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Timetravel Band #34: Als die Monster erwachten

2017 130 Seiten

Zusammenfassung

Ein Jahr nach der lautlosen Invasion der kosmischen grünen Flechten kehren die Zeitspringer an den Ort eines gefährlichen Zwischenfalles zurück - nach New York.
Damals konnten sie die Stadt gerade noch verlassen, bevor sie in Schutt und Trümmer sank. Sie wollen sehen, ob man die Invasion stoppen konnte.
Die Flechten haben sich der Umwelt angepasst und bleiben lebensfähig. Ihre Fähigkeit, sich rapide zu vermehren, haben sich einige Wissenschaftler zunutze gemacht, die im Dienst der Notstandsregierung stehen und insgeheim auch das Ernährungsproblem lösen wollen.
Was in bester Absicht begonnen wurde, endet in den Energieschüssen eilig alarmierter Fluggleiter und Raumschiffbeiboote. Monster, vor neugierigen Blicken versteckt und der Regierung verheimlicht, verlassen ihre Insel und drängen in die gerade wiedererstandene Stadt hinein.

Leseprobe

Als die Monster erwachten

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 34

von HORST WEYMAR HÜBNER


Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.


Ein Jahr nach der lautlosen Invasion der kosmischen grünen Flechten kehren die Zeitspringer an den Ort eines gefährlichen Zwischenfalles zurück - nach New York.

Damals konnten sie die Stadt gerade noch verlassen, bevor sie in Schutt und Trümmer sank. Sie wollen sehen, ob man die Invasion stoppen konnte.

Die Flechten haben sich der Umwelt angepasst und bleiben lebensfähig. Ihre Fähigkeit, sich rapide zu vermehren, haben sich einige Wissenschaftler zunutze gemacht, die im Dienst der Notstandsregierung stehen und insgeheim auch das Ernährungsproblem lösen wollen.

Was in bester Absicht begonnen wurde, endet in den Energieschüssen eilig alarmierter Fluggleiter und Raumschiffbeiboote. Monster, vor neugierigen Blicken versteckt und der Regierung verheimlicht, verlassen ihre Insel und drängen in die gerade wiedererstandene Stadt hinein.

Man schreibt das Jahr 2621. Den Zeitspringern kommt es vor, als wiederhole sich der Untergang New Yorks.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by Fernando Cortes de Pablo/123RF mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Die erste Veränderung nahm Dillon an einem regnerischen Sommerabend wahr. In der Allee der Astronauten war die Lichtkugel zwischen Cooper und der Tereschkowa verschwunden. Das Wegstück war in tintige Dunkelheit getaucht.

Das monotone Rauschen des Regens und das Tropfen des Wassers von den Blättern machten ihm den Park unheimlich. Dazu lag ein unbeschreiblicher Geruch in der Luft.

Dillon empfand Unbehagen und schritt schneller aus.

Im Vorbeigehen glaubte er zu erkennen, dass das Standbild von Cooper zur Seite geneigt war.

Am anderen Morgen auf dem Weg zu den Trümmerbergen sah er schon aus einiger Entfernung, dass Cooper fehlte.

Dillon ging langsamer. Seine zögernden Schritte drückten Argwohn und Misstrauen aus. Der Parkweg aus Betonplast war mit heruntergefetzten Zweigen und grünem Laub übersät.

Die ganze Nacht hindurch hatte es geregnet. Es nieselte jetzt noch. Aber er hatte nicht gehört, dass ein heftiger Sturm auf gekommen wäre.

Ein schenkelstarker Ast war in drei Meter Höhe aus einem Baum gebrochen und auf die Tereschkowa gestürzt. Er lehnte am Standbild. Seine Bruchstelle zeigte zum grauen Himmel.

Dumpfer Modergeruch beleidigte Dillons Nase. Die Feuchtigkeit der gesättigten warmen Luft drang in seine Kleidung und machte sie klamm.

Verwundert betrachtete er die gewaltige Schleifspur quer über den Weg. Meterbreit waren Laub und Zweige beiseite gewischt, zerfallene Erdklumpen markierten die Fährte.

An zwei Stellen inmitten der frei gefegten Spur zeigte der flexible Betonplast Löcher. Sie lagen fast vier Meter auseinander und hatten einen Durchmesser von einem halben Meter.

Ein unvorstellbarer Druck hatte auf den Weg eingewirkt.

Ein Fahrzeug?

Fahrzeuge waren im Park generell verboten. Die Allee der Astronauten durfte nicht einmal mit Schwebeplattformen oder Fluggleitern überflogen werden.

Damit waren Beschädigungen der kostbaren Standbilder durch unachtsam gelenkte Fahrzeuge oder durch Luftdruckwellen der Flugvehikel ausgeschaltet.

Jemand hatte sich über das Verbot hinweggesetzt.

Womit aber waren die schweren Beschädigungen verursacht worden? Dillon fand weder Rad noch Kettenspuren.

Ein erdgebundenes Fahrzeug hinterließ niemals derartige Löcher im Weg, von Fluggeräten, wenn sie landeten, gar nicht zu reden.

Prüfend schaute er zu den Standbildern hin. Dort, wo er gestern Abend die Lichtkugel vermisst hatte, klaffte ein drittes Loch. Der Grund war weich und schwammig.

