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N. Y. D. - New York Detectives: Flucht nach vorn

2017 120 Seiten

Leseprobe

Flucht nach vorn: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Klaus Tiberius Schmidt


Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.


Bount Reiniger, Privatdetektiv aus New York, erhält von dem steinreichen Makler Steven Yorkville den Auftrag, seinen Bruder Bill ausfindig zu machen und ihm 100000 Dollar zu überbringen. Dieser hat, nachdem er vor Jahren als Kronzeuge ausgesagt hatte, eine neue Identität bekommen und war untergetaucht. Doch was der Detektiv nicht weiß, ist, dass es eine Falle ist: Pete Allegro, der sich für seine Verurteilung rächen will, hat den Millionär erpresst, damit der seinen Bruder ausfindig machen lässt. Nun sind zwei kaltblütige Killer hinter dem ahnungslosen Bill Yorkville her, die nur darauf warten, dass Bount Reiniger sie zu ihrem Opfer führt ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen des Romans:

Steven Yorkville - Der reiche Makler hat für Bount Reiniger einen geheimnisvollen Auftrag.

Bill Yorkville - Vor Jahren ist der Kronzeuge eines Sensationsprozesses untergetaucht, doch die Vergangenheit holt ihn ein.

Pete Allegro - Der eiskalte Gangster will sich nach zehn Jahren Zuchthaus an dem Mann rächen, der ihn ins Gefängnis brachte.

John Peterson und Antonio Usai - Die beiden Berufskiller glauben, ein leichtes Spiel zu haben, aber sie machen die Rechnung ohne Bount Reiniger.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.




1

Es war zwanzig Minuten nach Mitternacht.

New York schlief. Der mäßige Verkehr versiegte immer mehr. Die gelben Taxis der Weltstadt beherrschten das nächtliche Straßenbild.

Mit hoher Geschwindigkeit verließ ein schnittiger Alfa Romeo die Columbus Avenue.

Vor einem mehrstöckigen Apartmenthaus wurde das Fahrzeug hart gebremst. Die Reifen des Sportwagens radierten über den Asphalt und stoppten dann mit schrillem Quietschen.

Die junge Frau hinter dem Steuer holte den Impulsgeber aus dem Handschuhfach. Ein leichtes Berühren der roten Sensortaste genügte.

Auf der anderen Straßenseite öffnete sich wie von Geisterhand das Tor zur Tiefgarage. Die Blondine wollte das Lenkrad einschlagen und die Rampe hinunterfahren.

Plötzlich tauchte ein schwarzer Plymouth auf. Er kam auf der Gegenfahrbahn angerast. Grelle Halogenscheinwerfer durchbohrten die Nacht und erfassten den Alfa Romeo.

Geblendet presste die junge Frau den rechten Unterarm gegen die schmerzenden Augen. Für Sekunden war sie wie blind.

Im selben Moment wurde die Fahrertür aufgerissen. Wie aus dem Nichts war ein Mann neben dem Sportwagen aufgetaucht.

Die Frau zuckte erschrocken zusammen. Riesengroß sah sie etwas Weißes auf sich zukommen. Ihr Angstschrei erstickte in einem mit Äther getränkten Wattebausch.



2

Das Telefon schrillte.

Bount Reiniger saß gerade auf der Kante von June Marchs Schreibtisch und schlürfte eine Tasse heißen Kaffee. Knurrend setzte er sie ab. Mit den Fingerspitzen massierte er seine Schläfen und murmelte eine Verwünschung. Der letzte Abend mit ein paar alten Freunden war ziemlich feuchtfröhlich gewesen. Die Nachwehen spürte er jetzt noch. Die Kopfschmerzen wollten einfach nicht verschwinden.

„Geh du ran“, forderte er June mürrisch auf. Seine Mitarbeiterin würde den lästigen Anrufer schon abwimmeln.

Es klingelte das vierte Mal.

„Was soll ich sagen?“, fragte June hilflos. „Dass du einen Kater hast und ...?“

„Ist mir egal“, knurrte Reiniger. „Sage einfach, ich sei nicht im Hause. Lass dir etwas einfallen.“

June nahm den Hörer ab und meldete sich. Eine Weile horchte sie in die Muschel hinein, dann reichte sie den Hörer weiter.

„Ein Auftrag, Boss.“ Sie lächelte süffisant. „Wer saufen kann, kann auch arbeiten. Altes, chinesisches Sprichwort.“

Brummend nahm Bount Reiniger den Hörer und murmelte ein paar Flüche, die an Junes Adresse gerichtet waren.

„Reiniger“, maulte er ins Telefon hinein.

Ein gewisser Steven Yorkville meldete sich. Seine Stimme wirkte hektisch. Der Mann am anderen Ende der Leitung musste ziemlich nervös sein.

„Ich hätte einen Auftrag für Sie, Mr. Reiniger“, kam er gleich zur Sache. „Hätten Sie Interesse?“

„Kommt auf die Art des Auftrags und die Höhe des Honorars an“, erwiderte Bount schlechtgelaunt.

„Wie wäre es mit 10000 Dollar Anzahlung?“

Plötzlich war der Privatdetektiv hellwach. Schlagartig war sein Kater wie weggeblasen. Für eine Sekunde starrte er verwirrt die Sprechmuschel seines Telefons an, als sei der Apparat defekt.

„Das ist wirklich ein nettes Sümmchen“, meinte er schließlich. „Was soll ich dafür tun? Ronald Reagans Großmutter entführen?“

Der Mann blieb ernst. Er schien die Frage nicht als Scherz zu verstehen.

„Das sollten wir am besten unter vier Augen besprechen. Ich wohne in Chelsea, 34. West, Büroetage 23. Ist nicht zu verfehlen. Ganz in der Nähe vom New Madison Square Garden.“

Bount Reiniger wollte noch etwas fragen, doch er wurde von dem eintönigen Tuten in der Leitung gestört. Der Teilnehmer hatte kurzerhand aufgelegt.

Nachdenklich überreichte der Detektiv seiner Assistentin das Telefon und rutschte von der Schreibtischkante.

„Was gibt es?“, wollte June wissen. „Du siehst aus, als ob du in einen sauren Apfel gebissen hättest.“

Bount schaute seiner Assistentin in die hübschen, blauen Augen und setzte sein charmantestes Lächeln auf.

