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Der Peter vom Brandnerhof

2017 130 Seiten

Leseprobe

Der Peter vom Brandnerhof


Klaus Tiberius Schmidt


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Pexels mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Peterle von Brandnerhof

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbecker.de





Klappentext:


Peter wird als Säugling von seiner bitterarmen Mutter unter Tränen im Stall auf dem Brandnerhof abgelegt, in der Hoffnung dem Jungen so eine Zukunft zu ermöglichen, die sie ihm niemals bieten konnte. Der Junge wuchs auf dem Brandnerhof in einer liebevollen Umgebung auf. Alles schien so zu sein, wie sich die Mutter des Jungen für ihn immer erhofft hatte …

Bis eines Tages die Frau von Max Brandner, Peters Ziehmutter, schwer erkrankt und schließlich stirbt. Von diesem Tage an sollte sich auf dem Hof, auch für den nun neunjährigen Peter, alles ändern …

Max Brandner wurde von einem Tag auf den anderen zu einem gefährlichen Tyrannen, schikanierte jeden, der ihm in die Quere kam. Oder war er tief in seinem Innern schon immer so gewesen? Fast alle Arbeiter verlassen freiwillig den Hof oder werden regelrecht vertrieben.

Christi, die Magd des Hofes, die seit vielen Jahren ein Geheimnis hütet, kümmert sich, in dieser schwierigen Zeit, liebevoll um Peter, bis auch sie eines Tages vom Hof gejagt wird.

Sie findet Verbündete und gemeinsam versuchen sie den Jungen aus den Klauen seines tyrannischen Ziehvaters zu befreien. Wird es ihnen gelingen, bevor ein großes Unglück geschieht …




Roman

Eisig fegte der Sturm heran und trieb schwere Schneewolken vor sich her.

Jaulend stießen die Böen in die Alpentäler hinab. Mit ganzer Kraft brach der Winter an diesem tristen, dunklen Abend über das Land herein.

Noch schlimmer aber traf es den kleinen Tross, der sich langsam durch das Brockertal quälte. Mensch und Tier zitterten vor Kälte und fühlten sich schwach vor Hunger. Trostlosigkeit und lähmendes Entsetzen machte sich allmählich unter den Menschen des Trecks breit.

Kein Laut der Freude drang aus den buntbemalten Wagen des kleinen Wanderzirkus. Die Natur hatte kein Mitleid mit ihnen. Der Tod lauerte überall in dieser tristen Bergwelt, die langsam aber sicher im lautlos herabschwebenden Schnee erstickte. Bald würde es kein Vorwärtskommen mehr geben.

Wirbelnde Schneeflocken nahmen dem Kutscher des ersten Wagens die Sicht. Fröstelnd zog er den Kopf noch weiter ein und schlug den Kragen seines Mantels hoch.

Die Kälte drang schneidend scharf durch die Kleider in seine Haut.

Schon seit Stunden nahm er das erschöpfte Schnauben der Pferde, vor seinem bunten Wagen nicht mehr wahr.

Sie fuhren durch eine kleine Ortschaft, ohne anzuhalten. Er wusste nur zu gut, dass man ihnen keinen Unterschlupf bieten würde. Zu oft schon waren sie in den letzten Tagen und Wochen mit Schimpf und Schande aus anderen Dörfern weggejagt worden. Fahrende Zirkusleute, wie sie, waren in dieser Gegend nicht gerne gesehen. Man verwechselte sie mit nutzlosen Herumtreibern.

Er war froh, als er die Ortschaft mit seinem Tross hinter sich gelassen hatte. Noch etwa dreißig Kilometer, dann waren sie endlich in ihrem Winterquartier.

Antonio Barelli seufzte, während er leicht mit der Peitsche auf die Hinterbacke des müden Gauls schlug. Keiner wusste, was in jüngster Zukunft mit ihnen passieren würde. Viel Geld besaß er nicht, um all die Mäuler und Münder zu stopfen.

Das Schicksal meinte es in letzter Zeit nicht gut mit ihm. Sein Zirkus verkam immer mehr, denn die Besucher waren im Herbst fast ausgeblieben. Bald würde er ihn aufgeben müssen.

