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Immer die Hand am Colt

2017 120 Seiten

Leseprobe

Immer die Hand am Colt

JOACHIM HONNEF


Western



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von F.T.Johnson mit Steve Mayer, 2017

Ursprünglicher Titel: Den Finger am Abzug

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappe

John Bennett war ein großer, sympathischer Mann, ein Kämpfer mit dem Colt zwar, aber stets freundlich und gutgelaunt.

Er hatte nur einen Fehler: Er war zu hilfsbereit. Und er mischte sich gern in die Angelegenheiten von Schurken und Verbrechern ein.

Beides traf zu, als er sich für Pete Springfield einsetzte, der von drei brutalen Gesellen zusammengeschlagen wurde. John löste das Problem mit dem Colt. Und handelte sich eine Menge Ärger ein. Denn die drei waren die Söhne eines skrupellosen Großranchers, und einer von ihnen überlebte das Duell nicht. Von da an musste John den Finger am Abzug behalten, oder sein Leben war keinen Pfifferling mehr wert...


Roman

„Junge, du hast genug getrunken. Geh jetzt nach Hause und schlaf deinen Rausch aus.“

Die Stimme des Barkeepers klang väterlich besorgt.

Der Junge halte wirklich genug. Schwankend hielt er sich am Tresen fest.

„Whisky“, wiederholte er mit schwerer Zunge. „Los, gib mir noch einen Whisky. Ich will mich besaufen.“

Das gutmütige Gesicht des Keepers wurde ernst. „Du bist doch schon blau, Pete.“ Er stemmte die Arme auf den Tresen und fixierte den Jungen. „Hast du Kummer, oder was ist los? Du läßt dich doch sonst nicht so gehen.“

John Bennet spülte den letzten Bissen des Steaks mit einem Schluck Bier hinunter, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schaute sich den Jungen genau an.

Pete war groß und schlank. John schätzte ihn auf siebzehn, achtzehn. Ein gutaussehender Bursche mit blondem Haarschopf und sympathischem Gesicht. Seine blauen Augen glänzten, und seine Wangen waren von der Wirkung des Alkohols gerötet.

„Whisky“, verlangte Pete von neuem mit dem Trotz des Betrunkenen. „Noch ’nen Doppelten. Einen ganz kleinen Doppelten. Und einen für meine Freunde.“ Er machte eine weit ausholende Bewegung, die alle Gäste in dem Saloon einschließen sollte. Fast hätte er dabei das Gleichgewicht verloren. „Lokalrunde“, rief er laut. „Keiner soll sagen, ich lasse mich lumpen.“

Die mollige Serviererin trat an Johns Tisch und räumte das Geschirr ab.

„Hat’s geschmeckt?“, fragte sie mit einem breiten Lächeln.

John lächelte zurück und nickte. Die Serviererin schritt mit wiegenden Hüften davon.

John wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Jungen am Tresen zu.

„He, Pete!“, rief gerade einer der Gäste. „Seit wann hast du Spendierhosen an? Hast du beim Pokern gewonnen?“

Einige der Männer an den Tischen lachten. Aller Augen hingen jetzt an dem Jungen. Er war zum Mittelpunkt geworden, und das schien ihm zu gefallen. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen den Tresen und blickte in die Runde. Sein Gesicht zeigte ein seltsam entrücktes Lächeln.

„Ich habe nicht beim Pokern gewonnen“, erklärte er feierlich, wobei er ein bisschen mit der Zunge anstieß. Er straffte sich und gab sich alle Mühe, nüchtern zu wirken. „Ich habe viel, viel mehr gewonnen.“ Triumph blitzte in seinen Augen. Er schaute in die Runde, als erwarte er Applaus. Als der ausblieb, fuhr Pete mit lauter Stimme fort, und es klang wie ein Jubelschrei: „Ich habe ein Herz gewonnen. Heute ist der schönste Tag in meinem Leben. Sie hat mir gesagt, dass sie mich liebt. Und ich habe ihr gesagt, dass ich sie liebe. Und dann habe ich sie geküsst, und sie hat mich geküsst. So ist die Liebe. Das Größte, Freunde. Das Größte!“ Er lachte und bekam einen Schluckauf.

Schwankend wandte er sich wieder an Smitty, den Keeper. „Lokalrunde, Smitty. Hiermit bestelle ich zum letzten Mal für mich und meine Freunde. Trinken wir auf die Liebe. Trinken wir auf Mary Ann.“

John lächelte. Es war klar, dass der Junge kein Trinker war. Pete hatte im Überschwang seiner Gefühle ein paar Whisky zuviel getrunken. Er schien sein Glück nicht fassen zu können. Diese Mary Ann musste ein prächtiges Mädchen sein.

John wunderte sich, dass der Keeper den Jungen fassungslos anstarrte.

„Mary Ann?“, fragte Smitty, als glaubte er seinen Ohren nicht zu trauen. „Pete! Mary Ann Madison? Das kann nicht dein Ernst sein.“

Pete strahlte. Er nickte mehrmals, reckte die Arme hoch wie ein Preisboxer nach seinem Sieg und wandte sich wieder leicht schwankend an die Gäste im Saloon.

„Mary Ann Madison“, verkündete er voller Stolz und Freude. „Lasst uns einen darauf nehmen, Freunde. Brüder!“ Sein Blick glitt zu John. „He, auch du bist eingeladen, Fremder. Heute ist ein Freudentag. Schenk schon ein, Smitty!“

Plötzlich war es totenstill im Saloon.

Mary Ann Madison. John hatte das Gefühl, dass dieser Name die Atmosphäre im Saloon schlagartig verändert hatte.

Smitty griff zögernd zur Flasche. Er hielt mitten in der Bewegung inne, als die Schwingtür aufflog und drei Männer in den Saloon stürmten.

John sah auf einen Blick, dass sie von der harten Sorte waren.

Raue Burschen mit tiefgeschnallten Halftern.

Johns Rechte tastete unter den Stetson, der vor ihm auf dem Tisch lag.

„Was ist denn...“, begann Pete. Dann sah er die ängstliche Miene des Keepers und verstummte. Sein Kopf flog herum, und er zuckte zusammen.

John sah an dem entsetzten Blick des Jungen, dass er die drei Männer kannte. Sie waren seinetwegen gekommen. Und bestimmt nicht, um mit ihm Whisky zu trinken.

„Haben wir dich also gefunden, du Ratte!“, sagte der mittlere der drei Männer. Ein Hüne, breitschultrig, muskulös. Er trug die Kleidung eines Weidereiters. Pechschwarzes Haar quoll unter dem staubigen Hut hervor und fiel ihm bis auf die Schultern. Auch die beiden anderen waren schwarzhaarig und besaßen die gleiche bullige Statur.

