind wegmachen! Ich bezahle, was das kostet. Ich beschaffe dir Adressen von Ärzten, die das machen, und die Sache ist erledigt. Es ist für das Mädchen besser, es ist für dich besser. Das Mädchen kann dann studieren, kann seinen Weg fortsetzen. Ihre ganze Karriere ist unterbrochen durch ein Kind.“

Enttäuscht musterte der Sohn seinen Vater. „Warum sagst du nie etwas ganz anderes? Ich hatte mir immer vorgestellt, wie du darauf reagieren würdest. Ich hatte gedacht, dass du, der mir immer helfen will und immer sagt, dass er mir hilft, vielleicht vorgeschlagen hätte: Bring mir das Mädchen! Ich werde sie dann später irgendwo im Betrieb einbauen. Aber jetzt werdet ihr erst mal heiraten, und sie wird das Kind bekommen!“

„Das hast du wohl im Kino gesehen! Traumtänzereien, mein Junge! Wir wollen doch Realisten sein. Ich habe dich jedenfalls zu einem Realisten erzogen und hatte bis jetzt den Eindruck, dass du sehr realistisch denken kannst. Aber du träumst, wenn du das sagst. Glaube einem erfahrenen Manne wie mir, dass sie nicht zu dir passt und dass es gar keinen Sinn hat mit euch. Wenn sie das Kind kriegt und unbedingt behalten will, mein Gott, ich bin sogar bereit, die Alimente zu zahlen. Das allerdings ist weniger schön. Einfacher wäre es, sie ließe es wegmachen. Das kostet einmal etwas Geld, und danach ist Ruhe. Ich bin auch gerne bereit, dem Mädchen eine Stellung zu beschaffen, wenn sie nicht weiter studieren möchte, obgleich es töricht von ihr wäre. Wenn das Kind weg ist, dann kann sie tun, was sie will. Lass die Finger von ihr!“

„Das schaffst du nie“, entgegnete Günter entschlossen. „Mich kriegst du von ihr nicht weg.“

Direktor Bindermann erhob sich, seufzte und wandte sich zum Gehen. Er warf einen Blick auf die Uhr. „Höchste Zeit für mich! Mutter wartet. Morgen muss ich nach London. Übrigens sollte ich dich von Mama grüßen. Hast du irgendwelche Wünsche, die ich ihr aus richten kann?“

„Nicht im Mindesten. Mir geht es ausgesprochen prächtig“, entgegnete Günter.

Der Vater warf dem Sohn einen skeptischen Blick zu, aber dann zuckte er die Schultern, nahm die Klinke in die Linke und sagte: „Also dann bis übermorgen, wenn ich noch einmal Zeit habe. Vielleicht kommt morgen deine Mutter her. Eigentlich wollte sie heute schon kommen. Mich kostet das immer einen Haufen Zeit.“

„Ich weiß. Zeit ist Geld“, entgegnete Günter.

„Sei nicht so zynisch, Junge! Zynismus steht dir nicht. Du hast eine Menge Glück gehabt, sehr viel Glück.“

„Ich weiß, mehr Glück, als ein Mensch im Leben haben kann!“

„Genau so ist es. Endlich begreifst du es!“

Günter lachte nur. Als sein Vater hinaus war, wischte er sich über die Augen und fragte sich leise: „Wie ist das nur möglich, dass er so ganz anders ist als ich? Vielleicht habe ich es von Mutter! Ob sie sich mit ihm überhaupt noch versteht? Sie sind immer so höflich und so nett zueinander. Nun ja, egal wie! Ich werde zu Helga gehen, und damit ist alles entschieden. Das Kind wegmachen lassen! Welch eine Zumutung! Aber so verlogen sind sie. Große Worte, nichts dahinter. Das Einzige, was ihn wirklich interessiert, ist kein Geld.“



3

Der Patient befand sich im Operationsraum. Professor Mohnhaupt und sein Team hatten schon mit der Operation begonnen, als Alena sich noch umkleidete. Sie war mit dem Schwerverletzten, der bei einem Autounfall verunglückt war, in die Klinik gekommen. Ihr Einsatz war jetzt beendet.

Sie hatte sich gerade umgezogen, als Schwester Karina zu ihr kam und sagte: „Frau Doktor, der Vater von dem jungen Bindermann möchte Sie sprechen. Er wollte erst mit dem Professor sprechen, aber der hatte gesagt, Sie möchten mit ihm reden!“

„Wo ist er denn?“, fragte Alena.

