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Es war eine schreckliche Nacht

2017 130 Seiten

Leseprobe

Es war eine schreckliche Nacht

Arztroman von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.


In einer abgelegenen Jagdhütte will Dr. Alena Bärwald ein paar Tage ausspannen. Kaum in der Eifel angekommen, lernt sie den sympathischen Seeoffizier Torben Jansen kennen. Während sich ein schweres Unwetter zusammenbraut, kommen sich die beiden näher. Da wird Alena Bärwald zu einem verletzten Jungen gerufen, der zu verbluten droht. Aufgrund des Hochwassers sind die Zufahrtsstraßen unpassierbar, die einzige Brücke zerstört, sodass kein Wagen mehr wegkommt, und der Sturm verhindert den Einsatz eines Rettungshubschraubers. Die erfahrene Ärztin muss eine folgenschwere Entscheidung treffen – kann sie das Leben des Kindes retten?


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Torben Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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Prolog

Dr. Alena Bärwald rief: „Wir müssen mit dem Verletzten sofort losfahren! Es kommt auf jede Minute an.“

Der Fahrer antwortete verstört: „Das geht nicht. Die Brücke ist vom Hochwasser weggerissen. Und jetzt in der Nacht und bei diesem Sturm bekommen wir auch den Hubschrauber nicht ...“

Ein Kampf um Leben und Tod begann!



1

„Es ist einfach verrückt“, sagte Linchen, „sich in deinem Alter wie ein Eremit zu vergraben.“ Die resolute Haushälterin schüttelte ihren grauen Kopf, nahm das Mehl, das sie eben abgewogen hatte, aus der Waage und tat es zurück in die Schütte. „Wenn ich in meinem Alter so dächte, mit zweiundsechzig Jahren, das wäre verständlich. Aber du, Alena, bist erst dreißig.“

„Ich werde einunddreißig“, korrigierte sie Dr. Alena Bärwald, die trotz der Mittagsstunde noch in ihrem blauen Morgenrock war und an der Tür zum Esszimmer lehnte. „Im Übrigen hast du das Mehl schon zweimal abgewogen. Bist du nervös, Linchen?“ Sie lachte.

Ein wenig zornig und betroffen zugleich sah die Haushälterin auf ihren blonden Schützling, den sie nun schon von Kindesbeinen an kannte. „Das ist aber dumm. Wie kann man nur so denken! Sich als junger Mensch so einzugraben, in diese Jagdhütte! Dass sich dort Gropi verkriecht, ist verständlich. Aber ... aber du? Das ist doch kein Urlaub! Und dazu noch Bereitschaft! Ist da überhaupt ein Telefon?“

„Ja, es gibt ein Telefon. Sonst könnte ich da gar nicht hin“, erklärte Alena. „Ich muss einmal nachdenken. Ich muss mit mir selbst ins Reine kommen. Ich habe da ein paar Probleme. Und im Übrigen muss ich lesen, jede Menge lesen.“

„Was musst du lesen?“

„Die Wissenschaft geht immer weiter voran. Ich muss mich auf dem neuesten Stand halten.“

Linchen schüttelte den Kopf. „Dazu brauchst du nicht in diese Eremitenhütte zu gehen. Einsiedlerin, das steht dir gar nicht. Du gehörst unter junge Menschen. Und im Übrigen ... Oder hängt das etwa mit der Geschichte von neulich zusammen? Kannst du ihn nicht vergessen?“

Alena lächelte müde! „Das ist ein weiterer Grund. Er ist nicht ausschlaggebend, aber er gehört dazu. Ich muss einfach mal ganz alleine sein. Und ich muss Dinge tun können, wie ich sie tun will, mich nicht anpassen und einordnen müssen.“

„Bei mir brauchst du dich doch nicht anzupassen. Der Vorwurf ist aber ungerecht“, meinte Linchen empört.

„Es hat mit dir gar nichts zu tun. Und trotzdem, ich muss mich auch an dich anpassen. Alle Menschen müssen sich aneinander anpassen. Und ich möchte es mal eine Weile überhaupt nicht tun.“

„Also gut, verkrieche dich in diese Hütte. Und wie lange soll dieses Abenteuer dauern?“

„Vierzehn Tage würden mir genügen.“

„So ganz alleine in einer Hütte!“ Linchen wollte gerade wieder das abgewogene Mehl zurück in die Schütte tun, da rief Alena:

„Halt, willst du es ein viertes Mal wiegen?“

„Da kannst du sehen, wie du mich ganz aus dem Konzept bringst. Richtig verrückt machst du mich mit diesem Unsinn, in eine Einsiedlerhütte zu gehen, in eine Jagdhütte!“ Sie hob anklagend die Hände.

