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Timetravel Band #33: Leonidas - Verrat und Ehre

2017 120 Seiten

Zusammenfassung


Der Auftrag:
Herodot, der griechische Weltreisende und Geschichtsschreiber, gibt in seinen Schriften an, dass der persische Großkönig Xerxes auf seinem Kriegszug gegen Griechenland im Jahre 480 vor der Zeitrechnung über fünf Millionen Mann angeführt habe. Diese Aussage wird seit langer Zeit bestritten. Reisen Sie in die Vergangenheit, nehmen Sie an diesem Kriegszug in passiver Weise teil und folgen Sie Xerxes vom Hellespont aus bis nach Thermopylen wo Leonidas und seine Spartaner einen aussichtslosen Kampf führten.

Leseprobe

LEONIDAS – VERRAT UND EHRE

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 33

von HORST WEYMAR HÜBNER


Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.


Der Auftrag:

Herodot, der griechische Weltreisende und Geschichtsschreiber, gibt in seinen Schriften an, dass der persische Großkönig Xerxes auf seinem Kriegszug gegen Griechenland im Jahre 480 vor der Zeitrechnung über fünf Millionen Mann angeführt habe. Diese Aussage wird seit langer Zeit bestritten. Reisen Sie in die Vergangenheit, nehmen Sie an diesem Kriegszug in passiver Weise teil und folgen Sie Xerxes vom Hellespont aus bis nach Thermopylen wo Leonidas und seine Spartaner einen aussichtslosen Kampf führten.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Fedderico Barocci, 2017

Originaltitel: Wie es das Gesetz befahl...

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Prolog

Am 5. Juli 1984 glückte Professor Hallstrom das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten – also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Vorfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszelt zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ In London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete am 3. Mai 1992 sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Tag reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension.

Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.



1

Ein gewalttätiger Nordwind peitschte Sand, dürres Gras, trockene Blätter und salzigen Staub über das Küstenland und gegen drei Gestalten, die sich mühsam auf einer Art Uferstraße am Hellespont entlang vorankämpften. Obgleich es Vormittag war, lag über dem felsigen Gebiet ein diffuses Licht wie auf dem Höhepunkt einer Sonnenfinsternis.

In den kurzen Pausen zwischen den heftigen Windstößen war das gewaltige Donnern und Rauschen der Meeresbrandung zu hören. Manchmal war es den drei Gestalten, als könnten sie sogar verzerrte menschliche Stimmen vernehmen.

Aber wenn sie lauschend stehen blieben, setzte der starke Wind wieder ein und übertönte mit seinem hohlen Orgeln und Sausen jedes andere Geräusch. Und wenn sie den Versuch unternahmen, Ausschau in Richtung Meer oder den Uferweg entlang zu halten, dann sahen sie nur die grauen Dreckwolken und das Treibgut. Oder sie bekamen Sand in die Augen.

Die drei Menschen retteten sich in den Windschatten einer steinigen Erhebung, als der Wind eine beängstigende Stärke gewann und daumennagelgroße Geröllstücke in Bewegung versetzte.

Keuchend und japsend drückten sie sich an abgeschliffene Steinbrocken und schüttelten den Sand aus den Tüchern, die sie sich vor Mund und Nase gehalten hatten.

Ihre Augen waren vom salzigen Staub gerötet, und Professor Robert Hallstrom hatte darüber hinaus noch schwarze Nasenlöcher, als hätte er Ruß eingeatmet.

„Die gefürchteten Junistürme!“, krächzte Hallstrom. Es klang, als hätte er den Mund voll trockener Erde.

Frank Jaeger, der einen schlechten Sitzplatz auf einem scharfkantigen Stein erwischt hatte und von oben mit ausfallendem Sand berieselt wurde, machte eine heftige Bewegung. Pfundweise fiel der Dreck von seiner Kleidung ab.

„Vielleicht weht es uns zu, und eines Tages gräbt man unsere Knochen aus und wundert sich über die dabei liegenden technischen Geräte. Wir sollten umkehren oder versuchen, die Schiffsbrücke am Hellespont zu erreichen. Und zwar jetzt!“, sagte er düster. Er sah längst nicht so mitgenommen wie Hallstrom aus, aber seine Bedenken wuchsen in dem Maße, wie der Wind an Heftigkeit zunahm.

„Wir bleiben!“, bestimmte Hallstrom heiser. Ungeniert blies er sich die Nase aus und verwendete dabei Daumen und Zeigefinger als Klemme. „Ich verspüre wenig Neigung, mich vom Wind bis nach Troja hinunterwirbeln zu lassen, und noch weniger würde es mir gefallen, unversehens in ein Lager persischer Vorausabteilungen hineinzustolpern, das irgendwo vor uns liegen muss. Irgendwann wird sich der Sturm schon legen.“

„Ihr Wort in das Ohr aller griechischen und persischen Götter!“, erklärte Ben Crocker dumpf. „Denn ein himmlisches Plätzchen ist das hier auch nicht gerade.“ Mit dem Handrücken rieb er am Hals entlang. „Der verdammte Salzdreck juckt, als hätten sich sämtliche Flöhe Kleinasiens auf mich gestürzt!“

„Sieh' besser nach!“, empfahl Frank Jaeger. „Vielleicht haben sie dich schon angenagt.“

Ben warf ihm einen bösen Blick zu, verkniff sich aber eine saftige Erwiderung, denn ganz in der Nähe prusteten Pferde. Es war keine Täuschung durch den orgelnden Wind. Die Geräusche kamen näher und wurden deutlicher.