„Er ist in dem kleinen Besprechungszimmer.“

Alena nickte, knöpfte sich noch den weißen Kittel zu und ging zu jenem kleinen Besprechungszimmer, in dem Direktor Bindermann bereits wartete.

Es war später Nachmittag, und Alena wünschte sich, dass kein Einsatz mehr sie nach draußen rufen würde. Dieser letzte Einsatz war sehr anstrengend gewesen und hatte sie außerdem erschüttert. So oft sie bei solchen Einsätzen helfen musste und immer wieder furchtbare Unfälle sah, es ließ sie nicht kalt. Sie schaffte es einfach nicht, das zu werden, was man abgebrüht nennt.

Als sie eintrat, stand Direktor Bindermann auf, der eben noch gesessen hatte, kam ihr entgegen, und sie gab ihm die Hand. Sein eben noch freundliches Gesicht wurde sehr ernst, als er sagte: „Schwester Karina hat mir einen Hinweis gegeben, dass ich mal mit Professor Mohnhaupt sprechen sollte. Aber der ist im Moment verhindert.“

„Ja, es ist ein Unfall. Er ist dabei, den Schwerverletzten zu operieren.“

„Ja, ja, diese Unfälle auf den Straßen! Es wird immer schlimmer! Entsetzlich, dieser Verkehr heutzutage!“

„Wir bekommen es auch zu spüren“, erwiderte Alena. „Aber nun zu Ihrem Sohn. Eigentlich wollte ich auch mit Ihnen sprechen. Ich habe vorhin versucht, auf ihn einzureden, ihm klarzumachen, dass er jetzt noch nicht weg kann. Er möchte gern nach Hause. Er bildet sich ein, wir halten ihn fest, weil er hier auf Privatstation liegt. Leider hatte Professor Mohnhaupt noch keine Zeit, beziehungsweise war für mich noch keine Gelegenheit da, mit ihm zu sprechen. Ich hätte ihm vorgeschlagen, Ihren Sohn auf eine normale Station zu verlegen.“

„Um Himmels willen, ich bitte Sie, Frau Doktor! Das können wir doch nicht tun! Auf eine normale Station wie einen Kassenpatienten!“

„Er selber hat uns den Vorwurf gemacht, dass wir die Versicherung unnötig belasten, wenn er auf Einzelzimmer und dazu noch in der Privatstation liegt.“

„Aber wozu ist er denn privat versichert? Und da muss die gegnerische Versicherung ja auch einsteigen! Das hilft ja alles nichts. Er hätte denselben Anspruch ja gehabt, wenn er durch sein Verschulden verunglückt wäre.“

„Darum geht es ja nicht. Ich habe das Gefühl, er langweilt sich. Und dann ist noch etwas, was ihm fehlt. Ich habe noch nicht feststellen können, was es ist. Ich vermute, es handelt sich um eine Frau.“

„Ja, das stimmt leider. Aber das ist natürlich vollkommen indiskutabel. Dieses Mädchen brauchen wir weiter nicht zu erörtern.“

„Ihr Sohn ist aber offensichtlich anderer Meinung“, Alena sah Direktor Bindermann forschend an, „oder wie sehen Sie das?“

„Das ist kein Thema, das ich jetzt erörtern möchte“, wehrte Bindermann ab. „Es geht einzig und allein darum, dass mein Sohn vielleicht durch eine Verlegung in ein Doppelzimmer etwas Abwechslung hätte. Zudem wäre gewährleistet, dass er ...“

„Ich habe schon gefragt. Es ist kein Doppelzimmer frei. Und wir können in dieses Einzelzimmer auch keinen zweiten Patienten verlegen. Die Einrichtungen dafür sind nicht gegeben. Das heißt, jedenfalls können wir das nicht sofort. Vielleicht übermorgen. Da wird, wie ich hörte, einer der Patienten, die in der Station liegen, entlassen. Wir könnten Ihren Sohn dorthin verlegen. Aber ob das für ihn ein Trost sein wird, möchte ich bezweifeln. Der dort noch im Zimmer verbleibende ist ein Schwerverletzter. Querschnittgelähmt! Wir haben ihn dieser Tage erst aus der Intensivstation geholt. In diesem Falle ist es eine schlimme Geschichte. Der Patient ist im oberen Bereich querschnittgelähmt. Das heißt, dass er nie mehr sitzen kann und deswegen nicht einmal die Aussicht auf den Rollstuhl hat.“

„Ein lebendiger Toter, nicht wahr?“, meinte Direktor Bindermann.