„Es ist Telefon da. Ich bin mit der Außenwelt verbunden. Du kannst mich jeden Tag anrufen, wenn du Sehnsucht nach mir hast.“

„Ach, Sehnsucht! Da denkst du schief“, sagte Linchen entrüstet. „Was glaubst du, was ich hier zu tun habe? Jetzt kann ich mal endlich hier aufräumen, brauche keine Rücksicht auf dich zu nehmen.“

„Na siehst du! Wir machen ganz einfach einmal Urlaub voneinander. Du kannst aufräumen von früh bis Abend und von Abend bis früh, und ich kann endlich einmal richtig nachdenken.“

„Und wenn sie keinen Arzt haben, dann rufen sie dich an, und dann musst du wieder kommen“, prophezeite Linchen.

„Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Ich glaube nicht, dass sie mich brauchen. Ich habe diese drei Wochen Urlaub, und davon möchte ich vierzehn Tage dort sein. Dann bin ich noch lange genug hier.“

„Und du willst nicht wegfahren? Du bist doch sonst immer gereist!“

„Nein, diesmal möchte ich nicht wegfahren. Aber jetzt muss ich duschen und mich anziehen, denn in einer Stunde will ich fahren.“

„In einer Stunde schon, und nichts ist gepackt!“

„Es ist alles gepackt. Ich brauche nicht viel.“

„Alles gepackt! Brauche nicht viel!“, rief Linchen vorwurfsvoll. „Wie sich das anhört! Willst du Pfadfinderin spielen?“

Alena lachte. „Und wenn schon! Das wäre auch einmal ganz schön, sich wieder auf das zu besinnen, was wir eigentlich können. Selbst etwas tun, nicht im Luxus zu ersticken.“

„Ach, das ist doch alles dummes Zeug!“, rief Linchen verächtlich. „Wir sollten froh sein, dass wir es zu so viel Zivilisation gebracht haben. Immer dieses Gerede von den einfachen Verhältnissen! Vom Luxus, in dem man erstickt. Ich kann im Luxus nicht ersticken, höchstens im Primitiven und im Dreck!“

„Ich will dir hier nicht reinreden, Linchen. Aber wenn ich nicht irre, ist das die Salzschütte, die du in der Hand hältst. Und wie ich sehe, bist du drauf und dran, eine größere Menge davon in deinen Kuchen zu tun.“

„Das Salz?! Mein Gott, du hast recht! Um Himmels willen, was wäre das geworden!“

Alena hatte sich schon umgedreht und war hinausgegangen. Aber sie hörte noch auf der Treppe, wie Linchen sagte: „Das alles kommt nur von diesem verrückten Einfall. In eine Jagdhütte! In die Eifel! Mein Gott, wo Hund und Katze begraben sind! Und doch um diese Jahreszeit, Anfang Dezember! Draußen regnet es dauernd. Kalt ist es auch. Und das Schlimmste von allem, sie fährt auch noch alleine dahin. So ein junger Mensch!“



2

Die Straße in Reissig war menschenleer. Der Regen wehte in Schleiern durch die Dorfstraße. Von den Dächern schüttete es nur so herab.

Alena hielt ihren Wagen vor dem Gasthof Breitenbach an, zog sich ihre Kapuze übers Haar, stieg aus und rannte die wenigen Schritte zur Tür.

Dort blieb sie einen Augenblick stehen, sah hinauf zum tiefgrauen Himmel und dachte: Wenn es wenigstens Schnee wäre, was herunterkommt.

Sie ging in die Gaststube hinein, und dort waren nur wenige Gäste. Die dralle, nicht mehr sehr junge Wirtin stand hinter dem Tresen und spülte Gläser.

Alena kannte sie schon von ihrem letzten Besuch her, als sie mit Professor Mohnhaupt und seiner Familie ein Wochenende in der Hütte verbracht hatte.

„Ach, das Frau Doktor!“, rief die Wirtin. „Sie kommen aber spät. Ich hatte Sie schon früher erwartet. Wollen Sie wirklich hinauf? Der Weg ist sehr schlecht, und dieses Wetter ...!“

Sie warf einen beschwörenden Blick durch das Fenster, als könnte sie den Regen damit bannen. Bevor Alena etwas sagen konnte, wandte sie sich ihr wieder zu und meinte: „Mir wäre Schnee lieber. Aber es ist zu warm dazu. Das hört und hört nicht auf zu regnen. Und da wollen Sie wirklich zur Hütte hinauf? Sie schwimmen da weg.“ Dann lachte sie und deutete auf einen jungen Mann, der drüben am Fenster saß und gerade jetzt einen Blick auf Alena warf. Sie sahen sich beide an, und irgendwie hatte Alena das Gefühl, dass er ihr gar nicht fremd war, obgleich sie ihn natürlich nicht kannte. Er hatte so etwas Vertrauenerweckendes, Sympathisches. Braungebrannt, blond, von kräftiger Statur war er. Er sah aus, als käme er von einem sonnigen Urlaub zurück.

Die dicke Wirtin lachte wieder und sagte: „Herr Jansen ist oben in unserem Ferienhaus. Er ist der einzige Gast. Das haben wir noch nie gehabt, dass sich jemand um diese Jahreszeit da oben einquartiert.“ Und so laut, dass es der blonde Mann verstehen musste, fuhr sie fort: „Und Ihnen gefällt es sogar, gell, Herr Jansen?“

Der Blonde stand auf, kam herüber, sah kurz auf die Wirtin und wandte sich dann Alena zu. Jetzt, wo er in seiner ganzen Größe vor ihr stand, bemerkte sie erst richtig, von welch kräftiger großer Statur er war. Er überragte sie um mehr als Haupteslänge.