Die Blicke ihrer dunklen Augen verhießen nichts Gutes.

„Die Madison-Brüder“, murmelte einer der Männer am Tisch neben der Tür. „Ich wollte sowieso gerade gehen.“ Er stand hastig auf und wandte sich zur Tür.

Die drei Männer ließen ihn vorbei. Als er gerade die Schwingtür aufstoßen wollte, bekam er einen Tritt, dass er Hals über Kopf aus dem Saloon segelte und sich im Staub der Main Street wiederfand.

„Reisende soll man nicht aufhalten“, sagte der Mann, der zugetreten hatte. Die drei lachten rau.

„Und jetzt zu dir, du Hurensohn.“ Er ging langsam auf Pete zu, der sich an den Tresen klammerte und aus weit aufgerissenen Augen die drei Männer anstarrte.

Der Junge wirkte plötzlich stocknüchtern. John sah, dass er Angst hatte, große Angst. Doch Pete versuchte, sich tapfer aus der Affäre zu ziehen. Trotzig schob er die Unterlippe vor, seine Haltung straffte sich, und er stemmte die Hände in die Hüften. Er rang sich sogar ein Lächeln ab, das allerdings sehr gequält wirkte.

„Hallo, Floyd“, sagte der mit unsicherer Stimme.

„Ted, Ringo!“ Er nickte den beiden anderen zur.

Floyd baute sich breitbeinig vor dem Jungen auf. Ted und Ringo blieben drei Schritte hinter ihm stehen.

„Für dich bin ich Mister Madison“, sagte Floyd. Es klang ruhig, fast gelangweilt.

Und dann schlug Floyd zu. Fast ansatzlos schoss seine Rechte auf Pete zu. Der Junge hatte keine Chance zu einer Abwehrbewegung. Die Faust erwischte ihn in der Magengrube.

Pete krümmte sich zusammen, presste beide Hände auf den Bauch. Sein Gesicht verzerrte sich vor Schmerz, Tränen traten in seine Augen.

Floyd gab dem Jungen zwei Ohrfeigen. Petes Kopf ruckte von links nach rechts. Seine Wangen färbten sich rot. Er taumelte, doch er schaffte es, auf den Beinen zu bleiben.

„Ein kleiner Gruß von Mary Ann“, sagte Floyd und rieb sich über die schwieligen Hände.

„Mister Madison, lassen Sie ihn doch.“ Smittys Stimme klang beschwörend. „Er ist doch betrunken und...“

Floyds kalter Blick ließ ihn verstummen.

„Du hältst das Maul“, fuhr er den Keeper an. „Betrunken oder nicht, dieser Hurensohn hat es gewagt, sich an unsere Schwester ranzumachen. Hat versucht, sie zu vergewaltigen. Das wird er büßen. Und wenn wir mit ihm fertig sind, wird er nicht mehr wissen, wie er heißt.“

„Aber ihr könnt doch nicht...“, begann Smitty von neuem.

Floyd war mit einem Satz bei ihm, packte ihn am Kragen und zog ihn über den Tresen. Der Hüne besaß Bärenkräfte.

„Du glaubst gar nicht, was wir alles können“, zischte er. Er gab Smitty einen Stoß, dass der Keeper gegen das Flaschenregal flog. Glas klirrte. Flaschen zerschellten. Der scharfe Geruch von Alkohol breitete sich aus. Smitty war von einem Splitter verletzt worden. Blut tropfte von seiner Stirn, rann über die Nase.

Er rappelte sich auf und packte die Schrotflinte, die unter dem Tresen lag.

Ein Schuss peitschte. Smitty ließ die Waffe los, als hätte er sich die Finger daran verbrannt.

Es war Ringo, der geschossen hatte.

John Bennet musste zugeben, dass der Mann verdammt schnell mit dem Eisen war. Er hatte so schnell gezogen, dass kaum einer im Saloon die Bewegung mitbekommen hatte.

Pete wirkte jetzt völlig nüchtern. Es war jedem im Saloon klar, dass der Junge nicht den Hauch einer Chance gegen die drei Männer hatte. Auch ihm selbst schien das klar zu sein. Doch er zeigte, dass er Schneid besaß.

„Okay, Floyd“, sagte er mit fester Stimme. „Ihr wollt mich fertigmachen und nicht Smitty. Also lasst ihn in Ruhe. Schlagt mich zusammen oder macht, was ihr wollt. Aber eines sollt ihr noch wissen: Ich liebe Mary Ann. Und sie liebt mich. Das hat sie mir gesagt. Nichts und niemand wird unsere Liebe zerstören können. Mary Ann ist für mich das netteste Mädchen der Welt. Schade, dass ihre Brüder und ihr Alter so dreckige...“

Ein brutaler Hieb ließ ihn verstummen. Seine Oberlippe platzte auf. Floyd packte den Jungen am Hemd, riss ihn zu sich heran und hämmerte mit der Linken auf ihn ein. Der Junge kam nicht dazu, sich zu wehren.

Floyd gab ihm einen Stoß. Pete verlor die Balance und schlug zu Boden. Floyd trat mit der Stiefelspitze zu. Der Junge krümmte sich stöhnend.

John Bennet sah, wie der Junge die Zähne zusammenbiss und die Fäuste in ohnmächtiger Wut ballte. John bewunderte die Energie und die Tapferkeit des Jungen. In einer solch ausweglosen Situation zeigte sich, wer ein Waschlappen und wer ein Mann war.

Pete war ein Mann.

Er richtete sich wieder auf und wartete auf die nächsten Schläge. Er hob nicht einmal die Arme zu einer Abwehrbewegung.

Keiner der Männer im Saloon rührte eine Hand, um dem Jungen zu helfen. Pete hatte es gewagt, dem mächtigen Madison die Stirn zu bieten. Trotz aller Warnungen hatte er sich an die behütete Tochter des Großranchers herangemacht. Und offensichtlich mit Erfolg. Der alte Madison hatte ehrgeizige Pläne mit seiner Tochter. Sie sollte Jonathan Kenwood heiraten. Kenwood war der Sohn des zweitgrößten Ranchers im Tal. Sein Land grenzte an die Weiden der Madison-Ranch. Und Madison träumte davon, ein Riesenimperium aufzubauen.

Pete Springfield, ein Habenichts aus der Stadt, hatte es gewagt, die Pläne des Weidekönigs zu durchkreuzen.

Das war tödlich.

Sie hatten alle Mitleid mit dem Jungen. Aber die Angst vor dem Terror der Madisons ließ sie schweigend zusehen, wie einer von ihnen zusammengeschlagen wurde.

Ringo und Ted wollten sich auch noch an dem üblen Schauspiel beteiligen.