Das Loch war größer und tiefer als die beiden Beschädigungen im Weg; Regenwasser hatte sich angesammelt.

Coopers Standbild war mit roher Gewalt entfernt worden. Es war über dem Boden abgebrochen. Der Sockel war zur Hälfte aus dem Erdreich gezogen.

Dillon hatte noch nie gehört, dass eine Lichtkugel explodiert war. Dennoch zog er diese Möglichkeit angesichts der sinnlosen Zerstörung in Betracht.

Er stellte sich den Ablauf vor. Die explodierende Kugel hatte das Loch neben dem Weg gerissen und Erdklumpen hochgeschleudert, die Druckwelle hatte Coopers Standbild in die Luft gewirbelt und zerstört. Die herunterfallenden Trümmer hatten die Löcher in den Weg geschlagen.

Nachdenklich betrachtete er den Schauplatz.

Dass niemand die Explosion gehört oder sie zumindest nicht beachtet hatte, erschien ihm noch denkbar. Die zerfallenen Erdklumpen untermauerten seine Annahme einer Detonation.

Wo aber, zum Teufel, waren die Trümmer des Standbildes? Es gab nur die Löcher.

Der heruntergebrochene Ast, die Zweige, das Laub und die frei gewischte Spur fügten sich überhaupt nicht in seine Theorie.

Unzufrieden mit seinen Vermutungen ging Dillon an den Wegrand und betrachtete das Loch im weichen Erdreich aus der Nähe.

Keine Explosion hatte die Ränder verbrannt. Die Innenwände fielen senkrecht ab.

Sprengtrichter, das wusste er, waren flach.

Durch den Morgen drang von fern das Kreischen der Robotbagger, die die Trümmerberge abtrugen. Das Geräusch erinnerte Dillon an seine Arbeit.

Er streifte einen Erdklumpen ab, der hartnäckig an seiner Schuhsohle klebte. Sein Blick glitt über den herausgezogenen Sockel und blieb an einem graubraunen nassen Gegenstand im feuchten Gras hängen.

Er hielt es für ein Stück Baumrinde. Die Form allerdings erschien ihm dafür zu symmetrisch und weckte seine Neugierde.

Er schnitt sich in Daumen und Zeigefinger, als er es aufhob. Erst fluchte er weidlich, saugte dann Blut aus den Schnitten, wickelte ein Tuch um die Wunden, in denen es wie Feuer brannte, und unterzog seinen Fund einer genaueren und nun überaus vorsichtigen Untersuchung.

Er hatte so etwas noch nie gesehen.

Es war handtellergroß und hornig, auf der einen Seite gebuckelt und auf der anderen spiegelbildlich nach innen vertieft.

Was er für die Innenseite hielt, schimmerte perlmuttgrau und glänzte matt. Die gebuckelte Außenseite trug zwei Kratzer, war rau wie gröbster Sand und nass und schimmerte auch nicht, als er mit dem Ärmel darüberwischte.

Die Ränder waren messerscharf.

Behutsam fasste er diese Schneide an und brach so viel ab, wie er zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand fassen konnte.

Horn!

Sein Fund war eine Hornplatte, eine Schuppe.

Er pustete die abgebrochenen Randstücke ins Gras und überlegte, von welchem Tier diese Schuppe stammte. Der Form und Größe nach eigentlich nur von einem Fisch.

Sie war nach seiner Schätzung durchschnittlich zwei Millimeter dick und wog bestimmt ein halbes Pfund.

Einen Fisch, der so große Schuppen besaß, konnte er sich nicht vorstellen. Schon gar keinen, der im Park herumspazierte wie anderer Leute Haustiere.

Er entschied, dass dies ein Fall für Dr. Baker war.

Wenn am Mittag die Arbeiter die Körbe mit den ausgegrabenen Flechten zur Bootsanlegestelle brachten, würde er mitgehen und dem als absonderlich verschrienen Wissenschaftler die Hornplatte geben.

Sollte sich doch Dr. Baker Gedanken darüber machen, wie ein Tier mit solchen Schuppen in den Park kam! Er wurde von der Notstandsregierung schließlich dafür bezahlt.



2

Als letztes Glied in einer Katastrophenkette war New York vor einem Jahr den kosmischen Flechten zum Opfer gefallen. Eine ahnungslose Mannschaft hatte sie von einer galaktischen Reise zu einem benachbarten Sonnensystem mitgebracht.

Durch Unachtsamkeit waren Sporen der grünen Flechten aus einem Labor entwischt. Explosionsartig hatte sich die Pflanze vermehrt, begünstigt durch das wachstumsfördernde Klima der Erde und durch heftige Windströmungen.

Von Florida herauf zog sich parallel zur Küste ein Gürtel verwüsteter Städte - Ergebnis einer zu spät entdeckten Eigenschaft der kosmischen Pflanze. Sie setzte sich nämlich in jedem Mauerriss fest, krallte sich in jeden Gebäudespalt, trieb ihre Haftwurzeln in die feinste Vertiefung und brachte jedes Gebäude zum Einsturz. Es war nur eine Frage der Zeit, nicht der Widerstandsfähigkeit des Materials.