„Ja“, sagte er. „Ich fühle mich da oben wohl. Der Wald und ich, wir sind ganz allein miteinander. Und wir vertragen uns.“

Alena entsann sich in diesem Augenblick des Ferienhauses. Dieses Holzhaus stand etwa zweihundertfünfzig Meter von Gropis Hütte entfernt. Es gehörte zum Gasthof Breitenbach, und im Sommer waren natürlich dort immer Gäste. Sie selbst war überrascht, dass sich dieser Herr Jansen um diese Jahreszeit da oben einquartiert hatte. Auf der anderen Seite sagte sie sich: Vielleicht hat er dieselben Motive wie ich, sucht die Ruhe, die Abgeschiedenheit.

„Ich bin da oben“, sagte er und gab ihr damit auch gleich die Erklärung, „um zu lernen. Ja, lachen Sie nicht. Auch mit fünfunddreißig muss man noch lernen.“

„Wem sagen Sie das?“, erwiderte Alena. Sie hatte schon die Frage auf der Zunge, was er denn lernen müsse, aber sie schalt sich selbst ungeziemender Neugierde und unterließ es, ihn das zu fragen.

Jetzt war es die Wirtin, die diese Erklärung abgab. „Herr Jansen ist Seeoffizier auf einem großen Handelsschiff. Und er muss da irgendeine Prüfung machen, eine zusätzliche Prüfung, damit er einen Posten als Kapitän bekommt. Nicht wahr, Herr Jansen, so ist es doch?“

Dem blonden Jansen schien diese Erläuterung gar nicht so recht zu sein, und seine Bestätigung kam ziemlich mürrisch.

„Auf alle Fälle sind wir dann eben Nachbarn, nicht wahr?“, meinte Alena und lächelte ihm aufmunternd zu.

Da er nicht wusste, dass sie Gropis Jagdhütte bewohnen wollte und vorhin auch nicht zugehört hatte, fragte er überrascht: „Wieso Nachbarn?“

„Ich werde in die Jagdhütte einziehen, die etwas oberhalb von Ihrem Ferienhaus steht.“

Er sah sie konsterniert an, schien nachzudenken, aber sie erriet seine Gedanken nicht. Dann sagte er: „Wollen Sie jetzt hinauf?“

Sie nickte.

„Sind Sie mit dem Wagen da?“, fragte er.

„Ja, das bin ich. Warum?“

„Dann lassen Sie ihn besser hier unten stehen. Sie werden nicht weit kommen. Die Wege sind total verschlammt. Ich habe einen Landrover. Geliehen natürlich. Sonst brauche ich so ein Fahrzeug ja nicht. Und der hat alle Mühe, hinaufzukommen. Der Regen hat das ganze Gelände und vor allen Dingen die Wege aufgeweicht. Einige der Wege haben sich in Bäche verwandelt.“

„Herr Jansen hat recht“, sagte die Wirtin. „Ich würde sein Angebot annehmen. Mit Ihrem Wagen kommen Sie nicht weit. Ich habe eben schon überlegt, ob ich meinem Mann Bescheid sagen soll, dass er Sie mit dem Traktor hochbringt. Das ist ja auch ein Wetter ...“

Alena zögerte einen kurzen Augenblick, dann sagte sie: „Also gut, ich nehme Ihr Angebot an.“

Als müsste sie jede Bedenken Alenas zerstreuen, erklärte die Wirtin: „Herr Jansen war schon oft bei uns. Er ist ein Gast, den wir schon lange kennen. Sie brauchen keine Sorgen zu haben. Er ist ein sehr anständiger Mann.“

Jansen lachte bloß, und Alena blickte ihn ein wenig verlegen von der Seite an, weil ihr diese Erklärung peinlich erschien.

„Lassen Sie die Schlüssel an Ihrem Wagen stecken“, sagte die Wirtin. „Mein Mann fährt ihn nachher in die Remise. Dort kann er die ganze Zeit stehen bleiben, bis Sie wieder nach Hause fahren.“

„Dann wollen wir mal“, erklärte Jansen.



3

Alena fröstelte. Mit verschränkten Armen, die Schultern nach vorn gezogen, hockte sie in dem rüttelnden, stoßenden Geländewagen, der mit heulendem Motor langsam durch den Schlamm bergauf fuhr. Jansen hatte nicht übertrieben. Aus Wegen waren Bäche geworden, und Alena bereute fast, den Entschluss, ein paar Wochen in der Hütte zu bleiben, gefasst zu haben. Ich hätte auf Linchen hören sollen, dachte sie.

Das Fenster an der rechten Seite ließ nicht nicht schließen. Ein Schlitz blieb offen, und der Regen peitschte hindurch, wehte Alena auf die Schulter und ins Gesicht. Noch nie war ihr die Fahrt so lang vorgekommen wie diesmal.