„Sollen wir verduften?“, fragte Frank drängend. „In diesem Drecksturm können wir wie Geister untertauchen.“

Hallstrom machte eine Handbewegung, die seine Unentschlossenheit ausdrückte. Er zog sich das Tuch vor den Mund, als neue Sandmengen über ihre Deckung hinweggeweht wurden und zu ihnen herabrieselten.

Angestrengt spähten die drei Zeitreisenden zum Uferweg hinüber, der keine zwanzig Schritte entfernt lag.

Aus den treibenden Sandwolken tauchten die wippenden und nickenden Köpfe kleiner Pferde auf. Die Umrisse von Reitern schälten sich aus dem Dunst.

Gebannt starrten Hallstrom, Frank und Ben den fremdartig aussehenden Reitern entgegen. Sie trugen halbhohe und abgerundete Helme und geschweifte Bogen, an denen die Sehne eingelegt war.

Perser waren es nicht, das erkannten die Zeitreisenden. Hallstrom tippte darauf, dass es Meder waren. Die Meder, für ihre berittenen Bogenschützen bekannt, waren nach der Überlieferung wichtiger Bestandteil des bunt zusammengewürfelten Heeres, mit dem der persische Großkönig Xerxes seinen Eroberungskrieg gegen die griechischen Stadtstaaten geführt hatte.

Die Abteilung zählte neunzehn Mann und ritt gegen den Sandsturm. Sie kam aus der gleichen Richtung, in der die Zeitreisenden im ersten Licht des Tages mit der Zeitkugel gelandet waren.

Hallstrom kämpfte gegen ein ungutes Gefühl an, das Besitz von ihm ergreifen wollte. Bei der Ankunft der Kugel aus dem Zeitgefüge hatte der Wind schon kräftig geblasen und viel Staub aufgewirbelt. Die Sicht war nicht berückend gewesen. Wie aber, wenn sich diese medischen Bogenschützen unbemerkt in der Nähe der Landestelle aufgehalten und alles beobachtet hatten?

Der Professor wünschte sich, dass jetzt die Dreckwolken besonders dicht werden sollten.

Doch die Götter Kleinasiens, oder wer immer hier für das Wetter zuständig war, hatten kein Ohr für seinen frommen Wunsch. Einer der medischen Bogenschützen schaute genau in diesem Moment herüber.

Der Mann schien seinen Augen nicht zu trauen und schirmte das Gesicht mit der Hand gegen den fliegenden Sand ab. Danach stieß er mit seinem geschweiften Bogen seinen Nachbarn auf der rechten Seite an, redete auf ihn ein und zeigte zu den drei kauernden Gestalten herüber.

Unversehens lenkten die beiden ihre Pferde aus dem Reiterverband heraus und kamen misstrauisch herüber. Andere Bogenschützen wurden aufmerksam, hielten aber nicht an. Sie trieben ihre Tiere weiter dem bösartigen Wind entgegen.

Ben Crocker achtete scharf auf jede Bewegung der beiden Meder, deren Interesse sie erregt hatten. Außer den geschweiften Bogen und pfeilgefüllten Köchern konnte er jedoch keine weiteren Waffen ausmachen.

Wenn sie Pfeile auflegen und die Bogen spannen, verpasse ich ihnen eine Vollnarkose, die sich gewaschen hat!, sagte sich Ben und machte unter seinem eingestaubten Umhang die handliche Lähmstrahlwaffe schussbereit.

Seine Vorsichtsmaßnahme erwies sich als überflüssig. Die beiden Meder verhielten ihre Reittiere in zwei Pferdelängen Entfernung und beugten sich etwas vor.

Sie schienen nach Waffen zu suchen. Oder nach den Habseligkeiten dieser drei Reisenden, die zu Fuß unterwegs waren und Schutz vor dem Sandsturm gesucht hatten.

Die drei Zeitreisenden deuteten den abschätzenden und taxierenden Ausdruck in den Augen der beiden Meder richtig. Die Burschen wollten Beute. Es war Krieg, und der Eroberer beanspruchte das Recht, sich alles nehmen zu dürfen, was ihm gefiel.

Bei diesen drei verstaubten Gestalten war nichts zu holen. Die sahen wie arme hellenische Kolonisten aus, die hier an der kleinasiatischen Küste mehr schlecht als recht ihr Auskommen fanden.