Er war viel zu sehr mit sich und seinen Gedanken beschäftigt, um im Toben des Sturmes und den wirbelnden Schneeflocken die schlanke, schwarzgekleidete Gestalt zu bemerken, die leicht nach vorne gebeugt von einem der bunten Wagen sprang und lautlos in der Dunkelheit verschwand.

Die Nacht, dichtes Gestrüpp und Unterholz am Wegrand schluckten die junge Frau. Hastig blickte sie sich ein letztes Mal um und hastete die enge Straße zurück bis zu einer Stallung, die zum letzten Hof des Ortes gehörte.

Behutsam, als sei es zerbrechlich, hielt sie ein Bündel im Arm und schützte es mit ihrem Körper gegen den schneidenden Wind.

Sie zögerte nicht lange und huschte in den Stall.

Der Hofhund schlug an und begann wütend zu bellen. Er hatte Witterung aufgenommen und gebärdete sich wie wild. Rücksichtslos riss er an seiner Kette.

Die junge Frau erschrak bis ins Tiefste ihres Herzens. In ihren Augen lag plötzlich etwas Gehetztes. Sie durfte keine Zeit verlieren.

Zitternd blickte sie sich um. Es brannte genügend Licht im Stall, um alles ausreichend erkennen zu können.

Zu ihrer Linken waren die Stallungen mit dem Vieh. Ein paar Kuhaugen glotzten sie desinteressiert an. Auf der anderen Seite des hölzernen Gebäudes hatte man Stroh- und Heuballen aufgestapelt. Eine nackte Glühbirne baumelte an einem Kabel von der Decke herab. Sie verströmte nur diffuses Licht.

Der Hofhund hörte nicht auf zu bellen. Erste Stimmen wurden laut. Eine Tür schlug zu, und ein Mann brüllte wütend gegen den Sturm an und fluchte ungehemmt. Vergeblich versuchte er, den Hund zu beruhigen.

Die Fremde wusste, dass ihr kaum noch Zeit blieb, unerkannt zu fliehen.

Behutsam legte sie das Bündel in das weiche, warme Stroh. Erst dann schlug sie die dicke Decke zurück. Ein Neugeborenes, nicht älter als ein paar Tage, kam zum Vorschein. Es schlief und ahnte nicht, was mit ihm geschah.

Einen Augenblick lang blieb der Blick der jungen Frau auf dem unschuldigen Gesicht des Kindes haften. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie sanft über die roten Wangen des Kleinen strich. Still weinte sie in sich hinein. Sie griff sich mit beiden Händen in den Nacken und löste den Verschluss ihres Amuletts, das sie immer bei sich trug. Vorsichtig legte sie das kostbare Schmuckstück um den Hals des Kleinen.

„Leb wohl! Möge dich der Heilige Christophorus alle Zeit beschützen und behüten“, flüsterte sie. „Verzeih mir, aber ich kann nicht anders. Bestimmt hast du es hier dein Leben lang besser, als bei einem Vater, der dich nicht will“

Der Hund draußen an der Kette gab keine Ruhe. Wieder schlug eine Tür. Durch einen schmalen Spalt zwischen zwei Holzbohlen der Stalltür konnte die Frau sehen, dass sich jemand näherte. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit. Hastig wischte sie sich die Tränen aus den Augen und huschte zum Hintereingang. Lautlos wie ein Schatten verschwand sie in der Nacht. Als Sekunden später zwei Männer in die Stallung traten, war sie bereits verschwunden.

In diesem Moment erwachte das kleine Bündel Mensch und begann herzzerreißend zu schreien.



*



Acht Jahre später.

Max Brandner stand am Fenster und schaute nach draußen. Heute war ein warmer, wolkenloser Tag, wie er ihn liebte.

Draußen tobte sein Sohn Peter herum und versuchte, ein Huhn zu fangen. Sein Vorhaben misslang kläglich und endete mit einer Bauchlandung im Staub des Innenhofs.

Max Brandner lachte still in sich hinein.

Margot Brandner, seine geliebte Frau, hatte das Schauspiel ebenfalls mitbekommen und riss das Fenster auf. Im Gegensatz zu ihrem Mann war sie nicht so amüsiert.

