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Timetravel Band #35: Die Gasse im Meer

2017 130 Seiten

Zusammenfassung

Der Auftrag: Das Volk der Hapiru oder Israeliten wurde von einem Mann namens Amoneses aus der ägyptischen Knechtschaft geführt und durch ein Meer oder einen See geleitet. Amoneses ist dem biblischen Moses gleichzusetzen. Reisen Sie in das Jahr 1224 vor der Zeitrechnung, ergründen Sie, wie die Plagen Ägyptens zustande kamen, die dem Auszug der Hapiru vorangingen, wo das Volk über ein Meer ging und wie stark es war. Überprüfen Sie, ob dieser Auszug aus Ägypten in enger Verbindung mit einer Naturkatastrophe stehen kann, die sich in etwa dieser Zeit im östlichen Mittelmeer ereignete.
Konsortium der Sieben

Leseprobe

DIE GASSE IM MEER

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 35

von HORST WEYMAR HÜBNER


Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.


Der Auftrag: Das Volk der Hapiru oder Israeliten wurde von einem Mann namens Amoneses aus der ägyptischen Knechtschaft geführt und durch ein Meer oder einen See geleitet. Amoneses ist dem biblischen Moses gleichzusetzen. Reisen Sie in das Jahr 1224 vor der Zeitrechnung, ergründen Sie, wie die Plagen Ägyptens zustande kamen, die dem Auszug der Hapiru vorangingen, wo das Volk über ein Meer ging und wie stark es war. Überprüfen Sie, ob dieser Auszug aus Ägypten in enger Verbindung mit einer Naturkatastrophe stehen kann, die sich in etwa dieser Zeit im östlichen Mittelmeer ereignete.

Konsortium der Sieben


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by Kevin Carden/123RF, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Prolog

Am 5. Juli 1984 glückte Professor Hallstrom das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten – also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Vorfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszelt zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ In London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete am 3. Mai 1992 sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Tag reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension.

Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.





1

Vor einer Stunde hatten sie in westlicher Richtung Feuerpunkte gesehen. Glühende rote Augen in der Dunkelheit.

Jetzt sahen sie nichts mehr. Obgleich sie mit raumgreifenden Schritten auf die seltsamen Lichtpunkte zugegangen waren.

Ächzend blieb Professor Robert Hallstrom stehen.

„Ich dachte, es seien die Lichter von Pithom“, sagte er.

Pithom sollte nach der Überlieferung eine gewaltige Stadt sein. Eine Kornspeicherstadt, die der Pharao Ramses II. von einem gewaltigen Sklavenheer hatte erbauen lassen.

„Die Hoffnung können Sie begraben“, sagte Frank Jaeger roh. „Bei unserem Tempo hätten wir die Stadt längst erreicht haben müssen. Ich sehe sie nicht. Die Lichter auch nicht. Dafür riecht es so komisch.“

„Möglicherweise sind wir einer Halluzination aufgesessen“, steuerte Ben Crocker eine Erklärung zum Phänomen der verschwundenen Lichter bei.

Hallstrom schnaubte bedrohlich durch die Nase.

„Ein Mann kann Fieberfantasien haben. Drei Männer nicht. Wir haben alle die Lichter gesehen, oder? Es müssen Feuer gewesen sein. Man hat sie inzwischen gelöscht. Aber ich kann den Rauch riechen. Ben, klimmen Sie auf einen Baum! Halten Sie Ausschau.“

Ben Crocker lachte. Es klang grollend und unfroh.

„Wenn ich einen sehen könnte, wäre ich schon oben. In dieser verdammten ägyptischen Finsternis kann ich nicht einmal die Hand vor den Augen erkennen.“ Er sog geräuschvoll die Luft ein. „Rauch soll das sein? Es stinkt wie Pech und Schwefel in einer Abfallgrube.“

„Nörgeln Sie nicht. Finden Sie einen Baum“, wies Hallstrom ihn an. „Wir warten hier.“

„Wenn es Ihre Nase aushält!“

Ben hatte zwar die Vorsicht nicht erfunden, war aber auch nicht gesonnen, in einer absolut rabenschwarzen Nacht und in einer fremden Zeit auf unbekanntem Terrain ein Ein-Mann-Erkundungsunternehmen zu starten.

Er ertastete mit dem vorgeschobenen rechten Fuß den Boden und suchte ihn nach Hindernissen ab. Danach machte er einen Schritt. Steine oder Geröllbrocken lagen nicht auf seinem Weg. Äste auch nicht.

Das machte ihn mutiger.

Er entfernte sich Schritt um Schritt von Hallstrom und Frank und hoffte, recht bald auf einen Baum zu stoßen.

Plötzlich drang ein glucksendes Geräusch an seine Ohren. Es klang wie unterdrücktes Lachen.