„Besser so?“

„Ja“, bestätigte sie. „Nun aber raus mit der Sprache. Was wollte der Anrufer?“

„Wie würdest du reagieren, Darling, wenn man dir einen Job anbietet, der schon 10000 Dollar Anzahlung bringt?“

„Entweder hat der Mann zu viel Geld, oder die Sache ist nicht astrein.“

„Sehr richtig, du Schlaukopf“, lobte ihr Chef. „Werde meinen neuen Auftraggeber genau unter die Lupe nehmen, bevor ich zustimme. Anhören kann man sich seine Offerte ja mal.“

Ein paar Minuten später saß Bount in seinem silbergrauen Mercedes 450 SEL und schleuste sich in den Verkehr ein.

Rushhour, die Hauptverkehrszeit mit ihren Staus und Blechlawinen war zum Glück vorbei. Er kam zügig voran. Von seinem Büroapartment in der Seventh Avenue bis zum New Madison Square Garden waren es nur ein paar Minuten. Er fand sofort eine Parklücke, direkt gegenüber der Adresse, die Yorkville ihm nannte.

Bount blickte sich um. Der mögliche Auftraggeber hatte sein Büro nicht gerade in der ärmsten Gegend. Es war ein modernes Hochhaus wie viele andere in Manhattan. Ein Bau aus Beton, Stahl und mit einer gewaltigen Glasfassade. Absolut symmetrisch und kalt. Ein Symbol von Reichtum und Macht.

In der Empfangshalle des Hochhauses wurde Reiniger von einem Pförtner in dunkelblauer Uniform mit Goldknöpfen abgefangen.

„Wen wünschen Sie zu sprechen, Sir?“ Ein misstrauischer Blick streifte ihn.

„Ich bin mit Mr. Steven Yorkville verabredet“, erklärte Bount freundlich. Er wollte weitergehen, doch der Uniformierte hielt ihn zurück.

„Sind Sie angemeldet?“

Reiniger räusperte sich und schielte auf seinen Oberarm. Der Portier hatte seine Rechte darum gekrallt und ließ ihn nicht los.

„So einfach geht das nicht, Mister“, erklärte der Wachmann energisch. „Darf ich mal Ihren Ausweis sehen? Man kann hier nicht einfach rein- und rausspazieren.“

Bount Reiniger räusperte sich wieder. Er hatte keine Lust, mit diesem diensteifrigen Herrn Streitgespräche zu führen. Eigentlich hatte der Mann ja recht. Kontrollieren und für Sicherheit sorgen war immerhin sein Job. Also griff Bount in die Innentasche seines Jacketts.

Der Pförtner bewachte seine Aktivitäten mit Argusaugen. Bount achtete peinlichst darauf, dass der Portier nicht seine 38er Automatic im Schulterholster sah. Das hätte garantiert gewaltige Probleme gegeben.

„Reicht das?“ Er hielt dem Uniformierten seine Privatdetektivlizenz unter die Nase.

Der Wachhabende studierte den Ausweis und gab sich sonst unbeeindruckt.

„Natürlich“, meinte er tonlos und wies auf die Lifttür. „Ich werde Mr. Yorkville Ihr Eintreffen mitteilen, wenn Sie nichts dagegen haben, Mr. Reiniger.“

„Tun Sie sich keinen Zwang an, guter Mann“, erwiderte Bount und steckte den Ausweis wieder ein. „Ich will nicht, dass Sie gegen Ihre Vorschriften verstoßen. Und außerdem soll mein Auftauchen keine Geburtstagsüberraschung sein.“

„Etage 23, direkt rechts neben dem Aufzug“, erklärte der Wachmann. „Die Dame im Vorzimmer ist eine gewisse Miss Snyder.“

Bount bedankte sich und stieg in den Lift. Wenig später stand er vor Yorkvilles Sekretariat. Sein Blick huschte über das Messingschild, das neben dem Türrahmen hing. Es sagte aus, welchem Beruf sein möglicher Auftraggeber nachging. Er war Grundstücksmakler. Wahrscheinlich keiner von der armen Sorte, falls es die in dieser Branche überhaupt gab.

Bount klopfte. Er wartete nicht ab, bis er hereingebeten wurde.

Die Dame hinter dem weißlackierten Schreibtisch war vom älteren Semester, trug eine unmoderne Hornbrille und streng zurückgekämmtes Haar. Zudem war sie spindeldürr, als habe sie bei der letzten Diät das Abschlussdatum vergessen. Am verwirrendsten aber war ihr Blick, der Bount Reiniger das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ihre Augen blitzten schmachtend. Sie erhob sich hastig und strich den grauen Rock glatt.

„Guten Morgen, Sir“, säuselte sie mit hoher Stimme. „Mr. Reiniger, nehme ich an?“ Mit kleinen Tippelschritten kam sie um den Schreibtisch herum.

Bount Reiniger geriet in Panik.

Mein Gott, dachte er. Wenn ich ihr jetzt einen Heiratsantrag machen würde, wäre ich in fünf Minuten auf dem Standesamt und müsste „ja“ sagen.

„Der bin ich, Mrs. Snyder“, erwiderte er rasch und versuchte, unverbindlich zu lächeln. Die alte Jungfer durfte auf keinen Fall ermutigt werden. „Ich möchte zu Mr. ...“

„Miss Snyder, nicht Mrs.“, verbesserte sie ihn und kicherte wie ein verlegener Teenager. „Ich bin noch zu haben.“

„Wie schön für Sie“, fand Bount mit gequältem Lächeln. „Dann haben Sie ja noch die ganze Männerwelt zu Füßen liegen.“

„Danke, das haben Sie aber ...“

„Würden Sie mich jetzt bitte Mr. Yorkville melden?“, bat Bount eindringlich. „Es ist wichtig, und er hat mich um Eile gebeten.“

Die Jungfer erwachte wie aus einem Traum. Ihr herbes Gesicht wurde ernst. Abrupt drehte sie sich um. „Treten Sie ein.“ Fast schroff wies sie auf die lederbespannte Tür, die in den Nebenraum führte. „Mr. Yorkville erwartet sie bereits.“

Bount Reiniger ließ sich kein zweites Mal bitten. Zurück blieb eine enttäuschte Miss Snyder. Wieder einmal in ihrem langjährigen Mauerblümchen-Dasein hatte das Charme Versprühen nichts eingebracht.