Die Flechten hatten nicht nur das Gebäudekontingent der Städte vernichtet, sondern auch die Verkehrswege. Sie waren unter die Straßendecken gekrochen und hatten sie hochgedrückt. Sie hatten lautlos die Pfeiler der Einschienenbahnen und Bandgleiteranlagen gesprengt, hatten die Luftschleusen der Vakuumröhrenbahnen platzen lassen, waren unter die Beläge der Flug und Raumhäfen und unter die Bänder der Schnelltransportstraßen geraten und hatten sie hochgewuchtet.

Und sie waren als wirbelnde Fetzen, die weithin durch die Luft schwebten, in die Ansaugschlitze der Fluggleiter gerissen worden, was in jedem Falle einen Absturz bewirkt hatte.

Auf Seen, Teichen und Flüssen hatten sich die Flechten niedergelassen. Auf Bäumen, die unter dem Gewicht in der Regel zusammenbrachen. Auf wertvollem Kulturland, das der Obst und Gemüseerzeugung diente und der überaus wichtigen Fleischproduktion.

Der verfügbare Nutzraum war rapide weniger geworden. Die an sich harmlosen Flechten waren immer weiter vorgedrungen und hatten eine Art passive Gewaltherrschaft angetreten.

Ihr bloßes Vorhandensein bestimmte den Lebensablauf eines riesigen Landstriches. Mit dem Unterschied, dass ein Arrangement mit den Flechten nicht möglich war.

Ihre Existenz bestimmte Bevölkerungspolitik, Handel und Wirtschaft. Gegen sie war nichts gegangen - und mit ihnen ebenfalls nichts.

Sie waren resistent gegen alle bekannten chemischen und biologischen Vernichtungswaffen. Bis der Zufall der bedrängten Staatsregierung zu Hilfe kam.

Benzin löste das kristalline Strukturgewebe der Flechten auf, unterband den Sporenausstoß und stoppte die katastrophale Vermehrung. Benzindämpfe reichten bereits aus.

Nur gab es kein Benzin mehr.

Ein paar schäbige Ölschiefervorkommen, in privatem Besitz befindlich, brachten nach anfänglichen Misserfolgen einen Vorteil im Kampf gegen die Umklammerung durch die Flechten.

Aus Museen, Archiven und alten Speichern grub man die uralte Technologie der Ölaufbereitung aus, baute eine Raffinerie und begann mit dem Ölschieferabbau.

Im Schnitt erbrachten 150 Tonnen Schiefer und Sand eine Tonne Öl. Ein überwältigendes Verhältnis war das nicht.

Aber der Vormarsch des kosmischen Gewächses konnte gestoppt werden.

Nur war die Gefahr längst nicht gebannt. Unter den gewaltigen Trümmerbergen im Zentrum der vernichteten Städte lagen noch immer tonnenweise die Flechten.

Jeder Kubikfuß Schutt musste umgeschichtet und durchwühlt werden. Ein geringer Windstoß reichte bereits aus, Flechtenfetzen in die Luft zu wirbeln und davonzutragen. Das hieß, dass die Katastrophe ihren Fortgang nahm.

Dillon war einem jener Bekämpfungskommandos zugeteilt, die aus dem Schutt die auch nach einem Jahr Verschüttungszeit lebensfähig gebliebenen Flechten herauskramen mussten.

In allen Städten im Todesgürtel waren diese Kommandos Tag und Nacht im Einsatz.

Der Schutt wurde von gewaltigen Robotbaggern bewegt. Das Ausleseverfahren hatte man nicht Maschinen anvertrauen können. Erste Versuche hatten ergeben, dass spezielle Maschinen zwar die Flechten aussiebten, zugleich aber auch Stoffreste, Kunststofffetzen, Papier und Reste jener Unglücklichen, die unter den Trümmern zu Tode gekommen waren.

Eine Verfeinerung der Ausleseprogrammierung war enttäuschend geblieben. Sie war nach der Farbintensität erfolgt. Das Ergebnis war, dass die Maschinen alles aus dem Schutt herausholten, was grün war. Der Kunststoff - meist ehemalige Fassadenverkleidungsplatten - überwog.

Zudem musste man die betrübliche Feststellung machen, dass sich beträchtliche Flechtenmengen durch den Lichtabschluss im Aussehen verändert hatten.

Es gab gelbe, sogar weiße Flechten. Waren sie etwa zwei Stunden der Lichteinwirkung ausgesetzt, nahmen sie ihr bekanntes grünes Aussehen an.

Dillon richtete sich ächzend auf und straffte den schmerzenden Rücken, während der Robotbagger herumschwenkte und mit dem Ausleger eine neue Ladung Schutt schöpfte.

Er nützte die Verschnaufpause und streifte den Panzerhandschuh von der rechten Hand. Daumen und Zeigefinger schmerzten. Die Schnitte hatten sich jedoch nicht entzündet.

Ein Mann im feuerroten Anzug der Julie-Taylor-Company mit einem Schutzhelm über dem Kopf und einer Hochdruckflasche auf dem Rücken stapfte über den Schutt heran und besprühte die gelben und weißen Flechten, die Dillon ausgelegt hatte.

Er konnte das Knistern hören, mit dem sich die Flechten zusammenzogen. Widerlicher Benzindampf stieg ihm in die Nase.

Der Mann im roten Anzug tappte zur nächsten Verlesestelle.

Dillon harkte die abgetöteten Flechten zusammen und schleuderte sie auf das Band, das sie zum Konverter der Vernichtungsanlage transportierte. Tote Flechten ließen sich verbrennen. Lebende nicht. Sie kamen unverändert aus dem Ascheauswurfschacht.