„Ich weiß nicht, ob Sie einmal mit solchen Leuten zu tun gehabt hatten, sonst wüssten Sie, wie sehr diese Menschen am Leben hängen, trotz ihres Zustandes. Aber wir wollen jetzt nicht darüber reden. Es geht um Ihren Sohn. Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir ihn verlegen, wenn Sie das ausdrücklich möchten und Ihr Sohn das natürlich will. Doch im Augenblick besteht dazu keine Möglichkeit, und auf eine normale Station zu verlegen, das wollen Sie nicht.“

„Soweit ich etwas zu bestimmen habe“, entgegnete er. „Schließlich ist er mündig. Aber ich habe den Eindruck, dass er durch diesen Unfallschock ziemlich ... na ja, Sie wissen schon!“

„Der Tod seines Freundes war ein Schock für ihn“, bestätigte Alena, „zumindest die Nachricht davon. Aber ich glaube nicht, dass dieser Schock so schlimm war, dass dadurch geistige Schäden entstanden sind. Das halte ich für übertrieben, Herr Bindermann!“

„Aber ich möchte doch sagen, dass dieser Einfall, auf einer normalen Station zu liegen, recht fragwürdig ist“, erwiderte Bindermann einschränkend.

„Und doch halte ich es für eine Möglichkeit, ihn zumindest so auf andere Gedanken zu bringen. Vielleicht sollten Sie“, fuhr Alena fort, „ihm doch die Möglichkeit einräumen, diese junge Dame zu empfangen. Wir können ihr übrigens nicht verbieten, hierherzukommen.“

„Sie wird nicht hierherkommen“, erwiderte Bindermann.

Alena sah ihn überrascht an. „Woher wollen Sie das wissen?“

„Ihr ist nicht bekannt, wo Günter liegt. Und wenn Sie es ihr nicht direkt auf die Nase binden, wird sie es auch so leicht nicht erfahren. Um diesen Gefallen hatte ich auch den Herrn Professor gebeten. Er war einverstanden.“

„Halten Sie diesen Schritt für klug?“ Alena sah ihn zweifelnd an.

Er zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen erklären soll, vor allen Dingen in so kurzer Zeit, was hier alles dranhängt. Das können Außenstehende gar nicht beurteilen. Ein ganzes Werk, die Arbeit von Generationen ist infrage gestellt. Ich glaube wirklich nicht, dass Sie in der Lage sind, da ein Urteil zu fällen.“

„Ich maße mir da kein Urteil an. Ich denke nur an das Wohl meiner Patienten. Das ist meine Pflicht. Und ich sage mir, wenn es etwas gibt, das diesen jungen Mann zur Einsicht bringt, dann sollten wir dieses Hilfsmittel heranziehen.“

„Zur Einsicht bringt! Er ist zweiundzwanzig Jahre alt! Er selbst sagt, er ist kein kleines Kind mehr. Und das ist er nun tatsächlich nicht mehr. Er müsste genau wissen, was er tut. Leider weiß er es nicht. Immerhin, machen Sie mit ihm, was Sie für richtig halten. Wenn Sie meinen, Sie müssten ihn in einen Krankensaal legen, wo schon dreißig Menschen liegen, dann bitte ...“

„Wir haben keine Krankensäle. Die größten Zimmer, die wir haben, sind mit sechs Betten belegt. Die meisten nur mit drei.“

„Machen Sie, was Sie wollen. Ich sehe schon, jeder Außenstehende glaubt, auf die Seite meines Sohnes treten zu müssen. Aber ich sage Ihnen, lernen Sie ihn ruhig näher kennen. Dann werden Sie beizeiten erfahren, wie die Dinge wirklich stehen.“

„Schade, dass der Herr Chefarzt keine Zeit hatte. Ich glaube, dieses Gespräch hätten Sie doch besser mit ihm geführt“, erwiderte Alena kühl und distanziert.

Bindermann warf ihr einen verächtlichen Blick zu, dann verabschiedete er sich und war wenig später aus der Klinik. Als Alena zum Fenster hinausblickte, sah sie einen Wagen vorfahren. Der Chauffeur stieg aus, öffnete den Schlag, und Bindermann stieg im Fond ein. Dann fuhr die schwere Limousine davon.