Sofort versteifte sich Ben und blieb stehen. Er neigte den Kopf etwas und lauschte angespannt.

Das Glucksen wiederholte sich nicht.

Jedenfalls konnte er es nicht hören, denn Hallstrom und Frank unterhielten sich hinter seinem Rücken laut und ungeniert. Ihre Stimmen waren mehr als nur ein dezentes Murmeln in einer feuchtschwülen ägyptischen Nacht. Jedes andere Geräusch verblasste daneben.

Sie sollen sich als Marktplatzredner anstellen lassen, dachte Ben. Leiser Grimm begann sich zu regen. Mich auf einen Baum zu jagen wie einen Affen, damit das Wetter besser wird! Die beiden könnten sich wirklich ebenfalls um einen Ausguckposten bemühen, statt gelehrte Streitgespräche zu veranstalten.

Witternd und prüfend wie ein Wüstenfuchs sog Ben Luft ein.

Er fragte sich, wie der Professor auf die vermessene Idee gekommen war, dass der Gestank von gelöschten Feuern herrührte.

Es roch überhaupt nicht nach Rauch! Es stank nach Fäulnis und Verwesung.

Und nicht zu knapp.

Wenn sie doch nur den Mund halten würden, wünschte sich Ben. Er lauschte angestrengt, ob da nicht neben den lauten Stimmen noch andere Geräusche in der Nacht waren.

Rechts und links und voraus blieb es ruhig.

Bedächtig setzte Ben sich wieder in Bewegung, sorgsam den Untergrund prüfend.

Keine Äste, keine Bäume, überlegte er. Hallstrom wird sich gedulden müssen. Oder wir stoßen ganz zufällig auf diese Kornspeicherstadt! Ob ich die Lampe einschalten soll, um diese bedrückende Finsternis zu erhellen? Ganz kurz nur! Wer weiß, wo wir überhaupt hingeraten sind!

Er war ein Freund schneller Entschlüsse und griff unter den leichten Baumwollumhang, um die Lampe in Betrieb zu setzen, die zur Ausrüstung eines jeden von ihnen gehörte.

Bei diesem Vorsatz blieb es.

Denn zwei Ereignisse traten mit elementarer Plötzlichkeit ein.

Einmal begriff Ben, dass außer den Stimmen seiner Gefährten kein Laut zu hören war. Kein Rascheln, Piepsen, Kratzen oder Huschen von Nachtgetier. Absolut nichts. Als sei dieser Platz ein vollkommen toter Ort.

Diese blitzartige Erkenntnis traf ihn wie ein Faustschlag.

Zum andern wurde genau in diesem Augenblick das Licht am Himmel sichtbar.



2

Das Licht war unwirklich. Es zuckte. Es flackerte und tanzte. Es bildete ein Band, dessen einer Rand herabhing.

In der nächsten Sekunde schon veränderte sich die Leuchterscheinung.

Das glühende Band schob sich zusammen, bildete ein Knäuel und schien aus dem Zentrum heraus mit neuer Leuchtenergie gespeist zu werden.

Das Knäuel blähte sich mit erschreckender Schnelligkeit auf, waberte auseinander, als sei es lautlos explodiert, und formte sich zu einer Wolke.

Die Intensität der Leuchterscheinung nahm nur geringfügig ab. Die leuchtende Wolke blieb bestehen. Sie veränderte ihre Form nicht mehr.

Ben Crocker benötigte Sekunden, um Verblüffung und Schreck zu überwinden.

Sein Unterbewusstsein registrierte, dass die streitenden Stimmen jäh verstummt waren.

Jetzt schlägt's dreizehn!, dachte er. Das ist doch kein Nordlicht! Ausgeschlossen! Nicht in diesen Breiten. Leiden wir vielleicht doch an Halluzinationen? Auch wenn Hallstrom das nicht wahrhaben will? Was ist das für ein Licht? Warum leuchtet die Wolke?

Er reckte den Kopf und schob das Kinn vor, als müsste er sich einer unsichtbaren Macht entgegenstellen, die ihn im nächsten Moment aus der Finsternis angriff.

Dabei beobachtete er scharf die Lichterscheinung.

Sie erschien ihm unsagbar fremd. Und fern dazu. Ihr Standort war die halbe Höhe zum Himmelszenit.

Geistesgegenwärtig schaute er auf seinen selbstleuchtenden Radar-Timer und bestimmte die Himmelsrichtung der leuchtenden Wolke. Nordnordwest!

Mochten die Götter Ägyptens wissen, was die Erscheinung zu bedeuten hatte!

Irgendein Hokuspokus ägyptischer Priester war sie nicht. Oder er wollte künftig Pfannkuchen heißen.