Die grünen Flechten, die er in einen Korb sortiert hatte, stammten aus obenliegenden Trümmerschichten, wo immer etwas Licht während des einen Jahres hingelangt war.

Die Körbe waren nummeriert. Ein Zähler ging herum und führte peinlich genau Buch.

„Schon müde?“, erkundigte sich dieser Mann sarkastisch, als er Dillon stehen sah.

Dillon schenkte ihm einen zornigen Blick. Der Bursche hatte es gerade nötig, faule Witze zu machen. Mit dem bisschen Buchführung verbog er sich keinen Finger.

„Wir können tauschen“, bot Dillon an.

Der Mann fluchte, begutachtete die Füllmenge von Dillons Korb und ging weiter.

Dillon streifte den Panzerhandschuh über und machte sich über den Schutt her, den ihm der Robotbagger vor die Füße kippte.

Hinter den Verlesestellen lärmten die Aufbereitungsanlagen. Lange Förderbänder brachten den von Flechten gesäuberten Dreck zu Sortiermaschinen, in denen die Materialien getrennt wurden.

Aus den Kunststoffresten wurde wieder Kunststoff geschmolzen, Steine und Beton wurden zerkleinert und an Ort und Stelle zu Baufertigelementen verarbeitet.

An Baumaterialien war Bedarf. An den Randgebieten war die Stadt bereits neu erstanden - großzügiger, freundlicher, auf gelockerter. Mit breiten Verkehrsrampen, Erholungsvierteln und Parks. Im Zentrum herrschte noch immer jenes Chaos, wie es der Untergang der Stadt vor einem Jahr hinterlassen hatte.

Die Robotbagger und Bekämpfungskommandos kamen nur langsam voran. Sicherheit ging vor.

Dreißigtausend Männer waren hier an der Arbeit - Freiwillige, Abkommandierte, Straffällige, die sich bewähren konnten. Zwangsverpflichtet waren sie letztlich alle. Die Regierung hatte auf die Notstandsgesetze zurückgegriffen, und wo diese nicht ausreichten, waren sie durch Erlasse ersetzt worden.

Dreißigtausend Männer und zehntausend Robotbagger!

Die Mannschaften wühlten in vier Schichten zu sechs Stunden. Dillon leistete doppelte Tagesschichten ab. Wenn er ein volles Jahr durchhielt, winkte ihm eine Prämie, die ihn in die Lage versetzte, sich auf eigene Füße zu stellen.

Pläne hatte er schon. Einen Kuriositätenshop im Abfertigungsgebäude des neuen Raumhafens vielleicht, wenn bis dahin die Verkaufspavillons nicht bereits vergeben waren. Oder einen Entspannungssalon mit psychedelischen Lichtspielen, Abenteuermaschinen und zugelassenen Traumdrogen.

Schutt rutschte nach, Steine polterten Dillon auf die Handschuhe. Die Panzerringe bewahrten ihn vor Verletzungen.

Ärgerlich schaute Dillon auf.

Hermann kam die Trümmerhalde herab. Er hielt sich kerzengerade und machte seltsam ausgleichende Bewegungen auf dem nachgebenden Dreck.

Hermann war eine Maschine. Ein Android. Äußerlich einem Menschen zum Verwechseln ähnlich. Sein Innenleben bestand aus hochkomplizierter Technik und einer autarken Energiequelle.

Neben dem halb gefüllten Korb blieb Hermann stehen. Mechanisch gesteuert bewegte sich sein Kopf und neigte sich nach vorn. Hermann sah nach, ob es bereits an der Zeit war, den Korb wegzutragen und bei der bewachten Sammelstelle abzuliefern.

Seine Programmierung sagte ihm, dass der Abtransport noch nicht lohnend war. Mit steifen Schritten ging Hermann zu der nächsten Verlesestelle.

Zu Beginn, als Dillon hier angefangen hatte, gezwungen durch einen Notstandserlass und angelockt von der Prämie, hatte er sich gefragt, warum man nicht einfach die ganzen Trümmerberge mit Benzin tränkte.

Der Vorarbeiter hatte es ihm erklärt.

Einmal gab es zu viele Dämpfe, die leicht entzündbar waren und eine verheerende Explosion auslösen konnten. Wobei sich Dillon gewaltig wunderte, wie seine Vorfahren, die noch dieses Benzin als Energiemedium benutzt hatten, überhaupt mit diesem gefährlichen Stoff zurechtgekommen waren.

Ein anderer Grund für die sparsame und gezielte Anwendung dieses Mittels aus der Hochdruckflasche war der geringe Vorrat, der zur Verfügung stand.

Er reichte nach optimistischen Berechnungen gerade für die punktuelle Anwendung bei den ausgegrabenen Flechten, doch niemals für das Absprühen aller Trümmerberge.

Eine solche Vernichtungskampagne wäre irrsinnige Verschwendung gewesen.

Dann hatte Dillon gefragt, warum man nicht die Trümmer auf einem Laufband durch eine mit Benzindämpfen gefüllte Halle schickte.

Der Vorarbeiter hatte ihm ein Stereobild von einem zerfetzten Gebäude gezeigt und dazu erklärt, dies sei mal so eine Halle gewesen.