Alena kam aber nicht dazu, sich noch länger Gedanken um Günter Bindermann zu machen, denn ein anderer Fall beschäftigte sie und forderte ihr Eingreifen. Als sie dann Stunden später wieder an Günter Bindermann dachte, beschloss sie, ihrem Kollegen Dr. Sven Neubert einmal Bescheid zu sagen, dass er zu ihm ginge. Vielleicht gelang es ihm auf seine burschikose Art, den richtigen Ton zu finden, der in einem Gespräch mit einem Patienten wie Günter Bindermann am Platze gewesen wäre.

Sie traf Neubert auch, und der junge Arzt, der etwa in Alenas Alter war, strahlte sie an und sagte: „Und es gibt etwas, das Sie mir mehr zutrauen als sich selbst? Man höre und staune!“

Er war etwa so groß wie sie, breitschultrig, ein sportlicher Typ mit grauen Augen und dunkelblondem lockigem Haar, das kaum zu bändigen zu sein schien.

„Ja, das gibt es!“, und sie erklärte genau, was sie für richtig hielt, und was er ihrer Meinung nach bei Günter Bindermann tun sollte.

„Ich glaube, Sie machen sich viel zu viele Gedanken“, erwiderte er. Er sah sie bewundernd an. „Übrigens sehen Sie wieder ganz fantastisch aus heute. Wie wäre es denn mit uns zwei heute Abend?“

„Was heute Abend?“ Sie lächelte. „Immer haben Sie solche Ideen! Schon wieder eine zweite Theaterkarte übrig?“

„Theater nicht. Der Männergesangverein 'Harmonie' hat einen Wohltätigkeitsabend angesetzt. Heute ist das. Halb neun! Ich habe zwei Karten ...“

Sie lachte schallend. „Ich wusste es doch. Immer zwei Karten. Ich glaube, wenn Sie Karten besorgen, nehmen Sie grundsätzlich zwei. Irgendeine Dame wird schon anbeißen. Es ist wie der Wurm an der Angel.“

„Sie haben überhaupt keinen Sinn für die Gefühle eines Mannes, der Sie bewundert“, entgegnete er schalkhaft. Dann wurde er ernst „Aber wirklich! Ich habe eine zweite Karte! Ehrlich gesagt hat sie mich nichts gekostet. Die Sache wird erst teuer, wenn man hingeht. Die wollen natürlich Spenden.“

„Und wofür, wenn man fragen darf?“ Er grinste. „Dieses Mal für ein Fußballfeld. Sie wollen einen neuen Sportplatz anlegen.“

„Na ja, dann gehen Sie mal schön hin und spenden Sie. Ich habe heute Abend etwas anderes vor“, behauptete sie, obgleich es nicht stimmte. Aber sie hatte keine Lust, mit Dr. Neubert dort hinzugehen. In Wirklichkeit interessierte er sich für den Gesangverein und all das, was damit zusammenhing, weit weniger als sie selbst. Er wollte nur mit ihr zusammen sein. Er ließ ja keine Gelegenheit aus, die sich anbot, wenn es darum ging, mit einer Frau zusammen sein zu können. Er wechselte die Freundschaften wie die Hemden, aber in letzter Zeit hatte er es besonders auf Alena abgesehen. Das war schon einmal der Fall gewesen. Als sie ihm einen Korb gab, zog er sich beleidigt zurück. Aber nun war ein Vierteljahr seitdem vergangen, und er schien neuen Mut gefasst zu haben, es noch einmal bei ihr zu versuchen.

Sie mochte ihn eigentlich gern. Er war nett. Andererseits hatte er etwas von einem Belami. Dass sie das ein wenig abstieß, schien er selbst nicht wahrhaben zu wollen. Sie wusste auch, dass andere Mädchen wie verrückt nach ihm waren, besonders die Schwestern im Hause. Viele von ihnen waren auch schon seine Freundinnen gewesen, hatten an seiner Seite in einem seiner rasanten Sportwagen gesessen. Schnelle Wagen und Mädchen waren seine Hobbys. Dort ließ er sein Geld, manchmal mehr, als er verdiente.

„Also, Sie kümmern sich um ihn?“, fragte sie.

Er sah sie verwirrt auf, doch dann begriff er, wovon sie sprach. „Natürlich, natürlich! Im Augenblick kann ich nicht. Aber nachher werde ich mal nach ihm sehen und werde mit ihm reden. So etwas mache ich mit links.“

„Hoffentlich verheben Sie sich nicht dabei! Und machen Sie es bitte heute noch! Nicht auf morgen verschieben.“

„Wenn ich dazu komme.“

Er kam nicht dazu. Es war nicht seine Schuld, denn er wurde bei einer Notfalloperation eingespannt. Als er dann am späten Abend endlich Zeit gehabt hätte, da war er viel zu erschöpft, um sich noch um Günter Bindermanns Seelenheil zu kümmern.