Beide Meder grinsten auf eine stolze und sehr überhebliche Art, zogen nach einem letzten forschenden Blick die Pferde herum und ritten ihrem Verband nach, der schon in den Sandwolken untergetaucht war. Das dumpfe Rumoren der unbeschlagenen Hufe und das Klirren von Zaumzeug war aber noch überdeutlich zu hören.

Als die zwei Bogenschützen abdrehten, sahen die Zeitreisenden, dass sie hinter sich Stoffbündel aufgeschnallt hatten und einer eine Ziege aufs Pferd gebunden hatte, der der Hals durchgeschnitten war.

Diese Entdeckung bestärkte die drei Männer in ihrem Verdacht, dass die Meder von einem Plünderungszug zurückkehrten. Sie mussten irgendwo weiter im Süden eine kleine griechische Siedlung überfallen und ausgeraubt haben.

Ganz ohne Zweifel fühlten sie sich auch noch im Recht. Dies hier war Kleinasien, und das Land unterstand dem mächtigen persischen Großkönig Xerxes aus dem Geschlecht der Achämeniden. Nur die Küstenstriche weigerten sich, Tribut an Xerxes zu bezahlen. Es waren genau die Gegenden, in denen sich griechische Kolonisten am Ufer niedergelassen hatten.

Griechenland selber lag weit jenseits des Meeres. Und gegen eben dieses Griechenland, das sich dem Machtanspruch des Perserkönigs widersetzte, galt dieser Kriegszug des Xerxes im Jahre 480 vor der Zeitrechnung.

Bereits der Vater des Xerxes, der Großkönig Darius, hatte zehn Jahre zuvor versucht, Griechenland zu überrennen. Am 12. September des Jahres 490 v. Chr. war sein Heer unter Führung seines Schwiegersohnes Mardonius in der Ebene von Marathon geschlagen worden. Diese Niederlage hatte den Perserkönig gewurmt, und auf dem Totenbett hatte er seinen zweiten Sohn Xerxes zum König bestimmt mit der Bedingung, den Krieg gegen Griechenland fortzuführen und zu einem glücklichen Ende zu bringen. Die Mutter des Xerxes, Königin Atossa, war eine treibende Kraft geworden. Sie wollte wenigstens noch erleben, was ihrem Mann, dem großen Darius, versagt war - ein gewaltiges persisches Reich, das von Kaukasien bis Äthiopien, von Indien bis Griechenland reichte. Dieses Großreich war zustande gekommen - bis auf das fehlende Griechenland. Und um diese Perle auch noch der persischen Herrschaft einzuverleiben, betrieb Xerxes in seinem fünften Regierungsjahr mit Umsicht und Ausdauer die Kriegsvorbereitungen.

Sein Heer war angewiesen, alles zu unternehmen, das Griechenland schadete. Dazu gehörte auch die Verwüstung der griechischen Kolonistensiedlungen hier an der fremden Küste.

Als die beiden medischen Bogenschützen im fliegenden Dreck verschwunden waren, stieß Professor Hallstrom keuchend die Luft aus.

„Mann, Sie haben vielleicht ein Gottvertrauen!“, bemängelte Frank mit einem scheelen Blick auf ihn. „Das grenzt schon an Versuchung des Schicksals! Die beiden Burschen hätten uns wegputzen können wie reife Äpfel!“

„Kleiner Irrtum!“, sagte Ben, nahm die Hand unter dem wollenen Mantelumhang hervor und klopfte gegen den sich abzeichnenden Kolben des Paralyzers. „Ich habe die ganze Zeit nur auf eine unpassende Bewegung dieser beiden Pilger gewartet. Wenigstens hätten wir dann zwei Pferde besessen.“

„Ich glaube nicht, dass uns die anderen Bogenschützen diesen Streich hätten durchgehen lassen“, wandte Hallstrom ein. „Zudem sind wir ausgezogen, diesen Krieg auf beiden Seiten zu studieren. Ich entsinne mich genau, dass wir uns darauf geeinigt haben, als Fußtruppe zu operieren ...“

„Ja, drüben bei den Thermopylen“, unterbrach Ben ihn mit grimmigem Gesicht. Er war kein Freund blasenerzeugender Fußmärsche. „Dass wir uns auch noch den verdammten Übergang des Xerxes über den Hellespont ansehen wollen, das war ganz allein Ihr Einfall, und ich frage mich jetzt, ob der sonderlich gut war.“

„Die Meder haben uns jedenfalls schon mal ungeschoren gelassen“, sagte Hallstrom leichthin. „Und wie Sie wissen, zählen sie zum Heer des Großkönigs.“

Ben trauerte der ungenutzten Chance nach. „Mit einem Pferd unter mir hätte ich mich bereit erklärt, den gesamten Perserkrieg mitzumachen. Aber als trauriger Fußwanderer? Ich sollte mich eigentlich vom Konsortium der Sieben nach den abgeklapperten Kilometern bezahlen lassen.“

„Hin und wieder hast du doch brauchbare Einfälle“, pflichtete Frank seinem Vorschlag bei. „Die Gentlemen haben ja schon manche Suppe eingebrockt, die wir dann auslöffeln durften. Aber eine Kriegsteilnahme als Fußgänger? Das haut den stärksten Griechen von der Mauer!“

Hallstrom sah seinen Plänen Widerstand erwachsen. Bevor Ben und Frank mit handfesten Vorschlägen herausrückten, war es besser, ihren Betätigungsdrang auf nützlichere Objekte zu lenken.