Danach hatte Dillon begriffen, wie gefährlich der Umgang mit diesem Benzin war. Man hatte verlernt, damit zu hantieren. Das Wissen war verloren gegangen.

Dillon bückte sich und grub weiter.

Einmal fasste er an seine Verpflegungstasche, in der er die Hornschuppe mit den scharfen Rändern trug.

Jenseits des Bandes, das zur Konverteranlage lief, richtete sich der lahme Ritchie auf. Er war ein Mann schwer bestimmbaren Alters. Ein Raumveteran. Die Flotte hatte ihn ausgemustert, als die weitverbreitete Raumfahrerkrankheit auch ihn erwischte. Irgendetwas mit Knochenverformung, weil der Kalziumgehalt sank.

Mit der Abfindung hätte Ritchie ein gutes Leben bis ans Ende seiner Tage führen können, wenn die verdammte Bank, der er sein Geld anvertraut hatte, es nicht ausgerechnet in Gebäuden angelegt hätte. Pech, dass diese Gebäude im Zentrum von New York gestanden hatten. Doppeltes Pech, dass auch die Bank zum Teufel gegangen war und Beweismittel, die Ritchies Ansprüche gegen die Bank belegten, bis heute nicht gefunden waren. Von der kümmerlichen Rente, die ihm die Flotte bezahlte, konnte vielleicht ein einfallsreicher Hungerkünstler existieren, niemals ein Mann, der regelmäßig seine Medikamente brauchte.

Ritchie quälte sich mit der Flechtensortierung. Wie Dillon machte er eine Doppelschicht. Mit der Prämie wollte er noch einmal beginnen. Ohne die Mitwirkung einer Bank.

„Was macht er mit dem Zeug?“, fragte Ritchie. „Das wollte ich dich schon die ganze Zeit fragen.“

„Versuche.“ Dillon hob die Achseln. „Die Regierung hat ihn verpflichtet“

„Wenn ihm Sporen davonfliegen, beginnt das ganze Drama von vorn.“ Ritchie spuckte aus und beugte sich langsam nieder, weil der Bagger ihm neuen Schutt vorlegte.

Ritchie war durch seine körperliche Verfassung gezwungen, eine einmal eingenommene Haltung möglichst lange beizubehalten. Jemand hatte mal zu Dillon gesagt, Leute mit Knochenschwund müssten entsetzliche Schmerzen aushalten; er wisse das von einem Bekannten, der wiederum mit einem Arzt befreundet sei und jeden Tag solche Leute im Hospital behandeln müsse. Die liegend eingelieferten Fälle könne man nicht mehr hochpäppeln, weil die Leute sich selber aufgegeben hätten. Das beste Heilmittel sei immer noch, wenn sie sich aus eigenem Antrieb bewegten. Trotz der höllischen Schmerzen.

Vielleicht war das der wirkliche Grund, der Ritchie zum Vernichtungskommando geführt hatte.

Der Zähler kam zurück und schaute zu, wie Dillon weiße und gelbe Flechten auslegte und die grünen Fetzen in den Korb warf.

Dillon kam sich überwacht vor, kritisch in seiner Arbeit beobachtet, ob er auch genügend leiste. Die Wut kam in ihm hoch. Dann dachte er an die Prämie und ließ den Stein los, um den sich sein Panzerhandschuh bereits geklammert hatte.

Nach einer Weile ging der Zähler weiter. An Dillons Arbeit fand er nichts auszusetzen.

Fünf Baggerschaufeln später tauchte Hermann auf. Seine Linsenaugen und sein Programm fanden den nummerierten Korb ausreichend gefüllt. Er ergriff das Gefäß und trug es zum Bunker. Mit einem leeren Korb kehrte er wenig später zurück.

Immer wieder griff Dillon zur Verpflegungstasche, als müsste er sich überzeugen, dass sein Fund noch vorhanden war. Die Hornplatte war der einzige Beweis für die Geschichte, die er Dr. Baker zu erzählen gedachte.

Immer wieder dachte er nach, von welchem Tier, wenn nicht von einem Fisch, sie sonst stammen konnte.

Um die Mittagszeit kam der Vorarbeiter. „Ziemlich gute Ausbeute“, meinte er.

„Ich gehe heute mal mit runter“, sagte Dillon. „Die Füße vertreten.“

Der Vorarbeiter war einverstanden und notierte etwas.

Punkt zwölf Uhr blieben die Bagger stehen, die Förderbänder, die Aufbereitungsanlagen und der Konverter.

Dillon ging zum bewachten Bunker. Als er an Ritchies Platz vorbeikam, sah er den Raumfahrer am Robotbagger lehnen. Ritchie schlief. Er hatte gelernt, stehend zu schlafen. Wenn er sich legte, dauerte es zehn Minuten, bevor er auf den Füßen war.

Hermann und zwei Bunkeraufseher waren bereits damit beschäftigt, die Körbe auf eine Schwebeplattform zu laden. Über jeden Korb war ein Netz gespannt. Eine Vorsichtsmaßnahme gegen Windstöße, die Flechtenfetzen gar zu leicht herausrissen und forttrugen.

Für den Umgang mit den Flechten waren Richtlinien aufgestellt worden, die strenger eingehalten wurden als militärische Befehle.

Dillon fuhr auf der Plattform mit.

Die Anlegestelle lag einen Kilometer entfernt. Dr. Baker wartete bereits mit seinem Boot.