„Peter“, schimpfte sie. „Wie oft muss ich es dir denn noch sagen? Lass die Hühner in Ruhe! Wie sollen sie Eier legen, wenn du sie dauernd ärgerst?“

Pete kaute schuldbewusst an seinen Fingernägeln.

Er fühlte sich bei einem seiner Lieblingsspiele ertappt. Hühnerjagen machte ihm am meisten Spaß.

„Ist schon gut, Mutter“, meinte er leise und zog es vor, lieber erst einmal eine Runde mit seinem neuen Fahrrad zu drehen. Irgendwann würde ihm schon noch etwas Neues einfallen, um die Langeweile zu vergessen.

„Du bist viel zu nachgiebig mit ihm“, warf Margot Brandner ihrem Mann vor, als sie das Fenster geschlossen hatte. „Warum muss denn gerade ich ihn immer zurechtweisen?“

„Aber Schatz“, meinte Max Brandner beschwichtigend. „Jungs in seinem Alter sind halt Lausbuben. Sei nicht so grantig, und gib mir einen Kuss. Seien wir doch froh, dass wir einen so gesunden und netten Burschen haben.“

Als Max Brandner seine Margot in die starken Arme nahm, war aller Ärger vergessen.

„Recht hast du, Maxi“, lenkte sie ein. „Und Anna, dieses faule Federvieh, ist sowieso reif für den Kochtopf.“

Ihre Gedanken schweiften ab.

Viele Jahre war es her, seit sie Peter, in eine alte Decke gewickelt, im Stall gefunden hatten. Der Säugling hatte einen goldenen Talisman um den Hals getragen. Einen weiteren Hinweis auf seine Eltern hatten sie jedoch nicht gefunden. Bis heute wussten sie nicht, wer die leibliche Mutter war und woher der Junge überhaupt kam. Wahrscheinlich würden sie es auch niemals erfahren.

Liebevoll, wie ein eigenes Kind, hatten sie ihn aufgezogen und auf den Namen Peter taufen lassen. Im Laufe der Jahre war das einstige Findelkind zu einem feschen Jungen herangewachsen und die ganze Freude seiner Zieheltern.

Er selbst wusste nichts von seinem Schicksal und seiner ungewissen Herkunft. Noch sahen die Brandners auch keinen Grund, es ihm zu sagen, aber eines Tages sollte er es erfahren.

Es war schon fast ein Wunder, dass jedermann im Dorf schwieg und sich nicht wichtigmachte, indem er über Peters Herkunft plauderte. Dabei gab.es genug Klatschtanten, die sonst ihren Mund nicht halten konnten. In Peters Fall war alles anders. Man vermied es, Tratsch-Geschichten über das Findelkind zu verbreiten. Jedermann hatte den kleinen, stets vergnügten Jungen mit den blonden Locken liebgewonnen und in sein Herz geschlossen.

„Wo ist der Junge überhaupt hin?“, wollte Max Brandner wissen. „In einer Stunde gibt es doch Brotzeit. Wieso radelt er dann einfach davon?“

„Gewiss ist er rüber zum Kraininger-Hans“, erklärte die Hausherrin. „Dort soll heute eine der Kühe kalben. Ich denke, dass er sich das nicht entgehen lassen wird.“

Max Brandner nickte. „Er wird gewiss ein guter Bauer werden, der Peter“, meinte er stolz.



*



Wie seine Mutter richtig vermutet hatte, brannte Peter vor kindlicher Neugierde. Sein Ziel war der Hof von Vaters Nachbarn, dem Kraininger-Hans. Er wusste, dass er bei dem rothaarigen Mann mit den vielen Sommersprossen immer willkommen war. Jede freie Minute verbrachte er bei den Krainingers. Für ihn war Hans so etwas wie ein großer Bruder geworden.

Peters Gedanken schweiften ab, während er auf den Hof zu radelte und kräftig in die Pedale trat. Es war nicht mehr weit. Bei der nächsten Wegbiegung würde er das kleine, saubere Gehöft sehen können.