Den alten Überlieferungen nach mussten die Priester zu wahren mystischen Meisterleistungen befähigt gewesen sein, die überwiegend dem Zwecke dienten, das unwissende Volk tief zu beeindrucken, in gewaltiges Erschrecken zu versetzen und darin auch festzuhalten. Mit allerlei Brimborium, das als Fingerzeig der Götter ausgelegt wurde, hielt man das Volk bei der Stange. Die Götter bestimmten, die Menschen gehorchten! So einfach war das. Die Priester sorgten schon dafür, dass sich die Götter nicht irrten und wirklich nur das bestimmten, was dem Pharao, seinen Statthaltern und den Gauaufsehern gefiel.

Aber leuchtende Wolken konnten sie nicht machen, überlegte Ben.

Geradezu beschwörend starrte er zu der fernen Lichterscheinung hinauf und vergaß darüber den schrecklichen Gestank, der ihn wie Pesthauch anwehte.

Das Licht der Wolke war mild und füllte nur den Himmelssektor, der durch den Standort der Erscheinung gekennzeichnet war.

Es reichte zwar auf die Erde herab, denn es war ja sichtbar. Aber seine Kraft reichte nicht aus, um das Land zu beleuchten, um Gegenstände, Formen, Umrisse erkennbar werden zu lassen.

Ben zog langsam die Hand unter dem baumwollenen Gewand hervor und verzichtete darauf, die Lampe einzuschalten.

Er beobachtete.

Und er stellte kühne Betrachtungen und waghalsige Vermutungen an und verwarf sie ebenso schnell wieder.

Als ihm aufging, dass er schon minutenlang die leuchtende Wolke anstarrte, die ihre Gestalt beibehielt, wandte er sich sehr neugierig nach Hallstrom und Frank um.

Hören konnte er sie nicht mehr.

Sehen aber auch nicht.

Die Dunkelheit hatte sie restlos eingehüllt und verbarg sie seinen Blicken.

„He, seid ihr überhaupt noch da?“, sagte Ben. Er sprach eine Spur zu laut und einen Schlag zu hastig. Beinahe hätte er die eigene Stimme nicht erkannt.

Er gestand sich ein, dass ihn die Wolke erschreckt hatte. Er grinste. In der Dunkelheit sah es ja keiner.

„Brüllen Sie nicht wie eine Herde Ochsen!“ Das war Hallstroms Stimme. Sie klang kratzend. Wie Sand auf Blech. „Haben Sie die gelöschten Feuer gefunden?“

„Weder die noch einen Baum, auf den ich hinaufklimmen soll“, gab Ben zurück. Er ahmte Hallstroms Tonfall nach. „Was soll denn das gespenstische Licht darstellen? Sie sind doch Experte für Überirdisches. Ich nehme es jedenfalls an, seit Sie sich den Auftrag aufschwatzen ließen, dass wir auf den Spuren des göttlichen Moses wandeln und dem Mann einen guten Tag wünschen sollen!“

„Auf den Spuren des biblischen Moses, nicht des göttlichen“, stellte Hallstrom mit sanftem Tadel richtig. „Was Sie im Übrigen da oben sehen, ist nicht überirdischen Ursprungs, sondern stellt eine leuchtende Wolke dar, die ihre Existenz einem vorausgegangenen und sehr heftigen Vulkanausbruch verdankt.“

„Aha!“, machte Ben und war sehr froh, dass er künftig nicht Pfannkuchen heißen musste. „Wo und wann war dann dieser Vulkanausbruch?“

Er war von Natur aus neugierig, und es wurmte ihn zudem, dass er rein nichts über leuchtende Wolken wusste.

„Wo? Schwer zu sagen. Aber ich hege einen Verdacht.“ Hallstrom hatte seine Stimme wieder unter Kontrolle. Sie kratzte nicht mehr.

Ben erwartete, dass der Professor Einzelheiten seines Verdachtes preisgab. Hallstrom schwieg. Es war beeindruckend.

„Dann hegen Sie nur schön weiter“, sagte Ben gallig. „Plaudern Sie nur nichts aus. Es könnte in die unrechten Ohren kommen.“

Hallstrom lachte irgendwo in der Dunkelheit. Es sollte besänftigend klingen, erreichte aber das Gegenteil. Ben fühlte sich obendrein verhöhnt und wurde zornig.

„Sie können mir den Buckel runterrutschen!“, bot er Hallstrom an. „Suchen Sie sich Ihren blöden Baum allein und klimmen Sie selber hinauf! Ich bin nicht Ihr Affe.“

Mit einem Ruck setzte er sich in Bewegung und stampfte hart mit den Füßen auf.

Im nächsten Moment spürte er, wie der Boden unter den dünnen Ledersohlen seiner Sandalen schwankte und nachgab. Erdreich brach weg.

Es ging so schnell, dass Ben gar nicht begriff, dass er nur wenige Meter vom Professor und von Frank entfernt den Rückweg verfehlt hatte.