Sie sprachen kaum miteinander, nur das Wesentlichste, und selbst davon ging die Hälfte im Motorengeheul unter. Rechts und links vom Hohlweg, über den das Wasser floss wie über das Bett eines Stromes, ragten dicke, mächtige Fichten auf, deren Wipfel im Dunst der Regenwolken verschwanden. Von den Zweigen troff es nur so herab. Die Äste beugten sich schwer unter der Last der Nässe.

Als sie die Grenze des Hochwaldes erreicht hatten und die Schonung auftauchte, an die sich Alena noch erinnerte, da musste sie feststellen, dass auch dort die Bäume in der Zwischenzeit erheblich gewachsen waren. Und hier lag dann in einer Lichtung das Ferienhaus vom Breitenbacher Hof, ein Holzgebäude, das eher wie eine Jagdhütte anmutete.

Jansen fuhr in den Seitenweg hinein und hielt vor der Hütte an. Während der Regen auf das Dach des Wagens trommelte, sagte er: „Das Beste wäre, Sie stiegen hier aus, denn bei mir ist es warm. Ich würde, wenn Sie mir den Schlüssel geben, hinauffahren und bei Ihnen erst einmal heizen und nach dem Rechten sehen. Ich kann Sie dann holen.“

„Das ist nicht nötig“, sagte sie. „Bringen Sie mich hinauf! Ich komme schon zurecht.“

„Aber ich mach’ es gern“, erklärte er.

Sie schüttelte den Kopf. „Das möchte ich aber nicht. Bitte, fahren Sie mich hinauf! Ich werde mir schon helfen können.“

„Wie Sie wollen“, brummte er nur, und sie warf ihm einen überraschten Blick zu. Sie hatte das Gefühl, ihn gekränkt zu haben, wollte etwas sagen, aber in dem Augenblick startete er wieder den Motor, gab Gas und fuhr los. Der Weg führte nur ein wenig bergauf durch Niederwald, doch dann ging es wieder abwärts auf ein Blockhaus zu, das am Rande des Hochwaldes stand. Daneben war ein Hochsitz, und Alena dachte daran, wie sie einmal dort oben mit Gropi gesessen hatte, um Rotwild zu beobachten und zu fotografieren. Denn wenn Gropi sein Blockhaus auch Jagdhütte nannte, so war er höchstens ein Fotojäger. Mit dem Gewehr mochte er nicht jagen und Professor Mohnhaupt ebenso wenig.

Sie hatten direkt vor der Hütte angehalten. Alena stieg aus. Jansen wollte ihr noch heraushelfen, aber da war sie schon auf dem morastigen Boden.

„Mein Gott, ist hier ein Schlamm!“, rief sie und ging vorsichtig bis zu dem Steinsockel vor der Tür. Es gab da ein Vordach, das ein wenig vor dem Regen schützte.

Jansen holte gerade ihre Koffer aus dem Wagen, indessen schloss sie auf. Die Tür knarrte, als Alena sie öffnete. Muffiger Geruch schlug ihr entgegen. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen.

Da war Jansen schon da, trat neben sie, setzte die Koffer ab und meinte: „Ich mache jetzt mal einen Laden auf, damit man etwas sieht. Hier drin ist es ja stockfinster! - Pst“, machte er, „hören Sie doch!“

Alena hörte ein Tropfen. Pitsch! Pitsch!, machte es. Es musste irgendwo in der Mitte der Hütte sein.

Jansen war ans Fenster getreten, hatte es geöffnet und löste von innen die Verriegelung des Ladens. Als der Laden aufschwang, wurde es etwas heller in der Hütte. Links standen die Etagenbetten. Rechts befand sich die kleine Küche, oder besser gesagt, eine Kochnische mit Herd und Spüle, in der Mitte drin der Tisch. Auf dem Tisch war alles nass. Unter dem Tisch hatte sich schon eine große Lache gebildet.

„Mein Gott, hier regnet’s ja durch!“, rief Alena entsetzt.

Jansen hatte nun auch das zweite Fenster geöffnet. Der Duft von nasser Erde und frischem Holz drang herein. Aber das war es nicht, was Alena beobachtete. Erschrocken entdeckte sie links, wo die Etagenbetten standen, dass auch dort Wasser hereinlief, genau auf die Betten.

„Um Himmels willen, hier ist ja alles nass! Auch die Betten sind nass.“

Jansen kam näher, sah die Bescherung und zog eine der Matratzen heraus. „Klitschnass“, sagte er. „Da können Sie nicht schlafen.“ Er blickte prüfend nach oben. „Man müsste das abdichten. Matratzen kann ich von unten bringen. Das ist nicht so schlimm. Aber hier das Loch über dem Tisch sieht ja böse aus. Dass die vom Breitenbacher Hof das nicht gemerkt haben. Wahrscheinlich sind sie ewig nicht mehr hier gewesen. Die haben nicht viel Zeit.“

„Aber sie bekommen es bezahlt“, sagte Alena, „dass sie hier nach dem Rechten sehen.“

Jansen zuckte nur die Schultern. „Sieht nicht sehr wohnlich aus. Wissen Sie was? Kommen Sie mit herunter. Da gebe ich Ihnen erst mal etwas Warmes zu trinken. Und indessen versuche ich, das hier zu reparieren.“

Alena hatte schon die Lust verloren. Sie wäre am liebsten zurückgefahren. Linchen hatte doch recht gehabt, dachte sie. Es war eine Schnapsidee von mir, ausgerechnet um diese Jahreszeit hier in der Hütte Ferien zu machen.