Er erhob sich darum, schüttelte Sand und Blätter von sich ab, raffte das Tuch vor den Mund und zeigte an ihrer schützenden Deckung vorbei nach Norden in den Wind hinein.

„Wir haben noch ein schönes Stück Weg vor uns“, sagte er. „Sehen wir besser zu, dass wir es unter die Sohlen nehmen. Sonst trifft Xerxes am Ende noch vor uns am Hellespont ein.“

Murrend kamen Frank und Ben hoch.

„Es wäre vielleicht gar kein Fehler, den Burschen erst mal seine Wut austoben zu lassen“, knurrte Ben. „Am Ende bekommen wir noch den ganzen Segen ab.“

„Stellen Sie sich nicht an!“, fauchte Hallstrom. „Wir waren uns darüber klar, dass wir diesmal unsere Haut zu Markte tragen.“

„So blöd können ja nur wir sein!“, schimpfte Frank und trottete hinter Ben her, dessen breite Schultern die Wucht des Windes brachen.



2

Weit kamen sie nicht.

Wieder glaubten sie menschliche Stimmen zu hören. Diesmal aber nicht in einer Atempause des Drecksturmes, sondern zusammen mit dem Summen und Orgeln des Windes.

Hallstrom schaltete sofort seinen Sprachtransformer ein. Es war ein wahres Glück, dass das hochkomplizierte Gerät absolut dicht war und notfalls auch unter Wasser gearbeitet hätte. Der salzige Staub setzte sich zwar auf dem kleinen Gehäuse ab, aber er drang nicht ein.

Gebannt lauschte Hallstrom auf das Schnarren seines Übersetzungsgerätes.

„Und?“, fragte Frank, der seinen Translator gar nicht aktiviert hatte. „Was spricht der schlaue Kasten?“

Kasten war maßlos übertrieben. Der Translator war halb so groß wie eine der altertümlichen Streichholzschachteln, die es noch ein Jahrzehnt vor der Primärzeit der Zeitreisenden gegeben hatte.

Hallstrom machte ein zerknirschtes Gesicht.

„Zu undeutlich“, murmelte er. „Er fängt es nicht auf.“

Ben schaute Hallstrom mit geradezu boshafter Schadenfreude an und sagte: „Haben Sie sich eigentlich schon mal überlegt, was passiert, wenn wir mit unseren Translatoren auf die vielen Völkerschaften des Xerxes treffen? Ich wette, da werden mindestens ein Dutzend Sprachen gesprochen. Die Leute werden uns entweder für gerissene Halunken halten oder für feindliche Späher, wenn wir uns in jeder vorkommenden Sprache fließend unterhalten.“

Grimmig erwiderte Hallstrom: „Sie sind weit davon entfernt, einmal zu den Geistesgrößen gezählt zu werden, Ben. Ganz einfach - wir hören nur zu und sagen nichts. Wer kann uns beweisen, dass wir die Leute verstehen? Wir sind Griechen, arme Kolonisten, wie unsere Kleidung verrät. Es gab nämlich eine Menge dieser Leute, die dem Xerxes zugelaufen sind, weil sie sich ordentliche Beute versprochen haben. Demnach gibt es im Heer auch genügend Griechen, Überläufer sozusagen. Und nur mit denen unterhalten wir uns.“

„Hoffentlich vergessen Sie’s nicht“, sagte Ben trocken.

Frank war inzwischen ein paar Schritte vorausgegangen. Er drehte sich um.

„Das kommt nicht vom Weg, sondern vom Ufer da unten. Hört sich fast an, als sei es Altgriechisch“, sagte er.

Hallstrom zögerte überhaupt nicht. „Sehen wir nach“, bestimmte er.

Sie entfernten sich immer mehr vom miserablen Uferweg und kletterten durch die Küstenhügel.

Das Donnern und Rauschen der Brandung rückte näher. Tatsächlich wurden auch die Stimmen deutlicher.

Diesmal sprach Hallstroms Gerät an, als er es einschaltete.

Er hörte Frauen und Kinder weinen. Holz splitterte, Eisen klirrte, es knallte, als würde eine Peitsche geschlagen, und dann war das Keuchen von kämpfenden Männern zu hören.

Auch Frank hatte mittlerweile seinen Sprachtransformer eingeschaltet und lauschte verwundert den vielfältigen Geräuschen, mit denen er nichts anzufangen wusste.

Einzig Ben hatte einen bösen Verdacht, und darum wartete er nicht erst ab, was die Translatoren übersetzen würden, sondern stiefelte los und rollte dabei die Schultern, als wollte er sich für eine gediegene Auseinandersetzung fit machen.