So nahm das Verhängnis seinen Lauf, als sollte es so sein.



4

Der Wind hatte gedreht und trieb dunkle Regenwolken über den Himmel. Sie verdeckten zeitweise die Scheibe des Mondes, die wiederum die Ränder der Wolken erleuchtete, sodass es ein gespenstisches Bild gab. Günter Bindermann war ans Fenster getreten, hatte es geöffnet und schaute hinauf zum Himmel. Da blickte er in den nächtlichen Park. Je nachdem, wie die Wolken den Mond freigaben, konnte er dort Einzelheiten erkennen. Dann aber, wenn sich eine Wolke vor den Mond schob, sah er nur die Konturen der Bäume, der Büsche, das andere lag in tiefer Dunkelheit.

Günter Bindermann hatte sich angezogen. Es war ihm nicht leichtgefallen, eigentlich viel schwerer, als er geglaubt hatte, und jetzt überlegte er noch einmal seinen Schritt.

Nein, dachte er, es ist schon so, wie ich es sage. Sie wollen mich hier festhalten. Das Gerede von den Spritzen ist ein Märchen. Die haben sie mir heute Abend noch einmal gegeben. Schwester Karina war es. Sie meinte, wenn ich bis zum Morgen keine Wiederholungsspritze bekäme, dann würde die Blutgerinnung gehemmt, weil meine verletzte Leber angeblich zu viel Heparin produzierte. Alles Märchen! Das haben sie ihr aufgetragen, und sie leiert ihren Vers runter, ohne zu wissen, wovon sie spricht.

Er blickte nach unten. Es war ganz einfach, von diesem Fenster aus auf den Sims zu gelangen. Er schwang sich über das Fensterbrett ließ sich zu dem Sims herunter, der rund um das ganze Gebäude verlief, balancierte dann außen entlang, bis er die Dachrinne erreichte. Gleich daneben war die Feuerleiter. Von hier nach unten zu kommen, war ein Kinderspiel. Schwindlig wurde ihm nicht. Er spürte nur ein Stechen an der Bauchnarbe. Doch als er dann unten stand, war auch das vorüber. Das Einzige, was er empfand, war ein dumpfer Druck in der Lebergegend. Aber er gab nichts darauf, sondern dachte nur an seine Flucht.

Er sah sich nach allen Seiten um, aber in der Klinik regte sich nichts. Als der Mond wieder einmal hinter einer Wolke verschwand, huschte Günter bis zur asphaltierten Rundstraße, die um die Klinik verlief. Als er sie erreicht hatte, blickte er zurück auf das Gebäude. Da und dort war ein Fenster erleuchtet. An anderen war nur ein Lichtschimmer, mehr nicht. Vorn war der Eingang zu sehen. Dort war helles Licht. Ein Krankenwagen stand dort, dessen hintere Türen beide geöffnet waren. Aber Günter sah keinen Menschen. Rundum war alles still. Aber jetzt gaben die Wolken den Mond frei, und der Park stand in diffusem kaltem Licht.

Günter huschte bis zu einem Rhododendronstrauch und kauerte sich daneben. Als er in die Knie ging, war wieder dieses Stechen in der Bauchnarbe und dieser stärker werdende Druck in der Lebergegend.

Einen Augenblick lang überlegte Günter, ob er nicht umkehren sollte. Doch dann schob er diese Idee von sich, blickte zum Himmel und sah, wie sich eine neue Wolke vor den Mond schob. Jetzt richtete er sich auf, und sofort wurde der Druck in der Lebergegend schwächer, verging dieses Stechen in der Bauchnarbe.

Er erreichte die Umzäunung. Es war ein einfacher Stahlzaun auf einem gemauerten Fundament. Ihn zu überklettern, war für einen jungen Mann wie Günter ein Leichtes. Nach wenigen Sekunden hatte er den Zaun überwunden, ließ sich auf der anderen Seite herab und überquerte die große Wiese, bis er die Straße erreicht hatte.