John stoppte sie.

„Genug jetzt!“, sagte er ruhig.

Die Köpfe der Madison-Brüder ruckten herum. Sie ließen von Pete ab. Der Junge lag halb bewusstlos auf dem mit Sägemehl bestreuten Bretterboden.

Floyd, Ringo und Ted Madison blickten zu dem Fremden, der an dem Tisch am Fenster saß. John saß scheinbar entspannt da. Seine Rechte ruhte auf dem Tisch, halb verborgen unter dem Stetson, der neben dem Bierglas lag.

Ringos Blick glitt zu dem Colt, der in der Halfter des Fremden steckte.

„Was will der denn?“, murmelte er. Seine Rechte legte sich auf den Kolben seines Revolvers.

Floyd war offensichtlich der Wortführer der Madison-Brüder.

„Sagtest du etwas, Fremder?“, fragte er mit einem kalten Grinsen.

„Ich wiederhole mich nicht gern“, erwiderte John gelassen.

Floyd blieb die Spucke weg. Ungläubig starrte er den Fremden an, der jetzt mit der Linken sein Bierglas nahm und seelenruhig trank.

„He, Freund, weißt du überhaupt, mit wem du sprichst?“, fragte er dröhnend.

„Mit drei Stinktieren.“

„Stille.“

John sah aus dem Augenwinkel, wie einer der Männer am Nebentisch die Hand auf den Mund presste. Und er sah, wie Ringo sich bewegte. Er wusste, dass Ringo als erster ziehen würde.

Es knisterte förmlich vor Spannung.

Die Bürger der Stadt hielten den Atem an. Der Fremde hatte es gewagt, die Madisons zu beleidigen. Der Sargmacher würde Arbeit bekommen.

Eigentlich schade um den sympathischen Fremden, dachten einige. Und das schlechte Gewissen regte sich. Er ergreift für Pete Partei, und wir alle haben die Hosen voll. Aber, zum Teufel, der kennt die Madisons nicht. Der weiß nicht, was passiert, wenn man gegen die aufmuckt...

Floyd fand die Sprache wieder.

„Wer einen Madison beleidigt, wird nicht alt, Fremder. Du hast dich soeben um deinen Kopf geredet.“

John lächelte.

Seine Rechte lag immer noch auf dem Tisch, und seine Haltung wirkte entspannt.

Ringo Madison verlor die Beherrschung. Das Lächeln des Fremden war einfach zuviel.

Ringo Madison zog.

Er war schnell, unglaublich schnell.

Doch John hatte den Finger schon am Abzug.

Einen Sekundenbruchteil bevor Ringos Revolver krachte, knallte Johns Derringer.

Johns Stetson auf dem Tisch wies plötzlich ein Loch auf.

Ringo zuckte zusammen. Seine Hand ruckte hoch, und das Blei, das John treffen sollte, bohrte sich in die IIolzdecke.

John saß auch längst nicht mehr am Tisch. Als Floyd und Ted Madison ihre Revolver in den Fäusten hielten, lag John am Boden und hatte seinen Remington gezogen.

Zweimal donnerte der Revolver.

Zwei Männer brachen getroffen zusammen.

John sprang auf, den Remington schussbereit. Pulverrauch waberte über den Boden, zerfaserte.

„Noch jemand ohne Fahrkarte?“, sagte John. Die Madison-Brüder hatten jegliche Lust auf einen Kampf verloren. Ringo presste die Linke auf seine verletzte rechte Schulter. Floyd rappelte sich gerade auf. Auch er war an der Schulter getroffen worden.

Nur Ted blieb liegen.

Blut strömte aus seiner Brust und färbte das Sägemehl.

„Mein Gott!“, stöhnte Floyd.

Er beugte sich zu seinem Bruder hinab. Und dann brach es wie ein Schluchzen aus seiner Kehle. „Ted! Teddy! Mein Gott, er ist tot! Dieser Hundesohn hat ihn umgelegt!“

John verspürte einen bitteren Geschmack im Mund. Der Kampf war ihm aufgezwungen worden. Er hasste es, auf Menschen zu schießen, aber er hatte nicht länger mit ansehen können, wie diese drei Kerle einen Jungen zum Krüppel schlugen. Er hatte eingreifen müssen. Und er hatte schießen müssen, bevor man ihn selbst in Stücke schoss. In einer solchen Situation blieb keine Zeit für langes Zielen.

Floyd und Ringo hatten Glück gehabt, dass John ein so guter Schütze war. Auch bei Ted hatte er auf die Schulter gezielt, aber der jüngste der Madison-Brüder hatte sich beim Ziehen so unglücklich zur Seite gedreht, dass ihn das Blei anstatt in die Schulter ins Herz getroffen hatte.

John sah Smittys kreidebleiches Gesicht hinter dem Tresen auftauchen. Der Keeper hatte sich beim ersten Schuss geistesgegenwärtig zu Boden geworfen.

Pete Springfield starrte voller Entsetzen auf Ted Madison, der in einer Blutlache lag.

„Ihr habt es nicht anders gewollt“, sagte John, und seine Stimme klang belegt. Die Hand mit dem Revolver ruckte herum, als ein Mann in den Saloon stürmte. Dann entspannte sich John. Er steckte den Revolver in die Halfter zurück, nahm seinen Stets vom Tisch und betrachtete das Kugelloch.

Der Mann war klein und untersetzt. Er trug hautenge Jeans und eine Lammfelljacke. Auf der Jacke glänzte ein Sheriffstern. Der rote Haarschopf leuchtete im Schein der Saloonlampen. Der Sheriff hielt eine Greener im Anschlag.

Mit einem Blick erfasste er die Situation und ließ die Waffe sinken.

„Was war hier los?“, fragte er und schaute von dem Toten zu John.

John schilderte in knappen, sachlichen Worten, was geschehen war. Der Sheriff strich sich über seinen roten, buschigen Schnurrbart und paffte an der Pfeife, die er die ganze Zeit über nicht aus dem Mund nahm.

„Er hat Ted ermordet!“, schrie Floyd. „Dafür wird er hängen!“

„Nur die Ruhe!“, sagte der Sheriff. „Wie hat sich das abgespielt? He, Kelly, du hast alles gesehen? War’s so, wie dieser Mister gesagt hat?“ Er warf einen Blick in Johns Richtung.

Die Pfeife in seinem Mundwinkel wippte beim Sprechen auf und ab. Zwischendurch stieß er Rauch aus. Die Greener war nicht auf John gerichtet, sondern der Lauf wies auf Floyd. Aber das konnte Zufall sein.