„Fangen Sie nichts an!“, verlangte Hallstrom, der die typischen Schulterbewegungen gesehen hatte. Er sauste hinter Beil her und verfluchte den Flugsand, der ihm die Sicht verwehrte.

Frank setzte sich eilig in Marsch, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Die Hügel senkten sich nach links hin ab. Glatt gespülte Felsen wurden sichtbar - und dahinter schemenhaft ein flacher Strand mit einer mächtigen Brandung.

Schaumige Wellen liefen weit, aufs Land und rauschten da und dort um verstreute Felsbrocken.

Die drei Zeitreisenden bewegten sich sofort vorsichtiger, als sie voraus dunkle Bootskörper ausmachen konnten. Von dort kamen die vielfältigen Geräusche, die ihnen den Weg gewiesen hatten.

Ben erspähte eine Art Felsbarriere. Er duckte sich etwas und lief darauf zu.

Die Felsen waren mannshoch. Er musste daran hochklettern, um einen Blick über das Hindernis werfen zu können.

Sand und Gischt peitschten ihm ins Gesicht. Der salzige Wasserstaub brannte in seinen Augen wie Pfeffer.

Ben verbiss den Schmerz und bemühte sich zu erkennen, was bei den Schiffen vorging.

Neben ihm kletterte Hallstrom an der Barriere hoch, und Frank fand sich auch ein.

„Das ... das sind persische Langschiffe!“, keuchte der Professor und krallte die Finger ins nasse Gestein, weil er den Halt zu verlieren drohte. „Sieht aus, als wären sie gestrandet!“

„Verdammt, wie kommen Frauen und Kinder auf die Schiffe?“, wollte Ben wissen. Die Sicht war miserabel. Er war auf Vermutungen angewiesen.

Frank, der sich schon wiederholt als falkenäugiger Mann hervorgetan hatte, schirmte die Augen mit der flachen Hand gegen die heranfliegenden Gischtfetzen ab.

Langsam gewann er einen Überblick.

„Die Schiffe sind nicht gestrandet“, verkündete er. „Sie sind nur sehr weit aufs Ufer gezogen und kommen bei diesem Sturm und dem Wellengang nicht los! Oha, da hinten am zweiten Schiff wird gekämpft! Ich kann aber nicht erkennen, wer sich mit wem in der Wolle hat.“

„Mensch, streng dich an!“, verlangte Ben. „Wo sind die Frauen und Kinder?“

Hallstrom betrachtete seine beiden Ingenieure und sich selber nicht als Eingreifreserve. Und da er so gut wie nichts sehen konnte, konzentrierte er sich voll auf seinen Sprachtransformer.

Nach einer Weile begann er zu fluchen, und das in einer Art, die seine beiden Mitarbeiter in höchstes Erstaunen versetzte.

„Der Teufel soll diese Hundesöhne pfundweise holen!“, wünschte der Professor. „Wenn ich richtig verstanden habe, sind griechische Kolonisten auf den Schiffen. Bürger aus Halikarnassos, die vor dem heranflutenden Perserheer flüchten wollten. Sie sind einer Vorausabteilung des Xerxes in die Hände gefallen und wurden bereits auf diese Schiffe verladen, um zu verschiedenen Sklavenmärkten verfrachtet zu werden. Man hat Männer und Frauen getrennt, die griechischen Männer scheinen aber gerade den Versuch zu unternehmen, die persischen Schiffsbesatzungen und Wächter niederzukämpfen, um dem Sklavenlos zu entgehen.“

„Halikarnassos?“, sagte Ben und legte die Stirn in nachdenkliche Falten. „Kommt aus dieser Stadt nicht der berühmte Weltreisende Herodot?“

„Schon, aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt dürfte Herodot vier oder zehn Jahre alt sein“, sagte Hallstrom.

„So genau weiß man das nicht. Und bei den Leuten da vorne befindet er sich bestimmt nicht. Das hätte er später in seinen Schriften erwähnt.“

„Verdammt, befinden wir uns hier auf einer Jahrestagung verkalkter Wissenschaftler oder am Ufer des Hellespont auf kleinasiatischer Seite?“, bellte Frank wütend. „Ihr redet, und da vorne wollen die Perser ein paar Schiffsladungen voller Menschen zu Sklaven machen. Das sehe ich mir nicht länger untätig mit an.“ Er zog sich auf die Barriere, bevor Hallstrom Einwände machen konnte, und sprang auf der anderen Seite hinab. Genau in eine auflaufende Gischtwoge hinein.

Die Wucht des schäumenden Wassers war so enorm, dass es ihn gegen die Felsbarriere zurückschleuderte, zu Fall brachte und ein Stück den Strand hinaufspülte.

Bevor die zurücklaufenden Wasser ihn jedoch ins Meer reißen konnten, schnellte sich Ben kraftvoll über das Felsenhindernis und bekam ihn noch am rechten Fuß zu packen.