Als er es dann doch begriff, hatte er das Gleichgewicht unrettbar verloren und fiel vornüber.

Mit einem satten Platschen schlug er auf breiigen Schlamm und sank darin ein.

Seine grässlichen Flüche schallten weithin durch die ägyptische Finsternis.



3

„Jetzt ist er aus lauter Wut ins Wasser gesprungen“, bemerkte Frank, der sehr aufmerksam gelauscht hatte. „Er nimmt alles immer so persönlich.“

Hallstrom schnaubte. „Das wundert mich über die Maßen. Ich dachte bisher, dass er das dickste Fell im Erdenrund besitzt und ...“ Er verstummte und schnappte dann nach Luft. „Sagten Sie Wasser?“

„Ich sagte Wasser“, bestätigte Frank. Aber dann begriff er ebenfalls.

„Wieso gibt es hier plötzlich Wasser?“, zeterte Hallstrom. Seine Stimme übertönte Bens gewalttätige Flüche.

Frank beantwortete ihm diese Frage nicht. Er schaltete in persönlicher Bestzeit die Körperlampe ein, die ihre Betriebsenergie aus der Oberflächentemperatur der Haut ihres Trägers bezog. Und überdies flog Frank in gewaltigen Sätzen dem Ort zu, an dem Ben vom rechten Pfad abgekommen war.

Franks Kopfhaut zog sich geradezu schmerzhaft zusammen, als er im vorausstechenden grellen Lichtbündel erkannte, dass sie sich überhaupt nicht auf freiem Gelände befanden.

Sie waren auf einem flachen, wenn auch breiten Damm. Hallstrom und er waren es. Ben nicht. Der lag im Schlamm.

Sie mussten vor geraumer Zeit schon auf diesen Damm geraten sein, denn rechts und links und bis weit zurück erstreckte sich Sumpf, in dem sich spärliche Schilfinseln angesiedelt hatten.

Es war purer Zufall, dass nicht einer von ihnen schon viel früher in den Sumpf geraten war. Oder sie alle drei.

Büsche gab es weit und breit nicht. Auch keine Bäume. Demzufolge auch keinen Ausguckposten, wie Hallstrom sich einen gewünscht hatte, damit Ben Ausschau halten sollte.

Entferntere Gegenden des Sumpfes oder das Ende des Dammes vermochte Frank nicht zu erkennen. Es war diesig. Die Sicht war schlecht. Von einer Stadt oder von gelöschten Feuern war auch nichts zu erkennen.

Ob Hallstrom wollte oder nicht, er musste wohl zugeben, dass sie aus der Richtung nach Pithom abgekommen waren.

Diese Sorge war im Augenblick jedoch von nachrangiger Bedeutung. Ben kämpfte zäh und verbissen. Ohne Hilfe kam er nie aus dem Schlamm heraus. So hörte es sich jedenfalls an.

Frank beendete die festliche Illuminierung der Sumpflandschaft, richtete das Lichtbündel auf Ben und fuhr derart zusammen, dass der Lichtstrahl sich steil nach oben richtete.

Auch Hallstrom sah das Unglaubliche und stieß einen ächzenden Laut aus.

Nur Ben schien noch nicht erkannt zu haben, in was er hineingefallen war.

Der Sumpf war angefüllt mit Toten!

Aufgedunsene Leiber, verquollene Gesichter und deformierte Gliedmaßen zeigten sich im Lichtstrahl, den Frank wieder auf den Sumpf und Ben gerichtet hatte.

Soweit erkennbar, waren die Toten unbekleidet. Gestank und Grad der Verwesung verrieten, dass sie schon einige Zeit hier lagen.

Lieber Himmel, schoss es Frank durch den Kopf, er holt sich alle erdenklichen Krankheiten, wenn er von der Brühe auch nur einen Schluck erwischt hat!

Er sprintete die letzten Meter, suchte sich eine stabile Stelle am Damm und reckte Ben die Hand entgegen. Den aufkommenden Ekel und die leise Angst vor einer Vergiftung kämpfte er nieder.

„Hier, Ben! Pack zu! Und schlucke nichts von dem Zeug hinunter!“

Ben Crocker hatte mittlerweile festen Grund unter die Füße bekommen und richtete sich auf. Er stand bis zu den Hüften im Schlamm, spuckte aus und wandte sich träge wie ein aufgescheuchter Bär um.

Mit einem Ruck wischte er sich den zähen Dreck aus den Augen, blinzelte in Franks Licht und stand plötzlich stocksteif, als sei er zur Salzsäule erstarrt.

Er sah die aufgetriebenen Leiber. Dutzende!

Sie lagen um ihn herum im Sumpf.

Jetzt wusste er auch, was er immer wieder, zu packen bekommen hatte, als er um einen halbwegs festen Standort und um sein Gleichgewicht gekämpft hatte.