„Das ist doch kein Beinbruch“, sagte Jansen, als habe er ihre Gedanken erraten.

Sie wandte sich ihm zu, sah zu ihm auf in seine leuchtend blauen Augen und verspürte mit einem Mal das Verlangen, mit ihm zu sprechen, mit ihm zumindest die nächsten Stunden zu verbringen, und sie gab sich unbefangen zu, dass er ihr gefiel.

„Kommen Sie! Wir wollen dieses ungastliche Haus erst einmal verlassen!“, schlug er vor. „Wir fahren hinunter zu mir. Ich mach’ uns etwas zu trinken, vielleicht einen Grog oder heißen Tee. Und dann können wir beratschlagen, wie es weitergeht. Am besten wäre, ich flicke hier das Dach.“

Sie blickte nach oben zu jener Stelle über dem Tisch, wo es so stark hereinregnete. „Da ist ja ein richtiger Riss. Wie wollen Sie das denn abdichten? Dabei werden Sie selbst durchnässt.“

Er tippte an die gelbe Segeljacke, die er trug, und meinte: „In meinem Ostfriesennerz bekomme ich da nicht viel ab. Darunter bleibe ich trocken. Machen Sie sich keine Gedanken. Aber ich bringe Sie erst einmal hinunter. Sie werden sehen, bei mir ist es wesentlich gastlicher als hier.“

Als sie dann hinunterfuhren, dachte Alena: Ich sollte doch zurückkehren, nach Hause fahren, oder zumindest die Nacht im Gasthof verbringen. Es wird bald dunkel sein. Wie will er auf dem Dach noch etwas machen? Und überhaupt, der Fußboden der Hütte ist durchnässt, alles ist feucht. Selbst wenn ich heize, wird es bei dieser Witterung Tage dauern, bis alles trocknet. Nun gut, überlegte sie weiter, ich werde ihm den Vorschlag, mit ihm einen Tee zu trinken oder einen Grog, nicht abschlagen. Aber dann werde ich ihn bitten, mich hinunter zum Breitenbacher Hof zu bringen.

Ihr Regenmantel war schlecht imprägniert. Sie spürte, dass ihr die Nässe durch die Schultern des Mantels bis auf Bluse und Haut gedrungen war. Als sie im Geländewagen saß, fror sie und hoffte inständig, sich in Jansens Hütte aufwärmen zu können.

Als sie dann anhielten und die Hütte erreicht hatten, fror sie so erbärmlich, dass sie fast mit den Zähnen geschnattert hätte. Da Jansen ihr aus dem Wagen heraushalf, bemerkte er es und meinte: „Kommen Sie rasch hinein. Bei mir ist es warm. Sie frieren ja entsetzlich.“

Sie war noch nie in diesem Ferienhaus gewesen. Aber es war sehr gemütlich eingerichtet, im Bauernstil. Alles wirkte behaglich. Und das, was Alena im Augenblick am meisten interessierte, war der Ofen. Es war ein Kachelofen. Er gefiel ihr auf Anhieb. Er stand mitten im Raum. Rundherum war eine Bank, die dazu einlud, sich darauf zu setzen und mit dem Rücken an die warmen Kacheln zu lehnen. Und während oben der Regen aufs Dach trommelte, saß Alena denn auch auf dieser Bank und empfand die wohltuende Wärme des Ofens.

„Ziehen Sie doch Ihren Mantel aus“, sagte Jansen, der ihre Sachen hereingebracht hatte und jetzt neben der Tür absetzte.

Sie hielt die Augen geschlossen, hatte den Kopf an die Kacheln gelehnt und sagte: „Mich bringt hier keiner mehr weg. Ich finde es wunderschön hier. Diese herrliche Wärme!“

Er lachte unterdrückt. Dann ging er in die hintere Ecke, zog den Vorhang beiseite und schaltete das Licht an.

Sie war überrascht, als sie sah, dass er hier elektrisches Licht hatte. „In der Jagdhütte ist kein elektrisches Licht“, meinte sie.

„Die Breitenbachs würden hier keinen einzigen Gast kriegen, wenn hier kein Strom wäre.“

„Sie haben ja sogar fließend Wasser“, meinte Alena staunend, als er einen Topf am Wasserhahn füllte.