Die Wasser liefen ab und schwemmten Kuhlen um Bens Füße und Franks Körper frei.

„Junge, mach nie wieder solche Witze!“, sagte Ben besorgt und stellte den hustenden Frank auf die Beine. „Es war nie die Rede davon, dass du dich hier ersäufen sollst. Hast du viel geschluckt? Ich stelle dich auf den Kopf, dann läuft die Brühe ...“

„Es geht schon wieder“, sagte Frank keuchend und würgend und spuckte Salzwasser mit Sand aus.

Hinter ihnen kam Professor Hallstrom wie ein überdimensionaler Meereskrebs über die Barriere gekrochen. Er hangelte sich an dem Hindernis herunter und sprang in den nassen Sand, in dem er sofort bis über die Knöchel einsank.

„Künftig hören Sie auf mich, verstanden?“, knurrte er wütend und besorgt zugleich. „Keiner versucht noch mal einen Alleingang! Das ist ein Befehl!“

Er befreite die Füße aus dem Sand und schaute auf die nächste Welle, die den Strand heraufkam. Sie war nicht so gewaltig wie die vorangegangene. Immerhin durchnässte sie aber ihn und Ben noch bis zu den Hüften.

Und Frank war ohnehin schon aufgeweicht bis auf die Knochen. Da kam es nicht mehr so genau darauf an.

Die drei Zeitreisenden überzeugten sich davon, dass ihnen das Wasser keines ihrer Geräte entführt hatte, und eilten dann gegen den heftigen Wind den persischen Langschiffen zu.

Aus der Nähe konnten sie erkennen, dass die gefangenen griechischen Kolonisten hier verladen worden waren. Hausrat, der zurückbleiben sollte, lag hoch auf dem Strand.

Ohne Zweifel hatte das aufgewühlte Meer die Abfahrt der Schiffe verzögert und die langen Wasserfahrzeuge tief in den Sand gedrückt. Diese Chance schienen die griechischen Männer genutzt zu haben.

Beim zweiten und dritten Schiff war das Handgemenge in vollem Gange. Für die Griechen sah die Lage aber gar nicht rosig aus. Von den anderen beiden Schiffen eilten fremdartig aussehende Männer herbei, um den Aufstand niederzuschlagen.

Die Griechen hatten aber bereits die Masten der Schiffe gekappt, mit denen sie verschleppt werden sollten. So bald würden diese beiden Schiffe nicht davonsegeln können.

Auf dem ersten Schiff wimmelten Frauen und Kinder durcheinander und blickten hinüber zu den Kämpfenden.

„Sollen wir wirklich in aller Gemütsruhe zusehen, wie die Sache ausgeht?“, fragte Ben zornig den Professor.

Diesmal redete Hallstrom nicht. Er handelte, und das ganz gegen seine sonstige Gewohnheit. Er fürchtete sich davor, bei Aufenthalten in der Vergangenheit in irgendwelche Abläufe einzugreifen. Das konnte für ganze Menschengruppen unübersehbare Folgen haben.

Aber einfach zusehen, wie wehrlose Frauen und Kinder zu persischen Sklavenmärkten verschifft wurden, das mochte er auch nicht.

Er zog seinen Paralyzer, richtete die Waffe und stapfte mutig und mit vorgerecktem Kinn dem Kampfplatz zu.

Die griechischen Männer sahen sich jetzt einer Übermacht gegenüber, die ihnen keine Chance zu lassen schien. Bogenschützen waren plötzlich da und Speerwerfer, die vom Strand aus in die dichtgedrängte Masse auf den beiden Decks feuerten.

Auf den Schiffen wurden Beile geschwungen. Hallende Schläge kamen mit dem Wind heran. Die Zeitreisenden sahen, dass die Griechen die Deckverkleidungen zerschlugen und Holzteile hochrissen, um sich damit gegen Pfeile und Speere zu schützen.

Die Schiffsbesatzungen und Wachmannschaften schienen aus Persern und Medern zu bestehen.

Hallstrom sah bei den Bogenschützen wieder die langen, oben abgerundeten Helme. Das schien der typische Kopfschutz der Meder zu sein. Andere Bewaffnete besaßen sehr spitze Helme, und die Männer waren auch ziemlich kostbar ausgestattet und besaßen gute Waffen. Das mussten persische Kerntruppen sein.

Die Leute des Xerxes erkannten nach wenigen Augenblicken, dass sie hier nur ihre Wurf und Schleudergeschosse vergeudeten. Die losgeschlagenen Holzteile fingen mühelos Pfeile und Speere auf.

Ein fetter Bursche, dem der Bauch unter dem Lederwams heraushing, schien einen glücklichen Einfall zu haben. Er brüllte seinen Kriegern etwas zu, und sofort rotteten sich Meder und Perser zusammen und stapften auf das erste Schiff los, auf dem sich die Frauen und Kinder der Kolonisten befanden.