Ja, neben Vater und Mutter gab es noch zwei Menschen, die er besonders gerne mochte. Es waren Hans Kraininger und die junge Magd Christi, die seiner Mutter oft im Haushalt zur Hand ging. Sie hatte stets Zeit für ihn, selbst wenn ihr die Arbeit manches Mal über den Kopf wuchs.

„Grüß dich, Peter“, rief eine tiefe Stimme, als er auf den Kraininger-Hof fuhr. Der Bauer kam gerade aus dem Stall, aus dem ein schwaches Muhen zu vernehmen war. „Du kommst gerade recht. Das Kälbchen ist gerade geboren.“

„Oh, fein“, freute sich Peter und sprang mit einem Satz vom Rad. „Darf ich es sehen?“

Hans Kraininger musste lächeln, als er die roten Wangen des Jungen sah. Er war aufgeregt und konnte es kaum erwarten.

„Aber warum nicht?“, meinte er und legte seinen kräftigen Arm um die schmächtigen Schultern des Jungen. „Komm mit! Man könnte meinen, du hast noch nie ein Kälbchen gesehen.“

„Aber sicher doch“, meinte Peter fast empört. „Aber es ist immer wieder schön.“

Gemeinsam gingen sie in den kleinen Stall. Es roch nach frischem Heu, das gerade eingelagert worden war. Nur eine Box war belegt. Die anderen Tiere befanden sich zu dieser Jahreszeit Tag und Nacht auf der Weide hinter dem Hof.

„Na, was sagst du zu dem Prachtkerl?“, fragte Kraininger und hob Peter hoch.

Der Junge schielte über die hölzerne Boxenwand.

„Oh, ist das süß“, sagte er entzückt.

Das Kalb stand noch auf etwas wackligen Beinen. Das Muttertier beleckte das feuchte Fell und nahm kaum Notiz von den beiden Menschen. Es wusste, dass von ihnen keine Gefahr drohte.

Peter konnte von dem Anblick des jungen Lebens nicht genug bekommen. Er löcherte Hans mit vielen Fragen und wollte immer mehr wissen. Für ihn verging die Zeit wie im Fluge. Am liebsten wäre er zu dem Kälbchen in die Box gestiegen, um es zu streicheln. Hans aber erlaubte es nicht. Das Muttertier galt als hin und wieder unberechenbar. Hans wollte kein Risiko eingehen und den Jungen gefährden.

„Lassen wir Mutter und Sohn besser ein wenig allein“, schlug er nach einer ganzen Weile vor. „Wie wäre es mit einem Marmeladenbrot? Ich habe noch etwas von dem Erdbeergelee aufbewahrt, das du so gerne isst.“

Peter lehnte dankend ab. Nur widerwillig ließ er sich zum Verlassen des Stalles überreden. Tiere liebte er über alles. Stundenlang konnte er ihnen zuschauen.

Heller Glockenschlag vom Kirchturm im nahen Dorf drang bis zum Hof herüber. Fünfmal schlug es.

Erschrocken blickte Peter unwillkürlich seinen Freund Hans an. Er hatte sich verbummelt.

„Oh, schon so spät?“, meinte er und rannte zu seinem Fahrrad, das mitten auf dem Vorplatz zum Herrenhaus lag. „Die Mutter wartet gewiss schon mit dem Abendbrot auf mich.“

„Dann spute dich“, ermahnte ihn Hans. „Sonst bekommst du noch Schelte.“

Peter schmunzelte spitzbübisch.

„Ach, das glaube ich nicht“, sagte er im Brustton der Überzeugung. „Mutter meint es nicht so arg, wenn sie hin und wieder auch schimpft. Dafür mag sie mich viel zu sehr.“

„Na, du musst es wissen“, bemerkte der Kraininger amüsiert „Aber du solltest sie doch nicht warten lassen. Also, dann bis morgen, Peter.“

Der kleine Junge schwang sich auf sein Fahrrad und führ los. Ehe er hinter der nächsten Biegung verschwand, winkte er seinem väterlichen Freund ein letztes Mal zu.