Er wusste genau, wie er zu gehen hatte. Um diese Zeit war der Taxistand leer. Das wusste er. Aber ein Stück weiter gab es eine Telefonzelle. Auch in der Klinik waren natürlich mehrere, aber das hätte bedeutet, dass er vorn noch einmal am Nachtportier vorbeigemusst hätte, und das wollte er nicht. Fünfhundert Meter weit ging er die Straße entlang, und dann kam er schon in bebautes Gebiet. Einfamilienhäuser standen hier mit Vorgärten. Er sah schon von Weitem die erleuchtete Telefonzelle. Von dort rief er ein Taxi an.

Sie hatten ihm seine Kleidung nicht weggenommen und natürlich auch nicht sein Geld. Er hatte noch vor Antritt seiner Flucht nachgezählt: etwa zweihundert Mark fand er in seiner Brieftasche.

In seinem Portemonnaie entdeckte er auch zum Glück zwei Groschen, und die genügten, um ein Taxi anzurufen.

Nachdem das geschehen war, wartete er vor der Zelle.

Ihm schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, denn es fiel ihm schwer, so lange zu stehen. Er war schon versucht, sich einfach auf den Boden zu setzen. Da endlich tauchte das Scheinwerferpaar auf und kam das Taxi näher.

Der Fahrer war ein älterer Mann. Er musterte Günter misstrauisch. Und als der sagte, dass er nach Weißenturm fahren wollte, sagte der Fahrer: „Das ist ein ganz schön weites Stück. Da müsste ich vorneweg kassieren. Sie haben doch Geld, oder?“

Als Günter ihm zwei Fünfzigmarkscheine zeigte, winkte der Fahrer ab und meinte: „Na, so viel kostet es ja nun wirklich nicht. Na, dann bezahlen Sie man hinterher, und nehmen Sie Platz!“

Leicht verärgert über dieses umständliche Getue des Fahrers stieg Günter ein. Die Fahrt verging rasch. Aber sie tat Günter nicht gut. Der dumpfe Druck in der Lebergegend wurde stärker. Zuletzt hatte Günter das Gefühl, die geringste Unebenheit der Straße innerlich zu spüren, und das schmerzte ihn. Er war erleichtert, als das Taxi endlich in die Ruhlandstraße einbog. Eine halbe Stunde hatte das gedauert, aber Günter war es vorgekommen, als wäre er Tage unterwegs gewesen.

Das Taxi hielt vor einem zweistöckigen Haus. Günter bezahlte und stieg aus. Beim Aussteigen spürte er wieder einen zerreißenden Schmerz an der Stelle, wo sich die Bauchnarbe befand. Einen Augenblick stand er verkrümmt. Der Taxifahrer beugte sich aus dem Fenster und rief: „Ist irgendwas?“

Günter war froh, diesen ihm unsympathischen Mann loszuwerden, und winkte nur ab. Der Taxifahrer fuhr davon.

Alles drehte sich Günter vor den Augen. Er ging zur Hauswand und lehnte sich dagegen. Er brauchte einige Sekunden, um wieder die Kraft zu finden, sich weiter fortzubewegen.

Noch immer verkrümmt wie ein alter Mann ging er auf die Haustür zu. Der Druckschmerz der Lebergegend ließ jetzt nach. Dafür aber war ein starkes Ziehen an der Narbe, und irgendwie auch darunter, wie es Günter empfand.

Günter war oft hier gewesen. Helga wohnte ganz oben in der Mansarde und hatte eine eigene Klingel. Er schellte dort. Das Klingeln drang bis auf die Straße. Er war schon versucht, nach oben zu blicken. Doch nichts rührte sich.

Er schellte wieder. Abermals klingelte es so laut, dass er es bis hier unten hörte.

Er hatte kein Gefühl, wie spät es war. Nach seiner Schätzung musste es zwei sein. Die Straße lag wie tot. Funzelig brannten die Laternen, warfen einen trüben Schein auf die Fassaden und auf das Kopfsteinpflaster. Die Kanten der Rinnsteine waren ausgeschlagen. Der Fußweg war reparaturbedürftig. Das war kein vornehmes Viertel, wo man bemüht war, die geringsten Schäden zu beseitigen. Für diese Gegend interessierte sich offensichtlich die Stadtverwaltung nicht so sehr.

Endlich ging Licht an im Treppenhaus. Aber es dauerte dennoch, wie es Günter vorkam, eine Ewigkeit, bis etwas Helles hinter der Milchglasscheibe auftauchte und eine Stimme fragte, die Günter nur allzu vertraut war:

„Wer ist da?“

„Ich bin es! Ich, Günter! Mach auf, Helga, bitte!“

Der Schlüssel drehte sich im Schloss, ein Knacken, dann ging die Tür auf. Helga stand im Nachthemd da.