„Sie bemächtigen sich der wehrlosen Gefangenen!“, keuchte Hallstrom, der auf die Worte aus seinem Translator gelauscht hatte. „Sie wollen damit die Männer zur Aufgabe zwingen!“

„Dann“, meinte Ben Crocker mit entnervender Ruhe, „stehen wir ja genau am richtigen Platz.“ Er zog unter seinem wollenen Mantelumhang den Paralyzer hervor und schlug ihn auf die Soldaten des Xerxes an.

Hallstrom und Frank folgten seinem Beispiel und eröffneten das lautlose Feuer auf die Krieger und Schiffsleute.

Es traf die Meder und Perser wie der Blitz aus dem Unbekannten. Möglicherweise hatten die Männer noch nicht einmal die drei heraneilenden Gestalten richtig erkannt.

Ben gab dem fettbauchigen Kerl eine doppelte Ladung, der an der Spitze der Krieger herankam. Das würde den Burschen für viele Stunden aus dem Verkehr ziehen.

Danach räumte er unter den nachfolgenden Soldaten auf. Es ging blitzschnell, da ihn Hallstrom und Frank kräftig unterstützten.

Die beim zweiten und dritten Schiff verbliebenen Mannschaften merkten erst etwas, als über fünfzig Soldaten im nassen Sand lagen.

Hallstrom baute auf den Schrecken, den das lautlose Umsinken der Krieger hervorrufen musste.

Aber nicht umsonst galt das Heer des Xerxes als unüberwindlich. Statt davonzulaufen, formierten sich die übrig gebliebenen Männer, spannten die Bogen, hoben die Speere und rückten mutig näher.

Als Frank zwei Pfeile unangenehm dicht am Kopf vorbeizischten, eröffnete er auf die größere Distanz das Feuer und legte zwei Reihen Soldaten in den Sand.

Nach kaum einer Minute war es vorbei. Und wie es aussah, war nicht einer der Meder und Perser entkommen.

Hallstrom steckte seinen Paralyzer ein, lief auf die Schiffe zu und fuchtelte aufgeregt mit den Armen.

Die verängstigten Frauen und Kinder auf dem ersten Langschiff schauten ihn wie einen bösen Geist an, der unversehens Tod und Verderben ausgestreut hatte. Sie wichen zurück und drängten sich zum vorderen Teil des Decks, weil sie annehmen mussten, er würde seine Kraft nun auch an ihnen ausprobieren.

Und die Männer auf dem zweiten und dritten Schiff deckten sich mit den Holztrümmern. Nur einer schwang mutig eine zweischneidige Axt um seinen Kopf und machte Anstalten, das Ding nach Hallstrom zu schleudern.

Ben gab einen gezielten Schuss auf den voreiligen Griechen ab, der genauso wenig wie die anderen begriffen hatte, dass ihnen geholfen worden war.

„Legt ab und seht zu, dass ihr mit diesen Schiffen irgendwie über das Meer entkommt!“, rief Hallstrom.

Sein Translator produzierte ein Mischmasch aus Persisch und Griechisch. Immerhin schienen aber zwei Männer ein paar Brocken verstanden zu haben.

„Bei allen Göttern der Heimat, wer seid ihr?“, rief einer und senkte seine hölzerne Schutzwehr.

Hallstrom hoffte, dass der Sprachtransformer sich selbsttätig einstellte, und rief zurück: „Es würde zu lange dauern, euch das zu erklären. Nutzt die Gunst des Augenblicks, bemächtigt euch der Schiffe und segelt davon, mag der Sturm noch so sehr toben. Beeilt euch, denn schon bald werden neue Truppen hier sein!“

Die Aussicht, im Angesicht der Freiheit vielleicht doch wieder gefangen genommen zu werden, beseitigte alle Bedenken der Männer. Sie schauten zwar misstrauisch her, aber als sie merkten, dass die drei Fremden ihre gewaltigen unbekannten Kräfte nicht auf sie anwendeten, warfen sie ihre Holztrümmer weg, sprangen an Land und fielen über die hingestreckten Meder und Perser her, um ihnen die Waffen abzunehmen.

Wenige Minuten später waren sie schon damit beschäftigt, das erste und vierte Langschiff flottzumachen. Ein Teil der Kolonisten ging an Bord und zog am Mast das viereckige Segel zur Hälfte auf, der andere bemühte sich, in der kochenden Brandung die Langschiffe vom Strand zu schieben.

Es war ein schwieriges Unterfangen, weil der heftige Wind gegen die Schiffskörper drückte und die rollenden Wellen für unerwünschten Gegenschub sorgten.

Aber irgendwie schafften sie es doch, und mit knapper Not gelang es den Letzten der Männer, sich an den Bordwänden hochzuziehen. An dieser Küste wollte keiner zurückbleiben.

Hart unter Land schoben sich die beiden vollgepackten Langschiffe entlang. Sechs Mann stemmten sich gegen das Steuerruder. Den drei Zeitreisenden kam es wie eine Ewigkeit vor, bis die Schiffe endlich freikamen und den Bug aufs aufgewühlte Meer richteten.