Hans Kraininger blieb noch eine Weile vor dem Haus stehen. Peter war ihm wie ein eigenes Kind ans Herz gewachsen. Er freute sich jedes Mal, wenn er sah, wie glücklich der Junge bei den befreundeten Brandners aufwuchs. Es fehlte ihm an nichts.

Ihm war es als Kind nicht so gut ergangen. Die Eltern waren früh verstorben, und als einziger Sohn hatte er den Hof geerbt. Er war zwar noch klein, aber er machte viel Arbeit. Außerdem drückten die Schulden. Zum Glück hatte ihm Max Brandner vor ein paar Jahren ein zinsloses Darlehen gegeben, damit die Bank den Hof nicht pfänden konnte. Seither schuftete er Tag und Nacht.

Die viele Arbeit ließ nicht zu, dass er sich um etwas anderes kümmerte. Und so war es ihm auch noch nicht gelungen, eine Frau zu finden, die ihn heiraten wollte.

Peter würde es auch in dieser Hinsicht einmal besser haben. Max Brandner war der reichste Mann im Tal. Er besaß die meisten Ländereien und zudem das größte Sägewerk weit und breit und eine Molkerei. Zwanzig Männer und Frauen standen bei ihm auf der Lohnliste. An Geld mangelte es ihm wirklich nicht. Und wer Geld besaß, konnte sich alles kaufen.

Hans Kraininger strich sich mit beiden Händen durch das störrische rote Haar und ging ins Haus. Für heute war die Arbeit getan.

Nur kurz vor Mitternacht wollte er noch einmal nach dem Kalb schauen.



*



„Da bist du ja, Peter“, begrüßte Margot Brandner ihren Ziehsohn. „Ich dachte schon, du hättest keinen Hunger oder wärst abhandengekommen.“

„Entschuldigung, Mami“, meinte der Junge und setzte sich. Seine Mutter stellte gerade die kleine Kanne frische Milch vor ihn auf den Tisch, der fast gedeckt war.

Max Brandner schaute über den Rand der Zeitung und schenkte Peter ein Lächeln.

„Na, was gibt es Neues, Junge?“, wollte er wissen. „Was macht die Kuh vom Kraininger? Hat sie schon gekalbt?“

Peter nickte hastig. „Ja, es hat keine Schwierigkeiten gegeben, wie Hans gesagt hat. Es ist ein wirklich schönes Kälbchen. Es hat eine Blässe und ganz große Augen.“

Margot Brandner setzte sich ebenfalls an den Tisch. Sie wirkte ein wenig blass und müde. Ihre Bewegungen erinnerten an eine alte Frau und nicht an eine Bäuerin in den besten Jahren.

Schweigend versorgte sie Peter und schmierte ihm zwei Brote. Sie selbst aß nichts und nippte nur an einer Tasse Milch.

Max Brandner blickte seine Frau mehrere Male besorgt an.

Schon die ganzen Tage hatte sich seine Margot nicht so benommen wie sonst. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr.

„Wirst du krank?“, fragte er. „Geht es dir nicht gut?“

Die Bäuerin seufzte gequält, als wäre sie froh, dass es der geliebte Mann endlich gemerkt hatte. Sie zählte nicht zu den Frauen, die bei jeder Kleinigkeit stöhnten und sich wegen jedem Schnupfen gehenließen.

„Ich glaube, ich bekomme die Grippe“, gestand sie. „Ich habe so ein Gliederreißen und Kopfschmerzen. Alles tut mir weh. Ich weiß auch nicht, was die ganze Zeit mit mir los ist.“

„Dann musst du aber rasch ins Bett, Mama“, meinte Peter besorgt und legte seine kleine Hand auf den Unterarm seiner Mutter. „Essen und Trinken kann ich dir mit der Christi zusammen ja ans Bett bringen. Das macht mir keine Mühe.“

„Nett von dir, Peter“, bedankte sich Margot Brandner mit einem müden Lächeln und strich ihm zärtlich über das dichte Haar. „Aber ich denk, morgen geht es mir schon wieder besser.“

Max Brandner erhob sich. Der Zustand seiner Frau gefiel ihm nicht. Bei der vielen Arbeit war es ihm bisher überhaupt nicht so richtig bewusst geworden.