Er blickte sie an. Sie stand wie erstarrt. Infolge des Lichtes, das hinter ihr brannte, konnte er ihre Konturen deutlich unter dem dünnen Nachthemd sehen. Ein starkes Verlangen kam in ihm auf.

„Um Gottes willen, Günter! Endlich! Ich habe dich überall gesucht. Überall! Wo kommst du her? Wo warst du denn? Ich weiß nur, dass du verunglückt bist!“

Er nickte. „Lass mich hinein! Ich erzähle dir alles.“

Sie kam auf ihn zugeflogen, hatte die Arme ausgebreitet. „O Günter, ein Glück! Ich hatte solche Angst um dich. Ich bin bald wahnsinnig geworden.“

Sie wollte ihn umarmen, aber er fürchtete den Schmerz, der gleich kommen würde, und sagte: „Vorsicht! Ich bin operiert worden. Drück mich nicht so sehr!“

Ängstlich zuckte sie zurück. Er lächelte, nahm ihren Kopf in die Hände, beugte sich zu ihr herab und küsste sie sanft auf die Lippen.

„Komm mit! Komm mit hinauf!“, sagte sie und schloss rasch die Tür. „Vater hat Überlanddienst. Er ist ein paar Tage lang gar nicht da. Mutter ist bei einer Bekannten. Und mein kleiner Bruder schläft. Du weißt ja, den macht nichts munter. Komm mit! Ich bin so froh. Wie geht es dir denn?“

„Nicht besonders gut. Ich muss mich etwas in Acht nehmen. Die wollten mich natürlich nicht weglassen aus der Klinik. Ich bin einfach abgehauen.“

„Um Himmels willen! Aber wir müssen leise sein. Der alte Meißner schimpft sowieso immer, dass wir zu laut die Treppe hinunter gehen.“

Günter wusste Bescheid. Der alte Meißner, das war der Mieter im Parterre.

Auf Zehenspitzen gingen sie hinauf, an der Wohnungstür von Helgas Eltern vorbei, dann zum Mansardenzimmer, das Helga bewohnte.

Als Günter hineinkam, hatte er das Gefühl, zu Hause zu sein. Alles war wie früher. Sie hatte sich nett eingerichtet. Keine Möbel im eigentlichen Sinne, sondern mit modischen Stoffen umhüllte Matratzen am Boden, riesige Kissen, in die man sich einfach hineinsetzen konnte, statt kostspieliger Sessel, die meist auch noch unbequem waren.

Schaffelle waren am Boden, die dazu einluden, sich einfach darauf zu setzen. Das einzige wirkliche Möbelstück war ein riesiger antiker Kleiderschrank an der Rückseite des Zimmers, und hier bewahrte Helga alles auf, was sie besaß.

„Setz dich hin, Günter! Möchtest du etwas trinken, etwas essen?“

„Nichts!“ Er ließ sich nieder und spürte wieder diesen dumpfen Schmerz, der jetzt noch stärker geworden war. Er legte sich hin und ließ es geschehen, dass sie ihm die Schuhe auszog, was er sonst nicht duldete.

„Du siehst nicht gut aus!“ Helga beugte sich nach vorn und sah ihm ins Gesicht „Wäre es nicht besser gewesen, du hättest das Krankenhaus nicht verlassen?“

„Krankenhaus! Dass ich nicht lache! Das ist weiter nichts als ein luxuriöses Zuchthaus oder eine Geldpfründe. Nenn es, wie du willst! Nur ist es nicht das, was du dir darunter vorstellst.“

„Wo warst du denn? Ich habe dich überall suchen lassen. Wo ist denn das passiert?“

„Hast du schon mal was von d er Mohnhaupt Klinik gehört?“

„O ja!“, rief sie. „Das ist ja eine ganz berühmte Klinik. Die gilt ja als modern und hervorragend. Eine Tante von mir hat dort eine Hüftoperation machen lassen. Sie war schon achtundsiebzig. Das ist erstklassig gelungen. Sie lebt heute noch, und sie kann gehen wie ein junges Mädchen.“

„Mag sein, aber diese Burschen holen das Geld aus allen Winkeln. Sieh her! So haben sie mich zusammengeflickt. Aber nun hätten sie mich eigentlich gehen lassen können. Zu dir gehen lassen können. Aber das wollten sie ja nicht. Die wollten jetzt erst mal anfangen, Geld herauszuholen aus der Geschichte. Weißt du eigentlich, was passiert war?“