„Es war so, wie der Fremde gesagt hat!“, rief der Mann namens Kelly. „Hölle, so was hab’ ich noch nie erlebt. Die Madisons ziehen alle drei gleichzeitig. Ich geb schon keinen Cent mehr für das Leben des Strangers, da ballert der durch den Hut und erwischt Ringo, der als erster sein Eisen in der Hand hatte. Und ehe ich mich versehe, hat der Mann schon Floyd und Ted anvisiert. Mann, das war ein Ding, Masters.“

„Weitere Zeugen?“, fragte der Sheriff sachlich.

Smitty und zwei weitere Männer meldeten sich. John registrierte, dass Pete Springfield kein Wort sagte, ihn nur stumm anstarrte. Vielleicht war es der Schock, vielleicht wollte er auch nicht gegen Mary Anns Brüder aussagen.

„Dafür fährst du zur Hölle!“, keuchte Floyd. Er presste seine Linke auf den verletzten rechten Arm. Sein Gesicht war eine Maske des Hasses. „Ich leg dich um, das schwöre ich!“

„Nur die Ruhe, Floyd!“, mahnte Sheriff Masters. „Hier wird keiner mehr umgelegt. Schon gar nicht, wenn ich dabei bin.“ Er paffte wieder an seiner Pfeife. „Smitty! Du sorgst dafür, dass Ted Madison unter die Erde kommt. Floyd, Ringo, ihr lasst euch vom Doc behandeln. Und du Pete, und der Fremde, ihr kommt mit ins Jail. Ihr seid festgenommen, bis der Fall restlos geklärt ist.“


*


„Na los, schlag mich doch!“, zornig blitzten die Augen des jungen Mädchens. Ihre vollen roten Lippen waren trotzig aufgeworfen. Das schwarze Haar umfloss ihr Gesicht und fiel auf die schmalen Schultern. Sie trug ein langes, schlichtes Leinenkleid, das ihre schlanke Figur betonte.

Der Mann ließ die Hand sinken und wandte sich ab. Es war ein großer, wuchtiger Mann. Mark Madison. Das ehemals schwarze Haar wies graue Strähnen auf. Sein Vollbart war silbergrau. Unruhig wie ein Löwe im Käfig, schritt er auf und ab. Schließlich blieb er vor dem Mädchen stehen und starrte es finster an.

„Mary Ann. Ich habe dir verboten, dich mit irgendeinem von diesem Lumpenpack einzulassen. Du weißt, dass Jonathan Kenwood um deine Hand angehalten hat. Ich habe ihm mein Wort gegeben. Und du hurst mit diesem verdammten Gassenlümmel herum...“ Seine Stimme zitterte vor Wut.

„Pete ist kein Gassenlümmel“, sagte Mary Ann. „Ich liebe ihn.“

Der wuchtige Mann holte aus. Mary Anns Kopf ruckte zur Seite, als die Hand auf ihre Wange klatschte.

Ihr Busen hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen.

„Das ist alles, was du kannst, Vater“, brach es aus ihr hervor. „Schlagen. Mit Gewalt deinen Willen durchsetzen. Alle müssen sich dir beugen.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Aber nicht alles kannst du erzwingen. Ich werde diesen Schleimer Kenwood nicht heiraten. Ich kann den Kerl nicht ausstehen. Ich liebe Pete Springfield, und er liebt mich. Wir werden heiraten. Dagegen kannst du gar nichts tun.“

Sein Gesicht war rot angelaufen. Die Ader an seiner Stirn war dick hervorgetreten.

„Wie sprichst du mit deinem Vater, verdammt noch mal! Du tust, was ich sage. Du bist erst achtzehn. Ich bin für dich verantwortlich. Du heiratest Kenwood und damit basta. Das ist ein ordentlicher Mann.“

„O ja, Vater, ein sehr ordentlicher. Wenn ich nur an seinen schmierigen Blick denke, mit dem er mich immer förmlich auszieht, dann wird mir übel. Und dass er beim Sprechen spuckt, weißt du auch nur zu gut. Aber du willst mich mit ihm verkuppeln, weil du an die Kenwood Ranch denkst. Du willst durch diese Heirat noch reicher werden, noch mehr Macht besitzen. Der alte Kenwood lebt nicht mehr lange, das weißt du. Und über mich und den weichlichen Jonathan willst du an die Ranch und das Land herankommen. Du solltest dich schämen, Vater. Wenn Mutter noch lebte, dann würde sie vor dir ausspucken...“

Ein Schatten flog über das Gesicht des Ranchers.

„Lass Mutter aus dem Spiel, verdammt! Ich tue alles nur für euch. Für Teddy, Ringo und Floyd. Und für dich. Ihr sollt es einmal gut haben im Leben wenn ich nicht mehr bin. Andere Kinder wären stolz auf ihren Vater.“

Mary Ann wischte eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

„Ja, ich war lange stolz auf dich. Sehr stolz. Du bist der mächtigste Mann im Umkreis von hundert Meilen. Du hast dir viel aufgebaut. Ein Königreich. Als kleines Kind habe ich dich bewundert. Aber jetzt bin ich kein kleines Kind mehr. Ich durchschaue dich und dein Gehabe. Ich weiß, wie du zum Herrscher von Alice geworden bist. Durch Terror und Gewalt. Alle kleinen Rancher hast du systematisch fertiggemacht, bis ihnen nichts anderes übrigblieb, als an dich zu verkaufen. Mit. deinem Geld und deinen Schießern schaffst du alles. Aber mich nicht. Ich habe mich verliebt. In Pete Springfield. Und ich werde ihn heiraten.“

„Das werden wir ja sehen!“ Madison lachte. „Liebe kommt, und Liebe geht, mein Mädchen. In ein paar Tagen wirst du ganz anders über die Sache denken. Dann wird dir dein Erbe und eine sorgenfreie Zukunft wichtiger sein als dieser Herumtreiber.“

Damit wandte er sich ab und stapfte zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um.

„Denk darüber nach!“, sagte er, bevor er das Zimmer verließ.

Mary Ann hörte, wie er von außen abschloss. Sie lief zur Tür und hämmerte mit den Fäusten dagegen.

Ihre dunklen Augen schimmerten feucht.

Sie fühlte sich wie eine Gefangene.


*


Sheriff Masters schloss die Zellentür.

„Schlaf deinen Rausch aus, Junge!“, sagte er zu Pete. Zu John gewandt, sagte er: „Wir unterhalten uns im Office.“

John ging voran. Als die Tür des Büros hinter dem Sheriff zuklappte, drehte sich John lächelnd um.

„Pfeifen-Henry. Du hast dich überhaupt nicht verändert, alter Knabe.“

Henry Masters grinste über sein Vollmondgesicht.