„Ah, Mr. Reiniger!“

Steven Yorkville wälzte sich aus seinem Bürostuhl, falls man das Möbel so nennen konnte. Jedenfalls war der Begriff „wälzen“ absolut passend.

Der Makler wog mindestens zwei Zentner. Der schlechtsitzende Anzug spannte sich über einem voluminösen Bauch. Die Knöpfe am Jackett lebten in der ständigen Angst, jeden Moment abzuspringen. Alles an Yorkville war fett. Selbst die Augen lagen inmitten von dicken Fleischwülsten. Entweder litt der Mann an einer krankhaften Funktion der Drüsen, oder er war ganz einfach verfressen.

Bount setzte ein Lächeln auf, obwohl ihm nicht danach zumute war. Dieser Mann war ihm alles andere als sympathisch, und das lag keinesfalls an dessen Leibesumfang. Eigentlich mochte er korpulente Menschen. Toby Rogers war ein Beweis dafür. Allerdings hätte der Captain sich hinter Yorkville unbemerkt ausziehen können.

Nein, etwas anderes stieß Bount ab. Er suchte nach dem Grund seiner Antipathie.

„Nehmen Sie doch Platz, Mr. Reiniger“, forderte der Makler seinen Gast auf und wies auf einen Sessel. „Freut mich, dass Sie so schnell den Weg zu mir gefunden haben.“

Bount kam der Bitte nach.

„Hier bin ich also“, erklärte er. „Worum geht es? Bevor wir lange reden, will ich Ihnen gleich sagen, dass ich für krumme Dinge nicht ihr Mann bin.“

„Aber, Mr. Reiniger! Ich muss doch sehr bitten.“ Yorkville war entrüstet. „Ich bin ein ehrlicher Geschäftsmann und kein Mafiaboss.“

„War nur so eine Bemerkung“, konterte Bount ungerührt und steckte sich eine Pall Mall an. „Immerhin bin ich für klare Verhältnisse.“

„Ich auch, Mr. Reiniger.“

„Dann sind die Grenzen ja abgesteckt. Also raus mit Ihren Wünschen. Ich höre.“

Yorkville ließ sich wieder ächzend in seinen Bürosessel hineinfallen. Der Stuhl musste eine Spezialfederung haben, sonst wäre er gewiss zusammengebrochen.

„Sie sind ein energischer Mann, der weiß, was er will“, lobte der Dicke schmeichelnd.

Unwillkürlich musste Bount in diesem Moment an Miss Piggy aus der Muppet-Show denken. Yorkville wäre ein gutes Gegenstück zu dieser Schweinedame gewesen.

Je länger der Detektiv dem Makler gegenübersaß, desto klarer wurde ihm, was ihm an diesem Mann nicht gefiel. Er war darauf geschult, Situationen zu beurteilen.

Steven Yorkville war nicht so gelassen und ruhig, wie er vorgab. Er glich einem Nervenbündel, das krampfhaft versuchte, dem anderen nicht zu zeigen, was in ihm vorging. Nervös spielte er mit den Fingern. Sein Blick war unstet. Länger als zwei Sekunden konnte er seinem Gegenüber nicht in die Augen schauen.

„Ich habe, um ehrlich zu sein, einen ziemlich verrückten Auftrag für Sie“, legte Yorkville die Karten auf den Tisch. Dabei griff er nach einer Schachtel und öffnete sie. „Zigarre gefällig?“ Er schien das Stäbchen in Bounts Hand nicht bemerkt zu haben. Reiniger lehnte dankend ab und zeigte auf seine glimmende Zigarette. „Bleibe lieber bei meiner Spezialmarke.“

Yorkville stellte die Schachtel zurück und räusperte sich. „Kurz und gut: Es geht um meinen Bruder Bill. Er ist in finanziellen Schwierigkeiten und braucht dringend Geld. Ich möchte Sie bitten, ihm 100000 Dollar zu bringen.“

„Wie wäre es denn mit einer Banküberweisung?“, schlug Bount vor. „Das ist zudem wesentlich problemloser und sicherer. Wissen Sie, wie gefährlich es ist, heutzutage mit 100 Mille in der Gegend herumzufahren? Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, was das Ganze soll. Und dafür wollen Sie 10000 Dollar Anzahlung ausspucken? Das müssen Sie schon näher erklären.“

Yorkville lächelte gequält. Er griff in die Tasche seines Anzugs und zückte ein blütenweißes Taschentuch. Hastig wischte er sich die Schweißtropfen von der Stirn.

Bount wunderte sich, dass der Mann so schwitzte. Draußen war es kühl, die Klimaanlage lief, und der Dicke saß still in seinem Sessel. Dann konnte es nur das schlechte Gewissen sein, das ihn quälte und die Schweißperlen aus den Poren trieb.

„Ja, wissen Sie ...?“

Reiniger unterbrach ihn abrupt. Er beugte sich nach vorn und blickte den Makler unverhohlen an.

„Wir sind hier nicht auf dem Polizeirevier, Mr. Yorkville“, bemerkte der Privatdetektiv. „Wenn ich diesen Job übernehmen soll, müssen Sie mir schon reinen Wein einschenken.“

Der Makler nickte eifrig.

„Wissen Sie, Mr. Reiniger“, sagte er heiser. „Die Sache hat schon einen Haken.“

„Dann raus mit der Sprache!“ Yorkville räusperte sich. Nun schwitzte er noch mehr. Ehe er etwas sagte, beugte er sich ächzend zur Seite. Aus der untersten Schublade des Schreibtisches beförderte er eine Flasche und zwei Gläser.

„Den brauche ich jetzt.“

„Für mich bitte nicht“, lehnte Reiniger dankend ab. „Zu früh.“

Yorkville schüttete den scharfen Whisky in sich hinein, als wäre es Wasser. Danach füllte er das Glas ein zweites Mal bis zur Hälfte voll.

Bount beobachtete sein Gegenüber genau. Es gab keine Zweifel. Dieser Mann hatte Angst. Ja, da war er sich hundertprozentig sicher. Aber wovor fürchtete er sich?

Yorkville wurde jetzt ein wenig ruhiger. Der Alkohol zeigte bereits Wirkung. In den Augen des Maklers lag ein eigenartiger Glanz.

„Kennen Sie den Fall Paladini?“, fragte er plötzlich.