„Hier ist alles. Das ist der reinste Komfort.“

Sie stand nun doch auf, zog ihren Mantel aus und fragte: „Kann ich den hier aufhängen, damit er trocknet?“

„Sie können hier alles tun, was Ihnen gefällt“, erwiderte Jansen. Er wandte ihr jetzt den Rücken zu, nahm eine Flasche aus dem Bauernschrank, der an der Wand stand. Ohne sich umzudrehen sagte er: „Wissen Sie, es ist vielleicht nicht besonders gemütlich. Ich bin eigentlich nicht auf Gäste eingerichtet.“ Und mit einem Blick, der um Entschuldigung bat, deutete er auf die auf der Eckbank aufgehängten Hosen und die zum Trocknen daliegenden Schaftstiefel.

„Mein Gott“, erwiderte Alena, „das spielt doch keine Rolle. Ich bin froh, dass ich mich wärmen kann. Bringen Sie mich nachher hinunter?“

„Wenn Sie das wünschen!“ Es klang ein wenig traurig, als er das sagte. „Wissen Sie“, fuhr er erklärend fort, „ich habe zwar diese Einsamkeit gesucht, aber in dem Augenblick, als Sie im Breitenbacher Hof in die Gaststube kamen, hatte ich das Gefühl, dass wir beide noch länger miteinander zu tun haben würden. Ich weiß, es klingt verrückt. Ich konnte ja gar nicht wissen, dass Sie die Jagdhütte beziehen wollten. Und trotzdem gab es da so eine Ahnung. Irgendwie ahnte ich, als ich Sie sah, dass Sie zu mir wollten.“

„Zu Ihnen?“ Sie lächelte. „Na ja, ich bin froh, dass Sie mich heraufgefahren haben, denn mit meinem Wagen wäre ich nie bis hier hergekommen. Und im Augenblick bin ich doppelt dankbar. Ich kann nur nicht verstehen, dass die Breitenbachs nicht wussten, was mit dem Dach los ist. Das zerstört ja die ganze Hütte.“

„Machen Sie sich keine Gedanken. Das ist alles in Ordnung zu bringen. Es ist bloß natürlich nicht besonders anheimelnd, wenn man da wohnen will.“

Wenig später hatte er das Wasser zum Kochen gebracht, füllte es in Punschgläser, goss Rum nach und sagte: „Sie kennen ja die alte Grogweisheit: Rum muss, Zucker kann, Wasser braucht nicht! Aber ich habe trotzdem Wasser hineingefüllt. Wie viel Rum möchten Sie? Es ist sehr starker Rum von dreiundsiebzig Prozent. Ich habe ihn selbst aus Jamaika mitgebracht.“

Sie entsann sich, dass die Wirtin ihn als Seeoffizier bezeichnet hatte. „Bitte nicht zu viel Rum. - Auf was für einem Schiff fahren Sie denn?“, wollte sie wissen.

„Auf einem Frachter“, erklärte er. „Und Sie sind Kapitän?“

„Nein, das bin ich noch nicht. Ich habe zwar das Kapitänspatent, fahre aber noch als Erster Offizier. Und im Augenblick büffle ich für eine Zusatzprüfung, von deren Bestehen es mein Reeder abhängig macht, ob er mir ein Schiffskommando erteilt oder nicht.“

Er deutete auf die Bücher, die hinten auf dem Regal lagen. Eines davon befand sich aufgeklappt auf dem Tisch. Daneben lag eine Seekarte. „Ich glaube“, meinte sie, „wenn wir noch eine Weile hier sind, werden wir Ihre nautischen Kenntnisse nötig haben, bei dem Regen.“

„Gut, dass Sie mich daran erinnern. Ich werde unten anrufen und ihnen Bescheid sagen, was mit der Hütte ist.“

„Sie haben hier Telefon?“, erkundigte sich Alena überrascht.

„Ja, es ist nur eine Verbindung zwischen dem Gasthof u nd hier, kein öffentliches Telefon. Aber immerhin funktioniert es. Man kann seine Wünsche sagen. Damit sind wir von der Außenwelt nicht so abgeschnitten.“

Es war wirklich ein vorsintflutliches Telefon mit einer Kurbel, und Alena hörte und sah amüsiert zu, wie er mit den Wirtsleuten unten im Tal telefonierte.

Als er fertig war und den Grog servierte, sich ihr gegenüber an den Tisch setzte, da schaute er sie eine Weile an. Es war ein prüfender Blick, und sie hätte zu gern gewusst, was in seinem Kopf währenddessen vorging. Und auch sie ertappte sich immer wieder dabei, dass sie ihn beobachtete. Er gefiel ihr, und es war mehr als nur Sympathie. Sie wünschte sich, nicht nur die nächste halbe Stunde hierbleiben zu können. Auf der anderen Seite sagte sie sich: Ich kann nicht einfach hier herumsitzen mit einem wildfremden Mann. Ich muss sehen, dass ich, noch bevor es Nacht wird, hinunter ins Tal komme.

Der Gedanke war ihr irgendwie schmerzlich, und die Versuchung, noch recht lange hier oben zu bleiben, wuchs immer mehr.

Er schaute sie an, ernst und prüfend, wie es ihr schien. Dann sagte er mit seiner tiefen klangvollen Stimme: „Wollen Sie wirklich hinunter? Ich habe hier oben zwar nicht viel zu bieten. Aber da wir beide Einsiedler sind, gibt es doch wenigstens diesen Punkt, wo wir uns verstehen.“

Sie schwieg, schaute ihn nur an und versuchte, an seinem Äußeren etwas von seinem Wesen zu erkennen.