„Du auch nicht, John. Kaum tauchst du auf, gibt es Ärger.“

John zuckte mit den Schultern. „Ich konnte doch nicht zulassen, dass drei Männer einen wehrlosen Jungen zum Krüppel schlagen. Das feige Volk im Saloon hätte keinen Finger gerührt.“

Sheriff Masters setzte sich hinter seinen Schreibtisch.

„Jaja“, sagte er, und die Pfeife in seinem Mund wippte. „Das kannst du den Leuten nicht verdenken. Die haben alle Schiss vor den Madisons. Die Madisons sind die Größten. Wer ihnen in die Quere kommt, wird seines Lebens nicht mehr froh.“

Das Gesicht des Sheriffs zeigte Bitterkeit und eine Spur von Resignation.

„Und du?“, fragte John. „Was unternimmst du dagegen?“

Sheriff Masters holte eine Whiskyflasche und ein Glas aus der untersten Schublade hervor.

„Ich werde alt, John. Ich mag nicht mehr kämpfen. In einem knappen halben Jahr läuft meine Amtszeit ab. Ich werde mich nicht mehr zur Wahl stellen. Es hätte auch keinen Sinn. Madison hat mir zu verstehen gegeben, dass er das Sheriffsamt mit einem Mann seiner Wahl besetzen wird. Sein Einfluss ist so groß, dass er das spielend schaffen wird.“

Masters schenkte Whisky ein und schob John das gelbgefüllte Glas hin.

„Trinken wir auf die alten Zeiten, John.“

John beobachtete amüsiert, wie Masters die Pfeife aus dem Mund nahm, einen Schluck aus der Flasche trank und die Pfeife sofort wieder zwischen die Zähne klemmte. Ohne seine geliebte Pfeife war Henry Masters nur ein halber Mensch. John hatte den alten Haudegen noch nie ohne seine stets qualmende Pfeife gesehen. Masters ohne Pfeife war wie ein Straßenköter ohne Flöhe.

Die beiden Männer prosteten sich zu.

„Hast du mich wegen der Madisons kommen lassen?“ fragte John schließlich. „Dein Brief klang verdammt ernst, obwohl er nur eine Andeutung enthielt. Ich habe mich sofort auf den Weg gemacht.“

Masters nickte.

„Das habe ich von dir auch nicht anders erwartet. Ich wusste, dass ich auf einen alten Freund zählen kann.“

John zog blitzschnell seinen Revolver, richtete ihn auf den Sheriff und sagte: „Freund ja, aber das alt nimmst du sofort zurück.“

Masters lachte.

„Okay, John. Junger Freund. Du hast recht. Ich könnte dein Großvater sein.“ Sein Gesicht wurde ernst. Er schaute bewundernd zu, wie John den Revolver um den Finger wirbelte und wieder in das Halfter verschwinden ließ.

„Du bist noch besser mit dem Eisen geworden“, sagte Masters. „Das beruhigt mich etwas. Das erhöht unsere Chancen.“

„Gegen die Madisons?“, fragte John.

Masters schüttelte den Kopf.

„Darum geht es nicht. Ich habe mit dem alten Madison eine Art Waffenstillstand geschlossen. Er respektiert mich in den letzten Tagen meiner Amtszeit. Ich bin zu schwach, um ihm auf die Zehen zu treten, und er läßt mich in Ruhe, weil er sonst einen Teil der Leute in der Stadt vor den Kopf stoßen würde. Ich habe eine Menge Freunde in der Stadt. Wenn Madison oder seine Schießer mich aus dem Weg schaffen würden, gäbe es Unruhe unter der Bevölkerung. Und das will der alte Fuchs vermeiden. Ich bin so 'ne Art Denkmal für die Leute hier. Deshalb läßt Madison mich noch die paar Monate gewähren.“

„Aber du hast von einer lebenswichtigen Sache geschrieben“, warf John ein. „Nun spann mich nicht länger auf die Folter.“

„Thomas Harper“, sagte Masters. Seine Stimme klang gepresst, und John erschrak fast vor dem Ausdruck in den Augen des alten Sheriffs. Flammender Hass lag in diesem Blick.

„Big Harper?“, fragte John, und er verspürte ein Kribbeln im Magen.

Henry Masters nickte. Eine Weile herrschte Schweigen. Die Gedanken der beiden Männer drehten sich um diesen Namen.

Der Name eines Mannes, der sich unauslöschlich in Johns Gehirn eingeprägt hatte.

Die Erinnerung an die entsetzlichste Stunde seines Lebens nahm ihn gefangen. Unbewusst ballte er die Hände zu Fäusten und presste die Zähne aufeinander.

Noch einmal rollten die schrecklichen Ereignisse vor seinen Augen ab, als seien sie nicht vor fünf Jahren, sondern vor fünf Stunden passiert.


*


„He, John, nicht so schnell. Dein Mädchen läuft dir nicht weg!“

John zügelte lachend seinen Braunen und wartete, bis Henry mit dem Packpferd aufgeholt hatte.

Sie waren in Rock Springs gewesen und hatten eingekauft. Viel eingekauft. Denn in zwei Tagen sollte auf der kleinen Farm im Green River Valley eine Hochzeit stattfinden, wie man sie im Umkreis von hundert Meilen noch nicht erlebt hatte.

Barbara Masters sollte die Frau von John Bennett werden.

Barbara Bennett.

John lächelte glücklich bei dem Gedanken an Babs. Seine Babs. Das schönste Mädchen von ganz Wyoming. Sie war fast zwei Köpfe kleiner als John, schlank und leichtfüßig wie ein junges Reh. Das schwarze Haar hatte sie zu Zöpfen geflochten, und wenn sie Jeans trug, konnte man sie für ein Mädchen von fünfzehn, sechzehn Jahren halten. Doch sie war zwanzig und alles andere als ein dummes, junges Ding. Ihre dunklen Augen blickten selbstbewusst und stets etwas herausfordernd, und ihre Lippen waren zum Lächeln geschaffen. Und zum Küssen.

Barbara war ein Mädchen, das Glück ausstrahlte.

Ein Glück, das John nie gekannt hatte.

Er war achtzehn gewesen, als ihn der Zufall ins Green River Valley geführt hatte. Ein junger Mann ohne Job und ohne Ziel.

Seine Mutter hatte er nie gekannt, sie war bei seiner Geburt gestorben. Geschwister hatte er keine. Er war stolz auf seinen Vater, einen gefürchteten Revolverkämpfer. Von ihm lernte er alles, was er in der Schule nicht gelernt hatte: Reiten, Schießen, Fährtenlesen und all die vielen Kenntnisse, die einen Mann im Westen zum Überleben helfen konnten.

Als er siebzehn war, starb sein Vater. Nicht an einer Revolverkugel, wie er immer vorausgesagt hatte, sondern an einer Lungenentzündung.