Bount Reiniger überlegte eine Weile, dann verneinte er.

„Es war vor etwa zehn Jahren“, berichtete Yorkville. „Paladini und seine Mördertruppe hatten viele Leute auf dem Gewissen. Sie killten jeden. Hauptsache, das Geld stimmte. Mein Bruder Bill wurde eines Abends Zeuge eines solchen Mordes. Paladini persönlich hatte ihn ausgeführt. Aufgrund von Bills Aussage konnte die ganze Crew verhaftet und verurteilt werden.“

„Und nun fürchtet Ihr Bruder, dass man sich an ihm rächt“, vermutete Bount.

Yorkville verneinte. „Der erste dieser Killer kommt erst in fünf Jahren aus dem Gefängnis. Es ist vielmehr so, dass man Bill für seine Dienste damit belohnte, dass man ihm eine neue Existenz besorgte. Er lebt irgendwo in den Staaten unter falschem Namen.“

Bount Reiniger dämmerte es. „Soll das heißen, dass Sie überhaupt nicht wissen, wo Ihr Bruder lebt?“

„Genau“, seufzte Yorkville erleichtert. „Deshalb auch das hohe Honorar. Sie sollen Bill finden. Er selbst hat mich beauftragt, Sie zu engagieren.“

Reiniger wunderte sich. „Wieso gerade mich? Viele meiner Kollegen würden es billiger machen. Und außerdem frage ich Sie, woher Ihr Bruder mich überhaupt kennt.“

„Das kann ich Ihnen nicht beantworten, Mr. Reiniger“, bedauerte Yorkville. „Allerdings sagte er mir, dass Sie gute Verbindungen haben und der Einzige seien, der seine Adresse herausbekommen könne.“ Für einen Augenblick war Bount sprachlos. In seinen Gehirnwindungen begann es zu arbeiten.

„Ihr Bruder scheint ein sehr misstrauischer Mensch zu sein. Wieso sagt er Ihnen denn nicht die Adresse? Das würde vieles vereinfachen.“

„Bill hat wohl Angst, dass man mein Wissen eines Tages aus mir herauspressen könnte“, hatte Yorkville eine plausible Erklärung. „Ich habe Frau und Kind, müssen Sie wissen.“

Das war einleuchtend.

„Stellen Sie das Geld bereit, Mr. Yorkville“, sagte Bount Reiniger und erhob sich. „Ich nehme den Auftrag an. Allerdings kann es ein paar Tage dauern, bis ich Ihren Bruder gefunden habe.“

„Macht nichts.“ Auch Yorkville wälzte sich aus seinem Sessel. Er schien merklich erleichtert. „Bei Übergabe des Geldkoffers bekommen Sie Ihre Anzahlung. Die Spesen und die Erfolgsprämie, sagen wir 5 Mille, kriegen Sie nach Ausführung, okay?“

Reiniger war einverstanden.

„Aber damit wir uns richtig verstehen“, ließ Bount erst gar keine falschen Hoffnungen aufkommen. „Den Ort, wo Ihr Bruder lebt, werden Sie nie von mir erfahren.“

„Nein, nein“, wehrte Yorkville ab und fuchtelte mit den fleischigen Armen durch die Luft. „Das soll auch nicht der Sinn dieser Aktion sein. Ich will nur, dass Bill das Geld bekommt. Sie können ruhig für sich behalten, was Sie erfahren.“

„Wenn ich es erfahre ...“, erwiderte Reiniger und erhob sich. „Ich melde mich, sobald ich die nötigen Informationen habe.“

Der Makler nickte nur und nippte an seinem Whiskypott.

„Dann bis bald“, verabschiedete Bount sich und verließ das Büro. Auch das Vorzimmer hatte er rasch hinter sich gelassen und murmelte ein lässiges „Good bye“.

Die Jungfer schaute nicht einmal auf. Sie schien beleidigt zu sein, da man ihre Liebe wieder einmal verschmäht hatte.



3

Sofort nachdem Bount Reiniger das Büro verlassen hatte, öffnete Yorkville hastig das Seitenfach des Schreibtisches. Die Whiskyflasche kam wieder zum Vorschein. Diesmal schüttete er das Glas fast voll.

Er wollte gerade die Lippen an den Rand setzen und trinken, als sein Telefon schellte. Es war nur ein angenehmes Summen statt des nervtötenden Schrillens einer normalen Telefonanlage. Der Dicke zuckte aber trotzdem zusammen, als wäre eine Bombe neben ihm eingeschlagen. Er wurde kreidebleich. Um ein Haar wäre ihm das Glas aus den Fingern geglitten.

„Yorkville“, meldete er sich mit heiserer Stimme. Seine Hände zitterten und konnten den Hörer nicht ruhig halten.

Stille.

„Wer ist denn da?“

Yorkville wurde noch nervöser. Wieder begann er zu schwitzen. Der Teilnehmer hatte nicht aufgelegt. Deutlich vernahm man ein tiefes, gleichmäßiges Atmen.

„Sind Sie es, Allegro?“, fragte der Makler. „So melden Sie sich doch! Was sollen diese Kindereien?“

Keine Antwort.

Yorkville wusste sich nicht anders zu helfen, als den Hörer auf die Gabel zu werfen. Er tat es mit solcher Hast, als habe er sich daran verbrannt.

Völlig aufgelöst blickte er auf den grünen Apparat. Er keuchte und wischte sich über die schweißnasse, glänzende Stirn. Längst schon waren auch seine Haare feucht und klebten am Schädel.

Wieder summte es.

Yorkville zögerte keinen Augenblick und nahm erneut ab. Der Psychoterror des Mannes, der ihn erpresste und quälte, zerrte an seinen Nerven. Er war kaum noch Herr seiner Sinne. Schon während Reinigers Anwesenheit hatte er es kaum geschafft, sich normal zu benehmen. Es käme einem Wunder gleich, wenn der Privatdetektiv nichts gemerkt hätte. Einen Bount Reiniger führte man so rasch nicht an der Nase herum.