Er ließ langsam die Hände sinken, atmete flach ein und griff nach Franks Hand. Stumm watete er aus dem Sumpf und kletterte auf den Damm hinauf.

Sein Gesicht sah schrecklich aus. Das war auch im dreckverschmierten Zustand erkennbar.

Ben bewegte nach einer ganzen Weile mahlend den Unterkiefer, schüttelte den Kopf und schlenkerte den Schlamm von den Händen.

„Das darf doch einfach nicht wahr sein!“, murmelte er. Seine Stimme klang mühsam beherrscht.

Hallstrom war einige Schritte entfernt stehen geblieben und kam nicht näher. Daran trug er die Schuld. Indirekt jedenfalls. Er hatte Ben losgeschickt.

„Mann, warum haben Sie nicht besser aufgepasst?“, sagte er. Seiner Stimme war anzuhören, dass er schuldbewusst war.

Träge wandte Ben sich nach ihm um.

„Mit dem Baum, das war Ihre Idee. Ich werde keinen Ihrer Befehle mehr befolgen, ich schwöre es feierlich. Vielleicht habe ich mir jetzt den Tod geholt.“

„Dramatisieren Sie nicht, Ben!“ Hallstrom unterstrich seine Worte durch nervöse Handbewegungen. „Das ist hier vielleicht eine Art Friedhof. Sie sind eben hineingefallen. Was ist schon dabei?“

„Sie sind ein gewissenloser Komiker, und das gebe ich Ihnen auch schriftlich, wenn Sie darauf bestehen!“, regte sich Ben jetzt auf. Er knurrte. Er brauchte ein Ventil. Er musste Dampf ablassen, sonst platzte er vom aufgestauten Groll.

„Eine sehr merkwürdige Art, einen Friedhof zu betreiben“, äußerte Frank sein Befremden. Er richtete das Lichtbündel über den Sumpf. Die Sicht wurde immer schlechter. Erklären konnte er sich das nicht.

Immerhin aber konnte er ein Stück vom Damm entfernt eine offene Wasserfläche ausmachen. Das Wasser schien dort in Bewegung zu sein, als hätte es Verbindung mit einem der unzähligen Nebenarme des Nils, die hier beginnen mussten.

Er markierte mit dem Licht die Stelle und sagte: „Sie können auch hereingeschwemmt worden sein. Das Wasser hat sicher schon höher gestanden. Wir befinden uns im Achet - in der Zeit der Nilüberschwemmungen.“

,,Wie mich das tröstet!“, sagte Ben grollend. ,,Ob hereingeschwemmt oder hineingeworfen - ich bin dazwischengefallen und nicht ihr! Spart euch eure blöden Sprüche!“

Er wandte den Kopf und schaute zum Nordhimmel hinauf.

Die leuchtende Wolke war immer noch vorhanden. Sie hatte nur etwas an Helligkeit eingebüßt.

Im Widerschein von Franks Lampe sah Hallstrom Bens Kopfbewegung. Froh, von der momentanen unerträglichen Situation ablenken zu können, sagte er: „Irgendwo ist ein Vulkan tätig geworden. Seit dem Ausbruch des Krakatau im Jahre 1883 kennt man diese Wolken. Damals zogen sie jahrelang durch die Lufthülle. Sie bewegen sich in etwa dreißig Kilometer Höhe. Die Ursache des Leuchteffektes kennt man immer noch nicht. Man vermutet, dass es Gas und Partikelwolken sind, die einer Eigengesetzlichkeit gehorchen.“

„Wir befinden uns im Jahre 1224 vor der Zeitrechnung“, stellte Ben bissig fest.

Das war Wasser auf Hallstroms Mühle „Damit können wir beweisen, dass es diese Wolken auch schon lange vor dem Krakatau-Ausbruch gab. Man hat sie nur nicht beachtet oder als Wetterphänomene abgetan.“ Er seufzte. „Herrgott, Ben, ich wollte doch nicht, dass Sie da reinfallen. Tut mir wirklich leid.“

„Für Ihr Mitleid kann ich mir aber was kaufen, wie?“, fauchte Ben. „Ich brauche Wasser. Frisches Wasser. Der Dreck muss runter. Ich glaube, ich habe auch was geschluckt.“

„Wasser, natürlich“, sagte Hallstrom beflissen. „Zurück über den Damm brauchen wir nicht. Dort finden wir nichts.“

„Voraus ist aber auch nichts“, sagte Frank und hob den Bauch etwas an. Der Lichtstrahl fingerte durch die diesige Nacht.

„Irgendwo vor uns liegt Pithom“, meinte der Professor eifrig. „Ich hoffe, wir finden es bald.“

„Sie hoffen?“ Ben lachte gallig. „Ich hoffe mit, bevor ich die Pest am Halse habe. Aber die Hoffnung ist ein Seil, auf dem viele Narren tanzen.“

Hallstrom und Frank schauten ihn verblüfft an.