John war allein auf der Welt.

Er suchte sich einen Job auf einer Ranch, dann schloss er sich einem Treck an, doch er fand keine Ruhe. Es hielt ihn nie lange an einem Ort. Wie ein einsamer Wolf durchstreifte er das Land.

Bis er ins Green River Valley kam.

Henry Masters nahm ihn auf wie einen leiblichen Sohn. John mochte die Masters Familie. Henry, der ständig an seiner verschrammten Pfeife nuckelte. Dorothy, seine sanftmütige Frau, die für John immer ein freundliches Wort hatte. Fred, der sechzehnjährige Sohn, der Johns Freund wurde. Und Barbara, in die er sich verliebte.

Noch zwei Tage, dann wurde sie seine Frau.

Ein warmes Glücksgefühl durchströmte John bei diesem Gedanken. Doch wieder spürte er eine Mischung aus Ungeduld und Unruhe. Schon in der Stadt hatte er immer wieder zur Eile angetrieben. Den Whisky, zu dem ihn Henry Masters in den Saloon eingeladen hatte, bevor sie aufgebrochen waren, hatte er nicht einmal halb getrunken.

„Er kann es kaum erwarten“, hatte Henry augenzwinkernd dem Keeper erklärt. „Er ist in Gedanken schon in der Hochzeitsnacht.“

Und dann hatte Henry ihn als zukünftigen Schwiegersohn allen Gästen vorgestellt und eine Lokalrunde geschmissen.

Schließlich waren sie aufgebrochen.

Sie wollten vor Sonnenuntergang zu Hause sein.

Das Gefühl von Unruhe und Ungeduld hatte John auf dem ganzen Weg wie ein drohendes Unwetter verfolgt.

„He, John!“, rief Henry durch das Klappern der Hufe. „Was ist los? Du machst ein Gesicht, als hättest du auf einen Kaktus gebissen.“

John lachte.

„Pass auf, dass du nicht die Pfeife verschluckst!“ rief er zurück. „Du altes Dampfross!“

„Wie sprichst du mit deinem Schwiegervater?“ brüllte Henry. „Ich sollte mir ernsthaft überlegen, ob ich meine Babs nicht einem höflichen, netten Mann zur Frau gebe, anstatt dir verdammten...“

Er bekam einen Hustenanfall, und der Rest war für John unverständlich. John warf einen fast liebevollen Blick zu dem Haudegen. Er hatte Masters von Anfang an gemocht. Einen besseren Schwiegervater konnte er sich nicht wünschen.

Henry Masters spuckte gerade zielsicher am Ohr seines Hengstes vorbei. Ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen!

Sie ritten eine Steigung hinauf, durchquerten ein Waldstück und erreichten den kleinen Creek. Sie folgten dem Wasserlauf, der an der Farm vorbeiführte.

Und dann sah John die Rauchfahne.

Es war, als krallte sich eine eisige Faust um sein Herz.

„Das ist bei uns!“, schrie er. „Mein Gott, das Haus brennt!“

Er gab seinem Pferd die Sporen.

Babs! Wenn Babs etwas passiert war...

Er fand sie vor den schwelenden Trümmern des Hauses. Sie lag im Sterben. Sie trug ihr weißes Brautkleid. Vielleicht hatte sie es noch einmal anprobiert. Das Kleid war zerfetzt und blutbefleckt. Barbara war gequält und geschändet worden.

Ihre Augen blickten stumpf und nahmen John nicht mehr wahr.

Er hielt sie in den Armen, und alles in ihm schien abgestorben wie tot, leer.

Er hörte nicht, wie Henry Masters aufschrie, als er seine tote Frau fand. Er hielt Barbara im Arm, und sie kam ihm so zerbrechlich vor. Er konnte nicht fassen, was die bittere Wirklichkeit war, sein Verstand weigerte sich, das Entsetzen zu begreifen.

Er erwachte erst wie aus Trance, als Barbara die Lippen bewegte.

„Harper“, wisperte sie. „Harper Harper...“

Immer wieder. Es war, als hielte sie nur dieser Name noch am Leben.

Johns Stimme klang wie die eines Fremden.

„Wer hat das getan?“ Er schrie. „Wer?“

„Harper Harper...“ Ihre Stimme brach. Ein tiefer Seufzer kam aus ihrer Kehle. Dann regte sie sich nicht mehr.

Barbara, das Mädchen, das er geliebt hatte, war in seinen Armen gestorben...

Später fanden sie Fred. Der Junge war ebenso erschossen worden wie Wellman, der seit vier Jahren auf der Farm gearbeitet hatte: eine Kugel in die Stirn und eine ins Herz...


*


„Ich bin sicher, dass er es ist!“

Die Stimme kam wie aus weiter Ferne. John brauchte einen Augenblick, um die schreckliche Erinnerung zu verdrängen. Wie oft hatte ihn der Anblick der sterbenden Barbara im Traum verfolgt. Er hatte versucht, zu vergessen. Es war ihm nie gelungen.

Sein Gesicht war wie eine Maske, als er Henry Masters anblickte.

„Wo hast du ihn gesehen?“

„Vor vier Wochen brachte ich einen Gefangenen nach Corpus Christi. Dort trat gerade eine Tanztruppe auf. Die Golden Girls. Einer der Begleiter oder Manager heißt Harper. Thomas Harper. Er sieht aus wie der Kerl, den man uns damals beschrieben hat.“

John schloss die Augen. Jäh flackerte wieder alter Hass in ihm auf, unbändiger Hass. Er hatte damals am Grab Barbaras geschworen, den Mörder zur Strecke zu bringen. Sie hatten eine Fährte verfolgt, die von der Farm nach Südwesten führte. Ein Nachbar beschrieb den Reiter als großen, schwarzhaarigen Mann mit einem dünnen Oberlippenbart. Sein Pferd wurde als braune Stute mit weißen Fesseln beschrieben. Wochenlang ritt John auf der Spur dieses Mannes. Bis er eines Tages aufgeben musste. Der Mann war wie vom Erdboden verschluckt. Und jetzt sollte Henry ihn gesehen haben...

Henry Masters nahm einen tiefen Schluck aus der Whiskyflasche. Dann klemmte er seine kalte Pfeife wieder zwischen die Zähne.