„Das Abräumen und den Abwasch kann wirklich die Christi übernehmen“, bestimmte er. „Du gehst jetzt ins Bett und schläfst dich einmal richtig aus, hörst du? Komm Peter, lauf ins Gesindehaus und sag der Christi, dass ich sie hier im Haus brauche. Ihre Arbeit soll die Gundi und die Bernauer-Traudl eine Weile übernehmen.“

„Ist schon recht, Vater“, sagte der Kleine und rannte nach draußen, während Max Brandner seine kranke Frau in die Schlafkammer brachte. Er musste sie dabei stützen. Erst jetzt merkte er, wie schwach sie war.



*



Peter fand Christi nicht, wie sein Vater vermutet hatte, im Gesindehaus, sondern auf dem Platz neben den Stallungen. Sie fütterte gerade die Hühner, während Traudl im angrenzenden Gewürzgarten hockte und einige Blätter zupfte.

Der kleine Peter mochte die zwei Mägde, doch die blonde Christi hatte er am liebsten von den beiden. Wann immer er Zeit hatte, suchte er ihre Nähe. Er freute sich schon jetzt auf die Zeit, wenn sie im Haus war.

„Grüß dich, Peter“, rief die junge Magd freundlich, als sie den Jungen entdeckte. „Willst du mir helfen?“

Sie beugte sich zu Peter hinab und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. So tat sie es immer, wenn sie sich trafen.

Peter hatte nichts gegen ihre Zärtlichkeiten. Aber küssen durfte ihn von den Mägden nur die Christi. Zu ihr hatte er sehr viel Vertrauen. Sie wusste immer Rat und kannte seine kleinen Probleme und Ängste.

„Vater möchte, dass du sofort ins Haus kommst und die Küche und die Hausarbeit übernimmst, weil Mutter krank geworden ist“, richtete er der Magd aus. „Du kommst doch, oder?“, fragte er zweifelnd.

„Aber sicher“, erwiderte Christi. „Ich füttere nur noch die Hühner und komme gleich nach. In Ordnung?“

„Lass nur“, mischte sich Traudl ein und verließ den Gewürzgarten mit einem Korb voller Blätter. „Gib mir das Futter. Ich mache das schon. Geh nur! Du weißt doch, dass der Bauer es nicht gerne sieht, wenn man ihn warten lässt“

Christi war dankbar für das Angebot ihrer Freundin. Seit sie damals vor fast fünf Jahren auf den Brandnerhof gekommen war, hatte sie sich sofort mit der jungen, drallen Frau verstanden.

Mit Peter an der Hand betrat Christi das Herrenhaus. Es freute sie, dass sie wieder in der Küche helfen konnte. Kochen und Hausfrauenarbeit lagen ihr mehr als die harte Arbeit in den Ställen und auf den Feldern, denn sie war von Statur eine sehr zierliche Person.

Als sie in den geräumigen Flur traten, kam Max Brandner die Treppe herunter. Tiefe Sorgenfalten durchfurchten seine hohe Stirn. Ein unruhiges Flackern lag in seinem Blick.

„Wie geht es der Bäuerin?“, fragte Christi.

Brandner schien die Frage überhaupt nicht gehört zu haben. Er erwachte wie aus einem Traum.

„Sieh zu, dass du dem Peter so gegen sieben Uhr etwas zum Nachtessen machst“, forderte er abwesend. „Ich muss rasch nach Feldringen und den Doktor holen. Das Telefon ist unterbrochen. Ich bekomme keine Verbindung.“

Er stürmte nach draußen, ohne eine Jacke überzuziehen. Draußen heulte der Motor von Max Brandners Wagen auf.

Christi war erschrocken und wusste im ersten Augenblick nicht, was sie denken sollte. Stand es plötzlich wirklich so schlimm um die Hausherrin, dass Brandner kopflos ins Nachbardorf fuhr, um den Arzt zu holen? Normalerweise hätte er einfach einen der Knechte geschickt.

„Kann ich zur Mami?“, fragte Peter und blickte Christi aus großen, fragenden Augen an.