Der Wissenschaftler galt als verschroben und bei den Arbeitern als nicht ganz richtig im Kopf. Dazu kam, dass er meist über die miese Qualität der Ware meckerte und nie ein Trinkgeld gab. Alles Dinge, die ihn nicht sympathischer machten.

Zwei Vollroboter waren mit Dr. Baker gekommen und luden die Körbe um. Vom Boot brachten sie Leergut und verstauten es auf der Plattform.

Einen Regierungsauftrag müsste man haben, dachte Dillon neidvoll und betrachtete die Vollroboter. Jeder kostete ein Vermögen, wie es zwanzig hochbezahlte Spezialisten zusammen nicht im Laufe ihres Lebens verdienten. Baker hatte gleich zwei davon.

Der Mann kam vom Boot auf die Anlegestelle. Eine wirre graue Mähne thronte auf dem Kopf, der graue Schnurrbart und die raupenartigen Brauen milderten den strengen Ausdruck des braunen Runzelgesichtes.

„Heute Abend nur zehn Körbe“, sagte Dr. Baker. Seine Stimme war rau, als sei er erkältet. Er schaute in einen Korb und rümpfte geringschätzig die Nase.

„Was machen Sie damit?“ Dillon wusste, dass er es für Versuche brauchte. Er hätte gern gewusst, welcher Art diese Versuche waren.

Dr. Baker schaute ihn an. Dillon hatte das Gefühl, dass der Blick dieser altershellen grauen Augen bis auf den Grund seiner Seele reichte.

„Wenn die Regierung die Zeit für gekommen hält, gegenüber der Öffentlichkeit eine Erklärung abzugeben, werden Sie es erfahren, junger Mann.“

Dillon kam sich wie ein dummer Junge vor, der für einen anderen Schelte bekommt.

Nein, sympathisch fand er Baker ebenfalls nicht. Er verglich ihn mit einem aufgeblasenen alten Frosch, während er die Hornplatte aus der Verpflegungstasche nahm.

Auf der flachen Hand hielt er seinen Fund dem Wissenschaftler hin. „Das habe ich in der Allee der Astronauten aufgelesen. Sieht nach einer Schuppe aus.“

Dr. Baker trat interessiert näher. Er ergriff vorsichtig den Fund und drehte ihn um. Dillon bemerkte einen überaus nachdenklichen Ausdruck im Runzelgesicht des Wissenschaftlers.

„Und jetzt möchten Sie wissen, was es genau ist?“

„Nein, von welchem Tier es stammt“, sagte Dillon. „Es hat dort große Beschädigungen gegeben. Außerdem ist Coopers Denkmal verschwunden.“

„So?“

„Ich habe es heute früh gleich gemeldet“, versetzte Dillon; er konnte nicht erklären, warum ihn dies mit boshafter Freude erfüllte.

Dr. Baker hielt die Hornschuppe gegen die Sonne. „Das wird aus einem Museum stammen“, meinte er. „Prähistorische Abteilung. Bei der Unordnung in der Stadt kein Wunder, wenn es in den Park geraten ist.“ Dillon fand diese Erklärung sehr dürftig. Verdammt, er war früher auch in Museen gegangen, als sie noch intakt waren. Auch in die prähistorischen Abteilungen. Aber da hatten nur riesige Skelette gestanden. Von Tieren, die seit Jahrmillionen tot waren. An den Wänden hatte es Bilder gegeben, die einen schwachen Eindruck vom wahren Aussehen dieser Tiere gaben. Rekonstruktionen auf Grund des Skelettbaues, mehr Vermutung als wissenschaftlicher Beweis. Horngepanzerte Ungetüme, schlangenhalsige Schlammfresser, gehörnte Drachen aus einer längst vergangenen Fabelwelt.

Baker wollte die Schuppe zurückgeben.

„Sie können sie behalten“, erwiderte Dillon. „Übrigens gibt es in den Museen solche Schuppen nicht.“

Dr. Baker steckte das Geschenk ein. Dillon fiel auf, wie vorsichtig er dabei vorging, als sei ihm geläufig, wie hinterlistig scharf die Ränder waren.

Auf der Fahrt zurück dachte Dillon unausgesetzt daran, warum Dr. Baker den oberfaulen Hinweis mit einem wahrscheinlich aus einem Museum stammenden Hornstück gegeben hatte.



3

Am Abend auf dem Heimweg entdeckte Dillon, dass man sich bemüht hatte, die Schäden zu beseitigen. Eine neue Lichtkugel schwebte neben der Tereschkowa. Das Erdloch war aufgefüllt und mit Rasen abgedeckt, die beiden Löcher im Weg waren mit Betonplast ausgegossen und verschweißt. Der Sockel von Coopers Standbild war entfernt.

Wahrscheinlich würde in absehbarer Zeit ein nachgeschöpftes Denkmal von Cooper aufgestellt werden.

Dillon liebte diese Allee. Den Frevel an Cooper betrachtete er als persönliche Beleidigung.

Die Standbilder regten ihn an, all die wilden Träume der Jugendzeit noch einmal zu träumen. Von kühnen Raumfahrten, technischen Abenteuern, vom Aufbruch der Menschheit zu den Planeten.