Sie fragten aber nicht. Sie folgten ihm.

Frank leuchtete nochmals auf die Toten im Sumpf. Der Anblick war geeignet, auch einem abgebrühten Mann den Magen gründlich umzudrehen.

Ob es Ägypter waren oder Sklaven, das war nicht ersichtlich.



4

Ben hatte sich eine Vergiftung eingefangen. Nach zweistündigem Marsch auf dem Damm fühlte er eine bleierne Müdigkeit in den Gliedern.

In seinem Magen brodelte und gärte es.

Schließlich schlugen ihm auch noch die Zähne klappernd aufeinander, ohne dass er es verhindern konnte.

Er hockte sich hin.

„Mich hat's erwischt“, sagte er heiser. „Sieht nicht gut aus.“

Frank beugte sich über ihn. „Wir haben keine Medikamente dabei. Junge, halte durch! Der Damm muss ja irgendwo ein Ende haben. Wir finden eine Ansiedlung, keine Bange.“

Ben nickte schwach. Er wandte den Kopf zur Seite, steckte den Finger weit in den Mund bis in den Rachenraum und zwang sich dazu, sich zu übergeben.

Hallstrom suchte das Weite, blieb in einiger Entfernung stehen und setzte seine Lampe in Betrieb. Er leuchtete den Damm entlang. Die diesige Luft schien den Lichtstrahl förmlich zu verschlucken.

Weit reichte die Helligkeit nicht.

Dennoch schien Hallstrom etwas entdeckt zu haben, denn er rief etwas und kam dann aufgeregt zurück, wo Ben mittlerweile zufrieden registriert hatte, dass das Brodeln in seinem Magen aufgehört hatte.

,,Da drüben ist ein Bauwerk!“, stieß Hallstrom hervor. „Eine Hütte möglicherweise. Genau konnte ich es nicht sehen. Geht es wieder. Ben?“

Es ging nicht. Nicht mit eigenen Kräften. Sie mussten ihn vom Boden hochzerren und zwischen sich nehmen.

Ächzend schleppten sie ihn über den Damm.

Die leuchtende Wolke war jetzt verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.

Vielleicht hatte sie sich aufgelöst.

Oder es lag an der diesigen Luft, die die Sicht behinderte.

Hallstrom hatte richtig gesehen. Voraus gab es ein Bauwerk. Es schien mitten im Sumpf zu stehen.

Aber da erkannten die Zeitreisenden, dass der Damm festes Land erreichte und das Bauwerk rechts vom Damm hart am Ufer errichtet war.

Für eine Hütte war es zu groß. Es war in flacher Bauweise errichtet. Aus zusammengetragenen Steinen. Ohne Mörtel oder Lehm.

Dicht unter den aufliegenden Balken des flachen Daches gab es ein paar Lüftungs- und Lichtöffnungen. Das war die Bauweise der Ägypter. Fensteröffnungen waren bei ihnen unbeliebt.

Hallstrom und Frank strahlten das Steinhaus an. Die Helligkeit musste drinnen zu sehen sein. Niemand kam heraus.

„Scheint unbewohnt“, meinte der Professor. Er hoffte inbrünstig, dass es wenigstens einen Brunnen gab, damit Ben sich die Schlammreste aus dem Leib spülen konnte.

Er griff Bens rechten Arm fester, den er sich über den Nacken gezogen hatte, fasste Gleichschritt mit Frank und starrte auf das Haus, dem sie sich näherten.

Ein bebautes Feld tauchte seitlich des Hauses im Licht der Lampen auf. Die Türöffnung wanderte ins Blickfeld der Zeitreisenden.

Neben der Tür stand ein zweirädriger Karren. Er war nicht bespannt, aber beladen. Die Ladung war notdürftig mit dürrem Schilf abgedeckt.

Hallstrom wurde zuversichtlicher. Er konnte mit gutem Recht annehmen, dass dennoch jemand zu Hause war. Niemand würde schließlich einen beladenen Karren vor einem unbewohnten Gebäude abstellen.

Vielleicht hatte sich der oder die Bewohner über das ungewohnte Licht erschrocken und wartete in den sicheren Mauern erst einmal ab, was sich vor der Tür abspielte.

„Gleich haben wir's“, sagte Hallstrom. „Können Sie stehen, Ben?“

„Ich werde es schaffen. Es geht mir etwas besser.“ Ben ließ die Arme über Hallstroms und Franks Rücken herabgleiten und hielt begehrlich nach einem Brunnen oder einem Wasserkrug Ausschau. Die Ägypter waren angeblich Meister im Brunnenbau und unschlagbar im Aufspüren von Wasser.

Im Haus tappten Schritte. Nackte Sohlen klatschten auf gestampften Lehm.