„Muss diese Quälerei sein, verdammt noch einmal?“, machte er seiner Nervosität Luft. „Reicht es nicht, dass Sie mich in Ihre schmutzigen ...“

„Nur keine Beleidigungen, mein Freund“, meldete sich eine sonore Stimme, die ein wenig verstellt klang. „So etwas mag ich nämlich gar nicht. Ich sah gerade Ihren Freund Reiniger aus dem Bürohaus kommen. Haben Sie ihm den Auftrag erteilt?“

Yorkville bestätigte es hastig. „Er hat angenommen, aber es dauert ein paar Tage, bis er es herausbekommen hat.“

„Hoffentlich nur nicht zu lange, mein Guter. Ich bin eigentlich ein unruhiger Mensch und nicht gerade geduldig.“

Für Sekunden schloss Yorkville die Augen. Er musste überlegen, was er sagte. Auf keinen Fall durfte er den Mann reizen.

„Es wird alles geschehen, wie Sie es wünschen, aber bitte lassen Sie ...“

„Wenn hier einer etwas fordert, bin ich es“, brummte der Erpresser herrisch. „Sehen Sie zu, dass alles so rasch wie möglich über die Bühne geht und Reiniger nichts merkt, kapiert?“

Klick! - Der Erpresser hatte aufgelegt.

Mit den Nerven am Ende griff Yorkville zur Flasche, obwohl das Glas bis zum Rand voll auf der Schreibtischunterlage stand. Er setzte sie an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck.

Ihm war klar, dass er immer tiefer in den Sumpf geriet, in den er sich gewagt hatte. Er hätte zumindest Bount Reiniger reinen Wein einschenken sollen. Dazu aber war es jetzt zu spät.

Die tödliche Falle war bereits aufgebaut.



4

Als Bount Reiniger in seinem Mercedes saß, griff er als erstes zum Autotelefon. Er wählte die Nummer seines Büroapartments. June war sofort am Apparat.

„Was gibt es Neues?“, wollte sie wissen. „Lohnt sich der Auftrag oder ist etwas faul daran?“

„Deshalb rufe ich an“, gab Bount zu. „Bin mir noch nicht so sicher, was hinter alledem steckt. Aber wofür habe ich denn dich, Angel? Versuch bitte, mehr über diesen Mr. Yorkville herauszubekommen. Vorname Steven, Beruf Makler, Büroadresse hast du ja. Wenn es geht, auch über seine gesundheitliche Verfassung. Der Junge machte mir nämlich einen sehr angeschlagenen Eindruck.“

„Ein gestresster Millionär?“

„Tippe entweder auf labil und sensibel oder auf Angst. Beweisen kann ich beides nicht.“

„Mal sehen, was sich machen lässt“, meinte June und legte auf.

Bount Reiniger fuhr in die 34th West Richtung Süden und bog bei der nächsten Kreuzung ab. Wenig später war er am Ziel. Vor dem Präsidium fand er einen Parkplatz für seinen Luxusschlitten.

Als er in das graue Gebäude trat, merkte er sofort, dass Hochbetrieb herrschte. Die Mordkommission Manhattan C/II glich einem aufgescheuchten Hühnerhaufen. In der letzten Nacht musste allerhand geschehen sein.

Schreibmaschinen klapperten. Protokolle und Aussagen wurden getippt. Überall war Stimmengewirr. Zwischen den Tischen wieselten Männer und Frauen herum. Uniformierte führten Inhaftierte ab und brachten neue. Das alles passierte in einem Raum, in dem man kaum 10 Yards weit sehen konnte. Dicke Zigarettenqualmwolken nahmen die Sicht, und es roch nach verschwitzten Menschen. Zu allem Überfluss war noch die Klimaanlage ausgefallen. Langsam aber sicher drückten die aufgedrehten Heizungen die Temperaturen in die Höhe. Keiner dachte in dieser Hektik daran, sie abzudrehen.

In einer Ecke versuchte ein Uniformierter gerade, einen Stadtstreicher zu beruhigen. Der Penner hatte sich offenbar vorgenommen, es den Bullen mal so richtig zu zeigen. Er keifte und zeterte wie ein altes Weib.

Normalerweise hätte Bount dieses Chaos fluchtartig verlassen. Heute aber blieb ihm nichts anderes übrig, als sich durchzukämpfen. Er musste auf jeden Fall zu Toby.

Ein Lieutenant lief ihm über den Weg. Bount kannte ihn noch vom letzten Besuch. Auch der Uniformierte schien sich wieder zu entsinnen.

„Wollen Sie etwa zu Captain Rogers?“, fragte er überrascht.

„Mir scheint, Sie machen sich Sorgen um meine Gesundheit“, wunderte Reiniger sich und ahnte schon, was kommen würde. „Hat er wieder schlechte Laune?“

„Diät-Kur“, flüsterte der Lieutenant.

„Auch das noch“, stöhnte Bount und ging weiter. Die Hoffnung, den Captain für seinen Auftrag einspannen zu können, schrumpfte gewaltig.

Gerade wollte er die Klinke der Milchglastür herunterdrücken, als er innehielt.

In Rogers' Büro schien ein Vulkan zu toben. Die Scheiben der Tür begannen bereits zu vibrieren.

Der Captain schrie aus Leibeskräften. Seine Schimpftiraden galten wohl einem Mitarbeiter. Wer auch immer es sein mochte, er bekam ganz schön sein Fett ab. Der Arme konnte einem leid tun, wenn man hörte, was Rogers ihm alles androhte.

Dann herrschte schlagartig Stille.

Sie dauerte nicht lange. Plötzlich ertönte ein donnerndes „Raus!“. Im gleichen Augenblick wurde die Tür aufgerissen. Ein Detective kam aus dem Büro gehetzt und suchte sein Heil in der Flucht. Er war bleich wie die Wand. Das Ganze schien ihn stark mitgenommen zu haben.

Bount konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Dieser Junge war gewiss noch nicht lange unter Rogers tätig. Wer ihn und sein Temperament kannte, nahm sich Gefühlsausbrüche dieser Art nicht so zu Herzen. In Wahrheit war Toby ein rauer Brocken mit einem weichen Kern.

„Guten Tag, lieber Freund“, grüßte Bount und trat in das kleine Büro.

Rogers' massiger Kopf ruckte hoch. Seine Mundwinkel zuckten leicht, und die Lippen wurden unnatürlich schmal, als er Reiniger erblickte.

„Du hast mir gerade noch zu meinem Glück gefehlt“, knurrte der Captain.