Ich bin verrückt, dachte sie. Er ist ein Fremder, und ich werde ihn vergessen haben, wenn ich morgen wieder daheim bin. Aber schon dieser Gedanke, ihn wieder vergessen zu müssen, war ihr unangenehm. Sie war plötzlich neugierig darauf, mehr von ihm zu erfahren.

Der Grog tat gut. Sie hatte noch nie so einen guten Grog getrunken, und sie sagte es ihm. Er lächelte ein wenig verlegen und erwiderte dann: „Sie sind sehr freundlich zu mir. Übrigens, Frau Breitenbach hat Sie als Frau Doktor Bärwald vorgestellt. Sind Sie Ärztin?“

Alena nickte.

„Interessanter Beruf“, sagte er. „Und jetzt haben Sie die Nase voll? Und wollen für ein paar Tage aus spannen?“

„Halb und halb“, entgegnete sie lächelnd. „Ich bin in einer Art Bereitschaft. Man kann mich anrufen, wenn man mich braucht.“

„Dank des Telefons“, erklärte er und deutete in die Ecke, wo es an der Wand hing, „sind Sie auch hier erreichbar. Hoffen wir, dass es dazu nicht kommt.“

„Nein, im Grunde ist damit nicht zu rechnen“, meinte Alena und dachte zugleich: Ich sage das, als wollte ich ihn beruhigen und am Ende mich selbst.

Der warme Grog tat ihr gut, weckte ihre Lebensgeister und machte sie gelöst. In der Wärme des Raumes verließ sie die Anspannung, die sie eben noch umfangen hatte.

Jansen war aufgestanden und hatte sein Radio angeschaltet, das auf einem Bord an der Wand stand: Leise Musik drang in Alenas Ohr und vervollkommnete die wohlige Stimmung, in der sie sich befand. Sie erhob sich, ging zum Ofen hinüber, setzte sich auf die Rundbank, lehnte sich gegen die warmen Fließen und schloss die Augen, wie sie es vorhin schon getan hatte. Alles war wie ein Traum.

Als er näher kam und sich neben sie setzte, da fürchtete sie, er könnte zum Aufbruch mahnen. Aber nichts dergleichen geschah. Schweigend saß er neben ihr, blickte sie von der Seite her an, und sie spürte, dass er sie beobachtete. Aber sie mochte die Augen nicht öffnen.

Als er seine Hand auf ihre Rechte legte, entzog sie ihm die nicht, sondern spürte den sanften Druck seiner Finger, empfand die Wärme seiner Hand auf ihrer Haut, und es war, als würde sein Blut von nun an in ihren Körper strömen. Wie eine Hitzewelle stieg es in ihrem Arm empor, und sie war gespannt darauf, was weiter geschehen würde.

Eine innere Stimme warnte sie, sich gehen, sich einfach treiben zu lassen und mahnte, die Initiative zu ergreifen, sich wieder in der Gewalt zu halten.

Aber ich will ja gar nicht, dachte sie. Es ist so wunderschön. Eine verrückte Welt! Vorhin wollte ich noch wegfahren, wollte nach Hause. Und jetzt würde ich etwas dafür geben, wenn ich hierbleiben könnte.

Aber ich kann nicht hierbleiben. Ich kenne ihn gar nicht.

Da war eine andere Stimme in ihr, die da sagte: Du bist kein kleines Mädchen mehr. Du brauchst niemandem Rechenschaft abzugeben, was du tust und was du möchtest. Wenn es dir hier gefällt, dann bleibe hier. Er ist ein netter Mann. Er ist dir sympathisch, mehr noch, du fühlst dich zu ihm hingezogen. Und du findest es schön, dass er seine Hand auf die deine legt.

Sein Gesicht näherte sich dem ihren. Sein Atem wehte an ihr rechtes Ohr, und sie hörte ihn sagen: „Wenn es nach mir ginge, könnten wir beide ewig so sitzen.“

Es war genau das, was sie selbst empfand. Sie wandte ihr Gesicht dem seinen zu, sah ihn an, und jetzt, da es schon ziemlich düster im Zimmer war, wirkte dieser Kopf wie aus Stein gehauen.

„Ich heiße Torben“, sagte er, und es schwang ein leises Lachen in seinen Worten mit.

„Einverstanden“, erwiderte sie. „Nennen Sie mich Alena!“ Plötzlich gab sie sich einen Ruck, zog ihre Hand unter der seinen weg und sagte: „Ich muss jetzt gehen! Vielleicht sind Sie so nett und fahren mich hinunter.“

Er fasste nach ihrem Arm, zog sie nach unten, als sie aufstehen wollte. „Alena, bleiben Sie! Ich weiß, dass Sie gerne bleiben möchten. Und ich will nichts so sehr, als Sie hier festzuhalten.“ Er lachte. „Natürlich freiwillig. Wenn Sie darauf bestehen, fahre ich Sie selbstverständlich hinunter. Aber tun Sie es doch nicht aus irgendwelchen moralischen Gründen, oder was immer Sie dazu drängt. Ich habe das Gefühl, wir beide verstehen uns auf Anhieb. Warum sollten wir uns trennen? Es gibt Sternstunden im Leben, dass sich zwei Menschen treffen, die sich im ersten Augenblick mögen. So geht es uns. Ich spüre, dass Sie mich auch gut leiden können.“

„Wer sagt Ihnen das?“, fragte sie brüsk.