Hallstrom und Frank richteten das Lichtbündel auf den Boden, sodass nur der Widerschein die Türöffnung erfasste.

In der gähnenden Öffnung erschien ein unglaublich schmutziger und abgemagerter Mensch. Ein Mann. Er trug nur das Hüfttuch der ägyptischen Landarbeiter.

Beflissen kreuzte der Mann die Arme vor der Brust und machte eine tiefe Verbeugung. Dabei stieß er unartikulierte Laute aus.

Frank hatte geistesgegenwärtig seinen Sprachtransformer eingeschaltet. Mit dieser unverständlichen Lautfolge jedoch wurde selbst das universelle Übersetzungsgerät nicht fertig. Es blieb stumm.

Der Mann brabbelte immer noch und machte mittlerweile die dritte Verbeugung. Danach richtete er sich auf. Vielleicht war das die vorgeschriebene Begrüßungszeremonie.

Er deutete mit der mageren Hand auf den Karren. Hand und Arm waren mit Beulen übersät. Einige waren aufgebrochen.

Als sich keiner der Ankömmlinge um den Karren kümmern wollte, brabbelte der Mann wieder hastig los, watschelte aus der Türöffnung und riss einen Teil des Schilfs von der Karrenladung.

Bens Magen, der sich vor Kurzem erst beruhigt hatte, begann erneut zu revoltieren.

Hallstrom quollen die Augen hervor. In ungläubigem Entsetzen starrte er auf das, was unter dem Schilf zum Vorschein gekommen war.

Frank merkte, wie es ihm den Hals zudrückte und wie sein Herz stillzustehen drohte.

Kinder! Auf dem Karren lagen Kinder!

Mit zertrümmertem Schädel und mit zusammengebundenen Beinen.



5

Es war ein Anblick, der auch einen hartgesottenen Mann weich machte.

Es war unvorstellbar und unbegreiflich.

Der magere Mann machte jetzt energische und einladende Handbewegungen, damit die Ankömmlinge endlich näher treten sollten.

Ben fühlte das Gift in seinem Körper.

Er hätte sich am liebsten irgendwo verkrochen wie ein kranker Hund.

Aber jetzt stieg etwas in ihm hoch. Eine grelle Wut, die seinen Verstand zu versengen drohte.

Er stieß ein Knurren aus und trat auf den mageren Mann und den Karren zu.

Er sah eine Verbindung zwischen den Toten im Sumpf, den erschlagenen Kindern auf dem Karren und diesem Kerl. Eine sehr enge Verbindung sogar!

In seinem Kopf hatte nur noch der eine Gedanke Platz, dass er diesem Burschen den Hals umdrehen musste.

Hallstrom war überhaupt nicht in der Lage, noch einzugreifen. Der Schock saß zu tief und lähmte ihn.

Nur Frank, der blitzschnell reagieren konnte und so gut wie keine Schrecksekunde kannte, erfasste die Lage richtig, als er Bens hochgezogene Schultern sah.

Er machte fünf, sechs schnelle Schritte, holte Ben ein und riss ihn zurück, als dieser gerade den mageren Mann packen wollte.

Erschrocken und mit aufgerissenen Augen war der Mann zurückgewichen. Er streckte zaghaft nochmals die Hand aus, wies auf den Karren und brabbelte.

Zwischen seinen schadhaften Zahnreihen bewegte sich der Stumpf einer Zunge.

Der Mann war überhaupt nicht in der Lage zu sprechen.

Man hatte ihm die Zunge herausgeschnitten.

Ben schluckte, als er das sah.

Frank glaubte nun endgültig, einen wüsten Traum zu träumen. Er kniff sich in den Arm. Der Schmerz überzeugte ihn davon, dass er keine Fantasien hatte. Alles war Wirklichkeit. In einem Land in einer vergangenen Zeit.

Was war das bloß für ein Land, in dem man Männer in den Sumpf warf, Kinder erschlug und den Leuten die Zunge herausschnitt? War das das gepriesene Ägypten des Pharao Ramses II.?

Er hatte berechtigte Zweifel.

Ben hatte die Schultern herabsinken lassen. Er bückte sich nach dem Schilf und deckte es über die erbarmungswürdigen kleinen toten Körper auf dem Karren.

Der magere Mann schaute verständnislos zu.

„Er versteht uns nicht“, sagte Frank. „Er kann uns nicht verstehen. Der Translator kann sich nicht auf die Sprache einstellen.“

Bens grelle Wut verflackerte. Wie aus weiter Ferne drangen Franks Worte an seine Ohren.

„Eine solche Situation ist absolut neu für uns“, sagte er grollend. Es klang so gefährlich, dass der magere Mann noch weiter zurückwich.