„Umso besser“, meinte Bount mit lockerem Lächeln. „Es ist doch immer wieder schön, alte Freunde wiederzusehen. Habe mir irgendwie gedacht, dass du Sehnsucht nach mir hast. Da bin ich!“

„Nicht zu fassen“, stöhnte Toby Rogers und verschränkte die Arme über der Brust. „Und was ist der Grund für deinen Besuch? Du siehst doch, dass ich keine Zeit habe, geistlose Konversation mit dir zu betreiben.“

„Aber, aber, mein guter Toby“, spielte Bount Reiniger den Empörten. „Solch harte Worte in meinem Ohre. Schäme dich, einen alten Kumpel so zu begrüßen.“

„Kumpel?“, wunderte Rogers sich. „Nervensäge wäre ein passenderes Wort.“

Bount setzte ein freches Lächeln auf und machte es sich unaufgefordert auf dem Stuhl vor Tobys Schreibtisch bequem. Seine Beine legte er hoch.

„Auch eine Zigarette?“, fragte er und hielt dem Captain die Schachtel Pall Mall entgegen. „Ach, ich vergaß, dass du auf dem Gesundheitstrip bist.“

Genüsslich steckte er sich einen Nikotinstängel an und blies die erste Rauchwolke zur Decke.

„Was willst du?“

Mehr fragte Rogers nicht. Er kannte Bount Reiniger lange genug, um zu wissen, dass er etwas von ihm wollte.

„Dich besuchen und schauen, wie es dir geht“, erwiderte der Privatdetektiv mit einer Mimik, als könnte er kein Wässerchen trüben.

„Hör das Theaterspielen auf“, brummte Rogers mit gedämpfter Stimme. Seine Augen wurden schmal, und sein Blick bekam etwas Lauerndes. „Spuck schon aus!“

Er hatte gehofft, Bount würde seine Karten offen auf den Tisch legen. Doch dazu kam es vorläufig nicht. Reiniger kannte den Captain wie einen Bruder. Erst wenn er weichgekocht und entnervt war, würde er ihm helfen und die nötigen Informationen beschaffen.

„Bist du eigentlich ein sozialer Typ?“, fragte Bount vorsichtig.

„Was soll denn das nun schon wieder bedeuten?“

„War nur so beiläufig erwähnt“, meinte Reiniger mit Unschuldsmiene. „Man darf doch wohl mal fragen, oder? Will dich nämlich um einen Gefallen bitten, wie du schon richtig erraten hast. Es geht da um einen armen Mann, der dringend Geld braucht. Sein Bruder will es ihm geben, doch er kann nicht.“

„Soll ich vielleicht als Samariter einen Fond für Arme einrichten oder mit der Sammelbüchse herumgehen? Ich habe weiß Gott andere Probleme. In der letzten Nacht sind in Manhattan allein acht Menschen umgebracht worden. Weißt du, was das heißt? Wir stecken bis zum Hals im Schlamassel. Meine Männer arbeiten zum Teil seit zwanzig Stunden, und du kommst mir mit sentimentalen Geschichten. Sag endlich, was du willst, und dann raus mit dir.“

„Du würdest mir also wirklich helfen?“

Rogers schloss die Augen und seufzte. Der Hunger nagte in seinen Gedärmen. Die nächste Mahlzeit in drei Stunden würde nur aus einer Scheibe Toast und einem Apfel bestehen. Allein das reichte, um ihn zu reizen.

„Ja, in Gottes Namen! Nun hör aber endlich mit dieser Rederei auf und sage, worum es geht. Ich habe keine Zeit.“ Mit der flachen Hand klopfte er auf einen Stoß Akten und verdrehte flehend die Augen.

„Ich brauche eine Adresse.“

Der Captain zuckte zusammen und lief rot an. Jeden Moment würde er explodieren und losbrüllen.

Bount Reiniger rechnete mit dem Schlimmsten, aber es kam nicht dazu.

Es klopfte. Im gleichen Augenblick trat eine junge Polizistin ein. Sie war blond, hübsch und gut gebaut. Die eng geschnittene Uniform betonte ihre atemberaubende Figur. Schon ihr Lächeln ließ Bounts Herz ein wenig schneller schlagen.

„Der Bericht, Captain“, erklärte sie mit einer tiefen, erotischen Stimme. „Er ist gerade fertig geworden.“

Sie legte eine Aktenmappe auf den Rand des Schreibtisches und verschwand wieder.

„Mensch, wo hast du die denn aufgegabelt? Frisch von der Polizeiakademie?“ Reiniger stieß einen bewundernden Pfiff aus. „Machst du deshalb deine Abmagerungskur?“

Rogers' Zorn war durch das Erscheinen der jungen Polizistin offenbar verraucht. Es dauerte allerdings nicht lange, bis er wieder auf 180 war.

„Was soll das dumme Gerede?“, wollte er wissen. „Wer hat dir denn diesen Blödsinn eingetrichtert? Du glaubst wohl auch allen Unfug, den du aufschnappst, he?

„Die Tauben im Central Park erzählen sich schon Witze darüber“, stichelte Bount amüsiert.

„Dummes Federvieh“, schimpfte Toby brummend. Unwillkürlich musste er an gebratene Tauben denken. „Die sollen lieber zusehen, dass sie nicht in der Pfanne landen.“

Reiniger lachte.

Der Captain grinste ebenfalls, dann fragte er: „Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei der Adresse.“ Er wurde wieder ernst, lehnte sich zurück und faltete die Hände über dem Bauch zusammen.

„Sag mal, hast du eigentlich nicht mehr alle Tassen im Schrank? Schau ins Telefonbuch. Ist ja wohl eine Frechheit mich mit so etwas zu belästigen.“

Reiniger winkte ab. Nun war es an der Zeit, die Katze aus dem Sack zu lassen, wie man so schön sagte. Er machte sich nichts vor. Rogers kannte ihn lange genug, um zu ahnen, dass er etwas ganz Bestimmtes wollte.

Bount Reiniger erzählte, welchen Auftrag er angenommen hatte und weshalb er die Adresse brauchte.

Tobys Augen wurden immer größer. Er unterbrach seinen Freund nicht. Allerdings konnte man an seinem Gesicht ablesen, was er dachte.

„Das ist doch wohl nicht dein Ernst, Bount?“, meinte er, als der Privatdetektiv geendet und sich eine neue Zigarette angezündet hatte.