Mächtig blähten sich die Segel, die zögernd hinaufgezogen wurden. Unglaublich schnell gewannen danach die Schiffe Fahrt und entschwanden in den Sand und Dreckwolken, die weit aufs Meer hinausgetragen wurden.

Ben steckte den Paralyzer ein.

„Bedanken hätten sie sich wenigstens können“, sagte er.

„Die haben uns sicher für Abgesandte der Unterwelt gehalten“, vermutete Frank. „Ich wette, denen steckt der Schreck in einer Woche noch in den Knochen.“

Hallstrom putzte sich auf altbewährte Weise die Nase. „Denen hier aber auch“, meinte er und machte eine umfassende Bewegung zu den Medern und Persern hin. „Wir können nur hoffen, dass sich keiner von den Burschen allzu deutlich an uns erinnert. Wir könnten sonst sehr bewegten Zeiten entgegensehen.“

„Das tun wir auch so“, meinte Ben trübe. „Nicht einmal Pferde haben die Burschen. Ich sehe schon, ich muss weiterhin meine Füße bemühen.“



3

Der verdammte Wind legte sich erst am frühen Nachmittag.

Aus der Luft rieselte der Dreck herunter, und nach einer Stunde war die Sicht so gut, dass die drei Zeitreisenden von den Uferhügeln aus das andere Ufer des Hellespont sehen konnten - das europäische Ufer, wo Griechenland begann.

„Mann, das ist ja nur ein paar Steinwürfe entfernt!“, sagte Ben andächtig. „Ich verspüre nicht übel Lust, mal rüberzuschwimmen. Dann kann ich den Salzdreck abspülen, oder die Flöhe ersaufen feierlich.“

„Das werden Sie bleiben lassen!“, sagte Hallstrom scharf, weil er wusste, dass Ben seine verrückten Aussprüche oft genug in die Tat umsetzte. „Erstens gibt es hier unvorstellbare Strömungen. Und zweitens sind nach einem solchen Sturm die Haie ganz besonders verstört und angriffslustig.“

Ben kratzte sich am Kinn und schaute auf das unruhige Meer hinaus, das in der Meerenge brodelte und schäumte. Die typischen Rückenflossen der Haie konnte er nirgends entdecken. Aber das wollte nicht viel besagen. Vielleicht war es den Biestern an der Oberfläche zu unruhig, und sie warteten in tieferem Wasser, bis ihnen eine Beute vor das gefräßige Maul schwamm.

Dafür entdeckte er etwas anderes - Treibholz und Schiffstrümmer.

Das Zeug kam mit beträchtlicher Geschwindigkeit aus dem Norden und wurde durch den Hellespont gespült. Demnach herrschte jetzt eine starke Nordsüdströmung.

Auch Hallstrom und Frank erspähten nun die Trümmer.

Der Professor entwickelte eine lästige Betriebsamkeit, denn er spornte Ben und Frank an, schleunigst mit ihm weiterzugehen, statt jetzt die wohlverdiente Rast zu machen.

„Das sind bestimmt Trümmer von der Schiffsbrücke, die die Vorausabteilungen des Xerxes über die Meerenge schlagen mussten“, sagte Hallstrom.

„Mein lieber Mann!“, sagte Ben nachdenklich und schaute auf die zahlreicher werdenden Trümmer. „Dann ist von der Brücke aber bestimmt nicht mehr viel vorhanden.“ Hallstrom nickte emsig. „Der Sturm hat sie zerpflückt, und ich möchte mir das ansehen. Also vorwärts!“

Er trieb seine beiden Mitarbeiter wieder an.

Nach einer Weile sagte Ben, dessen Füße wie Feuer brannten: „Ich wüsste bereits einen prima Job für Sie!“

„So?“, machte Hallstrom skeptisch.

„Werden Sie Sklaventreiber bei Xerxes!“, riet Ben herzlos. „Der Mann wird seine helle Freude an Ihnen haben.“

Hallstrom machte ein beleidigtes Gesicht und schritt noch schneller aus. Überall hatte sich Sand abgelagert, in dem die Füße versanken.

Das Vorankommen war recht mühsam. Aber am späten Nachmittag sahen die Zeitreisenden endlich vom letzten Hügel aus die berühmte Schiffsbrücke. Oder das, was der Sturm von ihr übrig gelassen hatte.

Es lohnte kaum noch, die paar restlichen Schiffe zu zählen.

Drüben am europäischen Ufer lagen noch ein paar Langschiffe, und auf der kleinasiatischen Seite zeugten auf dem Strand liegende Wracks, dass der Sturm hier böse gehaust hatte.

Die Meerenge maß hier höchstens einen Kilometer. Es war die schmälste Stelle des Hellespont. Und genau hier hatten die Baumeister des Xerxes die schwimmende Brücke hingesetzt, die jetzt verschwunden war.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738908275
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Februar)
Schlagworte
timetravel band leonidas verrat ehre

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Titel: Timetravel Band #33: Leonidas - Verrat und Ehre