Hier waren sie alle versammelt. Die Pioniere, die vor mehr als sechshundertfünfzig Jahren in unglaublich kleinen und zerbrechlichen Raketenfahrzeugen über die Erde hinausgestoßen waren. Männer und Frauen, die nach ersten Höhenschüssen auch die ersten Erdumkreisungen gemacht hatten.

Gagarin, Shepard, Grissom, Titow, Glenn, Nikolajew, Popowitsch, Cooper, Bykowski, Tereschkowa.

Die anderen, die draußen gestorben oder schon auf den Starttürmen verbrannt waren.

Die Himmelsstürmer, die den näheren Raum erkundet hatten.

Die anderen, die Mond, Venus und Mars erforscht hatten.

Die Verschollenen, die in die Sonne gestürzt oder auf den Riesenplaneten zerschellt waren. Vielleicht Oder sie trieben noch dort draußen.

Zweihundertsechzehn Standbilder. Zum ehrenden Gedenken und zur Erinnerung an Ruhmestaten. Beweis für die Zielstrebigkeit des Menschen auf dem Weg zur Eroberung des Raumes. Ansporn für kommende Generationen.

Dillon genoss die Stille des Parks nach dem ohrenbetäubenden Lärm der Robotbagger und Maschinen.

„Zweihundertfünfzehn“, murmelte er und schaute den Weg entlang. Die herabgerissenen Zweige und das Laub waren entfernt. Die Allee war wieder eine Augenweide.

Dillon bewohnte dort, wo der Ring der neu erstandenen Stadt an den Park stieß, ein bescheidenes Zimmer im weitläufigen Haus einer Großfamilie. Dreihundert Leute hatten sich zusammengetan.

„Haben Sie es schon gehört?“ Eine junge Frau kam mit ihrem Söhnchen auf dem Arm aus dem Kinderzimmer.

Dillon blieb auf der Schwelle seines Raumes stehen. Er war müde und ausgelaugt. Der Sinn stand ihm nicht nach Unterhaltung.

„Was?“ Er fragte aus reiner Höflichkeit.

„Letzte Nacht wurden drüben in Brooklyn elf Menschen getötet. Etwas ist auf ihr Haus gestürzt“

„Flechten?“ Jetzt war Dillon doch interessiert. Hatte irgendeine Schlamperei die mühevolle Arbeit an den Trümmerbergen zunichte gemacht?

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Das ist es gerade. Man hat gar nichts gefunden.“

„Und die Nachbarn und Mitbewohner?“

„Die Energieversorgung fiel sofort aus. Die Leute hörten nur einen schrecklichen Lärm. Als sie nachschauten, war in der Dunkelheit nichts zu sehen.“

Ein Gleiter sicher, dachte Dillon. Der Saukerl von Pilot konnte mit seiner Maschine weiterfliegen. Hoffentlich fassen sie ihn schnell. Am Gleiter müssen Spuren sein.

Er murmelte etwas und betrat sein Zimmer. Als er die Tür zudrückte, hörte er die junge Frau vorbeigehen.

Vielleicht ist sie nicht ausgelastet, überlegte er. Oder sie kennt welche von den Opfern.

Er hängte seine Jacke in den Reinigungsabzug und räumte seine Verpflegungstasche aus. Ein seltsamer Geruch stieg ihm entgegen.

Zunächst vermutete er, dass sich das synthetische Fleisch, das er in der Dose übrig gelassen hatte, nicht gehalten hatte und übergegangen war.

Doch das Fleisch war in Ordnung.

Er schnupperte in die Tasche.

Es war derselbe unbeschreibliche Geruch, den er gestern Abend in der Allee der Astronauten wahrgenommen hatte.

Wie kam der Gestank in seine Tasche?

Die Hornplatte, die Schuppe! Die Erkenntnis zuckte wie ein Blitz durch seinen Schädel. Bis zum Mittag hatte er sie in der Tasche verwahrt.

Museum, dachte er. Ich will nicht mehr Dillon heißen, wenn sie je in einem Museum gelegen hat. Dieser Baker ist ein schlitzohriger Lügenbold.



4

Nur sechs Tage später - das Wetter war wieder sommerlich freundlich geworden - hörte Dillon beim Verlassen des Hauses, dass es in der Nacht gar nicht weit entfernt wieder einen rätselhaften Hauszusammensturz gegeben hatte. Auch Tote waren zu beklagen.

Wieder hatte man nichts gesehen.

Als er dem Parkweg zustrebte, sah er über den Baumwipfeln Polizeigleiter kreisen. Ihren Flugbewegungen entnahm er, dass sie etwas suchten.

Eingangs der Allee hielt ihn eine Streife auf. Auf dem Rasen stand ein Gleiter. Am Ende der Standbilderreihe sah er weitere Uniformierte. Sie bemühten sich um etwas, das er nicht genau erkennen konnte.

„Sie können jetzt nicht hier durch!“, sagte ein Polizist nicht unfreundlich.

„Das ist nun mal mein Weg. Ich gehe ihn jeden Tag. Vernichtungskommando“, erläuterte Dillon und sah sich bereits zu spät kommen.

„Machen Sie einen Umweg“, schlug der Polizist vor.

In Dillons Kopf klingelte es. Man versuchte, etwas zu verbergen und wollte ihn aus der Allee forthaben. „Ist was passiert?“

„Wie kommen Sie darauf?“ Die Stimme des Polizisten wurde unterkühlt und das Gesicht abweisend.