„Wieso glaubst du das?“ Bount Reiniger paffte still vor sich hin. „Einen Freundschaftsdienst kannst du mir doch wohl leisten.“

Er wusste selbst, dass seine Bitte fast unmöglich war. So einfach würde es nicht sein, Bill Yorkvilles neue Identität zu erfahren. Garantiert war es ein streng gehütetes Geheimnis vom FBI, der Staatsanwaltschaft oder gar der CIA. Und das bedeutete, dass es sogar für Rogers ein heißes Eisen war.

„Willst du, dass ich demnächst irgendwo als Nachtwächter meine Brötchen verdiene?“, fragte Toby. „No, Kleiner. Da wird wohl nichts drin sein.“

Damit hatte Bount gerechnet.

„Dann muss ich den Mann halt seinem Schicksal überlassen.“ Er stand auf und drückte die angerauchte Zigarette im Aschenbecher aus. „Dann geht die Leiche auf dein Konto, Toby. Vergiss das nicht. Aber ein Captain der Mordkommission denkt wohl nur in großen Leicheneinheiten. Was bedeutet dir schon ein Leben.“

„Ich muss doch sehr bitten“, fauchte Rogers zurück. „Mir ist ein Menschenleben ebenso wichtig wie dir.“

„Du handelst aber nicht so. Dieser Bill Yorkville hat seinen Bruder nicht umsonst angepumpt und riskiert nicht ohne Grund, dass seine Identität auffliegt. Gewiss, die Gangster, die ihm eines Tages, wenn man sie aus dem Knast entlässt, ans Fell wollen, kommen frühestens in fünf Jahren an die frische Luft. Es gibt aber auch noch andere Verbrecher. Vielleicht wird Yorkville erpresst und hat sich deshalb an seinen reichen Bruder gewandt. Ich weiß nur eins, Toby. Wenn du mir die Adresse nicht besorgst, kann der Mann sehr schnell ein toter Mann sein. Und dann haben deine Kollegen, wo auch immer es sein mag, einen neuen Fall.“

Captain Rogers gab seufzend auf. Er schlug die Hände vor das Gesicht und stöhnte. Reinigers leidenschaftliche Rede hatte ihn umgestimmt. Nicht aus Überzeugung lenkte er ein, sondern um diese Nervensäge von Detektiv loszuwerden.

„Du kriegst die Anschrift. Aber tu mir einen Gefallen. Geh endlich.“

„Wann kann ich sie haben?“, bohrte Bount weiter. Innerlich triumphierte er.

„Ich rufe dich an, wenn ich sie habe.“

„Das werde ich dir nie vergessen, Kumpel“, versprach Reiniger ehrlich.

Er war schon fast draußen, als der Captain ihn zurückhielt.

„Geht irgendetwas bei der Sache schief, egal was auch immer, lernst du mich kennen, mein Freund“, gelobte er. „Du wirst mit mir in der Gosse landen, wenn du etwas versaust.“

Bount Reiniger wusste, dass Rogers in diesem Moment nicht spaßte. Er meinte es todernst.

„Ich werde schon auf mich achtgeben“, versprach Bount weltmännisch. „Du weißt doch, Unkraut vergeht nicht.“

„Das ist ja gerade das Schlimme“, stöhnte Captain Rogers. „Wird Zeit, dass die Chemie etwas gegen dich findet.“

„Wie sanftmütig du wieder bist“, lobte Reiniger mit einem provozierenden Grinsen. „Wenn der Fall abgeschlossen ist, habe ich übrigens eine Überraschung für dich.“

„Und die wäre?“, wurde Rogers neugierig.

„Ich lade dich zu einer schönen, großen Pizza ein.“

Nur um Haaresbreite entging Bount der Attacke eines Kugelschreibers.



5

In den Straßenschluchten Manhattans herrschte emsiges Treiben. Es war kurz vor Mittag. Der Tag versprach schön zu werden. Kein Wölkchen zeigte sich am Himmel. Die Quecksilbersäulen stiegen. Es war der wärmste Apriltag seit Jahren.

Bount Reiniger fuhr in sein Büroapartment. Er war gespannt, ob June etwas herausbekommen hatte. Nach wie vor interessierte ihn Yorkvilles Leben. Nur sehr ungern überließ er etwas dem Zufall. Besonders bei einem solch heiklen und brisanten Fall.

Seine Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Als er in sein Büro trat, legte seine Assistentin gerade den Telefonhörer auf.

„Habe einige Infos für dich, Chef“, sagte sie freudestrahlend.

„Dann leg mal los. Bin gespannt wie ein Flitzebogen.“

Bount Reiniger zog sein Jackett aus und setzte sich auf Junes Schreibtisch.

„Steven Yorkville ist Jahrgang ’37, polizeilich ein unbeschriebenes Blatt. Erfolgreicher Geschäftsmann, geschieden, eine Tochter, die bei ihrer Mutter lebt. Gesundheitlich ging es ihm vor einiger Zeit nicht besonders gut. Konsultierte einen Therapeuten, der bei Yorkville eine psychologische Labilität und überdurchschnittliche Sensibilität feststellte.“

„Das könnte seine Nervosität erklären, doch es passt nicht zu seinen beruflichen Erfolgen“, resümierte Bount gedankenvoll. „Hast du etwas über Bill Yorkville herausgefunden?“ June signalisierte Fehlanzeige, indem sie mit dem Kopf schüttelte. „Absolut negativ. Habe nur erfahren, dass er mal in einem Geschworenenprozess ausgesagt hat. Danach ist Sendepause.“

Bount wunderte sich ein wenig. Damit hatte er nicht gerechnet. Insgeheim schalt er sich selbst einen intoleranten Menschen. Nur weil Yorkville ihm unsympathisch war und einen ungewöhnlichen Auftrag für ihn hatte, war er misstrauisch. Stattdessen hatte sein Klient eine blütenreine Weste.

„Dann muss ich wohl Abbitte leisten“, befürchtete Bount und schenkte June ein Lächeln. „Der Bruder soll das Geld bekommen. Ich will nur hoffen, dass Toby nicht zu lange auf sich warten lässt.“

„Du kennst diesen alten Grizzly doch“, meinte June. „Wenn er etwas verspricht, läuft es rasch über die Bühne.“

Bount Reiniger nickte. „In der Regel schon. Allerdings hättest du den Griesgram mal erleben sollen. Der Junge ist ganz von der Rolle.“

„Er kriegt sich auch wieder ein. Jeder steht mal mit dem falschen Fuß auf.“

„Wir werden sehen.“ Mit diesen Worten verschwand Bount in seinem Büro und machte es sich bequem. Er wusste, dass er nun Geduld haben musste.