„Verstellen Sie sich nicht!“, entgegnete er. „Ich weiß ganz genau, was mit Ihnen los ist. Ich weiß es deshalb, weil wir uns in diesem Punkt offensichtlich ähnlich sind.“ Er stand auf, trat vor sie hin und blickte zu ihr hinab. „Ich weiß nicht, was Sie herausgetrieben hat, aber ganz sicher geht eine junge Frau wie Sie nicht in die Einsiedelei, um ein paar Bücher zu lesen oder dergleichen. Vor allen Dingen nicht bei einem solchen Wetter und um diese Jahreszeit. Ich fürchte, Sie haben einen ähnlichen Grund wie ich. Dass ich für eine Prüfung pauke, ist ein Vorwand, mit dem ich mich vor mir selber herausrede. Tatsächlich war es eine Flucht.“

Sie sah ihn interessiert an. „Eine Flucht?“

„Genau wie bei Ihnen“, erwiderte er. „Sie sind auch geflohen, vor den Menschen, vor sich selbst, vor Ihrer Umgebung und vor der Erinnerung. Bei mir“, sagte er und vermied es, sie anzusehen, „ist es jedenfalls so gewesen.“

Alena sah ihn verwirrt an. „Eine Frau?“, fragte sie, um seine Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken.

„Bei mir eine Frau, bei Ihnen ein Mann. Im Prinzip war es völlig dasselbe. Und wissen Sie was? In dem Augenblick, als ich Sie sah, und als wir dann zusammen hier herauffuhren, da ist mir gewesen wie einem, der wahnsinnige Schmerzen hatte, die dann völlig überraschend, wie nach einer Spritze, verschwinden. Ich glaube, jetzt habe ich ein Beispiel gebracht, was aus Ihrem Milieu kommt. Sie wissen also, wie ich es meine.“

Alena lächelte. „Das mag bei Ihnen so gewesen sein ...“

„Bei Ihnen war es im Prinzip genauso. Ich will ja nicht in Sie dringen, aber ich weiß, dass es ähnlich gewesen sein muss. Und jetzt sind Sie diesen Schmerz los. Sie würden am liebsten hierbleiben, aber Ihre Erziehung, Ihre Moral veranlasst Sie, nun doch zu gehen, zumindest sich dazu zu zwingen, weil Sie sich sagen: Dieser Mensch ist mir fremd. Ich kann da nicht einfach hierbleiben, allein mit ihm in dieser Wildnis, in diesem Regen.“

Seine Worte erheiterten sie. „Sie haben recht. Ich habe das wirklich gedacht.“

„Man braucht kein Hellseher zu sein, um so etwas zu ergründen. Alena, Sie sind nicht mehr achtzehn, und ich bin nicht mehr zweiundzwanzig. Werfen wir doch solchen Unsinn über Bord. Ich sagte Ihnen doch, es ist eine Sternstunde, wenn sich zwei Menschen begegnen, die sofort einander mögen. Das Leben ist kurz. Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen, wenn Sie Ärztin sind. Man sollte jeden Tag wie ein Wunder nehmen, so, als wäre es der letzte.“

Sie schwieg, blickte auf ihre Hände herab und war mit sich selbst im Zwiespalt. Sollte sie ihm nachgeben oder gehen? Eine unerklärbare Angst hatte sie erfasst, und sie konnte sich selbst nicht beantworten, woher sie wohl rührte.

Er stopfte sich seine Pfeife, fragte: „Sie haben doch nichts dagegen, dass ich rauche?“

Sie schüttelte mit dem Kopf und erklärte: „Eigentlich habe ich es gern, wenn ein Mann Pfeife raucht. Aber gesund ist es auch nicht.“

Zusammenfassung

In einer abgelegenen Jagdhütte will Dr. Alena Bärwald ein paar Tage ausspannen. Kaum in der Eifel angekommen, lernt sie den sympathischen Seeoffizier Torben Jansen kennen. Während sich ein schweres Unwetter zusammenbraut, kommen sich die beiden näher. Da wird Alena Bärwald zu einem verletzten Jungen gerufen, der zu verbluten droht. Aufgrund des Hochwassers sind die Zufahrtsstraßen unpassierbar, die einzige Brücke zerstört, sodass kein Wagen mehr wegkommt, und der Sturm verhindert den Einsatz eines Rettungshubschraubers. Die erfahrene Ärztin muss eine folgenschwere Entscheidung treffen – kann sie das Leben des Kindes retten?

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908299
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
nacht

Autor

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Titel: Es war eine schreckliche Nacht