„Ich dachte zuerst, ich spinne. Du weißt ja, wir hatten immer ein bestimmtes Bild von dem Mörder vor Augen. Wenn du dann einem Mann begegnest, der genauso aussieht, wie du dir das zurechtgelegt hast, überläuft es dich heiß und kalt. Ich war wie elektrisiert, als ich erfuhr, dass er Harper heißt. Aber es kommt noch dicker, John. Ich blieb zwei Tage in Corpus Christi und hörte mich um. Man sprach nur das Beste über diesen Harper. Eine Geschichte ist besonders interessant. Als die Girls in Kingsville gastierten, wollte sich ein stadtbekannter Bandit an einer der Tänzerinnen vergreifen. Harper ging dazwischen. Es kam zu einem Feuergefecht. Harper traf den Banditen mit zwei Kugeln. Eine in die Stirn, eine ins Herz.“

John stieß den aufgestauten Atem aus. Er sprang von seinem Stuhl auf.

„Und was hast du unternommen?“

„Nichts.“

John starrte den Oldtimer an.

„Nichts? Du stehst dem Schwein gegenüber, der deine Frau, deine Tochter, deinen Sohn und Wellman auf dem Gewissen hat und legst ihn nicht um?“

Henry Masters stopfte seine Pfeife, steckte sie umständlich in Brand und paffte ein paar Züge.

Erst dann brach er das Schweigen, das wie eine unsichtbare Wand zwischen den beiden Männern entstanden war.

„Verdammt, was sollte ich denn tun?“ Masters schrie fast. „Mit dem Colt hätte ich nicht den Hauch einer Chance gegen diesen Harper. Und aus dem Hinterhalt auf ihn schießen das wäre Mord, John. Ja, ich hab’ mit dem Gedanken gespielt, verdammt noch mal. Du weißt, was wir damals geschworen haben. Immer wieder habe ich von Rache geträumt. Ich hatte schon den Finger am Abzug, als mir plötzlich klar wurde, dass es keinerlei Beweise gegen den Mann gab. Vielleicht war alles nur ein Zufall. Mein Gott, wie viele Harpers gibt es auf der Welt?“

„Harpers gibt es viele.“ Johns Stimme zitterte. „Aber es gibt nicht viele schwarzhaarige mit Oberlippenbart, die ihre Opfer mit einer Kugel in die Stirn und einer ins Herz töten.“

Henry Masters nickte.

„John, ich weiß, wie dir jetzt zumute ist. Du hast Babs geliebt. Eine Bestie hat euer junges Glück zerstört. Ich würde alles dafür geben, diese Bestie zur Hölle zu schicken. Vielleicht kann ich dann Ruhe finden und in Frieden sterben. Ja, ich würde sogar mein Leben dafür geben. Ich bin es meiner Frau, meinen Kindern und Wellman schuldig...“

John sah, wie die Augen des Oldtimers feucht schimmerten. Ein Gefühl der Scham überfiel ihn. Der alte Mann hatte mehr verloren als er.

Die Pfeife wippte in Masters Mundwinkel, und seine Stimme klang müde, als er fortfuhr: „Aber ich konnte es einfach nicht übers Herz bringen, einen vielleicht doch Unschuldigen zu töten und selbst zum Mörder zu werden. Wir müssen einen Beweis finden.“

John stemmte seine Hände auf die Schreibtischplatte.

„Aber wie, verdammt? Harper braucht nur alles zu leugnen, und kein Gericht der Welt wird unsere Anschuldigung glauben.“

Henry Masters nickte.

„Es ist fast unmöglich, Harper zu überführen. Aber vielleicht haben wir Glück. Wir müssen es versuchen. Deshalb habe ich dir geschrieben. Ich erfuhr in Corpus Christi, dass die Golden Girls in einigen Wochen auch hier in Alice gastieren würden. Sie müssten in ein, zwei Tagen hier eintreffen. Du bist früh genug gekommen, John. Du kannst dir Harper ansehen, mit ihm sprechen, dich vielleicht sogar der Schautruppe anschließen. Vielleicht erfährst du so etwas über seine Vergangenheit oder sonst was, das uns weiterhelfen könnte.“

John nickte.

„Das ist eine gute Idee.“

Dann forschte er in Masters Gesicht.

„Warum hast du davon nichts in deinem Brief erwähnt?“

„Der Posthalter ist ein neugieriges Huhn, John. Ich bin nicht ganz sicher, dass alle Post ungelesen an den Empfänger gelangt. Ich wollte vermeiden, dass irgendjemand in der Stadt was von der Sache erfährt. Das würde alles zunichtemachen. Harper könnte durch Zufall davon hören und er wäre gewarnt. Außerdem braucht niemand zu wissen, dass wir uns von früher kennen, John. Das könnte Schwierigkeiten geben, auch im Hinblick auf Madison.“

John nickte.

„Verdammt, dass das im Saloon passieren musste. Wenn Madison wirklich der große Mann hier ist, wird es Ärger geben, wenn er vom Tod seines Sohnes erfährt. Und Ärger kann ich gerade jetzt nicht brauchen, wenn Harper auftaucht.“

„Trinken wir noch einen“, sagte Henry Masters. „Noch ist Madison nicht hier.“

Er grinste John an, aber seine Stimme klang besorgt.


*


Mark Madison liebte die Stunde vor dem Sonnenaufgang.

Die Luft war frisch, und die Natur erwachte zu neuem Leben.

Der Rancher stand auf der Veranda des Haupthauses und ließ seinen Blick über das weite Land schweifen.

Ein Hauch von Morgennebel waberte über der Westweide. Die Schatten der Nacht waren verblasst. Immer heller wurde der Lichtschimmer, vertrieb das Grau.

Das Windrad neben dem langgestreckten Bunkhouse knarrte leise. Irgendwo zwitscherte ein Vogel und kündigte den neuen Tag an.

Die Ranch lag in tiefem Frieden. In einer Stunde würde sie von dem üblichen Leben erfüllt sein, wenn die Mannschaft in den Quartieren geweckt wurde, wenn der Koch lauthals zum Frühstück rief und später schließlich die ersten Cowboytrupps zu den Weiden aufbrachen, um ihre Kameraden dort von der Nachtwache abzulösen.

Mark Madison drehte den Kopf und lauschte.

Hufschlag war in der Ferne aufgeklungen. Madisons Haltung straffte sich, und er atmete tief die klare Morgenluft ein.

Das mussten seine Söhne sein. Er hatte sie zur Stadt geschickt.

Der Gedanke an Ringo, Floyd und Ted erfüllte ihn mit Stolz. Das waren prächtige Kerle, die ganz auf den Vater kamen. Er hatte viel erreicht in seinem abenteuerlichen Leben. Er war zum Herrscher über das Land im Norden von Alice geworden, und bald würde er sein Imperium noch vergrößern. Bis zur Stadt.

Die Jungs werden mein Werk fortführen, dachte er, wenn ich zu alt bin, um auf einen Gaul zu klettern, und wenn ich mich nicht mehr um alles kümmern kann. Zum Teufel, auch Mary Ann wird noch zur Vernunft kommen.

Madisons Augen verengten sich, als er die beiden Reiter um den Korral biegen sah.