Ein anderer hatte es offenbar nicht. Wenige Stunden später rief Steven Yorkville an.

„Haben Sie etwas erreicht, Mr. Reiniger?“, wollte er wissen. Seine Stimme klang alles andere als ruhig und beherrscht. Diese Hektik, die Yorkville selbst durch einen Telefondraht verströmte, machte Bount nervös.

„Ich sagte Ihnen doch, dass ich mich melde“, wurde der Privatdetektiv böse. „Bei mir wird Unmögliches sofort erledigt. Nur Wunder dauern etwas länger, selbst bei 10000 Dollar Anzahlung.“

„Verzeihung“, entschuldigte Yorkville sich. „Ich rufe eigentlich nur deswegen an, weil mein Bruder sich wieder gemeldet hat. Er muss ziemlich in der Klemme sitzen. Wie er erwähnte, wollen seine Gläubiger die 100000 in spätestens zwei Tagen sehen.“

„Wissen Sie eigentlich, was Ihr Bruder geschäftlich macht?“, fragte Bount. „Wenn seine Gläubiger so scharf hinter dem Geld her sind, muss das doch einen Grund haben, nicht wahr?“

„Keine Ahnung“, bemerkte Yorkville und räusperte sich mehrere Male. „Früher war er als Bankkaufmann im Devisengeschäft tätig. Was er jetzt treibt, weiß ich wirklich nicht.“

„Ein bisschen spärlich“, fand Bount. „Aber bleiben wir beim Thema. Haben Sie dafür gesorgt, dass das Geld bereitsteht?“

„Aber sicher“, meinte Yorkville. „Ich kann Ihnen die Scheine sofort überreichen, wenn Sie sie brauchen.“

„Okay, Mr. Yorkville“, sagte Bount ruhig. „Trinken Sie einen Whisky und bleiben Sie cool. Sobald ich die Adresse habe, fahre ich los. Einverstanden?“

Der Makler bedankte sich und legte auf.

Reiniger tat das Gleiche und murmelte ein Schimpfwort. Es beschrieb, was er von seinem Auftraggeber hielt.

Müde lehnte er sich in seinen Bürosessel zurück und schloss die Augen. Er fühlte sich ausgelaugt und träge. Am liebsten hätte er sich eine Stunde schlafen gelegt.

Irgendwann passierte es, und er nickte ein. Wenige Minuten später tauchte June im Zimmer auf. Als sie ihren Chef friedlich schlummern sah, schmunzelte sie und zog geräuschlos die Tür zu.

Bounts Ruhe dauerte nicht lange. Wieder rasselte das Telefon und riss ihn aus seinen Träumen. Im ersten Moment wusste er nicht, wo er war.

„Reiniger“, brummte er missmutig in die Sprechmuschel.

„Rogers“, kam es ebenso mürrisch zurück. „Komm zu mir. Ich habe etwas für dich.“

„Die Adresse?“, fragte Bount verwundert. So rasch hatte er nicht damit gerechnet. Er schaute auf seine Armbanduhr. Es war halb zwei. Demnach hatte er mehr als zwei Stunden geschlafen.

„Nein“, erwiderte der Captain mit tiefer Stimme. „Ich rufe dich an, weil ich mit dir eine Partie Backgammon spielen möchte. Mensch, seit wann fragst du denn so blöd?“

„Bin schon unterwegs, Toby.“ Reiniger wusste, dass Rogers es zu risikoreich fand, die Anschrift von Bill Yorkville am Telefon zu nennen. Man wusste nie, wer mithörte. Und wenn es nur jemand in der Zentrale war. Die Anonymität des Mannes musste bewahrt bleiben.

Es vergingen nur Minuten, bis sich die zwei ungleichen Männer gegenübersaßen.

„Du bist ja wirklich ein fixes Bürschchen“, lobte Bount mit gespielter Bewunderung. „Macht sich die Abmagerungskur auch geistig bemerkbar?“

„Siehst du doch“, konterte Rogers lässig. Er schob seinem Freund einen Zettel hin. „Lies die Fakten und merk sie dir gut. Wenn du aus diesem Büro gehst, weiß ich von nichts mehr, verstanden?“

„Geht klar.“ Bount Reiniger hatte kapiert.

„Denk dran, dass das ein heißes Eisen ist, was du da anpackst“ warnte Rogers. „Wenn etwas schiefgeht, sieht es zappenduster für mich aus. Mach also bloß keinen Blödsinn und pass auf. Wer weiß, was hinter der ganzen Sache steckt.“

„Aber Kumpel“, tadelte Bount. „Du kennst mich doch.“

„Gerade deshalb sage ich es ja so deutlich.“ Der Captain verschränkte die Arme. „Du ziehst Schwierigkeiten an, wie Licht die Motten.“

Bount bestätigte das. „Dabei sind die weiblichen allerdings die nettesten. Was macht eigentlich die Kleine von der Polizeiakademie?“

„Musst du eigentlich immer das Thema wechseln oder das letzte Wort haben?“, beschwerte Toby sich. „Das ist ja schlimm mit dir.“

„Zeig halt den stärkeren Charakter“, erklärte Bount und setzte eine Schulmeistermiene auf. „Labile Typen wie du haben es eben schwer im Leben.“

Rogers fehlten die Worte. Er schnaubte durch die Nase und wurde langsam wild. Sekunden später glich er einem spanischen Kampfstier, der sich vorgenommen hatte, den Torero auf die Hörner zu nehmen.

„Ich schlage vor, du liest den Zettel, und dann sorgst du dafür, dass sich dein Astralkörper durch diese Glastür bewegt. Und das bitte schnell. In 10 Sekunden will ich nur noch einen Kondensstreifen von dir sehen.“

„Oh, wie zornig du sein kannst“, rief Bount verwundert aus. „Aber ich weiche der massiven Gewalt.“ Er nahm den Zettel und las, was darauf geschrieben stand.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908305
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355402
Schlagworte
york detectives flucht

Autor

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Titel: N. Y. D. - New York Detectives: Flucht nach vorn