„Ich habe nur gelesen, dass ihr beide im Auto gefahren seid und ein Lastwagen die Vorfahrt missachtet hat ...“

„Genau so war es, das heißt, ich kann mich nicht genau daran erinnern. Ich weiß nur, als ich aufwachte, lag ich auf der Straße. Ich bin herausgeschleudert worden.“

„Ich habe immer gesagt, du sollst dich anschnallen! Ich habe es dir immer gesagt! Aber du hörst nie auf mich.“

Er zuckte die Schultern. „Vielleicht hattest du recht. Mein Freund ist auch herausgeschleudert worden. Hans war sofort tot. Er ist mit dem Kopf gegen einen Lichtmast geflogen.“

„Ich habe das damals gelesen. Es ist entsetzlich. Und dann habe ich versucht, festzustellen, wohin sie dich gebracht haben. Du, ich habe auch in der Mohnhaupt Klinik angerufen. Die haben mir nicht gesagt, dass du dort bist.“

„Kunststück“, erwiderte er. „Da hat mein Alter vorgebaut. Du weißt doch, wie er ist. Er war ganz schnell zur Stelle. Als du das gelesen hast, ist die Geschichte ja schon zwei Tage alt gewesen. Er hat dafür gesorgt, dass sie niemandem Auskunft geben, wo ich bin.“

„Aber das ist doch nicht zulässig!“

„Du bist keine Verwandte. Wir sind weder verlobt noch verheiratet. Dazu sind wir ja nicht gekommen durch diesen verdammten Unfall.“

Sie sah ihn vorwurfsvoll an. „Aber du durftest nicht weglaufen! Du hast Schmerzen, nicht wahr? Was ist denn eigentlich passiert mit dir?“

„Innere Verletzungen. Irgendwas mit der Leber und der Milz und Prellungen. Das Schlimmste ist vorbei. Ich habe mich prima gefühlt. Aber ich muss mich wohl etwas übernommen haben, die Kletterei übern Zaun und am Haus hinunter.“

„Um Himmels willen, am Haus hinunter! Bist du wahnsinnig? Du kannst doch nicht einfach am Haus hinunterklettern!“

„Ich kann eine Menge! Ich wollte hinaus, nichts weiter. Ich habe noch zu meinem Vater gesagt, er war heute Nachmittag da gewesen, das ich hinaus will. Aber der redet denselben Quatsch wie die Ärzte. Die haben ihm das eingetrichtert. Du weißt ja, wie er ist. Wir haben auch von dir gesprochen.“

Helga hatte sich aufgerichtet und machte jetzt eine zweite Lampe an, die heller brannte. So war sie deutlicher zu sehen. Sie war schlank, hatte langes schwarzes Haar, das ihr fast bis zu den Hüften reichte. Sonst trug sie es geknotet, aber nun in der Nacht hatte sie es aufgelöst. Und in dem weißen Nachthemd, dem etwas blassen Teint wirkte sie wie Schneewittchen.

Schneewittchen hatte er sie ja auch oft genannt. Sie besaß helle leuchtende Augen, die in einem starken Kontrast zum dunklen Haar standen und ihrem Gesicht etwas Apartes gaben. Schön war sie eigentlich nicht, aber sie hatte diesen Reiz des Hübschen, des Anziehenden und gewann mit jedem Wort, das sie sprach.

„Weißt du, was mein Alter gesagt hat?“, begann Günter.

Sie schüttelte den Kopf. Statt einer Antwort sagte sie: „Du solltest dich mit ihm vertragen. Er ist immerhin dein Vater. Und sag nicht immer 'Alter'! Ich finde das nicht gut.“

Günter lachte abfällig. Ohne darauf einzugehen erklärte er: „Er machte mir den Vorschlag, ich soll das Kind wegnehmen lassen. Unser Kind, verstehst du!“

Helga sah ihn fassungslos, völlig verstört an. „Dein Vater hat gesagt, ich soll ...“

Günter nickte. „Einfach wegmachen! Ein kleiner Mensch, wegmachen! Du könntest dann weiterstudieren. Ich brauchte dich nicht zu heiraten. Es wäre ja ohnehin noch zu früh, zumal ich ja erst Assistent bin bei ihm und noch kein Abteilungsleiter. Das Leben könnte dann in den Bahnen verlaufen, die er sich für uns vorgestellt hat.“

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908374
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355463
Schlagworte
rettung zeit

Autor

Zurück

Titel: Zur Rettung bleibt nur wenig Zeit