Verdammt, warum kamen sie nur zu zweit? Und warum saßen sie so steif und verkrümmt im Sattel?

Madison wurde von einer unheilvollen Ahnung erfasst.

Ringo und' Floyd ritten auf den Ranchhof. Beim Wassertrog zügelten sie ihre Pferde und saßen ab.

Erst jetzt sah Madison, dass beide Männer Verbände trugen.

„Wo ist Ted?“, rief er mit dröhnender Stimme. Er stürmte die Stufen der Veranda hinab und lief seinen Söhnen entgegen.

Floyd und Ringo tauschten einen Blick.

„Sag du’s ihm“, meinte Floyd mit belegter Stimme.

Madison starrte seine Söhne an. Er hatte begriffen, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

„Wo ist Ted?“ Seine Stimme erinnerte an Donnergrollen.

Ringo hob die Schultern. Sein Gesicht verzerrte sich, weil er seine Verletzung vergessen hatte. Er presste eine Hand auf den Verband.

„Tot“, sagte er.

Madison stand da wie versteinert. Ungläubig starrte er seine Söhne an.

„Erschossen“, brach es aus Floyd hervor. Und dann sprudelte er heraus, was geschehen war, mit weinerlicher, angstvoller Stimme, als wolle er sich rechtfertigen.

„Wir hatten keine Chance gegen diesen Fremden“, fügte er schließlich hinzu.

Auf Madisons Stirn war die Ader geschwollen. Sein Gesicht wies hektische Flecken auf. Seine breite Brust hob und senkte sich unter heftigen Atemstößen.

Einen Augenblick lang befürchteten Floyd und Ringo, der Vater würde die Nachricht nicht verkraften, würde vom Schlag getroffen umfallen. Sie wussten, dass Teddy sein Liebling gewesen war. Doch dann sahen sie, wie eine Veränderung mit Mark Madison geschah. Der schmerzliche Ausdruck seiner Mine wandelte sich in eine Maske des Hasses und der Wut.

„Drei Mann gegen einen, und ihr habt versagt?“ Seine Stimme überschlug sich. „Meine Söhne werden nicht mit einem dahergelaufenen Fremden fertig?“ Er hob die Faust, als wolle er auf Floyd und Ringo einschlagen. „Ich sollte euch...“

„Er hatte den Finger schon am Abzug.“ Ringo heulte fast. „Wir konnten nichts machen. Und außerdem...“

Er verstummte, als er das Flackern in den Augen seines Vaters sah.

Ringo senkte den Kopf, weil er den Ausdruck dieser Augen nicht mehr ertragen konnte.

Auch Floyd blickte zu Boden. Es sah aus, als warteten die Madison-Söhne auf eine Bestrafung durch ihren Vater.

Sie waren mit Prügel groß geworden. Sie wussten, wozu der Alte in seinem Jähzorn fähig war. Und irgendwie fühlten sie sich am Tod Teddys mitschuldig. Wenn sie den Fremden nicht unterschätzt hätten...

Umso überraschter waren sie, als Mark Madison plötzlich ganz ruhig war.

„Kommt ins Haus und erzählt!“, sagte er mit beherrschter Stimme.

Sie folgten ihm. Groß und wuchtig stapfte er vor ihnen her bis in sein Arbeitszimmer. Sein Gang war fest, und nichts wies auf den Aufruhr der Gefühle hin, die in dem Mann tobten.

Als sie ihm gegenüber saßen und er sie beinahe freundlich musterte, bewunderten sie seine Haltung. Teddys Tod musste ihm doch an die Nieren gehen. Aber er zeigte keinerlei Regung.

Ein harter, unbeugsamer Mann, der sich in der Gewalt hatte.

So hatten sie ihn selten erlebt.

Sie schilderten ihm, was im Saloon von Alice geschehen war. Natürlich berichteten sie aus ihrer Sicht, aber sie verschwiegen nicht die Tatsachen, die der Vater ohnehin erfahren hätte.

„Es gibt also Zeugen“, stellte Mark Madison schließlich fest. „Zeugen, die ausgesagt haben, dass ihr zuerst gezogen habt.“

Er schwieg einen Moment und schien nachzudenken. Dann blickte er wieder von einem zum anderen und stellte Fragen. Ruhig und sachlich. Wie der Fremde aussah, woher er kam, was aus Pete Springfield geworden war und welche Rolle der Sheriff und die Bürger gespielt hatten.

Ringo und Floyd fiel auf, dass er Ted nicht einmal mehr erwähnte. Es war, als sei mit Ted auch der Name gestorben. Er erkundigte sich nicht nach dem Begräbnis, und er hatte kein Wort für ihre Verletzungen übrig. Nur der Fremde und das Verhalten des Sheriffs und der Bürger schienen ihn zu interessieren. Und Pete Springfield.

Er nickte, als sie erzählten, dass sie ihm eine Lektion, wie sie es nannten, erteilt hätten.

Lange Zeit herrschte Schweigen. Schließlich ging ein Ruck durch den Körper des wuchtigen Mannes. Er war zu einer Entscheidung gekommen.

„Wir reiten in die Stadt. In drei Stunden brechen wir auf. Sagt Jack Bescheid. Er soll drei Dutzend der besten Leute zusammentrommeln.“ Seine Miene zeigte Entschlossenheit.

„Was hast du vor?“, fragte Floyd leise.

Mark Madison blickte seinen Sohn starr an. Dann stand er auf, schritt zum Fenster und blickte hinaus.

„Ich werde in der Stadt aufräumen. Ich habe lange genug gewartet. Jetzt ist das Maß voll.“ Er drehte sich abrupt um und starrte seine Söhne an.

Sie erschraken vor dem Hass, der plötzlich in seinen Augen loderte wie eine alles verzehrende Flamme.

„Geht jetzt!“, sagte er hart. „Ruht euch noch zwei Stunden aus. In drei Stunden reiten wir.“

Sie erhoben sich und ließen ihn allein.

Er hockte sich hinter den massiven Schreibtisch aus Eiche und presste die Hände vors Gesicht. Lange saß er in Gedanken versunken da.

Schließlich stand er auf und schritt die Treppe hinauf zum Zimmer seiner Tochter.

Der Schlüssel steckte noch von außen im Schloss.

Mark Madison drehte ihn herum und öffnete die Tür. Er machte zwei Schritte in den Raum und blieb wie angewurzelt stehen.

Ein Stöhnen kam tief aus seiner Kehle.

Er presste die Hände gegen die Schläfen, und seine Augen schimmerten plötzlich feucht.

Mary Ann war verschwunden.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908336
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355458
Schlagworte
immer hand colt

Autor

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Titel: Immer die Hand am Colt