Die junge Magd verneinte. Sie wusste nicht, was passiert war. Auf keinen Fall durfte sie den kleinen Jungen mit Dingen konfrontieren, die ihm vielleicht sein Leben lang nachlaufen würden.

Plötzlich hatte sie Angst um Margot Brandner, die dem Peter immer eine sehr gute Mutter gewesen war. Sie selbst konnte es beurteilen, denn in den ganzen fünf Jahren hatte es von der Bäuerin nie ein böses Wort gegeben.

„Ich denke, dass es besser ist, wenn wir abwarten, bis der Doktor kommt“, wich sie aus. „Wahrscheinlich schläft deine Mutter jetzt, und wir würden sie nur stören.“

Peter nickte verständnisvoll und merkte nichts von der quälenden Unruhe, die Christi erfasst hatte.

„Da hast du recht“, meinte er und ging in die Küche. Christi folgte ihm nachdenklich. Erst einmal musste sie sich um die Hausarbeit und den kleinen Jungen kümmern. Es war nicht gut, wenn er alles mitbekam.

Eine böse Ahnung beschlich sie und ließ sie nicht mehr los.



*



In seinem kurzen Leben konnte sich Peter nicht daran erinnern, sich jemals so große Sorgen gemacht zu haben wie in den letzten Tagen. Höchstens damals, als die kleinen Kaninchen auf rätselhafte Weise verschwunden und nie wiederaufgetaucht waren.

Peters Mutter lag den ganzen Tag im Bett, und fast jeden Abend kam Dr. Fischer aus Feldringen und gab ihr eine Spritze. Aber die schien nicht zu wirken.

Als er von der Schule kam, warf er seinen Ranzen neben die Eingangstür und lief zum Schlafzimmer seiner Mutter. Man hatte sie in den Raum am Ende des Flurs gebettet. Dort hatte sie mehr Ruhe und könnte sich ausruhen.

Leise öffnete er die Tür und blickte hinein.

Das Zimmer war abgedunkelt. Nur eine kleine Nachttischlampe brannte und ließ das blasse Gesicht seiner Mutter noch bleicher und eingefallener erscheinen.

Ohne ein Geräusch zu verursachen näherte sich der kleine Junge dem Bett der kranken Frau. Er wagte kaum zu atmen, als befürchte er, sie könne sonst aufwachen.

Margot Brandner aber schlief nicht. Träge drehte sie den Kopf zur Seite und öffnete die Lider. Ein erschöpftes Lächeln huschte, über ihr ausgemergeltes Gesicht, als sie ihren Sohn erkannte. Sie streckte ihre Rechte aus und hieß ihn, sich auf die Bettkante zu setzen.

„Geht es dir besser, Mami?“, fragte der Kleine voller Sorge. Dankbar ergriff er die Hand seiner Mutter. Sie fühlte sich heiß und schwitzend an.

„Ein wenig“, erwiderte Margot Brandner schwach. „Bald bin ich wieder gesund.“

„Wirklich?“, wollte der Jung wissen. „Wann denn?“

„Bald, sehr bald.“

„Hast du Schmerzen?“, fragte er weiter und nahm den Waschlappen aus der Schüssel mit kaltem Wasser, die auf dem Nachttisch stand. Behutsam wischte er seiner Mutter die schweißnasse Stirn und das Gesicht, so wie er es beim Vater abgeschaut hatte.

„Peter!“ Die Stimme hinter ihm klang nicht laut, aber sehr energisch und herrisch. „Was machst du hier?“

Erschrocken drehte er sieh um. Es war sein Vater.

„Ich wollte doch nur nach Mutter sehen“, versuchte er, sich zu entschuldigen.

„Los raus!“, führ ihn Max Brandner an. „Es ist unverantwortlich von dir, deine Mutter zu wecken. Los, verschwinde!“

„Aber er hat mich gar nicht geweckt, Max“, mischte sich Margot Brandner mit schwacher Stimme ein.

„Ganz ruhig, Liebes“, meinte der Bauer sanft. „Komm, schlaf ein wenig! Es wird dir guttun.“

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908312
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Februar)
Schlagworte
peter brandnerhof

Autor

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Titel: Der Peter vom Brandnerhof