„Vor ein paar Tagen war hier schon mal was los“, erklärte Dillon eifrig. „Ich habe es in der Frühe entdeckt und sofort gemeldet“

„Ah!“, machte der Polizist und betrachtete ihn eingehend. „Sie waren das?“

„Das verschwundene Cooper Denkmal.“ Dillon nickte. „Und die Lichtkugel, die einfach nicht mehr da war.“ Er stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, über die Schulter des Polizisten zu blicken.

Die Gruppe der Uniformierten am Ende der Allee löste sich gerade auf. Soweit Dillon erkennen konnte, war das Standbild von Gagarin verschwunden. Samt Sockel.

„Ist da“, er machte eine Kopfbewegung, „wieder etwas abhanden gekommen?“

„Sieht so aus“, räumte der Polizist ein. „Wir erwischen die Kerle. Sie scheinen es aufs Metall abgesehen zu haben.“

„Kerle?“, wiederholte Dillon und dachte an die Hornplatte, die jetzt Dr. Baker besaß.

„Zweifeln Sie daran?“ Der Polizist sagte es in einer Art, in der man persönliche Angriffe abwehrt.

„Nicht an Ihren Absichten“, meinte Dillon. „Vielleicht gibt es keine Kerle. Ich habe neulich etwas gefunden.“

Er berichtete dem atemlos lauschenden Polizisten und seinen beiden Begleitern von seinem Fund. Ihren Mienen sah er an, dass sie ihm nur wenig Glauben schenkten.

Aus dem unteren Teil der Allee kam ein Offizier.

„Was will der Mann?“ Sein strenger Blick haftete auf Dillon. „Er stört hier nur.“

„Er sagt, er geht jeden Tag diesen Weg. Er hat die Cooper-Sache gemeldet. Jetzt macht er zu diesem Fall noch eine Aussage“, erklärte der Polizist seinem Vorgesetzten. „Er will damals etwas gefunden haben. Eine Hornplatte.“

„Interessant.“ Der Offizier nahm die Hände auf den Rücken. „Warum wurde der Fund nicht abgeliefert?“ Er fixierte Dillon.

Der war sich keines Vergehens bewusst. Funde zu machen war schließlich nicht verboten. „Die Hornschuppe habe ich Dr. Baker gegeben.“

„Baker?“ Die Brauen des Offiziers wanderten nach oben. „Was sagte er dazu?“

„Soll ich’s wirklich sagen? Ich mache mich nicht gern lächerlich.“

„Reden Sie schon, Mann!“

„Wenn Sie so viel Wert auf den Schwachsinn legen - mir soll es recht sein. Er meinte, die Hornplatte stamme aus einem Museum. Prähistorische Abteilung, um es ganz korrekt zu sagen.“

„Daran zweifeln Sie? Dr. Baker ist ein anerkannter Fachmann.“

„Ich behaupte ja nicht das Gegenteil. Nur kenne ich mich in Museen etwas aus. Ich habe nie solche Schuppen gesehen.“

Die drei Polizisten grinsten dünn. Der Offizier hingegen verzog keine Miene. Dillon hegte die Hoffnung, dass der Mann ihm glaubte.

„Kann ich nun weiter? Wer zum Schichtbeginn nicht da ist, bekommt Abzüge.“

„Regeln Sie das!“, wies der Offizier den Streifenführer an. „Möglicherweise brauchen wir ihn als Zeugen. Aber passieren kann er nicht“ Er wandte sich um und ging zurück.

Dillon musste seinen Namen, seinen Arbeitsplatz und seine Wohnung angeben. Er wurde unruhig. In wenigen Minuten begann seine Schicht Der Streifenführer hatte ein Einsehen und winkte ihn zum Gleiter. „Ich bringe Sie rüber“, meinte er etwas gönnerhaft.

Die beiden Uniformierten blieben zurück und sperrten weiterhin die Allee.

Beim Überfliegen des Parkgürtels setzte plötzlich der Gleiterantrieb aus. Das Fluggerät verlor rasend schnell an Höhe und stürzte den Baumspitzen entgegen, während der Streifenführer die Notschaltung betätigte.

Jemand schrie in der engen Kabine. Dillon klammerte sich an einem Handgriff neben dem Ausstieg fest, hatte den Magen in der Kehle sitzen und empfand nichts als fürchterliche Angst.

„Halten Sie den Mund!“, brüllte ihn der Streifenführer an.

Erst da begriff Dillon, dass er es war, der so schrie.

Mit einem schrillen, Nerven und Gehör strapazierenden Winseln kam der Antrieb wieder.

Der Gleiter schoss durch Laub, rammte einen Ast, geriet aus der Richtung und zog dann steil in den Himmel hinauf.

„Na also!“ Der Streifenführer grinste Dillon an und wischte sich Schweiß aus dem blassen Gesicht

„Künftig gehe ich wieder zu Fuß“, beteuerte Dillon.

„Sie sind wohl noch nie viel geflogen?“

„Schon. Aber noch nie abgestürzt. Landen Sie da drüben neben dem Konverter.“

Pünktlich zum Schichtbeginn traf Dillon an seinem Arbeitsplatz ein.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738908350
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Februar)
Schlagworte
timetravel band monster

Autor

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Titel: Timetravel Band #34: Als die Monster erwachten