„Leider.“ Frank seufzte. „Das verdammte Gerät braucht nun eben mal ein paar Worte in einer fremden Sprache, damit es sich darauf einzustellen vermag.“

Ein Fieberanfall schüttelte Ben. Er krümmte sich zusammen, presste die Fäuste vor den Bauch und sagte ächzend: „Geh ins Haus, schnell! Ich brauche Wasser! Auf den Burschen kann ich schon aufpassen.“

„Er verwechselt uns mit jemandem“, gab Frank zurück und eilte der Türöffnung zu.

Der magere Mann machte ihm Platz und schaute verwirrt auf das unerklärbare Licht, das dem fremden Mann aus dem Leib zu kommen schien.

Er machte eine Körperdrehung, als wollte er hinterdrein. Aber dann besann er sich anders und blieb vor seinem Steinhaus. Er lauschte nur auf die Schritte von drinnen und auf das Klappern.

Nach wenigen Augenblicken kehrte Frank zurück. Er hielt einen Tonkrug ohne Henkel und mit schmalem Hals und dickem Bauch in Händen und machte zu dem mageren Hausbewohner hin die Bewegung des Trinkens.

Eifrig nickte der Mann und brabbelte einen Schwall gutturaler Laute auf Frank los.

Ben nahm Frank den Krug ab. Er trank wie jemand, der mit letzter Kraft der Wüste entronnen ist und sich am Wasser der glücklich erreichten Oase labt.

Den Mund spülte er sich erst gar nicht um. Er füllte sich den Magen und verschwand mit dem Krug um die Hausecke.

Hallstrom und Frank hörten kurz darauf, dass Ben sich einer Radikalkur unterzog.

„Das ist ja fürchterlich!“, meinte Hallstrom schwach.

„Er wird es überstehen. Ich kenne ihn. Er verträgt einen Stiefel. So leicht stößt ihn nichts um.“

„Ich meine das hier.“ Hallstrom machte eine geradezu scheue Kopfbewegung zum Karren hin. „Wo so etwas geschieht, sind ja Unmenschen am Werk. Ich habe eine sonderbare Ahnung, die uns nichts Gutes verheißt.“

„Das sind die Nerven“, erklärte Frank. „Im Haus war niemand. Der Mann lebt allein. Von wem sollte uns also etwas drohen?“

„Ich weiß es nicht. Aber es liegt etwas in der Luft. Es braut sich was zusammen. Und es wird sich über uns entladen.“ Hallstrom nickte sehr ernsthaft, als müsste er die Bedeutung seiner Worte unterstreichen.

Frank war leicht amüsiert. Einerseits. Und andererseits etwas besorgt. Als Schwarzseher hatte sich Hallstrom bislang nie hervorgetan. Ahnungen hatte er selten gehabt. Wenn aber, dann hatte er immer dicht bei der Wahrheit gelegen.

Vielleicht entlädt sich wirklich etwas über uns, dachte Frank und richtete sein Lichtbündel schräg in den Himmel hinauf. Es war jetzt diesig wie in England an einem feuchten Novemberabend zwischen acht und neun Uhr.

Die Luftfeuchtigkeit musste aus dem Sumpf aufgestiegen sein. Es war schon denkbar, dass daraus im Laufe der Nacht ein solides Gewitter wurde. Und dass es sich in dieser Gegend und damit auch über ihnen entlud.

Von der Idee, im Hause des mageren Mannes zu nächtigen, gewann Frank rasch Abstand. Die paar Augenblicke hatten ihm gereicht, als er den Wasserkrug herausgeholt hatte. Alles war schmuddelig, schmierig, verdreckt und heruntergekommen, und zudem hatte ein widerlich süßlicher Verwesungsgeruch im Haus gehangen.

Eine neue Idee formte sich in Franks Verstand. War der Mann etwa Leichenzubereiter - oder wie man bei den Ägyptern die Burschen nannte, die für die Herstellung der Mumien verantwortlich waren?

Bens Würgen hinter der Hausecke war verstummt. Die Rosskur musste großen Erfolg gehabt haben. Denn unvermittelt kam Ben zurück. Er setzte den Krug neben den Türeingang, machte einen Bogen um den Karren herum und trug einen halbwegs wieder versöhnten Gesichtsausdruck zur Schau.

Im Widerschein des Lampenlichtes entdeckte Frank, dass er sich Hände und Gesicht sorgfältig gereinigt hatte. Er sah nicht mehr wie der Teufel persönlich aus, sondern wie Ben Crocker.

„Ein Stück hinterm Haus ist der erste Seitenarm des Nils“, sagte Ben. „Vielleicht auch bloß ein Kanal mit schnell fließendem Wasser. Wir haben uns verirrt. Pithom soll nicht unmittelbar am Wasser erbaut worden sein.“

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738908343
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Februar)
Schlagworte
timetravel band gasse meer

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Titel: Timetravel Band #35: Die Gasse im Meer